indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 2. November 2005

Champions League

Selbsthilfegruppe mit funktionierendem Immunsystem

Heilung und Genesung – solche Bilder schießen einem wohl in den Kopf, wenn man die konstant guten Bremer, die regelmäßig ihre besten Leute verkaufen müssen, spielen sieht. Die SZ hat vor zwei Wochen geschrieben: „Es scheint, als würde sich die Elf einen Spaß daraus machen, umso entschlossener zu gesunden, je mehr Wunden man ihr schlägt.“ Auch Frank Heike (FAZ) bestaunt ihre Gesundheit: „Die Bremer haben sich zu einer beeindruckenden Selbsthilfegruppe mit funktionierendem Immunsystem entwickelt. Kurz schütteln und dann weitermachen, so sind sie. (…) Die Innenpolitik des Klubs ist vom stetigen Wechsel geprägt. Inzwischen sind jedoch Veränderungen festzustellen. Es ist etwas leichter geworden für Werder, Abgänge zu verkraften. Werder hat Geld.“ Sven Bremer (BLZ) ergänzt und verweist auf die beständige Entwicklung Tim Borowskis: „So charmant der große Blonde mit dem strammen Schuss im Gespräch wirkt, so aggressiv geht er inzwischen auf dem Fußballplatz zu Werke. Als er gegen Eintracht Frankfurt zwei Treffer beisteuerte, jubelte er nicht, nein: Er schaute grimmig. Der Blick demonstrierte die Entschlossenheit, mit der Borowski nach wie vor meint, den Vorbehalten der Fans entgegenwirken zu müssen. Denn spielte Werder mal nicht brillant, war er stets der Erste, den die Zuschauer mit Pfiffen bedachten. Arroganz unterstellten sie ihm. (…) Immer wieder hat Borowski in seiner Karriere mit überhöhten Erwartungen gekämpft.“

FR: Bremen ist gut genug für die Bundesliga-Spitze, aber noch nicht für die Champions League
Welt-Interview mit Thomas Schaaf

FR: Hat Bayern ein Stürmerproblem? Wird Lukas Podolski es lösen?

Feldmarschall in der Diktatur des Resultats

Liebe, nein, Liebe ist es nicht, was die Italiener und Birgit Schönau (SZ) für Fabio Capello empfinden: „Dass einer, der als Spieler und als Trainer so viel gewonnen hat, ein abgeklärtes Verhältnis zum calcio pflegt, wird im Fußball-hysterischen Italien als Provokation empfunden. Zu den Tifosi hat er überhaupt keinen Draht, es ist schon vorgekommen, dass er enthusiastische Fans eigenhändig vom Rasen verscheucht hat. Capellos Unnahbarkeit wird ihm als Arroganz, seine Zurückhaltung als Gefühlskälte ausgelegt. Seitdem er im Sommer letzten Jahres von Rom zu Juventus Turin wechselte, ist er seinen Landsleuten noch weniger sympathisch. Der Trainer wirkt seither wie der fleischgewordene Juve-Stil: Zum Siegen verdammt, verkörpert er leidenschaftslose Effizienz. (…) Es hat Zeiten gegeben, da hatte er Doping im Fußball gegeißelt. Da hatte er geäußert, er könne sich nicht vorstellen, jemals Trainer in Turin zu werden. Jetzt ist Capello Feldmarschall in der Diktatur des Resultats.“ Bei diesen Attributen hätte man eigentlich das Etikett „il tedesco“ erwartet.

Welt: Generaldirektor Luciano Moggi beherrscht die Vereinspolitik von Juventus

Ferguson gleiten die Zügel aus der Hand

Manchester United steckt in einem dauerhaften Tief; Manager Alex Ferguson trauen die wenigsten Berichterstatter zu, sie wieder an die Spitze Englands und Europas zu führen. Matti Lieske (BLZ) kommentiert den Disput zwischen Ferguson und Roy Keane, seinem langjährigen Ersten Offizier: „Die Allianz zwischen Ferguson und Keane hatte die erfolgreichen Jahre von Manchester United geprägt, die im Champions-League-Gewinn von 1999 gipfelten. Dieses Band scheint zerschnitten. Ein weiteres Indiz dafür, dass Ferguson, der seit 1986 unumschränkt bei ManU herrscht, die Zügel langsam aus der Hand gleiten. muss sich zunehmend Kritik an seinem Führungsstil gefallen lassen. Ganz gegen frühere Gewohnheit hat er viele Aufgaben an seinen unpopulären Assistenten Carlos Queiroz delegiert. Die Verpflichtungen der letzten Jahre haben selten die Erwartungen erfüllt. (…) José Mourinho hat erklärt, wen er für den ärmsten Hund im englischen Fußball hält: den Nachfolger von Alex Ferguson.“

Bundesliga

Morbus Roth

Trainerentlassung in Nürnberg – Grund für die Journalisten, über Präsident Michael A. Roth lange und tief zu seufzen. Auf Dauer kann der „Club“ wohl nur glücklich werden, wenn er sich von seinem Patriarchen löst und seine „Morbus Roth“ (FAZ) kuriert. Blick zurück: Am letzten Spieltag der Saison 1999 sendete Roth einen Brief, sinngemäß: „Liebe Club-Fans, der Klassenerhalt ist geschafft. Hier die neuen, erhöhten Dauerkartenpreise für die nächste Saison.“ An dem Tag, an dem die Dauerkartenbesitzer diese Nachricht in ihren Briefkästen fanden, stieg der 1. FC Nürnberg nach einer Niederlage gegen Freiburg überraschend noch ab. Davon habe sich der Verein, der an Tiefschläge eigentlich gewohnt ist, nie mehr ganz erholt, so ist hier und da zu lesen, und mit Roth werde er es auch nicht, auch wenn er noch so viel Geld investiert. Gerd Schneider (FAZ) sucht das Nürnberger Problem und findet es in Roth: „Ihren größten Kredit, die Treue ihrer Fans, haben sie beim 1. FC Nürnberg längst verspielt. Während anderswo der Fußball boomt, bleibt die Kundschaft in Franken aus. Der Mann, der letztlich die Verantwortung dafür trägt, ist Michael A. Roth – wer sonst? Gewiß, ohne seine Zuwendungen würde es den ‚Club’ vermutlich nicht mehr geben. Doch daraus hat sich eine Abhängigkeit entwickelt, die Nürnberg mehr schadet als nützt. Seit vielen Jahren führt Roth den Verein nach Art eines Patriarchen. Entscheidende Positionen hat er mit Führungskräften aus seinem Unternehmen besetzt. Er trifft jede wichtige Entscheidung, und allzuoft verläßt er sich dabei nicht auf seinen Kopf, sondern auf sein Gefühl. Das Tragische daran ist, daß der neunmalige deutsche Meister ein nahezu perfektes Umfeld hat, Voraussetzungen, von denen manche Vereine nur träumen können. Doch das Potential liegt brach. Daran wird sich auch nichts ändern, so lange der 1. FC Nürnberg als eine Art Privat-Club geführt wird.“ Tobias Schächter (taz) spürt die Fliehkraft der Entlassung: „Vor allem Michael Henke vom 1. FC Kaiserslautern, für den Wolf 295 Bundesligaspiele bestritt, wird den Rauswurf des Kollegen mit Schaudern zur Kenntnis genommen haben.“

Banana Nürnberg

Nun ist Lothar Matthäus Roths erklärter Favorit, und die Fans würden gerne die Fäuste ballen, wenn sie nicht schon geballt wären. Stefan Hermanns (Tsp) prüft Matthäus’ (mündliche) Bewerbung: „Zuletzt ist der Eindruck entstanden, dass Matthäus prophylaktisch schon einmal sein Interesse an allen frei werdenden Trainerposten in Deutschland bis zum Jahr 2032 bekundet hat. Wo immer er bisher Trainer war, hat Matthäus den Anschein erweckt, dass es sich für ihn nur um einen Zwischenhalt auf dem Weg zu Höherem handle. Diese Haltung rechtfertigt die schlimmsten Befürchtungen der Nürnberger Fans. Mal angenommen, Matthäus würde tatsächlich Trainer ihres Klubs, zwei Wochen später aber würde Ralf Rangnick entlassen: Was würde Lothar Matthäus in diesem Fall wohl nicht ausschließen?“ Michael Jahn (BLZ) spottet über den Fernsehtrainer: „Banana Nürnberg – ob Nürnbergs allmächtiger Präsident Roth weiß, dass die Einschaltquoten von Borussia Banana, zuletzt genauso schwächelten, wie seine Profis auf dem Platz?“

FAZ: die Heimat ruft: Nürnberg will Matthäus

Stimmen aus Nürnberger Fan-Foren:

„Wenn Lodda Trainer wird, war es das letzte Spiel, das ich mir anschaue.“
„Falls es der Lodda wird, schmeiß ich meine Dauerkarte sofort weg.“
„Da biste vier Tage im Urlaub, kriegst wenig bis überhaupt nix vom Glubb mit – und dann sowas… BLOSS KEIN LODDA MADDÄUS!!! HILFEEEEEEE!!!!!!“
„Wenn es jemand schafft, das Frankenstadion zu füllen, die Begeisterung zu wecken und die Spieler zu motivieren, dann nur Lodda.“
„Sagt mal, ihr Herrn FCN, seid ihr des Wahnsinns? Lothar hat sich nie was um uns geschissen, er ist und war immer ein Bazi und hat uns keines Blickes gewürdigt. Zudem hat er uns Franken mit seinen Aussagen international nur ins Lächerliche gezogen. BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE kein Lothar Matthäus.“
„Wir hatten den besten Trainer seit Jahren und waren auf nem sehr guten Weg, auf die Dauer was aufzubauen – auch wenn der dieser Weg sehr steinig war.“

Dienstag, 1. November 2005

Internationaler Fußball

Spiegel des Niedergangs

Der AC Mailand schlägt Tabellenführer Juventus Turin 3:1 und macht die Serie A wieder spannend; doch das bevorzugte Genre, wenn es um Italiens Fußball geht, ist nach wie vor die Klage. Birgit Schönau (SZ) fühlt sich angewidert von Mailands hässlichem Gewinnen: „Milans Mann fürs Grobe zersäbelte das rasch ermattete Juve-Mittelfeld um den orientierungslosen Pavel Nedved, den trübsinnigen Emerson und den allzu rasch vom Krankenlager gepfiffenen Patrick Vieira und schnitt quasi im Alleingang die Verbindung zum hochnervösen Zlatan Ibrahimovic und dem wenig kreativen David Trezeguet ab. Unter Einsatz aller Mittel, wie man das von Gattuso kennt: Lieber eine Grätsche zu viel als eine zu wenig. Der unter Hochdruck stehende Milan-Coach Carlo Ancelotti hatte auf taktische Finessen wohlweislich verzichtet. So geriet, angeführt vom rabiaten Gattuso, das Match zum Austausch immer perfiderer Gemeinheiten. (…) Das Publikum sah ein Spitzenmatch, das den Niedergang des italienischen Fußballs spiegelt. Unzureichende taktische Vorbereitung, erschreckende Phantasielosigkeit und systematische Unfairness wurden zu einer Vorstellung gemengt, in der es nur ums Ergebnis ging – um jeden Preis.“ Immerhin, Peter Hartmann (NZZ) hat gute Neuigkeit, den Florentiner Aufschwung: „Die Erfolgssträhne hat einen Namen: Luca Toni schoss ein Dutzend Tore, und seine hämmernde Regelmässigkeit macht ihn inzwischen auch zum Hoffnungsträger der Squadra Azzurra an der Weltmeisterschaft 2006. Die 1,95 Meter lange ‚Strafraumschlange’ ist eine Spätentdeckung mit einer gewundenen Karriere.“

BLZ-Interview mit Eyjölfur Sverrisson, dem neuen Trainer Islands

Champions League

Zweigleisig

Rudi Assauer haben einige Autoren in letzter Zeit Macht und Einfluss in Schalke abgesprochen, er sei nur noch eine Marionette. Der Spiegel schrieb vor einem Monat: „Assauer wird längst nicht mehr als Mann fürs operative Geschäft gebraucht – umso mehr jedoch als Symbolfigur für das alte, dampfende Gefühlskino Schalke.“ Richard Leipold (FAZ) hält dieses Urteil für voreilig, über Assauers Aussagen zu Ralf Rangnick schreibt er: „Wie es scheint, hat mancher Kritiker Assauer unterschätzt. Der Manager kann seinen Machtanspruch sicher nicht mehr so selbstgewiß, ja selbstherrlich vertreten wie auf dem Höhepunkt seiner Regierungszeit. Aber wie es scheint, ist er clever genug, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Seine Rhetorik mutet nicht mehr so grob an wie zu jener Zeit, als er sich für unantastbar hielt. Entweder er hat gute Berater oder, und das ist wahrscheinlicher, sein Instinkt bringt ihn dazu, sich geschickter zu äußern, verbal mehr zu taktieren. Der Manager fährt zweigleisig. Für den Fall, daß der Trainer sich behauptet, stützt er ihn und erklärt jede Kritik für verfehlt. Andererseits läßt Assauer Bemerkungen fallen, die erst auf den zweiten Blick oder beim zweiten Hinhören zu denken geben. (…) Assauer war nicht die treibende Kraft bei der Verpflichtung Rangnicks. Falls es wieder schiefgeht, sind andere in Erklärungsnot.“

Modellathlet

Tobias Schächter (FR) warnt Schalke vor Nicolas Anelka, Stürmer Fenerbahces: „Anelka hat die Erfahrung eines Veterans und doch so gar nichts von einem Routinier. Er macht auf und neben dem Platz sein Ding. Vielleicht erträgt es der Fußball nicht, dass einer seiner besten nicht 24 Stunden am Tag an Fußball denkt. (…) In seinen schlechten Momenten, steht Anelka teilnahmslos herum, als sehne er sich nur zurück auf die Straßen von Trappes, jener Pariser Vorstadt, in der er aufgewachsen ist. In seinen guten Momenten aber beschleunigt der Modellathlet so katapultartig, dass kein Verteidiger ihm zu folgen vermag, streichelt er den Ball zärtlich – mit einem Wort: Weltklasse.“ Brasilien profitiere von der Ausbildung seiner Spieler in Europa, findet Martin Henkel (WamS): „Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League stellt Brasilien die Mehrheit aller Kicker. Und das ausgerechnet in der Saison vor der WM. In gut acht Monaten werden dem Coach der brasilianischen Selecao, Carlos Alberto Parreira, 23 Spieler zur Verfügung stehen, die ohne Ausnahme zu den Stammkräften der europäischen Klubelite gehören – und somit über genau jene Erfahrung verfügen, die Jürgen Klinsmann bei wenigstens der Hälfte seiner Truppe vermißt: Praxis in der Meisterschaft und der Champions League auf allerhöchstem Niveau. Keiner der europäischen Nationaltrainer ist in solch einer formidablen Position.“

Tsp-Interview mit Christoph Daum
BLZ: Stephen Appiah hat bei Fenerbahce endlich sein Glück gefunden – und Ghana die erste WM-Teilnahme geschenkt
NZZ: Fenerbahce als Wegweiser des Nationalteams

NZZ: Betis Sevilla weiter auf Talfahrt

Ball und Buchstabe

In Deutschland sieht vieles so aus, als ob der Zufall Regie führt

Roland Loy, Sportwissenschaftler und Statistiker, räumt im Spiegel-Interview mit einigen Fußballmythen auf: „Die Lehrmeinung, wonach Angriffe über die Flügel mehr Erfolg versprechen als Angriffe durch die Mitte, ist falsch. In Wahrheit sind die Aussichten auf Tore absolut gleich. Viele Trainer behaupten auch, wer die meisten Zweikämpfe gewinnt, der gewinnt das Match. Das ist auch unzutreffend. Nur in gut 40 Prozent der Spiele gewinnt das Team, das mehr Zweikämpfe für sich entschieden hat. Und dass der gefoulte Spieler nicht zum Elfmeter antreten sollte, ist auch nicht zu belegen. Ich habe es selbst kaum glauben können, aber die Erfolgsquote beim Strafstoß liegt bei 77 Prozent – gleichgültig, ob der Gefoulte antritt oder ein Unbeteiligter. (…) Nehmen Sie die EM 2004: Griechenland hat in jedem seiner sechs Spiele seltener aufs Tor geschossen als der Gegner – und wurde trotzdem Europameister. Keiner wusste warum, nicht mal Otto Rehhagel. (…) Fast die Hälfte aller Tore ist durch den Faktor Zufall beeinflusst: ein Ball, der von der Latte zurückprallt und dem Stürmer vor den Fuß fällt; ein Weitschuss, der abgefälscht wird; ein harmloser Roller, der dem Torwart durch die Hände rutscht. Und dann kommt hinzu, dass unter Topteams oft nur eine Zehenspitze über Sieg oder Niederlage entscheidet. (…) Beim FC Bayern unter Ottmar Hitzfeld kehrten gewisse gruppen- und mannschaftstaktische Spielhandlungen immer wieder, der lange Pass auf den bulligen Carsten Jancker etwa, der dann den Ball zum nachrückenden Spieler prallen lässt. Hitzfelds Arbeit ähnelt da am ehesten der in italienischen Clubs. In der Serie A wird viel mehr einstudiert und entsprechend mehr nach Plan zusammengespielt als in Deutschland, wo vieles so aussieht, als ob der Zufall Regie führt. Dabei kann man messen, was zum Ziel führt.“

taz: 80 Jahre Live-Fußball im Radio
taz-Interview mit Manfred Breuckmann über Fußball im Radio
NZZ: Live-Sport im Schweizer Radio

Bundesliga

Arminia Bielefeld – Hannover 96 4:1

Konzeptheld

Arminia Bielefeld hat wieder einen Spieler, den man wiedererkennt und der ihr Spiel prägt. „Zauberkünstler Zuma und das starke Kollektiv“ – die Schlagzeile der FAZ hat den Rhythmus eines Harry-Potter-Titels. Märchenhaft und unwirklich kommen den Journalisten auch die vielen Tore der „Torminia“ (Bild) vor; nach dem Systemwechsel durch Thomas von Heesen „glänzt die Kontermannschaft Arminia plötzlich mit spektakulärem Angriffsfußball“ (FAZ). Die Aufmerksamkeit hat Sibusiso Zuma, Richard Leipold (FAS) betont dessen Bescheidenheit: „Zuma schmückt die Mannschaft – mit der eleganten Art, sich zu bewegen, und mit dem extravaganten Erscheinungsbild eines Paradiesvogels: Zur dunklen Haut trägt er blondes Haar. Doch der Eindruck täuscht. Abseits der Rasenbühne gilt Zuma als zurückhaltend, beinahe scheu. Und das Haar hat Zuma vor allem deshalb blond gefärbt, damit seine Großmutter ihn zu ihren Lebzeiten auf dem Fernsehschirm besser erkennen konnte. Auch ohne Hilfe des Friseurs würde Zuma sich auf dem Fußballfeld von der Masse abheben. Er interpretiert Fußball – ungewöhnlich für einen Bielefelder von der Fußball-Alm – als Kunstform. Die Fans verehren ihn wie einen Brasilianer.“ Auch Christof Kneer (SZ 29.10.) weiß nicht, ob er mehr Gefallen an Zumas Kunst oder an Zumas Disziplin finden soll: „Es ist meist ein Vergnügen, ihm zuzuschauen, weil er seinen geschmeidigen Stil mit scharfkantigen Soli mischt; zu würdigen ist aber vor allem sein Beitrag zum Thema Konzeptfußball. Hierbei handelt es sich um eine löbliche Art gut organisierten Konterfußballs, aber sie ist etwas sehr verherrlicht worden zuletzt. Sie wurde zum Gegenmodell des Heldenfußballs stilisiert; gerade so, als sei es kontraproduktiv, ein Einzelkönner zu sein. Es ist Zumas Werk, dass sich ausgerechnet in Bielefeld die Dribbler und Individualisten wieder ihr Recht verschaffen. (…) Zuma ist Bielefelds Konzeptheld.“

NZZ: Frankfurter Rausch zu Ende

FAZ: das spektakuläre Scheitern der Dortmunder Aktie ist kein Einzelfall

Montag, 31. Oktober 2005

Bundesliga

Hamburger SV – Schalke 04 1:0

Rätsel

Alle grübeln über die Schwäche der Schalker, auch aus den Aussagen der Spieler und Offiziellen wird man nicht schlau. Daher fällt die Ursachensuche der Presse unterschiedlich aus. Peter Müller (WAZ) zeigt auf den Trainer: „Vieles stimmt nicht in der Mannschaft, und die Frage nach den Gründen muss sich vor allem Ralf Rangnick gefallen lassen; Manager und Teammanager haben schließlich nicht schlecht eingekauft.“ Philipp Selldorf (SZ) hingegen erstellt eine Mängelliste der Mannschaft: „Zur Verantwortung gerufen wird wie immer nur der Trainer, der sich als Ralf Rangnix oder Ralf Ratlos verspotten lassen muss. Noch zeigen sich die Verantwortlichen resistent gegen platte Polemik, aber können sie sich der Dynamik entziehen, wenn sich Schalke gegen Fenerbahçe samt dem Schreckgespenst Christoph Daum nicht durchsetzen kann? Dabei hat Rangnick jeden Anspruch auf Ratlosigkeit, die Lage ist unüberschaubar. Es gibt alle Sorten Probleme im weitgehend künstlerisch und damit einseitig orientierten Kader: notorisch torlose Stürmer (Kuranyi, Sand), rätselhaft verkümmerte Neulinge (Ernst, Bajramovic), ausgelaugte Größen (Kobiashwili, Lincoln) und allzeit launische Solisten (Altintop, Poulsen, Krstajic).“ Christian Eichler (FAZ) hat die Suche nach einer Erklärung bereits aufgegeben: „Schalke spielt wie eine Elf, in der die kritische Masse an Phlegma, an falsch verstandener Coolness überschritten ist. Ein Team, das nicht mitreißt, nicht mal sich selbst. Wie geht das? Jeder, der Fußball zum Spaß betreibt, mit wöchentlich wechselnden Mannschaftsmischungen, hat über dieses Rätsel der Fußballpsychologie schon mal gegrübelt. Von WM- bis Kneipen-Niveau gibt es Teams, die von der Addition des Könnens viel versprechen, dann aber einfach nicht funktionieren. Dann wieder kann es sein, daß ein einziger Wechsel daraus ein Kollektiv macht, in dem jeder über sich hinauswächst. Es ist das ewige Wunder mannschaftlich-menschlicher Chemie. Die diese Verbindung erzeugen müssen und sich Trainer nennen, ähneln eher mittelalterlichen Alchimisten als modernen Wissenschaftlern.“ Übringes, fast kein Wort über die Sieger.

Welt: Mehdi Mahdavikia kämpft beim HSV auf neuer Position um Stammplatz

1. FC Köln – Bayern München 1:2

Atempause

Viele Themen: Erstens Uwe Rapolder, „sein Ende in der Domstadt ist wohl nur aufgeschoben,“ vermutet Manuel Krons (Handelsblatt): „Die Partie war eine dankbare Aufgabe. Wenn man sich auf ein Gesetz der Branche gleichermaßen gut verlassen kann, wie auf eine baldige Entlassung des Trainers, nach einer andauernden Trainer-Diskussionen, dann auf dieses: Man kann einem erfolglosen Trainer aus einem verlorenen Spiel gegen den FC Bayern keinen Strick drehen. Auf diese Weise wurde aus der Heimspielniederlage eine vorläufige kleine Atempause.“ Christian Löer (KStA) stört sich an der Schelte Rapolders gegen vorlaute Jung-Journalisten und wendet sie gegen ihn: „Rapolder hat seiner Konfliktsuche vorläufig die Krone aufgesetzt. (…) Er sollte versuchen, einen Zugang zur Jugend zu finden. Seine junge Mannschaft, der es an Führungsspielern fehlt wie kaum einer anderen in der Liga, scheint sich ihrem Trainer zwar nicht zu verweigern, doch wirkt sie mittlerweile, als habe sie Angst vor Rapolder. Als sei sie vielleicht nicht einmal zu schwach für die Bundesliga. Aber womöglich zu sensibel für ihren Trainer.“

Heckantrieb der Bayern

Zweitens: Lucio, der imposante Matchwinner: „Die Bayern haben einen Anführer, der nicht Ballack und nicht Kahn heißt und ein Weltmeister des Willens ist. Beinahe schon ein gewohnter Anblick, wenn er mit Eisenbeißer-Blick durchs Mittelfeld stampft, um eine Partie zu wenden: Lucio, der Heckantrieb der Bayern“, staunt die FAZ, und die SZ erkennt „Adrenalin im Überfluss“. Drittens Schiedsrichter Lutz Wagner, der „Sündengeißbock“ (taz). „Wagner hat volle 90 Minuten im Zweifel gegen Köln gepfiffen“, stampft der Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Fuß. Viertens, der vermutete Abschied Lukas Podolskis aus Köln, der immer wahrscheinlicher wird und näher zu rücken scheint. Für Bild steht bereits fest: „Poldi – das Aus in Köln“, sich Rapolders Rüge des Kölner Stars verbittend: „Als gäbe es in Köln keine anderen Baustellen“ – seltsame Vorstellung vom Trainerdasein, ihm Kritik an einem schwachen und motzigen Spieler zu verübeln.

WamS: Vor einem Jahr erlitt Sebastian Deisler in Turin einen Rückfall in die Depression, nun kehrt er nach Italien zurück

Werder Bremen – Eintracht Frankfurt 4:1

Abgezockt, abgeklärt, einfach klasse

4:1 gegen Eintracht Frankfurt, mittlerweile keine Selbstverständlichkeit, in den Augen der Journalisten. Daher gibt es viel Lob für Werder Bremen, etwa Ralf Weitbrecht (FAZ): „Abgezockt, abgeklärt, einfach klasse eben, wie die Norddeutschen die Führung der Frankfurter konterten. Ein Team, zwei überragende Kräfte: stark, wie gerade Klose und Borowski der Mannschaft der Stunde begegneten. Die Hessen konnten nur bis zum Führungstreffer mithalten; dann setzte sich die ganze Klasse und Reife von Werder durch.“ Heinz Fricke (SZ) fügt Anerkennung hinzu: „Die Bremer haben zurzeit das Problem, dass sie eigentlich kein Problem haben. Klose hat zur alten Stärke zurückgefunden, Micoud die Phasen spontaner Lustlosigkeit überwunden. Und mit Borowski und Frings besitzt er im Mittelfeld Nebenleute, die in der derzeitigen Form auch im Nationalteam gesetzt sein müssten.“

VfB Stuttgart – Hertha BSC Berlin 3:3

Außer Kontrolle

Das spannenden Spiel mit „Happy-End zweiter Klasse für Giovanni Trapattoni“ (FAS) stärkt bei den Beobachtern den Eindruck, dass bei Stuttgart vieles außer Kontrolle geraten ist. Die Wende in der zweiten Halbzeit, „fast so etwas wie die Auferstehung von den Toten“ (StZ), wird auf ein Zusammenraufen der Mannschaft zurückgeführt – ausdrücklich nicht auf das Wirken Trapattonis: „Im Umfeld haben sie getuschelt, dass es eher nicht der Trainer war, der das Spiel in eine andere Richtung lenkte. Es waren wohl die Spieler, die, gereizt von den Pfiffen des Publikums, ein kollektives Aufbäumen verabredeten“, berichtet die SZ.

Der Grat zwischen Show und Klamauk ist schmal

Im Mittelpunkt der Berichte steht Trapattonis Redseligkeit auf der Pressekonferenz; auch sie wird ihm negativ ausgelegt, nämlich als Ablenkungsmanöver. Christof Kneer (SZ) amüsiert sich: „Der VfB wollte Kult werden mit Trapattoni, das hat er jetzt geschafft. Es ist nur ein bisschen anders als geplant. In der Branche hat längst ein heimlicher Trapattoni-Tourismus eingesetzt, aber die Leute kommen nicht mehr, um die taktischen Kunstwerke zu bestaunen, die der Meistertrainer auf den Rasen zaubert. Sie kommen, um Trapattoni beim Gestikulieren zu erwischen oder um diese eigenartig unterhaltsame Elf zu betrachten, die Trapattoni da trainiert.“ Oliver Trust (FAZ) wirft Trapattoni Kalkül vor: „Dem, was am Ende doch noch zum unterhaltsamen Krimi auf dem Feld taugte, folgte eine ebenso unterhaltsame Comedyshow im Nachprogramm. Die aber erfüllte einen anderen Zweck: Sie überdeckte, was in Stuttgart weiter gärt: die Frage, ob das Arbeitsverhältnis zwischen dem redseligen Maestro und dem VfB Stuttgart dauerhaft eine Chance hat. (…) Im Feuerwerk der Späßchen ging unter, was Trapattoni hinter der Maskerade wirklich umtreibt.“ Michael Kölmel (BLZ) konnte seinen Wissensdurst nicht löschen: „Ob sein Team gegen ihn gespielt hat, blieb ungefragt, ebenso, wieso er keine Stammelf hat, seine Abwehr Spaziergängern gleicht und ausgerechnet er keine Taktik findet. Nach einem Drittel der Saison. Um diese Wahrheiten drückte sich Trapattoni. Auch für Trapattoni gilt: Der Grat zwischen Show und Klamauk ist schmal.“

MSV Duisburg – VfL Wolfsburg 1:0

Gladiatoren der Moderne

Ulrich Hartmann (SZ) entlarvt einen Duisburger Etikettenschwindel: „Die oft geforderte Leidenschaft ist meist nur dann spürbar, wenn die Fußballer zu jener melodramatischen Musik auf den Platz schreiten, die der deutsche Filmkomponist Hans Zimmer vor fünf Jahren für den Hollywoodstreifen Gladiator komponiert hat. Wenn diese Sinfonie voller Pathos beim Einmarsch ertönt, dröhnen Schicksal und Wehmut aus jedem einzelnen Ton, und die Fußballer, die Gladiatoren der Moderne, schauen mit einer grimmigen Entschlossenheit drein, als ginge es tatsächlich ums Überleben. Doch wenn die Musik aus ist, herrscht ein anderes Klima. In Wahrheit hatten es die bisweilen staksig wirkenden Duisburger mit schläfrigen Wolfsburgern zu tun, und so genügten ihnen eine allenfalls durchschnittliche Leistung, um die Aktionsfläche als Sieger zu verlassen.“

1. FC Kaiserslautern – Bayer Leverkusen 2:2

Erfolglos, traurig

Schlechte Presse für beide Mannschaften und beide Trainer. Hartmut Scherzer (FAZ) bezweifelt ob Michael Henke und Michael Skibbe zum Trainer taugen: „Es ist ein Unterschied, ob einer jahrelang Hütchen aufgestellt hat, mit Verantwortung aber nichts am Hut hatte. Nun fügte es sich, daß die beiden erfolgreichsten Co-Trainer des letzten Jahrzehnts, die ihre Meriten als assistierende Übungsleiter eines exponierten Cheftrainers beziehungsweise Teamchefs erworben haben, sich als Chefs in der Bundesliga begegneten: Beide Aufsteiger verbindet auch die Erfolglosigkeit mit ihren Klubs (…) Der Effekt des Trainerwechsels ist in Leverkusen schon verpufft. Das 2:2 nach einem schlechten Fußballspiel hinterließ bei beiden Trainern dementsprechend schlechte Laune.“ Tobias Schächter (FR) blickt zurück auf schlechte Wochen für Kaiserslautern: „Es war für viele in der Pfalz traurig anzusehen, wie der FCK sich zuletzt selbst demontiert hat: Klägliche Leistungen, eine überflüssige Geldstrafe für Altintop, der Rauswurf von Sforza, schließlich die verbale Entgleisung Henkes in Erfurt. Am Samstag kamen nur noch rund 27 000 Menschen ins Fritz-Walter-Stadion. Mit 36 000 wurde kalkuliert.“

Borussia Dortmund – Borussia Mönchengladbach 2:1

Jugendleiter Kehl

Das sportliche Blühen der jungen Dortmunder dient den Chronisten als Kontrast zur wirtschaftliche Misere. „Trotz engem Korsett – der BVB hat Luft zum Atmen“, stellt die Stuttgarter Zeitung fest: „Das junge Team und das begeisterungsfähige Publikum sollen dafür sorgen, dass es trotz Millionenschulden weitergeht.“ Richard Leipold (FAZ) ist beeindruckt vom Dortmunder Nachwuchs unter Leitung Sebastian Kehls: „Kehl ist der Organisationschef eines Mittelfeldes, das in Dortmund Hoffnung weckt. Als Tomas Rosicky nach einer Stunde verletzt aufgeben mußte, standen Kehl die beiden jüngsten Profis der Mannschaft zur Seite: Neben dem von vornherein spielenden Nuri Sahin, siebzehn Jahre alt, zeigte der eingewechselte Marc-Andre Kruska, achtzehn Jahre alt, was er kann. Beiden ist eine für ihr Alter ungewöhnliche Spielintelligenz zu eigen. Sie vergeuden ihre Frische nicht mit übereifrigem Herumlaufen, sondern bemerken rasch, wo sich der Aufwand lohnt und wo nicht. Geführt vom Jugendleiter Kehl, wirken sie wie Hochbegabte, die in der Schule des Fußballs eine Klasse überspringen mußten, um sich nicht zu langweilen. (…) Kehl wirkt wie ein Tutor, der die Aufgabe hat, jungen Studenten zu helfen.“

BLZ-Spielbericht
Welt-Interview mit Sebastian Kehl

Deutsche Elf

Desaströs

Den wichtigsten Text des Wochenendes finden wir, wieder mal, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – auch wenn er nur eine Fortsetzung der Fitness-Debatte ist, die der Sportwissenschaftler Pedro Gonzalez mit seiner Dissertation angestoßen hat. Dass sie eine solche Resonanz erhält, liegt auch an der Aktualität des Themas, denn Jürgen Klinsmann sagt, zwischen den Zeilen, dasselbe und kann sich unterstützt fühlen. Vielleicht wird er demnächst nicht mehr alleine gegen die Windmühlen des deutschen Fußball-Stammtischs kämpfen. Gerd Schneider (FAS) fordert die Bundesliga auf, sich den Befunden der Wissenschaft zu öffnen und das Training zu professionalisieren: „Noch ist Gonzalez’ Dissertation nicht beendet. Doch schon jetzt steht fest, daß die Untersuchung der Bundesliga ein desaströses Zeugnis ausstellt. (…) Es wird zu wenig trainiert, es wird falsch trainiert, es fehlt an qualifizierten Konditionstrainern, die technische Ausstattung läßt zu wünschen übrig, außerdem gibt es kaum Leistungskontrollen. (…) Es ist jetzt, womöglich zum ersten Mal, gelungen, den undurchlässigen Vorhang zu heben, hinter dem sich der Profifußball abschottet. Aus der ‚Black Box’ Bundesliga dringt nichts heraus, aber eben auch nichts hinein – schon gar nicht neue Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft, die dem Fußball seit je verdächtig ist. Symptomatisch – und verräterisch – waren die empörten Reaktionen der Liga auf das Klinsmannsche Fitnessprogramm. Dabei ist es höchste Zeit für eine seriöse Generaldebatte. Daß es in der Bundesliga (auch) bei der Fitness, der einstigen Mutter aller deutschen Fußballtugenden, Defizite gibt, dafür sprechen inzwischen viele Indizien. (…) Vor allem eine methodische Schulung von Kraft und Schnelligkeit werde in der Bundesliga vernachlässigt. Im deutschen Fußball herrscht vielerorts das Prinzip Bauchgefühl. Die meisten Bundesligatrainer sind jenseits der 50, sie verlassen sich oft auf das, was sie einst als Profis selbst im Training erlebt und erfahren haben.“

Rückläufig

Professor Wilfried Kindermann, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität Saarbrücken, bestätigt in einem FAS-Interview Klinsmanns und Gonzalez’ Verdacht: „Die Diskussion über die Fitness der Nationalspieler ist von erschreckender Schlichtheit. Spieler, die sich überfordert fühlen, wenn sie an einem Tag siebenmal 30 Meter sprinten und 3,5 Kilometer im Joggingtempo laufen müssen, sollten über ihren Beruf nachdenken, bevor sie sich bei anderen ausheulen. (…) Unsere sportmedizinischen Analysen zeigen, daß Ausdauer und Schnelligkeit deutscher Nationalspieler einen rückläufigen Trend gegenüber den neunziger Jahren aufweisen. Dem entspricht auch die Beobachtung, daß die konditionelle Überlegenheit deutscher Mannschaften international nicht mehr besteht. Wenn ein Bundestrainer nun versucht, gegen den Trend anzukämpfen, ist das mehr als legitim, ja geradezu seine Aufgabe. (…) Mir ist bis heute unklar, warum die Spieler nicht tagsüber auf dem Klubgelände bleiben müssen und dort auch gemeinsam essen und regenerieren. Dann bliebe auch genügend Zeit, spezielle – nicht notwendigerweise anstrengende – Übungen zu absolvieren, um Schwächen zu beseitigen.“

Samstag, 29. Oktober 2005

Bundesliga

Geflecht an Problemen

Alle zeigen mit dem Finger auf Giovanni Trapattoni, doch die Mängel des VfB Stuttgart lägen auch bei Vorstand und Mannschaft, merkt Michael Kölmel (BLZ) an: „Der VfB schlittert auf eine tiefe Depression zu. Wegen Trapattoni, sagen manche. Der Italiener sei einer von vielen Gründen für die Depression, sagen andere. (…) Stuttgart leidet, seit der VfB 2003 ein wenig in der Champions League gezaubert hat, am Rausch der eigenen Fantasien. Es gab Anzeichen für eine große Zukunft, aber keine zwingenden Faktoren. (…) Während bei anderen großen Klubs namhafte Manager arbeiten, hat Stuttgart den früheren Scout Herbert Briem als Sportdirektor. Jetzt wird spekuliert, dass ein Routinier Briem ersetzen könnte. Aber auch der müsste sich von Staudt Kompetenzen erstreiten. Er müsste ein Team, das namhaft aber unstimmig zusammengekauft wurde, im zentralen Mittelfeld und auf den Flügeln ergänzen. Er müsste Klüngel bekämpfen. Trapattoni mag beim VfB der falsche Trainer sein. Aber ob es bei dem Geflecht an Problemen einen richtigen gibt, darf bezweifelt werden.“

Viele faule Kompromisse

Zur Lage in Köln heißt es von Christoph Biermann (SZ): „Die Probleme des unumstrittenen Stars Podolski, auf den sich der ganze Klub ausgerichtet hat, strahlen aufs Team ab. Rapolder hat früher angemerkt, ‚er schaltet zwischendurch ab und arbeitet nicht genug nach hinten’, doch wurde das wie eine Majestätsbeleidigung von Prinz Poldi behandelt. Inzwischen tut Rapolder selbst Podolskis öffentliche Kritik, der Trainer habe sich nicht genug um ihn gekümmert, als ‚Missverständnis’ und ‚jugendlichen Leichtsinn’ ab. Auch Management und Vorstand hätscheln den vom Gezerre um ihn frustrierten Nationalspieler, weil sie ihre Position in den anstehenden Vertragsverhandlungen nicht gefährden wollen. So verdichtet sich das Gefühl, dass beim FC in dieser Saison zu viele Kompromisse gemacht wurden, die sich nun als faul erweisen. Sei es bei den Transfers, der Suche nach einem Spielsystem oder beim Umgang mit dem Star.“

Befreit von der Diktatur

Richard Leipold (FAZ) führt Horst Köppels Menschenführung an als Ursache für den Gladbacher Erfolg: „Während seine selbstbewußten Vorgänger oft die falschen Spieler einkauften oder den falschen Ton pflegten (oder beides), hat Köppel die Demokratie wieder eingeführt. Er sieht den Spieler als Mitarbeiter, nicht als Nummer, als bloßen Gehaltsempfänger, der zu funktionieren hat, gleichgültig, wie. Die Profis kommen sich vor wie befreit von einer Diktatur. Nach der Rückkehr in die erste Liga hatten Hans Meyer, Ewald Lienen, Holger Fach und Dick Advocaat versucht, die Mannschaft von der Abstiegszone fernzuhalten. Männer aus verschiedenen Generationen, die jeder auf seine Art letztlich nach der Devise geherrscht haben: Ihr braucht mich nicht zu lieben, Hauptsache, ihr fürchtet mich.“

Freitag, 28. Oktober 2005

Internationaler Fußball

Versagen der Verbandsspitze und der Mannschaft

Klaus Toppmöller wird als Nationaltrainer Israels gehandelt. Wäre dies eine heikle Angelegenheit? Ja, schreibt Charles A. Landsmann (Tsp), aber nicht (oder nicht nur) aus historischen Gründen; Landsmanns Bericht kann Toppmöller als Warnung lesen: „Ob es den Israelis passt, das ausgerechnet ein Deutscher Chef der Nationalelf des jüdischen Staates wird, ist eine delikate Frage. Toppmöller führt in dieser Angelegenheit laut Medienberichten seine längst verstorbene Oma als Argument für seine Eignung an: ‚Meine Großmutter hat Juden in der Shoa gerettet’, soll er erklärt haben. ‚Sie versteckte einige von ihnen im Keller und riskierte dabei ihr Leben. Deshalb gibt es hier kein Problem, im Gegenteil.’ Tatsächlich dürfte es den Zuschauern im Nationalstadion von Ramat Gan oder vor den Fernsehern letztlich egal sein, wer am Spielfeldrand steht. Verflucht wird ohnehin jeder. Wichtig ist nur der Sieg oder Qualifikation für Europa- oder Weltmeisterschaften. Und die hat bisher noch immer entweder der Schiedsrichter oder aber der Coach vermasselt, niemals aber die vergötterten Spieler. Fürchten muss sich Toppmöller allerdings vor der amateurhaften Verbandsführung um den überforderten Präsidenten Itche Menachem, dessen Rücktritt gerade jetzt wieder öffentlich gefordert wird. Noch jeder Trainer musste bisher für das Versagen der Verbandsspitze und der Mannschaft einstehen.“

Donnerstag, 27. Oktober 2005

Vermischtes

Giovanni Trapattoni hat seinen Kredit verspielt

Giovanni Trapattoni wird wohl nicht mehr lange Trainer in Stuttgart sein. Die Berichte nach dem 2:3 in Rostock zeigen, dass ihm die zwei guten Spiele und Ergebnisse des VfB in Rennes und Leverkusen keinen Kredit bei den Journalisten erbracht haben, auch nicht bei der Mannschaft. Selbst die Zeitungen, die nicht im Verdacht stehen, vorlaut zu zetern, rechnen mit einem Trainerwechsel. Die FAZ bemerkt: „Trapattoni trifft wieder der Spott“, die Financial Times titelt: „Stuttgart mag seinem Coach nicht folgen“, die Stuttgarter Zeitung fühlt sich angegriffen: „Trapattoni hat seine Nerven nicht im Griff“. Und bei Springer bildet er die Schnittmenge der Kandidaten auf den nächsten Trainerwechsel; die Sport Bild fragt: Wer ist der nächste, Trap, Wolf oder Rapolder (der wohl froh sein sollte, schon in der ersten Pokalrunde ausgeschieden zu sein, eine weitere Niederlage hätte ihn in den Schlagzeilen gehalten)? Bild bietet eine andere Wette an: „Rangnix“, „Pöbel-Henke“ oder „Schlappatoni“? Damit ist fast ein Drittel der Bundesliga-Trainer genannt.

Kluft

Oliver Trust (FAZ) erwartet Trapattonis Entlassung: „Es wurde wieder einmal deutlich, was in den vergangenen Tagen nach dem Erfolg in Rennes und dem 1:1 bei Bayer Leverkusen viele als überwunden glaubten. Die Kluft, die zwischen Trainer und Mannschaft klafft, ist nicht mehr zu schließen. Es geht nur noch um den Zeitpunkt der Trennung vom ‚Maestro’.“ Sven Flohr (Welt) wirft ein, dass alle Trümpfe gezogen seien: „Längst wurden alle gängigen Medikamente zur Genesung einer Fußballmannschaft verabreicht: Kurz vor Transferschluß kamen neue Spieler, die Offiziellen hielten Brandreden, und der Mannschaftsrat hat auch außerplanmäßig getagt.“

Danke

Thomas Doll ist der Liebling aller Hamburger; Ralf Wiegand (SZ) nimmt das 3:2 des HSV gegen Leverkusen zum Anlasse, ihm seine Zuneigung zu gestehen: „Wie oft klagten die stolzen Hanseaten über die Mittelmäßigkeit ihrer Kicker, wie gallig beschwerten sich die Fußballer ihrerseits über die maßlosen Ansprüche des verwöhnten Publikums – und wie gerne gossen die zahllosen Meinungsmacher dieser Medienstadt Öl ins Feuer. Jetzt aber ist da Thomas Doll und applaudiert lächelnd seiner Mannschaft, dem Publikum, der Stadt, dem Weltfrieden und der Lebensfreude. Es scheint gerade so, als habe dieser Berufsoptimist all das Miesepetrige einfach weg gelächelt. (…) Und so ist Hamburg in diesen Tagen des Fußballrauschs eben auch nicht mehr das, was es einmal war. Neuerdings scheint sogar mitten im Herbst wochenlang die Sonne an der Elbe. Danke, Thomas Doll!”

Deutsche Elf

Die Stirn geboten

Nachtrag zum „Krisengipfel“: zwei weitere Kommentare, die die Veranstaltung als töricht erachten und „die Zahnlosigkeit der Arbeitsgemeinschaft, die kurioserweise von Uli Hoeneß angeführt wird“ (stern.de).

Klaus Bellstedt (stern.de) kann Jürgen Klinsmanns Lächeln gut verstehen: „Einzig Klinsmann ist gestärkt hervorgegangen. Der Wahl-Kalifornier hat den Liga-Bossen knallhart die Stirn geboten und nur wenig Kompromissbereitschaft signalisiert. Damit war fast schon zu rechnen, der Schwabe gilt als Sturkopf. Für die Wiederbelebung des Aufpasser-Gremiums ‚Arbeitskreis Nationalmannschaft’ hat Klinsmann vermutlich nur ein müdes Lächeln übrig. Schlaflose Nächte in L.A. wird die Task Force ihm nicht bereiten.“ Stefan Osterhaus (NZZ) zählt zu viele Köche: „Nicht nur in Berlin, nein, auch in Frankfurt werden Koalitionen geschmiedet, die Deutschland endlich wieder nach vorn bringen sollen. Schliesslich wollen sich auch die Manager im Erfolgsfall am WM-Titel beteiligt sehen. Die Herren Direktoren sind nicht zufrieden mit der Arbeit des Coaches, weil der nach ihrer Ansicht zu oft unter Kaliforniens Sonne liegt und zu selten in Deutschland weilt, die Kicker im Trainingslager allen Ernstes spurten lässt und sogar gelegentlich ein Spiel verliert. Klinsmann muss geholfen werden, dachten sich die kooperativen Geister, und so kam man in grosser Runde zusammen und verfügte dieses und jenes.“

dpa-Interview mit Uli Hoeneß (auf stern.de)

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