Mittwoch, 11. August 2004
Ball und Buchstabe
Die Bremer Blamage ist nur eine Episode einer Fehler-Chronik
Nach der Pleite beim Saisonauftakt in Bremen greift ARD-Intendant Günter Struve durch. Die SZ (11.8.) befürwortet den harten Kurs: „Als es crashte, saß Urlauber Struve in München und brachte rasch den Spielfilm Hals über Kopf auf Sendung. Das ARD-Publikum aber wurde eben lange Zeit nicht über das Geschehen aufgeklärt. Erst spät meldete sich, von Struve bedrängt, ARD-Hauptstadtleiter Thomas Roth mit Erklärsätzen. So hatten am Montag in ihren „Schalten“ zuerst die Sportchefs der ARD, dann – wie jeden Tag um 14 Uhr – die Chefredakteure und später um 16 Uhr die Intendanten viel zu reden. Es wurde lautstark debattiert, und bei den Sportverantwortlichen orgelte ab und an der Rockklassiker Lady in Black von Uriah Heep dazwischen. Die Stimmung war aufgeheizt, weil die Bremer Blamage nur eine Episode einer Fehler-Chronik ist. Im Hessischen Rundfunk trat Sportchef Jürgen Emig zurück. Offenbar mussten Veranstalter Extra-Gelder zahlen, wenn der HR von Sportereignissen ausführlich berichten sollte. Kassierte Emig? Der Radexperte dementiert, die Staatsanwaltschaft ermittelt. – Im MDR weckte die Arbeit von Sportchef Wilfried Mohren das Interesse des Magazins Focus, das ihn nun beschuldigt, ungerechtfertigterweise Geld- und Sachleistungen erhalten zu haben. MDR und Mohren weisen die Vorwürfe zurück, eine Anzeige liegt vor. ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf fiel durch umfangreiche Nebentätigkeiten für den Telekom-Konzern auf, wobei er dann auch in journalistischer Funktion bei der Tour de France über das Team T-Mobile berichtete. Waldemar Hartmann wurde in der Sportschau als Moderator und Interviewer des „Spiel des Tages“ ausmanövriert, woraufhin sich der Journalist entrüstete und Details über die merkwürdige entscheidende Sitzung kursierten. Man kann kaum behaupten, dass der ARD-Sport vorbildlich organisiert wäre. Und das auf einem Feld, in dem für Lizenzrechte horrende Summen gezahlt werden. Aufarbeitung tut Not. (…) Programmchef Struve hat noch einen Schuldigen ausgemacht: Die DFL, von der die ARD nicht nur die Rechte gekauft hat. Es sei ja, anders als abgemacht, in Bremen kein „Sendesignal“ im vereinbarten technischen Standard (zum Beispiel sieben Kameras) geliefert worden – denkbar ist jetzt, dass die DFL in Regress genommen wird.“
11 Freundinnen
Vielleicht gelingt es den Frauen, die ganze deutsche Olympiamannschaft mitzureißen
Heute beginnt das olympische Frauenfußball-Turnier. Die deutsche Mannschaft nimmt sich viel vor – Volker Stumpe (FAZ 11.8.): „Kommt Zeit, kommt Optimismus. Keine Spur mehr vom Selbstzweifel, nichts mehr zu spüren von der quälenden Ungewißheit. Am Sonntag sind die deutschen Fußballfrauen nach Griechenland geflogen. Der Ortswechsel muß ihnen gutgetan haben, denn die olympische Vorfreude hat sich vor Ort prompt eingestellt. Gar nicht mehr kleinlaut oder gar verzagt gibt sich die deutsche Mannschaft vor dem ersten Turnierspiel gegen China an diesem Mittwoch und der zweiten Vorrundenbegegnung gegen Mexiko am nächsten Dienstag. „Dieses Team“, sagt Bundestrainerin Tina Theune-Meyer, „kann etwas reißen.“ Und vielleicht gelingt es den Frauen gar, die ganze deutsche Olympiamannschaft mitzureißen. (…) Aber die deutschen „Golden Girls“ von der Weltmeisterschaft sind mit der aktuellen Olympiamannschaft nicht zu vergleichen. Zum einen fehlt mit der Frankfurterin Nia Künzer jene Spielerin, die beim 2:1-Sieg im WM-Finale gegen Schweden das Golden Goal erzielt hatte. Zum anderen haben – und dies wiegt ungleich schwerer – mit Bettina Wiegmann und Maren Meinert zwei dominierende Persönlichkeiten ihre Karriere beendet. „Zwei Spielerinnen dieses Formats lassen sich nicht einfach austauschen“, sagt Tina Theune-Meyer. Dennoch glaubt die Bundestrainerin, das Fehlen der beiden Einzelkönnerinnen durch Teamgeist wettmachen zu können: „Nach unseren letzten Trainingseinheiten habe ich ein gutes Gefühl, daß hier etwas zusammengewachsen ist.“
Unterhaus
Mehr Taten- und Tordrang
Die FAZ (11.8.) schildert das 1:1 zwischen Alemannia Aachen und Eintracht Frankfurt: „Vor allem in der ersten Halbzeit hatten die Aachener, wie die Eintracht mit einer runderneuerten Mannschaft angetreten, den Frankfurtern mächtig zugesetzt, ihnen in der dichten und emotionellen Atmosphäre im Tivoli-Stadion kaum die Luft zum Atmen gelassen. Doch so zahlreich die Torchancen auch waren, die sich den Alemannen mit ihrem tempogeladenen Angriffsfußball boten, ins Tor trafen sie nicht. „3:0″, sagte der Haudegen Willi Landgraf, hätten sie zur Pause führen müssen. Taten sie aber nicht, was die nach der Halbzeitpause und einer Ansprache von Trainer Friedhelm Funkel sichtlich erstarkten Frankfurter zu mehr Taten- und Tordrang animierte. Dessen Gipfel war der Führungstreffer des vom Hamburger SV gekommenen Meier. Sowohl die Alemannia als auch die Eintracht werden als Aufstiegsaspiranten angesehen.“
Dienstag, 10. August 2004
Allgemein
Der spielstarke Cacau entwickelte sich unter Sammer zu einem fleißigen Arbeiter
Michael Eder (FAZ 10.8.) porträtiert den dreifachen Stuttgarter Torschützen: „Der Mann des Tages war Cacau, der in Stuttgart schon einiges hinter sich hat und nun offenbar zur festen Größe reift. Der junge Brasilianer war vor einem Jahr von Nürnberg ins Schwäbische gewechselt hatte sich gleich mit zwei Toren bei den Stuttgartern eingeführt, war dann aber kaum noch aufgefallen. Zwischen dem sechsten und dem 29. Spieltag kam er nur noch zweimal von Beginn an zum Einsatz, mit vier Saisontreffern stand er am Ende in der Bilanz, an Szabics und vor allem Kuranyi war er unter Trainer Magath nicht vorbeigekommen. Und als die Schwaben dann auch noch den Schweizer Angreifer Streller aus Basel holten, schienen seine Chancen weiter zu schwinden. Doch der Wechsel von Magath zu Sammer bot ihm eine neue Chance, die er entschlossen nutzte. Der Brasilianer gibt selbstkritisch zu, in der vergangenen Saison im Training „nicht jeden Tag alles gegeben“ zu haben. Konsequenz: Das mußte sich ändern, und der spielstarke Cacau entwickelte sich unter Sammer zu einem fleißigen Arbeiter, der seinem Tagwerk in der harten Vorbereitung verbissen nachging und selbstbewußt ankündigte: „Ich will mich beim VfB durchsetzen, und das werde ich in diesem Jahr auch schaffen.“ Gesagt, getan: Schon in den ersten beiden Testspielen der Stuttgarter traf Cacau viermal. „Gut, daß wir etwas Konkurrenz haben“ , sagte der Trainer nach Cacaus Galavorstellung gegen Mainz. Und der Brasilianer will sich in dieser Saison mit bescheidenen Zielen nicht mehr zufrieden geben: „Wir werden ganz oben mitspielen.““
Internationaler Fußball
Scharmützel in China
Champions-League-Qualifikation, gewinnen ausnahmsweise mal ein paar Kleine? Wäre schön (Tsp) – Scharmützel in China beim Finale der Asien-Meisterschaft
Das sind ja Verhältnisse wie früher, im alten Europapokal, in dem es keine Setzlisten gab
Champions-League-Qualifikation. Die Kleinen werden doch nicht auf die Idee kommen, gewinnen zu wollen, Helmut Schümann (Tsp 10.8.): „Ist das eine Planungssicherheit? Nicht auszudenken, wenn die Granden der Champions League schon in der Qualifikation ausscheiden. Was etwa, wenn der FC Liverpool scheitert? Soll dann etwa der Grazer AK in der obersten europäischen Klasse Geld scheffeln dürfen? Ösis? Und auch noch im Arnold-Schwarzenegger-Stadion? (Vorab: Für diesen Unfall der Geschichte sind Formulierungen wie „die Muskeln spielen lassen“, schon jetzt auf den Index zu setzen). Eigentlich sollten solche Widrigkeiten des Sportes doch ausgeschlossen werden. Eigens dafür hatten die Planer doch den Begriff Champion aufgeweicht und ausgedehnt auf die Tabellenzweiten, also die Verlierer, der nationalen Meisterschaften. Aber dass nun eine ganze Phalanx der größten, besten, schönsten, reichsten, wichtigsten, unbesiegbarsten Klubs Europas nicht mal diese kümmerliche Voraussetzung erfüllten in der abgelaufenen Saison, damit hatten sie nicht gerechnet. Das sind ja Verhältnisse wie früher, im ganz alten Europapokal, in dem es keine Setzlisten gab, aber die Stars gegen MTK Vörös Lobogo, Stade Düdelingen oder Petrolul Ploesti anzutreten hatten. Sind wir wieder so weit? So ohne Geldgarantie? Wäre ja wunderbar.“
Jetzt hat man die Kontrolle über die Geister verloren, die man gerufen hatte
Rund um das Finale der Asien-Meisterschaft zwischen Gastgeber China und Japan (1:3) hat es Feindseligkeiten und Scharmützel gegeben. Zhou Derong (FAZ/Feuilleton 10.8.) berichtet: „Seit 1995 hat Peking mit dem Feuer des Patriotismus gespielt. Jetzt hat man die Kontrolle über die Geister verloren, die man gerufen hatte. Noch will man in Peking nicht wahrhaben, daß dies alles auf die massive „patriotische“ Erziehung zurückgeht. Die staatlichen Zeitungen wurden zwar angewiesen, sich hitziger Kommentare zum verlorenen Spiel zu enthalten. Statt dessen liest man überall Lob für die friedfertigen Fans. Im Staatsfernsehen, wo am Samstag abend bei der Live-Übertragung kein einziges Bild von den 65 000 Zuschauern zu sehen und keine einzige Stimme von ihnen zu hören war, zeigte man erst gestern einige fröhliche Szenen. Aber die Nachricht, daß einige Hundert Chinesen nach dem Spiel ihre Nationalhymne vor der japanischen Botschaft und anderen japanischen Einrichtungen abzusingen versuchten und daß der Wagen der Botschaft angegriffen wurde, sucht man vergebens. (…) Diesmal hatte der Asiatische Fußballverband angeordnet, jedes Spiel über einen kleinen Monitor zu überwachen, um Fehler des Schiedsrichters sofort korrigieren zu können. Doch die CCTV-Live-Übertragung wurde um dreißig Sekunden verzögert. Als die Spielszene in Zeitlupe zweimal wiederholt wurde, war mehr als eine Minute vorüber. Unten auf dem Rasen spielte man inzwischen wieder Fußball. Yi Deng schloß seinen Kommentar mit den Worten: „Nun wissen wir es endlich: Wir leben hinter einem eisernen Vorhang. Selbst ein Fußballspiel wird zensiert. Wir sehen nur, was das Staatsfernsehen uns zeigen will, und nicht, was tatsächlich geschehen ist. Das Finale haben wir aus keinem anderen Grund verloren als wegen des Eisernen Vorhangs.““
Ein Video der BBC zu den Ausschreitungen in China
Ball und Buchstabe
Was war, ist gut und schön, was ist, besser und wichtiger
Die FAZ lobt die innovative Personalpolitik Sammers und Klinsmanns: „Was war, ist gut und schön, was ist, besser und wichtiger“ – auch das italienische Kino befasst mit Fußball-Historie u.a.
Was war, ist gut und schön, was ist, besser und wichtiger
Roland Zorn (FAZ 10.8.) findet die Personalauswahl Sammers und Klinsmanns vorbildlich und innovativ: „Rudi Völlers Erbe kennt keine Erbhöfe mehr. Und so kann selbst „King Kahn“ keine royalen Besitzstandsansprüche mehr auf die Position und Rückennummer eins im deutschen Fußballtor erheben. Neu-Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat in mehreren Wochenendinterviews eine Tendenz vorgegeben, die nur ein Kriterium kennt: die aktuell nachprüfbare Leistung. Was war, ist gut und schön, was ist, besser und wichtiger. Trendsetter Klinsmann hat einen Gesinnungsgenossen gefunden, der bei seiner Stuttgarter Marktforschung zu ähnlichen Einsichten kam: Matthias Sammer verließ sich bei seinem Debüt nicht auf Völlers Stammkräfte Kuranyi und Lahm und beförderte statt dessen Cacau und Gerber in die erste Elf. Eine richtige Entscheidung. Wer angetreten ist, das Niveau im deutschen Spitzenfußball zu heben – sei es auf der Vereins- oder der Verbandsebene –, handelt klug, wenn er vergangene Meriten immer wieder, und sei es mit unangenehmen Konsequenzen für die betroffenen Spieler, auf ihre Tagestauglichkeit überprüft. (…) Gelingt es Praktikern und Liebhabern des Fußballs wie Klinsmann, Sammer oder Magath, auf Dauer die Prioritäten im Wesentlichen zu setzen, es wäre viel gewonnen für den Fußballstandort Deutschland mit seinen zu wenigen Haupt- und seinen zu vielen Nebendarstellern.“
Auch das italienische Kino widmet sich der Fußball-Geschichte – Dirk Schümer (FAZ/Feuilleton 9.8.): „Was für die Deutschen im Guten das Wunder von Bern, bedeutet für die Italiener im Schlimmen die Katastrophe von Turin. Am 4. Mai 1949 starb bei einem Flugzeugabsturz die Mannschaft, die den verarmten und gebrochenen Italienern nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg wieder ein wenig Hoffnung und Selbstvertrauen zu geben vermochte. Wäre die Wunder-Elf des AC Turin nicht beim Heimflug von einem Auswärtsspiel in Portugal am Hügel der Turiner Schutzmadonna, der „Superga“, zerschellt, wäre Sepp Herbergers Team 1954 gewiß nicht ohne heftigen italienischen Widerstand Weltmeister geworden. So aber ging die beeindruckende Wirklichkeit einer Elf, die daheim von 1940 bis 1949 über 93 Begegnungen ungeschlagen blieb und zeitweise zehn von elf italienischen Nationalspielern stellte, in einen traurigen Mythos über. Als hätten sie sich den Dreh bei Sönke Wortmann abgeschaut, überführen nun auch Filmemacher des italienischen Staatsfernsehens Rai die allen kleinen Tifosi bekannte Geschichte vom „Grande Torino“ ins Kino. Mit nachgebauten Holzbaracken der Trainingsgelände, handgenähten enganliegenden Trikots im legendären Granatapfelrot und einer Schar kurzgeschorener Schauspieler soll die allzu früh gestorbene Mannschaft des „Toro“ – heute fristet der Club ein weniger glorioses Dasein zwischen erster und zweiter Liga – wieder lebendig werden. Ob sie in den Akteuren tatsächlich unsterbliche Kicker wie den Torwart Bacigalupo oder den Mittelfeldrenner Ezio Loik wiedererkennen, müssen die Fans entscheiden (…) Der attraktive Hauptdarsteller Giuseppe Fiorello, der den unvergessenen Kapitän Valentino Mazzola verkörpert, kam während der Dreharbeiten in Turin bei den als leidenschaftlich bekannten Tifosi des Toro gar nicht gut an – er ist bekennender Fan des Stadtrivalen Juventus Turin.“
if-Leserin Christiane Bäthies empfiehlt: „Gestern war ich mit einer Freundin im Kino und habe „The other final“ gesehen. Wir haben uns den eigentlich wegen Bhutan angeschaut, wo wir letztes Jahr im Urlaub waren. Aber ich finde, selbst ohne Interesse für Fußball und/oder Bhutan/Montserat lohnt es sich, diesen Film zu sehen, und ich halte es für ein Muss für jeden Fußball-Fan. Zwei Holländer waren so traurig darüber, dass deren Mannschaft sich nicht für die WM 2002 in Japan qualifiziert hatte, dass sie mal geschaut haben, was es sonst noch so für „loser“ im internationalen Fußball gibt. Gestoßen sind sie auf die letztplatzierten der Weltrangliste: Bhutan (Nr. 202) und die Karibikinsel Montserrat (Nr. 203). Haben ein Fax geschickt an beide Länder, ob die nicht gegeneinander spielen wollen am Tag des WM-Finales. Und das hat dann auch tatsächlich irgendwie geklappt. In Frankfurt läuft der Film im „Mal sehn“ in der Adlerflychtstraße 6 (Nordend).“
Bundesliga
Auf einer einjährigen Feiertour?
Nicht viel los in Bielefeld – Matthias Sammer, „ein gerechter Vorgesetzter“ (SZ) setzt zwei Stuttgarter Stars auf die Bank / Mainz will es beim nächsten mal besser machen u.v.m.
Arminia Bielefeld-Borussia Mönchengladbach 0:0
Roland Zorn (FAZ 10.8.) gähnt: „Das paßte nicht. Den „Scheibenwischer“ an einem auch in Bielefeld heißen, sonnigen, staubtrockenen Sommersonntag zu bedienen. Und das auch noch in Richtung des für die Steuerung des Spielflusses Verantwortlichen. Also konnte Fifa-Schiedsrichter Herbert Fandel gar nicht anders, als den verwarnten brasilianischen Pantomimen Marcelo Pletsch schon nach 36 Minuten per Gelb-Roter Karte aus dem Verkehr zu ziehen. Zum Glück für Borussia Mönchengladbach wußte Bundesliga-Rückkehrer DSC Arminia Bielefeld mit dem personellen Vorteil aber auch gar nichts anzufangen, und so blieb das Duell zwischen dem siebenmaligen Rekordaufsteiger und dem fünfmaligen Meister torlos und ereignislos. Außer Pletschs kleinem Ausraster war nichts los (…) Die Bielefelder kontrollierten und dominierten das Spiel, doch gegen die konzentrierte Gladbacher Defensive kamen sie nicht an.“
VfB Stuttgart-FSV Mainz 05 4:2
Auf einer einjährigen Feiertour?
Tobias Schächter (taz 10.8.) schüttelt mit dem Kopf: „Am Ende, als alles schon gesagt war, wollte der Mann vom Boulevard dann doch noch etwas ganz Wichtiges wissen. Wem er denn sein Tor gewidmet habe, immerhin das erste in der Bundesliga-Geschichte des FSV Mainz 05. Christoph Babatz, der, angefeuert von einem mehrtausendstimmigen „Bum Bum Babatz“-Chor, einen Freistoß aus 25 Metern zum 1:2 in die Maschen des Stuttgarter Tores gedroschen hatte, konnte mit der Frage nichts anfangen. „Was willst du denn hören?“, fragte er den Reporter, „wir haben verloren, da mache ich mir doch keine Gedanken, wem ich mein Tor widme.“ Fast 100 Jahre mussten die Freunde des FSV Mainz 05 warten, ehe die Spieler ihres Klubs erstmals den Rasen eines Erstligastadions zu einem Pflichtspiel betreten durften. Zweimal in letzter Sekunde am Aufstieg gescheitert waren die Mannen um Trainer Jürgen Klopp, ehe sie den Sprung nach oben doch noch schafften. Die Leistung zur Premiere in der neuen Welt konnte allerdings die Zweifel nicht beseitigen, dass der Erstligaaufenthalt nur eine Episode bedeuten könnte in der Historie des Kleinstklubs aus der Landeshauptstadt. Und vielleicht fallen manchen Reportern deshalb so dämliche Fragen ein, weil sie den Mainzern unterstellen, sie befänden sich eh nur auf einer einjährigen Feiertour durch die Stadien der Republik, um die ihnen zugeflogenen bundesweiten Sympathien zu genießen. Wer das glaubt, unterschätzt die Professionalität und das Erfolgsstreben der Mainzer-Macher.“
Ein gerechter Vorgesetzter
Martin Hägele (SZ 10.8.) bewundert Matthias Sammers Mut: „In der Halbzeitpause schaute Erwin Staudt aus seiner Präsidenten-Loge ins weite Rund und war glücklich. 45 000 offenbar zufriedene Menschen machten mit bei der Welle, auch die 10 000 aus Mainz angereisten Besucher – obwohl ihre Helden nach den ersten 45 Minuten Mainzer Bundesliga-Geschichte bereits Lehrgeld bezahlt hatten und 0:2 zurücklagen. Auf dem neuen Rasen des Daimler-Stadions jonglierten sieben Stuttgarter Profis mit dem Ball, beim beliebten Kreisspiel Fünf gegen Zwei. In der Mitte der Formation: Philipp Lahm und Kevin Kuranyi, die sich normalerweise zu diesem Zeitpunkt in der Kabine ein frisches Trikot anziehen sollten. „Das war schon immer mein Traum“, schwärmte da der Vorstandsvorsitzende des VfB Stuttgart, „zwei Nationalspieler auf unserer Ersatzbank.“ Solchen Luxus kann sich hierzulande eigentlich nur der FC Bayern leisten oder ein Trainer, der als unantastbar gilt. Eine Rolle, die Matthias Sammer noch nicht zugeschrieben wurde, allerdings hat der jüngste Cheftrainer der Bundesliga bereits beim ersten ernsten Anlass den Beweis geliefert, dass er ein gerechter Vorgesetzter ist. Und er akkurat jenen Kurs hält, den sein Vorgänger Felix Magath einst eingeschlagen hat, als der den VfB vom Skandalklub zum Vorzeigebetrieb ummodelte. Neben Lahm, dem jüngsten Fußball-Liebling der Nation auch noch Teenager-Idol Kuranyi dem Premieren-Publikum vorzuenthalten, hätten nicht viele Trainer gewagt. Sammer tat’s, und musste sich nicht einmal rechtfertigen hinterher. (…) Jürgen Klopp zog ein tröstliches Fazit: „Alles soweit im Lack“, behauptete er, „die ersten zwei haben wir in der Tabelle schon hinter uns gelassen.“ Schön, dass es sich dabei um Größen wie den Hamburger SV oder den 1. FC Kaiserslautern handelt. Richtig beurteilen lassen wollen sich die sympathischen Mainzer erst nach dem zweiten Spieltag. „Wir können das besser, und wir werden das auch besser machen“, sagte Klopp und setzte fröhlich hinzu: „Beim Spitzenreiter kann man verlieren.““
Deutsche Elf
Die Bayern wollen zeigen, wer im Fußball-Lande das Sagen hat
Was haben die Bayern nicht getönt? Von wegen Rückendeckung für den neuen Bundestrainer und seine Mitarbeiter. Schon reden sie Klinsmann in seine Arbeit hinein. Frank Hellmann (FR 10.8.) kommentiert den Wunsch der Bayern, Sebastian Deisler nicht zu nominieren: „Der Bundestrainer-Novize soll doch bitteschön in Frankfurt sein Aufgebot verkünden, aber nicht auf die Idee kommen, den erstarkten Hoffnungsträger für den lange vermissten Espritfußball sogleich für die Nationalelf zu nominieren. Franz Beckenbauer hätte nichts dagegen, Uli Hoeneß schon – und der ist in der FC Bayern AG mittlerweile mächtiger. Man mag verstehen, dass einer geschützt werden soll, dessen psychische Behandlung nicht lange zurückliegt und dessen Leistungsbewertung just grenzwertig gerät. Es wird ein bisschen viel gelobt – da beherrscht einer halt Dinge, die andere Auserwählte ihr Leben lang nicht lernen. Doch geht es hier um Deisler allein? So ein bisschen wollen die Bayern auch zeigen, wer im Fußball-Lande das Sagen hat. Klinsmann nicht allein – so lautet die erste bayrische Botschaft an den schwäbischen Bundestrainer. Gewiss erinnert sich der zornige Hoeneß noch an die unnachgiebige Seite Klinsmanns, zuvorderst in Vertragsverhandlungen sichtbar.“
Montag, 9. August 2004
Allgemein
Im Außendienst
Richard Leipold (FAZ 9.8.) porträtiert Thomas Brdaric, den Wolfsburger Matchwinner: “Brdaric fühlte sich abgedrängt, nicht von Dortmunder Gegenspielern, sondern von seinem Trainer Erik Gerets. Dessen Marschbefehl bereitete dem neuen Wolfsburger Stürmer zunächst Unbehagen. Gerets hat sich vorgenommen, den passionierten Mittelstürmer zum Rechtsaußen umzuschulen, weil der Platz im Zentrum fest an den Argentinier Diego Fernando Klimowicz vergeben ist; der Argentinier gilt als torgefährlichster Angreifer des VfL Wolfsburg. Brdaric wähnte sich auf der für ihn neuen Position buchstäblich zu weit vom Schuß. So empfahl er, zu berücksichtigen, wie er es in der vergangenen Saison zum Nationalspieler und Europameisterschaftsteilnehmer gebracht habe: als Mittelstürmer, der für Hannover 96 zwölf Tore erzielt hat. Dieser als sachdienlicher Hinweis getarnte Protest vermochte Gerets nicht zu beeindrucken. Der Wolfsburger Fußball-Lehrer schickte Brdaric wie geplant in den Außendienst. Dennoch wurde der Angreifer nicht zur Randfigur. Wenn es darauf ankam, war Brdaric dort zur Stelle, wo er sich am wohlsten fühlt: in der Sturmmitte.“
Internationaler Fußball
Muss man vom Himmel fallen, um in Porto ein Training zu leiten?!
Luigi Del Neri beim Champions-League-Sieger FC Porto schon wieder entlassen – Asien-Cup, Japan und China giften sich an
Ja, muss man denn vom Himmel fallen, um in Porto ein Training zu leiten?!
Luigi Del Neri ist kaum in Porto – und schon entlassen. Birgit Schönau (SZ 9.8.) wundert sich: „So schnell, so knapp vor Saisonbeginn hat wohl noch nie ein Traditionsverein einen neuen Coach gefeuert. „In der Nacht zu Samstag bin ich um ein Uhr in Porto gelandet. Im Flughafen rief mich der Präsident an: Ich solle sofort in die Geschäftstelle kommen. Merkwürdige Uhrzeit für ein Zusammentreffen, habe ich noch gedacht. Um drei Uhr hatte ich verstanden warum, im Morgengrauen war ich arbeitslos.“ Wegen Unpünktlichkeit, was den disziplinversessenen Del Neri („Scheißvorwand“) besonders wurmt. Unpünktlich er, der eiserne Nussknacker aus dem Friaul! „Mein Flugzeug hatte Verspätung, es gab technische Probleme. Ja, muss man denn vom Himmel fallen, um in Porto ein Training zu leiten?!“ Nach Portos Tournee durch Nordamerika hatte der Cheftrainer zwei Tage freigenommen, um in Italien den Umzug nach Portugal vorzubereiten. Für Del Neri, der durch den Triumphzug des winzigen Vorortklubs einer Provinzstadt, Chievo Verona, von der Serie B zum wochenlangen Spitzenreiter der Serie A und einer Uefa-Cup-Qualifikation auch international bekannt geworden war, ist die Abfuhr ein Desaster. Jetzt bringt ihn Portos Präsident Pinto da Costa um die Krönung der Karriere. „Wenn ich mich abgeregt habe, erfahrt ihr meine Version. Von wegen unpünktlich.“ Die alte Spieler-Garde von Vorgänger Mourinho habe gegen den Italiener intrigiert, mutmaßten am Sonntag die italienischen Zeitungen. Del Neris Spielsystem habe die Portugiesen nicht überzeugt, die wohl, so höhnte die Gazzetta, einen Hohepriester des Catenaccio erwartet hätten, „so einer ist ja im Grunde genommen auch Mourinho. Aber in Porto mussten sie entdecken, dass es italienische Trainer gibt, die linkeren Fußball spielen als die Holländer in den 70er Jahren.““
Georg Bucher (NZZ 9.8.) fügt hinzu: „Auch wenn einige Medien die Trennung als einvernehmlich bezeichnen, stimmte die Chemie offenbar schon länger nicht mehr. Nach der Zeitung A Bola wirkte del Neri nach der Entlassung verbittert und versprach, in Kürze „einige Dinge zu erzählen“. Laut italienischen Gazetten hatte er mehrmals unentschuldigt im Training gefehlt, die Zäsur somit selber provoziert. Dass die Dimension eines europäischen Spitzenklubs, der die Stadt Porto, die metropolitane Region und weite Teile der nördlichen Provinzen in Bewegung hält, den erdverbundenen Norditaliener überfordert hat, ist der einleuchtendste Grund für die Trennung; allfällige disziplinarische Probleme wären dann eine Folge von Missbehagen gewesen. Und anders als in den Lissabonner Traditionsklubs ist Disziplin in Porto ein Wert an sich. Nur wer sich einordnet und den rigiden Verhaltenskodex befolgt, findet vor dem fast omnipotenten Präsidenten Pinto da Costa und seinen Adlaten Gnade. Freilich hatte del Neri als Nachfolger des Motivationskünstlers José Mourinho a priori einen schweren Stand. Die Aura des jetzigen Chelsea- Trainers wird auch über dem nächsten Mann wie ein Damoklesschwert hängen.“
Japan besiegt China im Endspiel der Asien-Meisterschaft. Im Unfeld kam es zu Feindlichkeiten. Zhou Derong (FAZ 9.8.) beleuchtet die Ursachen: „Das Klima war schon mal besser. In den achtziger Jahren zum Beispiel, als sich China zu öffnen begann, war Japan der wichtigste und auch willkommene Investor. Die chinesische Elektroindustrie etwa, die heute für die Welt Fernseher und DVD-Spieler produziert, ist ohne den technischen Transfer aus Japan undenkbar. Zudem ist China bis 2003 das Land gewesen, das die meisten günstigen Kredite von Japan bekommen hat. Erst in den neunziger Jahren begann sich der Wind allmählich zu drehen. Und auf einmal schien es mit der Freundschaft vorbei zu sein, sosehr sich beide Seiten auch dazu bekennen. Für die Veränderung gibt es einen zwingenden Grund: den rasanten Aufstieg Chinas. Ein starker Nachbar an sich ist für Japan kein Problem gewesen – mit Südkorea kommt man prima klar, auch wenn es hin und wieder Verstimmungen gegeben hat. Aber ein starker Nachbar, in dem ein unberechenbares Ein-Partei-System herrscht, bereitet den Japanern großes Unbehagen. Hinzu kommt, daß sie nach der langen Rezession zur Zeit nicht gerade mit Selbstbewußtsein gesegnet sind. Peking andererseits pflegt zwar tagaus, tagein den sogenannten „friedlichen Aufstieg“ zu propagieren. Aber zwischen den Zeilen sagt man dem Volk zu Hause: Wir haben diese und jene „Ungerechtigkeiten“ nur deshalb runtergeschluckt, weil wir noch nicht stark genug sind. Es kommt aber die Zeit, wo alle Rechnungen beglichen werden. Und in diesem Kontext kommt nun die Vergangenheit ins Spiel. Die chinesische Geschichtsschreibung geht von einer Kollektivschuld der Japaner am pazifischen Krieg aus. Die Japaner sind eher der Ansicht, daß sie nur eine Mitschuld an dem pazifischen Krieg trügen. Dies ist für die Chinesen als Opfer untragbar, da ihnen die kommunistische Propaganda jahrzehntelang eingehämmert hat, Schuld trügen allein die japanischen militaristischen Imperialisten. Nun wollten diese undankbaren Japaner sich nicht einmal dafür entschuldigen, nachdem das großzügige chinesische Volk ganz auf die Kriegsreparationen verzichtet hat.“
Ein taz-Bericht vom Endspiel (Japan-China 3:1)
Europas Wochenende: Ergebnisse, Tabellen NZZ
Ball und Buchstabe
Der Durchfall vom Lerchenberg
Die ARD sendet aus Bremen, und Roland Zorn (FAZ 9.8.) fühlt sich an seine Kindheit erinnert: „Die Dellingsche Leitung rief Erinnerungen an die sechziger Jahre wach, als deutsche Radioreporter versuchten, sich im stalinistischen Albanien verständlich zu machen.“
Christoph Keil (SZ/Medien 9.8.) greift sich an den Kopf: „An den legendären Fall Tono Hönigmann ist nun wieder erinnert worden, der eigentlich ein so genannter Durchfall war. Als das ZDF vor über zehn Jahren ein Spiel der deutschen Nationalelf in Amerika ausstrahlte, saß Tono Hönigmann, ein aufstrebender Österreicher, in einem kleinen Studio auf dem Lerchenberg in Mainz. Er saß dort, weil internationale Live-Sendungen gerne mal unterbrochen werden. Im Wesentlichen handelt es sich dann um Leitungsprobleme. Und irgendjemand muss den Menschen ja die Lage erklären und das Ersatzprogramm ankündigen. Nun saß also Tono Hönigmann als Retter in der Not vor einer Kamera, doch als die bewegten Bilder aus den USA tatsächlich nicht mehr bis Deutschland kamen, saß Tono Hönigmann auf der Toilette. Der gute Moderator hatte, so die Legende, im Wesentlichen ein Magenproblem, weshalb die Zuschauer auf einen Stuhl in einem verlassenen Studio glotzten. Der damalige Chefredakteur Klaus Bresser soll gebrüllt haben (s. Legende): er wolle keine Gründe, er wolle Namen. Tono Hönigmann kehrte wieder in seine Heimat und zum ORF zurück. Die ARD hat ein paar Freunde verloren. Der über einstündige Live-Blackout zum hat gezeigt, dass es in Deutschland erstens Stromausfälle gibt und die ARD zweitens nichts von Tono Hönigmann gelernt hat. Warum hat die ARD nicht wie Konkurrent Premiere von Anfang an übers Telefon vom Stand der Dinge berichtet? Warum dauerte es fast 50 Minuten, bis der Berliner Bürochef Thomas Roth auch im Ersten den wahren Kenntnisstand verbreitete. Warum gab es kein Krisenstudio (irgendwo) und keinen Krisenplan (reden, reden, reden)? Warum terrorisierte der gebührenfinanzierte Sender seine Kunden zum Zeitvertreib mit DJ Ötzi, Jürgen Marcus, Vicky Leandros?“
Wohl dem, der solche Fans hat, die geduldig auf bessere Zeiten hoffen!
Thomas Klemm (FAS/Politik 8.8.) gratuliert dem deutschen Fußball-Fan: „Der Tag ist gekommen, den deutschen Fußballfreund für seine unendliche Langmut, seine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit und seine andauernd gute Laune zu rühmen und zu lobpreisen. Der Appetit der Fans auf den Sport, der hierzulande trotz allem als schönste Nebensache gilt, ist enorm, der Hunger schier ungestillt, obwohl die Kost oft wenig genießbar ist, wenn die Nationalmannschaft oder Bundesligaklubs ihre Rezepte auftischen. Am Freitag löffelten Fußballfeinschmecker selbst die Suppe schaler Unterhaltungskost aus, die ihnen die ARD vorsetzte. Wegen eines Stromausfalls im Bremer Weserstadion bot ihnen „das Erste“ eine Stunde lang unter anderem Schlagermusik – und drei Millionen Fernsehzuschauer sahen und hörten Vicky Leandros zu. Wohl dem, der solche Fans hat, die geduldig auf bessere Zeiten hoffen! Ob im Stadion oder auf dem Sofa – der hiesige Fußballfreund läuft selbst im Sitzen zu Höchstleistungen auf: Als sich der Saisonauftakt der Liga wegen des Blackouts verzögerte, feierten die Anhänger beider Vereine im Weserstadion nicht das Nichts, sondern sich selbst. Die Daheimgebliebenen zeigten vor den Fernsehgeräten eine Ausdauer, als hätten sie das qualvolle Konditionstraining des Münchner Trainers Magath mitgemacht.“
Unterhaus
Die Stimmung im Unterhaus ist schlechter geworden
Die Zweite Liga ist sportlich attraktiv, aber hat an Einfluss in der DFL verloren (FR) – alle lieben Lukas Podolski
Die Zweite Liga ist sportlich attraktiv, hat aber Machtverlust in der DFL zu fürchten. Jan Christian Müller (FR 9.8.) kommentiert: “Die Zweite Bundesliga hat an Boden aufgeholt – und sie hat Terrain verloren. Die sportlichen Leistungen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden nach einmütiger Erwartung aller Experten besser sein als je zuvor. Aber: Der Einfluss im Präsidium, dem höchsten Gremium der DFL, ist erheblich gesunken. Dort, wo wichtige Entscheidungen für die Zukunft des deutschen Fußballs getroffen werden, bestimmen jetzt vor allem Männer das Geschehen, die sich mit der europäischen Spitze vergleichen – und keinesfalls mit der Zweiten Bundesliga. Denn seit vergangenem Wochenende hat die zweite Liga keine sechs von zwölf Stimmen mehr im Liga-Vorstand, sondern nur noch zwei von acht. Dafür haben die vier Spitzenmannschaften Bayern München, Bayer Leverkusen, Schalke 04 und Borussia Dortmund es geschafft, je einen Vertreter dorthin zu entsenden, wo beispielsweise auch über Verteilungsschlüssel der Fernsehgelder beraten wird. „Es ist doch ganz klar“, sagt Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ohne Umschweife, „dass wir großen Clubs völlig andere Interessen haben.“ „Die kämpfen für ganz andere Dinge“, hat der Kölner Manager Andreas Rettig, gemeinsam mit seinem Burghausener Kollegen Kurt Gaugler einziges Zweitliga-Mitglied im Gremium, festgestellt. Rettig befürchtet, als Zweitligist untergebuttert zu werden. (…) Die Stimmung im Unterhaus ist schlechter geworden. Denn wenn es ums Geld geht, das weiß man dort unten aus leidiger Erfahrung, verstehen die da oben keinen Spaß.“
Alle lieben Lukas Podolski, Christoph Biermann (SZ 9.8.): „Podolski wirkte noch weniger frisch als die Kölner Mannschaft sowieso schon, was in seinem Fall noch von der Poldi-Mania verstärkt sein könnte, die über den 19-Jährigen eingebrochen ist. In der Vorbereitung auf die neue Saison berichtete der Express bereits über „Poldis Hilfeschrei“. Bei einer Autogrammstunde während der offiziellen Saisoneröffnung war es zu Tumulten gekommen, als wären dort die wiedervereinigten Beatles aufgetreten. „Die Begeisterung um meine Person muss heruntergefahren werden“, sagte Podolski. So recht mochte das nicht gelingen, denn nach jedem Training sieht sich der Träger aller Kölner Hoffnungen von Autogrammjägern umringt. In der Woche vor dem Saisonstart strich der Klub daher alle Termine von Podolski. „Irgendwo sind Grenzen“, sagte Manager Andreas Rettig. Der Klub setzte sie, weil Podolski selber das schwer fällt. Der Irrsinn um ihn passt zur Gesamtsituation eines Vereins, der deutlich wie selten ein anderer die sofortige Rückkehr in die Bundesliga anstrebt. Köln hat dabei eine Fallhöhe hergestellt, die durchaus gewagt ist. Die Spielzeit 2004/2005 wurde bei Sponsoren und Fans ganz offen als „Wiederaufstiegs-Saison“ beworben. Ein Etat von fast 25 Millionen Euro hat der Bundesligaabsteiger dafür veranschlagt, der höher als jeder andere in der Zweiten Liga ist und selbst über dem von Bundesligaaufsteiger Mainz 05 liegt. 17 000 Zuschauer haben in der Hoffnung auf kölsche Jubelgarantien bereits Dauerkarten gekauft. Mit 25 000 Zuschauern im Schnitt kalkuliert der 1. FC Köln, doch es wäre nicht verwunderlich, wenn die Zahl noch deutlich höher liegen sollte.“
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