indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Ball und Buchstabe

Antidepressivum oder ein Film, wie man in der Völler-Ära Fußball spielte?

Fünf Filmkritiken über Sönke Wortmanns WM-Dokumentation

Daniel Kothenschulte (FR) wischt sich eine Träne von der Wange: „Hier hat man es mit dem seltenen Fall zu tun, daß ein Film ein kollektives Gefühl einfängt, es für die Nachwelt erhält und dabei sogar noch auf sein Idealmaß filtert. Denn die Nostalgie, die dieser leichte Film schon jetzt verbreitet, gilt nicht dem Patriotismus. Sie verweist allein auf diesen herrlichen, unvergeßlichen, verschwenderischen Sommer, der sich gerade mit seinen letzten Sonnenstrahlen von uns verabschiedet.“

Ein freundlicher Verriß von Peter Körte (FAS): „Wenn dieses Land in den WM-Wochen gelernt haben sollte, sich zu mögen, wie Sönke Wortmann meint, dann ist der Film die Probe auf diese fröhliche Selbsttherapie. Er ist so etwas wie der Versuch, das Fanmeilengefühl in die Kinosäle zu tragen: eine Erinnerungsbeschwörung und -verstärkung, die sich das neben dem Fußball mächtigste Kraftwerk der Gefühle sucht: das Kino. Das Kino macht die Dinge größer, es lädt die Augenblicke dramatisch auf und schafft damit eine Projektionsfläche, in der wir uns wiedererkennen können. Deshalb muß man sich dieses ‚Sommermärchen‘ ansehen; aber wenn man genauer hinschaut, ist da ein merkwürdiger Anachronismus. Wortmann filmt die Klinsmann-Zeit so, wie man in der Völler-Ära Fußball spielte: viel in die Breite, oft zurück, zu zaghaft in die Spitze, nur aufs Ergebnis fixiert.“

Reinhard Mohr (SpOn) empfiehlt den Film als Antidepressivum: „Na toll. Jetzt haben wir wieder Gesundheitsreform rund um die Uhr. Merkel-Chaos. Münte-Falten. Pofalla-Näseln. Kurt-Beck-Speck. Niemand blickt mehr durch. Nicht einmal Professor Rürup. Auch egal. Derweil setzen die islamistischen Terroristen ihren Kofferbomben-Dschihad fort, und die ihm vorauseilende Angst macht weder vor dem Papst noch vor Mozart-Opern halt. Dazu gibt’s Wahlerfolge der Neonazis und tonnenweise weiteres Gammelfleisch, und, natürlich, Günter Grass, die alte Zwiebelhaut. Nicht zu vergessen das ‚Eva-Prinzip‘. Und kein Ulrich Wickert mehr, der wenigstens eine ‚geruhsame Nacht‘ wünscht. Das Deutschlandgefühl im Herbst 2006, ein grimmiges Wintermärchen. War es tatsächlich mal irgendwo und irgendwann besser bei uns? So richtig schön? Klasse, geil, cool, wunderbar, traumhaft, locker, leicht? Ja doch. Wer’s partout nicht glauben will, kann ab Donnerstag ins Kino gehen.“

H.G. Pflaum (SZ) beschleicht eine Bedrückung, wenn er Klinsmann auf der Leinwand sieht und hört: „Wir wissen, daß Klinsmanns Methode Erfolg hatte – aber er wirkt hier oft wie ein eifernder Sekten-Prediger, gelegentlich auch wie die Karikatur amerikanischer Motivationsagitatoren. Seine Parolen klingen angelernt, und manchmal schauen die Adressaten seiner Sprüche eher verwundert drein. In diesen Passagen geht der Film weit hinaus über alles, was wir im Fernsehen während der WM über den Trainer erfahren konnten.“

FTD: Der Kabinenprediger – er stand in Flammen und brannte schnell aus: Sönke Wortmanns WM-Film klärt die Frage, warum Jürgen Klinsmann zurücktrat
faz.net: Kritik (Video)

Aus der Zeit-Reihe Patriotismus und WM – Heinrich August Winkler über Deutschlands Geschichte voller Gegensätze

Ball und Buchstabe

Naive Hoffnung

Gerald Asamoah hat in einem kicker-Interview infragegestellt, ob er angesichts der Schmähungen und Diskriminierungen gegen ihn und – vor allem – seine Familie weiter in der Nationalelf spielen werde. Josef Kelnberger (SZ) verzagt: „Deutschland ist, wie die WM zeigte, ein selbstbewußtes, weltoffenes und begeisterungsfähiges Land – es ist aber auch ein rassistisches Land. Es ist beides. Mit dieser Ambivalenz gilt es zu leben, nach wie vor der WM. Schon vor der WM wußte man von sogenannten No-go-Areas in deutschen Städten, in die sich Ausländer besser nicht wagen sollten. Diese Gegenden sind während der WM nicht verschwunden. (…) Daß die Erinnerung an das ‚Sommermärchen‘ helfen kann, die Lethargie zu vertreiben, ist nur eine Hoffnung. Eine naive.“

Tsp: Erneuter rassistischer Vorfall der Halle-Fans gegen Ogungbure
SpOn: Affenlaute aus der Gästekurve – Ogungbure wieder Opfer
BLZ: Wie sich Rostock vor dem Länderspiel gegen Georgien gegen rassistische Fans zur Wehr setzt

Bundesliga

Pfandhaus des Westens

Zwei Zeitungstexte befassen sich sehr kritisch mit der Schalker Wirtschaft und dem Schalker Innenleben

Stefan Osterhaus (NZZ) notiert noch einmal die fragwürdigen Schalker Finanzierungsmethoden: „Allmählich wird Schalke zum Pfandhaus des Westens. Die Zuschauereinnahmen sind beliehen worden; um der Liquiditätsfalle zu entgehen, griffen Klubchef Tönnies, Aufsichtsrat Beul und Ex-Manager Assauer in den privaten Geldbeutel und zogen 8 Millionen Euro hervor. Das Kader, eines der teuersten der Liga, sollte nicht in dieselbe Situation gebracht werden wie einst die armen Millionäre von Lazio Rom, die dem Lohn hinterherlaufen mußten. Die drei Exponenten verlangten keine Sicherheiten – wie Insider vermuten, hätte es auch gar keine gegeben. Erst neulich sickerte durch, daß das Trio vorläufig kein Geld zurückerhalten werde. Stattdessen sollen Stadion-Anteile überschrieben werden. Und noch immer währen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft um die wundersame Wertvermehrung eines Grundstücks, das Schalke für 1 Euro von der Stadt erworben hatte, das später aber mit einem Wert von 15,6 Millionen Euro bilanziert worden ist. Gerne hätte man von Schnusenberg selbst erfahren, wie es um die Situation des Klubs bestellt ist. Doch der Finanzchef meidet die Presse, weil hämisch berichtet worden sei. So bleibt die Feststellung, daß wirtschaftlich ziemlich alles auf Sand gebaut ist.“ In der Kritik stehen nach wie vor Trainer und Teammanager; Osterhaus schreibt: „Auch im sportlichen Sektor glänzen weder Slomka noch Müller durch Autorität. Müller steht zudem im Ruf, Kontakte zur Spielerberatungsagentur Rogon zu unterhalten.“

Philipp Selldorf (SZ) stellt eine Entfremdung fest zwischen Fans auf der einen Seite und Mannschaft und Führung auf der anderen: „Zu denken muß es den Schalkern geben, daß sich das Publikum nicht mehr mit den einfachsten Reflexen begnügt. Die Fans riefen nicht ‚Slomka raus‘, sondern stellten gleich das große Ganze in Frage. Der Mannschaft verweigerten sie in Leverkusen sogar den Gnadenakt. Als sich nach der Partie die Spieler demütig vor der Fan-Kurve sammelten, begegnete ihnen bloß wilde Ablehnung. Versprochen worden war den Fans, daß die Mannschaft mit einer neuen Spielstrategie um den Titel mitspielen werde, daß das Ziel im Uefa-Cup ‚mindestens das Finale‘ sei, und nach den ‚Eurofightern‘ und ‚Meistern der Herzen‘ nun die nächste sagenhafte Schalke-Generation herangezogen werde. Stattdessen ist nach der selbstzerstörerischen Affäre um Gerald Asamoahs Kabinenrebellion und dem Uefa-Cup-Aus eine grundsätzliche Vertrauenskrise zwischen Publikum und Akteuren eingetreten, und weder Trainer noch Manager finden Argumente, sie zu überwinden.“

Montag, 2. Oktober 2006

Bundesliga

Kein Stark, kein Schwach, nur Einerlei

Pressespiegel des 6. Spieltags: Die Presse wertet die neue Ausgeglichenheit der Bundesligatabelle als Beweis für mangelndes Niveau / Ideen- und reglose Bayern / Bremen nutzt die Initialzündung Barcelona in der Bundesliga / Aachen gewinnt und weiß nicht wie und will viel richtig machen gegen Rassismus

Die Presse wertet die neue Ausgeglichenheit der Bundesligatabelle als Beweis für mangelndes Niveau. Dabei mußte oft genug der gegensätzliche Befund, nämlich daß, wie in den letzten Jahren, eine starre und steile Hierarchie die Tabelle im Griff hat, für den gleichen Schluß herhalten. Sicher, daß die Bundesliga ein Problem hat – wer traut sich in diesen Tagen, diesem Urteil zu widersprechen? Doch an der Tabellenarithmetik läßt sich jede Erkenntnis über die vermeintliche Qualität einer Liga belegen und gleichzeitig ihr Gegenteil. Also alles und nichts. Also nichts. Man könnte es ja auch als gutes Zeichen werten, daß Wolfsburg, der Letzte, Bayern, den Meister und Ersten, schlagen kann – auf jeden Fall aber als ein erfreuliches und als etwas Erstrebenswertes. Doch von Freude ist in den Kommentaren von heute wenig zu spüren (was am Ende daran liegen könnte, daß der Paukenschlag des Spieltags vom VfL Wolfsburg stammt, der das Image einer Fußballretortenstadt nicht loswird, und nicht von Mainz 05).

Roland Zorn (FAZ) erkennt kein Stark und kein Schwach, nur Einerlei: „Der Trend heißt Mittelmaß, wohin das Auge schaut, und Labilität, wo immer um Punkte gekämpft wird. Halbheiten und Unzuverlässigkeit kennzeichnen das Erscheinungsbild der höchsten deutschen Spielklasse von oben bis unten. Oben? Unten? Wer heute an der Tabellenspitze mitmischt, kann morgen schon im Kellergeschoß gelandet sein. Wenn allen der Blick auf die Tabelle eher peinlich bis lästig ist, kann etwas nicht stimmen mit der Qualität der angebotenen Ware. In dieser Jo-Jo-Klasse hätte sogar Energie Cottbus den Platz über allen anderen erobern können, wären sie nur konsequenter im Nutzen ihrer Gelegenheiten gewesen.“

Alibi

Markus Völker (taz) beschreibt den deutschen Klubfußball als Ödnis: „Die deutsche Liga ist lau. Die Vereine krebsen über die internationale Bühne. Der Uefa-Cup ist unerreichbar, die Champions-League-Trophäe sowieso. Das Nationalteam muß erst von einem egomanen Sonderling aus Kalifornien auf Vordermann gebracht werden, damit was geht. In der Liga sind solche Kauze weit und breit nicht zu sehen, von Hans Meyer vielleicht einmal abgesehen. Von Erleuchtung oder Beseelung keine Spur.“

Andreas Burkert (SZ) befaßt sich mit der Gebrechlichkeit des FC Bayern und macht die neue Bescheidenheit dafür verantwortlich: „Zwar liegt man im Trend einer Liga, deren Wettbewerb zurzeit einem absurden Schneckenrennen gleicht: Ich kann nicht, nimm‘ doch bitte du die Tabellenspitze! Diese fußballerische Neufassung der Chaostheorie unterhält das Publikum prächtig – der FC Bayern jedoch dürfte die Renaissance des Unvorhersehbaren als alarmierend werten. Daß die Umgestaltung des Teams von Rückschlägen begleitet sein würde, ist wohl eingeplant gewesen. Doch die Pannenserie mit echten und gefühlten Mißerfolgen – Bochum, St. Pauli, Nürnberg, Bielefeld, Aachen, Wolfsburg – ist bereits derart lang, daß sie ein tiefer liegendes Problem andeutet. Denn das Team hat vor dieser Saison der Erneuerung von den Klublenkern ein Alibi geliefert bekommen: Man dürfe durchaus auch mal Zweiter werden, kein Problem. Das war gut gemeint, doch offenbar bekam es der Gruppe gar nicht gut.“

Keine Reaktion auf die Blamage

Frank Heike (FAZ) findet in Bayern München keine wärmende Stelle: „Es war erschreckend, wie ideenlos die Bayern ihr Pensum abspulten. Falls irgendjemand aus Mailand irgendwann dieses Spiel ohne Unterhaltungswert sehen sollte, wird er sich entgeistert an den Kopf fassen und fragen, ob es mehrere Versionen dieses FC Bayern München gibt. Schöner, kreativer, herzerwärmender spielen, das wollen die Bayern ja schon lange, und besonders in dieser Saison sollte das Augenmerk auf attraktivem Fußball liegen. Magath, seit dem Sieg in San Siro mit neuem Kredit der Oberen ausgestattet, wird da viel zu tun haben und am Ende vielleicht doch wieder in seiner Meinung recht behalten, nach der Siege einfach das Attraktivste sind, was der Fußball zu bieten hat. Beckenbauer und Rummenigge haben eine andere Sicht auf die Dinge des Fußball-Lebens.“

Andreas Lesch (BLZ) hält das Geständnis Felix Magaths, seiner Mannschaft falle es schwer, gegen defensive Teams aufs Tor zu schießen, für eine Ausrede: „Diese Sätze muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Da redet sich der FC Bayern, der selbsternannte Vorreiter des deutschen Fußballs, der üppig besetzte Edelklub, der Verein mit dem am prallsten gefüllten Festgeldkonto der Republik, einen handfesten Außenseiter-Komplex ein. Da behauptet Magath allen Ernstes, seiner Mannschaft fehlten die spielerischen Mittel, um gegen Gegner von den Rändern der Bundesliga zu bestehen. Diese Argumentation hat das Zeug zum Witz des Monats. Es war erstaunlich, wie lustlos der amtierende deutsche Meister bei einem Abstiegskandidaten drei Punkte verschenkte. Noch irritierender aber war, wie ungerührt er auf die Blamage reagierte.“ Burkert rechnet mit einer Abreibung für die Bayern-Profis: „Und so nehmen die Bayern nicht die Hochgefühle von Mailand mit in die Spielpause, sondern ein schauriges Déjà-vu und die Ahnung, kaum vorangekommen zu sein bei den Renovierungsarbeiten einer von unmodischen Mustern dominierten Mannschaft. Wiederholungstäter kommen gewöhnlich nicht straffrei davon, und Uli Hoeneß, das nebenbei, gilt ein Verfechter der Gerechtigkeit. Sein erregtes Schweigen, davon ist auszugehen, ist nur die Einleitung seines Urteilsspruchs.“

Tsp: Die Bayern sind nicht einmal überrascht, daß sie in Wolfsburg verloren haben

Initialzündung gegen Barcelona

Christian Kamp (FAZ) sieht Bremen nach dem 3:0 gegen Mönchengladbach wieder auf dem richtigen Weg: „Die Gelassenheit der Führungsetage, neue Harmonie auf dem Platz, dazu gute Personalentscheidungen von Schaaf, der gegen Gladbach aufs neue dem erfrischenden Hunt vertraut – das alles mögen Gründe dafür sein, daß die Bremer jetzt in Tritt kommen. Für die Initialzündung aber – darüber waren sich alle einig – hat die Mannschaft selbst gesorgt: mit der beeindruckenden Leistung gegen den FC Barcelona.“

Alles gut gemeint – und schlecht gemacht

Christoph Biermann (SZ) verliert nach der Niederlage Bochums in Aachen den Glauben an Fußballgesetze: „Man wird die Fußballgeschichte nicht umschreiben müssen, aber eine der berühmtesten Mahnungen zumindest überdenken: Sepp Herberger hat einst gesagt, das Spiel dauere 90 Minuten, und stets wurde das so verstanden, daß man sich eben auch in den letzten Minuten noch konzentrieren muß. Nun offenbarte die Partie jedoch den seltsamen Umstand, daß die Aachener daran im engeren Sinne aktiv nur eine Minute teilnahmen. Genau 57 Sekunden dauerte kurz nach der Halbzeitpause die Zeitspanne zwischen ihrem Ausgleich und dem Tor zum 2:1. Vorher und auch nachher waren die Alemannen ihren Gästen spielerisch wie kämpferisch und von der Zahl der Torchancen her so deutlich unterlegen, daß sie wahrscheinlich noch immer rätseln, womit sie diesen Sieg verdient hatten.“ Bernd Müllender (taz) wirft die Bild am Sonntag in die Ecke: „Das Kompetenzblatt jubelte den schwachen Schlaudraff (‚Aachen schlau drauf‘) in den Himmel und benotete die Aachener Spieler besser als die Bochumer. Immer auf die Sieger, immer mit den Glücklichen. So viel leistungsdiskriminierender Kotau ist noch grotesker das Spiel.“

Aachens gutgemeinten Versuche, den rassistischen Gesängen des letzten Heimspiels entgegenzuwirken, provozieren bei den Journalisten Häme und Schmunzeln. Müllender wendet sich ab: „Ins Kuriositätenkabinett für deutschen Gutmenschengeist schaffte es der offizielle Alemannia-Antirassismus-Spot, eilig in dieser Woche produziert: Neben inhaltlichen Schnitzern (Linksfuß Emil Noll schießt mit rechts) mußte Kapitän Reiner Plaßhenrich aufsagen: ‚Die Hälfte aller Tore werden von Ausländern geschossen.‘ Und die andere Hälfte werden als Eigentore von depperten Werbeagenturen erzielt? ‚Mohr&More‘ heißt die pluralistische Firma und nennt sich ‚Offizielle Lead-Agentur der Alemannia Aachen‘. Vielleicht hätten ein halber Sarottimohr bessere Lead-Deutsch gekonnten.“ Biermann grient: „Als eine Gruppe Fans die Gäste als ‚Ruhrpottkanacken‘ beschimpfte, verebbte der Sprechchor ganz schnell wieder, so als würden sich alle fragen, ob man das noch rufen dürfe. Eine politisch korrekte Version setzte sich nicht durch, die Alternative ‚Ruhrpottbewohner, ihr seid Ruhrpottbewohner‘, verhallte ohne Resonanz.“

BLZ: Der HSV wertet das 2:2 in Frankfurt bereits als Ende der sportlichen Krise

FR-Interview mit Dietmar Beiersdorfer über die schwierige Lage beim HSV

Sonntag, 1. Oktober 2006

Allgemein

Höchstens Stillstand

Die Presse reagiert mit Häme und Groll auf das Ausscheiden Berlins und Schalkes; gerade im Vergleich mit Klinsmanns Elf sieht der deutsche Vereinsfußball auf internationaler Bühne alt aus

Michael Horeni (FAZ) zählt nach der Europacup-Woche den deutschen Vereinsfußball aus, hält sich die Ohren zu, wenn er die fabelhaften Ausflüchte der Verantwortlichen hört und kommentiert sarkastisch die (geäußerte) Hoffnung der Schalker und Berliner auf die deutschen Konkurrenzen: „Mehr als Stillstand (beim FC Bayern München und Werder Bremen wenigstens auf ansehnlichem europäischen Niveau) ist seit Jahren im deutschen Klubfußball nicht auszumachen. Die Klagen über die Defizite der nationalen Vereinseliten nach den ersten europäischen Duellen wiederholen sich mittlerweile wie Neujahrsansprachen vom Band. Aber zum Glück, wie die Schalker und Berliner meinen, gibt es ja noch zwei Wettbewerbe in diesem Jahr, bei denen sie groß rauskommen können: den DFB-Pokal und die Bundesliga. An dieser Hoffnung der schwer Geschlagenen könnte sogar etwas dran sein – in diesen Konkurrenzen sind deutsche Mannschaften schließlich unter sich.“ Gegen den Strich gebürstet heißen die Zeilen: Hättet Ihr Euch mal ein Vorbild an Klinsmann genommen! Sie auch, Herr Sammer!, gibt Horeni hämisch zu verstehen: „Im Uefa-Pokal gibt es alle Jahre wieder schöne Belege für die von DFB-Sportdirektor Sammer während der Weltmeisterschaft geäußerte These, daß die Erfolge der Nationalmannschaft auf der erfolgreichen Arbeit der Vereine aufbauten.“

Jürgen Schmieder (sueddeutsche.de) läßt die Ausrede Geld nicht gelten: „Wenn Deutschland weiter an Boden verliert, wird es wieder groß sein, das Geschrei. Wie ungerecht es ist, weil Vereine in anderen Ländern doch viel mehr Geld hätten und deshalb die besseren Einzelspieler kaufen können. Daß es doch klar sei, daß die Bundesliga da nicht mithalten könne. Denen sei nur gesagt: Laut transfermarkt.de hat die Mannschaft des AS Nancy einen Marktwert von 34,65 Millionen Euro, das Team von Odense BK gerade einmal 5,975 Millionen. Schalkes Kader ist 87,65 Millionen Euro wert, der von Hertha 56,525. Man muß kein Mathematiker sein, um den Unterschied zu erkennen.“

Gefühlte Größe

Christoph Biermann (SZ) führt die Schwäche auf Hochmut zurück: „Offenkundig ist vor allem der Mangel an Konzentrationsfähigkeit, gegen namenlose Gegner oder in halbleeren Stadien. Der Fußballboom in Deutschland und die Begeisterung, die es um das Spiel und seine Protagonisten gibt, hat hierzulande jedoch viele Profis produziert und einige Mannschaften, bei denen die von ihnen selbst gefühlte Größe die wirkliche bei weitem übersteigt.“

Lichtblick

Thomas Kilchenstein (FR): „Einziger Lichtblick war Eintracht Frankfurt. Der Auftritt der jungen Frankfurter, die sich erfrischend offensiv und unbekümmert ihrer Aufgabe entledigten, könnte Mut machen. Es braucht nicht immer millionenschwere Transfers, um Erfolg zu haben. Die richtige Mischung, eine plausible Philosophie und eine verschworene Gemeinschaft können Berge versetzen.“

Tsp: Das Schalker Gebäude droht langsam in sich zusammen zu stürzen, und die Verantwortlichen Personen wirken nicht eben als Stütze.
BLZ: Für Schalke hat das Aus im Uefa-Cup fatale Konsequenzen

Tsp: Hertha und der Uefa-Cup, eine unselige Verbindung
BLZ: Bei Hertha BSC wird über verfrühte Selbstzufriedenheit debattiert

Freitag, 29. September 2006

Champions League

Aufgemerkt, Europa, wir sind wieder da!

Die Presse ist mit dem Bayern-Sieg in Mailand rundum zufrieden und glücklich; das 1:1 Bremens gegen Barcelona wertet sie als Fast-Sieg

Ein Sieg gegen Italiener – Philipp Selldorf (SZ) rechnete nicht damit, daß er das noch erleben wird: „Den Bayern gelang ein Erfolg, der mehr bedeutet als ein handelsüblicher Auswärtssieg. Dieses Gefühl bleibt auch jenseits der Vorbehalte bestehen, daß es ja erst September ist und der Sieg nur eine Fußnote im Wettbewerb darstellt.“ Doch dann hält er inne: „Aber haben die Bayern überhaupt gegen Italiener gewonnen? Ist Inter Mailand nicht eine Art Real Madrid – eine Importfirma für besserverdienende Fußballspieler, deren Gerichtsstandort zufällig in Mailand angesiedelt ist?“

Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) knöpft sich die Verlierer vor: „Ein schwaches Inter Mailand ließ finsterste Fußballzeiten mit einem Destruktivvorsatz wiederaufleben, der noch die übelsten Elemente dieses Sports zu legitimieren schien: treten und schlagen, simulieren und lamentieren. Es war, zumal in der zweiten Spielhälfte, ein Retro-Event aus den 60er und 70er Jahren, als sterbende Schwäne, minutenlang vorgespielte Verletzungen, ein Büchsenwurf und höhnisch quittierte Körperverletzungen en masse ganz Fußball-Europa speziell gegen Inter mit seinem Catenaccio-Bollwerk aufbrachte.“ Da lobt er sich doch die Besonnenheit der Bayern: „Die Italiener zerstörten sich mit längst überwunden geglaubten typisch italienischen Mitteln, während die Bayern mit typisch deutscher Methodik triumphierten.“

Ludger Schulze (SZ) stellt fest, daß die Bayern ihren Glauben an sich erst finden mußten: „In Anbetracht des zuletzt geschwundenen Renommees der Bayern kam dieser Erfolg einem Signal an die Elite der Champions League gleich: Aufgemerkt, Europa, wir sind wieder da! Dabei hat es mehr als eine Stunde gedauert, ehe den Münchnern dämmerte, daß sie Inter nicht nur in Schach halten konnten, sondern sogar zu einem großen Coup fähig waren. Denn der Gegner führte von Anfang an den Nachweis einer bislang nicht gekannten mathematischen Formel: Elf mal eins ist Null – elf große Namen sind keine Mannschaft.“ Abschließend busselt er Andreas Ottl: „Wenn man aus der kompakten Bayern-Einheit einen Einzelnen herausgreifen muß, dann Ottl, der auf der Position vor der Abwehr eine starke bis brillante Leistung bot.“

Höhere Fußball-Gewalt

Das Unentschieden gegen Barcelona werten die Journalisten im Einklang mit den Verantwortlichen als Erfolg für Werder Bremen. Jörg Marwedel (SZ) notiert einen Fortschritt: „Die in der Bundesliga zuletzt wenig harmonierende Werder-Elf hat gezeigt, was sie in drei Jahren Königsklasse gelernt hat. Sie hat sich wieder ein Stück an Europas Große herangearbeitet.“ Erneut ein Gegentor kurz vor Schluß – doch Gerd Schneider (FAZ) glaubt nicht, daß es ein Trauma auslösen werde: „Böse Erinnerungen an den schrecklichen Abend von Turin wurden lebendig, wo sie vor einem halben Jahr gegen Juventus ähnlich aufgetrumpft hatten; ein Blackout von Wiese verbaute ihnen damals in letzter Minute den Einzug ins Viertelfinale. Dieses Mal scheiterten die Bremer nicht an sich selbst, und Thomas Schaaf stellte das Remis als weiteren Schritt auf dem Weg an die europäische Spitze dar.“ Boris Herrmann (BLZ) wirft ein: „Werder Bremen könnte doch noch ein paar Unterrichtseinheiten beim FC Barcelona gebrauchen. Dringend auf den Lehrplan müßte die Frage, wie man einem Spitzenteam den Gnadenstoß versetzt, wenn man es vor den eigenen Augen taumeln sieht.“Doch Schneider hat andere Mächte am Werk gesehen: „Der Wunderknabe Messi kam über Werder wie eine höhere Fußball-Gewalt.“

FR: Werder saugt Kraft aus einem Unentschieden
NZZ: Torsten Frings leistet anscheinend nur gegen Weltklasseteams Weltklasse / Bayern erleichtert

Tsp: Schalke scheitert im Uefa-Cup an Nancy, Asamoah bricht sich das Bein und fällt sechs Monate aus

NZZ-Bericht Leverkusen–FC Sitten (3:1)

Deutsche Elf

Der Egon Krenz des Sportjournalismus

Das DFB-Kompetenzteam gründet sich, doch die Presse nimmt das Verhältnis der Beteiligten kritisch unter die Lupe; besonders Matthias Sammer wird mit Argusaugen betrachtet / Die Sport Bild wendet ihren Hals und verliert ihr Gedächtnis: Sie fordert die Liga auf, sich an Klinsmann zu orientieren / Trend zur Jugend in der Bundesliga?

Das erste Treffen des DFB-Kompetenzteams hat zur Folge, daß die Redaktionen das Verhältnis der Beteiligten beäugen, in erster Linie das zwischen Oliver Bierhoff und Joachim Löw auf der einen und Matthias Sammer auf der anderen Seite. Michael Horeni (FAZ) berichtet gestern von Bierhoffs Skepsis an Sammer: „Sammers konzeptionelle Befähigung für den Sportdirektorposten bezweifelte Bierhoff von vornherein. Öffentliche Auseinandersetzungen haben die beiden Europameister von 1996 bisher jedoch vermieden, sie pflegen ein demonstratives Nichtverhältnis.“ Hoffnung, der neue Ausschuß könnte den deutschen Fußball voranbringen, hegt Horeni nicht: „Wie angesichts des latenten Mißtrauens und der unterschiedlichen Anschauungen eine wirklich ergebnisoffene Diskussion nach dem besten Weg des deutschen Fußballs möglich sein soll – diese Kernfrage könnte selbst für das stattliche Kompetenzteam ein auf ewig ungelöstes Geheimnis bleiben.“

Jetzt wollen alle mitreden

Auch Joachim Löw sagen die Fußballmedien nach, daß er mit Sammer auf nicht viele grüne Zweige kommen werde. Das Monatsmagazin Rund schlägt sich auf die Seite der „Klinsmänner“ – so heißen die Befürworter und das Gefolge des Ex-Bundestrainers – und vermutet, daß die Verbindung zwischen Löw und Sammer wegen der lumpigen Umstände von Sammers Inauguration für die Zukunft gestört sei: „Das Schwierige an Löws Job hat rote Haare, Sommersprossen, hört auf den Namen Matthias Sammer und wurde von den Besitzstandswahrern des deutschen Fußballs und deren Verbündeten auf den Job des Sportdirektors gehievt. Wie wichtig der bei Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart gescheiterte Trainer für die Entscheidung Klinsmanns war, seinen Vertrag mit dem DFB nicht zu verlängern, ist noch zu klären. Sammer profitiert aber davon, daß Klinsmann, Löw und Bierhoff den Job des Sportdirektors – im Vertrauen darauf, daß es Bernhard Peters wird – mit vielen Kompetenzen ausgestattet hat. Doch während Klinsmann in diesem Fall wohl die Machtfrage gestellt hätte, ist Löw vorsichtiger. Ob er mit Sammer jemals vertrauensvoll zusammenarbeiten kann, ist gleichwohl fraglich.“

Horeni fragt sich, was Sammer eigentlich will und vorhat und zieht noch einmal sarkastisch über das Establishment her, das Anfang des Jahres mit der Verpflichtung des neuen Sportdirektors nur Klinsmanns „fachfremden“ Peters verhindern wollte: „Fast fünf Monate ist Sammer nun in einem Amt, das der DFB über hundert Jahre lang nicht vermißt hat. Aber als kurz zuvor ein Hockey-Bundestrainer für diese Aufgabe vorgeschlagen wurde, ist der Schreibtischjob des DFB-Sportdirektors so wichtig geworden, daß jetzt alle mitreden wollen – und das dürfen sie nun auch ganz offiziell.“ Horenis Fazit: „In zentralen Fragen wurden die Gemeinsamkeiten zwischen Sportdirektor und Nationalmannschaftsführung nicht oder nur ganz schwach sichtbar.“

Ich bin Sportdirektor – ich bin Stratege

Von Löw erwartet Rund große Dinge: „Die Revolution ist nicht vorbei, sie wird permanent. Klinsmann forcierte mit seiner kompromißlosen Art die Umwälzungen im deutschen Fußball im Schnelldurchgang. Mit Löw setzt der zweite, der stille Teil der Revolution ein, die den deutschen Fußball jetzt nachhaltig ändern soll. Während Klinsmann es verstand, das Team zu motivieren und bei den Nationalspielern im Ruf steht, ein emotionaler Hexer zu sein, hat sich Löw den Respekt durch seine fachliche Kompetenz erworben.“

Zwei sehr lange, fast identische Interviews mit Sammer in der FR und in der SZ, aus dessen Weisheiten man nicht so recht schlau wird, auch weil alles so verbissen klingt: „Eines wird in tausend Jahren noch Bestand haben: Das sind Regeln des Anstands und des Durchsetzens. Und wenn wir diese Regeln nicht mehr an unsere Jugendlichen weitergeben, wenn wir ihre Persönlichkeiten nicht mehr in diese Richtung entwickeln, dann habe ich Angst, daß wir die falschen Botschaften vermitteln.“ Freilich findet man in den Aussagen wenig, dem sich widersprechen ließe. Der Gipfel ist allerdings eine Behauptung, die die SZ auch noch in den Titel hebt: „Ich bin Sportdirektor – ich bin Stratege.“ Als stünde er vorm Spiegel, zöge sich eine Offiziersuniform an und sagte zu sich innerlich: „Kleider machen Leute.“

Tsp: Peters soll für das Kompetenzteam querdenken
FAZ: Peters soll den DFB beraten

Gewendete Hälse

Aus Sammers Trainerzeit wissen wir: Gegen ihn ist Rumpelstilzchen ein Phlegmatiker, und gegen Pit Gottschalk, den Chefredakteur der Sport Bild, ist Egon Krenz ein standhafter Sturkopf. Noch zu Zeiten, als die deutsche Elf an der WM die Vorrunde erfolgreich hinter sich gelassen hatte, ließ Gottschalk, oft in Verbund mit Offiziellen aus der Liga und dem DFB, an Klinsmann kein gutes Haar; nach der WM hat die Sport Bild, die sich selbst für ihre wahnsinnige gelungene WM-Berichterstattung feierte, in einem Nebensatz Klinsmanns Berge an Errungenschaften knurrend abgetan; einem Medienmagazin, das vor der WM erschien, hat ein anderer hochrangiger Sport-Bild-Reporter auf die Frage, worauf er sich freue, grimmig geantwortet: „auf den Tag, an dem Ottmar Hitzfeld Bundestrainer wird.“

In der vorletzten Ausgabe wendet die Sport Bild nun ihre Hälse.
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Deutsche Elf

Fortsetzung: Der Egon Krenz des deutschen Sportjournalismus

In der vorletzten Ausgabe wendet die Sport Bild nun ihre Hälse: „Wo sind sie nun, die Erben? Also Bundesliga-Klubs, die ihre internationale Konkurrenz in Erstaunen versetzen wie das DFB-Team im Sommer? Es ist ein Jammer, daß die Euphorie an manchen spurlos vorübergegangen ist“, beschwert sich die Zeitung, an der die sommerliche Klinsmann-Euphorie spurlos vorübergegangen ist. „Wo bleibt sie, die Fortführung des neuen deutschen Spiels? Wo der Offensivgeist, wo der hemmungslose Optimismus?“, fordert der ehemalige Generalsekretär des deutschen Pessimismus. Mit Blick auf die Europacupspiele (der ersten Runde) heißt es: „Die deutschen Auftritte waren nicht nur größtenteils erfolglos, nein, sie waren uninspiriert, ohne erkennbaren Plan und Ziel, also völlig frei von allem, wofür Jürgen Klinsmann und Joachim Löw stehen. Haben Sie vor dem Europapokalstart einen deutschen Trainer gehört, der gesagt hat: ‚Egal, wie schwer es ist, wir wollen den Wettbewerb gewinnen!‘?“ Wo er recht hat, hat er ja recht; doch wie oft packte die Sport Bild Klinsmann am Kragen und drängte ihn zur Revision seines Ziels, Weltmeister zu werden? Und wie gerne hätten sie ihn nach einem Ausscheiden im Achtelfinale dafür ausgelacht!?!

Selbst im Zurückrudern kann man zu weit gehen

Der Kommentar zum Hockey-WM-Titel im Innenteil muß ein Selbstgespräch sein, eine Selbstgeißelung, eine Beichte in der dritten Person: „Im Gegensatz zu den Fußballern sind die Hockey-Männer Weltmeister geworden und zum zweiten Mal in Folge bestes Team der Welt. Und beide Male hieß der Bankverantwortliche Bernhard Peters. Jener Mann, den man im DFB vor der Fußball-WM abgelehnt hat. Wegen vor allem im Fußball gern gepflegter Borniertheit, daß Vergleiche mit anderen Sportarten unzulässig seien und insofern kein Beratungsbedarf bestehe – erst recht nicht von einem Hockeytrainer. Die vielen ach so irren Personalien, die Klinsmann dennoch durchsetzte, sind längst kleinlaut für gut befunden worden. Bei Peters hätte man wohl auch Abbitte geleistet. Vielleicht wäre Deutschland 2006 mit ihm als Berater sogar zweimal Weltmeister geworden: im Hockey und im Fußball.“ Wer die verächtlichen Kommentare der Sport Bild gegen Peters oder (vor allem) gegen Mark Verstegen, auf den hier angespielt wird, auch nur schemenhaft in Erinnerung hat, dem dürfte man an dieser Stelle ein vorsichtiges Einhaken nicht verwehren. Mal abgesehen davon, daß nie geplant war, Peters vor der Fußball-WM einzubinden, sondern erst jetzt – nach der Hockey-WM. Selbst im Zurückrudern kann man zu weit gehen.

Worauf wir uns in nächster Zeit freuen? Auf den Kommentar Peter Neururers oder eines anderen eitlen Vogels über die Kabinenansprachen Klinsmanns, die in Sönke Wortmanns Sommermärchen wohl von Millionen bestaunt werden. Werden wir den Satz hören: „Das mach ich doch schon seit Jahrzehnten (wahlweise auch: nicht mehr) so!“?

SZ: Robert Enke wahrscheinlich dritter Torhüter, Timo Hildebrand wird nach seinem Einsatz gegen Georgien um seinen Platz kämpfen müssen

Jugendstil mit viel Tamtam

Peter Heß (FAZ) kommentiert den angeblichen Bundesliga-Trend zu jungen Deutschen, wie ihn die DFL soeben verkündet: „Mancher Verein wurde durch die finanzielle Not zum Jugendstil gezwungen. Einige stiegen ab, wie Kaiserslautern in der vergangenen Saison, als die Pfälzer spät mit dem eigenen Nachwuchs versuchten, den Rückstand wettzumachen, den das Legionärsteam herbeigeführt hatte. Aber es gibt Gegenbeispiele wie den VfB Stuttgart vor einigen Jahren oder wie derzeit die Frankfurter Eintracht und Hertha BSC – Mannschaften mit einem stark regionalen Charakter, die erfolgreich spielen. Und natürlich ist Klinsmanns Nationalmannschaft das beste Beispiel dafür, wie weit es deutsche Spieler bringen können, wenn man sie fördert und läßt.“ Christoph Biermann (11 Freunde) stellt klar: „Den Weg der Jugend zu gehen, versucht hierzulande konsequent nur ein einziger Verein: Der SC Freiburg definiert sich als Ausbildungsklub, und im Profikader stehen derzeit ein Dutzend Spieler, die aus der eigenen Fußballschule kommen. Ob das für den Bundesligaaufstieg reicht und ob die Fans unerfahrenen Spielern aus eigener Jugend auch langfristig Fehler verzeihen, muß sich noch weisen. Aber in der Zwischenzeit macht bestimmt ein anderer Klub mit viel Tamtam auf seinen ‚Jugendstil‘ aufmerksam. Nur, wie steht es eigentlich um die Finanzen, Hertha BSC?“

NZZ: Sportmedizin: Über die hohe Bedeutung der Ausdauer im Fußball

Zeit: Ein Interview mit dem selbstgerechten Johannes Kerner über die Kritik des ZDF an seinen Werbeverträgen und der „Kernerisierung“ des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der Kernerisierung, die man neulich wieder im ZDF-Sportstudio beobachten konnte: Joachim Löw ist zu Gast, und Kerner umschifft jedes heikle Thema: Verhältnis zu Sammer, Kooperation mit der Liga, Verhältnis zu den Medien, mögliche Vorbehalte gegen ihn wegen seiner „Verwandtschaft“ mit Klinsmann. Stattdessen reden Sie über – ja worüber eigentlich? Gefühle bei der Nationalhymne? Kochrezepte? Ich weiß es nicht mehr.

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Donnerstag, 28. September 2006

Champions League

Gute Fußballer allesamt, doch noch längst keine Mannschaft

Die 0:1-Niederlage des Hamburger SV bei ZSKA Moskau kommentieren die Journalisten mit Pessimismus und Resignation. Als Ursache der Hamburger Schwäche in dieser Saison werden die vielen Spielerwechsel ausgemacht; die Hauptschuldigen sind der Presse zufolge Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer und der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann, denen sie vorwirft, das Hamburger Humankapital veräußert zu haben.

Carsten Harms (Welt) macht dem Hamburger Vorstand Vorhaltungen: „Fußballspieler kann man nicht in einem Handstreich wechseln wie die Reifen bei einem Formel-1-Rennwagen. Das interne Gefüge im Team des HSV ist in diesem Sommer zerstört worden. Ein neues konnte sich noch gar nicht bilden angesichts dessen, daß drei der neuen Spieler erst unmittelbar vor Ende der Transferfrist eintrafen. Erschwert wird die Teambildung zudem durch die inzwischen eklatanten Gehaltsunterschiede selbst unter den Stammspielern. Es spricht für Thomas Doll, daß er sich aus Loyalität zu seinem Arbeitgeber nicht über die sportlich verheerende Personalpolitik seiner Vorgesetzten Hoffmann und Beiersdorfer öffentlich beklagt, obwohl er allen Grund dazu hätte. Die Folgen muß er ohnehin ausbaden.“ Boris Herrmann (BLZ) malt schwarz: „Der Verein muß sich fragen lassen, warum er einen radikalen Umsturz erwirkte, obwohl nur eines nötig gewesen wäre: so weiterzumachen. Nun steht der HSV mit Personal da, das alles mitbringt, was man für Niederlagen braucht.“

Wie geht’s weiter mit dem HSV? Sascha Zettler (FAZ) räumt dem Vorstand ein, daß er immerhin seinem Trainer vertraue: „Die Verantwortlichen Hoffmann und Beiersdorfer realisieren, daß ihre Transferpolitik weiter reichende Folgen hat, als sie sich das zunächst eingestehen wollten. Das heißt mit anderen Worten: Sie haben Doll in diese Lage manövriert. Jetzt lassen sie ihm die Zeit, eine Mannschaft, die noch immer keine ist, wieder aus der Krise zu führen. Ob und wann das gelingt, scheint völlig offen.“ Unter der Schlagzeile „Wo früher eine Mannschaft war“ trauert Jörg Marwedel (SZ) der Hamburger Stärke der letzten Saison nach: „Im ungünstigsten Fall könnte am Ende die fatale Erkenntnis stehen, daß der radikal veränderte und immer teurere Kader mit seinen dreizehn Nationalitäten zwar über immer bessere Fußballer verfügt, aber nicht mehr über ein Team mit der richtigen Mentalität und echtem Zusammenhalt. (…) Gute Fußballer allesamt, doch noch längst keine Mannschaft.“ Zettler nimmt sich auch Doll vor: „Vieles deutet darauf hin, daß das Team einen vorläufigen Tiefpunkt, aber noch längst nicht das Ende seiner Schaffenskrise erreicht hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Auch der Coach kann sich nicht ausklammern bei der Fehlersuche. In Moskau war er von seiner Taktik und seinen Prinzipien abgewichen. Weg von der Raute im Mittelfeld und der Maßgabe, mit Überzeugung das eigene Spiel durchzudrücken, hin zu einer zaghaften Ausrichtung mit einem ‚Doppelsechser‘.“

Hat der Verein leichtfertig seine Spieler verkauft? Die Schelte ist leicht gesagt. Doch wie hätte der HSV Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz halten sollen, wenn Chelsea und Bayern mit Scheinen wedeln? Sollte der Fußballfreund nicht überhaupt froh sein, daß der Söldner und Treter Boulahrouz weg ist aus Deutschland? Und daß die Hamburger Verantwortlichen so vernünftig gewesen sind, die Qualifikation zur Champions League abzuwarten, bevor sie noch ein paar teure Spieler kaufen, könnten zumindest diejenigen Redaktionen als Kaufmannsvernunft auslegen, die zum Beispiel Schalke vorhalten, zu riskant zu wirtschaften.

Tsp: Der HSV steckt tief in der Krise, aber der Trainer steht nicht zur Debatte

NZZ-Bericht Werder–Barca (1:1)

NZZ-Bericht Inter–Bayern (0:2)

Mittwoch, 27. September 2006

Champions League

Sieben aus dem Steinbruch

FC Barcelona, Vorbild an Harmonie, Ästhetik und Ausbildung / Probleme des Bremer Innenlebens – Flickwerk Inter unter Abhörverdacht / Mark van Bommel, Bayerns neuer Leitspieler

Paul Ingendaay (FAZ) liebt den harmonischen Akkord des FC Barcelona: „Barcelonas Erfolg ruht auf drei Säulen: dem jungen, ehrgeizigen Präsidenten Joan Laporta, der 2003 nach einer langen Vereinskrise das Ruder übernahm, dem jungen, ehrgeizigen Trainer Frank Rijkaard, der bis dahin noch keinen Titel errungen hatte, und einem organisch gewachsenen Kader von Klassespielern. Nach zwei Meisterschaften in Folge und dem Gewinn der Champions League steht wohl fest, daß die Qualität von Stars auch auf ihrer Fähigkeit beruht, sich einzuordnen.“ Besonders schmeichelhaft ist der Vergleich mit der Hauptstadt. Ingendaay streicht damit Barcelonas Kollektiv heraus: „Während man bei Real Madrid stets zwischen der feinen A-Mannschaft und der billigen B-Mannschaft zu unterscheiden pflegte, wollte Rijkaard in Barcelona genau das Gegenteil erreichen: über zwanzig nahezu ebenbürtige Topspieler zu verfügen, die die Titeljagd als gemeinsame Aufgabe begreifen und sich nicht zu schade für die Ersatzbank sind.“

Rijkaards Ruhe und Zurückgenommenheit seien wesentliche Ursachen für den Aufschwung: „Ohne jedes autoritäre Getue ist es dem Coach gelungen, seine Großverdiener zu disziplinieren. Der Erfolg hat sie fügsam gemacht. Alle Fäden laufen bei dem stillen Holländer zusammen, der mit dem FC Barcelona eine Vision verwirklicht hat. Vielleicht, weil Rijkaard ein Startrainer ist, der nicht wie einer auftritt, vermag er alles zugleich zu sein: Guru, Vertrauenstrainer, Stratege und Dompteur.“ Boris Hermann (BLZ) legt Barcelonas Wurzel frei: „Seit Johan Cruyff 1988 den Trainerposten übernahm, vier Mal hintereinander Meister wurde und einmal den Europapokal gewann, steht Barça in erster Linie für drei Dinge: ein offensives System, schnelle Kurzpässe als Leitmotiv und ein Grundvertrauen in den eigenen Nachwuchs. Rijkaard hat das Erbe von Cruyff wiederbelebt, nachdem der Klub zwischenzeitlich seine Prinzipien aufgegeben hatte und nahe an der Bedeutungslosigkeit gewandelt war.“ Hermann empfiehlt Nachahmung: „Man müßte meinen, daß auch der Letzte verstanden hat, wie erfolgreich Hochgeschwindigkeitsfußball sein kann, als Rijkaard in der vergangenen Spielzeit die Champions League gewann. Nun, zumindest in Deutschland tun sie sich weiter schwer damit.“

Ronald Reng bekräftigt im Monatsmagazin Player ausführlich den Wert, das Durchdachte und den Effekt von Barças Ausbildung: „Es ist die übersehene Arbeit Barças: die beste Nachwuchsarbeit der Welt. Die Verantwortlichen anderer Klubs wie Karl-Heinz Rummenigge klagen, daß Barça so viel mehr Geld vom Fernsehen bekomme und sich deshalb die größten Stars wie Ronaldinho, Deco und Eto‘o kaufen könne – daß Barça mehr Stars macht als sonst ein Spitzenklub, erwähnt Rummenigge nie. Leo Messi, das Wunderkind, Xavi Hernández, der nie den Ball verliert, Carlos Puyol, der Kapitän und personifizierte Wille des Teams, dazu Torwart Victor Valdés, die Mittelfeldkombo Andrés Iniesta und Thiago Motta sowie Außenverteidiger Oleguer Presas: Von den vierzehn, fünfzehn Fußballern, die den Kern ihrer Ausnahmemannschaft bilden, holte Barça sieben aus dem ‚Steinbruch‘ (la Cantera, der Steinbruch, heißt im spanischen Fußball die Jugendabteilung). (…) In Barcelona teilen sich an vielen Trainingsabenden vier von Barças Jugendmannschaften einen Kunstrasenplatz. In Deutschland würden C-Jugendteams von Bezirksligisten aufschreien, so könnten sie nicht trainieren. Barça aber kann. Für viele der Trainingseinheiten braucht es nicht mehr Platz, denn das ist einer der Schwerpunkte von Barças Ausbildung: zu lernen, auf minimalem Platz zu spielen. Später bei den Profis wird es auch nicht anders sein.“

Offenkundige ungelöste Probleme

Frank Hellmann (FR) beschreibt das Bremer Innere: „Die Probleme sind offenkundig nicht gelöst. Der Kameruner Pierre Womé outet sich bislang als wortkarger Einzelgänger, die schleppende Integration der portugiesisch sprechenden Clique um die Brasilianer Diego, Naldo und den Portugiesen Hugo Almeida ist sogar vom besonnenen Baumann angeprangert worden, und den Nationalspielern Frings und Borowski hat die interne Kritik zugesetzt.“

BLZ: Diego trickst nicht mehr – die Kritik hat Bremens Regisseur eingeschüchtert
SZ-Interview mit Diego über die Kritik aus der Mannschaft an ihm

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Dienstag, 26. September 2006

Internationaler Fußball

Aktuelle Links

Klaus Schlütter (Welt) befaßt sich mit dem Schweizer Tabellenführer: „Der unumstrittene Star der Grashoppers Zürich ist Trainer Krassimir Balakow. Er hat ein Händchen für die jungen Talente. Er ist ein Disziplinfanatiker, findet die richtigen Worte zur Motivation. Und wenn der Meister im Training selber mal das Bällchen streichelt, schauen die Spieler und Anhänger mit leuchtenden Augen zu.“

NZZ: Tevez und Mascherano bringen West Ham aus dem Gleichgewicht / Geldwäsche-Verdacht erhärtet

NZZ: Im Real-Team wird Capellos Handschrift sichtbar

NZZ: Gefährdete Ausbildungspolitik in Nantes

Champions League

Teamplayer und Spiegel-Leser

Vor dem Spiel in Moskau richten sich manche Journalistenaugen auf Bastian Reinhardt,Hamburgs bodenständigen Verteidiger

Der HSV spielt heute beim Uefa-Cup-Sieger aus dem Jahr 2005, ZSKA Moskau. Ein Sieg wird ihm also schwerfallen, dennoch ist darauf zu hoffen, damit wir nicht jeden Tag in jeder Zeitung lesen müssen, wie viele „Pflichtspiele“ der HSV hintereinander nicht gewonnen habe. Höchstwert ist inzwischen zehn, denn meist werden sogar noch die zwei Niederlagen am Ende der Saison 05/06 zur Dramatisierung der Hamburger „Krise“ hinzugerechnet; angesichts der geglückten Champions-League-Qualifikation gegen Osasuna im August durch zwei Unentschieden ist diese Nichtsieg-Addition ohnehin eine sehr spitzfindige Rechnung (die also nicht aufgehen würde, wenn der HSV gegen Osasuna, sagen wir, 2:1 gewonnen und 1:3 verloren hätte und somit die Qualifikation zur Champions League verpaßt hätte).

Die Zeitungen werden nun auf einen Hamburger Spieler aufmerksam, der bisher im Schatten stand: Bastian Reinhardt. Frank Heike (FAZ) hebt dessen Bodenständigkeit hervor: „In Zeiten, in denen es ausreicht, wie Reinhardt den ‚Spiegel‘ zu lesen, um als Intellektueller unter den Profis zu gelten, ist der Hamburg-Liebhaber ein gesuchter Gesprächspartner geworden. Es ist natürlich auch die Sehnsucht der Fans und Journalisten nach einer ehrlichen, deutschen Identifikationsfigur inmitten dieser ganzen Individualisten auf Selbstverwirklichungstrip, die den Teamplayer Reinhardt in der Beliebtheit nach oben schnellen läßt.“ Reinhardt werde auch deswegen von Trainer und Publikum so geschätzt, weil er das Gegenstück zum Söldner Boulahrouz sei, den er seit dem Hinspiel gegen Osasuna ersetzt, dem „Wendepunkt in Reinhardts bislang völlig undramatischer Karriere“. Heike blickt zurück: „Als der Schmierenkomödiant Boulahrouz plötzlich beim Warmmachen zusammenbrach und vom Platz getragen wurde, hatte Reinhardt genau fünf Minuten Zeit, sich auf das wichtigste Spiel seit Jahren vorzubereiten. Mit Glück und Geschick kämpften sich Reinhardt und der HSV durch die beiden Partien; die Belohnung hieß und heißt Champions League, für Reinhardt auch: Stammplatz.“ Jan Christian Müller (FR) stellt anerkennend fest: „Wenn sein Name bei der Mannschaftsaufstellung genannt wird, jubeln die Fans noch etwas lauter, als bei den meisten anderen HSV-Profis.“

Tsp: Rein, raus, rein – der Werdegang des HSV-Torhüters Wächter

Tsp: ZSKA wird von Größen aus Regierung, Militär und Wirtschaft gesteuert

NZZ: Die Last der Erwartungen – Bremen und der HSV vor schweren Champions-League-Matches

sueddeutsche.de: „Morgen spielt Bayern München zum ersten Mal in dieser Saison gegen eine Mannschaft mit klangvollem Namen“

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