Dienstag, 2. November 2004
WM 2006
Beispiel für die Halbwertzeit der Grundsatzpositionen
Thomas Kistner (SZ 2.11.) befasst sich nach der Auslosung mit der Aufwertung des Confederations Cups, der „zur Mini-WM verklärten Veranstaltung“: „Jürgen Klinsmann war zur Auslosung aus Kalifornien herbeigejettet und flog noch am Abend zurück. Ein Thrombose-fördernder Aufwand für eine Veranstaltung, die hierzulande nur Umstände halber große Aufmerksamkeit genießt. (…) Gut, dass das Ereignis nicht mehr König-Fahd-Pokal heißt. Als solcher firmierte Anfang der neunziger Jahre diese Erfindung der damals finanziell wenig solide gebetteten Fifa, und Saudi-Arabiens Herrscher hatte eigens dafür eine Mordsarena aus dem Wüstensand stampfen lassen. So liefert nun der jähe Wirbel um den Confederations Cup hierzulande ein Beispiel für die Halbwertzeit der Grundsatzpositionen, die Funktionäre im Fußballgeschäft vertreten: Die Brandrede von heute verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn sich morgen die Interessenslage dreht. Erinnert sei daran, dass der nun mit Pomp zelebrierte Erdteil-Pokal bisher aus deutscher Sicht die Nullnummer unter den internationalen Wettbewerben war. Ein Turnier, dass man so nötig brauchte wie Zahnschmerzen und das sich, anlässlich des bisher einzigen deutschen Mitwirkens, in eine Lachnummer verwandelte. 1999 musste Teamchef Erich Ribbeck auf Beckenbauers Geheiß mit seiner Auswahl kurz vor Beginn der Bundesliga-Saison durch Mexiko touren. Eine reine Goodwill-Aktion, Deutschland buhlte um die WM 2006, es galt, keine Fehler zu machen und die Fifa gnädig zu stimmen. So begab sich, dass zahlreiche Stammspieler alte Blessuren wiederentdeckten und Ribbeck mit einem Ensemble ins Land der Kakteen jetten ließ, das er teilweise selbst nur aus dem Fernsehen kannte, Akteure wie Ronald Maul oder Heiko Gerber kamen zu Länderspielehren. Die C-Prominenz blamierte sich bis auf die Knochen und schied in der Vorrunde aus. (…) So ändert sich die deutsche Fußballrealität, klüger wäre vielleicht, die Vorteile dieses besonderen Turniers klar zu benennen. Das ist der Ernstfall-Test für Klinsmanns Kicker, die sich in keinen Qualifikationsspielen unter Wettkampfstress entwickeln und zusammenfinden können. Und vor allem der organisatorische Probelauf für fünf WM-Stadien in Frankfurt, Nürnberg, Köln, Hannover und Leipzig. Wenn dort auch noch die elektronische Zugangsberechtigung per Mikrochips funktioniert, kann die WM kommen. Gleich, wie die sportive Ernstfallsimulation namens Confederations Cup ausgeht.“
Bundesliga
Amerikanische Träume
1. FC Kaiserslautern-Arminia Bielefeld 2:1
Wie im Film – Thomas Klemm (FAZ 2.11.): „Wenn sich Hollywood für Fußball interessieren würde, sähe das filmische Heldenepos wohl so aus: Der Trainer einer nicht übermäßig begabten, erfolglosen, aber unermüdlich kämpfenden Erstliga-Mannschaft steht kurz vor dem Scheitern seiner ehrlichen Arbeit; sein Schicksal entscheidet sich in einem einzigen Spiel, das hochdramatisch verläuft, weil sein Team kurz vor Schluß in Rückstand gerät und den intern beliebten Coach zu verlieren droht. Der Held scheint geschlagen – da kommt ein von ihm eingewechselter, zuvor bei den Fans nicht allzu beliebter Spieler daher und wendet urplötzlich alles zum glücklichen Ende. Der Trainer würde sich bei jedem Fußballprofi inniglich bedanken und über seine Sieger sagen: „Sie haben bewiesen, daß sie mit mir arbeiten wollen.“ So würde es in Hollywood sein, und so war es auf dem Betzenberg. Amerikanische Träume haben aber im Profigeschäft des Weltfußballs wenig Platz, das weiß der seit 19 Jahren als Trainer tätige Kurt Jara und wollte deshalb nichts von einem dauerhaften Happy-End wissen. Er sei in der Pfalz „immer etwas umstritten und werde es auch bleiben“, sagte der Österreicher, dessen Schonfrist bei den „Roten Teufeln“ sich nach dem auf glückliche Weise zustande gekommenen 2:1 wohl nur etwas verlängert hat.“
Nun wird es eben die nächste Niederlage sein, die Jaras Pfälzer Episode beenden
Selim Teber, bei den Fans scheinbar so unbeliebt wie sein Trainer, schießt zwei Tore. Martin Hägele (SZ 2.11.) schildert die Stimmung in Kaiserslautern, an seiner Prognose vom Samstag festhaltend: „Der Fußball-Berg drohte zu explodieren. Doch die Begeisterung hielt nicht lange. Die Leute wurden bald wieder nachdenklich. Und dafür gibt es genügend Gründe. Warum einer, der unter den drei Fußball-Lehrern Andreas Brehme, Eric Gerets und Kurt Jara nicht einmal auf 20 Kurzeinsätze gekommen war, auf einmal befreiende Tore schießt und vielleicht den Weg zum Klassenerhalt aufzeigen kann? Warum war dieser Teber ein Jahr lang verliehen worden zu Austria Salzburg? Weil er vom SV Waldhof kommt, ein Stigma, das unter eingefleischten FCK-Freunden automatisch das Feindbild aufruft? (…) Wer das Spiel und die näheren Umstände genauer analysiert, kann sich vom Resultat und den Glaubensbekenntnissen nicht blenden lassen. Nun wird es eben die nächste oder übernächste Niederlage sein, die Jaras Pfälzer Episode beenden. In der Stadionzeitung konnte der wackelige Trainer schwarz auf weiß nachlesen, wie es um das Vertrauen seines Vorstandsvorsitzenden Rene C. Jäggi bestellt ist: „Schnellschüsse in personeller Hinsicht werden nicht zwingend Volltreffer, sind keine Allheilmittel und garantieren nicht die erhoffte Wende zum Erfolg. Sicher ist nur, dass Maßnahmen dieser Art viel Geld kosten. Und in dieser Hinsicht ist der 1. FC Kaiserslautern nach wie vor nicht auf Rosen gebettet.“ Diese Sätze lassen sich leicht interpretieren: Hätte der FCK ein paar Euro mehr im Portemonnaie, wäre Jara wohl jetzt schon fort.“
Hansa Rostock-1. FC Nürnberg 0:2
Die Wut der Vereinschefs fokussiert sich auf die Mannschaft
Hansa, der Tabellenletzte, kämpfe um seinen Trainer, stellt Matthias Wolf (BLZ 2.11.) fest: “Das Gesicht versteinert, ertrug er stoisch die sechste Heimniederlage in Folge. Wenn man einmal als Trainer Enttäuschung zeigt, wird einem das gleich als Schwäche ausgelegt“, sagte er. Schlünz spielte damit auf die Interpretationen seiner Aussagen nach dem 1:3 in Mainz an. Er müsse überlegen, was das Beste für den Verein sei, hatte er erklärt – und Spekulationen über einen Rücktritt genährt. Er selbst war es auch, der bereits vor einem halben Jahr sagte, sobald Hansa in Gefahr sei, würde er seinen Platz für einen anderen Trainer räumen. Worte, die ihn nun einholen. Ebenso wie seine Sätze vor einigen Jahren, als er den Posten des Cheftrainers mehrmals ablehnte. Mit Hinweis auf das seiner Ansicht nach unerträgliche Sensationsgehabe in der Bundesliga. Doch vor einem Jahr hat sich Schlünz anders entschieden. Sein Salär wurde auf rund 450 000 Euro per annum angehoben. Schmerzensgeld in diesen Tagen. (…) Es wirkt, als kämpfen in Wahrheit nur Fans und Vorstand für Schlünz, der seit 37 Jahren Vereinsmitglied ist. „Außer Juri könnt Ihr alle geh’n!“, rief die Masse. Auch die Bosse sendeten bemerkenswerte Signale, ganz gegen den Trend. Die Wut der Vereinschefs, fast alle mit Schlünz befreundet, fokussiert sich auf die Mannschaft. Die stand, in fast identischer Zusammenstellung, am elften Spieltag der vergangenen Saison auch auf Platz achtzehn – und wurde am Ende noch Neunter.“
Woche für Woche hat er den Frust seiner Mannschaft geschluckt
Ronny Blaschke (SZ 2.11.) ergänzt: „Der FC Hansa ist derzeit wohl der einzige Verein im deutschen Profifußball, indem sich nur der Trainer gegen den Trainer aussprechen kann. Ausnahmslos stehen die Vereinsoberen hinter Schlünz, sie kennen ihn seit der Sandkastenzeit. Bei den Fans würde der 43-Jährige auch nach einem Abstieg Heldenschutz genießen. Selbst die Bild-Zeitung, die den Vorgängern Armin Veh und Friedhelm Funkel kritisch gegenüberstand, appellierte an die Spieler: Kämpft um Juri!“ (…) In der Trainingsmethodik gibt es keine Zweifel, doch im Umgang mit den Profis scheint der Kumpeltyp immer weniger Gehör zu finden. Schlünz gibt im Training den lieben Onkel von nebenan, der von jedem Spieler geduzt werden darf. Woche für Woche hat er den Frust seiner Mannschaft geschluckt.“
Bundesliga
Bewährtes politisches Prinzip
„Kalkulierter Zorn der Bayern, ein bewährtes politisches Prinzip“ (SZ) – über den Sinn von Trainerwechseln: „auch Irrtümer und der Wechsel gehören zum Leben“ (SZ) – „wie attraktiv ist der Kultklub Borussia Mönchengladbach für einen Startrainer?“ (NZZ)
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Bewährtes politisches Prinzip
Philipp Selldorf (SZ 2.11.) befasst sich mit dem „kalkulierten Zorn“ der Bayern: „Es ist ein zuverlässiges Anzeichen für den Anbruch schwieriger Zeiten, wenn sich die obersten Bayern mit Getöse gegen die Verbandsregierung erheben, wie sie es am Samstag getan haben, der eine polternd, der andere herablassend, der dritte von Verschwörung raunend. (…) Man war sich einig: Die Schiedsrichter sind schuld, Beschwerden über die alles in allem schlappe Münchner Leistung sind an den DFB zu richten. Dem Renommee des FC Bayern war dieses Lamentieren nicht dienlich, doch ermöglichte es den Münchner Spielern, wie unbeteiligt aus dem Untergrund der Arena zum Bus zu spazieren und sich gleich der nächsten Aufgabe zuzuwenden. (…) Václav Sverkos versicherte nach dem Spiel: „Lúcio hat mich in den Popo getreten, es tut jetzt noch weh.“ Über diese niedliche Klage gab es übrigens viel Gelächter – ebenso wie über Rummenigges düstere Drohung, eine Sperre werde man „nicht akzeptieren“. Die starke Geste des Vorstandschefs beruht auf einem bewährten politischen Prinzip: Von Problemen, die im inneren Verhältnis bestehen, lenkt am besten ein Konflikt mit einem äußeren Feind ab.“
Auch Irrtümer und der Wechsel gehören zum Leben
Andreas Burkert (SZ 2.11.) kommentiert die Debatte um Sinn und Erfolg von Trainerwechseln: „Es ist zuletzt mit den Serien neuer Trainer zurecht vom fragwürdigen Charakter des Berufsfußballers die Rede gewesen, der sich im kumulierenden Misserfolg selbst der Nächste ist. Doch manchmal, und diese Einsicht hat leider noch nie ein Trainer formuliert – manchmal passt das einfach nicht (mehr) zusammen: hier ein eigenwilliger Fußballlehrer und dort das Kollektiv der Ich-AGs. Dann vertragen des Trainers Systeme, er schätzt Personal falsch ein, oder es missrät ihm die Ansprache. Deshalb trennt man sich besser. Auch Irrtümer und der Wechsel gehören zum Leben. (…) Trainerwechsel sind nicht zwangsläufig ein Beleg für chaotische Verhältnisse, sondern bisweilen für das Gegenteil.“
Mönchengladbach – „wie attraktiv ist ein Kultklub für einen Startrainer?“, fragt Martin Hägele (NZZ 2.11.): „Wer Horst Köppels Wertschätzung materieller Dinge und seinen sportlichen Ehrgeiz kennt, weiss genau, dass er alles tun wird, um aus der Zwischenlösung eine dauerhafte Anstellung zu machen. Das durch Holger Fachs Menschenführung verunsicherte Team könnte sich dabei leicht für einen Chef Köppel vereinnahmen lassen. Manches bei Borussias Trainersuche erinnert an das Sommertheater mit der Bundestrainer-Findungskommission; mit dem kleinen Unterschied, dass dies in Mönchengladbach weitaus unaufgeregter verläuft. Die gehandelten Personen sind die gleichen, angefangen bei Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum und Jupp Heynckes. Auch der Niederländer Guus Hiddink und der Däne Morten Olsen standen einst ganz oben auf Mayer-Vorfelders Liste. Winfried Schäfer und der wie immer von Bild lancierte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus dürften trotz ihrer Mönchengladbacher Vergangenheit keine Chancen besitzen – wie zuvor schon im DFB.“
Montag, 1. November 2004
Internationaler Fußball
Skandalverein
Dirk Schümer (FAS 31.10.) beschreibt die Verhältnis in Rom: „Wann ist beim Fußball von einem Skandalklub die Rede? Wenn sich die Spieler rüpelhaft betragen. Oder wenn die Trainer kommen und gehen wie im Taubenschlag. Oder wenn eine verschwenderische Vereinsführung auf die Pleite zusteuert. Oder wenn Hooligans im Stadion den einen oder anderen Spielabbruch provozieren. Der AS Rom, noch vor drei Jahren ruhmreicher italienischer Meister, scheint im Augenblick, da sportlich der große Niedergang begonnen hat, nur mehr der Titel eines Skandalvereins sicher. Von den genannten Kriterien jedenfalls wird kein einziges verfehlt. (…) Der Frust über die miese sportliche Situation hat die ohnehin schon berüchtigten Fans derart in Rage gebracht, daß jedes Heimspiel zum Risiko für die Sicherheitskräfte wird – ein nahezu untrainierbarer Verein erzieht sich sein Publikum selbst. Die Krise des Hauptstadtklubs mit der römischen Wölfin im Wappen begann im Augenblick des Triumphes. Als nach langen Jahren der Abstinenz 2001 endlich der begehrte „Scudetto“, der Ehrenschild des Meisters, errungen war, offenbarte sich zugleich die Erschöpfung der Finanzen von Präsident und Eigner Franco Sensi, einem einst schwerreichen Bauunternehmer. Zwar wurden seine Männer unter Erfolgstrainer Fabio Capello mit feinem Angriffsfußball immerhin noch zweimal Meisterschaftszweiter, doch spätestens im letzten Jahr drohte nach schleppenden Gehaltszahlungen und Interventionen der Banken die Pleite. Der sentimentale Patriarch Sensi konnte den Kollaps mit Notverkäufen und der Beteiligung einer Bank zwar vorerst abwenden, doch war die Stimmung endgültig dahin.“
Ergebnisse, Tabellen und Torschützen vom Wochenende – NZZ
Ball und Buchstabe
Das Stadion erlaubt ein Dasein als Teilzeit-Taliban
Tim Parks, Schriftsteller und Kenner der Fan-Szene Italiens, im Gespräch mit Florian Haupt (WamS 31.10.) über Gewalt
WamS: Herr Parks, Sie haben ein Jahr in den Fankurven Italiens verbracht. Wurden da auch Münzen geschmissen?
TP: Es ist interessant, daß der Wurf auf den Schiedsrichter in Rom von der Ehrentribüne kam. Wenn man jemandem mit einer Münze weh tun will, muß es schon mindestens ein Euro sein. In der Kurve würde das niemand ausgeben. Das Ganze erinnert mich an einen deutschen Pressebericht, den ich einmal las, über englische Fans, die volle Bierdosen geworfen haben sollen. Ich dachte: Das kann nicht sein. Die würden nie eine Bierdose schmeißen, ohne sie vorher ausgetrunken zu haben. (…)
WamS: Frisk mag an das römische Derby zwischen dem AS und Lazio im März gedacht haben, als die Fans beider Mannschaften durch unverhohlene Gewaltdrohungen den Abbruch des Spiels provozierten.
TP: Möglich, aber die Situation damals war komplett anders. Das war vor allem eine Machtdemonstration. In dem Sinne: Wir entscheiden, ob und wann gespielt wird, und nicht das Fernsehen oder der Verband.
WamS: Danach zettelten die Fans vor dem Stadion einen Krieg mit der Polizei an. Fast nach jedem Spieltag liest man von Ausschreitungen, von demolierten Zügen.
TP: Da wird viel übertrieben. Aber sicher, der Vandalismus gehört zur Folklore des Fußballs. In unserer mobilen, individualistischen Gesellschaft gibt es die negative Nostalgie einer kriegerischen Gemeinschaft. Das Stadion erlaubt ein Dasein als Teilzeit-Taliban, auch weil die Fußballer, zumindest in Italien, selbst permanent an der Grenze zur Gewalt agieren. Das Interessanteste, was ein Fan je zu mir sagte, war nach einem besonders intensiven Spiel gegen Juventus: Von Anfang bis Ende war das Spiel eine einzige Anstiftung zur Gewalt.
WamS: In Italien scheint es besonders viele solcher Taliban zu geben. Ausgerechnet Italien, das Land von Sonne, Strand und Dolce vita …
TP: Italien ist ein gewalttätiges Land wie jedes andere europäische Land auch. Aber die tatsächliche Gewalt ist geringer, als Sie denken, während die scheinbare Gewalt in italienischen Stadien sehr hoch ist. Das hängt zusammen mit der Liebe zum Theater, zur Inszenierung, zur extremen Geste. Es gibt eine enorme Choreographie der Gewalt, mit Flaggen, Feuerwerken und so weiter. Zwei Besonderheiten kommen dazu: Die Rivalität zwischen Städten, die aus der Zeit der Stadtrepubliken im Mittelalter kommt. Und die ebenfalls geschichtliche Rivalität zwischen Faschisten und Kommunisten. Beides wurde in den Fußball absorbiert, das Spiel wurde ein Platz, wo diese Szenarien wiederaufgeführt werden. Da ist eine Menge fingierter Politik dabei. (…)
WamS: Die Ultras begannen als Kreative, als Choreographen. Jetzt sind sie gewaltsam, teils rassistisch.
TP: Komplett rassistisch. Aber ich habe noch nie physische Gewalt gegenüber Angehörigen anderer Rassen gesehen. Die geht immer gegen die gegnerischen Fans oder die Polizei. Wie auch immer, diese widerlichen Gesänge werden allmählich weniger, je mehr schwarze Kinder in italienischen Schulen aufwachsen. Nur so wird das verschwinden. Appelle helfen wenig. Ein Fan wird nämlich immer gerade das tun, was er gesagt bekommt, nicht zu tun, einfach weil das Stadion ein Ort kontrollierter Regelüberschreitung ist.
Bundesliga
Das Gebilde Bayern ist wieder fragil
Borussia Mönchengladbach-Bayern München 2:0
Bayern München hat mal wieder nicht nur auf dem Platz verloren – Peter Heß (FAZ 1.11.) schüttelt den Kopf über die Einschüchterungen und die Wut der Bayern über die Rote Karte für Lucio: “Der Kopf von Uli Hoeneß leuchtete, als hätte man einen Topf Ferrari-Rot mit dem Magenta des Bayern-Sponsors Telekom gemischt. Gegen seine Stimme wäre eine Feuersirene kaum angekommen. (…) Es ist faszinierend zu erleben, wie unterschiedlich das Geschehen von den Zuschauern interpretiert und beurteilt wird. (…) Weder Lucios Vergehen einen Skandal stellt dar, noch das Einmischen Schiffners (Assistent), noch die Entscheidung Knut Kirchers (Schiedsrichter). Diesem Begriff am nächsten kommen das Toben von Uli Hoeneß und die anmaßenden Kommentare von Karl-Heinz Rummenigge. Und daß Felix Magath hinterher die Stirn hatte zu behaupten, mit elf Spielern hätten die Bayern die Begegnung sicher gewonnen, wirft auch kein gutes Licht auf den Trainer. Denn die Münchner lagen zum Zeitpunkt des Platzverweises 0:1 zurück. Und erst als Lucio Rot sah, fühlten sich die Bayern so weit angestachelt, daß sie ihre behäbige Spielweise aufgaben und das Gladbacher Tor bestürmten. In Unterzahl spielten die Münchner eine Klasse besser. Daß sie dabei kaum torgefährlich wurden, lag nicht daran, daß Magath – wie er behauptete – wegen der Unterzahl Verteidiger Linke ins Spiel bringen mußte. Nachhaltiger wäre gewesen, die richtigen Profis für die Anfangsformation auszuwählen und nicht Rau und Görlitz, deren beschränkte Möglichkeiten viele Kombinationen der Bayern stocken ließen. All diese Ausflüchte zeigen nur, wie fragil das Gebilde Bayern wieder ist. Die Mannschaft kann wie im vergangenen Jahr die Ansprüche nicht dauerhaft erfüllen, schon gar nicht wenn Stürmerstar Makaay mal einen kleinen Durchhänger hat wie zur Zeit. Am Mittwoch kommt Juventus Turin zu Besuch. Dann wird sich zeigen, wozu die Bayern mit elf Spielern in der Lage sind.“
Offenbar ist Leidenschaft unter Fußballern ein Gut, das es nicht zu verschwenden gilt
Schlechte Verlierer – Daniel Theweleit (BLZ 1.11.): „Das geflügelte Wort von den Gesetzmäßigkeiten des Fußballs ist arg strapaziert worden in der vergangenen Woche. Trainerentlassungen und ihre kurz-, lang- und mittelfristigen Folgen wurden erörtert, und man hat ausgiebig über die Mysterien positiver und negativer Serien diskutiert. Am Sonnabend führten dann Spieler und Management des FC Bayern München ein Stück auf, das mittlerweile auch als Gesetzmäßigkeit gelten kann: Nach dem Schuldigen für Niederlagen wird erstmal außerhalb der eigenen Reihen gefahndet. (…) Die Entscheidung der Schiedsrichter war hart, wenn nicht gar falsch. Aber es war nicht angemessen, dass sie nach dem Abpfiff alle Diskussionen beherrschte. Schuld an der Niederlage waren sie natürlich selber, mit ihrem Rationalistenfußball, den Felix Magath angeordnet hatte. „Es war klar, dass die hier voller Leidenschaft anrennen, wir wollten warten, bis sie sich ausgetobt haben und dann den Druck erhöhen“, erklärte Magath die fehlgeschlagene Taktik. Ein wenig eigene Leidenschaft wäre vermutlich besser gewesen – für das Ergebnis und für die Zuschauer, aber offenbar ist Leidenschaft unter Fußballern ein wertvolles Gut, das es nicht zu verschwenden gilt.“
of: Drei Bemerkungen: Erstens, ein hartes Urteil gegen Lucio, aber kein falsches. Man könnte, mit Blick auf den Platzverweis für Kuffour vor einer Woche in Rostock, auch sagen: Die Mannschaft holt sich die Roten Karten ab, die ihr Torwart verdient. Nach Kahns straffreiem Ausfall gegen Klose waren die Referees den Beweis schuldig, dass sie den Mut haben, einen Bayern-Spieler zu maßregeln. Zweitens, die anmaßende Drohung Karl-Heinz Rummenigges, eine Sperre für Lucio „nicht zu akzeptieren“, und Uli Hoeneß’ Beschimpfungen zielen auf alle Schieds- und Linienrichter, weniger auf die am aktuellen Fall Beteiligten. Schiedsrichter, schreibt es euch hinter euren kleinen Ohren: Wer sich mit den Bayern anlegt, bekommt das zu spüren! Und zu hören und zu lesen! Drittens, „ich bin es leid, dass der FC Bayern ständig benachteiligt wird.“ Sollen wir Felix Magath, vor wenigen Monaten noch Stoiker und Realist, für seine Aussage und diesen Haltungsverlust bemitleiden?
Schalke 04-VfB Stuttgart 3:2
Die Schalker waren bei der Ouvertüre wie ein Naturereignis über die Schwaben gekommen
Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 1.11.) sieht nur Sieger: „Ein irres Spiel mit einem ganz normalen Ergebnis. Ein Spiel mit rauschhaften Zügen, nach dessen Ende nicht einmal die Verlierer einen Kater verspüren. Beim Stand von 3:0 nach nur 25 Minuten war der Nachruf auf den VfB Stuttgart als Anwärter auf die Tabellenspitze fällig. Die Schalker waren bei der Ouvertüre wie ein Naturereignis über die Schwaben gekommen. Sie wurden zu Statisten degradiert und zählten am Ende doch ebenfalls zu den Hauptdarstellern. Zuviel als Prolog einer Fußballgala, die schon deshalb in den Saisonchroniken herausgehoben werden wird, weil sie rekordverdächtig begann. (…) Beim Schlußpfiff sank keiner auf den Boden, niemand zog demonstrativ die Stiefel aus. Statt dessen Umarmungen, Verbrüderung nach einer Gala, an der jeder seinen Anteil hatte. Alle wurden getragen von einer Woge der Begeisterung, die nach dem Auf und Ab erst allmählich abebbte. Sammer vertiefte sich später in die Zahlen und Fakten. Sie bescheinigten seinem Team 62 Prozent aller Ballkontakte, achtzehn Torschüsse gegenüber zwölf der Schalker. Verläßliche statistiche Belege dafür, daß die Mannschaft intakt ist. „Wenn die ersten Minuten nicht wären“, sagte er mit fester Stimme, ohne den Satz zu vollenden. Da war kein Ärger herauszuhören, nur die leise Wehmut, sich angesichts des Resultats nicht ohne Reue als Sieger fühlen zu können.“
VfL Wolfsburg-FSV Mainz 4:3
Risikofußball
Jakob Kirsch (FR 1.11.) jubiliert: „Man neigt zu Superlativen im Fußball, und manchmal sind sie tatsächlich angebracht: Mainz hat ein ungewöhnlich mitreißendes Spiel verloren – nach 45 Minuten nahezu perfektem Fußball und einer daraus folgerichtig resultierenden 2:0-Führung. Damit war der Aufsteiger für etwa eine halbe Stunde (fiktiver) Tabellenführer, und auf einem vorläufigen Höhepunkt einer bis dahin beispiellosen Saison. Es war Fußballunterhaltung auf hohem Niveau, und damit „kein Trainerspiel“, wie Erik Gerets sagte. Er selbst trug auch diesmal mit ambitioniertem Risikofußball dazu bei, dass dem staunenden Fachpublikum ungewöhnlich viel offenbar gemacht wurde, über die Stärken beider Teams – aber auch über ihre Schwächen. Wolfsburg hat ein passabel funktionierendes System, einen Weltklassefußballer (Andres d‘Alessandro), kann beachtlichen Tempokombinationsfußball spielen. Damit es gegen Mainz reichte, mussten aber zwei umstrittene Elfmeter dazukommen, Kramnys Platzverweis, sowie ein nie wiederkehrender Tag für den vierfachen Torschützen Martin Petrov. Mit seinem furiosen Offensivpressing hat Mainz etwas über das Spiel hinausgehendes geleistet: nämlich die grundsätzlichen und die personellen Mittelmäßigkeiten des Tabellenführers gnadenlos aufgedeckt.“
Kleines Fußball-Drama, weit weg vom routinierten Durchschnittskick
Michael Eder (FAZ 1.11.) ergänzt und ärgert sich über einen Betrug: „0:2 hatte der Tabellenführer aus Wolfsburg gegen den Aufsteiger aus Mainz kurz vor der Pause zurückgelegen, dann 4:2 geführt, eine Menge weiterer Chancen vergeben – und geriet dann nach dem dritten Mainzer Treffer gegen zehn Mann noch einmal in Bedrängnis. Das alles wäre ja noch gegangen, aber das waren alles nur Tore, die Geschichte dieses atemraubenden Fußballnachmittags war viel dichter, viel praller, gespickt mit zwei Elfmetern, einer üblen Schwalbe, einem fragwürdigen Platzverweis, mehreren schweren Verletzungen – es war ein kleines Fußball-Drama, so weit weg vom routinierten Durchschnittskick, daß sich die Leute auf der Tribüne vorkommen mußten wie bei einem Ausflug ins Fußball-Wunderland. Am Ende waren alle mitgenommen, mit den Nerven am Ende, und wer Klopp, dem ewigen Optimisten, in den Minuten nach dem Abpfiff in die Augen blickte, der sah in ihnen zum erstenmal in dieser Saison eine tiefe Enttäuschung. (…) … eine sehenswerte Flugeinlage des Wolfsburgers Menseguez, der nach einem Steilpaß auf den herausstürzenden Torhüter Dimo Wache zulief, um dann abzuheben, als übe er den Kopfsprung für die Freischwimmer-Prüfung, eine grobe Unsportlichkeit, die Schiedsrichter Jansen mit einem Elfmeterpfiff belohnte und mit der Gelben Karte für den unbeteiligten Wache. Menseguez hielt sich noch ein wenig die Schulter, auf die er sich gestürzt hatte, und konnte mit ansehen, wie Petrow per Elfmeter den Anschluß schaffte. Der Bulgare war bis dahin hauptsächlich durch ausgiebiges Lamentieren aufgefallen, steigerte sich nun aber in eine Form, die auch den Gegner beeindruckte.“
Hannover 96-VfL Bochum 3:0
Zwei Teams auf entgegengesetzten Wegen – Manfred Maier (FAZ 1.11.): “Während beim kürzlich noch im Uefa-Cup vertretenen Ruhrpott-Klub sämtliche Krisensymptome wieder zum Vorschein kommen, glaubt man sich bei Hannover 96, vor fünf Wochen noch Tabellenletzter, für diese Saison bereits aller Sorgen ledig. „Eine Spielzeit, in der wir nicht zittern müssen“, so der gelöst wirkende Vereinspräsident Martin Kind, habe man „nun ganz dicht vor Augen“. Schließlich ist mit 20 Punkten nach nur elf Spieltagen die sprichwörtliche „halbe Miete“ für den Klassenverbleib bezahlt. Nach dem fünften Sieg in Folge will bei den Niedersachen offiziell indes noch niemand soweit gehen, das Saisonziel neu zu definieren. (…) Wie reich der Lohn ausfallen wird, ist aktuell noch nicht abzusehen. Peter Neururer traut seinem früheren Verein jedenfalls Großes zu: „96 erlebt nun die gleiche Entwicklung wie wir letztes Jahr.““
Werder Bremen-Hamburger SV 1:1
Frank Heike (FAZ 1.11.) erfreut sich an Thomas Dolls Bodenstand: „Niemand muß sich Sorgen machen, daß der 38 Jahre alte Fußball-Lehrer nach diesen tollen Tagen als Cheftrainer die Bodenhaftung verliert. Es war eine typische Szene für ihn, als er nach dem Ende der Pressekonferenz im Weserstadion gehen wollte, aber noch zwei alte Bekannte im Werder-Dreß traf und Zeit für einen freundlichen Plausch fand. Ablenkendes, Entspannendes, das braucht der von Allüren weit entfernte neue Coach des HSV derzeit auch. Doll sagte: „Ich muß die Woche erst einmal sacken lassen. Ich bin von einer Pressekonferenz zur nächsten gehetzt. Wichtiger für mich ist aber, die tägliche Arbeit mit den Spielern zu machen.“ Man muß nicht befürchten, daß die Arbeit zu kurz kommt. Auch das 1:1 bewies, daß mit Doll ein neuer Geist, eine neue Ordnung Einzug gehalten haben in die vor Wochen noch als Sauhaufen beschimpfte Mannschaft: Wie sich der HSV gegen entfesselt stürmende Bremer wehrte, um diesen einen Punkt nicht mehr herzugeben, begeisterte die vielen mitgereisten Fans.“
Borussia Dortmund-Bayer Leverkusen 1:0
So viele Menschen – Felix Meininghaus (FTD 1.11.): „Es ist ein knappes Jahr her, da ließ sich Lars Ricken angesichts eines fulminanten Spiels gegen den HSV, in dem seine Mannschaft einen 0:2-Rückstand binnen weniger Minuten in einen Sieg gewandelt hatte, zu einem bemerkenswerten Satz inspirieren: „Dieses Stadion kann Spiele gewinnen“, sagte Ricken und schaute auf die tobende Kulisse der mächtigen Südtribüne. Mittlerweile hat sich die Wahrnehmung der Dortmunder Spieler elementar verändert. Vergangenen Dienstag, nach dem tapfer erkämpften Sieg in Berlin, hat Tomas Rosicky Einblicke in sein Seelenleben gewährt: „Wir haben 80 000 Zuschauer, die viel näher dran sind als hier, das ist wirklich die Hölle dort.“ Der Tscheche sprach über das Westfalenstadion, wo alle zwei Wochen die größte Zuschauerkulisse der Republik die Auftritte der heimischen Borussia verfolgen. In der Hauptstadt war Rosicky anzumerken, wie erleichtert er war, sich auf einem Terrain zu bewegen, wo eine Laufbahn die Protagonisten von ihrem Publikum trennt. Nach fünf sieglosen Heimspielen in dieser Saison waren die Versagensängste bei den Akteuren so groß, dass die Kernfrage im Dortmunder Krisengebiet lautete: Wie soll einer sein Herz in beide Hände nehmen, wenn es ihm in die Hose gerutscht ist? Als Bert van Marwijk erkannte, wie schlimm es um den psychischen Zustand seines Teams bestellt ist, schritt er zur Tat: Raus aus dem mächtigen und Furcht erregenden Schatten des Westfalenstadions und raus aufs Land. Mitten in der Einsamkeit des Westerwalds bereiteten sich die Dortmunder vor. (…) Die Anwendungen haben geholfen.“
SC Freiburg-Hertha BSC Berlin 1:3
Sieh an! Ein bisschen Missfallen an Volker Finke – Rainer Seele (FAZ 1.11.): „Auf den Rängen im Stadion entbrannte ein kleiner Wettstreit – der Mann allerdings, den er betraf, blieb diplomatisch in der Defensive. Eine Meinung dazu wolle er in der Öffentlichkeit nicht äußern, sagte Volker Finke. Eine kleine Gruppe von Fans hatte deutlich ihren Unmut über den Trainer artikuliert, die Stimmen forderten unverblümt Finkes Rückzug. Allerdings besitzt der Fußball-Lehrer auch noch einen gehörigen Rückhalt beim Publikum, denn ein größerer Pulk bekundete ebenso klar seine Sympathien für Finke, der seit Jahren eine der großen Konstanten im Breisgau ist. „Ich kämpfe um jeden Zuschauer“, sagte Finke ausweichend zu den Rufen der Unzufriedenen. Mag Finke auch immer noch die große Mehrheit hinter sich wissen, steckt der Fußball in Freiburg doch in einer schwierigen Lage. Vielleicht hielt sich Finke auch deswegen ein wenig zurück – kritische Worte über jene, die ihn attackierten, hätten das Klima zusätzlich verschlechtern können.“
Bundesliga
Am Ende wird sogar noch Dortmund Meister und die Aktie ein Volltreffer
Peter Penders (FAZ 1.11.) wundert sich über nichts mehr: „Sind sie jetzt alle verrückt geworden? Für den Erlebnisfußball, das hatte uns Jürgen Klopp erfolgreich eingeredet, war doch allein der FSV Mainz verantwortlich. Muß sich also, wer den besonderen Fußballspaß erleben will, diesen Aufsteiger ansehen? Das gilt zwar noch, aber der Rest der Branche hat offenbar begonnen, sich zu wehren. Hannover mit dem fünften Sieg in Folge, Petrow mit vier Toren, Hamburg mit der dritten „dollen“ Partie ohne Niederlage, Schalke mit dem Sprung auf Platz zwei, Mönchengladbach mit dem Einstandssieg von Horst Köppel nach zwölf Jahren Bundesliga-Abstinenz, und den auch noch gleich gegen den FC Bayern München. Wenn plötzlich alle für Unterhaltung sorgen wollen, machen auch die Schiedsrichter mit, stellen den Falschen in Freiburg vom Platz, schicken dafür einen in Dortmund runter, der gefoult wurde, einen in Mönchengladbach, der sich keiner Schuld bewußt war, und einen in Wolfsburg, der vielleicht Torwart werden sollte, wenn dieses Handspiel wirklich Absicht war. Aber Vorsicht mit solchen Vermutungen! Der bisherige Saisonverlauf legt den Verdacht nahe, daß nichts so ist, wie es scheint, und jeder vermeintliche Trend nur in die Irre führt. (…) Sicher ist nur, daß niemand weiß, wohin das alles noch führen soll. Am Ende wird vielleicht sogar noch Dortmund Meister und die Aktie ein Volltreffer. Absurd genug klingt es ja.“
Axel Kintzinger (FTD 1.11.) staunt über die Wirksamkeit von Trainerwechseln, sich dabei an Zuhause erinnernd: „Plötzlich ist alles anders. Natürlich fragen dann viele Leute, wie das kommt, und meistens hören sie von den Spielern die immer gleiche Antwort. Der Trainer hat viel mit uns geredet. Er hat mit jedem von uns geredet. Er hat uns stark geredet. Reden, reden, reden – klingt ja mehr nach einem Woody-Allen-Film. Und man fragt sich, ob Klaus Toppmöller immer nur geschwiegen hat, Holger Fach nicht zu verstehen war oder Kurt Jara – ups, der ist ja noch Trainer – wegen seines österreichischen Idioms nicht die Ohren seiner Kicker erreicht. Und die Herzen. Das mit dem Reden ist also eine tolle Sache, aber irgendwie scheint es sich mit ihr zu verhalten wie mit Dopamin. Das ist das Glückshormon, von dem wir im Zustand höchster Verliebtheit überschwemmt werden mit dem Resultat, immer zu können, immer zu wollen und immer über nichts anderes nachzudenken. Nach viel zu wenigen Monaten hat sich das dann mit dem freudvollen Wahnsinn, das Glückshormon versiegt und aus Sexmaniacs werden Beziehungspartner, im Extremfall Ehepaare. Das Dopamin von Bundesliga-Profis heißt Trainerwechsel und hat leider keine längere Halbwertzeit. Schon nach einiger Zeit heißt es auch dort: Du verstehst mich nicht. Du hörst mir nicht zu. Du sprichst nicht mehr mit mir.“
Trainerstimmen zum Spieltag – sueddeutsche.de
99 Fotos des Spieltags – sueddeutsche.de
Samstag, 30. Oktober 2004
Allgemein
Auch der HSV war zu einer Diva geworden
Sergej Barbarez, Hamburgs sensibler Schlüsselspieler – Jörg Marwedel (SZ 30.10.): „In seiner Karriere haben sich schon immer Lobpreisungen und Schmähungen abgewechselt wie Ebbe und Flut an der Küste. „Ich bin“, sagt er und zupft an seinem Bart, der die ersten grauen Härchen aufweist, „in meinem Leben schon so oft mit Beifall und Pfiffen verabschiedet worden.“ Das soll abgeklärt klingen, als könne das ihm, dem weitgereisten Profi, nichts anhaben. Ruhm nicht und ätzende Ablehnung auch nicht, wie er sie einst bei Borussia Dortmund erfahren hat, als er – vom Publikum übel beschimpft – einmal weinend in der Kabine saß. Dass es zuletzt wieder vor allem Pfiffe und höhnische Schlagzeilen gab, die ihm sehr wohl wehtaten, deutet er in einem eher trotzigen Satz an: „Man hat keinen Bock mehr, ständig auf die Fresse zu kriegen.“ Der neue Trainer Thomas Doll hat diese Gemengelage gekannt, als er „Sergejs herausragende Leistung“ würdigte wie einen aus aussichtsloser Lage gewonnenen Kampf: „Viele hatten ihn schon abgeschrieben“, sagt Doll, „aber er hat es allen gezeigt.“ Auch Klaus Toppmöller waren zunehmend Zweifel gekommen, ob Barbarez dem HSV noch einmal positive Impulse geben könnte. Zu kraftlos und schneckengleich hatte sich der Genius zuweilen über den Platz bewegt, zu oft hatte er resigniert abgewinkt und den Kollegen damit nicht gerade ermutigende Signale gesetzt. Es zählt zum Grundwissen der Trainer, dass nichts gefährlicher für die eigene Mannschaft ist als ein Führungsspieler, der die hohen Ansprüche nicht mehr erfüllt. Ist er launisch und instabil, überträgt sich diese Labilität meist auf das gesamte Ensemble. Auch der HSV war zu einer Diva geworden.“
Ball und Buchstabe
Homosexualität im Fußball darf’s nicht geben – Depression eigentlich auch nicht
Homosexualität im Fußball, das darf’s nicht geben, zumindest unter Männern (SpOn); Depression eigentlich auch nicht (FAZ) – Gewalt unter holländischen und schweizerischen Fans steigt (NZZ) – SZ-Interview mit Sócrates: „Fußball war für mich immer ein künstlerischer Ausdruck der Freiheit“
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Ein erfülltes Leben ist nicht möglich
Oliver Lück & Rainer Schäfer (SpOn 29.10.) vom Fußball-Magazin Rund befassen sich kritisch mit Homosexualität im Profi-Fußball – bei Männern und Frauen: „Da Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, gibt es offiziell im deutschen Profifußball keine Schwulen. Kein deutscher Profi hat sich bislang als Homosexueller zu erkennen gegeben, obwohl, statistisch gesehen, mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Unter der Hand werden einige Namen gehandelt, aber offen möchte keiner damit umgehen. Stattdessen wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie darauf verwandt, Fußball als angeblich schwulenfreie Männerzone zu erhalten. „Je bekannter die Profis sind, desto schwieriger wird es, die Fassaden eines solchen Doppellebens aufrechtzuerhalten“, glaubt Tatjana Eggeling (Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie, Göttingen). Ein erfülltes Leben ist nicht möglich. „Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert“, erklärt Eggeling. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz. „Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet.“ (…) Im deutschen Frauenfußball wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dementsprechend ist die Anzahl der lesbischen Spielerinnen in den Bundesliga-Clubs und im Nationalteam hoch, Trainerinnen inbegriffen. Ein Stillhalteabkommen besagt, dass die Spielerinnen privat tun können, was sie wollen, solange es nicht zum öffentlichen Thema und Ärgernis wird. Die ganze Härte dieser scheinheiligen Regel bekam Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, zu spüren. Nach 125 Länderspielen wurde Voss kurz vor den olympischen Spielen 2000 in Sydney aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen Problemen mit ihrer damaligen Freundin die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste. Der DFB legte ihr nahe, sich nicht mehr zum Rauswurf zu äußern. Eine Warnung, die die heute 36-Jährige besser befolgt, wenn sie ihre Karriere als Trainerin beim Verband Niederrhein nicht gefährden will. Voss‘ Suspendierung bringt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther noch heute in Rage: „Das ist eine Form von Doppelmoral, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Der DFB ist äußerst konservativ. Da macht man Kampagnen gegen Drogen und diskriminiert andere Lebensformen. Obwohl Sport angeblich so verbindet.““
Depression zählt zum Quälendsten, was Krankheit einem Menschen antun kann
Martina Lenzen-Schulte (FAZ/Feuilleton 29.10.) betont Ernsthaftigkeit und Schwere der Krankheit Depression: „Sebastian Deisler dürfte eigentlich gar nicht seelisch in die Knie gehen. Körperliche Aktivität schützt vor Stimmungstiefs, das bestätigte erst im Sommer eine Studie aus den Vereinigten Staaten. Leistet Sport bei texanischen Schülern etwa mehr als das Trainingsprogramm an der Säbener Straße für eine der größten deutschen Fußballhoffnungen? Das Thema Depression verleitet schnell zu Widersprüchen. Meniskusriß oder Knochenbruch wären zu akzeptieren, melden sich die Fans zu Wort, aber Depression nicht. Ein Körper, getrimmt, um Stadien in jubelnde Ekstase zu versetzen, kann doch nicht lahmzulegen sein, nur weil die emotionalen Energien versiegen. „Weichei, auf jeden Fall Weichei“ lautete auch prompt ein Kommentar bei Kicker-Online. (…) Die Zahl der aktuell an Depressionen leidenden Deutschen wird auf vier Millionen beziffert. Jeder zehnte Deutsche machte im vergangenen Jahr wochen- oder monatelang eine Depression durch. Was die Krankheit ausmacht, ist mit der reinen Beschreibung kaum zu ermessen. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und Merkschwäche, immer wiederkehrende Grübeleien, die Abschottung von anderen Menschen, vollkommene Teilnahmslosigkeit und das Gefühl, ganz wertlos zu sein, flankieren den schwarzen Kern der Depression, jene alles umfassende Freudlosigkeit, die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu fühlen. Der Außenstehende gelangt immer nur an den Rand solcher Verzweiflung, nie in deren Abgrund selbst. Es gibt etliche Varianten von diesem Bild, sicherlich auch weniger schwerwiegende, die mitunter zu Verwässerungen bei der Diagnose führen. Dennoch zählt die Depression unzweifelhaft zum Quälendsten, was Krankheit einem Menschen antun kann.“
Gewalt im calvinistischen Paradies
Bertram Job (NZZ 28.10.) kommentiert die steigende Gewalt holländischer Fans: “Die pubertären Entgleisungen mögen nicht das sofortige Ende der holländischen Zivilgesellschaft einleiten. Doch für die Verantwortlichen in den Kommunen, den Vereinen und Verbänden ist es jetzt genug. Die kwetsenden sprekkoren, wie die rassistischen und gewaltbereiten Tiraden in der Landessprache genannt werden, torpedieren das Image einer allzeit toleranten Fussballnation nachhaltiger denn je. Immer wieder werden gegnerische Fans als Juden, Huren oder Kranke bezeichnet und Drohungen gegen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und sogar TV-Kommentatoren formuliert. Deshalb hat der nationale Fussballverband KNVB eine kompromisslose Linie etabliert: Wann immer die bösen Chorknaben trotz mehrfachen Aufforderungen nicht verstummen, sollen die Spiele zumindest unterbrochen werden. (…) Ist die holländische Gesellschaft also vielleicht nicht mehr besser als der Rest Europas? Zumindest die Verbalinjurien werden durch Spielabbrüche zurückgehen, schätzt der KNVB-Sprecher Huizinga. Das holländische System der Klubkarten, ohne die keine Eintrittstickets für Spiele erworben werden können, siebt dazu viele überführte Missetäter aus. Dennoch bleiben Zweifel, ob das calvinistische Paradies allein durch die Massnahmen von Vereinen und Verbänden wieder herzustellen ist.“
Zur Lage in der Schweiz schreibt Rolf Wesbonk (NZZ 28.10.): „Am letzten Wochenende hat der Fussball auch in der Schweiz sein abstossendes Gesicht gezeigt. In Bellinzona wüteten Vermummte aus dem Zürcher Lager während und nach dem Spiel. Sie zettelten Schlägereien an und hinterliessen ein Bild der Verwüstung. Im Tourbillon zu Sitten gebärdete sich eine Horde Servette-Anhänger auf ähnliche Weise. Sie bewarfen aus ihrem Sektor die Fussballer des Platzklubs mit allem, was ihnen in die Hände kam. Dass sich die Vorfälle in Cup-Partien häufen, ist nicht zufällig. Spiele dieses Wettbewerbs stehen unter der Ägide des Schweizer Fussballverbandes. Hier gelten nicht so strenge Vorschriften wie in der Super League. Zwar erhalten die Klubs von der Marketingagentur Sportart AG ein Dossier mit allen nur erdenklichen Auflagen, aber über das Thema „Sicherheit“ ist darin nichts zu lesen. Somit wird der Präsident eines kleinen Vereins mit der Problematik ziemlich alleine gelassen. Fehlen durchdachte Massnahmen, bietet sich für Randalierer sofort ein weites Feld für verabscheuungswürdige Auftritte. Dies war ohne Zweifel auch in Bellinzona der Fall, wo die Chaoten von den mangelnden Kenntnissen sowie der Unerfahrenheit des Klubs auf diesem Gebiet profitierten.“
Die Involution des Fußballs
Sócrates im Gespräch mit Javier Cáceres (SZ 30.10.)
SZ: Sie waren Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaften, die bei den Weltmeisterschaften 1982 in Spanien und 1986 in Mexiko die Fußballwelt geblendet hat. Sócrates, Zico, Toninho Cerezo, Falcão… Ist ein derartig kunstvoller Fußball-Ansatz heute noch denkbar?
S: Nicht mehr in dieser Form. Der Fußball hat sich zu sehr verändert. Wir waren so etwas wie die Generation des Übergangs. Die physische Komponente ist vordringlicher geworden. 1970 legte ein Fußballer in einem Spiel vier Kilometer zurück, mittlerweile sind es bis zu zwölf. Das hat Räume enger und das Spiel härter gemacht, weil sich die Regeln nicht verändert haben. Ich forsche gerade zu diesen Dingen. Vor der WM in Deutschland möchte ich ein Buch über die Globalisierung und die Evolution des Fußballs in den letzten 30 Jahren veröffentlichen. Oder die Involution des Fußballs – seine Rückbildung.
SZ: Ihrer Generation wird vorgeworfen, in Schönheit gestorben zu sein, also nie etwas gewonnen zu haben.
S: Das geht auf gesellschaftlich Werte zurück, die mir nichts bedeuten. Titel zählen nichts. Absolut nichts. Das Wichtigste ist, glücklich zu sein. Und frei. Denn Fußball war für mich immer ein künstlerischer Ausdruck der Freiheit. Auf diese Weise mögen wir keine Pokale gewonnen haben, wohl aber das eine oder andere Herz.
SZ: Schon zu Profizeiten waren sie Mediziner. Später sollen sie Maler gewesen sein.
S: War ich auch. Und Schriftsteller. Und Politiker. Und Kolumnist und Komponist. Lernen bedeutet für mich, kreativ zu sein, und das heißt für mich, frei zu sein. Im Moment bilde ich mich medizinisch fort, mit einem Schwerpunkt auf Sportmedizin, und ich lerne Französisch, denn ich will auf Französisch lesen können. Dramaturg bin ich auch. Zurzeit läuft in São Paulo mein erstes Bühnenstück, „Futebol“.
SZ: Am Mittwoch verstarb in ihrem Land ein Profi von São Caetano, Serginho, auf dem Platz. in weiteres Indiz für die Pervertierung des Fußballs?
S: Wir kennen die genauen Ursachen dieser Tragödie noch nicht, aber es ist schon bemerkenswert, wie sehr sich die Todesfälle häufen. Der Kameruner Foe, der Ungar Feher, jetzt Serginho. Klar ist, dass es eine übertriebene Anwendung von allen möglichen Arzneien gibt, mit gravierenden Auswirkungen.
SZ: Auch bei ihnen in Brasilien?
S: Mein Eindruck ist, dass es hier nicht so sehr verbreitet ist. Wohlgemerkt: ein Eindruck. Was mir allerdings auffällt, ist, wie sehr und wie schnell sich die Fußballer verändern, wenn sie in Europa spielen. Und das geht ganz offensichtlich auf die massive Anwendung von Medikamenten zurück.
Bundesliga
Als Anführer werden dort Typen verlangt, die dem ganzen Land die Faust zeigen
Klare Kritik an der Vereinsführung des 1. FC Kaiserslautern: „was die sportlichen Komponenten beim Zusammenbau einer Mannschaft betrifft, fehlt René Jäggi wohl die Kompetenz (…) wie will man mit überschaubarem Fachwissen den Retter finden?“ (SZ) – Bielefeld und Mainz heben Gesetze aus den Angeln: „Goliath gegen David, diese Größenverhältnisse gelten nicht mehr“ (FAZ) – „neue Zeitrechnung in Hamburg (FAZ)
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Als Anführer werden dort Typen verlangt, die dem ganzen Land die Faust zeigen
Hört, hört! Sehr lesenswert! Martin Hägele (SZ 30.10.) teilt mit, warum das in Kaiserslautern so nicht klappen konnte – und so nicht klappen wird: „Mit dem Österreicher Jara und dem FCK ist es wie in einer Beziehung, die sich totgelaufen hat; jeder wartet, dass der Scheidungsrichter endlich das offizielle Aus spricht. Man hat sich nichts mehr zu sagen, aber man kann diese lähmende Stimmung auch nicht wegprogrammieren. Weil in den Büros des Fritz-Walter-Stadions ausschließlich Leute sitzen, die von dieser Situation überfordert zu sein scheinen. Und die schon deshalb keinen Ausweg wissen, weil sie die Notlage selbst zu verantworten haben. Denn Jara hat nie an diesen Arbeitsplatz gepasst, der liebe Kurti oder der nette Onkel Kurt konnte mit diesem Klub und seinem Menschenschlag nicht lange klarkommen. Als Anführer werden dort Typen verlangt, die dem ganzen Land die Faust zeigen; und dazu eine Elf, die mehr rennt und kämpft oder einfach listiger ist als die etablierten Teams. So steht das in der mit großen Emotionen geschriebenen Klub-Chronik der Fritz-Walter-Erben. Es war Jaras Schicksal, dass der Schweizer Quereinsteiger Jäggi als wirtschaftlicher Sanierer zum Traditionsklub geholt worden war. Verstünde der mehr darüber, wie gerade in einem solchen Gebiet die Chemie stimmen muss zwischen allen Parteien, hätte er wohl nie den alten Bekannten aus Zürich (wo Jara einst im Grasshopper-Klub gespielt und trainiert hat) verpflichtet. Auch was die sportlichen Komponenten beim Zusammenbau einer Mannschaft betrifft, fehlt Jäggi wohl die Kompetenz: Beim FCK hat sich nun schon über zwei, drei Transferperioden hinweg der langsamste Kader der Klasse angesammelt. Jäggi indes hat nie Zweifel daran gelassen, dass er beim großen Personalumbruch im Sommer, als ein großer Teil der Fremdenlegionäre durch einheimische Profis ersetzt worden sind, immer das letzte Wort gehabt hat. Er brauchte auch keinen Widerspruch zu befürchten, denn der zum Manager beförderte Olaf Marschall ist Jäggi mit jedem Atemzug für den Job dankbar. Dass der getreue Buchhalter Erwin Göbel die Fußball-Zentrale im FCK-Kapitol komplettiert, sagt viel über deren Qualität. Wie will man mit diesem überschaubaren Fachwissen den nächsten Retter finden oder gar einen, der wieder sportliche Perspektive gibt?“
Goliath gegen David, diese Größenverhältnisse gelten nicht mehr
Peter Penders (FAZ 30.10.) freut sich über frischen Wind aus Mainz und Bielefeld: „FSV Mainz und Arminia Bielefeld lehnen die normalerweise von Neulingen gewohnte devote Attitüde schon aus Prinzip ab. Als Jürgen Klopp, inzwischen zur Kultfigur aufgestiegen, vor dreieinhalb Jahren über Nacht vom Spieler zum Trainer wurde, trat er seine neue Aufgabe mit einer Devise an: Man kann jedes Spiel gewinnen. „Und bislang hat mir noch keiner bewiesen, daß das nicht stimmt.“ Aus Bielefeld sind ähnliche Töne zu hören, auch wenn die Arminia nach einem holprigen Start länger brauchte, um Fuß zu fassen. Erst nach der Niederlage bei Bayern München war sich Uwe Rapolder sicher, wohin der Weg führen würde. „Nach dem Spiel hat Franz Beckenbauer gesagt, man habe nicht erkennen können, wer die Heimmannschaft gewesen ist.“ Immerhin hatte da gerade der Rekordmeister gegen den Rekordabsteiger gespielt, Goliath gegen David. Aber diese Größenverhältnisse gelten nicht mehr. (…) Ihr ausgeprägtes taktisches Wissen ist die größte Stärke der beiden Aufsteiger. Im Auftreten, ihrem Arbeitsstil und ihren Umgangsformen mögen Klopp und Rapolder zwar völlig unterschiedlich daherkommen, dafür ähneln sie sich in ihrem Fußball-Verständnis. Nichts erinnert an Aufsteiger alter Machart, die sich am Strafraum verbarrikadierten und darauf hofften, daß die neunzig Minuten möglichst schnell vorübergingen. Mit viel Einsatz und noch mehr System stellen Mainzer wie Bielefelder Räume zu, greifen den ballführenden Gegner zu zweit, zu dritt an. Sie wollen das Geschehen auch dann bestimmen, wenn sie nicht im Ballbesitz sind, lassen manche Anspiele zu, um danach die Falle zuschnappen zu lassen.“
Neue Zeitrechnung
In Hamburg soll nun alles anders sein – Frank Heike (FAZ 30.10.): „Beim HSV hat eine neue Zeitrechnung begonnen – die Ära Thomas Doll. Zwei gute Spiele genügten, um die ganze Stadt vom „neuen HSV“ schwärmen zu lassen. Als habe man auf einen wie Doll – bescheiden, sympathisch – nur gewartet: einer von uns. Van Buyten und seine Kollegen sehen das nüchterner. Gerade der Belgier ist der Prototyp des intelligenten Fußballprofis. Er hat für Standard Lüttich gespielt, für Olympique Marseille und in der Premier League. Van Buyten gehört zum Stammpersonal der belgischen Nationalelf. Klaus Toppmöller hatte ihn zum Kapitän gemacht, obwohl andere ältere Rechte besaßen. Was er von einem Fußballehrer erwartet, ist dies: Er soll ein System mitbringen, in dem jeder weiß, was er zu tun hat. Van Buyten möchte klugen Fußball spielen und nicht jede Woche einen anderen Nebenmann in einer anderen Ordnung haben, nicht dem Gegner ständig hinterherrennen. Ganz nüchtern sagt der athletische 196-Zentimeter-Mann: „Es lösen sich viele Probleme, wenn man weiß, was man tun muß. Dann sind auch die Wege nicht so lang.“ Natürlich ist das im Kern als Kritik an Toppmöller zu verstehen (…) Doll ist zuzutrauen, daß er den HSV zum ersten Mal seit Frank Pagelsdorf in der Serie 1999/2000 mit ansehnlichem Fußball nach oben führt.“
Freitag, 29. Oktober 2004
Internationaler Fußball
Befreiungskampf gegen den Beton der Gewissheiten
Sehr lesenswert! Peter Hartmann (NZZ 29.10.) beschreibt, wie Zdenek Zeman, Lecces Trainer, einige italienische Steine umdreht: „Zdenek Zeman, mit 21 Jahren in Italien gelandet bei seinem Onkel, dem damaligen Juventus-Trainer Cestmir Vycpalek, kämpft eine Art Befreiungskampf gegen den Beton der Gewissheiten und die Omertà der Verlogenheit im Calcio. Zeman bricht Tabus. Als Angriffsprophet im Lande des Catenaccio, als einziger Nachfolger des Revolutionärs Arrigo Sacchi, ist er schon oft totgesagt und totgeschrieben worden. Am Mittwoch glich seine Sturm-und-Drang-Truppe im Stadio Via del Mare gegen Inter einen 0:2-Rückstand aus, am Sonntag hatte Lecce auswärts Messina mit 4:1 an die Wand gespielt, und jetzt liegt die Mannschaft vom Stiefelabsatz, die in acht Spielen einen Torwalzer mit 20 Treffern hinlegte, auf Platz drei. Und weil Lecce keine kraftraubenden europäischen Verpflichtungen hat, könnte der Höhenflug andauern, denn Zeman gilt auch als hervorragender Konditionstrainer, dessen Mannschaften sich im Laufe der Saison leistungsmässig steigern. Aber, das war die konstante Kehrseite seines offensiven 4:3:3-Systems, es häuften sich auch die Gegentore. Zemans Leitspruch „Ich ziehe es vor, 4:5 zu verlieren, statt 0:0 zu spielen“ hat immer wieder zu einem Ende mit Schrecken geführt. Dennoch ist er nicht endgültig vom Karussell gefallen, aber sein Vergnügungspark „Zemanlandia“ kommt nur noch in der Provinz an, weit weg vom Hype um die „schönste Meisterschaft der Welt“. (…) Der Montag war vielleicht Zemans bester Tag. Denn im fernen Turin verkündete Staatsanwalt Raffaele Guariniello die Strafanträge im lange verschleppten Dopingverfahren gegen Juventus Turin: 3 Jahre Gefängnis und 2 Jahre Berufsverbot für den Klubarzt Riccardo Agricola, 2 Jahre Haft für den Delegierten Antonio Giraudo. Zeman hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht, als er im Juli 1998 die „unnatürlichen Muskeln“ der Juve-Spieler Vialli und Del Piero anprangerte und damit auch die Titel jener Mannschaft in Frage stellte. Der Fussball müsse „endlich aus den Apotheken“ herauskommen. Die gereizten Herren der „Alten Dame“ konterten erfolgreich mit Verleumdungsklagen, doch die Untersuchung bestätigte Zemans Beobachtungen.“
Unterhaus
Nie die ganz großen Sympathien
Roland Leroi (FR 30.10.) drückt dem KFC Uerdingen die Daumen: “Wenn an deutschen Fußball-Stammtischen der Name Uerdingen fällt, dann gibt es selten zwei Meinungen. „Absolut überflüssig“, sagen die meisten über den Krefelder Verein, der als Bayer 05 Uerdingen vor etwa 20 Jahren in der Bundesliga und mit dem Gewinn des DFB-Pokals (1985) zwar für etwas Furore sorgte, dem aber nie die ganz großen Sympathien gehörten. Eher leise verabschiedete sich der Club, der 1995 nach der Abnabelung vom Chemie-Konzern in KFC Uerdingen umbenannt wurde, vier Jahre später aus dem Profifußball, wendete seitdem aber nicht nur mehrfach drohende Insolvenzen ab, sondern klopft in dieser Saison unter abenteuerlich erscheinenden Voraussetzungen sogar wieder an die Tür zur Zweiten Bundesliga. Seit elf Spieltagen sind die Krefelder ungeschlagen, mischen die Regionalliga Nord auf und rangieren mit drei Punkten Vorsprung auf einem Aufstiegsplatz.“
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