Freitag, 5. November 2004
Ball und Buchstabe
Fußball bedeutet für viele Frauen das Gleiche wie für Männer
Nicole Selmer, Autorin eines Buchs über weibliche Fans (FR): „Fußball bedeutet für viele Frauen das Gleiche wie für Männer“ – Sport-Bild übertreibe Asamoahs Herzkrankheit und seine Angst (dpa)
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Fußball bedeutet für viele Frauen das Gleiche wie für Männer
Nicole Selmer, Autorin eines Buchs über weibliche Fans, im Gespräch mit Jan Freitag (FR 5.11.)
FR: Ist Fußball mittlerweile Frauensache?
NiS: Natürlich. Insofern, als es viele Frauen gibt, die sich für Fußball interessieren. Auf die unterschiedlichste Art und Weise. Genauso wenig wie es den männlichen Fan gibt, gibt es den weiblichen. Aber so wie Fußball funktioniert, bleibt es dennoch eine Männersache.
FR: Sie meinen quantitativ, weil Dreiviertel der Stadionbesucher Männer sind?
NiS: Subjektiv bedeutet Fußball für viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, das Gleiche wie für Männer: Welche Rolle hat er in meinem Leben? Wie bin ich im Stadion, wie darf ich sein? Trotzdem ist es was komplett anderes, wenn eine Frau mit einem Bierbecher in der Hand und Schal um den Hals grölend am Zaun hängt. Das sieht einfach anders aus in der Männerdomäne Fußball. (…) Bei Leverkusen gegen Real war zu sehen, wie ein Mädchen mit Handtäschchen über der Schulter nach dem Abpfiff auf dem Zaun hing. Das passte überhaupt nicht, diese totale Fan-Pose mit Mädchenoutfit. Zur Exotik: Ich glaube, dass Frauen im Stadion total untergehen, es sei denn, das sind Sambatänzerinnen bei Spielen von Brasilien. Normale Frauen, wie ich sie interviewt habe, sehen genauso aus wie Männer mit Fanklamotten. (…)
FR: Seit wann sind Sie Fußballfan?
NiS: Ich bin fernsehfußballsozialisiert. Es war die WM 1982, da war ich 12 und fand Kalle Rummenigge unheimlich süß. Die WM hat mich ein wenig angefixt, denn danach hab ich auch Uefa-Cup geguckt. Sogar allein.
FR: Hängen Erfolg und Frauenanteil miteinander zusammen?
NiS: Erfolg schafft Aufmerksamkeit. Für Männer sind die Wege zum Fußball breiter. Frauen brauchen andere Zugänge, als Groupies wie gesagt, aber auch durch Präsenz, wenn man die Spieler oft im Fernsehen sieht.
FR: Außerdem sehen Fußballer mittlerweile besser aus und arbeiten am Image.
NiS: Klar, aber da gibt es auch ganz viele Frauen, die das blöd finden, schnöselig. Der soll Fußball spielen.
FR: Wie ist es bei Ihnen?
NiS: Auf Beckham lass‘ ich nix kommen.
Link, falsch gesetzt
of: Gestern setzte ich ein Link auf einen Sport-Bild-Bericht mit dem Titel „Asamoah riskiert in jedem Spiel sein Leben“, in dem seine Herzerkrankung mit der Serginhos verglichen worden ist, dem brasilianischen Nationalspieler, der letzte Woche während eines Spiels gestorben ist. Die TV-Bilder hätten Gerald Asamoah „mit dem eigenen Schicksal konfrontiert“, schreibt Sport-Bild und zitiert den Schalker Stürmer: „Diese Bilder waren ein echter Schock (…), auf einen Schlag kamen sämtliche Bedenken hoch (…), natürlich habe ich beim Tod von Serginho sofort an meine Situation gedacht.“ Eine dpa-Recherche Ulli Brüngers legt nun nahe, dass die Angst Asamoahs von Sport-Bild hochgestochen worden ist. Brünger hat mit Asamoah gesprochen und schreibt: „Mit großer Empörung hat Asamoah den Bericht zurückgewiesen: „Das ist totaler Schwachsinn und völlig übertrieben dargestellt“, schimpfte der Nationalstürmer. Vor sechs Jahren war beim Ex-Hannoveraner eine leichte Verdickung des Herzmuskels festgestellt worden. Seitdem steht er unter ständiger ärztlicher Kontrolle. „Aber an meine Erkrankung denke ich praktisch gar nicht. Wenn ich ständig Angst vor dem Tod hätte, könnte ich mich doch überhaupt nicht auf Fußball konzentrieren“, sagte er (…), „natürlich war ich, wie andere auch, schockiert, als ich Bilder von Serginho sah“, meinte Asamoah, stellte aber klar, dass „unsere beiden Krankheiten überhaupt nicht miteinander zu vergleichen sind“. Auch die Behauptungen, die Ärzte hätten ihm nach der Entdeckung seiner Erkrankung geraten „nie wieder zu spielen“, er aber schlage derlei Warnungen in den Wind, wies der Fußballprofi zurück. „Das ist totaler Quatsch. Ich haben kein schwaches Herz, sondern bin gesund. Das Risiko, das mir auf dem Platz etwas passiert, liegt weit unter einem Prozent.“
Donnerstag, 4. November 2004
Champions League
Transparenter, virtuoser, kunstvoller
Werder Bremen, „Utopie von der Gemeinschaft der Gleichen“ (SZ) – „Barça wirkte transparenter, virtuoser und kunstvoller als Milan“ (NZZ)
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Werder Bremen-RSC Anderlecht 5:1
Das System Schaaf verinnerlicht
Ivan Klasnic, dreifacher, bescheidener Torschütze – Frank Heike (FAZ 4.11.): „Klasnic blieb so kühl, als hätten Eiswürfel im Entmüdungsbecken gelegen. „Ich brauche keine Superlative. Es ist mir egal, wer die Tore macht. Ohne eine gute Mannschaftsleistung hätte ich nicht getroffen. Wir profitieren alle voneinander.“ Natürlich war diese Abgeklärtheit des Kroaten auch Pose. Beim rauschenden 5:1 hatte Klasnic drei Tore geschossen und ein weiteres mittelbar vorbereitet. Niemand hätte ihm überschwappende Gefühle auch eine Stunde nach der Partie übelgenommen. Doch Ivan Klasnic hat das System Schaaf verinnerlicht. Um den innerbetrieblichen Frieden nicht zu stören, wird bei Werder niemand über Gebühr hervorgehoben, niemand zurückgesetzt. Das lebt Thomas Schaaf vor. Er lobte nach der Gala den Dänen Daniel Jensen; Klasnic habe nur getan, was er am besten könne. Prompt sagte Klasnic, als seien er und sein Trainer gleichgeschaltet: „Es ist alles Nebensache, was ich mache.“ Nebensache, wenn einer Werder im Alleingang ganz nah ans Achtelfinale bringt? Daß es doch noch eine andere Wahrheit als die des Ivan Klasnic gab, bewies eine Äußerung von Christian Schulz. Er sagte grinsend: „Wir werden viel zu tun haben, Ivan wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.““
Utopie von der Gemeinschaft der Gleichen
Werder Bremen in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf – Jörg Marwedel (SZ 4.11.): „Die untergegangene DDR hat es nicht geschafft, die einstige Weltmacht Sowjetunion ist ruhmlos verschieden, und Fidel Castros sozialistisches Kuba vegetiert dem Ende entgegen. Die Utopie von der Gemeinschaft der Gleichen, getragen von einer Idee und bedingungsloser Solidarität, wird von der Geschichte als gescheitert betrachtet. Hoffnung auf eine bessere Welt spendet seit Dienstag der Fußball. Und wer das nicht glauben mag, der braucht nur noch einmal den Film jener zauberhaften Demonstration kollektiver Fußballkunst ablaufen zu lassen, mit welcher Werder Bremen den belgischen Titelträger RSC Anderlecht besiegte. Einen Klub, der wie Real Madrid eine Krone im Vereinswappen trägt, aber am Ende dastand wie ein König ohne Kleider.“
FC Barcelona-AC Mailand 2:1
Milan spielte Verstecken, Barça wollte entdecken
Felix Reidhaar (NZZ 4.11.) rezensiert das Spiel: „Das phantastische Tor war gleichsam Abschluss wie Höhepunkt eines sehenswerten Spiels von zwei der derzeit ohne Zweifel besten Teams der Welt. Gegen das Bukett an balltechnischem, organisatorischem, läuferischem und taktischem Können von lauter lateinisch geprägten Nationalspielern muss das Potenzial beispielsweise des neuen, sensationellen Europameisters zur Karikatur geraten. (…) Abgesehen von den Einzigartigkeiten und Persönlichkeiten auf beiden Seiten, die den Abend zu einem der raren Leckerbissen machten, stachen markante stilistische Unterschiede hervor: Milan spielte zunehmend Verstecken, Barça wollte entdecken. Milan wartete mehr ab, ging wählerischer vor und suchte den Weg zum Ziel in der Regel mit in der Vertikalen angelegten Direktangriffen. Barça wirkte transparenter, virtuoser und kunstvoller, wurde immer wieder beeinträchtigt durch den bekannten Hang zur Verspieltheit und übertrieb zuweilen das schnelle Kombinationsspiel. Aber weil der Platzklub bis zum Schluss mit bewundernswerter Hingabe drängte und insistierte, fand er, fand Ronaldinho doch noch die eine Lücke in diesem kompakten wie stoischen Mailänder „Riegel“. Was beide Equipen in extenso demonstrierten, war beispielhaftes Wiedererlangen und Halten des Balles (…) Rijkaards Team ist weit mehr als eine Ansammlung hervorragender Einzelkönner. Es überzeugte durch Ausgeglichenheit und Festigkeit und erinnerte mit seinen sorgsam über die ganze Terrainbreite und -länge verteilten Ballstafetten ein bisschen an die Spielart à l‘ hollandaise.“
Ball und Buchstabe
Der Feind im Tor
Nicht nur die Queen ehrt Bert Trautmann, den Gentleman – Heinz Stalder (NZZ 4.11.): „Die englische Königin liess ihn anlässlich ihres Staatsbesuches in Deutschland mit einem OBE (Order of the British Empire) auszeichnen. Der Deutsche Bernd Carl Trautmann diente während des Zweiten Weltkrieges in der Wehrmacht als Fallschirmjäger, kam wegen angeblicher Sabotage vor Kriegsgericht, entkam der Erschiessung durch eine waghalsige Flucht, wurde von den Russen gefangen genommen, konnte erneut fliehen, worauf ihn zuerst die Franzosen, dann die Amerikaner wieder einfingen. Schliesslich kam der „Ausbrecherkönig“ in englische Gefangenschaft, wo er mit dem ihm zum Markenzeichen gewordenen Satz „Hello Fritz – what about a cup of tea?“ empfangen worden sein will. Er kam ins Kriegsgefangenenlager in Ashton bei Manchester und machte dort in Internierten-Spielen als äusserst beweglicher und mutiger Torhüter auf sich aufmerksam. Nach dem Krieg blieb er in England, spielte zuerst mit St. Helens Town, bevor er 1949 bei Manchester City unterschrieb. Obwohl die fussballbegeisterten Engländer den stets auf striktes Fairplay bedachten Deutschen mochten und ihm wegen vier im gleichen Spiel gehaltener Penaltys auch eine reservierte Bewunderung zollten, ging es für die Mancunians und Supporter des Traditionsklubs an der Maine Road dennoch nicht an, dass ein „Feind“ im Tor stand. Die Klubleitung wurde mit Protestbriefen bombardiert, und über 40 000 Leute gingen auf die Strasse, um ihrem Zorn über die Verpflichtung des ehemaligen deutschen Soldaten Luft zu machen. Trautmann, der seinen Namen für die Engländer einfacher in Bert abänderte, wurde anfänglich in den Stadien aufs Wüsteste beschimpft und häufig bespuckt. Dass er sich gegen diese Erniedrigungen einzig mit seinen sportlich unnachahmlichen Mitteln zur Wehr setzte, Verständnis für die Vorurteile zeigte und mit seinem untadeligen Verhalten auf dem Spielfeld und in seinem Privatleben mehr für die Verständigung und Aussöhnung der einst verfeindeten Länder tat als alle Politiker und Diplomaten, wurde bald einmal auch von den aufgebrachtesten Fans festgestellt und gewürdigt.“
Allgemein
Alemannia Aachen, FC Sevilla, Benfica Lissabon
Alemannia Aachen spielt schön und gut (Tsp) _ „Philosophie der Arbeit und Demut beim FC Sevilla“ (FTD) – Benfica Lissabon, „wichtiger als die Selecção“ (FAZ)
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Stefan Hermanns (Tsp 4.11.) freut sich über Alemannia Aachen: „Sensationell war für die Aachener schon die vergangene Saison, als sie im Pokalfinale standen und erst am letzten Spieltag den Aufstieg in die Bundesliga verbaselten. Im Sommer aber gingen wichtige Leistungsträger, zwölf neue Spieler kamen, dazu der 40 Jahre alte Hecking als Nachfolger von Jörg Berger. Doch die Aachener sind nicht nur genauso erfolgreich wie im vorigen Jahr, sie spielen jetzt auch einen „sehr attraktiven Fußball“, wie Sportdirektor Jörg Schmadtke sagt. Heckings reine Offensivlehre war am besten gegen den französischen Spitzenklub OSC Lille zu beobachten. „So eine gute halbe Stunde habe ich noch nie gesehen“, sagt Hecking über die ersten 30 Minuten. Die Taktik hatte er zuvor basisdemokratisch mit der Mannschaft festgelegt. Die Spieler sollten selbst entscheiden, ob sie lieber abwartend spielen oder den Gegner wie immer mutig attackieren wollten.“
Philosophie der Arbeit und Demut
Ralf Itzel (FTD 4.11.) stellt uns den FC Sevilla vor: “Es ist bezeichnend, dass der beste Spieler des FC Sevilla den Spitznamen „la bestia“, die Bestie, trägt. Der Brasilianer Julio Cesar Baptista bricht mit seinen langen Beinen, dem muskelbepackten Oberkörper und der bahnbrechenden Schnelligkeit wie eine Naturkatastrophe über die gegnerische Abwehr herein. Und die Fitness ergänzt er optimal mit fußballerischer Qualität. Solche wie Baptista liebt Trainer Joaquin Caparros. Der 49-Jährige hat die Mannschaft in gut vier Jahren aus der zweiten Liga bis an die momentan zweite Position der Primera División gehievt, und bis in den Uefa-Cup, in dem sie heute Alemannia Aachen empfängt. Caparros hat einen Kader geformt, der Muskeln hat und zeigt. (…) Als Fußballer gelang ihm nie der Sprung ganz nach oben, weswegen er zehn Jahre lang um fünf Uhr morgens aufstand, um den Sport und seine Arbeit bei einem Hersteller von Krankenhausmaterial zu verbinden. „Diese Disziplin hat mir sehr geholfen, im Leben wie im Beruf.“ Auch als Coach arbeitete er lange in unteren Klassen, eine Erfahrung, die er nicht missen möchte: „Eine bescheidene Mannschaft zu betreuen, sollte Pflichtfach der Trainerkurse sein.“ Seine Philosophie der Arbeit und Demut hat er mittlerweile auch auf die Nachwuchsabteilung und sogar bis in die Chefetage übertragen, weswegen er befriedigt feststellt: „Dieser Klub wächst und reift.“ Die Zeiten, in denen die Andalusier eine Fahrstuhlmannschaft stellten, sind Vergangenheit.“
Wichtiger als die Selecção
Führt Giovanni Trapattoni Benfica Lissabon wider nach oben, Thomas Klemm (FAZ 4.11.)? „Was wäre wohl beim FC Bayern los, wenn der Fußballklub seit zehn Jahren keine deutsche Meisterschaft gewonnen hätte? Die Vereinsführung wäre gereizt, Abertausende Mitglieder und Fans frustriert, die Mannschaft verunsichert. Ein Rekordmeister für die Geschichtsbücher, aber nicht im Alltagsgeschäft – das paßt ebensowenig zum Selbstverständnis der Münchner wie zu jenem ihres portugiesischen Pendants. Darum litt Benfica Lissabon, mit 27 Meisterschaften, 23 Pokalsiegen, zwei Europapokalerfolgen im Landesmeister-Wettbewerb und mehr als 80 000 Mitgliedern erfolgreichster, größter, beliebtester und meistbeneideter Klub in Portugal, jahrelang fürchterlich an der anhaltenden Erfolglosigkeit. Doch in der Nacht zum 5. Juli steigerte sich das Fünkchen Hoffnung auf Besserung, das wenige Wochen zuvor nach dem 2:1-Sieg im nationalen Pokalfinale gegen den FC Porto entzündet wurde, zur glühenden Erwartung. Benfica hatte einen Startrainer verpflichtet, der den verblichenen Glanz des Klubs endlich wieder aufpolieren sollte. „Giovanni Trapattoni unterschreibt heute“, lautete die fast halbseitige Schlagzeile in allen Sportzeitungen des Landes. Nur eine Randnotiz auf den Titelseiten war ihnen wert, daß die portugiesische Nationalmannschaft am Abend zuvor das Europameisterschaftsfinale verloren hatte. Die Hoffnung überwog die Trauer, Benfica war wieder einmal wichtiger als die Selecção. Seither staunt Trapattoni, der den FC Bayern 1997 zur deutschen Meisterschaft und ein Jahr später zum DFB-Pokalsieg geführt hatte, über den „Respekt und die Sympathie“ der Benfica-Fans. Im vergangenen Jahrzehnt verlor der Klub seine sportliche Führungsrolle an den FC Porto, sorgte statt dessen wegen krimineller Machenschaften eines Präsidenten und Schwierigkeiten mit dem Fiskus für Schlagzeilen.“
Bundesliga
Dick Advocaat
Mit Dick Advocaat, „geradlinig bis zum Gehtnichtmehr“ (BLZ), will Borussia Mönchengladbach „nach oben, nach Europa“ (FAZ) / „fünf von achtzehn Posten mit Neulanderoberern besetzt, das spricht für den wachsenden Mut, sich zu öffnen“ (FAZ)
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Dick Advocaat, ein deutscher Holländer – Christoph Biermann (SZ 4.11.) wünscht sich aber auch mal einen holländischen Holländer: „Advocaat beruft sich auf das gleiche Prinzip wie Huub Stevens oder Bert van Marwijk: das des Realismus. Insofern ist er in einem Land angekommen, wo man ihn besser verstehen dürfte als in seiner Heimat. Schließlich hat eine reservierte Spielweise hierzulande noch selten Anlass zu Kritik gegeben, so lange nur gewonnen wird. Visionen werden einem sowieso nur um die Ohren gehauen, wenn man dreimal hintereinander verliert. Und haben wir von Huub Stevens nicht gelernt, dass Holländer die besten Sachwalter deutscher Tugenden sein können? „Von daheraus“ (Stevens) ist der Weg für Advocaat bestens bereitet, er muss nur noch gewinnen. Allerdings wäre es auch mal interessant, einen holländischen Fundamentalisten in die Bundesliga zu holen – so als Mutprobe.
Geradlinig bis zum Gehtnichtmehr
Gregor Derichs (BLZ 4.11.) fügt hnizu: „Die Mannschaft bekam beim ersten Training einen Vorgeschmack darauf, dass ihr neuer Coach keinen Erziehungsauftrag erfüllen will, sondern Befehle ausgibt. „Ich bin ein Disziplinmann“, sagte Advocaat. „Ich bin nicht sehr liberal, aber ehrlich.“ Präsident Rolf Königs, der den Klub nach Business-Regeln führt wie seine Unternehmen, schien dies zu gefallen. Advocaat ist geradlinig bis zum Gehtnichtmehr. Kompromisse, bei denen er klein beigeben müsste, kennt der als Klubtrainer beim PSV Eindhoven und den Glasgow Rangers mit Titeln dekorierte Mann nicht. Wenn es nicht funktioniert, dann tritt er eher ab, als den Kurs zu ändern. Im Juli beendete Advocaat seine zweite Tätigkeit als Nationaltrainer, weil er von vielen Medien trotz des Erreichens des EM-Halbfinales aus dem Amt gemobbt worden war. Er hatte sich geweigert, populistische Entscheidungen bei der Aufstellung zu treffen und ließ sich auch nicht von Gewaltandrohungen durchgedrehter Fans davon abbringen, seine Art und sein System beizubehalten.“
Nach oben, nach Europa
Wohin strebt Borussia Mönchengladbach, Richard Leipold (FAZ 4.11.)? “Der Vorstand hofft, mit der Verpflichtung Advocaats den Übergang in eine neue Epoche gestalten zu können. Sportdirektor Christian Hochstätter bezeichnete den Abschluß des Vertrages als „klares Signal, wo dieser Klub hinwill“ – nach oben, nach Europa, vielleicht gar dorthin, wo Mönchengladbach, der fünfmalige deutsche Meister, vor drei Jahrzehnten war. (…) Bei all seinen Erfolgen gilt Advocaat als schwieriger, manchmal eigenwilliger Verfechter eines Fußballs, der vor allem auf Disziplin und Ergebnisdenken basiert. Fußballspieler seien wie Kinder, sagt er. „Sie müssen machen, was ich sage, sonst haben wir ein Problem.““
Überhöhte Erwartungen
Jan Christian Müller (FR 4.11.) warnt: “Borussia Mönchengladbach hat eine glorreiche Vergangenheit und eine triste Gegenwart und bestimmt gar keine Lust mehr, jahrelang trostlos im Niemandsland der Tabelle herumzudümpeln. Deshalb hat der Club sich nicht geziert, eine Menge Geld anzufassen, um einen angemessen ruhmreichen Trainer zu verpflichten. Das – im vergangenen Jahr durchaus mutige – Gegenmodell Holger Fach ist an dessen offensichtlichen Mängeln in der Personalführung gescheitert, nicht schlechterdings an der Idee, einem jungen Trainer eine Chance zu geben. Dass das durchaus funktionieren kann, beweisen die Beispiele Klopp und Schaaf derzeit eindrucksvoll. Dick Advocaat heißt der womöglich bald bemitleidenswerte Anti-Fach, der die überhöhten Erwartungen – vor allem des vor Stolz fast platzenden Präsidenten Königs – in Mönchengladbach erfüllen soll.“
Neue Gesichter auf den Trainerbänken – Roland Zorn (FAZ 4.11.) begrüßt diesen Trend: „Noch vor wenigen Monaten wurde über die Wiederkehr der immer gleichen gejammert. Die Bundesliga brauche dringend neue Trainergesichter, hieß es, wenn wieder einmal alte Bekannte einen frei gewordenen Arbeitsplatz besetzt hatten. Das Klagen hat inzwischen ein vorläufiges Ende. (…) Fünf von achtzehn Posten mit Neulanderoberern besetzt, das spricht für den wachsenden Mut, sich zu öffnen und von der Routine zu lösen. Dem Spitzenfußball in Deutschland tut diese Tendenz gut, zumal die Bundesliga sich ein Jahr nach dem – mit Ausnahme des VfB Stuttgart – flächendeckenden Ausscheiden aus allen Europapokal-Wettbewerben gut erholt von den Krisensymptomen des vergangenen Herbstes zeigt. Und das nicht nur, weil alle drei Champions-League-Teilnehmer noch auf eine Weiterbeschäftigung hoffen dürfen. Für die Bundesliga erfreulicher sind der Elan, die Systematik und Phantasie, mit der Fußball-Lehrer wie Klopp und Rapolder beweisen, daß „kleine“ Mannschaften keine Angst mehr vor den Großen zu haben brauchen. Schließlich darf die Liga auch von ihren ausländischen Trainern neue Impulse erwarten. Was von Advocaat zu halten ist, bleibt fürs erste offen. Der Mann gilt als kenntnisreich, aber eine Spur zu lehrerhaft, international herumgekommen, aber provinziell zugleich. Advocaat war zuletzt bei den holländischen Medien etwa so beliebt wie der Urgladbacher Berti Vogts kurz vor seiner Ablösung als Bundestrainer.“
Mittwoch, 3. November 2004
Internationaler Fußball
Operettenhaftes Adieu
Von Raphael Honigstein (taz 3.11.) erfahren wir, dass Berti Vogts ein Statement zu seinem Rücktritt geschrieben hat – und was davon zu halten ist: „Sein Schritt wurde allseits mit großer Erleichterung aufgenommen – „Berti erlöst uns“, titelte der Daily Record lapidar – und hätte ein einigermaßen würdevoller Schlusspunkt nach 32 hochgradig unproduktiven Monaten sein können, zumal Vogts nach Informationen der Times ein nettes Abschiedssalär von 750.000 Euro ausgehandelt hat. Aber der 57-Jährige bestand leider darauf, auf der Internetseite des schottischen Verbandes einen melodramatischen Abschiedsbrief zu veröffentlichen, in dem er Anfeindungen durch einen Teil der Fans und eine Hetzkampagne von Boulevard-Journalisten „mit nur begrenztem Fußballverstand“ für seine Demission verantwortlich machte. Das Schreiben erinnerte den seriösen Scotsman in seinem weinerlichen Ton fatal an Richard Nixons paranoide Rücktrittsrede 1974, in der ebenfalls die Medien als Hauptschuldige bezeichnet wurden. Vogts operettenhaftes Adieu erzählt von einem „schweren Herzen“ und „großen Zögern“ vor der Entscheidung (…) Die Schotten wissen sehr wohl über die mangelnde Qualität ihres Fußballs Bescheid. Aber „die Art und Weise, ja“ (Vogts), in der in 31 Spielen nur 8 Siege erzielt wurden, war verheerend. Zahlreiche Systemänderungen und kapriziöse Aufstellungen hatten das Vertrauen der Öffentlichkeit früh getrübt, nicht selten liefen Spieler während des Matches zu Vogts-Assistent Tommy Burns, um zu fragen, wo denn ihre genaue Position sei. Was Vogts nie verstand: Die Schotten können schon auf Grund ihrer Geschichte traditionell sehr gut mit Niederlagen umgehen – solange sie nur das Gefühl haben, dass einfach nicht mehr drin war. Vogts typische Kommunikationsprobleme, verschärft durch sein bestenfalls rudimentäres Englisch, verhinderten, dass seine Männer je zu größeren Taten befeuert wurden. Sein Team blieb regelmäßig unter seinen arg begrenzten Möglichkeiten. „McBerti“ verschanzte sich schon vor dem Anpfiff hinter einem Berg von Gründen für die drohende Niederlage und verzog sich in den letzten Wochen in eine defensive Trotzstellung, die im Norden der Insel gar nicht gut ankam.“
Champions League
Der Magath-Effekt blieb aus
„Die Bayern treten auf der Stelle, seit mindestens zwei Jahren, der erhoffte Magath-Effekt blieb bisher aus“ (FAZ) – „Renaissance des calcio cinico in Turin, das Goldene Kalb des Minimalismus“ (SZ) – Rom gegen Leverkusen ohne Zuschauer, „eher ein Vorteil für den AS Rom“ (Sportpsychologe Bernd Strauss, FTD)
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Der erhoffte Magath-Effekt blieb bisher aus
Elisabeth Schlammerl (FAZ 3.11.) lotet die Lage in München aus: „Beim FC Bayern München ist zur Zeit fast alles berechenbar. Nicht nur auf dem Platz fehlen oft die Überraschungsmomente, auch die Verantwortlichen reagieren vorhersehbar. Manager Uli Hoeneß hat sich nach seinem schlaganfall-verdächtigen Ausbruch in Mönchengladbach wie erwartet beruhigt, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ist dem Vernehmen nach vom hohen Roß gestiegen, vorübergehend zumindest, und Trainer Felix Magath will nicht mehr auf einer Verschwörungstheorie beharren. Wenn sich aber die Münchner Chefetage zurückzieht und in der Öffentlichkeit über die Mannschaft die schützende Hand hält, ist die Zeit für den Auftritt des Kapitäns gekommen. Oliver Kahn gibt sich in den letzten Wochen immer wieder als Mahner und erweckt dabei vor dem Gruppenspiel gegen Juventus Turin den Eindruck, nur er erkenne den Ernst der Lage. Während Hoeneß und Rummenigge sich mehr über die zweifelhafte Rote Karte für Lucio aufregten statt über die mäßige Darbietung der Mannschaft, hielt Kahn still. (…) Die Bayern müssen feststellen, daß sie auf der Stelle treten, seit mindestens zwei Jahren. Sie spielen kaum einmal ansehnlicher als unter Ottmar Hitzfeld und haben schon mehr Niederlagen kassiert als in der gesamten Vorrunde des vergangenen Jahres. Der erhoffte Magath-Effekt blieb bisher aus, aber die letzten Spiele zeigten auch, wie sehr der Erfolg bei Bayern von Roy Makaay abhängt. (…) Früher haben die Bayern meist gewußt, wie groß das Engagement gerade noch sein muß, um zu siegen, ohne sich besonders zu verausgaben. Diese Fähigkeit, die richtige Balance zu finden, haben die Münchner aber schon vor längerem verloren.“
Renaissance des calcio cinico, das Goldene Kalb des Minimalismus
Es wird schwer, gegen Juventus Turin ein Tor zu schießen – Birgit Schönau (SZ 3.11.): „International spielt Juventus ganz in alter Tradition eins zu null, zuletzt gegen die Bayern. Und man kann davon ausgehen, dass dieses Ergebnis auch beim Rückspiel angepeilt ist. Manche beschweren sich, so hätte der liebe Gott das nicht gemeint mit dem Fußballspielen, beklagen die Renaissance des calcio cinico, das Goldene Kalb des Minimalismus. Aber Juve hatte schon zu früheren Zeiten mythische Abwehrspieler und einen Weltklassetorwart: Dino Zoff. Und jetzt ist es wieder soweit, nach einer Saison mit 44 Gegentoren. Vor Buffon, dem mit seinerzeit 54 Millionen Euro Ablöse teuersten Juve-Einkauf (soviel Geld hatten sie in Turin nach dem Verkauf eines gewissen Zinedine Zidane), stehen neben Jonathan Zebina die alten Teamkollegen vom AC Parma. Fabio Cannavaro, der zuletzt bei Inter Mailand wenig glücklich war, obwohl er mit seinen nur 1,76 m seit vielen Jahren einer der besten italienischen Abwehrspieler ist. Cannavaro ist auch Kapitän der Squadra Azzurra, ein bodenständiger, immer gut gelaunter Neapolitaner, der sein Geld in Pizzerien investiert und in seiner Heimatstadt als ehrlicher Arbeiter verehrt wird, der es hoch im Norden der widrigen Witterungsumstände zum Trotz zu etwas gebracht hat. Buffon und Cannavaro haben 1999 mit Parma den Uefa-Cup gewonnen, dabei war auch der elegante Franzose Lilian Thuram, ein wortgewandter Mann mit viel Sinn für Ironie. Die drei bilden jetzt bei Juventus ein Trio Infernale für jeden gegnerischen Angreifer.“
Eher ein Vorteil für den AS Rom
Sportpsychologe Bernd Strauss im Interview mit Daniel Meuren (FTD 3.11.) – Thema: Leverkusen spielt heute in Rom ohne Zuschauer
FTD: Bayer Leverkusen spielt gegen elf Römer, aber nicht wie sonst gegen Zehntausende fanatischer Tifosi, die ihrer Mannschaft den Rücken stärken. Das muss ein Vorteil sein, oder?
BS: Ich bin der Überzeugung, dass das eher ein Vorteil für den AS Rom ist. Es gibt verschiedene Untersuchungen, die zeigen, dass die Heimmannschaft eher davon profitiert, wenn gar keine Zuschauer da sind.
FTD: Wieso das denn?
BS: Fußball ist ein komplexer Sport. Er besteht zum einen aus einer Ausdauer- und Kraftkomponente. Da kann die Fan-Unterstützung helfen. Anfeuerung ist Ansporn, das Letzte aus seinem Körper rauszuholen. Genauso wichtig ist im Fußball aber das koordinative Moment. Da stört es eher, wenn Tausende Fans einem Spieler beim 40-Meter-Pass oder beim Torschuss zuschauen. Die Zuschauer bauen ja einen enormen Erwartungsdruck auf, der besonders die Spieler der Heimmannschaft in ihrem Spiel behindern kann. Je mehr Zuschauer da sind, desto höher kann dieser Erwartungsdruck sein.
FTD: Es ist aber doch statistisch bewiesen, dass es mehr Heimsiege als Auswärtssiege gibt.
BS: Selbstverständlich. Es gibt ja auch durchaus einen Heimvorteil. Der hat aber nichts mit den Fans und deren Anfeuerungsrufen zu tun. Der Heimvorteil resultiert daraus, dass man in gewohnter Umgebung spielt, den Platz kennt, die Anreise wegfällt, die Vorbereitung aufs Spiel in gewohnten Bahnen verläuft. Aber am wichtigsten ist, dass die Heimmannschaft an den Heimvorteil glaubt. Die Zuschauer können hingegen manchmal auch eine Belastung für die Spieler sein. Gerade die römischen Fans dürften nach dem bisherigen Abschneiden ihrer Mannschaft ohnehin die Erwartungen an ihre Mannschaft so hoch schrauben, dass das für die Spieler sehr unangenehm wäre, vor den eigenen Fans kicken zu müssen.
FTD: Ist also die Strafe gegen den AS Rom eher eine Strafe für Leverkusen?
BS: Durchaus.
FC Barcelona-AC Mailand (2:1), NZZ
Ball und Buchstabe
Ohne die lästigen Gaffer kickt es sich nun mal besser
Wissenschaftler bezweifeln den Heimvorteil beim Fußball; Thomas Kilchenstein (FR 3.11.) bezweifelt deren Erkenntnisse: „Zehntausende von Bundesligaspielen haben die Professoren unter die Lupe genommen und das Verhältnis zwischen Anfeuerung auf den Rängen und Leistung auf dem Rasen untersucht. Das Ergebnis: niederschmetternd. Fans klatschen ihre Mannschaft zur Niederlage, sie treiben sie geradezu ins Verderben. Die Angst, zehntausende der Treuesten durch behäbiges Ballgeschiebe zu vergrätzen, lähmt sensible Beine. Komme also keiner mehr mit toller Atmosphäre, von wegen: nach vorne treiben. Pustekuchen. Und nun wird manches klar: Warum läuft es in Dortmund so mau? Weil 80 000 Leute stören. Warum hatte Schalke nach Fertigstellung der Arena so viele Probleme? Weil so furchtbar viele Menschen den Kickern bei der Arbeit zusehen wollen. Warum wird Deutschland kein Weltmeister mehr? Weil der halbe Globus zuguckt. Wer also seinem Team was richtig Gutes tun will, der bleibe bitte zu Hause. Ohne die lästigen Gaffer kickt es sich nun mal besser. Ist erwiesen.“
WM 2006
In der Ticketfrage wird sich nichts Grundsätzliches ändern
Joseph Blatter im Gespräch mit Jens Weinreich (BLZ 3.11.)
BLZ: Franz Beckenbauer hat gerade Alarm geschlagen und gesagt, Deutschland stünden zu wenig Tickets zur Verfügung. Schon heißt es im Boulevard: Skandal! WM-Schock! Also: Wie viel Prozent der Tickets gehen bei Spielen der deutschen Mannschaft an die deutschen Fans?
JB: Zu den Quoten kann ich mich nicht äußern. Die genauen Zahlen werden noch festgelegt.
BLZ: Beckenbauer sagt, es werden nur ungefähr 20 Prozent.
JB: Wir werden die Quoten im Januar bekannt geben. Ab 1. Februar kann man sich dann um Tickets bemühen. Wie viel es auch sein wird, schlecht kommen die Deutschen nicht weg. Außerdem gibt es immer noch die Chance auf Rückläufer, die auf dem internationalen Markt nicht abgesetzt worden sind. Grundsätzlich muss man festhalten, dass für das Ticketing auch EU-Richtlinien bestehen, die für uns und das deutsche OK bindend sind.
BLZ: Halten Sie die Reaktionen in Deutschland für übertrieben?
JB: Ich kann sie verstehen. Andererseits: Wenn man eine WM organisiert, muss man im Solidaritätsprinzip arbeiten. Ein Motto der WM 2006 heißt ja: Die Welt zu Gast bei Freunden. In der Praxis heißt das nun mal, dass man den Fußballfreunden, die aus aller Welt kommen, entsprechende Tickets anbieten muss.
BLZ: In der Vergangenheit wurde zwischen dem deutschen WM-OK und der Fifa einige Gefechte ausgetragen. Da wurde auf beiden Seiten mächtig gegrummelt, und meistens sind die Deutschen dann gar nicht so schlecht weg gekommen. Sie dürfen das Ticketing in Eigenregie durchführen, außerdem bezahlt die Fifa die zusätzliche WM-Eröffnungsfete in Berlin. Wird es nun auch mehr Tickets für deutsche Fans geben?
JB: Sie gebrauchen da ein nettes deutsches Wort, das ich noch gar nicht kannte. Grummeln. Aber ich nehme die Äußerungen von Franz Beckenbauer nicht als Grummeln auf, sondern als eine Aussage, an die er vielleicht selber gar nicht glaubt. Also noch einmal: Wir suchen zusammen nach der besten Lösung. Aber in der Ticketfrage wird sich nichts Grundsätzliches ändern, da kann sich gar nichts ändern. Franz versteht das, ich habe erst am Dienstag mit ihm telefoniert, wir hatten keinen Dissens.
Dienstag, 2. November 2004
Allgemein
Zufrieden – das ist das Höchste der Gefühle
Miroslav Klose, in Bremen zuhause – Frank Heike (FAZ 2.11.): „Man sieht an Kloses Körpersprache, daß er sich jetzt wohl fühlt beim deutschen Meister. Hier geht es trotz der beiden Titel der Vorsaison immer noch familiärer und unaufgeregter zu als an anderen Ligastandorten. Klose braucht diese Ruhe. Vorbei sind die Zeiten, als er gesenkten Kopfes entlang der Reporter in die Kabine schlich. Zwar antwortet der siebenmalige Bundesliga-Torschütze immer noch nicht gern, aber er macht es doch so professionell, wie es Klaus Allofs fordert. Klose, der Leisetreter, hat sich von seiner allzu zerknirschten Selbstkritik verabschiedet. Er versucht zaghaftes Marketing in eigener Sache: „Ich bin an einem Punkt angekommen, wo ich endlich auch mit mir selbst immer mehr zufrieden bin.“ Zufrieden – das ist in der abwägenden Sprache des Miroslav Klose schon das Höchste der Gefühle. (…) Die Bremer Zuschauer haben inzwischen gemerkt, daß ihr altes Bild von Klose wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Sie kannten nur den kopfballstarken Mittelstürmer der WM 2002. Doch Klose kann mehr als nur hoch springen und gut köpfen. Er kann prima kombinieren, er kann Bälle vorlegen, und er spielt nach hinten viel stärker als Ailton, wenn man die beiden denn vergleichen will. Zudem, und das ist ein ganz entscheidender Punkt, harmoniert er jetzt besser mit Johan Micoud und seinem Sturmpartner Ivan Klasnic.“
Interview
In den Märchen aus 1001 Nacht steckt mehr Wahrheit als in türkischen Presseberichten
Christoph Daum im Gespräch mit Tobias Schächter (taz 2.11.)
taz: In der türkischen Liga ist Ihr Team trotz des 1:2 im Stadtderby gegen Besiktas Tabellenführer, aber drei Punkte nach drei Spielen in der Champions League sind wenig.
CD: Keine Frage, das ist enttäuschend.
taz: Nach dem 2:6 in Manchester und vor allem dem 1:3 gegen Lyon gab es von der türkischen Presse sehr harte Kritik an Ihrer Taktik und Ihrer Aufstellung. Wie gehen Sie damit um?
CD: Gar nicht, ich ignoriere sie.
taz: Sie ignorieren die Presseberichte?
CD: Warum soll ich mich verteidigen, wenn mich jemand, der überhaupt keinen Einblick hat, mit irgendwelchen frei erfundenen Dingen angreift? Ich bin nur meinem Präsidenten Rechenschaft schuldig und natürlich durch gute Leistung den Fans, aber nicht irgendwelchen Journalisten, die irgendetwas behaupten.
taz: Es gibt täglich Geschichten über Fenerbahce und Christoph Daum.
CD: Ich bleibe bei dem Spruch: In den Märchen aus 1001 Nacht steckt mehr Wahrheit als in manchen türkischen Presseberichten.
taz: Woran liegt es, dass der türkische Meister international so hinterherhinkt?
CD: Wir haben eine zu hohe Fehlpassquote, alles geht in der Champions League eben schneller. Zu oft müssen wir uns den Ball zurückerobern, dabei verbrauchen wir Kraft und Konzentration. Das Lehrgeld, das wir bezahlen müssen, von dem ich auch vor dem Wettbewerb gesprochen habe, von dem will hier niemand was wissen. Die meinen, man muss einfach gegen Lyon gewinnen.
taz: Sie haben aber auch gesagt, 2007 können wir die Champions League gewinnen.
CD: Ich habe gesagt, 2007 können wir das Finale der Champions League anstreben. Dass dies Wunschdenken ist, will ich gar nicht bestreiten. Aber so ein Ziel kann auch der Anstoß sein, gewisse Dinge zu verändern und Begeisterung zu entfachen. 2007 ist das 100-jährige Jubiläum von Fenerbahce – und da wäre es doch eine Riesensache, wenn man international vorne mitmischen würde.
taz: Haben Sie durch diese Aussagen nicht die heftigen Reaktionen hervorgerufen?
CD: Es stimmt: Die Enttäuschung hier schlägt sehr hoch aus, über die Stränge hinweg. Aber nach zwei Tagen ist das dann auch wieder abgekühlt, und nach drei, vier Tagen sind auch wieder Zuspruch und Unterstützung zu spüren.
Internationaler Fußball
Fehlende Kritikfähigkeit und miserable Außendarstellung
Berti Vogts tritt zurück, „fehlende Kritikfähigkeit und miserable Außendarstellung“ (FR) – Debatte in England über den Umgang mit Dopingsündern – auch Roberto Mancini hat bei Inter Mailand (noch) kein Glück (NZZ)
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Fehlende Kritikfähigkeit und miserable Außendarstellung
Wolfgang Hettfleisch (FR 2.11.) kommentiert den Rücktritt Berti Vogts’: „Wie schon als Bundestrainer und später in Leverkusen hat Vogts seine Position durch fehlende Kritikfähigkeit und miserable Außendarstellung selbst kräftig untergraben. Aber das sind nicht die Hauptgründe für sein neuerliches Scheitern. Die Qualifikation für die WM 2006 ist für die Schotten in fast unerreichbare Ferne gerückt. Vogts hat auf die Jungen gesetzt und den Neuanfang propagiert. Doch auch ihm selbst war wohl klar, dass die Geduld von Verband, Fans und Medien bestenfalls bis zur WM-Qualifikation reichen würde. (…) Die Gegenwart des schottischen Fußballs ist so wie das bevorzugte Wetter auf den Hebriden: grau. Und der Unterbau, die zweitklassige Liga, in der Celtic und die Rangers den Titel auch in Hin- und Rückspiel auskegeln könnten, lässt nicht auf rasche Besserung hoffen. Vogts hat das früh begriffen und manchmal sogar gesagt. Er ist in Schottland als Mensch wie als Trainer gescheitert. Kein Grund, den Mann, der eine ordentliche Abfindung kassiert, zu bedauern. Wer Mitgefühl verdient, sind die schottischen Fans: Tartan Army, wir werden dich vermissen 2006!“
Null Toleranz oder Hilfsangebote
Über die Kündigung des Dopingsünders Adrian Mutu beim FC Chelsea schreibt Martin Pütter (NZZ 2.11.): „Was bei der Doping- oder präziser Drogenaffäre (Mutu soll Kokain genommen haben) besonders auffällt, ist die harte Linie des Vereins. „Im Vertrag steht deutlich, dass jede Einnahme von Drogen ein grobes Missverhalten ist und zur Entlassung führt. In der Hinsicht kennen wir keine Toleranz“, hatte Chelseas CEO Peter Kenyon die Tatsache, dass Mutu gekündigt wurde, begründet. Es ist nicht das erste Mal, dass die Londoner so hart vorgingen. Im Januar letzten Jahres entliessen sie den Torhüter Mark Bosnich, nachdem auch der Australier positiv auf Kokain getestet worden war. Im Nachhinein wünschten sich sowohl Bosnich als auch Mutu wohl, dass sie anstatt dem Ruf Chelseas jenem von Arsenal gefolgt wären. Im Klub der „Gunners“ herrscht eine Haltung zu Drogen und anderen Suchtproblemen, die verglichen mit Chelsea nicht unterschiedlicher sein könnte. (…) In England ist nun eine Diskussion darüber entstanden, welche Haltung zu Suchtproblemen und Doping von Spielern besser ist: null Toleranz wie im Chelsea FC oder Hilfsangebote wie bei Arsenal.“
Tritte bekommen nur die, die bereits gefallen sind
Auch Roberto Mancini habe (noch) kein Glück bei Inter, bemerkt Peter Hartmann (NZZ 2.11.): „Mancini erlebte eine der grössten Überraschungen seiner Karriere: In der populärsten Fussballsendung des Staatssenders RAI 1 verpasste ihm der Kommentator Giorgio Tosatti eine Zurechtweisung mit der verbalen Peitsche, eine Lektion, die dem Trainer fast vier Minuten lang ziemlich alle Fehler und Irrtümer der laufenden Saison ankreidete – für Italien ein unerhörter Tabubruch, denn in diesem Milieu ist die einschmeichelnde Unterwürfigkeit der Medien gegenüber Stars und Trainern eine Arbeitsvoraussetzung. Tritte bekommen nur die, die bereits gefallen sind. Und immer und immer wieder die Schiedsrichter. Weil Mancini in jeder Lebenslage elegant auftritt und auch im Inter-Blazer aussieht wie ein Darsteller aus der Fernsehserie „Beautiful“, kleben an ihm Etiketten wie „Cashmere-Trainer“. Doch jetzt ist er daran, sich einen neuen Namen aufzubauen: Die Gazzetta dello Sport nennt ihn spöttisch „Mister X“, nach dem siebenten Unentschieden in bisher neun Meisterschaftsrunden, das ihm ausgerechnet gegen Lazio unterlief, seinen letzten Arbeitgeber, den er im Sommer fluchtartig trotz einem laufenden Vertrag verlassen hatte. Mancini sollte als Wunschbesetzung des Erdöl-Industriellen und Inter-Mehrheitsbesitzers Massimo Moratti, der in der Zeit seiner Regentschaft seit 1995 ein Dutzend Trainer entliess, fast jede Saison die Belegschaft auswechselte und für sein Hobby weit mehr als eine halbe Milliarde Euro in den Sand gesetzt hat, endlich die Wende herbeizaubern. Doch die Strahlkraft des jüngsten Serie-A-Trainers scheint am Fluch von Inter zu scheitern, diesem Gemisch aus zu hohen Erwartungen, Selbstüberschätzung und chronischer Ungeduld.“
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