Freitag, 24. Dezember 2004
Ball und Buchstabe
Konzeptfußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen
Christoph Biermann (SZ 24.12.) stellt fest: „Udo Lattek darf zwar im Fernsehen noch den Experten mimen, aber nie hat seine Weltsicht gestriger gewirkt. „Die brauchen Eier und einen, der ihnen da mal kräftig reintritt“, randalierte der Erfolgstrainer noch vor kurzem über Borussia Dortmund. Man kann das amüsant finden oder nur noch peinlich – von irgendeiner Relevanz ist es nicht mehr. Denn kein Mensch, der halbwegs ernst genommen werden möchte, redet noch so über Fußball. 2004 ist aber nicht nur das Jahr, in dem die prollige Seite des Fußballs und der zugehörige Jargon in den Hintergrund trat. Gleichzeitig zu Ende ging auch ein Zeitalter, in dem Fußball zuvorderst als eine Schulung des Charakters gedeutet wurde. Gäbe es ein Fußballwort des Jahres, würde es zweifellos „Konzeptfußball“ heißen. Es steht für eine Dominanz des Taktischen und Systematischen sowie für ein kollektives Verständnis des Spiels. Der Blick gilt demnach nicht dem Einzelnen, seinem Willen und Charakter, sondern dem Zusammenwirken der Kräfte auf dem Spielfeld. Das Sprechen über Fußball hat sich also nicht infolge irgendeiner Laune des Zufälligen geändert, es entspricht vielmehr den akuten Veränderungen auf dem Spielfeld. Alle Mannschaften, die im Laufe der zweiten Jahreshälfte in Deutschland für Aufsehen gesorgt haben, segelten auf unterschiedliche Art und Weise unter der Flagge des „Konzeptfußballs“. Fast zehn Jahre nachdem Volker Finke den Begriff „Konzeptfußball“ erstmals in die Debatte geworfen hat, ist er in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“
of: …warum dann die Anführungszeichen beim Konzeptfußball?
Bildstrecke „Was Sportler so sagen“, sueddeutsche.de
Donnerstag, 23. Dezember 2004
Interview
Das ist ja der Karlheinz Förster, nur einen halben Kopf größer
Jürgen Klinsmann mit Ludger Schulze (SZ 23.12.)
SZ: Um Oliver Kahn gab es zuletzt viel Verdruss. Es heißt, in Kreisen der Mannschaft sei es nicht gut angekommen, dass er als einziger Spieler seine Lebensgefährtin mit auf die Asien-Reise genommen hat.
JK: Es ist wichtig, dass diese Dinge zwischen den Beteiligten behandelt werden. Wir haben ja diese Freiräume geöffnet, damit jeder in seiner Freizeit mit wem auch immer Kaffee trinken kann. Und wenn er das mit seiner Freundin tut, ist mir das total egal. Ich würde mich auch freuen, wenn mein Vater dabei wäre. Aber nach dem, was seit Monaten auf ihn einstürzt, wird bei ihm alles noch genauer beobachtet. Jeder Spieler sollte die jeweilige Situation erkennen, in der wir uns gerade befinden. Oliver Kahns Konflikt mit den Medien kostet wahnsinnig Energie. (…)
SZ: Fußball-Deutschland hat jahrelang über einen Mangel an Talenten geklagt. Wo hat man da hingeschaut?
JK: Weiß nicht. Vielleicht hat die Sache auch eine Eigendynamik entwickelt. Thomas Hitzlsperger und Moritz Volz sind immerhin Stammspieler bei Aston Villa und FC Fulham. Bei Robert Huth war das eine spontane Entscheidung aus der Not. Er ist ja zumeist noch Reservist beim FC Chelsea, und dann kommt der daher und fegt alle weg. Was ist denn hier los?, haben wir uns gefragt. Aus meinem früheren Erleben hab ich gedacht: Das ist ja der Karlheinz Förster, nur einen halben Kopf größer. Der lässt keinen laufen! Um es noch einmal zu betonen: Wir setzen bei den jungen Leuten auf die Stärken und versuchen, Schwächen zu korrigieren. Es hat keinen Sinn, einem wie Mertesacker vorzuhalten, er habe wenig Erfahrung. Die Konsequenz daraus ist eine riesige Eigenmotivation.
SZ: Uns scheint es, als nähme diese Generation ihren Beruf auch ernster als andere zuvor. Ende der achtziger Jahre gab es mal einen Vorfall, als Teamchef Franz Beckenbauer einen freien Abend einräumte, und einige Spieler dann in zweifelhaftem Zustand im Morgengrauen heimkehrten. Das ist bei den heutigen Spielern kaum vorstellbar.
JK: Und die sind damals auch noch im DFB-Trainingsanzug in die Kneipe gegangen statt mit eigenen Klamotten. Undenkbar jetzt. Der Profisport hat sich in allen Bereichen stark gewandelt, es herrscht viel mehr Eigenverantwortung. Fitness, Technik, Taktik, also der fußballerische Bereich, plus Regeneration, Ernährung und Lebensstil, das ist ein komplexes Bild geworden. Das hat die heutige Spielergeneration begriffen und verhält sich entsprechend. Ein Athlet kann heute problemlos bis 35, 40 top sein. Die Leichtathletik mit Linford Christie, der amerikanische Basketball mit Karl Malone oder John Stockton, diese Beispiele zeigen, dass man seine Karriere lang führen kann. Wenn ich mir aber zwei Nächte bis morgens um fünf um die Ohren haue, bin ich halt platt und verliere vielleicht den Anschluss. Die heutige Generation hat das verstanden, und sie besitzt eine ganz andere Berufsauffassung als unsere Generation. Deswegen können wir ihnen auch Freiräume lassen, weil wir uns nicht sorgen müssen, dass sie über die Stränge schlagen. (…)
SZ: Wo steht die Mannschaft international?
JK: Unter den besten sechs bis acht Teams der Welt, mit Potenzial nach vorne, bei jedem einzelnen Spieler. Ich sehe Argentinien und Brasilien ganz vorne, in Europa brauchen wir uns vor keinem zu verstecken. Nach Nedved sind die Tschechen im Umbruch, die Franzosen nach Zidane, die Portugiesen nach Figo und Rui Costa, die Holländer experimentieren auch, und die Engländer sind permanent im Umbruch. Unsere Zuversicht besteht darin, dass wir eine große Stärke in der Breite besitzen.
SZ: Und wofür steht diese Nationalmannschaft?
JK: Sie steht für Agieren, für Identifikation, für eine positive Denkweise, für ein Stück Lebensfreude. Wenn man Spaß an einer Sache hat, kann man sich ihr ganz hingeben.
Ball und Buchstabe
Den Worten folgt ausnahmsweise die Tat
100.000 Euro Strafe für Real Madrid wegen rassistischer Fangesänge findet Christian Zaschke (SZ 23.12.) gut: „Dass die Fifa drastisch vorgeht ist so überraschend wie richtig. In Sonntagsreden verurteilen die Funktionäre den Rassismus stets gern. Auch Fifa-Chef Sepp Blatter hat das gerade wieder getan, aber den Worten ausnahmsweise die Tat folgen lassen. Jede Form des Rassismus im Fußball sollte künftig in dieser Weise bestraft werden, gern auch noch drastischer.“
Fußball ist eigentlich eine Nebensache, manchmal auch etwas mehr
Die Zeit hat einige Prominente aus Kultur, Politik und Sport gebeten, ein Statement über Deutschland zu schreiben. Von Oliver Bierhoff lesen wir heute: „Deutsche haben allen Anlass, mit Stolz auf die Leistungen ihres Landes zu schauen. Ich habe während meiner Wanderjahre als Fußballprofi viel Zeit im Ausland verbracht, in Italien, in Frankreich, ich kenne auch England ganz gut. Wer vergleicht, der muss zugeben: Die Sicherheit, die Ordnung, die gesamte Infrastruktur, von der die Menschen in hohem Maße profitieren – dies alles ist nirgends derart ausgeprägt und doch zugleich so unauffällig vorhanden wie in Deutschland. (…) Die Außendarstellung des Landes ist offenbar noch nicht optimal. Daran müssen wir arbeiten. Fußball ist eigentlich eine Nebensache, manchmal auch etwas mehr. Dann kann er helfen, etwas Wichtiges zu erreichen. Etwa aus Anlass der WM 2006. Da kann die Nationalmannschaft vermitteln, dass es Optimismus, Zuversicht und Lebensfreude in Deutschland gibt.“
Deutsche Elf
Er denkt und handelt amerikanisch
Thomas Kilchenstein (FR 23.12.) stellt Jürgen Klinsmann ein sehr gutes Zeugnis aus: „Binnen kurzem hat er wahr gemacht, was er nach seinem Amtsantritt Ende Juli dieses Jahres angekündigt hatte, nämlich dass „man im Grunde den ganzen Laden auseinander nehmen“ müsse. Das hat man schon oft gehört, Klinsmann handelte entsprechend, jedenfalls im unmittelbaren Umfeld der A-Mannschaft. Nur die wenigsten hatten ihm ein solches Tempo zugetraut: Im Auftreten ist er verbindlich, umgänglich, er lächelt viel. Aber er denkt und handelt amerikanisch: schnell, kühl, messerscharf, kompromisslos.“
Was halten wir von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer? Und vor allem: Wie beurteilen wir die Berichte über ihn, die „Klinsmania“, wie die taz ungläubig feststellt? Hat Klinsmann tatsächlich die „geistig-sportliche Wende“ (FAZ) im deutschen Fußball bewirkt? Die Zeit schreibt: „Er begeistert, er hat es geschafft, dass seine Leute wieder an sich glauben. Er gilt als Deutschlands mutigster Reformer.“ In der SZ lesen wir: „Seit Klinsmann den Posten des Bundestrainers übernommen und programmatisch revolutioniert hat, sind Länderspiele keine isolierten Sportveranstaltungen mehr, sondern kulturschaffende Ereignisse.“ Die FR stimmt ein: „Die deutsche Nationalmannschaft ist wieder zu einem Erlebnis geworden.“ Vereinzelt sind mahnende Sätze und Texte zu finden. Der Spiegel will Sein von Schein trennen: „Die Figur Klinsmann wirkt wie eine einzige Marketing-Inszenierung. (…) Seine Sprache, die Bewunderer an Führungskräfteseminare und Skeptiker an Psychosekten erinnert, lebt vom gleichen Schlagworte-Pathos wie die Produktpräsentationen der Sportartikelindustrie.“ Und die taz resümiert unerbittlich: „Am meisten überzeugt der Schwabe bisher in seiner Rolle als öffentlicher Schönredner.“ Also, liebe freistoss-Leser: Was ist dran an der Klinsmann-Euphorie, die auch eine Verkleinerung Rudi Völlers bedeutet? Wie ist die – vereinzelte, aber deutliche – Kritik an ihm zu verstehen? „Klinsmanns Methoden der Motivation werden sich schneller verbrauchen als ihm lieb ist“, sagt my.pov voraus. Diskutieren Sie mit ihm, anderen Usern und mir in der Südkurve!
Bildstrecke 2004, faz.net
Bildstrecke der Aisen-Reise, Zeit
Mittwoch, 22. Dezember 2004
11 Freundinnen
Gelassenheit
Matthias Kittmann (FR 22.12.) gratuliert Birgit Prinz zur Wahl zur Fußballerin des Jahres: „Es gibt Menschen, die verwechseln Gelassenheit mit Humorlosigkeit. Speziell, wenn es um Birgit Prinz geht. Als sie zum zweiten Mal hintereinander die Fifa-Trophäe zur weltbesten Fußballerin überreicht bekam, nahm sie das scheinbar emotionslos hin. Nur wer die 27-Jährige vom 1. FFC Frankfurt besser kennt, sah ihr an, dass ihr die Ehre viel bedeutet. Und wer sie kennt weiß auch, dass sie über alles andere lieber redet, als über sich selbst. Hollywood-verdächtige Auftritte mit Tränen in den Augen sind ihr fremd. Stattdessen hebt sie eher die Leistung anderer hervor.“
Deutsche Elf
Geistig-sportliche Wende
Michael Horeni (FAZ 22.12.) begrüßt die Klinsmann-Reform: “Der Mentalitätswechsel, den der Bundestrainer in wenigen Monaten eingeleitet hat, ist schon jetzt – wie es in der Politik heißen würde – unumkehrbar. Die äußerst strapaziöse Asien-Reise war dafür nur ein weiterer, aber sicher nicht der letzte Beleg. (…) Klinsmann ist es gelungen, die erste deutsche Fußballauswahl ganz entschieden zu befreien von vielfältigen Erstarrungen, vor denen Rudi Völler am Ende kapitulierte – ganz unabhängig vom sportlichen Ergebnis. Die Versuchung angesichts der geistig-sportlichen Wende ist jedoch groß, die Vorleistungen des gescheiterten Teamchefs zu übersehen, die den dringend nötigen Aufbruch unter dem neuen Bundestrainer erleichterten. Völler hinterließ ein intaktes Team, in dem der Verjüngungsprozeß schon angelegt, aber nicht mit der letzten Überzeugung vorangetrieben wurde.“
Erlebnis Nationalmannschaft
Thomas Kilchenstein (FR 22.12.) stimmt ein: „Knapp sechs Monate ist Jürgen Klinsmann im Amt, und eines gilt als gesichert: Die deutsche Nationalmannschaft ist wieder zu einem Erlebnis geworden – für die Spieler, die mit einiger Vorfreude zu den Spielen mit Testcharakter kommen, selbst zu der im Vorfeld fast schon verdammten Asienreise mit Zeiten- und Klimawechseln fast im Tagesrhythmus. Aber auch für die Fans.“
Wie eine einzige Marketing-Inszenierung
Jörg Kramer (Spiegel 20.12.) trennt Schein und Sein: „Die ganze Figur Klinsmann wirkt seit der Kür zum Bundestrainer wie eine einzige Marketing-Inszenierung. (…) Der als Mutmacher leicht durchschaubare Bundestrainer („Wir reden nicht von Schwächen“) präsentiert sich auch in Fernost gnadenlos optimistisch. Dass der neu engagierte Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann „sich problemlos einarbeiten“ wird, tat er schon kund, bevor der überhaupt beim Team eingetroffen war. Mit seinen federnden Turnschuh-Schritten symbolisiert Klinsmann dauerhaft Aufbruchstimmung. Doch weil er fast immer wie ein Verkünder von Werbebotschaften klingt, wirkt er selten authentisch. Ganz toll, wie Routinier Ballack bei der Aufmunterung von Neulingen behilflich sei, schwärmte der Bundestrainer auf dem Flug nach Südkorea. Nachmittags verriet der Kapitän eher das Gegenteil: Bei dieser Art der Integrationshilfe sei er in der Regel eigentlich „zurückhaltend“. Wie kein Zweiter verkörpert Klinsmann das Werbezeitalter des Fußballs. Kein Bild aus Amerika zeigt den Junggebliebenen mit dem schwäbischen Geschäftssinn ohne das Logo seines persönlichen Sponsors aus der Kreditkartenbranche. Seine Sprache, die Bewunderer an Führungskräfteseminare und Skeptiker an Psychosekten erinnert, lebt vom gleichen Schlagworte-Pathos wie die Produktpräsentationen der Sportartikelindustrie. (…) Der Computerkurs zur Bedienung der teamintern bevorzugten Software war nicht uneingeschränkt erfolgreich. Gerald Asamoah bekannte, ohne Hilfe seiner Partnerin könne er immer noch nicht Klinsmanns E-Mails öffnen.“
Kritik wird als Vaterlandsverrat ausgelegt
Auch Frank Ketterer (taz 22.12.) warnt vor Leichtgläubigkeit: „Es ist erstaunlich, welche Klinsmania das Land Beckenbauers befallen hat. Fünf Siege in sieben Fußballspielen haben unweigerlich dazu geführt, dass der Bäckerbursche aus Stuttgart-Botnang zum heiligen Jürgen mutiert ist – und wie alle Heiligen ist natürlich auch der blonde Engel aus dem Schwabenland durch und durch sakrosankt, entsprechend wird jegliche Kritik umgehend als Vaterlandsverrat ausgelegt. Noch erstaunlicher wirkt, wie euphorisiert selbst die seriösen und vernünftigen Medien in den Chor der Klinsmann-Jünger einfallen und ihre Oden an den Schwaben verfassen, maßlose Überhöhung inbegriffen. (…) Am meisten überzeugt der Schwabe bisher in seiner Rolle als öffentlicher Schönredner.“
Testspiel ausgefallen
5:1 – Thailand, kein Gegner, findet Michael Horeni (FAZ 22.12.): “Das letzte Testspiel ist ausgefallen. Denn von einer sportlichen Prüfung konnte von der ersten Minute an bei der Begegnung mit den freundlichen, bisweilen in Bewunderung erstarrenden Nationalspielern Thailands nie die Rede sein. Das erste Länderspiel zwischen der Großmacht und dem Fußball-Zwergenstaat geriet zu einer so einseitigen Veranstaltung, daß die deutsche Reisegruppe zuvor ruhig noch einmal um den halben Globus hätte fliegen können. Sie wäre dennoch nicht in Gefahr geraten, die Partie zu verlieren.“
Dienstag, 21. Dezember 2004
Interview
Der DFB hat in Thailand deutlichen Nachholbedarf
Siegfried Held mit Christian Blitz (taz 21.12.)
taz: Gegen Japan und Südkorea spielte die deutsche Mannschaft jeweils in einem seit Wochen ausverkauften Stadion. Der Karten-Vorverkauf in Bangkok hingegen hatte sich wegen des geringen Zuschauerinteresses erübrigt. Welchen Stellenwert hat die Begegnung mit dem Vizeweltmeister in der thailändischen Öffentlichkeit?
SH: Im Gegensatz zu den sehr niedrigen Zuschauerzahlen bei Ligaspielen ist das Interesse an fußballerischen Großereignissen normalerweise schon sehr hoch. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass die Straßen in Bangkok von Trikots der großen englischen Vereine regiert werden, das Konterfei von David Beckham sieht man hier an jeder zweiten Straßenecke, und im Fernsehen wirst du mit Spielen der Premier League zugeschüttet. Hinzu kommt, dass auch die Asienreisen von Brasilien und Real Madrid deutliche Spuren hinterlassen haben. Im Vergleich dazu sind die Spieler der deutschen Nationalmannschaft nahezu unbekannt.
taz: Dann war die Asienreise, die ja auch Promotionszwecken dienen soll, notwendig?
SH: Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten betrachtet, kann man das so sehen. Die Engländer haben hier ab Mitte der 90er-Jahre eine Imagekampagne gestartet, die man bis dahin in diesem Ausmaß nicht kannte. Ich habe 1995 schon einmal in Japan gearbeitet, und da waren, wie in den anderen asiatischen Ländern auch, Namen wie Rummenigge, Klinsmann oder Matthäus noch unglaublich präsent. Heute lieben die Thais Manchester United und den FC Liverpool und vergöttern Spieler wie Ronaldo oder Zidane. Oliver Kahn oder Michael Ballack sind durch die WM vielleicht in Japan und Südkorea bekannt, hier hingegen spielen sie kaum eine Rolle. Was das angeht, hat der DFB in Thailand deutlichen Nachholbedarf.
Internationaler Fußball
Taktische Skizzen und Gedichte
Udinese Calcio hat sich in der Spitze etabliert – Peter Hartmann (NZZ 21.12.) berichtet: „Die Medien feiern den Aussenseiter aus dem Friaul als die „dritte Kraft“ des Calcio nach Juventus und AC Milan. Udinese hat den vierten Sieg in Folge hingelegt, 3:0 gegen Lazio, drei Tore innert nur 13 Minuten in der ersten Halbzeit. Diese überfallmässige Abfertigung fast ohne Gegenwehr (die Römer rafften sich zu insgesamt acht Fouls auf) steht geradezu symbolisch für die Umkrempelung der Hierarchie: Lazio gehörte, bis zum Absturz des Finanzakrobaten Sergio Cragnotti, zu den reichen „sieben Schwestern“, von denen noch drei übrig geblieben sind: Juventus, Milan und Inter. Lazio schwimmt nahe an der Abstiegszone und am Existenzabgrund, und nach dieser Niederlage musste Mimmo Caso, der am schlechtesten bezahlte Trainer der Liga mit 4400 Euro brutto im Monat, sein Büro räumen. Luciano Spalletti, der Trainer von Udinese, hat das bedauert. Noch im Oktober drohte ihm selber, so merkwürdig das heute klingt, der Hinauswurf. (…) In seiner Freizeit kümmert er sich um sein Weingut in der Toskana, und wenn er keine taktischen Skizzen zeichnet, schreibt er Gedichte, die er niemandem zeigt.“
Wie lange muss Südkorea für seinen kurzen Fussballrausch büssen?
Wozu nutzen die Seouler ihr Fußball-Stadion, Martin Hägele (NZZ 21.12.)? „In dem Park rund um das Stadion verbringen Zehntausende am Wochenende ihre Freizeit. Die grossen Kinos, zahlreichen Restaurants und ein Supermarkt, im Stil einer amerikanischen Shopping Mall angelegt, gehören längst zum Alltagsleben der Hauptstädter und werden entsprechend genutzt. Äusserst beliebt ist das Stadion auch als Standesamt und für sonstige Hochzeitszeremonien, die in Südkorea gern als Massentrauungen abgehalten werden. Möglicherweise hängt die Rentabilität des Nationalstadions auch damit zusammen, dass es von privaten Vermarktern betrieben wird. Im Gegensatz zu den neun übrigen WM-Stadien, die den lokalen Behörden und deren Beamten unterstellt sind. Für all diese Relikte des pompösen Fussball-Festivals wurde der Begriff „weisser Elefant“ erfunden. Wahrscheinlich deshalb, weil sie so viele Gelder fressen. 1 bis 5 Millionen Euro schluckt jede dieser Betonburgen pro Jahr. Zum Verdruss der Steuerzahler und zum Vergnügen vieler Lokaljournalisten, die sich auf dieses populäre Thema spezialisiert haben: Wie lange muss Südkorea für seinen kurzen Fussballrausch büssen?“
Der FC Santos mit Robinho zum Titelgewinn, NZZ
Deutsche Elf
Großer Einfluss auf die Geschicke der Nationalelf
„Netzwerk Übersee“ – Ludger Schulze (SZ 21.12.) blickt hinter Klinsmanns Kulisse: „Die beiden sind altgediente Fachleute des Sportmanagements, der Amerikaner Warren Mersereau war unter anderem Marketingboss von adidas in Amsterdam, der Engländer Mick Hoban spielte einst für Aston Villa und in der amerikanischen Soccer League gegen Größen wie Pelé, Beckenbauer und Cruyff. Beide waren zudem Vizepräsidenten beim Sportartikelhersteller Umbro. (…) Täglich steht Jürgen Klinsmann mit beiden Freunden in Kontakt. Obwohl sie den DFB nicht kennen, haben sie großen Einfluss auf die Geschicke der Nationalelf. Denn viele Ideen Klinsmanns über Fitness, Sportpsychologie oder Mannschaftsstruktur wurden gemeinsam erarbeitet.“
Leben und Arbeiten im Hotel
Michael Horeni (FAZ 21.12.) befasst sich mit der Vorbereitung aufs Spiel gegen Thailand: „An ein Länderspiel ohne auch nur eine einzige Trainingseinheit konnte sich in der DFB-Delegation niemand erinnern. Innerhalb von neun Tagen kamen gerade einmal zwei Übungseinheiten auf dem Fußballplatz zustande. Leben und Arbeiten im Hotel geriet somit zur Hauptbeschäftigung der eigentlich fußballspielenden deutschen Botschafter auf ihrer asiatischen Danksagungs-Tournee für den WM-Zuschlag.“
In Thailand liebt man englischen Fußball. Woran erkennt man das, Willi Germund (FTD 21.12.)? „Das Finale des Tiger Cups wurde eigens um einen Tag verlegt. Die Begründung: So sollte eine Kollision mit den Direktübertragungen der Premier League aus England verhindert werden. Wegen der deutschen Bundesliga, die pro Woche mit einem Spiel in einem lokalen Kanal vertreten ist, käme in Südostasien derzeit noch niemand auf eine ähnliche Idee.“
Montag, 20. Dezember 2004
Interview
Es bereitet mir Freude zu sehen, das Richtige getan zu haben
Per Mertesacker mit Thomas Kilchenstein (FR 20.12.)
FR: Sie haben im heißesten Abstiegskampf von 96 Abitur geschrieben?
PM: Ja. Einmal habe ich freitags sechs Stunden Mathe-Klausur geschrieben und anderntags gegen Eintracht Frankfurt das Endspiel um den Klassenerhalt gehabt – und 3:0 gewonnen. Das war das Verrückteste.
FR: Jetzt leisten Sie Ihren Zivildienst ab in einer geschlossenen Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Und leben quasi in zwei Welten. Wie schaffen Sie das?
PM: Am Anfang war es sehr schwer für mich. Vormittags habe ich um 10 Uhr Training, nachmittags gehe ich zu Behinderten. Ich habe mir diese Einrichtung ausgesucht, ich wollte da hin. Ich wollte Menschen helfen und bin für sie da. Ich muss für sie Essen machen, ich gehe mit ihnen spazieren. Ich musste anfangs viel lernen, ich musste sie erst einmal verstehen lernen: Das sind erwachsene Menschen, die kaum noch sprechen können, die allenfalls mit ein, zwei Gesten kommunizieren. Und es bereitet mir Freude zu sehen, das Richtige getan zu haben und diesen Menschen etwas Gutes tun zu können.
FAS-Interview mit Gerald Asamoah
taz-Interview mit Patrick Owomoyela
Internationaler Fußball
Symbolfigur eines ehrlichen und offensiven Fußballs
Zdenek Zeman, Trainer von US Lecce und Vorzeigefigur des italienischen Fußballs sowie sein Gegenentwurf – Dirk Schümer (FAS 19.12.): „Zeman kennt die Geographie der italienischen Fußballprovinz sehr gut – nicht erst, seit er 1998 massive Dopingvorwürfe, vor allem gegen Juventus Turin, öffentlich machte. Danach bezeichnete ihn Juve-Star Gianluca Vialli als „Terroristen“, dem man die Arbeitserlaubnis entziehen sollte. Und der zierliche Stürmer Alessandro Del Piero, über dessen Muskelpakete sich Zeman laut gewundert hatte, verklagte den vermeintlichen Verleumder. Erst der derzeitige Dopingprozeß gegen Juve beschert Zeman und seinem Feldzug gegen den „Apothekenfußball“ späte Gerechtigkeit. Jede Trainerbank eines prominenten Klubs in Italien ist aber seither für den Nestbeschmutzer versperrt. Wie ethisch verkommen der Berlusconi-Fußball längst ist, zeigt sich am Nationalcoach Marcello Lippi, der die erfolgreiche Juve zur schlimmsten Dopingzeit trainierte und nun dafür mit dem Posten des Nationaltrainers belohnt wurde. Der Mahner Zeman hingegen wurde in die Provinz vertrieben. (…) Zeman, seit 1975 italienischer Staatsbürger, ist in seiner neuen Heimat längst zur Symbolfigur eines ehrlichen und offensiven Fußballs geworden. Der hagere und stoische Kettenraucher, der wegen Nikotinverbots während des Spiels auf einem Ersatz-Stengel kauen muß, zog es nach der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings vor, für immer am Mittelmeer zu bleiben.“
Wie kann eine Klippe ein Meer aufhalten
Juve spielt gegen Milan 0:0, wer hätte das gedacht? Birgit Schönau (SZ 20.12.) berichtet: „Es begab sich im Alpenstadion zu Turin – ausverkauft bis auf den letzten Platz, wie es nur zu den ganz großen Galaabenden üblich ist – dass nach dem torlosen Remis der beiden Giganten die Juve-Tifosi in der Curva Scirea applaudierten! Und sie wussten genau, warum. Vorher hatten sie noch aus abertausenden von blauen und silbernen Fähnchen den kühnen Spruch formiert: „Wie kann eine Klippe ein Meer aufhalten“, ein Zitat aus einem Evergreen von Lucio Battisti. Prophetisch geradezu, denn genau das führte Juve dann 92 Minuten lang vor – eine vom Felsen zur Klippenlandschaft mutierte Abwehr, die die wütenden Wellen der Milan-Offensive tatsächlich auflaufen ließ, und die Gischt spritzte dabei noch nicht einmal zu Gianluigi Buffon ins Tor.“
Vincenzo Delle Donne (Tsp 20.12.) ergänzt: “Es war nur eine Vorführung, wie schlecht es um den italienischen Fußball zurzeit steht.“
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse, Torschützen, Tabellen NZZ
Ball und Buchstabe
Er liebt den Scheinwerfer
100 Jahre Fifa – eine Biographieskizze über Joseph Blatter von Felix Reidhaar (NZZ 18.12.): „Blatter hatte von Horst Dassler vieles abgeschaut. Wie man Fäden spinnt und Einfluss gewinnt, wie man Freude macht und Kasse, die unermüdliche Schaffenskraft auch und vielleicht den Weitblick und die Grosszügigkeit. Worin er sich aber stets von ihm unterschied, war der Drang nach öffentlichem Auf- und Ansehen, nach Streicheleinheiten und Anerkennung, seine Vorliebe auch, ab und zu kuriose Ansichten lautstark in die Welt zu setzen. In der unautorisierten Biografie über Horst Dassler (1992) schrieb Paulheinz Grupe, Blatter habe seinen Förderer schon Mitte der siebziger Jahre dazu überredet, First Class zu fliegen, nicht etwa aus Komfort-, sondern aus Prestigegründen. Auf blendende Geltung gibt Blatter viel, den Scheinwerfer liebt er wie das Kameraauge. Und vollkommen im Element wähnt er sich, wenn ihm, dem gewieften und fast permanent auf Weltreise befindlichen Wahlkämpfer, die Stimmen der Delegierten zufliegen wie zuletzt in Seoul vor der WM 2002. Dann hat einer Zahltag, dem in Europa und in der Heimat Skepsis und Misstrauen entgegenschlagen, den sie aber in weiten Teilen Afrikas, auf dem gesamten amerikanischen Kontinent samt karibischen Inseln und in Arabien verehren, weil er die Diplomatie seines Vorgängers Havelange getreulich und nie mit falschen Versprechen fortsetzt. Darin mag das Geheimnis seiner unangetasteten Leaderstellung liegen.“
Weisse Flecken auf der Weltkarte getilgt
Walter Lutz (NZZ 18.12.) porträtiert Jules Rimet und João Havelange (sagen wir: wohlwollend): „Als 1921 Rimet dritter Präsident wird, ist die Fifa eine kleine, unbedeutende Organisation einer noch wenig beachteten Sportart mit nur gerade 20 angeschlossenen Landesverbänden. (…) Rimet war ein Meister im Umgang mit dem Wort, wie seine 1954 erschienenen „Memoiren“ belegen, verfügte über die Besessenheit und Hartnäckigkeit eines Pioniers sowie das Einfühlungsvermögen eines Diplomaten. Er führte die Fifa mit starker Hand, schaute der Zeit ins Gesicht und den Menschen ins Herz. (…) Havelange wird der erste nichteuropäische Präsident. In belgischen Internaten geschult und erzogen, gilt er deshalb später in seiner Denkweise als halber Europäer, ganzer Brasilianer und dazu, das ganz gewiss, als Mann von Welt. Er strahlt Wärme, Herzlichkeit und etwas Aristokratisches aus. Als unternehmerisch denkender und handelnder Mensch hat er die Globalisierung des Fussballs durchgesetzt, alle weissen Flecken auf der Weltkarte getilgt und den Fussball zu einem Produkt und zu einer Marke gemacht.“
Majestätsbeleidigung
Was wird eigentlich aus Franz Beckenbauer, Peter Körte (FAS/Feuilleton 20.12.)? „Es gibt Leute, die in ihm einen idealen Bundespräsidenten sehen, was aber eine sehr armselige Idee ist, da man schlecht verdient und seltener im Fernsehen ist, da man auch weder Oliver Kahn zurechtweisen noch einer Sekretärin bei der Weihnachtsfeier näherkommen darf. Im Grunde ist diese Idee sogar eine Majestätsbeleidigung, weil sie ja unterstellt, es könne über ihm noch etwas Größeres geben.“
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