Freitag, 21. April 2006
WM 2006
Anstoß
Das Frankfurter Amtsgericht erlaubt einem Kläger, sein Ebay-Ticket zu gebrauchen – aber nur in diesem Einzelfall. Die Financial Times Deutschland hingegen fordert, den Privatmarkt zu erlauben und betont das Unbedenkliche des verteufelten Schwarzmarkts: „Wer Geld gegen Karten tauschen will, der sollte das möglichst ungehindert tun können. Und wenn einige Leute dabei ein nettes Geschäft machen, ist dagegen nichts einzuwenden – schließlich sind auch die zahlungsbereiten Kunden glücklich. Das gestrige Urteil gibt dazu einen Anstoß, aber es hilft noch längst nicht allen Fans, es betrifft nur wenige. Das OK sollte den privaten Handel mit den Karten jetzt generell freigeben. Die Sicherheit in den Stadien wäre weiterhin gewährleistet, da sich auch die neuen Karteninhaber registrieren müssten. Eine Monopolstellung finsterer Schwarzhändler ist bereits durch die Erstvergabe der Tickets nach dem Zufallsprinzip verhindert worden. Die Gewinner wären Tausende Fans, die unbedingt ein Spiel ihrer Mannschaft sehen wollen. Der freie Markt wäre eine gerechte zweite Chance für all diejenigen, die in der Lotterie des OK zu kurz gekommen sind.“ Thomas Kirn (FAZ/Seite 1) erläutert: „Das Urteil basiert auf einer Interessenabwägung. Der Richter hat viele unanstößige Gründe durchdacht, warum jemand auf ein Ticket verzichten mag. Neben vielfältigen persönlichen Verhinderungen könnte etwa der Gewinn einer besseren Karte in einem Preisausschreiben eine Rolle spielen oder auch – das wird der Verlauf des Turniers vermutlich häufiger ergeben – völliges Erlahmen des Interesses an einem viele Monate zuvor blind gebuchten Spiel. Anzuerkennen wäre aus Sicht des Gerichts auch der Verkauf von Karten im Fall eines plötzlichen finanziellen Engpasses. Als Interesse des DFB hat das Gericht neben dem Fernhalten von Hooligans auch die Bekämpfung des schwarzen Marktes anerkannt. Diese Ziele stellen jedoch laut Urteil keine ausreichende Begründung dafür dar, die Zustimmung zur Übertragung der im Internet ersteigerten Karten auf den Kläger zu verweigern.“
Ascheplatz
Gelernt?
Alle Bundesligavereine erhalten die Lizenz – keine schlechte Nachricht, aber auch kein Beweis für neue Vernunft, meint Wolfgang Hettfleisch (FR): „Zog die Branche die richtigen Lehren aus Erfahrungen wie der Kirch-Krise oder dem Finanz-Infarkt von Borussia Dortmund? Darauf gibt es bis heute keine pauschal gültige Antwort. Die Gefahr der Verführbarkeit bleibt akut, denn sie ist systemimmanent. Wer, wie Schalke 04 oder künftig wohl der Hamburger SV, sportlich und finanziell an der Schnittstelle zwischen gehobenem Mittelstand und europäischer Fußballaristokratie agiert, schließt schon mal eine riskante Wette auf die Zukunft ab. Wer sich, wie Hertha BSC Berlin, endlich in der nationalen Spitze etablieren will, reitet womöglich auf der Rasierklinge, bis er glaubt, sie sei stumpf, weil er den Schmerz nicht mehr fühlt. Und wer, wie der 1. FC Köln, nach dem Aufstieg im Wortsinn um jeden Preis die Klasse halten will, geht die Aufgabe eben mit dem Gehaltsgefüge eines Anwärters auf die Uefa-Cup-Plätze an. Diesem strukturell bedingten Wahn nicht zu erliegen, das schaffen nur wenige – oft genug zum Preis sportlicher Frustration. So gesehen wäre der absehbare Klassenerhalt von Arminia Bielefeld ein weit größerer Triumph als die x-te Meisterschaft der Bayern.“
FTD: Liga atmet auf: Clubs erhalten DFL-Lizenzen
FR: Mainz 05 besucht vor dem Spiel gegen Tabellenführer Bayern München die Justizvollzugsanstalt in Rohrbach
Deutsche Elf
Wahrnehmungsstörungen
Wie bitte? Scholl für Deutschland?! Gerd Schneider (FAZ) reißt die Augen auf: „Angesichts der bevorstehenden Weltmeisterschaft befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Die Hauptnachrichtensendungen im Fernsehen befassen sich plötzlich mit so merkwürdigen Dingen wie der Ausdauerfähigkeit von Fußballspielern, dem Wohnsitz von Jürgen Klinsmann und mit der T-Frage, die an Brisanz die einstige K-Frage längst übertroffen hat. Kaum ist die Erregung über die Torhüter-Entscheidung abgeebbt, gibt es – um den Fernsehjargon zu bemühen – den nächsten Aufreger: Scholl muß mit zur WM!, schallt es landauf, landab, als hänge das Schicksal einer ganzen Nation an den müde gewordenen Beinen eines fünfunddreißigjährigen Auswechselspielers. Selbst Javier Marias outete sich als Schollastiker. Wer immer noch Zweifel an der galoppierenden kollektiven Fußballhysterie hat, sollte einen Blick werfen auf die Internetseite, mit der jetzt zwei Freiburger Studenten berühmt werden könnten: www.mehmet-fuer-deutschland.de. Zehntausende sollen sich schon eingetragen haben. Dabei ist es ja nicht so, daß der Bayern-Profi zuletzt nicht ein paar bemerkenswerte (Kurz-)Auftritte gehabt hätte. Doch die Sehnsucht nach einem Fußball-Ästheten wie Scholl, verstärkt durch das aktuelle Bundesliga-Gestolper, führt ganz offensichtlich zu Wahrnehmungsstörungen. Scholl ist langsam, er ist anfällig für Verletzungen, er ist seit Jahren nicht über eine Rolle als Edelreservist hinausgekommen. Soll so einer den deutschen Fußball retten?“
Donnerstag, 20. April 2006
Champions League
Zeitenwende
Barcelona siegt 1:0 in Mailand; Dirk Schümer (FAZ) bezeugt den Sieg der neuen Generation: „Es war vor allem die Art, wie die Katalanen die erfolgreichste europäische Mannschaft der letzten fünf Jahre bezwangen, die einen Wachwechsel im Vereinsfußball ankündigt. Die Gazzetta dello Sport schwärmte widerwillig vom ‚hypnotischen Spiel‘ Barcelonas und brachte damit die aufreizende Ballsicherheit, die Freude an individuellen Kabinettstückchen, die einlullenden Kombinationen und die schachbrettartigen Querpässe auf einen Nenner. (…) Die fußballerische Zeitenwende – zumindest bei der Personalpolitik – ist an den Einwechslungen ablesbar. Während Rijkaard in der Schlußphase den putzmunteren Ronaldinho durch den Nachwuchsmann Maxi Lopez ersetzte und behutsam die Deckung stärkte, warf sein früherer Teamkollege Ancelotti den 37jährigen Mailänder Abwehrveteran Paolo Maldini als Hoffnungsträger in die Schlacht. Cafu, der für den gewohnt überaggressiven Gattuso kam und nichts Nennenswertes bewirkte, ist nur ein Jahr jünger. Und dem selten eingesetzten Edelreservisten Ambrosini war es als waschechtem Mann der Vergangenheit dann vergönnt, bei der größten Mailänder Chance freistehend über den Ball zu säbeln. Es war, als wollte Ancelotti die alte Größe seiner Mannschaft beschwören, doch er offenbarte nur den neuen Mangel an Kreativität und System. Hatte Barcelona mit brasilianischer Spielfreude die sonst so kühlen, an diesem Abend aber total unterkühlten Mailänder tatsächlich hypnotisiert?“ Birgit Schönau (SZ) ergänzt: „Es sollte bei einem Tor bleiben, was für Milan sicher ein wenig ungerecht war, denn eine gute Stunde lang hatte Ancelottis Team eindeutig besser gespielt als Rijkaards Barcelona. (…) Das eigentlich Überraschende an Rijkaards Konzept für dieses vorweggenommene europäische Finale, war die Manndeckung. Edmilson auf Kaká, Van Bommel auf Seedorf, und der Plan ging auf: Milans Mittelfeld wirkte entkräftet und entwaffnet.“
NZZ: Ronaldinho entscheidet das Schlagerspiel fast im Alleingang
NZZ: Die Gunners mit viel Pulverrauch – Arsenal mit 1:0 gegen Villarreal für krasse Überlegenheit schlecht honoriert
Ball und Buchstabe
Fatale Außenwirkung
Christian Hönicke (Tsp) beklagt die Tatenlosigkeit des Nordostdeutschen Fußballverbandes nach den rassistischen Ausfällen gegen Adebowale Ogungbure: „Der NOFV will in dieser heiklen Frage wohl keinen Fehler machen. Und hat es doch schon getan: Innerhalb des Verbands mag das Abwarten als richtig erachtet werden, die Außenwirkung ist fatal. Fast vier Wochen sind vergangen, und passiert ist nichts. Man muss dem NOFV nichts unterstellen: Ein solch komplexer und differenzierter Vorgang überfordert die Verantwortlichen vermutlich. Niemand erwartet von einem Regional-Fußballverband die Klärung des Rassismus-Problems in Ostdeutschland. Dass der NOFV selbst die Initiative ergreift, dass er sich fragt, was auf seinen Plätzen eigentlich alles passiert und im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen unerwünschte Entwicklungen vorgeht – das darf man aber schon verlangen.“
Am Grünen Tisch
Ich bin nicht der Buhmann
Joseph Blatter im Interview mit Marc Brost und Moritz Müller-Wirth (Zeit)
Zeit: Sobald Sie ein deutsches Fußballstadion betreten, werden Sie ausgepfiffen. Wie fühlt sich das an, allein gegen 60.000?
Blatter: Angenehm ist es nicht. Das Motto lautet ja: ‚Die Welt zu Gast bei Freunden‘. Und ausgerechnet die Nummer eins der Fußballwelt wird unfreundlich behandelt.
Zeit: Die Deutschen sind schlechte Gastgeber?
Blatter: Nein. Es pfeifen ja auch nicht alle 60.000 Menschen im Stadion. Die Fans, die pfeifen, sehen nur das Feindbild Blatter, das seit Jahren von den Medien aufgebaut wurde. Da ist es nur logisch, dass sie auf diese Weise reagieren. Ich kann nur versuchen, den Leuten klar zu machen, dass ich nicht der Buhmann bin.
Zeit: Sie gelten als letzter Diktator Europas…
Blatter: … das ist mir neu.
Zeit: …weil Sie den Weltfußballverband vom Stammsitz Zürich aus wie ein Alleinherrscher führen. Karl-Heinz Rummenigge hat das vor kurzem so zusammengefasst: Blatter diene dem Fußball nicht, aber der Fußball diene Blatter.
Blatter: Es verletzt mich, wenn ein Fußballer, den ich sehr gut kenne, so etwas sagt. Er sollte es besser wissen. Die Fifa hat 207 Mitgliedsländer, mehr als die Vereinten Nationen, und jeder Landesverband vertritt seine eigene Meinung. Da gibt es keine allgemein gültige Doktrin. Es ist doch vielmehr so: Der Präsident der Fifa wird von der Generalversammlung gewählt, die anderen Mitglieder des Exekutivkomitees – meiner Regierung, wenn Sie wollen – werden aber von den verschiedenen Konföderationen gewählt. Die vertreten ihre Meinung, und ich stehe allein da. Da muss man ab und zu eine Entscheidung treffen. Soll das diktatorisch sein?
Zeit: Am Ende setzt sich Ihre Meinung durch.
Blatter: Nicht immer, aber meine Meinung setzt sich durch, wenn es um etwas Wesentliches geht. An der Spitze muss eben jemand stehen, der ja sagt oder nein.
Zeit: Die Fifa hat die Rechtsform eines eingetragenen Vereins und gibt gleichzeitig viel Geld für Spesen, Bezüge und Privilegien ihrer Funktionäre aus. Wie passt das zusammen?
Blatter: Als wir noch kein Geld hatten, waren die Spesen gering. Heute haben wir mehr Geld, weil der Umsatz höher ist und damit natürlich auch die Arbeit umfangreicher geworden ist. Also sind auch die Spesen höher. Früher beschäftigte die Fifa nur 11 Angestellte, heute sind es 300. Früher gab es nur einen einzigen Wettbewerb, die Weltmeisterschaft. Der deutsche Trainer Dettmar Cramer kümmerte sich damals allein um unsere Entwicklungsprogramme. Und dann gab es noch einen ehemaligen Schiedsrichter, der schon am Stock ging, aber für uns um die Welt reiste und die Schiedsrichter schulte. Heute gibt es eine Vielzahl von neuen Wettbewerben, unter anderem den Confederations Cup, die Frauen-WM, zwei olympische Turniere, eine Indoor-Weltmeisterschaft. Wir haben in den verschiedensten Ländern Büros eröffnet, um vor Ort Entwicklungshilfe zu leisten. Nur die Zahl der Fifa-Verantwortlichen in der Exekutive ist annähernd gleich geblieben, früher waren es 21, heute sind es 24. Sie müssen heute viel mehr reisen, viel mehr arbeiten. Da ist es nur korrekt, sie auch zu entschädigen.
WM 2006
Ein unglaublich ungerechtes Luxusproblem
Bonzen-WM? Birgit Dengel (FTD/Agenda) schildert die Probleme mancher Sponsoren, ihre Tickets loszuwerden: „Tickets sind nach wie vor zu haben – nur nicht für alle und nicht zu jedem Preis. Und nicht jeder, der eine WM-Karte bekommen könnte, will sie auch tatsächlich haben. Wie verquer die Vergabe gelaufen ist, zeigt sich insbesondere bei den Kontingenten, die Unternehmen erhalten haben. Etwa 490.000 Karten bekommen die fünfzehn internationalen Sponsoren wie Coca-Cola oder Adidas sowie die sechs nationalen Förderer wie die Deutsche Bahn oder Obi. Weitere 347.000 Karten erhält der Ticketvermarkter ISE Hospitality, der von der Fifa für etwa 170 Millionen Euro das Recht erworben hat, VIP-Tickets inklusive Bewirtung und Parkplätzen zu verkaufen. Aus dem ISE-Topf schöpfen Firmen, die nicht zu dem Sponsorenkreis gehören, aber dennoch Geschäftspartner zu den Spielen in eine Loge einladen möchten. Viele Firmen sitzen auf Tausenden von Tickets – wissen aber nicht immer, an wen sie die Karten überhaupt verteilen sollen. Der Energieversorger EnBW beispielsweise tut sich schwer damit, seine Karten loszuwerden. Dem Unternehmen steht als nationalem WM-Förderer ein Kontingent an Sponsorentickets zu. EnBW-Chef Utz Claassen wollte sie unter anderem Ministern und Parlamentariern zukommen lassen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts der Korruption. Juristen sprechen mittlerweile von ‚Vorteilsgewährung‘ und ‚Vorteilsannahme‘. Deshalb sind sich Mitarbeiter, die Karten geschenkt bekommen, nicht sicher, ob sie auf die Freikarten Lohnsteuer zahlen müssen. Die unklare Rechtslage ist absurd: Entweder die Bedachten schreckten vor dem Geschenk zurück, weil ihnen der Wert zu hoch erscheine. Oder sie hätten bereits mehrere Tickets für dasselbe Spiel angeboten bekommen – ein unglaublich ungerechtes Luxusproblem in den Augen jener Millionen Fans, die leer ausgegangen sind. Inzwischen fürchten die Beteiligten, dass wie bei der WM 2002 ganze Blöcke in den Stadien leer bleiben.“
Jörg Nauke (StZ) spöttelt: „Die Schweizerische Ise Hospitality AG, die die weltweiten Exklusivrechte für die superteuren Logen und Tribünenplätze erwarb, hat eine gute Nachricht für alle Fans: Es gibt noch genügend WM-Karten – man muss sie sich nur leisten können. Wer Geschäfte in erstklassigem und privilegierten Ambiente anbahnen oder sich privat eine exquisite Sicht auf das Spielfeld gönnen will, für den stehen die Stadiontore weit offen. Sperrangelweit sogar, wenn man bedenkt, dass der gemeine Fan Tickets nur mit Angabe seiner persönlichen Daten erhält, der Logengastgeber neben seinem Ticket aber Blankokarten erhält mit der Aufschrift ‚Gast von Herrn/Frau xy‘. Wenn das kein Schlupfloch für Verfassungsfeinde ist …“
Nichtsnutzige Hysterie
Heribert Prantl (SZ/Meinungsseite) kritisiert die WM-Sicherheitspolitik: „Das, was von den Sicherheitsbehörden im Verein mit dem WM-OK aufgezogen wird, ist zum Teil unsinnig, zum Teil rechtswidrig; nicht selten beides. Wenn nun von allen Hooligans und denen, die man dafür hält, genetische Fingerabdrücke genommen werden sollen, dient dies weniger der Sicherheit denn der Produktion von Schlagzeilen für die, die das vorschlagen. Man braucht wirklich kein Mitleid mit Fußballrowdys zu haben, aber: Abgesehen davon, dass die Strafprozessordnung eine genetische Pauschalregistrierung nicht hergibt, bringt sie auch keinen Sicherheitsgewinn. Dieser Fingerabdruck dient der Suche nach unbekannten Straftätern. Die gefährlichen Hooligans kennt man aber, dank guter Polizeiarbeit, genau. Um sie an Randale zu hindern, sind andere Maßnahmen geboten – Polizeibesuche am Arbeitsplatz, Meldepflichten. Das wird schon intensiv gemacht. Der genetische Aktionismus ist ein Exempel für nichtsnutzige Hysterie. In diese Kategorie fällt auch die uferlose Datenerhebung und -speicherung im Zuge des Ticketing-Verfahrens und bei der Akkreditierung von Journalisten, Wurstverkäufern, Sanitätern, Fußballspielern und Begleitmannschaften. Der Erwerb der Tickets setzt voraus, dass der Bewerber eine Vielzahl persönlicher Daten offenbart. An zusätzlicher Sicherheit bringt das fast nichts: An den Nadelöhren der Stadioneingänge lässt sich eine Ausweiskontrolle nur aleatorisch vornehmen, so dass Gewalttäter unerkannt mit fremden Tickets in die Stadien kommen können. Im Ergebnis geschehe, sagt der Kieler Datenschützer Thilo Weichert, eine gewaltige Datenerfassung argloser Zuschauer und deren elektronische Überwachung. Lukrativer Nebeneffekt: Die gesammelten Daten fließen an die WM-Sponsoren.“
Tsp: Heute entscheidet ein Gericht, ob Fans WM-Tickets weiterverkaufen dürfen
Allgemein
Gleichmäßige Leistungen
Walter Haubrich (FAZ) schreibt über den Stamm des FC Sevilla: „Nach Madrid und Barcelona ist Sevilla die wichtigste Fußballstadt Spaniens. In Sevilla sind die Derbys der beiden Erstligavereine Betis und FC Sevilla immer die großen Fußballereignisse in Andalusien. Der Zusammenstoß der fanatischen Anhänger und die harte Gangart auf dem Rasen machen diese Duelle zu anstrengenden Arbeitsstunden für die Polizei wie für die Schiedsrichter. Die beiden Fußballklubs der andalusischen Hauptstadt sind auch in der Herkunft ihrer Mitglieder und Anhänger klar getrennt. Der FC Sevilla ist der Club der andalusischen ‚Senoritos‘, der wohlhabenden Besitzbürger, der Großgrundbesitzer, der Stierzüchter und neuerdings auch der Finanzkapitalisten; Betis findet die meisten Anhänger in den ärmeren Schichten der Stadt, ist damit die volkstümlichere Mannschaft. Der langjährige Ministerpräsident Spaniens, Felipe Gonzalez, war ein Anhänger von Betis, er war in einem armen Viertel nahe des Betis-Stadions aufgewachsen. Betis holte sich lange Zeit die Spieler aus den kleinen Vereinen der andalusischen Region, während der FC Sevilla schon seit Jahren teure Ausländer verpflichten konnte. Der FC Sevilla konnte sich sogar den Luxus leisten, den gealterten und schon kranken Maradona zu verpflichten, was dem Klub eine Zeitlang zusätzliche Zuschauer, selbst aus dem Ausland, aber keine besonderen Erfolge auf dem Spielfeld einbrachte. In dieser Saison imponiert der FC Sevilla durch gleichmäßige Leistungen im Uefa-Pokal wie in der spanischen Liga.“
BLZ: Der Argentinier Saviola vom FC Sevilla ist noch immer auf der Suche nach einem Stammverein
FR: Schalke 04 will nun mit Macht den Uefa-Cup gewinnen – und doch drohen ohne die Champions League wieder Verluste
FR: Ein Hauch von Notlösung – nach der Vertragsverlängerung mit Armin Veh betonen die Verantwortlichen des VfB Stuttgart pflichtschuldigst, ihren Wunschtrainer gefunden zu haben
BLZ: über die Online-Petition für die Nominierung Mehmet Scholls
FR: In Kroatien sind die Erwartungen an die Nationalmannschaft sehr hoch, manch einer zählt die Elf sogar zu den Titelfavoriten
Ascheplatz
Abzocker
Thomas Kilchenstein (FR) kommentiert den Versuch Bayer Leverkusens, den abtrünnigen Jens Nowotny zu halten: „Rudi Völler soll so getobt haben, dass die ‚Käse- und Scheißdreck‘-Suada dagegen eine nette Kindergeburtstagsansprache war. Leider hat das den Herrn Nowotny nicht sonderlich beeindruckt. Was beeindruckt einen schon, der seinem Arbeitgeber 10 Millionen Euro Handgeld und eine millionenteure Lohnfortzahlung im Krankheitsfall aus den Rippen geleiert hat? Nun ist der Klub auf die glorreiche Idee gekommen, den im Sommer auf Wunsch Nowotnys auslaufenden Vertrag noch mal zu verlängern. Man darf vermuten: um die 4,7 Millionen Euro Abfindung zu verringern, oder wenigstens einen gewissen Gegenwert für das viele Geld zu erhalten. Viel wird Bayer nicht sparen. Nowotny pflegt in solchen Fällen, bestens beraten, nicht zu kurz zu kommen. Im Volksmund heißen solche Leute Abzocker. Aber Bayer hat derartige Verträge immerhin mitunterschrieben. Nun kriegen sie den Mann so schnell nicht los. Und billig schon mal gar nicht. Vielleicht könnte man ihm eine Stelle im Management anbieten – nach seiner Karriere.“
Mittwoch, 19. April 2006
Champions League
Monopolisierung des Balles
Die NZZ zerwirkt Barcelonas 1:0-Sieg in Mailand: „Wie so oft, wenn Auspizien vor einem wichtigen Fussballmatch hoch gestimmt klingen, sieht die Wirklichkeit etwas nüchterner aus. Das grosse Spektakel kam nicht zustande. Aber immerhin ein schnelles, erst vorsichtig, später ambitionierter geführtes Spiel, in dem die Italiener fast eine Stunde lang wirkungsvoller und bestimmend zur Geltung kamen, die Katalanen jedoch nach der eher überraschenden Führung seigneuralen Stil annahmen und sich zu einem abermals bemerkenswerten Gesamteindruck steigerten. Je näher Finals im wichtigsten Jahreswettbewerb rücken, desto stärker beginnen sich die Teams ineinander zu verzahnen. (…) In der Sicherheit des Vorsprungs gab der spanische Leader dem offensichtlich deroutierten Platzklub eine Lektion in stabiler Organisation, vorteilhafter Raumaufteilung und sicherer Monopolisierung des Balles.“
Das größte Hinterland der Welt
Ronald Reng (BLZ) entdeckt die Quelle Villareals: „Zwölf Südamerikaner spielen in Villarreal, Weltklassefußballer wie Roman Riquelme oder Gonzalo Rodríguez. Villarreal offenbart das Geheimnis des spanischen Fußballs: Sie haben das größte Hinterland der Welt, einen ganzen Kontinent. Die sprachliche und historische enge Verbindung ermöglicht es ihnen, sich in Südamerika günstig mit Klassespielern zu versorgen. Villarreal ist darin systematischer als die meisten. 60 Millionen Euro hat Präsident Fernando Roig vorfinanziert, um dieses surrealistische Gebilde zu schaffen. Doch er betreibt kein wildes Mäzenatentum. Villarreal leistet sich konsequent nur die Schnäppchenjagd: Auf den Ersatzbänken der Megaklubs fand Roig nicht nur Riquelme, sondern eine halbe Elf zu Rabattpreisen. (…) In Villarreal, der Boomtown des Fußballs, gibt es mittlerweile elf statt acht Taxis.“
Melancholiker
Paul Ingendaay (FAZ) blickt in Juan Riquelmes Gesicht und sieht den jungen, atemlosen Jean-Paul Belmondo: „Immer ist er von einer Aura der Melancholie umgeben, die sich nur verflüchtigt, wenn er den Ball berührt. Riquelme erinnert an die existentialistischen Helden alter Kinofilme, auf die am Ende der Straße der Untergang wartet. Selbst wenn er Triumphe erringt wie kürzlich beim 1:0-Sieg gegen Inter Mailand, bei dem Villarreal den modernen und die Italiener einen ranzigen, ideenlosen Fußball spielten, selbst dann bringt Riquelme vor der Kamera kaum ein Lächeln über die Lippen. Ein verschlossener, ein etwas rätselhafter Mensch. Und mit dem Ball so gut, daß er die Spanier in Verzückung versetzt. (…) Sieht man ihm zu, fühlt man sich in eine andere Epoche versetzt, als es noch den klassischen Mittelfeldregisseur gab, von dessen Taktstock die Partie abhing. Obwohl er wenig Grundschnelligkeit besitzt, hat er aufgrund überragender Technik und sicheren Raumgefühls auch die Fähigkeit, den Ball am Körper buchstäblich zu verstecken.“
Arsenal-Kultur
Christian Eichler (FAZ) bewundert die Nachwuchsförderung Arsene Wengers: „Letzten Herbst galt Arsenal London als Auslaufmodell und Arsene Wenger als ehrenwerter, aber vom Trend etwas überholter Tüftler. Wenige Monate und vier Spiele später gilt Arsenal als europäischer Hit und sein Trainer als Retter des schönen Fußballs im Kampf gegen das große Geld. So schnell kann das gehen. Die englische Presse fand das neue Wort dazu: ‚Baby Arsenal‘. Wenger hat Spieler gern schon mit 17, 18 Jahren, weil man sie dann noch perfekt formen kann und weil man in diesem Alter schon sieht, ‚ob sie von allein den Antrieb haben, immer besser zu werden‘, sagt Wenger. ‚Wenn sie ihn nicht haben, dann kann man sie vergessen.‘ Arsenals Jugendstil hat beides: Jugend und Stil. Den Stil formte Wenger in zehn Jahren zur ‚Arsenal-Kultur‘: schnelle Pässe, direktes Spiel, Zug zum Tor. ‚Positiven Fußball‘ nennt er es. Die Jugend suchte er schon immer. Thierry Henry holte er mit 21 Jahren. Heute ist Henry sieben Jahre bei Arsenal, Lauren acht, Ljungberg acht, Bergkamp elf; und Ashley Cole neun, dabei ist er erst 25. Selbst die Älteren bei Arsenal sind Junggebliebene.“ Andreas Lesch (BLZ) fügt hinzu: „Wengers Jugendstil findet auch im Ausland Beachtung. Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi wurde in der Gazzetta dello Sport mit den Worten zitiert: ‚Arsenal hat etwas getan, was wir uns in Italien niemals erlaubt hätten.‘ Er hat einer Idee die Zeit gegeben, die sie zur Reife braucht, und vielleicht wird er in dieser Saison mit dem Gewinn der Champions League belohnt.“
Tsp: Das Spiel neu gelernt – erst war der englische Fußball zu schnell für ihn, jetzt ist Aliaksandr Hleb in Arsenal angekommen
FR: Der Lobbyist aus London – kaum einer kann derzeit so gut auf dem Platz und außerhalb für sich werben wie Jens Lehmann
FR: Bei der ersten WM-Teilnahme der Elfenbeinküste ist die Nationalmannschaft die ganze Hoffnung eines geteilten und vom Bürgerkrieg bedrohten Landes
Unterhaus
Bekenntnis zu den Grundwerten des Fußballs
Anders? Nicht anders? Oder anders anders? Wer schützt Alemannia Aachen vor dem Sanktpauli-Vergleich?, sorgt sich Roland Zorn (FAZ): „Am Tivoli herrscht ab sofort Verklärungs- und Romantisierungsgefahr. Die Versuchung, nach Freiburg, St. Pauli und Mainz in Aachen das neue Idyll der Liga zu sehen, ist groß – da mancher dem heute kühlen Geschäftsmodell Profifußball so mißtrauisch begegnet, als hätte irgendwo und irgendwann die Zeit stehenbleiben müssen. Tatsächlich sollen sich die Dinge auch in Freiburg, Mainz und Aachen und sogar beim FC St. Pauli im steten Geldfluß voranbewegen, auf daß die eigene Konkurrenzfähigkeit nicht leide. Was die etwas anderen Schauplätze der deutschen Profiligen liebenswert und manchmal auch glaubwürdig macht, ist nicht zuerst der Reiz des überschaubaren bis altmodischen Ambiente, es sind die Botschaften der handelnden Personen, die – heißen sie Volker Finke, Jürgen Klopp oder Jörg Schmadtke – aus der David-Perspektive mit einem Bekenntnis zu den Grundwerten des Fußballsports verbunden sind. Je kleiner der Klub, je größer die Originalität – das paßt nicht selten wie von selbst, da mit Phantasie kurzzeitig fehlendes Geld ersetzt werden kann.“
Charakterfußball
Sehr schön! Andreas Platthaus (FAZ/Medien) stinkt bei der TV-Übertragung die selektive Wahrnehmung des Kommentators in Bezug auf den Gesang der Aachener Fans: „Markus Höhner bewunderte ausgiebig: ‚So macht die Riesenaufstiegsparty wirklich Spaß.‘ Doch plötzlich – etwas mehr als eine Stunde des Spiels war vorbei – verschloß Höhner seine Ohren. Denn die Zuschauer stimmten gutgelaunt ein neues Lied an: ‚Montagabends spielt der FC Köln.‘ Jeden Montag überträgt das DSF das sogenannte ‚Topspiel‘ der zweiten Liga, doch bei den Fans ist dieser Termin zum Inbegriff der Zweitklassigkeit geworden. So richtete sich der Spott des Tivoli-Publikums nicht nur gegen den abstiegsbedrohten Erstligaklub aus der Nachbarstadt, sondern auch gegen den übertragenden Sender. Höhner schwieg. Das mag man mit der professionellen Taubheit eines Kommentators begründen, der bereits den ganzen Abend am Mythos Alemannia gearbeitet hatte und sich selbst die Riesenaufstiegsparty nicht verderben lassen wollte. Doch die Sangesfreude am Tivoli steigerte sich noch, und die Zuschauer belegten nacheinander Borussia Mönchengladbach, Bayern München und Schalke 04 mit Fäkalbeschimpfungen, bevor sie sich schließlich des Schiedsrichters annahmen, der einen Aachener Spieler des Feldes verwiesen hatte: ‚Hängt ihn auf, die schwarze Sau!‘ Höhner schwieg. Er wartete ab, bis der wohlartikulierte Ausbruch der erregten Menschenmasse wieder aufstiegstrunkener Freude Platz gemachte hatte, um dann festzustellen: ‚Wem das heute keinen Spaß gemacht hat, dem kann ich auch nicht mehr helfen.‘ Hilflos mußten wir uns eingestehen: Als wir noch selbst am Tivoli gestanden haben, hat man unter Spaß etwas anderes verstanden. Charakterfußball fängt auf den Rängen an. Und in der Kommentatorenkabine.“ Nach dem Spiel wollte Höhner den Fans noch politische Korrektheit ins Stammbuch schreiben: Schmähgesänge auf andere Vereine, das müsse doch nicht sein. Diese Fernsehtypen werden Fußballfans nie verstehen, deswegen sind ihre Würdigungen auch nicht viel wert.
sueddeutsche.de: Die Mannschaft mal spielt, als ob sie den Fußball erfunden hat – und mal, als ob sie vergessen habe, was ein Ball und 22 Männer auf grünem Rasen eigentlich tun sollen
NZZ: Alemannia Aachen und dem VfL Bochum gelingt der Sprung in die Bundesliga
Tsp: Wie der VfL Bochum wieder nach oben kam
FR: Marcel Kollers Genugtuung – der Trainer aus der Schweiz führt den VfL Bochum wieder in die Bundesliga
BLZ: Rassistische Übergriffe im ostdeutschen Fußball könnten künftig sogar mit Zwangsabstiegen bestraft werden
Tsp: Rassistische Ausfälle werden seit dem 1. April auch in den unteren Fußballligen hart bestraft, viele Vereine geben sich unbeeindruckt
SZ: Junge Männer, die zuschlagen, bis keiner mehr steht: So sieht es aus in der Hooligan-Szene im Angesicht der Weltmeisterschaft; von ‚der Welt zu Gast bei Freunden‘ kann keine Rede mehr sein
WM 2006
Der falsche Richter
Robert Ide (Tsp) kontert die Kritik der Fifa am Ticketing des WM-OKs: „Wegen der Angst vor Terror und Hooligans gibt es erstmals personengebundene Karten, vor den Stadien sind Ausweiskontrollen geplant. Aus Furcht vor dem Schwarzhandel streitet sich das OK sogar vor Gericht mit einem Fan, der das Ticket eines anderen Fans im Internet kaufen will. All das mag kritikwürdig sein – die Frage ist nur, ob sich mit der Fifa der richtige Richter aufspielt. Schließlich stimmt sie in einer extra eingerichteten Ticketkommission alle Regelungen mit den deutschen Organisatoren ab. Insofern hat Franz Beckenbauer mit seiner jetzigen Kritik an der Kritik Recht: Die Fifa bemängelt Dinge, die sie selbst mitbeschlossen hat. Bei der WM 2010 in Südafrika will der Weltverband den Ticketverkauf wieder allein regeln. Beim Turnier 2002 in Asien hat die Fifa das auch getan. Damals blieben in den Stadien viele Plätze frei – die von der Fifa beauftragte Agentur hatte die Karten zu spät gedruckt.“
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