indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 10. Juli 2006

Am Grünen Tisch

Danke, Sepp Blatter!

Michael Hanfeld (FAZ/Medien) schiebt mit all seinem Ärger die Debatte um die Frings-Sperre an: „Mit Frings hätten wir bekanntlich das Halbfinale gewonnen. Doch da war die Willkür der Fifa vor. Danke, Sepp Blatter! Auch dafür werden wir den Fußballverband in Unehren halten. Franz Beckenbauer hat die WM nach Deutschland geholt, die Fifa hat bestimmt, wer ins Endspiel kommt. Kaum zu glauben, daß sich die Italiener über böse Satiren in der deutschen Presse beschweren. Hätten Sie uns Frings gelassen, hätte Schweinsteiger seinen Fast-Hattrick gestern und nicht schon am Samstag vollführt.“

Politikum

Auch Björn Maatz (FTD) beäugt das Urteil: „Die Fifa bewegt sich am Rande der Lächerlichkeit. Nach dem Elfmeterschießen hatte es eine von den Südamerikanern ausgelöste Rangelei gegeben, in dessen Verlauf der Argentinier Cufre nach einem Tritt gegen Per Mertesacker die Rote Karte erhalten hatte. Erst zwei Tage später glaubte die Fifa einen Faustschlag von Torsten Frings gesehen zu haben. Der Fußballweltverband sperrte ihn und setzte damit einen der wichtigsten Leistungsträger der deutschen Mannschaft außer Gefecht. Frings wertete die Sperre als Politikum, um den Gastgeber nicht zu bevorzugen. Eine Vermutung, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist.“

Maatz fährt fassungslos fort: „Es war nicht nur die WM der Fans, des neuen Patriotismus der Deutschen und der Entdeckung des Systems Klinsmanns – es war auch die WM der Fifa-Machtdemonstration. In aller Stille hat ihr Chef Joseph S. Blatter wenige Tage vor dem Finale das Bundesverdienstkreuz aus den Händen von Angela Merkel erhalten.“

Fragwürdig

Thomas Kistner (SZ) kritisiert den Freispruch für Julio Cruz, Frings‘ „Clinch-Rivalen“: „Erst hatte die Disziplinarkommission der Fifa nur spärliches Bildmaterial zur Hand, was dazu führte, dass sie einen Pauschal-Freispruch für alle beteiligten Deutschen fällte. Dann trieben die Funktionäre, unter wundersamer Hilfe von Kommissar Zufall, weitere TV-Sequenzen zu dem Handgemenge auf – und siehe da, diese Bilder waren so gestochen scharf, dass sie den Disziplinarexperten nun eine haarfeine Unterscheidung ermöglicht haben. Einerseits wurde Frings verurteilt. Andererseits geht Cruz ohne Sanktion davon. Die Disziplinarkommission hat ihn, den unmittelbaren Auslöser der Fringschen Reaktion, offenbar kurz vorm Gesicht des Deutschen die Aktion abbremsen sehen. Insofern bleibt die Leistung der Gesten-Leser vom Weltverband fragwürdig, als grobe Unsportlichkeit gilt auch die eindeutige Schlagbewegung zum Gesicht des anderen, selbst wenn eine Berührung ausbliebe. Eine spontane Gegenreaktion wird so bewusst provoziert. Frings wurde durch einen Sachverhalt entlastet, der Widerpart Cruz nicht belastet: Freunde zu Gast bei den Fifa-Richtern.“

if: Ein Telefonat mit Jürgen Kaube, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die Sperre für Torsten Frings und das Versäumnis der Sportjournalisten, darüber angemessen zu berichten – exklusiv auf indirekter-freistoss.de

if: Die Sperre für Torsten Frings ist höchst zweifelhaft, doch in den deutschen Zeitungen liest man so gut wie nichts darüber

WM 2006

Heiligenschein zerstört

Peter Heß (FAZ) kommentiert den Kopfstoß Zinédine Zidanes: „Die Bewunderung, die dem Sohn algerischer Einwanderer entgegen gebracht wurde, überstieg sogar noch die Anzahl seiner Triumphe. Weil seine Eleganz, seine Geschmeidigkeit, seine Artistik, sein Esprit noch durch seine Bescheidenheit übertroffen wurden. Sein einziges Manko, seine Unbeherrschtheit, schien er abgelegt zu haben. Sein letzter Auftritt zog einen dicken Strich durch das schöne Bild vom Showmaster ohne Allüren und Kaprizen. In der 108. Minute des Finales zerstörte Zidane seinen Heiligenschein.“ Die NZZ bedauert: „Er hatte für seinen Abschied als Fussballer die grosse Bühne gewählt – den WM-Final. Und er verliess diese Bühne als Prügelknabe, als einer, der seine lange, ruhmreiche, von Tausenden Journalisten, Hunderten Dichtern und Poeten besungene Karriere mit einem brutalen, sinnlosen Kopfstoss beendete und gesenkten Hauptes in die Katakomben des Berliner Olympiastadions entschwand.“

Vorurteil widerlegt

Mathias Schneider (StZ) schreibt zum Spiel: „In Sachen Spannung und Offensivdrang ist dieses Endspiel eine wohltuende Ausnahme bei dieser WM gewesen. Mit all den Sturm- und Flankenläufen, mit den zahlreichen Tor- und Strafraumszenen, die vor allem von den Franzosen herausgespielt wurden, war es ein mitreißendes Erlebnis, wie es die Zuschauer allzu häufig in diesem Turnier vermissen mussten. Die deutsche Mannschaft ist mit ihrem forschen Drang zum Tor bei der WM mit gutem Beispiel vorangegangen. Umso bedauerlicher war, dass der Rest der Welt nur allzu selten folgte. Die WM wird wohl als die stimmungsvollste in die Fußballhistorie eingehen, tiefe Spuren in der Geschichte des Spiels wird sie kaum hinterlassen.“ Andreas Lesch (BLZ) findet Gefallen an den italienischen Verteidigern: „Noch immer werden die Italiener häufig mit dem Klischee konfrontiert, ihr Stil sei der hässliche Catenaccio, die Lust an der Zerstörung, die jede Schönheit erstickt. Spieler wie Fabio Grosso und Marco Materazzi beweisen, dass dieses Vorurteil längst nicht mehr stimmt. Sie sind moderne Verteidiger. Wären sie es nicht, könnten sie niemals Begegnungen auf höchstem Niveau prägen und auch noch die Spiele in der Offensive entscheiden.“

morgen mehr über das Finale

Deutsche Elf

Individuell und intensiv

Jan Christian Müller (FR): „Gerade solchem Druck, dem er derart massenpsychologisch ausgesetzt wird, hat sich ein so vielschichtiger, widersprüchlicher und schwer zu greifender Mensch wie Jürgen Klinsmann Zeit seiner Karriere immer gern entzogen. Man denke an seine atemraubenden Auftritte bei den Tottenham Hotspurs, als er Tore am Fließband schoss und ihm ganz Großbritannien huldigte. Er stieg dann in seinen VW-Käfer und fuhr davon. Aber als Bundestrainer hat er eine andere Verantwortung denn damals als Mittelstürmer. Er hat die Rolle des Projektleiters WM 2006 so individuell und intensiv gelebt, dass nur Jürgen Klinsmann Jürgen Klinsmann ersetzen kann. Er hat seinen Job zu gut gemacht, um sich jetzt davon zu machen.“

Die FR parodiert die Sport Bild (oder so?): Weg mit ihm! Sechs Gründe gegen Klinsmann

Viel mehr als Fußball

Peter Heß (FAZ) preist die liebevolle Pädagogik des Bundestrainers: „Jürgen Klinsmann hat seinem Amt und seiner Arbeit ein menschliches Antlitz gegeben. Er macht seine Entscheidungen transparent, sucht den offenen Dialog und genießt das Privileg, sympathisch, überzeugend und unverkrampft zu wirken, wenn er andere kritisiert und mehr Leistung fordert. Die Nationalspieler seines WM-Kaders haben sich verändert durch den Bundestrainer. Sie wirken wie Sportler und nicht mehr wie Fußballprofis. Sie spüren jetzt Klinsmanns Hunger nach Verbesserung und haben die Attitüde der verwöhnten, blasierten Stars weitestgehend abgelegt. Es geht um das Sein und nicht mehr um den Schein. Ihre Einstellung fragt nicht mehr nach der Bedeutung eines Spieles, das vor ihnen liegt. Die Vorstellungen des Nationalteams gegen Ecuador oder Portugal, Begegnungen, in denen es auf den Sieg nicht unbedingt ankam, fielen genauso überzeugend aus wie die in den K.-o.-Spielen. Länderspielbesuche waren früher oft ein Akt bitterer nationaler Fußballpflicht, jetzt sind sie die Eintrittskarte zu einem beglückenden Erlebnis. Die deutsche WM-Party wäre nicht so überwältigend ausgefallen, wenn die Erfolge auf die althergebrachte Art und Weise zusammengezimmert worden wären. Deutschland und die Weltmeisterschaft – das war viel mehr als Fußball, vor allem dank Klinsmann.“

Edelkitsch

Christof Kneer (SZ) ringt beim Abschied der deutschen Elf von ihrem Publikum mit den Traänen: „Die Versöhnungskraft dieser Mannschaft wird einem langsam unheimlich. Kaiser umarmt Klinsmann, Lehmann heiratet Kahn, Klinsmann lobt Merkel, Beck lobt Klinsmann, und wenn das so weitergeht, könnte man die Elf mit Blauhelmen ausstatten und zu Friedenseinsätzen in die Welt entsenden. In feiner Dramaturgie haben am Ende auch noch die Kaderauffüller Hanke und Hitzlsperger ein paar WM-Minuten abbekommen, ebenso Jens Nowotny. Wenn es stimmt, dass der DFB-nahe Regisseur Sönke Wortmann die WM erfunden und inszeniert hat (wofür einiges spricht), dann muss man ihm alle Regiepreise dieser Welt aufdrängen, weil man noch nie einen Edelkitsch erlebt hat, der so unterhaltsam war. Aber: Weiß Wortmann eigentlich, wie die Geschichte weitergeht?“

Zu neuer Größe geschrumpft

Oliver Kahn tritt zurück, und Michael Eder (FAZ) faßt sich ans Herz: „Nie zuvor hatte man Oliver Kahn nach einem großen Sieg so gesehen wie in diesen Augenblicken, so ganz ohne zur Schau gestellte Aggression, ohne Triumphgeste, so ganz ohne Panzer um die schillernde, die schwierige Persönlichkeit. Oliver Kahn war am Ende angekommen – und auch bei sich. Nichts erinnerte mehr an den alten Kahn, der sich selbst zerfleischte in jedem Spiel, der keine Freunde kannte, nur Gegner, nur Feinde. Es ist sein Glück und seine Tragik, daß es einer schweren persönlichen Niederlage bedurfte, um diese grenzenlose Zuneigung zu erfahren. Oliver Kahns nachdenklicher, bescheidener, stiller Abschied ließen den Titanen schrumpfen – zu neuer Größe.“

Menschwerdung

Philipp Selldorf (SZ) scheut keinen Vergleich mit der Geschichte: „Als Oliver Kahn Anfang April die Presse zusammenrief, um ihr mitzuteilen, dass er auch als Reservetorwart die WM mitmachen wolle, haben viele an der Aufrichtigkeit seiner Worte gezweifelt: ‚Es geht nicht um dich, um Oliver Kahn und persönliche Belange – es geht um etwas viel, viel Größeres.‘ Mancher Zuhörer dachte: Dieser Satz stammt aus der Schule von John F. Kennedy, aber nicht aus dem Begriffsrepertoire von Oliver Kahn. Diese Zweifel haben sich als grandioser, sogar ein wenig beschämender Irrtum erwiesen, und zwei Monate später lautet die Lehre, dass Oliver Kahn sicher einen hervorragenden Präsidenten abgäbe. Und wer war eigentlich dieser Kennedy?“ Andreas Lesch (BLZ) fügt hinzu: „Das ist die Nachricht dieser Nacht gewesen: Oliver Kahn, der Titan, der Beißer, Schubser, Brüller, ist Mensch geworden. Er hat gelernt, dass die Liebe des Publikums nicht nur als Dank für große Leistungen zu haben ist, sondern auch als Anerkennung für große Gesten.“

Welt-Interview mit Oliver Kahn: „Wichtig ist, daß der Weg, den Jürgen eingeschlagen hat, vom DFB fortgesetzt wird“

FR: Die deutsche Elf vier Wochen unter Beobachtung

Außergewöhnliche Klasse

Über den Abschied Luis Figos aus der Nationalmannschaft schreibt Michael Eder (FAZ): „Der letzte große Auftritt dauerte nur dreizehn Minuten, aber er genügte, um noch einmal zu zeigen, was die portugiesische Nationalmannschaft verloren hat: ihren besten Spieler der letzten Dekade. Luis Figo gab seinen Abschied, und in den dreizehn Minuten, in denen er spielte, war die Seleccao eine ganze Klasse besser als zuvor. Noch einmal ließ er den Ball an seinem Fuß kleben, stand mit aufreizender Lässigkeit vor seinen Gegenspielern, die ihn kaum anzugreifen wagten, und ganz am Ende lieferte er mit einer wunderbar getimten Flanke von rechts noch die Vorbereitung für den einzigen portugiesischen Treffer. Figo verabschiedete sich mit einer Niederlage, aber mit einer Aktion, die noch einmal seine ganze außergewöhnliche Klasse zeigte.“

Sonntag, 9. Juli 2006

Bundesliga

Aufklärung, bitte!

Aufklärung, bitte!

Die Sperre für Torsten Frings ist höchst zweifelhaft, doch in den deutschen Zeitungen liest man so gut wie nichts darüber

Von Oliver Fritsch

Sicher, TV-Bilder übermitteln keine einzige Wahrheit, es läßt sich trefflich über sie streiten. Doch das, was ich im Fernsehen gesehen habe, läßt mindestens folgenden Schluß zu: Die Sperre für Torsten Frings ist ein überhartes Urteil, es ist ja eher eine Drohung als ein Schlag des Geohrfeigten gewesen. Außerdem sind die Umstände des Verfahrens dubios und unglücklich, das hat sogar Fifa-Präsident Blatter eingestanden. Und was müssen wir nun erfahren: Julio Cruz, Frings‘ argentinischer „Gegner“, kommt ohne Strafe davon! Kung-Fu-Cufre muß nur vier Spiele zusehen. Und Maxi Rodriguez, der Bastian Schweinsteiger mit Anlauf eine über den Schädel gezogen hat, erhält nahezu das gleiche Strafmaß wie Frings. Das muß einem die Fifa aber mal erklären.

Umso erstaunter bin ich, daß fast niemand darüber berichtet – selbst Bild und BamS weisen zwar darauf hin, halten es aber nicht für ein Seite-1-Thema. Wo seid Ihr, wenn man Euch mal braucht? Allein schon in der Sachanalyse des Italien-Spiels hat die deutsche Presse fast ganz auf den Hinweis auf Frings‘ Fehlen verzichtet. Natürlich wäre die Chance der Deutschen auf einen Sieg mit Frings größer gewesen. Ob es zu einem Sieg gegen die, famos spielenden, Italiener gereicht hätte? Man weiß es nicht, doch darum geht es auch nicht. Es ist schade und eine sportliche Entwertung dieses Halbfinales, auch des italienischen Sieges. Deutschlands Sieg im WM-Finale 1990 zum Beispiel hätte schwerer gewogen, wenn nicht die Hälfte der argentinischen Mannschaft gesperrt gewesen wäre. So rechnen Sportsgeister.

Am Tag nach der Verkündung der Sperre, also am Spieltag, hat es einige Kommentare gegeben, mit uneinheitlichem Tenor. Das Verfahren ist kritisiert worden, etwa von der FAZ: „Die Fifa hat sich bis auf die Knochen blamiert.“ Es hat auch Stimmen gegeben, die das Strafmaß für angebracht halten, allein Spiegel Online hat gefordert: „In diesem Fall hätte eines der ältesten Rechtsprinzipien zur Anwendung kommen müssen: im Zweifel für den Angeklagten.“

Gute Gastgeber oder Überheblichkeit?

Hat sich die Fifa tatsächlich von italienischen Medien unter Druck setzen lassen? Das wäre ein Armutszeugnis, zumal viele italienische Redaktionen bekanntermaßen nicht zimperlicher sind als unsere Holzhacker von der Knallpresse. Die darf man nicht allzu ernstnehmen. Ist es ein letzter Hieb der Fifa gegen die Deutschen? Hatte sie Angst, in den Verdacht zu geraten, schon wieder den Gastgeber, wie 2002, zu bevorteilen? Gibt es als Wiedergutmachung für die Deutschen nun die Auszeichnung für Lukas Podolski? Fragezeichen-Journalismus, zugegeben. Aber dies sind Fragen, die auf dem Tisch liegen; ich bin es nicht, der sie in die Welt setzt. Eine Recherche darüber könnte ja auch helfen, möglichen Verschwörungstheorien, etwa auch die um die „Mafiosi“, den Wind zu nehmen.

Ich habe neulich auf das Gift in der „bilateralen Kommunikation“hingewiesen, vielleicht bin auch ich etwas überkorrekt gewesen. Ein bißchen Klischee und Geschubse dürfen im Fußball ja sein. Mit Tiervergleichen sollte man jedoch vorsichtig sein. Daß die Italiener keine Klosterschüler sind, ist klar. Doch auf welche Mannschaft trifft das nicht zu? Ich hab mit Leuten während der WM gesprochen, die auf den Spucker Totti fluchen. Gleichzeitig drücken sie dem Spucker Alexander Frei die Daumen, weil sie auf ihn als Torschützen gewettet haben – ist ja nur ein Schweizer. Schöne schizophrene Fußballwelt! Von Journalisten darf man aber mehr erwarten. Mich ärgert, daß viele über Fußball schreiben, die davon nicht viel zu verstehen scheinen (oder nichts verstehen wollen). Wer den Italienern Catenaccio nachsagt, hat die letzten Jahre nicht richtig hingeschaut. Der muß sich natürlich, wenn er wie im Halbfinale dann richtig hinschaut, die Augen reiben, wie schnell und genau die Italiener in die Spitze spielen und daß ihr Trainer in der Verlängerung mit Mut die Entscheidung sucht. Noch mal buchstabiert: Italien hat in der 119. Minute das 1:0 erzielt – und legt noch ein Tor drauf. Also von wegen Sieg ermauern und Vorsprung halten. Wer sich über den geschenkten Elfmeter für Fabio Grosso im Spiel gegen Australien, zurecht, aufregt, sollte auch gestehen können, daß Miroslav Klose an dieser WM zwei Feldverweise (gegen Polen und Schweden) „gezogen“ hat. Vor vier Jahren wäre er in beiden Situationen nicht gefallen. An der italienischen Taktik-, Nachwuchs- und Trainerschule sollten sich die Deutschen ein Beispiel nehmen (nicht jedoch an ihrer Schauspielschule). Und wenn jemand „beschissen“ Fußball gespielt hat an dieser WM, dann die Romantik-Fraktion aus Brasilien und England.

Weltmeister der Herzen, ein Etikett des Hohns

An der WM 2002 ist Michael Ballack im Endspiel gesperrt gewesen, eine Story, die wir seitdem etwa eintausendfünfhundertmal gehört und gelesen haben. Fußball-Legenden, eben. Wie wäre das Endspiel wohl mit ihm ausgegangen? Eine Frage, auf die Fußballdeutschland ewig und vergeblich eine Antwort suchen wird. Dabei gibt es keinen Grund zur Aufregung, die Gelbe Karte gegen ihn im Halbfinale gegen Südkorea war gerecht – übrigens im Gegensatz zu seiner ersten im Achtelfinale gegen Paraguay.

Doch fast niemand redet über Torsten Frings. Ist der knorrige Typ, der allerdings noch nie eine Rote Karte erhalten hat, das nicht wert? Lassen wir uns vom ran-Beckmann leiten, der Frings‘ grandiose Leistung gegen Argentinien nicht einmal erkannt hat? Ist das schon Überheblichkeit gewesen, davon auszugehen, die Deutschen könnten auch ohne ihn? Ich habe den Eindruck, viele Kollegen halten sich zurück, um nicht in den Ruf zu geraten, sie seien schlechte Gastgeber oder schlechte Verlierer. Aber eine Ungerechtigkeit wird man noch eine Ungerechtigkeit nennen können. Und müssen. Ich fordere nicht Aggression, aber kommentarlos hinnehmen – das kann es wohl nicht sein. Zahnlosigkeit und Überkorrektheit passen nicht zum Fußball. Aus fast dreißig Jahren Amateurfußball als Spieler und Trainer weiß ich: Metzgerblut ist keine Buttermilch. Und gute Gastgeber (ist Deutschland das überhaupt?) zu sein, ist aller Ehren wert, aber gehört zu dieser Rolle auch, sich von seinen Gästen den Safe ausrauben zu lassen und dabei wegzusehen? „Weltmeister der Herzen“ – hoffentlich setzt sich dieses Etikett nicht durch, liebe Fans, das ist höhnisch gemeint, zumindest läßt es sich leicht zu Hohn verkehren.

Meinen Stammlesern werde ich nicht beteuern müssen, daß meine Lust am Fußball nicht vom deutschen Erfolg abhängt.

 

Gießen, 9. Juli 2006


Ich habe Jürgen Kaube, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, am Telefon zur Frings-Sperre befragt und über das Schweigen der Sportredaktionen. Kaube hat sich am Donnerstag in einer Glosse auf der FAZ-Medienseite über die demonstrative Harmonie Johannes B. Kerners erregt, eine der wenigen Zeitungstexte, die sich mit dem Spiel kritisch befassen. Lesen Sie das Gespräch exklusiv auf www.indirekter-freistoss.de!

Freitag, 7. Juli 2006

Ball und Buchstabe

Triumph des modernen Catenaccios

Thomas Kistner (SZ) resümiert den Taktik-Trend der WM: „Traumwetter, Dauerparty, die neue Freude an der flächendeckenden Zurschaustellung nationaler Symbole sowie eine subtile Politisierung des Sportmassenevents, in dessen Schatten ein hübscher Strauß unpopulärer Reformen gewickelt wurde – das sind die Eckpunkte des Ereignisses. Der Fußball selbst ist dabei keinen Zentimeter vorwärts gerollt, weshalb im Finale fast ein halbes Dutzend Akteure stehen, die man dort schon 1998 bewundern durfte. Sogar einen wie den stets zu Kapriolen neigenden Barthez im Tor kann sich ein potentieller Weltmeister heute leisten, weil Gegners Teams sowieso nur darauf hoffen, dass ihnen vorne der Schiedsrichter hilft, ein Fehler der anderen oder das Elfmeterschießen. Die deutsche Elf darf man hier ausnehmen. Sie war stets bemüht, Tore zu schießen. Sie wollte Fußball spielen, musste es auch, und gewiss fällt vieles leichter, wenn einen das Vaterland auf allen Kanälen vorantreibt. Der Rest hat Beton angerührt. Die Null musste stehen. Das war der Grundgedanke, der sich wie ein Virus ins Turnier geschlichen hat. Diese WM ist der Triumph des modernen Catenaccios, und ein ironisches Schicksal hat es gewollt, dass am Ende just Italien um den Titel spielt. Die Elf, die gegen Deutschland spektakulär zeigte, was rasantes Angriffsspiel bewirken kann. Am Sonntag bleibt eine letzte Chance, dass sie auf die stürmische Art alles vorherige ad absurdum führt und so die große Trendumkehr vorbereitet.“

FAZ: WM-Analyse Taktik – Dürre vor dem Tor

Ein Waldi wäscht den anderen

Oskar Beck (StZ) ärgert sich über Fußballfernsehen: „Kerner hat neulich brühwarm darauf hingewiesen, dass man die Geschichte mit Lehmanns Elfmeterspickzettel nachlesen kann, ‚die BamS macht das auch‘. So wird eine ZDF-Fußballsendung zur Verkaufsveranstaltung für die Bild am Sonntag – und flankierend hat dieser Tage in ‚Waldis WM-Club‘ auch noch der ARD-Sportskamerad Hartmann den BamS-Chefredakteur eingeladen und unter tatkräftiger Erwähnung seiner Zeitung so lange geduzt, dass der fast nicht mehr anders kann, als Waldi demnächst als besten Fernsehjournalisten dieser Weltmeisterschaft zu loben. So wäscht ein Waldi den anderen. Wobei wir Johannes B. Kerner an dieser Stelle in einem Punkt gratulieren wollen: Sein Experte Klopp war klasse – ein Schwabe halt, zeitgemäß und auf Ballhöhe. Was der vier Wochen lang gesagt hat, hatte mehr Hand und Fuß als so manches, was man sonst von den Heerscharen von TV-Sachverständigen vernahm, bis hin zum Vollblutexperten Peter Neururer, der angedeutet hat, dass er das eine oder andere von dem, wofür Jürgen Klinsmann jetzt gelobt wird, schon vor Jahren wieder in seine Schublade der alten Hüte gesteckt hat. Kommt das Wort Fachsimpelei eigentlich von Simpel?“

Lebenslanges Studioverbot

Auch Marcus Jauer (SZ) wendet sich ab: „Ingolf Lück betreibt für das ZDF ein Studio, in dem Nachgetreten wird. Bei den Gästen hat Lück sich darum für eine Stammformation übler Bolzer entschieden, so kommen Mike Krüger, Hans Werner Olm und Lou Richter doch noch zu einem Einsatz. Sie sind Vertreter einer Zunft humoristischer Tagelöhner, die sich jedem Sender andienen, der ihnen einen halbrunden Tisch anbietet, an dem sie schlechte Witze vorlesen können, die ihnen noch nicht einmal selbst eingefallen sind. Keiner wird dem ZDF vorwerfen, dass nach dem Kauf der Fußballübertragungsrechte das Geld für ein anständiges Programm knapp wird, bevor man aber nach den besten Spielern der Welt die schlechtesten Komiker des Landes auftreten lässt, macht man vielleicht besser gar kein Programm. Nach den Leistungen, die Lück und seine Luschen hier geliefert haben, müsste es jedenfalls lebenslanges Studioverbot geben, aber mit so etwas beschäftigt sich die Fifa ja nicht.“

BLZ: Gunter Gebauer über weinende Fußballer

SZ: eine kleine Schuhkunde

WM 2006

Ermüdendes Grundlinienduell

Michael Eder (FAZ) findet zwei Vergleiche aus anderen Sportarten für den 1:0-Sieg Frankreichs gegen Portugal: „Die Begegnung bot eine vorläufige Zusammenfassung dieser WM, die vor allem eines ist: ein Festival der Defensive. Die Grundregel im aktuellen Verteidigungsfußball lautet: Wer das erste Tor schießt, gewinnt, wer den ersten Fehler macht, fährt nach Hause. Fast könnte man meinen, die Fußballstrategen von heute hätten die Schachtheorien von Steinitz studiert, der die Intuitiven und Kombinationsspieler mit der Lehre verschreckte, daß ein Angriff nur dann sinnvoll sei, wenn das ursprüngliche Gleichgewicht der Stellung gestört ist. Da dieses Gleichgewicht aber nur durch einen Fehler gestört werden könne, bliebe die Stellung so lange ausgeglichen, wie beide Parteien korrekt verteidigten. (…) Die Zuschauer sahen ein ermüdendes Grundlinienduell des Fußballs, weil auch die Portugiesen über eine erstklassige Defensive verfügen. Jeder Angriff, jede noch so gut gemeinte Attacke wurden abgewehrt und weggelaufen.“

Macher

Vereinigung des Schönen und Wahren – Christian Eichlers (FAZ) Hommage an Zinédine Zidane: „Er ist nicht der beste Spieler der WM 2006 – doch er ist der Spieler der WM 2006. Die Fußballwelt des 21. Jahrhunderts schwärmt für die leichtfüßigen Tricks, die schwebende Ballkunst, die oft nur Illusion bleibt. Zidane war schon im letzten Jahrhundert deren Meister. Doch am Ende, in den letzten zwei, drei Jahren, schien von Zidanes Kunst nur dieses Kunsthandwerk übrigzubleiben: die schwebenden Drehungen, die kleinen Gewichtsverlagerungen, die Verteidiger wie Säulen aussehen ließen. Kleine Feuerwerke großer Kunst – letzte Fingerübungen eines Virtuosen, der da und dort noch brillieren, aber nicht mehr dominieren kann? Die WM 2006 erlebt den alten Zidane. Das bedeutet: den ganzen Zidane. Und der hatte immer auch eine andere Seite: ein Macher, ein Entscheider, einer, der ein Spiel grimmig an der Gurgel packt und nicht mehr losläßt. Man sah es ihm oft nicht an, weil er immer so melancholisch und verletzlich dreinblickte. Aber er hatte und hat die Eigenschaft des wahren Weltstars, für die es in diesem Spiel nur ein unschönes, martialisches Wort gibt: den Killerinstinkt.“

Blick für das Spiel wiedergefunden

Christian Zaschke (SZ) beschreibt Zidanes Wandlung: „Gegen Portugal war Zidane nicht so effektiv wie gegen Brasilien, als er sein bestes Spiel seit Jahren zeigte. Erneut fiel jedoch auf, wie agil er sich über den Platz bewegte, und im Vergleich zu seinen müden Vorstellungen bei Real Madrid wirkte er wie Popeye nach dem Genuss von zwei Dosen Spinat. Oder war es das bisschen Höhentraining, das die Franzosen vor dem Turnier absolviert haben? Irgendwie hat er seinen Körper in kurzer Zeit in eine blendende Verfassung gebracht, was ihm auch das Denken auf dem Platz erleichtert. Er hat seinen Blick für das Spiel wiedergefunden, das er lenkt und dessen Rhythmus er bestimmt. Die Mitspieler suchen ihn nun wieder und liefern die Bälle pflichtschuldig bei ihm ab, auf dass der Meister sie über das Feld verteile.“ Benjamin Henrichs (SZ) hofft auf Zidanes Krönung: „Nachdem nun die Wunderkinder und Märchenprinzen des Fußballs allesamt verschwunden sind (Robinho und Messi, Poldi und Schweini, der Kampfhund Rooney und der Tänzer Cristiano Ronaldo), gibt es nur eine Schlusspointe, die aus dieser hochstrapaziösen, manchmal begeisternden, oft nervenden Weltmeisterschaft doch noch eine Glücksgeschichte machen könnte: Zizous zweite Krönung. Es wäre ein Märchen. Ein altes Märchen zwar, aber immerhin ein Märchen. Denn wie kein anderer Spieler unserer Epoche hat uns Zinedine Zidane immer wieder daran erinnert, dass der Fußball eine dramatische Kunst ist, keine Party und erst recht kein patriotisches Hochamt. Dass die Fußballer die legitimen Erben von Aischylos, Shakespeare und Tschechow sind, nicht nur Entertainer und Popstars. Niemals werden wir Zidane als jämmerlichen Sänger in der ZDF-Arena erleben (wie soeben Pelé), niemals wird er auf der Tribüne herumtanzen und heulen wie gerade noch der Gockel Maradona. Zidane wird aufhören, und dann wird er weg sein. ‚Schön ist nur, was ernst ist‘, heißt es in der traurigen Komödie Die Möwe. Wenn das wahr ist, dann war Zidanes Fußball der schönste.“

Zurechtgewiesen

Die Welt wirft ein: „Als Zidane seinen Elfmeter verwandelt hatte, liefen Patrick Vieira und Claude Makelele auf ihn zu. Um zu gratulieren? Sie bauten sich vor ihm auf. Furchteinflößend der Hüne Vieira, mit dem Finger auf Zidanes Brust der kleine Makelele. ‚Wir haben ihm gesagt‘, erklärt Vieira hinterher, ‚daß er sich besser in die Defensivarbeit einordnen muß. Die Portugiesen hatten zuviel Platz.‘ Zidane, der beste Fußballspieler der vergangenen fünfzehn Jahre – zurechtgewiesen wie ein Schuljunge, unterworfen dem Diktat des Resultatsfußballs. Er trägt die Kapitänsbinde und gilt nach außen als Anführer der wiedergeborenen ‚Bleus‘. Deren Chefs sind freilich Vieira und Makelele. Zwei Giganten im defensiven Mittelfeld, mit brillanter Technik und famoser Spielintelligenz. Aber eben Defensivspieler.“

SZ: Das letzte Duell der alten Herren – zum Abschied tauschen Finalist Zinédine Zidane und Verlierer Luis Figo die Hemden

Keinen Torjäger

Peter Burghardt (SZ) vermißt portugiesische Durchschlagskraft: „Zu wenig versuchte Portugal in der Offensive. Zu oft sanken Scolaris Spieler wie vom Blitz getroffen ins Gras, statt sich aufrecht dem Ziel zu nähern, sie trugen erheblich bei zu einem einschläfernden Duell. Außerdem zeigte sich ein weiteres Mal, dass Deco und Figo kein Gespann bilden, obwohl die beiden technisch und taktisch dazu in der Lage sein sollten.“ Thomas Kilchenstein (FR) ergänzt: „Warum schafft es eine Nation, die derart brillante Fußballer hervorbringt, nicht, einen Torjäger auszubilden? Seit Jahrzehnten krankt der portugiesische Fußball am Fehlen eines klassischen Knipsers. Ihr letzter echter Torjäger saß auf der Tribüne, wie immer ein weißes Handtuch um die Schultern: Eusebio.“

Felix Reidhaar (NZZ) blickt sechs Jahre zurück: „Im EM-Halbfinal 2000 von Brüssel hatte die génération dorée (Juniorenweltmeister 1989 und 1991) dem Team aus dem Hexagon letztmals wirklich auf den Zahn gefühlt, war aber von der Spielleitung krass benachteiligt worden. Das hat die ohnehin schwermütigen Lusitaner in ihrem Defaitismus noch gestärkt. Und diese mentale Stimmung stutzte ihnen auch gegen die Franzosen sichtlich die Flügel.“

BLZ: Portugal ärgert sich über die Wiederholung von Elfmeter-Geschichte

BLZ: Luiz Scolari, der schlechter Verlierer

WM 2006

Lautloser Chef

Richard Leipold (FAZ) stellt Andrea Pirlo als intovertierten Spielmacher vor: „Francesco Totti mag der mediale Frontmann sein, Pirlo füllt die Rolle des Hintermanns so tatkräftig aus, daß frühere Koryphäen ihn zum Ritter schlagen. Pirlo vereinigt brasilianische Ballbeherrschung mit der seit Generationen geübten Philosophie, wonach die Grundlagen des Fußballspiels in der eigenen Hälfte liegen. Aber auch weit vorn weiß Pirlo, worauf es ankommt. (…) Pirlo steht längst im Wettbewerb mit großen Figuren der Fußballgeschichte. Aber er scheint weit davon entfernt, sich deshalb zu ändern und seinen Stammplatz vor der Abwehr zu verlassen. Dazu hatten italienische Medien ihn nach einer schwachen Rückrunde aufgefordert. Doch Lippi gewährte ihm einen üppigen Vertrauensvorschuß und bekommt den Kredit bei der WM mit Zinsen zurückgezahlt, von einem Pirlo, der in Bestform spielt. Der Regisseur fühlt sich wohl im Hintergrund, nicht nur auf dem Fußballplatz; das weite Feld der bunten Blätter überläßt er anderen. Statt ein Model nach dem anderen als Schmuckstück zu präsentieren, widmet er sich Frau und Kind. Als Mann von außergewöhnlicher Klasse hat Pirlo das zentrale Mittelfeld lautlos in Besitz genommen. Längst ist er dort der heimliche Chef – den Gegnern wird er allmählich unheimlich.“

Der schottische Italiener

Ronny Blaschke (BLZ) porträtiert Gennaro Gattuso, den Ex-Profi der Glasgow Rangers: „Der klassische Catenaccio ist ein Fall fürs Museum, es gibt ihn nicht mehr. Die Italiener sind verdient ins WM-Finale vorgedrungen, sie haben sich gesteigert von Spiel zu Spiel. Gegen Deutschland erreichten sie die vorerst höchste Stufe. Trainer Marcello Lippi plante den Erfolg bis ins Detail, sein Team lieferte eine taktische Meisterleistung. Mit rustikalem Abwehrhandwerk hatte das nichts zu tun. Und so illustriert Gattuso doch die Entwicklung der italienischen Mannschaft. Sie spielt nicht schöner und filigraner als früher, sie spielt kontrollierter und reifer. Die entscheidenden Fortschritte: Effizienz und Erfolg. Er gehört zu den besten Spielern der WM trotz einer Muskelverletzung vor Beginn des Turniers. Sein Stellungsspiel und seine Technik haben sich stark verbessert. Im italienischen Team erfüllt er eine der wichtigsten Aufgaben: Er schließt die Räume im defensiven Mittelfeld und hält den kreativen Geistern der Mannschaft, Francesco Totti und Andrea Pirlo, den Rücken frei. Gattuso hat die Kondition eines Rennpferdes, brutale Grätschen sind von ihm kaum noch zu sehen. (…) So möchte er sein, Gennaro Gattuso, der Knurrer: hart, kritisch und gerecht. Das hat ihn der schottische Fußball gelehrt, am liebsten würde er seine Ideale dem italienischen Fußball überstülpen.“

BLZ: Frankreich und Italien, zwei klischeebeladene Fußballstile

BLZ: Lilian Thuram hatte seine Karriere im französischen Team bereits beendet – nun steht er im WM-Finale

taz: Acht Jahre nach dem letzten großen Fußballerfolg gibt es kaum noch Politiker, die versuchen, die „Black-blanc-beur“ für ihre Zwecke zu vereinnahmen

FR: Die Equipe Tricolore führt die Franzosen aus dem schon länger im Lande währenden Stimmungstief

Verschwörungstheorie (zeit.de): Die Mafia im Finale – Vorsicht, Satire!

Deutsche Elf

Sonderling

Jan Christian Müller (FR) leistet Abbitte am Bundestrainer: „Sogar die eher Klinsmann-kritische FR hat sich bekehren lassen. Wir stellen nüchtern fest: St. Jürgen hat sich mittels tadellosem Offensivfußball in eine Sache hineinmanövriert, aus der er nun nur noch ganz, ganz schwer wieder rauskommt. Vor ein paar Monaten hätten wir ihn nur allzu gern gemeinsam geteert und gefedert und durch den Frankfurter Stadtwald zum Flughafen getrieben, damit dieser komische Sonderling uns nie wieder unter die Augen kommen möge. Und jetzt: Hängen wir unser Deutschland-Fähnchen in den Wind, liegen dem Reformator des ganzen großen Landes wimmernd zu Füßen und bitten ihn inständig, sich nicht durch den Hinterausgang zu verkrümeln.“

bildblog: Eine sehr lesenswerte Dokumentation über die Kreidefresser der Bild-Zeitung, die Klinsmann nun zum Bleiben überreden wollen, nachdem sie monatelang eine Kampagne gegen ihn geführt haben

Geistig-moralische Elite

Peter Heß (FAZ) kommentiert die Entscheidung der Mannschaft, sich am Sonntag von ihren Fans in Berlin zu verabschieden: „Die Forderung, den Fans etwas zurückgeben zu dürfen, macht die Nationalmannschaft zu einer geistig-moralischen Elite des deutschen Fußballs. Diese Feststellung soll weniger als Lob für die Klinsmänner verstanden werden, sondern eher als Kritik an den sonst herrschenden Verhältnissen. Wenn in vier Jahren sich die Nationalmannschaft wieder ein Abschlußbad in der Menge verordnet und kein Kommentar dazu erscheint, ist der deutsche Fußball einen Schritt weiter gekommen.“

Rückfall ins Mittelalter

Freddie Röckenhaus (SZ) betet, daß Klinsmann weitermacht und malt tausend Teufel an die Wand: „Das Pandämonium, mit dem uns der deutsche Fußball permanent droht, besteht aus Menschen wie Matthäus, Breitner, Sammer, Effenberg, Littbarski oder – jawohl – Berti Vogts. Dazu kommen Honoratioren im Pensionisten-Alter (wie Hitzfeld und Rehhagel) und ewig Irrlichternde wie Daum. War nicht, auf den Schwingen dieser deutschen WM, beinahe schon vergessen worden, welches Wachsfigurenkabinett jahrzehntelang den Spaß an ‚La Mannschaft‘ nahm? Diese Sorte würde sofort nach Klinsmanns Abgang unaufhaltsam und zerstörerisch· in das Vakuum drängen, das die Demission hinterließe. Ein Rückfall in die Zeiten des Rumpelfußballs, des Mittelalters, des meterdicken Mauerns. Ein Wechsel wie von Willy Brandt zu Helmut Kohl. Die Abschaffung der Moderne.“

Primitive Mannschaft

Nachgereicht – ein böser Spielbericht übers Halbfinale aus der spanischen Presse: „Die italienische Auswahl war besser als das extrem zurückhaltende Deutschland. (…) Die Begegnung vermittelt einen Eindruck vom Niveau, auf dem sich der Fußball in letzter Zeit bewegt. Es sind Mannschaften wie die meisten, die am Turnier teilgenommen haben: lauter Spieler, die laufen, hinfallen, wieder aufstehen, weiterlaufen und wieder hinfallen, während sie mit Litern von Schweiß den Rasen bewässern. Daher ist es normal, daß es zur Verlängerung kommt. Erst in dieser setzt Italien auf Qualität und fährt einen Sieg ein, den das primitive Deutschland niemals verdient gehabt hätte. Deutschland ist eine Mannschaft, die übertriebene Lobreden erhalten hat und an die man sich als eine der schlechtesten Mannschaften erinnern wird, die dieses Land je bei einer WM repräsentiert hat. Die Schlagkraft, mit der sie an noch primitiveren Mannschaften vorbeigezogen ist, hat ein falsches Bild ihrer eigentlichen Qualität hinterlassen. (…) Wahrscheinlich ist sich niemand der Schwächen des Teams mehr bewußt als Klinsmann, und deshalb beschloß er, Schweinsteiger auf der Bank zu lassen und auf die Kilos und Zentimeter von Borowski zu setzen. Aber Borowski auf der linken Seite aufzustellen ist wie eine Ampel in der Wüste zu plazieren, die zwar da ist, aber keiner weiß so recht, wozu. So konnte Klinsmann nicht anders, als seinen Fehler zu korrigieren und Schweinsteiger für den schwerfälligen Borowski einzuwechseln. Aber der Großteil des Übels war schon geschehen. Als sie das Mittelfeld und den Ball preisgegeben hatten, war Deutschlands Antwort, hinter den Italienern und dem Ball herzurennen; und wenn sie die Gelegenheit hatten, mit Zustimmung des mexikanischen Schiedsrichters zu foulen, der im Zweifel immer die Gastgeber bevorzugt hat. Und so verging die erste Halbzeit – die beste Nachricht für Klinsmann war, daß sie kein Tor kassierten. Kehl gewann keine Bälle und kreierte keine Angriffe; Ballack war sehr langsam und glänzte wenig; Klose betrat kaum den Strafraum, ebenso wie Podolski, ein weiterer überschätzter Stürmer; sie alle verloren sich in der Mittelmäßigkeit.“

FR-Interview mit Joachim Löw

Welt: Fußballentwicklungsland Deutschland – selbst Ecuadors Vereine sind in Sachen Fitness weiter als deutsche Klubs

Bild-Interview mit Torsten Frings: „Die Fifa hat mich aus politischen Gründen gesperrt“

Es muss etwas Neues passieren

Sehr lesenswert! DFB-Chefscout Urs Siegenthaler (SZ) zieht die Lehre aus dem Turnier und aus dem Primat der Defensive: „Dieses Turnier ist eine Aufforderung an die Trainer, sich Gedanken zu machen, wie man die Offensive wieder fördern kann. Die Trainer müssen sich überlegen: Wollen wir wieder Fußball spielen? Ich denke, dass der Fußball keineswegs ausgereizt ist, wie manchmal behauptet wird. Eher das Gegenteil ist der Fall: Ich bin überzeugt, dass der Fußball in seiner taktischen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen haben wir es geschafft, im Spiel gut organisiert zu sein, und schon sagen alle: Oh, Super-Taktik! Das Problem ist aber: Es gibt noch überhaupt keine Lösung, diese gute Organisation des Gegners zu überwinden. Man spielt mal hintenrum oder mal vertikal oder der Stürmer kommt entgegen und lässt prallen, aber das ist alles nach dem bekannten Schema. Echte Alternativen gibt es nicht. Der Fußball hat jetzt eine Phase erreicht, in der mal wieder was Neues passieren muss.“ Den Grund, warum Brasilien auf seine satten Stars gesetzt hat, kann Siegenthaler nur andeuten: „Aber man darf natürlich eines auch nicht vergessen: Manchmal sind den Trainern einfach die Hände gebunden. Es kann ja keine sinnvolle WM-Vorbereitung sein, wenn Brasilien 15 Trainings an Sponsoren verkauft und jede Einheit zum Volksfest wird. Oder Costa Rica, die tingeln durch halb Europa, spielen heute in Kiew, morgen in Barcelona und wieder zwei Tage später in London. Manchmal gibt es wirtschaftliche Aspekte, die einem Trainer die Arbeit erschweren, und das wirkt natürlich aufs Niveau einer WM. Als Fan frage ich mich ja: Warum spielt Ronaldo? Der hat zehn Kilo Übergewicht, und auf der Bank sitzen zehn schlanke Ronaldos. Oder rechts hinten, da spielt Cafu, der ist 36, und auf der Bank sitzt eine Granate wie Cicinho. Da habe ich als Laie nur diese Antwort: Vielleicht hat der Trainer irgendwelche Auflagen, von denen der Siegenthaler nichts weiß.“

Siegenthaler glaubt, daß vielen Fußballprofis der Weg ins Traineramt zu leicht geebnet werde: „Viele Profis beenden ihre Karriere, wollen Trainer werden und kriegen zum Üben erst mal eine Jugendmannschaft. Aber das sind Berufsanfänger. Ich hatte als Profi in der Schweiz auch Trainer, und die mit den Länderspielen haben gerne gesagt: Folgt eurem Gegner bis aufs Klo! Ich habe damals schon gedacht: Hast du keine andere Lösung? Ich denke, dass der Trainerjob im Nachwuchs total unterschätzt wird, dabei sind das genau die Trainer, die uns sagen werden, wie man bei der nächsten WM wieder offensiver spielen kann.“ Siegenthaler empfiehlt das kleine ABC der koordinativen Fähigkeiten: „Die Spieler können nicht mehr so flanken wie früher. Was glauben Sie, warum Raymond Domenech mit seinen Spielern tanzen üben wollte? Das ist überhaupt nichts Lächerliches, da geht es um Beweglichkeit und Rhythmisierung, um Koordination bei hohem Tempo, alles Eigenschaften, die ein bisschen verloren gegangen sind. Vielleicht hat man sich im Fußball in den letzten Jahren einfach zu sehr auf die gute Organisation im Spiel konzentriert. Dabei ist die Demut vor den kleinen Formen wie der Flanke etwas verloren gegangen.“

Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen

Siegenthaler mahnt die Verantwortlichen des deutschen Fußballs dazu, die Arbeitsweise Jürgen Klinsmanns zu übernehmen: „Ich fürchte, dass jetzt die Meinung aufkommt, mit sechs Wochen Handauflegen sei alles geregelt. Es kann aber nicht so sein, dass die Bundesliga jetzt weiterwurstelt und im Mai 2010 holt der DFB dann wieder sein Turnierteam, den Klinsmann, den Löw, den Verstegen und den Siegenthaler. Uns kann man dann buchen, wir sind dann wie die vier Tenöre, und so geht das von Turnier zu Turnier. Also, das war jetzt natürlich Sarkasmus pur, ich will damit nur sagen: Das kann’s nicht sein. Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen, um Teile der Arbeit in die Liga hineinzutragen. Wir müssen erreichen, dass die Liga sich fragt: Machen wir alles richtig? Das ist das, was im deutschen Fußball grundsätzlich fehlt: die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Das wirkt sich auch in der Trainerausbildung aus, und am Ende ist es dann halt so, dass die Italiener uns taktisch weit voraus sind.“

Gefragt, warum Eckbälle und Freistöße an dieser WM so erfolglos gewesen sind, antwortet er: „Das war in der Tat auffällig, ich glaube, dass es da einen einfachen Grund gibt: mangelndes Training. Und da landen wir automatisch wieder bei der Taktik. Nehmen Sie mal Italien: Die haben bei dieser WM am meisten Tore aus diesen ruhenden Bällen gemacht. Warum? Weil sie das trainieren konnten. Und warum konnten sie das trainieren? Weil sie viele andere Dinge schon intus hatten. Was Klinsmann und Löw sechs Wochen akribisch einstudiert haben, können die Argentinier seit sechs Jahren. Und die Italiener seit sechzig. Einem Cannavaro muss keiner mehr erklären, was Viererkette ist.

Donnerstag, 6. Juli 2006

Ball und Buchstabe

Seht her, so sind wir

Christof Siemes (Zeit) schreibt zufrieden über die Selbstdarstellung der Deutschen während der letzten Wochen: „Mitunter gab es ja im Vorfeld die Befürchtung, die Fifa-Fußballweltmeisterschaft sei nur noch eine seelenlose Geldmaschine, in der große Gefühle allein als Schmierstoffe des Kommerzes noch gefragt seien. Aber selbst wenn der Überschwang von den Fahnen-, Ticket-, Bier-, Fernsehgeräte- und Panini-Bildchenverkäufern ausgebeutet wird – der Rausch war echt. Das Spiel ist zum Katalysator geworden für eine Sehnsucht nach fröhlichem Miteinander, das keinen Zwecken dient. Das ist ja die große Bewegung dieses Sommers: In der Welt der Ich-AGs und der an Kinderarmut zugrunde gehenden Nation von Ego-Shootern sehnen sich alle nach dem großen Ganzen, der Geborgenheit inmitten der Großfamilie auf der Fanmeile. Die Fernsehquoten zeigen, wie das in Dutzende von Kanälen zerfallene Medium noch einmal zum Lagerfeuer wird, um das sich die Nation schart. Wieso diese in ihren Dimensionen letztlich ungeahnte Wirkung? So wie der Sieg bei der WM 1954 den Deutschen das zwiespältige Gefühl vermittelte, wieder wer zu sein, klatscht nun das Ausland durchweg wohlwollend, geradezu erleichtert Beifall: Endlich habt ihr euren Frieden mit euch gemacht! Das ist der diplomatische Triumph nicht des Organisationskomitees, sondern jedes einzelnen Bürgers, der sich und sein Auto beflaggt hat und der nichts anderes sein will als ein netter, mitunter selbstironischer, jedenfalls entspannter Gastgeber. Die Botschaft ist angekommen, denn die Welt verständigt sich in der Sprache des Fußballs. Sie ist die einzige, die wirklich überall auf dem Globus gesprochen und verstanden wird; nicht zufällig hat die Fifa mehr Mitgliedsländer als die Vereinten Nationen. Seht her, so sind wir, sagen die Mannschaften auf dem Platz sowie die Fans auf den Rängen und beim public viewing. Auch dieses Turnier war wieder der globale Stammtisch, an dem nationale Mentalitäten spielerisch ins Gespräch kommen.“

Die Welt tankt bei Freunden

Sehr schön! Oskar Beck (StZ) erlebt auf der Rückfahrt von Dortmund das Motto der WM: „Deutsche und italienische Fans standen in endlosen Warteschlangen an den Zapfsäulen. Man geht sich leicht auf die Nerven in solchen Fällen, wenn die einen sich als Weltmeister fühlen und die anderen nur noch die Leere des Frusts. Um eine Tankstelle in die Luft fliegen zu lassen, genügt da als Zündholz ein einziges Wort. Doch harmonischer als in dieser heißen Dortmunder Nacht ist an keiner Autobahn je getankt worden. Kein Italiener hat sich als kommender Weltmeister an der Zapfsäule vorgedrängt und kein Deutscher im Volkszorn um sich geschlagen. Die Welt tankt bei Freunden.“

taz: Der Deutschland-Taumel ist vorbei, jetzt streiten wir wieder über Krankenkassenbeiträge

BLZ: Gute Verlierer im ZDF

Deutsche Elf

Im Ausland wird viel offener mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgegangen

Der Sportmediziner Wilfried Kindermann spricht mit der FAZ heute über die Fitnesswerte der Nationalspieler und stellt Jürgen Klinsmann ein sehr gutes Zeugnis aus, den Bundesligatrainern ein schlechtes: „Nach den verschiedenen Leistungstests konnte man die Fitness der Bundesligatrainer gegen Ende der Bundesligasaison allenfalls als durchschnittlich einstufen. Die Vorleistungen der Spieler hätten nicht ausgereicht, um bei der WM diese Rolle zu spielen. Eine durchschnittliche Fitness kann deutschen Spielern nicht genügen. Sie müssen überdurchschnittlich fit sein, um spielerische Nachteile gegen südeuropäische und südamerikanische Mannschaften ausgleichen zu können. Die Brasilianer können es sich vielleicht leisten, ein bißchen weniger fit zu sein als wir, aber nicht so unfit wie sie in Deutschland waren. Da hatten ja viele den Aktionsradius eines Bierdeckels. Ich habe Jürgen nach dem vierten Leistungstest, der in einigen Teilbereichen an unserem Institut absolviert wurde, gesagt, das reicht nicht für die WM.“ Auf die Frage, ob die Bundesliga von Klinsmann lernen solle, antwortet Kindermann: „Ja, unbedingt. Zwar kann man das Programm, das Klinsmann vor und während der WM trainieren ließ, nicht über eine ganze Saison absolvieren. Aber generell herrscht in der Bundesliga eine viel zu große Angst vor intensiven Reizen. Man kann die Spieler durchaus auch mal im Training ’sauer‘ werden lassen. Aber die Furcht ist groß, hohe Laktatwerte überforderten die Spieler mittelfristig. Seit Ende der neunziger Jahre machen sich die Stimmen breit: langsam laufen, langsam laufen. Das hören die Spieler gern, spielspezifische Reize tun halt weh. Mein Eindruck ist, daß im Ausland viel offener mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgegangen wird. In Deutschland wird die Trainingsmethodik weitgehend durch Erfahrung geprägt. Wenn ich die Kommentare mancher Experten und früherer Spieler höre, die vor einer Verwissenschaftlichung des Fußballs warnen, muß ich lachen. Wenigstens ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Erkenntnis sollten sie zulassen. Wenn Klinsmann Bundestrainer bleibt oder sich wenigstens seine Philosophie durchsetzt, muß die Bundesliga mitziehen. Aber ich erwarte da Reibungspunkte. (…) Ich frage mich seit Jahren, warum es einem Fußballprofi in Deutschland nicht zugemutet werden kann, wie ein anderer Arbeitnehmer sechs bis acht Stunden täglich in seinen Beruf zu investieren.“

Idealbesetzung

Ralf Köttker (Welt) wünscht, daß Jürgen Klinsmann seinen Vertrag verlängert: „Sollte der Bundestrainer sein Amt abgeben, drohen ganz schnell wieder die Traditionalisten in Vereinen und Verbänden zu blockieren. Mit Klinsmann wäre die Kontinuität der vielversprechenden Konzepte gewährleistet. Er hat keine Angst vor den Lobbyisten der Liga, wenn es um Personalien geht. Er setzt der Verbandsbürokratie moderne Unternehmensführung entgegen und lähmender Routine neue Trainingstechnologie. Klinsmann ist kein taktisch brillanter Trainer, sondern ein Teamchef, der als Leiter eines Expertenstabs das Amt des Bundestrainers neu definiert hat. Auf dieser Position ist er die Idealbesetzung, um fußballerische Potentiale zu nutzen, die viel zu lange vernachlässigt wurden.“

Matti Lieske (BLZ) begründet sein Votum für Klinsmann: „Es gibt Teams, die besseren Fußball spielen, aber es sind nur wenige, und wenn die Zeichen günstig stehen, können auch sie geschlagen werden. Nominell schwächere Gegner hat die Mannschaft von Jürgen Klinsmann nicht zuletzt dank des Heimvorteils dominiert wie lange nicht mehr und betrieb zudem Sympathiewerbung mit ihrem vorwärtsgewandten Stil, der bei dieser WM der geballten Vorsicht besonders auffiel. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit hat sich das deutsche Team trotz der Niederlage gegen Italien seinen Platz unter den Top Ten der Welt eindrucksvoll zurück erobert und genießt erneut jenen Respekt, der in den letzten zehn Jahren abhanden gekommen war.“

Global Playerle

Christof Kneer (SZ) lobt Klinsmanns Verknüpfung von alten und neuen Werten: „Jürgen Klinsmann ist das Global Playerle. Er wohnt seit Jahren in Los Angeles, er weiß, was in den amerikanischen Managerhandbüchern steht. Aber er schwätzt immer noch schwäbisch, und vielleicht ist es das, was ihn im Volk zum authentischen Reformer werden lässt. So hat er fürs Erste auch aus seinen Nationalspielern Global Playerles gemacht; sie rennen und kämpfen, wie es der deutsche Wertekanon vorsieht, aber gleichzeitig bemühen sie sich um einen modernen, internationalen Tempofußball. Ob das Projekt sich abkoppeln lässt von seinem Projektleiter?“

Ein Klinsmann-Sommer genügt nicht unbedingt

Michael Horeni (FAZ) hofft darauf, daß Klinsmann das Flehen aller erhört: „Die Person Klinsmann, ob es ihm paßt oder nicht, ist von zentraler Bedeutung. Selbstverständlich trifft es zu, daß die Idee von Tempofußball, Courage und Leidenschaft – mit anderen Worten: von der neuen Identität der Nationalmannschaft – nie nur das Werk einer einzelnen Person sein kann. Und natürlich sind auch Personen austauschbar, wenn sie sich einer gemeinsamen Spielphilosophie verschrieben haben, wie das etwa im holländischen Fußball seit Jahrzehnten praktiziert wird. Aber dazu bedarf es einer Bedingung: Die Richtung muß allgemein akzeptiert sein. Der von Klinsmann modernisierte, wieder an internationalen Entwicklungen orientierte deutsche Fußball ist zwar zur offiziell beklatschten, aber keineswegs unumstrittenen Leitlinie im DFB geworden – von der Bundesliga mit ihren unterschiedlichen Einstellungen und Interessen ganz zu schweigen. Ein Klinsmann-Sommer genügt nicht unbedingt, um die notwendige Entwicklung gegen die Beharrungskräfte in institutionelle Bahnen zu lenken. (…) Die Arbeit von Klinsmann in Deutschland ist noch nicht ganz erledigt – seine Spieler werden ihm das schon sagen.“

Glaubwürdig

Stefan Hermanns (Tsp) fügt an: „Klinsmann mit seiner oft störrischen Art ist die beste Gewähr dafür, den deutschen Fußball vor einem Rückfall in seine alte Selbstgefälligkeit zu bewahren. Diese Selbstgefälligkeit hat sich bereits in einigen Reaktionen aus der Bundesliga offenbart, die sich schon vor langer Zeit im bequemen Mittelmaß eingerichtet hat. Die Nationalmannschaft wird immer mehr zu ihrem Gegenmodell und sollte doch ihr Vorbild sein – weil sie bewiesen hat, dass der deutsche Fußball mit den richtigen Methoden sehr wohl international konkurrenzfähig sein kann, mit jenem attraktiven, offensiven und wagemutigen Fußball, den Jürgen Klinsmann der Nation verordnet hat und den er so glaubwürdig verkörpert wie kein Zweiter.“ Markus Völker (taz) sieht alle Steine aus dem Weg geräumt: „Der Weg für Klinsmann ist jetzt frei. Er hat es einfacher als je zuvor. Er könnte mit dem DFB einen Vertrag nach seinem Gusto aushandeln. Der Gestaltungsspielraum scheint unbegrenzt. Er müsste sich auch nicht mehr rechtfertigen. Über seinen Wohnort würde nicht mehr diskutiert werden und der Einsatz von Gummibändern nicht mehr belächelt. Deutschland hat verstanden: Der Mann weiß, was er tut. Es liegt an Klinsmann, Verantwortung zu übernehmen und ein Projekt zu Ende zu führen, das erst auf halber Strecke ist.“

Teilzeitpatrioten vergessen schnell

Andreas Lesch (BLZ) pflichtet: „Wenn nun die Spekulationen um seine Zukunft beginnen, befindet Klinsmann sich in einer perfekten Position. Er kann, falls er seine Amtszeit zu verlängern gedenkt, vom DFB fordern, was er will – er wird es bekommen. Klinsmanns Konzept hat sich als derart wirksam erwiesen, dass der DFB mit einem gewaltigen Sturm der Entrüstung rechnen müsste, sollte er Klinsmanns Wünschen nicht entsprechen. Der Bundestrainer hat, ohne das zu forcieren, eine Allianz von Unterstützern hinter sich gebracht, gegen die niemand bestehen kann.“ Christian Gödecke (SpOn) hingegen warnt vor dem Glauben an Harmonie: „Es gibt sie immer noch, diese ‚reaktionären Kräfte‘, auch wenn sie momentan schweigen. Im DFB, wo man die Umstrukturierungen des Bundestrainers seit Beginn skeptisch sah und sich nur mit Blick auf die WM im eigenen Land zurückhielt. Wer will schon eine quasi nationale Aufgabe torpedieren? Wer als Nestbeschmutzer gebrandmarkt werden? Klinsmann glaubt, dass er nur dauerhaft in Ruhe arbeiten könne, wenn er tatsächlich den WM-Titel gewinnen würde. Dass nur der maximale Erfolg unantastbar mache – und womöglich hat er sogar Recht. Fußball ist schnelllebig, ein Halbfinale oder ein dritter Platz sind mit ein paar Wochen Abstand wahrscheinlich nur noch ein überraschend gutes Ergebnis. Auch Südkorea vor vier Jahren hatte ja als Gastgeber das Halbfinale erreicht. Die ersten Deutschland-Fahnen wurden schon in der Nacht der Niederlage abmontiert. Teilzeitpatrioten vergessen schnell, die gibt es auch im DFB.“

Ludger Schulze (SZ) gibt zu bedenken: „Ob das neue deutsche Fußballwunder von Dauer sein wird, muss noch geklärt werden. Wie gut ist diese Mannschaft, wenn sie nicht 60 000, 70 000 jederzeit Jubelbereite im Rücken hat, wenn sie sich nicht im emotionalen Ausnahmezustand befindet, sondern den normalen Frust der Bundesliga in die Länderspiele mitschleppt? Wenn der Alltagstrott Unlust schürt und die Klubs es lieber sehen, dass ihre Stärksten das eine oder andere Länderspiel schwänzen? Man muss sich, bei aller Vorsicht, keine großen Sorgen machen, denn diese WM-Mannschaft ist erst am Anfang eines viel versprechenden Weges.“

Zwei Online-Petitionen für Klinsmann:
http://www.klinsmann-muss-bleiben.de/
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1190507/kommentare

FR: Zwei Jahre Jürgen Klinsmann

SpOn: Achilles‘ Spezial – verliebt in die Deutschen

Der unvollendete Weltstar

Drei Autoren begutachten heute die Leistung Michael Ballacks während des Turniers. _Peter Heß (FAZ) mißt dessen historischen Wert: „Der 4. Juli 2006 hat darüber entschieden, welchen Platz Ballack in den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs einnehmen wird. Er wird zu den Großen gezählt werden. Aber nach der Niederlage kann er nicht mehr in die Reihe der Allergrößten aufsteigen. Um es mit einem Fritz Walter oder Franz Beckenbauer aufnehmen zu können, müßte ihm ohnehin eine faszinierendere Ausstrahlung zu eigen sein. Aber in einem Atemzug mit Rudi Völler, Lothar Matthäus oder Wolfgang Overath genannt zu werden, dafür hätte es reichen können. Wenn, ja wenn Ballack die Aura des großen Erfolges umschwebte. Doch dazu hätte er seine Mannschaft mindestens ins Endspiel der Heim-WM führen müssen. So aber ist nach dem verpaßten Finale von 2002 Ballack endgültig zum Unvollendeten geworden.“ Philipp Selldorf (SZ) unterstreicht dieses Urteil: „Womöglich wird er nun daran denken, dass sich bestimmte Momente seiner Karriere wiederholen. Und er wird seinen persönlichen Anteil daran bemessen: vom Eigentor bei Bayer Leverkusens Unterhaching-Trauma im Jahr 2000 bis zum dreifachen Endspiel-Drama mit Bayer 2002, vom verpassten WM-Endspiel in Japan und den seriellen Champions-League-Pleiten mit dem FC Bayern – bis zum Torschuss von Fabio Grosso.“

Heß blickt kritisch zuück: „Ballacks Leistungen waren auf jeden Fall nicht so überragend, daß sie seine Kritiker mundtot machten. Nur im Achtelfinale gegen Schweden spielte der zentrale Mittelfeldspieler die Rolle des Dominators, die viele von ihm erwarten, die er aber nur selten ausfüllt.“ Philipp Selldorf (SZ) hingegen gibt Ballack eine bessere Note: „Bei diesem Turnier hat er mit grandiosen Auftritten überzeugt, er steuerte seine Mannschaft, dominierte ihren Rhythmus und spielte wie ein Weltstar. Nur im Spiel gegen Italien brachte er nicht mehr die Kraft zur großen Leistung auf, zumal ihm Sebastian Kehl durch Offensivdrang Raum für Bewegung nahm und manche Verantwortung für die Defensive überließ, die ihm Torsten Frings bis dahin abgenommen hatte. Ballack rannte viel, er kämpfte, aber um auch noch seine Leute zu dirigieren und im entscheidenden Moment das entscheidende Tor zu schießen, dafür war er zu kaputt.“

Bernd Müllender (taz) bewertet Ballacks Leistung gegen Italien sehr kritisch: „Ballacks Auftritt war seltsam unentschlossen, tranig, arm an Dynamik. Er weinte, vermutlich auch weil er wusste, dass seine Performance zum Heulen gewesen war. Und Ballack wird auch wissen, dass er maximal ein passables Turnier gespielt hat. Der große Lenker ist er selten gewesen, wie etwa in der 2. Halbzeit des Polen-Spiels. Ecuadors B-Elf war kein Maßstab, beim Euphorie-Spiel gegen Schweden fiel er hauptsächlich durch ein Dutzend Schussversuche auf, um endlich einen WM-Treffer zu landen. Auch das misslang. Schon gegen Argentinien fielen viele Fehlpässe auf. Und am Dienstag während der Nationalhymne fiel ihm der Spielball aus Händen.“

Ernst zu nehmende Mannschaft

Ralf Wiegand (SZ) vergleicht das Turnier der jungen deutschen Innenverteidigung mit dem der jungen Offensiven: „Metzelder dürfte jener Spieler sein, der am meisten von Klinsmanns Arbeit beim DFB profitiert hat. Erst dort hat er den Fitnesszustand erreicht, den er bei Borussia Dortmund mangels Spielpraxis nie erlangen konnte. Erst dort erspielte er sich die Autorität, die er brauchte, um sich die Rolle als Abwehrchef von Per Mertesacker zurückzuholen. Der junge Mann aus Pattensen wiederum reifte neben dem erstarkten Metzelder, auf ihrer gemeinsamen Reise von Costa Rica bis Italien, vom Jugend- zum Erwachsenenspieler. Dort, wo Mertesacker/Metzelder noch sind, müssen Podolski/Schweinsteiger noch hinkommen. Sie haben in dem Turnier die genau entgegengesetzte Entwicklung genommen, waren spielfreudig wie kleine Kinder zum Auftakt, aber naiv wie ABC-Schüler gegen Italien. Nur dank seines unbändigen Willens zum Torschuss kam Podolski zu einer halben Hand voll Chancen, während er sonst zwischen den Beinen der Italienern umher irrte wie ein Welpe im Wolfsrudel. Und für Schweinsteiger gilt sogar noch mehr, den Sprung von der Spielwiese Confederations Cup, wo er sich so leidenschaftlich ausgetobt hatte, aufs Spielfeld der Erwachsenen noch nicht geschafft zu haben. Felix Magath wird sich in München die Hände reiben, dass Klinsmann wenigstens ihm noch etwas Arbeit übrig gelassen hat, Podolski und Schweinsteiger können noch viel, viel besser werden. Dass aber aus der vermeintlichen Poldi/Schweini- eine Metze/Merte-WM geworden ist, zeigt, welch rasante Entwicklung die deutsche Elf in diesem Turnier genommen hat. Als belächelte Spaßgesellschaft gestartet, schied sie tatsächlich als ernst zu nehmende Fußballmannschaft aus. Das ist die bessere Basis für die Zukunft.“

FAZ-Portrait Christoph Metzelder

FR-Interview mit Metzelder

Regierungssprechersätze

Frank Hellmann (FR) nennt nüchtern die Defizite im deutschen Spiel: „Mit unbändigem Willen, immensem Einsatz und der Unterstützung des Publikums verringerten Klinsmanns Auserwählte den noch vor vier Monaten beim 1:4 in Florenz so frappierenden Klassenunterschied gegenüber den Azzurris auf ein Minimum. Unter dem Strich aber mangelt es auch an Qualität, was sich vortrefflich an den drei besten deutschen Chancen ablesen ließ: Bernd Schneider fehlte die Ruhe, um einen präzisen Schuss aufs Tor abzugeben (34.), und Lukas Podolski hat noch nicht die Klasse, um einen gekonnten Kopfball anzusetzen (105.) oder einen besseren Schuss abzugeben (112.). Die Italiener, im Schnitt fast drei Jahre älter, waren vor allem ausgebuffter, abgezockter, abgeklärter. Die Squadra Azzurra legte eine spielerische und taktische Reife an den Tag, an die diese deutsche Nationalelf ungeachtet der fußballerischen Fortschritte der vergangenen zwei Jahre und vor allem der jüngsten Wochen noch nicht heranreicht.“ Bernd Müllender (taz) kritisiert Klinsmann dafür, daß er gegen die Ein-Stürmer-Taktik der Italiener keine Antwort gefunden habe: „Das hatte schwerwiegende spieltaktische Folgen: In Metzelder und Mertesacker standen zwei Abwehrspieler gegen einen Luca Toni. Deutschland spielte also, unfreiwillig, wieder mit einem freien Mann in der Abwehr und einem zu wenig in Ballacks Mittelfeld. Jürgen Klinsmann reagierte auffallend unwirsch: ‚Ich habe keine Lust, das Spiel hier zu analysieren.‘ Ja, wozu sonst kommt er in eine Pressekonferenz? Nur für Regierungssprechersätze: ‚Wir haben der Welt gezeigt, welch tolles Land wir sind!‘“

FR: Der gute Verlierer Klinsmann und ein formidabler mexikanischer Schiedsrichter

Großer Fußballabend

Mathias Schneider (StZ) applaudiert beiden Teams, besonders den Italienern, für ihr faires Spiel: „Es verdient in jedem Fall uneingeschränkte Anerkennung, mit welcher Ruhe und Fairness die italienische Nationalmannschaft ihr Spiel vorgetragen hat – frei von Hitzigkeit. Schließlich war vorher genug gehetzt worden um die Sperre von Torsten Frings. Dunkle Mächte aus Italien waren als Urheber ausgemacht worden. Erstmals bei der WM schallten Pfiffe aus dem deutschen Block, als die Hymne des Gastes gespielt wurde. Eine Spur Aggression, und die Stimmung wäre wohl gekippt. Doch es standen zwei Mannschaften auf dem Feld, die nichts anderes wollten, als auf sportlichem Weg den Sieger zu ermitteln. Selbst als das Spiel auf des Messers Schneide stand, blieb Zeit für einen Klaps nach einem Foul, wurde Fairplay gelebt. Das Publikum begriff. Es stellte nach dreißig Minuten das Pfeifen ein. Was folgte, war ein großer Fußballabend mit einem verdienten Sieger.“

Alles auf Rot

Ronny Blaschke (BLZ) anerkennt die Leistung der Sieger: „Die Italiener haben sich im Halbfinale abermals enorm gesteigert. Lippi hatte sie hervorragend auf den stürmischen Stil des DFB-Teams eingestellt. Die Italiener kontrollierten das Mittelfeld, sie liefen bis zur Erschöpfung, kombinierten geduldig und stoppten den Tempofußball des Gegners. Andrea Pirlo bestimmte den Takt, Gennaro Gattuso hielt ihm den Rücken frei. So kamen die Azzurri fast auf sechzig Prozent Ballbesitz. In der Defensive erreichte die komplette Viererkette ein Niveau, das bei diesem Turnier unerreicht bleiben wird. Fabio Cannavaro und Fabio Grosso bestritten die Spiele ihres Lebens. Der Taktiker Lippi bereitete den Triumph mit seiner Ordnungsliebe vor. Perfekt machte er ihn in der Verlängerung mit einer Überraschung. Plötzlich standen vier Stürmer auf dem Rasen, Lippi wollte das Elfmeterschießen unbedingt vermeiden, er setzte alles auf Rot – und gewann.“

BLZ-Portrait Fabio Grosso

Unglaube

Dirk Schümer (FAZ) erörtert den Finaleinzug der Italiener in Deutschland vor dem Hintergrund des Prozesses zuhause: „Es könnte nun zum Kuriosum kommen, daß eine Weltmeistermannschaft sich aus Spielern von Klubs der zweiten oder gar dritten Liga rekrutiert, aus Spielern ohne Arbeitgeber und mit drastisch gesunkenem Marktwert, wie manche Zeitungen den Tifosi schon einmal unbarmherzig vorrechneten. Daß gleichzeitig eine derart angeschlagene Mannschaft ihren sportlichen Wert vor den Augen der Welt vervielfacht, hat es in der Geschichte der Fußball-WM noch nicht gegeben. Und so mischt sich der Unglaube über das sportlich Erreichte mit dem Unglauben über das sportgerichtliche Verhängnis.“

NZZ: Hoch lebe der Calcio!

BLZ: Die Italiener feiern – und ärgern sich über deutsche Pfiffe

NZZ: Catenaccio? Was ist das? Über die Stimmung im Lager der Italiener

Höhepunkt

Ein paar Blumen aus der Schweiz von Felix Reidhaar (NZZ): „Nach der tagelangen Ausgelassenheit wird mit dem Abschied des Gastgebers mehr Nüchternheit einkehren. Mit dem deutsch-italienischen Duell, dem man nicht grundlos ehrfürchtig entgegensah, hatte das Turnier nach mehrheitlich spielerischer Alltagskost einen raren Höhepunkt erreicht. In der deutschen ‚Scala des Fussballs‘ trug sich ein packender Fight zwischen Vertretern zweier grundverschiedener ‚Waffengattungen‘ – feine Klinge contra wuchtiges Schwert – zu, der in einen für diese Sportart eher seltenen Sudden-Death mündete. Klinsmanns Team, auf die WM hin nicht unerwartet in Bestform gekommen, musste zwar richtigerweise geschlagen vom Platz. Aber das Verdienst, mit dieser Steigerung der Endrunde bis in die vorletzte Runde massgebliche Impulse verliehen zu haben, gebührt ihm vorbehaltlos – obwohl die Masslosigkeit, wie die Qualität der Mannschaft in der Heimat bejubelt wurde, irritiert.“

SZ: Weitere internationale Pressestimmen

Mittwoch, 5. Juli 2006

Am Grünen Tisch

Wenig zu rütteln

Eine Sportrecht-Expertise in Sachen Frings-Sperre – Thomas Kistner (SZ) seziert die Argumentation und den Einspruch des DFB: „Für Sportjuristen wie den Marburger Strafrechtsprofessor Dieter Rössner wackelt die Position des DFB schon dort, wo er auf eine Tatsachenentscheidung des Referees Lubos Michel abhebt. Tatsache ist ja, dass Michel die Szene nach dem Spielende nicht sanktioniert hat, es liegt insofern eben keine Entscheidung vor. Dies aber setzt nicht automatisch alle ungeahndeten Vorgänge ins Recht – sonst gäbe es all die nachträglichen Verfahren mit Hilfe von TV-Bildern nicht, wie die jüngsten Sanktionen nach der WM-Qualifikationspartie Türkei–Schweiz. Beispielhaft für den Sinn der Tatsachenentscheidung ist auch das WM-Viertelfinale Italien–Spanien 1994, als Italiens Tassotti seinem Gegenspieler Luis Enrique per Ellbogenhieb das Nasenbein zertrümmerte, um einen Torerfolg zu verhindern. Statt des Führungstors für Spanien fiel im Gegenzug das 2:1 für Italien, gleich darauf war das Spiel vorbei. Die Fifa sperrte Tassotti für acht Spiele, der Ausgang der Partie blieb davon unberührt, obwohl er sichtlich durch das Foul beeinflusst war. Dies zeigt: Die Tatsachenentscheidung dient vor allem als Konstrukt, um den Spielausgang zu sichern. Die persönliche Verantwortung einzelner Spieler für individuelle Entgleisungen, die dem Referee entgehen, berührt sie nicht. Bleibt die spannende Frage, ob der DFB stärker auf andere Sachverhalte hätte zielen können? Dies legt die zerknirschte Reaktion der Fifa nahe. Inwieweit war die erste Mitteilung der Disziplinarkommission am Sonntag bindend? Rössner meint, dass solche offiziellen Feststellungen ‚normalerweise Rechtskraft‘ erlangen. Wie verhält es sich da mit dem Vertrauensgrundsatz? Oder war die Fifa-Erklärung, dass deutsche Spieler aus dem Schneider seien, nur Interpretation der Medienabteilung? Ein Feld, in das nicht vorgestoßen worden ist; das hätte den Fall ins Trudeln bringen können. Die Fifa, überrumpelt, will nun nachbessern. In der Uefa wirkt die Verfahrensordnung klarer, sie hat auch eine Anklage-Instanz. Für die mit medialer Unterstützung in Wallung gebrachte Fußballvolksseele gilt aber: Am milden Urteil für eine Tätlichkeit gibt es wenig zu rütteln. Wenn sich der Sport vor Tumulten schützen will, braucht er einen Sanktionsrahmen. Den muss er auch anwenden, sonst wird er unglaubwürdig.“

Tragische Zufälle

Christoph Biermann (SZ) fordert eine Änderung der Gelbsperrenregel: „Man will bei Weltmeisterschaften die besten Spieler der Welt auch wirklich sehen. Doch nach dem Halbfinale zwischen Frankreich und Portugal könnte es nun durchaus sein, dass das Endspiel ohne Patrick Vieira, Lilian Thuram oder Zinédine Zidane angepfiffen wird. Oder es fehlen bei Portugal Luis Figo, Ricardo Carvalho, Nuno Valente und Torhüter Ricardo, weil sie die zweite Verwarnung gesehen haben. Angesichts der vielen gelben Karten für leichte Vergehen besteht die Gefahr, dass im größten Fußballspiel, das es nur alle vier Jahre gibt, die größten Spieler wegen einer Lappalie nicht dabei sind [of: Man denke an Michael Ballacks erste Verwarnung im Achtelfinale der WM 2002]. Daher sollte sich die Fifa für ihre kommenden Turniere einen neuen Modus überlegen, nach dem es Sperren etwa erst nach der vierten gelben Karte im gesamten Turnier gibt. Das würde tragische Zufälle ausschließen.“

WM 2006

Banditen gehören zum Fußball, Engel in den Himmel

Thomas Klemm (FAZ) kommentiert den Stilwechsel der Portugiesen: „Was ist bloß aus den Portugiesen geworden? Wo sind sie hin, die Fußballkünstler, die sich am eigenen Können berauscht und die Welt mit ihren Kabinettstückchen begeistert haben, aber immer, wenn es wirklich darauf ankam, in ihrer Schönheit gescheitert sind? Einen Spieler wie Cristiano Ronaldo, der viel für sich und das Publikum und ein bißchen für die Mannschaft spielt, kann sich die Selecão noch immer leisten. (…) Die meisten Angriffe werden von fünf Offensivspielern inszeniert, die das gewohnte Kurzpaßspiel pflegen, während der Rest des Teams vorwiegend mit der Sicherung nach hinten beschäftigt ist. Wenn sich doch einmal mehr Spieler in die Offensive einschalten, werden sie von Scolari zurechtgewiesen.“ Peter Burghardt (SZ) fügt hinzu: „Kaum jemand verliebt sich in diesen Stil, wirklich mitreißend wie zwischenzeitlich Argentinien oder einst die Brasilien spielt das Ensemble selten. Scolari war selbst kein sonderlich begabter Freund des Balles, sondern ein eisenharter Verteidiger, Grätschen und Bodychecks findet er bei Bedarf so gut wie einen Hackentrick oder Pass mit dem Außenrist. ‚Banditen gehören zum Fußball, Engel in den Himmel‘, dozierte er einmal – er hat keine Lust, den Erfolg in Schönheit sterben zu lassen. Zu seinen Leitfäden gehört kein Beitrag von Konfuzius, sondern das Werk ‚Die Kunst des Krieges‘. Nach der Schlacht gegen Holland mit den vier Platzverweisen verwies Scolari genüsslich auf Umgangsformen auf südamerikanischen Plätzen. Beim Üben lässt er schon mal Rugby spielen.“

Respektabstand

Roland Zorn (FAZ) zeigt, wo man doch noch was zu sehen bekommt: „Das Publikum ist beglückt, daß es jenseits der manchmal allzu ernsthaft geführten Systemdebatten noch einmal Spieler zu sehen bekommt, für die niemand den Fußball studiert haben muß. Die Extraqualität des Pirouettenkönigs Zidane setzt sich in jedem System und unter jedem Trainer – auch dem umstrittenen Raymond Domenech – durch; der Sonderklasse des Aufreißers Figo, der den rechten Flügel der Portugiesen mit seinem Raffinement stark macht, kann auch sein Alter noch nichts Entscheidendes anhaben. Beide genießen zudem oft genug den Respektsabstand ihrer Gegenspieler, die ihnen nur selten so in die Quere kommen, daß es ihnen weh tut.“

Es war prächtig und elegant

Tabubruch – Thomas Kilchenstein (FR) beschönigt das grobe Foul Decos gegen den Holländer Johnny Heitinga im Achtelfinale: „In dem bislang hässlichsten Spiel dieser WM hat es eine Szene gegeben, die viel aussagte über den Spieler Anderson Luis de Souza. Heitinga hatte den Ball nach einer Unterbrechung nicht, wie es mittlerweile in solchen Fällen üblich ist, zurück an die Portugiesen gespielt, sondern einen eigenen Angriff eingeleitet. Da hat Deco, ein Zeichen gesetzt, und den Holländer mittels Blutgrätsche an ein gewisses Maß an Fairness erinnert. Deco sah dafür gelb, dunkelgelb eigentlich, aber es zeigte eines: Deco, der filigrane Spielmacher des portugiesischen Halbfinalisten, kann – anders etwa als Ronaldinho oder der mittlerweile weise gewordene Zidane –, wenn es sein muss, auch zum Säbel greifen. Und unangenehme Jobs erledigen.“

Auch Ronald Reng (FTD) verfaßt eine Ästhetik des Fouls: „Die Wahrheit, die sich fast niemand auszusprechen traut, ist diese: Es war prächtig, es war elegant, es war mitreißend. Und es war ein Foul. Gut zehn gelbe Karten waren schon verteilt, die Auseinandersetzung wurde immer niederträchtiger mit Ellenbogenchecks und Kopfnüssen, als Deco die Ehre des Foulspiels rettete. Heitinga brach einen Ehrenkodex des Fußballs, als er den Ball nicht zurückspielte, nachdem Portugal ihn ins Aus getreten hatte, damit ein Spieler behandelt werden konnte. Deco jagte Heitinga über den halben Platz, um ihn schließlich mit einem fliegenden Tackling von den Beinen zu holen. Deco hatte Glück, dass der Schiedsrichter es bei einer Verwarnung beließ, schon klar; aber wer war, wenn er ehrlich ist, nicht angetan von der Schönheit der Unfairness? Dieses Foul war so kraftvoll, so elektrisch. Deco macht aus einfachen Dingen Schönheit.“

if: Nehmen wir mal an, der Italiener Gattuso hätte so ein Foul begangen: Was hätte er alles zu lesen bekommen? Und ob Zidane tatsächlich nicht grätschen kann …?

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FR: Scolaris Zukunft ist noch offen

Welt-Portrait Luis Figo

BLZ-Portrait Deco

Das Zentralmassiv des Fußballs

Christian Eichler (FAZ) würdigt den unauffälligen Arbeiter im Mittelfeld der Franzosen, Claude Makelele: „Er wurde nie ein großer Star. Aber etwas viel Besseres: einer, dessen Name zum Begriff wurde, für die beispielhafte Klasse auf einer bestimmten Position. So sagte Thierry Henry einmal über den Arsenal-Kollegen Gilberto: ‚Er ist unser Makelele.‘ Und Trainer in England fordern gern: ‚Wir brauchen einen Makelele.‘ (…) Claude Makelele ist der WM-Star mit der Tarnkappe. Der Mann, der unsichtbar alles zusammenhält. Wieviel das wert ist, sahen sie in Madrid – aber erst, als er weg war. Mit ihm gewann Real Titel in Serie, auch die Champions League. Dann war er nicht mehr mit einem Viertel des Salärs der großen Stars zufrieden. Real-Präsident Perez schickte ihn weg, Chelsea nahm ihn mit Kußhand. Es war, neben Reals Kauf von Beckham anstelle von Ronaldinho im selben Sommer 2003, die dämlichste Personalentscheidung des Jahrzehnts in Europas Top-Fußball. Man hatte den einzigen, der den ‚Galaktischen‘ noch Bodenkontakt gegeben hatte, abserviert. Seitdem hat Real nichts mehr gewonnen.“ Für Oliver Trust (StZ) darf man das Mittelfeld der Franzosen nur im Kollektiv betrachten: „Es ist ein wenig verwegen zu behaupten, Patrick Vieira wäre alleine gar nicht zu beschreiben. Trotzdem stimmt es, zumindest bei dieser WM. Vieira ist nicht allein, er gehört zu einem Trio, das als Kraftwerk der Equipe tricolore gilt. Zinedine Zidane gehört dazu. Dann ist da Claude Makelele. Und mittendrin Vieira, der mit Makelele das Zentralmassiv des Fußballs in Frankreich bildet. Oder anders ausgedrückt: die beiden gehören zu den besten Mittelfeldformationen, die die Branche zurzeit zu bieten hat. Und sie bilden die Grundlage dafür, dass der Zauberer ‚Zizou‘ weiter vorn seine Festspiele veranstalten kann.“

FR-Portrait Claude Makelele

FR-Portrait Fabien Barthez

NZZ-Portrait Zinedine Zidane

Welt-Portrait Zinedine Zidane

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