Samstag, 26. November 2005
Bundesliga
Schalke kauft Stars, Bremen baut die Mannschaft erfolgreich um
Fabian Ernst und die anderen Spieler, die in den letzten Jahren von Bremen nach Schalke gewechselt sind, müssen sich heute von drei großen deutschen Zeitungen ein „Ätsch“ anhören. „Von Bremen nach Schalke: die Sackgasse der Stars“, schreibt ungewohnt schneidend die FAZ, „Schalke hechelt Bremen hinterher“, stellt die Welt genüsslich fest. Wärt Ihr doch in Bremen geblieben!, ruft Richard Leipold (FAZ): „Verantwortliche wie Spieler des FC Schalke betonen gern, nicht das Geld, sondern die sportliche Perspektive gäben den Ausschlag. In Gelsenkirchen seien die Ansprüche höher, das sei ein Grund gewesen, ins Ruhrgebiet zu gehen, sagt Fabian Ernst. Kaum eingetroffen, mußte er feststellen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit, wie weit Geld und Glück voneinander entfernt sein können. So war es schon Frank Rost, Mladen Krstajic und Ailton ergangen. Alle drei hatten sich in den vergangenen Jahren auf den Weg nach Westen gemacht – voller Illusionen oder doch bloß des geldwerten Vorteils wegen? Schalke erhebt den Anspruch, Bayern München zu jagen, Werder Bremen aber ist die einzige Mannschaft, die diesem Anspruch im ersten Drittel der Saison gerecht zu werden vermochte. (…) Mit einem Sieg können die Schalker fürs erste ihr Einkaufssystem rechtfertigen und den für sie ernüchternden Zwischenstand korrigieren: Schalke kauft Stars, Bremen baut die Mannschaft erfolgreich um. An diesem Samstag geht es auch ums Prinzip.“
Sehr schön! Holger Gertz (SZ) verrät uns Rudi Assauers Bookmarks und seinen Cache und beschreibt Bremens „Groll auf die Neureichen aus Schalke: Als Werder vor der Saison einen neuen Innenverteidiger suchte, brachte irgendjemand den Namen Dianbobo Baldé ins Gespräch. Niemand hatte zuvor von einem Fußballer dieses Namens gehört, aber dann wurde im Internetforum von Werder über den geheimnisvollen Mann diskutiert. Im Werder-Forum sind eine Menge Experten zugange, die allerlei Fremdsprachen beherrschen, sämtliche Fußballzeitungen der Welt abonniert haben und auch noch die Schuhgröße des Linksverteidigers der Nationalelf von Kiribati ausfindig machen würden. Also, im Forum stand, Dianbobo Baldé von Celtic sei 29, zweikampfstark, ablösefrei. Genau der Richtige für Werders Abwehr. Kurz drauf stand er auf der Einkaufsliste von Schalke 04. Es gibt Werder-Fans, die nicht erst seit diesem Vorfall davon überzeugt sind, Assauer habe www.werder.de als persönliche Startseite gespeichert. Assauer, früher Spieler, Manager und Trainer in Bremen, ist immer noch auf verhängnisvolle Weise verwurzelt im Verein. Die Internet-User nennen ihn Antichrist oder Arschauer und sind auch sonst nicht gut zu sprechen auf einen, der den Bremern nicht nur die aktuellen, sondern gezielt auch die zukünftigen Spieler ‚wegfischt’.“
FR: Herthas Ritt auf der Rasierklinge – finanzielle Lage beim Hauptstadtklub ist ernst
Welt: Trotz Abstiegsgefahr kann Trainer Meier in Duisburg entspannen
Freitag, 25. November 2005
Champions League
Uneigennütziger Arbeiter am linken Rand des Geschehens
Zwei Torschützen stehen im Mittelpunkt der Berichte – von einem, Andrej Schewtschenko, ist man es gewohnt; den anderen, Levan Kobiaschwili, übersieht man schon mal. Er, diesmal Schütze von drei Toren gegen Eindhoven, ist üblich „der stumme Diener“ (FAZ), „der stille Diener“ (StZ), „der stille Mann“ (sueddeutsche.de), „Mädchen für wirklich alles“ (FTD). In Assauers Weinberg erblickt die FAZ in Kobiaschwili den „uneigennützigen Arbeiter am linken Rand des Geschehens“. Daniel Theweleit (BLZ) zählt große Stücke auf ihn: „Es gibt nicht wenige Experten, die glauben, der Georgier müsste auch bei einem internationalen Spitzenklub nicht um einen Stammplatz bangen. Aber Kobiaschwili ist ein Spieler ohne Glamourfaktor, dessen Qualität erst bei genauerem Hinsehen sichtbar wird. Er ist so gut wie nie verletzt, er spielt selten einen Fehlpass. Er wächst mit seinen Aufgaben und vermittelt den Eindruck, sein Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft zu haben.“
Hauptrolle
Vier Tore gegen Fenerbahce Istanbul – Dirk Schümer (FAZ) zieht den Vorhang auf für Andrej Schewtschenko: „Er glänzte als Abstauber ebenso wie als Konterstürmer. Gerade das macht die Qualität des von Berlusconi besonders geschätzten Stars aus: daß er sich in alle taktischen Konstellationen perfekt einpaßt und in seinen sechs Mailänder Jahren serienweise prominente Sturmpartner in den Schatten stellte. Man könnte auch sagen: verschliß. Das begann mit Oliver Bierhoff, ging mit den teuren Neueinkäufen Filippo Inzaghi und Hernan Crespo so weiter und endet nun mit Christian Vieri und dem Jungstar Antonio Gilardino. Auch sie schaffen es neben dem schnellen und im Abschluß eiskalten Ukrainer meist nur zu Nebenrollen. Schewtschenko läßt sich einfach nicht die Show stehlen.“
Donnerstag, 24. November 2005
Champions League
Denken Sie jetzt nicht an Michael Ballack!
Bayern München – Rapid Wien 4:0
„Alle reden über Ballack“, die Stuttgarter Zeitung bringt die Meinung aller Redakteure auf den Punkt. Auch die Süddeutsche Zeitung verzieht die Schnute: „Die Diskussion um Ballack stört einen vergnügten Abend“. Elisabeth Schlammerl (FAZ) klagt ähnlich: „Es mußte den Spielern ein wenig komisch vorkommen, daß sie eher wie Statisten behandelt wurden, obwohl sie gut bis sehr gut ihren Job verrichteten. Derzeit hat niemand eine Chance auf die Hauptrolle beim FC Bayern, denn die ist fest vergeben an Ballack.“ Dass alle über Ballacks Abschied reden, wundert die Journalisten. Das wundert uns; ein Bayern-Sieg gegen Rapid Wien hat nun mal einen sehr geringen Nachrichtenwert. Um gegenzusteuern und uns alle Ballack vergessen zu lassen, betonen alle Zeitungen die sehr gute Leistung Sebastian Deislers – freilich mit dem Hinweis, wie gut er Ballack vertreten habe und künftig ersetzen könne. „Deisler zeigt, dass sich die Nachfolgefrage von selbst lösen könnte“, lesen wir in der SZ; „Deisler füllt die Ballack-Lücke“, behauptet die FAZ: „Das Spiel um Ballack und mit Ballack mag die Kollegen ein wenig nerven, aber sie zeigen sich davon wenig beeindruckt auf dem Platz. Im Gegenteil: Der Kampf um die Pfründe im Mittelfeld scheint schon begonnen zu haben. Vor allem Deisler setzte sich dabei speziell in der Champions League immer besser in Szene.“ Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) fügt hinzu: „Die Bayern kamen so leicht zu Toren, dass sie eine schöne Ahnung überfiel. Nämlich die, dass Deisler bald in die Rolle Ballacks schlüpfen könnte. Deisler gelang das Kunststück, von der rechten Außenlinie her fast das gesamte Spiel der Hausherren zu initiieren.“ Fazit: Die Berichte über das Spiel gleichen der Forderung: „Denken Sie jetzt nicht an Michael Ballack!“ Das bemerkenswerteste Zitat stammt von Felix Magath, der der SZ verrät: „Unser Bundestrainer hat einmal dieselbe Analyse getroffen wie ich: dass Sebastian nämlich zu oft zu ungeduldig war in seinem Spiel – die Meinung von zwei Trainern hat ihm wohl geholfen“. Welchen Einfluss kann ein Nationaltrainer auf die Leistung eines Vereinspielers nehmen? Eine interessante Frage, und im Fall Deisler sehr naheliegende, die wir gerne öfter und von Unabhängigen beantwortet hätten.
FC Barcelona – Werder Bremen 3:1
Bremer Gentlemen
Ronald Reng (FTD) gestattet den Bremern Ehrenhaftigkeit in der Niederlage: „Oft genug bekommt die spektakulärste Elf der Gegenwart Besuch von Teams, die nur verteidigen, die Barças Magie mit zynischen Fouls bekämpfen. Wie angenehm war es für Barça, einmal einen Gegner von altenglischer Tradition zu haben: Wir spielen mit, so offensiv und gut es geht, bleiben immer fair und nehmen die Niederlage erhobenen Hauptes hin. Bis zum letzten Wort blieb Werder das Gentlementeam. (…) Werder offenbarte seine Stärke, das ballsichere Passspiel, und schonungslos seinen wunden Punkt: Seinem Spiel fehlt die absolute Konzentration, die brutale Intensität; Fähigkeiten, die gegenüber Werten wie Technik, Schnelligkeit oder Kampfgeist in den Analysen gerne vernachlässigt werden, die aber auf höchstem Niveau unabdingbar sind. Es sei Werder an diesem einen Abend gegönnt, dass sie auch staunende Bewunderer waren, während Ronaldinho seine Schau aufführte, Pässe mit der Brust spielte oder die Volterinha gab, seinen Trick, bei dem er sich wie ein Eiskunstläufer mit dem Ball einmal um die eigene Achse dreht.“
FAZ: eine ganz normale Niederlage und ein Schreck nach Mitternacht – Miroslav Klose verletzt
Bildstrecke, faz.net
BLZ: Lewan Kobiaschwili, ein Georgier auf Torjagd
Ball und Buchstabe
Was ist ein Fan?
Was ist ein Fan? Was tut er, was will er, wie spricht er über Fußball? Ewige Fragen der Fußballsoziologie. Wichtigste Prämisse: Fan ist nicht gleich Fan, selbst innerhalb eines Vereins lebt eine in Art, Ausdruck, Haltung und Verhalten sehr heterogene Fan-Schar. Höchst lesenswert stellt Andreas Rosenfelder (FAZ/Feuilleton) das Verdienst der oft verschrienen Ultras bei der Popularisierung des Fußballs heraus: „Daß sich Fußball zum hippen Gesamtkunstwerk entwickelt hat, das alle Gesellschaftsbereiche durchstrahlt, ist keineswegs nur den üblichen Verdächtigen wie Franz Beckenbauer, Nick Hornby oder dem Sender Premiere zu verdanken. Wesentlichen Anteil an der Wiederbelebung des lange Zeit als Proletensport verpönten Fußballs hatte die Ultra-Bewegung, die in den neunziger Jahren von Südeuropa nach Deutschland schwappte und die Atmosphäre in hiesigen Stadien revolutionierte. Die tribünenfüllenden Choreographien, die vor jeder Live-Übertragung als Stimmungsmacher eingeblendet werden und beim Stadionbesuch vor dem Anpfiff für unvergleichliche Gänsehaut sorgen, gäbe es ohne die Ultras nicht. Daß nun Sicherheitsexperten und zweifelhafte Fansoziologen mit Begriffen wie ‚Hooltras’ das Bild einer diffusen Bedrohung aus den Fanblöcken zeichnen und daß Reporter in jedem Bengalfeuer ein Vorzeichen des Bürgerkriegs ausmachen, während gleichzeitig der DFB mit dem offiziellen ‚Fan Club Nationalelf’ den lächerlichen Versuch unternimmt, in der Retorte eine keimfreie Fankultur heranzuzüchten – dieser kritische Punkt in der jungen Geschichte der deutschen Ultras sollte Anlaß geben, ihren Standort zu bestimmen. Wie bei vielen Jugendkulturen führt auch der Weg zu den Ultras über eine Negation. (…) Jetzt kopiert der DFB mit seinem Laborfanclub die Stimmungstechniken der Ultras, während andererseits Angst geschürt wird vor ‚Menschenansammlungen in der Kurve, die nicht berechenbar sind’. Schon wegen Bierbecherwürfen werden Stadionverbote verhängt.“
WM in Deutschland, und wir legen seit einiger Zeit die Stirn in Falten: Welche „Fans“, insbesondere deutsche, werden bei der WM in den Stadien sitzen? Werden es solche sein, die sich auch an Altona 93 gegen Holstein Kiel erfreuen könnten? Oder solche, die bisher Fußballzuschauern nach einem 0:0 einen Satz an den Kopf geworfen haben, wie: „Dann hättest Du ja gleich zuhause bleiben können!“? Wird also die WM von Event-Fans heimgesucht werden? Vielleicht erhalten wir eine erste Antwort durch ein Online-Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung, die nun Fans for Football gegründet hat, ein Wettbewerb, von dem sich bisher erst schwer sagen lässt, was am Ende herauskommt. Fans aus aller Welt werden gebeten, „mit Initiativen und Aktionen dazu beitragen, diese WM zu einem einzigartigen und völkerverbindenden Fest zu machen“ und ihre Ideen zu senden. Die Jury besteht aus bekannten Autoren, wie Christoph Biermann, Philipp Köster und Thomas Brussig.
Allgemein
Zarte Renaissance
Martin Henkel (Welt) befasst sich mit dem Aufschwung osteuropäischer Klubs im Uefa-Cup: „Kenner des osteuropäischen Fußballs sprechen von einer – wenn auch zarten – Renaissance. 14 Mannschaften aus Rumänien, Serbien, Bulgarien, Rußland und der Ukrainer machen den altehrwürdigen Klubs aus Westeuropa die jahrzehntelange Vormachtstellung streitig. (…) Ein Jahrzehnt lang hatte das postkommunistische Chaos nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sämtliche Fußballigen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer in einen Zustand von Fäulnis und Agonie getrieben. Altgediente Apparatschiks verscherbelten Spieler und Vereinsvermögen. In Moskau etwa, auf dem Gelände des Armeesportklubs ZSKA, boten Händler gegen Pacht Zobelpelze und billigen Wodka feil. Russische Investoren haben der Zweckentfremdung jedoch Einhalt geboten. Knapp eine halbe Milliarde Euro flossen bislang in die Vereine der Premier Liga. Auch weiter südlich fangen die Investitionen an, sich zu rechnen. So hat der Milliardär Rinat Achmetow mit Schachtjor Donezk dem Rivalen Dynamo Kiew in der Ukraine den Rang abgelaufen. In Bulgarien bricht Litex Lowetsch mit Hilfe des Waffenmilliardärs Grischa Gantschew gerade die Phalanx der Dauermeister ZSKA und Lewski Sofia auf. Und in Rumänien saniert Mittal Lakshmi, Europas reichster Industrieller, nach der Übernahme der Stahlwerke Sidex in Galatul gerade den werkseigenen Klub Otelul. So können nicht nur Spitzenprofis ins Land geholt, sondern eigene Stars sogar gehalten werden.“
Welt-Interview mit Stuttgarts Aufsichtsratschef Dieter Hundt
Mittwoch, 23. November 2005
Champions League
Bayer-Leverkusenisierung
Schalke spielt schön, doch hat es scharfe Zähne? Der Trainer argwöhnt, die Spieler sind skeptisch, die Kritiker zweifeln. Richard Leipold (FAZ) vermisst Schalker Treffer: „Ob in der Bundesliga oder in der Champions League: Wenn sich die Chance bietet, einen Schritt weiterzukommen, machen die Schalker meist nur ein Schrittchen, oder sie treten auf der Stelle. Die Spieler wirken unentschlossen, und die Mängelrüge des Trainers zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison. Ralf Rangnick vermißt die Fähigkeit, den Gegner (und dessen Tor) im entscheidenden Augenblick zu treffen. Wenn der Widersacher angeschlagen ist, halten die Schalker Profis ihn oft schon für geschlagen und lassen prompt nach. (…) Nichts kennzeichnet den Charakter dieser Mannschaft treffender als ihr Hang, remis zu spielen.“ Christoph Biermann (SZ) ermittelt eine Enttraditionalisierung Schalkes: „Hat sich das Gewicht zu sehr zugunsten des Spielerischen verschoben? Man könnte fast von einer Bayer-Leverkusenisierung in Schalke sprechen; die Konzernkicker waren in den letzten Jahren das Muster für schönes Spiel ohne den letzten Erfolg. Hier wie da spielen Brasilianer eine große Rolle, und zweifellos ist Schalke sehr abhängig von der Befindlichkeit des in seinen Stimmungen schwankenden Lincoln. Mit Herthas Trainer Falko Götz, der Marcelinho bei Laune halten muss, könnte Rangnick eine Selbsthilfegruppe aufmachen. Doch sind mit einem dermaßen besetzten Team die hohen Schalker Ziele überhaupt zu erreichen?“
Was hat denn Guus Hiddink, Trainer des Schalke-Gegners PSV Eindhoven, den Australiern beigebracht? Christian Eichler (FAZ) preist den Exportschlager Holland-Trainer und durchleuchtet Hiddinks Abwehrtaktik: „Früher fehlte den Australiern die Geduld, nicht nur übers ganze Spiel gesehen, schon in der spontanen Situation. Nach einem Ballverlust ist es oft wichtiger, sich erst zu reorganisieren, nicht zu schnell einen Zweikampf zu wagen, der im Fall des Mißlingens ein Loch reißt; sondern erst Räume zu versperren, den Gegner aus der Gefahrenzone zu drängen, Zeit zu gewinnen. Diese Standards europäischer Defensive waren für Australien ziemlich neu, sie kamen erst mit der Nachhilfe aus Holland. Die im übrigen weltweit gefragt ist: Mit Hiddink, Dick Advocaat (Südkorea), Leo Beenhakker (Trinidad und Tobago) und Bondscoach Marco van Basten stellt das kleine Holland vier WM-Trainer – so viele wie sonst nur das große Brasilien (Zico in Japan, Scolari in Portugal, Guimaraes in Costa Rica, Parreira in Brasilien).“
NZZ: FC Bayern von Rapid nie gefordert
NZZ-Bericht FC Thun – Arsenal (0:1)
Unterhaus
Bayernfreie Zeit
Christian Zaschke (SZ) schreibt über Anamnese und Heilung von 1860 München nach dem Abstieg: „Es mag zynisch klingen, doch den Sechzigern erging es wie dem Herzkranken, dem der Arzt sagt: ‚Sehen Sie den Infarkt als Chance.’ Der Verein begriff nach einer Weile seinen Abstieg tatsächlich als Chance. (…) Es ist ein Paradoxon, dass der TSV 1860 nun, da er die zweite Liga verstanden hat und sich in ihr heimisch fühlt, sich alle Mühe geben muss, schnellstens eine Liga weiter nach oben zu gelangen. Die Fans haben einen neuen Stolz auf ihren Verein entwickelt, weil der jetzt häufig gewinnt und zu den Favoriten der Liga gehört. Außerdem hat man nicht ständig den großen Nachbarn vor Augen, der natürlich immer alles besser macht. Dadurch, dass der FC Bayern in der Bundesliga spielt, kommt er in der Welt des TSV 1860 nicht vor, und das hat der Verein dringend gebraucht, so eine bayernfreie Zeit. (…) Die Besucherzahlen bei Heimspielen muten unwirklich an.“
SZ: 1860-Profi Nemanja Vucicevic trübt mit einem Dopingbefund die Freude über die Tabellenführung
Erfolg
Christoph Biermann (SZ) lenkt den Blick auf die Sportfreunde Siegen: „Hunger auf Fußball gab es im Siegerland immer, aber im letzten Jahrzehnt waren die Sportfreunde nicht einmal durchgehend drittklassig, in der zweiten Liga sind sie zum ersten Mal. Der Aufstieg kam weitgehend ungeplant, nachdem die Sportfreunde im Sommer 2004 noch in die Oberliga abgestiegen wären, hätte Schweinfurt 05 nicht seine Lizenz verloren. Angesichts dieser Vorgeschichte ist es ein Erfolg, dass Trainer Jan Kocian mit seinem Team bisher 14 Punkte gewonnen hat und nur am ersten Spieltag auf einem Abstiegsplatz stand. Besetzt ist die Mannschaft mit vielen zweitligaunerfahrenen Spielern und einigen Bundesligaprofis.“
FR: Dresdner Rolle – wie Trainer Christoph Franke entlassen wurde und jetzt Dynamo retten soll
NZZ: Unter Bochums fahlem Himmel – Marcel Koller fasst wieder Fuss im deutschen Fussball
Bundesliga
Pfälzer Engstirnigkeit
Alle deutschen Sportredaktionen widmen sich heute Wolfgang Wolf und Kaiserslautern, und alle Sportredaktionen erachten es als einen Beleg für die Engstirnigkeit der Pfälzer, dass sie nur einen der ihren als fähig ermessen, den Verein vor dem Abstieg zu retten. Die Schlagzeile „Wolfs Revier“ hat sich die FR nicht nehmen lassen; die Stuttgarter Zeitung wandelt diesen Wortwitz: „Wolfs neues Revier: unter Teufeln“ – eine Warnung an Wolf vor den vielen Miesmachern in Kaiserslautern. Auffällig ist das geäußerte Misstrauen, mit dem Wolf seinem „Helfersyndrom“ (FTD) verfällt, drei Zitate lesen wir oft: „Ich kann nicht den Klassenverbleib versprechen, aber wir haben keine Chance, wenn nicht Ruhe einkehrt“, „vielleicht ist es gut, dass wir zuerst auswärts spielen, so haben wir den Klotz Betzenberg nicht am Bein,“ und „ob es ein Traum ist, hier zu trainieren, werden erst die nächsten Monate zeigen.“ In ihren ersten Tagen singen neue Trainer üblich ganz andere Hymnen. Unschlüssig ist die SZ, für sie ist Wolf „Integrationsfigur“ und zugleich „Schmalspurmessias“, wie gemein!
Kaiserslautern, ein Fall für den Spezialisten – Thorsten Jungholt (Welt): „Die Schlüsselqualifikation hat sich Wolf qua Geburt erworben. Wohl nur ein Einheimischer kann auf genügend Rückhalt hoffen, den durch ein inzestuöses Geflecht von Einzelinteressen in unzählige Fraktionen zerfallenen Klub zu einen, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen.“ Die SZ fügt ihr Bedenken hinzu: „Kaum angekommen, gilt Wolf in diesem instabilen Klub als einziger Garant für Stabilität. Ob das für eine Aufbruchstimmung reicht, ist zweifelhaft. Der Kampf um Macht und Posten ist im Hintergrund längst entbrannt, und der Mannschaft trauen selbst eingefleischte Fans einen Mentalitätswechsel nicht zu.“
Ehrlichkeit, Kampfgeist, Wille und Mut
Doch da ist auch Zuversicht. Tobias Schächter (FTD) betont Wolfs Charakter: „Wolf verkörpert alle Tugenden, die die aktuelle Mannschaft seit langem vermissen lässt: Ehrlichkeit, Kampfgeist, Willensstärke und Mut. Mit Wolfs Verpflichtung geht der Wunsch nach Kontinuität und Integration einher, die dem FCK in den Turbulenzen der letzten Jahre abhanden gekommen ist.“ Oliver Trust (Tsp) schildert die Hoffnung, die Kaiserslautern mit Wolf, obwohl vor kurzem in Nürnberg entlassen, verbindet: „In Franken hatte ihm niemand mehr zugetraut, den Klassenerhalt zu schaffen. In der Pfalz gilt er als Mann, der die Last eines gesamten Vereins auf seinen Schultern tragen kann. Er könnte die integrative Kraft sein, die den zerstrittenen Verein eint und den Klassenerhalt schafft.“ Auch Jan Christian Müller (FR) kann diesen vermeintlichen Widerspruch aushalten: „Es gehört zu den Absurditäten des Fußball-Geschäfts, dass derselbe Trainer, der für den Tabellenletzten vor drei Wochen nicht mehr gut genug war, nun der Hoffnungsträger für den neuen Tabellenletzten sein soll. Aber in der ganz besonderen Situation, in die sich der Traditionsverein manövriert hat, hat Wolfs Verpflichtung dennoch Sinn. Die Pfalz giert nach einem Volkstribun, der aus ihrer Mitte kommt.“
Trapattoni ist im Begriff, seinen allerletzten Kredit zu verspielen
Was noch? Drei Sachen. Erstens, neues in Sachen Michael Ballack: Philipp Selldorf (SZ) deutet die Vollzugsmeldung der Marca, Real habe mit Erfolg um Ballack geworben: „Könnte es sein, dass die Münchner die Situation falsch eingeschätzt haben? Als sie der im Brauhaus versammelten Vereinsfamilie die Mitteilung machten, sie hätten ihr Angebot zurückgezogen, um wieder volle Handlungsfreiheit zu haben, war das zwar vordergründig eine stolze und starke Geste. Aber auch ein aufs Populäre zielender Winkelzug, der Ballack nachdenklich stimmte. Er hätte offenkundig ein klares Bekenntnis erwartet. Stattdessen sah er sich öffentlich vorgeführt. (…) In diesem Transferfall geht es auch um den Ton, der das Pokerspiel begleitet.“ Die Sport Bild sieht schwarz: „Wer sollte der Tatsache, daß sich Deutschlands bester Fußballspieler ins Ausland absetzt, etwas Positives abgewinnen?“ Nun ja, man könnte einwenden, dass es doch schmeichelhaft ist, wenn das Ausland sich wieder für deutsche Spieler interessiert; und man könnte daran erinnern, dass die beiden letzten Titel der deutschen Nationalmannschaft (1996 und insbesondere 1990) mit einigen Spielern errungen worden sind, die sich in Italien und England fortgebildet haben. Überhaupt, wer war denn der letzte Weltmeister, dessen wichtigste Spieler großmehrheitlich in der Heimatliga aktiv waren? Italien 1982. Zweitens, altes in puncto Trap-Bashing: Thomas Haid (StZ) erzählt genüsslich und kopfschüttelnd die Anekdote, wie Giovanni Trapattoni seine Mannschaft bei der Taktiktafel versehentlich um einen Mitarbeiter erhöht hat: „Er kritzelte (!) seine Aufstellung wie immer auf eine schwarze Wandtafel. Aber im Gegensatz zu sonst standen am Ende zwölf Namen drauf – einer zu viel. Dieser Fauxpas ist bezeichnend für das Wirken des Italieners, der vor allem zweierlei hinterlässt: Ratlosigkeit und Unverständnis. Trapattoni ist im Begriff, seinen allerletzten Kredit zu verspielen.“ Drittens: Die größte Sorge der Bild-Zeitung gilt dem „Schwachsinns-Plan vom Fifa-Boss“, die Nationalhymnen vor Länderspielen abzuschaffen und der „Gänsehaut pur“, die ihr bei Kahns und Huths „Einigkeit und Recht und Freiheit“ über den Rücken schießt.
Dienstag, 22. November 2005
Champions League
Werder-Sozialisation
Tim Borowski ist der neue Schatz der deutschen Fußballjournalisten. Seine Aufstiegskurve beschreiben sie als Parallele zur Aufstiegskurve Werder Bremens: langsam, aber stetig. Auch den ständigen Vergleich mit Michael Ballack muss Borowski aushalten – und kann ihn inzwischen standhalten. Für beide scheint zu gelten, dass sie ihren Kredit bei Fans und Öffentlichkeit erkämpfen und verteidigen müssen. Übrigens, als Ballack so alt war wie Borowski jetzt, war „der Schnösel“ wesentlich umstrittener: Beim 1:5 gegen England im September 2001 machte der kicker Ballack, damals noch nicht im Bayern-Trikot, als einen der Hauptschuldigen aus. Woher kommt Borowski, wohin führt sein Weg, Jörg Marwedel (SZ)? „Die Debatte, was Borowski wirklich ist oder noch werden könnte, wird vielleicht noch eine Weile anhalten. (…) Was Borowski und Ballack verbindet, ist neben ihrer schnellen Auffassungsgabe und dem technischen Talent diese aufrechte Körpersprache, die oft als Arroganz ausgelegt wird. Was sie trennt, ist außer Ballacks überragendem Kopfballspiel und dessen mächtigem Plus an Erfahrung eine völlig unterschiedliche Sozialisation in den vergangenen Jahren: ‚Ich habe die Werder-Philosophie drin‚ diese ruhige, zurückhaltende, selbstbewusste Art.’ Nächstes Jahr feiert er seinen zehnten Jahrestag in der Hansestadt, das prägt. Thomas Schaaf, den damaligen Amateurcoach, kennt er dann genauso lange. Von ihm habe er den Umgang mit Kritik und die nötige Selbstkritik gelernt.“ Frank Heike (FAZ) fügt hinzu: „Ohne den Namen Ballack funktioniert derzeit keine Geschichte über Borowski. (…) Die Fans pfiffen ihn früher schon beim zweiten Fehlpaß aus, bei Borowski stand immer der Verdacht der Arroganz im Raum.“
Romantiker
Thomas Schaaf hat einen hervorragenden Ruf in deutschsprachigen Redaktionen. Eigentlich ist es noch immer eine Überraschung, dass der tugendhafte Abwehrspieler, der er mal war, im Weserstadion jede Woche ein Spektakel aufführen lässt – und das mit Erfolg. Auch seine Rhetorik hat man lange unterschätzt und damit seinen Geist. Das Prinzip Franz Kafka. Der hat auch mit karger Prosa viel erreicht. Stefan Osterhaus (NZZ) schreitet Schaafs Ahnenreihe ab: „Vielleicht liegt ein Körnchen Wahrheit in der Vermutung, dass die grössten Romantiker des Fussballs eine spröde Fassade pflegen. Happel, der Wiener, war ein unverbesserlicher Nörgler, del Bosque, der Madrilene, ein verkanntes Genie, das frappierend an Obelix erinnerte, und der Rheinländer Weisweiler legte nie den Charme des ewigen Sportlehrers ab. Auch Schaaf dürfte einer dieser Romantiker sein, die man schon ausgestorben wähnte, die dem ebenso alten wie manchmal verhängnisvollen Leitspruch folgen, dass ihnen ein 5:4 lieber sei als ein schnödes 1:0. Er formuliert Sätze, die einen manchmal schmunzeln lassen (‚Der Gegner hat sehr laufintensiv gespielt’); er verfügt über die Gabe zur schnellen Analyse eines Matches. Nie verliert er vor den Kameras ein Wort zu viel, doch es spricht manches dafür, dass er im Zirkel seiner Professionals den richtigen Ton trifft.“
Welt-Interview mit Bremens Aufsichtsratschef Willi Lemke
Befreier
Ronald Reng (FTD) begründet Johan Cruyffs Wortmacht in Barcelona: „Ein Mann überträgt mehr Druck auf die Elf als all die hysterischen Medien und Fans zusammen. Sein Status ist ein Phänomen, das mit Cruyffs Großtaten als Fußballer und Trainer allein nicht zu erklären ist. Als er 1973 nach Barcelona kam und der Klub nach 14 Jahren wieder die Meisterschaft gewann, gratulierte ihm keiner – die Leute dankten ihm. Diktator Franco regierte Spanien, alles Katalanische wurde unterdrückt. Im Fußball wenigstens, bildeten sich die Katalanen ein, könnten sie das Madrider Regime besiegen. Cruyff war ihr Befreier. Dem 5:0 über Real Madrid im Februar 1974 kommt bis heute die Symbolik eines Aufstandes zu. Er ist nie da und immer präsent, eine permanente Stimme aus dem Off. (…) In Barcelona können sie nicht aufhören, zu diesem oft gnadenlosen Mann aufzublicken; sogar die, die unter ihm litten.“ Warum aber zählt Cruyffs Wort noch so viel in Holland? Vom Fußball-Diktator Deutschland hat er sein Land 1974 doch nicht befreit…
Markus Jakob (NZZ) führt die Folge an, die die Champions-League-Qualifikation des FC Villareal in der (Klein-)Stadt nach sich zieht: „Der Erfolg hat ein Fussballfieber entfacht. Jeder dritte Einwohner hat ein Saisonabonnement, ein Drittel sind Frauen (der höchste Anteil an weiblichen Mitgliedern in der Primera División). Erst recht als Kuriosum erscheint, dass das Jahresbudget des Vereins mit 43 Millionen Euro höher als das der Stadt ist. Es versteht sich, dass dies dem Klub und seinem Präsidenten eine gewisse Macht verschafft hat, die nicht allseits mit Wohlwollen gesehen wird. Wie in Spanien üblich, geht es dabei um Immobilienschacher, die angebliche Vorzugsbehandlung bei der Umwidmung von Grundstücken usw.“
Verbraucht
Wenn es wieder mal heißt, Alex Ferguson sei ein Auslaufmodell, hören wir schon fast nicht mehr hin. Doch die unehrenhafte Entlassung seines Ersten Offiziers Roy Keane deuten manche Chronisten als seinen letzten Fehler. Martin Pütter (NZZ) rechnet bald mit einem Großen Zapfenstreich für Ferguson: „‚Ein Manager darf nie einen Streit (mit seinen Spielern) verlieren’, heisst seine Devise. Darum musste auch Keane gehen. Doch hinter dessen Entlassung steht purer Überlebenskampf des Schotten. Er wollte damit dem neuen Eigentümer Malcolm Glazer und dessen Söhnen beweisen, dass er die Mannschaft noch im Griff hat. Doch dieser Schritt scheint panisch motiviert – mehr aus Selbstinteresse geschehen. Denn was selbst viele eingefleischte United-Fans nicht mehr bestreiten: Ferguson ist verbraucht. Das zeigen Resultate und die spielerische Entwicklung. Er hat den Anschluss verpasst. Dem Schotten ist auch das Auge für Talente und gute Spieler abhanden gekommen.“
Altersheim für Millionäre
1:3 in Florenz am Wochenende, nun das Spiel in Istanbul – Peter Hartmann (NZZ) sorgt sich um Gesundheit und Lebenssaft des AC Mailand: „Ihre Dinosaurier-Abwehrkette beginnt zu reissen, mit der Nässe und Kälte des Herbstes spüren die alten Recken ihre Abnützungsbeschwerden. Ist Milan ein Altersheim für Millionäre? (…) Das Schicksal der Mannschaft könnte sich innerhalb einer Woche entscheiden. Denn der Kampfwagen Juventus ist in der Meisterschaft schwer von hinten aufzurollen; schon in der letzten Saison haben sich die Turiner von der ersten bis zur letzten Runde an der Spitze behauptet. Und eine Niederlage am Bosporus würde bei den Mailändern das Trauma vom 25. Mai wieder aufreissen.“
NZZ: Der FC Thun braucht mehr als nur Flüge
Bundesliga
Führungsschwäche
Der VfB Stuttgart, Tabellenachter, gibt in dieser Saison den Betrachtern viel Stoff zum Erzählen und viel Leerraum, der mit Interpretation gefüllt werden will. Mal resultiert daraus Kritik, oft Spott. Selbst der Einstand Peter Neururers verschwindet hinter der Deutung des Stuttgarter Unentschiedens. Jochen Breyer (SZ) beschreibt den VfB als Sisyphos der Liga: „Eine der wenigen Regelmäßigkeiten in dieser Saison: Bayern gewinnt immer, Klose trifft immer, und Stuttgart spielt immer unentschieden, vor allem zu Hause. Dabei ist es völlig egal, wie viele Tore die Schwaben schießen, der Gegner schießt immer genauso viele. Gegen Gladbach war es eins, gegen Berlin waren es drei, gegen Hannover zwei. Und wenn Stuttgart irgendwann mal siebzehn Tore erzielen würde, dann würde der Gegner eben auch siebzehn Mal treffen. Das klingt nach einem bösen Fluch, in Wahrheit liegt es an den Schwaben selbst, sie leiden unter einer absonderlichen Form der Führungsschwäche, die sich folgendermaßen ausprägt: Immer wenn die Stuttgarter in Führung liegen, spielen sie schwach.“ Thomas Haid (StZ) nennt die Mängel in der Statik der sportlichen Leitung: „Der VfB im Herbst 2005, das ist ein instabiles, störanfälliges Konstrukt. (…) Stuttgart muss nicht nur ein Trainerproblem lösen, sondern auch eines im Management. Den Sportdirektor Herbert Briem hat Trapattoni für viel zu leicht für dieses Geschäft befunden. Briem hat sich nicht sonderlich dagegen gewehrt. So fehlt dem VfB ein Chef, der den Trainer bremsen und die seltsamen Methoden unterbinden könnte. Dafür umgarnt sich Trapattoni mit einem fast schon autistischen Stab. Andreas Brehme gilt in der Mannschaft als Jasager, der dem Trainer dankbar sein muss, weil er ohne ihn den Job nie erhalten hätte. Und wenn die Gehilfen Fausto Rossi und Adriano Bardin nach den Spielen ihre Trolleys durch die Katakomben ziehen, gewinnt auch der letzte Beobachter den Eindruck, dass sie hier nur auf der Durchreise sind. Wie Trapattoni? Innerlich angekommen ist auch er nicht.“
Ascheplatz
Zweifelhafte Subvention
Die Berliner Zeitungen befassen sich heute mit einer Geldlücke bei Hertha BSC. Jens Weinreich (BLZ) ruft uns die Subventionierung des Olympiastadions ins Gedächtnis und rügt das Päppeln des Berliner Dolce Vita: „Hertha, das im Vergleich zu Kontrahenten kaum in seine Spielstätte investieren musste, zählt zu den größten Subventionsunternehmen der Branche. Das Problem Olympiastadion ist ein wunderbares Beispiel für zwei grassierende Krankheiten in diesem Lande: Es ist erstens ein Beispiel für zweifelhafte Subventionen. Zweitens zeigt sich, wie wenig jene, die öffentliche Mittel verteilen, und jene, die in schweren Zeiten in den dauerhaften Genuss derselben kommen, davon halten, Transparenz herzustellen im Umgang mit diesen Mitteln. (…) In einer Zeit, da auf allen Gebieten Subventionen gestrichen werden, mutet es anachronistisch an, wenn Unternehmen aus dem Profisport das leichte Leben noch etwas angenehmer gestaltet wird.“
Welt: Herthas Finanzen werden zum Politikum
Tsp: Hertha BSC geht es schlecht
BLZ: Berlin diskutiert, wie schlecht es finanziell um Hertha BSC steht – und ob der Senat dem Klub Schulden erlassen darf
Du darfst den Faktor Glück nicht außer Acht lassen
Lange nichts gehört von Michael Meier, heute macht er es sich im Interview mit Felix Meininghaus (FTD) sehr leicht – nach dem Motto: „Im Fußball kommt es, ach was!, auch aufs Glück an, und wir hatten keins!“
FTD: Warum haben Sie Ende der 90er Jahre angesichts der Zahlen und des immensen Risikos nie kalte Füße bekommen?
MM: Die Retrospektive hat immer den Vorteil, den Fortgang der Entwicklung ins Kalkül ziehen zu können. Im Nachhinein betrachtet hätten wir Matthias Sammer 1997 nach dem Champions-League-Sieg gegen eine entsprechende Ablöse zu den Bayern ziehen lassen müssen, weil er einige Monate später seine Karriere nach einer Knieoperation beenden musste. Gleiches gilt für Amoroso und Metzelder. Die Verweigerungshaltung von Amoroso hat seinen Marktwert vernichtet, der Marktwert von Metzelder wurde nach der WM 2002 auf Grund der Nachfrage von Klubs wie Juventus Turin, Real Madrid oder Manchester United auf 30 Prozent unserer Bilanzsumme taxiert. Seine Verletzung hat ein sportlich wie wirtschaftlich nicht zu schließendes Loch gerissen. Solche Imponderabilien lassen sich in keinem Business-Plan abbilden.
FTD: Es gab aber doch genügend Warnungen in der Branche.
MM: Alle unsere Geschäfte sind von den üblichen Kontrollorganen wie Aufsichtsrat, Beirat und Ältestenrat abgesegnet worden. Hätten Niebaum und Meier das im Alleingang gemacht, wären sie persönlich zur Rechenschaft gezogen worden. Auch der Versuch, uns zu kriminalisieren, ist gescheitert. Allerdings war es für die Öffentlichkeit interessanter, die Krise des BVB an zwei Namen zu personalisieren.
FTD: In den Kontrollgremien saßen Abnicker von Niebaums Gnaden.
MM: Das müssen Sie denen sagen, die dort gesessen haben. Ich kann mir vorstellen, dass diese Leute mit einer solchen Charakterisierung nicht einverstanden sind.
FTD: Was kann die Branche lernen aus dem tiefen Fall der Borussia?
MM: Schwer zu sagen. Es gibt auch andere Vereine in der Bundesliga, die eine ähnliche Geschäftspraxis verfolgen. Wenn du ins Risiko gehst, darfst du den Faktor Glück nicht außer Acht lassen.
Montag, 21. November 2005
Vermischtes
In eigener Sache
In eigener Sache
freistoss-Abonnement
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde des indirekten freistosses,
der indirekte freistoss ist ein sehr beliebtes und geschätztes Online-Journal; er bietet einen täglich aktuellen und informativen Überblick über Fußball in der Presse – und mehr als das: Der indirekte freistoss sortiert, wertet, kommentiert und zeigt Lücken. Seine Stimme findet Gehör, das bestätigen mir per E-Mail, am Telefon, im Gespräch, immer wieder Kollegen aus den Sportredaktionen und Experten aus der Branche. „Hervorragend“, sagt Marcel Reif, für Christoph Biermann ist der freistoss „Pflichtlektüre“. Auch Sie, liebe Leser, senden mir jeden Tag aufmunternde und lobende Worte. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken, es hilft mir, am Ball zu bleiben.
Heute wende ich mich an Sie. Wie Sie vielleicht wissen, handelt es sich beim indirekten freistoss um ein Projekt, das die Justus-Liebig-Universität Gießen und das Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) seit 2002 durch Räume und Infrastruktur unterstützt haben – auch dafür herzlichen Dank. Doch Universitäten können solche Projekte nur anstoßen, aber nicht auf Dauer tragen. Daraus folgt, dass ich den freistoss von der Universität Gießen lösen werde. Allein, der freistoss ist inzwischen eine Ganztagsarbeit für mich. Um ihn aufrechtzuerhalten, ist eine Finanzierung durch die Leser unumgänglich geworden. Daher soll es demnächst (geplant ab Februar 2006) zwei Abo-Pakete geben:
Das Basis-Paket entspricht der bekannten Form des indirekten freistosses, aber mit Ergänzungen und Entwicklungen in Inhalt und Layout. Für 15,99 € pro Halbjahr oder 29,95 € pro Jahr erscheint der freistoss wie gehabt an fünf oder sechs Tagen pro Woche, mit kleinen Pausen im Sommer und Winter. Dies bedeutet mindestens 220 Ausgaben pro Jahr; erfahrungsgemäß werden es mehr. Eine Ausgabe kostet Sie weniger als 15 Cent – billiger als eine SMS!
Das Premium-Paket bietet über das Basis-Paket hinaus einen Monatsrückblick mit Kommentaren und Interviews mit Experten und Journalisten und mindestens zweimal im Jahr eine Studie mit Analysen, Umfragen und Trendbeobachtungen (Preis offen). Als Muster dient die Presseanalyse „Die Fußballnationalmannschaft im Umbruch“, die Sie hier gratis (pdf; etwa 2 MB) laden können. Laut Jan Christian Müller, Sport-Chef der Frankfurter Rundschau, „hat sie in der Branche Kultstatus erlangt“.
Zudem werde ich einmal pro Woche einen Ausschnitt des Basis-Pakets als Gratis-Newsletter senden.
Ich hoffe, es ist ein interessantes Angebot für Sie. Für Fragen und Kommentare stehe ich Ihnen gerne per E-Mail zur Verfügung. Bis auf weiteres wird der freistoss gratis erscheinen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Oliver Fritsch
oliver.c.fritsch@zmi.uni-giessen.de