indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 8. Juli 2004

Deutsche Elf

Rehhagel im Rollstuhl

Herr Rehhagel hat mir gesagt, daß er nicht mit dem Rollstuhl ins Stadion fahren wolle

Wer gewinnt das Tauziehen um Otto Rehhagel, Michael Horeni (FAZ 8.7.)? „Das deutsch-griechische Geschacher um Otto Rehhagel hat offiziell begonnen. „Mit diesen Erfolgen, die er in Deutschland und jetzt mit der griechischen Nationalmannschaft hatte, kommt man an ihm nicht vorbei“, sagte Franz Beckenbauer, der mit Rehhagel schon Kontakt aufgenommen hat. Der OK-Chef und inoffizielle Chef der sogenannten Trainerfindungskommission, im Jargon kurz „TFK“ genannt, schloß sich damit wieder einmal den populistischen Tendenzen von „Bild“ an, die Rehhagel schon seit Tagen zum einzig möglichen Retter des deutschen Fußballs verklärt. Beckenbauer benannte den neuesten Wunschkandidaten im Münchner Olympiastadion, wo sich die Weltmeister von 1974 zum Wiedersehen trafen. Damals besaß Rehhagel schon seit zwei Jahren die Fußballehrer-Lizenz; aber ob der erfahrenste aller Kandidaten tatsächlich die ihm angetragene Position antreten will, liegt nun dem Anschein nach alleine an ihm. Der griechische Verband ist entschlossen, um seinen Europameister zu kämpfen – oder zumindest eine Ablösesumme herauszuschlagen. „Es ist kein Thema, daß er uns verläßt. Mich interessiert nicht das Szenario, daß der DFB uns womöglich um eine Freigabe bittet. An dieses Szenario denke ich nicht. Herr Rehhagel wird noch zwei Jahre in Griechenland bleiben“, sagte Präsident Vassilis Gagatsis am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Athen. Dabei bestätigte er auch, daß der 65 Jahre alte Essener seinen Vertrag nicht bis zur EM 2008 verlängert hat: „Herr Rehhagel hat mir wörtlich gesagt, daß er nicht mit dem Rollstuhl ins Stadion fahren wolle, und das Angebot abgelehnt.““

Sie sind doch auch nur Lehrer geworden, damit Sie das letzte Wort behalten!

Im Grauton zeichnen Alfred Behr & Michael Horeni (FAZ/Politik 8.7.) ein Bild Mayer-Vorfelders: „Als er vor drei Jahren zum Präsidenten des DFB gewählt wurde, fuhr Gerhard Mayer-Vorfelder ein Ergebnis ein, wie es einst nur kommunistischen Machthabern vergönnt war. Von den 255 Delegierten auf dem DFB-Bundestag wagte es nur ein Einziger, aus der Fußball-Einheitsfront auszubrechen und ein Votum gegen den einzigen Präsidentschaftskandidaten abzugeben. Das Ergebnis von 99,75 Prozent hatte mit dem öffentlichen Bild Mayer-Vorfelders allerdings ungefähr soviel zu tun, wie die reale Lage im Ostblock mit den dortigen Wahlergebnissen. In diesen Tagen nähern sich die Stimmen und Stimmung innerhalb des Sechs-Millionen-Verbandes allerdings der Wirklichkeit an. Die Mehrheit hat Mayer-Vorfelder nun auch innerhalb des DFB gegen sich, während man von Sympathiewerten im Fußball-Land schon gar nicht mehr reden mag. Eine Umfrage des Nachrichtensenders N-TV ermittelte einen Unbeliebtheitswert von mehr als 96 Prozent – und auch in allen anderen Umfragen im Land rangiert der wankende DFB-Präsident im tiefen Keller. In Radiosendungen wird sein zur Verballhornung einladender Doppelname in allen möglichen, aber immer unehrenhaften Varianten unters Volk gebracht. Spott und Widerstand, wenn auch nicht in diesem Maß, ist der Fußballfunktionär Mayer-Vorfelder seit Jahrzehnten gewohnt. (…) Als er unter Lothar Späth Kultusminister wurde, brachte er die Linken in Harnisch mit der Bemerkung, es könne nicht schaden, wenn die Schüler nicht nur die dritte, sondern alle drei Strophen des Deutschlandliedes auswendig lernten. 1987 forderte die SPD – nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Male – seinen Rücktritt, nachdem er gesagt hatte, die Chaoten in Berlin, in der Hamburger Hafenstraße und in Wackersdorf sprängen „schlimmer herum als die SA jemals“. Daß er die kleinen Dorfschulen im Südwesten gerettet, die Hauptschulen aufgewertet und die unselige Mengenlehre in der Grundschule als erster Kultusminister abgeschafft hat, geriet darüber in den Hintergrund. Mit den Lehrern hat sich der Kultusminister Mayer-Vorfelder überworfen, wo es ihm nur möglich war. Die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft war außer sich, als der Minister einem GEW-Kreisvorsitzenden vorhielt: „Sie sind doch auch nur Lehrer geworden, damit Sie das letzte Wort behalten!““

Stefan Osterhaus (BLZ 8.7.) lacht über die TFK: „Natürlich hat der DFB einen folgenschweren Fehler begangen. Er hat eine Findungskommission gegründet, die den Bundestrainer erspähen soll. Das klingt zwar gründlich, ist es aber nicht. Richtiger wäre gewesen, zunächst einen Spähtrupp zu rekrutieren, der erst einmal die Finder auf Gemüt und Sachverstand prüft. Denn was soll am Ende dieser Suche, den Gesetzen der DFB-Logik folgend, schon stehen? Eben: der Adlertrainer Otto Rehhagel, der Deutschland zum Turkmenistan erklärt und sich dann mit seinen elf kleinen Freunden bei der WM 2006 im eigenen Land mindestens bis ins Endspiel elfmeterschießt. Doch das alles ist kein Grund, „in Sack und Asche zu verfallen“ (Günter Netzer) und zu glauben, das Problem der Kandidatenfindung hätte man exklusiv. Ein Blick gen Westen zeigt, dass es auch dort wild zugeht. Hatten nicht die Besonnenen aus der Berliner Republik den Fußball-Weisen Guus Hiddink als Auswahltrainer gefordert? Einen Holländer? Jawohl! Und was geschieht im Flachland jenseits der Grenze? Dort debattiert man seit Dick Advocaats Rücktritt über: Otto Rehhagel und Rudolf Völler.“

Internationaler Fußball

Die Griechen füllten das Feld mit Knoten

Ramon Besa (El País) schildert die Erfolgsstrategie Griechenlands: „Erstaunliches Griechenland, über das Turnier von Anfang bis Ende erhaben, überraschend bei der Eröffnung und mit aller Rechtmäßigkeit Sieger im Finale, so oft man es auch dreht und wendet. (…) Nichts tut einer selbstverliebten Mannschaft mehr weh als im Finale der Europameisterschaft in Lissabon und gegen Griechenland zu verlieren. Cool und motiviert martyrisierten die Griechen ein schwerfälliges Portugal in einem verhedderten und konfusen Zusammenstoß, wie er in Endspielen oft passiert. (…) Die Griechen lieben es, nach dem Gegner zu trachten, bis sie ihn in eine Sackgasse getrieben haben, damit er, umzingelt, den Ball freigibt, unter dem Druck der Panik, die jeder Hinterhalt auslöst. Sie setzen ihn unter Druck, und darüber hinaus kratzen sie an den Nerven und heben den Gegner in ihrer Art, das Spiel zu verstehen, aus den Angeln, völlig unkonventionell, als wäre ihr Fußball von einem anderen Stern oder aus der Mode. Rehhagel bringt es auf die Palme, dass er schlechte Kritiken dafür erhält, dass er Manndeckung anordnet, Defensiv- ebenso wie Offensivaktionen automatisiert und das Spiel tötet. Portugal war nicht weit entfernt von der Verzweiflung, die Griechenland in jedem Spiel hervorruft. Schon nach einer Viertelstunde musste man besorgt sein, weil Deco von Katsouranis unterworfen wurde; und Figo hatte bereits zwanzig Runden um den Strafraum gedreht, ohne die Eingangstür zu finden. Es gab keine Möglichkeit, vier Pässe in Folge zu spielen. (…) Physisch sehr stark, psychologisch noch härter und taktisch am besten, füllten die Griechen das Feld mit Knoten, die die Portugiesen zwangen, von Fuß zu Fuß zu spielen, immer unterlegen und erschrocken über die zehn Rivalen, die hinter dem Ball auf sie warteten. Portugal fand sich ins selbe Chaos verstrickt wie die Franzosen, die Spanier und die Tschechen. (…) Die Portugiesen fühlten sich immer lächerlicher, erschrocken über die Machtlosigkeit ihrer Mannschaft gegenüber den Dompteuren Rehhagels (…) Niemand, nicht einmal Portugal in zwei Versuchen, konnte mit dem Team von Rehhagel mithalten, der mit Vergnügen seine Rolle als Gegengift annahm in einem Turnier, in dem diejenigen ausschieden, die die Flagge des Spiels trugen. Ob aktiv oder passiv, wie man will – Griechenland ist Europameister. Unwiderrufbar Griechenland.“

Rumbakugelschießen

Santiago Segurola (El País) fügt hinzu: „Das Finale bot einen auf das Minimum an Ausdruck reduzierten Fußball; anders konnte es nicht kommen. Griechenland war Griechenland, eine zerstörerische Mannschaft, die sich frei von jeglichem Geltungsdrang fühlt. Sie ist Rivalen von enormem Ansehen gegenübergetreten und hat sie alle entstellt: Portugal wirkte nicht wie Portugal. Ebenso wenig war Frankreich Frankreich, und auch Spanien erinnerte nicht an Spanien. Alle waren am Ende vampirisiert von einer Mannschaft, die das Talent hat, das Nervensystem ihrer Gegner zu zerstören. Die Nerven Griechenlands liegen niemals blank. Die Mannschaft bewältigt die Begegnungen mit einer Gleichgültigkeit, die faszinierend wirkt. Nie hat man sie von den Spielen überwältigt gesehen, weder von der Anspannung noch von der offensichtlichen Realität ihrer großartigen Leistung. Sie spielten in der letzten Begegnung wie in der ersten. Mit derselben Folge: dem Sieg. Das Verdienst Griechenlands war, alle seine Qualitäten auszuspielen, ohne auch nur einer seiner Schwächen Raum zu gewähren. Davon müssen sie einige haben, aber sie waren nicht zu sehen. (…) Die berühmten modernen Strategen haben keine Möglichkeit gefunden, einen ziemlich simplen Plan zu deaktivieren: Manndeckung, massive Verteidigung und überhaupt kein Interesse für den Ballbesitz. Wenn alle Mannschaften so wären wie Griechenland, hätte man den kafkaesken Fall eines Fußballs ohne Angriff. (…) Portugal war das letzte Opfer. Es hatte nichts aus seiner Niederlage im ersten Spiel gelernt und spielte letztlich genauso ängstlich. Eine Mannschaft, die sich zu sehr verantwortlich fühlte für die Erwartungen, die sie geschaffen hatte. Ein Land war bereit, das Fest der Mannschaft von Scolari zu feiern. Es war ein Rumbakugelschießen auf die griechische Art. Seit dem berühmten Sieg Uruguays über Brasilien 1950 hatte man keine so formidable Überraschung erlebt. Weder Figo noch Cristiano Ronaldo noch Deco waren auf der Höhe ihres Ruhmes. Pauleta schon. Er spielte so schlecht wie eben schon immer. Der Verteidigung passierte etwas, was keine Neuartigkeit darstellte: Fast immer hat sie einen Fehler pro Spiel begangen. Gegen England – schlechter Pass von Costinha –, gegen Holland – Eigentor Andrades – , und gegen Griechenland: Sie alle erstarrten zu Statuen, als Charisteas aufs Tor schoss. Ein Kopfball, ein Tor, der Sieg, eben Rumbakugelschießen.“

Griechenland hat bis zum Schluss überrascht

Alain Constant (Le Monde 6.7.) würdigt die Leistung Griechenlands: “Wenn der Fußball Massen auf der ganzen Welt begeistern kann, dann, weil er ermöglicht, solch unglaubliche Ereignisse zu erleben: Griechenland ist Europameister. Nicht, dass ihre Art und Weise Fußball zu spielen während der Euro besonders attraktiv gewesen ist. Allein die Tatsache, dass eine zu Beginn des Turniers derart gering eingestufte Mannschaft im Verlauf des Wettbewerbs auf so hohem Niveau alle bisherigen Machtverhältnisse und Prognosen stürzen kann, hat etwas faszinierendes. Griechenland ist also Europameister. Und wenn man alle sechs Begegnungen auf portugiesischem Boden näher betrachtet, ist dieser unerwartete Triumph verdient. Zwei Siege gegen Portugal, einer gegen Frankreich, ein weiterer gegen Tschechien, ein Unentschieden gegen Spanien, eine Niederlage ohne Folgen gegen Russland und lediglich vier Gegentore.“

Warum ist Dick Advocaat zurückgetreten? Henk Mees, if-Leser, sichtet die holländische Presse. War er die massiv ausgedehnte Kritik satt? Oder stand schon Monate vorher fest, dass Dick Advocaat nach der EM seine Karriere als holländischer ‘Bondscoach’ beenden würde? Am Dienstag kam die offizielle Bestätigung. „Es fehlte ihm die Basis. um weiter zu machen. Die Medien haben ihn abserviert”, erklärte Henk Kesler, Direktor des Fußballverbands KNVB. Dick Advocaat (56) schweigt. Er macht Urlaub in Spanien und überließ die kurze Erklärung dem Verband. Aber die in Fußballfragen immer gut informierte Zeitung De Telegraaf (7.7.) weiß, dass Advocaat seinen Entschluss schon Monate vorher getroffen hat, und dass er sich jetzt wieder auf eine Rückkehr im Clubfußball orientiert. Bei PSV Eindhoven und Glasgow Rangers stand er nie so scharf im Feuer der Kritik wie bei ‘Oranje’. Er leitete die Mannschaft, verteilte über zwei Perioden, in 55 Länderspielen. Aber mit seinen Ergebnissen waren die Holländer nie zufrieden. Nicht mit dem Viertelfinale bei der WM 1994 und der Eliminierung durch den späteren Weltmeister Brasilien; auch nicht mit dem Platz unter den letzten Vier bei der EM 2004. Da gab es ja, alles zusammen, nur einen Sieg – gegen Lettland. Die holländische Fußballwelt fordert immer mehr. Man glaubt fest daran, dass eine Mannschaft mit Spielern, die von Barcelona oder Chelsea nicht gewollt sind, stark genug ist für den Titel. Vor allem ist Advocaat gescheitert an dem Unvermögen, der Elf einen holländische Offensiv-Stil mitzugeben. „Advocaat hat immer an den alten Spielern festgehalten, die ganz Holland nicht mehr sehen wollte. Er kehrte sich damit gegen alle Kritik von Fans, Trainer-Kollegen, Medien und eben den Nationalspielern. Dass er das Halbfinale erreichte ohne Kredit dafür zu erhalten, hat ihn gestochen. Seine Reaktion war maßgebend für seinen ganze zweite Zeit als Bondscoach. Ihm fehlt Persönlichkeit und Charisma”, urteilt Valentijn Driessen in De Telegraaf. Laut De Telegraaf hat der KNVB schon bei Johan Cruijff um Rat gebeten. Im Algemeen Dagblad (7.7.) schreibt Chris van Nijnatten dass der Verband mehr Ratgeber braucht als nur Cruijff. „Lasst uns hoffen, dass er sich breiter beraten lässt, sonst wird es eine politische Frage, wobei die Gruppe um Crujjff einen unerwünscht großen Einfluss bekommt.” In der Zeitung Trouw (7.7.) bevorzugt Henk Hoijtink einen Ausländer als Nachfolger. „Am besten wäre ein unabhängiger Ausländer wie Morten Olsen. Es wäre gut, wenn Oranje mal mit frischen Augen geleitet wird nach einer Zeit, in zu viel auf feste Werte vertraut wurde.”

WM 2006

Goldene WM-Gedenkmünze finanziert André Heller

Michael Reinsch (FAZ 8.7.) hört die Münzen rollen: „Bei wenigen Themen seines Ressorts ist Bundesinnenminister Otto Schily so engagiert und voller Vorfreude wie bei der Fußball-WM 2006. Als er am Mittwoch im Kabinett mit Verve über den Stand der Vorbereitung, insbesondere des Kunst- und Kulturprogramms zur WM sowie der umstrittenen Vor-Auftaktfeier in Berlin, berichtete, unterbrach ihn Finanzminister Hans Eichel mit dem Zwischenruf: „Aber das kostet doch alles!“ Schilys Erwiderung ging in die Kabinettsrunde: „Wollt ihr da mit einer Multikulti-Truppe aus Kreuzberg antreten?“ Die Bundesregierung will die Weltmeisterschaft im Wahljahr laut Schily zur Darstellung Deutschlands „als modernes, fröhliches, weltoffenes und im Sinne des Bundespräsidenten Köhler optimistisches Land“ nutzen. Bei der Finanzierung des Kulturprogramms, das der WM vorausgeht, erhält die Regierung überraschend Unterstützung. Die Fifa will sich engagieren. Fifa-Präsident Josef Blatter habe Bundeskanzler Gerhard Schröder einen namhaften Betrag versprochen, sagte Schily. Nach Informationen der FAZ handelt es sich dabei um mehrere Millionen Euro. Das Kulturprogramm mit einem Budget von 30 Millionen Euro wird bislang ausschließlich vom Bund bestritten.“

Javier Cáceres (SZ 8.7.) spielt die Kugel weiter: „Mehr als 20 Millionen Euro hat der Minister für die Party in den Sportetat gestellt, die Mittel für die von André Heller zu konzipierende Feier sollen durch eine goldene WM-Gedenkmünze und einen „namhaften Betrag“ der Fifa bestritten werden. Es handle sich also nicht um Steuermittel, sagte Schily – und warf Klaus Riegert, Sportsprecher der CDU/CSU-Fraktion, indirekt vor, „falsche Legenden in die Welt zu setzen.“ Riegert hatte von Steuermitteln gesprochen – allerdings aus nachvollziehbarem Grund: Aus dem Haushaltsentwurf, der Ende Juni vom Kabinett beschlossen wurde, war nicht ersichtlich, woher das Geld für die Eröffnungsfeier stammen sollte. Mangel an Kommunikation? „Ich fühle mich nicht informiert“, sagte Grünen-Sprecher Winfried Hermann, der zwar Verständnis dafür zeigt, „eben keinen 08/15-Pomp“ anzubieten, aber wissen will, wie Hellers Konzept aussieht, bevor er mitjubelt. „Die Regierung muss sich dem Parlament stellen“, sie dürfe „nicht den Eindruck erwecken, als sei die WM ihre eigene Veranstaltung“. Dass sie „gerade in Zeiten knapper Kassen Nachfragen“ ertragen müsse, weshalb Geld für ein Fest, aber nicht mehr für die Sportstättenförderung Ost da sei, sei „selbstverständlich“, sagt Hermann – und findet Schilys Kritik an der Kritik erstaunlich: „Er war mal ein sehr kritischer Parlamentarier.““

Bundesliga

Ich würde gerne länger bleiben. Aber die Spieler wollen nach Hause

Bundesliga

Kopiert Borussia Dortmund das Bremer Resozialisierungsmodell? (FAZ) – Felix Magath in München – Hertha BSC auf Nachsorgekur für eine missratene Saison (Tsp)

Kopiert Borussia Dortmund das Bremer Resozialisierungsmodell, Richard Leipold (FAZ 8.7.)? „Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund haben ein neues Zauberwort: Aufbruchstimmung. Der Begriff zieht sich wie ein Leitmotto durch die Aussagen der Führungskräfte. In ihrem Abwärtstrend – nicht nur auf dem Fußballplatz – erinnert die Borussia an eine politische Partei, die sich nach einer Reihe von Wahlniederlagen wieder aufrappeln will. Ins sportliche Mittelmaß abgerutscht und wirtschaftlich tief in die Verlustzone geraten, brauchen die Dortmunder dringend einen Aufschwung, wenn sie sich nicht noch weiter vom eigenen Anspruch entfernen wollen. Als das kickende Personal aus den Ferien zurückgekehrt war, sprach Präsident Gerd Niebaum von einem „personellen Neuanfang“. Er kann damit allein Trainer Bert van Marwijk gemeint haben, der die Nachfolge Matthias Sammers angetreten hat. Sonst sind die handelnden Personen lauter alte Bekannte, in der Mannschaft wie in der Unternehmensspitze. (…) Die Borussia, einst voller Kauflust, muß längst nach Schnäppchen suchen. Der Klub habe auf dem Transfermarkt „viel Geld verbrannt“, sagt Meier. Selbst die neuen BVB-Spieler, die zuletzt anderen Arbeitgebern dienten, wie etwa Florian Kringe oder Sunday Oliseh, sind alte Bekannte, die in Dortmund einen neuen Anlauf nehmen wollen. Während Kringes Rückkehr aus Köln allgemein erwartet worden war, erregte die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit Oliseh ein gewisses Erstaunen. Der Nigerianer hatte sein sportlich überaus gedeihliches Intermezzo beim VfL Bochum im Frühjahr abbrechen müssen, weil er seinem Mannschaftskollegen Vahid Hashemian, von dem er sich provoziert fühlte, einen Kopfstoß versetzt und das Nasenbein gebrochen hatte. Kurz darauf hatte der BVB dem defensiven Mittelfeldspieler, der ein Spiel eröffnen kann, fristlos gekündigt. Der anschließende Arbeitsgerichtsprozeß löste sich in Wohlgefallen auf. Das Resozialisierungsprogramm für gefallene, aber hochqualifizierte Profis könnte noch einem weiteren Spieler zugute kommen: Die Rückkehr des brasilianischen Stürmers Marcio Amoroso scheint nicht mehr ausgeschlossen. Nach vielen Querelen und Affären hatte der BVB sich scheinbar endgültig von dem früheren Bundesliga-Torschützenkönig getrennt. Eine Knieverletzung, sein mittlerweile schlechter Ruf und vor allem der Einfluß seines dubiosen Beraters Nivaldo Baldo haben den Liebling von einst zu einem schwer vermittelbaren Profi gemacht. Amorosos Vater wollte nicht länger mit ansehen, wie sein Sohn auf die schiefe (Lauf-)Bahn gerät. „

Ich würde gerne länger bleiben. Aber die Spieler wollen nach Hause

Quälix ist wieder am Werk! Markus Schäflein (SZ 8.7.): „Am letzten Tag des Trainingslagers hatte Felix Magath seine Spieler noch einmal den Wallberg besteigen lassen. „Als wir das erste Mal oben waren, konnte man kaum etwas sehen“, sagte Magath. Diesmal kamen die Profis nach den rund tausend Höhenmetern in den Genuss des Ausblicks. „Die Gegend ist wunderschön“, hatte Magath dabei festgestellt, „ich würde gerne länger bleiben. Aber die Spieler wollen nach Hause.“ Schließlich hatte Magath einen freien Tag nach der Rückkehr angekündigt. Er stellt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ottmar Hitzfeld keinen Trainingsplan mehr auf. Magath entscheidet von Tag zu Tag, wie trainiert wird. „Ich bin kein Freund von großen Planungen“, sagte er. So überrascht er die Spieler – mal negativ, wenn er den Waldlauf schon für sieben Uhr ansetzt, mal positiv, wenn er kurzfristig ins Thermalbad zum Entspannen lädt. Die Stimmung in der Mannschaft blieb daher trotz der anstrengenden Einheiten gut. Und nach dem Trainingslager war Magath der Meinung, dass sich die Spieler eine Auszeit verdient hatten. „Es war eine Freude für uns Trainer, alle haben sehr gut mitgezogen“, sagte er. Allen voran Nachwuchsspieler Piotr Trochowski, der sich stets als Klassenbester gezeigt hatte, ob beim Seilspringen oder beim Bücksprung am Reck. (…) Magath nutzte den Anlass, um generelle Kritik am Terminplan der Nationalmannschaft zu äußern. „Die Belastung für die Spieler ist zu groß“, sagte er. „Wenn man die vergangenen großen Turniere analysiert, gibt es keine andere Schlussfolgerung. Die Spieler müssen dieser Belastung in der Saison Tribut zollen und sind nicht in der Lage, ihre beste Leistung zu bringen.“ Sebastian Deisler hatte erklärt, er sei „glücklich, nicht bei der Europameisterschaft dabei gewesen zu sein“. So habe er seit langem wieder einmal vier Wochen Urlaub gehabt. Diese Auffassung könne er gut verstehen, sagte Magath. Es habe sich auch gezeigt, dass die Nationalspieler durch die hohe Belastung anfälliger für Verletzungen während der Saison seien. Der Trainer forderte von den Fußball-Verbänden, die Einsätze der Auswahlspieler besser auf die Vereinstermine abzustimmen und auf manche Spiele ganz zu verzichten. „Man muss sehen, wie man an den Terminplan rangeht“, forderte er. „Wir müssen sehen, dass wir einen Kurs fahren, dass die Nationalspieler spielfähig sind.“ Die großen Turniere könne man zwar nicht ändern. „Aber Belastungen durch manche Länderspielreisen könnte man verhindern.““

Das klingt nach einem Ziel für eine langfristige Gruppentherapie

Die alte Dame Hertha macht sich frisch. Friedhard Teuffel (Tsp 8.7.): „Das Hotel Seeresidenz in Tirol empfängt heute die passenden Gäste zu seinem Wahlspruch. „Wo es täglich ein schönes Erwachen gibt“, so wirbt das Fünf-Sterne-Hotel in Walchsee, und das ist genau die richtige Verheißung für den Fußballklub Hertha BSC. Das zehntägige Trainingslager ist schließlich auch eine Art Nachsorgekur für eine missratene Saison. Ein ums andere Mal waren die Fußballspieler von Hertha BSC böse erwacht und hatten erst sehr spät erkannt, dass sie sich nicht in einem Traum befanden. Beinahe hätten sie ihre Erstklassigkeit verloren. Nun sollen sich die Spieler von diesen Erinnerungen befreien, aber trotzdem von der bitteren Erfahrung profitieren. Manager Dieter Hoeneß formuliert das so: „Wir müssen vergessen machen, was war, ohne es zu vergessen.“ Das klingt nach einem Ziel für eine langfristige Gruppentherapie, und es verdeutlicht, das der mentale Aspekt des Trainingslagers wohl der wichtigste ist.“

Mittwoch, 7. Juli 2004

Vermischtes

Deutlicher Beigeschmack von Neid

in die Freude der Türken über den Erfolg der Griechen mischt sich ein deutlicher Beigeschmack von Neid (Tsp) – Griechenlands Nationalmannschaft, ein Jurassic Park des Ballsports (Zeit) – die EU-Kommission hat die italienische Regierung formell aufgefordert, das „salva-calcio“-Gesetz zu ändern (NZZ)

Thomas Seibert (Tsp 8.7.) bemerkt Neid in der Türkei: „Die roten Fahnen mit Halbmond und Stern und die weiß-blauen Flaggen mit dem Kreuz wehten in trauter Eintracht nebeneinander. Nach dem Triumph der griechischen Nationalmannschaft bei der EM in Portugal feierten mehrere hundert griechische und türkische Fans gemeinsam auf dem Taksim-Platz im Herzen von Istanbul. Auch die türkische Presse freute sich: „Der Pokal steht jetzt auf der anderen Seite der Ägäis“, lautete eine Schlagzeile. Doch in die Freude mischt sich ein deutlicher Beigeschmack von Neid. „Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich sei nicht neidisch gewesen“, bekannte einer der prominentesten Journalisten der Türkei, Mehmet Ali Birand, nach dem EM-Finale. Griechenland, das mit seinen knapp elf Millionen Einwohnern weniger Einwohner hat als die türkische Metropole Istanbul, hat erreicht, wovon 70 Millionen Türken seit Jahren träumen: einen international bedeutenden Titel, der das Image des Landes im Westen mit einem Schlag verändert. Der dritte Platz der Türkei bei der WM 2002 war zwar ein Achtungserfolg, aber für die EM konnten sich die Türken nicht qualifizieren. (…) Dass die türkisch-griechische Harmonie ihre Grenzen hat, zeigte sich auch auf der geteilten Mittelmeerinsel Zypern. Nach diplomatischem Hin und Her entschied das griechische Olympische Komitee, die Flamme nicht in den türkischen Teil tragen zu lassen. Auch die EM führte auf Zypern zu Krach zwischen den Volksgruppen. Während in Istanbul gemeinsam gefeiert wurde, sollen in einem der wenigen von Griechen und Türken bewohnten Dörfer auf Zypern siegestrunkene Griechen auf das türkische Bürgermeisteramt geschossen haben.“

Griechenlands Nationalmannschaft, ein Jurassic Park des Ballsports

Sehr lesenswert! Richard Herzinger (zeit.de 5.7.) greift tief in die Sprüche-Kiste: „Fußball – das ist, wenn 22 Leute hinter einem Ball herrennen und am Ende gewinnt immer Deutschland. Dieser legendäre Ausspruch eines frustrierten englischen Kickerstars aus den achtziger Jahren hat sich am Sonntag auf unheimliche Weise einmal mehr bestätigt. Die Deutschen schon in der Vorrunde ausgeschieden? Ausdruck eines jahrelangen Niedergangs deutscher Fußball-Dominanz? Kein Problem. Rechtzeitig hat Deutschland eine Wunderwaffe exportiert (nicht umsonst nennen wir uns so gerne „Export-Weltmeister“), die an fernen Gestaden eine Art Team Deutschland II oder auch Deutschland Classic aufgebaut hat. König Otto Rehakles schuf aus griechischem Rohmaterial eine genetische Kopie des deutschen Ledertreter-Ungeheuers, das in früheren Jahrzehnten alle freudig, fröhlich und naiv aufspielenden Rivalen niedertrampelte, und von dem sich die große globale Fußballwelt schon erlöst gewähnt hatte. Rennen bis zum Umfallen, Räume zu und eng machen, kämpfen mit unverwüstlicher Kondition und eiserner Disziplin bis zur letzten Sekunde, mit unbeirrbarer Konsequenz durch Kampf zum Spiel finden und so weiter, das war die Rezeptur, die Otto im Reagenzglas ins hellenische Exil mitnahm und in die ihm zur Verfügung gestellten südländischen Körper einimpfte. Griechenlands Nationalmannschaft, ein Jurassic Park des Ballsports. Dellas, der Hellas-Briegel. (…) Welche Magie war da im Spiel? Nun, ein kulturhistorischer Rückblick führt das Geschehen aus der Twilight Zone wieder in die Gefilde rationaler Erklärbarkeit zurück. Dass ausgerechnet Griechenland als Wiedergänger teutonischer Fußball-Glorie auftrat, ist kein Zufall. Ja, nur mit Griechenland war solche faustische schwarze Verwandlungskunst möglich. Denn ist nicht Griechenland im Grunde an sich ein Geschöpf deutscher Imagination? Hat nicht die Griechenlandsehnsucht der deutschen Klassik und Romantik, von Winkelmann bis Schliemann, im 18. und 19. Jahrhundert jener südbalkanischen Hirtenbevölkerung, die ihre glorreiche antike Vorgeschichte längst vergessen hatte, überhaupt erst die Idee ins Ohr geblasen, sie seien die nationalen Erben der größten Kultur aller Zeiten? Die alten Griechen der Neuzeit wollten die Deutschen sein und es damit ihren Rivalen im Westen, den Welschen und dem perfiden Albion zeigen, welche sie als Nachfahren der mit roher Gewalt über die Welt herrschenden Römer ansahen.“

Neues aus Berlusconien, meldet die NZZ (8.7.): „Der Streit zwischen Brüssel und Rom über das „Salva calcio“-Gesetz zur finanziellen Entlastung der oft hoch verschuldeten Fussballklubs geht in die nächste Runde: Die EU-Kommission hat am Mittwoch die italienische Regierung formell aufgefordert, das Gesetz zu ändern. Erhält sie binnen zweier Monate keine zufriedenstellende Antwort, kann sie den Europäischen Gerichtshof (EuGH) anrufen. Der umstrittene Erlass vom Februar 2003 enthält Vorschriften über die Rechnungsabschlüsse von Profi-Sportvereinen, darunter der Fussballklubs der Serie A. Nach Auffassung der Kommission verstösst er gegen die EU-Rechnungslegungsvorschriften, da die Jahresabschlüsse einiger Sportvereine kein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der finanziellen Lage bieten. So können die Klubs Wertminderungen von Vermarktungsrechten an Profis in der Buchhaltung als Aktiva ausweisen und über zehn Jahre abschreiben. Nach den EU-Vorschriften darf die Abschreibung nicht länger dauern als die Vertragslaufzeit selbst, die bei Spielerverträgen viel kürzer ist.“

Zeit-Interview (8.7.) mit Peter Neururer

Meine Herren, sie stehen fast so da wie bei der ersten Tanzstunde

Thomas Kistner (SZ 8.7.) berichtet das Zusammentreffen der 74er: „Es ist zurzeit überall im deutschen Lande eine Menge geboten in Sachen fußballerischer Denkmalpflege. In München hätte es sich dieser Tage glatt gelohnt, auf dem Marienplatz jemand mit einem Megaphon herumzuschicken, um folgenden protokollarischen Hinweis zu verkündigen: „Wir bitten nun alle Teilnehmer an den Gedenkfeierlichkeiten für die Helden von Bern 1954 den Platz zu räumen, damit in Kürze die Helden von München 1974 einmarschieren können – wir danken für ihr Verständnis!“ Dienstag feierten die 54er, Mittwoch war es gleich wieder so weit, mit Franz Beckenbauer an der Spitze nahmen die Fußball-Weltmeister von 1974 das Rathaus in Beschlag. Obwohl, so raumgreifend war die Präsenz der Müller, Overath, Hoeneß, Breitner, Bonhof, Netzer, Vogts und Kollegen (nur Grabowski, der 60. Geburtstag feierte, Heynckes, Höttges, Nigbur, Kremers, Herzog fehlten) nicht: „Meine Herren, sie stehen fast so da wie bei der ersten Tanzstunde“, neckte Oberbürgermeister Christian Ude das Heldenaufgebot im Kleinen Sitzungssaal, wo der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt stattfand. (…) Und so trafen sich 30 Jahre danach die Helden von einst zur großen Nostalgie-Party, auch die Spieler der damaligen DDR-Auswahl waren samt Trainer Georg Buschner nach Bayern gereist – und mit Jürgen Sparwasser, der seinen legendären Treffer heute eher als Fluch empfindet: Einmal, weil er fortan zuhause als Günstling der Parteibonzen galt, mit Auto, Haus und anderen schönen Dingen, von denen er tatsächlich nur weiter träumen konnte in einer Magdeburger Mietskaserne. Und dann, weil jenes Tor der DDR seinerzeit in eine Zwischenrundengruppe verhalf, die sich als „Todesgruppe“ herausstellte, wie Mayer-Vorfelder genüsslich anmerkte: Brasilien, Argentinien und das Sensationsteam aus den Niederlanden waren damals eindrucksvoller als die Gruppengegner der DFB-Auswahl: Jugoslawien, Schweden, Polen. Um so schwerer wog der deutsche Endspieltriumph über die Holländer, die ja „knapp, aber immerhin mit 2:1 geschlagen wurden“, wie Ude fand – und dafür ein paar strenge Blicke kassierte.“

Der kurze Sommer der Ottokratie

Stefan Willeke (Zeit 8.7.), Wunder über Wunder: „Otto Nikopoldis, Otto Seitaridis, Otto Dellas, Otto Basinas, Otto Zagorakis, Otto Giannakopoulos, Otto Charisteas, Otto Fyssas, Otto Vryzas, Otto Kapsis, Otto Katsouranis und als Einwechselspieler Otto Venetidis, gefolgt von Otto Papadopoulos. Wie die meisten anderen Journalisten dachte auch ich, man müsse sich die Namen der griechischen Spieler nicht merken. Trainer Otto Rehhagel und seine Griechen liefen bei mir unter der Rubrik „Der kurze Sommer der Ottokratie“. Aber Rehhagel hat alle Zweifler eines Besseren belehrt, sein Sommer ist sensationell lang geworden. Europameister Griechenland, wie kann man diesen Siegeszug erklären? Keinem gelingt das überzeugend, und deswegen hat jetzt das „Wunder“ Konjunktur. (…) Einmal, nach einem EM-Spiel der englischen Mannschaft, fuhr ich in der Nacht stundenlang zurück zur Südküste. Ich war hundemüde. Kurz vor dem Ziel, es war drei Uhr früh, stauten sich die Autos vor der Mautstation am Ende der Autobahn. Überall Engländer, eine Schlange aus rot-weißen Flaggen. Warten, anfahren, bremsen, dösen, warten. Plötzlich hupte alles, weil ein Fan aus einem Auto gesprungen war. Ich dachte zuerst, ich halluzinierte. Der Mann hatte sich nackt ausgezogen, rannte auf das Kassenhäuschen zu, blieb dann abrupt stehen, schmiss seine Arme empor und schrie wie von Sinnen: „Inglänt!“ Danach lief er unter tosendem Applaus zurück zu seinem Wagen, zog sich wieder an und zahlte an der Kasse brav 16 Euro 35. Nationalmannschaften, sagt man, könne man nicht wirklich lieben. Im Fall von England bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher.“

Otto Rehhagel hat sich als der große Meister der plebejischen Schlauheit erwiesen

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris (Welt/Feuilleton 7.7.) weiß den Sieg Griechenlands historisch-philosophisch einzuschätzen: „Nein, dachte ich fünf Minuten vor dem Ende des Spiels, es kann nicht sein, dass wir die Portugiesen 1:0 besiegen. Unsere Plebejer proben zwar den Sieg, werden aber mit leeren Händen nach Hause gehen. Fünf Minuten später waren wir Europa-Meister, aber keiner glaubte daran. Weder die Spieler, noch die Zuschauer in Lissabon, Portugiesen und Griechen, noch weniger die Millionen Griechen, die vor ihren Fernsehschirmen saßen. Wie konnte man es auch glauben? Man bedenke doch, welche Fußballsstars uns den Weg sperrten: Luis Figo, Deco, und Pauleta; Raul, Vicente und Paco Morientes; Zinedine Zidane und Thierry Henry; Baros und Pavel Nedved. Die sind doch mindestens eine Million Euro pro Fuß wert. Und was hatten wir dagegen anzubieten? Trajianos Dellas, der zwar in Roma spielt, aber den Ball kaum zweimal während des Campionatto berührt hat. Jiorgos Karagounis, der bei Inter ist, aber nur ab und zu in der letzten Viertelstunde eingesetzt wird. Und Angelos Charisteas von Werder Bremen, der seit Dezember fast nicht mehr gespielt hat. Viele haben sich über das defensive Spiel der griechischen Mannschaft ironisch, oder gar verächtlich geäußert. Wenn man aber gegen Goliaths überleben will, muss man sich wie David verhalten. Anders herum gesagt: Wenn man jeden zweiten Abend gegen ein anderes Römisches Reich kämpft, braucht man das Durchhaltevermögen und die Schlauheit der Plebejer. Lassen wir mal die beiden Mannschaften beiseite, und nehmen uns die Trainer vor. Auf der einen Seite Felipe Scolari, der vor einigen Jahren Brasilien – unbesiegt! – zur Weltmeisterschaft geführt hat. Auf der anderen Seite Otto Rehhagel, vor der Übernahme der griechischen Nationalmannschaft arbeitslos und in Deutschland in Verruf geraten. Der Vergleich besagt alles, nur eines nicht; dass nämlich Otto Rehhagel sich als der große Meister der plebejischen Schlauheit erwiesen hat. Otto Rehhagel war vielleicht der einzige, der immer an den Sieg geglaubt hat. Und es war ihm vollkommen egal, ob die Mannschaft modernen oder altmodischen Fußball spielte. „Modern ist, wenn man gewinnt“, antwortete er einmal auf die Frage eines deutschen Sportjournalisten. Ein anderer, auch deutscher Sportjournalist, schrieb vor einigen Tagen, dass Otto Rehhagel den Griechen die harte Arbeit, die Disziplin und das Engagement beigebracht hätte; und er fügte, etwas bitter, hinzu: „Alle jene deutschen Eigenschaften, die die deutschen Spieler nicht mehr haben.“ Die Letzten werden die Ersten sein, sagt die Bibel. Kann sein, dass sie einmal Recht hat.“

Deutsche Elf

Hilflosigkeit des DFB bei der Trainersuche

„der Aufstand von Frankfurt: Gerhard Mayer-Vorfelder hat die Wahl: Entweder er tritt schnell zurück – oder die Präsidentenwahl wird vorgezogen“ (SZ) / „In der Machtzentrale des deutschen Fußballs herrscht niemand – außer Hilflosigkeit“ (FAZ) / „die Fussballnationalmannschaft gehört allen 80 Millionen Bundesbürgern“ (NZZ) – Trainersuche, „wer will noch mal, wer hat noch nicht?“ u.v.m.

Nachwehen der Europameisterschaft

Michael Horeni (FAZ/Leitartikel Seite 1 7.7.) kommentiert den bevorstehenden Machtwechsel beim DFB: „Die Tage des 71 Jahre alten ehemaligen baden-württembergischen Ministers in seiner Rolle als erster Mann im deutschen Fußball scheinen gezählt zu sein. Die Suche nach einem neuen Bundestrainer, die Mayer-Vorfelder zur „alleinigen Chefsache“ erklärt hatte, befeuerte eine im Verband schon seit Monaten schwelende Kritik am selbstherrlichen Führungsstil eines Präsidenten, der durch Auftreten und Affären seit vielen Jahren schon auf Ablehnung in der Öffentlichkeit stößt. Die verbandsinterne Opposition, die derzeit auf eine solide Unterstützung in den Landesorganisationen vertrauen darf, hat die vergangenen Tage zu koordinierten Angriffen gegen den Amtsinhaber genutzt. Im DFB hat eine Revolution der alten Männer stattgefunden. Der Aufstand gegen Mayer-Vorfelder, getragen auch von jahrelang loyalen Mitarbeitern, illustriert den großen Verdruß über diesen Präsidenten, der Macht trotz öffentlicher Ablehnung intern bislang immer zu organisieren wußte. Die Stimmung im eigenen Verband verstand er aber ausgerechnet zu einem Zeitpunkt nicht mehr richtig zu deuten, als er sich auf dem Höhepunkt seiner Macht wähnte. (…) Die Begeisterung der Deutschen für die Weltmeisterschaft im eigenen Land beginnt unter den Nachwehen der Europameisterschaft zu leiden. Ein nationales Ereignis, das in zwei Jahren zu einem gesellschaftlichen (Sport-)Fest im Zeichen von Lebensfreude und wiedergewonnener Leistungskraft werden soll, hat mit unerwarteten negativen Einflüssen zu kämpfen. Daß die Nationalmannschaft mit der europäischen Spitze nicht mehr mithalten kann, drückt schon seit längerem auf die Stimmung des Publikums. Eine unkluge und verzweifelt anmutende Trainersuche stellt die Fähigkeit des Verbandes in Frage, auf die sportliche Krise angemessen zu reagieren. Der Machtkampf um die DFB-Präsidentschaft wirft auch einen Schatten auf einen stets unerschütterlichen Verband, der gegenwärtig mehr mit sich selbst als mit seinen dringlichsten Aufgaben befaßt ist. Ein Ende der Ära Mayer-Vorfelder könnte für den DFB auch zu einer Befreiung werden. Dazu müßte es dem Verband aber nicht nur gelingen, zu einem kooperativen Führungsstil zurückzukehren. Im DFB sind nicht zuletzt die verkrusteten Strukturen aufzubrechen, die sich um die Nationalmannschaft gebildet haben. Eine verjüngte Führungsriege, die auch kluge Sympathieträger früherer Tage, Jürgen Klinsmann oder Oliver Bierhoff zum Beispiel, einbände, könnte einer Nationalmannschaft, einem Verband und einer Weltmeisterschaft den dringend benötigten Rückenwind verschaffen. Der DFB braucht neue Gesichter. Nicht nur an der Spitze.“

Die Fussballnationalmannschaft gehört allen 80 Millionen Bundesbürgern

Martin Hägele (NZZ 7.7.) fügt hinzu: „An der ausserordentlichen Präsidiumssitzung machten die Kollegen ihrem Vorturner klar, dass seine Tage an der Spitze des 6,5 Millionen Mitglieder starken Verbands gezählt seien. Fussball-Deutschland hat genug vom selbstherrlichen und arroganten Führungsstil des emeritierten CDU-Ministers; die Fussballnationalmannschaft gehört allen 80 Millionen Bundesbürgern und darf nicht länger im Familienbesitz der Mayer-Vorfelders bleiben. Leider offenbarten sich die schon lange untragbaren Zustände der Öffentlichkeit erst im Zusammenhang mit dem Scheitern von Rudi Völlers Ensemble an der Euro in Portugal und dem spontanen Rücktritt des Teamchefs. Die Borniertheit von Deutschlands höchst dekoriertem Postenjäger, der die Bundestrainer-Frage zu seiner persönlichen Solonummer erklärt hatte, paarte sich dabei mit der Fehleinschätzung seiner Gegner. Am Montag entpuppten sich die Oppositionsführer Nelle und Moldenhauer, die nach einem Treffen der 21 Landes- und 5 Regionalverbände – die Amateur-Instanzen verfügen in der Präsidentenwahl über die klare Mehrheit – kräftig Mut getankt hatten, nämlich nicht länger als Papiertiger, sondern als eine übermächtige Opposition, die in Zwanziger nun auch einen starken Kopf zum Vorzeigen hat. Zwanziger hat jetzt offiziell seinen Hut in den Ring geworfen für das Präsidentenamt; auch Mayer-Vorfelder gab an, dass er in Osnabrück ein zweites Mal kandidieren wolle. Wobei flugs noch eine dreiköpfige Kommission aus Nelle, DFB- Generalsekretär Schmidt, und Liga-Chef Hackmann gebildet wurde. Das Trio soll den bockigen Präsidenten bearbeiten und ihm klar machen, dass ein dreimonatiger Wahlkampf dem Verband auch in seiner Rolle als Gastgeber der WM 2006 äusserst schlecht zu Gesicht stünde. Stattdessen wäre ein ordentlicher Abgang für Mayer-Vorfelder zu wünschen, solange man nach dessen Imageverlust überhaupt noch von ordentlich reden könne.“

Der Aufstand von Frankfurt setzt ein ermutigendes Zeichen

Thomas Kistner (SZ 7.7.) lobt die Opposition: „Es ist nicht beim Zwergenaufstand geblieben, bei der Salonrevolution der Braven und Zahnlosen, die sich vom großen DFB-Zampano Gerhard Mayer-Vorfelder gleich beim ersten Treff mit ein paar gezielten Peitschenhieben auseinander treiben lassen. Der Boss wurde angeknockt, nach dem Begehr der 6,2 Millionen Mitglieder darf seine Amtszeit den 23. Oktober nicht überdauern. Vielleicht geht es ja auch schneller – im Fall, dass sich MV auf eine Kampfkandidatur mit Herausforderer Theo Zwanziger einlässt und ein Sonder-Bundestag des DFB schon bis Ende August über die neue Führungsperson entscheiden sollte. Der Aufstand von Frankfurt setzt ein ermutigendes Zeichen. Der Krisenzustand des deutschen Fußballs ist endemisch, bis zur großen nationalen Selbstdarstellung 2006 braucht es rasche, dauerhafte Lösungen. Und weil die Misere ganz oben beginnt, wird die Auswechslung MVs unausweichlich. Dies ist nicht mehr die Zeit für harthörige Duodezfürsten, die sich ihr Reich mit ein paar Spezln teilen (oder mit der unternehmungslustigen Familie). Mit der Erhebung gegen MVs Operettenherrschaft muss sich die DFB-Führung nicht länger dem Vorwurf aussetzen, dass sie Narzissmus und verblasene Rituale begünstigt – Rituale, die in Teilen des Weltsports ja weiter am Wirken sind und just von MVs lautestem Fürsprecher, Fifa-Boss Blatter, mit Hingabe gepflegt werden. Doch Blatter kann seine Deals und Tricks in den vielen uneinsehbaren Zonen der Dritten Welt abziehen, ein deutscher Verbandschef hat auf Dauer ein paar kritische Beobachter zu viel bei so einer ehrenamtlichen Sonnenkönigs-Sause.“

In der Machtzentrale des deutschen Fußballs herrscht niemand – außer Hilflosigkeit

Michael Ashelm (FAZ 7.7.) ergänzt: „In der Machtzentrale des deutschen Fußballs herrscht niemand – außer Hilflosigkeit. Wo schnelles Handeln, geschicktes Krisenmanagement und ein hohes Maß an kommunikativer Leistungsfähigkeit gefragt wären, bleiben in diesen Tagen viele Fragen offen. Die Funktionäre des größten Sportfachverbandes Europas haben sich zurückgezogen. Eine klare Linie zur Bewältigung der vielen Probleme ist nicht zu erkennen. Zum internen Machtkampf im engsten Zirkel des Präsidiums kommt die bisher erfolglose Suche nach einem Bundestrainer. Zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft im eigenen Lande gibt der DFB ein beunruhigendes Bild ab. (…) Der DFB hat allein wegen der WM eine große Verantwortung. Das Land, in Vertretung die Bundesregierung, braucht einen verläßlichen Partner für diese Aufgabe.“

Palastrevolution

Thomas Kilchenstein (FR 7.7.): „Mayer-Vorfelder, der Strippenzieher hinter den Kulissen, muss spüren, dass ihm die Macht aus den Händen gleitet, die Opposition hat sich formiert, in Theo Zwanziger einen veritablen Konkurrenten aufgeboten. Der DFB müht sich nun krampfhaft, „MV“ einen halbwegs ehrenvollen Abgang zu verschaffen, indem er beim Bundestag nicht mehr kandidiert. Ob er, der Machtmensch, das tut, ist völlig offen. Er würde dem DFB damit einen Gefallen erweisen. Ohnehin ist das Erscheinungsbild des Verbandes binnen kurzer Zeit arg beschädigt. Das Krisenmanagement hat versagt, auch wenn die nicht erwartete Absage des Wunschkandidaten Ottmar Hitzfeld den DFB auf einem völlig falschen Fuß erwischt hat. Was rüber kommt bei dieser Palastrevolution, ist dies: Der DFB hat sich nicht nur in seinen verkrusteten, innovationsfeindlichen Strukturen selbst blockiert, er hat auch schlicht keine rechte Idee mehr, wer den seltenen Glücksfall Rudi Völler nun adäquat beerben soll: Wer eine Trainerfindungskommission einsetzt, einsetzen muss, ist mit seinem Latein schon ziemlich am Ende.“

Ludger Schulze (SZ/Themen des Tages 7.7.) porträtiert den vermutlichen Nachfolger: „Theo Zwanziger gilt als das gute Gewissen des DFBs, als honoriger, loyaler Mann, der als Schatzmeister im Hintergrund unaufdringlich, aber höchst effektiv arbeitet. Mitarbeiter der Frankfurter DFB-Zentrale rühmen seine offene, Teamarbeit betonende Art. Die Amtsführung des jetzigen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder veranlasste den von Eitelkeiten weitgehend freien promovierten Juristen, aus der „zweiten Reihe“ ins Rampenlicht zu treten. „Ich habe feststellen müssen, dass sein Führungsstil nicht der ist, der in einem demokratisch ehrenamtlich geprägten Verband überall auf Freude stößt.“ Mit diesen Worten begründete Zwanziger seinen Willen zur Kandidatur gegen den Amtsinhaber. Der 59-Jährige sieht sich in der Tradition seines Freundes, des DFB-Ehrenpräsidenten Egidius Braun, der stets die soziale Verantwortung des Verbandes in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt hatte. Der promovierte Jurist aus Altendiez im Westerwald ist vor allem ein Mann der Basis.“

Typisch Müller-Prellwitz

Welchen Mann würde der DFB mit MV verlieren? Ludger Schulze (SZ/Themen des Tages 7.7.) findet eine Antwort in Drei-Groschen-Heften nach: „In die Stille hinein flog krachend die Tür auf, und mit zwei, drei stampfenden Schritten stürmte ein untersetzter, bemerkenswert nachlässig gekleideter Mann ins Zimmer, unter dessen offenem Hemdkragen eine breite, zitronengelbe Krawatte wie ein Pendel hin- und herschwang – typisch Müller-Prellwitz.“ So schildert der frühere baden-württembergische Regierungssprecher Manfred Zach in seinem Roman „Monrepos oder die Kälte der Macht“ den Auftritt eines jungen Politikers. Das Buch ist authentisch, nur die Namen sind verfremdet. Der da auftritt, ist tatsächlich Gerhard Mayer-Vorfelder, zwischen 1980 und 1998 erst Kultus- und Sport- und danach Finanzminister im Ländle. Er wird von Zach beschrieben als hemdsärmeliger Karrierist von unerschütterlichem Selbstbewusstsein, als Akrobat an den Schalthebeln der Macht und als Bonvivant, der selten ohne Rothhändle in der einen und ein Glas Trollinger in der anderen Hand anzutreffen ist. Nach seiner Ernennung zum Staatssekretär, heißt es bei Zach, „gab Müller-Prellwitz ein bacchantisches Gelage, dessen Spurenbeseitigung am nächsten Tag als bis dahin größte Herausforderung des Putzgeschwaders eingestuft wurde“. Die Laufbahn Mayer-Vorfelders war von Anfang an von Schlagzeilen begleitet, einem Dopingmittel für das Ego des Hauptmanns der Reserve. Als Kultusminister gab der CDU-Politiker 1986 die Anweisung, die Schulkinder vor Unterrichtsbeginn alle drei Strophen des Deutschland-Lieds singen zu lassen, freilich nicht ohne den Zusatz, die inkriminierten Zeilen („von der Maas bis an die Memel“) in ihrem historischen Kontext zu erklären. Immer wieder war MV, wie sein Kürzel lautet, Gegenstand erbitterter Debatten im Landtag, kaum ein deutscher Politiker wurde mit so vielen Rücktrittsforderungen konfrontiert. Doch Mayer-Vorfelder überstand alle Affären dank enormer Wendigkeit und beachtlichen Stehvermögens. Unterstützung erfuhr er in einigen Fällen auch durch eine Presse im Ländle, die sich mit dem Juristen nicht anlegen mochte. Anlässlich eines Europapokal-Spiels des VfB Stuttgart in Moskau pöbelte der Minister einen bekannten Journalisten, der einen Bestseller über seine Kriegsgefangenschaft in Russland verfasst hatte, mit dem Satz an: „Wärst du damals mit deinem Panzer ein paar Kilometer weitergefahren, wäre ich heute Stadtkommandant von Moskau.“ Vermutlich wäre die Karriere des MV früh gekippt, hätte der Autor ihn damals zitiert.“

Die FR sammelt Stimmen zum DFB-Bundestag

Kompetent, weltoffen, medienkompatibel, erfolgsbesessen, belastbar, womöglich vertragslos

Deutschland sucht den Trainer, Ralf Wiegand (SZ 7.7.) ringt nach Atem und macht einen Vorschlag: „Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Das Trainer-Karussell auf der deutschen Fußball-Festwiese dreht sich mit atemberaubender Geschwindigkeit – nur ohne Passagiere. Ottmar Hitzfeld wurde schon flau im Magen, bevor es richtig rund ging. Christoph Daum steckt noch im Looping seiner Karriere-Achterbahn fest, Michael Skibbe ist in die Geisterbahn vergangener Trainer umgestiegen; Lothar Matthäus würde gerne, muss aber im Kinderkarussell noch ein bisschen üben, und Holger Osieck fühlt sich im Kuriositäten-Kabinett ganz wohl. Und so wird die eben erfundene Findungskommission des DFB wohl rüber schlendern zum Riesenrad der Geschichte, in dem Otto Rehhagel in einer güldenen Gondel auf die nächste Freifahrt wartet. Nachdem Mayer-Vorfelder den Kandidaten Hitzfeld per Schnellschuss zur Strecke gebracht hat, gehen nun sicherheitshalber vier Jäger auf die Pirsch nach einem Bundestrainer. Am Montag befahl der Verband Franz Beckenbauer, Mayer-Vorfelder, Horst R. Schmidt und Werner Hackmann zu suchen, was es in Deutschland nicht gibt: einen visionären Coach, kompetent, weltoffen, medienkompatibel, erfolgsbesessen, belastbar, womöglich vertragslos – die eierlegende Wollmilchsau. Weder visionär noch vertragslos ist Otto Rehhagel, dennoch ist er der Favorit eines Großteils der DFB-Funktionäre – und der Bild-Zeitung. Das Amtsblatt für deutsche Befindlichkeiten hat bereits den Notruf in die Ägäis abgesetzt: „Rehakles, Deutschland braucht dich!“ Seit gefühlten zehntausend Tagen zählt Bild den Countdown bis zur WM 2006 herunter, als eröffne dann das Jüngste Gericht – da vergisst man schon mal den Stress von einst. Noch bei Werder Bremen, schickte Rehhagel seine Adjutanten in die Springer-Zentrale mit dem Auftrag, den damaligen Werder-Chronisten vom Vereinsball wieder auszuladen. Aber Bild hätte auch den „Zwischenfall“ in Daums Vita vergeben oder würde Lothar Matthäus nehmen, obwohl der einst aufs DFB-Team so integrativ wirkte wie eine Stinkbombe in der U-Bahn. (…) Notfalls bliebe auf dem Rummelplatz Deutschland immer noch die Losbude. Als Hauptpreis winkt ein Kai aus der Kiste wie einst Völler. Die Entscheider müssten „nun diskutieren: ,Wo wollen wir eigentlich hin in den nächsten sechs, acht Jahren und wie können wir das erreichen und mit welchen Personen““, riet der WM-Botschafter und 90er-Weltmeister Jürgen Klinsmann. Klinsmann? Der ist visionär, kompetent, weltoffen, medienkompatibel, erfolgsbesessen, belastbar, vertragslos – und hat seit vier Jahren den Trainerschein.“

In der NZZ (7.7.) lesen wir: „Zusammen mit Franz Beckenbauer, Schmidt und Hackmann gehört MV zur Findungskommission für den neuen Bundestrainer, die nach der Panne mit Ottmar Hitzfeld jetzt mehr Erfolg haben soll. Neben dieser offiziell beauftragten Headhunter-Gruppe hat sich eine starke Gruppierung medialer Lobbyisten gebildet, die über ihren hoch bezahlten Mitarbeiter Franz Beckenbauer die Jagd auf eine einzige Person begrenzen: Otto Rehhagel oder „Rehakles“, wie der deutsche Fussballgott von Griechenland seit Sonntag heisst. In Bild plädiert der Kolumnist Beckenbauer für den 65-Jährigen; im ZDF leistete Co-Kommentator Beckenbauer am Sonntag während des EM-Finales sogar späte Abbitte. Warum hatte der Präsident Beckenbauer den Trainer Rehhagel bei Bayern München vor sieben Jahren gefeuert, und warum gelten die Einschätzungen des „Fussball-Kaisers“ über „König Otto“ nach dem Europa-Turnier nun auf einmal nicht mehr? Weil Beckenbauer ein genauso grosser Populist ist wie alle anderen und als Organisationschef der WM sein Fähnchen noch viel schneller in den Wind hängt als zuvor – ein Bundestrainer muss her, Himmel hilf, egal wer, es sind ja nur noch 730 Tage bis zum WM-Endspiel von Berlin. Anstatt erst mal eine Konzeption zu schreiben und Klarheit zu bekommen, in welche Richtung die DFB-Auswahl in Zukunft zu tendieren habe und was man sich kurzfristig für die WM vorstellt, wird fieberhaft nach Personen und Namen gefahndet. Dass sich bei der mittlerweile auch aufs Ausland ausgeweiteten Suche möglicherweise doch ein Trainer mit Visionen finden lässt, wäre bei der ganzen Hektik eher ein Zufall.“

Ballschrank

WM-Finale 1974

Deutschland-Holland 2:1

Taktisch und technisch großartiges Finale

Von wegen Schwalbe – die SZ (8.7.74) ist mit dem Schiedsrichter zufrieden und von dem Spiel begeistert: „In einem taktisch und technisch großartigen Finale, das reich an Dramatik und Höhepunkten war, hätten ebenso gut die Holländer triumphieren können. Die Niederländer verlangtem ihrem Gegner alles ab, gingen aber letztlich doch mit fliegenden Fahnen unter. Der Knalleffekt gleich zum Anfang, wie ihn nur ein routinierter Regisseur hätte im Drehbuch stehen haben können, ließ bereits ahnen, was sich in diesen nachfolgenden gehaltvollen, nervenaufreibenden 89 Minuten noch ereignen würde. Keine Frage, die Elfmeter-Entscheidung von Schiedsrichter Taylor war beim Foul gegen Cruyff ebenso korrekt wie hernach beim Foulspiel gegen Hölzenbein. Ohne die klare und bestimmte Spielleitung des Engländers – wer weiß, welch betrüblichen Ausgang dieses Finale genommen hätte? Die Hektik war ohnehin schon groß genug.“

Genugtuung und Befriedigung

Die NZZ (10.7.74) beobachtet verhaltene deutsche Freude: „Wie einige Beobachtungen in der Nacht nach dem Sieg zeigten, haben sich bei den Fußballanhängern in Deutschland nicht etwa Deliriumserscheinungen bemerkbar gemacht. Genugtuung und Befriedigung über das Resultat eines Endspiels, dessen Ausgang lange Zeit auf des Messers Schneide stand, lag auf den Gesichtern; Genugtuung vielleicht darüber, daß die betont selbstsicher, im Match selbst gelegentlich fast überheblich wirkenden Holländer einen Dämpfer erhalten hatten. Johan Cruyff, der in diesem Final einiges von seinem Glanz verlor, hätte einsehen müssen, daß er mit Einzelaktionen wie zu Beginn nicht mehr Erfolg haben werde, zu aufmerksam war Vogts.“

Nichts anderes als ein sportlicher Erfolg

Die FAZ (8.7.74) rückt die Bedeutung des Ereignisses zurecht: „Eine Leistung, auf die unsere siegreiche Auswahl stolz sein kann. Stolz aber auf nichts anderes als einen sportlichen Erfolg. Daran sei erinnert. Dieses Land hat schon mehr Weltmeister hervorgebracht und Olympiasieger dazu, Nobelpreisträger auch, weltberühmte Dichter, Komponisten, Maler. Menschen, deren Ruhm Jahrhunderte überdauert hat. Für sie gab und gibt es keine Weltmeisterschaft. Im Sport unserer Tage ist dieser Titel möglich. In dieser Stunde, in der ein nicht unbeträchtlicher Teil der Menschen unseres Landes meint, im Olympiastadion sei etwas ganz Außergewöhnliches geschehen, muß daran gedacht werden. Das schmälert weder die Freude der Spieler, eine Sternstunde ihrer Laufbahn erreicht zu haben, noch die Freude der Millionenschar ihrer Anhänger über den Triumph. Der Glückwunsch eines jeden Sportlers und eines jeden Sportfreundes an die Fußball-Nationalmannschaft kommt aus vollem Herzen.“

So sollte ein Finale nicht aussehen

Ist Trainer Rinus Michels ein guter Verlierer? Die SZ (9.7.74) antwortet: „Michels machte die letzte Pressekonferenz zu einer Demonstration seiner Friedfertigkeit. „Es tut weh, wenn man so anfangen muß, aber ich möchte allen Deutschen zu ihrer Mannschaft und zum Weltmeistertitel gratulieren. Die deutsche Mannschaft hat in der letzten halben Stunde der ersten Halbzeit von der Schwäche meiner Spieler profitiert. Das 2:1 zur Pause war gerecht.“ Die einzige Einschränkung, mit der er die Leistung des neuen Weltmeisters abschwächte, verkleidete Michels in elegante Formulierungen: „In der zweiten Halbzeit haben die Deutschen gut verteidigt. Der Torhüter hatte das Glück, das man braucht, um ein Spiel zu entscheiden. In der zweiten Halbzeit haben aber auch die Holländer in einem Spiel zweier ausgezeichneter Mannschaften für meinen Geschmack zu stark dominiert. So sollte ein Finale nicht aussehen.“ Durch die Blume ein paar Disteln im Gratulationsstrauß.“

Internationale Presse

Verdiente Glückwünsche von allen Seiten

Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland (8.7.74) sendet Glückwünsche: „Die Mannschaft, die sich in diesem letzten und alles entscheidenden Spiel noch zu steigern wußte, gewann den Titel, was ihr den Goldpokal der Fifa und die verdienten Glückwünsche von allen Seiten eintrug. Der minutenlange Jubel um die Mannschaft der BRD auf den Rängen war mehr als verständlich.“

Das Deutsche Sportecho (Ost-Berlin) beißt sich auf die Zähne: „Dieser Final wird nicht als einer der brillantesten in die Fußballgeschichte eingehen. Er sah jedoch zwei Mannschaften, die mit ihrer Spielweise (die Polen sind in dieses Lob eingeschlossen) Maßstäbe für die nächsten Jahre sind. Beide waren des neugeschaffenen Weltpokals würdig.“

Ein Kombinationsgame mit begeisternden Varianten

„Der neue Weltmeister, eine Turniermannschaft – harter, nur abschnittweiser hochklassiger Kampf um den Titel“, urteilt die NZZ (9.7.74): „Der Schlußpfiff des ausgezeichneten englischen Schiedsrichters Taylor, mit der Vorteilbestimmung bestens vertraut und durch spektakuläre Sturzflüge scheinbar schwer getroffener Spieler ebenso wenig wie durch gestenreiche Auftritte zu beeindrucken, in diesem bei einwandfreien Bedingungen [kursiv im i. O., die Red.] ausgetragenen Final kam wie eine Erlösung. In den letzten Minuten des mit großer Härte, jedoch nie in gehässiger Stimmung geführten Kampfes, konnten sich hier wie dort einzelne Spieler kaum mehr auf den Beinen halten, derart schonungslos hatten sie sich eingesetzt, ja in einem Maße verausgabt, wie das einzig in einem solchen Titeltreffen, der siebenten Partie innert dreieinhalb Wochen, überhaupt noch möglich ist. Müller ausgenommen, der sich auf einige weite Abschläge Torhüter Maiers einstellte, war die deutsche Mannschaft in der zweiten Hälfte fast 40 Minuten lang nur mehr damit beschäftigt, die allerdings wenig variantenreich vorgetragenen holländischen Vorstöße abzufangen und den oft unerträglichen Druck im eigenen Strafraum zu lockern. (…) Zwei Minuten waren noch nicht verstrichen, da placierte Johan Cruyff einen seiner gefürchteten Antritte, drang in den Strafraum ein und wurde dort in „dritter Instanz“ (Höness brachte ihn regelwidrig zu Fall) am Durchbrechen gehindert. Penalty gegen die Heimmannschaft zu Beginn des Finals. Konsternation bei Deutschen, Empörung auf den Rängen, wo „man“ in solchen Fällen kein Foul zu sehen pflegt. Die Gereiztheit und verständlich nervöse Spannung legte sich allmählich, Deutschlands Team begann überlegt Tempofußball zu spielen. Der Ausgleich durch Breitner (ebenfalls auf Penalty) wirkte vollends befreiend, bis zur Pause zogen die „Platzherren“ ein Kombinationsgame mit begeisternden Varianten auf, so schwung- und kraftvoll, daß die holländische Deckung, wie bereits in der Begegnung mit Brasilien, aus den Fugen zu geraten schien.“

Marca (Spanien) gratuliert, wie immer bei deutschen Siegen, von ganzem Herzen: „Der schlechteste Weltmeister, den es je gegeben hat.“

Die Holländer haben nicht den geringsten Grund, sich zu beklagen

Im Extrablatt (Kopenhagen) lesen wir: „Was niemand für möglich gehalten hatte, leistete der kleine Berti Vogts. Er war dafür verantwortlich, daß der „fliegende Holländer“ Cruyff in einem solchen Maße einbrach, daß er die ganze Mannschaft in seinen Sturz mitriss. Die Holländer haben nicht den geringsten Grund, sich über die von ihnen vergebenen Chancen zu beklagen – schon gar nicht über die Leistung des englischen Schiedsrichters Taylor.“

Johan Cruyff: „Berti Vogts war sehr gut, aber nicht mein stärkster Gegenspieler in diesem Turnier.“

Ein Abenteuer, das man nicht vergißt

L’Equipe (9.7.74) ist sehr angetan: „Wer die Holländer in München als Favoriten sah, hat vergessen, daß sich die deutsche Mannschaft in entscheidenden Spielen immer übertreffen konnte. Alles, was wir nach München sagen können, ist daß das Endspiel in einem wunderbaren Stadion vor einer begeisterten Menge stattfand und zu einem der reichsten und mitreißendsten Momente in der Geschichte des Sports wurde – zu einem Abenteuer, das man nicht vergißt.“

Arroganz, Dummheit und der Mangel an Selbstdisziplin verdienen keine Sympathie

Der Daily Telegraph (9.7.74) hat nichts übrig für die Verlierer: „Die Holländer vergaßen nach ihrer schnellen Führung wie so viele Teams vor ihnen, daß die Deutschen unüberbietbare Kämpfer sind. Wenn einem Holländer Schuld an der Niederlage einer Mannschaft gegeben werden muß, dann Johan Cruyff. Er war einer der ersten, der die Kontrolle über sich verlor und die Inspiration einbüßte, weil er seinen Schatten, den hartnäckigen Vogts, nicht abschütteln konnte. Im Gegensatz zu ihm führte Beckenbauer seine Truppe mit der Autorität, der Geschicklichkeit und der Eingebung eines großen Generals. Ich kann kein Mitleid mit den Holländern haben. Arroganz, Dummheit und der Mangel an Selbstdisziplin verdienen keine Sympathie.“

Dahingegen räumt Il Giorno (Mailand) ein: „Holland kann den Ruhm verbuchen, ein großer Verlierer zu sein. Objektiv gesehen war es ein Spiel zweier völlig gleichwertiger Mannschaften. Die Deutschen siegten vielleicht deshalb, weil sie kraftvoller spielten und einen viel größeren Willen zum Sieg besaßen als die Holländer. Beckenbauer bewies, welch ein Genie er ist. Von Cruyff war nichts zu sehen.“

Politika (Belgrad) fügt hinzu: „Die Holländer spielten schöner, die Deutschen rationeller und in der Gesamtrechnung produktiver.“

Die Holländer werden die Niederlage schnell vergessen, behauptet die NZZ (9.7.74) allen Ernstes, steif und fest: „Es hat nicht sollen sein. So läßt sich wohl die Stimmung in Amsterdam nach der knappen Niederlage Oranjes gegen Deutschland am besten beschreiben. Die Enttäuschung der relativ wenigen, die sich auf die Straßen begaben, läßt sich unschwer auf ihren Gesichtern ablesen. Sie ist zurückhaltend und durchaus nordisch geprägt. Das deutsche Generalkonsulat ist unversehrt geblieben, Herzschläge sind bisher keine gemeldet worden, und Fenster und Fernsehgeräte sind intakt geblieben. Am wenigsten lassen sich die in Amsterdam zu dieser Zeit so zahlreich vorhandenen „Blumenkinder“ ihre gute Stimmung verderben. (…) Am Montag wird den Niederländern ihr Pils beinahe schon wieder so köstlich schmecken wie am Sonntag den Münchnern ihr Bräu.“

Grandioser Empfang

Einen Tag später berichtet die NZZ (10.7.74) Feierstimmung in Holland: „Mehr als 100000 Menschen haben in den drei großen Städten des Landes, Amsterdam, Rotterdam und Den Haag, der holländischen Nationalmannschaft am Montag einen grandiosen Empfang bereitet. Ministerpräsident Joop den Uyl tanzte mit den Spielern und ihren Frauen eine Polonaise auf dem Rasen seines Amtssitzes. Ueberall gab es Blumen, Fähnchen, Musik und Festfreude. Vor allem Amsterdam war außer Rand und Band. Schon auf dem Flughafen waren den Spielern Lorbeerkränze umgehängt worden. Bei den Rundfahrten durch die Städte sah es aus, als ob Holland den Titel errungen hätte. Das war ein Trost für die eigentlich sehr enttäuschte Equipe.“

Ball und Buchstabe

Lange Zeit wirkte die WM eher unterkühlt

WM-Fazit – Steffen Haffner (FAZ 9.7.74) blickt nachdenklich in die Zukunft: „Immer wenn wir in Zukunft an die Tage der Weltmeisterschaft zurückdenken, werden wir die jubelnden, freudetrunkenen Menschen vor Augen haben. Wie es mitunter mit Erinnerungen so geht, trügt auch diese ein wenig. Denn sie wird wahrscheinlich das Bild der WM verklären. Im Grunde genommen hat es nämlich bis zum packenden Endspiel gedauert, bis der Funke der Begeisterung vom Rasen auf die Ränge übersprang und ein Feuer der Leidenschaft entzündete. Lange Zeit wirkte die WM eher unterkühlt. (…) Der spürbare Mangel an Begeisterung hat Gründe: Sicherlich gehört die zum Teil maßlose publizistische Überhitzung im Vorfeld der WM dazu. Die Menschen wurden von den Massenmedien schon Wochen vor dem Start mit einer „Information total“ übersättigt, zu einer Zeit, als es eigentlich noch gar nichts zu informieren gab. Hierzulande wurden zudem die Erwartungen hochgeschraubt. Der Titelgewinn war nur noch Formsache, und über Selbstverständliches gerät man nun einmal nicht aus dem Häuschen. Als dann die bundesdeutsche Mannschaft nur schwer in Schwung kam, schlug die Stimmung zeitweise in bittere Enttäuschung um, und erst mit der Tendenzwende in der zweiten Finalrunde zog auch beim deutschen Fußballpublikum Freude ein, die sich letztlich beim Endspiel zu großen Enthusiasmus steigerte. Dieser Schlußakt des Jubels ist freilich auch dem Umstand zuzuschreiben, daß eine Portion Glück den Sieg gegen die hervorragenden Holländer ermöglichte.“

Interviews in der Art der politischen Hofberichterstattung

Das Feuilleton der FAZ (6.7.74) beschwert sich über unkritischen und unreflektierten Sport-Journalismus: „Die Fragen der Fernsehreporter waren nicht ohne Brisanz: Was wurde den bundesdeutschen Fußballspielern gestern aufgetischt, war es die anzuratende vitaminreiche Kost, schmeckte es den Spielern, mußte gar nachgereicht werden? Es musste, der Koch verriet es, und so wie er wurde auch keiner der andern Mitmenschen mit der Weihe zweiter Ordnung von den bohrenden Fragen des Fernsehens verschont. Wer den Fußballheroen das Süppchen gekocht, die Wade geknechtet, den Puls gemessen, die Stollen geschraubt, konnte auf angemessene Beachtung rechnen. Fragen über Fragen, vor und zwischen den Spielen, in diesem und jenem Magazin, nichts, was die Nation quälte, blieb unerörtert. Die Frau „unseres Außenstürmers“ Hölzenbein würde nicht wie ein italienischer Fanatiker ihren Fernsehapparat vor Wut aus dem Fenster werfen, „Kaiser Franz“ nie wie ein Lama spucken und Helmut Schön schon das Richtige machen. In Mode war die Wiederkehr des immergleichen „Wer wird morgen gewinnen?“, „Glauben Sie, daß es ein hartes Spiel wird?“, „Wer wird Weltmeister?“. Die Befragten legten ihr Gesicht in Grübelfalten, tippten mal dieses und mal jenes. Die Fragen waren nicht selten so stereotyp und nichtssagend, daß man schon argwöhnen mußte, die Fernsehanstalten hätten einen hausinternen Preis für die banalste Frage ausgesetzt. Fragen ohne Biß, ohne Einfallsreichtum, die in dem Frage-und-Antwort-Spiel mit dem Bundestrainer ihren Tiefpunkt hatten. Das waren nun wirklich Interviews in der Art der politischen Hofberichterstattung, Konflikte wurden heruntergespielt, dem Trainer die harmonisierenden Antworten förmlich in den Mund gelegt. Kritischer Journalismus: Fehlanzeige. (…) Viel Sendezeit, wenig zündende Einfälle, das Verhältnis hätte ungünstiger nicht sein können. Was waren das teilweise für Nebensächlichkeiten, die mit dem Gestus des Bedeutenden verlesen wurden. Die strikte Trennung des Sports und Politik in der Berichterstattung des Fernsehens hat Tradition. „Kommen wir zum Thema zurück“, hat es schon immer dann geheißen, wenn jemand versuchte, den Sport aus der politikfreien Oase herauszumanövrieren. Da legten chilenische Demonstranten eine Flagge mit der Aufschrift „Chile Socialistica“ auf das Spielfeld. Die Kamera registrierte den Zwischenfall kurz, der Sprecher gab einen pikierten Kommentar, zu mehr konnte sich ein Medium nicht entschließen, das noch der marginalsten Begebenheit rund um den Fußball endlose Sendeminuten zubilligte. (…) Die heile Welt des Fußballs sollte uns erhalten bleiben. Das galt freilich nicht nur für die Ausklammerung von Politik und Kommerz. Auch die „häßliche“ Seite dieses Ballspiels wurde, so gut es eben ging, verschwiegen. Das fing an mit der verniedlichenden Sprache der Sportsprecher – wenn die Knochen knirschten, war einer „ganz schön zur Sache gegangen“ –, und das hörte auf mit dem Nichtzeigen von unschönen Randepisoden, wie dem Spucken Franz Beckenbauers. Dafür durfte er sich dann im Studio für seine Missetat entschuldigen, so als sei das Fernsehen der Beichtstuhl der Nation. (…) Der Zuschauer wird das freilich nachsehen. Zumindest dann, wenn „wir“ Weltmeister werden. Denn wie gut und wie schlecht er eine Fußballübertragung findet – so hat die Zuschauerforschung nachgewiesen –, hängt noch immer vom Ergebnis ab. Haben die bundesdeutschen Kicker gewonnen, findet er die Sendung vorzüglich, haben sie verloren, schlecht und unverständlich, weil er sich nicht erklären kann, wieso. So einfach ist das.“

Die NZZ (10.7.74) warnt: „In verstärktem Maße zu denken gibt die weiter fortschreitende Kommerzialisierung im internationalen Spitzenfußball, den bestimmte Industriezweige und die Werbung im Einverständnis der Spieler noch ausgeprägter als bisher in die Hand bekommen möchten. Die Zeichen für eine Rückkehr zum Vertretbaren stehen jedenfalls nicht günstig.“

Der Fußballsport ist nicht von feudaler Herkunft; er ist ein Emporkömmling

Im FAZ-Leitartikel auf Seite 1 definiert Jürgen Eick (8.7.74) Bedeutung und Genese des Fußballs: „Fußball kann gewiß nationale Gegensätze zum Glühen bringen, besonders wenn sie mit skrupellosen Mitteln der Publizistik aufgeheizt enden. Aber diese Weltmeisterschaft war „inter“-national im besten Sinne des Wortes. Das Verbindende war stärker als das Trennende. Die gemeinsame Passion für diesen so spektakulären und ausgesprochen telegenen Sport schafft und festigt auch Gemeinsamkeiten zwischen den Völkern. (…) Der Fußballsport ist nicht von feudaler Herkunft; er ist ein Emporkömmling. Es war das Spiel der Armen, ein Produkt der rauchgeschwärzten Industrieviertel. Heute ist der Profifußball das Spiel der Arrivierten; die Spieler kommen aus gutbürgerlichen Familien und bilden wieder solche. Ein Stück klassenloser Gesellschaft finden wir auch hier. Fußball zieht alle in seinen Bann. Früher gingen die gekrönten Häupter, die Regierungschefs und Spitzen der Gesellschaft zum Pferderennen, heute gehen sie auch zum Fußball. In München gab sich nationale und internationale Prominenz ein Stelldichein – bis hin zum amerikanischen Außenminister Henry Kissinger.“

Der Gastgeber

Typical bavarian Leberkäse

Sehr lesenswert! Herbert Riehl-Heyse (SZ/Seite 3, 8.7.74) beschreibt die Hauptsache – das Treffen der High Society: „Am Ende waren die deutschen Gastgeber genauso wie Ausländer sich die Deutschen vorstellen: eine prächtige Mischung aus Kunst und Kraft. Fanfaren hatte man aufgeboten, Trommeln und junge Burschen im Gleichschritt und gleich 1500 Sängerinnen und Sänger, damit es machtvoll klänge: die Herren in blauen Anzügen, die Damen in wollenden roten Kleidern, sinnreich ein W und ein M bildend oder im Ringelreihen über den Rasen tanzend – ein prächtiger Beweis deutschen Formwillens. Seemann Freddy Quinn machte ein begeistertes Gesicht zur eigenen Schallplatte (…) Als sie schließlich gesiegt hatten, als Deutschland Weltmeister geworden war, war nur sicher, daß man von seinem holländischen Nachbarn in den nächsten Wochen nicht gerade herzlicher geliebt werden würde als bisher. Wie das anderswo in der Welt sein würde, war weitgehend Geschmackssache. Auf diese Liebe war es den Organisatoren ursprünglich sehr angekommen. Die Olympischen Spiele waren noch kaum zu Ende gewesen, da begannen die Kicker-Funktionäre schon ausdauernd von der „zweiten Gelegenheit“ zu schwärmen, der Welt ein neues Deutschlandbild vorzustellen – und es sollte nicht weniger heiter und gelöst sein als das von 1972, nur billiger. Wo Olympia einen ganzen Stab von Künstlern beschäftigt hatte, um den Spielen ein einheitliches Bild zu schneidern, hatte Oberorganisator Hermann Neuberger, im Zivilleben Direktor einer Lottogesellschaft, seinen Hausgraphiker und seine eigenen Vorstellungen davon, was schön ist. (…) Einige Journalisten, nicht zuletzt ausländische, ärgerten sich manchmal lauthals über die Inkompetenz deutscher Fußballfunktionäre und schrieben das dann auch in ihren Zeitungen. Der eine oder andere „kleinkarierte Kritiker“ (Neuberger) hatte auch jene überdimensionalen Fußbälle nur mäßig geschmackvoll gefunden, aus denen bei der Eröffnungsfeier deutsche Winzer kugelten und der Welt zeigten, daß Deutschland immer noch die Heimat des Schunkelns ist (…) Für Politiker war eine WM-Party geradezu eine Pflichtveranstaltung. Wer, möglichst vor einer Fernsehkamera, einen Tip für das Endspiel wagte, gab sich als Mann des Volkes zu erkennen, auch wenn er eine Eckfahne nicht vor einer Torstange unterscheiden kann. Also kam Bundeskanzler Schmidt, der am Samstag mehr als 800 Gäste aus Anlaß der Weltmeisterschaft in den Bayerischen Hof geladen hatte, gar nicht umhin, auf Anfrage zu betonen, wie wichtig ihm jeden Samstag Fußball sei; also mochte bei dem gesellschaftlichen Großereignis auch Ernst Benda, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, nicht fehlen, der zwar früher auch einmal Sportminister war, aber im kleinen Kreis zugab, an diesem Samstag zum erstenmal einen Fußballplatz betreten zu haben. Man konnte nicht einmal davon sprechen, die Politiker hätten sich bei den Fußballern angebiedert. Als man die allerersten Höflichkeitsbezeugungen hinter sich gebracht hatte, standen in der einen Ecke des Saales die Vertreter des öffentlichen Lebens und diskutierten die Ernennung Egon Bahrs, während sich weit davon entfernt die Funktionäre und Schiedsrichter immer noch ausgiebig darüber wunderten, warum der Schiedsrichter beim Spiel am Nachmittag gegen den Polen Kasperczak keinen Elfmeter verhängt hatte. Nur Innenminister Maihofer bemühte sich, zwischen den beiden Lagern pendelnd, rührend darum, mit den internationalen Fußballgästen ins Gespräch zu kommen und wies sie, wenn der Stoff ausging, wenigstens auf den „typical bavarian Leberkäse“ hin. (…) Beim eigentlichen Galaauftritt des großen Stars Henry Kissinger waren Fußballer nicht zugegen, was der Ungezwungenheit der Atmosphäre womöglich zugute kam. Hatten die gemischten Parties ein wenig unter dem Hochmut gelitten, mit dem Geistesschaffende Körperertüchtigern gerne auf die Schultern klopfen, war die Stimmung beim bayerischen Abend recht ungezwungen. Ein einfallreiches Protokoll hatte alles aufgeboten, was man auswärts für „München“ hält: weißblaue Drapierung und Braurösser, Steckerlfisch, Schrammelmusik und die unvermeidlichen „Käfer“-Schmankerl. Kissinger durfte die Künstler Uschi Glas und Hildegard Knef begrüßen, den Fröbe und Ernst Maria Lang, den Fußballkünstler Uwe Seeler, beispielsweise, bekam er nicht geboten. Diplomatische Vorsicht, so konnte man lernen, ist ihm nicht in jedem Augenblick gegeben. Später kam auch der Bundeskanzler von „seinem“ Empfang herüber und gesellte sich sogleich zu Franz Josef Strauß und Rudolf Augstein, der seinerseits nicht aufhören wollte, an seinen früheren bayerischen Intimfeind hinzureden. Draußen goß es in Strömen, doch die tausend Polizisten schien es nicht zu verdrießen, daß der Gast aus Washington erst lang nach Mitternacht das Lokal verließ und die Tischrunde Genscher-Strauß sich noch viel später auflöste. „Fahren’s halt ein bisserl vorsichtig“, riet ein Polizist fröhlich im Morgengrauen. Hermann Neuberger war bei diesem munteren Treiben nicht zugelassen, dafür hatte er umso mehr Sorgen mit Prominenten aller Art. Wenn gerade kein Betroffener in der Nähe war, schüttelte der Organisationschef gern sein Herz aus über die „schreckliche Sache mit den Ehrenkarten“. Noch am Samstagnachmittag hatte es zwei solcher Fälle gegeben: Michael Kohl, unser Mann aus der DDR, traf mit vierstündiger Verspätung in München ein und brachte dann auch noch mehr Begleiter mit, als er eigentlich avisiert hatte. Das Problem wurde gelöst, wenn auch nicht so einfach wie der Wunsch der Fürstin von Monaco, die ihre kleine Tochter Stephanie unter Umgehung des Protokolls bei sich sitzen haben wollte. Die Fürstin brauchte schließlich ihre Neunjährige nicht auf den Schoß zu nehmen, weil es sich gefügt hatte, daß Frau Kronawitter keinen Babysitter fand und Frau Goppel so freundlich war, einen Platz weiterzurücken. Durch solche Bemühungen gelang es schließlich, das aktuelle Deutschlandbild des monegassischen Herrscherpaares lediglich durch die Tatsachen getrübt zu lassen, daß es gleich nach seiner Ankunft in München im Hotelaufzug stecken blieb. Für Michael Kohl indes hatte sich die Organisation noch eine besondere Aufmerksamkeit einfallen lassen. „Wir wären besonders froh,“ hatte Kohl erklärt, „wenn es uns gelungen wäre, als einzige den Weltmeister zu besiegen“. Als er von dem Wunsch erfuhr, zögerte Herr Gerd Müller nicht lange, das Siegestor zu schießen.“

Welchen Anteil nehmen die Münchner am WM-Finale, Thomas Meyer (FAZ 8.7.74)? „Solche Stadt von vorn bis hinten in den berühmte Fußballtaumel zu versetzen, dazu gehört schon mehr als ein WM-Endspiel. Was hier Wirbel veranstaltet, ist eine lauthalsige Minderheit. Als wir im tiefen Frieden im Englischen Garten saßen, und die Schweinswürste zur Maß probierten, drang Gesang in die Ohren. Um die Ecke bog ein zweispänniges Pferdefuhrwerk mit etlichen jungen Herrn, die vom Wirt in unzweideutiger Sprache Erfrischung heischten, offensichtlich nicht die erste des Tages. Fans aus dem Ruhrgebiet? Holländer gar? Nicht die Bohne. Es handelt sich um einen akademischen Mittagsausflug.“

Sechs Bayern im Endspiel? Na, wenn schon

Vor dem Finale – München kennt nur ein Thema: Fußball. Oder? Die FAZ (6.7.74) klärt uns auf: „WM-Finale in München: Eine Stadt im Fußball-Fieber? Die Münchner geben sich da noch defensiver als die Brasilianer auf dem Spielfeld: Alles auf sich zukommen lassen, und dann sehen wir weiter. Heute ist „langer Samstag“ in der bayerischen Landeshauptstadt, aber nicht wegen der WM, sondern trotz der WM. Die Geschäfte bleiben bis 18 Uhr geöffnet. Verkäufer und Verkäuferinnen hätten natürlich gerne frei gehabt. Aber kaum, um das Spiel zu sehen, sondern eher zum Ausflug in die Berge oder an die See. Knapp zwei Jahre nach Olympia bleibt Fußball eben Fußball. Sechs Bayern im Endspiel? Na, wenn schon. Die Münchner haben derzeit ganz andere Sorgen. Da ist zum Beispiel die Sache mit der „Wiesn-Maß“ (für Nicht-Bayern: eine kleine Badewanne mit Bier für die Besucher des Oktoberfestes). Diese Art Maßhalten ist den Bayern zwar noch nie sonderlich schwergefallen, doch die Wirte, die Brauereien und die Stadt halten da einfach nicht mehr mit. Heuer soll die Wiesn-Maß nämlich 3 Mark 50 kosten. „Wer soll das bezahlen?“, fragte die Abendzeitung stellvertretend für alle armen (Bier-)Schlucker. Im Olympiajahr kostete die Maß noch 3,05 Mark. Das war nach 13, 14 Maß zwar eine „saublöde“ Rechnerei, aber was tut ein Bayer nicht alles für sein Bier? „Danach könnte man jetzt schon ausrechnen, was die Maß 1980 kosten wird“, fährt die Abendzeitung bierernst fort. Zwei Worte, 5 Mark? Dann dürfte es mit der Bierruhe auf der Wiesn endgültig vorbei sein.“

Portrait

Einer von ihnen war zuviel im WM-Finale

Franz Beckenbauer und Johan Cruyff sind Platzhirsche, schreibt der Spiegel (8.7.74): „“In diesem Turnier hatten Cruyff und Beckenbauer in ihren Mannschaften absolut das Sagen“, urteilte der Mönchengladbacher Trainer Hennes Weisweiler, „solche Führungskräfte hat es im Weltfußball noch nicht gegeben.“ Trainer-Kollege Max Merkel aus München schnitt auf: „Der Franz und der Johan könnten in ihren Mannschaften auch die Todesstrafe einführen, jeder fänd’s recht so.“ Der erfolgreiche Pariser Spielervermittler Julius Ukrainczyk hatte einst prophezeit: „Der Fußball stirbt, weil die großen Persönlichkeiten im modernen Spiel untergehen.“ Die zehnte WM bewies das Gegenteil: Keine bedeutende Mannschaft hat auf Dauer ohne Autoritäten Erfolg. Betriebspsychologie und zentrale Lenkung entschieden auch die WM 74. Holland mit Cruyff und Deutschland mit Beckenbauer hatten im WM-Turnier die beiden zur Zeit besten Fußballer der Welt aufzubieten und stießen mit ihnen ins Endspiel vor. Im modernen Fußball „entscheidet immer mehr die von der Mannschaftsleistung losgelöste Eigeninitiative großer Spieler“, meinte der frühere Herberger-Assistent Dettmar Cramer. Als die favorisierten Bundesdeutschen nach mattem Turnierstart gegen die DDR 0:1 unterlagen, ergriff im Bundesquartier der bis dahin eher zurückhaltende Spielführer Beckenbauer entschlossen Initiative und Führung: „Einige haben jämmerlich versagt“, kritisierte er im Fernsehen viel härter, als es der konziliante Bundestrainer Helmut Schön jemals getan hatte. (…) Das Spiel der Finalgegner bestimmten Cruyff und Beckenbauer, obschon der Holländer als Mittelstürmer, der Deutsche als Libero so „unterschiedlich wie ein Klavierspieler und ein Geiger“ (Weisweiler). Beide haben alle Früchte des Fußballruhms genossen, beiden fehlte nur noch die Weltmeisterschaft – einer von ihnen war zuviel im WM-Finale. (…) Ein erfolgreicher Geschäftsmann band „Superstar Johan Cruyff“ („Time“) kommerziell und familiär auf Lebenszeit an sich: der Amsterdamer Juwelier Cornelius Coster. Mit Cruyffs Club Ajax Amsterdam schloß er einen fast 20 Seiten langen Vertrag. Wichtigster Passus: Der Verein setzte Cruyff eine Rente aus, falls er chronisch erkranke oder die mit sechs Millionen Mark versicherten Beine auf immer versagen sollten. Coster, der inzwischen seine Tochter Danny mit dem total verplanten Fußballstar vermählt hatte, ließ abermals einen Vertrag ausarbeiten. Er enthielt sogar eine Geburtsklausel: Falls ein Cruyff an einem Spieltag geboren werden sollte, müßte der FC Barcelona auf seinen Ballkünstler verzichten. Im letzten Februar war die Situation da. Just zum vorausberechneten Geburtstermin stand ein wichtiges Meisterschaftsspiel gegen Real Madrid an. Einer der besten Geburtshelfer Amsterdams entband dann Frau Danny am spielfreien Wochenende zuvor durch einen Kaiserschnitt. Cruyff spielte, Barcelona erkämpfte gegen Madrid den Meistertitel – erstmal seit 14 Jahren. Seinen Sohn nannte Johan Cruyff eingedenk seiner katalanischen Zuschauer Jordi.“

Bei mir freut sich nur mein Hund, wenn ich nach Hause komme

Berti Vogts sieht das, sich unterordnend, genauso, erfahren wir aus der SZ (9.7.74): „“Der Franz“, sagt Berti Vogts, und Bewunderung schwingt in seiner Stimme mit, „der erreicht mit einem Paß, wofür wir zehn Minuten laufen müssen.“ Daß sich Franz Beckenbauer in diesem WM-Turnier auch noch als Kämpfer profilierte, läßt ihn für den kleinen Berti als einen Heros erscheinen. „Er ging ‚´rein, er machte Kopfbälle, er hat gekämpft; wir sagen malochen dazu.“ (…) Während viele aufgemuckt haben gegen die strenge Kasernierung vor und während der Weltmeisterschaft, findet Berti Vogts alle Maßnahmen richtig. „Wir haben doch gewußt, auf was wir uns einlassen. Sicher, für mich als Jungegeselle ist das piepegal. Bei mir freut sich nur mein Hund, wenn ich nach Hause komme. Die Jugoslawen sind jeden Abend aus gewesen, und wo sind sie geblieben? Bei den Holländern ist das etwas anderes, die machen das immer so und nehmen ihre Frauen mit ins Trainingslager. Die haben eine andere Mentalität und sind das gewohnt.“ (…) Berti Vogts (26) will nicht freiwillig Platz machen. „Ich hab noch nicht genug Geld verdient.““

Die haben ja überhaupt kein Gefühl für zwischenmenschliche Beziehungen

Von Funktionären hält Franz Beckenbauer nicht viel, berichtet die FAZ (9.7.74): „Franz Beckenbauer im Münchner Pressezentrum am Tag nach dem Triumph: ruhig, überlegt, souverän. Der Mannschaftskapitän verliert auch außerhalb des Strafraums nicht so schnell die Übersicht. Nicht nur seine überragenden Leistungen auf dem Spielfeld haben den 28jährigen Profi im Verlauf dieses Weltturniers zum Aushängeschild des DFB gemacht. Kein anderer Spieler, weder Fritz Walter noch Uwe Seeler, hatten je eine so starke Position in diesem mächtigen Verband. Doch des DFB bestes Stück verhält sich zum Leidwesen vieler Funktionäre nicht mehr so, wie man es von Spielern gewöhnt war: kritiklos, ja geradezu untertänig. Die Angst, bei unliebsamen Äußerungen nicht mehr in die Nationalelf zu kommen, hat schon so manchem Spieler den Mund verschlossen, selbst Günter Netzer. Doch worum sollte Franz Beckenbauer, mit 85 Berufungen der Rekordnationalspieler des DFB, schon groß bangen? Der Münchner scheint sich auf dem Weg zu seinem sportlichen Höhepunkt nicht nur seines finanziellen Wertes bewußt geworden zu sein. Den Zweikampf mit den Funktionären sucht er zwar nicht mit Gewalt, aber er weicht ihm auch nicht mehr aus. Zum Eklat kam es nur wenige Stunden nach dem großen Triumph, als DFB-Delegationsleiter Deckert die Frau von Nationalspieler Hoeneß mit dem Kommentar „Hier herrscht Zucht und Ordnung“ vom offiziellen Abschlußbankett ausschließen wollte. Deckert zu Hoeneß: „Wenn Ihre Frau nicht den Saal verläßt, lasse ich sie hinausbringen.“ WM-Organisationschef Neuberger wollte sich in derselben Angelegenheit nicht einmal mit dem holländischen Mannschaftskapitän Cruyff unterhalten: „Mit Ihnen rede ich doch gar nicht, wenden Sie sich an den Delegationsleiter.“ Und schließlich die schulmeisterliche Aufforderung: „Setzen Sie sich hin, das hier ist offiziell.“ Doch selbstbewußte, intelligente Stars des Showgeschäfts Fußball wie Beckenbauer, Cruyff und Hoeneß sind eben keine Schuljungen mehr, die sich in solch rüdem Ton kommandieren lassen. Beckenbauer: „Das Verhalten einiger Funktionäre ist einfach unmöglich Die haben ja überhaupt kein Gefühl für zwischenmenschliche Beziehungen. Einige sind schon jenseits von Gut und Böse.““

Tränenstrom

Wer tröstet Günter Netzer?, fragt die SZ (9.7.74): „In den Sekunden, als Sepp Maier, Paul Breitner, Gerd Müller, Franz Beckenbauer und sieben weitere gerade gekürte Weltmeister im überschwenglichen Glücksgefühl den glänzenden Goldpokal von Hand zu Hand reichten und die Jubelrunde drehte, da fiel die Fassade der Gleichgültigkeit von Günter Netzer ab. Er, dem sie vor zwei Jahren, im Brüsseler Heysel-Stadion, nach dem Europapokalmeisterschaftsgewinn noch vor Begeisterung das Trikot vom Leibe zu reißen versuchten, weinte hemmungslos. Der Schmerz, nicht zu denen da drunten auf dem Rasen zu gehören, sondern droben im nachtblauen Anzug untätig in der Rolle des Zuschauers sitzen zu müssen, ließ dem Tränenstrom freien Lauf.“

Internationaler Fußball

Es war ein unerreichbarer Traum

Griechenland ist Europameister, George Caulkin (Times 6.7.) kann es nicht wirklich glauben: „Wie kann es sein, dass eine Nation, die vor dem Turnier auf Rang 34 der Weltrangliste stand, mit dem Pokal in der Hand davon tanzt? Wie kann es sein, dass Theodoros Zagorakis Luis Figo, Pavel Neved und Zinedine Zidane aussticht? Diese Logik ist nicht klar ersichtlich. ‚Wir kehren nun nach Athen zurück und könnten einfach so fliegen, ohne Flugzeug’, sagte Stelios Giannakopoulos, Mittelfeldspieler bei den Bolton Wanderers. ‚Unsere Füße sind auf jeden Fall weit weg vom Boden. Ich verusche mir gerade auszumahlen, wie dieser Erfolg mein und das Leben der anderen Spieler verändern wird.’ (…) Aber Griechenland war definitiv mehr als nur die Summe aus den einzelnen Individualstärken. (…) ‚Wir haben kein großes Spiel geboten und die Portugiesen nicht wirklich attackiert, aber trotzdem verdienen wir die Glückwünsche’, so Giannakopoulos. ‚Wir haben nie gedacht, dass wir das packen könnten. Es war ein unerreichbarer Traum. Wir wollten nur unseren Spaß haben, haben dann aber realisiert, dass mehr drin ist. Wir haben an uns geglaubt und gesehen, dass nichts unmöglich ist.’“

Griechenland hat den größten Schock in der Geschichte der Europameisterschaft vervollständigt

Auch der Daily Mirror (5.6.) fällt aus allen Wolken: „Griechenland hat den größten Schock in der Geschichte der Europameisterschaft vervollständigt. Ein Kopfball aus kurzer Distanz von Werder Bremens Stürmer Angelos Charisteas zerstörte Portugals Party – und das als eine Nation, die zuvor bei einem großen Turnier noch nie einen Sieg einfahren konnte. Nun verlassen sie das Spektakel als Titelträger. Es war ein atemberaubender Erfolg für die Griechen, die mit einer Außenseiter-Quote von 100-1 in dieses Turnier gegangen waren und dann gleich zu Beginn Luis Felipe Scolaris schon einmal schlugen. Aber ihre eiserne Disziplin bewies, dass es sich beim Auftaktsieg um keinen Glückstreffer handelte, und dass sie zu Recht Lissabon und Portugal in einem verwüsteten Zustand verlassen.“

Deutsch-griechischer Fußball macht keinen Spaß

Der ehemalige schottische Internationale Gordon Strachan (The Guardian 6.7.) über die griechisch-deutsche Art Fußball zu spielen: „Was die Griechen erreicht haben, ist absolut fantastisch, und man kann nicht behaupten, dass sie den Titel nicht verdient hätten. Aber ich bin überzeugt, dass ihre Gegner ihnen das Leben nicht so schwer gemacht haben, wie sie gekonnt hätten. Taktisch wie mental haben die Mannschaften Fehler gegen die Griechen gemacht (…) Ich wünschte, dass dieses Turnier wäre von großartigen Spielern in aufregenden Mannschaften gewonnen worden, aber so ist es leider nicht gekommen. Die Griechen waren besser in Form als alle anderen und sie haben ein fantastisches System gefunden, das sie nicht verlieren ließ und das gut genug war, die Stars der anderen Mannschaften zu stoppen. Sie hatten ein bisschen Glück. (…) Ich hoffe, dass der griechische Stil nicht nach England kommen wird, und ich glaube auch nicht, dass er dies tut. Diese Art von Fußball wurde vor 15 bis 20 Jahren in Deutschland gespielt, und sie macht keinen Spaß.“

Die Stars bezahlten einen hohen Preis, meint Henry Winter (Telegraph 6.7.): „Ein Teufelskreis verfolgte die europäischen Maestros in Portugal in den letzten drei Wochen. Die Gehaltsforderungen von gelobten Spielern zwingen die Vereine mehr Spiele anzusetzen, was größeren physischen und mentalen Druck auf die Führungsspieler ausübt, die erschöpft waren als es am meisten zählte. Zinedine Zidane verpuffte bei der Euro2004. David Beckham, Thierry Henry und Raul kamen nie in die Gänge. Luis Figo machte ein großartiges Spiel von sechs. Die Stars waren hinter den Wolken eines einnehmenden Kalenders versteckt.“

Dienstag, 6. Juli 2004

Vermischtes

Moffenhaß

Dirk Schümer (FAZ/Feuilleton 7.7.) schildert die Bedeutung der Endspielniederlage Hollands in München 1974: „“Mutter aller Niederlagen“ – das ist nicht der Titel der Autobiographie von Saddam Hussein, sondern die politisch korrekte Bezeichnung der niederländischen Fußballweltmeisterschaftsfinalpleite gegen Deutschland heute vor dreißig Jahren im Münchener Olympiastadion. Diverse Buchveröffentlichungen haben sich bei unseren Nachbarn des nationalen Traumas angenommen, etwa Auke Koks Gesamtdarstellung „Wir waren die Besten“. Eine Sondernummer der wunderbaren Fußballzeitschrift „Hard gras“ stößt ins selbe Horn: „Sie waren besser.“ Besser als der Weltmeister? Zweifellos scheint diese Überzeugung bis heute am holländischen Selbstwertgefühl zu nagen: Da war diese kleine Nation gesegnet mit einer Mannschaft von Extrakönnern, war bis ins Endspiel gestürmt und unterliegt dann einer Truppe von germanischen Bolzern. Der geniale Mittelfeldstratege Cruyff zieht den kürzeren gegen den deutschen Abwehrchef Beckenbauer, Holland wird erledigt vom Stolperschuß des dicklichen Gerd Müller, niedergestreckt vom spektakulären Sturz eines Frankfurter Linksaußen namens Hölzenbein. Diese Szene hat das Lehnwort „Schwalbe“ im niederländischen Wortschatz verankert. Gerechterweise widmet sich die kollektive Trauerarbeit nun eher den eigenen Fehlern, anstatt wie zuvor hartnäckig auf Verschwörungen und antideutschen Ressentiments herumzureiten. So preist Auke Kok etwa den damaligen deutschen Trainer Helmut Schön als milden Gemütsmenschen, der nach dem Sieg von seiner Mannschaft allein gelassen wurde und betrunken in einem Münchner Hotel strandete. Die arroganten Holländer dagegen hatten, getrieben vom militärisch strengen Trainer Michels, die vermeintlichen deutschen Tugenden übernommen und scheiterten an ihrer Großmannssucht. Die niederländische Mission, der verkniesterten Welt ein postautoritäres Volk von Individualisten vorzuspiegeln, wird im Gefolge des gesellschaftlichen Rechtsrutsches nach Pim Fortuyn sowieso stark in Zweifel gezogen. War vielleicht bereits das tragische Oranjeteam von München 1974 ein Trüppchen von aufgeblasenen Achtundsechziger-Darstellern, von niederländischen Chauvis, die sich nach der 1:0-Führung berufen fühlten, die verhaßten Deutschen auf dem Platz vorzuführen und symbolisch für die Besetzung im Zweiten Weltkrieg büßen zu lassen? Der niederländische „Moffenhaß“ legt die Befürchtung nahe. (…) Der verteufelte Minderwertigkeitskomplex gegenüber einem Nachbarn, dem man sich mit manch guten Gründen moralisch überlegen fühlt, nagt bis heute an den Holländern.“

Ausgerechnet jetzt – Michael Martens (FAZ/Medien 7.7.): „Es war Zufall, auch wenn es auf den ersten Blick wie kühle Berechnung aussah: Am Tag nach dem griechischen Sieg, als alle Welt, jedenfalls in Griechenland, Nacherzählungen des größten sportlichen Erfolgs in der Landesgeschichte in den Zeitungen lesen wollte, streikten fast alle einheimischen Tageszeitungsjournalisten. Am Montag blieben in sämtlichen großen Redaktionen die Computer kalt, vergeblich suchten die Leser am Dienstag an den Kiosken nach ihren Morgenblättern mit Berichten über den frenetischen Empfang der griechischen Spieler und ihres deutschen Trainers Otto Rehhagel in Athen. Die Koinzidenz von großer Nachrichtenlage und journalistischer Arbeitsverweigerung bedeute jedoch nicht, daß die Streikenden die Gunst der Stunde für sich genutzt hätten, sagt Panagis Galiatsatos, Redakteur der Athener Tageszeitung „Ta Nea“ (Nachrichten). „Das Streikdatum stand schon länger fest. Niemand konnte schließlich ahnen, daß Griechenland Europameister wird“, sagt Galiatsatos. (…) Derzeit stehen die Chancen wohl gut, daß die Griechen am 14. August, dem Tag nach der Eröffnung der Olympischen Spiele, ihre Zeitungen an den Kiosken finden werden. Vom Tag der Rückkehr der erfolgreichsten griechischen Fußballmannschaft aller Zeiten in ihre Heimat wird in den Archiven kaum Gedrucktes zu finden sein.“

NZZ: „Fehlende Stars, aber viel Herzblut – die Copa América der Fussballer im Schatten der WM-Qualifikation“

Athen – Torsten Haselbauer (FAZ 7.7.) reibt sich die Augen: „Als Otto Rehhagel mit seiner Mannschaft und vor allem mit dem EM-Pokal um 22.30 Uhr endlich aus dem Bus steigt, ist ein neuer nationaler Mythos endgültig entstanden. Wie zu Zeiten des Marathonläufers Spiridon Louis im Jahr 1896 werfen sich Menschen um seinen Hals, boten ihm mit hoher Mitgift ausgestattete Töchter zur Heirat an. So weit kam es am Montag dann doch nicht.“

Allgemein

Wie ein Dieter Eilts, der Fußball spielen kann

Peter Heß (FAZ 6.7.) portraitiert zwei Stützen der Griechen – Angelos Charisteas und Theodoros Zagorakis: „Mit 24 fühlt sich der Angreifer noch viel zu jung für die Rente, aber was kann schon noch Größeres kommen? Bei aller Wertschätzung und Sympathie für Charisteas: Vor einer Weltkarriere steht er nicht. Dafür haben weder seine sechs Auftritte noch seine drei Tore bei der Europameisterschaft Anhaltspunkte gegeben, obwohl ihn die Technische Kommission der Uefa in die All-Star-Mannschaft berief. Charisteas verfügt weder über die Tricks und die Schnelligkeit eines Cristiano Ronaldo, weder über die Cleverness eines Jon Dahl Tomasson, weder über die Durchschlagskraft eines Wayne Rooney noch über die Ballbehandlung und Reaktionsfähigkeit eines Milan Baros. Der Grieche hat von allem etwas, doch seine einzige überdurchschnittliche Waffe ist sein Kopfballspiel. Die Sekundärtugenden eines Stürmers machten ihn so wichtig für Griechenland in diesem Turnier: Seine Bereitschaft, immer wieder vergebens dem Ball hinterherzulaufen, seine Geduld, auf die Chance zu warten, seine Unverzagtheit, sich im Dienste der Mannschaft um die Defensive mitzukümmern. (…) Wenn ein einzelner Spieler Rehhagels Verständnis von Fußball, Taktik und System verkörpert, dann ist es Mannschaftskapitän Theodoros Zagorakis. Wie ein Dieter Eilts, der Fußball spielen kann, schloß der 32 Jahre alte Mittelfeldspieler des AEK jede Lücke im Defensivverbund der Griechen, gewann fast jeden seiner Zweikämpfte und beteiligte sich dann mitunter noch am Spielaufbau. Daß die Technische Kommission der Uefa Zagorakis zum besten Spieler der Europameisterschaft kürte und keinen der vielen spektakulären Stürmer von Baros bis Rooney, war ein Beweis ihres Expertentums. Und eine Verneigung vor Rehhagels Erfolgsprinzip der intelligenten Spielverderberei.“

Ein großer Taktiker, ein großer Trainer, eine große Persönlichkeit

Peter Heß (FAZ 6.7.) nimmt Otto Rehhagel beim Wort: „Der griechische Verbandspräsident Vassilis Gagatsis machte deutlich, daß führ ihn keine Zweifel an Rehhagels Griechentreue bestehe. Eine Freigabe „kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Otto hat bei uns gerade verlängert – nicht nur bis 2006, sondern sogar bis 2008. Er wird bei uns in Rente gehen. Das hat er selbst zu mir gesagt“, sagte Gagatsis der „Bild“-Zeitung. Wenn er wollte, könnte Rehhagel wohl einen Vertrag auf Lebenszeit in Griechenland bekommen, so groß ist die Begeisterung um ihn und die Mannschaft. Das Kind der Bundesliga hat sich dennoch eine Distanz zu diesem Land bewahrt. Eher wie ein Missionar oder Entwicklungshelfer beschreibt er seine Tätigkeit, nicht wie jemand, der ein neues Glück in einer neuen, ihm ans Herz gewachsenen Heimat gefunden hat. „Ich freue mich, daß wir die Menschen so bewegen können. Die Griechen übertreiben aber gerne etwas in der Freude und in der Trauer. Die Europameisterschaft ist zwar eine wunderbare Sache, aber sie werden sich auch wieder beruhigen.“ Wenn Rehhagel über Griechenland spricht, dann oft aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus, diesen Eindruck vermittelt er jedenfalls. Der Ton klingt schulmeisterlich, wenn er berichtet, wie er in den drei Jahren seines Wirkens deutsche Mentalität und Disziplin über die verspielten und egoistischen griechischen Fußballstars gebracht hat. Gerne hebt Rehhagel auf die gesellschaftliche Bedeutung seines Erfolges für Griechenland ab. Und auch nach dem Finalsieg nahm er die Gelegenheit wahr: „Das 1:0 geht weit über sportliche Begriffe hinaus. Es ist phantastisch, was der Fußball schafft. Was die Politik vergeblich versucht, ist uns gelungen: Wir haben Griechenland geeint. Wie es in dem Lied so schön heißt: Alle Menschen werden Brüder.“ Die Gotthilf-Fischer-Anwandlung nahm ihm kein Grieche im Taumel der Gefühle übel. Nicht nur für das Volk, auch für die meisten seiner Spieler ist Otto ein Fußball-König: „Ein großer Taktiker, ein großer Trainer, eine große Persönlichkeit“, sagte Außenverteidiger Fyssas stellvertretend für die absolute Mehrheit der Kollegen.“

Allgemein

Von der Last der Erwartungen erdrückt

Waren die Erwartungen zu groß, Matti Lieske (taz 6.7.)? “Zu einem besonderen Ritual war schon bei den letzten Partien in Lissabon die Anreise der Spieler aus ihrem Quartier im 30 Kilometer entfernten Alcochete auf der anderen Seite des Tejo gewesen. Die Fahrt des Mannschaftsbusses wurde live in voller Länge in Fernsehen und Radio übertragen, am Sonntag verwandelte sich die Strecke in einen Wallfahrtsort. An einer Stelle begleitete eine wilde Horde von Reitern auf galoppierenden Pferden den Bus, und es sah aus, als würden Indianer einen Überfall verüben. Auf der langen Vasco-da-Gama-Brücke folgten Scharen von Schnellbooten den Spielern, auf der Stadtautobahn dann unzählige Motorräder, und die Ränder der Strecke säumten wie bei einer Tour-de-France-Etappe Tausende von jubelnden Menschen. Und mit jedem Kilometer wurde die Last größer, die auf den Schultern der Spieler lag. Wer bis dahin noch geglaubt hatte, der Einzug ins Endspiel genüge als Erfolg bei dieser EM, wie es nach dem Halbfinale geheißen hatte, der sah sich jetzt eines Besseren belehrt. Dies war ein Land, das den Titel, und nichts weniger, erwartete. Eine Kritik, die gestern an den Spielern laut wurde, war, dass sie das Match wie ein ganz normales behandelt hätten und nicht wie das wichtigste ihrer Karriere. Möglicherweise eine Reaktion auf den immensen Druck, der an ihren Nerven zerrte.“

Deutsche Elf

Schranziger Teil des Systems Rehhagel

Jetzt ist auch Otto Rehhagel aus dem DFB-Trainerkarussell ausgestiegen, Michael Horeni (FAZ 6.7.): „Damit wäre dem Verband 704 Tage vor der Weltmeisterschaftseröffnung noch ein weiterer Kandidat für den Posten des Bundestrainers abhanden gekommen. Nach Rudi Völlers Rücktritt und der Absage des Wunschkandidaten Ottmar Hitzfeld wurde Rehhagel vielfach als größte Hoffnung auf eine sportlich erfolgreiche Weltmeisterschaft gehandelt. Die sogenannte Findungskommission, die Gerhard Mayer-Vorfelder ebenso wie sein Stellvertreter und potentieller Gegenkandidat Theo Zwanziger sich als ein Ergebnis der Beratungen an diesem Montag in Frankfurt wünschten, soll in den kommenden Tagen die Lage auf dem Trainermarkt sondieren – gleichgültig ob Rehhagel verfügbar ist oder nicht. Mayer-Vorfelder lehnte es vor der Sitzung ab, einen Trainernamen in die Diskussion zu bringen. „Wir müssen uns erst einmal über das Verfahren unterhalten und dann mit einem Kandidaten Gespräche führen. Ich halte nichts davon, Namen zu verbrennen.“ Er werde „keine Ausgrenzung“ vornehmen, sagte der DFB-Präsident, aber er persönlich wünsche sich eine Trainerlösung über die WM 2006 hinaus. Er bekräftigte auch den Willen, einen ausländischen Trainer zu verpflichten, falls man keinen deutschen Fußballehrer „für geeignet hält“. Gute Deutschkenntnisse seien aber Vorraussetzung.“

Otto Rehhagel ist jetzt für das größte Fußballwunder eines deutschen Trainers seit 50 Jahren verantwortlich

Stefan Hermanns (Tsp 6.7.) glaubt das noch nicht: „Das System Rehhagel wird gelegentlich als Ottokratie bezeichnet, wobei nicht ganz klar ist, worin eigentlich der Unterschied zur lautlich verwandten Autokratie besteht. Jedenfalls hat dieses System eine Reihe von Hofschranzen hervorgebracht, und die schranzigste ist der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien. Seit Jahrzehnten begleitet er das Wirken des Otto R. ohne jegliche Distanz. So wünscht sich Rehhagel seine Journalisten. Am Sonntag nach dem Finale kam Töpperwien gemeinsam mit der griechischen Delegation zur Pressekonferenz: Er strahlte, umarmte alle, die nicht schnell genug flüchten konnten, und lachte natürlich am lautesten, wenn sein Meister einen Witz gemacht hatte. Es sah sogar so aus, als würde Töpperwien die Goldmedaille des Europameisters um den Hals tragen. Es war aber nur seine Akkreditierung. Wohin das alles noch führen wird, ist absehbar. Töpperwiens Arbeitgeber, das ZDF, unterstützt nach Kräften Rehhagels noch nicht erklärte Kandidatur für das Amt des Bundestrainers, und selbst die „Bild“-Zeitung, zu Bremer Zeiten des Trainers Lieblingsfeind, hat schon auf ihrer Titelseite gefleht: „Jetzt muss Rehhakles Deutschland retten.“ Und Bundestrainer werden. Rehhagel sagte nach dem Finale, er werde nur über seine Jungs sprechen: „Es wäre fatal, wenn ich auch nur ein Wort über andere Dinge verlieren würde.“ Was aber wäre fatal daran, wenn Rehhagel sein Interesse am Posten des Bundestrainers abstritte, weil er keines hat? Aber Rehhagel hat es immer als seinen Lebenstraum bezeichnet, die deutsche Nationalmannschaft zu trainieren. Vermutlich bekommt er jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, sich diesen Traum zu erfüllen. In Deutschland jedenfalls wird der Ruf noch Rehhagel noch anschwellen. Daran wird sich auch nicht viel ändern, nachdem der griechische Verbands-Präsident Vasilios Gagatsis bereits verkündet haben soll: „Otto hat bei uns gerade verlängert – nicht nur bis 2006, sondern sogar bis 2008. Er wird bei uns in Rente gehen. Das hat er selbst zu mir gesagt.“ Otto Rehhagel ist jetzt für das größte Fußballwunder eines deutschen Trainers seit 50 Jahren verantwortlich.“

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