indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 3. Juni 2005

Bundesliga

Fortschreitende Lähmung

Oliver Trust (SZ 3.6.) sorgt sich um den VfB Stuttgart: „Wer einmal zuviel geredet hat, der schweigt danach betroffen und kehrt in aller Stille die Scherben zusammen. Beim VfB Stuttgart wurde viel geredet, nun wird geschwiegen und gefegt. Dies „andante“ nach dem „fortissimo“ bedeutet nichts Gutes. Freudlose Gesichter trifft der Besucher in diesen Tagen rund um die Klubzentrale. Der Frust über den verpassten Platz in der Champions League sitzt beim Fünften der vergangenen Saison tief, und die Aufarbeitung der Gründe für das Scheitern reißt tiefe Gräben. Der Klub verharrt im Zustand fortschreitender Lähmung.“

Deutsche Elf

Ein Duell im Morgengrauen ist nicht zu erwarten

Christof Kneer (SZ 3.6.) befasst sich mit dem Streit zwischen Karl-Heinz Rummenigge und Oliver Bierhoff: „Seit Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff an Deutschland basteln, hat der Wortführer aus dem südlichen Bundesland mehrfach heftig dazwischen geredet, aber so scharf wie in diesen Tagen hat das noch nie geklungen: „Der soll sich um seinen eigenen Mist kümmern“, schimpfte Karl-Heinz Rummenigge. „Zum wiederholten Mal mischt er sich in unsere Belange ein“, er könne Bierhoff „nur warnen, sich nicht mehr zu Dingen zu äußern, die ihn nichts angehen, sonst passiert bald mal was“. Was das sein könnte? Ein Duell im Morgengrauen ist nicht zu erwarten, aber zumindest verbal hat jetzt auch die Gegenseite aufgerüstet: „Die Bayern sind hierzulande die Fußballmacht, und diese Macht versuchen sie, deutlich zu machen“, sagte Bierhoff gestern. „Es kann aber nicht sein, dass wir zu Lakaien der Bayern werden. Bei den Bayern ist es ja so: Wenn sie selbst was sagen, ist das immer ein guter Rat, wenn ein anderer was sagt, ist das immer eine Einmischung.“ (…) Es ist nicht mehr zu übersehen, dass sich hier ein Konflikt entzündet hat, dem die unterschiedlichen Interessen immer wieder neue Nahrung geben.“

Was soll denn da bald passieren?

Rummenigge droht Bierhoff, und Sven Goldmann (Tsp 3.6.) lässt die Luft raus: „Mal abgesehen davon, dass seit Jahrzehnten so ziemlich alle Belange des FC Bayern auch Belange der Nationalmannschaft sind – was soll denn da bald passieren? Ziehen die Bayern ihre Spieler aus der Nationalmannschaft zurück und melden eine eigene?“

Schmusekurs beendet

Jan Christian Müller (FR 3.6.) fasst zusammen: „Das Duo Klinsmann/Bierhoff setzt den jahrelang von Rudi Völler praktizierten Schmusekurs mit dem mächtigsten deutschen Fußballverein nicht fort.“

Donnerstag, 2. Juni 2005

Ball und Buchstabe

Bayerischer Provinz-Mief

Die Eröffnung der Allianz-Arena – Jan Christian Müller (FR 2.6.) missfallen die Schmähungen der Bayern-Fans gegen Jens Lehmann und die deutsche Elf: „Bayerischer Provinz-Mief wehte durch die imposante neue Arena.“

Höhnen

Philipp Selldorf (SZ 2.6.) ergänzt: „Lehmann wurde systematisch ausgepfiffen, beschimpft und verspottet. Lauter Attraktionen hatte der FC Bayern für seinen Festakt engagiert, ein Riesenfeuerwerk abgebrannt und die Arena spektakulär leuchten lassen – doch der schönste Zeitvertreib der Bayern-Fans bestand darin, Jens Lehmann zu verhöhnen.“

Münchner Reizklima

Michael Horeni (FAZ 2.6.) kommentiert den Zorn Oliver Bierhoffs und die Gelassenheit Jürgen Klinsmanns: „Die überraschende Impulsivität Bierhoffs und die demonstrative Gelassenheit Klinsmanns wirkten wie eine Arbeitsteilung in der Nationalmannschaftsführung, die seit Wochen unter bayerischen Machtdemonstrationen litt. Erst die von Hoeneß entfachte Umzugsdebatte um den Bundestrainer, dann die in einen Rat gekleidete Forderung Magaths, Kapitän Ballack beim Confederations Cup zu schonen und nun die Pfiffe gegen Lehmann sowie eine Niederlage gegen den FC Bayern – das war ein bißchen viel für die Nationalelf im Münchner Reizklima.“

Selbstbezogenheit

Die FAZ (2.6.) notiert: „Die Münchner Selbstbezogenheit zeigte sich nicht nur in den ständigen Pfiffen gegen Lehmann. Nach ein paar Minuten, als der FC Bayern sein erstes Tor gegen die Nationalmannschaft erzielt hatte, tat das Publikum in seiner neuen machtvollen Heimat das allgemeine bayerische Selbstverständnis kund. „Wir sind besser als das ganze Land“, riefen die Anhänger, und sportlich lagen sie damit sogar genau richtig.“

of: Sie riefen später auch: „Schade, Deutschland, alles ist vorbei.“ Ich dachte, das singen nur Holländer. Hohn gegen die deutsche Nationalelf in einem deutschen Stadion?! Das kann doch nur ein Irrtum sein.

„Riesensauerei“ – FR-Interview mit Oliver Bierhoff über die Parolen der Bayern-Fans

Pop-Clip des deutschen Aufschwungs

Was passiert mit unseren Gebühren? Christopher Keil (SZ/Medien 2.6.) erlebt den Abend am Fernseher: „Oben auf dem Logenrang saßen die ZDF-Führungskräfte um den Intendanten Markus Schächter und verfolgten die in viel Rot und Weiß verpackte Sponsoren-Sportschau zur Abwechslung sehr entspannt. Bauten wie die Allianz Arena können heute nur noch mit industrieller Zuwendung entstehen, und öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat Sponsoren-Richtlinien zu beachten. Doch an diesem Abend mischte sich die Inszenierungsabsicht des Fernsehens, die finanzielle Gewalt großer Unternehmen und die Ästhetik moderner Athleten zu einem Pop-Clip des deutschen Aufschwungs. (…) Gottschalk kann den Raum, den ein Fußballplatz bietet, immer noch füllen. Er hatte bestimmt vieles nie, hat manches nicht mehr, ganz sicher hat er Präsenz. Dann wurde das Eröffnungsspiel angepfiffen, die neue ZDF-Fußball-Fachkraft Wolf-Dieter Poschmann versuchte sich als Kommentator, und man schaltete ab, den Ton.“

Bildserie von der Eröffnung der Allianz-Arena, faz.net

O du blöder, ganz und gar grauenvoller Stabreim

Das Streiflicht (SZ 2.6.) sollte besser nicht den kicker lesen: „Der Abend kam, und mit ihm kam der alte Ärger. „Fußball vom Feinsten“ versprach das ZDF in seinen Nachrichten, und kurz danach, im Wetterbericht, schwärmte es von „Sonne satt“ im Monat Mai. O du blöder, ganz und gar grauenvoller Stabreim! Fällt dem Medienmenschen (Me-Me) nichts mehr ein, dann verfällt er ins Lallen und Alliterieren. Außerdem: Ist es nicht beinahe Blasphemie, sich kosmischen Phänomenen wie dem Fußball oder der Sonne mit Worten zu nähern, mit denen man, satt und vom Feinsten, allenfalls über Wurstwaren reden sollte?“

zum Stabreim

Bundesliga

Paradigmenwechsel

Richard Leipold (FAZ 1.6.) wertet den Einfluss Rolf Königs auf Borussia Mönchengladbach: „Als Unternehmer begreift der erste Mann der Borussen den Fußball zuerst als Geschäft. Dieser Ansatz hat dem Traditionsverein einen Paradigmenwechsel [of: müsste es nicht heißen: Paradigmata?] beschert. Wirtschaftlich haben Königs und seine Mitstreiter den Klub auf gesunde Füße gestellt. Sportlich aber treten die Borussen auf der Stelle. (…) Die sportliche Kompetenz der Entscheidungsträger konnte mit der wirtschaftlichen bisher nicht Schritt halten.“

Faule Frucht

Sehr lesenswert! Freiburg steigt ab, und die Grünen stehen vor der Abwahl. Das kann kein Zufall sein, meint Christian von Kageneck (FAZ 2.6.): „Freiburg ist das Opfer seiner eigenen Genügsamkeit, Bescheidenheit und Saturiertheit geworden. Das, was man faulen Talenten oft vorwirft, daß sie nicht alles geben, zu wenig aus ihren Möglichkeiten machen, trifft mittlerweile auf das Management zu. Das Label hat Kratzer bekommen. Die Stagnation ist Teil des Programms. (…) Ausgerechnet der „linke“ Sport-Club ist eine Oligarchie. Ein Verein, in dem nur zwei Personen das Sagen haben: Präsident Stocker und Coach Finke. Finkes Machtfülle, sein autoritäres Gehabe, ließ das letzte größere Regulativ, Manager Andreas Rettig, nach Köln abwandern. In Nibelungentreue verbunden, halten Präsident Stocker und Trainer Finke über den Abstieg hinaus aneinander fest. Es gibt nach ihrem Selbstverständnis keine Schuldigen. Nur die versagenden höheren Mächte. So sieht es in schöner Selbstverklärung die Vereinsführung. Zum Glück gehören Tatkraft und Intelligenz. Beides ist dem Sport-Club in reichlichem Maße abhanden gekommen. Der farbenfrohe Multikulti-Mix hat sich im fünfzehnten Jahr unter der sportlichen Regentschaft von Finke als faule Frucht erwiesen. (…) In der Hauptstadt der Grünen (mit einem grünen Oberbürgermeister) spiegelt sich am Beispiel des Sport-Clubs der Populismus, die politische Kultur der Bundes-Grünen. Siegen auf Teufel komm raus. Wenn es nicht funktioniert, Augen zu und durch. Und zu Reformen kann und will man sich nicht aufraffen. Dabei sind die Verschleißerscheinungen in allen Facetten sichtbar und spürbar.“

Martin Kühl (FTD 1.6.) nimmt die zunehmende Aktivität deutscher Vereine in Asien zur Kenntnis: „Vor allem Japan gilt als Markt der Zukunft. Das Land ist zweite Station der HSV-Asienreise. (…) China bleibt zunächst ein Perspektivmarkt.“

Viele starke Egos

Erwin Staudt sagt in einem Welt-Interview: „Ich habe es in der Wirtschaft als leichter empfunden, Menschen auf Ziele einzuschwören, man denkt dort einheitlicher. Im Fußballgeschäft tummeln sich viele starke Egos. Manche Profis sind mit ihrem Talent groß geworden, wurden immer umhegt und haben deshalb ein besonderes Selbstverständnis. Das finden Sie bei normalen Angestellten in der Wirtschaft kaum. Fußballspieler und ihre Berater sehen sich teilweise als Ich-AGs.“

Mittwoch, 1. Juni 2005

Ball und Buchstabe

Phänomen der Öffentlichkeit

Diskussion um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Ostfußballs – Ronny Blaschke (SZ 1.6.) stellt klar: „Viele Klubbosse im Osten arbeiteten schlechter als jene in Aue oder Rostock, sie fielen ihrer Naivität zum Opfer oder verloren sich im Wandel der Zeit: Trainer Dragoslav Stepanovic verdiente beim VfB Leipzig Ende der neunziger Jahre monatlich fast 40 000 Mark, der Klub hatte einen der höchsten Etats. Trotzdem gibt es ihn nicht mehr. Abgehalfterte Profis führten einen Lebensstil, als würde der Osten auf Ölquellen sitzen. Hausmeister fuhren Dienstwagen, Spielergehälter wurden zum Teil aus Koffern bezahlt. Zur Geldvernichtung gesellte sich die Lust an der Rotation: RW Erfurt zählte 18 Präsidenten, Dynamo Dresden verschliss 14 Trainer. (…) Die Ost-Debatte ist nur ein Phänomen der Öffentlichkeit. Die meisten Entscheidungsträger ostdeutscher Klubs lehnen einen Solidarfonds ab. (…) Zwanzig Millionen Euro flossen vom DFB seit der Wende in die ostdeutschen Vereine. Zudem wurden von Kommunen und Investoren wie dem Filmrechtehändler Michael Kölmel viele Millionen in die Infrastruktur gepumpt. Ein Großteil wurde sinnlos verschwendet. Doch es ist auch eine hervorragende Nachwuchsausbildung entstanden: Fast in jeder DFB-Auswahl kicken vier oder fünf Talente aus dem Osten. Es sind Stadion-Bauten auf den Weg gebracht worden, vor allem dort, wo die Zukunft beginnen soll: in Magdeburg, Halle oder Dresden. Und dennoch wird es eine Weile dauern, bis sich die Gemüter beruhigen.“

Innen eine kühle, sterile Betonschüssel

Elisabeth Schlammerl (FAZ 1.6.) berichtet von der Eröffnung des neuen Stadions von 1860 München: „Der Ball war noch gar nicht im Spiel, da lieferte die Allianz-Arena schon den Beweis, daß sie zum Hexenkessel taugt. Als die evangelisch-lutherische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler bei der Stadionweihe den in den Augen der Fans des TSV München 1860 größtmöglichen Fehler beging und dem FC Bayern die deutsche Meisterschaft in der neuen Arena wünschte, setzte ein gellendes Pfeifkonzert ein. (…) Es ist noch nicht alles, wie es sein sollte. Die Allianz-Arena gilt zu Recht als architektonisches Prachtstück, aber einmalig ist sie nur von außen. Innen wirkt sie trotz der steilen Ränge wie so viele Fußballtempel: wie eine kühle, sterile Betonschüssel.“

FAZ: Klinsmann und die Bayern – ein kleiner Machtkampf

Unterhaus

Raffzahn

Kein Witz, sondern Eintracht Frankfurt – Ingo Durstewitz (FR 1.6.) kommentiert die Nichtabstiegsprämie für Ex-Trainer Willi Reimann: „Dass die damalige Klubführung um Ex-Eintracht-Chef Sparmann einen an Dilettantismus kaum zu überbietenden Vertrag ausarbeitete und Reimann rein juristisch betrachtet im Recht ist, ist die eine Seite. Die andere ist die Moral. Dass Reimann, der Abstiegstrainer, der zum Wiederaufstieg etwa so viel beitrug wie der Kaiser von China, die Chuzpe besitzt, nun eine Nichtabstiegsprämie für den Klassenerhalt in der zweiten Liga zu fordern, ist nur schwer zu ertragen. Klar, das Fußball-Geschäft ist verdorben, und moralische Standards haben dort an Durchschlagskraft verloren. Aber Reimann, vom Boulevard nur noch Raffzahn genannt, hat sich in der schmutzigen Branche als Abzocker erster Güte profiliert. Auf der nach oben offenen Dreistigkeits-Skala hat er sich an die Spitze gesetzt. Ein Aufstieg.“

Ascheplatz

Gefährliche Spirale

Nach der Übernahme durch Malcolm Glazer – Christian Henkel (BLZ 1.6.) warnt Manchester United vor Schulden: „Als Manchester United 1991 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, konnte keiner ahnen, welche Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm. Acht Meistertitel und die Champions League gewann der Klub binnen elf Jahren. In England trat Manchester in seinem selbst ernannten Theater der Träume auf, dem Stadion Old Trafford, und machte weltweit Umsätze wie kein anderer Verein. Seit vergangenem Monat gehört ManU wieder einer Privatperson. Die Refinanzierung dieses Kaufes könnte aus dem ehemals reichsten Fußballklub der Welt bald den höchst verschuldeten machen. (…) Eine Studie erklärt die Gründe: Der Kauf der Manchester-United-Aktien hat Glazer mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Geld, das er sich von Banken und Hedgefonds geliehen hat. Um diese Schulden zu tilgen, müsste Glazer in den kommenden sieben Jahren 127 Millionen Euro jährlich zurückzahlen. Das entspricht mehr als der Hälfte des Jahresumsatzes des bisher schuldenfreien Klubs. Selbst wenn Glazer, wie von Shareholders United befürchtet, das Stadion verkaufen sollte, bliebe eine jährliche Restschuld von 80 Millionen Euro. Unter dem Druck der Verbindlichkeiten, so das Szenario der Studie, könnte Glazer weitere Schulden aufnehmen oder Spieler veräußern. Eine gefährliche Spirale.“

Dienstag, 31. Mai 2005

Interview

Wir lassen uns unsere Arbeit nicht kaputtmachen

Jürgen Klinsmann mit Lars Gartenschläger (WamS 29.5.)
WamS: Wie gehen Sie mit den Kritiken und Verbesserungsvorschlägen um, die Sie unablässig erhalten?
JK: Ich versuche mich immer zu fragen, welchen Hintergrund die Aussagen haben. Manchmal frage ich mich schon, ob der eine oder andere sich nicht besser zurückhalten sollte. Ich maße mir als Bundestrainer auch nicht an, über jeden zu urteilen. Aber wenn beispielsweise Uli Hoeneß etwas sagt, hat es Gewicht, dafür ist er eine Institution des deutschen Fußballs. Ich habe großen Respekt vor ihm. (…)
WamS: Bemängelt wird, daß bei der Zusammenstellung Ihres Wunschteams langjährige DFB-Mitarbeiter auf der Strecke blieben.
JK: Ich habe vom ersten Gespräch an gesagt, daß ich mir einen Stab aufbauen werde, von dem ich überzeugt bin. Ich kannte Jogi Löw von meinem Trainerlehrgang im Jahr 2000, wo er Welt- und Europameistern in der Halle exemplarisch mal eben in zwei Minuten die Viererkette erklärt hat. Zu Guido Buchwald, der damals neben mir saß, habe ich nur gesagt: Guido, ich weiß nicht, wie viele Trainer ich in 18 Jahren Profilaufbahn hatte, aber das konnte mir von denen keiner so erläutern. Was ich sagen will: Es ist keineswegs so, daß ich Leute nur deshalb in meinem Boot habe, weil es gute Freunde sind. Es ging allein darum: Sind sie top, und können sie sich genügend einbringen? Wenn man jede einzelne Position durchgeht, die wir jetzt umdisponiert oder neu geschaffen haben, kommt bei jeder am Ende heraus, daß eine starke Qualitätsverbesserung da ist.
WamS: Wieso teilten Sie Erich Rutemöller am Telefon mit, daß er nicht mehr zum Trainerstab gehört?
JK: Die Art, wie wir das Thema mit Erich diskutiert haben, war stilvoll. Wir haben seit Monaten versucht, Aufgaben zu finden, die er ausfüllen kann. Er hatte in den vergangenen zehn Monaten praktisch keine konkrete Aufgabe mehr bei uns. In Zukunft wird er mit Trainerlehrgängen bei uns vorbeischauen, wird in die Spielbeobachtung mit aufgenommen. Ich denke, daß ich so eine Umschichtung telefonisch machen kann und nicht warten muß, bis man sich einen Tag vor dem Spiel in München trifft. Aber das ist ja nicht das eigentliche Problem.
WamS: Sondern?
JK: Im Zuge dieser Geschichte sind wie so oft Gegenpole aufgebaut worden. Wir gewinnen mit Urs Siegenthaler einen neuen Chefscout, der absolut top ist, ein Analytiker, ein Stratege. Doch das Thema der Geschichte ist: wozu brauchen wir einen Schweizer? Das ist nicht nur niveau-, sondern auch respektlos. So war es schon, als wir die amerikanischen Fitnesstrainer für uns gewinnen konnten. Trainer, zu denen Stars aus der NBA freiwillig hingehen und aus der eigenen Tasche Geld für Fitnessprogramme bezahlen. Aber wissen Sie, wir registrieren das alles ganz genau. Es kann in Zukunft schon mal passieren, daß wir die Türen zumachen, wenn überdreht wird. Wir sind kritikfähig, aber wir lassen uns unsere Arbeit nicht kaputtmachen.
WamS: Bei rund 900 Fußballtrainern, die es in Deutschland gibt, darf die Frage erlaubt sein, warum Sie sich für Siegenthaler entschieden haben.
JK: Natürlich. Noch einmal: bei allem, was wir entscheiden, gilt die Qualität als Maßstab.

Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben

Oliver Bierhoff mit Michael Ashelm (FAS 29.5.)
FAS: Wie sieht aus Sicht des Teammanagers der ideale deutsche WM-Spieler aus?
OB: Das Gesamtbild der Mannschaft ist mir sehr wichtig. Wir haben das Ziel, daß der deutsche Fan zu Beginn der WM 2006 sagt: Ich drücke den Jungs die Daumen. Nicht, weil das die Nationalmannschaft oder Deutschland ist, sondern weil das tolle Jungs sind. (…) Bei der EM waren die Spieler für viele Fans noch die Millionäre, die es verdient hatten, nach Hause zu fahren. Jetzt haben wir einige interessante junge Spieler im Kader. Etwa Per Mertesacker, der hat Abitur und macht jetzt Zivildienst. Wir möchten den Fans die Spieler als Menschen näherbringen und der Mannschaft als Gesamtes ein Gesicht geben. Wenn in der Vergangenheit Erfolg da war, wurde es alleine Rudi Völler, Oliver Kahn und Michael Ballack zugeschrieben. Der Rest ist weggefallen. Wir möchten die Mannschaft als Ganzes zeigen, die sich voll auf ihren Job auf dem Fußballplatz konzentriert – und sich dazu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewußt ist. Die Nationalmannschaft muß für Dinge stehen, die über den Platz hinausgehen. Sie muß mit ihren Partnern und Helfern einen freundlichen Umgang pflegen, Ausstrahlung haben, Freude bei den Fans auslösen und eine positive Einstellung zum Job zeigen.
FAS: Ziemlich glatt. (…) Was wollen Sie damit erreichen?
OB: Die Persönlichkeitsbildung von Spielern ist vernachlässigt worden. Bisher wurde darauf geachtet, daß er fit ist und es ihm gutgeht. Doch ein Spieler auf dem Platz kann nur wachsen, wenn er auch als Person wächst. Dann kann er im Spiel auf höchstem Niveau mehr Verantwortung übernehmen und bessere Entscheidungen treffen. (…)
FAS: Ein Beispiel?
OB: Zur Asien-Reise haben die Spieler ein Buch bekommen. Von Napoleon Hill: „Denke nach und werde reich.“ Reich ist hier nicht finanziell zu sehen. Ein amerikanischer Bestseller, in dem es darum geht, was erfolgreiche Menschen ausmacht. Es war das erste Buch, das ich auf diesem Gebiet gelesen habe, was mir den Anstoß gab, andere Bücher zu lesen, um für mich einen Weg zu finden.
FAS: Sie galten als Spieler auch nicht gerade als Typ für die knalligen Worte.
OB: Ich war immer gegen provokative Aussagen. Aber man muß auch seine Meinung abgeben. Und das geht bei uns in der Nationalmannschaft. Wir verhängen keinen Maulkorb. Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben. Gerade in Deutschland ist das aber schwer. Da heißt es meistens: Wenn ich keine Leistung gebracht habe, muß ich mich wegducken. Doch wir brauchen Selbstvertrauen, Lockerheit, Elan.

Internationaler Fußball

Soviel Süden war noch nie

Birgit Schönau (SZ 31.5.) resümiert die italienische Saison aus südlicher Perspektive: „Die Provinz hat mächtig aufgeholt. Und der Süden: Cagliari, Messina und Palermo – alle Aufsteiger sind noch dabei. Palermo spielt sogar im Uefa-Cup, das wird ein Fest für die Sizilianer, die ein Menschenalter auf einen solchen Erfolg haben warten müssen. Auf der anderen Seite der Meerenge hat sich die Reggina aus Reggio di Calabria halten können, ebenso die US Lecce. Soviel Süden war noch nie, wenn nun noch der SSC Neapel dazu käme, wäre der Vormarsch des Mezzogiorno perfekt.“

Ich erwarte nichts von der Zukunft

Sehr lesenswert! Peter Hartmann (NZZ 31.5.) beschreibt den Klassenerhalt des AC Florenz: „Dino Zoff galt als Eremit, als ausgegrenzter Nostalgiker, seit er nach dem verlorenen EM-Final gegen Frankreich 2000 wegen der besserwisserischen Kritik des Milan-Präsidenten Berlusconi den Job als Nationalcoach beleidigt quittiert hatte. Zoff, das Monument, der ewige Torhüter, Held des Weltmeisterteams 1982 mit damals 40 Jahren, der golfspielende Rentner, liess sich überreden, obwohl er die Regeln kannte: Gehe nie zu einem Klub, der schon zwei Trainer verschlissen hat, übernimm keine Mannschaft, die du nicht selber zusammengestellt hast. Der Anfang war das Grauen. Unter Zoff verlor die Fiorentina die ersten vier Spiele, bei der vierten Niederlage, gegen Sampdoria, standen nach zehn Minuten noch neun Mann aus Florenz auf dem Rasen. Zoff, der Schweiger, verlor erstmals die Contenance. Er glaubte sich von Komplotten umzingelt. Sein Arbeitgeber Diego Della Valle trug in der Lega einen Machtkampf gegen den Präsidenten Galliani aus, der sich über Monate hinzog, und Galliani war, als Geschäftsführer der AC Milan, das trojanische Pferd Berlusconis in der Fussballpolitik. Machiavelli, der Meister der Intrige, kam ja aus Florenz. (…) Die Lega hat Collina, den letzten Unbestechlichen, nach Florenz geschickt (obwohl der selber Toskaner ist). Nach dem gewonnenen Spiel der Wahrheit gab sich Zoff philosophisch: „Ich erwarte nichts von der Zukunft. Ich gehe einfach meinen Weg weiter.“ Die Della Valles planen nicht mit dem alten Kragenbär.“

Der letzte Spieltag in der Primera Division, NZZ

Rapid Wiens Titelgewinn, NZZ

Ball und Buchstabe

Weinerlichkeit und Aufregung

Felix Reidhaar (NZZ 31.5.) schüttelt den Kopf wegen der deutschen Schiedsrichterschelte, liest Reinhold Beckmann die Leviten, verlegt die deutsche Hauptstadt ein paar Jahre zurück und befürwortet den Videobeweis: „Skandalös, haarsträubend, katastrophal, bedenklich schwach: So lauteten ein paar Unfreundlichkeiten von Fernseh- und Boulevard-Reportern an die Adresse des – im Lande angesehenen – Referee-Trios nach dem sehr schwierig zu leitenden deutschen Cup-Final mit Parteien, die sich nichts zu schenken gewillt waren und sich ordentlich mit Händen und Füssen malträtierten. Dass selbst der politische Moderator des „Berichts aus Bonn“ noch seinen Senf – „gruselig“ – zur adjektivischen Ausschmückung der verheerenden Kritik auszudrücken bereit war, veranschaulicht letztlich nur die bekannt starken Gemütserregungen, die Weinerlichkeit und Aufregung in unserem nördlichen Nachbarland, wenn es um Fussball geht: noch akzentuiert seit der Hoyzer-Affäre. (…) Der gestrenge und im (Abseits-)Regelwerk nicht gar so sattelfeste ARD-Kommentator wartete stets das wiederholte und verlangsamte Bild seiner Kameramänner ab, ehe er hochnäsig sein Urteil fällte. Es fiel nicht schmeichelhaft aus für das bemitleidenswerte Spielleitertrio, das in der Hektik, dem Wirrwarr oder der Schnelligkeit und ohne Korrektiv handeln musste. Es ist eine Tatsache, dass die Beurteilung von vielen Abseitspositionen das menschliche Auge weit überfordert. Deshalb besteht Handlungsbedarf. So kann es nicht weitergehen. (…) Rhythmus, Wucht und Athletik des modernen professionellen Spitzenfussballs haben sich derart weiterentwickelt, dass der Video-Beweis, analog zum Eishockey, viele Vorteile verspricht. Vor allem Fairness.“

Montag, 30. Mai 2005

11 Freundinnen

Neid und Missgunst

Frauenfußball im Aufschwung – Matthias Kittmann (FR 30.5.) beschreibt Indizien: „Wenn Sticheleien und verbale Querschläger ein Maßstab für den Rang einer Sportart sind, dann gehört der Frauenfußball bald ins Konzert der Großen. Selten wurde vor und nach einem Frauenfußballspiel so viel quer geschossen, wie vor diesem Pokalfinale. Da die Protagonisten hauptsächlich Männer waren – Frankfurts Manager Siegfried Dietrich und Potsdams Macher Bernd Schröder – trifft es zwar der Begriff „Zickenkrieg“ nicht so ganz. Gleichwohl ist er nicht so ganz abwegig. Denn neben der sportlichen Rivalität gehört zum Frauenfußball (mittlerweile) auch der Neid und die Missgunst.“

Spielbericht vom Frauen-Endspiel, sueddeutsche.de

Bundesliga

Wiese der Ahnungslosen

Die Fehlentscheidungen Florian Meyers, für Christoph Biermann (SZ 30.5.) ein Grund, sein Plädoyer für den Videobeweis zu erneuern: „Meyer ging weniger beschadet aus dem Spiel, als man vermuten konnte. Meyer überzeugte in der B-Note, die sich aus Auftreten und Haltung ergibt. Es wird auch niemanden geben, der Vermants Parade in Echtzeit sofort gesehen haben dürfte. Pizarros Abseitstor und Ailtons Sturz im Strafraum bedurften ebenfalls der Analyse durch Fernsehbilder, und damit sind wir beim eigentlichen Ärgernis. Den Zuschauern zu Hause und in einigen Bereichen des Stadions stehen diese inzwischen immer zu Verfügung, doch das Spielfeld bleibt eine Wiese der Ahnungslosen. Das Tempo im Spitzenfußball, das ständige Surfen am Rand von Grenzen wie etwa beim Abseits, macht die Arbeit der Schiedsrichter zunehmend schwerer. Immer drängender wird die Notwendigkeit, dass sie bei der Wahrheitsfindung auf elektronische Mittel zurückgreifen können. Dem Pokalfinale haben die Fehler letztlich nicht geschadet. Vielleicht wurde es sogar spannender und aufregender als es sonst gewesen wäre, während sich die Kunstfehler in die Kunst des Fehlermachens verwandelten. Wie frustrierend aber wäre es gewesen, hätte Meyer nicht das Glück des Freundlichen gehabt.“

Menschlich

Das also ist Fußball-Gerechtigkeit, Stefan Hermanns (Tsp 30.5.): „Dass Meyer die Abseitsstellung von Hasan Salihamidzic übersehen hatte, war eine der glücklichsten Fehlentscheidungen in der Geschichte des deutschen Fußballs. Dreimal waren die Bayern zuvor benachteiligt worden, und man muss sich die pflichtgemäße Erregung der Schalker ins tausendfach gesteigerte vorstellen, wenn die Bayern verloren hätten. Konzessionsentscheidungen werden solche ausgleichende Ungerechtigkeiten genannt, was impliziert, dass der Schiedsrichter bewusst falsch entschieden hat. In der Tat war Meyer zur Pause von Hoeneß darauf hingewiesen worden, dass er dreimal daneben gelegen hatte. Dass er im Zweifel nicht ein viertes Mal gegen Bayern entscheiden würde, ist unter dieser Voraussetzung nur allzu menschlich.“

Gift, Galle, Bosheiten, Fouls

Frank Hellmann (FR 30.5.) vergleicht das Pokalfinale mit dem Champions-League-Endspiel: „Gerade die nach internationalen Meriten strebenden Bayern sollten sich das Finale furioso in Istanbul als Lehrbeispiel vor Augen führen. Dort war zu bestaunen: Technik und Tempo, Finesse, Raffinesse und Fairness. Kurzum: ein faszinierender Fußballkrimi. In Berlin zu begutachten: Gift und Galle, Bosheiten, dazu Fouls und fehlerhafte Pfiffe, die den Genuss am schönen Spiel verdarben und mit einer falschen Tatsachenentscheidung endeten. Genauso ärgerlich wie der Fakt, dass zuvorderst einige Balltreter auf königsblauer Seite die One-Touch-Strategie – Kombinationsfußball im Geschwindigkeitsrausch – nicht beherrschen. Dass lässt für Schalkes internationale Ambitionen nicht viel Gutes erahnen.“

Dilemma

Andreas Lesch (BLZ 30.5.) wünscht sich mehr Konkurrenz für die Bayern: „Das Pokalfinale hat noch einmal das Dilemma aufgezeigt, vor dem dieser Klub steht: Er weiß kaum mehr, an welchem Liga-Rivalen er sich orientieren, reiben, messen soll.“

Vorfreude

Ein paar Adjektive und Superlative von Roland Zorn (FAZ 30.5.): „Es war eine Sinfonie in Blau und Rot, ein wunderbarer Sommerabend der Emotionen, der rückhaltlosen Begeisterung und Anfeuerung für die eigene Mannschaft. Als sich im Berliner Olympiastadion die beiden besten, größten und wohl auch populärsten deutschen Klubs zum Duell trafen, weckte allein die Inszenierung der Massen so etwas wie Vorfreude auf die Weltmeisterschaft.“

FAZ-Spielbericht und Bildserie

FR-Spielbericht

Stimmen zum Spiel, sueddeutsche.de

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