indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 6. Mai 2008

Bundesliga

Genügend Ansätze für Reformen

Die Berliner Zeitung hält Bayern München für stark – und für stark defizitär / Auch sonst wenig lustvolle Gratulationen zur Meisterschaft

Das wird Uli Hoeneß nicht gerne lesen: Andreas Lesch (Berliner Zeitung) beschreibt das Dinosaurierhafte und den Erneuerungsbedarf Bayern Münchens: „Es scheint, als wäre der FC Bayern das ideale Projekt für den TÜV-geprüften Super-Erneuerer Klinsmann: Dieser Klub besitzt Potenzial, aber er leidet auch an einem Reformstau. Er hat einige gute Spieler, aber kein gutes Team. Er beschäftigt viele Akteure, die sich ihrem Leistungslimit seit Jahren nicht ernsthaft genähert haben. Er verfügt über kein Spielsystem, das unverwechselbar strukturiert ist und auch an schlechten Tagen trägt. Er kann, was Tempo, Technik und Spielstärke angeht, mit Europas Elite nicht mithalten. Zudem scheint der FC Bayern nicht gewillt zu sein, seine Defizite zu benennen – das aber wäre der erste Schritt zur Besserung. Klinsmann findet also, ähnlich wie einst vor seinem Amtsantritt als Bundestrainer, genügend Ansätze für Reformen. Er muss nicht lange rätseln, wo er aufräumen soll. Er muss seinem neuen Arbeitgeber klarmachen, dass der Kauf der Spitzenkräfte Luca Toni und Franck Ribéry eine gute Idee war, dass aber die wahren, tief gehenden Renovierungsarbeiten im Verein noch bevorstehen. Klinsmann muss dem FC Bayern, wenn er ihn voranbringen will, die Selbstzufriedenheit abgewöhnen und neuen Ehrgeiz antrainieren.“

Notarieller Akt

Bayern vollendet die Meisterschaft, und Roland Zorn (FAZ) zuckt mit den Schultern: „Jenseits des mit sich und seiner Welt nach dem blamablen Uefa-Pokal-Aus wieder zufriedenen Meisterfachbetriebs war der Jubel in der Meisterstadt München nicht gerade riesig. Dafür kam das 0:0 von Wolfsburg, erkämpft mit einer halben Ersatzmannschaft, einem notariellen Akt zu nah. Der Nachfolger des VfB Stuttgart thronte über die gesamte Saison vom ersten Spieltag an allein auf lichter Höhe. Mit zehn Punkten Vorsprung vor den drei letzten Saisonrunden sind die Bayern wieder einmal früh und uneinholbar davongezogen. Dabei erweckten sie manchmal sogar den Eindruck, sich gegen eine jederzeit mögliche Niederlage nicht mit letzter Kraft stemmen zu wollen. Dann hätten sie den Titelgewinn zur großen Party im Heimspiel gegen Arminia Bielefeld aufgezäumt.“

Claudio Catuogno (SZ) findet’s spießig: „Es hat auch eine innere Logik, dass es in Wolfsburg geschah: Hier, in einem kleinen, piekfeinen Stadion mit gut erzogenen Fans, die sogar höflich applaudierten, als der VW-Chef Martin Winterkorn dem Gästetrainer Hitzfeld vor dem Spiel einen Abschiedsstrauß hinstreckte. Hier, wo der sympathische deutsche Umverteilungsbetrieb namens Bundesliga in der Mitte der Gesellschaft verankert ist – aber weit weg vom internationalen Spitzenfußball.“

SZ: Bilanz einer Saison: Der FC Bayern musste zur Meisterschaft den Umweg durch die Kälte nehmen
SZ: Klinsmann in München – Vorbereitung auf nächste Saison

Montag, 5. Mai 2008

Bundesliga

Die Geld-schießt-Tore-Meisterschaft

Der 31. Spieltag: Die Journalisten möchten den neuen Deutschen Meister Bayern München am liebsten dazu verpflichten, seiner Dominanz in Deutschland auch internationale Triumphe folgen zu lassen; Werder Bremen scheint in einem Jahr voller Krisen dennoch die Champions League zu erreichen; Schalke büßt Schwung ein; Rostock wird geraten, an Trainer Frank Pagelsdorf festzuhalten

Michael Horeni (FAZ) misst den Nachrichtenwert der vollzogenen Bayern-Meisterschaft: „Zehn, neun, acht, sieben … Der Countdown zum Titelgewinn des FC Bayern war ungefähr so spannend wie das Runterzählen am Silvesterabend um 23.59 Uhr. Irgendwann kommt das neue Jahr. Irgendwann wird Bayern Meister. Sechs Spieltage vor Schluss, fünf, vier, drei … Dass es so kommen würde, sagten Fans und Experten schon nach dem zweiten Spieltag voraus. Da gewannen die Bayern 4:0 in Bremen und hatten fünf Punkte Vorsprung auf Werder. (…) Der feste Glaube, dass Fußball und Golf die unwägbarsten aller Sportarten wären, ist jedenfalls erschüttert. Im Golf hat dafür Tiger Woods gesorgt. Im Fußball, zumindest in der Sektion Bundesliga, der FC Bayern. Die Gewinnerwartungen lassen sich dort in der Regel wie bei ganz normalen Wirtschaftsunternehmen vorhersagen.“

Spannung bietet allerdings der Blick in die Zukunft der Münchner; Christof Kneer (SZ) pocht auf einer Weiterentwicklung auf internationalem Niveau: „Was Bayern feiert, ist die Geld-schießt-Tore-Meisterschaft. Dieser Titel ist der bayerische Beitrag zu einer der prägenden Debatten der Fußball-Neuzeit. Im Kern dreht sich die Debatte darum, ob schlechter besetzte Klubs mit besser besetzten Klubs konkurrieren können, wenn der schlechter besetzte Klub zum Beispiel über den listigeren Trainer, die schlüssigere Taktik und die findigeren Scouts verfügt. Die Antwort: Nein, können sie nicht – sofern ‚besser besetzt’ Franck Ribéry und Luca Toni bedeutet. Der FC Bayern hat die Materialschlacht 2007/2008 locker für sich entschieden, aber erst die nächste Saison wird zeigen, was von diesem Meistertitel wirklich zu halten ist. War er nur das Ende von etwas – das Ende eines von Ribéry und Toni aufgepeppten, im Kern aber doch noch pragmatischen, sehr deutschen Hitzfeld-und-Kahn-FC-Bayern? Oder war er der Anfang von etwas – der Anfang einer großen internationalen Ribéry-und-Toni-Ära, die vom global playerle Jürgen Klinsmann befördert und zugespitzt wird? Die Champions League ist die Definitionsebene für diesen FC Bayern, und dafür wird er Deutschland weit hinter sich lassen müssen. Zur Personal- muss nun die Strategieebene kommen. Es wird Klinsmanns zentrale Aufgabe sein, einen unverwechselbaren, originär münchnerischen Spielstil zu etablieren.“

Mathias Klappenbach (Tagesspiegel) unterstreicht die routinierte Arbeit des scheidenden Bayern-Trainers: „Dass die Meisterschaft so souverän ausfiel, ist vor allem Ottmar Hitzfeld zuzurechnen. Er hat aus den Einzelkönnern innerhalb kürzester Zeit eine funktionierende Einheit gebastelt, die seit dem ersten Spieltag ununterbrochen die Tabelle anführt. Disziplinlosigkeiten wie die Kritik an Kollegen von Oliver Kahn oder jüngst die von Willy Sagnol an seiner Position hat er rigoros bestraft. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Münchner trotz aller Investitionen längst nicht auf allen Positionen so besetzt sind, dass sie eine tragende Rolle in der Champions League einnehmen könnten. Mit einem Außenverteidiger wie Christian Lell ist auch der Sieg im Uefa-Cup wenig wahrscheinlich. Hitzfeld hat die hohen Investitionen gut verwaltet, sehr gut. Eine Mannschaft, die zu Höherem berufen ist, hat er nicht geschaffen. Konnte er vielleicht auch nicht.“

Peter Ahrens (Spiegel Online) zweifelt am künftigen Münchner Tormann: „Michael Rensing wird das kommende Spieljahr nicht als Nummer 1 durchstehen – da möchte man jede Wette eingehen, auch wenn die Lippenbekenntnisse der Vereinsführung noch anders klingen. Die Selbstsicherheit, die Rensing außerhalb des Platzes zur Schau zu tragen pflegt, fehlt ihm auf dem Feld komplett. Umgekehrt wäre besser. Unsicher in der Strafraumbeherrschung, ohne Ausstrahlung auf die Vorderleute – von der Qualität Rensings gibt es zehn bis zwölf Torsteher in der Liga. Olli Kahn sollte sich eventuell für den Herbst noch ein bisschen fit halten.“

Theater ohne Ende

2:0 gegen Cottbus, Platz 2 gefestigt – Frank Heike (FAZ) erstaunt darüber, wie Werder Bremen immer wieder die Kurve kratzt: „Die Berechtigung zur Teilnahme an der Champions League wäre die optimale Ausbeute nach dieser Spielzeit voller kleinerer und größerer Unglücke. Mit schlechtem Krisenmanagement und schwacher Öffentlichkeitsarbeit hat sich Werder durch all die Schwierigkeiten der Spielzeit 2007/2008 laviert: Die aktuelle Krisenwoche nach Ivan Klasnics Klage gegen den Mannschaftsarzt und dem zähen Friedensgipfel war der negative Höhepunkt eines aufregenden Bremer Jahres. Auch davor hat es ja allerhand Unerhörtes gegeben: Verletzte von Beginn an, den verliehenen Millionen-Irrtum Carlos Alberto, seine Trainingsschlägerei, ständiges Interesse anderer an Diego, ein Flirt Klaus Allofs‘ mit dem FC Bayern, Spekulationen um Per Mertesacker, die vielen Rückschläge bei Torsten Frings, der Wechsel von Tim Borowski, ein Boubacar Sanogo, der vom Afrika-Cup wie verhext zurückkehrte, die Rote Karte von Frankfurt gegen Diego, sechs Gegentore in Stuttgart und ein Torwart Tim Wiese, der vom Helden zum Deppen wurde, als er das Ausscheiden im Uefa-Pokal verschuldete. Theater ohne Ende in fast jeder Saisonphase beim SV Werder, und als im März drei Spiele verlorengingen, rutschte er nach der Niederlage gegen den MSV Duisburg auf Rang 5. Doch in Bremen arbeitete man ruhig weiter. Thomas Schaaf (und seine verordnete Spielweise des Immer-vorwärts) und Allofs bleiben unangefochten. Diese innere Ruhe trotz äußerer Wirbelstürme ist Gold wert: Es folgte das bewährte grünweiße Krisenmanagement auf dem Rasen.“

Placeboeffekt?

Richard Leipold (FAZ) fragt sich beim 1:1 gegen Hannover, ob der Schalker frische Schwung schon wieder aufgebraucht ist: „Mehr Anlass zur Sorge als das Ergebnis gibt aus Schalker Sicht die Art, wie es zustande kam – ohne Witz und ohne Charme. Wo war nur die Leichtigkeit geblieben, zu der Mike Büskens und sein Kompagnon Youri Mulder den Spielern scheinbar verholfen hatten? Gegen Hannover erinnerte viel an die faden Vorstellungen, die Schalke unter Mirko Slomka oft abgeliefert hatte. Wie von unsichtbaren Lasten gedrückt, bereitete die Mannschaft sich und ihren Fans ein böses Frühlingserwachen. Das vermeintliche Stimmungsduo Youri und Mike stieß schon im dritten Spiel an Grenzen. Hat ihre Spaßtherapie am Ende nur einen Placeboeffekt erzeugt?“

Zwischenhoch

Oliver Trust (FAZ) kann beim 4:1-Sieg der Stuttgarter über Frankfurt nicht erkennen, dass Tabellennachbarn am Werke sind: „Stuttgart lieferte ein schönes Spiel, aber der Gegner trug zu dieser Galavorstellung der Schwaben einen beträchtlichen Teil bei. Die Frankfurter hatten Glück, nicht überrollt zu werden, und ihr Torwart Markus Pröll, nicht zur Schießbudenfigur des Wochenendes gekürt zu werden. In dieser Saison war noch keine Mannschaft in Stuttgart so schwach dahergekommen wie die Eintracht. (…) Der VfB löste die Aufgabe mit einer Leichtigkeit, die Trainer Armin Veh gar an die Meistersaison erinnerte. Nun kommt das Zwischenhoch für eine etwaige Titelverteidigung natürlich viel zu spät, aber es könnte für die Stuttgarter noch für ein versöhnliches Ende einer schwierigen Saison reichen. Die Tore erinnerten jedenfalls an die traumhaften Tage im Frühjahr 2007.“

Den Abstieg hinnehmen wie ein Naturereignis

Obwohl Hansa Rostock nach dem 1:3 gegen Hamburg auf den Abstieg zumarschiert, teilt Matthias Wolf (Berliner Zeitung) die Zweifel am Trainer nicht im geringsten: „Jetzt, da scheinbar alles den Bach runter geht, nach nur einem Jahr in der Ersten Liga, löst sich der Mythos Frank Pagelsdorf auf. Ein Blick ins Internetforum des Vereins genügt, um zu sehen, wie es an der Basis rumort. Doch bei allem Verständnis für den Unmut: Soll man Hansa wirklich raten, den Trainer nach dieser Saison zu feuern? Die Realität sieht doch so aus: Ohne das glückliche Händchen Pagelsdorfs, dem es gelang, acht junge Spieler aus der jahrelang unproduktiven eigenen Nachwuchsabteilung für den Bundesligakader zu rekrutieren, wäre der Klub vermutlich längst in den Niederungen von Liga Zwei verschwunden, oder sogar noch tiefer. Auch dank ihm hat der mittlerweile wieder liquide Verein die Lizenz ohne Auflagen erhalten. Das gilt auch für die Zweite Liga. Noch beim Abstieg 2005 bedurfte es einer Landesbürgschaft von fast fünf Millionen Euro, um überhaupt Profifußball weiter betreiben zu dürfen. Dieser scheinbar für das hektische Bundesligageschäft zu gemütliche Dicke, der Ottfried Fischer von der Ostsee, war noch nie ein Lautsprecher – aber Pagelsdorf hat ein Konzept. Eines, das prima passt zu Hansa, dessen Überlebensstrategie in zehn Jahren Bundesliga einst so aussah: billig einkaufen, teuer verkaufen. Den besten Ausbildungsverein Deutschlands wollte Pagelsdorf nun kreieren, noch im Winter hat er davon geschwärmt, bevor der Alltag im dunklen Tabellenkeller scheinbar alle Träume auffraß. Es wird Zeit, dass Hansa um seinen Trainer kämpft – egal, was jetzt passiert. Denn ohne Pagelsdorf hat Hansa die Zukunft vielleicht schon hinter sich.“

Claudio Catuogno (SZ) wittert Kapitulation: „Mit zunehmender Spieldauer nahm der Auftritt der Rostocker absurde Züge an: Als Enrico Kern schließlich einen Kopfball weit neben das Tor drückte, wurde nur deshalb das 1:3 daraus, weil Hamburgs Mathijsen den Ball noch über die Linie stolperte. ‚Torschütze mit der Nummer 9: Enrico, Enrico, Enrico’, rief der Stadionsprecher. Doch von den Rängen kamen nur Pfiffe zurück, als Quittung für den unlauteren Versuch, das ohnehin gequälte Publikum auch noch für dumm zu verkaufen. (…) In Rostock scheint man den drohenden Abstieg hinzunehmen wie ein Naturereignis. Wie eine Sturmflut, gegen die man sowieso nichts ausrichten kann, also klappt man die Läden vor die Fenster und wartet. Aber manchmal ist, wenn man nach einem Unwetter die Vorhänge wieder beiseite schiebt, die Welt draußen nicht mehr dieselbe.“

Treibende Kraft im Hintergrund

Josef Kelnberger (SZ) widmet sich der Schelte und den Danksagungen für Jan Koller aus den Fan-Kurven: „Koller bleibt jetzt nichts anderes mehr übrig, als mit Toren den Club vor dem Abstieg zu bewahren. Dann kann er im Jubel auch diese typischen Legionärsgeste vorführen: Der Spieler klopft sich mit der rechten Hand auf die linke Brustseite, dorthin, wo das Vereinswappen sitzt, um zu zeigen, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste – dass sein Herz ganz bei dem jeweiligen Verein ist. Die Nürnberger Anhänger nehmen Koller das offenbar nicht ab. Ein Zeichen von Selbstauflösung, die gewöhnlich schnurstracks in den Abstieg führt. Auf wundersame Weise bleibt Borussia Dortmund von diesem Schicksal in dieser Saison verschont. Die leblosen Dortmunder Profis mussten sich ja als die eigentlichen Adressaten des Jubels um einen Nürnberger Stürmer fühlen. Auch ihre Anhänger trauerten der guten, alten Zeit nach, und die trug eben einen Namen: Jan Koller.“

Von Freddie Röckenhaus (SZ) erfahren wir nähere Hintergründe: „Das wirklich Tragische für Koller: Vor zwei Jahren hatte die Borussia ihn mit allen Mitteln zu halten versucht, als es ihn zum AS Monaco zog. Vor einem Jahr haben die Dortmunder erneut versucht, den in Monaco unzufriedenen Torjäger zurückzuholen. Und auch in der Winterpause legte der BVB Koller ein konkretes, finanziell sogar besseres Angebot vor als der 1. FC Nürnberg. Doch Kollers Frau Hedvika, ein Glamour-Girl mit einer ausgeprägten Leidenschaft fürs Shopping, war die treibende Kraft, dass er nicht mehr in seinem fußballerischen Dorado Dortmund anheuerte. Zwar hat die Stadt Nürnberg als Wohnort vermutlich auch nicht mehr Glanz und Glamour als die Ruhrpott-Metropole, aber für Gattin Hedvika ist Prag von dort nur zwei Autostunden entfernt. Die alte Weisheit, dass die Hälfte des Erfolgs eines Mannes seiner Frau gebührt, lässt sich auf Jan Koller wohl nicht anwenden.“

Samstag, 3. Mai 2008

Allgemein

Schwarze Stunde im Hinterhof des europäischen Fußballs

Die 0:4-Niederlage der Bayern in St. Petersburg schockt Großteile der deutschen Fußballpresse, auch weil das Ergebnis ein trübes Licht auf die Bundesliga wirft / Glasgow Rangers igeln sich erfolgreich in Florenz ein

Schon wieder keine deutsche Mannschaft im Europapokalfinale, nicht mal Bayern im Uefa-Pokal – für Peter Heß (FAZ) ist es eine Frage des Geldes: „Was sich in St. Petersburg abspielte, lässt nur die fassungslos zurück, die sich vom Hochglanzprodukt Bundesliga blenden lassen und das beste Stück der nationalen Elite auf einer Höhe mit der Weltklasse sehen. Die Bundesliga mag noch die ausgeglichenste Liga der Welt sein, die beste ist sie schon lange nicht mehr. Stattliche Stadien, eine traditionell breite Verankerung in der Gesellschaft und eine Zentralvermarktung, die den Klubs eine gewisse Chancengleichheit bietet, bilden den Rahmen für glänzende kleine Geschäfte im Idyll. Wer jenseits dieses Auenlandes reüssieren will, muss sich aber europäischen Spitzenstandards anpassen. Und der Standard der Erfolgreichsten ist es, viele Millionen Euro im Jahr zu vernichten. Nur Investoren und Mäzene ermöglichen es Klubs wie Chelsea, Manchester United und Liverpool, auf Pump die besten Spieler der Welt zu verpflichten. So wie in Italien vor ein paar Jahren. Dort sitzt nach mehreren Finanzskandalen das Geld längst nicht mehr so locker.“

Roland Zorn (FAZ) mag sich mit dieser Erklärung nicht abfinden und fordert besseres Training: „Die manchmal von sich selbst geblendeten Bayern und die glänzend umrahmte, sportlich aber verbesserungsbedürftige Bundesliga müssen sich in Zukunft ohne Ausflüchte der Wirklichkeit im internationalen Vergleich stellen, wollen sie nicht überrannt werden von immer mehr Teams, die im Kollektiv auf Tempo, Antizipation, Mitarbeit ohne Ball und Zielstrebigkeit setzen. Nur mit mehr Pep, mehr Power, mehr Dynamik kann der Rückstand zu den europäischen Rivalen aufgearbeitet werden. Eine ebenso reizvolle wie dankbare Aufgabe für den reformbeseelten Jürgen Klinsmann. Holen die Münchner ihre Defizite nicht auf, brauchte Uli Hoeneß schon wieder ein Fernglas – diesmal mit Fernblick auf Europas Fußball-Elite. Zu der gehören die Bayern derzeit nur dem Namen nach.“

Bundesliga ist international wettbewerbsunfähig

Jörg Schallenberg (Spiegel Online) diagnostiziert Stagnation und Stückwerk: „Wie ganz oben in Europa gespielt wird, demonstrierten etwa der FC Chelsea und der FC Liverpool, obwohl beide nicht einmal ihre Bestform erreichten. Vergleicht man die Schnelligkeit, Ballfertigkeit, Kombinationssicherheit, aber auch die Aggressivität, mit der schon tief im Mittelfeld der Gegner attackiert wird, dann wirkte das Spiel der Bayern in St. Petersburg dagegen wie eine Partie aus den späten achtziger Jahren. Weniger die fehlende Kondition ist der Grund fürs Scheitern der Bayern, sondern die Tatsache, dass sich die Mannschaft nach der Rückkehr von Ottmar Hitzfeld nicht entscheidend weiter entwickelt hat. Das zeigen schon die Resultate: Unter Felix Magath schaffte man zweimal das Double und flog in der Champions League einmal im Viertel- und einmal im Achtelfinale raus. Mit Hitzfeld gewinnt Bayern nun erneut das Double und fliegt im Halbfinale des Uefa-Cups hochkant raus. Statt Systemfußball gibt es oft nur Einzelaktionen der brillanten Neueinkäufe Franck Ribéry und Luca Toni zu bestaunen.“

Sebastian Krass (Berliner Zeitung) sieht Bayern verlieren – und denkt an deren deutsche Konkurrenz: „Das Versagen der Münchner strahlt über die Grenzen des eigenen Vereins hinaus. Es ist auch ein Tiefschlag für die gesamte Bundesliga. Nach einem kurzzeitigen Stimmungshoch, weil vier deutsche Mannschaften im Achtelfinale des Uefa-Pokals standen, ist diese Saison doch noch ein weiterer Beweis für die verloren gegangene internationale Wettbewerbsfähigkeit der Liga geworden: Nicht einmal der mit 75 Millionen Euro Ablösesummen aufgemöbelte Rekordmeister, der mit zwölf Punkten Vorsprung die heimische Tabelle anführt, ist in der Lage, in diesem zweitklassigen Wettbewerb zu reüssieren.“

Schwärzeste Stunde seit Jahren

Klaus Bellstedt (stern.de) kennt kein Pardon: „Im Hinterhof des europäischen Fußballs erlebte der große FC Bayern die schwärzeste Stunde seit Jahren. Eine brutale Bauchlandung, die die Schwächen des Rekordmeisters schonungslos offenbarten. 0:4 lautete das erschütternde Ergebnis. Auch wenn die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld an diesem Wochenende wahrscheinlich das Double perfekt machen wird – diese Saison dürfte an der Isar vor allem wegen der Art und Weise, wie diese schreckliche Pleite gegen Zenit zustande kam, alles andere als optimal gewertet werden.“

Sahnehäubchen

Jürgen Schmieder (sueddeutsche.de) blickt mit scheinbar lobenden Worten kritisch auf einen Bayern-Star: „Franck Ribéry ist kein Spielmacher, wie es Stefan Effenberg war oder auch Michael Ballack. Er ist auch kein dominierender Mann hinter den Spitzen wie Diego. Ribéry ist das Sahnehäubchen auf Fußballspiele. Er zaubert gegen den VfL Bochum, er trifft gegen den VfB Stuttgart doppelt, er ist sogar in der Lage, die Nachspielzeit gegen Getafe zu erzwingen. Aber er ist kein Mensch, der bei einem 0:2 seine Mannschaft anfeuert und sie nach vorne treibt. Im Gegenteil: In Petersburg winkte er mehrfach genervt ab und motzte gegen seine Mitspieler. Die anarchische Spielweise, die nach vorne so effektiv ist, sorgt in der Defensive für zahlreiche Lücken.“

Schallenberg hat noch einen: „Ob Michael Ballack eine SMS an Owen Hargreaves geschrieben hat? Man kann sich nur allzu gut vorstellen, wie die beiden einstigen Bayern-Stars nach ihren Auftritten in der Champions League entspannt vor dem Fernseher gesessen und den Untergang ihres früheren Arbeitgebers verfolgt haben – um danach vielleicht ein paar Zeilen ins Handy zu tippen: ‚Da sind wir gerade noch mal davongekommen, was, Owen?’ Und als Antwort aus Manchester: ‚Was haben wir Schwein gehabt, Michael! Wir sehen uns in Moskau. ;-)’“

Triumph sturen Defensivfußballs

Birgit Schönau (SZ) erlebt in den anderen Halbfinale die Verkehrung aller Klischees: „AC Florenz gegen Glasgow Rangers war ein Lehrstück für Fußballtrainer – und eine schier unendliche Qual für die Zuschauer. Eine Mannschaft, die unentwegt angriff: Florenz. Und die andere, die unbeirrt mauerte: Glasgow. Am Ende gewannen die Schotten 4:2 im Elfmeterschießen, das war logisch und absurd zugleich, ein Triumph sturen Defensivfußballs über verzweifelt attackierende Italiener. Früher einmal hatte man genau das den Italienern nachgesagt: gewinnen, ohne zu spielen. Früher, ganz früher spielten die Schotten nach einem System, das sie dem Rest der Fußballwelt zwar nicht beängstigend, aber doch sympathisch erscheinen ließ. Hinten der Torwart und genau ein Verteidiger, die übrigen neun stürmen nach vorn. Heute machen es die Glasgow Rangers genau umgekehrt.“

BLZ: Die Glasgow Rangers erreichen mit großer Disziplin erstmals seit 36 Jahren wieder ein Europacup-Finale

Freitag, 2. Mai 2008

Champions League

Zwei Ligen als Meisterstücke von Markt-Designern

Chelsea und Manchester sind im Endspiel, und die Journalisten fragen: Wie viel England steckt im Finale? Und antworten: Mehr als zunächst vielleicht vermutet / Frank Lampard und Paul Scholes sind die Helden / Chelseas Finaleinzug wird sogar Avram Grant zum Teil angerechnet

Das erste Endspiel zwischen zwei Premier-League-Klubs in der Champions League – Christian Eichler (FAZ) unterstreicht die äußerst gelungene Unternehmensführung beider Ligen und erörtert Für und Wider in Sachen Attraktivität: „Beide, Champions und Premier League, wurden gegründet und gestaltet mit einem Ziel, das heute erreicht ist: die Macht großer Marken auch im Fußball durchzusetzen; verlässlich reproduzierbare, verwertbare Angebote auf höchstem Level zu schaffen. Anders gesagt: Wettbewerbe zu kreieren, die das Unwägbare des Fußballs auf ein marktverträgliches Minimum reduzieren. Zwei Ligen als Meisterstücke von Markt-Designern. Sie wurden so entworfen, dass die Großen und Reichen dominieren können. Aus Sicht des Fußballfreundes ist es eine zwiespältige Entwicklung. Einerseits haben die ‚Kleinen’ Europas, zu denen schon die Bundesliga gehört, gegenüber Kadern aus zwei Dutzend Weltklassespielern, gepäppelt mit Gehaltsbudgets von jährlich hundert Millionen Euro und mehr, immer seltener eine Chance. Andererseits gelingt es der Champions League, dem Publikum zu bieten, was andere Wettbewerbe nie schafften: den regelmäßigen Vergleich der weltbesten Fußballer. Und das, ohne im Resultat vorhersehbar zu werden: Auch im 16. Jahr wird es einen anderen Sieger als im Vorjahr geben.“

Raphael Honigstein (SZ) filtert Englands Anteil heraus: „Englands Fußball feiert in Moskau seine ganz eigene Europameisterschaft – siebzehn Tage vor der richtigen EM, bei der man zu Hause bleiben muss. Das Rätsel der Diskrepanz zwischen der Stärke der Klubteams und der Schwäche der Nationalelf bleibt. Denn die billigste Erklärung – die angebliche Dominanz ausländischer Stars – wird vom Personal der Finalisten widerlegt. Nicht die spanisch geprägte Liverpool-Elf, nicht die nahezu engländerfreie Kunstkicker-Truppe von Arsenal hat sich durchgesetzt; sondern die einheimisch mitgeprägten Teams von United und Chelsea.“

Auch Engländer haben die Fähigkeit, sich im entscheidenden Moment zu erheben

Barbara Klimke (Berliner Zeitung) trägt den Namen des um seine verstorbene Mutter trauernden Torschützen in Chelseas Chronik ein: „Diese Nacht wird in der Vereinsgeschichte mit Frank Lampards Namen verbunden sein. Denn dass die von einem russischen Oligarchen gesponserte Weltauswahl über Personal verfügt, von dem erwartet werden kann, im entscheidenden Moment über sich hinauszuwachsen, war der tiefere Sinn dieser Fußball-Kapitalanlage.“

Über den Helden schreibt sie: „Auch beim zweiten Halbfinale entschied ein Engländer das Spiel: Paul Scholes, zurückgetreten aus dem Nationalteam und fast schon ausgemustert von Alex Ferguson, erzielte den einzigen Treffer dieses Wettstreits der Multi-Kulti-Truppen. Niemand hatte ihn als Matchwinner auf der Rechnung – außer Ferguson, der ihm nun aus Dankbarkeit einen Platz im Finalteam reserviert. Denn das letzte Endspiel Manchesters, den Sieg über den FC Bayern 1999, hatte Scholes wegen einer Spielsperre verpasst.“

In ihrem Fazit rehabilitiert Frau Klimke England nicht ohne Pathos: „Die Überlegenheit der Vereine aus England, so hieß es bisher, sei mit fremdem Geld und ausländischem Personal erkauft; von einem englischen Nationalteam war zuletzt nicht einmal mehr die EM-Qualifikation zu erwarten. Womöglich ist die Situation nicht ganz so aussichtslos: Auch Engländer haben, wie Frank Lampard und Paul Scholes bewiesen, die Fähigkeit, sich im entscheidenden Moment über die Kollegen zu erheben – mit dem Mut der Verzweiflung und jener Kraft, die aus tiefster Trauer erwächst.“

Aus dem Schatten von José Mourinho getreten

Honigstein freundet sich mit Chelseas Stil an: „Fußballromantiker haben es nicht leicht. Zum einen verdeutlicht der Verein wie kein zweiter in Europa, dass der Erfolg letztlich nur von der Höhe der Investitionen abhängt. 725 Millionen Euro hat Abramowitsch, den sibirischen Rohstoff-Tycoon, die erste Finalteilnahme seit seiner Übernahme vor fünf Jahren gekostet. Andererseits schlägt der hauptsächlich von der Qualität und Willensstärke der Spieler befeuerte Fußball eine Brücke zurück in die Vergangenheit, als noch nicht allerorten Trainer die Kicker zu bloßen Erfüllungsgehilfen ihrer taktischen Allmachtsphantasien degradierten. Chelseas Kraft der Gefühle schlug am Ende Liverpools Konzept. Wer den englischen Fußball mag, muss nicht traurig sein.“

Sogar Chelseas Trainer erfährt mal was anderes als Hohn, nämlich Anerkennung; bei Honigstein heißt es: „Avram Grant ist mit diesem Sieg wohl aus dem Schatten von José Mourinho getreten. Als dessen ungeliebter Nachfolger war er ein halbes Jahr lang von vielen als überforderte Notlösung verhöhnt worden. Nun hat er geschafft, was Mourinho dem großen Boss Abramowitsch nicht liefern konnte: das Finale der Champions League. Grant hat die Schmähungen lange stoisch ertragen, doch seit ein paar Wochen wehrt er sich.“

FAZ-Bericht: Chelsea–Liverpool (3:2)
NZZ-Bericht ManU–Barça (1:0)

Mittwoch, 30. April 2008

Champions League

Sich gefunden

Spanischer Trainer, spanischer Torjäger – Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) hält fest, dass Liverpool Arbeitsspeicher und -kapazität erhöht hat: „Fußball ist keine Mathematik, da hat Karl-Heinz Rummenigge wohl recht. Kein Algorithmus der Welt hätte John Arne Riises kurioses Eigentor in der Nachspielzeit des Hinspiels im Voraus berechnen können. Aber Mathematik kann Fußball sein. An dem gewaltigen Einfluss der Zahlen auf das Spiel gibt es für Rafael Benítez, den größten Technokraten im europäischen Fußball, nicht den geringsten Zweifel. Arsène Wenger kann seinen Schützlingen mittlerweile anhand der Computerdaten aufzeigen, dass sie den Ball in der Vorsaison ein paar Sekundenbruchteile schneller abspielten. Und Benítez wertet nicht nur – wie in vielen Klubs üblich – die persönlichen Leistungsdaten der Spieler aus, sondern auch die Flugbahnen des Balles. Sein Ziel ist es, den Fußball zu digitalisieren, das heißt: Er will ihn in ein binäres System von tausend winzigen Leerstellen verwandeln, für die es entweder eine richtige (1) oder falsche Lösung (0) gibt. Sie haben sich gefunden, der im Sommer für 30 Millionen Euro von Atletico Madrid verpflichtete Torjäger und sein Trainer, der Liverpool zum dritten Mal in vier Jahren ins Champions-League-Finale führen könnte. Fernando Torres konnte im chaotisch geführten Atletico sein extremes Potenzial jahrelang nur andeuten, und Benítez’ komplexe Programme schienen die eher dürftige Hardware des roten Liverpooler Rechners in der Vergangenheit meist zu überfordern. Mit Torres hat der Fußballlehrer nun eine neue, turboschnelle Harddrive zur Verfügung, die alle Befehle versteht und schleunigst umsetzt.“

Gereizt

Christian Eichler (FAZ) stellt Didier Drogba als Zicke vor, die in Chelsea keine andere Zicke neben sich dulde: „Drogba sieht aus wie einer, der einen Wechsel dringend braucht. In dieser Saison wirkt er ungeduldig, spielt oft eigensinnig, will Tore erzwingen, statt sie zu erspielen, und sucht auch häufiger den unfeinen Umweg des geschundenen Elfmeters oder Freistoßes. Das Maß seiner Gereiztheit demonstrierte der bizarre Streit mit Michael Ballack um das Recht, einen Freistoß gegen Manchester ausführen zu dürfen. Drogba gewann den Ball – und verlor Sympathien. Selbst die eigenen Fans haben ihn in dieser Saison schon ausgepfiffen, wenn er allzu stur den eigenen Erfolg suchte. Doch wer die Lücke füllen soll, wenn er geht, ist unklar. Eine Zweitbesetzung von Weltklasse für den genervten Solisten hat Chelsea nicht. Sein erwarteter Weggang im Sommer könnte die unterschwelligen Spannungen im Star-Gefüge zum Ausbruch bringen. Keiner der vielen Versuche, neben dem Ivorer einen zweiten Weltklassestürmer einzukaufen, ging bisher auf. Ob Mutu, Kezman, Crespo, Schewtschenko, Kalou, Anelka, alle waren sie woanders Torjäger und blieben bei Chelsea Randfiguren.“

Verknorzt

Hanspeter Künzler (Neue Zürcher Zeitung) erwartet mehr Spannung als Ästhetik: „Die letzten fünf Champions-League-Treffen zwischen den beiden Mannschaften waren verknorzte Angelegenheiten, in denen es um Blood, Sweat and Tears, nicht um Eleganz ging. In der Tat hat der Liverpool FC im Viertelfinal gegen Arsenal gezeigt, dass er auch in dieser Saison wieder Flair mittels Disziplin und Einsatz auszumanövrieren versteht. Über ähnliche Qualitäten verfügt Chelsea, wobei die Londoner im einseitigen Hinspiel nur mit größtem Glück zu einem Treffer gekommen sind. Das psychologische Hoch nach dem Sieg gegen Manchester United dürfte allerdings zusätzliche Kräfte freisetzen.“

So viel bis hierhin zu gestern – Pressestimmen zu ManU vs Barca vermutlich am Freitag

Ascheplatz

Warnsystem ruhig gestellt

Im Zuge des Klasnic-Falls – Arnd Festerling (FR) kritisiert die im Spitzensport offenbar weit verbreitete Praxis, Schmerzmittel einzunehmen und zu verschreiben: „Die Nebenwirkungen sind beträchtlich. Im schlimmsten Fall werden die Nieren geschädigt oder versagen gleich völlig, Magen und Darm gehen vor die Hunde, das Risiko von Schlag- und Herzanfall steigt. Nicht untersucht sind die langfristigen Folgen für einen Körper, der ständig Signale sendet, dass er seine Leistungsgrenze überschritten habe, aber die mithilfe von Spritzen oder Tabletten ignoriert werden. Schmerzlos sind die Sportler, die ihr körpereigenes Warnsystem ruhig stellen. Schmerzlos sind aber auch die Ärzte, die diese Medikamente bedenkenlos verschreiben oder spritzen, obwohl sie wissen, dass sie ihren Patienten bestenfalls kurzfristig helfen, ihnen langfristig aber mit Sicherheit schaden. Und schließlich steigert die chemisch unterstützte Freiheit von Schmerzen doch wohl auch die Leistungsfähigkeit. Und das wird Doping genannt.“

Bilanzsicherheit als oberstes Ziel

Christof Siemes (zeit.de) verachtet die Sattheit der Bayern-Verfolger und ihre Beschränkung auf finanziellen Ehrgeiz: „Das ist neben den teuren Stars der zweite Grund für die Überlegenheit der Bayern: die Hasenherzigkeit der anderen, von Nord nach Süd, von Hamburg und Bremen bis zu Schalke, Leverkusen und Stuttgart, von einstigen Platzhirschen wie Dortmund ganz zu schweigen. Aber wahrscheinlich ist es nicht mal Hasenherzigkeit, die all diese Vereine früh aus dem Titelrennen katapultiert hat. Es ist – auch hier – die Ökonomie. Die Champions League ist das Gift, das die nationale Meisterschaft verdirbt. Denn es reicht ja Platz 2 und mit etwas Glück sogar Platz 3, um an die fette Kohle aus der europäischen Topliga heranzukommen. Heute sagt kaum jemand offensiv: Wir wollen Meister werden. Wer den modernen Fußball verstanden hat, kennt nur ein Ziel: Wir wollen international spielen. Lass die Bayern in ihrem unersättlichen Titelwahn das Festgeldkonto plündern, wir werden Zweiter mit der Hälfte der Kohle und können danach genauso absahnen. Spätestens im Viertelfinale ist dann eh für alle Schluss. Und seit der Uefa-Cup vom vermeintlichen Verlierer-Pokal zur Endlosveranstaltung zum Geldverdienen reformiert wurde, muss man eigentlich nur Fünfter werden, um die nächste Saison finanziell im Sack zu haben. Längst sind Fußballklubs Wirtschaftsunternehmen, da ist Bilanzsicherheit für die folgende Saison das oberste Ziel.“

Zum Vorspiel reduziert

Entwertung durch Zerstückelung? Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) warnt vor einer Reform der Anstoßzeiten in der Bundesliga: „Wie viel Modernisierung verträgt der Fußballfan? Im Prinzip natürlich gar keine. Die Zumutungen für den wertkonservativen Zuschauer halten sich denn auch in Grenzen. Es gibt nach wie vor keine Spielunterbrechungen für Videobeweise, im Kern ist Abseits Abseits geblieben, es spielen immer noch 22 Männer mit einem Ball auf zwei Tore. Alles so wie vor hundert Jahren. Nun aber droht schlimme Neuerung, gar Flexibilisierung. Wo überall zu allen Zeiten gearbeitet wird, soll auch zu allen möglichen Zeiten gekickt werden. So wird es von denen, die die Fernsehrechte halten, seit Jahren notorisch und derzeit mit Nachdruck vorangetrieben. Zuzugeben ist, dass sich Briten und Spanier wenig an diversifizierten Anstoßzeiten stören. Wahr ist aber auch, dass die Alle-zusammen-Idee beim hiesigen Fan sehr tief sitzt. Im Stadion wartet er immer auch auf neuste Zwischenstände auf der Anzeigetafel. Sieht er ein Spiel in der Kneipe, freut er sich auf Schaltungen zu anderen Plätzen. Denn Spannung, besonders in der Spätphase der Liga, hat viel mit Zeitgleichheit zu tun. Dass Bayern gerade ständig nachgeklappt am Sonntag antritt, reduziert schon jetzt den Rest zum Vorspiel. Und gibt einen Vorgeschmack darauf, wie einsam und verloren jedes Spiel bald sein wird.“

Champions League vergessen

Die SPD diskutiert, ob man es Unternehmen untersagen soll, Millionengehälter für Führungskräfte nicht mehr von der Steuer abzusetzen. Manfred Schäfers (FAZ) kritisiert diesen Plan: „Man darf Manager nicht schlechter behandeln als andere Menschen. Damit trifft die SPD auch die Fußballklubs, die sich teure Stars leisten. Dann können die Deutschen die Champions League vergessen. Das gilt im übertragenen Sinn natürlich auch für die internationale Unternehmensliga.“

Dienstag, 29. April 2008

Champions League

4-2-4-0

Raphael Honigstein (FR) teilt uns von Manchesters kleiner Taktikrevolution mit: „United spielt an guten Tagen den schönsten Fußball der Welt, mit innovativsten Mitteln. Der Fußballhistoriker Jonathan Wilson nennt es das ‚4-2-4-0-System’: Wayne Rooney, Carlos Tevez, Cristiano Ronaldo und meist noch Ryan Giggs greifen aus tiefen, ständig wechselnden Positionen an, die Mitte dabei ist oft verwaist. Die Angreifer sind von festen Positionen im Sturm befreit und schaffen sich so immer wieder ihren eigenen Raum. United hat also die Spitze der Pyramide geschliffen – und den Mittelstürmer abgeschafft. Mitunter erinnern Uniteds Angriffszüge an Rugby, wo die Stürmer auf einer horizontalen Linie nach vorne laufen und der Vorwärtspass verboten ist. Der bei vielen Trainern verpönte Querpass wird so zur größten Waffe.“

Schau-Spieler, Tempotrickser, Kunstschütze

Christian Eichler (FAZ) rät Manchesters Star, sich weiter von Zierat, Schnörkeln und Barockengelchen zu befreien: „Für Bernd Schuster besteht kein Zweifel: ‚Ronaldo ist der beste Spieler der Welt.’ Allerdings will der das der Welt auch zeigen. Und das ist manchmal sein Problem – gerade in den großen Spielen, wie im WM-Halbfinale gegen Frankreich 2006. Oder vor einem Jahr im Champions-League-Halbfinale in Mailand, da sah man es schon beim ersten Ballkontakt: Statt einen simplen Querpass zu spielen, probierte es Ronaldo mit Übersteiger und Hackentrick, und der humorlose Kollege Gattuso schaute sich das nicht zweimal an. Sein lächerlicher Ballverlust zu Beginn war so ziemlich das Letzte, was man in jener einseitigen Partie von Ronaldo sah. Er war in sein altes Image als Schau-Spieler zurückgefallen. Auch vor zwei Wochen in Barcelona schien Ronaldo wieder gefangen vom Zwang, das Besondere zu tun. Jagt er seine Elfmeter sonst mit so viel Wucht in eine der unteren Ecken, dass der Torwart, selbst wenn er die Richtung ahnt, nicht hinkommt, versuchte er es im Camp Nou mit einer besonders lässigen, aber riskanten Variante, dem Schlenzer ins obere Eck. Es ging daneben. Doch das sind Ausnahmen. Denn in den fünf Jahren, seit Alex Ferguson den damals 18-Jährigen für 17 Millionen Euro von Sporting Lissabon holte, hat Cristiano Ronaldo gelernt, seine unglaublichen Möglichkeiten immer sachdienlicher und uneitler einzusetzen. Wenn er es tut, ist er Gold wert, denn es gibt keinen Spieler, der Trickreichtum, Tempo und Schusstechnik so perfekt kombinieren kann. Kein Kollege, nicht mal Messi, ist mit dem Ball schneller. Und besonders die Torgefahr spricht Bände: 8 Mal traf er in der EM-Qualifikation 2008 für Portugal, 38 Tore hat er in dieser Saison für Manchester erzielt. Und das nahezu gleichmäßig stark in allen Teildisziplinen der Kunst des Toreschießens: links, rechts, Volley, Kopfball, Weitschuss, Elfmeter.“

Top 10 Goals CR

NZZ: Kabbeleien, Beschwerden, Tritte – rund um das Spitzenspiel zwischen Chelsea und Manchester ging es hoch her

Ball und Buchstabe

Elite ist, wer dazugehört

Michael Horeni (FAZ) ärgert sich über die Kritik des Springer-Kolumnisten und -Günstlings Matthias Sammer an Thomas Doll: „Sammer hat Doll nach dessen ‚Wutrede’ in einer Weise angegriffen, wie es sich kein anderer Kollege erlaubt hat. ‚Als Trainer hat man eine gewisse Vorbildwirkung. Ich glaube, dass ich das Geschäft mittlerweile ganz gut kenne, aber Thomas hat es noch nicht richtig begriffen, von wem das alles gelenkt und geleitet wird.’ Rums, das saß. Sprach da nun der DFB-Sportdirektor über einen Kollegen oder der Kommentator eines Privatsenders über ein angeschlagenes Berichterstattungsobjekt kurz vor dem Rausschmiss – oder macht das vielleicht gar keinen Unterschied für einen, der weiß, wie der Laden läuft? Dass Sammer längst begriffen hat, wie der Profifußball funktioniert und wie er gelenkt wird, daran dürften ohnehin keine großen Zweifel bestehen. Sein früherer publizistischer Arbeitgeber hatte ihn schließlich schon bei der erfolgreichen Bewerbung um den Posten des DFB-Sportdirektors unterstützt. Danach weiß man, wie man beim weiten Weg zum Erfolg auch mal eine Abkürzung einschlagen kann. Der DFB allerdings könnte sich angesichts von so viel Pragmatik fragen, wie es sich mit der Vorbildfunktion verträgt, wenn herausgehobene Führungskräfte sich nicht nur der Programmatik ihres Amtes verpflichtet fühlen. Aber wenigstens über den sonst ziemlich vagen Elitebegriff, für den der Sportdirektor so gerne wirbt, lässt sich an Sammers eigenem Beispiel einiges lernen. Elite ist, wer dazugehört – überall. So einfach ist das.“

Und mal was anderes und auf der Hand liegendes: Was ist davon zu halten, dass ausgerechnet Sammer, der als Trainer (Dortmund, Stuttgart) oft kurz davor schien, sich vor der Kamera in der Luft zu zerreißen, dass ausgerechnet der Wutgickel Sammer also Doll zur Mäßigung ruft – wie sollen wir das anders nennen als Heuchelei?

SZ: Neue Details zu einem alten Streit: In seinem Buch ‚Führungs-Stil’ beschreibt Bernhard Peters, wie sich der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann gegen Matthias Sammer als neuen Sportdirektor wehrte

Der Inhalt hat gegen den Show-Wert keine Chance

Der Medienredakteur Jochen Hieber (FAZ) hat da mal eine Frage an seine Kollegen vom Sport: „Thomas Doll hat sich in Rage geredet und sich dabei direkt an die Sportjournalisten gewandt, deren Arbeit er zugleich Respekt zollte. Ihm und seiner Mannschaft gegenüber vermisst er diese Tugend. (…) Der Mitschnitt im Internet garantiert hohe Klickzahlen. Im Radio wurden die heftigsten Passagen dauergesendet. Dabei ging es nicht einen Moment lang um die Frage, ob oder in welchem Maße Doll mit seiner Verbalattacke wunde Medienpunkte getroffen habe. Ausschließlich diskutiert wurde, wie unterhaltsam es gewesen sei. Merke: Der Inhalt hat gegen den Show-Wert keine Chance.“ Hiebers Text ist in der Medienrubrik „In medias res“ erschienen, sein erster gefetteter Satz lautet: „Wie Medien auf Medienkritik reagieren“.

Schmerzmittel, ein weit verbreitetes Phänomen im Berufssport

Christian Zaschke (SZ) zweifelt mit Ivan Klasnic und seinen Anwälten an den Ärzten Werder Bremens – und zwar auch an deren Berufsethik: „Die Sportmedizin entpuppt sich zunehmend als eine Medizin, die nicht primär heilt, sondern optimiert und effizienter macht, sich also zur Allgemeinmedizin verhält wie ein Auto-Tuner zur Auto-Werkstatt. Der Fall von Ivan Klasnic wirft erneut ein Licht auf die Sportmedizin und viele Fragen auf: Wie kann es sein, dass alarmierende Blutwerte eines Profis in diesem Geschäft niemanden zum Handeln bewegt haben? Ist das so, weil es eben ein ‚schicksalshafter Krankheitsverlauf’ war, wie es in Bremen heißt? Ist das so, weil Ärzte Fehler gemacht haben? Oder ist das so, weil seltsame Blutwerte bei Fußballprofis nicht ungewöhnlich sind? Der Fall mutet so seltsam an, dass in alle Richtungen gedacht werden muss und einstweilen nichts auszuschließen ist. Es wird interessant sein zu sehen, wie die Elite der Sportmedizin reagiert. Mit einem Aufschrei? Eher nicht, denn selbst wenn es sich im Fall Klasnic um eine unglückliche Verkettung handeln sollte, so offenbart er doch einen Blick in eine Welt, in welcher der Mensch zuerst eins ist: Maschine. Der Normalsterbliche muss zwar eine Weile warten, bis er einen Termin beim Arzt seiner Wahl bekommt, aber dafür wird er im besten Fall weder getunt noch repariert, sondern sorgsam behandelt.“

Frank Heike (faz.net) hat sich die Klasnics bei Beckmann angesehen und macht auf einen weiteren Aspekt des Falls aufmerksam: „Neben dem Schicksal Klasnics, sich aktuell einmal in der Woche im Krankenhaus zur Kontrolle melden muss und diverse Medikamente einnimmt, weist der Fall auf ein weit verbreitetes Phänomen im Berufssport hin – den sorglosen Gebrauch von Schmerzmitteln über lange Zeit. Auch Klasnic hat über Jahre ein schmerz- und entzündungshemmendes Mittel mit dem Wirkstoff Diclofenac eingenommen. Es wurde in der Sendung zumindest suggeriert, dass Werder-Arzt Dimanski es ihm verschrieben habe.“

Stefan Osterhaus (Spiegel Online) ergänzt: „Dass das Wort Doping im Zusammenhang mit den Schmerzmitteln fällt, ist nicht deplaziert, sondern folgerichtig. Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Leistungssteigerung sollte nicht allein den Leuten von der Welt-Anti-Doping-Agentur überlassen werden.“

SZ: Ivan Klasnic will wegen seiner Nierentransplantation 1,4 Millionen Euro Schadenersatz von Werder Bremen; der Verein deutet eine Trennung von Klasnic an

Bundesliga

Der FC Bayern lässt sich von seinen Beinen tragen

Elogen auf Franck Ribéry nach seinen zwei Toren beim 4:1 gegen Meister Stuttgart / Miroslav Klose und Lukas Podolski im Schatten / Thomas Doll, bloß Motivator (NZZ)

Christof Kneer (SZ) beschreibt beeindruckt den Einfluss eines kleinen Franzosen auf Wesen und Stimmung der Bundesliga und seines Vereins: „Noch ist die Saison nicht zu Ende, und schon jetzt lässt sich feststellen, dass Franck Ribéry die Liga verändert hat. Die Liga verbeugt sich so sehr vor diesem Spieler, dass sie den Bayern die Meisterschaft gar nicht mehr richtig übel nehmen kann. Und auch die Bayern selbst hat sich Ribéry längst untertan gemacht – nicht nur, weil sie nach seinen Toren immer den Klassiker ‚Aux Champs Elysées’ einspielen, was bei dem vom Lande stammenden Ribéry ungefähr so passend ist, als würden sie bei Chelsea nach Ballack-Toren ‚An der Nordseeküste’ einspielen. (…) Manchmal kann Taktik ganz einfach sein. Der FC Bayern lässt sich von Ribérys Beinen tragen, was nichts anderes bedeutet, als dass dieser für seinen Vernunftfußball berühmte Klub sein Geschick in die Beine eines Künstlers legt, der selbst nicht weiß, welchen Laufweg er als nächstes einschlagen wird. Ottmar Hitzfeld hat seine Elf streng um Ribéry und Luca Toni herum komponiert, er lässt einen flügelzentrierten Fußball spielen, der die Stärken der beiden Asse betont – eine Taktik mit Risiken und Nebenwirkungen. So war gegen Stuttgart deutlich zu sehen, dass die Ribéry-Taktik nur mit Ribéry funktioniert. Mit Sagnol, Schweinsteiger, Lell und van Buyten standen zu viele limitierende Faktoren auf dem Feld, was den VfB leichtfüßiger wirken ließ – bis Ribéry ins Spiel kam.“

Roland Zorn (FAZ) macht wie alle, auch die Verlierer, große Augen: „Die Zuschauer staunten Bauklötze, wie der Franzose beim 3:1 mit rechts per saftigen Diagonalschuss unter die Latte für den Knalleffekt sorgte sowie gleich danach beim 4:1 die Stuttgarter Abwehrgrößen Osorio und Delpierre wie Kegel aufeinanderpurzeln ließ und so mit zwei Körpertäuschungen freie Bahn zum Linksschuss hatte. Am Ende schienen selbst die Schwaben ein wenig fasziniert.“

Froanck Dribblery

Anspruch nicht erfüllt

Elisabeth Schlammerl (FAS) macht sich Sorgen um das Schattendasein zweier deutscher Nationalstürmer Münchens: „Miroslav Klose hatte sich das vermutlich ein bisschen anders vorgestellt, als er vor einem Jahr seinen vorzeitigen Wechsel von Bremen nach München vehement betrieben und dabei wenig Rücksicht auf Werder in der entscheidenden Saisonphase genommen hatte. Nun musste Klose erst wieder lernen, was es bedeutet, die Nummer zwei zu sein im Sturm. Die war er schon seit vielen Jahren nicht mehr. Vielleicht belastet ihn die italienische Dominanz, die schillernde Persönlichkeit Tonis in München, zumindest wirkt Klose seit ein paar Monaten beim FC Bayern ohne großes Selbstbewusstsein, seine Körperhaltung lässt vermuten, dass ihn etwas bedrückt. Er hat sich zwar reibungslos integriert, viel besser als Podolski und andere deutsche Spieler in den vergangenen Jahren; aber vielleicht liegt es auch an der fehlenden Portion Egoismus, dass er in dem Münchner Star-Ensemble keine tragende Rolle spielt. Der eher spröde, zurückhaltende Klose taugt womöglich bei einem Verein wie Bayern auch gar nicht zu einem Leader. Ebenso wenig wie Podolski, aber der hatte wohl auch nicht den Anspruch, diese Rolle sofort beim FC Bayern zu übernehmen.“

Wolfgang Hettfleisch (FR) findet, dass nicht mal wichtige Nebenrollen bei den Bayern von Deutschen besetzt seien: „Es ist auffällig, dass insbesondere die Sommermärchenfraktion der Münchner den eigenen Anspruch auf internationale Klasse in der sich dem Ende zuneigenden Saison kaum erfüllen konnte. Womöglich hat der WM-Rausch von 2006 in einigen Köpfen Schlimmeres angerichtet. Eigen- und Fremdwahrnehmung der deutschen Nationalspieler beim FC Bayern klaffen seitdem ganz gern auseinander. Nicht sie, sondern Spieler wie Mark van Bommel und Martin Demichelis hielten den Laden zusammen und verkörpern jenen unerschütterlichen Behauptungswillen, der die Münchner – neben den Künsten großer Solisten wie nun Ribéry und Luca Toni – von jeher zu Höherem befähigt hat.“

BLZ: Willy Sagnol attackiert Ottmar Hitzfeld und lässt ein merkwürdiges Berufsverständnis erkennen

Teure Nebelkerze

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) hält den Thomas Doll für eindimensional: „In Dortmund offenbart sich abermals, wie sehr der Trainer Doll vom Geschick als Motivator lebt. Das kann eine ganze Weile lang gut gehen. Aber es verschleißt sich irgendwann. Im HSV war der Punkt nach anderthalb imposanten Jahren gekommen. In Dortmund holen den Trainer die eigenen Limiten noch schneller ein. Der polternde Ärger dürfte allerdings noch andere Ursachen haben als eine polemisch aufgelegte Asphaltpresse. In einer schwer durchschaubaren Aktion war im Winter sein Vertrag um zwei Jahre verlängert worden. Zwar wurde nun ruchbar, dass Doll im Falle eines Rauswurfs nur einige hunderttausend Euro Abfindung erhalten soll. Der einzige Sinn dieses Manövers dürfte darin bestanden haben, ein Signal an die Mannschaft zu senden, dass es mit Doll weitergeht. Jetzt, wo sich sein Weggang abzeichnet, entpuppt sich dies als teure Nebelkerze. So ist Thomas Doll womöglich nicht einmal ein Missverstandener, sondern das Opfer eines kapitalen Missverständnisses auf Dortmunder Seite: Sie haben einfach die Fähigkeiten des Trainers verkannt.“

Montag, 28. April 2008

Internationaler Fußball

Fixpunkt Ballack

Der deutsche Captain greift mit zwei Toren stark in die entscheidende Phase der Premier League ein

Christian Eichler (FAZ) zeichnet beim 2:1 Chelseas gegen Manchester United zwei unterschiedliche Karrierewege nach: „Lange war Michael Ballack umstritten, nachdem er vor zwei Jahren zusammen mit Andrej Schewtschenko nach London gekommen war – für den Ukrainer gilt das noch immer. Kurioserweise haben sich die beiden auf völlig unterschiedliche Weise nützlich gemacht wie noch nie bei Chelsea: Ballack als Fixpunkt der Startelf, der seine wertvollsten Tore für den Klub schoss; Schewtschenko als der allerletzte Einwechselspieler, wie man ihn bei 1:1-Stand in finaler Verzweiflung in der Hoffnung auf ein Glückstor bringt – und der dann, nach dem 2:1, unversehens als Verteidiger brillierte. In der 92. Minute rettete Schewtschenko für den geschlagenen Torwart Cech die Titelhoffnung. Ausgerechnet der 45-Millionen-Euro-Stürmer, der die Fans in zwei Jahren kaum einmal mit einer Offensivaktion überzeugen konnte, zeigte nun mit Wegschlagen eines Balles seine größte Tat im Chelsea-Trikot.“

Raphael Honigstein (SZ) lässt sich von Chelsea überzeugen: „Bestechend gut spielten die Hausherren an diesem schönen Frühlingstag, zum ersten Mal in dieser Saison. Der Ball blieb am Boden und fand ungewohnt oft die Mitspieler; United hatte drei defensive Mittelfeldspieler, aber keine wirksamen Bodenschwellen gegen das blaue Angriffstempo zur Verfügung. Alex Ferguson hatte mit einer an Arroganz grenzenden Aufstellung ohne die für die Champions League geschonten Cristiano Ronaldo, Paul Scholes und Carlos Tevez die Niederlage selbst eingeleitet. United verriet seine offensiven Prinzipien, ‚sie waren für ein Unentschieden gekommen’ (Ballack). Erst als die Gäste in der Schlussphase zornig auf das 2:2 drängten, fand Stringenz in ihr Spiel. Fergusons Team hat in der laufenden Spielzeit den besten, stabilsten und taktisch feinsten Fußball des Landes gespielt. Niemand zweifelte an der Rechtmäßigkeit ihres Triumphs. Doch nun müssen sie den fast schon gewonnenen Titel in den zwei verbleibenden Partien ein zweites Mal gewinnen.“

1st Half Highlights

Rooneys Ausgleich nach Carvalhos horriblem Fehler

Ballacks Elfmeter zum 2:1

Bundesliga

Ist dem HSV noch zu helfen?

Themen des 30. Spieltags (Teil 1) sind der Fall des Hamburger Teams, die Unentschlossenheit der Klubführung und der Autoritätsverlust Huub Stevens’; Schalke jubelt über Ergebnisfußball; Werder Bremen wirft de Presse auch dann Kusshände zu, wenn es nicht gewinnt; Dramen und Heldengeschichten in der Abstiegszone; weiter Kritik an Thomas Doll

Rainer Seele (FAZ) beklagt die Erstarrung Hamburgs: „Ist dem HSV noch zu helfen? Weder ist die Mannschaft stabil genug, um die Liga-Herausforderungen zu bewältigen, noch scheint die Führung des Klubs Entschlossenheit und Einigkeit bei der Suche nach einem Nachfolger für Huub Stevens zu zeigen. Zwar weisen die Hanseaten einen Zusammenhang zwischen der sportlichen Flaute und der bevorstehenden Demission von Stevens entschieden zurück. Gleichwohl könnte die andauernde Hängepartie in Sachen Neubesetzung eines wichtigen Postens belastend, vielleicht sogar hemmend auf das Team wirken. Die hanseatischen Fußball-Kaufleute erwecken derzeit den Eindruck, konsequentes Handeln zu scheuen. Im Gegensatz etwa zu ihren Gelsenkirchener Kollegen, die sich flugs neu orientierten und Fred Rutten unter Vertrag nahmen. Der HSV hingegen fahndet weiter – so lange vielleicht, bis doch nur noch eine Notlösung übrigbleibt. Und der Flug nach Wladikawkas endgültig gebucht werden kann.“

Eigentlich müssten die Hamburger darüber nachdenken, den Trainer zu entlassen, meint Jan Christian Müller (FR): „Hätten sie Stevens nicht eine ganze Menge zu verdanken, nämlich den Nichtabstieg in der vergangenen Saison mit überraschender Uefa-Cup-Teilnahme und würde der Coach nicht ohnehin zum Saisonende auf eigenen Wunsch hin gehen – es wäre jetzt dringend an der Zeit, sehr ernsthaft über eine Trennung nachzudenken. Denn die Entwicklung dieser mit einigen doch recht Hochbegabten versehenen Mannschaft, die ja nicht erst seit vorgestern einen Fußball spielt, der mit modest [gemeint ist wohl bescheiden, OF] noch freundlich umschrieben ist, zeigt deutlich nach unten. Die Körpersprache der HSV-Profis demonstrierte den nicht besonders guten Schalkern früh, dass sie hier mit einer Routineleistung über die Runden kommen würden.“

Christian Zaschke (SZ) beobachtet den HSV mit den faszinierten Augen eines Aeronautikers: „Auf faszinierende Weise gleichen die Bewegungen des Hamburger SV der vergangenen Jahre einem Parabelflug. Bei dieser Art von Fortbewegung fliegt ein Flugzeug äußerst steil nach oben, dann drosselt der Pilot die Triebwerke, die Maschine beschreibt eine Wurfparabel – sie steigt also noch ein wenig, dann kippt die Nase allmählich vornüber. An der Spitze dieser Bewegung herrscht Schwerelosigkeit. Dann geht es steil wieder nach unten, die Schwerkraft wirkt, und der Pilot fängt die Maschine ab, indem er die Triebwerke hochfährt.“

Stevens’ Autoritätsverlust

Sebastian Stiekel (FAZ) macht alle euphorische Schalker darauf aufmerksam, dass sie alten Wein in neuen Schläuchen vorgesetzt bekommen: „Abgesehen vom wichtigen Umstand, gleich die erste Chance genutzt zu haben, war kein großer Fortschritt im Schalker Spiel nach der Entlassung von Mirko Slomka zu bemerken gewesen. Man sah zwar mitunter, welch großes Potential in der rund 50 Millionen Euro Personalkosten verschlingenden Mannschaft steckt, aber allzu viel Inspiriertes tat sie nach der frühen Führung nicht mehr. Ihre letztlich erfolgreiche Strategie bestand darin, exzellent zu verteidigen sowie den HSV eine untolerierbar hohe Anzahl leichter Fehler machen zu lassen. Vor ein paar Wochen hätte dieser abwartende Stil womöglich noch ein Murren in der Chefetage nach sich gezogen, am Samstag genügte diese Spielart jedem. Denn Schalke setzte einen Meilenstein auf dem Weg in die Champions League.“

Über die Hamburger Schwächen und augenfälligen Probleme heißt es bei Stiekel: „Der HSV wirkt entkräftet nach 48 Saisonspielen, zu viele Profis sind außer Form (van der Vaart, Trochowski, Kompany) oder waren länger gesperrt (Mathijsen, Jarolim). Dazu veränderte sich der Charakter der Mannschaft. Von einem Team, das monatelang alle Vorgaben zuverlässig umsetzte, die der Trainer und das Regelwerk ihm stellten, entwickelte sich der HSV zu einem undisziplinierten Gefüge. Gegen Schalke gab es zwar keine Roten Karten, dafür aber Schlampereien anderer Art. Beim 0:1 wurden weder der Flankengeber noch der Torschütze gestört, und als Ivica Olic kurz vor der Pause auf den linken Flügel geschickt wurde, ließ man ihn dort mit drei Schalkern allein. Das sind Beispiele, die wie van der Vaarts jüngste Kritik am Trainer in der Hinrunde unvorstellbar gewesen wären. Sie lassen den Schluss zu, dass Stevens an Autorität verloren hat. Das Problem der Hamburger Spieler mit der Trainerfrage scheint nicht zu sein, dass sie nicht wissen, wer der neue wird, sondern dass sie genau wissen, dass der alte bald weg sein wird.“

Werder macht Spaß

3:3 in Karlsruhe – Tobias Schächter (Berliner Zeitung) verliebt sich in Werder Bremen: „Eigentlich war dieses Unentschieden wie eine Niederlage für Werder, doch die Analyse fiel vielleicht deshalb so offenherzig aus, weil alle Beteiligten noch berauscht wie nach dem ersten Kuss wirkten. Die Vermarkter der DFL wären nicht schlecht beraten, diese 92 Minuten als Imagefilm in die weite Fußballwelt zu senden, um den Fans in Asien und anderswo zu zeigen: ‚Hallo: Die Bundesliga bietet auch Spektakel!’“

Oliver Trust (Stuttgarter Zeitung) fügt seine Grüße hinzu: „Klaus Allofs wusste sicher nicht genau, in welch einsame Position er sich begab, als er forderte, den ‚Aspekt Sicherheit’ künftig mehr in den Vordergrund zu stellen. Es dürfte sich kaum ein Fußballfan in Deutschland finden lassen, der Allofs‘ Ansinnen nicht sofort ohne jede weitere Diskussion ablehnen würde. Werder Bremen zuzuschauen macht viel zu viel Spaß.“

Bemerkenswert auch, wie die Bremer Gegner zitiert werden: KSC-Verteidiger Christian Eichner lobt: „Wir würden noch eine Weile hier stehen, wenn wir die Vorzüge von Werder aufzählen würden. Drei Ballkontakte aus dem eigenen Strafraum in den des Gegners, das ist Werder Bremen.“ Trainer Edmund Becker bedankt sich für die Lehrstunde: „Das war Anschauungsunterricht, von dem wir lernen können. Das war die beste Mannschaft bisher im Wildpark. Wir haben zur Pause einigermaßen ratlos in der Kabine gesessen und darüber nachgedacht, wie wir die stoppen können.“

Alles, was der Fan sich wünscht

Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) erzählt das Spiel zwischen Cottbus und Rostock (2:1) als Heldenroman nach: „Es war eine Schlacht von epischem Ausmaß – und wenn irgendwann wieder einer behaupten sollte, die Bundesliga sei auch ohne Ostclubs schön, dann soll er sich auf DVD dieses Derby anschauen, in dem all das zu bestaunen war, was man in diesem Sport so gerne hat: Da gab es etwa Stefan Wächter, der binnen Minuten vom großen Triumphator zum tragischen Helden wurde: Erst verhinderte er mit einem Wahsinnsreflex den Cottbuser Ausgleich, rannte rüber in die Gästekurve und ließ sich feiern; dann verdrehte er sich das Knie und spielte trotzdem weiter, weil die Hansa schon dreimal ausgewechselt hatte; und schließlich schaffte er es nicht mehr, den letzten Ball um den Pfosten zu lenken. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blieb er im Dreck liegen, und wenig später war das Spiel aus. 2:1 für die Cottbuser, die nur noch zehn Mann und bis zehn Minuten vor Schluss sogar in Rückstand gelegen waren. Selten ist der Fußball so nah bei sich wie in jenem Moment in der Nachspielzeit. Wie kleine Kinder hüpften Ersatzspieler und Betreuer verbotenerweise aufs Spielfeld und stürzten sich auf den Torschützen Dimitar Rangelov, der wegen einer Verletzung monatelang nicht gespielt hatte und vor Freude hemmungslos weinte.“

Auch Matthias Wolf (Berliner Zeitung) erlebt den deutschen Abstiegskampf als Highlight: „Hat da einer behauptet, die Bundesliga sei langweilig? Unsinn, ein kleiner Klub aus dem Osten, auch schon als Lederhosenauszieher bekannt geworden, zeigt in seinem Puppenstubenstadion jene emotionalen Schauspiele, die abseits des entschiedenen Titelkampfes noch den Reiz einer Liga ausmachen. Eine Spielklasse, die international abgehängt scheint – aber bisweilen doch noch größeres Kino bietet als all die großen Ligen. In Spanien oder Italien wären sie wohl froh, über einen Abstiegskampf wie hierzulande zu verfügen, der Herzen rasen lässt. Millimeter sind es, die über Wohl und Wehe entscheiden, manchmal nur ein einziges Knie, wie im Fall des Ost-Duells, in dem alles steckte, was der Fan sich wünscht: Tore, Tempo, Lattenschüsse, Leidensgeschichten.“

Gefragt ist Abhärtung gegen Pech

Nach dem 2:2 gegen Bielefeld tröstet Roland Zorn (FAZ) die Nürnberger Unglücksvögel: „Zur Halbzeit fragte niemand mehr nach Siegern und Verlierern. Die Verhältnisse schienen zu eindeutig geklärt. Der ‚Club’ führte, noch zu knapp, 2:0. Nichts deutete auf eine Wende. Spieler, Trainer und Fans des 1. FC Nürnberg konnten schließlich kaum fassen, was ihnen auf dem vermeintlichen Weg fort von den finsteren Abstiegsplätzen widerfahren war. Punktsiege für die im Ganzen bessere Mannschaft aber gibt es bei diesem immanent ungerechten Sport nicht, und so klagten die nach sechs Bundesliga-Abstiegen leiderprobten Franken später wie so oft, wenn sie sich wieder einmal vom Schicksal verlassen glauben.“

Volker Kreisl (SZ) fügt hinzu: „Warum Schiedsrichter Weiner nicht eine Sekunde Nachspielzeit gab, verstand keiner, vielleicht dachte er, es reiche jetzt mit Chancen. Weiners kaum hörbarer Schlusspfiff war die letzte Pointe eines absurden Spiels. In allen Heimspielen gegen die Konkurrenten des Abstiegskampfs haben die Nürnberger bislang einen Sieg verpasst, meistens knapp. Das Unentschieden gegen Bielefeld war eine bösartige Fortführung der Misere, nach dem Motto: Auch wer seine Chancen zweimal nutzt, wird bestraft. Gefragt ist Abhärtung gegen Pech, und eigentlich sind die Profis des 1. FC Nürnberg da schon ziemlich weit. Dass sie nach Rückschlägen druckvollen Fußball zustande bringen, haben sie einige Male bewiesen, und wer weiß, vielleicht schaffen sie es tatsächlich, nicht an diesem Spiel und dieser Saison zu verzweifeln.“

Mannschaft von Hotelgästen

Nach dem 1:1 in Bochum wettet Marcus Bark (taz) nicht auf die Duisburger Rettung: „In den verbleibenden vier Partien muss der Meidericher Spielverein als Tabellenletzter eine Lücke von 3 Punkten schließen, um doch noch den Klassenerhalt zu schaffen. Das würde ihm bestimmt leichter fallen, wenn er nicht ein solch merkwürdiger Spielverein wäre. Nur 9 ihrer 26 Punkte holten die Duisburger in Heimspielen. Im eigenen Stadion, in das noch Leverkusen und die Bayern kommen werden, wirken sie oft wie eine Mannschaft von Hotelgästen, die eilig von einem Animateur zum Spiel gegen das Personal zusammengetrommelt wurde. Auswärts hingegen pflegt der MSV häufig einen ansehnlichen, technisch hochwertigen Fußball.“

Pause

Jan Christian Müller (FR) blickt kritisch auf Thomas Dolls Litanei zurück: „Im Grunde hat der Dortmunder Trainer nur einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt, dass er als Verantwortlicher in einer derart herausgehobenen Position schlicht überfordert ist. Doll coacht ja nicht ehrenamtlich eine Kreisligamannschaft, sondern im Gegenwert von mindestens einer Million Euro das hoch bezahlte Team einer börsennotierten Aktiengesellschaft mit einem lausigen Kurswert. Wenn Doll am Saisonende erwartungsgemäß Borussia Dortmund verlassen muss, wäre er gut beraten, anders, als vergangenes Frühjahr nach dem Rauswurf beim HSV, nicht sofort wieder ins Geschäft zurückzudrängen, sondern sich eine schöpferische Pause zu gönnen. Zur Weiterbildung für Geist und Körper.“

Samstag, 26. April 2008

Allgemein

Weit von der Spitzenklasse entfernt

Michael Horeni (FAZ) schreibt nach dem 1:1 gegen Zenit St. Petersburg, was Deutschlands Nummer Eins in Europa fehlt: „Im Uefa-Pokal erleben die Bayern – die sich dort anfangs wie pikierte Touristen vorkamen, die von der Reiseleitung versehentlich auf dem Campingplatz einquartiert wurden, obwohl sie doch wie immer das Fünf-Sterne-Resort gebucht hatten – immer wieder ihre europäische Erdung. Das 1:1 gegen Zenit St. Petersburg, vermutlich kein Klub, der auf Dauer die Champions League aus den Angeln heben wird, reihte sich nahtlos an die spielerisch stumpfen Auftritte gegen das spanische Mittelklasseteam vom FC Getafe. Das 3:3 im Rückspiel wurde zwar zum bayerischen Jahrhundert-Willensepos verkitscht. Aber dass es sich dabei nur um ein Viertelfinale der zweiten europäischen Reihe handelte, darüber wurde ebenso hinweggejubelt wie über die sportlich bedenkliche Tatsache, dass der Vorortklub den Bayern an Dynamik und Systematik weit voraus war. Auch St. Petersburg zeigte in München in der zweiten Halbzeit des ersten Halbfinals, dass Stil und Tempo der Bayernspieler noch sehr weit von europäischer Spitzenklasse entfernt sind – viel weiter, als es die Hoffnung auf ein erfolgreiches Rückspiel in Russland nahelegt.“

Bayern Munich 1 – 1 Zenit Saint-Pétersbourg 24.04.08Hochgeladen von yuksel7

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