indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 13. Juli 2004

Internationaler Fußball

Wer ist Raymond Domenech?

wenig Interesse an der Copa América in Peru (NZZ) – wer ist Raymond Domenech, der neue Nationaltrainer Frankreichs? (NZZ)

Jörg Wolfrum (NZZ 12.7.) wundert sich über das mangelnde Interesse an der Südamerika-Meisterschaft: „Eine Fussball-Kontinentalmeisterschaft und keiner schaut hin? Das wäre in Europa, zumal in Portugal und erst recht in Griechenland, dieser Tage undenkbar. Aber da gibt es ja noch die Copa América in Peru. Nach Abschluss der ersten Runde der Gruppenspiele kämpft die bis zum 25. Juli dauernde 41. Südamerikameisterschaft derzeit noch um ihre Akzeptanz im Andenstaat. Staatspräsident Alejandro Toledo, der vor Turnierbeginn seine Landsleute aufgefordert hatte, ein Fussballfest zu feiern, war bezeichnenderweise der Erste, der sich dem Ereignis, der ersten Copa América in Peru seit 47 Jahren, entzog: Pünktlich zum Eröffnungsmatch begab sich der Präsident auf Staatsbesuch nach Spanien – Spötter und Opposition behaupten, der politisch schwer angeschlagene Staatschef habe damit einem Pfeifkonzert im Estadio Nacional entgehen wollen. Die Daheimgebliebenen sind unterdessen zwar fleissig zu den Spielen Perus gepilgert, doch so manch anderer Match fand bisher vor halb leeren Rängen statt. (Zu) hohe Preise, frühe Anstosszeiten und prinzipiell das mangelnde Interesse vieler Peruaner an weniger zugkräftigen Partien waren der Atmosphäre bisher abträglich. Auch der vermeintliche Trick der Organisatoren, die Partien in den jeweiligen Städten nicht live zu übertragen, um damit Zuschauer in die Stadien zu locken, hat bisher nur harsche Leserbriefe in den Zeitungen nach sich gezogen.“

Die NZZ (13.7.) stellt den neuen französischen Nationaltrainer vor, Raymond Domenech: „Die entscheidende Fürsprache zugunsten des Mitglieds der Direction Technique Nationale (DTN) des Verbandes erhielt Domenech von einem anderen DTN-Mitglied, von Aimé Jacquet, der die Bleus 1998 zum WM-Titel geführt hatte und dessen Meinung immer noch viel Gewicht hat. Noch vor zwei Jahren, nach dem Desaster in Südkorea – Frankreich war als Titelhalter torlos in der Vorrunde ausgeschieden –, hatte Jacquet von einer „Leugnung“ der Arbeit der DTN gesprochen, als die Wahl auf Jacques Santini als Nachfolger Lemerres und nicht, wie von Jacquet damals bereits gefordert, auf ein DTN-Mitglied gefallen war. Der 52-jährige Domenech, der die Tradition der DTN-Sélectionneurs erneuert (zwischen 1992 und 2002 waren mit Houllier, Jacquet und Lemerre stets Verbandstrainer engagiert), gilt als Ausbildner, aber auch als guter Kommunikator und Verfechter seiner Ideen gegenüber den Medien. Hierbei mag dem gebürtigen Lyoner auch seine Passion für das Theater als Schauspieler zugute kommen.“

Ball und Buchstabe

The other final

Hans Schifferle (SZ/Feuilleton 12.7.) empfiehlt einen Film: „Der Fußball und das Kino lieben die Außenseiter. Bei der Europameisterschaft haben gerade die Griechen als euphorisierte Underdogs brilliert. Und auch den deutschen Weltmeistern von Bern, wie sie Sönke Wortmann porträtiert, räumte man 1954 nur geringe Chancen gegen die ungarischen Favoriten ein. Doch die zwei Mannschaften, die Johan Kramer hier präsentiert, sind Super-Underdogs gegen jede Chance. Bhutan und Montserrat stehen ganz unten in der Fifa-Rangliste, dort wo die Liste etwas Exotisches, fast schon Poetisches hat. Hinter Samoa steht Bhutan auf Platz 202, Montserrat bildet mit 203 das Schlusslicht. Mehr aber leidet im WM-Jahr 2002 ein kleines Land in Europa, das sonst in den Stadien der Welt orangefarbene Magie verbreitet. Die Holländer haben sich nicht für die WM qualifiziert. Doch das Ausgeschlossensein kann auch Energie freisetzen. Und so haben ein paar holländische Fußball- und Listenfans die schöne Idee für ein anderes, ein bizarres Endspiel in Bhutans Hauptstadt Thimphu, zwischen den zwei letzten der Weltrangliste, ein Finale der beautiful losers, das am selben Tag stattfinden soll wie das große Finale in Tokio.“

The Other Final, NL 2003

WM 2006

Laut einer Studie planen 72 Prozent der deutschen Unternehmen, die WM in ihr Marketing zu integrieren

Tobias Moorstedt (SZ 13.7.) spricht mit Marketing-Experten über die Vorbereitungen und Chancen der WM 2006: “„Aus Marketing-Sicht ist die WM ein Jahrhundertereignis“, sagte Michael Weigany vom Fachmagazin Sponsors auf dem Treffen, „so etwas hat das Land nicht erlebt. 1974 steckte die Mediengesellschaft noch in den Kinderschuhen.“ Die WM 2006 ist der erste globale Event moderner Prägung, der in Deutschland stattfindet, mit Medienhysterie und Werbedauerfeuer. Laut einer Studie des Allensbach-Instituts planen 72 Prozent der deutschen Unternehmen, die WM in ihr Marketing zu integrieren. Und die Studie „Sponsor Visions“ erwartet für das Jahr 2006 Sponsoren-Aufwendungen von 2,6 Milliarden Euro, 700 Millionen mehr als in normalen Jahren. Früher bestand ein Fußball aus Leder-Fünfecken und einem Leder-Sechseck. Heute scheint der Plastikball aus vielen einzelnen Logos und Marken zusammen geklebt zu sein. Etwa 50 Unternehmen und Konzerne haben eine quasi-offizielle Rolle bei der WM 2006. 40 Millionen Euro lassen sich die 15 Fifa-Partner ihr Ticket in die Sphäre des Hochleistungssports kosten, dazu kommen noch einmal sechs „nationale Förderer“, sowie die lokalen Sponsoren, die sich direkt in den WM-Städten engagieren. „Es gibt da eine Aufteilung in A-, B- und C-Sponsoren“, sagt Wolfgang Reitsamer, der Veranstalter der Münchner Marketing-Tagung, „deshalb besteht die Gefahr der Markenverwässerung.“ Auf den Sponsoren-Status alleine sollten Firmen deshalb nicht vertrauen. „Man muss vermitteln können, warum man Sponsor ist und warum das Sinn hat. Widersprüche erkennt der Kunde sofort.““

Bundesliga

Borussia Dortmund hat sich weit von der Goldgräberstimmung entfernt

Felix Meininghaus (FTD 13.7.) besucht die Dortmunder im Traininsglager: „Das schöne Leben“, mit diesem Slogan wirbt das Hotel „Steirerhof“ im österreichischen Bad Waltersdorf, wo die Fußballer Borussia Dortmunds bis Sonntag ihr Trainingslager abgehalten haben. Das Motto scheint exakt auf das Dasein der Dortmunder Profis in den vergangenen Jahren zu passen: Fette Gagen gab es beim BVB zu verdienen, die Gegenleistung war selten adäquat. Die Stars lebten wie die Made im Speck und ließen es sich gut gehen im Ruhrpott-Schlaraffenland. Auch deshalb ist vieles in Schieflage geraten bei dem Klub, der weit über seine Verhältnisse gewirtschaftet hat und nun versucht, den Neuanfang zu schaffen. Die Bemühungen lassen sich vor allem an einem Mann festmachen: Bert van Marwijk hat in Dortmund das Traineramt von Matthias Sammer übernommen, und der Eindruck, den der Holländer macht, ist überwiegend positiv. „Er hat alte Zöpfe abgeschnitten“, sagt BVB-Präsident Gerd Niebaum, „und lässt intensiv ein neues System erarbeiten.“ 4:3:3, so liest sich die Innovation in Zahlen. Van Marwijk will offensiver spielen, in der Trainingsarbeit legt er größten Wert auf Ballsicherheit. Die Spieler loben das abwechslungsreiche Übungsprogramm mit dem Spielgerät und verraten damit indirekt, was sie an van Marwijks Vorgänger vermisst haben. Die Vorbereitungsmaßnahmen unter Fitnessfanatiker Sammer glichen eher Lauf-Trainingslagern. (…) Erst einmal stehen ab Samstag Spiele im UI-Cup an. Ein Wettbewerb, bei dem es gilt, ohne Aussicht auf Gewinne durch die europäische Provinz zu tingeln. „Wenn wir Glück haben“, sagt BVB-Manager Michael Meier, „bekommen wir unsere Reisekosten raus.“ Auch das zeigt, wie weit sich Borussia Dortmund von der Goldgräberstimmung entfernt hat.“

Deutsche Elf

Staatstragender Ton und amateurhaftes Krisenmanagement

an der Trainersuche und bei der Diskussion um die Zukunft des deutschen Fußballs beteiligen sich (zu) viele (FAZ) – der Erfolg der U19 zeigt, dass es erstens um den Nachwuchs nicht so schlecht steht und zweitens, dass es gute deutsche Trainer gibt, etwa ihr Coach Dieter Eilts (FAZ) (mehr …)

Montag, 12. Juli 2004

Deutsche Elf

Zwei Präsidenten, kein Bundestrainer – und nicht ein einziges Problem gelöst

Otto Rehhagel sagt dem DFB ab: „gibt es eine schönere, frohere Botschaft?“ (taz) / „die Suche ist schon nicht mehr peinlich, sie ist geradezu grotesk“ (FR) – Kritik am Kompromiss an der DFB-Spitze: „MV ist die Lösung, weil das Land keine bessere Lösung hat“ (SZ) u.v.m.

Zwei Präsidenten, kein Bundestrainer – und nicht ein einziges Problem gelöst

Michael Horeni (FAZ 12.7.) kommentiert die Absage Otto Rehhagels: “Rehhagel hat eine kluge Entscheidung getroffen. Er hat sich nicht dem Populismus unterworfen, der in Deutschland mit aller Kraft nach „Rehakles“ rief und nach dem griechischen Fußball-Wunder eine Heldengeschichte made in Germany erzwingen wollte. Der deutsche und europäische Meistermacher, der ebenso wie Ottmar Hitzfeld den Posten des Bundestrainers als verdienten Lohn einer großen Karriere angesehen hat, hielt statt dessen lieber sein Wort, das er den Griechen gegeben hatte. Rehhagel blieb auch bei einem verlockenden Gehalt von angeblich fünf Millionen Euro bis zur WM 2006 seinen Europameistern treu. Der Liebe der Griechen kann sich der Essener in den nächsten zwei Jahren (und vermutlich bis zum Lebensende) sicher sein – anders als in seiner Heimat, wenn er sich auf der Schlußetappe seiner Trainerlaufbahn an ein Projekt mit ungewissem Ausgang gewagt hätte. Als Bundestrainer einer schwächlichen Nationalmannschaft in einem von Machtkämpfen geschüttelten Verband sowie einem zur Hysterie neigenden Medienbetrieb hätte sich der „demokratische Diktator“ Rehhagel zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Seine Absage, die den DFB wie ein Schock traf, kann aber für den Verband eine Chance sein, endlich zur Besinnung zu kommen. „Wir hatten uns so sehr auf Rehhagel versteift, daß keine anderen Gedanken Platz hatten“, sagte Franz Beckenbauer am Samstag in aller Offenheit. Der Chef der sogenannten Trainerfindungskommission bestätigte damit alle Vorbehalte gegenüber dem DFB-Krisenmanagement nach dem Rücktritt Rudi Völlers. (…) Das Resultat des Wochenendes könnte kaum niederschmetternder für den DFB ausfallen: zwei Präsidenten, kein Bundestrainer – und nicht ein einziges Problem wirklich gelöst.“

Jetzt sollten die Menschen auch in diesem Land auf die Straßen gehen und singen und tanzen

Frank Ketterer (taz 12.7.) springt in die luft: „Und jetzt? Jetzt sollten die Menschen auch in diesem Land auf die Straßen gehen und singen und tanzen und Feuer der Freude entzünden, schließlich hat der König nun auch sie bedacht mit seiner unermesslichen Güte – und damit ihr Land vor Schlimmem bewahrt. In einem Telefonat mit dem Kaiser hat der König das am Samstag vollbracht, in jenem hat Otto Rehhagel Franz Beckenbauer nämlich eine Absage erteilt. Nein, auch er, Otto I., König der Griechen, der große Rehhakles, will nicht Bundestrainer werden. Mag sein, dass das dem Kaiser Sorgenfalten auf seine hohe Stirn getrieben hat – aber unter uns: Gibt es eine schönere, frohere Botschaft als diese: Rehhagel wird nicht Bundestrainer! Nein, es gibt sie nicht, niemals (außer vielleicht der, dass auch Lothar Matthäus nicht Bundestrainer wird).“

Die Suche ist fast schon nicht mehr peinlich, sie ist geradezu grotesk

Thomas Kilchenstein (FR 12.7.) kritisiert die DFB-Spitz: „Die Installation einer Doppelspitze ist praktisch eine Nulllösung, ist eine Schein-Lösung, die allen wohl und niemandem weh tut. Sie ist dennoch falsch. Sie zeigt, sofern die Delegierten beim Bundestag mitspielen, dass man gewillt ist, genauso weiterzumachen wie bisher. Sie zeigt, dass die so maulforschen Kritikaster schnöde eingeknickt sind vorm großen Patriarchen aus dem Schwabenlande, dass man nichts ändern will – und sich auch nicht entscheiden will. Die Zwitterlösung an der Spitze ist in etwa das Gleiche, wie wenn sich ein Trainer zwischen zwei Torhütern nicht entscheiden kann und eben beide ins Tor stellt. Ähnlich chaotisch gestaltet sich die Suche nach einem geeigneten Nachfolger des Glücksfalles Rudi Völler. Die Suche ist fast schon nicht mehr peinlich, sie ist geradezu grotesk.“

Michael Ashelm (FAS 11.7.) ergänzt: „Die höchsten Fußballfunktionäre scheinen zwischen ihren eigenen Machtansprüchen, den vom Boulevard angefachten populistischen Eingaben und vielen rationalen Überlegungen langsam, aber sicher den Überblick zu verlieren. Die für zwei Jahre vorgesehene Doppelspitze beim DFB mit dem eigentlich entmachteten Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder und seinem designierten Nachfolger Theo Zwanziger als eigentlich starkem Mann an der Seite sagt alles über die reformerischen Fähigkeiten des Verbandes aus. Sie tendieren gen null. Statt klare Entscheidungen zu fällen und schnellstens neue Führungsstärke herbeizuführen, zeigt sich der Altherrenklub der Fußballfunktionäre vor der WM 2006 als unbeweglicher Koloß. Das Resultat dieser Woche in Sachen DFB ist wenig hoffnungsvoll: der aktuelle Präsident schwer angeschlagen, sein Nachfolger durch die eher mißlungene Mediation beschädigt, ein Bundestrainer nicht in Sicht. Denkbar ungünstige Vorzeichen für ein machtvolles Herangehen an die großen Aufgaben. So wie von oben gelenkt wird, so träge dümpelt der schwere Dampfer daher. Durch die verlangsamte Schlingerfahrt hängt der DFB auch bei seiner Bundestrainersuche weit hinterher. (…) Es sieht nicht danach aus, als ob noch ein Trainer mit unumstrittener Autorität gefunden werden kann. Eher hat die Begriffsschöpfung Trainerfindungskommission, kurz TFK genannt, alle Chancen, zum Unwort des Jahres erklärt zu werden.“

Ein Ballack macht noch keinen Frühling!

Griechenland – Torsten Haselbauer (Tsp 12.7.) meldet Freude und Stolz: „“Bleiben Sie bei uns. Ein Ballack macht noch keinen Frühling!“ so hatte der konservative griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis auf dem Staatsempfang für die griechischen Fußballhelden in seinem Athener Amtssitz am Dienstag in gewohnt blumiger, griechischer Sprache an Otto Rehhagel appelliert. Es scheint geholfen zu haben. Mindestens bis 2006 wird der 65 Jahre alte Essener Trainer der griechischen Nationalmannschaft bleiben. Für diese Meldung wurden am Samstag eigens die griechischen Hauptnachrichten unterbrochen. Statt des pausenlosen Lamentierens über die frühe Hitzewelle, die sich über Athen gelegt hat, bekam der Zuschauer plötzlich ein frustriert dreinblickendes Gesicht von Franz Beckenbauer auf der Mattscheibe zu sehen (…) Rehhagels Bleiben wird als weitere Aufwertung für den griechischen Fußball interpretiert. Die Zeitung „Sportime“ sprach von einem „Keulenschlag Rehhakles“ gegenüber dem deutschen Fußball. Daß nun das kleine Griechenland in der Lage sei, einen Trainer an sich zu binden, den der mächtigste aller europäischen Fußballverbände, der DFB, mit viel Geld nach Deutschland locken wollte, macht die Hellenen noch ein wenig stolzer. „Das war doch vor vier Wochen völlig undenkbar und sagt doch alles über die neuen Verhältnisse im europäischen Fußball aus“, so kommentierte ein Fußballjournalist im griechischen Radiosender „NET“.“

MV ist die Lösung, weil das Land keine bessere Lösung hat

Der DFB hat nun zwei Chefs, Thomas Kistner (SZ 12.7.) stampft mit dem Fuß auf: „Unterm Druck der Liga ist der Verband eingeknickt: Er schafft eine Lex Mayer-Vorfelder für den Mann, der zu den größten Skandalnudeln, Posten- und Spesenjägern im Fußball zählt. Einer, der an der Spitze des VfB Stuttgart einen Schuldenberg von mehr als 15 Millionen Euro und ein zerrüttetes Team hinterließ. Dem öfter mal der Staatsanwalt an den Hacken klebte – vor allem aber dem Mann, der auf der Beliebtheitsliste der Deutschen ungefähr gleichauf mit Windpocken rangiert: Bei TV-Umfragen empfanden jüngst 96,2 Prozent der Bundesbürger MV als unerwünschte Amtsperson. Der DFB weiß es besser. Zwar will er Mayer-Vorfelder über die interne Geschäftsverteilung in die Knie zwingen, ihn zum König ohne Land machen. Aber das ist das Mindeste, was erwartet werden darf. Zugleich hält ihn der DFB ja für unverzichtbar in der Rolle als Deutschlands WM-Zeremonienmeister – MV soll Regierungschefs und Könige willkommen heißen. Und bis zur Eröffnungsparty wird er in seinen Ämtern beim Weltverband Fifa und Europaverband Uefa konserviert, gewissermaßen in Alkohol eingelegt. MV ist die Lösung, weil das Land keine bessere Lösung hat. Es wird sich bei der WM, dem größten Gesellschaftsereignis des Jahrzehnts, in der Verfassung zeigen, die es jetzt schon plagt: mit Doppelköpfen überall (warum nicht bis ins Kanzleramt?), mit einem DFB, der bis dahin von der Doppel- über die Dreifachspitze ganz auf Elferrat umgesattelt hat – sowie mit einem WM-Chef, der in seiner Heimat eine Ablehnungsrate hat wie seinerzeit Potentaten vom Schlag eines Honeckers. Willkommen in der Bananenrepublik, hier grüßen Sie nicht mehr mit „Guten Tag“. Sondern auf neudeutsch mit: „Ich nehme das Amt an.““

Karl-Heinz Rummenigge, Ex-Fußballer, beteiligt sich an der Zielsetzung und der Strategiefindung des deutschen Fußballs; Jens Weinreich (BLZ 12.7.) fasst sich an den Kopf: „Es wäre indes höchst ungerecht, die Verantwortung für den Zustand des deutschen Fußballs, seiner Liga (die im internationalen Maßstab in rekordverdächtigem Tempo an Bedeutung einbüßt), seiner Vereine (hoch verschuldet und sportlich dennoch kaum konkurrenzfähig) und seiner Nationalmannschaft (im Trimm-Trab zum EM-Vorrunden-Aus dilettierend) allein der Rentner-Riege des DFB-Präsidiums (Durchschnittsalter knapp 66 Jahre) anzuhängen. Es sollten – gerade in diesen Tagen – auch jene meinungswendigen, neunmalklug im Hinterhalt agierenden Nadelstreifenanzugträger nicht unerwähnt bleiben, die die eigentliche Macht verkörpern in diesem Business, das sich Profifußball nennt. In einem Geschäft, in dem es immer noch weitgehend unerheblich ist, ob jemand über eine solide kaufmännische, juristische oder anders geartete Ausbildung verfügt, sofern er in jungen Jahren nur einmal die Befähigung nachgewiesen hat, einen Fußball unfallfrei über einige Meter Rasen zu befördern. Als ob einem das Leben keine härteren Prüfungen abverlangt. Einer dieser Strippenzieher im Hintergrund heißt Karl-Heinz Rummenigge und fungiert als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München. In einem Radiointerview griff Rummenigge gerade wieder heftig die DFB-Spitze an (der übrigens auch sein Bayern-Präsident Franz Beckenbauer angehört) und formulierte: „Wenn man sich diese ganze Riege anschaut, dann sprechen wir hier von lauter über 60- bis über 70-Jährigen, und es ist die große Frage, ob diese Leute nicht auch mal eine Altersbegrenzung akzeptieren sollten.“ Altersbegrenzung, das ist eine recht hübsche Idee. Nur sollte man hinzufügen, dass es zuvorderst Rummenigge war, der öffentlich (vor allem in den Publikationen des Springer-Verlages, bei dem Beckenbauer unter Vertrag steht) ganz unerbittlich für Mayer-Vorfelder in die Bütt gezogen ist: für den 71-jährigen skandalfesten Mayer-Vorfelder und gegen den 59-Jährigen soliden Juristen Theo Zwanziger. So viel zum Thema Altersbegrenzung. Rummenigge ergriff für Mayer-Vorfelder mit den krudesten Argumenten Partei. Es sei vorher schon bekannt gewesen, dass Mayer-Vorfelder „kein besonders demokratischer, sondern eher ein patriarchischer“ Verbandschef sei, dichtete der Bayern-Vorstandschef. Den Versuch des für die Amateure zuständigen DFB-Vizepräsidenten Engelbert Nelle, Mayer-Vorfelder mit dem überwältigenden Votum der Basis aus dem Amt zu drängen, bezeichnete Rummenigge dagegen als „illoyal“. Sollte es sich hierbei um einen Gedanken und nicht nur um einen Wutausbruch gehandelt haben, versucht man also, die vermeintliche Illoyalität (laut Duden: eine Instanz nicht respektierend, unredlich, untreu, Vereinbarungen nicht einhaltend) des Herrn Nelle in Bezug zu Rummenigges großer weiter Welt zu setzen, dann könnte man meinen: loyales Verhalten sei nur solches, das dem FC Bayern nützt und den Status Quo im deutschen Fußball unverändert lässt.“

Mit der Doppelspitze haben wir den denkbaren Schaden begrenzt
FR-Interview mit Engelbert Nelle, DFB-Vize-Präsident

FR: Das ganze Geschacher um Posten und Positionen hat dem Ansehen des Verbandes nicht gut getan. Gibt sich der DFB mit der Doppelspitze nicht der Lächerlichkeit preis?
EN: Das sehe ich anders. Der DFB hat sicherlich Schaden genommen. Doch mit der Doppelspitze haben wir den denkbaren Schaden begrenzt. Jetzt kann dieser große Verband in eine gute Zukunft geführt werden.
FR: Und Sie können auch Mayer-Vorfelder noch in die Augen sehen?
EN: Ich konnte ihm immer in die Augen sehen. Warum auch nicht? Nur wenn man unterschiedliche Positionen vertritt, führt das ja nicht gleich dazu, dass man sich persönlich überwirft. Wir sind uns immer freundschaftlich begegnet, gerade erst wieder am vergangenen Mittwoch in München beim Treffen der 74er-Weltmeister.
FR: Die Strukturen beim DFB sind verkrustet, die handelnden Personen in DFB, DFL und OK stehen in gegenseitigem Abhängigkeitsverhältnis. Karl-Heinz Rummenigge schlägt die Einführung einer Altersgrenze vor und wirft Ihnen illoyales Verhalten vor. Sie sollten überlegen, sagt Rummenigge, ob Sie ihr Amt nicht zur Verfügung stellen. Tun Sie das?
EN: Da reagiere ich ganz gelassen. Da fällt mir nur das Beispiel ein, vom Hund, der da bellt, aber den Mond anbellt. Muss ich da reagieren? Ich weiß auch nicht, warum er so etwas tut. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen uns: Ich diene dem Fußball und mache meinen Job ehrenamtlich, Herr Rummenigge bezieht für seine Äußerungen Millionen Euro. Wenn sich einer bei Gemeinsamkeit und Harmonie ausschließen will, soll er das tun.

Das Streiflicht (SZ 12.7.) zum Schluss: „Es ist aus. Was hat der DFB verbrochen, was die TFK, dass sie dermaßen brutal bestraft werden? Was hat der deutsche Fußball getan? Eigentlich kann es nichts Schöneres geben, als Trainer der wichtigsten Mannschaft zu sein. Hütchen aufstellen dürfen im Auftrag des Vaterlandes, eine Trainingsjacke tragen dürfen mit Mercedes-Stern hinten drauf, im Fußballalbum von Hanuta einen Ehrenplatz haben, Sammelbildnummer 1. Und dann die ganzen Reisen. Und das Renommee. Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestrainer. Dritter Mann im Staat, bei Weltmeisterschaften Erster. Aber sie finden keinen. Der eine fragt seine Frau und hört, wie seine innere Stimme rebelliert. Dann sagt er ab. Der andere fragt seine Frau und hört, wie die Griechen rebellieren. Dann sagt er ab. Zu befürchten steht, dass am Ende jemand Bundestrainer wird, der keine Frau hat oder sie zumindest nicht versteht, weil sie in fremden Zungen zu ihm spricht. Das könnte Lothar Matthäus sein. Oder jemand, dessen innere Stimme schon immer geschwiegen hat, wenn es drauf ankam. Das könnte auch Lothar Matthäus sein. Wenn große Geschichten solche sind, in denen es immer noch schlimmer wird, dann ist dieses hier die Über-Geschichte. Rumpeliger Fußball, talentfreie Mannschaft, lächerlicher Präsident.“

Samstag, 10. Juli 2004

Internationaler Fußball

Wahlen im ‚Weißen Haus‘ Spaniens

Wahlen im „weißen Haus“ Spaniens, dem Sitz des Präsidenten Real Madrids (NZZ) – Bericht von der antirassistischen Fußball-WM in Italien (FR)

Das weisse Haus

In Spanien steht eine wichtige Wahl an, die Wahl der Präsidentschaft Real Madrids – Georg Bucher (NZZ 10.7.) kommentiert: „Früher als üblich hat die heisse Phase des Wahlkampfs im königlich-weissen Klub Real Madrid begonnen. Da die Nationalmannschaft an der Euro 04 früh ausgeschieden war, musste das Rennen um die Präsidentschaft medialen Ersatz leisten. Werbespots der Kandidaten garnierten die detaillierte Berichterstattung von Radio Marca, andere Sportereignisse rückten an den Rand. Man konnte den Eindruck gewinnen, das „weisse Haus“ in der spanischen Kapitale sei so wichtig wie sein Pendant in Washington. Freilich hing der Wahltermin bis Donnerstag in der Schwebe. Nach dem Champions-League-Gewinn 2000 überraschend Florentino Perez unterlegen, der Figo als Trumpf präsentiert hatte, stellte Lorenzo Sanz diesmal das Prozedere in Frage und verlangte, die Briefwahl zu stornieren sowie den Urnengang vom nächsten Sonntag um zwei Wochen zu verschieben. Im ersten Fall erzielte sein Anwalt einen Teilerfolg. Neben den im Wahllokal abgegebenen Voten zählen nur die bis zum Zeitpunkt des Rechtsspruchs per Post eingegangenen. Perez sei bereits vor seiner offiziellen Kandidatur auf Stimmenfang gegangen, argumentierte das Gericht. Die Briefwahl völlig aufzuheben, würde aber bedeuten, dass ein grosser Teil der 65 000 stimmberechtigten Socios ihr Wahlrecht nicht ausüben könnten. Ausserdem wäre ein neuer Termin erforderlich. Laut „as“ ein salomonisches Urteil, das den Madridismo verwirrt. Auch weil Briefstimmen und vermeintliche Winkelzüge seines Kontrahenten die letzten Wahlen entschieden hatten, war Sanz vorgeprescht. Persönlicher Genugtuung zum Trotz darf sich der Herausforderer keine allzu grossen Hoffnungen machen, dass die Revanche gelingt. Einerseits sind die Medien mehrheitlich dem Amtsinhaber günstig gewogen, andererseits hat dieser negative Erinnerungen an die letzte Saison aus den Köpfen vieler Aficionados getilgt. Besonders der Umbau des Estádio Santiago Bernabeu zur „besten Arena der Welt“ nährt die Vision eines elitär abgehobenen und gleichzeitig die einfachen Mitglieder hofierenden Klubs. Handfeste Argumente gegen die Geschäftsführung finden so weniger Gehör.“

Jan Freitag ([ FR | http://www.fr-aktuell.de/ressorts/sport/sport/?cnt=468307
] 10.7.) berichtet von der einem alternativen Turnier: „Nein, vertrauenserweckend ist es nicht, was sich derzeit im Herzen Italiens abspielt. Nicht nach bürgerlichen Maßstäben. Grelle Punks und dunkle Autonome, ergraute 68er und bunte Esoteriker, regionale Ultrafans und internationale Migrantenteams – Montecchio quillt über vor Andersartigkeit. „Natürlich werden wir von einigen schief angeguckt, aber die meisten haben uns gern hier“, sagt Matthias Durchfeld über die Antirassistische Fußball-WM in Montecchio, ein Sportereignis der massenuntauglicheren Art. Und doch längst eine Massenveranstaltung. 1997, bei der ersten Mondiali Antirazzisti haben 80 Freizeitfußballer gegen Rassismus auf den Tribünen der Welt angekickt. „Jetzt müssen wir aufpassen, dass es nicht aus dem Ruder läuft“, sagt Mitorganisator Durchfeld halb stolz, halb besorgt. Der 40-jährige Deutsche schiebt seine Stutzen runter und blickt übers Gelände von Parmas Nachbarstädtchen: „Aber toll ist das alles schon.“ An die 5000 Menschen aus 17 Ländern bevölkern an diesem Wochenende den kommunalen Sportpark – größtenteils aus Italien und Deutschland. Der EM-Jubel von Portugal ist kaum verhallt, da spielt die alternative Basis ihr eigenes, unkommerzielles, fast anarchistisches Turnier.“

Deutsche Elf

Eine typisch deutsche Revolution

Kompromiss an der DFB-Spitze, „eine typisch deutsche Revolution“ (SZ) – „die Verpflichtung Rehhagels wäre in nichts richtungsweisend, außer dass man sagt: Wir sind am Boden“ (SZ) u.a.

Eine typisch deutsche Revolution

Philipp Selldorf (SZ 10.7.) kritisiert: „Eine typisch deutsche Revolution ist geboren worden. Zu den Waffen! hat man gerufen, und hat sich dann viele Stunden lang mit Worten beworfen – bis man sich endlich einig wurde, alles beim Alten zu belassen. Und so ist der Effekt des ausgefallenen Aufstands ein Kompromiss, der gar nichts gemein hat mit der kriegerischen März-Stimmung, die vor der gestrigen Sitzung herrschte. Wir erinnern uns: DFB-Vorstand Nelle klagte über die „grässliche Stimmung“ im Verbandsvolk und identifizierte MV als „Wurzel allen Übels“. So heiß kochte die rebellische Stimmung in den Provinzen des deutschen Fußballreichs, dass die Wortführer meinten, der alte Patriarch habe „keine Chance“ mehr. Prompt erhob sich aus der Mitte der Führung der Kandidat der Opposition: Schatzmeister Zwanziger wagte es, sich gegen den Autokraten zu erheben. MV schien am Ende, der Stratege schlagartig geschafft. Sein Ende sieht nun so aus: Mayer-Vorfelder gibt der WM 2006 als führender Vertreter des deutschen Fußballs sein Gesicht, er wird Königen, Staatschefs und Spielführern die Hand schütteln, die großen Reden halten und als strahlender Präsident im Fernsehen auftreten – während Zwanziger am Schreibtisch sitzt und die Arbeit erledigt. Diese geradezu lächerliche Aufgabenteilung dürfte exakt dem Geschmack des Amtsinhabers entsprechen. Wer Mayer-Vorfelders Liebe zur Ämtervielfalt kennt, der weiß, dass er die Trennung vom Präsidentenposten wie die Amputation von Armen und Beinen empfunden hätte. Indem man MV den Titel und dessen Glanz lässt, vermeidet man die Auseinandersetzung mit ihm – statt für die Revolution hat sich der Verband für die Realpolitik entschieden.“

Alleinherrschaft

Welche Voraussetzungen ermöglichen Otto Rehhagels Erfolg, Christian Zaschke (SZ 10.7.)? „Unbestritten sind Rehhagels Erfolge, und unbestritten ist auch, dass er diese Erfolge in Biotopen des Fußballs errungen hat: in Bremen, Kaiserslautern und in Griechenland. In diesen konzentrierte sich alle Macht auf ihn, er zog sie an sich, und alle anderen unterwarfen sich. Diese Wechselbeziehung ist entscheidend, der Wille des Umfeldes zur Unterwerfung ist ein Schlüssel zu Rehhagels Erfolgen. Eine demokratische Struktur gibt es mit diesem Trainer nicht, das Wort der Ottokratie wurde häufig benutzt, es sollte amüsant sein, tatsächlich ging und geht es um Alleinherrschaft, um Monokratie. Oder wie er es selbst nennt: „demokratische Diktatur“. Wo das akzeptiert wurde, stellte sich Erfolg ein. (…) In Bremen und Kaiserslautern hinterließ Rehhagel nach seinem Weggang eine große Ödnis. Bremen brauchte viele Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen, Kaiserslautern war nach Rehhagels Abtritt so gut wie erledigt. Mit beiden hatte er zuvor zu seinen Bedingungen Erfolg. Das genau ist nun die Frage, vor der die Trainersuchenden im DFB stehen: Wollen sie das, Rehhagels Bedingungen? Wenn sie das wollen, dann steht seiner Verpflichtung nichts im Wege. Dann könnte man sagen, dass der deutsche Fußball und Rehhagel im Moment wie für einander geschaffen sind. Es wäre eine Aussage, nämlich die, dass der weltgrößte Fußballverband sich nun als Außenseiter sieht. Die Verpflichtung Rehhagels wäre in nichts richtungsweisend, außer dass man sagt: Wir sind am Boden. Es geht bei dieser Entscheidung um das Selbstverständnis des Verbandes, der nur behauptet, ein demokratischer zu sein, der das an der Spitze jedoch selten vermittelt; dieser Aspekt spräche paradoxerweise auch für Rehhagel.“

Er ist jung geblieben, kann den Spielern Spaß vermitteln und lebt den modernen Fußball
Tsp-Interview (10.7.) mit Frank Holzer, vor 30 Jahren Spieler Rehhagels beim 1. FC Saarbrücken

Tsp: Herr Holzer, wo hat sich Otto Rehhagel entscheidend weiterentwickelt?
FH: Ganz klar, beim Haarschnitt. Damals trug er lange Locken.
Tsp: Hat er früher auch am Spielfeldrand gestanden und wild gestikuliert?
FH: Er war schon immer unheimlich enthusiastisch. Und nie mehr wurde ich als Spieler so individuell betreut wie bei ihm.
Tsp: Es gab eine persönliche Betreuung?
FH: Ottos Leben fand damals im hauptsächlich Café „Fürst Ludwig“ statt. Da hat man sich nachmittags zum Einzelgespräch mit ihm getroffen, und dann wurde geredet, manchmal stundenlang.
Tsp: Wurde nur über Fußball geredet?
FH: Nein, da ging es oft um private Dinge. Sicher wurden auch taktische Fragen besprochen, aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihm als Mensch wichtig bin.
Tsp: Ist Rehhagel also der richtige Trainer für die deutsche Nationalmannschaft?
FH: Absolut. Er ist jung geblieben, kann den Spielern Spaß vermitteln und lebt den modernen Fußball. Er schaut sich den Kader an und überlegt: Was kann ich damit machen? Er hat ein Auge für so was.

Freitag, 9. Juli 2004

Vermischtes

Symbolische Zugehörigkeit Griechenlands zu Europa bestärkt

Medienkritik im Spiegel: „Selbst die FAZ wird zum Kampagnenblatt“ (FAZ) – Bekenntnis einer griechischen Schriftstellerin: „dieser Sieg hat die symbolische Zugehörigkeit Griechenlands zu Europa bestärkt“ (FAZ) u.a.

Selbst die FAZ wird zum Kampagnenblatt

Ein EM-Fazit und Medienkritik von Klaus Brinkbäumer (Spiegel 5.7.): „Cristiano Ronaldo war 18, als Manchester United ihn kaufte. Er war die auffälligste Figur dieser 23 Tage von Portugal, aber er steht für alle: für Rooney, für Ibrahimovic, für Baros und Robben, sogar für Schweinsteiger, dessen Namen die Times diesmal noch ins Englische übersetzte: „Pig climber“. Dass mit dem Turnier von Portugal eine Ära der jungen Individualisten zu beginnen scheint, das ist das schönste Resultat dieser drei Wochen. Neue Strategien gibt es nicht mehr: Alle Mannschaften beherrschen das direkte Spiel, sie schaffen Überzahl, wo der Ball ist, das Spielfeld wird eng dadurch. Ob man mit Dreier- oder Viererkette spielt, mit einem Angreifer oder mit mehreren, ist nicht das Entscheidende. Typen wie Ronaldo machten den Unterschied aus, sie knackten die Systeme. Rudi Völler sagte vor dem Turnier, dass „Kleinigkeiten“ die Spiele entscheiden würden, und meistens stimmte das, aber manchmal waren es nur noch Zufälle. Man kann ja vieles erklären, hinterher. Italien schied angeblich aus, weil Trainer Trapattoni zu vorsichtig war; „vercoacht“, das ist eines dieser neuen Fußballworte, es meint die Fehler eines Trainers. Aber war es wirklich so? Italien spielte gegen Schweden eine dieser berauschenden Partien, die weniger Wettstreit als Gesamtkunstwerk waren; Italien wäre ein würdiger Europameister, aber es schied in der Vorrunde mit fünf Punkten aus – Griechenland hatte vier Punkte und kam weiter und dann ins Finale. Es war Pech oder Glück, es war ein Fehler, ein Geniestreich, mehr nicht. Denn dieser neue Fußball ist nicht mehr Rasenschach, er ist Roulette. Ballack schießt gegen Tschechien an den Pfosten – und alle müssen weg, Spieler, Funktionäre, fort mit ihnen! Fordert Bild, fordert Udo Lattek, selbst die FAZ wird nach einem Schuss an den Pfosten zum Kampagnenblatt. Griechenland dagegen bekommt einen Eckball in der 105. Minute, und der Libero bekommt den Ball an den Kopf, 1:0, Schlusspfiff, und dadurch wird Rehhagel, 65, wieder zum Über-Trainer. Natürlich, die Trainer können einen zweiten Stürmer einwechseln, die Viererkette auflösen, aber ist das Kontrolle? Dann spielt Deco oder sonst wer einen schlauen Pass, und alles ist anders. Denn der Fußballer von 2004 geht zwar mit einer Strategie auf den Platz, aber er hat vor allem die Aufgabe, immer wieder aus diesem Schema auszubrechen, um mit einem Spielzug alles zu drehen. Der Fußballer von 2004 bewegt sich wie ein Basketballer der Detroit Pistons, er ist entweder in Bestform oder chancenlos, und er ist wendig: Es geht nicht nur um schnelle Beine, sondern längst auch um eine „Schnellkraft des Denkens“ (SZ). Dieser Fußball ist ständiges Risiko und darum ein Abenteuer.“

Evi Simeoni (FAZ 10.7.) sorgt sich um die Fußball-Identität Deutschlands: „Müssen wir jetzt wirklich rundum zu Griechen werden, als Rückkoppelungseffekt, weil umgekehrt die Griechen sich urplötzlich in Deutsche verwandelt haben? Müssen wir jetzt unsere alten Udo-Lindenberg-Kassetten wegwerfen und künftig im Auto Bouzouki-Musik hören? Siga, siga, sagt der Grieche in einem solchen Fall. Nun mal ganz langsam. (Was uns im übrigen in Reiseführern immer noch irrtümlich als Ausdruck der griechischen Lebenseinstellung verkauft wird, aber in Wirklichkeit wahrscheinlich längst im Handbuch für deutsche Abwehrspieler steht.) Wäre es denn so schlecht, ein Nachfahre von Achilles und Aristoteles zu sein? Wer so denkt, hat aber das Problem nicht verstanden. Es geht ja hier schließlich um Fußball. Und darum, daß die griechische Mannschaft Fußball-Europameister geworden ist in einer Art und Weise, als wären elf schwarzhaarige Deutsche auf den Platz gelaufen, aber nicht etwa elf schwarzhaarige Deutsche von heute, sondern aus der Antike des deutschen Fußballs. Und wenn die griechische Mannschaft nun Fußball spielt wie einst wir: Wie spielen dann wir? Wie Griechen? Lassen wir das lieber, die Europameisterschaft ist schließlich so oder so vorbei. Den Honoratioren vom DFB in ihrem Bundestrainer- und Präsidentenchaos sei zur Orientierung Sokrates zitiert, der einen weisen Satz sagte über seine Heirat mit der als marktschreierisch bekannten Xanthippe, den man aber genausogut auf die Bild-Zeitung anwenden könnte: „Tu, was du willst, so oder so wirst du es bereuen.“ Sokrates‘ Gattin im übrigen wurde hauptsächlich deshalb so zänkisch, weil der alte Brummbär zu Hause nie ein Wort mit ihr sprach. Doch in diesem Punkt haben sich die Zeiten geändert: Der Nenn-Grieche Otto Rehhagel jedenfalls will erst einmal seine Frau fragen, ob er den Sirenengesängen des Herrn Zwanziger aus Deutschland erliegen soll, sofern der verwegene Schatzmeister noch einen Fuffziger drauflegt. Ähnliches wäre Odysseus nicht passiert, seine Frau wartete wie einst Ev Herberger zu Hause darauf, daß ihr Held von seinen Taten heimkehrte.“

Dieser Sieg hat die symbolische Zugehörigkeit Griechenlands zu Europa bestärkt

Fußball begeistert – bekennt die griechische Schriftstellerin Rhea Galanaki (FAZ/Feuilleton 10.7.) nach einem Literatentreffen: „Das Zusammenfallen unseres Treffens mit dem EM-Endspiel warf auf unsere Erfahrung als Autoren ihr eigenes, magisches Licht. Die schriftstellerische Einsamkeit wurde aufgehoben, und alle von uns, Griechen und Gäste, öffneten sich einem Mannschaftsgeist, in dem sich das Zittern um den Sieg und das Delirium nach dem Erfolg in einer Befreiung des Körpers und vor allem der Sprache äußerten – in den voll sexueller Anspielungen steckenden Liedern jener Tage, aber auch in den Umarmungen, den Küssen, den Jubelschreien, dem Hochreißen der Arme, den Körperbewegungen. (…) Dieser Sieg hat auch, weit über die Einführung des Euro hinaus, die symbolische Zugehörigkeit Griechenlands zu Europa bestärkt – weit mehr als der Export der griechischen Literatur in irgendeine Sprache und zu irgendeinem Literaturfestival. Das setzt mein Land nicht herab, ganz im Gegenteil. Ich verstehe nicht viel von Fußball, aber was ich sofort verstehe, ist: Es handelt sich – im Gegensatz zur abgeschotteten und schwer zu übertragenden griechischen Literatur – beim Sport um eine „internationale Sprache“, mit ihren eigenen, für alle geltenden Regeln. (…) Ich tat zum ersten Mal in meinem Leben etwas, das allen, die mich kennen, unverständlich erscheinen muß. Ich wühlte in einer Truhe nach der schönen griechischen Flagge meines Schwiegervaters, der General war. Ich hatte sie noch nie hervorgeholt, und daher rächte sie sich vielleicht dadurch an mir, daß sie nicht an ihrem Platz lag. Allein und unerkannt trat ich auf den Vassilissis-Sofias-Boulevard, ebenfalls zum ersten Mal in meinem Leben aus solch einem Anlaß. Von einer Zigeunerin kaufte ich eine Plastikfahne und schloß mich Tausenden von Menschen an, die fast alle griechische Flaggen trugen. Nahezu zwei Stunden warteten wir, da keine Macht der Welt die Leute, die vor Freude außer sich waren, davon abhalten konnte, den vorbeifahrenden Bus zu berühren – in einem archaisch anmutenden Ritual, durch das die Menschen zu den Siegern Kontakt aufnehmen und ihre Anerkennung ausdrücken konnten – den glänzenden Siegern, die uns hinter den dunklen Scheiben zuwinkten.“

Christoph Keil (SZ/Medien 10.7.) schaut, mit Gewinn, fern: „Natürlich gab es zu dem, was als Das Wunder von Bern in diesen Tagen wortreich beschrieben worden ist, eine ungarische Entsprechung. Die Wunde von Bern heißt der Film, den Hennig Rütten für die ARD gedreht hat. Im Mittelpunkt steht Gyula Grosics, der ungarische Torwart, dem die Schuld am 2:3 gegen die deutsche Elf im WM-Endspiel 1954 gegeben wurde. Dass sich die Menschen in Ungarn der Niederlage wegen erregten, war bekannt. Inzwischen gelten die Protestmärsche nach dem Finale als erste politische Äußerung gegen das Regime von Matyas Rakosi, den fürchterlichen Staatsherrscher. Rakosi ließ den Zug, mit dem das ungarische Team auf dem Rückweg war, 50 Kilometer vor Budapest stoppen und versicherte, nichts Schlimmes werde geschehen. Tatsächlich wurde Grosics sechs Wochen später unter Spionage-Anklage und Hausarrest gestellt. Er wurde ein Jahr lang verhört, dann freigelassen, musste aber den großen Verein Honved Budapest verlassen. Rakosi hatte persönlich verfügt, dass Grosics nur noch in der Provinz kicken dürfe, in Tatabánya.“

Die Wunde von Bern, ARD, Sonntag, 14.30 Uhr

Deutsche Elf, Internationaler Fußball

Game Over

„Soccer-Blues bei den Fußball-Fans“ (SZ) – „die Copa América ist nach bester lateinamerikanischer Tradition von den Meinungsmachern und Ideologen in Peru zum kontinentalen Sportereignis des Jahres hochgeredet worden“ (NZZ) u.a.

Game Over

Tobias Moorstedt (SZ 9.7.) dreht Daumen: “Etwas ist anders in diesen Tagen: Der Himmel lastet schwer über der Stadt, die Menschen laufen mit geduckten Köpfen durch die Fußgängerzone, haben kein Lächeln übrig, kein Nicken, kein Schulterzucken, nicht einmal das. Es fehlen die lachenden Gesichter der Fußballfans, die Wikingerhelme und Grimassenmasken, die Kriegsbemalung. Fünf Tage Game Over. Erste EM-Entzugserscheinungen. Die lachenden Gesichter werden zu Schatten der Erinnerung. Selbst der Vorzeige-Grieche am Gyros-Stand steht mit ouzoschwerem Kopf hinter der Theke und ist seltsam still. Die Fußball-Fans haben den Soccer-Blues, die Psychologen sprechen von einem „sozialen Kater“. „Wenn man etwas ganz intensiv erlebt hat, folgt häufig danach eine Frustration, weil etwas Wichtiges weg ist“, erläutert Reinhold Schmitz-Schretzmaier, Diplom-Psychologe und Schöpfer des Begriffs. Die EM, so wird es in den Jahresrückblicken stehen, war ein Fußballfest. Deutschland war bei dieser Party nur bis zum Sektempfang eingeladen, wurde danach höflich zum Ausgang geleitet und drückte sich die Nase an der Fernsehscheibe platt. Auch das war wahrscheinlich ein Grund dafür, dass die TV-Außenreporter die EM-Stimmung mit solcher Emphase lobten. Die Schalt-Orgien von Lissabon nach Athen nach Berlin, wo die Stimmung immer „Wahnsinn“ und „Super“ war und man einen Satz hörte, der selten geworden war: „Die Menschen freuen sich.“ Wie hypnotisiert verharrten die Kameras auf dem „Ring aus faszinierten Gesichtern“, wie Elias Canetti das Fankollektiv im Stadion beschrieben hat. Otto Rehhagel meinte zu diesem Thema: „Alle Menschen sind jetzt Brüder.“ In Wahrheit zerfällt das magische Band des Fußballs kurz nach dem Abpfiff. Mittlerweile zeigt selbst der göttliche Bund Ottos mit den Griechen Auflösungserscheinungen, im Gewitter des Alltags, von Partikularinteressen und Eigensinn zerfetzt. Die Menschen sind Brüder, die sich leider nur verstehen, wenn der Fußball das Leben so einfach macht.“

Ein Leserbrief an die FAZ (9.7.): „Ihr Feuilletonbeitrag „Rahn schießt – Pause. Wie das ,Wunder von Bern‘ im Zuchthaus Brandenburg wirkte“ hat in mir die folgende Erinnerung hervorgerufen. Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer war ich, damals West-Berliner Student, von einem Ost-Berliner Gericht wegen Fluchthilfe für einen befreundeten Kommilitonen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Den größten Teil hatte ich in der Ost-Berliner Strafanstalt Rummelsburg zu verbüßen. An einem frühen Morgen Mitte 1962 kam bei allen Gefangenen der Station Dora im Haus 6 so etwas wie Jubel auf: die Zentrale hatte ihrem gewohnten Lautsprecherkommando „Die Stationen Anton, Berta, Cäsar, Dora: Nachtruhe beenden!“ zum ersten und einzigen Mal eine Mitteilung hinzugefügt: in der vergangenen Nacht habe die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Chile die Elf der CSSR geschlagen. Wir alle wußten, daß damit Sepp Herbergers Mannen eine Runde weitergekommen waren. So war für viele von uns wenigstens dieser eine Tag „gerettet“. Die mit dieser Lautsprecherdurchsage verbundene menschliche Geste war etwas Einmaliges.“

Aus Südamerika berichtet Max Seelhofer (NZZ 9.7.): „Die Copa América ist nach bester lateinamerikanischer Tradition von den Meinungsmachern und Ideologen in Peru zum kontinentalen Sportereignis des Jahres hochgeredet worden. Gleichwohl sind neben dem sportlich minderen Wert des ältesten Wettbewerbs von Fussballnationalmannschaften auch in den Sektoren Infrastruktur und Promotion einige Defizite auszumachen. Die einzige international wirklich konkurrenzfähige Austragungsstätte Perus, das Stadion „Monumental“ des Klubs Universitario aus der Hauptstadt, wurde – aus an sich nichtigem, irrelevantem Anlass – von den Eigentümern/Betreibern zur „Off“-Zone erklärt, einer operettenhaften Intrigen-Dramaturgie folgend. Doch immerhin ist es gelungen, das alte, traditionsreiche Nationalstadion so weit herzurichten, dass es den Veranstaltern nicht zur Schande gereichen wird. Gleiches gilt für die diversen Arenen in den Provinzstädten, die quasi in letzter Minute unter Mobilisierung aller zur Verfügung stehenden Kräfte Copa-tauglich gemacht worden sind. “

Bundesliga

Das ausrangierte Parkstadion ist aus Ruinen auferstanden

Das ausrangierte Parkstadion ist aus Ruinen auferstanden

Schalke 04 scheint dem Weg Borussia Dortmunds exakt zu folgen. David Schraven, Ulrich Hartmann & Johannes Nitschmann (SZ 9.7.) beäugen die Schalker Bücher: „Im Gelsenkirchener Rathaus reiben sie sich die Augen. Das ausrangierte Parkstadion ist in der Bilanz des Bundesligisten Schalke 04 aus Ruinen auferstanden. Mit 15,6 Millionen Euro steht die alte Spielstätte des Klubs im jüngsten Geschäftsbericht zu Buche. Dabei hatte die bettelarme Stadt den Schalkern das 64 200-Quadratmeter-Areal im Stadtteil Buer nur deshalb zum symbolischen Preis von einem Euro überlassen, um nicht auf den Abrisskosten von einer Million Euro sitzen zu bleiben. Jetzt könnte die Altlast zum Sprengsatz werden. Entweder hat sich die Kommune vom Verein ausdribbeln lassen, oder der klamme Klub hat sich mit einem bilanziell aufpolierten Parkstadiongelände vorläufig die Existenz und damit die Bundesliga-Zugehörigkeit gesichert. Beides wäre ein Desaster für die fußballverrückte Stadt. (…) Für Schalke 04 scheint das vom Steuerzahlerbund beanstandete Blitzgeschäft lebenswichtig gewesen zu sein. Schließlich musste der Verein für eine Lizenz für die neue Spielzeit bei der DFL eine halbwegs ausgeglichene Bilanz 2003 vorlegen. DFL-Geschäftsführer Christian Müller hält sich bedeckt. „Als Treuhänder vertraulicher Informationen“ sei er „nicht berechtigt“, zum Lizenzierungsfall Auskunft zu geben. Er weist darauf hin, dass die DFL bei der Lizenzerteilung „die Vermögenssphäre des Vereins nur in zweiter Linie zu interessieren hat“. Beim Nachweis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gehe es „vorwiegend um die Liquidität bis zum Ende der zu lizenzierenden Saison“. Allerdings waren die Schalker zuletzt offenbar nicht immer flüssig. Mal mussten angeblich die Ordnungskräfte der Arena auf ihr Geld warten, mal griff Fußball-Nachbar Wattenscheid 09 zum Mittel der öffentlichen Mahnung in der Zeitung RevierSport, um die restliche Ablösesumme für den Spieler Hamit Altintop einzutreiben. Zuletzt hatte Schalke Außenstände beim Musiktheater Gelsenkirchen, das zum 100. Geburtstag des Vereins das Musical „Nullvier“ inszenierte.“

siehe auch hier

Deutsche Elf

Zwanziger, der neue starke Mann

der Machtwechsel an der DFB-Spitze scheint sichere Sache und verläuft verträglich / Theo Zwanziger, „der neue starke Mann“ (FAZ) – wo und wie findet man einen Bundestrainer? „die TFK sucht wirklich überall“ (taz) u.a.

Zwanziger, der neue starke Mann

An der DFB-Spitze deutet sich ein Kompromiss an, vermutet Michael Ashelm (FAZ 9.7.): „Der Druck auf den Verband, der in zwei Jahren die Weltmeisterschaft auszurichten hat und für seine Nationalelf derzeit noch den passenden Bundestrainer sucht, war zuletzt stetig gewachsen. Mahnende Worte gab es sogar aus der Hauptstadt Berlin, von Innenminister Otto Schily, der gleichfalls Mitglied des Aufsichtsrates im WM-Organisationskomitee ist. Am Montag hatte Schatzmeister Zwanziger in einer außerordentlichen Präsidiumssitzung die Kandidatur gegen Mayer-Vorfelder auf dem Verbandstag erklärt. Seither suchen vor allem die Umstürzler nach einem geeigneten Weg, damit der Verband nicht durch eine Kampfabstimmung zwischen den Kontrahenten weiter an Ansehen einbüßt. Immer mehr kristallisiert sich dabei die bevorzugte Variante der Zwanziger-Befürworter für eine leise, einigermaßen gütliche und reibungslose Machtübergabe heraus. Hinter den Kulissen reden die Unterhändler darüber, daß Mayer-Vorfelder auf dem Verbandstag im Oktober nicht mehr antreten solle und dafür im Gegenzug vorerst einige seiner anderen repräsentativen Betätigungsfelder behielte. So könnte der 71 Jahre alte Stuttgarter die für den DFB-Präsidenten reservierte Position als Aufsichtsratsvorsitzender des WM-Organisationskomitees weiterhin bekleiden; auch auf internationaler Bühne darf er weiter auf die Rückendeckung des Verbandes hoffen. Mayer-Vorfelder gehört dem Exekutivkomitee des Internationalen und Europäischen Fußball-Verbandes an. Daß sich Zwanziger bei der Wahl im Oktober noch einmal zurückhält und Mayer-Vorfelder den Vortritt läßt, um dann als Kompromiß im Jahr 2006 nach der WM auf einem vorgezogenen Verbandstag selbst den Chefsessel besteigen zu können, darauf dürfte sich der Herausforderer nicht einlassen. Als neuer starker Mann im Verband, das offenbaren die Machtströmungen, darf sich Zwanziger schon jetzt fühlen.“

Thomas Kilchenstein (FR 9.7.) beschreibt Otto Rehhagels Dilemma: „Das Dumme ist: Otto Rehhagel befindet sich, einerlei, wie er entscheidet, auf dem absteigenden Ast: Er kann nur noch verlieren. Wie soll er eine Europameisterschaft toppen? Indem er Weltmeister wird? Mit Griechenland? Könnte schwierig werden. Mit Deutschland? Wer denkt da dran. Otto Rehhagel bleibt eine einzige Option: Er muss zurücktreten als Hellenen-Coach und seine Karriere beenden – auf ihrem Höhepunkt. Das wäre die Krönung seiner Laufbahn. Nur: Wer sagt’s ihm? Beate womöglich?“

Die TFK sucht wirklich überall

Weitersuchen!, befiehlt Andreas Rüttenauer (taz 9.7.): „Eine neue Abkürzung ist in aller Munde. Sie hört sich an, als bezeichne sie ein gefährliches Umweltgift oder eine geheimnisvolle Infektionskrankheit aus Südostasien: TFK. Es handelt sich um das Kürzel für Trainerfindungskommission, jenes Gremium, das vom DFB-Präsidium installiert wurde, um jemanden für eine Aufgabe zu finden, die so recht keiner übernehmen will. Arsène Wenger war einen Tag lang der Lieblingskandidat beinahe aller Sportredaktionen des Landes. Einen Tag später ist der Traum auch schon ausgeträumt: Wenger will nicht. In seiner höflichen Absage ist deutlich zu spüren, dass der Elsässer wohl nie so richtig ernsthaft erwogen hat, über ein Angebot des DFB nachzudenken. Noch ein Supertrainer also, der sich mit einer deutschen Nationalmannschaft bei der Heim-WM 2006 nicht blamieren will. (…) Weil die TFK nicht so dastehen will wie Mayer-Vorfelder nach der Hitzfeld-Absage – nämlich mit leeren Händen –, werden jetzt schon einmal Namen genannt, mit denen nun wirklich niemand rechnen konnte. Volker Finke beispielsweise. Ein Provinzfürst aus dem Fußballdörfchen Freiburg als Alternative für den Global-Player-Trainer Arsène Wenger. Die TFK sucht wirklich überall.“

ältere Zitate über die Trainersuche, den Machtkampf an der DFB-Spitze und die deutsche Elf

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