indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 8. Dezember 2004

Unterhaus

Klingt wie Lob, ist aber Kritik

2:1 gegen Greuther Fürth – guter Einstand für Rainer Maurer als Trainer von 1860 München, findet Claudio Catuogno (taz 8.12.): “Maurer genießt hohes Ansehen im Verein, und sollte er kurzfristig den Erfolg zurückbringen, könnte er mehr sein als nur eine Zwischenlösung. Für die Spieler wiederum wäre das der einfachste Weg, um Lorant zu verhindern. Unter dem hat der TSV 1860 seine größten Erfolge erlebt, und aus dieser Zeit ist offenbar die Sehnsucht geblieben nach Lärm und Härte und brüllender Autorität. Wenn Geschäftsführer Roland Kneißl über Rudi Bommer sagt, noch nie habe ein Trainer bei 1860 „einen so guten Umgang mit allen gepflegt“, dann klingt das wie Lob, ist aber Kritik. Den großen Abstand zu den Aufstiegsrängen lastet die Führung vor allem dem Trainer an. Zu nett, zu weich, zu verständnisvoll sei er gewesen.“

Im gleißenden Scheinwerferlicht

Nicht nur Elisabeth Schlammerl (FAZ 8.12.) empfindet Werner Lorants Bewerbung als peinlich: „Mit Jürgen Röber, wohl der Wunschkandidat des Klubs, wurden sich die „Löwen“ nicht einig. Und ein anderer hat sich selbst aus der Reihe der Kandidaten gekickt. Werner Lorant war im Stadion nicht nur von vielen Anhängern mit Transparenten vehement gefordert, sondern auch von Teilen des Münchner Boulevards in den vergangenen Tagen gepusht worden. Gegen Greuther Fürth tauchte er auf Einladung des DSF im Stadion auf, ließ sich vor dem Spiel auf dem Platz im gleißenden Scheinwerferlicht interviewen und ließ keinen Zweifel daran, daß er bereit ist für ein zweites Engagement in München. Dazu wird es aber nicht kommen, denn Lorants Auftritt fand wenig Gefallen bei den Verantwortlichen.“

Die Person Lorant ist nicht zu vermitteln

Auch Gerald Kleffmann (SZ 8.12.): „Lorant ist immer noch Lorant: selbstbewusst bis zur Schmerzgrenze. Bis gestern sah es sogar danach aus, als stoße der weißhaarige Igelkopf mit seiner Penetranz auf Gegenliebe, einige Fangrüppchen feierten ihn, dazu äußerte sich 1860-Präsident Karl Auer unglücklich, indem er zugab, „mit jedem“ möglichen Kandidaten zu sprechen. Auer, in seiner Funktion manchmal noch etwas ungeübt, musste gestern erkennen, dass die Person Lorant für die Mehrheit im 1860-Umfeld nur schwer und vor allem im Aufsichtsrat überhaupt nicht zu vermitteln ist.“

WM 2006

Mär von der privat finanzierten WM

Wolfgang Hettfleisch (FR 8.12.) kommentiert das Engagement der Deutschen Bahn als sechster und letzter nationaler Sponsor: „Eines sollten sich die Herren beim OK in Zukunft sparen: die auch durch fortwährende Wiederholung nicht wahr werdende Behauptung, das große Fest des Fußballs werde ohne Steuergelder gestemmt. Abgesehen von ein paar Ausnahmen ging beim Bau der WM-Stadien ohne kräftige Finanzspritzen von Bund, Ländern und Kommunen nichts. Und auch für den Sechser-Pack der nationalen Förderer zapfte das OK die fast leeren Fässer der Öffentlichen Haushalte an: Die Bahn AG gehört dem Bund, der über die Post AG (und deren Großaktionär Kreditanstalt für Wiederaufbau) auch an der Postbank beteiligt ist; Oddset-Betreiber sind die landeseigenen Lotterien und ein Kommunaler Zweckverband hält beträchtliche Anteile am Energieversorger EnBW. So viel zur Mär von der privat finanzierten WM.“

„Wie die Fifa die Städte hindert, Großleinwände zu organisieren“, erfahren wir von Klaus Ott (SZ 8.12.): „Die Kommunen fühlen sich überfordert, solche Leinwände mit einem ansprechenden Rahmenprogramm zu finanzieren. Hilfe erhoffen sich die Städte von Beckenbauers OK und von der Fifa, doch deren Unterstützung fällt bescheiden aus und ist mit so vielen Auflagen versehen, dass die Nachteile überwiegen.“

Dienstag, 7. Dezember 2004

Interview

2002 waren wir wichtig

Reiner Calmund im Interview mit Michael Ashelm (FAS 5.12.)
FAS: Was empfinden Sie als alter Leverkusener, daß Berlin nun 2006 WM-Basis der deutschen Elf wird?
RC: Ich bin nicht mehr Entscheidungsträger in Leverkusen, mir steht nicht mehr zu, das grundsätzlich zu besprechen. Aber mir tut die Entscheidung weh, obwohl ich für die Position von Klinsmann Verständnis habe. Als objektiver Fußballfachmann begrüße ich Klinsmanns egoistische Sichtweise, denn egoistisch muß er ja sein, um seine Ideen durchzuziehen. Aber das Prozedere des DFB kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. (…) Deutschland hatte kaum Chancen, den WM-Zuschlag zu bekommen. Die erste Sitzung des Bewerbungskomitees fand in Leverkusen statt, die Bayer AG gab als erstes Unternehmen einen Zuschuß zur Initialzündung, hat die Sache immer stark unterstützt. Dann folgte noch der Input mit Daum und Völler als Teamchef, das hat Bayer Leverkusen auch zusätzliches Geld gekostet. Alle waren am Ende glücklich, daß der Kompromiß mit dem WM-Trainingslager in Leverkusen zustande kam, auch der DFB hat das gefeiert, darüber gibt es schriftliche Vereinbarungen und ein Wort unter Männern. Ich weiß, daß man in Leverkusen jetzt nicht zufrieden ist, wie das gelaufen ist.
FAS: Fehlt Leverkusen die Lobby, hat der Standort doch keine herausragende Bedeutung im deutschen Fußball?
RC: Die Lobby richtet sich nach dem Moment. 2002 waren wir wichtig. Da haben wir mit sechs Leverkusenern in der Nationalmannschaft die WM-Relegation geschafft und sind Vizeweltmeister geworden. Plus Trainer Völler, plus dem ganzen Input von unserer Seite, ich gehörte zum Arbeitskreis Nationalmannschaft. Da hast du natürlich eine andere Lobby. Die Welt verändert sich, und Leverkusen ist ein bißchen abgerutscht.

Internationaler Fußball

Lieber schwimmen

Peter Hartmann (NZZ 7.12.) warnt vor den Folgen der dauernden Negativschlagzeilen des italienischen Fußballs, etwa den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Franco Sensi (Besitzer der AS Rom) und Sergio Cragnotti (ehemals Lazio Rom): „Die Einschaltquoten der Fussballsendungen sinken, und die Kameras zeigen halb leere Stadien. Zu sehen sind 30 Prozent mehr Fouls als im übrigen Europa, und entsprechend weniger lang ist der Ball im Spiel. Das eigentliche Alarmsignal für die Herren des Grössenwahns lieferte eine Umfrage der Universität Rom: Bei den unter 16-Jährigen ist Fussball nicht mehr die populärste Sportart. Die Korruption hat bereits die Schülerabteilungen erreicht, wie eine Untersuchung der Gazzetta dello Sport an den Tag brachte: Eltern können ihre Sprösslinge vielerorts nur noch gegen Bestechungsgelder unterbringen. Die Jungen gehen jetzt lieber schwimmen.“

Martin Pütter (NZZ 7.12.) beschreibt die ungewisse Zukunft des FC Liverpool: „Werden sie ihr Stadion an der Anfield Road verlassen, um in ein neues, eigenes Stadion umzuziehen, oder werden sie ein neues Stadion im Stanley Park mit dem Lokalrivalen Everton teilen? Wird der Unternehmer und drittgrösste Aktionär, Steve Morgan, mit seinem dritten Übernahmeangebot in diesem Jahr Erfolg haben, oder wird Liverpool demnächst in die Hände eines amerikanischen Konsortiums fallen? Nicht viel hätte am Donnerstag gefehlt, und eine Ära der Reds wäre abrupt zu Ende gegangen. Chairman David Moores stand kurz davor, das Handtuch zu werfen.“

Werder Bremen vor der Entscheidung in Valencia, FAZ

Bestechungsskandal beim FC Porto? NZZ

Ball und Buchstabe

Volkssport

Michael Ashelm (FAS 5.12.) befasst sich mit der Unterstützung des 1. FC Kaiserslautern und des FSV Mainz durch Ministerpräsident Kurt Beck: „Auch wenn Steuergelder in den Fußball fließen, sich nun auch noch die Kosten für den Ausbau des Fritz-Walter-Stadions zur WM-Arena voraussichtlich um fast 17 Millionen Euro erhöhen werden und das Land den Mehraufwand zu zwei Drittel übernehmen muß, sieht sich der Landesvater – wenn überhaupt – nur sanften Mißtönen ausgesetzt. Es bleibt meist nur bei kleinen Spitzen. Mal moniert der Bund der Steuerzahler die Zahlungsflüsse Richtung Fußball, mal versucht die CDU-Opposition, den Ministerpräsidenten mit roten Fußballzahlen ein wenig unter Druck zu setzen. Doch hinter vorgehaltener Hand bestätigen eigentlich alle Kritikberufenen, daß sich der Volkssport nicht als Bühne für große Auseinandersetzungen eignet.“

Enttäuschtes Bedürfnis nach Eindeutigkeit

Wolfram Eilenberger (TspaS 5.12.) hält das Unentschieden für unterschätzt: „Wir müssen uns heute mehr als je fragen, was aus fußballtheoretischer Sicht gegen das Unentschieden spricht. Steht es etwa für fehlenden Einsatz, mangelnde taktische Ordnung oder Angriffsscheu? Nein, im Gegenteil! Gerade bei intensiv und verbissen geführten Begegnungen ist das Remis Regelresultat. Eine von hochklassigen Mannschaften hochklassig geführte Partie wird notwendig zum Unentschieden tendieren. Aus der Perspektive des Fans ist der Spannungsbogen eines Unentschieden unüberbietbar: Es ist bis zur letzten Sekunde offen, gefährdet, spannend. Dennoch hat das Unentschieden kaum Fürsprecher und steht in öffentlicher Dauerkritik. (…) Die Tendenz zur Abwertung, wenn nicht Auslöschung des Unentschieden ist natürlich ein sportübergreifendes Phänomen. Befördert wird sie zunächst von der archaischen Überzeugung, es müsse am Ende stets einen Sieger und damit Besiegten geben. Flankiert wird diese Erwartung von einer Logik der Zweiwertigkeit, die das gesamte abendländische Denken durchherrscht. Nach ihr gibt es immer nur zwei Alternativen: wahr oder falsch, ja oder nein, schwarz oder weiß, mit oder gegen uns. Es kann nur einen geben! Die psychologische wie faktische Unterbewertung des Unentschieden resultiert so gesehen aus einem enttäuschten Bedürfnis nach Eindeutigkeit.“

Bundesliga

Borussia Dortmund-Schalke 04 0:1

Formal nur ein Tor schlechter

Richard Leipold (FAZ 7.12.) schreibt: “Formal waren sie nur ein Tor schlechter, aber das knappe Ergebnis war weniger dem Dortmunder Können geschuldet als dem Anflug von Arroganz, den manche Profis des Rivalen, besonders nach der Pause, erkennen ließen.“

Neue Kräfteverhältnisse

Felix Meininghaus (FR 7.12.) resümiert: „Die Partie ist ein Spiegelbild des neuen Kräfteverhältnisses. Während die Gäste ihre Gegner mit ihrem Konzept der blitzschnell in die Spitze getragenen Angriffe fachmännisch sezierten, hatten die Dortmunder nichts als puren Kampf entgegenzusetzen.“

1. FC Kaiserslautern-FSV Mainz 2:0

Stil seiner Väter

Der FCK ist wohl wieder der alte – Martin Hägele (SZ 7.12.): „2005 dürfte, sollte, ja müsste der 1. FC Kaiserslautern nichts mehr mit Abstiegskampf zu tun haben – sofern sie jene Leidenschaft auf Flamme halten, die Ciriaco Sforza bei den Partien gegen Freiburg und Mainz und mit einem Interview geschürt hat. Als müssten sie jeden Vorwurf ihres früheren Kapitäns („Der FCK ist eine Ich-AG“, „Das Grundübel ist, dass wir kein Wir-Denken haben“) mit einer Blutgrätsche oder Kamikaze-Attacke persönlich widerlegen, fand das Team mit dem Anpfiff zum Stil seiner Väter zurück.“

Optimismus nach langen dunklen Wochen

Michael Ashelm (FAZ 7.12.) fügt hinzu: „Beim 1. FC Kaiserslautern herrscht unübersehbar wieder Optimismus. Nach den langen dunklen Wochen hat sich die Stimmungslage deutlich verbessert. Eiskalt war der Aufsteiger abgefertigt worden. (…) Wenn die Resultate stimmen, ist man auch in der Führungsetage zufrieden, muß doch in dieser Woche noch eine andere harte Nuß geknackt werden. Bei der Mitgliederversammlung soll ein Paragraph in die Vereinssatzung aufgenommen werden, der die Ausgliederung des Profispielbetriebs in eine Kapitalgesellschaft möglich macht.“

Bundesliga

Klugscheisser

7. Dezember

„Klugscheisser“ (NZZ), Kritik an der Frankfurter Rundschau für deren Kritik an Volker Finke – „Borussia Dortmund hat einen Niedergang angetreten, der noch längst nicht sein Ende erreicht hat“ (SZ) – die Dortmundisierung Schalkes oder die Schalkisierung Dortmunds – Ralf Rangnick, „im Crashkurs durch die Welt des Profifußballs“ (Spiegel)

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Klugscheisser

Bemerkenswert! Martin Hägele (NZZ 7.12.) kontert die Kritik der Frankfurter Rundschau an Volker Finke mit „Ausgerechnet!“: „Finke mag sich mal wieder an den Kopf gegriffen haben, wie solche Sätze in ein Blatt gelangen können, das ihm politisch nahesteht. Aber diese Zeitung wäre längst tot, wenn die rot-grüne Regierung sie nicht als Propagandainstrument subventionieren und knapp am Leben erhielte. Und ist nicht Frankfurt die Heimat der gleichnamigen Eintracht, des vielleicht chaotischsten Fussballklubs in Deutschland, wo sie aus Angst vor einem Abstieg aus der Bundesliga nicht nur einmal so ziemlich alles falsch gemacht haben, was man falsch machen kann? (…) Achim Stocker und Finke werden wohl mehr Kraft aufbringen und gegen grössere Widerstände als bei der letzten Relegation ankämpfen müssen. Ihr sportliches Lebenswerk aber lassen sich die zwei gescheiten, manchmal auch sturen Köpfe nicht kaputtmachen von ein paar Dutzend, vielleicht ein paar Hundert badischer Schreihälse und einer Handvoll notorischer Besserwisser. Oder wie man in Freiburg sagt: Klugscheisser.“

Mitleid statt Schadenfreude, Tristesse auf teurem Niveau

Philipp Selldorf (SZ 7.12.) erwartet ein schlechtes Ende für Borussia Dortmund: „Der Klub hat einen Niedergang angetreten, der noch längst nicht sein Ende erreicht hat. Immerhin scheint er an seinem vorläufig traurigsten Punkt angelangt zu sein – mittlerweile blickt der Rest der Welt nicht mehr mit stiller Schadenfreude, sondern mit Mitleid auf das gescheiterte Unternehmen. Es ist schon bedauerlich zu sehen, wie sich das Schicksal der zweiten deutschen Fußballgroßmacht gewendet hat (…) Nach einem halben Jahr Arbeit beim BVB hat sich Bert van Marwijk der Tristesse auf teurem Niveau angepasst.“

Die alte Rivalität ist bloß noch Folklore

Richard Leipold (FAS 5.12.) bedauert die Dortmundisierung Schalkes und die Schalkisierung Dortmunds: “Die Vereine sind sich zu ähnlich geworden, als daß die Verantwortlichen einander glaubwürdig beschimpfen könnten. Beide Klubs sind hoch verschuldet und verpfänden alles, was sie haben. Und beide stehen in dem Ruf, ihre Bilanzen mit allerlei Tricks so zu gestalten, daß zumindest die DFL stillhält. Für böse Kommentare bleibt in so einer Schicksalsgemeinschaft wenig Gelegenheit. Borussia Dortmund und Schalke 04 halten den Mythos aufstrebender Arbeitervereine weiter in Ehren – den Fans zuliebe, in Zeiten wirtschaftlicher Wagnisse hüben wie drüben das verläßlichste Kapital. Als Klubs der Kumpel ins Leben gerufen, treten die Rivalen längst als „Player“ am Geldmarkt des Fußballs auf, ob an der Börse notiert wie der BVB oder als Kleinkonzern ohne Aktionäre wie Schalke 04. Im neokapitalistischen System Bundesliga spielen beide noch zweimal im Jahr gegeneinander, daran hat die neue Zeit nichts geändert. Aber aus Arbeitervereinen sind Unternehmen geworden, die sich dem Wachstum verschrieben haben und immense Risiken eingegangen sind. Die alte Rivalität ist bloß noch Folklore, Teil des Events, Mittel zur Vermarktung.“

Im Crashkurs durch die Welt des Profifußballs

„Erstaunlich schnell führte Ralf Rangnick den Traditionsclub in die Spitze. Noch erstaunlicher erscheint sein lockerer Umgang mit dem mächtigen Manager Rudi Assauer. Zur vereinstypischen Gefühlsduselei passt er besser als erwartet“, schreibt Jörg Kramer (Spiegel 6.12.): „Der Autodidakt Rangnick, im Jahr der letzten Schalker Meisterschaft (1958) geboren, hat immer schon schneller als andere gelernt. Der neugierige Beobachter, der es als Spieler nur in die Oberliga schaffte, führte einst als Trainer-Überflieger beim Zweitliga-Aufsteiger SSV Ulm Begriffe wie „ballorientierte Raumdeckung“ in den Wortschatz deutscher Fußballfans ein. Sein oberlehrerhaftes Gebaren legte er ab, nachdem ihm 1998 ein allzu dozierender ZDF-Auftritt an der Taktiktafel mehr Hohn als Respekt eingetragen hatte. Er habe „nicht mehr diesen missionarischen Eifer“, bekennt er. In Stuttgart regten ihn noch Vereinspartner auf, die Jungprofis in der Kabine Rabatte beim Autokauf anboten. Und als er im Trainingslager im österreichischen Schruns zur Überraschung heimlich die Spielerfrauen im Bus herbeikarren ließ, musste er erkennen: Die Profis, für den anberaumten freien Tag mehrheitlich schon anderweitig verabredet, waren gar nicht so begeistert. So flitzte der vom Boulevard als „Professor“ belächelte Novize im Crashkurs durch die Welt des Profifußballs. Heute will sich Rangnick nicht mehr in Scharmützeln aufreiben wie in Hannover mit dem Präsidenten Martin Kind. In Schalke weiß er immer, in welcher Sakkotasche der Anstecker des Sponsors liegt, den er sich ans Revers heftet, sobald er eine Kamera erblickt.“

Deutsche Elf

Herz der Nation

Der Weg scheint frei für Jürgen Klinsmann – Thorsten Jungholt (WamS 5.12.): „Klinsmanns Kritiker schweigen, das ganze Land sammelt sich hinter seinem Hoffnungsträger für 2006. Mit seiner einfachen, bildhaften Symbolik wie der Entscheidung für den Endspielort Berlin als Quartier, oder der Wahl von aggressiv-roten Trikots als Spielkleidung trifft der Bundestrainer das Herz der Nation. Der wesentlichste Grund für die größere Akzeptanz der Reformen des Fußball-Kanzlers gegenüber seinem Pendant in der Politik ist allerdings die schnellere Wirkung der von Klinsmann verabreichten, manchmal bitteren Medizin. Während Schröders Hartz-IV-Gesetze ihre heilsamen Effekte erst auf lange Sicht entfalten werden, kann Klinsmann bereits auf Resultate verweisen.“

Montag, 6. Dezember 2004

Internationaler Fußball

Angst und Albtraum

Jens Lehmann nur auf der Bank – was bedeutet das für ihn und Arsenal, Christian Eichler (FAZ 6.12.)? „Daß Lehmanns Position gerade zu Beginn der vielleicht schon saisonentscheidenden Woche so in Frage gestellt wurde, spiegelt den geringen Kredit, den er bei vielen Fans und Medien in England hat. (…) Gegen Trondheim muß der englische Meister unbedingt gewinnen. Die Norweger haben 14 der letzten 15 europäischen Auswärtsspiele verloren und klingen mit Spielernamen wie Braaten und Brattbakk wie eine vorgezogene Weihnachtsgans – doch für Arsenal ist es ein Angstspiel, belastet vom Albtraum, wie in jedem Jahr die europäische Chance kläglich zu vergeben. Lehmann hat einiges zu diesem Albtraum beigetragen, mit seinen Aussetzern vergangene Saison in Kiew, zuletzt in Athen; besonders die beiden Patzer im letzten Champions-League-Viertelfinale gegen Chelsea werden ihm immer noch angelastet.“

Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse, Tabellen, Torschützen, Zuschauer NZZ

Bundesliga

Schlechteste Mannschaft der ersten 45 Minuten

Die Spiele des 16. Spieltags: „Die Bayern sind noch nicht soweit, die Liga wie in alten Zeiten zu beherrschen“ (FAZ) – „Stuttgart fühlt sich wieder als Fußballmacht“ (Tsp) – „perfekte Strategie Hannovers“ (FAZ) – „Bayer Leverkusen ist in dieser Saison die schlechteste Mannschaft der ersten 45 Minuten“ (SZ) – Hertha BSC Berlin an der „Weggabelung“ (BLZ)?

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1. FC Nürnberg-Bayern München 2:2

Die Bayern sind noch nicht soweit, die Liga wie in alten Zeiten zu beherrschen

Warum ist Felix Magath verärgert, Gerd Schneider (FAZ 6.12.)? „Die Partie in Nürnberg wird ihm gezeigt haben, daß seine Bayern ein besonders schwerer Fall sind. Das Bequeme, Selbstgefällige, das sich unter der freien Hand von Magaths Vorgänger Ottmar Hitzfeld breitgemacht hat, läßt sich nicht so ohne weiteres austreiben. Die Konkurrenz hatte nach zuletzt fünf Bayern-Siegen in Serie schon befürchtet, Magaths Arbeit trage früh Früchte. Schon war von einem Münchner Alleingang die Rede. Das ist Unsinn. Die Bayern sind noch nicht soweit, die Liga wie in alten Zeiten zu beherrschen. Der Erfolgshunger wächst, aber Rückschläge sind nicht ausgeschlossen.“

VfB Stuttgart-VfL Bochum 5:2

Verschworene Einheit

Peter Heß (FAZ 6.12.) schreibt über die Zweifel an Matthias Sammer: “Daß Sammer zu den Guten seiner Branche zählt, hat er bewiesen. Wenn eine Mannschaft einen Lauf hat, kann sie jeder trainieren. Dem Sachsen ist es gelungen, seine Spieler nach einer überraschenden Schwächeperiode wieder auf Erfolgskurs zu trimmen. Wie der VfB sich gegen die drohende Niederlage stemmte, wie die Spieler auf dem Platz eine verschworene Einheit bildeten und wie die tragenden Figuren nach dem Sieg ihren Trainer lobten, all dies zeigte, daß Sammers Wirken Eindruck hinterläßt. Jetzt könnte man entgegnen, mit einem wirklich guten Trainer wäre der VfB gar nicht erst in ein Loch gefallen. Aber bei der Zusammensetzung der Mannschaft kann niemand erwarten, daß Stuttgart ohne Auf und Ab durchs Jahr kommt. Das Spiel ihrer jungen Spitzenkräfte ist zu risikobehaftet.“

Stuttgart fühlt sich wieder als Fußballmacht

Stuttgart Euphorie lässt sich derzeit scheinbar spielend erzielen – Martin Hägele (Tsp 6.12.): „Die Grundschullehrerin aus Steinenbronn bei Stuttgart spricht zwar nur für ihre Klasse, aber man kann getrost davon ausgehen, dass die Erfahrungen der Pädagogin für die ganze Region gelten. „Fast alle Jungs wollen zu Weihnachten ein Trikot von Kevin Kuranyi und Alexander Hleb.“ Und seit Samstag dürften diese Wünsche lautstarker denn je geäußert werden. Seit der letzten halben Stunde gegen den VfL Bochum fühlt sich Stuttgart wieder als Fußballmacht im Land.“

Hamburger SV-Hannover 96 0:2

Perfekte Strategie

Jörg Marwedel (SZ 6.12.) hat die Taktik der Sieger seziert: „Was die 96er auf dem ramponierten Rasen vorführten, war das Musterbeispiel einer perfekten Strategie. Die eigene Hälfte des Spielfeldes hatte man in eine Art beweglichen Dschungel verwandelt, in dem wendige Buschkämpfer wie Kapitän Altin Lala oder Julian de Guzman sich allen Eindringlingen so geschickt und beherzt in den Weg stellten, dass es, die verzweifelte Hamburger Schlussoffensive einmal ausgenommen, kaum ein Durchkommen bis zum souveränen Abwehrchef Per Mertesacker und Torwart Robert Enke gab. Herrscher dieses Dschungels aber war Nebojsa Krupnikovic. Mit einer einzigen Körpertäuschung löste der Oberstratege das planvolle Durcheinander zuweilen auf und spielte dann einen seiner präzisen Pässe auf die bis zur Erschöpfung rochierenden Stürmer Thomas Christiansen, Silvio Schröter und Stendel. Sehenswerte Konter waren das.“

Schöner Fußball mit Kopf und Herz

Frank Heike (FAZ 6.12.) erkennt Fortschritt: “Seit Wochen beeindruckt die Hannoveraner Spielweise. Waren die ersten Siege des zu Saisonbeginn enorm unter Druck und vor dem Rauswurf stehenden Lienen noch Resultat von Kampf und Rackerei, spielt Hannover spätestens seit dem 3:1 gegen Kaiserslautern schönen Fußball mit Kopf und Herz. (…) Es ist anzunehmen, daß sich der bodenständige und auch in Niederlagen souveräne Doll nicht den Kopf von den vielen Einflüsterern rund um den HSV verdrehen läßt. Insofern: ein Rückschlag, kein Rückschritt.“

Europapokalgeile Hamburger Öffentlichkeit

Pustekuchen – Hendrik Ternieden (taz 6.12.): „Der inzwischen erfolgsverwöhnten Truppe von Thomas Doll fehlten über 90 Minuten die Ideen, gegen die hervorragend organisierte Defensive der Hannoveraner anzuspielen. Somit hat Hannover dem HSV den Tabellenplatz weggeschnappt, von dem die europapokalgeile Hamburger Öffentlichkeit nach der kleinen Erfolgsserie mal wieder geträumt hatte.“

SC Freiburg-Werder Bremen 0:6

Ohne Finke wärt ihr gar nicht hier

Christoph Kieslich (FAZ 6.12.) analysiert den Freiburger Diskurs: „Im krassen Gegensatz zur hoffnungslosen sportlichen Lage hatte auf den Rängen ein bemerkenswert aufmunterndes Klima geherrscht. Kreativ und inbrünstig wie schon lange nicht mehr begleiteten die Fans den Sport-Club während dieser desaströsen Partie. Erklang zur Pause noch ein trotzig-trauriges „Das Licht geht aus, wir geh‘n nach Haus, rabimmel, rabammel, rabumm“, rührte sich im Freiburger Block mit dem vierten und dem fünften und dem sechsten Gegentor jener kleine Teil der Fans, die mit „Finke raus!“ und „Wir ham die Schnauze voll“ ihre Wut herausbrüllten. Sie fanden im Stadion keine Gefolgschaft. Sie bekamen „Ultras raus!“ zur Antwort. Den Lagerkampf im Freiburger Fußball spitzte die Parole der Gegenseite zu: „Ohne Finke wärt ihr gar nicht hier.“ Der erstaunlichste Beitrag kam jedoch aus einer anderen Ecke: „Gegen Bremen kann das mal passieren“, meldeten sich die Werder-Fans fröhlich zu Wort.“

Bayer Leverkusen-VfL Wolfsburg 2:1

Chronische Krankheit

Aufwachen! Christoph Biermann (SZ 6.12.): „Die Frage danach, wann ein Fußballspiel beginnt, beinhaltet eigentlich keinen besonderen Spielraum für philosophische Erörterungen. Los geht’s halt, nachdem der Schiedsrichter angepfiffen hat – nicht so allerdings bei Bayer Leverkusen. Ein wunderschönes Beispiel für das ganz eigene Schreiten der Leverkusener durch Zeit und Raum führte der brasilianische Nationalspieler Juan vor. Er war zwar in seiner normalen Berufsbekleidung aus Trikot, Stutzen, Fußballschuhen etc. aufgelaufen, doch mental trug der Verteidiger ganz offensichtlich noch Pyjama und Pantoffeln. Diese Dinge geschehen durchaus auch bei anderen Mannschaften, nur passieren sie in Leverkusen so regelmäßig, dass Klaus Augenthaler damit umgeht wie Menschen, die sich mit chronischen Krankheiten zu arrangieren haben. „Bitte von Anfang an konzentriert“, so erzählte Augenthaler, würde er seinen Spielern vor jeder Partie noch auf den letzten Metern zum Platz sagen. Der Erfolg dieser Ermahnung ist gleich Null. Bayer Leverkusen ist in dieser Saison die schlechteste Mannschaft der ersten 45 Minuten.“

Hertha BSC Berlin-Borussia Mönchengladbach 6:0

Vorweihnachtliche Mitbringsel vom Niederrhein

Wie konnte dieses Spiel mit einem solchen Ergebnis enden? fragt sich Matthias Wolf (FAZ 6.12.): “Der Trainer ist gerade einmal etwas mehr als vier Wochen im Amt und schon so umstritten, wie er es als Bondscoach in der Heimat war. Es hat wohl selten zuvor ein Übungsleiter so rasch nach Dienstantritt den Stab über seinem Personal gebrochen. Immer wieder spricht Advocaat vom geplanten Umbau des Kaders. Er läßt Reservisten links liegen, legt Unzufriedenen nahe zu gehen – und urteilte auch in Berlin wieder mit abfälligen Worten und Blicken, die noch mehr sagen, über jene Angestellten, die immerhin im letzten Spiel vor seinem Dienstbeginn unter Horst Köppel noch Bayern München besiegt hatten. (…) Torwart Darius Kampa verhinderte eine zweistellige Niederlage gegen Berliner, die lange behäbig wie ein Altherrenensemble agiert hatten. Erst dann lagen vorweihnachtliche Mitbringsel vom Niederrhein auf dem Gabentisch.“

Weggabelung

Michael Jahn (BLZ 6.12.) ist mit Hertha optimistisch: „Es spricht sehr vieles dafür, dass dieser hohe Sieg zu einer Art Schlüsselerlebnis für Hertha BSC werden könnte. Es zählt zu den kuriosen Details des Spiels, dass sich bis zur Halbzeit kein Debakel für Gladbach angedeutet hatte. Bis dahin sah man die alte Heimhertha, die behäbig daher kam. Doch es zählte diesmal zu ihren Tugenden, dass sie einen angeschlagenen Gegner am Ende auch ausspielte – so machen das Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel; möglicherweise war dieses Spiel für Hertha eine Art Weggabelung.“

Bundesliga

Fallstudie von einstiger Frische und Jugendlichkeit

Kommentare zum 16. Spieltag: „Nie zuvor wurde in der Bundesliga auf breiter Ebene so viel Aufwand bei der taktischen Arbeit betrieben“ (SZ) – „Fallstudie zweier Vereine, die vor Jahren für Frische, Jugendlichkeit und Spaß am Spiel standen: Gladbach und Freiburg“ (FAZ) – „die Bausünden Mönchengladbachs“ (BLZ) – „der Fußball, für den Freiburg jahrelang stand, funktioniert nicht mehr“ (taz) / „Anderssein ist ein vorübergehender Zustand“ (FTD)

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Internationales Verständnis von Fußball

Christoph Biermann (SZ 6.12.) resümiert die Hinrunde mit Blick auf Spieltaktik: „Nie zuvor wurde in der Bundesliga auf breiter Ebene so viel Aufwand bei der taktischen Arbeit betrieben. Auf den Trainerbänken hat inzwischen eine Generation die Macht übernommen, deren Verständnis von Fußball ein ist und weniger auf deutschen Sonderheiten beruht. Doch nicht nur die zu Recht gefeierten Ralf Rangnick, Jürgen Klopp oder Uwe Rapolder schicken ihre Mannschaften mit sehr präzisen Vorgaben ins Spiel. Felix Magath, Thomas Schaaf und Klaus Augenthaler machen es in der Champions League nicht anders. Umgekehrt gilt, dass nicht mehr konkurrenzfähig ist, wer sich allein auf Intuition oder die Anarchie des Moments verlässt. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass in der Bundesliga besser Fußball gespielt wird.“

Erinnerungsposten

Freiburg und Gladbach kriegen sechs Stück – Roland Zorn (FAZ 6.12.) würde am liebsten nostalgisch werden: „Der 16. Spieltag geriet zur Fallstudie zweier Vereine, die vor Jahren für Frische, Jugendlichkeit und Spaß am Spiel standen. Inzwischen aber sind die „Fohlen“ von Borussia Mönchengladbach der schönste Erinnerungsposten in den Klubfolianten, scheinen in der Freiburger Fußballschule des Volker Finke die Sitzenbleiber der Liga das Einmaleins des Fußballs nicht mehr zu verstehen. Zwei Vereine, die aus kleinen Verhältnissen mit Energie und Phantasie nach oben gekommen sind, lassen ihre Anhänger in diesen frühwinterlichen Tagen frösteln.“

Bausünden

Christof Kneer (BLZ 6.12.) befasst sich mit dem Misserfolg der Borussia: “Der Fall Gladbach steht stellvertretend für die Reflexe, die die Liga im anbrechenden Jahrtausend befallen haben. Seit einiger Zeit schon werden Steine mit Beinen verwechselt. Immer mehr Klubs investieren stolz in die Architektur eines neuen Stadions und vergessen dabei die Statik der Mannschaft. Sie meinen, dass der Erfolg freiwillig zu ihnen überläuft, nur weil ihre Sportplätze jetzt AOL Arena, Arena AufSchalke oder eben Borussia-Park heißen. Man kauft sich dann noch ein paar glitzernde Trainernamen hinein, Toppmöller, Heynckes oder Advocaat, und am Ende ergibt das ein Gesamtgebäude, das zunächst akut einsturzgefährdet ist – weil das Fundament aus völlig überhöhten Erwartungen besteht. In Gladbach stehen sie jetzt fassungslos vor ihren eigenen Bausünden.“

Neue Spieler

Martin Teigeler (taz 6.12.) fügt hinzu: „Der traurige Dick Advocaat trägt nicht die Hauptverantwortung für die aktuelle Krise. Erst wenige Wochen im Amt, muss er mit jener Mannschaft arbeiten, die sein entlassener Vorgänger Holger „Fachinger“ Fach vor der Spielzeit zusammengestellt hat. Der schon als Spieler von Selbstkritik freie Traineranfänger hatte mit Christian Ziege einen abgehalfterten, verletztungsanfälligen Ex-Nationalspieler zur Leitfigur erkoren. Auch kritische Einwände gegen die Verpflichtung des labilen tschechischen Offensivspielers Marek Heinz waren am Ego Fachs abgeprallt. Will der Verein nicht absteigen, muss die Borussia in der Winterpause wohl neue Spieler kaufen.“

Fehlende Streitkultur

Frank Hellmann (FR 6.12.) entlarvt Freiburger Mythen: „Volker Finke duldet in der Freiburger Fußball-Erziehung nur Gefolgsleute um sich herum. Einen blassen Manager, ein braves Spieler-Ensemble – alles autorisiert von einem Präsidenten, der sich genau erinnert, wie 1991 bei Finkes Amtsantritt an der Schwarzwaldstraße so gar nichts an Erstligareife erinnerte. Schädlich in jedem zu stark personalisierten Unternehmen ist eine fehlende Streitkultur, die sich beim SC Freiburg in Finkes Abscheu vor kritischen Auseinandersetzungen ausdrückt. (…) Finke ist auch in anderen Teilen enttarnt. Eine Mär, dass der Verein sich als Ausbildungsbetrieb für die Liga verdingt, dem die Besten abspenstig gemacht werden. Allein Sascha Riether entstammt aus der derzeitigen Startelf dem eigenen Nachwuchs.“

Der Fußball, für den Freiburg jahrelang stand, funktioniert nicht mehr

Christoph Ruf (taz 6.12.) kommentiert den Freiburger Fall: „Der Fußball, für den Freiburg jahrelang stand, funktioniert nicht mehr. Nur noch selten spielt der SC so attraktiv, wie es ihm manche Zeitungen immer noch zuschreiben. Auswärts tritt kaum eine Mannschaft defensiver auf. (…) Manche Medien spielen absurdes Theater, wenn sie eine Trainerdiskussion eröffnen, um kurz darauf festzustellen, dass es eine Trainerdiskussion gibt. In Zeiten, in denen die Latteks mit ihren Burschenschaftsparolen vom Eierzeigen und -ausreißen aus der Schlachtkammer grüßen, ist es erfreulich unpopulistisch, dass Finke sich schützend vor seine Mannschaft stellt. Man kann das Freiburger Modell trotz seiner derzeitigen Krise einfach nicht unsympathisch finden. Den Umgang mit seinen Defiziten hingegen schon.“

Verbissenheit

Nadeschda Scharfenberg (SZ 6.12.) kritisiert Volker Finke: „Finke wirkt dünnhäutig. „Es geht hier wirklich nicht um mich, es geht um unser Konzept“: darum, durch Investitionen in den Nachwuchs aus wenig Geld das Beste zu machen. Dabei ist Finke es selbst, der sich in den Mittelpunkt stellt – indem er den Eindruck erweckt, als würde das Modell ohne ihn niemals funktionieren. Es ist Finkes Verbissenheit, die manche Zuschauer nervt, weniger das Konzept und die Gefahr gelegentlicher Abstiege.“

Anderssein ist ein vorübergehender Zustand

Wodurch unterschiedet sich der SC Freiburg noch von anderen, Katrin Weber-Klüver (FTD 6.12.)? „Er ist nicht mehr jedermanns zweiter Lieblingsverein. Sein Spiel ist nicht mehr der letzte Schrei, es ist irgendwann, irgendwo stecken geblieben. Man vergisst den SC inzwischen. Die Apposition, der andere Verein zu sein, trägt derzeit – aus ganz anderen Gründen – der FSV Mainz 05. Anderssein im Fußball ist ein vorübergehender Zustand. Vermutlich nicht einmal ein erstrebenswerter. Was einen Verein zu etwas Besonderem macht, ist nicht, dass er als exotische Modeerscheinung von aller Welt umarmt wird, sondern dass er es schafft, zu überleben. Und jeder Verein, der überlebt, ist größer als seine Ikonen. Niemand ist unwegdenkbar.“

Stimmen zum 16. Spieltag, sueddeutsche.de

Bildstrecke 16. Spieltag, sueddeutsche.de

Samstag, 4. Dezember 2004

Ball und Buchstabe

Heiteres Grauen

„Der Verwaltungsrat des ZDF setzt Wolf-Dieter Poschmann als Sportchef ab – als Moderator bleibt er leider erhalten“, klagt die (taz 4.12.): „Über Poschmanns dominanten Führungsstil und allgemeinen Umgang mit den Redakteuren wurde schon lange gemotzt. (…) Uns erhalten bleiben Poschmanns Interviews, die zusammen mit denen von ARD-Oberschwurbler Waldemar Hartmann weiter für heiteres Grauen sorgen dürften.“

Interne Kritik

Michael Ridder (FR/Medien 4.12.) schreibt dazu: „Sein Image bekam Risse. Bereits 1998 geriet Poschmann wegen der Werbung für einen Aktienfond unter Beschuss; zuletzt musste er häufig Kritik wegen seiner schwächelnden Moderationen einstecken. Zudem sei Poschmann in der Sportredaktion vorgehalten worden, er sei autoritär. In die interne Kritik sei er besonders wegen des Abschieds von ZDF-Reporter Michael Palme im Frühjahr 2004 geraten. Poschmann soll seinen langjährigen Kollegen grußlos nach Hause geschickt haben.“

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