Montag, 20. Dezember 2004
Unterhaus
Man mag seiner Erinnerung nicht trauen
Christoph Biermann (SZ 20.12.) bedauert den Abstieg Fortuna Kölns: „Erst viereinhalb Jahre ist es her, dass Fortuna Köln nach 26 Jahren aus der zweiten Bundesliga abstieg, und noch viele Spielzeiten wird der Klub die Ewige Tabelle dieser Spielklasse anführen. Eine Saison lang spielte der ewige Zweitligist 1973/74 sogar in der Bundesliga und erreichte 1983 das Pokalfinale gegen den Lokalrivalen 1. FC Köln. Die Großen gewannen damals zwar mit 1:0, gefeiert wurde nach dem Finale im Müngersdorfer Stadion aber die kleine Fortuna. Das letzte Lokalderby gewann Fortuna im April 2000 noch mit 4:1 gegen den FC, und man mag seiner Erinnerung daran nicht trauen. Präsident des Klubs ist Wolfgang Rauball, der Bruder des Dortmunder Vereinsvorsitzenden. Wolfgang Rauball hat Fortuna Köln in seinem Leben erst einmal spielen sehen und führt seine Geschäfte vom kanadischen Vancouver aus, doch der Geschäftsmann und der Klub sind aneinander gekettet, seit Rauball vor einigen Jahren 4,5 Millionen Euro in den Verein investierte. Jetzt muss er diesen am Leben erhalten, weil er selbst pleite wäre, müsste er den Betrag abschreiben. So hat Rauball den Klub mit sporadischen Zahlungen immer wieder irgendwie gerettet, zugleich aber einen Neuanfang verhindert.“
TspaS: „Der rasante Absturz des 1. FC Union: Noch vor kurzem im Europacup, bald womöglich in der Oberliga gegen Reinickendorf“
WM 2006
Im Jahre 2006, ahnt man, soll die Nachkriegszeit nun endgültigst enden
Der Politik-Chef der FAS Thomas Schmid kommentiert die Instrumentalisierung der WM durch Gerhard Schröder: „Der Kanzler muß sich nicht besonders verstellen, um auch 2006 die nationale Karte zu spielen. Noch nie hatte er mit der Kultur der Bescheidenheit etwas am Hut, die zur Grundausstattung der Bonner Republik gehört hat. Auch das Erinnern und Gedenken hält er für Gedöns, auf das eine selbstbewußte Nation doch endlich verzichten könne. Aufs schönste verbindet sich das für ihn mit dem Männer-Thema Fußball, bei dem – so mag er hoffen – Angela Merkel wie der Hund vor der Metzgerei draußen bleiben muß. Und nicht einmal ein einziger Grüner hat auch nur die leiseste Kritik angemeldet an der faktischen Indienstnahme der WM für nationale Wahlzwecke. Die Chuzpe, mit der der Kanzler dem Öffentlichwerden der miserablen Flick-Collection seinen Segen gab, wird im Fußballjahr seine Fortsetzung, womöglich seine Vollendung finden. Im Jahre 2006, ahnt man, soll die Nachkriegszeit nun endgültigst enden. (…) Die Opposition, die sich mit einer Patriotismus-Kampagne herumquält, wird Rot-Grün das Rühren der nationalen Trommel schwerlich vorwerfen können.“
Wir sind noch wer
Michael Horeni (FAS 19.12.) beschreibt Forschung und Lehre Jürgen Klinsmanns: “Bei den ersten Sitzungen mit der Mannschaft versuchte der Quereinsteiger mit einer Powerpoint-Präsentation, den Spielern die gesellschaftliche Bedeutung ihres sportlichen Beitrags für 2006 zu vermitteln. Alle drei deutschen Titelgewinne setzte die Teamführung zu zeithistorischen Ereignissen in Beziehung. 1954: die allmähliche Rückkehr von Adenauer-Deutschland in die Weltgemeinschaft. 1974: die gesellschaftliche Veränderung der Republik sowie die Ostverträge unter Brandt. 1990: Der Titel als erstes emotionales Gemeinschaftserlebnis der Kohl-Ära in Zeiten der Wiedervereinigung. Damals hätten sie vor und während des Turniers vor allem ihren Sport gesehen und kaum über den Rand hinausgeschaut – und es gab auch niemanden, der das Bewußtsein für die gesellschaftliche Bedeutung geschärft hätte. 2006 wird das anders sein. (…) Selbstbewußtsein soll her, sagt der Bundestrainer. Daher gilt sowohl für Klinsmann als auch die Imagekampagne des FC Deutschland 06 das Aufbruchmotto von 1954 – allerdings mit einer klitzekleinen Änderung. Ein halbes Jahrhundert später wird aus „Wir sind wieder wer“ ganz einfach: „Wir sind noch wer.““
Deutsche Elf
Südkorea-Deutschland 3:1
Weltlicher Natur
Diese Niederlage hat offenbar ihr gutes – Jan Christian Müller (FR 20.12.) schreibt, was genau: „Selbst gediegene Blätter, die sich für gewöhnlich ein Mindestmaß an kritischer Distanz belassen hatten, scheinen dem großen Meister seit geraumer Zeit bedingungslos zu folgen. Enthusiastisch wurden sogar brav erlaufene Siege wie gegen den zerstrittenen Haufen kamerunischer Kicker gefeiert, gerade so, als könnte Klinsmann dank seiner in Amerika erlangten übernatürlichen Kräfte des ewigen Optimismus die vermeintlichen EM-Versager zu Kraft strotzenden Multifunktions-Helden mutieren lassen. Gemach. Seit gestern weiß die Nation, dass Klinsmanns Kraft ganz weltlicher Natur ist und eine deutsche Nationalmannschaft auch nach der Total-Operation an Kopf und Beinen Fußballspiele verlieren kann.“
Überhöhung
Michael Horeni (FAZ 20.12.) fügt hinzu: “Der Zeitpunkt der ersten Niederlage hätte kaum günstiger sein können. Jenseits aller vorweihnachtlichen Milde: Angesichts des jederzeit erkennbaren Engagements sowie der schwierigen Bedingungen dürfte der erste Rückschlag auch die allmählich überbordende Begeisterung um den Reformer Klinsmann auf ein realistischeres Maß reduzieren. Oliver Bierhoff hatte schon vor der Partie leicht besorgt die Überhöhung des Bundestrainers nach dessen beachtlichen ersten Erfolgen registriert.“
Ruhig haben sie reagiert
Christian Zaschke (SZ 20.12.) gefällt die Reaktion der Verlierer: „Klinsmann hat in den ersten fünf Spielen unter seiner Regie so viel Kredit gesammelt, dass er sich diese Niederlage leisten konnte – dass sie sein Modell nicht im Mindesten in Frage stellt. Mit Spannung hatte das Umfeld darauf gewartet, wie Chef und Spieler reagieren würden, wenn sie einmal verlören. Ruhig haben sie reagiert, versprochen, ihre Lehren zu ziehen und unbeirrt weiterzugehen auf dem langen Weg zur WM 2006.“
Er bleibt ein Kulturschock für den deutschen Fußball
Michael Rosentritt (Tsp 20.12.) auch: „Jetzt endlich ist es raus. Jürgen Klinsmann hört sich nach einer Niederlage genau so an wie nach einem Sieg. (…) Für den deutschen Fußball bleibt der 40-jährige Bundestrainer ein Kulturschock. Selbst und wohl gerade in der Niederlage. In der Öffentlichkeit gibt er den liebenswerten, den anständigen Chef, bei dem es keine Verlierer gibt. Nur darf ihn niemand unterschätzen. Intern zieht er seine Linie durch, hart und unbeirrbar.“
Sorge um Bänder, Sehnen und Knochen
Ludger Schulze (SZ 20.12.) beschreibt die Spielweise der Sieger: „Vor zwei Jahren kegelte Ballack mit seinen 1:0 die Koreaner aus dem Turnier im eigenen Land, acht Jahre zuvor hatten sie beim Turnier in den USA ebenfalls eine Niederlage erlitten. Mitunter fuhrwerkten sie so rustikal herum, dass man an einen Rachefeldzug dachte und sich Sorge um Bänder, Sehnen und Knochen machte. Als Fabian Ernst Schiedsrichter Subkhiddin Mohd Salleh daran erinnerte, dass in seiner Hemdtasche Verwarnungskarten stecken, entgegnete der Mann aus Malaysia, Gelbe Karten gebe es in solchen Spielen nicht.“
Land der Kampfsportarten
Martin Hägele (taz 20.12.) befasst sich mit dem Weh-Weh Kevin Kuranyis: „Die Lippe war aufgeplatzt, und ein Knie tat weh. Man hätte dem lieben Kevin vielleicht erklären sollen, dass in diesem Land die meisten Kampfsportarten erfunden worden sind. Und dass diese brodelnde Betonschüssel von Busan als Mekka des koreanischen Fußballs gilt.“
WamS: Robert Jaspert, Co-Trainer Südkoreas
Samstag, 18. Dezember 2004
Allgemein
Ritueller Vorwurf
Michael Horeni (FAZ 18.12.) nervt die Debatte um Michael Ballacks Führungsqualität: “Es ist nicht mehr viel zu erkennen von Ballacks Vergangenheit aus der DDR. Nur das sächsische „och” des in Görlitz geborenen und in Chemnitz groß gewordenen Kapitäns der Nationalmannschaft widersetzt sich hartnäckig der Assimilation an die deutsche Hochsprache. Ansonsten ist der sächsische Dialekt aus der Rede Ballacks weitgehend verschwunden. Die sprachliche Färbung macht auch nur noch einigen wenigen Werbeleuten zu schaffen. Weitaus stärker als am Dialekt aus dem Osten hat der Fußball-Millionär aber noch immer an dem Vorwurf zu tragen, dem Kollektivgedanken des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaats auf dem Sportplatz weiter anzuhängen. Nach Niederlagen setzt fast schon rituell der Vorwurf seiner Chefkritiker ein, ihm ginge die Mentalität eines Anführers ab.“
Interview
Es sind viel zu viele Halbwahrheiten durch die Kabine gegeistert
Christoph Metzelder mit Freddie Röckenhaus (SZ 18.12.)
SZ: Hätte man – aus Sicht des Spielers – die ganze Krise beim BVB anders managen sollen?
CM: Ich habe es gegenüber der Vereinsführung immer wieder angeregt, die Führungsspieler rundum über den Ernst der Lage und die Details aufzuklären, sie ins Boot zu holen. Und sie mit in die Verantwortung zu nehmen. Es wäre besser gewesen, nach dem Spiel gegen Energie Cottbus, zum Saisonende 2003, klar zu sagen: Es ist überlebenswichtig, dass wir noch in die Champions-League kommen. Man hätte all die schwelenden Gerüchte vermieden. Aber das BVB-Management hat damals nach bestem Wissen entschieden, es anders zu machen. Klar ist: Es sind viel zu viele Halbwahrheiten durch die Kabine gegeistert, die alle völlig verunsichert haben. Da wurde immer wieder kolportiert: Gehälter werden nicht gezahlt oder verspätet. Dauernd wurde diskutiert, dass der und der verkauft werden muss.
SZ: Interessiert sich der Profi für mehr als sein Gehalt? Die Gesamtsituation eines Vereins spielt doch sicher für viele Spieler keine so große Rolle.
CM: Es gibt schon Führungsspieler, die Verständnis für die Situation haben. Jeder muss aber auch wissen, dass es in Zukunft eine andere Vertragsgestaltung geben wird als vor zwei, drei Jahren. Die goldenen Zeiten sind nicht nur in Dortmund erstmal vorbei. Das gilt ja auch in Italien oder anderen Ländern. Aber man darf nicht vergessen: Weiterhin findet doch alles auf einem sehr hohen Niveau statt. Ich glaube, es muss sich bei uns niemand über Gehälter beklagen.
Dieser Verein hat Unsummen an Abfindungen gezahlt – daraus wird man wohl lernen dürfen
Heribert Bruchhagen mit Ingo Durstewitz & Jan Christian Müller (FR 18.12.)
FR: Es gibt eine neue Trainergeneration, die eine andere Ansprache hat, die ankommt und die auch offensiven Fußball spielen lässt.
HB: Das stimmt. Die alte Schule würde ich auch nicht mehr akzeptieren. Es gibt Trainer, die sprechen aus Überzeugung nicht mit ihren Spielern.
FR: Na ja, da brauchen wir gar nicht so weit zurückzudenken. Willi Reimann hat, wenn überhaupt, nur das nötigste gesprochen.
HB: Ja eben. Ich denke aber, Kommunikation ist unverzichtbar – mit den Spielern, mit dem Vorstand, mit den Medien.
FR: Aber wenn Sie das damals schon erkannt haben, weshalb haben Sie dann in Nibelungentreue zu Reimann gestanden?
HB: Was war denn mit dieser Mannschaft drin, mit der die Eintracht in die Runde ging? Das sportliche Ergebnis von Reimann war für mich sehr zufrieden stellend. Er hat 22 Punkte in der Rückserie geholt, und ich finde, er hat ordentlich gearbeitet. Es gibt halt verschiedene Trainer-Typen.
FR: Plaudertaschen und Schweiger?
HB: Wenn man so will. Neururer redet oft mit den Spielern, Reimann wenig. Ist alles so leicht? Klopp und Rangnick sind erfrischende Trainer in der Branche. Aber irgendwann wird die Medaille sowieso bei jedem gedreht und dann wird aus dem kommunikativen Trainer einer, der immer und zu allem seinen Senf dazugibt. Und wenn bei Klopp der Erfolg ausbleibt, dann wird es heißen: Da muss ein harter Hund her. Es ist immer das gleiche. (…)
FR: Bleibt Trainer Funkel über das Saisonende hinaus in Frankfurt?
HB: Vor Ende März werde ich keine Entscheidungen treffen. Weder in Sachen Spieler noch in Sachen Trainer. Ich weiß ja, dass jetzt im Trainingslager diese Geschichten geschrieben werden. Da werden die Spieler dann die Storys liefern, nach dem Motto: ,Ich kann meine Form nicht finden, weil ich nicht weiß, wie es mit mir weitergeht.‘
FR: Aber so stärkt man nicht unbedingt die Position des Trainers.
HB: Ich weiß.
FR: Da muss er durch?
HB: Genau. 25 Jahre hintereinander hat die Eintracht den Trainer das Vertragsende nicht erleben lassen. Daraus muss man einfach Konsequenzen ziehen.
FR: Daher auch die streng auf nur ein Jahr befristeten Verträge?
HB: Dieser Verein hat Unsummen an Abfindungen gezahlt – daraus wird man wohl lernen dürfen.
Internationaler Fußball
Es ist schwer, ein Großereignis fürs Land nutzbar zu machen
Christof Kneer (BLZ 18.12.) kommentiert das Abflauen der Fußballbegeisterung in Südkorea: “Wer nach Sport fragt, lernt viel über die Seele eines Volkes, selbst wenn es sich um einen Sport handelt, dessen Regeln das Volk bis kurz vor der Umfrage kaum kannte. 60 Prozent aller Südkoreaner würden gerne wieder als Südkoreaner auf die Welt kommen, ergab eine Umfrage, die der südkoreanische TV-Sender KBS vor der WM 2002 in Auftrag gab. Als sie die Frage vier Wochen später noch mal stellten, war der Südkoreaner bei sich selbst beträchtlich im Wert gestiegen; nun wollten 86 Prozent dringend wieder Koreaner werden. (…) Am Beispiel Südkorea lässt sich beispielhaft verfolgen, wie schwer es ist, ein Großereignis nutzbar zu machen fürs Land. In den Konzepten der Marketingstrategen hört sich das immer so wunderbar logisch an. Der Boom aber ist ein eigenwilliger Geselle, er lässt sich nicht befehlen. Es ist eine Lehre aus der jüngeren Sportgeschichte, dass man mit keinem Großereignis der Welt eine Sportart in ein Land verpflanzen kann, in dem es keinen Nährboden hat.“
WM 2006
Volksvertreter sollen beim größten gesellschaftlichen Ereignis des Jahrzehnts dabei sein
„Die nahende WM lässt allmählich den gesunden Menschenverstand komplett aussetzen“, stellt Christian Zaschke (SZ 18.12.), heute Strafverteidiger in Sachen Tickets für Abgeordnete, in seinem Plädoyer fest: „Liebste Staatsanwaltschaft (vertreten durch die Bild-Zeitung), geschätzte Geschworene (vertreten durch sämtliche deutsche Fußballfans), Hohes Gericht (Beckenbauer u.a.). Wir weisen darauf hin, dass es vollkommen verständlich ist, dass die Volksvertreter beim größten gesellschaftlichen Ereignis des Jahrzehnts dabei sein sollen. Und es scheint auch nicht übertrieben, wenn die Abgeordneten je zwei Vorrundenspiele ansehen dürfen, allein wohlgemerkt, ohne Begleitung. Es ist sogar ihre Aufgabe, als Vertreter des Volkes bei diesem Ereignis präsent und dabei zu sein.“
Auch Anno Hecker (FAZ 18.12.) kritisiert die Skandalisierung des angeblichen Privilegs: „Ist es nicht ein Skandal, daß nicht einmal die Abgeordneten des Deutschen Bundestages mehr sicher sein können, zwei Kaufkarten für die (auch steuerfinanzierte) WM im eigenen Land zu bekommen? Wo doch die Vorteile auf der Hand liegen. Der Abgeordnete ist schließlich ein Mensch, der „nicht am grünen Tisch sitzenbleiben, sondern sich nach draußen begeben soll, um vor Ort ansprechbar und auch anfechtbar zu sein“. So lautete die Grundsatzerklärung des Parlaments zum Streit über den deutschen Polittourismus während der Olympischen Spiele von Atlanta 1996. Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Diesmal fiele der parlamentarische Fußballfan dem Steuerzahler nicht mal über Gebühr zur Last. Denn den Weg vom Reichstag zum Berliner Olympiastadion schafft man – zugegeben grob geschätzt aus Frankfurt am Main – auch ohne die Flugbereitschaft der Bundeswehr.“
Bundesliga
Synthese
„Falko Götz hat seinen Stil gefunden“, schreibt Stefan Hermanns (Tsp 18.12.): „Die Entscheidung, Götz nach Berlin zurückzuholen, war Dieter Hoeneß nach dem missglückten Versuch mit Huub Stevens als Weg des geringsten Widerstandes ausgelegt worden: Mit dem beliebten Götz habe er gar nichts falsch machen können. In Wirklichkeit war die Rückholaktion ein Wagnis. Seit seinem Weggang aus Berlin im Sommer 2002 war nämlich noch ein zweiter Falko Götz aufgetaucht. Zum einen gab es den Berliner Falko, der Hertha einst jung und dynamisch hatte wirken lassen; zum anderen den Münchner Götz, der bei 1860 dem Jugendwahn verfallen zu sein schien, vermeintlich gewachsene Strukturen zerschlagen hatte und in München noch heute als Verantwortlicher für den Abstieg gilt. Der Erfolg des Falko Götz im zweiten Halbjahr 2004 ist eine Synthese aus den frühen Berliner Erfahrungen und den unerfreulichen Münchner Geschehnissen des Frühjahrs.“
Freitag, 17. Dezember 2004
Ball und Buchstabe
Niemand soll die heile deutsche Fußballwelt irritieren
„Skandale, die sind anderswo“ – Klaus Hoeltzenbein (SZ 17.12.) kritisiert den DFB für seine Scheuklappen und dafür, dass er das Ermittlungsverfahren in Sachen Oberhausen früh einstellt: „Vor der WM 2006 soll offenbar niemand die heile deutsche Fußballwelt irritieren, niemand das frohe Fest der Wetter stören. 30 Millionen Euro, so der Beschluss der Ministerpräsidenten, wird die staatliche Fußballwette Oddset zur Finanzierung des WM-Rahmenprogramms beitragen. Dazu bedarf es eines sauberen Rufes. Doch keine Sorge, scharf ermittelt wird im deutschen Fußball weiterhin. Bald wieder, wenn ein Torschütze das Trikot über den Kopf zieht – zum streng verbotenen Jubelritual.“
Die Lage in Oberhausen beschreibt Richard Leipold (FAZ 17.12.): “Der SC Rot-Weiß Oberhausen kann sein Vereinswappen behalten: Das vierblättrige grüne Kleeblatt steht nicht als Werbebanner für verbotenes Glücksspiel unter freiem Himmel, sondern fördert nur die Phantasie. Wie gern würde der Klub gerade jetzt darauf verzichten. Die „Kleeblätter“ feiern am Samstag ihren hundertsten Geburtstag. Vermutlich haben sie sich schon besser amüsiert.“
Unterhaus
Eintracht Frankfurt
of: Die FR meldet: Eintracht Frankfurt verpflichtet einen neuen Spieler, eigentlich ist das kein freistoss-Zitat wert. Dominik Stroh-Engels (19) Wechsel in den Profisport schon; ich – darf das erwähnet werden? – habe „Dodo“ drei Jahre lang beim RSV Büblingshausen trainiert. Beibringen musste man ihm allerdings nicht sehr viel. Welch ein Talent!
Allgemein
VfB Stuttgart-Dinamo Zagreb 2:1
Keine Spur von Zufriedenheit
Michael Ashelm (FAZ 17.12.) erlebt die Stuttgarter selbstkritisch: „Seine wichtigsten Zwischenziele hat der VfB Stuttgart alle erreicht – trotzdem keine Spur von Zufriedenheit. Statt das Fußballjahr weihnachtlich glücklich zu beschließen, wurde kritisch resümiert. (…) Was Sammer gegen Zagreb gesehen hatte, erinnerte ihn zu sehr an das Auf und Ab der vergangenen Monate. Das letzte Gruppenspiel war ein Abbild der zurückliegenden Vorführungen. (…) Immer wieder verfiel das Spiel der Stuttgarter in Lethargie.“
Der Übergang von Magath auf Sammer verlief problemlos
Elke Rutschmann (FTD 17.12.) fasst die Stuttgarter Hinrunde zusammen: „Die Halbzeitbilanz des VfB ist ansprechend. Der Übergang von Magath auf Sammer verlief problemlos. Der neue Coach krempelte das System nicht komplett um, sondern veränderte es um Nuancen.“
AEK Athen-Alemannia Aachen 0:2
Hemmungsloser Drogenkonsum
Warum sollten Profis anders feiern als Amateure? Und die Sprüche und Lieder sind dieselben. Bernd Müllender (BLZ 17.12.) war mittendrin: „Gegen halb drei beim Bankett im feinen Athener Hotel Divani Apollon wurde das griechische Bier der Marke Mythos längst aus Flaschen getrunken. Die ausgelassenen Spieler sangen die Songs der Fans nach („Sichooone, oho“), der Präsident hielt eine kurze Rede strahlend wie ein Vierjähriger unterm Weihnachtsbaum, und der Geschäftsführer weigerte sich: „Mir fehlen die Worte.“ Außenstürmer Sergio Pinto zündete sich binnen einer Stunde die vierte Zigarette an und gab dem Begriff Viererkette damit eine neue Bedeutung. Hemmungsloser Drogenkonsum war angesagt; Erik Meijer hatte seinen Jungs „Alkoholinfusionen die ganze Nacht“ empfohlen, am liebsten, so spaßte der Mittelstürmer, hätte er sich die Nacht hindurch „in jedem Athener Lokal sehen lassen, wo eine AEK-Fahne hängt“. Der Athen-Aufenthalt samt Familien wurde spontan um einen Tag verlängert, sonst wären Ausnüchterung und heile Heimkehr nicht sicherzustellen gewesen.“
Uefa-Cup im Überblick, NZZ
Deutsche Elf
Japan-Deutschland 0:3
Weiterer Fortschritt auf dem langen Marsch nach Berlin
Ludger Schulze (SZ 17.12.) zieht begeistert Zwischenfazit: „Im August hat er als Überraschungs-Kandidat seinen Dienst angetreten und seitdem fällt die von Misserfolg gepeinigte Fußballnation von einer Begeisterung in die nächste. Fünf Spiele hat Jürgen Klinsmann mit seinen Leuten absolviert, und die Bilanz am Ende dieser Jahres kann sich jetzt schon sehen lassen. Das 3:0 gegen Asien-Meister Japan ist ein weiterer Fortschritt auf dem langen Marsch nach Berlin. (…) Man muss reichlich verblüfft zur Kenntnis nehmen, wie unproblematisch der Einbau unbekannter Gesichter verläuft. Das Verdienst daran gebührt vor allem Michael Ballack, der, obwohl schon immer zu den wenigen Stars gehörend, unter Klinsmann eine bewundernswerte Entwicklung durchlebt.“
Martin Hägele (taz 17.12.) sieht das genauso: „Die Mannschaft hat Feuer gefangen an der eigenen Zukunft. Die Art und Weise, wie diese Elf den auf etlichen Positionen geschwächten Asienmeister anpackte, imponierte.“
Andreas Rüttenauer (taz 17.12.) entgegnet: „Klinsmann mag es ja gelingen, seinen Spielern zu vermitteln, sie seien spitze. Die Spieleraussagen lassen vermuten, dass seine Fußballer das auch glauben. Der Nachweis fehlt aber nach wie vor. Fußball mag ein gutes Geschäft sein in Japan und lohnend auch für die Bundesliga, ein Markt mit viel Potenzial. Aber all das steigert nicht den Wert eines Sieges gegen eine doch eher mäßige Nationalmannschaft.“
Weltliche Schwächen
Extratour, Ausnahmeregelung – solche Begriffe fallen oft, wenn es um Oliver Kahn geht, auch bei Michael Horeni (FAZ 17.12.): “Der Tag in Japan hatte nicht sonderlich erfreulich für den einst in Fernost zum Titan überhöhten Torwart begonnen. Die weltlichen Schwächen abseits des Strafraums hatten den ehemaligen Kapitän auch in Yokohama eingeholt. Auf die lange Reise hatte sich auch seine Freundin begeben, was innerhalb des Teams und der Mannschaftsführung nicht gerade für Begeisterung gesorgt hatte. Oliver Bierhoff hatte schon am Vortag süßsauer auf die Extratour des Torwarts reagiert. Der Bundestrainer suchte dann das Gespräch mit Kahn, der sich als einziger Spieler erlaubt hatte, seine Begeleitung einzufliegen. Offiziell sieht das der Bundestrainer angeblich ganz gelassen.“
Fehlbesetzung und Altlast
Jens Weinreich (BLZ 17.12.) hört die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass eine weitere Degradierung beim DFB bevorsteht: „Das nächste Opfer dürfte Gerhard Meier-Röhn sein. Wenn man dem kicker trauen darf, und bei DFB-Interna gibt es keinen Grund, das nicht zu tun, dann war das die letzte Dienstreise für Meier-Röhn als Mediendirektor. (…) Dass es nun Meier-Röhn trifft, war vorhersehbar. Es war nur eine Frage der Zeit. Ihm wird kaum jemand eine Träne nachweinen, weder im DFB noch in der Medienmeute. Der vormalige Sportchef des ARD-Südwestfunks ist eine Fehlbesetzung. Für den Posten hatte er sich weder durch überragende Fachkompetenz noch beispielhaften Arbeitseifer empfohlen, sondern einzig und allein dadurch, dass er dem kleinen Kungelkreis des DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder angehörte. Insofern darf sich der DFB glücklich schätzen, dass er erlöst wird von dieser Altlast.“
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