Donnerstag, 26. Oktober 2006
Bundesliga
Die Mechanismen der Branche
Dortmund und Schalke scheiden im DFB-Pokal aus; nun leben und arbeiten die Trainer des Bundesliga-Siebten und Bundesliga-Zweiten im ungewissen
Die Niederlagen Dortmunds und Schalkes im DFB-Pokal haben zur Folge, daß den Trainern Bert van Marwijk und Mirko Slomka das Wasser bis zum Hals zu stehen scheint. Was anderes sollte man von Fußballdeutschland erwarten? Können Fernsehjournalisten andere Fragen stellen, als die nach der Zukunft des Trainers? Gegenüber Slomka ist das unfair, denn zu dem tollen Spiel in Köln haben seine (am Ende) zehn Schalker ihren großen Teil beigetragen. Roland Zorn (FAZ) schnalzt mit der Zunge: „Sollte irgendwann ein Werbefilm zur Illustration des besonderen Reizes von Pokalspielen in Auftrag gegeben werden, wäre der Rückgriff auf bewegte Szenen aus dem Pokalkampf zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Schalke 04 dringend zu empfehlen. Wieder einmal war ebendas passiert, was den Pokal oft genug sehens- und staunenswert macht: Von einem Klassenunterschied konnte keine Rede mehr sein, die Alles-oder-nichts-Situation zauberte eine Auseinandersetzung von seltener Leidenschaft herbei.“ Volk ohne Raumdeckung sieht das genauso: „Die Schalker Niederlage war so würdig, daß sogar der CdüK (Chor der üblichen Kritiker) ganz still ist. Schalke hat toll gespielt.“
Zorn ist aber entgeistert von dem, was die Branche „die Mechanismen der Branche“ nennt: „Danach war wieder Alltag, wurden den Verlierern aufs neue die Fragen gestellt, die so gar nicht zu passen schienen: Geht es weiter mit Slomka? Was nun nach der ‚Blamage‘ von Köln? In Wirklichkeit hatten sich die Westfalen gar nicht blamiert, sondern, solange die Kräfte in Unterzahl reichten, gefightet. Es spricht für die Schalker Vorständler, daß sie sich seit Wochen gegen den immer wieder spürbaren Wunsch des Boulevards stemmen, den jungen Trainer Mirko Slomka durch den Starcoach Christoph Daum zu ersetzen. Nur zur Erinnerung: Momentan ist Schalke in der Bundesliga Zweiter, punktgleich mit dem umjubelten Tabellenführer Werder Bremen. Wo ist da der Ansatz, alles in Frage zu stellen?“ Für Bild ist eine Niederlage eine Niederlage, sie zählt in der Tat Slomka an (außerdem heute in Bild: viele nackte Weiber und telefonische Bumskontakte).
Prinzip Faulheit
In Dortmund sieht die Lage anders aus, Zweifel am Trainer dringen dort aus dem Vereinsinneren ans Tageslicht. Freddie Röckenhaus (SZ), ein exzellenter Dortmund-Kenner, schreibt heute zwei Texte über van Marwijks Lage, aus denen Unentschlossenheit spricht. Zum einen erneuert er einen Vorwurf, der eigentlich ungeheuerlich ist: „Bert van Marwijk, der Vorzeigetrainer, gab in der Regel mittwochs trainingsfrei, um noch häufiger ins heimische Holland pendeln zu können. Wer könnte Spielern da übelnehmen, daß auch sie sich gedanklich immer weiter entfernten?“ Zudem habe sich seine Liebe zum BVB-Nachwuchs, für den man ihn in der letzten Saison huldigte, als kurzlebig erwiesen: „Was all die 17-, 18-Jährigen anging: Van Marwijk forderte von seinen Bossen beim BVB ganz schnell eine Reihe gestandener Stars. Für die Weiterentwicklung der Teenies hätte man wesentlich mehr Zeit und Aufwand investieren müssen. Und alles, was von der holländischen Supertaktik des 4-3-3 abweicht, ist auch nicht unbedingt van Marwijks Sache.“
Röckenhaus schließt ein Happy-End aus: „Dortmunds Chefetage hat diesem Prinzip Faulheit lange zugeschaut. Sie wird nun verdientermaßen die Sache auslöffeln müssen: Entweder mit van Marwijk bis zum Saisonende weiterwurschteln und dabei noch mehr Fans mit Gruselfußball aus dem Stadion treiben. Oder mit irgendeinem Mann aus der B-Kategorie die Saison zu Ende spielen. Beides wird vermutlich zum selben Ergebnis führen: Es wird den Fans der Borussia stinken. (…) Der Zuschauer weiß, alle Beteiligten ahnen: Es wird kein gutes Ende mehr nehmen. Die Dinge werden wohl über ihn kommen, scheinbar unabwendbar, wie im klassischen Drama.“
Zum andern verweist Röckenhaus auf den Verdienst des Trainers: „Was hat Bert van Marwijk eigentlich verbrochen? Bei den Spielern sammelte er zunächst Pluspunkte, als er im Sommer 2004 von Feyenoord Rotterdam kam. Im Vergleich zum öden Training bei Matthias Sammer kam van Marwijks Stil gut an. Immerhin gelang es dem Holländer in den beiden wirtschaftlich schwierigsten Jahren der Borussia, den Klub auf einem gehobenen Mittelplatz zu halten.“ Er gibt jedoch zu bedenken: „Inzwischen allerdings hat van Marwijk die Mannschaft offenbar gespalten.“ Auch Felix Meininghaus (FTD) stellt den Status- und Sympathieverlust van Marwijks fest: „Seit sich der Sanierungsfall Borussia Dortmund in sicherem Fahrwasser befindet und sich das Interesse der Öffentlichkeit wieder auf sportliche Ambitionen fokussiert, hat van Marwijks Reputation merklich gelitten. Die von ihm betreute Mannschaft spielt schlecht, und die verpflichteten Spieler sind bislang alle hinter den Erwartungen geblieben. Die Unruhe wird weiter geschürt, indem mehr übereinander geredet als miteinander gearbeitet wird.“
Man will wieder zu den Großen gehören
Wolfgang Hettfleisch (FR) schaut auf Dortmunds Tabellenplatz (7.), der alles andere als eine Schande ist, wundert sich über das Mißtrauen und rät zu Bescheidenheit: „Wahlweise wird angeführt, er nehme die Profis nicht hart genug ran, oder aber, er ziehe einige Spieler anderen vor. Solche Geschichten tauchen immer dort auf, wo verschiedene Klubinstanzen ihr eigenes Süppchen kochen. Und das ist allemal alarmierender als die sportliche Lage der Borussia. Offenkundig tut sich mancher beim BVB schwer mit der neuen Bescheidenheit, die einzog, nachdem die an Ruhm und Titeln reiche Ära Niebaum mit einer finanziellen Notlandung geendet hatte. Als die Dortmunder in diesem Sommer auf dem Transfermarkt ihre im Jahr zuvor geübte Zurückhaltung ein wenig abgelegt hatten, wuchsen die Erwartungen überproportional. Man will wieder mitmischen, zu den Großen gehören. Die atmosphärischen Störungen im schwarz-gelben Mikrokosmos sind auch eine Art Niebaumscher Phantomschmerz. Damit kann der stocknüchterne van Marwijk nichts anfangen. Und genau das läßt befürchten, daß er das erste Opfer sein wird, wenn beim BVB wieder jene die Oberhand gewinnen, die auf den schnellen Erfolg setzen.“
Richard Leipold (FAZ) hingegen führt die farblosen Leistungen der Dortmunder Elf ins Feld: „Der Fußball, den Dortmund bietet, ist, trotz beachtlicher Investitionen in neues Personal, schon länger frei von Höhepunkten. Falls van Marwijk das richtige Konzept hat, vermögen die Spieler es derzeit nicht in die Tat umzusetzen, ob nun Unvermögen der Grund ist oder mangelnde Gefolgschaft, wie sie Teilen der Mannschaft von Insidern unterstellt wird. Auch deshalb ist die Lage des Trainers Lage so heikel.“
Welt: Neue Argumente gegen Slomka und van Marwijk
BLZ: Sport an Bord – tägliche Gratis-Zeitung für Lufthansa-Passagiere
Mittwoch, 25. Oktober 2006
Ball und Buchstabe
Tatkraft und Entschlossenheit geheuchelt
Lizas Welt, ein Blog für Politik und Fußball, kritisiert das Urteil im Altglienicke-Prozeß: „Das Urteil des Berliner Sportgerichts macht deutlich, daß die ganzen Kampagnen des DFB und seiner Regional- und Landesverbände gegen die vor allem im Amateurfußball immer zahlreicher und schlimmer werdenden Ausschreitungen von Neonazis nicht mehr sind als hilf- und wirkungslose Appelle, die niemandem wehtun und deren Ernsthaftigkeit daher in Frage gestellt werden muß. An einer Einzelperson wie einem Schiedsrichter ein Exempel zu statuieren, ist nicht schwer und heuchelt Tatkraft und Entschlossenheit, wo es zuvörderst darum geht, sich selbst aus der Schußlinie zu bringen. Denn wenn ein Verein, dessen Zuschauer so lange antisemitische Parolen dreschen dürfen, bis die gegnerische Mannschaft vom Platz geht, dessen Spieler und Verantwortliche sich ausdauernd taub stellen und noch nicht einmal hinterher ein Wort des Bedauerns finden, von nachhaltigen und einschneidenden Maßnahmen verschont bleibt, wird das wohl kaum dazu führen, daß sich Szenen wie in Altglienicke künftig nicht wiederholen. Sprüche wie ‚Synagogen müssen brennen‘, ‚Dies ist kein Judenstaat, dies ist keine deutsche Judenrepublik‘ oder ‚Vergast die Juden!‘ erscheinen 61 Jahre nach Auschwitz als reines Kavaliersdelikt. Kaum zu glauben.“
Jungle World: Bericht über die Verhandlung des Sportgerichts
Am Grünen Tisch
Eine Satzung von einem Alleinherrscher für einen Alleinherrscher
Wirrwarr bei 1860 München, eine nicht beschlußfähige Delegiertenversammlung, Spott in der Presse, peinlich berührte Vorstandsmitglieder – der Klub trage schwer an der Altlast Wildmoser, stellt Gerald Kleffmann (SZ) mit Blick in die Vereinsparagraphen fest: „Viel war in den vergangenen Jahren von der Hinterlassenschaft des ehemaligen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser die Rede, die es aufzuarbeiten gelte. Selten wurde diese Notwendigkeit so deutlich wie jetzt, da der Klub schlagzeilenträchtig und täglich mit Begriffen wie Kasperletheater und Schmierenkomödie assoziiert wird. Wildmoser schuf sich eine Vereinssatzung, in der Delegierte zu Abnickern degradiert waren und Opposition ein Fremdwort blieb. Es war eine Satzung, gemacht von einem Alleinherrscher für einen Alleinherrscher, sie besteht im exakten Wortlaut noch immer, das ist das Schlimme. Der Verein will demokratischer, transparenter werden, aber er hat gar nicht die Chance dazu, weil er die innere Struktur dafür nicht hat.“
SZ: Münchner Chaostage – 1860 taumelt mal wieder vereinspolitisch; es hagelt Vorwürfe und Anschuldigungen, mittlerweile traten die ersten Amtsträger zurück
Alt gegen Jung
Roland Zorn (FAZ) hält uns über den Zwischenstand im Wahlkampf um den Uefa-Vorsitz auf dem laufenden: „Da sich die Programme der beiden nicht grundlegend unterscheiden, wird es am Ende um die beiden Persönlichkeiten und die uralte Generationsfrage gehen, wann jemand zu alt sei, um weiter zu regieren, und wann alt genug, um endlich die Macht übertragen zu bekommen. Lennart Johansson genießt Vertrauensschutz, Michel Platini weckt Hoffnungen. 1998 glaubte Lennart Johansson vorschnell, wie von selbst Nachfolger von João Havelange als Fifa-Präsident zu werden – und verlor gegen den agileren Fifa-Generalsekretär Blatter. Platini gilt manchem als Wiedergänger Blatters. Ebendeshalb ist Johansson diesmal gewarnt. Doch auch damit ist seine Wiederwahl noch lange nicht gewonnen. “
Ohne Beweise
Andreas Schröder (Stuttgarter Zeitung) stemmt sich gegen den Willen der Bundesländer, am Glücksspielmonopol des Staates festzuhalten: „Die Politik zeigt in Sachen Glücksspielmonopol eine Entschlossenheit, wie man sie sich auf anderen Feldern, zum Beispiel der Gesundheitspolitik, wünscht. Seit im März das Bundesverfassungsgericht das Monopol bestätigt hat, entwickeln die Länder vielfältige Aktivitäten, um private Anbieter zu verdrängen. Ein liberalisierter Markt führe zu Wildwuchs, ziehe das organisierte Verbrechen an und fördere die Spielsucht, argumentiert der Staat. Die Beweise ist er bisher schuldig geblieben. Klar ist, daß es um Milliardeneinnahmen geht, die die Länder nicht länger mit den Privaten teilen wollen. (…) Auf ewig ist das Monopol nicht zu retten, für dessen Ende könnte schon die EU sorgen, die das deutsche Recht für nicht vereinbar mit dem EU-Recht hält. Der Staat sollte das Heft in der Hand behalten und den Wettmarkt in regulierten Bahnen öffnen.“
Tsp: Ein Klub spart sich nach oben – wenig Geld, viele Ideen: Die Stuttgarter Kickers erleben einen Aufschwung
BLZ: Die Unione Sportiva Palermo bürgt für spektakulären Fußball und ist Tabellenführer der Serie A
NZZ: Zur wenig hoffnungsvollen Lage der Major League Soccer und des Fußballs in den USA
Dienstag, 24. Oktober 2006
Internationaler Fußball
System Capello
Unterschiedliche Bewertungen der deutschen Presse über das 0:2 Barcelonas bei Real Madrid: Javier Cáceres (SZ) erkennt den Ronaldinho der alten Saison nicht wieder, nur den Ronaldinho der WM und den Party-Ronaldinho: „Ronaldinho zeigte wie schon in vorangegangenen Wochen eher nichts. Und daß es an Spaniens Kiosken nur ein Blatt gab, in dem Ronaldinho Höchstleistungen bescheinigt wurden, gilt Barça-Fans eher als beunruhigend, denn bei dem Organ handelte sich um das auf nackte Tatsachen fokussierte Magazin Interviú, und bei der Autorin der Expertise um Carla Romina – ein höchstens mit Perlenkette und schwarzer Miederware geschmücktes Model. Daß sie von Bestleistungen zwischen Laken schwärmt (‚10 von 10 Punkte‘), mag einen realen Hintergrund haben oder nicht – entscheidend ist, daß es im Grunde nur ein weiterer Ausläufer der Diskussion ist, die schon während der WM tobte. Wie damals wirkte er auch in Madrid um die Überraschungsmomente beraubt, die ihn zum besten Spieler der Welt gemacht und in die Position gebracht hatten.“
Ralf Itzel (taz) hingegen schreibt: „Barcelona bleibt auch in schwierigen Zeiten seinem Offensivstil treu. Ein Tick weniger Erfolgshunger und eine Portion Müdigkeit sind auszumachen, aber der Kader ist jung, ausgeglichen und hochwertig.“ Paul Ingendaay (FAZ) registriert einen Tonartwechsel bei Real: „Madrid ist längst nicht mehr in der Lage, einen starken Gegner mit spielerischen Mitteln zu beherrschen, und manchmal gerät das Team sogar arg in Nöte. Immerhin wirkt die Abwehr von Woche zu Woche kompakter. Das System Capello predigt die Defensivtugenden, Schweiß und Mannschaftsgeist.“
NZZ: Über die Spaziergänge des Außerirdischen Messi durch Reals Abwehrreihe
Zu viel Rotation
0:2 in Manchester – Hans-Peter Künzler (NZZ) nimmt Anstoß an den vielen Wechseln in Liverpools Team: „Schlimmer noch als der Blick auf die Tabelle ist das Bild, das die lust- und zusammenhangslos auftretende Liverpool-Equipe in Manchester gab. Zum 97. Mal in Folge ließ Benitez das Team in veränderter Besetzung auftreten. Das Rotationssystem sieht gut aus, wenn das Team gewinnt. Sobald gute Resultate ausbleiben, wird die Rotation aber als erstes unter die Lupe genommen – und diesmal wirkte Liverpool, als hätten sich einige Spieler erst kurz vor dem Anpfiff kennengelernt.“
Tsp: Mafia, Geldwäsche, Lazio Rom
SZ: Auf den Spuren von Ronaldo: Der einst als Über-Brasilianer gefeierte Adriano ist seit 200 Tagen torlos und wiegt inzwischen 100 Kilogramm
Tsp-Interview mit Dunga
Bundesliga
Sieben Monate im finstren Tal
Daß sich Hamburgs Trainer nach dem 2:1 in Leverkusen bei seinen Vorgesetzten Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer bedankt, sie aus der Schußlinie nimmt und sich selbst in die Verantwortung für die gemachten Fehler einschließt, wertet Richard Leipold (FAZ) als Charakterstärke und als Indiz für das ungewöhnliche Vertrauen in der Hamburger Führung: „Thomas Doll wußte, bei wem er sich zu bedanken hatte: bei zwei Männern, die seine Kreditlinie stets verlängert hatten. Die beiden Vorstandsmitglieder sahen sich heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie frühere Leistungsträger hatten ziehen lassen, ohne sofort gleichwertigen Ersatz parat zu haben. Unter diesen Umständen haben die sogenannten Mechanismen der Branche diesmal nicht gegriffen. Hier war ausnahmsweise nicht der Trainer das schwächste Glied in der Kette der Unzulänglichkeiten. Die Fans hätten ihn ‚rausgenommen aus der Kritik‘, sagt Doll. Das habe ihn einerseits gefreut, andererseits habe er es als ungerecht empfunden, weil er die Personalpolitik des Vorstands mitgetragen habe. Der Trainer als Fürsprecher seiner Vorgesetzten – dieses vorläufige Ende der Krise unterscheidet die Lage beim HSV von den gewöhnlichen Szenarien, die nach anhaltendem Mißerfolg entstehen.“ Zudem unterstreicht Leipold Dolls Ehrlichkeit und den Verzicht auf Larmoyanz: „Auch deshalb mögen Doll die Herzen zufliegen, auch außerhalb Hamburgs. Er weiß, was er kann und was er sagt, und er hat auch in schwachen Momenten der Versuchung widerstanden, in Selbstmitleid zu versinken: etwa als neben den verkauften auch noch verletzte Leistungsträger ausfielen.“
Ulrich Hartmann (SZ) hält den ersten Hamburger Saisonsieg für Legendenstoff: „Manchmal schreibt der Fußball Geschichten von biblischem Charakter. Es geht dann um Schuld und Sühne, Glaube und Erlösung. Wenn aufrechte Männer einem schlimmen Martyrium entkommen und ihr festes Vertrauen an eine übergeordnete Gerechtigkeit zum rettenden Faktor stilisieren, dann handelt es sich entweder um ein Gleichnis – oder um eine Anekdote aus der Bundesliga. Die wackeren Helden des Hamburger SV haben solch ein Martyrium durchlitten. Beinahe sieben Monate lang wandelten sie durchs finstre Tal und verloren beinahe ihren Glauben, doch in letzter Sekunde wurden sie entschädigt für all die Momente des Leidens.“ Ein wenig Haarspalterei an dieser Stelle: Ein Martyrium enthält, im theologischen Sinne, den Aspekt der Freiwilligkeit. Hartmann beim Wort genommen, ließe diese These eine neue Deutung der Hamburger Sieglosserie zu (die so sieglos, wir wiesen darauf hin, nie war, sonst hätte der HSV nicht im August die Qualifikation für die Champions League geschafft).
BLZ: Hamburger Seligkeit nach dem 2:1 in Leverkusen
Sie sind gerecht, sie teilen die Punkte, so oft es geht
2:2 im Heimspiel gegen Nürnberg, doch Frohsinn in Frankfurt – Ralf Weitbrecht (FAZ) hebt die neue hessische Bescheidenheit hervor: „Die Eintracht scheint aus der Vergangenheit gelernt zu haben, und es entspricht den von Vorstandschef Bruchhagen vorgegebenen Geschäftsgrundsätzen, sportlich dezent und mit wohltuender Bescheidenheit aufzutreten. Daß der Klub erstmals seit elf Jahren wieder in drei Wettbewerben steht, wird dankend angenommen. Erstaunlich ist dabei, daß sich das von Funkel angeleitete Team auf einem konstanten Niveau bewegt. Bundesliga-Durchschnitt nur, ‚doch mir macht es Spaß, dieser Mannschaft zuzuschauen‘, sagt Trainer Funkel. Den Zuschauern wohl auch, denn seitdem sie in Frankfurt durch den Neuaufbau über eine konkurrenzfähige Arena verfügen, strömen die Massen. Das Duell der beiden Remis-Spezialisten wollten 50.300 Zuschauer sehen. Eine starke, beeindruckende Kulisse, passend zu einem Spiel, das abwechslungsreich war und von beiden mit hoher Intensität geführt wurde.“ Andreas Burkert (SZ) hat ein großes Lob für die Nürnberger übrig: „Natürlich kann der Club nicht konkurrieren mit den Größen der Szene, er ist ja weiterhin sehr darauf bedacht, die Altschulden zu tilgen. Doch auch in Frankfurter zeigte er gegen leidenschaftlich kämpfenden Gastgeber und einen lauten Chor aus 50.000 Stimmen, welche Spielkultur in seiner Mannschaft steckt. Reif und modern kombininierte er sich vorbei an wild entschlossenen Hessen.“
Andreas Lesch (BLZ) hingegen verweist auf die Gefahr der Frankfurter und Nürnberger Eichhörnchentaktik: „Die zwei Remis-Könige verdienen Mitleid. Sie demonstrieren die Kontinuität, die andere sich wünschen – aber ihre Serien werden als Langweiler verschmäht. Sie tun keinem weh, sich selbst nicht und nicht dem Gegner, sie sind gerecht, sie teilen die Punkte, so oft es geht – aber niemand schlägt sie für einen Fair-Play-Preis vor. Sie beruhigen die Gemüter, sie machen die Liga gemütlich, sie sorgen dafür, daß jeder sich mit jedem versteht. Sie sind der perfekte diplomatische Dienst. Und dann wird die Saison zu Ende sein, die Nürnberger werden 32 Unentschieden gesammelt haben und die Frankfurter 33. Die Remis-Könige werden sich erinnern, daß es da diese dumme Drei-Punkte-Regel gibt, die das Unentschieden so gar nicht honoriert. Sie werden schreckerfüllt auf die Tabelle starren, und wenn sie Pech haben, werden sie ihre Serien bald neu beginnen können: in der zweiten Liga.“
stern.de: Aufpassen FCB, das Kreuz der Bremer wird immer breiter!
Montag, 23. Oktober 2006
Bundesliga
Vorteil Nord
Im Blickpunkt des 8. Spieltags: der 3:1-Sieg Werder Bremens gegen Bayern München, dem die Presse viel Aussagegewicht über die gegenwärtigen und künftigen Kräfteverhältnisse der beiden Konkurrenten beimißt / Schalke mit zwei Gesichtern / Bert van Marwijk in Bedrängnis?
Das 3:1 gegen Bayern München – keine Eintagsfliege, meint Ralf Wiegand (SZ) und prophezeit, daß sich Werder Bremen dauerhaft als ebenbürtiger Konkurrent Bayern Münchens etabliert haben wird: „Im Kosmos Bundesliga ist der FC Bayern nicht mehr der einzige Fixstern. Die Bremer haben – erstmals seit den guten Zeiten von Borussia Mönchengladbach – einen tragfähigen Gegenentwurf zum Modell Bayern entwickelt. Dortmund oder Leverkusen versuchten noch, mittels überdehnter Etats den Bayern am Zeug zu flicken, kamen kurz auf Augenhöhe – und fielen tief. Werder saß die Preistreiberei aus, nahm aber dankbar das Geld der anderen für ihre gut ausgebildeten Spieler an.“ Den wirtschaftlichen Rückstand habe Werder durch Klugheit und Wagemut wettgemacht: „Seit nicht einmal mehr das Kapital der Bayern ausreicht, um unermeßlich teure internationale Stars zu ködern, sind sich Nord und Süd in ihren Möglichkeiten etwas ähnlicher geworden. Sie bedienen sich auf denselben Märkten, wo nicht allein Geld gefragt ist – sondern die Kreativität der Team-Architekten. Die Bayern folgen da einem langweiligen Muster: Sie schauen, wer sich in der Bundesliga einen Namen gemacht hat, momentan finden sie Klose ganz toll. Werder hingegen beschäftigte sich mit dem Thema Klose, als der in einem Tief steckte, niemand ihn haben wollte – und erst die Bremer sein Potential zum Leben erweckten. Wo die Bayern reflexartig einen van Bommel kaufen, um die Not im Mittelfeld zu lindern, beobachtete Werder drei Jahre lang das Talent Diego: Werders Mittelfeld funktioniert, das Münchner nicht.“
Frank Hellmann (FR) ergänzt: „Wohl kaum ein Klub hat in der jüngeren Vergangenheit mit seinen Zukäufen so viel richtig und so wenig falsch gemacht. Den völlig unerwarteten Titelgewinn 2004 nennt Bremens Geschäftsführer Allofs einen ‚entscheidenden Knalleffekt‘, begünstigt auch durch Zufall und ein bißchen Glück, der dem Klub einen Schub gegeben habe. 2006/2007 stecken offenkundig die pure Absicht und ein detaillierter Plan dahinter.“ Stefan Hermanns (Tsp) kritisiert die Personalpolitik der Bayern: „Daß sie Michael Ballack nicht halten konnten, ist ihnen nicht vorzuwerfen; daß sie ihn anschließend aus Trotz auf Roque-Santa-Cruz-Niveau heruntergeredet haben und sich nicht rechtzeitig um Ersatz bemüht haben – das allerdings werden sie inzwischen selbst als Fehler erkannt haben.“
Werder spielt den schöneren Fußball
Roland Zorn (FAZ) läßt seine verträumte Erinnerung an die WM durch Werder Bremen auffrischen: „Ein paar Wochen nach der wunderbaren Weltmeisterschaft setzen allein die Bremer dem deutschen Vereinsfußball nationale Glanzlichter auf. Stabil und gefestigt in der Abwehr, dynamisch und phantasievoll im Mittelfeld, agil und umtriebig im Angriff wirbelt Werder zur Freude des Publikums – und gewinnt damit bundesweit Sympathien. Die Bremer zeichnet im Augenblick eine Extramischung aus unbedingtem Siegeswillen und phantasievoller Gestaltungskraft aus. Mit Grün-Weiß geht es im Zweifel immer voran; die Bayern dagegen müssen Abschied nehmen von ihrem Prozentfußball, denn die Genügsamkeitsrechnungen sind schon dreimal, so oft wie in der gesamten vergangenen Spielzeit, danebengegangen.“ Wiegand fügt hinzu: „Spielerisch ist im Süd-Nord-Gefälle der Liga oben nun dort, wo das Land am flachsten ist. Im direkten Vergleich bewiesen die Bremer erneut, was in den Fernduellen der letzten Wochen schon festzustellen war: Sie spielen den inspirierteren, kreativeren, planvolleren, kurz: den schöneren Fußball.“
Boris Herrmann (BLZ) schildert das Spitzenspiel der Bundesliga als Duell zwischen Fortschritt und Stillstand: „Der FC Bayern tut sich ja traditionell schwer mit der Fehleranalyse. So wurde Felix Magath auch nicht müde zu betonen, daß er vor dem Freistoßtor von Womé kein Foul gesehen habe. Daß Bayerns Anschlußtreffer auch aus einem unberechtigten Freistoß resultierte, sagte er nicht. Genausowenig wie er davon sprach, daß die verzweifelten Versuche, das Bremer Spielgefüge mit Flanken aus dem Halbfeld zu überlisten, wie Slapstick aus einem alten Schwarz-Weiß-Streifen wirkten. Der FC Bayern war mit dem modernen Spiel des SV Werder hoffnungslos überfordert.“
NZZ: Bayern in Bremen chancenlos
Teilzeitkräfte
2:1 gegen Hannover – Richard Leipold (FAZ) hat sich zunächst von dem einen von zwei Schalker Gesichtern täuschen lassen: „In Schalke wird es so schnell nicht langweilig. Auch sogenannte Arbeitssiege wie das überwiegend in Grau gehaltene 2:1 über Hannover liefern genug Stoff für Rätselfreunde und Fußball-Analytiker. Eines der Mysterien, die noch nicht entschlüsselt sind, trat wieder deutlich zutage. Nicht zum ersten Mal erledigten die Schalker ihren Job in der Manier hochbezahlter Teilzeitkräfte. In der ersten Hälfte beherrschten sie den Gegner meist nach Belieben. Im Abschluß zelebrierten die Schalker das Wahre, Schöne und Gute des Fußballs. Vor allem der zweite Treffer bot einen Kunstgenuß: Kevin Kuranyi (er war es wirklich!) kickte mit der Hacke zu Lincoln; der Brasilianer leitete den Ball auf die gleiche Art weiter zum Schützen, der das Meisterwerk mit Wonne zu Ende brachte. Ist Schalke also doch schon eine Spitzenmannschaft, die imstande ist zu halten, was der zweite Tabellenplatz verspricht, den sie in inzwischen erklommen hat? Es schien so, aber es war nicht so – nicht in der zweiten Halbzeit. Die schlechte Gewohnheit, nach formidablem, mitunter famosem Beginn nachzulassen, war wieder zu stark. Der Kabinenaufenthalt in der Pause erweist sich für Schalke oft als störende Unterbrechung, um Spiele mit Glanz und Gloria zu gewinnen. (…) Noch ist es möglich, den Status einer Bundesliga-Spitzenmannschaft zu erreichen, ohne wie eine Spitzenmannschaft zu spielen.“
SZ: Schalke beklagt einen seltsamen Rhythmus: Nach der Pause lauert immer Gefahr
Ausgerechnet Cottbus
Alexander Westhoff (FAZ) beobachtet hängende Schultern in Aachen nach dem 1:2 gegen Cottbus: „Die Enttäuschung stand den Aachener Spielern und Offiziellen ins Gesicht geschrieben. In Sachen Coolness und Cleverness war Petrik Sanders systemtreues Kollektiv den weitaus spielfreudigeren Aachenern überlegen. Daß ‚es‘ – eine Niederlage – irgendwann wieder passieren würde, davon sprechen sie in Aachen schon seit Wochen. Aber daß ‚es‘ ausgerechnet gegen Cottbus geschah, stieß den Beteiligten übel auf.“
Mehr Phantasie der VfB-Aktie
1:1 zwischen Wolfsburg und Stuttgart, welchen Schluß darf man aus diesem Resultat ziehen, Arne Böker (SZ)? „Als um 17.15 Uhr der Vorhang fiel, blieben viele Fragen unbeantwortet, eine Spekulation scheint dieses Spiel aber doch zu erlauben: Wären der VfL Wolfsburg und der VfB Stuttgart börsennotierte Unternehmen, würden die Analysten der VfB-Aktie bestimmt mehr Phantasie zubilligen als in der VfL-Aktie.“
Arbeitet zu wenig
Mehrere Zeitungsberichte lassen darauf schließen, daß es Bert van Marwijk an den Kragen gehen könnte. Freddie Röckenhaus (SZ) mutmaßt, daß „nach dem erneuten Gruselauftritt in einem Heimspiel“, dem 1:1 gegen Bochum, „van Marwijks Tage in Dortmund gezählt sein dürften.“ Die Gegner hielten Dortmunds Trainer vor, zu wenig zu arbeiten: „Er hat die ganze Woche über lediglich zweimal für jeweils 60 Minuten trainieren lassen. Kritiker werfen dem Trainer bereits seit seinem Amtsantritt vor, daß er die Trainingspläne besonders lässig gestaltet, um so häufig wie möglich an seinem Wohnort in Holland sein zu können.“ Richard Leipold (FAZ) fügt an: „Bert van Marwijk gilt als unbeugsam. Einflußreiche Leute im Klub mögen ihn nicht besonders. Das angespannte Verhältnis zu seinen Chefs mag van Marwijk belasten, aber“, wirft Leipold ein, „er scheint immer noch stark genug, Unangenehmes an sich abprallen zu lassen.“
FR: Mainz 05 rutscht nach der ernüchternden Niederlage in Bielefeld in eine Krise
FR: Routiniers halten Berliner Rasselbande auf Kurs – die Mischung macht’s bei Herthas Heimsieg gegen Gladbach
Samstag, 21. Oktober 2006
Allgemein
Kaum Orientierung
Christian Eichler (FAZ) erkennt im Leverkusener Unentschieden in Brügge einen Fortschritt: „1:1 auswärts, im europäischen K.-o.-Modus wär’s ein Erfolg. Aber so? In keinem Saisonspiel weiß man so wenig, was ein Remis wert ist, wie in der ersten Zwischenrundenpartie im wundersamen neuen Modus des kurz und klein reformierten Uefa-Pokals. Da half als Orientierung nur die eigene Leistung, der Vergleich mit sich selber. Und der sah für die Leverkusener brauchbar aus.“
Petermännchen
1:2 gegen Palermo, doch Thomas Klemm (FAZ) klopft den Frankfurtern auf die Schultern: „Hatte der Bundesligaklub in den vergangenen Wochen mehr Punkte als Komplimente gesammelt, so war es am Donnerstag genau umgekehrt. Den Nimbus der schier Unbezwingbaren sind die Frankfurter zwar los, aber zumindest für den deutschen Liga-Alltag haben sie den Mut nicht verloren.“ Vorsicht Tiervergleich! Christoph Hickmann (SZ) erinnert der Sieg Palermos an seinen letzten Strandurlaub: „Für diese Frankfurter Mannschaft wird es, tritt sie ähnlich auf wie am Donnerstag, nicht bei Unentschieden bleiben. In der Bundesliga gibt es nicht allzu viele Mannschaften, die wie Palermo nach dem Petermännchen-Prinzip funktionieren. Petermännchen sind ziemlich fiese, ziemlich platte Fische, die sich im Sand vergraben und zustechen, sobald man im seichten Wasser mit ihnen in Berührung kommt. Das ist schmerzhaft und kann obendrein gefährlich werden. In etwa so hatte Palermo gespielt, nicht viel gezeigt und auf entscheidende Fehltritte gehofft. Um dann bei zwei von drei Gelegenheiten zuzustechen.“ Das wird doch nicht schon wieder Leserbriefe von beleidigten Italienern geben …
SZ: Werder Bremen 2006, besser als Werder Bremen 2004?
BLZ: Bremen und Bayern sorgen für Ordnung in der Tabelle
taz-Interview mit Klaus Allofs über die Besonderheiten eines Nord-Süd-Konflikts
FR: Miroslav Klose, Stürmer in der Flaute
FR: Der 1. FC Nürnberg sorgt mittlerweile für positive Schlagzeilen und will langfristig nach oben
Freitag, 20. Oktober 2006
Champions League
Erfolgreiche Doppelspitze
Zuversicht nach Siegen von Bayern und Bremen / Chelseas Sieg gegen Barcelona im Schatten des Rosenkriegs von Paul McCartney und Heather Mills
Klaus Hoeltzenbein (SZ) schöpft aus den Siegen Bayerns und Werders frischen Mut: „Wer Mannschaften an ihren Höhen mißt und darauf vertraut, daß diese Höhen bei guter Trainerarbeit häufiger zu erklimmen sind, dem muß nicht mehr gar so bang sein um die Repräsentanz der Bundesliga. Zumindest in ihrer Doppelspitze nicht: Die Bayern haben mit drei Siegen und ohne Gegentor einen rekordverdächtigen Start hingelegt, die Bremer haben sich in ihrer Hammertodeswahnsinnsgruppe in Chelsea nicht blamiert, sie hatten Titelverteidiger FC Barcelona am Rand der Niederlage, gegen Sofia haben sie routiniert gewonnen. Nun gut, das Fußvolk aus Hamburg, Schalke oder Berlin lahmt, aber die Doppelspitze nimmt Tempo auf.“ Dem weiteren Saisonverlauf blickt Hoeltzenbein mit Zuversicht entgegen: „Vielleicht wird Bremen dieses Jahr noch auf der Strecke bleiben, auch für Bayern wird’s in der K.o-Runde mit den Super-Reichen eng, aber Fußball ist auch die Kunst, in den Augenblicken mitzufiebern.“
Ralf Wiegand (SZ) hebt Bremens neue Abwehrstärke hervor: „Auf der neuen Defensivbasis lassen sich auch unangenehme Aufgaben wie die gegen Sofia unaufgeregt bewältigen. Die biederen Bulgaren boten lange solide Gegenwehr, verwickelten die Bremer in ein lästiges Klein-Klein, raubten ihnen phasenweise jede Kreativität durch hartnäckige Defensivschufterei.“ Frank Heike (FAZ) betont den Zufall und die Bedeutung des Führungstreffers: „Die Bulgaren spielten mit acht Mann defensiv, und wäre nicht Naldos Freistoß in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit ins Tor gerutscht, es wäre wohl ein Wettlauf mit der Zeit und gegen ein drohendes 0:0 geworden.“
Tsp: Gnadenlos erfolgreich – der FC Bayern nutzt Sporting Lissabons Schwächen
welt.de-Interview mit Sergej Barbarez: „Der HSV macht das einzig Richtige“
Europas Fußballgipfel als Randnotiz
Raphael Honigstein (Tsp) beschreibt den 1:0-Erfolg Chelseas gegen Barcelona als ein zähes Ringen, von Sicherheitsdenken geprägt: „Beide Teams waren offensichtlich nur auf einen Punktsieg aus. Die Künstlergruppe aus Barcelona kam zwei, drei Mal mit sehr präzisen Zickzack-Pässen gefährlich vor den Kasten von Hilario, dem Ersatz des Ersatztorwarts; doch mit fortschreitender Dauer driftete die Souveränität ein wenig ins Bornierte ab. Als Didier Drogba die Gäste nach der Pause mit dem 1:0 überfiel, konnten sich die Granden nicht mehr aus der eigenen Behäbigkeit reißen. Chelsea dagegen rauschte plötzlich wie ein hochfrisierter Lastschlepper durch das offene Mittelfeld, und mit dem überragenden Michael Essien am Steuer kam ordentlich Fahrt rein. Michael Ballacks Eingriffe ins Spiel waren eher chirurgischer Natur. Chelsea wurde letztlich wieder seinem Ruf als unverwüstlicher Ergebnis-Apparat gerecht, doch es war diesmal nicht das Kollektiv, sondern die individuelle Klasse des unaufhaltbaren Drogba, die den Ausschlag gab.“
Christian Eichler (FAZ) schildert die Reduktion des Konflikt- und Koversationswertes des Spiels: „Kaum etwas fesselt das Publikum so sehr wie Kleinkrieg auf höchstem Niveau, wie häßlicher Streit unter den Schönen und Mächtigen der Welt. Viermal füllte das Duell Chelsea gegen Barça diese Dallas-und-Denver-Marktnische im Fußballsegment. Erst beim fünften Mal schrumpfte Europas Fußball-Gipfel zur Randnotiz auf Englands Titelseiten. Dort hatte er keine Chance gegen den Rosenkrieg von Paul McCartney und Heather Mills. Geschlagene Ehefrauen sind noch besser für die Auflage als geschlagene Champions-League-Sieger. Keiner schimpfte, keiner sah Verschwörungen. Die Meister der beiden stärksten Ligen der Welt pflegen die neue Sachlichkeit. Dazu paßte die Darbietung von Michael Ballack. Für sie kennt der Fußball-Jargon den schönen Begriff ‚unauffällig‘. Aber auch Barça blieb, was es sonst nie ist: unauffällig. Chelsea zeigte, wie man die hochtourigste Offensivmaschine des europäischen Fußballs abwürgen kann.“
Unterhaus
Rechthaberei, Dünnhäutigkeit, Larmoyanz
Der Zweifel an Freiburgs Trainer Volker Finke in der Presse wuchert. Ist seine Idee von Fußball veraltet? Auch gibt es Kritik an Präsident Achim Stocker, der sich des Vorwurfs erwehren muß, dem Trainer in den Rücken zu fallen
Zwei interessante Texte über den SC Freiburg, der auf Platz 17 der Zweiten Liga abgerutscht ist, weswegen der Präsident zum ersten mal vor allen über die Zukunft des Trainers spekuliert. Uwe Rogowski (Stuttgarter Zeitung) führt einem vor Augen, welchen Ansehensverlust Freiburgs Trainer in Fußballdeutschland in den letzten zwei Jahren erlitten hat: „Es ist erst zweieinhalb Jahre her, da sollte Volker Finke sogar noch Bundestrainer werden. Aus heutiger Sicht war es das letzte Aufflackern der Wertschätzung für einen Trainer, der Anfang der 90er Jahre den Fußball hierzulande generalüberholt und dabei gerade das politisch linke Lager mit seiner schnoddrigen und respektlosen Art fasziniert hat. Viele behaupten, im Sommer 2004 habe er die letzte Möglichkeit zum Absprung aus Freiburg verpaßt. Heute kräht nach Finke kein Hahn mehr.“ Rechthaberei, Dünnhäutigkeit, Larmoyanz wirft Rogowski Finke vor: „Immer öfter verheddert sich der Coach in Ausflüchten. Ständig macht er Latte, Pfosten, Standortnachteile und einen gestiegenen Anspruch für die Misere verantwortlich. Hauptadressat seiner Kritik sind die Medien geblieben, zuletzt gipfelte das in einer Wutrede im Fernsehen (‚Negativjournalismus‘). Und das, obwohl der Coach seit jeher mit Samthandschuhen angefaßt wird. Trotzdem bringen Finke die harmlosesten Schlagzeilen auf die Palme. Zuletzt wurde unter den Berichterstattern nach dem Absturz auf Platz 17 gewitzelt. ‚Darf man das Wort Abstiegsplatz erwähnen?‘“
Christoph Ruf (FR) verfaßt ein sehr ausgewogenes Einerseits-Andererseits-Urteil. Einerseits scheint ihm Finkes Idee von Fußball überholt zu sein: „In der Tat ist vieles, was früher erfrischend und zukunftsweisend war, heute zum Dogma geronnen. Nicht zuletzt die Art, Fußball zu spielen. Zwar läuft der Ball beim SCF immer noch gefällig, zwar hat man zumindest bei den Heimspielen meist ein deutliches Übergewicht an Ballbesitz. Doch wird allein das als Beweis gewertet, daß man eigentlich einen Sieg verdient gehabt hätte. Und das in Zeiten, in denen andere Teams versuchen, mit möglichst wenigen Ballkontakten in Torschußposition zu kommen, weil die meisten Tore innerhalb der ersten zwanzig Sekunden nach der Balleroberung fallen. Beim SC hingegen zirkuliert der Ball in einer Art Handballtaktik um den gegnerischen Strafraum. Selbst in bester Position unterbleibt der Schuß. Man hat nicht den Eindruck, daß auch Volker Finke das als Problem sieht.“
Andererseits kann er dem Kurzpaßspiel und dem Willen zum Ballbesitz den Charme nicht absprechen und wünscht sich von der Vereinsführung, von deren Vergangenheit wir von Ruf interessantes erfahren, mehr Rückendeckung und Dankbarkeit für Finke: „Natürlich reicht die spielerische Substanz auch im schlechtesten Fall, um in der Endabrechnung einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Man kann sogar der Widerborstigkeit Finkes Sympathisches abgewinnen. Denn wer Prinzipien vertritt, macht sich zwar angreifbar, zeigt aber immerhin Rückgrat. Das scheint hingegen Präsident Stocker zu fehlen. Jahrelang wurde das Zerrbild von der angeblichen Männerfreundschaft (die in Wahrheit mit dem Gegenbegriff treffender beschrieben wäre) zwischen Trainer und Präsident gemalt. Jahrelang klagte Stocker nur seinen Spezis sein Leid, wie kompliziert ‚der Alte‘ doch sei. Wobei er sich mit seinem Credo ‚Was willsch mache?‘ als formal mächtigster Mann im Verein selbst ein Armutszeugnis ausstellte. Daß Stocker gerade jetzt vorprescht, wo der Trainer angeschossen ist, kann man als charakterschwach bezeichnen. Ein wenig mehr Respekt hätte Volker Finke dann doch verdient.“
Donnerstag, 19. Oktober 2006
Champions League
Schwachbrüstiger Vertreter des deutschen Fußballs
Entsetzen in der Presse über das 1:4 der Hamburger in Porto; die Journalisten stellen die Trainerfrage, und ihre Antwort fällt nicht mehr so einheitlich aus wie vor dem Spiel
Hans Trens (FAZ) wendet sich von den Hamburgern ab: „Die Hanseaten erweisen sich als ein schwachbrüstiger Vertreter des gerade eben durch die Nationalelf aufgeweckten deutschen Fußballs.“ Er zählt einige Verantwortliche für die Hamburger Kargheit auf, zuletzt jedoch den Trainer: „An dem rabenschwarzen Abend setzte sich die Leidenszeit einer Formation fort, in der auch vermeintliche Lenker wie die Benelux-Nationalspieler Mathijsen, de Jong oder Kompany sowie der in die Jahre gekommene argentinische Weltstar und Wandervogel Sorin kein Rückhalt sind. Der Kreuzweg durch die nationalen und internationalen Stadien schmerzt vor allem Thomas Doll, den zu bedauernden Trainer, der die allergeringste Schuld an der Entwicklung trägt.“ Christian Zaschke (SZ) empfiehlt, Doll zu vertrauen: „Die Frage in solchen Situationen ist immer: Wie weit will man mit dem Trainer gehen? In Anbetracht der Umstände erscheint es ratsam, leidensfähig zu sein. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Lage besser wird. Entscheidend dabei ist: Ohne Doll wird es kein bißchen schneller gehen.“ Bild-T-Online tritt den Spielern auf die Füße: „Ihr Flaschen habt Doll gar nicht verdient!“
Roland Zorn (FAZ) hingegen will die Verlegenheit Dolls erkannt haben: „Inzwischen sucht der Trainer mit immer wieder ähnlichen Worten die Balance zwischen allmählich hohl klingenden Motivationsparolen und nicht selten allzu zart anmutenden kritischen Sätzen an die Adresse der Spieler; inzwischen scheint auch Doll ziemlich ratlos.“ Jürgen Ahäuser (FR) rechnet wohl mit der Trennung: „Mit Doll in die Zweite Liga? Nicht beim HSV, nicht mit diesem Kader. Dann doch lieber mit einem neuen Trainer auf zu neuen Ufern.“ Christian Schreider (Tsp) lästert: „Unter die besten 20 Mannschaften Europas wollten sie in Hamburg. Jetzt können sie sich darauf konzentrieren, unter den ersten 15 Deutschlands zu bleiben.“
zeit.de: Überraschend ist die Niederlage des HSV gegen Porto nicht, aber erschreckend sinnbildlich
NZZ-Bericht Chelsea–Barcelona (1:0)
Bundesliga
Der Fußball-Standort Leverkusen verliert an Bedeutung
Gregor Derichs (FAZ) ordnet die Unbeständigkeit Bayer Leverkusens, sichtbar geworden durch das 0:3 in Stuttgart, der Vereinsmentalität zu: „Aufrufe an die richtige Berufseinstellung der Profis haben in Leverkusen eine lange Tradition. Die Launenhaftigkeit hat sich als Markenzeichen von Bayer 04 etabliert. Regelmäßig sackt die Mannschaft entweder in einzelnen Spielen oder in ganzen Serien unterhalb der Grenze dessen, was Fans und Vereinsführung noch zuzumuten ist. In dieser Saison steht die Bayer Fußball GmbH bislang wieder für chronische Instabilität.“ Derichs macht zudem eine allgemeine Leverkusener Wertminderung aus: „Mit der Etablierung im Mittelmaß mit gelegentlichen Ausschlägen nach oben geht das Interesse von Sponsoren verloren. Partner wie O2 oder Samsung haben ihre Kooperation mit Bayer bereits beendet, Hauptsponsor RWE plant den Rückzug zum Saisonende. Das Stadion, einst als Schmuckkästchen bezeichnet, ist inzwischen in die Jahre gekommen. Nach der Entscheidung des Deutschen Fußball-Bundes, demnächst nur noch Stadien mit einer Kapazität von 40.000 und mehr Zuschauern zu berücksichtigen, wird Bayer kein Gastgeber mehr für Länderspiele sein. Der Fußball-Standort Leverkusen verliert an Bedeutung.“
Mittwoch, 18. Oktober 2006
Champions League
Maßstab des Spielerischen in der Fußballwelt
Christian Eichler (FAZ) wertet das Spiel zwischen Chelsea und Barcelona als Markenzeichen der Champions League: „Die beiden führenden Fußballnationen haben in 76 Weltmeisterschaftsjahren ein einziges Mal gegeneinander gespielt: Brasilien gegen Deutschland, Finale 2002. Die beiden führenden Fußballklubs tun es binnen nicht mal zwei Jahren zum fünften Mal – und in zwei Wochen gleich noch einmal. Chelsea gegen Barcelona, das ist ein Beweis für den Erfolg der Champions League. Hier muß der Kunde auf den Vergleich der größten Künstler nicht vier Jahre warten, hier bekommt er ihn im Wochenrhythmus. Diesen Mittwoch werden sich zehn der dreißig Spieler gegenüberstehen, aus denen der ‚Weltfußballer des Jahres 2006′ gewählt wird; und sechzehn der fünfzig von der Auswahlliste zu ‚Europas Fußballer des Jahres‘. Es sind damit exakt so viele Top-Stars wie im WM-Endspiel 2006 – nur besser eingespielt. Keine WM-Partie 2006 kam von der Qualität etwa an den 4:2-Sieg von Chelsea gegen Barça im März 2005 heran. Die WM bleibt Maßstab dessen, was Fußball emotional erreichen kann. Für das, was er spielerisch schafft, ist es längst die Champions League.“
Neue Mitte
Frank Heike (FAZ) setzt in die neuformierte Innenverteidigung Werder Bremens große Hoffnung: „Naldo und Mertesacker, die beiden stehen in Bremen für die Hoffnung, an die stabilen Zeiten von Valérien Ismael und Mladen Krstajic im Meister- und Pokalsiegerjahr 2004 anzuknüpfen. Natürlich hat Werder auch ohne sie Erfolge erreicht und sich zweimal für die kontinentale Meisterklasse qualifiziert. Doch ist die Defensive immer der entscheidende Stolperstein gewesen auf dem Weg zum nächsten Meistertitel und europäischer Größe. Förderlich ist sicher, daß sich die beiden Riesen gut verstehen und ähnliche Charakterzüge haben: Ruhe, Ausgeglichenheit und beim Fußball eine Abgeklärtheit, die angeboren sein muß.“ Heike malt sich aus: „Die neue Mitte mißt 396 Zentimeter. Übereinander gestellt könnte der obere der beiden mit den Fingerspitzen den Fünfmeterturm im frisch renovierten Werder-Bad neben dem Weserstadion streicheln.“
BLZ: Frecher Hund mit schlechtem Ruf – Aaron Hunt hat in Bremen für Unruhe gesorgt, gegen Sofia soll er wieder durch Tore auffallen
FR: Aaron Hunt – Draufgänger auf schmalem Grat
FAZ-Portrait Sorin (HSV)
BLZ: Eidur Gudjohnsen wurde beim FC Chelsea ausgemustert; nun kehrt er nach London zurück – im Trikot des FC Barcelona
NZZ: Eine Hommage an Arsène Wenger zum zehnjährigen Jubiläum in Arsenal
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