indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 7. September 2006

Deutsche Elf

Eifersüchteleien und Machtspielchen

Der halbe DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wird von den Medien mit Kritik verabschiedet / Theo Zwanziger und Kardinal Lehmann über Jürgen Klinsmanns Rücktritt

Der halbe DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder scheidet morgen aus dem Amt; Blumen bekommt er von den deutschen Sportjournalisten nicht überreicht. Doch auch seitens des DFB hält sich der Beifall bisher in Grenzen, die FAZ vermutet, daß Mayer-Vorfelder mit der Ehrenpräsidentschaft geliebäugelt habe, die ihm weiter Stimmrecht im Präsidium sichern würde, ihm jedoch nur die Ehrenmitgliedschaft zugestanden werde: „Die Reibereien in der Führung dauern bis zum letzten Tag an.“ Doch Mayer-Vorfelder gibt auf allen Kanälen zu verstehen, daß ihn Ehrungen nicht interessierten.

Matti Lieske (BLZ) mißt die Ablehnung Mayer-Vorfelders durch das Fußballvolk akustisch und historisch und schüttelt sich ob dessen Eitelkeit: „Eine Träne wird Mayer-Vorfelder keiner nachweinen. Natürlich wird er mittels Ehrenmitgliedschaften weiterhin auf den Tribünen auftauchen, seine Umarmungen und feuchten Küsse verteilen und seinen Senf zu allem geben, stets mit schmollendem Unterton betonend, daß es ihn ja nichts mehr angehe. Aber das ist nicht dasselbe. Der Innenraum bleibt ihm künftig versperrt, ebenso die Vorstellung durch den Stadionsprecher und das obligatorische Pfeifkonzert. Während der WM hat er ausgiebig mit diesen Pfiffen kokettiert und jedem erzählt, daß dies zum Leben eines Funktionärs eben dazu gehöre. Dabei ist keiner seiner Vorgänger derartig ausgepfiffen worden, nicht einmal Hermann Neuberger. Mayer-Vorfelder hat sich die Unmutskundgebungen redlich verdient“.

Über eine läppische Trainersuche gestolpert

Michael Horeni (FAZ) schüttelt noch einmal seinen Kopf über die Künstlichkeit und die Absurdität der zweiköpfigen Präsidentschaft, die sich der DFB vor zwei Jahren ausgedacht hat, weil sein demokratisches Herz nicht groß genug gewesen ist, eine Wahl und einen Wahlkampf zwischen zwei Bewerbern auszuhalten: „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß ihn sein letzter repräsentativer Auftritt zur politischen Doppelspitze der Republik San Marino führte. Die beiden ‚Capitani Reggenti‘ stehen dem Kleinstaat nur für ein halbes Jahr vor; eine Gewaltenteilung, die sich in San Marino seit dem Mittelalter bewährt hat und in der Tradition der römischen Konsule steht. Die Zeit der ersten und vermutlich auch einzigen ‚Doppelspitze‘ im DFB geht dagegen eher unrühmlich zu Ende. Diese Konstruktion diente allein dazu, den Einfluß Mayer-Vorfelders zu begrenzen. Im Alltag wurden die Eifersüchteleien und Machtspielchen zwischen dem alten Amtsinhaber und seinem Rivalen Theo Zwanziger immer wieder sichtbar.“

Eine weitere Pointe: Mayer-Vorfelder, der in seinen dreißig Jahren als Sportfunktionär von den Medien oft stark kritisiert worden ist, etwa weil er seinen Klub VfB Stuttgart hoch verschuldet hinterließ, verlor die Rückendeckung des DFB bei seiner, was das Ergebnis betrifft, besten Tat. Bei der langen und lange erfolglosen Suche eines Nachfolgers für Rudi Völler im Sommer 2004, wurde er, ungeachtet der Schwierigkeit dieses Unterfangens, von Fans und Medien verhöhnt – obwohl er am Ende Jürgen Klinsmann fand. Lieske kommentiert bitter: „Daß erst eine läppische Trainersuche zu seiner Entmachtung führte und nicht all die politischen und sportlichen Affären zuvor, ist ein Skandal für sich.“

Auf dieser Position muß ein Fußballer sitzen

Theo Zwanziger wird heute von der FR auf den angeblichen Rücktrittsgrund Jürgen Klinsmanns angesprochen: Er habe sich in der Sportdirektorfrage Sammer/Peters von Zwanziger nicht ausreichend unterstützt gefühlt. Zwanziger antwortet: „Ich weiß nicht, ob er das wirklich so gesagt hat. Jürgen Klinsmann kann sich über meine Unterstützung in der gesamten Zeit aber sicher nicht beklagen. Wenn er es anders sieht, kann ich es auch nicht ändern. Ich erkläre es gern noch einmal: Ich hätte seinerzeit niemals gedacht, daß der anerkannte Bundesligatrainer Matthias Sammer überhaupt bereit sein würde, sich für den Nachwuchs zu engagieren und die Stelle als Sportdirektor anzunehmen. Für mich war von vorneherein völlig klar, daß auf dieser Position ein Fußballer sitzen mußte. Nie Peters alleine.“ Hinweis: Sammers Qualität als Stratege in der Jugendarbeit und in der Trainerausbildung wird von vielen Journalisten bezweifelt.

Unnötig bitter

Seine Eminenz Kardinal Lehmann respektiert im SZ-Interview Klinsmanns Rücktritt, kritisiert aber, daß er nicht zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erschienen ist: „Daß Jürgen Klinsmann allem Druck, ihn zum Weitermachen zu bewegen, standgehalten hat, fand ich menschlich sehr überzeugend. Man hat schnell vergessen, wie schäbig er lange behandelt worden ist. Das geht tief in das Präsidium des DFB hinein. Nachher sind ihm alle um den Hals gefallen, die vorher geschimpft haben. Schade fand ich hingegen, daß er den Termin nicht wahrgenommen hat, als Bundespräsident Horst Köhler ihm das Bundesverdienstkreuz verleihen wollte. Vielleicht war er hier in einer Weise bitter, wie es nicht nötig war. Warum dieser Trotz?“

Tsp: Die Zahl der Länderspiele wächst immer weiter – dagegen regt sich leiser Widerstand in der Bundesliga

SZ: Talente ohne Ende – nach zwei erfolgreichen Spielen schwärmt U21-Trainer Dieter Eilts von seiner Mannschaft. Ist es eine goldene Generation?

NZZ-Bericht Frankreich–Italien (3:1)

Mittwoch, 6. September 2006

Ball und Buchstabe

Schade, daß Frankreich nur gegen Italien spielt und nicht gegen Chelsea

Heute spielt Frankreich gegen Italien, und Fußballmoral steht hoch im Kurs: Marco Materazzi, von Zinédine Zidane auf die Hörner genommen, enthüllt nun den Dialog des 9. Juli, und das deutsche Internet erörtert, verteidigt, hält Plädoyers und fällt Urteile – bis Chelseas Bösewicht José Mourinho auftaucht und den Zorn auf sich lenkt

Das WM-Finale vom 9. Juli erfährt eine Neuauflage. Frankreich spielt in der EM-Qualifikation gegen Italien, „den verkaterten Stiefel“, wie die Berliner Zeitung auf das mickrige 1:1 des Weltmeisters gegen Litauen anspielt und auf die schlechte Fußballstimmung im Land des Fußballskandals, etwa den schwachen Dauerkartenverkauf der Liga.

Nun enthüllt Marco Materazzi, was er seinem Widersacher Zinédine Zidane vor dessen Rammstoß gesagt habe: „Deine Schwester wäre mir lieber“, will er Zidane entgegnet haben, der Materazzi nach dessen Zupfer gefragt habe, ob er als Fan an seinem Trikot interessiert sei – übrigens ein Gag aus Nikes Joga-Bonito-Werbekampagne mit Eric Cantona.

Abenteuerlichste Theorien

Über das Maß der Schuld Materazzis und das Vergehen Zidanes diskutiert das Internet unter großem Einsatz. Es gibt ein Voting auf sueddeutsche.de, ein Forum auf Spiegel Online, und in vielen Blogs und Redaktionen wird die Story zum Lehrstück der Fußballmoral. Die große Mehrheit wertet Materazzis Äußerungen (wie auch sonst?) als arglos, im Blog der 11 Freunde lesen wir: „Mag Materazzi weder der Hellste sein, noch sympathisch oder unschuldig, der Böse in diesem Spiel ist Zidane. Auf eine derart plumpe und aggressive Weise, auf eine zwar freche, aber bestimmt nicht beleidigende Replik, zu antworten macht den Fall, ergo die Schuld, eindeutig.“ Auch Isaac Bah (zeit.de) kann Zidanes Brutalität nicht verstehen: „Im Vergleich mit all den schlimmen Ausdrücken und Beleidigungen für Ohr und Verstand, die Fernsehzuschauer schon im Nachmittagsprogramm über sich ergehen lassen müssen, mutet dieser verbale Schlagabtausch erfrischend harmlos an. Beinahe humorvoll, was Zidane im Eifer des Gefechts noch so von sich geben kann. Die Replik Materazzis fällt ein wenig ab, die darauf folgende Reaktion Zidanes aber umso mehr. Sollte dies tatsächlich der Original-Wortlaut des Gesprächs zwischen den beiden Fußballprofis gewesen sein, bleibt für Zidanes Kopfstoß nur Kopfschütteln übrig.“

Bah ruft die Spekulationen und Verleumdungen ins Gedächtnis, die unmittelbar nach dem Vorfall die Runde machten, und die aus dem Schläger den Helden machten und aus dem Geschlagenen den Schuldigen: „Bald tauchten die abenteuerlichsten Theorien darüber auf was Materazzi Zidane Schlimmes gesagt haben könnte. Schnell bildeten sich einige Lager. ‚Es muß etwas Rassistisches gewesen sein‘, sagten die einen, andere vermuteten eine ehrenrührige Beleidigung von Zidanes Familie. In einem waren sich alle einig, es muß eine ungeheure, nie zuvor gehörte Beschimpfung gewesen sein. Ein kleines Grüppchen offenbar Ahnungsloser verwies darauf, daß Zidane schon häufiger in Spielen die Nerven verloren hatte, auch ohne erkennbaren Anlaß. Überflüssig zu sagen, daß diese Einschätzung beim Gros der Fußballfans nicht viel Anklang fand.“

Rassistische Verteidigung

Der 11-Freunde-Blog bürstet die Zidane-Apologie gegen den Strich: „Endlich ist Schluß mit den positiv gemeinten Bemerkungen zugunsten Zidanes, die aber in Wahrheit zutiefst rassistisch waren. ‚Das darf man einem Nordafrikaner nicht sagen, da flippt der doch logisch aus!‘ oder ‚Das ist das schlimmste für einen Araber, wenn Du seine Mutter beleidigst!‘ Na klar, so ist er eben, der glutäugige Berber, temperamentvoll und stolz, der heißblütige Algerier, wild und seiner unbändigen Instinkte einfach nicht Herr, vergleichbar dem Neger mit dem Rhythmus im Blut, dem Juden und seiner Geschäftstüchtigkeit oder dem Kraut mit dem Pickelhelm. Gewalt ist immer unsportlich. Und ein Vorurteil einer Volksgruppe gegenüber ist immer rassistisch, selbst wenn es den Vorverurteilten verteidigen soll.“ Wolfgang Gärner (SZ) geht die ganze Debatte am Vielzitierten vorbei: „Wir warten nun schon eine geraume Weile auf Mitteilung unserer Gleichstellungsbeauftragten, ob wenigstens der Tatbestand einer sexistischen Entgleisung gegeben ist.“

SZ: Die Italiener empfinden die Strafe für Materazzi als ungerecht
NZZ: Nichts ist beendet – WM-Finale läßt das EM-Qualifikationsspiel zwischen Frankreich und Italien nicht los

Einen Ballack machen

Ein sehr lesenswerter Vorbericht zum Match stammt wieder einmal aus der Tastatur Christian Eichlers (FAZ). Er erkennt, daß Frankreichs Zorn ein neues Ziel anpeilt: nicht mehr Italien und Materazzi, der ohnehin gesperrt ist, sondern Chelseas Bösewicht José Mourinho. Wie ist’s gekommen? Eichler rekonstruiert: „Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech fand eine elegante Möglichkeit, dem Italien-Thema die Hitze zu nehmen: Er hat einen Nebenschauplatz für Nervenduelle aufgemacht“: Er hat Claude Makelele, der eigentlich nach der WM zurücktrat, eingezogen, was durch Fifa-Regeln gestützt ist. Makelele versichert nun, er werde spielen, aber gegen seinen Willen. Mourinho bezeichnet das als „Sklaverei“, was angesichts der Hautfarbe Makeleles besonders roh und unsensibel klingt. Domenech entgegnet, Mourinhos Ausfall sei „beleidigend für alle, die im Kampf gegen Sklaverei ihr Leben opferten“. Chelsea verteidigt daraufhin Mourinhos Wortwahl als „Sprachbild“, als wäre damit alles zu rechtfertigen.

Der Dialog erhalte eine „besondere Note“ durch den Umgang Chelseas mit dem Franzosen William Gallas, schreibt Eichler. Dem abtrünnigen „früher hochgelobten Angestellten“ werfe der Verein „reichlich Dreck hinterher“, indem er ihm unterstellt, seinen Wechsel nach Arsenal durch die Drohung, Eigentore zu schießen und Rote Karten zu sammeln, erzwungen habe. Eichler schließt mit einer kernigen Pointe: „Schade eigentlich, daß Frankreich nicht gegen Chelsea spielt. Sondern nur gegen Italien.“

Wissen Sie, was es bedeutet, „einen Ballack zu machen“? Von Eichler erfahren wir es: Es sei widersprüchlich, Gallas Geldgier zu unterstellen, wie Chelsea es tut, „da er nur ein Jahr noch seinen Vertrag hätte aussitzen müssen, um dann ablösefrei einen Ballack zu machen, also die durch den neuen Klub gesparte Transfersumme als Gehaltsaufschlag zu kassieren.“

Totale Konzentration auf den Erfolg

Christian Hönicke (Tsp) spricht dem FC Chelsea das Recht ab, sich über Spieler aufzuregen, die ihren Verein trotz laufendem Vertrag verlassen wollen: „Der FC Chelsea ist als Role Model des modernen Klubfußballs an der Entwicklung hin zur Widernatürlichkeit nicht ganz unschuldig. Mit Hilfe eines Milliardärs und der Legitimation des Bosman-Urteils hat sich der Verein quer durch die Fußballwelt gekauft. Chelsea steht für die totale Konzentration auf den Erfolg bei totaler Loslösung von lokalen Aspekten. Kann man es den Spielern da zum Vorwurf machen, daß auch sie bei besseren Angeboten durch die Fußballwelt ziehen?“

FR: Der Brasilianer namens Mehmet – ein Ausländer im türkischen Nationalteam erregt Protest

Deutsche Elf

„Es gibt keine schwachen Gegner mehr“– ein Völlerismus, der heute noch wehtut

Einige offene Aussagen Theo Zwanzigers in einem SZ-Interview über verschiedene Themen / Vor San Marino wird nicht gewarnt / Über Tennisbälle und Torrekorde – was man über den heutigen Gegner wissen muß

Die SZ entlockt heute Theo Zwanziger in einem Interview einige direkte Aussagen über verschiedene Themen. Den Streit zwischen Matthias Sammer und Oliver Bierhoff leugnet er erst gar nicht, will ihm stattdessen die Schwere nehmen: „Mir ist ein kleines Spannungspotenzial lieber als wenn Friedhofsruhe herrscht und die Süddeutsche schreibt: Ist der DFB ganz eingeschlafen?“ Zwanzigers Fazit des Schuhstreits kommt einer Abbitte an Adidas gleich: „Unser Partner wurde verprellt. Das ist mehr als bedauerlich und kaum entschuldbar. Das ist unser Versäumnis gewesen.“

Aus seinen Darlegungen über die Verantwortung des DFB im Zwischenmenschlichen lassen sich, zieht man die übliche Esoterik ab, konkrete Diagnosen und Pläne destillieren; vor allem dem Rassismus, der besonders im ostdeutschen Amateurfußball grassiert, wolle er den Kampf ansagen: „Die Konflikte zwischen verschiedenen Nationalitäten zu lösen, das ist die große Aufgabe. Dafür brauchen wir einen Integrationsbeauftragten. Jemanden mit Migrationshintergrund, der glaubwürdig ist. Wir werden Personal einstellen und Botschafter aus dem Nationalteam berufen, Gerald Asamoah zum Beispiel.“ Seine reichen Nationalspieler nimmt er in die Pflicht: „Wir planen auch eine große Offensive in den Grundschulen, und ich hoffe, daß sich unsere Nationalspieler dort zeigen werden – und nicht mehr an Schuhkrieg denken.“

Das Verhältnis zwischen Profi- und Amateurfußball schildert Zwanziger in poetischen, aber offenen Worten: „Zwischen dem Spitzenfußball und dem ehrenamtlichen Bereich gibt es viele Emotionen. Die Profis haben darunter gelitten, daß sie sich bei der Gründung der DFL die Zustimmung des DFB-Vorstandes holen mußten, der überwiegend aus Amateurvertretern bestand. Bei den Amateuren war es umgekehrt, da wird schnell der Vorwurf gebaut: Bei denen geht es immer nur ums Geld, und wir leisten die Arbeit. Wir sind auf zwei Ufern eines Flusses, und die wichtigste Aufgabe eines DFB-Präsidenten ist es, eine stabile Brücke darüber zu erhalten.“ Den Kollegen Gerhard Mayer-Vorfelder verabschiedet er mit einer klaren Charakteristik und mit Kritik, wenn auch in politischer Rhetorik – aber ohne, wie das zu erwarten gewesen ist, Beschönigungen: „Sein Denken war, bedingt durch sein politisches Leben, geteilt in Regierung und Opposition. Ich sehe das anders. Man muß in einer solchen Position nicht spalten. Man muß auch mal sagen können: Ich habe einen Fehler gemacht. Bei mir ist der Weg, auf andere zuzugehen, stärker angelegt als bei ihm. Aber er ist ein glühender Fußballfan, ein Mann, der den Fußball in allen Facetten sieht, auch wenn er dem professionellen Fußball näher steht.“

Man muß dem Sport die Chance geben, das Problem mit seinen Mitteln zu lösen

Beim Thema Doping, Dauerbrenner des Sportsommers, wird Zwanziger leider etwas ungenauer. Zwar habe er es im Blick, obwohl im Fußball nicht mal nennenswerte Gerüchte kursieren: „Wir sind, um es vorsichtig zu sagen, nicht ganz so stark betroffen wie andere Verbände. Ich schließe nicht aus, daß sich dies ändern kann. Wir müssen uns mit dem Problem auseinandersetzen.“ Doch wie gut und verläßlich die Doping-Kontrollen im Fußball sind, besonders in der Reha, darüber gibt es unter Experten auch andere Auffassungen als die Zwanzigers: „Durch unsere Kontrollen und die starken Sanktionen besteht eine hohe Abschreckung. Wenn in einer Mannschaft ein schwarzes Schaf auftaucht und das ganze Team bestraft wird, verpflichtet das die Vereinsverantwortlichen zu erhöhter Sorgfalt“ (schönes schiefes Bild: „wenn ein schwarzes Schaf auftaucht“; es gehört in die Reihe „Auch über diese Wunde wird noch Gras wachsen“, Anm. d. Metaphernpolizei).

Auf die Frage, ob er sich ein Anti-Doping-Gesetz wünsche, antwortet Zwanziger mit einem Satz, bei dem den Anti-Doping-Kämpfern die Ohren klingeln: „Man muß dem Sport die Chance geben, das Problem mit seinen eigenen Mitteln zu lösen.“ Heikel ist diese Forderung deswegen, weil sich Doping- und Sportkorruptionskämpfer einig sind, daß die Sportjustiz in den letzten Jahrzehnten versagt hat, ja daß sie Teil des Systems ist. DOSB-Präsident Bach ist durch seine Verschleierungen in der Frage, wieviel Befugnis der Sport künftig an den Staat abzutreten habe, stark in die Kritik der Sportpresse geraten. Zwanzigers Position ist in diesem Punkt nicht klar: „Wir brauchen die Gesetze, ob die sich jetzt Anti-Doping-Gesetz oder Arzneimittelgesetz nennen, ist mir völlig egal. Allein indem man den Begriff ändert, hat man ja nichts verändert – in dem Punkt bin ich bei Thomas Bach. Man braucht zwei Dinge: Klare gesetzliche Grundlagen. Und das Vorgehen des Sports in seiner eigenen Verantwortung. Er muß die Chance haben, das selbst zu regeln.“

Den Umgang des DFB im Fall Hoyzer stellt Zwanziger als vorbildlich dar (in der Tat wird ihm persönlich von den Beobachtern eine aktive Rolle zugestanden): „Wenn Sie die Behandlung unseres Wettskandals sehen, ist das die Art, wie man vorgehen sollte. Ich darf mein eigenes Sportrecht nicht überhöhen, ich muß bereit sein, mich auf die staatlichen Hilfen einzustellen und kann dafür auch dankbar sein. Wo der Staat besser ist, muß ich ihn nutzen. Deshalb haben wir die Sache sofort kriminalisiert, was uns die Chance eröffnet hat, am Ende sogar schneller zu sein als der Staat, ohne dessen Hilfe wir aber nie so schnell vorangekommen wären. Der Fall Hoyzer ist für den DFB erledigt – aber rechtskräftig ist er noch längst nicht entschieden.“ Das kann man in der Summe stehen lassen. Doch es sei daran erinnert, mit welcher Zögerlichkeit und welchen Beschwichtigungen der DFB die Sache anfangs angegangen ist und wie er durch die Umstände in die Aufklärerrolle gedrängt wurde.

Völlerismus

Alexander Steudel (Sport Bild) atmet freier, weil die DFB-Führung vor dem Spiel gegen San Marino keinen Alarm schlägt: „Erinnern Sie sich? Vor Spielen gegen kleine Gegner prasselte früher ein wahres Bombardement von Warnungen und Übertreibungen auf uns nieder. Und Rudi Völler, der Vor-Vor-Bundestrainer, hätte uns auch diesmal San Marino sicher so erklärt, daß wir anschließend vor dem Insbettgehen das Licht angelassen hätten vor lauter Angst. ‚Es gibt keine schwachen Gegner mehr‘, ein Völlerismus, der heute noch wehtut.“

FAZ: Betriebsausflug mit sportlichem Begleitprogramm – wie hoch gewinnt Deutschland?

Unsere Elf kann sich nur selbst in der Sonne stehen

Was wir über aus den Zeitungen über den Gegner erfahren, sei in ein paar Sätzen untergebracht: Sie schossen das schnellste Tor in einem Fifa-Wettbewerb, obwohl sie bisher nur vierzehn Länderspieltreffer erzielt haben – und zwar 1993 gegen England in der 9. Spielsekunde. Das Spiel haben sie dann 1:7 verloren. „Die gegnerische Spielhälfte haben die San Marinesen bisher nur als gelobtes Land kennen gelernt, das einer der ihren nur sehr, sehr selten erreicht. In der Regel also unterstützen acht, neun oder manchmal auch zehn Kollegen den Torwart beim fast immer vergeblichen Versuch, den Kasten sauberzuhalten“ (SZ). Die Einheimischen nennen die Spieler, die hauptsächlich Krankenpfleger, Studenten und Elektriker sind, „Dilettanti“, was aber schlicht Amateure heißt. Ihr Torwart, das berichten sogar die Tagesthemen, wird mit Tennisbällen, -schlägern und Ballmaschine trainiert. Ihr Mannschaftshotel ist ein „gigantischer gläserner Gebäudekomplex, der Weltniveau im Miniatur-Staat vorgaukeln soll. Der Name wirkt gerade in diesen Tagen völlig unangebracht: World Trade Center“ (FAZ). Dem DFB-Scout Urs Siegenthaler gebührt das Resümee: „Unsere Elf wird Geduld haben müssen, aber im Grunde kann sie sich nur selbst in der Sonne stehen.“

FR-Portrait: Bernd Schneider in Bestform

FAS-Portrait Bernhard Peters: Der Reibungspunkt für Fußballtraditionalisten

Dienstag, 5. September 2006

Ascheplatz

Die Rußlandisierung des Fußballs

Ein russischer Milliardär hat das Vermarktungsrecht an der argentinischen Nationalelf gekauft und nimmt per Vertrag Einfluß auf die Aufstellung; der Argwohn der Medien ist angesichts der wachsenden Macht russischer Oligarchen im Weltfußball geweckt

Der Spiegel hat es bereits vor zwei Wochen gemeldet: Der russische Milliardär Wiktor Wexelberg hat sich für 18 Millionen Dollar das Vermarktungsrecht (inklusive TV) an vierundzwanzig Freundschaftsspielen der argentinischen Nationalelf gesichert. Besonders ein Paragraph in dem Vertrag provoziert die Abscheu der Kritiker: Eine Namensliste schreibt dem Trainer verbindlich vor, daß von dreißig Spielern mindestens sieben in jeder Begegnung mitspielen müssen. Michael Wulzinger stellt fest: „Der Passus mit den Namen ist eine Neuheit im globalisierten Fußballgeschäft. Bislang hat noch keiner der führenden Verbände einem Vermarkter eine derart weitreichende Einmischung in sportliche Belange zugestanden.“ Jetzt also auch Nationalmannschaften!, fügt Raphael Honigstein (taz) heute an: „Die letzte Bastion des vormodernen, sprich: von lokalen und nationalen Akteuren bestimmten Fußballs ist gefallen. Internationale Geldströme bestimmen nun auch hier Gegner, Spielorte und Personal.“

Die Spiele haben immer im Ausland stattzufinden, damit läßt sich mehr Geld verdienen, was wohl bedeutet, daß Argentinien, bis auf die Qualifikationsspiele, erstmal keine Heimspiele mehr austragen wird. Honigstein hat ein solches Match gerade in London gesehen: Argentinien unterliegt Brasilien 0:3. Ökonomisch habe diese Partnerschaft ja Sinn: „Bedrohlich muß einem diese Entwicklung vorkommen, dabei ist sie nur logisch. Die Verbände leiden seit Jahren an der Macht der mit Fernseh- und Sponsorengeldern gemästeten Vereine, ihre Einkünfte stehen in keiner Relation zu den Gehältern und dem Marktwert der Stars. Mit dem Verkauf von Freundschaftsspielen· holen sie sich Millionen und damit Macht zurück.“ Doch Honigstein fremdelt es: „Eine Art virtuelles Match war das in London, irgendwie unwirklich.“

Wanderzirkus

Auch Martin Henkel (WamS) gibt zu bedenken: „Die Kommerzialisierung des internationalen Fußballs hat mit dem Einstieg der Russen eine neue Qualität erreicht“, und führt das WM-Turnier der verkauften Brasilianer als mahnendes Beispiel an: „Wie kontraproduktiv die Vermarktung von Nationalmannschaften auf die Arbeit von Trainern wirken kann, war im WM-Vorbereitungslager der Brasilianer im Wallis zu besichtigen: Drei Wochen lang wurde die Selecao Fans und Neugierigen wie ein Wanderzirkus zum Betrachten feilgeboten. Für knapp eine Million Euro hatte Kentaro der CBF die Rechte an zwei Testspielen sowie dreizehn Trainingseinheiten abgekauft. 45.000 Eintrittskarten zu 15 Euro verkauften die Schweizer binnen weniger Tage. Sie verwandelten die Ufer des Luzerner Sees in eine Mini-Copacabana – mit schwerwiegenden Folgen: Schlapp und unkonzentriert lieferte die Selecao die schlechteste Leistung ihrer WM-Geschichte.“

NZZ: Was kostet Argentinien? Russischer Wirtschaftsführer erwirbt die Rechte am argentinischen Team

Noch ein Russe also. Doch Wulzinger nennt einen Unterschied zum wichtigsten Vergleichsrussen: „Anders als Roman Abramowitsch, der in den vergangenen drei Jahren mehr als eine halbe Milliarde Euro in sein Spielzeug Chelsea gepumpt hat und sich damit von einem namenlosen Privatisierungsprofiteur aus der russischen Taiga zu einer zentralen Figur des Jet-Set emporgeschwungen hat, will Wexelberg seinen Einstieg ins Fußballgeschäft als Investition verstanden wissen.“ Und ein Sprecher Wexelbergs läßt sich im Spiegel zitieren: „Die Organisation von Fußballspielen ist ein Geschäft wie die Förderung von Erdöl oder der Gewinnung von Aluminium.“

Nastrowje, auf Wiedersehen Fußball

Blickwechsel – allesaussersport.de beäugt den überraschenden Transfer der argentinischen Stars Carlos Tevez und Javier Mascherano von Corinthians São Paolo zu West Ham United, einer Maus aus London. Den Kauf hat die Investmentfirma MSI eingefädelt, hinter der Roman Abramowitsch vermutet wird. Auch Javier Cáceres‘ (SZ) Zweifel ist geweckt: „Es ist ein in jeder Hinsicht mysteriöser, rankenreicher Deal. West Ham war bisher unverdächtig, an den begehrtesten und teuersten Talenten der Fußballwelt herumzubaggern – aus Mangel an Geld und an Flair.“ Die Beobachter vermuten nämlich, daß der teure Doppeltransfer ein erster Schritt zur Übernahme des Klubs sei. Zwei Vereine einer Liga im Besitz einer Person – das wäre natürlich im Sinne des fairen Wettbewerbs verboten. Eine Spekulation im Guardian vertieft das Mißtrauen gegen Abramowitsch: Guus Hiddink könnte von Abramowitsch in Rußland, wo Hiddink seit jüngstem Nationaltrainer ist, „geparkt“ sein, um José Mourinho irgendwann in Chelsea zu folgen.

Es ist nicht viel Empörung in Deutschland zu hören über den russischen Zugriff auf den Weltfußball; eine der wenigen Ausnahmen ist Uli Hoeneß, dessen Furor selten so angebracht schien wie in diesem Fall, als der den Kieler Nachrichten (zitiert in der Märkischen Allgemeinen) mitteilt: „Ich halte das für Wahnsinn. Das ist für mich der Anfang vom Ende des Fußballs. Wenn diese Rußlandisierung sich fortsetzt, dann werden wir in zehn Jahren sagen können: Nastrowje, auf Wiedersehen Fußball.“ Würden deutsche Zeitungen lauter Alarm schlagen, wenn die Fußball-„Heuschrecken“ aus Amerika kommen würden, das wir Deutsche so viel leichter hassen können?

Deutsche Elf

Bernhard Peters über Beharrlichkeit im Fußball

Bernhard Peters über Beharrlichkeit im Fußball (SZ) / Gerhard Mayer-Vorfelder über seine Entscheidung im Jahr 1998, Joachim Löw entlassen zu haben (FR) / Der doppelte Friedrich mehrt die Optionen im einst anfälligsten Teil des deutschen Teams (FAZ)

Es gibt viele Traditionalisten im Fußball, die alles laufen lassen

In Mönchengladbach findet ab morgen die Hockey-WM statt. Die SZ interviewt Bundestrainer Bernhard Peters, dabei geht es natürlich auch um seine gescheiterte „Bewerbung“ beim DFB. Er sei enttäuscht gewesen, als der DFB sich gegen ihn und für Matthias Sammer als Sportdirektor entschieden hat, gesteht Peters: „Ich hätte das gerne gemacht. Ich fühle mich aber nicht als Verlierer, sondern glaube, daß ich aus dieser Debatte gestärkt hervorgegangen bin. Es war zwar eine Enttäuschung, aber alle seriösen Zeitungen haben sehr positiv über Klinsmanns Ideen berichtet. Das hat meine berufliche und öffentliche Position verbessert.“ Die Frage, ob die Entscheidung gegen ihn den Rücktritt Klinsmanns bewirkt habe, verneint Peters nicht: „Ich glaube, daß ihn das sehr getroffen hat, weil man ihm damit signalisiert hat, daß er zwar für das sportliche Konzept zuständig ist, aber trotzdem nicht solche Entscheidungen treffen darf. Das war ein entscheidender Punkt dafür, warum er nicht mehr mitarbeiten wollte.“

Ob er überrascht darüber gewesen sei, wie wenig die Fußballbranche darüber wisse, was beim Hockey praktiziert und wie im Hockey trainiert werde? „Nein. Es gibt interessante Trainertypen im Fußball, die ähnlich an die Dinge herangehen wie ich, aber es gibt auch viele Traditionalisten, die alles laufen lassen. Fußball ist ein System für sich, ein riesiger Apparat, in dem man schnell betriebsblind werden kann.“ Die Popularität und der Marktwert verführten den Fußball zu „Behäbigkeit und Selbstzufriedenheit“, wogegen Jürgen Klinsmann gekämpft habe. Die Diskussion in den Medien habe dem Hockey jedoch genützt: „Hockey ist medial sehr positiv betrachtet worden. Wir sind die erfolgreichste olympische Mannschaftssportart in Deutschland. Darauf sind viele durch die Debatte überhaupt erst aufmerksam geworden.“

Keiner hat meinen Skalp am Gürtel

Die FR fragt die halbe Doppelspitze Gerhard Mayer-Vorfelder, der am Freitag aus seinem Amt ausscheiden wird, warum er 1998, als Präsident des VfB Stuttgart, den Trainer Joachim Löw entlassen hat: „Ich habe ihn nicht entlassen, sondern nur den Vertrag nicht verlängert.“ Einerseits gesteht er Löw zu: „Er hat damals ein exzellentes Training gemacht, Freude in die Mannschaft gebracht und das Spiel offensiv ausgerichtet – in dieser Zeit hat das magische Dreieck mit Balakov, Elber und Bobic gespielt.“ Andererseits gibt Mayer-Vorfelder zu bedenken: „Worüber wir immer diskutiert haben: daß man gegenüber den Spielern härter sein muß. Die Profis sind wie Kinder – sie versuchen auszuloten, wie weit sie gehen können. Der Trainer muß Autorität einsetzen, um Grenzen zu zeigen. Ich war der Meinung, daß er da zu nachgiebig war. Es ging nicht um seine Qualität als Trainer.“ Mittlerweile sei Löws Menschenführung durch seine Engagements im Ausland gereift: „Nach der Zeit beim VfB Stuttgart hat er seine Erfahrungen in Vereinen und Ländern gewonnen, wo es nicht immer lustig und munter zugegangen ist. Speziell die Erlebnisse in der Türkei haben ihm da geholfen, ein Profil zu gewinnen. Deshalb ist er heute ein perfekter Trainer.“

Seine eigene Karriere, die von viel Kritik begleitet worden ist, faßt er so zusammen: „Wenn Du ein Mann mit Profil bist, ist es logisch, anzuecken. Als konservativer Politiker in einer linkslastigen Zeit hat mein Kurs nicht immer Freude erregt. Und im Fußball bietest du Reibungsflächen, wenn du länger ein Amt besetzt. Deshalb war meine Position oft eine Kampfposition. Immer dann wenn es kritisch wurde, habe ich mich besonders herausgefordert gefühlt. Gerade mir hat man gerne etwas ans Bein gebunden, um mich zu Fall zu bringen. Das aber hat keiner geschafft – keiner hat meinen Skalp am Gürtel. Und darauf bin ich ein Stück weit stolz.“

Viele Alternativen im vor der WM noch anfälligsten Mannschaftsteil

Die Innenverteidigung Friedrich hat sich durch ihre gute Leistung gegen Irland in die Sportseiten der deutschen Zeitungen gespielt. Michael Horeni (FAZ) spekuliert in einem Doppelportrait über die Zukunftsaussicht dieses Tandems, „ob der doppelte Friedrich der Nationalelf über den Doppelspieltag hinaus als erste Wahl erhalten bleibt, ist zwar fraglich“, registriert aber die Zunahme an Optionen auf dieser Position: „Angesichts der großen Verletzungsmisere und der Neuorientierung des bisherigen Außenverteidigers Arne Friedrich haben sich nun zahlreiche Alternativen im vor der WM noch anfälligsten und schmalbrüstigsten Mannschaftsteil aufgetan.“ Arne Friedrich wirkt auf seiner neuen Position befreit, befreit von dem Druck, Flanken in den Strafraum (und nicht hinters Tor) schlagen zu müssen. Horeni blickt ein paar Wochen zurück: „Während der Weltmeisterschaft blieb er wie immun gegen das Selbstvertrauen und die Zielstrebigkeit, mit der sich die Nationalmannschaft gewappnet hatte. Friedrich wurde im Gegensatz zu seinen Kollegen kein bißchen von der WM-Begeisterung getragen, er mußte sich durchkämpfen in den Wochen der Leichtigkeit, ohne sich wirklich vom Druck und der Kritik befreien zu können, die ihn stärker als jeden anderen Nationalspieler traf. Er hat sich zwar am Ende gesteigert, aber glücklich wirkte er nach vielen Spielen nicht gerade, bestenfalls erleichtert.“

Manuel Friedrich wird von Horeni als Kauz und Bewegungstalent vorgestellt: „Der Mainzer Friedrich läßt sich nicht leicht in das übliche Fußballerschema pressen. Der frühere Gaumeister im Turnen, Bezirksmeister im Tischtennis, Volleyball-Auswahlspieler von Rheinland-Pfalz und leidenschaftliche Golfer spricht mit einer wohltuenden Normalität über den doch oft recht schlichten Profifußball. Ein bißchen irritiert hat die Branche allerdings, als er vor einiger Zeit bekannte, mit der Nachrichtenflut im Fußball nicht viel anfangen zu können, und daß es ihm auch nicht so viel Spaß bringe, anderen beim Kicken im Fernsehen zuzusehen.“

SZ: Oliver Bierhoff möchte die Modernisierung des DFB weiter vorantreiben. Doch das ist nicht so einfach. Vor allem, weil in der Bundesliga der WM-Effekt ausbleibt

BLZ: Die Nationalelf bestreitet im Zwergstaat San Marino eines ihrer seltsamsten Länderspiele

WamS: Gegner sind morgen Keramik-Verkäufer, Sportlehrer und Lagerarbeiter – ein Besuch im Kleinstaat

Tsp: Das Dilemma des Kapitäns: Spielt Michael Ballack in der Nationalelf offensiv, fehlt er hinten – und umgekehrt

Montag, 4. September 2006

Vermischtes

Aktuelle Links: Maulheld mit Schnauzbart

WamS: Maulheld mit Schnauzbart – viel reden, wenig leisten: Sein Scheitern bei Hannover 96 entlarvt Peter Neururer erneut als Blender
Eine Art Bewerbungsmappe gibt Neururers der BamS ab: „Mit Peter Neururer holt man sich eine gute Stimmungslage: jemanden, der akribisch arbeitet, der Enthusiasmus entfacht und in kürzester Zeit jede Mannschaft in einen außergewöhnlichen Zustand bringen kann; der über Erfahrung verfügt, der für gute Stimmung bei den Fans sorgt. Und viel Spaß holt man sich auf jeden Fall auch!“

NZZ: Gelsenkirchener Magie und Assauers Altlast – Staatsanwalt prüft Schalker Bilanztrick mit dem Parkstadion

Tsp: Brandenburgs Fußball-Chef Siegfried Kirschen über Gewalt auf den Fußballplätzen

NZZ: ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger und die Mission Euro 2008

NZZ: Moldau – ein Exempel guter Entwicklungsarbeit im osteuropäischen Fußball

NZZ: „Calcio Gate“ wirkt negativ – Saisonkartenverkauf in Italien rückläufig

Deutsche Elf

Es ramelowt und wörnst nicht mehr

Stimmungen und Meinungen der deutschen Presse über das 1:0 gegen Irland

Die deutschen Fußballjournalisten erleben den Sieg mit einem Lächeln, wenn auch bei manch einem die Freude dahinter stecken mag, wieder ein wenig an der deutschen Nationalmannschaft mosern zu dürfen; die WM hat einen in dieser Hinsicht ja darben lassen. Den beliebten Vergleich mit der WM-Leistung und mit dem WM-Gefühl kann die Mannschaft natürlich nicht gewinnen, sie schlägt sich jedoch insgesamt achtbar, bei so manchem Chronisten hält das WM-Fieber noch an. Den Trainer Joachim Löw stellen die Redaktionen als jemanden dar, der an Kontur gewinnt und der nun ein Stück weniger der Ersatzmann für Jürgen Klinsmann ist, dem der eine oder andere gerne ein paar abschätzige Worte nach Kalifornien schickt.

Christof Kneer (SZ) beschreibt die ersten Minuten des Spiels als Neuorientierung: „Die Mannschaft hat sich anfangs sehr schwer getan gegen flinke und handlungsschnelle Iren, man sah ihr förmlich an, wie sie in allen Winkeln des Feldes verzweifelt die WM-Automatismen suchte und nicht fand.“ Der Rest des Spiels hat Kneer jedoch überzeugt: „Es dürfte Löw Mut machen, daß seine Elf willens und imstande ist, sich vorübergehend selbst aus der Krise herauszuspielen; es klemmt und hakt noch da und dort, aber es ramelowt und wörnst nicht mehr. Die gute Nachricht war, daß Lösungen in dieser Mannschaft stecken.“

Moritz Müller-Wirth (zeit.de) genießt die Septembersonne: „Nicht wirklich viel erinnerte sowohl sportlich als auch von der Atmosphäre an die ausgelassenen Tage der WM. Dennoch ist es dem deutschen Team und den Fans gelungen, das formidable Klinsmann-Sommergefühl phasenweise mit in den fußballerischen Herbst hinüberzuretten. Die deutsche Mannschaft spielte weniger jenen Hurra-Fußball, der während der WM fast alle in Euphorie versetzte. Sie hat bewiesen, daß auch nüchterner Fußball gute Laune hervorrufen kann.“

Das Leben hat sich geweigert, seinen Lauf zu nehmen

Noch immer erhöhte Temperatur? Zeit, daß sich was dreht? Ludger Schulze (SZ) seufzt mit feuchten Augen über den Stuttgarter WM-Epilog: „Und wenn sie nicht gestorben sind … Alle Märchen enden so, bloß das nicht: Deutschland, ein Sommermärchen, geht weiter – und wenn sie nicht doch noch sterben, ist hierzulande WM bis ins 22. Jahrhundert. In Stuttgart, wo die Fußballer den Schlußpunkt des Turniers setzten, haben sie einfach weitergemacht wie gewohnt. In den gleichen Trikots mit denselben Rückennummern, die Ohren betäubt vom WM-Hit der Sportfreunde Stiller, umjubelt von den immerwährend jubelnden Fans, umweht von schwarz-rot-goldenen Fahnen, und auf dem Schloßplatz feierten Tausende beim Public Viewing. Selbst das hochsommerliche Abendwetter zierte sich nicht und erreichte die bekanntlich von Franz Beckenbauer verantwortete WM-Form. Das Leben hat sich geweigert, seinen Lauf zu nehmen.“

Michael Horeni (FAZ) deutet die Abwesenheit von Fragen und Skepsis als Beweis für die großen Schritte, die die Mannschaft seit 2004 gegangen sei: „Ein Sieg in der EM-Qualifkation ist wieder eine Normalität, die weder zur großen Geste noch zu mäkelnden Kommentaren über eine ungewisse Zukunft angesichts diverser Mängel im deutschen Fußball verführt. Diese neue Selbstverständlichkeit und Gelassenheit ist die bemerkenswerteste Veränderung im Selbstverständnis und im öffentlichen Umgang mit der Nationalmannschaft. Es ist der größte Erfolg, den sich die Mannschaft nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit selbst machen konnte. Die Zweifel an der Solidität des Teams und seiner Qualität sind verschwunden.“ Horeni unterstreicht, daß die Mannschaft freier und unabhängiger geworden sei: „Und vom angeblich unersetzlichen Jürgen Klinsmann und seiner Einmaligkeit redet auch niemand mehr. Die Nationalmannschaft, und das ist vielleicht das wichtigste Erbe der Weltmeisterschaft, hat sich emanzipiert. Sie führt ein Eigenleben aus eigener Kompetenz, das die Bestätigung aus der Bundesliga nicht mehr braucht. Und schon gar nicht muß sie sich belehren lassen. (…) Der erste Teil der schönen deutschen Fußball-Fortsetzungsgeschichte ist geglückt.“

Kreativität durch Kampf ersetzt

Andreas Lesch (BLZ) hingegen kann der Darbietung nichts abgewinnen: „Bei der WM war der Steilpaß nach vorn ein Markenzeichen des deutschen Teams. Diesmal war es der Steilpaß nach hinten. Bei der WM prägten Mut und Wagnis das Spiel. Diesmal flackerte das auf, was die Welt unter German Angst versteht. Bei der WM hat Deutschland den Gegnern seinen Stil aufgezwungen. Jetzt hat es sich Irlands Spielweise angepaßt und Kreativität durch Kampf ersetzt. Bei der WM steigerte sich das Publikum in Ekstase, jetzt pfiff es schnell. Bei der WM verwandelte sich das Stadion nach dem Schlußpfiff in einen Ort ohne Grenzen. Jetzt schlichen die Spieler müde ihr Ehrenründchen ab, und das Gekreische aus den Lautsprechern zeigte den Kontrast zur Vergangenheit nur deutlicher.“ Frank Hellmann (FR) entgegnet geschichtsbewußt: „Nörglern sei gesagt: Die Qualifikation taugt nicht zum Hingucker. 1972, 1980 und 1996 wurden die Deutschen zwar Europameister, doch die Einstiegsspiele waren ein Grauen: Erinnert sei a) an ein 1:0 in Albanien (1971), b) an ein 0:0 auf Malta (1979) und c) an ein 2:1 in Albanien (1994). Insofern ist ein 1:0 gegen Irland ein echt gutes Ergebnis für eine unspektakuläre Pflichtprozedur.“

NZZ: Deutschland dominiert Irland
FAZ: Spielanalyse

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Deutsche Elf

Fortsetzung: Es ramelowt und wörnst nicht mehr

Facharbeiter

Joachim Löw bietet weniger Angriffsfläche als Jürgen Klinsmann und kommt vielen deutschen Sportjournalisten nicht so fremd vor; der Sieg hilft Löw, Klinsmanns Schatten zu entweichen. Kneer billigt Löws Wandel der Leitkultur: „Die deutsche Nationalmannschaft ist auf einer anderen Emotionsebene angekommen. Es liegt jetzt wieder ein strenger Kabinengeruch über den Pressekonferenzen, im deutschen Fußball redet man wieder über Sport. Es ist wahrscheinlich wieder mal Zeit geworden für einen Sportlehrer, so einen hatte der deutsche Fußball schon lange nicht mehr. Der Vorgänger Klinsmann war Motivationscoach, der Vorvorgänger Rudi Völler war Vertrauenslehrer. Der eine hat die Spieler so angestachelt, daß sie besser spielten, als sie eigentlich konnten; der andere hat sie so mit Wärme vollgepumpt, daß sie bessere Ergebnisse erzielten, als sie eigentlich verdient hatten. Beides hatte seine Zeit, aber jetzt geht es in erster Linie darum, die emotionalen Erfolge auf ein fachliches Fundament zu stellen. Diese unfertige wie ausbaufähige Elf ist eine schöne Aufgabe für einen Tüftler wie Löw.“

TspaS: „Mit dem Hütchen in der Hand, Deutschland, deine Assistenten“– eine kurzweilige Chronik der Co-Trainer des DFB

Prediger, Guru

Andreas Rüttenauer (taz) nimmt den Irland-Sieg zum Anlaß, dem Amerikaner einen schönen Gruß zu schicken: „Es wird ruhiger werden um die Person des Bundestrainers. Löw versteht sich als Fußballfachmann. Seine Welt ist die der Taktik. Seine Welt ist klein. Redet Löw vom großen und ganzen, dann meint er nicht mehr als das Spiel auf dem Platz. Er wird der Nation keinen Mentalitätswandel verordnen wollen wie Jürgen Klinsmann, der den ohnehin schon großen Fußball noch größer geredet hat, indem er sich zum penetrant gut gelaunten Lautsprecher der Alles-muß-anders-werden-in-diesem-Land-Prediger aufgeschwungen hat. Er ist auch kein Volkstribun wie Rudi Völler, der die Arbeit der Medien als Scheißdreck bezeichnen und deshalb die Lufthoheit über den Stammtischen verteidigen kann.“

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann Klinsmann etwas konkretes über Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gesagt haben soll. Ich kann mich nur an das eine oder andere Interview erinnern, in dem er Antworten auf solche Fragen abgelehnt hat, etwa mit Rund, und daran, daß Klinsmann der Feier fernblieb, an der er das Bundesverdienstkreuz erhalten sollte. Es sind eher die Leitartikler der großen Zeitungen gewesen, die Klinsmanns Arbeit als Vorbild für die deutsche Politik empfohlen haben; die Gelegenheit, mit Horst Köhlers Hand auf seiner Schulter Merkel und Müntefering ein paar Ratschläge zu erteilen, hat Klinsmann ausgelassen. Nebenbei, alle, die Klinsmann mit einem Guru vergleichen, sei die Frage gestellt: Tritt ein Guru zurück, wenn Millionen ihm zu Füßen liegen?

Keine Verlängerung der Weltmeisterschaft

Wie läufts mit dem Public Viewing? Sebastian Priggemeier (FAZ) stößt auf dem Stuttgarter Schloßplatz mit den Iren an: „Irische Fußballfans muß man sich in etwa so vorstellen wie Oranje-Fans der Holländer, nur ganz in Grün: grelle Farben, bizarre Hüte, helle Haare; laute Gesellen mit derbem Dialekt und Spaß am Fußball. So viel Spaß, daß sie gleich ihre eigenen Bälle auspackten und wild durch die Innenstadt jagten.“ Roger Repplinger (SpOn) räumt die leeren Flaschen zusammen: „Die Iren haben eine legendären Ruf als Stimmungskanonen, sie sind die besten Gäste: Lädt man einen ein, kommen dreißig, die alles weg trinken, die Platten leer putzen, traurige Lieder singen und die teure Vase zerdeppern, die man nicht mag. Wenn sie gehen, ist man froh – und freut sich aufs nächste Mal.“ Das angebliche WM-Fieber, das viele Medien, etwa die ARD, gemessen haben wollen, spürt Priggemeier jedoch nicht: „Spät kommt der rettende Impuls: Podolskis Freistoß bringt die 30.000 Herzen auf dem Schloßplatz wieder in den WM-Takt. Reanimation geglückt, Public Viewing lebt. Die angekündigte ‚Verlängerung‘ der Weltmeisterschaft war das Fan-Fest jedoch nicht.“

Selten fiel ein Kapitän so kraß gegenüber seinen Kollegen ab

Zur Einzelkritik: Die FAZ tätschelt Manuel Friedrich für seinen „willensstarken, aber auch sportlich fast schon routinierten Auftritt mit Führungsfähigkeiten. Der Mainzer, in den Zweikämpfen nahezu fehlerfrei und mit erstaunlicher Ruhe gesegnet, hat bei seinem Debüt von Beginn an gleich sein Reifezeugnis abgelegt.“ Die FAS schwärmt von Bernd Schneider: „Der beste deutsche Spieler bis zur Pause. Technisch wundervoll, körperlich stark und immer gewillt, das deutsche Spiel schnell zu machen. Im ersten Abschnitt in WM-Form, dann ließ er etwas nach.“ Kritik muß sich Michael Ballack anhören; die FTD schimpft ihn und steckt ihn mit Torsten Frings in einen Sack: „Bei der WM diente das defensive Mittelfeld als Geheimnis des Erfolges; jetzt war es die Gefahrenzone. Es lebte von Wucht und Witz, von Kraft und Kreativität; jetzt produzierte es furchterregende Fehlpässe, die zehn Meter am Ziel vorbeigingen. Frings und speziell Ballack boten eine wirklich schlechte Leistung.“ Die FR unterscheidet: „Frings ist es trotz der heftigen Gegenwehr aber gelungen, sich nach langem Anlauf ins Spiel zu beißen. Ballack schaffte das nicht. Selten fiel ein Kapitän der deutschen Nationalelf so kraß gegenüber seinen Kollegen ab wie er.“ Immerhin, Philipp Selldorf (SZ) betont Ballacks Anteil am Siegtor: „Hätte Ballack von seinem Kapitänsrecht Gebrauch gemacht (§ 3, Artikel 1: Das Freistoß-Privileg), dann hätten die Deutschen wohl weiterhin auf den Führungstreffer warten müssen. Er hätte den Ball in die dichte irische Menschenmauer gesetzt. Oder weit übers Tor. Das stand fest. Man wußte es einfach. Da aber Ballack ein kluger Spieler ist, hat er es selbst gewußt.“

FAZ: Lukas Podolski trifft wieder
FR: Der von Klinsmann verpönte Manuel Friedrich spielt an der Seite von Arne Friedrich, als wäre er schon immer dabei
WamS: Michael Ballack über das neue Ansehen des deutschen Fußballs im Ausland, seine ersten Eindrücke aus London und Jürgen Klinsmanns Erbe

NZZ: Das Fest ist vorbei – Weltmeister Italien stolpert über Litauen (1:1)

TspaS: Über die neuen Richtlinien der Uefa gegen Reklamieren

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Samstag, 2. September 2006

Deutsche Elf

Sein Charisma ist die Taktiktafel

Joachim Löw gibt heute seinen Einstand als Bundestrainer in einem Pflichtspiel, ausgerechnet in Stuttgart, seiner ersten Trainerstation – manche Medien zweifeln leise daran, ob er dauerhaft Autorität ausstrahlen kann

Alle Augen auf Joachim Löw – Christof Kneer (SZ) stellt die „Coolness“ des neuen Bundestrainer heraus: „Spätestens seit der WM, als er einen Wackelpudding von Abwehr in eine taugliche Turnierdeckung verwandelte, hat Löw nicht mehr das Gefühl, sich für seine durchwachsene Fußballer- und Trainerbiographie rechtfertigen zu müssen. Die WM hat ihn gelassen gemacht, und Gelassenheit kann nicht schaden, wenn man plötzlich 82 Millionen Deutschen gehört.“ Die Fußball-Autoren erhellen oft Löws Zeit als Trainer in Stuttgart (1996-98), wo er heute seinen Einstand geben wird; Kneer ist gespannt auf Löws Vergangenheitsbewältigung: „Das schwäbische Stuttgart ist ein Schicksalsort für den Badener Löw. Es hat vielleicht so sein müssen, daß er hier beginnen darf, in dem Stadion, in dem er noch nicht fertig ist. Er hat immer noch das Gefühl, daß sie ihn 1998 unrechtmäßig aus der Stadt vertrieben haben, als er nach zwei Jahren als Cheftrainer beim VfB von Gerhard Mayer-Vorfelder aus dem Amt entfernt wurde. Es war der große Bruch in der gerade beginnenden Karriere des Trainers Löw. Nicht wenige in Stuttgart meinen, es war auch ein Bruch in der Karriere des VfB. Im Grunde versucht Joachim Löw jetzt, mit 46 Jahren, die Chance zu nutzen, die er in Stuttgart nicht bekam. Anders als Klinsmann ist er eher ein Mann für die Langstrecke, aber die Stuttgarter Entlassung hat ihn ungeduldig werden lassen. Er hat das Tingeln angefangen, er war in der Türkei, in Österreich und in Karlsruhe.“

Andreas Lesch (BLZ) fügt an: „Jetzt kann der Bundestrainer an diesem bedeutungsschweren Ort daran arbeiten, sich von seinem Vorgänger Klinsmann zu emanzipieren. Noch ist sein Profil unscharf. Löw wird wohl nie eine so dominante, radikale Figur werden wie Klinsmann, er ist ein anderer Typ.“ Kneer findet Gefallen daran, daß der Fußball-Lehrer Löw Wert auf das kleine Einmaleins legt: „Löw hat anders als Klinsmann nicht die Autorität, die aus den Beinen kommt. Sein Charisma ist die Taktiktafel, und seine Spielerkarriere hat ihn gelehrt, wie wichtig die tägliche Kleinarbeit ist. Für den deutschen Fußball ist das Bekenntnis zum Handwerk nicht das Schlechteste, und für Löw ist es die Chance, in die Karriere zurückzukehren, die er verlassen mußte.“

Der DFB hat ihn genommen, weil er die WM verlängern will

Der Stuttgarter Zeitung gewährt Löw heute Ein- und Rückblick auf seine ersten Schritte als Trainer. Die Frage, was er aus seiner Stuttgarter Zeit gelernt habe, beantwortet er so: „Daß ich auch als junger, unerfahrener Trainer in manchen Situationen konsequenter hätte handeln müssen. Ich habe gewisse Dinge unterschätzt, die innerhalb der Mannschaft stattfanden. Konflikte, von denen ich glaubte, sie würden sich von alleine auflösen. Das Thema Yakin und Balakov kam im zweiten Jahr hoch. Wir haben es nicht geschafft, Murat Yakin als hervorragenden Fußballer zu integrieren. Da hätte man in mancherlei Hinsicht mehr gegensteuern müssen. Das sind Erfahrungswerte, die man als Trainer macht. Man kann aus diesen Erfahrungen zum Beispiel lernen, gegenüber dem Verein eine gewisse Kompromißlosigkeit an den Tag zu legen.“

Kneer äußert auffällig Zweifel, ob Löw dauerhaft Autorität ausstrahlen kann: „Er hat sich den schwersten Job ausgesucht. Er braucht Siege so sehr wie Klinsmann, er weiß, daß sie ihn beim DFB nicht genommen haben, weil er der Trainer Löw ist. Sie haben ihn genommen, weil sie mit seiner Person die WM verlängern wollen, und in der Branche wird gespannt erwartet, wie lange Löws Coolness im Mißerfolg hält; und ob Spieler wie Michael Ballack, der bei der WM mit Taktikempfehlungen auffiel, den Chef akzeptieren, wenn es eng wird.“ Auch Lesch schließt mit dem Fazit, daß Löws Status allein vom Erfolg abhängen werde: „Er hat schon an seinen ersten Arbeitstagen erlebt, wie wichtig ein entschlossener Auftritt ist. Die Profis haben ihm den Dienstbeginn mit ihrem Schuhstreit erschwert; am Trainingsplatz haben die ersten Spötter angemerkt, die Übungseinheiten erinnerten eher an Völler als an Klinsmann, so launig und lasch, wie sie wirkten. Was das heißt? Nichts – wenn Löws Team gegen Irland gewinnt.“

Ich war immer loyal zu Adidas

Oliver Bierhoff nimmt in der FAZ Stellung zur Schuh-Debatte: „Ich hätte früher auch gerne in der Nationalmannschaft mit meinen Schuhen gespielt. Das war keine Frage des Geldes. Es geht um die Gewohnheit, für drei Tage seine Schuhe wechseln zu müssen. Aber die Sache hat natürlich verschiedene Aspekte. Miroslav Klose hat jetzt ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten – und ganz andere Chancen der Image-Bildung, wenn er in internationale Werbekampagnen reinkommt. Die Schuhverträge sind im Verhältnis zum Einkommen der Spieler prozentual aber tatsächlich so gering, daß Geld nicht der alleinige und entscheidende Faktor in dieser Frage ist.“ Zu seiner Rolle, für die der ehemalige Nike-Geschäftspartner viel Kritik einstecken mußte, sagt Bierhoff: „Ich habe das Thema in den vergangenen zwei Jahren bei den führenden Leuten von Adidas und dem DFB immer wieder angesprochen, auch während der WM. Ich habe ihnen berichtet, daß der Druck nicht nur von den Spielern kommt, sondern auch von ihren Beratern. Die haben ja fast alle zwei Wochen bei mir auf der Matte gestanden. Aber das Thema lag nicht in meiner Entscheidungskompetenz. Ich wollte jedoch auch nicht gegenüber dem DFB und Adidas den Eindruck erwecken, als ob diese Frage in meinem Interesse als ehemaliger Nike-Mann läge. Ich wollte da nicht insistieren und habe nur die Fakten berichtet. Das war das Problem. Ich war als Manager in den letzten zwei Jahren immer loyal zu Adidas. Aber immer wenn dieses Thema aufkam, war ich unter Verdacht.“

BLZ-Interview mit Jens Lehmann
SZ-Portrait Lehmann
Interview mit Miroslav Klose auf welt.de: „Mein Wunsch ist es, einmal in meiner Karriere im Ausland zu spielen“

FAZ-Portrait, sehr lesenswert, des irischen Stürmers Damien Duff

Freitag, 1. September 2006

Am Grünen Tisch

Was mich gequält hat ist nun weg

Am Sonntag hat Schiedsrichter Markus Merk dem Tagesspiegel ein beachtetes Interview gegeben, in dem er die Fifa am Schlafittchen packt; heute vertieft er seine Kritik über seine Nichtnominierung in der K.o.-Phase der WM in der FAZ: „Was in den letzten 14 Tagen der WM passiert ist, zeigt, daß der Respekt fehlt. Nachdem unsere Mannschaft so weit kam, war mir vom Sportpolitischen klar, daß ich nicht mehr eingesetzt würde. Dann wurde ich fürs Achtelfinale Frankreich gegen Spanien angesetzt und kurzfristig wieder abgesetzt. Die klare Absprache war: Bitte, wenn ihr uns nicht mehr braucht, laßt uns nach Hause! Doch es wurde Stein auf Bein von Angesicht zu Angesicht geschworen: Ihr bekommt noch ein Spiel.“

Auf die Frage, ob er sich „als Spielball von Politik und Populismus“ fühle, antwortet Merk: „Absolut. Erst wurden uns in der Vorrunde strikte Vorgaben gesetzt, die dann nach der Vorrunde geschwächt wurden – auf öffentlichen Druck.“ Ablehnend tritt er der harten Linie der Fifa entgegen, die an der WM zu vielen Gelben und Roten Karten geführt hat. Die Folgen der „kurzen Leine“ (FAZ) beschreibt Merk so: „Es führt zu Sanktionierungen, die überhaupt nicht nötig sind, für Sachen, die gar nicht auffallen, wenn man das mit Persönlichkeit behandelt. Wir wollen ja alle das Zeitspiel verhindern. Aber in der WM-Vorrunde passierte das Gegenteil, da wurden Strafen ausgesprochen und Gelbe Karten gezeigt für Dinge, die niemanden stören. Es ist bitter, wenn ein Spieler den Ball ein bißchen zurückschiebt und man ihm eine Gelbe Karte geben muß. Ein guter Schiedsrichter könnte so etwas im Sinn des Spieles anders regeln.“

Nach dem Ausscheiden aus dem Fifa-Radius fühle er Befreiung: „Was mich drei Jahre lang gequält hat, die Zusatzbelastung Fifa mit all der Politik und den persönlichen Eitelkeiten und dem mangelnden Respekt, das ist nun weg. Der Tag, an dem ich rauskam aus dem WM-Camp, war ein glücklicher Tag.“

Ein schönes (wenn auch schon älteres) Video auf myvideo von einem Schiedsrichtergockel

Deutsche Elf

Fortsetzung: Die alten Geister spuken noch

Werden die Jungs von Bild den Bundestrainer als Jogi-Bär am Nasenring durch die Manege führen?

Wird sich auch die Presse ähnlich polarisiert verhalten wie unter Klinsmann? Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung), einer der wenigen ewigen Verteidiger Klinsmanns, läuft sich schon mal warm und sieht die alten Geister wieder spuken: „Klinsmann hatte bei der WM stets 70.000 Fans im Rücken – Löw dagegen hat demnächst die Bild-Zeitung im Nacken. Was das heißt, weiß er aus den gemeinsamen Leidenstagen vor der WM: Man braucht als Bundestrainer einen breiten Brustpanzer wie Klinsmann, um das Sperrfeuer und den Kugelhagel der Revolverpresse undurchlöchert zu überleben. Die Medien mit den mächtigen Buchstaben stellen sich einen idealen Bundestrainer anders vor. Er muß funktionieren wie früher der Beckenbauer. Als der noch Teamchef war, luden ihn die Bild-Jungs zur Vorbesprechung der Mannschaftsaufstellung gerne mal auf ihr Zimmer im DFB-Hotel ein – so hatte der Franz seine Ruhe, und die Bild Zeitung ihre Aktualität. Klinsmann war da immer widerspenstiger. Und unabhängiger. Er hat sich dem Marionettenspiel verweigert, die Macht der Meinungsmache ertragen und den Laden dichtgemacht. Keine Exklusivinformation drang nach draußen, für die bunten Blätter war er förmlich geschäftsschädigend – und alle sind nun gespannt, was mit dem neuen Bundestrainer unter dem Druck des ersten Rückschlags wohl passieren wird: Hält der Löw dann, was sein Name verspricht? Oder steckt in ihm, wie die alten Zweifler fürchten, immer noch ‚der nette Herr Löw‘? Bald weiß man Näheres – hoffentlich später als früher. Die Schlimmsten unter uns notorischen Skeptikern argwöhnen stirnrunzelnd, daß die Jungs von Bild unseren neuen Bundestrainer demnächst als Jogi-Bär am Nasenring durch die Manege und über den Boulevard führen.“

Traurige Geschichte

Die Redaktionen der SZ und der FAZ richten ihre Speere, im Gegensatz zur Sport Bild, im Spannungsfeld DFB/Bundesliga gegen die Liga; insbesondere der kühle Verkauf David Odonkors nach Sevilla hat einen Nerv getroffen. Philipp Selldorf (SZ) erkennt mahnend einen Trend: „Wenn es um Politik geht, wird es heikel für den Bundestrainer, und Löw will sich am Anfang seiner Mission nicht den Ärger der Trainerkollegen in der Bundesliga zuziehen, indem er Partei für seine Spieler ergreift. Er hätte aber bereits genügend Anlaß dazu, denn Odonkor ist bloß ein Fall von vielen und zeigt eine Entwicklung, die dem Nationaltrainer nicht gefallen kann. Auf den Willen der Klubs und ihrer Trainer, dem nationalen Nachwuchs eine Chance zu geben, sollte Löw besser nicht rechnen. Auch der furiose Publikumserfolg der deutschen Elf bei der Weltmeisterschaft hat nichts daran geändert, daß junge deutsche Spieler in der Bundesliga keine Zeit zur Eingewöhnung erhalten und die Tendenz der Klubs von Platz 1 bis 18 weiterhin darin besteht, bevorzugt ausgebildete Profis aus dem Ausland einzusetzen. Jugendmodelle wie bei Borussia Dortmund oder zuvor beim VfB Stuttgart und vielleicht demnächst bei Hertha BSC erweisen sich nur als Mittel zum Zweck in finanziell schwierigen Zeiten. Die Einkäufe der Spitzenvereine liefern eindeutige Indizien.“

Auch Michael Horeni (FAZ) geht mit Dortmund hart ins Gericht: „Man könnte meinen, daß sich ein Fußballprofi seinen Lebenstraum erfüllte und ein Held der Weltmeisterschaft dieses Jahres seine Karriere krönte. Tatsächlich aber ist sein Wechsel eine für den deutschen Fußball eher traurige Geschichte. Sie handelt von der Flucht und Vertreibung eines jungen deutschen Nationalspielers und vom Widerwillen seines Klubs, ein Konzept mit jungen Spielern auch dann noch zu verfolgen, wenn es die wirtschaftliche Not nicht mehr vorschreibt. Daß Odonkor in Dortmund sein größtes Spiel ausgerechnet mit der Nationalmannschaft erlebte, als er gegen Polen in der Nachspielzeit die Flanke zum 1:0 schlug, steht symptomatisch für die Diskrepanz zwischen nationaler Anerkennung von jungen deutschen Nationalspielern und regionalen Akzeptanzschwierigkeiten.“

BLZ: Löw muß Rettungsmaßnahmen in der Innenverteidigung einleiten
FR-Portrait Alexander Madlung
FR: Ende der Schuh-Debatte – „Tag der Freiheit an den Füßen“

FR: Die Iren hoffen, bald wieder an bessere Zeiten anzuknüpfen
taz: In Stuttgart hat Irland Geschichte geschrieben, daher ist das Spiel etwas besonderes
BLZ: Irritiert verfolgen die Iren die Auftritte von Nationalcoach Steve Staunton

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Deutsche Elf

Die alten Geister spuken noch

Mit dem Einstieg Joachim Löws in die EM-Qualifikation rückt eine Frage in den Vordergrund: Wird der neue Bundestrainer von Bild und Co ähnlich angefeindet wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann?

Geht das alte Spiel weiter? Erleben wir unter Joachim Löw eine Fortsetzung des Duells Bundestrainer gegen Stammtisch? Löw ist vor knapp zwei Monaten ohne Gegenwind zum Bundestrainer ernannt worden. Diejenigen, von denen man Kritik erwartet hätte, die gleichen nämlich, die Jürgen Klinsmann im Visier hatten, waren durch die euphorische WM mundtot. Und bislang haben sich wenige aus ihrer Deckung gewagt. Allein die Sport Bild hat vor zwei Wochen mal den Aufstand geprobt, als sie acht Forderungen aus der Bundesliga an Löw vernommen haben will, unter anderem:

„Keinen Fitnesstest mehr!“
„Alle Talente einbauen!“
„Nur Stammspieler bitte!“

Wenn wir, nur mal so zum Spaß und so abwegig es klingt, die Sport Bild beim Wort nehmen würden – soll Löw also Lukas Podolski aus dem Kader streichen? Oder sollen wir „die Liga“, welche Person auch immer im Einzelfall dahinterstecken mag, mal daran messen, ob sie die Forderungen, die sie angeblich erhebt, selbst erfüllt? Es ist übrigens nicht zufällig Dieter Hoeneß, den die Sport Bild als Fürsprecher der Talente an ihr Rednerpult ruft, ist doch momentan sein Klub Hertha aus wirtschaftlicher Not dazu verdonnert, auf Jugendspieler zu setzen. Vor einem Jahr war noch Borussia Dortmund in die Jugend verliebt, vor drei Jahren der VfB Stuttgart. Wer wird es im nächsten Jahr sein, den der Geldmangel zur Billiglösung zwingt?

Der Gute ist ein Aufpasser, der Böse ein Spion

Überhaupt sind die Zitate der Ligavertreter sehr vereinzelt und sehr harmlos und stützen keineswegs den Schluß, den die Sport Bild mit dicken Backen zur Schlagzeile aufbläst: „Löw unter Druck“. Der Gipfel ist die Behauptung: „Die Unterstützung für die Nationalmannschaft aus der Liga wird künftig nicht mehr so groß sein wie in den vergangenen zwei Jahren.“ Ja, Sie haben richtig gelesen, liebe Leser. Fragt sich, welche Unterstützung gemeint ist: Der Widerstand vieler Vereine gegen die ach so anstrengenden Fitnesstests der Nationalelf? Die Pfiffe der Bayern-Fans und die Stimmungsmache der Bayern-Offiziellen gegen Jens Lehmann beim Eröffnungsspiel des Münchner Stadions? Die blamable Aufpassertruppe (offiziell „Arbeitskreis Nationalmannschaft“) um Uli Hoeneß, in der, das muß man sich heute noch mal vergegenwärtigen, auch Thomas Strunz mitwerkelte? Ist es das, was die Sport Bild unter „Unterstützung“ versteht?

Auch eine weitere Story ist nichts als Schaum: „Löw spioniert Klubs aus – geheime Fragebögen aufgetaucht“, heißt es da; „spioniert“ ist in rot hervorgehoben, um das Subversive der Tat zu betonen. Dabei will Löw von den Vereinstrainern nur wissen, wie sie das Konditions- und Regenerationstraining gestalten. Aber so ist das halt im Kalten Krieg: Wenn zwei das gleiche tun, ist es für Sport Bild noch lange nicht das selbe. Der Gute ist ein Aufpasser, der Böse ein Spion.

Erster Warnschuß

Fazit: Das Bulletin der Sport Bild ist eher ein Nachtreten gegen Klinsmann, dem man mit Hilfe von Berti Vogts taktische Fehler im WM-Halbfinale gegen Italien anhängen will. Die gemeinsame Empfehlung: Manndeckung gegen Pirlo. Europas größtes Sportmagazin verfügt in Sachen Fußballtaktik anscheinend über einen Reichtum an Ahnungslosigkeit. Inhaltliche Substanz hat das faule Gemaule, wie schon das jahrelange gegen Klinsmann, zwar keine. Als ersten Warnschuß kann Löw es dennoch lesen.

Es sei mal eine Prognose gewagt: Unter Löw werden wir eine Light-Version des alten Duells erleben. Löw bietet nicht so viele Angriffsflächen wie Klinsmann, etwa den Wohnsitz, das Missionarische und das Amerikanische; viele fachliche Entscheidungen muß er nicht mehr gegen Widerstand der Dickköpfe durchsetzen, etwa amerikanische Fitnesstrainer, einen Sportpsychologen und den besseren Torhüter statt des mächtigeren. Vermutlich ist Löw auch diplomatischer als Klinsmann. Aber eine Liebe zwischen dem Boulevard und Löw ist zumindest nicht vorstellbar, so lange Lothar Matthäus, Springers Joker, auf der Pirsch ist.

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