indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 31. Januar 2006

Bundesliga

1. FC Kaiserslautern–Schalke 04 0:2

Richtiger Ton

Hartmut Scherzer (FAZ) deutet die Aussagen der Trainer nach dem Spiel und fasst sie unter dem Titel „ein Fisch namens Slomka und ein heulender Wolf“ zusammen: „‚Alles wird nur gegen uns gepfiffen.’ Die Aussage Wolfs bezog sich auf Schiedsrichter Peter Sippel, der das Handspiel Ebbe Sands vor dem 1:0 hatte durchgehen lassen. Dem neuen Kollegen Mirko Slomka half diese Szene, aber auch ein schwacher Gegner, zum siegreichen Einstand. Der überraschend zum Cheftrainer beförderte frühere Assistent Ralf Rangnicks sammelte neben erster Anerkennung sicher auch Sympathiepunkte, als er vor laufender Kamera den Ärger Wolfs nachvollziehen konnte. Der mit Skepsis betrachtete Nachfolger solcher Trainer-Koryphäen wie Huub Stevens und Jupp Heynckes wertete den Erfolg dennoch als eine ‚Supergeschichte’. Nun kann Slomka das Stigma des Platzhalters für einen Prominenten nach der laufenden Saison schnell loswerden, gemäß dem Anliegen Rudi Assauers: ‚Er ist wie ein Fischlein ins kalte Wasser geworfen worden. Nun laßt ihn doch mal arbeiten bis zum Saisonende.’ Die Arbeit des Außenseiters könnte ja die Schalker Ambitionen auf einen Platz für die Champions League durchaus noch erfüllen. Ein vielversprechender Anfang des mutigen Experiments ist jedenfalls gemacht.“ Auch Frank Hellmann (FR) achtet auf den neuen Schalker Trainer: „Slomka ist nicht nur ein netter Herr mit guten Manieren, sondern auch einer, der beim ersten Mal als Alleinverantwortlicher schwer erziehbarer Fußballprofis offenbar den richtigen Ton getroffen hat.“ Tobias Schächter (SZ) interpretiert Wolfs Schiedsrichterschelte: „Wolfs Strategie, den FCK in die Rolle des Benachteiligten zu stellen, um ihn im Kampf gegen den Abstieg in Solidarität zu einen, ist nur folgerichtig. Allein die Leistung gegen schwache Schalker gab keinerlei Anlass, den Glauben an den Klassenerhalt zu stärken.“

Arminia Bielefeld–Werder Bremen 0:1

Gefestigt in der Wahl der Worte

Richard Leipold (FAZ) legt den Bremer Sieg aus: „Die Bremer können den Anspruch ableiten, im Interesse der Liga den Bayern Konkurrenz zu machen, soweit es bei acht Punkten Rückstand noch möglich ist. Das einzige, was Werder im Kampf gegen die Langeweile Mut machen dürfte, ist vorerst die Erkenntnis, eine Partie wie diese ohne Glanz und Gloria, ja ohne Leidenschaft gewinnen zu können. Hierin ähnelte der Bremer Gegenentwurf ausnahmsweise dem Schema der Bayern, denen es an schlechten Tagen nicht fremd ist, ihre Widersacher, mögen sie noch so tapfer sein, mit geringem Aufwand in die Schranken zu weisen. Ob diese Ähnlichkeit rein zufällig ist? (…) So holprig ihre Taten auf dem Fußballplatz anmuteten, so gefestigt zeigten sich die Bremer bei der Wahl ihrer Worte. ‚Viele fürchten einen Alleingang der Bayern’ sagt Klaus Allofs, ‚aber manchmal wird eben auch Bremen Meister.’“

FR: Thomas von Heesen will Arminia Bielefeld trotz beschränkter Möglichkeiten vom Fahrstuhlteam zum festen Teil der Bundesliga entwickeln

Das interessanteste Projekt, das die Bundesliga derzeit zu bieten hat

Ein Loblied auf Bert van Marwijk – Michael Wulzinger (Spiegel): „Noch vor anderthalb Jahren galt das Team der Borussen selbst bei den eigenen Anhängern als eine Ansammlung von ‚Scheiß-Millionären’ und Spezialisten im Abzocken, die sich, befeuert von den enthemmten Vereinsbossen Gerd Niebaum und Michael Meier, die Taschen vollstopfen konnten. Niemals zuvor waren Habgier, Größenwahn und Dilettantismus in der Branche eine derart monströse Allianz eingegangen. Doch nun steht Dortmund als Beleg dafür, wie schnelllebig das Geschäft mit dem Ball ist – und wie rasch sich Krisen- und Untergangsszenarien in der Gefühlswelt der Bundesliga zu Erfolgsgeschichten wandeln. Eben weil die börsennotierte Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA trotz aller Fortschritte bei der Sanierung noch jahrelang an strikte finanzielle Auflagen durch ihre Gläubiger gebunden sein wird, erstrahlt van Marwijks Wirken in einem noch grelleren Licht: Es ist das interessanteste Projekt, das die Bundesliga derzeit zu bieten hat. Denn keine Mannschaft ist jünger als die des BVB; keine Mannschaft hat mehr Talente aus dem eigenen Nachwuchs übernommen; und keine Mannschaft bietet ihren Fans mit den Biografien ihrer Youngster derart pralle Identifikationsmöglichkeiten. (…) Zuletzt war es der VfB Stuttgart unter Felix Magath, der den Nachweis erbrachte, dass Vereine trotz ärgster finanzieller Sorgen durchaus zu Großem fähig sind. Auch bei den Schwaben herrschte damals die pure Not, die Magath mit seinen vielgepriesenen ‚jungen Wilden’ wie Timo Hildebrand, Kevin Kuranyi, Philipp Lahm, Andreas Hinkel oder Aliaksandr Hleb geschickt kompensierte. Mehr noch: Alle wurden Nationalspieler. Der Coach aus Holland scheint auf einem ähnlichen Weg. Wie Magath hat er sich mit konsequent vertretenen Entscheidungen bei den Spielern Respekt verschafft; wie Magath geht er mit seiner Mannschaft in jeder Übungseinheit an das Limit; wie Magath beobachtet und entschlüsselt er auch die versteckten Botschaften und Gesten in der Kabine; und wie Magath gehört van Marwijk zu den Trainern, die ihre taktischen Vorstellungen klar definiert haben.“

NZZ: Mönchengladbachs langer Weg zurück

Montag, 30. Januar 2006

Internationaler Fußball

Großes Theater

Köstlich! Christian Eichler (FAS) beschreibt das Drumherum beim Afrika-Cup: „Ein großes Theater. Dieses Theater macht vor allem das Publikum. Ein paar hundert Fans hat jedes Land dabei, die Anführer oft vom Verband bezahlt. Sie tun was fürs Geld: mit Pauken und Trompeten, Masken und Mode. Die leuchtendsten Farben der Welt. Etwa Guinea, das Ampel-Team: Rot, Gelb, Grün. Oder Angola in den Farben der großen Koalition. Sattgrün die Opposition der Nigerianer, deren Blaskapelle stets dieselben zwei Motive variiert – nimmermüde, pro Spiel an die tausendmal. Gegenüber den Fans die andere Seite Afrikas: die Ehrentribüne mit Militärs und Potentaten, die von fern an Idi Amin erinnern. Damit die Kurven dazwischen nicht so leer sind, karrt man Rekruten als Staffage herbei, in bunten Overalls und mit Marschbefehl für La Ola. Auch die Journalisten werden per Bus hinchauffiert, doch leider fand der Fahrer aus Kairo das Stadion in Alexandria nicht. Von Port Said wiederum, wo hinter der Tribüne ein Leuchttürmchen zum Suez-Kanal funzelt, als wär’s eine Lummerland-Kulisse in der Puppenkiste, fuhr der Bus so früh zurück, daß einige Journalisten vergessen wurden. Wo sie blieben, darüber gibt es wilde Geschichten. Ebenso zeigt die technische Ausstattung ein gewisses Gefälle. Verletzte in Kairo werden im Elektrowagen vom Platz gerollt. In Port Said kommt eine Art Sackkarre, die in Heimwerkerarbeit mit Stoff bezogen wurde. Selbst die Trainer tragen zum bunten Bild bei, zur Freak-Show Afrika-Cup – wohl weil sie wissen, daß es ihr erster und letzter Auftritt sein könnte. Die durchschnittliche Haltbarkeit eines afrikanischen Trainers liegt kaum über der eines Tetrapacks H-Milch. Da will man wenigstens bemerkt werden. Angolas Trainer Luis Oliveira Goncalves trägt Glatze und einen silbernglänzenden Zweireiher, wie man ihn seit TV-Detektiv Kojak nicht mehr sah. Guineas Trainer Patrice Neveu schwenkt eine ganze Batterie von dicken Ringen und bunten Armreifen. Südafrikas Trainer Ted Dumitru, der den Job nach zwei Monaten und zwei Niederlagen bald wieder los sein wird, wirkt mit Popstarbrille und grüner Kappe wie der Großonkel von U2-Sänger Bono.“

Christoph Biermann (SZ) notiert den Sturz Südafrikas: „Auf dem langen Abstieg der einst so aussichtsreichen Fußballnation ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. 1996 hatte Südafrika im eigenen Land noch den Gewinn der Afrikameisterschaft gefeiert, dem vier Jahre nach dem Ende der Apartheid auch besondere symbolische Bedeutung zukam. Für die neue Regenbogennation siegte eine Mannschaft aus weißen und schwarzen Spielern, die dem Land zeigte, was gemeinsam möglich sein kann. Zwei Jahre später in Burkina Faso erreichte das Team das Finale, unterlag dort jedoch Ägypten. 2000 in Nigeria wurde Südafrika Dritter, doch danach ging es abwärts. 2002 in Mali schied Bafana Bafana – so lautet das Synonym der Elf – schmucklos im Viertelfinale aus und 2004 in Tunesien bereits in der Vorrunde. Damals gewann man zumindest vier Punkte, was in Ägypten nun auch unterboten wird. Auch aus dem Weltfußball hat sich Südafrika verabschiedet.“ Beim 3:1 gegen die Elfenbeinküste bemerkt Eichler (FAZ) das Streben Ägyptens: „Viele Experten hatten ein müdes Unentschieden erwartet, eine Art Nichtangriffspakt nach Art von Gijon 1982. Denn beiden wäre mit einem Remis gedient gewesen. Doch angetrieben von 74.000 lauten Landsleuten im ausverkauften International Stadium, spielten die Ägypter von Beginn an nur auf Sieg. Ägypten hat einiges gutzumachen. Geschichte hat das Land der Pharaonen und der Pyramiden mehr als jedes andere, mit der Gegenwart sieht es schlechter aus – das läßt sich auch auf den Fußball übertragen, zumindest im Vergleich mit den anderen Afrikanern. Schon 1934 waren sie bei einer WM dabei und dominierten früh den seit 1957 ausgespielten Afrika-Cup, den sie viermal gewannen. Doch längst sind sie von Ländern wie Kamerun, Nigeria, sogar Tunesien überholt. Bei einer WM konnte Ägypten noch nie etwas bewegen, für die WM 2006 scheiterte man durch zwei Niederlagen gegen die Elfenbeinküste. Noch schmerzlicher aber war eine andere Niederlage, die gegen Südafrika in der Bewerbung um die WM-Austragung 2010. Nun bleibt die kleine Genugtuung, die Südafrikaner wenigstens sportlich zu distanzieren.“

Tsp: Chaos im türkischen Fußball: Die Regierung will den wiedergewählten Verbandspräsidenten stürzen

WamS-Interview mit Real Madrids Vizepräsident Emilio Butrageño: „Real Madrid ist schon immer größer gewesen als alle, die für ihn gearbeitet haben“

Ball und Buchstabe

Sport-Bild-Niveau

Markus Ehrenberg (Tsp/Medien) ist enttäuscht von Katrin Müller-Hohensteins erster Sendung: „Kein Geschlechterkampf im Wohnzimmer, kein Fremdeln. Höchstens bei diesen unglaublich platten Interviews, nicht nur, aber vor allem im Sportstudio. Trotz diverser Ankündigungen, substanzieller zu werden, tut sich da nichts. Der Sportmoderator als ewiger Conférencier. Oberste Interview-Devise: bloß nicht belästigen. Müller-Hohensteins Peitschen-Frage ‚Ab wann beginnt die Vorfreude auf die Fußball-WM?’ hätte auch von SteinbrecherKernerPoschmann kommen können. Sogar von Lierhaus. Das ist Sport-Bild-Niveau.“ Dagegen lobt René Martens (SZ/Medien): „In Interviews zeigte die Antenne-Bayern-Mitarbeiterin ‚kmh’ ihre Stärken, entlockte den Studiogästen aus der Fußballbranche aussagekräftige Statements.“

Bundesliga

Wir sind eine Elite im Sport, da sind Werte gefragt

1. FC Nürnberg–Hamburger SV 2:1

Ein zweites Bremen – nur größer und wirtschaftlich potenter

Roland Zorn (FAZ) glaubt an, na ja, nicht unbedingt an den Weihnachtsmann, aber nach wie vor an eine spannende Saison: „Nach dem ersten Erfolg der Münchner Serienmeister im zweiten Teil der Spielzeit und der ersten Auswärtsniederlage des HSV sogleich das Finale aller Hoffnungen auszurufen, den Titelverteidiger doch noch einzuholen, bedeutete Kapitulation. Und Kapitulationen vernichten auch den Rest eines Wettbewerbs, der dem Publikum Freude machen soll. Daß der FC Bayern die besten Spieler, die beste Mannschaft, den besten Manager, vielleicht auch den besten Trainer hat – akzeptiert. Deswegen verbieten sich trotzdem Demut, Resignation, Selbstaufgabe.“ Jörg Marwedel (SZ) beruhigt die Verlierer: „Der Aufbruchstimmung wird der Rückschlag von Nürnberg wenig anhaben können. Zu groß ist der Boom um den HSV, zu ausgehungert sind die Fans nach zwei Jahrzehnten Mittelmaß. Zu stabil erscheint das Fundament, das Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer in nur drei Jahren gelegt haben mit dem Ziel, ein zweites Bremen zu werden – nur größer und wirtschaftlich potenter. Ihre Politik ist nicht ohne Risiko. Die namhaften Zugänge werden die zuletzt prächtig funktionierende Mannschaft einem Schütteltest unterziehen; interne Turbulenzen sind nicht auszuschließen. Die Metamorphose von der grauen Maus zum Tiger ist manchmal schmerzhaft wie eine Geburt. Und sie ist ein Drahtseilakt für einen Klub, der laut Bilanz mit mehr als zwanzig Millionen Euro überschuldet ist (wegen der teuren Finanzierung der neuen Arena). Andererseits kommt man, anders als etwa Schalke, ohne Anleihen beim Londoner Großinvestor Stephen Schächter aus. Man nutzt den Rückenwind des Booms und die außerplanmäßigen Millionen, die der Siegeszug im Uefa-Cup in die Kasse spülte. Vor allem aber profitiert der HSV vom Aufbau eines der besten Sichtungssysteme der Liga und von einem klaren Konzept, das auch hochkarätige Profis überzeugt.“

Christof Kneer (SZ) schildert die neue Aufgabe der Hamburger Führung: „Thomas Doll muss plötzlich Grausamkeiten im eigenen Kader moderieren, und nach draußen muss er, erst recht nach dem Transferhype um Ailton und de Jong, Erwartungen schultern, die er für weit überzogen hält. ‚Im falschen Film’ wähnte sich Doll zwar angesichts einer uninspirierten Vorstellung seiner zuletzt so beseelten Elf, aber vermutlich ist das nicht die Wahrheit. Es ist derselbe Film, es ist nur die nächste Staffel. Es ist die Staffel, in der Luxus zum Problem werden kann. Auch für Doll, den Trainerhelden der letzten Monate, ist eine entscheidende Phase angebrochen. Er muss jetzt üben, wie es ist, ein Bayern-Jäger zu sein. In Nürnberg hat man herrlich erkennen können, was dieser HSV schon kann und was nicht. Er kann trotz der Ausfälle von van der Vaart, Barbarez, Atouba und Demel eine nette erste Hälfte spielen, weil sich im Team eine wohlige Spielkultur verselbständigt hat. Einen gepflegten Ball haben sie ja lange entbehren müssen beim HSV, vielleicht geben sie ihn deswegen nicht mehr gerne her. Die Nachricht dieses Spiels ist, dass der HSV inzwischen einen Luxuskader beschäftigt, dass er anders als die Bayern aber die entscheidenden Spieler doch nicht ersetzen kann.“ Jan Christian Müller (FR) rügt den Trainer: „Dass es ein Fehler des zuvor 16 Monate lang nahezu fehlerfrei agierenden Doll war, de Jong nach nur zwei Trainingseinheiten bereits dem etablierten Raphael Wicky vorzuziehen, steht außer Frage. Noch im Trainingslager hatte Doll dem in der Vorrunde stark aufspielenden Schweizer Nationalspieler attestiert, er gehöre zu den vier Leithammeln im Kader. Mit seiner ohne Not getroffenen Entscheidung für de Jong und gegen Wicky hat Doll sich nun unglaubwürdig gemacht und eine gewachsene Kader-Hierarchie empfindlich gestört.“

Leidenschaft und Siegeswillen

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) lenkt den Blick auf den Sieger: „Ein Team stemmte sich mit Leidenschaft und Siegeswillen gegen die Unbill des Tages. Dagegen spulte der HSV sein Pensum in einem Stil ab, als würde es nach der gefälligen ersten Halbzeit schon klappen. (…) ‚Nürnberg ohne AEG ist wie Fußball ohne Fans’, lautete ein Spruchband. Nürnberg ohne Mintal und Kießling ist wie Fußball ohne Tore, ist die Zukunftsvision desillusionierter fränkischer Fußballfreunde. Mintal wird wieder eine monatelange Zwangspause einlegen müssen, und Stefan Kießling macht nur noch Abschiedsspiele, der Mittelfranke verläßt seine Heimat gen Leverkusen. Mit ihm wird die Region wieder ein bißchen ärmer. Aber in 90 Minuten haben die armen Nürnberger den Hamburgern zeigen können, daß Geld keine Tore schießt.“ Kneer (SZ) staunt über Hans Meyer: „Man darf es erstaunlich finden, was Meyer in der Kürze der Zeit aus dieser Mannschaft gemacht hat. Seine Vorliebe für offensiven, klar strukturierten Sport hat vor allem Spielern gut getan, die sich nicht auf ihre individuellen Qualitäten verlassen können, und davon gibt es viele beim Club.“

Borussia Mönchengladbach–Bayern München 1:3

Formsache

Michael Kölmel (BLZ) verortet starken Zusammenhalt in München: „Wenn nicht alles täuscht, gehen die Bayern stärker denn je aus dem Wochenende hervor. Nicht nur, weil ihr gefährlichster Mann wieder trifft, nicht nur, weil ihr Vorsprung nun noch größer ist – sondern auch, weil Magath im Fall Makaay Stärke bewiesen hat. Er hat ihm in der Krise Zeit geschenkt und ihm keinen anderen Stil aufgenötigt. Makaay hat nun nicht plötzlich brachial gespielt, sondern das Spielgerät so lässig wie immer versenkt. Ein böses Zeichen für die Liga. Die 20. Meisterschaft ist für die Bayern längst nur noch Formsache.“ Andreas Burkert (SZ) schwant Münchner Dominanz: „So souverän und selbstsicher und frei von Zweifeln hat man den FC Bayern schon Jahre nicht mehr erlebt wie in dieser ersten Dienstwoche 2006, in welcher er sich gegen Mainz erst ins Cup-Halbfinale gekämpft hat, um drei Tage später mit einem glanzvollen Vortrag bei der Borussia dem Publikum die letzten Illusionen einer offenen Konkurrenz zu nehmen. Und so werden die so genannten Verfolger der Bayern wohl bis Mai mit einem neuen Wettbewerb vorlieb nehmen müssen, für den die DFL noch rasch eine Trophäe ausloben sollte. Denn mehr als die Auszeichnung zum ‚Besten vom Rest’ ist kaum noch drin, wie Uli Hoeneß ziemlich herzlos anmerkt.“

FSV Mainz–1. FC Köln 4:2

Kölner Depression

Christoph Biermann (SZ) staunt über die Mainzer: „Obwohl Mainz oft noch als niedlicher Außenseiter gesehen wird, gehört die Elf derzeit zu den spielstärksten der Liga. Die Kölner Depression wird das vermutlich wenig relativieren.“ Wie kann sich Köln retten, Ralf Weitbrecht (FAZ)? „Vielleicht so, wie es die Mainzer getan haben. Mit Willen, mit Einsatz, mit Laufbereitschaft und mit Kampf. Gewiß, das Bemühen der Kölner, das dringend benötigte Erfolgserlebnis zu erzielen, war ansatzweise erkennbar, aber eben nur ansatzweise. Hanspeter Latour stellte sich schützend vor seine gerade in der Defensive schwächelnde Mannschaft und versprach, ‚daß ich doch jetzt nicht zu den Spielern gehe und sage, ihr habt zuwenig gekämpft’. Vielleicht aber sollte er es angesichts der prekären Tabellensituation doch tun – und sich dabei an seinen Urahnen Victor Nicolas DeFay Latour-Mauboug erinnern. Der Mann war Brigadegeneral der Kavallerie unter Napoleon, hat bei Austerlitz gesiegt und auch das Debakel von Waterloo überlebt.“ Biermann (SZ) beschreibt die Kölner Abwehr: „Es war ein Grauen.“

VfB Stuttgart–MSV Duisburg 0:1

Ein Mal waren sie da

Süße Rache – Philipp Selldorf (SZ) befasst sich mit der Rückkehr zweier, die man weggeschickt hat: „Wahrscheinlich wäre es ein Irrtum, Kohler besondere Genugtuung zu unterstellen, dass sein Premierenerfolg just an diesem Ort glückte. Vor anderthalb Jahren war der VfB drauf und dran gewesen, Kohler als Nachfolger für Felix Magath zu engagieren, und angeblich hat damals der FC Bayern sein schlechtes Gewissen wegen des Trainerraubs dadurch erleichtert, dass er dem fußballerisch noch unerfahrenen VfB-Präsidenten Erwin Staudt dringend davon abriet, Kohler zu verpflichten. Jedenfalls wählte Staudt schließlich Matthias Sammer aus, und überliefert ist folgende Äußerung: ‚Ich danke jeden Abend in meinem Nachtgebet, dass Sammer bei uns auf der Bank sitzt und nicht Kohler.’ Jetzt musste der VfB gleich doppelt büßen, denn das Siegtor erzielte ein 20-Jähriger namens Marco Caligiuri, ein schwäbischer Deutsch-Italiener, der zuvor fünf Jahre in den Nachwuchsteams des VfB gekickt und bei den Profis trainiert hat und nun als Leihgabe in Duisburg ist. (…) Nächste Woche tritt der VfB in Köln an, und dort spielen – oh weh! – die Stuttgarter Leihgaben Streller und Zivkovic.“ Der Schüler schlägt den Meister – Oliver Trust (FAZ): „Stuttgart hat freudvollere Sieger erlebt als diesen Trainerneuling, der befürchtete, durch lautstarken Jubel seinem ehemaligen Mentor noch mehr zu schaden. Es mag Trapattoni in mancher Szene während der bescheidenen neunzig Minuten leidvoll aufgegangen sein, wie gut Kohler bei seinen Lehrstunden zugehört haben muß. Duisburg konterte zuweilen, mehr sporadisch als geplant, verwendete die meiste Energie darauf, die Außenbahnen zu verrammeln und mit zehn Mann der Verteidigung des eigenen Territoriums zu frönen. Nur dies eine Mal aber waren sie da.“

Borussia Dortmund–VfL Wolfsburg 3:2

Teamgeist, eine in Wolfsburg seltene Erscheinung

Markus Bark (taz) spottet über Wolfsburger Übermut: „Die Dimensionen beim VfL Wolfsburg sind ein wenig anders als bei den anderen Bundesligisten. Als Stefan Effenberg vor ein paar Jahren in Bielefeld sein erstes Spiel für den Werksverein machte, erzählte ein aufgeregter Lokalreporter, dass montags in seiner Zeitung ein Foto zu sehen war mit zehn Leuten, die schon das Effe-Trikot gekauft und es im Stadion getragen hätten. Der Spott der Kollegen war dem Reporter sicher. In Dortmund haben sie auch gelacht, als bekannt wurde, dass so viele Wolfsburger Fans mit zum Spiel bei der Borussia kommen wie noch nie: 800. Außerhalb Wolfsburgs sorgt diese Zahl eher für Kopfschütteln, aber Rekord ist Rekord. Es gab also Gründe, daran zu glauben, wovon sie beim VfL erzählten. Es gebe eine Aufbruchstimmung, hieß es. In der Mannschaft wurde von einigen Beobachtern sogar Teamgeist ausgemacht, eine in Wolfsburg höchst seltene Erscheinung. Da Aufbruchstimmung und Niederlagen ganz schlecht korrespondieren, war dieser Effekt nach dem 2:3 schon wieder verpufft.“

Bayer Leverkusen–Eintracht Frankfurt 2:1

Jungenhaft, freundlich

Gregor Derichs (FAZ) registriert Wut bei Leverkusens Trainer: „Es war die Angst vor einem Fehlstart in die Rückrunde, die Michael Skibbe aus der Haut fahren ließ. Daß er eine umfassende Kompetenz als Trainer besitzt, ist weitgehend unbestritten. Doch gelegentlich wird angezweifelt, ob Skibbe mit seiner jungenhaften, freundlichen Art nicht zu nachsichtig sei, das chronisch zu einer lässigen Arbeitseinstellung neigende Team von Bayer 04 Leverkusen zu führen. Als die eigenen Fans auf den Halbzeitstand mit einem Pfeifkonzert reagierten, kehrte Skibbe seine autoritäre Seite hervor. ‚Ich bin sehr laut geworden, ich habe geschrien’, beschrieb er seinen Kabinenauftritt, der die Wende einleitete.“ Ulrich Hartmann (SZ) leidet mit Frankfurt: „Zum Erfolg gelangten sie allerdings nur durch einen glücklich abgefälschten Fernschuss sowie durch ein derart zweifelhaftes Elfmeterfoul, dass sich Friedhelm Funkel später vor lauter Gram und der Angst vor pekuniären Sanktionen die Schiedsrichterschelte unter großen Mühen verkniff.“

Hertha BSC Berlin–Hannover 96 1:1

Erbärmliches Bild

Ronny Blaschke (SZ) skizziert Berliner Pädagogik: „Dieter Hoeneß klang wie ein Familientherapeut. Der Manager hielt einen Kurzvortrag, der mit folgendem Seminartitel hätte versehen werden können: ‚Wie führe ich Personen zueinander, die nicht zueinander passen wollen?’ Der studierte Pädagoge sprach von ‚wichtiger Kommunikation’, der ‚Bereitschaft zum Lernen’ und einem ‚unverzichtbaren Sinn für die Gemeinschaft’. Die Rede war von 26 Berliner Berufsfußballern, denen der Teamgeist abhanden gekommen zu sein scheint. Tag für Tag wurde während der Winterpause in den Berliner Medien über den Charakter der Hertha-Profis diskutiert. Von den letzten sechs Bundesligaspielen gewannen die Berliner nur eines, beim Regionalligisten St. Pauli schieden sie kläglich aus dem Pokal aus. In der Winter-Vorbereitung blamierten sie sich gegen Offenbach und Nürnberg. Der Trend zeigt eindeutig nach unten. (…) Abgesehen davon, dass Marcelinho ab und an die Haare färbt, trottet Hertha geräuschlos durch die Liga.“ Andreas Rüttenauer (taz) klagt: „Bisweilen erinnerte das Gebaren der Berliner an eine ungehobelte Pausenhofgang mit Hobby Rudelbildung. Ständig wurde Schiedsrichter Wolfgang Stark belagert. Kam wieder einmal ein Pass nicht an, meckerten meist zwei Spieler: der Fehlpassgeber und derjenige, der nicht an den Ball gekommen ist. Kurzum: Es war ein erbärmliches Bild, das die Berliner abgaben.“ Michael Jahn (BLZ) winkt ab: „Hertha bleibt Hertha. Ein sportlicher Aufbruch samt Stimmungsumschwung nach dem viel diskutierten Aus im DFB-Pokal ist nicht gelungen. Der Klub verharrt im Mittelmaß.“

Wir sind eine Elite im Sport, da sind Werte gefragt

Dieter Hoeneß im SZ-Interview über seine Erziehungsmaßnahmen: „Wichtig ist, dass wir nicht generalisieren. Tatsache aber ist, dass viele unserer Talente aus Gegenden kommen, wo es auf der Straße rauer zugeht. Ich bin ja froh, dass wir Spieler haben, die eine gesunde Aggressivität mitbringen, Temperament im Zweikampf, eine Winner-Mentalität, die man nicht lernen kann, die man keinem Spieler beibringen kann. Und ich glaube, dass man eine gesunde Aggressivität kanalisieren kann. Sido habe ich nur als Synonym genannt: Für eine bestimmte Form der Artikulation, der Körpersprache. Aber der spielt keine Rolle, über den unterhalten wir uns hier nicht. Wir machen nicht Musik, wir sind eine Elite im Sport, da sind Werte gefragt.“

Bildstrecke 18. Spieltag, sueddeutsche.de

Samstag, 28. Januar 2006

Internationaler Fußball

Leidenschaften schon, aber die falschen

Die Qualität beim Afrika-Cup hat in allen Bereichen zugenommen: disziplinarisch, taktisch – Probleme bleiben dennoch, (Geheim-)Favorit Tunesien, Englands Trainer Eriksson ist zu oft ohnmächtig (mehr …)

DFB-Pokal

FC St. Pauli–Werder Bremen 3:1

Sachzwänge

Andreas Burkert (SZ) kann die Aufregung der Bremer über den Schnee und das Eis auf dem Spielfeld verstehen: „Der Profifußball dieser Epoche spielt auf Plätzen, die sieben Tage die Woche von so genannten Greenkeepern gepflegt und gestreichelt werden; die Wettkämpfe finden quasi unter Laborbedingungen statt, und die heutigen Darsteller sind mit enormer Geschwindigkeit und Athletik unterwegs. Dem Spiel mag ein weiteres Stück Romantik abhanden kommen, doch alpines Ambiente wie jenes vom Millerntor ist schlichtweg abzulehnen, weil es das Verletzungsrisiko potenziert.“ Patrick Krull (Welt) fragt nach der Verantwortung: „Wer trägt die Verantwortung dafür? Der junge Schiedsrichter Brych steht im Mittelpunkt. Doch er ist nur Opfer des Drucks von außen. Die Vermutung liegt nahe, daß ohne Live-Übertragung des Fernsehens diese Partie wohl verlegt worden wäre. Doch Sponsoren und Millionen Zuschauer in deutschen Wohnzimmern sollten nicht enttäuscht werden.“

Michael Horeni (FAZ) nimmt’s, wie’s kommt: „Das ist der Preis, der im Millionenspiel um den Fußball kalkuliert ist, wenn ein ausverkauftes Stadion und eine Live-Übertragung Sachzwänge schaffen, über die aber – zumal im Fernsehen – niemand reden mag. Der eiskalte Abend mit dem Sensationssieger im Schneegestöber illustrierte zudem auch eine die Bundesliga in der Winterpause prägende und spaltende Geldverteilungsdiskussion zwischen Heribert Bruchhagen und seinem empfindlich getroffenen Gegenspieler Karl-Heinz Rummenigge auf ganz eigene Weise: Erst unter weitgehend irregulären äußeren Bedingungen war mal wieder eine große Überraschung in der Fußball-Klassengesellschaft möglich. (…) Doch ungeachtet des immer stärker ausdifferenzierten Kastensystems der Bundesliga mit den Unantastbaren des FC Bayern an der Spitze gab schon das Bremer Vorspiel einen Vorgeschmack auf die Lebendigkeit, die weiter im deutschen Fußball steckt. All die Schlagzeilen und Diskussionen um die Sicherheit in den WM-Stadien oder die WM-Gala, die den strengen Fußballwinter beherrschten, werden an Kraft verlieren, wenn der Fußball nun auf die Zielgerade zur Weltmeisterschaft rollt.“

FAZ: St. Pauli – der ganz normale Mythos
Corny Littmann im Welt-Interview: „So untreu wie ich meinem Sexualpartner manchmal bin, so treu bin ich dem FC St. Pauli“

Bayern München–FSV Mainz 3:2 n.V.

Hochgradig stolz

Klaus Hoeltzenbein (SZ) beschreibt den Vorsprung der Bayern gegenüber der Konkurrenz: „Der Gegner mag, wie die Mainzer, die weitaus bessere Idee ins Spiel mitbringen, auf Dauer aber setzen sich Kondition und Wucht der Bayern durch. Keine andere deutsche Mannschaft ist momentan in der Lage, selbst gröbste taktische Irrtümer durch Personalwechsel von der Bank aus korrigieren zu lassen. Erst Strandbadfußball, dann, den Verhältnissen angepasst, ein klassisches Kick-and-rush – für solch radikale Rhythmuswechsel haben die Bayern die passenden Profis. (…) Die Bayern hoffen weiterhin darauf, dass Makaay im Champions-League-Frühling Blüten wirft wie eine Tulpenzwiebel.“ Philipp Selldorf (SZ) lobt die Mainzer: „So arg hat in der Münchner Arena noch kein Team die Bayern in Not versetzt. Jürgen Klopp versucht zwar glaubhaft zu machen, dass die gesamte FSV-Abordnung ‚hochgradig enttäuscht’ sei. Das nahm ihm aber niemand ab. In Wirklichkeit war er hochgradig stolz auf den couragierten Auftritt seiner Elf vor Millionen TV-Zuschauern.“

NZZ: Nicht der Fussball, sondern dessen Bedingungen prägen die Diskussionen zum Start der Rückrunde

Welt-Interview mit Matthias Sammer

Ascheplatz

Den Dachverbänden die Zähne zeigen

Uli Hoeneß im FAZ-Interview über die Verteilung des Fernsehgelds, die Stiftung Warentest und die Fifa: „Es gibt eine Reihe von Klubs in der Liga, die vor Jahren mit ihren großen Stadien vergleichbare Möglichkeiten hatten wie wir. Wir haben nur mehr daraus gemacht. Und deswegen empfinde ich es als ungerecht, daß uns vorgeworfen wird, wir hätten zu viel Geld. Wir streiten bei der Suche nach dem neuen Verteilerschlüssel ja auch nicht für Bayern München, sondern für eine angemessene Bezahlung des deutschen Meisters, Vizemeisters und des Dritten der Tabelle. (…) Wir behalten uns im Augenblick vor, bei einer Lösung, die unseren Vorstellungen erheblich zuwiderliefe, zum Bundeskartellamt zu gehen, um so die Möglichkeit einer dezentralen Vermarktung der Fernsehrechte prüfen zu lassen. Vielleicht sollte die Liga bereit sein, uns und den drei, vier anderen Vereinen, die dafür in Frage kommen, die Auslandsvermarktung ihrer Spiele zu überlassen. Darin steckt für den FC Bayern ein Potential von fünf bis zehn Millionen Euro pro Jahr. Ich bin, um das klarzustellen, kein Gegner der zentralen Vermarktung. Auch, weil damit die Gelder im Prinzip vernünftig aufgeteilt werden können. Dazu gehört aber auch auf seiten des Ligavorstandes, in dem wir durch Karl-Heinz Rummenigge eine Stimme haben, ein großes Maß an Toleranz und Verständnis für die unterschiedlichen Belange der Klubs. (…) Zwischen Platz 1 und 18 gibt es einen größeren Qualitätsunterschied als in der Vergangenheit. Daran ändert sich aber gar nichts, wenn ich dem Letzten ein oder zwei Millionen Euro mehr pro Jahr gebe. Bei den Klubs, die besonders schlecht dastehen, hat es über Jahre zu viele Fehler im Management, zuwenig Solidität und Kontinuität im Handeln gegeben. Warum hält sich denn Bremen so gut? Warum wird der HSV für uns zu einem ernst zu nehmenden Gegner? Weil bei Werder exzellent und beim HSV besser als früher gearbeitet wird. Warum wird Kaiserslautern, das jahrelang um die Uefa-Pokalplätze mitgespielt hat, zu einem Abstiegskandidaten? Weil es dort Managementprobleme gibt. (…) Der Stiftung Warentest würde ich empfehlen, das Stadion in Teheran zu untersuchen, in dem wir vor kurzem zu Gast waren und in dem die iranische Nationalmannschaft regelmäßig spielt. Da fehlte es an so vielem, daß die Tester wohl erst nach wochenlanger Prüfung zurückkämen. Bei uns aber wird mit dem Zollstab nachgemessen, ob eine Treppenstufe um ein oder zwei Zentimeter zu niedrig ausgefallen ist. Da hat sich die Stiftung, die ich als Institution für sehr wichtig halte, keinen Gefallen getan. Wenn sie die Qualität der Bratwurst in den Arenen untersucht hätte, wäre das okay gewesen. (…) Die Fifa ist dabei, völlig zu überdrehen. So eine Eröffnungsfeier muß ich wie geplant durchziehen, auch wenn mich das zehn oder zwanzig Millionen Euro kostet und das Publikum nicht mitspielt. Erst mal zwei Jahre lang die Leute planen lassen und dann mit einem Federstrich aus Zürich das Ganze absagen, so geht es doch wirklich nicht. Wenn die Fifa so weitermacht, schafft sie es noch, ein Spektakel wie die WM in Mißkredit zu bringen. Die Fifa, das ist ein Monopol, und Monopole sind immer gefährlich. Diskussionen lassen sie nicht zu. Die Verbände und Vereine sind gut beraten, den Dachverbänden, auch die Uefa, öfter mal die Zähne zu zeigen.“

Nigel de Jong, noch ein holländischer Nationalspieler in Hamburg – wer sagt’s denn, Florian Haupt (Welt)? „Der HSV hat mit seinen Transfers die Mär widerlegt, daß Deutschland für internationale Topspieler ein Tabu wäre. Drei der besten Niederländer aus der Nachfolgegeneration der Seedorfs, Kluiverts und Davids im Trikot eines Bundesligisten, der nicht einmal Champions League spielt – vor kurzem hätte allein die Vorstellung schallendes Gelächter hervorgerufen. Viel wird diskutiert über eine bessere internationale Vermarktung der Bundesliga. Der Hamburger SV weist den einzig richtigen Weg. Er macht das Produkt dort besser, wo es eben immer noch zählt: Auf dem Platz.“

SZ: Hamburg kann es kaum erwarten, Ailton spielen zu sehen
Tsp-Interview mit Daniel van Buyten

FR-Interview mit Bernd Hoffmann

Gehirnwäsche

Jens Jessen (Zeit/Feuilleton) warnt davor, Heimat zu verkaufen: „Ein Dutzend Vereine haben die Namen ihrer Stadien an Firmen verkauft, zuletzt verwandelte Borussia Dortmund sein Westfalenstadion in einen Signal Iduna Park. Das Hamburger Beispiel hat aber eine besondere Symbolik, die darin besteht, dass hier das Volk aus dem Namen vertrieben und durch ein Privatunternehmen ersetzt wurde. Und in der Tat ist in der Rechnung des HSV mit dem Medienkonzern ein dritter Vertragspartner enthalten, der freilich für die erwartete Leistung kein Geld bekam und auch nicht gefragt wurde: der Bürger, der in Zukunft nur noch von der AOL Arena sprechen sollte. Und AOL wollte sich keineswegs mit der bloßen Hoffnung darauf zufrieden geben. Der Vertrag enthält eine Klausel, wonach der HSV nur dann die volle Summe bekommt, wenn der neue Name oft genug in den Medien fällt. Streng genommen wurde hier ein Vertrag zulasten Dritter geschlossen, also etwas, das allen gesetzlichen Grundsätzen zuwiderläuft. Man stelle sich vor, Herr Müller schlösse mit Herrn Maier einen Vertrag, der einen ahnungslosen Herrn Schulze dazu verpflichtet, nur noch rote Pullover zu tragen. Was würde Herr Schulze dazu wohl sagen? Tatsächlich haben HSV und AOL jeden einzelnen Bürger zur Leistung einer Gehirnwäsche, zur Tilgung und Neucodierung seines persönlichen Stadtlexikons verpflichtet. Wäre nicht der Staat aufgerufen, das öffentliche Gut der freien Rede gegen die räuberische Privatisierung zu verteidigen? Nun wird freilich niemand zur Verwendung des neuen Namens gezwungen werden können. Heikel würde es erst, wenn eine städtische U-Bahn-Station AOL Arena heißen sollte. So weit ist es noch nicht; aber doch knapp davor. Denn schon hat sich die Stadt Frankfurt am Main, weit davon entfernt, den Bürger vor dem Verlust seiner semantischen Umwelt zu schützen, selbst an einer solchen Enteignung der Sprache beteiligt. Der Magistrat setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag, der die Umbenennung des Waldstadions für zehn Jahre in Commerzbank Arena vorsieht. In einer langen Kette von Privatisierungen gesellschaftlichen Eigentums war dies die bislang dreisteste.“

Mittwoch, 25. Januar 2006

Ball und Buchstabe

Überdruss

Thema heute: Was ist und bedeutet Fußball, wie darf man und wer soll über Fußball reden? Das Kulturprogramm zur WM 2006 hat Schriftsteller zu einer Diskussion und Lesung über Fußball geladen; die schlimmsten Befürchtungen haben sich zwar nicht bestätigt, doch Jürgen Kaube (FAZ/Feuilleton) warnt: „Wir werden des Geredes noch müde werden. Des Geredes dieser Art: Fußball ist eine Ersatzreligion. Nur im Fußball finden die Leute noch zu Gemeinsamkeiten. Fußball ist eine Weltsprache, die überall verstanden wird. Fußball ist Kunst. Und Krieg. Außerdem ist der Fußball seit einiger Zeit total kommerzialisiert. Und natürlich ist Fußball auch ein Spiegel der Gesellschaft. Fußball ist also, zusammengefaßt, ein Spiegel, der überall verstanden wird, weil die Leute einen Krieg als kommerzialisierte Kunst anbeten? Wenn man nur ganz unbekümmert um das ist, was aus den eigenen Redensarten folgt, ob sie irgendwie zueinander passen und ob man sie am Morgen nach dem Stammtisch noch gesagt haben möchte, kann man ewig so weiterplappern. In Berlin trafen sich Schriftsteller aus aller Herren Ländern, auch aus nicht zur Weltmeisterschaft qualifizierten wie Kamerun, Österreich und Ungarn, um über Fußball zu sprechen und vorzulesen, was ihnen zum Fußball eingefallen ist. Erfreulicherweise waren sie dabei meist zurückhaltend, was die genannten Redensarten angeht. Die Frage, was Fußball und Literatur gemeinsam haben, wurde zwar so gut wie jeder Podiumsdiskussion vorgesetzt. Die meisten Autoren antworteten darauf aber nüchtern.“ Harald Martenstein (Tsp/Feuilleton) prophezeit eine Übersättigung des Fußball-Talks: „Wie viele derartige Veranstaltungen es wohl noch geben wird, wie viel in diesem Jahr zum Thema Fußball geredet, gesendet, geschrieben wird, dann, bei der WM, zwei Stunden Vorrede vor jedem Spiel, zwei Stunden Nachbereitung nach jedem Spiel, da interviewen sie jeden, wirklich jeden, der eine Zunge besitzt oder ein Gehirn oder sogar beides, das wird der Hype des Jahrhunderts, da kommt eine Nebelwand aus Wörtern und Sätzen auf uns zu, ein Gebirge aus Gedanken, darunter nur wenige neue, und ob wir in dieser nebligen Gebirgslandschaft überhaupt noch den Fußball finden werden, lautet die große Frage, denn Fußball ist auf dem Platz, wie ein Fußballer es vermutlich ausdrücken würde. Vielleicht ist man, wenn es im Juni endlich losgeht, der ganzen Sache ja bereits überdrüssig und fährt, wenn man genug Kohle hat, zum Golfen nach Irland.“

Nils Minkmaar (FAS/Feuilleton) ergänzt: „Fußball hat nur noch einen behaupteten und anstrengend nostalgischen sozialen Stellenwert. Er gehört zu jenen Phänomenen, die laut überkommener, aber nie überprüfter Annahmen ‚die Menschen’ interessieren und begeistern, wie auch das ewige Eis, die alten Ägypter und Volksmusik. Niemand, den man kennt, mag so was, aber eben ‚die Menschen’. In Wahrheit könnte man doch immer dann im Boden versinken, wenn irgendeine peinlich stumme Runde durch eine Fußballgeschichte aufgelockert werden soll, denn das verdeutlicht nicht nur, daß es gerade peinlich still war, sondern auch daß die Umstehenden als ‚ganz normale Menschen’ wahrgenommen werden, daß sich der Fußballauskenner also mal auf unser Niveau begibt, um die Stimmung aufzulockern. Fußball funktionierte vielleicht in den fünfziger Jahren vor einem Publikum aus stummen, sich totschuftenden Kriegsheimkehrern und deren Söhnen (…) Nun soll eine ganze postmoderne Gesellschaft monatelang so tun, als sei 1954: die Jungs müssen nur siegen, dann rauchen auch die Schornsteine der Werften im Ruhrpott wieder.“

Nur für völlig Ahnungslose ist Fußball Popkultur

Dagegen verfasst Jürgen Kaube (FAZ/Feuilleton) eine sehr bemerkenswerte Präambel der Fußball-Kultur und rechtfertigt die vielfältigen Aneignungsformen der Fußballrezeption: „Fußball ist nicht nur ein Spiel, sondern auch ein Gewebe von Geschichten, Symbolen, Deutungen – also Kultur. Um das zu wissen, muß man kein Akademiker sein: Jede kommentarfreudige Kneipenrunde bestätigt es auf ihre Weise. Kultur ist also keine Zutat zum Sport, sondern eine Möglichkeit, den Fußball wahrzunehmen. (…) Es wird immer wieder versucht, durch den Gegensatz von Intellekt und Emotion ein vorgeblich akademisches und jedenfalls ‚verkopftes’ Interesse am Sport gegen das der allermeisten Zuschauer auszuspielen. Anschauungen ohne Begriffe sind aber blind. Wer die Abseitsregel nicht begreift, sieht Entscheidendes nicht, soviel werden auch Verächter der ‚Verkopfung’ zugeben. Doch von der Abseitsregel zur Viererkette, von dieser zum Spielaufbau und vom Spielaufbau zurück zu den Mannschaftsaufstellungen, den Trainerhandschriften, aber auch zu den ökonomischen Umständen des Spiels ist es jeweils nur ein Schritt. Man muß keinen dieser Schritte gehen, aber sich dafür zu interessieren tut dem Vergnügen gewiß keinen Abbruch. (…) Fußball ist Kultur, Fußball ist populäre Kultur, aber nur für völlig Ahnungslose ist Fußball Popkultur.“

Auseinandersetzung

Von wegen Fußball ist ein pädagogisches Instrument sozialen Lernens – Thomas Steinfeld (SZ/Feuilleton) stellt klar: „Was es tatsächlich mit dem Fußball auf sich hat, lässt sich an Sechsjährigen beobachten, und zwar in dem Augenblick, in dem einer kommt und den wirren Haufen kleiner Kinder in zwei Mannschaften teilt und etwas Ballähnliches in die Mitte legt. Dieses Ding funktioniert wie ein Magnet, mit zwei Polen, die einander abstoßen. Solange dann das Spiel währt, stehen sich zwei einander entgegen gesetzte Subjekte gegenüber. Und immer wird das Gleiche geschehen, bei Jugendlichen, bei Erwachsenen, bei alten Herren – ein Ball, zwei Mannschaften, und es beginnt eine Auseinandersetzung, bei der von vorneherein klar ist, dass dieses Spiel nicht im Entferntesten etwas mit Freundschaft und Fairness, mit Gemeinsinn und gegenseitiger Achtung zu tun haben kann. Warum sonst freut sich der Anhänger einer Mannschaft, wenn der Schiedsrichter ein Foul der eigenen Mannschaft übersieht, warum sonst spielt das demonstrative Hinfallen, das Klagen, Fuchteln und Sich-Beschweren im Fußball eine so große Rolle? Auf fatale Weise überlappt sich die Weltmeisterschaft mit dem weichgespülten Patriotismus der unerträglichen Kampagne ‚Du bist Deutschland’. Angesichts dessen nimmt sich der Umstand, dass die Nationalmannschaft bei weitem nicht die beliebteste deutsche Equipe ist, sondern dass die Fans ihr, anders als ihrer Vereinsmannschaft, jede Niederlage substantiell übel nehmen und mit sofort erlöschender Begeisterung beantworten, beinahe wie ein Trost aus.“

Unterhaltungspornograph

Ein Etikett für Kerner – Erik Eggers (FR): „Es ist nicht so lange her, dass die sonst so vornehme Zeit, gar nicht fein, den ZDF-Chefzeithistoriker Guido Knopp als ‚Geschichtspornographen’ bezeichnete, weil er jedes Thema mit der identischen Ästhetik verhackstücke, egal ob nun Auschwitz, Hitlers Frauen oder die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. In diesem Sinne wäre Johannes B. Kerner als Unterhaltungspornograph zu bezeichnen. Auch er dreht seine Gesprächspartner durch den immergleichen Fleischwolf.“

FAZ/Medien: die Gründung des das Sportnetzwerks
taz: Weil sie mehr kritische Recherche fordern, sind 24 Sportjournalisten jetzt aus ihrem Verband ausgetreten

Bundesliga

Schwund im Büro

Christof Kneer (SZ) kommentiert die Entlassung Roland Kneißls, des Managers von München 60: „Diese Personalie weist weit über München hinaus, weil Kneißl nach Strunz, Rettig, Briem und Assauer der fünfte Abgang in der Entscheider-Etage ist. Es ist der Trend der Saison, dass die Grausamkeiten die nächsthöhere Hierarchie-Ebene erreicht haben; es sind nicht mehr nur Trainerstühle, die wackeln. Längst wackeln auch die gut gepolsterten Sessel. Es mag absurd klingen, dass nun gerade jene früh zur Rechenschaft gezogen werden, in deren Ressort die Kontinuität in der Personalpolitik fällt. Wer will, kann als Argument für den Schwund im Büro den immer sehr beliebten Druck anführen, der inzwischen so groß geworden ist, dass ihm der Trainer als Opfer nicht mehr genügt. Eine noch schlichtere Wahrheit ist aber, dass viele dieser Trennungen vor allem deshalb unumgänglich waren, weil die Sessel einfach fehlbesetzt waren. (…) Der Sportdirektor ist immer noch ein Experimentierfeld. Zu viel Stallgeruch gilt als unmodern (Assauer, Calmund), zu wenig Stallgeruch ist auch nicht recht (Kaenzig, Bader), und so sucht die Liga ständig eine Art Allofs oder Beiersdorfer – ehemalige Profis, die schöne Oberhemden tragen, korrekte Relativsätze bauen und außerdem genug Zeit bekommen haben, um sich in diesem Berufsfeld zu etablieren.“

BLZ: München 1860 sucht einen neuen Trainer und fürchtet um den Verbleib in der Allianz-Arena
FR: Der Rauswurf von Trainer Reiner Maurer ist nur der Gipfel des Chaos‘ hinter den Kulissen bei den Sechzigern

FR: Entlassung von Trainer Boysen bei Kickers Offenbach überrascht den Geschassten und die Spieler

Schneller gewachsen als der Klub

Michael Eder (FAZ) schildert den Rang Jürgen Klopps in Mainz: „Klopps Wert für den Verein ist nicht zu überschätzen. Er hat ihn sportlich auf Kurs gebracht und wirtschaftlich auf ein neues Niveau gehoben, er sorgt quasi im Alleingang für Außendarstellung und Öffentlichkeitsarbeit, ein Nachfolger in der jetzigen Phase hätte ein Erbe angetreten, das er nicht hätte ausfüllen können. Auch deshalb war die Erleichterung im Mainzer Vorstand groß, als Klopp seine Zusage für weitere zwei Jahre gegeben hatte. (…) Der Star ist der Trainer, zumindest in Mainz.“ Tobias Schächter (SZ) beschreibt den Status Klopps in der Branche: „Seit fast fünf Jahren ist er nun schon Trainer, seit anderthalb Jahren in der Bundesliga, und er hat sich in der Branche längst zu einem der begehrtesten Köpfe entwickelt. Klopp ist dabei schneller gewachsen als der Klub. Das ZDF nutzt Klopps Popularität bei der WM als TV-Experte, und auch größere Klubs zeigten bereits Interesse an seinen Diensten. Der Verein hingegen steht vor der Herausforderung, sich langfristig in der ersten Liga zu etablieren. Für Klopp ist dies eine Aufgabe, auf die er nach eingehender Prüfung ‚unheimlich viel Bock’ hat, weswegen er vor kurzem seinen auslaufenden Vertrag um zwei Jahre verlängert hat. Der neue Kontrakt beinhaltet keine Ausstiegsklausel, gilt auch für die zweite Liga und ist dem Vernehmen nach finanziell den in der Bundesliga üblichen Konditionen angepasst. Dabei macht Klopp keinen Hehl daraus, dass er Mainz irgendwann verlassen will. (…) An einen Abstieg verschwendet der Trainer keinen Gedanken. Klopp will in Mainz Tradition schaffen. Ein erstmaliger Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals wäre da ein Meilenstein. Wie das gelingen soll, weiß Klopp auch schon: ‚Wir wollen die Bayern durch eine couragierte Leistung auf unser Niveau runterholen.’“

FTD: Mainzer, Kämpfer für den puren Fußball

SZ: Jürgen Kohlers Einstand in Duisburg

SZ: Ailton – der bunte Vogel kehrt zurück
FR: Ailton, eine faule Diva, ein fataler Starkult
Welt: Ailton, eine attraktive Alternative

NZZ: Der Aufschwung im Baskenland erfasst auch den Profisport

NZZ: Eriksson im Visier von Revolverpresse und FA – aber die Leute haben keinen Vorbehalt

NZZ: Verblassende Inselromantik auf Korsika

Ascheplatz

Extreme Beleidigung

Karl-Heinz Rummenigge im Interview mit Klaus Hoeltzenbein und Philipp Selldorf (SZ)
SZ: Heribert Bruchhagen hat prophezeit, die Übermacht des FC Bayern werde dazu führen, dass er in den nächsten zwanzig Jahren 16 Mal Deutscher Meister werde. Dürfen wir gratulieren? Oder fehlen da vier Titel?
Rummenigge: Herr Bruchhagen übertreibt – wie immer. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er versucht, Stimmung gegen den FC Bayern zu machen. Offensichtlich scheint der Herr sehr frustriert zu sein über seine Lage.
SZ: Handelt es sich um eine persönliche Sache zwischen Herrn Bruchhagen und dem FC Bayern? Oder gibt es da eine ideologische Finanzdebatte mit tieferen Wurzeln in der Liga?
Rummenigge: Grundsätzlich muss ich sagen, dass es kein Land in Europa gibt, wo die Verteilung der Fernsehgelder so solidarisch und sozial abläuft wie in Deutschland. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Rechte für die zweite Liga sind diesmal ja erstmals separat ausgeschrieben worden, und da konnte man sehen, dass die zweite Liga von den insgesamt 420 Millionen Euro, die es pro Jahr gibt, knapp 26 Millionen erwirtschaftet, also sechs, sieben Prozent. Fakt ist aber, dass sie durch den neuen Verteilerschlüssel etwa 22 Prozent der gesamten Einnahmen erhalten soll. Da findet also eine starke Subventionierung der zweiten Liga durch die erste Liga statt. Dazu kommt, dass die Absteiger aus der zweiten Liga noch eine Art Fallschirm erhalten, bevor sie in die Regionalliga gehen, genauso die Absteiger aus der ersten Liga. Es gibt kein faireres System als in Deutschland. In Holland greifen die drei großen Klubs – Ajax Amsterdam, Feyenoord Rotterdam und PSV Eindhoven – mehr als 50 Prozent der Gesamteinnahmen ab. Oder Italien, da gibt es riesige Lücken innerhalb der Liga: Chievo kriegt knapp 6 Millionen, und Juventus Turin hat gerade einen Zwei-Jahres-Vertrag geschlossen, der ihnen in zwei Jahren fast 240 Millionen bringt. Mir braucht in der Richtung wirklich keiner einen Vortrag zu halten – erst recht nicht der Herr Bruchhagen.
SZ: Sie scheinen sich nur noch via Medien auszutauschen.
Rummenigge: Was er da von sich gegeben hat, war eine Polemik erster Güte. Vor allem der DFL gegenüber. Wenn er die DFL als ‚Kommission Rummenigge’ bezeichnet, sie als Erfüllungsgehilfen hinstellt, dann ist das eine extreme Beleidigung. Dazu haben sich aber auch alle Beteiligten des Gremiums schon entsprechend zu Wort gemeldet. Aber vielleicht liegt’s auch daran, dass Herr Bruchhagen bei der DFL schon dreimal durch den Rost gefallen ist: Man hat seinen Vertrag als Geschäftsführer der DFL nicht verlängert, dann ist er mit seiner Kandidatur für den Vorstand gescheitert, und sein Antrag auf Erhöhung der Bundesliga auf 20 Klubs ist auch kläglich durchgefallen. Und dann geht er halt auf Bayern München los, weil das Thema populistisch ist und durchaus Freunde in der Öffentlichkeit findet.

WamS: Dietmar Hopp über das Finanzgebaren im Profifußball und seine Vision vom Bundesligaklub FCH Heidelberg 06

Freitag, 20. Januar 2006

Internationaler Fußball

Europäisch wie nie

Alle Zeitungen schauen auf die Afrikameisterschaft, die heute beginnt – eine Backpfeife für die Berliner Zeitung, die das Turnier als „Cup der guten Hoffnung“ ankündigt (zumal es doch in Ägypten stattfindet). Christian Eichler (FAZ) lobt süffisant die Organisation: „Diskussionen um Stadionsicherheit? Undichte Dächer? Schwankende Tribünen? Abgesagte Galas? Nein, es gibt auch Ausrichter von Fußball-Großereignissen 2006, die vor dem Anpfiff ohne Skandale auskommen. Sie sitzen in Ägypten. Mit Sicherheit und Haltbarkeit von Immobilien kennt sich das Land der Pyramiden seit Jahrtausenden aus. Die Afrikameisterschaft wird traditionell gern als Gegenentwurf zum gut organisierten, professionell gestalteten, zum gezähmten europäischen Fußball gesehen; als Hort unzähmbarer Spielfreude des ärmsten Kontinents. Doch dieses Jahr dürfte das Turnier so europäisch daherkommen wie nie. Die Ägypter bemühen sich, ihre Organisation europäischem Standard zu nähern – die Spielweise der meisten Teams tut es ohnehin. Weil immer mehr afrikanische Profis für europäische Topklubs spielen und viele Nationalteams von Europäern trainiert werden, wird das Niveau des Turniers und damit des afrikanischen Fußballs höher eingeschätzt denn je. Dennoch, ein paar kleine kontinentale Unterschiede bleiben: Etwa in der durchschnittlichen Haltbarkeit von Trainern. Von den sechzehn, die bei der letzten Afrikameisterschaft 2004 im Amt waren, ist bis heute nur einer nicht gefeuert worden, nämlich der, der das Turnier gewann: der Franzose Roger Lemerre.“

Christoph Biermann (SZ) befasst sich mit dem Gastgeber: „Es ist nicht mehr zu übersehen, dass die Nordafrikaner eine gefallene Fußballgroßmacht sind und nur noch die Geschichte auf ihrer Seite haben: Schon 1934 in Italien waren sie als erste Afrikaner bei einer WM dabei und dominierten lange den Fußball auf ihrem Kontinent. Viermal hat Ägypten die Afrikameisterschaft gewonnen und so oft wie keine andere Nation an den Endrunde teilgenommen (19 Mal), die meisten Spiele gewonnen (36) und die meisten Tore geschossen (112). (…) Außergewöhnliche Anstrengungen wurden unternommen, um neue Standards für Afrika zu setzen. Allein der Umbau des Nationalstadions in Kairo dauerte zwei Jahre, kostete 22 Millionen Euro und stand wie alle Infrastrukturmaßnahmen unter Leitung des Militärs. Das Tourismusministerium kümmert sich um Unterbringung und Transport von Mannschaften, Fans und Journalisten. Die sehr professionellen Mediencenter wurden vom Informationsministerium und dem Ministerium für Telekommunikation eingerichtet. Noch immer grämt es die Ägypter, dass die erste afrikanische Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika und nicht am Nil stattfinden wird.“ Rod Ackermann (NZZ) schildert die Stimmung vor Turnierbeginn: „Im Eifer der Vorfreude wird von Fans wie Mannschaftsbegleitern derart dick aufgetragen, dass es schon Heiterkeit erregt. Hat es mit orientalischer oder schwarzafrikanischer Beredsamkeit zu tun, wenn man sich über den nächsten Gegner mit triefender Verachtung statt mit sportlicher Fairness auslässt? Vollmundige Drohungen, im Preisboxen der Normalfall, gehören in hiesigen Gefilden eben zum Spiel; wer Provokationen dieser Art für bare Münze nimmt, ist von des Gedankens Blässe angekränkelt.“

Selbstzerstörende Reflexe

Das Turnier bedeutet auch ein Konflikt zwischen den Länder- und den europäischen Vereinsmannschaften, in denen die Spieler ihr Geld verdienen. Daniel Theweleit (FR) nennt das Risiko: „Oft kommen die Spieler erschöpft, angeschlagen und in einer insgesamt schlechten Verfassung von dem Turnier zurück. Der Alltag während des Wettbewerbs ist oft wenig professionell strukturiert, die Trainingsarbeit ist kurzfristig angelegt, zudem wird in Afrika sehr hart gespielt. (…) Gerade für die WM-Teilnehmer ist das Problem fatal: Die Spieler fehlen in ihren Ligen, schauen mit einem Auge auf den Klub und den dort in Gefahr geratenen Stammplatz. Gleichzeitig müssen sie in Ägypten erfolgreich sein, damit die Sportminister und Verbandspräsidenten nicht panisch werden, Trainer feuern oder anderen selbstzerstörerischen Reflexen des afrikanischen Fußballs folgen. Die Aussichten der Afrikaner bei der WM verbessert das Turnier eher nicht. Als Grund für das sture Beharren auf dem Termin nennt der Kontinentalverband CAF den WM-Qualifikationskalender und Verpflichtungen den Sponsoren gegenüber. Kenner glauben eher, dass es sich um den Stolz des chronisch zu kurz Gekommenen handelt. Deutlich wird: Je mehr Afrikaner in Europa spielen, desto mehr schadet sich der Fußball vom Schwarzen Kontinent mit dem Afrika-Cup selbst.“ Von Oke Göttlich (taz) erfahren wir: „Mit welchen Mitteln die Vereine versuchen, die afrikanischen Verbände dazu zu bringen, von ihren Stars abzusehen, zeigte vor allem der Fall Didier Drogba: Chelsea verlangte für die Abwesenheit Drogbas die Hinterlegung einer Unfallversicherung sowie die Übernahme des Gehalts.“

WamS: Angolas Nationalelf ist die Frucht des Bürgerkriegs
Tsp: Fröhlicher Fußball – beim Afrika-Cup spielt Angola für die WM ein

BLZ: Ekuadors erfolgreichster Angreifer Augustín Delgado droht damit, die Weltmeisterschaft in Deutschland zu schwänzen

Probleme mit dem Treusein

Wie konnte er nur auf den Trick mit dem Scheich reinfallen? Raphael Honigstein (taz) hat wenig Schmeichelhaftes über Sven-Göran Eriksson zu erzählen: „Das große Problem ist, dass die Story nur bestätigt, was mittlerweile zum Allgemeinwissen gehört: Der 57-Jährige hat Probleme mit dem Treusein, und das in jeglicher Hinsicht. Affären mit einem Fernsehstar und einer Verbandssekretärin hat man dem unverheirateten, aber fest gebundenen Freund von tibetischer Poesie schnell verziehen, doch der selbst verschuldete ‚Wüstensturm’ (Mirror) wirft ein schlechtes Licht auf seine professionelle Integrität. Als eine ‚Möwe mit einem wandernden Auge’ hat ihn ein FA-Boss einst beschrieben. Dass der Nationaltrainer fünf Monate vor WM-Beginn schon an den nächsten Job denkt, verstört das Fußballland gehörig. Passieren wird trotzdem nichts. Dem Verband fehlt nicht nur die Zeit für eine drastische Maßnahme, sondern auch eine Alternative. Das kickende Personal steht außerdem weiter zu Eriksson, obwohl der in seiner Champagnerlaune in Dubai allerhand Unbedachtes über Nationalspieler wie Michael Owen (‚er spielt nur wegen des Geldes bei Newcastle’), Rio Ferdinand (‚faul’) und Wayne Rooney (‚kann sich nicht beherrschen’) plauderte. Eriksson hat seine Schützlinge fünf Jahre lang verhätschelt und deswegen noch reichlich Kredit.“

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