Dienstag, 2. Mai 2006
Ball und Buchstabe
Dumme Leute tun dumme Dinge
Harald Staun (FAS/Medien) stöhnt über die Allgegenwart des Fußballs und der Fußballer im Fernsehen: „Mit missionarischem Eifer arbeiten fast alle Sender daran, die Zielgruppen des Landes zu einem einzigen Fanblock zusammenzuschweißen. Das Aufwärmprogramm zur WM ist eine gigantische Nachhilfestunde,. Wer bis zum 9. Juni noch immer nicht weiß, wer Goleo ist und daß er keine Hose trägt, was passives Abseits bedeutet und daß sich Netzer und Delling auch privat immer noch siezen, der sollte sich dringend schon mal nach einem Chatroom umschauen, in dem er während der WM seine sozialen Kompetenzen aufrechterhalten kann. Das Fernsehen ist an solchen Bildungslücken ausnahmsweise einmal nicht schuld: Von allen Seiten wird das sogenannte Phänomen Fußball beleuchtet, der Mythos und seine Welt, für alle Bevölkerungsgruppen wird er zugänglich gemacht, für Frauen, für Mädchen, für Linke und für Literaten. (…) Man hat sich ja keine Illusionen gemacht, über die zu erwartende Allgegenwärtigkeit der WM. Doch während die quantitative Zunahme der Programme absehbar war, werden die qualitativen Änderungen, die damit verbunden sind, erst jetzt sichtbar: Wie ein Filter legt sich das Thema Fußball über den Fernsehalltag, jedes Format wird auf seinen Bezug zum Spiel hin überprüft und mit dem allseits verfügbaren Personal entsprechend ausstaffiert. Schon seit Jahren ist das Fernsehen das am nächsten liegende Reservat für alternde Sportler, im Moment aber gehört ein Nationalspieler, der irgendwo sein Album mit Kinderfotos vorzeigen kann, einen Witz über Jürgen Klinsmann erzählen oder zumindest einem Kind über den Kopf streicheln, zur notwendigen Grundausstattung. Sie sind fast überall, die Menschen, die es sonst eher gewohnt sind, ihre Antworten auf dem Platz zu geben, weshalb man nicht gleich wieder den Verfall irgendeiner Kultur beklagen muß: Das Fernsehen ist schließlich ganz bei sich, wenn dumme Leute dumme Dinge tun. Es gab nur bisher eine Art Gentlemen’s Agreement, daß sich jeder Zuschauer das Personal selbst aussuchen konnte, das diese Form der Unterhaltung für ihn erledigte, und wer sich bisher über die Inflation des Fußballs im Fernsehen beklagte, meinte in der Regel die Übertragungen der Spiele.“
FAZ: Mittelfußbruch – der englische Fluch trifft Wayne Rooney
Ascheplatz
Bogen überspannt
Thomas Kistner (SZ) stimmt dem Urteil des Bundesgerichtshofs zu, der Fifa das Namensrecht an dem Begriff „Fußball-WM 2006“ zu verweigern: „Der BGH vertritt die Ansicht, dass der Sport nicht über alles hinauswachsen, also zum Beispiel kein Sprachmonopol für seine Großsponsoren schaffen darf. Der Zustand, dass die Wirtschaft vom Würstlbrater bis zum Weltkonzern so allgemein gebräuchliche Begriffe wie Fußball oder WM nicht mehr äußern darf, ohne Klagen befürchten zu müssen, hat schon ein wenig den gesunden Menschenverstand beleidigt. Womöglich muss man wirklich in der partiellen Weltabgeschiedenheit des Geld- und Bankenplatzes Schweiz leben, um nicht mitzukriegen, wie weit der Bogen überspannt ist. (…) Für das breite Publikum ergibt sich ohnehin keinerlei Nutzen aus einer Fußballgeldspirale, die ständig schneller rotiert und immer weiterreichende Rechte fordert. Deshalb ist wichtig, dass der BGH auch ein Fifa-Kernargument verwarf: dass der Weltverband den Markenschutz für seine Sponsoren benötige, weil ohne diese gar keine WM zu finanzieren sei. Das ist eines der schönsten Marketingmärchen: Es unterschlägt einfach, dass Hauptgeldgeber des Spektakels immer noch die Steuer- und TV-Gebührenzahler sind, und dass das große Wirtschaftswunder, das zu jeder WM blumig beschworen wird, vor allem aus der Mittelumverteilung aus dem öffentlichen in bestimmte private Sektoren besteht.“
Die FAZ gibt zu bedenken: „Die Entscheidung war von so überraschender Klarheit, daß sie für den Einzelhandel wohl den Startschuß für eine neue Welle von Werbekampagnen gesetzt hat. Besonders Bäckereien und Kioske werden jetzt versuchen, gerade noch rechtzeitig auf den Zug des größten Sportereignisses aufzuspringen. Vor lauter Jubel sollte jedoch nicht der Blick für die Realität verlorengehen: Mit dem Karlsruher Spruch ist keinesfalls jegliche Werbung mit der Weltmeisterschaft freigegeben. Den Begriff ‚WM 2006′ darf sich die Fifa zumindest für einige Produkte schützen lassen. Zudem hat sie sich auf europäischer Ebene Marken gesichert, die auch in Deutschland beachtet werden müssen. Auf der sicheren Seite sind Unternehmen zudem nur dann, wenn sie nicht den Eindruck erwecken, offizieller Lizenzinhaber zu sein. Bevor nun also in Hochstimmung die WM-Brötchen gebacken werden, sollte noch ein Gedanke auf eine vernünftige Werbestrategie verwendet werden.“
FAZ: Reaktionen aus der Wirtschaft auf das Urteil
Deutsche Elf
Ich fühle mich tatsächlich viel leichter
Oliver Kahn im Interview mit Michael Horeni und Roland Zorn (FAZ) über seine Degradierung in der Nationalelf
FAZ: Sie haben eine insgesamt starke Bundesligarunde absolviert – und sind trotzdem an deren Ende nicht mehr die Nummer 1. Wie hat diese Mitteilung von Jürgen Klinsmann getroffen?
Kahn: Solche Entscheidungen sind natürlich hart. Vielleicht war es aber gar nicht so schlecht, daß ich danach nur wenig Zeit hatte, darüber nachzudenken. Ich mußte mich ja direkt wieder ins Geschehen stürzen. Einfach war die Situation jedenfalls nicht. Weder für mich noch für den FC Bayern München.
FAZ: Wie empfindet man in einem solchen Augenblick, der ein großes Karriereziel zerstört?
Kahn: Ich habe nicht zum ersten Mal in meinem Leben mit einer schwierigen Situation zu tun. Ich bin persönlich weit genug, um sowohl mit positiven als auch negativen Dingen professionell umzugehen.
FAZ: Wie lief denn damals das Gespräch mit dem Bundestrainer?
Kahn: Das Trainerteam hat mich in einem Münchner Hotel von der Entscheidung unterrichtet. Ich wurde gefragt, ob ich auf einen Kaffee vorbeikommen könne, dann hat man mir das mitgeteilt. Das habe ich akzeptiert. Da gab es für mich nicht mehr viel zu diskutieren, und ich bin gegangen.
FAZ: Mit welchen Erwartungen sind Sie denn zu diesem Treffen gegangen?
Kahn: Mit den Erwartungen, daß ich die Weltmeisterschaft spiele und mein Status als Nummer 1 bestätigt wird. Ich hatte ja keinen Grund anzunehmen, daß ich nach einer starken Saison die Nummer zwei werde.
FAZ: Hat Ihnen denn die öffentliche Diskussion nie zu denken gegeben? Hatten Sie anders als so mancher in Ihrem Klub nie das Gefühl, der Wind könne sich gegen Sie drehen?
Kahn: Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich hatte ja aus meiner Sicht sehr gute Spiele gemacht und zuletzt auch im Länderspiel gegen die USA gezeigt, wie wichtig ich für diese Mannschaft sein kann. Auch deswegen war das für mich eine sehr große Überraschung.
FAZ: Dennoch: Sind Sie innerlich nicht doch auf diese Situation vorbereitet gewesen?
Kahn: Ich bin ja nicht naiv. Ich habe meine Situation in den vergangenen zwei Jahren sehr genau und analytisch wahrgenommen. Insofern bin ich ja auch nicht aus allen Wolken gefallen.
FAZ: In den Wochen und Tagen vor Klinsmanns Entscheidung hieß es nicht zuletzt aus Ihrem Verein immer wieder, nun müsse der Bundestrainer aber möglichst schnell eine Entscheidung in der Torwartfrage treffen. Uli Hoeneß benutzte sogar das Wort ‚Psychoterror‘. Stellte sich die Situation auch für Sie als schwer erträglicher Ausnahmezustand dar?
Kahn: Das Brennglas, das da über mich gehalten worden ist, hat wirklich viel Hitze erzeugt. Diese Situation war irgendwann nicht mehr gut. Der FC Bayern hat das erkannt und sich gedacht, daß ein Torwart, dessen Aktionen täglich überall seziert und kommentiert werden, nicht mehr den ganz großen Spaß an seinem beruflichen Alltag empfinden kann. Jeder große Torwart macht im Laufe einer Saison Fehler, das ist völlig normal. Mir aber wurde das nicht mehr zugestanden. Jeder Fehler war sofort ein Skandal. Selbst für mich, der eine große Nervenkraft besitzt, hatte das ein Ausmaß angenommen, das sich irgendwann kaum noch positiv auswirken konnte.
FAZ: Haben Sie über Ihre Situation in den Monaten vor Klinsmanns Entscheidung einmal gesprochen – in dem Sinne, daß es allmählich zuviel für Sie werde?
Kahn: Ja, das habe ich deutlich angesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß da etwas wie ein Fels auf mich zurollt. Als Torwart fängst du irgendwann an, dir zu sagen, ich darf mir jetzt nicht einmal mehr eine minimale Schwäche erlauben. Das führt dann dazu, daß dein Spiel an Qualität verliert, weil du das letzte Risiko nicht mehr eingehst. Aus all diesen Gründen habe ich mit Jürgen über diese Situation in der Torwartfrage wiederholt offen gesprochen.
FAZ: Wie war seine Reaktion?
Kahn: Er hat gesagt, das wisse er. Er ziehe den Hut vor mir und habe großen Respekt davor, wie ich mit der Situation umgehe. Das hatte für mich auch immer einen dämpfenden und beruhigenden Effekt. (…)
FAZ: Waren Sie überrascht, wie ungläubig ein Großteil der Öffentlichkeit auf Ihre Ankündigung, weiterzumachen, reagiert hat?
Kahn: Es hat mich sehr erstaunt, daß die Überraschung so gewaltig war. Wirklich bewegt hat mich der riesengroße Zuspruch, der mir von allen Seiten zuteil wurde. Die meisten Menschen hatten das offenbar von mir erwartet, vor allem Fußballfans. Mir kommt es fast so vor, daß die Medien hauptsächlich überrascht waren. Da habe ich gedacht, jetzt spielst du zwanzig Jahre Fußball, die Medien berichten über dich ununterbrochen, und trotzdem kennt dich keiner. Das zeigt doch sehr deutlich, wie ein vorgefertigtes Bild von mir immer und immer wieder transportiert wurde.
FAZ: Andererseits kommen Sie bei vielen Ihrer Auftritte viel grimmiger und nicht immer für jedermann sympathisch „rüber“.
Kahn: Das mag so sein. Ich bin nun mal ein Typ, der immer gewinnen will. Beim FC Bayern ist man noch dazu ein ewiger Gewinnenmüsser. Da schießt man schon auch des öfteren mal über das Ziel hinaus. Und dann werden immer wieder diese Situationen gezeigt, die das scheinbar vorgefertigte Bild perfekt bedienen.
FAZ: Wie war denn die Reaktion der Menschen, mit denen Sie zu tun haben, auf Ihre Entscheidung, in der Nationalmannschaft weiterzumachen?
Kahn: Sie hat mich auf eine gewisse Art glücklich gemacht. In meinem Internetportal kommen täglich über tausend E-Mails an; ich bekomme Berge von Post von Menschen, die mir ihr Leben schildern, daß sie in ähnlichen Situationen seien. Mir wird geschrieben, daß die Art, wie ich mich verhalten habe, vorbildlich ist. Da gewinnst du einen Titel nach dem anderen und verdienst dir viel Respekt – aber das, was jetzt alles passiert ist, hat mich fast sprachlos gemacht. Ich fühle mich tatsächlich viel leichter.
Rückständigkeit
Boris Hermann (BLZ) nimmt die Vertragsverlängerung Oliver Bierhoffs zum Anlaß, über Gegenwart und Zukunft des deutschen Fußballs nachzudenken: „Es könnte eine gute Nachricht werden – wenn sie dauerhaft Kontinuität in die Umwälzung bringt. Darüber steht aber die große Frage, mit wem Bierhoff im Sommer weitermachen wird? Auch wenn im Moment schwer vorstellbar ist, dass sich Klinsmann seinen Job auch nach der WM weiterhin antut, die Chancen sind mit der Unterschrift seines wichtigsten Hintersassen gestiegen. Klinsmann wird oft vorgehalten, dass er das Reformtempo überdreht hat. Dabei ist seine Mission in erster Linie eine Zeitreise in die Gegenwart. Im Ausland sind seine Methoden Standard. Jene Leistungstests, die im WM-Land Kopfschütteln auslösen, werden beim AC Milan vierzehntägig durchgeführt. Um das Dilemma des deutschen Fußballs zu begreifen, musste man sich nur das Halbfinale der Champions League anschauen. Neu ist auch, dass im System Klinsmann zwischen dem klassischen Grasfresser und Fußball-spezifischer Ausdauer differenziert wird. Der Schlüssel heißt individuelle Trainingsarbeit – jeder bekommt das verabreicht, was er braucht. Sehr simpel. Dass man das noch als Neuigkeit verkaufen kann, sagt viel aus über die Rückständigkeit des deutschen Fußballs.“
Montag, 1. Mai 2006
Vermischtes
Abrechnung
Abrechnung
Boris Hermann (BLZ) befaßt sich mit den Äußerungen der Bayern-Verantwortlichen nach dem 1:0-Finalsieg gegen Eintracht Frankfurt: „Wenn man die Verantwortlichen beim FC Bayern reden hörte, hatte man fast den Eindruck, sie hätten davon schon immer geträumt: das Double zu verteidigen. In Wahrheit ist die Saison für den Beherrscher der nationalen Trostpreise seit dem Ausscheiden in der Champions League gegen den AC Mailand zu Ende. Über der nächtlichen Siegesfeier in der Zentrale des Hauptsponsors lag dasselbe nüchterne Schweigen wie im Fanblock der Münchner Anhänger während des Endspiels. (…) Es ist ein guter Gradmesser für die Stimmung beim FC Bayern, dass die Aufarbeitung des Endspiels zur Abrechnung mit der Ära Ballack geriet. Ihm wird kaum einer nachtrauern. Ballack hat vier Jahre Zeit gehabt, und er hat es nicht vermocht, dem Klub einen internationalen Titel zu schenken. Trainer Felix Magath könnte irgendwann ein ähnliches Schicksal widerfahren. Er hat in seinen zwei Jahren nun drei nationale Titel gewonnen, ein weiterer kommt wohl dieser Tage hinzu. Das sind zwar gute Argumente. Aber sie verdecken, dass sich die Mannschaft unter seiner Leitung nicht entwickelt hat. Was die physische Präsenz angeht, ist der FC Bayern international konkurrenzfähig. Ein klare Spielidee, ein System gar, ist nicht zu erkennen. Dafür ist nicht der Mann im Mittelfeld, sondern der Trainer verantwortlich.“
Abgeschrieben
Jan Christian Müller (FR) wertet die rüde Kritik der Bayern-Führung am abtrünnigen Michael Ballack als Nachtreten: „Es gehört zum Selbstverständnis der Bayern, dass sie allein darüber befinden, ob ein Spieler sie verlässt. Ballack hat dieses ungeschriebene Gesetz verletzt und sich so den Zorn der Machtlosen zugezogen. Und die stellen ihn nun als Abzocker und Mitläufer dar. Er ist für die Bayern zwei Monate vor Vertragsende kein Aktivposten des Anlagevermögens mehr. Er ist, im wahrsten Sinne des Wortes, abgeschrieben. Wäre er noch Jahre unter Vertrag und würde vom FC Chelseas umworben, sein Arbeitgeber würde sich hüten, das werthaltige Gut öffentlich derart schlecht zu reden. Bedauerlicherweise hat Ballack zuletzt auf dem Fußballplatz sehr wenig getan, um den Arbeitgeber gnädiger zu stimmen.“
Despot
Kevin McCarra, der Fußball-Chef des Guardian, schreibt in der Welt am Sonntag, was auf Ballack in Chelsea zukommt: „Nach der WM wird Ballacks Dasein ein anderes sein. Beim FC Chelsea London, seinem neuen Verein, gibt es nur eine Person, die im Mittelpunkt steht: Jose Mourinho. Es ist sicher, daß Ballack niemals einen vergleichbaren Trainer erlebt hat. Nicht in München, nicht in Leverkusen und auch nicht in Kaiserslautern, wo Otto Rehhagel den jungen Profi oft tyrannisiert hat. In England wird es schlimmer sein. Beim FC Chelsea gibt es kein Detail, auf das Mourinho nicht persönlich Einfluß nimmt. Erst recht keinen Spieler. Eine der prahlerischsten Demonstrationen der despotischen Natur des Trainers war die Niederlage Chelseas vorigen Monat gegen Fulham. Beim 0:1 wechselte Mourinho den 29,4-Millionen-Euro-Einkauf Shaun Wright-Phillips und Nationalspieler Joe Cole nach gerade einmal 26 Minuten aus. Für einen Fußballer ist das eine Demütigung. Wenn ein Spieler Mourinhos Anweisungen nicht punktgenau befolgt, zögert der Trainer nicht, ihn zu erniedrigen. Ballack würde in einer vergleichbaren Situation genauso behandelt. Der Trainer ist auch die einzige Person, die beim englandweiten Werbefeldzug des Klubs auf Plakaten oder TV-Spots auftaucht. Der Portugiese arbeitet an seinem Ruf des omnipräsenten Managers, wo immer er kann. Mourinho will immer das letzte Wort haben. Seine Eitelkeit ist Teil seiner Selbstvermarktung. Seine oft verletzenden Kommentare sorgen dafür, daß die Menschen über ihn reden und seine Spieler relativ in Ruhe arbeiten können. Auch Ballack wird es zu schätzen lernen, nicht mehr ständig im Fokus zu stehen. Während er in München oft für Niederlagen verantwortlich gemacht wurde, wird er in Chelsea mehr Teil des Ganzen sein.“
Gereiztheit
Oskar Beck (Welt) vermißt tief empfundene Freude über den Pokaltitel: „Der deutsche Fußball mutiert zur Ein-Klub-Show, die Bayern knicken jede Herausforderung drohender Rivalen schon im Keim. Aber sind sie selbst glücklich? Eher begrenzt – jedenfalls gehörte die Stunde des Pokalsiegs dem grantigen Kaiser. Spürt er die Grenzen, an die seine Bayern stoßen könnten? Das Außergewöhnliche in Form der nochmaligen Eroberung der Champions League entfernt sich schleichend aus ihrer Reichweite, und an das Gewöhnliche im eigenen Land hat sich mittlerweile der Letzte derart gewöhnt, daß selbst die wiederholte Wiederholung des Doubles am Ende keinen mehr tröstet – sondern sich der Präsident, statt mitzufeiern, grantig einen Schlappschwanz zum Draufschlagen sucht. Die Gereiztheit des Trainers im ZDF-Sportstudio hat ins Bild gepaßt. Felix Magath wurde ausgepfiffen wie ein Verlierer und wäre in seinem verständlichen Zorn schier aufgestanden und gegangen – am liebsten vermutlich nach Chelsea, mit Ballack. Es muß, wie gesagt, nicht das Geld sein, das einen Bayern-Star aus dem Land treibt.“ Marko Schumacher (StZ) fügt hinzu: „Groß ist der Unterschied in einer immer niveauarmer werdenden Bundesliga geworden, zu selbstverständlich sind die Titel, als dass ein weiterer nationaler Triumph Freudensprünge auslösen könnte. Zu leicht fällt es den Bayern, selbst mit bescheidenen Leistungen ans Ziel zu kommen. Das Pokalfinale verlief wie die Mehrzahl der Münchner Bundesligaspiele: Zwanzig engagierte Minuten in Halbzeit zwei und eine Standardsituation genügten, um einen wacker kämpfenden Gegner zu schlagen.“
Sieg nach allen Regeln der Kunst
Uwe Marx (FAZ) wiegt den historischen Wert des Endspiels: „Und was soll bleiben von diesem 63. Pokalfinale? Im Sparangebot wären: ein Tor, eine Parade, ein kleiner Krach. Nicht gerade viel für einen der wichtigsten Tage einer Fußballsaison in Deutschland. Pizarros spielentscheidender Treffer, Kahns Reflex kurz vor dem Abpfiff und das verbale Scharmützel Beckenbauer vs. Ballack dürften nicht gerade dazu angetan sein, dieses Endspiel länger in Erinnerung zu behalten. Es wird in der Statistik überleben, natürlich, nicht aber in den Köpfen. Natürlich ließen sich die Frankfurter Fans ihre Laune nicht verderben, schließlich war ihr Verein seit achtzehn Jahren nicht mehr in Berlin dabei. In Choreographie und Lautstärke dem Anhang des matten Gewinners überlegen, durften sie sich als eine Art Pokalsieger fühlen – wenn auch in einer Disziplin, auf die es nicht ankam.“ Javier Cáceres (SZ) gratuliert den Frankfurter Fans: „Was den Frankfurtern blieb, war ein Sieg nach allen Regeln der Kunst. Beeindruckend die Chöre, mit denen sie die maulfaulen Anhänger der Bayern überstimmten, herrlich die Bilder, die sie auf den Rängen choreographiert hatten – und diese Dichtkunst erst! ‚Zurück im glorreichen Schein, erscheint unsere Diva vom Main‘, hatten die Anhänger der Eintracht auf ein Transparent gemalt, Ergebnis einer unwahrscheinlichen Widerauferstehung, für die das Pokalfinale 2006 Sinnbild bleiben wird.“
Hasenfüßige Transferpolitik
Markus Völker (taz) fürchtet, daß die Münchner ihre Dominanz in Deutschland festigen: „Uli Hoeneß hat sich mit den Wirklichkeiten des FC Bayern befasst und ist zu einer tieftraurigen Erkenntnis gekommen: Der Klub werde in absehbarer Zeit die Champions League nicht gewinnen. Er stilisierte den FC Bayern zum Underdog, zu einem Globalisierungsopfer, das mit der Elite nicht mithalten könne, weil es auf den überhitzen Fußballmärkten einen kühlen Kopf bewahre und auch im Verteilungskampf um Fernsehgelder arg benachteiligt sei. Die Geldsäcke stünden anderswo, suggerierte der Manager. In England, Spanien und Italien rolle der Rubel – nicht aber in der Bundesliga. Ein Jammer. Muss der DFB in Zusammenarbeit mit der DFL zu einer Spendenaktion aufrufen, zu einer groß angelegten Kollekte, damit der FC Bayern wieder konkurrenzfähig wird? Ist Deutschland in Sachen Fußball ein schlechter Standort? Verdirbt der neureiche Russe Roman Abramowitsch (FC Chelsea) allerorten die Preise? Bei all der Hoeneß’schen Betroffenheitsprosa wird schnell vergessen, dass der FC Bayern ein prosperierendes Fußball-Unternehmen ist, das auf seinem Festgeldkonto immerhin 150 Millionen Euro liegen hat. Der Klub hat ’strategische Partnerschaften‘ mit Adidas und der Telekom geschmiedet, mit finanzstarken Global Playern, so schlecht geht es dem Rekordmeister wahrlich nicht, zumal in den Mittelmeer-Ligen große Schuldenberge hinter den Arenen angehäuft werden und der Erfolg fast immer auf Pump beruht. Die Bayern wirtschaften vergleichsweise mustergültig, weswegen sie auch selten bei Spielerauktionen im zweistelligen Bereich mitbieten. (…) Man bedient sich wieder aus dem Angebot der Bundesliga: bei Schalke (Lincoln), Köln (Podolski) und dem HSV (van Buyten). Diese hasenfüßige Transferpolitik macht den FC Bayern nicht zum Konkurrenten Juves, aber so hält man sich immerhin die Rivalen der Bundesliga vom Hals.“
NZZ: Zäsur nach dem Erfolg – der FC Bayern trotz Cup-Sieg wenig überzeugend
WamS: Der Robin Hood der Bundesliga – aus Sorge um die Armen legt sich Heribert Bruchhagen sogar mit Bayern an
Samstag, 29. April 2006
11 Freundinnen
Ende einer Ära
Uwe Marx (FAZ) bringt den Abschwung des 1. FFC Frankfurt auf den Punkt: „Der Vorzeigeklub, der seit Jahren Maßstäbe bei der Vermarktung von Frauenfußball setzt, ist nur Außenseiter. Dem Finalgegner unterlag er kürzlich in der Bundesliga 2:6. Die Meisterschaft dürfte entschieden, die Titelverteidigung unerreichbar sein. Die Mannschaft ist in die Jahre gekommen, sie gilt zwar nach wie vor als individuell herausragend, aber auch als zu langsam und träge, wie ermattet vom vielen Siegen. Es ist, als habe sie es sich auf hohem Niveau gemütlich gemacht. Früher sei es meist nur um die Höhe der Siege des FFC gegangen. Die bemitleidenswerte Konkurrenz verbarrikadierte sich am eigenen Strafraum und hoffte, die Niederlage möge nicht allzuhoch ausfallen. Heute aber gerate die Mannschaft mitunter selbst gegen wenig renommierte Gegner in Schwierigkeiten, wenn sie nachlässig und zu selbstsicher sei.“ Kathrin Steinbichler (SZ) fügt an: „Spätestens in dieser Spielzeit muss Frankfurt erkennen, dass seine Mannschaft im Vergleich zur jungen und laufstarken Potsdamer Riege in die Jahre gekommen ist. Die Stars, auf denen Frankfurt sein Konzept aufgebaut hat, haben nicht an Klasse, aber an Frische verloren. Turbine dagegen hat zu seiner eingespielten Mannschaft junge Talente geholt, die erst im Begriff sind, sich einen Namen zu machen und doch bereits als künftige Leistungsträger gelten.“
Ein Stilvergleich der Finalistinnen von Michael Kölmel (BLZ): „Turbine ist so etwas wie der FC Arsenal im Männerfußball, Frankfurt der FC Bayern. Champions League oder Bundesliga, Gourmetküche oder Hausmannskost. Turbine steht für Spektakel, Schnelligkeit, Spielwitz, Leidenschaft, Moderne; Frankfurt für Effizienz, Kontrolle, lange Zeit für Coolness, inzwischen aber für Behäbigkeit. Potsdam ist hungrig, Frankfurt satt. Natürlich könnten die Hessen den Pokal oder den Uefa-Cup gewinnen, nur würde es die Zeit nicht aufhalten. Das Ende einer Ära deutet sich an.“
Allgemein
Anarchistische Elf
Ronald Reng (StZ) ist begeistert von der Stimmung in Sevilla und beschreibt Schalke 04 als Fragment: „Wer das Glück hatte, beim Halbfinale in Sevilla zu sein, war versucht zu glauben, es sei der wichtigste Wettbewerb der Welt. So muss Fußball in den fünfziger Jahren gewesen sein: Das alte Stadion mit 45.000 Zuschauern überfüllt, selbst alle Treppen besetzt, niemals endender Gesang. Radioreporter, die auf ihren Stühlen stehen. (…) Es macht das Scheitern nur schmerzhafter, dass Schalke immer so knapp vorbeischrammt. Diese Mannschaft hat zu oft Hoffnung auf Erfolg gemacht. Sie lässt die Frustration zurück, dass sie immer mehr verspricht, als sie hält. Jeder Spieler für sich kann sich ein Video von seinen besten Saisonmomenten zusammenschneiden und behaupten, er sei ein Könner. Was etwa Innenverteidiger Marcelo Bordon leistete, war kolossal, ein Tackling von ihm gegen Javier Saviola erschien wie eine Offenbarung: dass Zerstören so schön sein kann. Bloß, es entsteht nichts großes Ganzes aus diesen Momenten. Dass solch ein begabtes Team so sehr aus der Bahn gerät, verstärkt die Ahnung, dass es tief in ihr eine anarchistische Elf ist. Sie lebt zu sehr von der Qualität und der Laune einzelner.“ Thomas Klemm (FAZ) kritisiert die Schalker Spieler: „Mit großen Ambitionen und verstärktem Kader in diese Spielzeit gestartet, ist Schalke nun dreifach gescheitert: in der europäischen Königsklasse, wo der Klub überwintern wollte, aber frühzeitig ausgeschieden ist; in der Liga, wo das Team die Hoffnungen auf den Titelkampf und die Champions-League-Qualifikation verspielt hat; im Uefa-Pokal nach dem verpaßten Einzug ins Endspiel. Die Moral der Mannschaft konnte mit dem teuer erkauften Qualitätssprung im Kader nicht mithalten. Auch als es in Andalusien darauf ankam, ein letztes Mal Leidenschaft zu zeigen, ließen die Profis den unbedingten Willen vermissen, einer verpatzten Spielzeit noch eine positive Schlußwendung zu geben.“
Freitag, 28. April 2006
Vermischtes
Fluidum wechselseitiger Großzügigkeit
Roland Zorn (FAZ) fürchtet, daß der frühe Termin des Pokalfinals auf die Stimmung der Spieler drücken wird: „Auch diesmal werden jeweils mehr als 20.000 Fans entweder den Favoriten Bayern München oder den Außenseiter Eintracht Frankfurt mit einer Inbrunst unterstützen, die keinen Platz läßt für die im Meisterschaftsalltag übliche Mißgunst und Kleinlichkeit. Wo andernorts die Rivalität der Klubs zur Dissonanz auf den Rängen beiträgt, atmet der neutrale Standort Berlin das Fluidum wechselseitiger Großzügigkeit im atmosphärischen Umgang miteinander. Alles könnte von vornherein gut und schön sein, gäbe es da nicht den schnöden Alltag, der beide Teams schon vier Tage später wieder intensiv in Anspruch nimmt. Die Terminenge dieses Weltmeisterschaftsjahrs hat ausnahmsweise dazu geführt, daß der Pokalendspiel-Feiertag die Endphase der Punktspielserie auflockert – ein im Vergleich klimatisch kühles Intermezzo im April, das niemandem, der die bessere Standarddramaturgie der vergangenen zwanzig Jahre kennt, gefällt. Das diesmal dazwischengequetschte Ereignis wird Folgen für die Spieler haben: Sie, die sonst am Schauplatz Berlin einmal ausgelassen und ohne den Blick auf die Uhr einen Tag der Freude begießen konnten, dürften diesmal wie Europapokal-Dienstreisende nach dem Bankett und zwei, drei Gläsern gegen den Durst zu Bett gehen. Nach der Kür ist vor der Pflicht – keine reizvolle Aussicht für die Partyprofis aus der Liga.“
Ohne Zukunft
Der DFB-Pokal, ein Pflichttitel für den FC Bayern – Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ): „Berlin ist noch allemal ein ideales Schaufenster, um dem ganzen Land die Muskeln zu zeigen. Die reichen zwar aus, um die nationale Konkurrenz im Schwitzkasten zu halten, versagen aber in der Champions League regelmäßig. Für das gehobene Niveau der Königsklasse langt es schon seit fünf Jahren nicht mehr. Es bleibt unter dem Strich die ernüchternde Bilanz, dass diese Bayern-Mannschaft keine Zukunft hat: Oliver Kahn ist über sein Leistungszenit hinaus. Lucio ist der einzige Spieler mit wirklich internationalem Format. Ihm zur Seite steht mit Valérien Ismaël ein Raubein mit auffallendem Hang zur Selbstzerstörung, der erhebliche Mängel in der Spieleröffnung hat; wie auch der rein destruktive Martin Demichelis. Ein Spielmacher mit der Fähigkeit zum Tempodiktat, zum strategischen Kalkül und mit intuitiver Gabe fehlt allenthalben. Der Druck von der Bank auf das international durchschnittliche Mittelfeld ist durch Jens Jeremies und Mehmet Scholl zu schwach. Das Niveau im Sturm besitzt kaum entscheidendes Potenzial ab dem Viertelfinale in der Champions League. Die sportlichen Defizite ließen sich – an einem von Trainer Felix Magath vielbeschworenen ‚guten Tag‘ – vielleicht auffangen mit Leidenschaft. Doch genau an diesem Punkt muss sich Manager Uli Hoeneß von der Mannschaft im Stich gelassen fühlen.“
Glücklich?
Oskar Beck (StZ) stellt eine zunehmende Lethargie der Bayern-Hasser fest: „Ungefähr zweieinhalb von drei Deutschen winken gelangweilt ab. Es ist ihnen egal, dass die Bayern heute in Berlin ihren 376. DFB-Pokalcoup und nächste Woche mit einem Kantersieg über den VfB ihre 427. deutsche Meisterschaft feiern – selbst ein Bayer wie Waldemar Hartmann hält sich inzwischen schon raus. Früher hätte Waldi darauf bestanden, dass ihn Michael Ballack im distanzierten Jubelinterview mit einem Regenfass Weißbier live und in voller Patschnässe zuschüttet – heute geht Hartmann eher zum Boxen. Oder trinkt sein Bier. Selbst über die seit Tagen drohende Wilderei der Bayern auf dem Transfermarkt regt sich keiner mehr auf. Den HSV-Funkturm Daniel van Buyten wollen sie, und Lincoln, den Schalker Jongleur. Die Bayern tun momentan, was sie immer taten, wenn ein Klub sich als ernsthafter Rivale versuchte – sie brechen ihm das beste Stück aus dem Mosaik. Aber sind die Bayern glücklich? Uli Hoeneß war letzte Woche im Fernsehen, und wir hatten erstmals das leise Gefühl, dass da einer tapfer begonnen hat, sich mit dem Kochen auf der etwas kleineren internationalen Flamme abzufinden. Sein Tresor und die dazugehörige Finanzpolitik reichen zwar noch, um die Besten aus der Bundesliga zu kaufen, doch die sind für den Gewinn der Champions League nicht gut genug – und die Superstars nicht zu haben.“
Verkannt
Philipp Selldorf (SZ) rückt Friedhelm Funkel ins Licht: „Ein interessantes Experiment wäre es, dem Trainer Funkel einmal das Team des FC Bayern oder von Schalke 04 anzuvertrauen. Doch Funkel wird mehr an seinen beruflichen Stationen und seinem Mangel an glamouröser Ausstrahlung als an seinen Erfolgen gemessen – obwohl ihn fünf Aufstiege aus der zweiten Liga als Meistertrainer qualifizieren. Aber in der medialen Geltung bleibt er ein Trainer aus dem Bundesliga-Mittelstand: wie Ewald Lienen, Peter Neururer oder Wolfgang Wolf. In dieser Riege kennt man sich seit Jahren, man nennt sich beim Vornamen und weiß, dass sich die Schicksalswege irgendwann kreuzen. Bei Lienen und Funkel ganz besonders. Dreimal folgte auf Lienens Trainer-Herrschaft ein Funkel-Regiment: In Duisburg, in Rostock und in Köln. Das erweckt den Eindruck von Austauschbarkeit, doch damit unterschätzt man ihn wieder. Deswegen braucht man ihn nicht gleich für einen Programmatiker zu halten, ein Visionär des Fußballs ist er sicher nicht. Doch als man Funkel zum Beispiel in Köln vorwarf, er lasse ‚Funkel-Fußball‘ spielen, verkannte man die Qualitäten seines Pragmatismus und seines Wissens.“
Welt: Biedermann im Rampenlicht – in Frankfurt hat Funkel bewiesen, daß er auch attraktiven Fußball spielen lassen kann
BLZ: Neue Sachlichkeit in Frankfurt
FAZ: Friedhelm Funkels Vierteljahrhundert bewegte Fußballgeschichte
Champions League
Lichtjahre von der europäischen Spitze entfernt
Angesichts des dauerhaften Wechsels an der Spitze der Champions League fällt Andreas Lesch (BLZ) die dauerhafte deutsche Schwäche besonders auf: „Kein Klub herrscht dauerhaft in der Champions League, kein Trend hält sich über Jahre, kaum eine Vorhersage trifft ein. In der vorigen Saison hat der FC Liverpool den Wettbewerb gewonnen. Und jetzt? Erinnert sich jemand, wie weit der Klub es diesmal geschafft hat? Er ist im Achtelfinale ausgeschieden. Noch nie konnte ein Verein seinen Titel erfolgreich verteidigen. Zumindest auf eines aber ist in dieser wechselhaften, unberechenbaren Welt Verlass: auf die Schwäche der deutschen Klubs. Sie sind, wenn man Tempo, Technik, Taktik addiert, Lichtjahre von der europäischen Spitze entfernt. Sie wirken in der Champions League manchmal fast exotisch, so chancenlos, wie sie sind.“
Angst
Barcelona zieht durch ein 0:0 gegen den AC Mailand ins Finale ein, und Klaus Bellstedt (stern.de) sieht Schweißperlen auf der Stirn des Bundestrainers: „Jürgen Klinsmann wurde beim Betrachten des mitreißenden Spieles mal wieder vor Augen geführt, wie weit der deutsche Fußball derzeit von der europäischen Spitze entfernt ist. Es schien so, als ob im deutschen Nationalcoach im Blick auf die WM erstmals die Angst vor einem echten Desaster hochstieg. Es war ein Fußballspiel der modernsten Prägung. Wohin er auch blickte: Überall auf dem Feld sah er Spieler, in einer mehr als beachtlichen körperlichen Verfassung.“
Machtübergabe
Ronald Reng (BLZ) beschreibt einen Epochenwechsel: „Das Selbstverständnis, mit dem sich Barça als einer der größten Klubs der Welt präsentiert, und die Sonderklasse, mit der seine Elf Fußball spielt, lassen leicht vergessen, dass sie noch immer recht unbescholten sind, was internationale Erfolge betrifft. Ein Mal gewannen sie den Europacup, 1992 gegen Sampdoria Genua. Die Sehnsucht nach dem Sieg in Paris ist so groß, dass Zuschauer und Mannschaft fast übersahen, dass sie gerade eine Machtübergabe erlebt hatten. Milan geht, Barça kommt. Der Erfolg über den AC Mailand beendete die Zeit der erfolgreichsten Elf der zurückliegenden drei Jahre. Noch einmal präsentierte sich das in die Jahre gekommene Milan mit der exzellenten Ordnung, für die es immer stand. Doch sie konnten den Gesamteindruck nie verwischen: Sie trafen auf Bessere. Allerdings hatte Milan zumindest einmal ins Tor getroffen. Und so reagierten die Mailänder mit Entrüstung auf die Entscheidung von Schiedsrichter Markus Merk, dem Kopfballtreffer von Andrej Schewtschenko die Anerkennung zu verweigern. Dennoch kamen Milans Spieler nach dem Abpfiff anständig in den Mittelkreis, um Barça zu gratulieren. Es war eine große Geste von Sportlern, die wissen, wie man geht; die wussten: Es ist Zeit. Man sprach kein Italienisch mehr an diesem Abend.“
NZZ: 14 Jahre nach Johan Cruyff hat auch Rijkaard wieder eine grosse Mannschaft mit Steigerungspotenzial
Ein Finale aus dem Glanzprospekt des schönen Spiels
Christian Eichler (FAZ) preist Barcelonas Stil und tröstet uns mit der Erkenntnis, daß das Finale auch ein deutsches Produkt werde: „95.000 Menschen feierten ein 0:0 – was im Camp Nou, einem der Tempel des Angriffsfußballs, wohl kaum je zuvor passiert war. Doch man kommt ja auch nicht alle Tage ins Endspiel der Champions League. Vor allem schafft man das nicht, bevor man gelernt hat, daß der Weg zu den Sternen des Finals durch den Staub der Abwehrarbeit führt. So haben die beiden offensiv attraktivsten Teams Europas, die Klubs der weltbesten Angriffsspieler Ronaldinho und Henry, ihr Traumfinale durch torlose Remis erreicht. (…) Es scheint, daß Barca mit Frank Rijkaard die Verschmelzung der Ajax-Schule, des schnellen Paßspiels und flüssigen Positionswechsels, mit der anderen großen Kunstrichtung des schönen Fußballs gelungen ist: dem Brasilianischen. Diese Mixtur wird sich messen mit der von Arsenal, wo Arsene Wenger seit Jahren an der Melange des perfekten Spielflusses bastelt. So erwartet Paris ein Finale, wie bestellt aus dem Glanzprospekt des schönen Spiels. Ronaldinho, der in Paris bei PSG spielte – und Henry, der dort aufwuchs. Barca, das seit vier Spielen ohne Gegentor ist – und Arsenal seit zehn. Zwei Deutsche retteten diese Serien: Schiedsrichter Merk für Barca, Torhüter Lehmann für Arsenal. In Paris wird eine von beiden reißen. Die Champions League als Flaschenhals? Je länger der Wettbewerb dauerte, desto weniger Tore paßten durch.“
NZZ: AC Milan hadert mit Doktor Merk
Die Logik politisch-fussballerischer Zyklen
Von Steven Tongue (Tsp) erfährt der politisch Interessierte: „Die Zuschauer hatten eine trotz fehlender Tore hochklassige und temporeiche Partie gesehen und einen Prestigeerfolg für den spanischen Fußball bejubelt – was bei einem Erfolg des Klubs aus der katalanischen Hauptstadt nicht unbedingt selbstverständlich ist. Das Spiel war auch im Fernsehen der absolute Quotenhit und beeinflusste sogar die Arbeit des Parlaments: Die Sozialisten, eigentlich in der Mehrheit, verloren im Oberhaus eine Abstimmung nur deshalb, weil mehrere ihrer Abgeordneten vorm Fernseher saßen und Fußball schauten.“
Georg Bucher (NZZ) verweist auf die spanische Korrelation zwischen Erfolg in Politik und Erfolg im Fußball: „Wahrscheinlich haben die Terroranschläge in Madrid kurz vor der Wahl im März 2004 Zapatero ins Amt gebracht. Gut zwei Jahre danach sitzt er fest im Sattel der Macht und dominiert das politische Geschehen ähnlich wie Barça die Fussballmeisterschaft. Zufall? Mitnichten, sagt die Historie. Genug Indizien weisen einen Zusammenhang zwischen den Erfolgen beider Szenen auf. Ohne die Stimmen der katalanischen Nationalisten wäre Zapatero nicht in die ‚Moncloa‘ eingezogen, und ohne diesen Support würde die ohnehin reiche Region finanziell nicht in gleichem Masse profitieren. Indirekt auch das Barça-Team, das sein Selbstverständnis regional definiert. Parallelen zu den achtziger Jahren, als Athletic Bilbao und Real Sociedad de San Sebastián je zweimal hintereinander Meister wurden, sind offensichtlich. Damals begann die Dezentralisierung des spanischen Staates, später erhielten die Regionen autonome Statuten. Aufgrund ihrer kulturellen Eigenständigkeit geniessen Basken und Katalanen mehr Spielraum als andere Gliedstaaten. Real Madrid knüpfte an die glanzvolle Ära der fünfziger und sechziger Jahre just in einer Zeit an, da der Partido Popular von Ministerpräsident José Maria Aznar mit absoluter Mehrheit ausgestattet war. Im Zweijahresrhythmus gewannen die Madrilenen dreimal die Champions League. Aznar stand nicht nur für die autoritäre Führungsrolle Madrids, er war auch öfter Gast im Santiago Bernabeu – Seite an Seite mit seinem Parteifreund, dem Baulöwen und Real-Präsidenten Florentino Perez. (…) Die Logik politisch-fussballerischer Zyklen lässt sich ebenfalls in Galicien nachweisen. Deportivo La Coruña stieg gewissermassen aus dem Nichts auf, gewann die Meisterschaft und die Copa del Rey (spanischer Cup) und ‚krönte‘ den Aufschwung mit dem Champions-League-Halbfinal 2004. Celta de Vigo drang ebenfalls in den erlauchten Kreis vor. Man schrieb die Zeit der ‚Monarchie‘: Manuel Fraga, früher Informationsminister des Franco-Regimes, absolvierte in Santiago de Compostela sein viertes Mandat an der Spitze Galiciens – auch in Madrid herrschten die Konservativen.“
Tsp: Der Nächste, bitte – Real Madrid wählt seinen Präsidenten Martin ab
Ball und Buchstabe
Plage
Christof Siemes (Zeit) ermattet bei all den Kulturprojekten rund um die Fußball-WM: „Wie können wir das Ansaugen jeder vermarktbaren menschlichen Aktivität an den Fußball verhindern? Wer zurzeit etwas zu sagen, schreiben, tanzen, singen, ändern oder zu verkaufen hat, bemüht sich um Metaphern, Symbole, Klänge, Repräsentanten aus jener Welt, in der 22 Männer hinter einem Ball herlaufen. Eine Zeit lang war die Kunstwerdung des Spiels erhellend, komisch, selbstironisch. Jetzt ist sie nur noch nervtötend. Bislang war der Feind des Fans die Fifa, die im Totaltheater gnadenlos Regie führt, schlechtes Bier ausschenkt und die kostbaren Plätze im Stadion an den meistbietenden Sponsoren verschachert. Nun werden all die Trittbrettfahrer des Spiels zur Plage. Vor lauter guten Absichten haben sie uns dazu gebracht, dass wir uns nichts sehnlicher wünschen als endlich einmal einen Pass von Ronaldinho anschauen zu dürfen, ohne darüber nachdenken zu müssen, was er nun bedeutet.“
In eigener Sache
Seit gestern ist der freistoss auch auf der Web-Seite der Bundeszentrale für politische Bildung zu lesen.
Am Grünen Tisch
Mit dem Niveau der Spielklasse sinkt auch das der Talente
Christian Hönicke (Tsp) erweitert die Idee der DFL, eine eingleisige Regionalliga einzuführen: „Ein Spiel zwischen dem FC St. Pauli und den Stuttgarter Kickers erregt in jedem Fall mehr Aufmerksamkeit als ein Aufeinandertreffen von Hertha II und HSV II. Allerdings kickt der Großteil des viel versprechenden deutschen Nachwuchses genau in diesen kommerziell unattraktiven zweiten Teams der Profiklubs. Künftig müssen sie in den vierten Ligen spielen. Angeblich bieten sich dort bessere Entwicklungsmöglichkeiten, doch das Gegenteil ist der Fall: Mit dem Niveau der Spielklasse sinkt auch das der Talente. Bald könnten noch weniger deutsche Spieler den Sprung in die Bundesliga schaffen und dem Bundestrainer noch weniger Alternativen zur Verfügung stehen. In England, wo es seit jeher vier Profiligen gibt, wird der Nachwuchs in einer eigenen Reserveliga gefördert, in der die Talente von Arsenal gegen die von Chelsea antreten. Eine solche Liga fehlt in dem Konzept von DFB und DFL noch. Dann gäbe es zwei gute Nachrichten im deutschen Fußball.“
Ascheplatz
Unsitte
Die Online-Ausgabe der Zeit stimmt dem Urteil des Bundesgerichtshofs zu, der Fifa die Namensrechte an dem Begriff „Fußball-WM 2006“ zu verweigern: „Dass die Karlsruher Richter den Weltverband in die Schranken weisen, ist richtig. ‚Fußball WM 2006′ ist eine ganz normale sprachliche Bezeichnung für dieses Ereignis. Dadurch wird eine Unsitte erschwert, die sich in jüngster Zeit stark verbreitet hat: Der Versuch von Unternehmen, sich alltägliche Wortwendungen, Namen oder sogar Farbtöne rechtlich schützen zu lassen – um dann jene abzukassieren, die teils aus purer Unwissenheit den falschen Satz sagen. Die Fifa ist in ihrem Kontroll- und Vermarktungszwang jetzt erst einmal gebremst. Den Wirrwar von offiziellen Fördern, Sponsoren und Einfach-nur-auf-den-Zug-Aufspringern hat ohnehin wohl niemand mehr außerhalb der Fifa-Rechtsabteilung durchschaut. Pech nur für jene, die an die Fifa hohe Lizenzgebühren gezahlt haben. Andererseits können sie die Summen auch als Lehrgeld verbuchen. Denn dass die WM zum größten deutschen Marketingereignis werden würde, war abzusehen. Und jede Werbung funktioniert bekanntlich nur, wenn sie Aufmerksamkeit erzeugt. Wenn aber viele – oder gar alle – mit demselbem Ereignis werben, ist auch das schönste Alleinstellungsmerkmal irgendwann futsch.“
Kein Besitz
Die Financial Times Deutschland befaßt sich mit der Folge des Urteils für die Fifa: „Diese Niederlage ist ein schwerer Schlag für die Fifa. Das Urteil ist für den Fußballverband wie das entscheidende Gegentor in der 90. Minute des WM-Endspiels: Das Großereignis steht unmittelbar bevor, es bleibt keine Zeit mehr, das Spiel zu drehen. Das Anliegen der Fifa war verständlich: Ohne sie gäbe es die WM nicht, und so wollte sie sich die Markenrechte daran in großem Umfang schützen lassen. Aus ihrer Sicht musste sie den Schutz beantragen, weil er ein Argument war, um von den offiziellen WM-Sponsoren sehr viel Geld verlangen zu können. Das war für das Gericht nicht relevant. Zum Glück nicht. Die Entscheidung zeigt der Fifa klar, wie weit die Rechte an ‚ihrem‘ Sportereignis gehen – und dass sie nicht jede Bezeichnung, die sich darauf bezieht, als ihren Besitz reklamieren kann. (…) Der Richterspruch gilt freilich nur für Deutschland. Ein negativer Effekt mag daher sein, dass Veranstalter großer Sportevents diese künftig ungern nach Deutschland vergeben. Aber von solchen Erwägungen lassen sich Richter hier zu Lande nicht leiten. Zum Glück.“
SZ (Hintergrund): Herbe Niederlage für die Fifa – der Fußballverband hatte „Fußball WM 2006“ für Hunderte Waren und Dienstleistungen als Marke eintragen lassen; nun hat der Bundesgerichtshof der Fifa auf die Finger geklopft
Patient am Tropf
Johannes Röhrig (Stern) blickt in die Bilanzen der Fußballabteilung Bayer Leverkusens und stellt die Abhängigkeit vom Mutterkonzern fest: „Die sportlichen Erfolge – viermal Vizemeister – haben überdeckt, dass das Management unter Reiner Calmund und Wolfgang Holzhäuser den Verein finanziell fast ins Aus manövriert hatte. Teure Spielereinkäufe und eine sportliche Flaute, die 2003 fast den Abstieg bedeutet hätte – das reichte, um die Weiterführung des Spielbetriebs massiv zu gefährden. Um die Pleite zu verhindern, musste die Pharma-Mutter Bayer zuletzt zusätzlich mindestens 70 Millionen Euro in den Spielbetrieb stecken. In normalen Zeiten überweist die Marketingabteilung der Bayer AG pro Saison 25 Millionen an die Fußballabteilung, als Image-Geld für den Werbeeffekt. Mit den Einnahmen aus TV-Geldern und Stadioneintritt soll es der Klub finanziell schaffen und möglichst international mitspielen. Mitte 2003 brach dieses Gefüge zusammen. Damals ging es wegen wegbrechender TV-Einnahmen vielen Erstligavereinen schlecht, aber in kaum einem war die Situation so dramatisch wie in Leverkusen, wie sich nun zeigt. Die Fußball-GmbH schloss ihr Geschäftsjahr mit einem Minus von 42 Millionen Euro ab. Die kurzfristigen Bankschulden lagen bei 60 Millionen. (…) Zwar schreibt Bayer 04 immer noch Miese – 2005 waren es knapp 5 Millionen Euro. Doch spätestens 2008 soll die Rettung abgeschlossen sein. Dann wird der Patient vom Tropf der Pharma-Mutter abgeklemmt.“
taz: Bayer Leverkusen und seine anrüchigen Geldgeschäfte: Unter der Ägide des Managers Reiner Calmund sind fast zwölf Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen. Das Geld ist verschwunden
SZ: Die Affäre Calmund, Spurensuche in Brasilien – Wer hat wen für was bezahlt? Die Kölner Staatsanwaltschaft prüft Zahlungen über 11,8 Millionen Dollar
Psychologischer Garaus
Mirko Weber (StZ) hält den 11-Millionen-Kredit Bayern Münchens an seinen Stadionpartner 1860 München für eine fragliche Investition: „Es ist nicht so recht ersichtlich, wie sich der Münchner Traditionsverein aus der finanziellen Zwangsjacke befreien will. Geld für neue Spieler ist keines da, aber nur eine starke Mannschaft eröffnet die Chance, jene Business-Sitze und Logen zu verkaufen, die bei 1860 leer bleiben. Die Euphorie bezüglich der Allianz-Arena hat auch auf Seite der Bayern abgenommen. Bei einer Sitzung mit Edmund Stoiber und dem Münchner OB Christian Ude, der Aufsichtsratsmitglied bei den Sechzigern ist, hatte die Politik den Vereinen am Dienstag bedeutet, finanziell keinerlei Rucker tun zu können. Psychologisch kommt die Vereinbarung, die 1860 München gerade noch als Untermieter ausweist, dem Garaus für den Profiklub gleich: Die Blauen gehören nun praktisch den Roten. Zu allem Überfluss ist jetzt auch noch der Hauptsponsor der Sechziger ausgeschieden. 1860 München schlägt das Totenglöcklein.“
SZ: Letzte Chance – die Löwen müssen akzeptieren, was sie kriegen können, und wenn der Kredit von den Bayern kommt. Doch wie lange wird das Geld dieses Mal reichen?
FR: Telekom, Arena und die Fußball-Liga streiten sich immer noch darum, wer die TV-Rechte wie verwerten darf
Deutsche Elf
Antizipationstorhüter
Malte Oberschelp (Rund) erörtert mit dem holländischen Torwarttrainer Frans Hoek den Stil deutscher Torhüter: „‘Wenn Klinsmann die Abwehr nach vorne rücken lässt, benötigt er einen anderen Torhüter als Oliver Kahn‘, bestätigt Hoek. ‚Mit der Abwehr nahe am Tor ist er einer der besten der Welt, aber wenn die Viererkette die Räume eng macht, ist das nicht seine Stärke.‘ Kahn war 23, als 1992 die Rückpassregel eingeführt worden ist. Sein Spiel hat er danach nicht mehr grundsätzlich geändert. ‚Reaktionstorhüter‘ nennt Hoek diese Sorte Keeper: exzellent auf der Linie, willensstark, physisch beeindruckend, aber fußballerisch limitiert und mit durchschnittlichem Stellungsspiel bei Steilpässen in den Rücken der Abwehr. Das Gegenstück heißt Antizipationskeeper, Prototyp: Edwin van der Sar. Das Begriffspaar entwickelte Hoek, als er mit Louis van Gaal nach Barcelona ging und sich wunderte, warum anerkannte Torleute wie Vítor Baía und Robert Enke nicht mit der Spielweise der Mannschaft klar kamen. (…) Welcher Torhüter passt ins System Klinsmann? Jens Lehmann gilt als fußballerisch passabel, häufiger als Kahn wandelt er Rückpässe in Spieleröffnung um. Allerdings erlebte auch die neue Nummer 1 entscheidende Ausbildungsjahre in der Zeit vor der Rückpassregel. Bei den Arsenal-Fans hat Lehmann wegen teils bizarrer Ausflüge den Spitznamen Mad Jens weg. ‚Er antizipiert besser als Kahn, aber viel weniger als van der Sar‘, urteilt Frans Hoek. ‚Kahn ist zu 100 Prozent Reaktionstorhüter, Lehmann zu 80 Prozent.‘ Hoek hielte daher Timo Hildebrand für die optimale Lösung. Das Idealbild eines Antizipationstorhüters könnte Hildebrand sein: weniger muskulös, weniger lautstark, aber geduldig in Eins-gegen-Eins-Situationen und mit sehr guten Fähigkeiten, das Spiel im Raum zu lesen. (…) Die Deutschen halten es eher mit den Helden auf der Linie. Die holländische Spielauffassung nivelliert die Unterschiede zwischen Torhüter und Feldspieler, die deutsche überhöht die Nummer 1 zum Turm in der Schlacht – von Toni Turek Fußballgott bis King Kahn. Ein Radi Radenkovic taugte da nur zur Witzfigur, nicht zum Gegenentwurf. Dass Klinsmann durch die Nominierung Lehmanns mit dieser Tradition zu brechen beginnt, tut dem deutschen Fußball gut. Wer eine Mannschaft neu ausrichten will, muss ganz hinten anfangen.“
Wie wird man denn in Brasilien Torhüter, Sven Goldmann (Tsp)? „An der Copacabana sind die Torhüter schon immer nach einem sorgfältigen Muster ausgewählt worden: In den Kasten geht, wer am langsamsten läuft, am schlechtesten mit dem Ball umgeht oder wer als letzter Nein sagt. Diese negative Grundhaltung mag in der Mentalität begründet sein. Der Brasilianer will produzieren und nicht zerstören. Es gibt aber auch ein historisches Motiv, und das spielt an auf die Urkatastrophe eines Landes, das auf seinem Staatsgebiet noch keinen Krieg erlebt hat. 1950 kassierte Moacyr Barbosa im entscheidenden Spiel ein dummes Tor gegen Uruguay, das Brasilien vor 200.000 Zuschauern in Rio die sicher geglaubte Weltmeisterschaft entriss. Im öffentlichem Empfinden trägt Barbosa bis heute Schuld daran, dass ein ganzes Land in Trauer fiel. Das brasilianische Talent spiegelt sich in ballverliebten Dribbelkünstlern, eleganten Strategen oder Offensivverteidigern, die gefährlicher sind als vieler Länder Stürmer. Brasilianische Torleute fallen nur dann positiv auf, wenn sie wenig falsch machen. Weiß noch jemand, wer vor vier Jahren im WM-Finale von Yokohama das brasilianische Tor hütete?“
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