indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 20. Januar 2006

WM 2006

Getöse

Die deutschen Zeitungen, besonders die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung, halten sich die Ohren zu, wenn sie hören müssen, wie das WM-OK und die Stiftung Warentest in der Öffentlichkeit über- und gegeneinander reden; schlagen die Hände überm Kopf zusammen, wenn sie erleben, mit welcher Sturheit die Fifa und das WM-OK einmal Gesagtes verteidigen, obwohl es sich als offensichtlich falsch erwiesen hat; können es nicht begreifen, wie „dünnhäutig und arrogant“ (FR) das WM-OK Kritik erwidert. Christof Kneer (SZ) empfiehlt eine Weiterbildung in Krisenkommunikation: „Die WM 2006 hat eine Menge Probleme in diesen Tagen, und längst ist auch ein rhetorisches hinzugekommen. Der Tonfall rund um dieses heilige Turnier hat inzwischen ein dermaßen Furcht erregendes Niveau erreicht, dass man das Thema Debatten-Kultur am liebsten ins WM-Kulturprogramm aufnehmen würde. (…) Man hätte vom OK schon erwarten dürfen, dass es sich konkret zu den einzelnen Vorwürfen einlässt statt sie pauschal abzubürsten. Zurecht mögen sich die Verantwortliche darüber beschweren, dass diese WM inzwischen heillos mit Erwartungen überfrachtet ist, aber natürlich sind sie es auch selbst gewesen, die dieses Klima mit ihrem Trend zum Superlativ befördert haben.“ Michael Reinsch (FAZ) mahnt: „Nicht eine mitreißende oder gefällige Argumentation verhindert Katastrophen, sondern Prävention und Rettungsmaßnahmen auf dem neuesten Stand. Diese in den Stadien der für Deutschland und sein Ansehen so wichtigen Weltmeisterschaft zu überprüfen und gegebenenfalls zu etablieren sollte für die Organisatoren Priorität haben. Wenn die Sicherheitskonzepte für die Weltmeisterschaft so ausgefeilt und überzeugend sind, wie die Organisatoren behauptet, müßten in den 140 Tagen bis zum Anpfiff auch letzte Zweifel und Risiken zu beseitigen sein. In dem Getöse mag untergegangen sein: Letztlich könnte es um Menschenleben gehen.“

Jürgen Ahäuser (FR) klagt die Verbissenheit der Streitenden an: „Wenn die Warentester nur ein Stück von ihrer hohen Anklagebank nach unten rücken und die Herren des OK ebenso weit aus der Schmollecke der Beleidigten hervorkommen, könnte es im Sommer 2006 doch noch was werden mit den Freunden in Deutschland.“ Marcus Rohwetter (Zeit) fügt hinzu: „Wenn Franz Beckenbauer und andere der Stiftung Warentest vorhalten, sie wolle sich über die Weltmeisterschaft profilieren, werden sie schnell feststellen, dass die Verbraucherschützer bei weitem nicht die einzigen Spieler auf diesem Feld sind. Ob sie nun Sponsoren heißen, Partner, nationale Förderer oder sich den Fußballtrubel in irgendeiner anderen Weise zunutze machen wollen: Die WM ist auch ein geschäftliches Ereignis, von dem viele profitieren möchten.“

Um den Standort Deutschland macht sich verdient, wer keine Fragen stellt

Wolfgang Hettfleisch (FR) stößt sich an der Gesinnung Beckenbauers samt Gefolge: „Schon möglich, dass die Stiftung bei verschiedenen Ergebnissen des Stadiontests falsch liegt. Wer ihr aber das Recht auf ein Urteil abspricht mit dem Hinweis, sie möge sich um Gesichtscreme kümmern, wähnt sich auf bedenkliche Art im alleinigen Besitz der Wahrheit. Es versteht sich, dass das Echo aus Wirtschaft und Politik nicht auf sich warten ließ. ‚Wir müssen darauf achten, was für ein Image durch derartige Studien entsteht und was das für das Vertrauen in deutsche Technologie für Folgen hat’, jammerte Siemens-Vorstand Josef Winter. Merke: Um den Standort Deutschland macht sich verdient, wer keine Fragen stellt. Teile der deutschen Medien haben das hinsichtlich der WM verinnerlicht. Bei zwei deutschen Tageszeitungen soll es gar einen Frohsinnsbefehl von oben geben.“

Die Absage trifft die Show selbst

Die Fifa hat die WM-Gala abgesagt und mit dem Rasen begründet; Thomas Kistner (SZ) lässt sich die Säcke nicht vollmachen: „Die Fifa hat den Rückzug derart hemdsärmelig vollzogen, dass die wahren Hintergründe evident werden. Denn die jäh erwachte Fürsorge um die Berliner Spielwiese nimmt ihr keiner ab: Die Problematik kennt man seit zwei Jahren. Tatsache ist, dass der Oberzeremonienmeister der WM, André Heller, nur 24 Stunden vor der Absage noch mit den Fifa-Bossen tafelte. Dass in der frohen Künstlerrunde nicht über Regenerationsfragen für Grashalme gefachsimpelt wurde, liegt auf der Hand. Vielmehr wollte Sepp Blatter endlich einmal Konkretes hören, direkt aus dem Munde des Meisters: Konzepte, ein paar Details, Zahlen womöglich. Was er hörte, muss derart unbefriedigend gewesen sein, dass die Superschau am nächsten Tag in panischer Eile vom Spielplan gestrichen wurde. Die ‚spannendste und aufsehenerregendste Show nach dem Krieg in Deutschland’, wie das Event einst vom Organisationskomitee umschrieben wurde, drohte aus Fifa-Sicht offenbar aus dem Ruder zu laufen. Es geht das Gerücht, dass es nicht bei den 25 Millionen Euro Kosten geblieben wäre, wenn all die von Großvisionär Heller angeheuerten Superstars angetreten wären. Der Zeiger im Geldtank hätte schon bei der 40-Millionen-Euro-Marke gependelt. Bestätigen will das niemand, offiziell beteuern alle Seiten, Geldfragen hätten keine Rolle gespielt. Was dann? Die Inhalte der Show etwa? (…) Warum weicht man nicht nach München aus, wo ohnehin das Eröffnungsspiel steigt und der Rasen nur darauf wartet, mal wieder richtig zertrampelt zu werden? Die Absage trifft die Show selbst. Heller und Pfennig spielen für die reiche Fifa in der Tat weniger eine Rolle, nur blamieren will sie sich nicht.“ Jürgen Kaube (FAZ/Feuilleton) kritisiert OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach und Fifa-Medienchef Markus Siegler dafür, dass sie stur an der Rasen-Version festhalten: „Die Organisation irrt nicht, und wer das Gegenteil behauptet, der mäkelt, ist typisch deutsch und also fehl am entscheidenden Platz. Jede normale Firma würde Leute, die so argumentieren, in den innersten Innendienst versetzen und beispielsweise zur Rasenpflege einsetzen.“

Der Ballast ist weg, jetzt kommt der Ballack

Die FAZ verweist in allen Ressorts auf die Reduzierung der WM, handelt es sich auch nur um einen Nebeneffekt; Michael Ashelm (FAS/Politik) schreibt: „Blatter wollte sich nie so recht anfreunden mit der arg politisch motivierten deutschen Glamourschau, auch wenn er die Idee öffentlich gerne als WM-Novum propagierte. Daß Heller die überbordende Technik nicht in den Griff bekam und zudem die Finanzierung aus dem Auge verlor, wie kolportiert wird, machte es Blatter sehr einfach, die Party abzusagen. (…) Das Nein der Fifa hat einen positiven Nebeneffekt für den Fußballfan: Das Rad der kommerziell und politisch bis ins letzte Detail ausgeschlachteten WM wird ein kleines Stück zurückgedreht. Die Aufmerksamkeit liegt wieder etwas mehr auf dem Sport und seinen Stars.“ Jörg Hahn (FAZ/Sport) ergänzt: „Worauf warten die Zuschauer? Hellers mit Menschen und Elektronik überladenes Spektakel war es offensichtlich nicht. Sie wollen Fußball sehen, nicht selbstverliebte Politiker und Impresarios. Fußball und (Hoch-)Kultur sind nach wie vor zwei Dinge, die man nicht zwanghaft vermischen kann. Ein Volkssport sollte am besten auch Volksfest bleiben. Schon vergessen? Wichtig ist auf dem Platz!“ Peter Körte (FAS/Feuilleton) teilt aus: „Was bitte ist so schlimm daran, daß die allgegenwärtige Nervensäge Heller nun eine Show weniger inszeniert? Sind es nicht immer noch zwei zuviel? Wer weint um greise Rocker wie Peter Gabriel oder Brian Eno? Wer braucht die petersilienstengelartige kulturelle Garnierung eines Fußballturniers, zu deren gesundheitsgefährdenden Nebenwirkungen die Kerner- oder Beckmann-Kommentare bei der Live-Übertragung gehören? Sicherheitsmängel sind dazu da, um behoben zu werden, und die Ticketsituation hat ja das lächerliche Kolonialfürstengehabe der Weltfußballfunktionäre von der Fifa verursacht, die jeden Ausrichter versklavt. Nachdem das alles geklärt ist, kann endlich Fußball gespielt werden. Der Ballast ist weg, jetzt kommt der Ballack.“

Christof Siemes (Zeit/Feuilleton) hält dagegen: „Und unsere schöne WM? Sie war mal das Wundermittel zur Heilung einer depressiven Nation. In den Sportteilen jubeln jetzt die Kollegen, des Fußball-Feuilletons längst überdrüssig: Maßgebend is auffem Platz! Als würde die Kunst rund um den Fußball ein einziges Tor verhindern. Im Gegenteil, sie erst setzt uns instand, die Schönheit eines perfekten Seitfallziehers vollendet zu genießen. Ohne ästhetische Überhöhung ist eine WM einfach nur ein Monat mit 64 Fußballspielen. Davon haben wir aber wirklich mehr als genug.“

FR: Hellers begrabene WM-Gala ist schon jetzt unsterblich in der Geschichte verhinderter Kunstprojekte
FAZ-Interview mit André Heller: „Am Inhalt der Show lag es garantiert nicht“
FTD-Interview mit Heller: „Das wird eine der teureren Beerdigungen der Kunstgeschichte“

SZ: Kampfbomber sollen die WM schützen

Bundesliga

Vertreibung aus dem königsblauen Paradies?

Was sagt er, was darf er sagen, hat er was zu sagen, was bedeutet, was er sagt? Über Rudi Assauer und seinen Einfluss lässt sich seit einigen Monaten trefflich spekulieren. Richard Leipold (FAZ) kommentiert Assauers Versetzung ins Präsidentenamt: „Assauer zum Schweigen zu bringen dürfte schwieriger werden, als ihn zum Präsidenten zu befördern, ob er nun auf dem Podium des Presseraumes sitzt oder unweit der Theke steht. Fest steht, daß er nicht mehr das (alleinige) Sagen hat wie einst, als die Zustimmung der Gremien nur Formsache war. Wenn ihm früher, was selten vorkam, jemand widersprach, drohte Assauer im äußersten Fall mit Rücktritt. Diese Drohkulisse etwa erhielt Huub Stevens in zwei freudlosen Jahren den Arbeitsplatz. So ist es schon länger nicht mehr, der Wechsel des Managers auf den Präsidentenstuhl dokumentiert diese Entwicklung nur nach außen. Dennoch wird man von Assauer noch hören. (…) Die Vertreibung Assauers aus dem königsblauen Paradies Schalke scheint noch nicht gekommen. Der Revierverein sehnt sich nach Seriosität, verdankt einen Teil seiner werbewirksamen Identität aber Führungsfiguren wie Assauer.“

Christoph Biermann (SZ) durchleuchtet Schalker Leit- und Streitkultur: „Die Pressemitteilung meldete, dass die Vereinbarung ‚per Handschlag zwischen allen Beteiligten besiegelt’ wurde. So stellt man sich das bei Schalke nämlich immer noch am liebsten vor: Männer, die noch Männer sind, hauen sich zwar vielleicht mal was vor die Birne, aber am Ende steht ein fester Händedruck, und man kann sich wieder offen in die Augen sehen. Was da beschlossen wurde, ist aber nicht nur der Vollzug königsblauer Männlichkeitsrituale. (…) Wahrscheinlich wird man nach vollzogenem Machtwechsel im August feststellen, dass sich so viel gar nicht geändert hat. Der Clou der Personalie ist aber wohl der, dass Assauer fortan für etwas weniger Durcheinander sorgen wird – und dass er leichter gebremst werden kann.“ Stefan Osterhaus (NZZ) hatte vor einer Woche noch geunkt: „Die Meldungen, wonach der Manager wieder einmal entmachtet worden sei, wirken wie jene, die einst über Fidel Castro in den ersten Jahren seiner Regierungszeit kursierten. Inzwischen glauben manche, dass Assauer, ganz ähnlich dem passionierten Cohiba-Anhänger, einen imaginären Schutzwall um sich gezogen hat, vielleicht resultierend aus dem Rauch seiner Zigarre, einem imposanten Format der Marke Davidoff.“

Positiver Eindruck

Roland Leroi (FR) befasst sich mit Jürgen Kohlers Einstand in Duisburg: „Für Kohler ist es die erste richtige Trainerstation. Jetzt will er sich beim Abstiegskandidaten beweisen. Nicht viele trauen ihm das zu. Einerseits weil der Kader, der nur zwölf Punkte holte, vielfach die Bundesliga-Qualität vermissen ließ. Zum zweiten hat sein Ruf gelitten. Als Trainer der U 21 schmiss Kohler nach einem halben Jahr hin, als Sportdirektor von Bayer Leverkusen konnte er danach ebenfalls wenig bewirken. Beim DFB und in Leverkusen sollen sie froh gewesen sein, als er seine Verträge frühzeitig auflöste. Es mag ein Vorurteil sein, denn in Duisburg hinterließ er bislang einen positiven Eindruck.“

Mythischer Ort

Der Bökelberg wird abgerissen, Stefan Hermanns (Tsp) reicht zum Abschied uns die Hände: „Streng genommen war der Bökelberg am Ende nur noch eine Bruchbude; für die Fans von Borussia Mönchengladbach aber war er ein mythischer Ort. Mit dem Abriss des Bökelbergs geht eine Fußball- und Fankultur zu Ende, die es in den neuen, gesichtslosen und komplett durchvermarkteten Fifa-WM-Stadien nicht mehr gibt. Früher, wenn auf dem Bökelberg das Publikum auf den teuren Sitzplätzen zu murren begann, haben die Fans aus der Nordkurve voller Wut ‚Scheiß Tribüne!’ geschrieen. Im neuen Borussia-Park hat das noch niemand gerufen. Warum auch, wenn fast das komplette Stadion aus Tribünen besteht?“

FR-Interview mit Christian Heidel und Jürgen Klopp
Tsp: Mainz 05 will mit Klopp seinen Ruf als authentischer Klub stärken

FAS: Das große Gezerre um die junge Ikone Lukas Podolski

Welt-Interview mit Lucio und Ze Roberto

Ascheplatz

Wir sind nicht erpreßbar

Christian Seifert im Interview mit Thorsten Jungholt (WamS)
WamS: Am 1. Februar sind Sie bei der DFL ein Jahr im Amt. Gab es nur Ärger oder auch Grund zur Freude?
Seifert: Es gab reichlich Grund zur Freude, wir haben die DFL strukturell weiterentwickelt und im Dezember immerhin den größten TV-Vertrag in der Geschichte der Bundesliga abgeschlossen. Aber nicht nur die Summe von 420 Millionen Euro pro Jahr kann sich sehen lassen. Strategisch entscheidender ist für mich, daß es uns gelungen ist, den Spagat zu finden zwischen Erlös inklusive des Sponsorings, das durch die weiterhin gegebene Free-TV-Präsenz in der Sportschau gesichert ist, und der gesellschaftlichen Verankerung der Liga in der Bevölkerung durch große Reichweiten.
WamS: Verlierer ist Premiere, das ultimativ die Abschaffung der Sportschau und daraus folgend mehr Exklusivität gefordert hat, dafür aber auch deutlich mehr Geld zahlen wollte. Haben Sie keinen Gedanken daran verschwendet, darauf einzugehen?
Seifert: Was bei all den Ultimaten untergegangen ist, ist die Tatsache, daß Pay-TV künftig mehr Exklusivität bekommt als je zuvor. Es gibt ein Freitagsspiel, dessen Erstausstrahlung im Free-TV erst am Samstag vorgesehen ist. Und am Sonntag werden die Spiele erst um 22 Uhr frei ausgestrahlt. Aber im Hause Premiere ist die unternehmerische Entscheidung getroffen worden, daß auch das höchste Maß an Pay-TV-Exklusivität, das es je in Deutschland gegeben hat, nicht reicht, um die Wachstumsraten zu erreichen, die man an der Börse kommuniziert hat. Mit den Konsequenzen dieser Entscheidung muß Premiere jetzt leben.
WamS: Auf wieviel Geld haben Sie verzichtet? Der neue Pay-TV-Partner Arena soll rund 240 Millionen Euro pro Jahr zahlen, das Angebot von Premiere hat Senderchef Georg Kofler auf ‚weit nördlich von 300 Millionen’ beziffert.
Seifert: Zahlen nennen wir generell nicht. Aber die zwei Szenarien mit Premiere und Arena lagen im ersten Vertragsjahr gar nicht so weit auseinander. Der große Unterschied war das dritte Jahr, wo Premiere eine deutliche Steigerung offeriert hat. So ein Modell gab es schon einmal.
WamS: Bei Leo Kirch, der später pleite ging und nicht mehr zahlen konnte?
Seifert: So ist es, und daraus haben wir unsere Lehren gezogen. Unser Job ist es nicht, eine Wette auf die Zukunft einzugehen. Deshalb haben wir im Vorfeld des Bieterverfahrens viel Zeit und Geld investiert in Studien zu Fanerwartungen, TV-Reichweiten und eben auch Finanzanalysen. Die Finanzplanungen von Premiere mußten Anlaß zur Vorsicht geben, weil sie darauf fußten, daß durch mehr Exklusivität auch mehr Abonnenten gewonnen werden. Was aber, wenn diese Wette auf die Zukunft nicht aufgeht? Bevor wir ohne Sportschau möglicherweise in ein Sponsorenrisiko laufen und dazu noch in das Wachstumsrisiko eines börsennotierten Anbieters, haben wir uns lieber für ein Modell entschieden, das sowohl einen finanziellen Zuwachs als auch eine größere finanzielle Planbarkeit ermöglicht.
WamS: Aber auch Arena hat noch viele Hausarbeiten zu erledigen, wie Sie es formuliert haben. Welche sind das?
Seifert: Es muß eine Infrastruktur aufgebaut werden. Dabei ist es nicht damit getan, daß man einen teuren Moderator verpflichtet (…)
WamS: Haben Sie sich von Premiere erpreßt gefühlt?
Seifert: Die Ansage dort war: Entweder die Liga macht, was wir wollen, oder wir zahlen weniger. Ich dagegen habe dafür plädiert, daß wir unser Spiel spielen und uns die Taktik nicht von jemand anders diktieren lassen. Wir sind nicht erpreßbar, wir werden immer eine Antwort haben.

Welt-Interview mit Klaus Allofs über das Fernsehgeld
FAZ: der Stand der Dinge bei den Bundesligarechten
FR: Wenn Heribert Bruchhagen im „Schmutzigen Spiel“ liest, dürfte in ihm noch einmal die kalte Wut über Macht und Machenschaften des FC Bayern München hochsteigen

NZZ: Der Graben zwischen Arm und Reich in Italiens Fussball wird mit dem digitalen TV noch grösser

FR: Die Zweite Bundesliga erlebt einen Zuschauerboom: die neue Arena in München, klangvolle Namen und guter Sport locken
FTD: Dieter Hecking will in Aachen neue Aufstiegseuphorie entfachen

Samstag, 14. Januar 2006

Internationaler Fußball

Erneuerung

Lothar Matthäus ist Trainer in Brasilien bei Atletico Paranaense, sein Engagement kommentieren die Autoren, das ist bei Matthäus erwähnenswert, ohne Spott. Philipp Selldorf (SZ) stellt den neuen Arbeitsplatz vor: „Er fügt seiner Karriere eine weitere Einzigartigkeit hinzu. In den Lexika des Fußballs wird er künftig nicht mehr nur als deutscher Rekordnationalspieler und als der Spieler mit den meisten Einsätzen bei Weltmeisterschaften geführt, sondern auch als erster europäischer Trainer bei einem brasilianischen Spitzenklub. Bisher hat man es im Land des Weltmeisters nämlich nicht für nötig gehalten, einen Fußball-Lehrer aus dem alten Europa zu engagieren. In der Liga gibt es zwar Experten aus Argentinien oder Uruguay, aber keinen Bedarf für Belehrungen aus Übersee, was durchaus Resultat einer gewissen Hochnäsigkeit ist. (…) Atletico Paranaense ist ein Traditionsverein (1924 gegründet) mit junger Erfolgsgeschichte. Die erste nationale Meisterschaft gewann er vor vier Jahren. 2005 stand der Verein im Finale der Copa Libertadores, der südamerikanischen Klubmeisterschaft, verlor aber gegen den FC Sao Paulo – ein Hinweis darauf, dass Brasilien nicht bloß mit seiner Nationalmannschaft Erfolge feiert. Atlético gilt als Beispiel für die Erneuerung der brasilianischen Liga, die jahrzehntelang durch Korruption und Kommerzialisierung ausgezehrt wurde.“

Lothar Matthäus (Welt): „Ich hatte das Chaos in Ungarn satt“
FAZ: Lothar Matthäus in Brasilien – Weltmeister im Land des Weltmeisters

Welt: Klaus Toppmöller, Nationaltrainer Georgiens

Welle der Emigration

Birgit Schönau (SZ) schildert die schwindende Anziehungskraft der Serie A: „Die italienische Liga war vielleicht nicht die beste, sicher aber die teuerste der Welt. Um sich hier eine goldene Nase zu verdienen, brauchte man noch nicht einmal über besonders begnadete Füße zu verfügen, höchstens über einen findigen Agenten. Im Reich der Magnaten, die für ihr Steckenpferd calcio das Geld zum Fenster hinauswarfen wie weiland die Renaissancefürsten das Gold für Lapislazuli-Fresken und prächtige Palazzi, konnte am Ende auch der zweite Reservetorwart noch 500.000 Euro im Jahr nach Hause tragen. Netto natürlich. So verlockend war Italien für Ausländer auf der Suche nach Ruhm und Kohle, dass manche im Verbund mit dem neuen Arbeitgeber die Dorffriedhöfe und Taufregister von Venetien bis Kalabrien durchforsteten, in der Hoffnung, Spuren eines italienischen Vorfahren zu finden – und so die ohnehin schon laxe Fremdenordnung des Verbandes mit einem italienischen Pass zu umgehen. (…) Zwar kommen weiter Ausländer nach Italien. Aber das ist nicht der Trend. Der Trend heißt: Flucht aus dem vormals gelobten Land. Die Serie A ist von einer Welle der Emigration erfasst. (…) Nach vielen Pleiten und wenigen internationalen Triumphen denken die Manager des calcio jetzt zuallererst an ihre Bilanzen. Nachdem selbst Großklubs wie Inter die Profis zu freiwilligen Gehaltskürzungen aufgefordert haben, sind nur noch wenige Superstars wie Totti, Del Piero und Schewtschenko echte Top-Verdiener.“

Symbolik

Dirk Schümer (FAZ) deutet den Aufstieg des AS Livorno und dessen politische Begleitumstände: „Während Berlusconis AC Mailand der Tabellenspitze um neun Punkte hinterherhinkt, reiben sich die politischen und sportlichen Gegner die Hände. Livornos Fan-Artikel gehen weg wie einst rote Fahnen zur Maiparade, und in aller Welt sprießen Fanklubs aus dem Boden. Aber was bedeutet in Italien ein ‚kommunistischer’ Verein? Gehört dieser Klub ohne Historie nicht auch einem reichen Geschäftsmann, in diesem Fall dem Reeder und Transportunternehmer Aldo Spinelli, und wird er nicht auch nach kapitalistischen Regeln geführt? Wie so vieles im Land südlicher Leidenschaft ist hier die Symbolik das Entscheidende: In Livorno wurde 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet, und auch nach 1945 bekamen die regierenden Christdemokraten in der zerbombten Hafenstadt gegen die rote Übermacht nie einen Stich. Die Überzeugung der Hafenarbeiter spiegelte sich im Schicksal ihres Vereins, der lange ohne spendierfreudige Mäzene auskommen mußte. 55 Jahre dümpelte man im roten Vereinsdreß in unteren Ligen und stieg erst 2004 wieder einmal in die Serie A auf. Außer dem überaus respektablen achten Tabellenplatz, den man den Namenlosen nicht zugetraut hätte, standen für die glücklichen Genossen Tifosi ein Sieg und ein Unentschieden gegen den Erzrivalen des AC Mailand zu Buche. Und als sich dessen Patron Berlusconi ein paar ausgeraufte Haare wieder einpflanzen ließ und die Wunden mit einem Kopftuch zudeckte, posierten in Livorno plötzlich hunderte Fans mit Piratentuch auf der Tribüne des kleinen Stadio Marassi. (…) Für die Taktik ist Trainer Roberto Donadoni verantwortlich. Ihm müssen die Spottgesänge auf Berlusconi arg in den Ohren tönen, schließlich mehrte er zwölf Jahre lang als Musterprofi unter seinem verehrten Boß beim AC Mailand Geld und sportlichen Ruhm. Wie immer in Italien, dem Land von Don Camillo und Peppone, sind die ideologischen Trennlinien also auch hier verworren.“

FAZ: Revolte in Italien – Streit um Fernsehgeld
FAZ: Berlusconi – der Blutgrätscher

Ball und Buchstabe

Friedensmission

Der FC Bayern muss sich für sein Testspiel im Iran rechtfertigen, viele Redaktionen kritisieren die Bayern wegen dieser Kooperation mit einem anscheinend regimenahen Fußballklub bissig. Uli Hoeneß, der sich gerne als Staatsmann verkaufen möchte („Wir haben 2006 zum Jahr der Kooperation erklärt“), verteidigt das Spiel als Botschaft an das iranische Volk. Warum denn immer von Politik reden, wenn’s doch nur ums Geld geht? Christian Schwager (BLZ) schreibt: „Der Iran hat zwar sein umstrittenes Atomprogramm wieder aufgenommen, zudem fiel Staatspräsident Ahmadinedschad zuletzt durch antisemitische Hetze auf, aber was soll’s – ist ja Politik. Auch wird Hoeneß die sechsstellige Gage vermutlich nur widerwillig einstecken. So dürfen sich die Münchner ganz und gar unschuldig fühlen. Können sie doch nichts dafür, wenn es diese Ignoranten nicht begreifen wollen: dass Fußball und Politik stets strikt zu trennen sind.“ Evi Simeoni (FAZ) fügt an: „Man solle auf dem Teppich bleiben, heißt es, Sport und Politik müsse man trennen können. So, als handelte es sich beim FC Bayern um eine Amateurmannschaft auf Friedensmission und nicht um ein Profit-Unternehmen mit Expansionsdrang nach Asien, das sich ein üppiges Entgelt für seinen Auftritt hat zahlen lassen. So etwas würde die Stiftung Warentest wohl Etikettenschwindel nennen, doch leider reicht ihr langer Arm nicht bis nach Teheran.“

Welt: Spiel mit der Propaganda – Iran nutzt den Besuch des FC Bayern, um seine Atompolitik darzustellen
Tsp: Um die Iran-Reise des FC Bayern gibt es Streit
Uli Hoeneß: „Mit Boykott hat man Probleme noch nie gelöst“, zeit.de

WM 2006

Von Superlativen fernhalten

Mathias Schneider (StZ) hält die Absage der WM-Gala für einen „Offenbarungseid“: „Mit der Streichung der Show geht eine schwarze Woche für den Ausrichter Deutschland zu Ende, nachdem die Stiftung Warentest den WM-Stadien ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hatte. Es bleibt dabei, dass der Ausrichter aus den negativen Schlagzeilen nicht recht herauskommt, nachdem im Dezember die Verbraucherschützer bei der Ticketvergabe Sturm gelaufen waren. Fünf Monate vor dem Start der sollte der Gastgeber Deutschland deshalb schleunigst seine hochtrabenden Erwartungen auf ein realistisches Maß reduzieren. Wie für die Elf von Jürgen Klinsmann kann es für die Veranstalter Fifa und Organisationskomitee seit gestern nur darum gehen, ein Turnier frei von Hiobsbotschaften über die Bühne zu bringen. Von Superlativen aller Art sollten sich die Beteiligten fernhalten.“

Guter Weg

Philipp Selldorf (SZ) hingegen freundet sich mit dem Verzicht schnell an: „Kein Mensch wird dieses überzählige Vorspiel vermissen – es sei denn, er hätte sich damit selbst ins Glanzlicht gesetzt oder als Ausführender ein gutes Honorar verdient. Letzteren gebührt Mitgefühl wegen des Verdienstausfalls, ersteren eine angemessene Menge Schadenfreude. Die dritte Partei sollte man darüber nicht vergessen: Das sind jene Menschen, die eine natürliche Abneigung gegen ein ‚durchkomponiertes Stadionsupereignis’ haben – Hellers Verheißung empfanden sie als Drohung. Das Deutschlandbild, das solcherart vor den Augen der Welt poliert werden sollte, wird durch den Ausfall der Riesengaukelei sicher keinen Schaden erleiden.“ Moritz Schuller (Tsp) begreift es als Gesundschrumpfung: „Von allen schlechten Nachrichten ist die Absage der Gala am leichtesten zu verkraften: Sie stellte vor allem den Versuch der Fifa dar, sich prominent zu präsentieren. (…) Die WM ist dabei, auf ein angemessenes Maß zu schrumpfen. Das ist ein guter Weg.“

SpOn-Interview mit André Heller: „Das wird nicht billig für die Fifa“

Stilempfinden der 50er Jahre

In einem sehr lesenswerten Interview im Tagesspiegel drückt Zeit-Herausgeber Michael Naumann seine Sorge vor 2006 aus: „Ich habe vor diesem Jahr Angst. Ich fürchte, dass diese enorme Kommerzialisierung genauso schrecklich wird wie der WM-Ball: Der ist hässlich wie die Nacht, mit diesem doppelten Nierentisch. Man merkt, im DFB und in der Fifa hat sich seit den 50ern im Stilempfinden nichts verändert. Eigentlich sind das keine Fußballfans, sondern bürgerliche Geschäftsleute mit Goldkettchen am Handgelenk.“

Gelegenheit, den Gästen zu zeigen, wie tolerant wir sind

Das Streiflicht (SZ) erläutert die Internetportale zur privaten Zimmervermittlung: „Die Auswahl auf Brasilianerinnen unter dreißig zu beschränken und englischen Hooligans die Tür zu weisen, läuft dem freundschaftlichen Geist der WM zuwider. Wer die Welt zu sich einlädt, muss jedweden Landsmann willkommen heißen. Auch Engländer. Ebenso klar sollte sein, dass dies auch für Holländer gilt. Wer eine wirklich aufregende WM erleben möchte, ist gut beraten, sich einen niederländischen Fan ins Haus zu holen, sofern es einen gibt, der mangels Wohnwagen eine Unterkunft benötigt. Wie man hört, werden sie leicht zu erkennen sein: Sie tragen einen orangefarbenen Plastikhelm, der exakt so geformt ist wie die Helme der deutschen Wehrmacht. Das Stück kostet 4,95 Euro, mehr als 20.000 sind bereits verkauft. Es wäre jedoch verfehlt, würden deutsche Gastgeber zum gemeinsamen Fußballabend Opas Stahlhelm hervorkramen, um der holländischen Kopfbedeckung etwas Passendes entgegenzusetzen. Nein, dies ist eine Gelegenheit, den Gästen zu zeigen, wie tolerant wir sind. Deshalb empfiehlt es sich, ihr Bett auf möglichst anspruchsvolle Weise zu beziehen: mit der original Oliver-Kahn-Fan-Bettwäsche samt lebensgroßem Porträt.“

FR: Wie Jack Warner in seiner ehrenwerten Funktion als Vizepräsident des Weltverbandes Fifa am WM-Kartenkontingent von Trinidad und Tobago kräftig mitverdient

Wir sind keine Anfänger

Werner Brinkmann, Vorstand der Stiftung Warentest, im FR-Interview
FR: Der nordrhein-westfälische Bauminister Oliver Wittke wirft Stiftung Warentest Boulevardjournalismus vor und bezeichnet die Untersuchung als oberflächlich. Was entgegnen Sie ihm?
Brinkmann: Wer den Bericht liest, erkennt, dass der Vorwurf unsinnig ist. Beim Vorwurf der Oberflächlichkeit wird nur übernommen, was uns einige betroffene Stadionbetreiber vorwerfen: Da wird behauptet, die Untersuchung in den Stadien habe jeweils nur drei bis vier Stunden gedauert.
FR: Wie lange hat sie denn gedauert?
Brinkmann: Mindestens sechs, teilweise auch acht Stunden – und es waren jeweils zwei Leute vor Ort. Da kann man sich schon eine Menge anschauen und ein Bild machen.
FR: Durch welche Kompetenz zeichnen sich denn die Gutachter aus?
Brinkmann: Die Gutachter sind spezialisiert auf komplexe Bauten wie Fußball-Stadien.
FR: Fußball-Stadien sind was anderes als Bügeleisen oder Haarshampoo. Ist das nicht eine Nummer zu groß für Stiftung Warentest?
Brinkmann: Wir sind auf diesem Gebiet keine Anfänger. Das ist nicht der erste, sondern bereits der dritte Test von Fußball-Arenen. Im Übrigen haben wir auch schon die Sicherheit von Flughäfen getestet oder Bahnhöfe untersucht. Und wir haben eigene Prüfverfahren entwickelt.
FR: Warum haben Sie die Fußball-Stadien ausgerechnet jetzt – wenige Monate vor der Weltmeisterschaft unter die Lupe genommen?
Brinkmann: Als Tester kommt man für den Untersuchten mit seinen Ergebnissen nie zum richtigen Zeitpunkt heraus.

FAZ: Schlechte Noten für die Warentester

Ein weites Feld

Martin Böttger (Freitag) erörtert den Vorschlag Daniel Conh-Bendits, den Iran von der WM auszuschließen: „Es ist fraglich, ob ein WM-Ausschluss ein richtiges Zeichen setzen würde. Zum einen wird der Fußballexperte Cohn-Bendit wissen, dass Fußball in den vergangenen Jahren in Iran ein emanzipatorischer Faktor war. Er erlaubte der iranischen Bevölkerung in unerlaubter Weise zu feiern, Frauen verschafften sich Zutritt zu den Stadien. Es gab keine Gläubigen und Ungläubigen, sondern nur Fußballfans, die unter den Augen der geschockten Revolutionswächter auf der Straße ausgelassen feiern durften. Es war noch zur Regierungszeit des Präsidenten Khatami, als die deutsche Mannschaft im Sommer 2004 zur allgemeinen Begeisterung der einheimischen Bevölkerung in Teheran gastierte. Und Bundestrainer Klinsmann sorgte dafür, dass seine Spieler sich nicht nur auf das Spiel, sondern auch auf das gastgebende Volk und seine Lebenslage vorbereiteten, wie es ein guter Außenminister nicht besser hätte dirigieren können. Zum andern würde ein iranischer WM-Ausschluss ein weites Feld öffnen: Wie sieht es mit der politischen Führung der anderen 31 Teilnehmerländer aus? Hier wäre zuvörderst die Elfenbeinküste in den Blick zu nehmen. Dort tobt seit 2002 ein Bürgerkrieg mit allen politischen Ingredienzien für ein ‚zweites Ruanda’ (dort kamen 1994 in hundert Tagen rund 800.000 Menschen durch einen organisierten Völkermord ums Leben). So wie damals in Ruanda schürt der ivorische Präsident Gbagbo rassistisch und religiös aufgeladene Auseinandersetzungen. (…) Es ist aber auch eine andere Variante denkbar: Wie in Iran könnte ein starker Auftritt der Mannschaft das Klima im eigenen Land positiv ändern. (…) Dass nicht nur Verbrecher und Mörder in so mancher Regierung und so mancher ‚Rebellentruppe’ agieren, sondern dass auch Strippen gezogen werden, von US-amerikanischen, französischen, chinesischen und ja, auch deutschen Rohstoffinteressenten, denen ein paar tausend massakrierte Schwarze so egal sind, dass man sich unvermittelt fragt, wer hier eigentlich wirklich von einer WM ausgeschlossen werden müsste. Auf jeden Fall etliche Inhaber der VIP-Plätze.“

Ascheplatz

Ohnmacht

Wie soll das neue Fernsehgeld verteilt werden? Thorsten Jungholt (Welt) hält den Gehalt von Bruchhagens Aussage für richtig, aber nicht den Ton: „Es ist Bruchhagens Verdienst, daß er der in der Vergangenheit oft schweigenden Mehrheit der kleinen Klubs eine Stimme verleiht. Denn mit der Sorge, daß die Liga in Zukunft von einem elitären Zirkel dominiert und dadurch langweilig wird, steht er keineswegs allein. Bruchhagens Vorwurf, der komplette Ligavorstand sei von Rummenigge dominiert, war allerdings überzogen. Er ist Ausdruck einer von den Unterprivilegierten selbst verschuldeten Ohnmacht. Die Kleinen haben es bislang versäumt, ihre Mehrheit bei Entscheidungen auch in Stimmen umzumünzen. Rummenigges Reaktion, zum x-ten Mal mit dem Ausstieg der Bayern aus der Zentralvermarktung zu drohen, war genau so wenig hilfreich und schürt diese Ohnmacht nur. Die Lösung liegt nicht in Kraftmeierei, sondern im Kompromiß. Bislang wurde der stets gefunden, und die Liga ist damit nicht schlecht gefahren. Denn im Vergleich mit anderen europäischen Ligen funktioniert die deutsche noch immer am besten.“

Sinnvolle Lösungsansätze

Roland Zorn (FAZ) begrüßt den Abschied vom Konsens: „Von außen muten die Hahnenkämpfe der Liga-Spitzen kindisch an, betrachtet man lediglich deren Form. Inhaltlich hat Bruchhagen mit dem Mut des Einzelkämpfers Themen angesprochen, die vielen am Herzen liegen: Wie ist es angesichts der unverkennbaren Bayern-Dominanz um den Wettbewerb in der Bundesliga bestellt? Muß der Krösus bei der Neuverteilung der Fernsehgelder partout am meisten profitieren? Ist eine Deckelung der Kader angesichts der grenzenlosen Öffnung des Spielermarkts gerade angesichts der parallel eingeführten ‚Local Player’-Regelung unumgänglich? Wer das mimosenhafte Wehklagen persönlich beleidigter Funktionäre ignoriert, erkennt in diesen stürmischen Tagen einer endlich mal wieder streitig geführten Debatte sinnvolle Lösungsansätze.“ Für Jan Christian Müller (FR) ist Bruchhagen „Robin Hood ohne Bande“: „Den FC Bayern zu vergrätzen, kann sich in der Bundesliga niemand leisten, denn er ist der Dukatenesel der gesamten Branche. Bruchhagens Kampf gegen das Establishment ist vielleicht mutig, auf alle Fälle aber aussichtslos und möglicherweise sogar gefährlich. Denn wenn die Bayern ihre seit Jahren in der Endlosschleife befindlichen Drohungen eines Tages wahrmachen würden und verärgert aus der Gesamtvermarktung der Fernsehrechte ausstiegen, wäre der Rest nur noch die Hälfte wert. Dann könnte der Branchenführer aus München seinen Profis nicht nur, wie derzeit, rund 50 Prozent mehr zahlen als die nächstbesseren Teams den ihren, sondern das Drei-, Vier- und Fünffache. Und dann wäre die Meisterschaft noch viel, viel langweiliger.“

Bruchhagen wird Rummenigge mit der harten Kritik nicht gerecht

Wolfgang Holzhäuser im Interview mit Jan Christian Müller (FR)
FR: Ihre Kollegen Bruchhagen und Rummenigge streiten sich heftig. Bruchhagen wirft Ihnen und Ihren Kollegen im Vorstand des Ligaverbandes vor, als ‚Kommission Rummenigge’ bloß noch braver Erfüllungsgehilfe Rummenigges zu sein. Hat er recht?
Holzhäuser: Mit Sicherheit nicht. Unsere Aufgabe besteht nun einmal darin, trotz teilweise diametral gegenüberstehender Interessen der 36 Lizenzvereine einen Kompromiss zu finden. Wir haben uns darauf geeinigt, dass kein Verein weniger erhält als beim alten Verteilungsmodell der Fernsehgelder und dass jeder Verein von dem, was mehr reinkommt auch etwas abbekommen muss, dass aber der Leistung in Zukunft mehr Rechnung getragen werden soll.
FR: Das heißt, dass die Bayern von der Verteilung künftig mehr profitieren werden als alle anderen Klubs. Ist Bruchhagens Kritik deshalb nicht berechtigt?
Holzhäuser: Ich weiß nicht, was ihn manchmal so treibt. Er schießt bisweilen über das Ziel hinaus. Es ist nun einmal so, dass man in einem Gebilde von 36 Mitgliederklubs möglicherweise 36 verschiedene Auffassungen hat. Da ist es nicht leicht, immer den Ausgleich zu finden. Wir haben im Vorstand immer einen Konsens gefunden. Den hat Rummenigge immer mitgetragen.
FR: Rummenigge formuliert aber in der Öffentlichkeit oft sehr hart und droht mit Alleingängen der Bayern.
Holzhäuser: Ich kann Ihnen versichern, dass man Rummenigge mit der harten Kritik nicht gerecht wird. Wer es noch nicht verstanden hat: Das Vorstandsmandat kann in der Liga nur ausüben, wer bereit ist, sich von den persönlichen Interessen des eigenen Vereins loszulösen und sich den Interessen der gesamten Gruppe zu unterwerfen. Ich finde es deshalb unglücklich, in der Öffentlichkeit so stark zu polarisieren.
FR: Ist die Befürchtung von Bruchhagen nicht berechtigt, dass die Schere immer weiter auseinander geht? Die umsatzstärksten Klubs, Ausnahme Leverkusen und Wolfsburg, standen schon nach drei Spieltagen vorne, die Kirchenmäuse unten drin. Bruchhagen sorgt sich um einen spannenden Wettbewerb.
Holzhäuser: Wir haben derzeit drei Vereine, die sehr stabil spielen: Bayern, Werder und der HSV. Wir hatten schon Spielzeiten, in denen Bayern München ganz alleine vorne war. Das ist doch nicht neu. Bruchhagen weiß es doch selbst als ehemaliger DFL-Geschäftsführer: Die Liga ist bei ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass ein signifikantes Auseinanderdriften auf den ersten zehn Plätzen nicht festzustellen ist. (…)
FR: Wenn die Bayern und andere Spitzenklubs aus den zusätzlichen TV-Geldern von 120 Millionen Euro überdimensional profitieren, ist das Ihrer Meinung nach keine zusätzliche Wettbewerbsverzerrung?
Holzhäuser: Wenn wir von Wettbewerbsverzerrung reden, dann müssen wir auch fragen, ob es richtig ist, dass in Berlin der Umbau des Olympiastadions mit 250 Millionen Euro von der öffentlichen Hand finanziert wurde. Oder ob es richtig ist, dass in Frankfurt viel, viel Geld für das neue Stadion ausgegeben wurde und keiner wusste, wer es betreibt – und Eintracht Frankfurt kann dieses schöne Stadion jetzt nutzen, zugegeben gegen Mietzahlung. Frankfurt ist durchaus in der Lage, mit einem von Gottes Hand hingestellten Stadion, mit einer sehr vernünftigen Politik, die Eintracht Frankfurt auch mit Hilfe von Bayer Leverkusen, das Spieler zu sehr günstigen Konditionen an die Eintracht abgegeben hat, vorne mitspielen kann.
FR: Die Ausländerregelung, wonach es keine Beschränkungen mehr gibt, zwar künftig eine bestimmte Anzahl von eigenen Talenten im Kader stehen müssen, der Kader aber uneingeschränkt groß sein kann, ist von Heribert Bruchhagen kritisiert worden. Auch Oliver Bierhoff hat die neue Regelung als ‚Witz’ bezeichnet…
Holzhäuser:… ich schätze den guten Herrn Bierhoff zwar grundsätzlich und habe auch viele Sympathien, wie in der Nationalmannschaft das Teambuilding betrieben wird, aber ich wundere mich doch über diese sehr überzogene Formulierung. Für einen Witz halte ich es vielmehr, dass Bierhoff in seinem Büro am Starnberger See sitzt – obwohl er in der Zentrale des DFB in Frankfurt auch ein Büro hat – und von dort aus die Diskussion in der Liga kommentiert. Wir unterstützen die Nationalmannschaft, wo wir können, aber er sollte bitte daran denken, dass die Liga nicht primär daran interessiert ist, Nationalspieler auszubilden, sondern dass jeder Verein für sich die beste Mannschaft auf den Platz bringen will.

Nur in der perfekten Welt sind die Kleinen und Großen einer Meinung

Klaus Allofs im Interview mit Axel Kintzinger (FTD): „Ich bin nicht so pessimistisch wie Bruchhagen. Aber ich kann sein Anliegen verstehen. Nur in der perfekten Welt sind die Kleinen und Großen einer Meinung. Die Bayern sind natürlich bemüht, den Abstand zu den anderen europäischen Klubs, der ja besteht, nicht größer werden zu lassen. Die Kleinen wollen den Abstand zu den Großen der Liga nicht größer werden lassen. Da muss man eine Lösung finden, auch wenn am Ende beide nicht restlos zufrieden sind. Ohne überheblich zu sein: Wir zählen uns schon zu den sportlichen Großen. Daher unterstützen wir den Vorschlag, die Verteilung des TV-Geldes stärker nach den Erfolgen in der Bundesliga vorzunehmen. Wenn es bei dem Grundsatz bleibt, dass keiner weniger bekommt und alle mehr, dann ist das eine positive Sache.“

FR: Zoff um Bruchhagen

Chance

Christian Hönicke (Tsp) lehnt eine Ausländerbeschränkung in der Bundesliga ab: „Besser – und mithin auch für die Vereine interessanter und deswegen realistischer – ist der Vorschlag, den Klubs ein paar Millionen mehr zukommen zu lassen, die sich dadurch hervortun, dass sie deutsche Talente nicht nur auf die Bank, sondern auch vermehrt aufs Spielfeld schicken. Anreiz statt Zwang – so fühlt sich kein Fußball-Manager gegängelt und kann die bisher unattraktive Nachwuchsstrategie über Zusatzeinnahmen abfedern und vielleicht sogar als Einnahmequelle etablieren. Nein, deutsche Spieler brauchen keinen Artenschutz. Sie brauchen nur Vereine, die ihnen eine Chance zur Entwicklung geben.“

Mittwoch, 11. Januar 2006

Interview

Zwei Interviews: Heribert Bruchhagen und Uli Hoeneß

Zwei bemerkenswerte Interviews: 1. Heribert Bruchhagen behält seinen Mut und verlangt in der FAZ von der DFL, das neue Fernsehgeld nicht nur den Bayern, sondern auch dem Rest aus den zwei Bundesligen, den „Kleinen“ (der „K 35“?), zukommen zu lassen. Bruchhagen sorgt sich um Spannung und Ausgeglichenheit der Liga – eine wahrlich berechtigte Sorge. Den Bayern gefällt das gar nicht, Karl-Heinz Rummenigge, dieser Ehren-Hans, fordert Satisfaktion und, das muss man sich mal vorstellen, eine öffentliche Entschuldigung von Bruchhagen für den harmlosen Satz: „Die Bundesliga wird nur noch vom Gedankengut von Rummenigge getragen, die DFL ist nur Erfüllungsgehilfe für ihn.“ 2. Uli Hoeneß, diese Tugendgans, erteilt in großkoalitionärer Stimmung gönnerhaft seinen Segen: der Nationalmannschaft und der neuen Bundesregierung. Wieder mal ein Beispiel dafür, wie sich ein Fußballkarrierist in der Schublade vergreift.

Für jeden, der hochkommt, muß einer runtergehen

Heribert Bruchhagen im Interview mit Roland Zorn (FAZ)
FAZ: Sehen Sie auf Dauer die Gefahr, daß der Wettbewerb innerhalb der Klassengesellschaft Bundesliga nachhaltig leiden könnte?
Bruchhagen: Früher konnte sich in der Bundesliga auch mal etwas von oben nach unten oder von unten nach oben verschieben. Das ist längst vorbei. Nach drei Spieltagen dieser Saison standen die sieben Kandidaten, die nach unten gehören, schon fest – und die sieben, die nach oben gehören, genauso. Vielleicht ist der HSV in dieser Saison noch ein positiver Zufallstreffer. Doch ansonsten ist die Musik doch längst endgültig gespielt. Der Wettbewerb in der Liga wird zukünftig gegen Null gehen. Ich sage voraus, daß Bayern in den nächsten 20 Jahren sechzehnmal deutscher Meister wird.
FAZ: Welche Chance hat denn Frankfurter Eintracht noch, in den Kreis der Großen, zu denen der Klub früher gehörte, zurückzukehren?
Bruchhagen: Keine mehr. Aber wir haben eine riesige Chance, im Mittelfeld zementiert zu werden.
FAZ: Das sind ja großartige Aussichten für den Fan, dem Sie doch immer wieder neue sportliche Ziele vor Augen halten möchten.
Bruchhagen: Natürlich sind das nicht die schönsten Perspektiven, aber letztlich mußt du wahrhaftig bleiben. Bist du es nicht, werden die Ziele viel zu hoch geschraubt, so daß sie gar nicht mehr zu erfüllen sind. Dann kommt es eben zu acht Trainerentlassungen wie in dieser ersten Halbserie. Da werden Erwartungen gegaukelt, die nicht einzulösen sind. In der Autoindustrie können zyklisch alle Unternehmen ähnlich erfolgreich sein; im Fußball geht das nicht. Da ist die Gesetzmäßigkeit ganz einfach: Für jeden, der hochkommt, muß einer runtergehen.
FAZ: Kein bißchen Konkurrenz mehr also für die Bayern?
Bruchhagen: Es wird immer auch andere Klubs als die Bayern geben, die sich um die deutsche Meisterschaft bemühen und dieses Ziel ausgeben. Haben sie Pech, siehe Borussia Dortmund, holen sie sich dabei den Strick.
FAZ: Warum schafft es Werder Bremen trotzdem, zumindest auf Sichtweite zu den Bayern zu bleiben, ohne die Grenzen des finanziell Vertretbaren zu überschreiten?
Bruchhagen: Weil der Verein in Klaus Allofs einen überragenden sportlichen Manager hat. Wenn die aber mal eine Krise haben sollten, kommen sie aus der auch nicht mehr heraus.
FAZ: Daß drei Klubs mit gerade noch zwölf Punkten das Tabellenende nach der ersten Halbserie bilden, ist unter dem Eindruck der klar definierten Verhältnisse dann wohl auch bezeichnend?
Bruchhagen: Alles ist klar und voraussehbar. Die Kleinen gewinnen nicht mehr gegen die Großen, sieht man mal von dem Kölner Auswärtssieg in Stuttgart ab. Andersherum gewinnt Bayern von 17 Spielen 13. Wo soll da noch ein Wettbewerb sein?
FAZ: Was wäre gegen diese Entwicklung zu tun?
Bruchhagen: Man könnte zum Beispiel die Fernsehgelder anders verteilen. Rummenigge argumentiert immer, daß Juventus Turin im Vergleich zu den Bayern etwa das Zehnfache aus den Erlösen der Serie A bekomme. Er argumentiert aber nicht damit, daß Bayern mit Adidas einen Sondervertrag hat, daß die Bayern Bandenwerbungseinnahmen haben, die Juve nicht hat, daß sie Sponsorengelder bekommen, die Juventus nicht bekommt. All das lassen sie gern unter den Tisch fallen. Von Bayern wird auch so gut wie jedes Pokalspiel im Fernsehen übertragen, wofür es auch wieder Geld gibt. All das unterschlägt Rummenigge bei seiner Betrachtungsweise.

Rummenigge: „Bruchhagen beleidigt die DFL und Bayern” (FAZ)

Wir haben das Jahr 2006 zum Jahr der Kooperation erklärt

Uli Hoeneß im Interview mit Klaus Hoeltzenbein und Philipp Selldorf (SZ)
SZ: Ein Exkurs zu Frau Merkel: Die Bundeskanzlerin arbeitet an blühenden Landschaften. Können Sie helfen?
Hoeneß: Ich habe gelesen, sie sei ein Fußball-Fan und sehe gern den FC Bayern. Da hat sie ja ein wunderbares Beispiel, wie man über vier Jahre diese blühenden Landschaften zusammenbasteln kann. Wir wären gerne bereit, ihr bei einem Abendessen zu erklären, wie wir das hier gemacht haben. Vor allem weil ich ihre bisherige Arbeit sehr schätze.
SZ: Sie sollten Sie zu Ihrem Führungskräfteseminar einladen.
Hoeneß: Noch lieber würde ich mich mit Herrn Müntefering treffen. Der macht mir am meisten Spaß. Das ist so ein Typ mit Haken und Ösen, und er ist mit Herz bei der Sache. Der gefällt mir im Moment von allen Politikern am besten.
SZ: Franz Müntefering hat Ihren Lieblingspolitiker Joschka Fischer abgelöst?
Hoeneß: Nee, Fischer wird immer mein Liebling bleiben. Aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich sehe: Müntefering, Steinbrück, der wird ein guter Finanzminister sein – Eichel konnte gar nichts. Wir haben jetzt eine Regierung, die in der Lage sein wird, ihre Chancen zu nutzen. Aus einem katastrophalen Zustand nach der Wahl ist der kleinste gemeinsame Nenner geworden.
SZ: Sie haben doch nicht etwa anders gewählt als sonst? Warum schwärmt der bekennende CSUler für SPD-Personal?
Hoeneß: Der beste Mann am besten Ort. Das müssen wir lernen, dass nicht die Partei entscheidend ist, sondern die Persönlichkeit. Auch Gerhard Schröder ist jetzt am richtigen Platz, ich finde es unmöglich, dass er als Aufsichtsrat bei Gazprom so sehr kritisiert wird. Einfach nur Neidkultur. Mir ist es doch lieber, unseren ehemaligen Kanzler an dieser wichtigen Stelle zu wissen. Dazu nur der alte Spruch aus Österreich: ‚Lass andere Kriege führen – du, glückliches Österreich, heirate! Tu, felix Austria, nube.’
SZ: Im politischen Herbst, kurz nach der Wahl, hatten Sie den Zustand des Landes mit dem der Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann verglichen – und ihn als katastrophal bezeichnet. Hat sich da ihr Urteil ähnlich gewandelt?
Hoeneß: Ich hab’ beschrieben, was ich sah, und da konnte mir keiner widersprechen, der die Spiele gegen Holland, die Slowakei, die Türkei oder China gesehen hatte. Ich halte nichts davon, den Mantel der Nächstenliebe über alles zu decken.
SZ: Das Gewitter hat gereinigt?
Hoeneß: Ich maße mir jetzt nicht an, dass ich mit meiner Kritik was bewirkt hätte. Jetzt sollten wir Gas geben: Der Bundestrainer hat unsere volle Unterstützung! Wir werden alles einbringen, was der FC Bayern zur Verfügung hat, um Deutschland zu helfen. Und ich hoffe, dass wir gemeinsam Erfolg haben, denn ein Erfolg der Nationalmannschaft färbt auf Bayern München.
SZ: Ist diese Linie mit Felix Magath abgestimmt? Ihr Trainer hat ja oft sehr eigenwillige Kommentare zur Arbeit von Jürgen Klinsmann abgegeben.
Hoeneß: Wir haben das Jahr 2006 zum Jahr der Kooperation erklärt, und nicht der Konfrontation.

FR: Warum es für Halil Altintop gar keine andere Wahl gibt, als zum FC Schalke zu gehen

FAZ: Julio dos Santos, einer wie Ballack – beim ersten Blick

FAZ: Ailton – „Schön, erstes Spiel 2006, Werder müde, drei Tore”

Internationaler Fußball

Aktuelle Links

FTD: Das verdächtige Engagement des französisch-russischen Multimillionärs Alexandre Gaydamak in Portsmouth

BLZ: FA Cup, Manchester United blamiert sich beim Amateurklub FC Burton Albion
FAZ: Manchester United droht der wirtschaftliche Abstieg

NZZ: Rückkehr von Adrian Mutu – vom Kokainsüchtigen zum Star in Turin

taz-Interview mit dem brasilianischen Fußballexperte Juca Kfouri über das Ausbluten der nationalen Fußball-Liga, den Weggang vieler Talente nach Europa, korrupte Vereinsbosse und das Ansehen der Seleção

NZZ: Fussballer in Lebensgefahr – Mordwelle in Kolumbien

WM 2006

Dünnes Nervenkostüm

Neuer Streit: Das „Land der vielen Pannen“ – die Berliner Zeitung variiert den WM-Slogan, nachdem die Stiftung Warentest acht von zwölf WM-Stadien erhebliche oder deutliche Mängel bescheinigt hat. In den Mittelpunkt ihrer Kommentare ziehen die Autoren die beleidigten Reaktionen des Organisationskomitees, allen voran Franz Beckenbauers, der sich zu der Bemerkung herablässt, die Stiftung solle sich um „Gesichtscreme und Staubsauger“ kümmern. Michael Horeni (FAZ) empfiehlt ihm mehr Gelassenheit und verweist auf die deutsche Staatsform: „Die erste Reaktion des ersten Verantwortlichen im Fußball-Land war von nur schwer unterdrücktem kaiserlichen Zorn und majestätischem Unverständnis geprägt. Mit der bisherigen plumpen Strategie, unliebsame und unabhängige Kritiker als vaterlandslose Gesellen hinzustellen, die es wagen, am deutschen Fußball-Heiligtum zu kratzen, kommen die WM-Organisatoren indes nicht weit. Unfehlbarkeit und sportpolitische Immunität gehören, das scheinen die Organisatoren allmählich zu begreifen, noch nicht zur Grundausstattung ihres Amts. Die WM, auf die sich weiterhin Millionen Deutsche riesig freuen, findet nun mal in einem demokratischen Land mit unterschiedlichen Interessen statt. An den Auseinandersetzungen der vergangenen Monate zeigt sich, daß die naive Hoffnung, aus den Deutschen schon Monate vor der Eröffnung ein einzig Land aus schwarz-rotgoldenen Fähnchenschwenkern zu machen, nicht bis zum 9. Juni tragen wird. Es gibt trotz WM-Vorfreude noch keine Fußball- oder gar Staatsräson, die eine kritische Sicht auf die Arbeit der Organisatoren verböte.“

Die SZ ergänzt: „Mit dieser Tirade hat der zuletzt immer diplomatisch formulierende Präsident des OK einen Rückfall erlitten in alte Zeiten der tollwütigen Beckenbauer-Rhetorik, die keine Peinlichkeitsschranke kennt.“ Stefan Osterhaus (NZZ) fügt an: „Dünn scheint es geworden zu sein, das Nervenkostüm im deutschen WM-OK. Ein Schlagwort jenseits einer Laudatio genügt schon, ein kritischer Einwurf allein reicht aus, um eine massive Welle von Anschuldigungen und Polemiken zu provozieren.“ Matti Lieske (BLZ) stößt auf Beton: „Deutschen Stadionbauern geht es offenbar wie dem deutschen Fußball, der neue taktische Entwicklungen ja auch erst zehn Jahre später mitbekam. Sogar die Reaktionen ähneln sich. Entweder abstreiten, dass ein Defizit besteht, oder beleidigt sein und sagen: Diesen neumodischen Kram brauchen wir nicht, wir wissen selber am besten, was wir zu tun haben.“

Überzeichnet

Die Stiftung wird von vielen Redaktionen dafür kritisiert, dass sie zu laut und zu triumphal ihr Ergebnis vorgestellt hat. Philipp Selldorf (SZ) schreibt: „Es war schlechter Stil, dass die Stiftung vergangene Woche triumphierend erklärte, sie habe in den Stadien ‚beträchtliche Mängel’ mit womöglich ‚verheerenden Folgen’ entdeckt – Aufklärung über die Einzelheiten aber erst auf der Pressekonferenz in 14 Tagen versprach. Das wirkte, als habe die Marketingabteilung Regie geführt. Menschlich ist Beckenbauers Ausbruch im übrigen verständlich, sein Leben als oberster WM-Verantwortlicher befindet sich seit langem im Ausnahmezustand.“ Frank Hellmann (FR) fürchtet, dass das eigentliche Thema, die Sicherheit der Zuschauer, durch den Streit vergessen wird: „Die Stiftung Warentest hat mit der voreiligen Ankündigung ihrer Studie überzeichnet, mancher der ‚Mängel’ wirkte bei der Veröffentlichung arg übertrieben. Und dennoch verdient das Thema eine gewisse Sensibilität, dient doch die Historie als ausreichende Warnung und gibt Panikforschern wie Physikprofessoren das Recht, ihre Besorgnis um die Sicherheit der WM zu äußern: Weltweit beklagt der Fußball in den Stadien seit dem zweiten Weltkrieg mehr als 60 schwere Unfälle mit 1500 Toten. Viel zu viel für die schönste Nebensache der Welt.“

Schnell nachbessern

Robert Ide (Tsp) versachlicht die Diskussion: „Die Arenen werden kompakter, die Tribünen steiler, die Treppen enger – so soll der Rasen zur Theaterbühne werden. Für einen spektakulären Eindruck sind jedoch zu viele Sicherheitsstandards vernachlässigt worden. Natürlich ist es ein Fortschritt, dass die Zäune zum Spielfeld abmontiert wurden. In ihrer panischen Angst vor Flitzern, die auf den Platz laufen, haben die Planer aber neue Barrieren errichtet oder alte nicht entfernt. Nach dem internen Pflichtenheft der Fifa soll die erste Tribünenreihe so angehoben sein, dass eine Überwindung ‚unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich’ ist. Das Dumme ist nur, dass Fans, wenn sie in Panik geraten – das kann in Zeiten der Terrorangst schon durch einen dummen Zufall oder ein böses Gerücht geschehen – die Tribünen hinunter auf den Rasen flüchten, nicht die Tribünen hinauf zu den Notausgängen. Die Grundsatzfrage lautet deshalb: Ist es wichtiger, das Spiel auf dem Rasen zu schützen als die Zuschauer auf den Rängen? Im Streit um einen WM-Einsatz der Bundeswehr haben Organisatoren und Ordnungskräfte die deutschen Stadien zu den sichersten Orten der Welt erklärt. Was die äußeren Kontrollen betrifft, ist diese Feststellung immer noch richtig. Was die innere Sicherheit der Arenen betrifft, sollten die Organisatoren neu nachdenken und schnell nachbessern anstatt Witze zu machen.“

Architekt und Stadionbauer Bernd Rauch (SZ) kritisiert die Deutlichkeit der Stiftung-Thesen: „Ich finde es, vornehm gesagt, bemerkenswert, dass sich eine Institution wie die Stiftung Warentest mit einer so komplexen Aufgabe befasst. Die Stiftung hat zweifellos große Verdienste bei der Beurteilung von Produkten – aber ich sagen Ihnen auch: Ich bin jetzt dreißig Jahre in diesem Geschäft, und ich weiß wirklich, wie schwierig es ist, Sicherheit in den Stadien zu organisieren. (…) Die Flucht auf das Spielfeld wird in manchen Stadien ganz bewusst nicht angestrebt. Fifa oder Uefa wollen diese so genannte Entfluchtung nach innen im übrigen gar nicht. Es gibt da längst andere Modelle. Verschiedene Stadien haben eben verschiedene Ansätze, man kann da nicht einfach hergehen und irgendein Kriterium überprüfen. (…) Wenn Mängel vorliegen, dann muss man sie ansprechen – aber doch bitte nicht so selbstdarstellerisch. Das wundert mich schon, denn das hat die Stiftung Warentest doch eigentlich gar nicht nötig.

Dossier, faz.net
BLZ/Hintergrund: Krähen auf dem Dach – die traurige Geschichte der deutschen Stadien
BLZ: Chronik der Mängel: Korruption, Insolvenz, bröckelnder Putz, wacklige Tribünen, undichte Dächer, Bauschäden, Sicherheitslücken

Freitag, 6. Januar 2006

Internationaler Fußball

Ein bisschen Rumgefummel, null Penetration

Arsenal und Manchester spielen gegeneinander – Raphael Honigstein (taz) vermisst vieles, etwa ein Tor: „Die Problem beider Mannschaften sind hausgemacht, Chelseas Überlegenheit akzentuiert sie nur. Besonders im defensiven Mittelfeld sind die Teams durchschnittlich besetzt. Fábregas und Gilberto gegen O‘Shea und Fletcher – das war ein Kampf der fußballerischen Leichtgewichte, zweier englischer Spitzenmannschaften unwürdig. Der doppelt abgesicherte Alexander Hleb machte zwar seine bisher beste Partie auf der Insel, doch auch er zeigte letztlich jenes Arsenal-typische Spiel, das der Times-Kolumnist Hugh McIlvanney einst als ‚Eunuchenfußball’ verhöhnte: ein bisschen Rumgefummel, null Penetration. Die Impotenz im Strafraum ist eine Konstante dieser Saison.“

Am Grünen Tisch

Stimmig und schlüssig

Roland Zorn (FAZ) kommentiert die „Local Player“-Regelung der Bundesliga: „Begrenzungen im Zeichen der Globalisierung des täglichen Lebens sind Sperrgut und damit auch auf den Profifußballplätzen Deutschlands reif zum Abtransport. Statt dessen eingeführte Binnenquoten sind zumindest diskutabel und nicht selbstverständlich ein übergeordnetes Argument zum Schutz gegenüber den Einflüssen von außen. Was die Bundesliga beschlossen hat, mutet indes alles in allem stimmig und schlüssig an. (…) Die nun beschlossene Harmonisierung ist sowohl mit dem Blick auf das europäische Ausland und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit als auch auf die Zahl der bisher unterschiedlich quotierten Wettbewerbe wie auf die Förderung des eigenen Nachwuchses sinnvoll. Der ‚Local Player’ ist eine neue Referenzgröße im spagatartigen Bemühen der Verbände und Klubs, sich sowohl als Wirtschaftsunternehmen wie als Ausbildungsbetrieb zeitgemäß zu präsentieren.“ Andreas Lesch (BLZ) stößt sich an Heribert Bruchhagens Kritik: „Die Debatte offenbart wieder einmal den beengten Blickwinkel der Kickerbranche. Es geht in der Frage, wie viele Nicht-EU-Ausländer ein Klub anstellen darf, weniger darum, wem was nützt. Vielmehr dreht sich diese Frage darum, wie modern der Fußball sein soll, wie sehr er sich der Gesellschaft anpassen will, in der er spielt. Längst kann kaum einer mehr die Frage beantworten, wo Europa aufhört. Die Grenzen sind verschwommen, die EU wächst und wächst, und das in einer ohnehin rundum globalisierten Welt. Es passte nicht mehr in die Zeit, dass es im deutschen Fußball eine Ausnahmeregelung gab. Dass er künstliche Grenzen zog und sich eine eigene kleine Welt schuf, mit eigenen kleinen Gesetzen.“

FR: Bruchhagen rüffelt DFL: „Erfüllungsgehilfe der Bayern“
Hintergrund, FAZ

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