Mittwoch, 2. Mai 2007
Ascheplatz
Blockfrei
Nico Stankewitz und Klaus Bellstedt (stern.de) spüren dem Einfluß von Adidas auf das internationale Transfergeschehen nach: „Das Gros der Vereinswechsel unter den Superstars verläuft seit Jahren schon erstaunlich harmonisch innerhalb der Grenzen der eigenen Marke. Ohne daß es irgendwer ausspricht, wird es in den Kommandozentralen der Giganten [gemeint ist auch Nike, if] extrem gern gesehen, wenn die teuren Topstars zu den Schuhen auch passende Trikots tragen. Beispiele gefällig? 2006 wurde reichlich spekuliert, wohin Michael Ballack wohl wechseln würde. Er wurde mit Manchester und Barcelona in Verbindung gebracht, er ging schließlich vom Adidas-Team Bayern München zum Adidas-Team Chelsea. In der Heimat gab es großes Rätselraten um einen möglichen (Werbe-)Nachfolger von Ballack. Als Lukas Podolski zwischen dem HSV, Werder und den Bayern wählen konnte, entschied er sich prompt für den Adidas-Club. Nicht so überraschend, denn er war gerade neben Kahn und Ballack zum wichtigsten Werbeträger für die Adidas-WM 2006 erkoren worden. (…) Gerade der FC Bayern gilt in der Branche als sektiererisch fanatischer Gegner von freier Schuhwahl. Puma-Spieler Daniel van Buyten konnte nur unter massivem Druck seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllen, die Reihen von Adidas und Bayern scheinen immer noch fest geschlossen.“
Nebensächlichkeiten
Matthias Erne (NZZ) erörtert mit der gebotenen Despektierlichkeit die Kosten/Nutzen-Bilanz des Beckham-Wechsels in die Major League Soccer: „Bis jetzt geht die Rechnung mit der Verpflichtung Beckhams für die MLS auf. Quasi über Nacht fand die Liga das Aushängeschild, nach dem sie zwölf Jahre lang vergeblich gesucht hatte. Beckham ist der einzige Fußballspieler mit Massen-Appeal in den USA, und er wird die Ausgangslage der MLS im Kampf mit den übermächtigen Konkurrenten Football, Baseball und Basketball verbessern. Daß Beckham der MLS jede Menge Publizität bringen wird, steht außer Zweifel, genauso wie die Tatsache, daß das Risiko dieser 250-Millionen-Dollar-Investition riesig ist. Eine gesamte Liga auf einem einzigen Namen aufbauen zu wollen, ist reichlich gewagt – das Scheitern des Experiments Beckham ist nur einen Beinbruch oder einen Bänderriß weit entfernt. Außerdem stellt sich die Frage, wie gut der Engländer auf dem Spielfeld noch ist. Zum Glück für die MLS interessiert dies vor allem Fußball-Puristen, der Durchschnittsamerikaner im Stadion oder vor dem Fernseher hat für solche Nebensächlichkeiten ohnehin kein Auge. Zudem ist das spielerische Niveau der amerikanischen Profiliga so mittelmäßig, daß einer wie Beckham noch Jahre problemlos mithalten kann. (…) Nicht ganz klar ist dagegen, warum die MLS auch Zinedine Zidane verpflichten will. Außer durch den Kopfstoß im WM-Final hat er in den USA keinen Erkennungswert beim potentiellen Soccer-Kunden.“
Tsp: Joseph Blatter hat mögliche Ersatzkandidaten genannt, sollte Südafrika die WM 2010 nicht austragen können – wie weit ist Südafrika mit der Vorbereitung?
Montag, 30. April 2007
Bundesliga
In Uli Hoeneß‘ Herzen sind ein paar Plätze frei geworden
Pressestimmen zum 31. Spieltag: Spötteleien um Bayern München / Stuttgart träumt sich zum Sieg / Déja-vu in Schalke / Thomas Doll kriegt die Kurve
Peter Penders (FAZ) findet, daß der Mißerfolg den Bayern recht geschieht: „Die Bayern haben jeden Spott verdient. Kein anderer Verein hat die nationale Konkurrenz so oft wissen lassen, daß er sich für das Maß aller Dinge hält und sich die anderen gefälligst unterzuordnen hätten. Welche Intensität wohl die Röte im Gesicht von Uli Hoeneß besessen hätte, wenn die Vertreter von Werder Bremen zwei Tage vor einem Halbfinalspiel der Münchner in der Champions League gegen den FC Barcelona ein ‚Informationsgespräch‘ mit einem noch bis 2008 bei den Bayern unter Vertrag stehenden Spieler geführt hätten? Eine hübsche Vorstellung, die momentan in der Umsetzung aber schon daran scheitern würde, daß es keinen Bayern-Spieler gibt, für den sich Bremen interessieren müßte. Wahlweise kann man sich aber auch daran erinnern, wie groß das Theater vor einem Jahr war, als Jürgen Klinsmann seine Torwartentscheidung kurz vor dem Ligaspiel gegen Bremen bekanntgab.“
Christof Kneer (SZ) nimmt, nur mal so zum Spaß, Hoeneß beim Wort, der nach der Niederlage gegen den HSV ankündigt, seinen Spielern die Liebe zu entziehen: „Zumindest wird niemand behaupten können, daß Hoeneß geheuchelt habe am offenen Grab dieser Mannschaft, die er allerdings selber geboren hat. Es war ungefähr so, als würde ein Grabredner sagen, daß man den Toten zum Glück nie mehr zu sehen bekomme – wobei in diesem Fall ein paar Totgesagte noch quicklebendig unter Vertrag stehen. Im Grunde interessieren sich die Bayern inzwischen für alles, was nicht bei drei auf dem Weg nach Chelsea ist. (…) Es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, daß die Liga in der neuen Saison nur noch mit siebzehn Klubs antritt, weil der FC Bayern aus Versehen seine ganze Mannschaft entlassen hat. Jeder weiß, daß Hoeneß im Grunde jeden seiner Spieler ganz tief im Herzen trägt, aber fürs Erste sind in Hoeneß‘ Herzen ein paar Plätze frei geworden.“
Stefan Osterhaus (Financial Times) befaßt sich nach dem (mutmaßlichen) Luca-Toni-Transfer mit der Münchner Zukunft: „Ein Italiener macht noch keinen Sommer. Deswegen werden sich die Bayern auf der Suche nach strahlenden Spitzenkräften ganz schön strecken müssen. Denn die Konkurrenz aus dem Norden, namentlich Bremen, zahlt inzwischen auch nicht so schlecht, spielt den besseren Fußball, ist international mindestens genauso mittelmäßig beleumundet wie die Bayern und hat inzwischen nicht mal mehr das schlechtere Wetter. Das harte Los des FC Bayern im Jahre 2007: allein gegen die Liga – und jetzt auch noch gegen den Klimawandel.“
Großer Verlierer
Sehr lesenswert! Michael Ashelm (FAS) blickt hinter bayerische Kulissen und legt dar, daß der Status Karl-Heinz Rummenigges deutlich geschwächt sei: „Seine Vorstöße in die hohe Fußballpolitik endeten schon öfters wie das Hornberger Schießen. Über die G 14 wollten sich die Münchner ursprünglich neben Klubs wie Real Madrid, Manchester United, AC Mailand oder Juventus Turin an der Spitze des Großkapitals positionieren und Druck machen auf die Uefa. Auch die Bundesliga sollte die bayerische Urkraft von einer noch härteren Seite kennenlernen. Gerne pries Rummenigge die Freiheit des Marktes, und gerne sprach er davon, daß ‚Solidarität‘ nicht eines seiner ‚Lieblingswörter‘ sei. Mehr Macht und mehr Geld für mehr Leistung galt als ultimatives Leitmotiv. Doch die Bayern und ihr Vorstandschef unterlagen der Fehleinschätzung, im freien Kräftespiel mit den ganz Großen des Geschäfts mithalten zu können. Der schwächelnde Heimatmarkt Bundesliga, exorbitant hohe Fernsehverträge für einzelne Großvereine und der Einstieg von Oligarchen in den Fußball führten schnell zur Ernüchterung. Heute singt Rummenigge das Lied der Kleinen. Er kritisiert die G 14, nörgelt, dort herrsche ‚purer Egoismus‘, und setzt sich als Präsident im sogenannten Klubforum der Uefa, der Gegenbewegung zum wuchernden Großkapital, für Gehaltsobergrenzen, zentrale Fernsehvermarktung und strengere Lizenzierungsverfahren ein – bislang erfolglos. Eine konsequente Geschäftsstrategie sieht anders aus. Der einstige Überflieger auf der Funktionärsumlaufbahn gibt derzeit alles andere als eine glückliche Figur ab. Rummenigge, vor allem bei den Spielern wegen seiner unnachsichtigen Art gefürchtet, gilt vielen als zu technokratisch, unterkühlt und wenig emotional. Der totale Gegensatz zum beliebten Manager Hoeneß. (…) Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, daß mit dem sportlichen Abschwung ein Konflikt entbrannt ist, aus dem Rummenigge als großer Verlierer hervorgehen könnte.“
Auf der Meisterlichtung
Daniel Theweleit (taz) erteilt den Stuttgartern nach dem schwerfälligen 1:0 in Mönchengladbach einen guten Rat: „Egal, was der Grund für die mäßige Leistung war, sie werden ihn bekämpfen müssen. Denn die Bürde des favorisierten Meisterschaftsanwärters werden sie in den abschießenden Partien gegen Mainz, in Bochum und gegen Cottbus nicht mehr los. Vielleicht überzeugt die Stuttgarter ja aber ein Blick in die Geschichte: Der letzte Deutsche Meister, der als Außenseiter plötzlich mit der Schale da stand, war 1992 der VfB Stuttgart.“ Roland Zorn (FAZ) hat Stuttgarter Ambitionen vernommen: „Hört, hört: Der VfB traut sich auf die Meisterlichtung. Dorthin, wo sonst nur der diesmal schwer getroffene Platzhirsch Bayern von exklusiven Titelansprüchen röhrt. So gut wie die Schalker und Bremer Mitbewerber um die Schale sind die Schwaben inzwischen auch. Niemand hat zuletzt so konstant wie der VfB Stuttgart Sieg an Sieg gereiht. Im Borussia-Park hatte der VfB dann auch noch das Glück, auf einen extrem harmlosen Gegner zu treffen, der beste Gelegenheiten teils grotesk versiebte.“
Nichts ist von Dauer
Richard Leipold (FAZ) deutet die Schalker Niederlage in Bochum vor historischem Hintergrund: „Ist ja alles schon mal da gewesen. Das meistgebrauchte Fremdwort am Schalker Markt lautet in diesen Tagen: Déjà-vu. Vor sechs Jahren drängte ein Unentschieden in Bochum den vermeintlichen Titelfavoriten ab ins Grenzgebiet zwischen Traum und Trauma. Diesmal war es so ähnlich, vielleicht schlimmer. Auf dem Platz setzte es sogar eine Niederlage. (…) Es gibt auch Unterschiede zum Titelkampf 2001: Meister der Herzen wird Schalke diesmal nicht. Im aktuellen Rennen wirken die Schalker eingangs der Zielgeraden nicht wie liebenswerte Unglücksraben, sondern wie selbstgefällige Möchtegernmeister. Ob sie diesen Trend noch einmal wenden können?“ Philipp Köster (Spiegel Online) entwarnt: „Es gab wohl kaum eine Saison, in der die Instrumente der Fußball-Analyse so versagt haben wie in der laufenden. Nahezu alle 18 Clubs – den VfL Wolfsburg einmal außen vor gelassen – sind in dieser Spielzeit schon hymnisch besprochen und schon bald darauf beerdigt worden. (…) Nichts ist in dieser Saison von Dauer. Und deshalb kann sich auch der FC Schalke mit der Erkenntnis trösten: Die Niederlage beim VfL Bochum ist nur eine Niederlage beim VfL Bochum, nicht mehr und nicht weniger. Keine Trendwende, keine Vorentscheidung und kein herbei geredetes Remake der Ereignisse von 2001. Verinnerlicht die Mannschaft das, kann sie nach wie vor Deutscher Meister werden. Oder Werder Bremen. Oder der VfB Stuttgart. Einer von den dreien wird es auf jeden Fall. Da leg ich mich mal fest.“
Versprechen gehalten
Leipold schildert auch die Erleichterung, die der Dortmunder Trainer nach dem Sieg gegen Frankfurt spüren muß: „Mit seinem Wechsel nach Dortmund war Thomas Doll ein hohes Risiko eingegangen. Beim HSV mit dem Abstiegskampf überfordert, nahm er sich nach einem kurzen Urlaub sogleich des nächsten Traditionsklubs an, der bedrohlich nah an den Abgrund geraten war. Der Sturz in die Tiefe hätte nicht zuletzt dem Trainer erhebliche Verletzungen zugefügt. Im Bewußtsein dieses Risikos hat Doll, ohne zu zögern, eine äußerst schwierige Aufgabe übernommen und eine gespaltene Mannschaft, deren Mitglieder mehrheitlich offenbar nicht wußten, wie sie der für sie unbekannten Herausforderung begegnen sollten. Doll aber schickt sich an, das zu halten, was die Verantwortlichen sich von ihm versprochen haben. Mit viel gutem Zureden, aber auch mit manch bösem Wort hat er die Handlungsstränge des Dortmunder Spiels ineinander verwoben.“
Verfehlt
Bernd Müllender (FR) liest den Aachenern die Leviten: „Aachens Mischung aus Lethargie und Verkrampfung löst erregte Debatten aus, ob das Team nicht mehr könne oder wolle – oder beides. Die Zusammensetzung der Elf scheint strategisch verfehlt: Manche spielen ohnehin ihre letzten Minuten in Aachen runter (Schlaudraff, Pinto, Dum, Sichone), anderen werden gute Angebote nachgesagt und eine Abschiedsklausel im Abstiegsfall (Rösler, Reghecampf, Leiwakabessy). Da gibt man statt der branchenüblichen 110 Prozent womöglich nur 100, wenn überhaupt.“
Samstag, 28. April 2007
Ascheplatz
Kauf-mich-Schild um den Hals
Der Wirbel um Miroslav Kloses Seitensprung mit Bayern München überschattet das 0:3 Werder Bremens bei Espanyol Barcelona
Klaus Hoeltzenbein (SZ) kritisiert die Bayern wegen ihres Werbens um Miroslav Klose und überführt Uli Hoeneß der Heuchelei; Hoeneß rüffelte Jürgen Klinsmann vor einem Jahr, weil dieser Oliver Kahn einen Tag vor dem wichtigen Spiel in Bremen von seiner Rückversetzung im Nationalteam informiert hatte: „Neu ist nicht, daß entgegen des internationalen Reglements mit einem Profi gesprochen wird, lange bevor dessen Vertrag ausläuft; neu ist auch nicht, daß man den Gegner einzulullen versucht, indem man der Frau des Regisseurs Blumen schickt. Neu aber ist die Rasanz des Vergessens: ‚Er hätte Kahn das alles in Ruhe am Sonntag sagen können, aber da geht wohl wieder ein Flieger nach Amerika‘, war nur eine der bitteren Botschaften, die Hoeneß dem Bundestrainer Klinsmann damals zum Thema Stil und Anstand hinterher rief. Recht hatte er, doch wer in einem moralarmen Gewerbe die Moral herbeizitiert, der darf sie ruhig selbst in Pflege nehmen. Sie hatten es doch so bequem in ihrer Liga, die Bayern. Das Dauergekeife mit dem Willi-Lemke-Bremen war längst Geschichte, als die Bösen wurden auch mal die Blauen (Neureich-Schalke) oder die Gelben (Spekulanten-Dortmund) angesehen. Die Bayern waren bundesweit nicht mehr nur gefürchtet, sie waren respektiert, besonders deshalb, weil sie besser als die anderen das Geld häufen konnten. Oft war dabei von einem neuen Solidarpakt in der Liga die Rede. Der ist nun einseitig und ohne Angabe von Gründen aufgehoben worden.“
Ralf Wiegand (SZ) kann Kloses Gefummel mit Bayern München nicht verstehen: „So ungeschickt wie Klose hat sich nicht einmal sein Vorgänger als Bremer Publikumsliebling, das lebende Vereinsmaskottchen Ailton, bei seinem Wechsel nach Schalke angestellt. Der gab wenigstens unumwunden zu, aus seiner kurzen Karriere so viel Ertrag wie möglich ziehen zu wollen, auch wenn es weh tut. Ein erschlagendes Argument. Klose ist indes gerade im Begriff, sich in eine ziemlich aussichtslose Situation zu manövrieren. Ihn holten die Bremer auf dem Tiefpunkt seiner Karriere für die riskante Ablöse zurück auf die Sonnenseite des Sports. In Bremen, behutsam wieder aufgebaut von Trainer Schaaf, reifte Klose zum Star auf dem Spielfeld und blieb außerhalb bescheiden, ruhig, fast dankbar. So mögen es die Werder-Fans. Umso irritierter sind sie, seitdem Klose mit einem ‚Kauf‘-mich‘-Schild um den Hals herumläuft, schwer wie ein Mühlrad. Kein einziger großer Klub aus dem Ausland, zu dem er angeblich so gerne wechseln möchte, hat sich bei Werder Bremen gemeldet. Die Stimmung der Fans, Kloses Chancen auf einen großen Klub und seine Leistungen auf dem Platz strebten seit Wochen parallel einem Tiefpunkt entgegen – erreicht wurde er in Barcelona, nachdem ein Treffen Kloses mit Vertretern von Bayern München publik geworden war. Im Verbund mit dem nach Turin schielenden Torsten Frings und dem angeblich von Real Madrid umworbenen Diego ergibt sich vier Wochen vor Ende einer von den Bremern stark gespielten Saison das Bild einer auseinanderfallenden Mannschaft.“
Frank Hellmann (FR) fügt hinzu: „Klose hat drei sehr erfolgreiche Jahre an der Weser verbracht. Eine Beziehung zum beiderseitigen Nutzen, deren Ende nun abzusehen ist. Der Spieler, der Eindruck verstärkt sich, ist schlecht beraten. Wenn er nicht für die finalen Pflichtspiele mit Gegenleistung zurückzahlt, wird der Abschied zum unwürdigen Spießrutenlauf.“
Ronald Reng (Berliner Zeitung) nennt die Schwächen der Bremer nach dem 0:3 in Barcelona: „Wenn die Bremer glauben, es sei nur ein schlechter Abend gewesen, machen sie sich etwas vor. Zu oft sind sie dieses Jahr auswärts im Europacup entstellt worden. Chelsea, Barça, Ajax, die Liste wird zu lang. Sie müssen lernen, ihr Spiel zu variieren. Und sie müssen lernen, mit den Gerüchten [um Spielerwechsel, if] zu leben. (…) Wer Werders Gesamteindruck in dieser Saison im Auge behält, kann auch nicht die vielen fehlenden Kleinigkeiten übersehen, die den Unterschied zwischen einer sehr guten und einer Siegerelf ausmachen. Streßresistenz auf und abseits des Spielfelds ist solch ein Detail.“
FAZ: Bremer Depression nach blauem Wunder
SZ/Hintergrund: Verhandlungen mit Spielern sind vor Ablauf der Schutzfrist nicht erlaubt – bestraft werden solche Verstöße aber nur in England
Die Highlights
Freitag, 27. April 2007
Champions League
Spektakulärer Sicherheitsfußball
Pressestimmen zum 1:0 Chelseas gegen Liverpool
Christian Zaschke (SZ) schildert das Match als Tanz von zwei Kräften um eine Mitte: „Es war zu sehen, warum englischer Fußball aufregend und langweilig zugleich sein kann. Einerseits spielten beide, Chelsea wie Liverpool, ‚one-touch-football‘ – jeder Mann nach Möglichkeit mit nur einer Ballberührung. Das ist Risikofußball. Andererseits hatten beide Teams für diese Form des Fußballs nur einen Teil des Platzes vorgesehen, den Bereich um die Mittellinie. Der Rest des Feldes war mit Spielern so vollgestellt, daß man kaum das Grün des Rasens sah. Man blickte also auf schwer arbeitende, rennende und grätschende Männer, es war alles da, was Fußball braucht: Dynamik, Tempo, Körpereinsatz, Fairness – und doch geschah nichts. Was Chelsea und Liverpool bei ihren zahlreichen Aufeinandertreffen bieten, ist ein Paradoxon: Sie spielen spektakulären Sicherheitsfußball. Um diese Form des Fußballs zur Vollendung zu führen, müßte man noch die Tore abschrauben.“
Christian Eichler (FAZ) schildert Chelseas unerbittliche Art, zum Erfolg zu kommen: „Begeisternd spielt der FC Chelsea fast nie, zufriedenstellend fast immer. Denn die teuerste Fußballmannschaft der Welt hat klare Prioritäten: Sie will nicht inspirieren, sondern frustrieren. Chelsea ist der unangenehmste Gegner der Welt. Tore sind im Weltbild des Trainers José Mourinho nichts, was man erspielt, sondern erzwingt, ein Produkt der Schwäche, das man aus Gegnern herauspreßt.“
FR: Mourinhos paranoide Kritik an Schiedsrichter Markus Merk
FAZ-Portrait Mourinho
Die Highlights
Champions League
Kakas Tore von erhabener Herkunft
Englische Pressestimmen zum 3:2 Manchester Uniteds gegen den AC Mailand / Von Alexander Neumann (London)
Oliver Kay (Times) erkennt die zwei Gesichter Manchester Uniteds wieder: „In den letzten zwei Dekaden als Trainer von Manchester United hat Alex Ferguson immer wieder mit einem verschmitzten Lächeln darauf hingewiesen, daß seine Mannschaft die Angewohnheit hat, Dinge immer auf die schwierige Tour zu tun. Doch auch wenn das Rückspiel für seine Mannschaft noch ein harter Weg wird: Rooneys spätes, kaum zu fassendes Eingreifen hat ihnen eine gute Ausgangsposition geschaffen. Und dies war nur der letzte schwindelerregende Augenblick in diesen dramatischen letzten Wochen, in denen United in gleichem Maße mit Großartigkeit wie mit dem Versagen geflirtet hat. Diese Partie hat all dies zusammengefaßt. (…) Genau wie 1999 wird man mit gemischten Gefühlen nach Italien reisen. Aber dieser dramatische Sieg gegen ein Milan, das im mittleren Drittel der Partie unantastbar schien, wird ihnen das Gefühl geben, daß sie alles erreichen können.“
James Lawton (Independent) stellt Cristiano Ronaldo, der jüngst als erster Spieler seit 1977 gleichzeitig zum „Player of the Year“ und „Young Player of the year“ in der Premier League gewählt worden ist, zwei andere Konkurrenten entgegen: „Man kann nicht sagen, daß Ronaldo keinen Eindruck gemacht hätte. Er ging hoch zum Kopfball, der United die frühe Führung brachte, er zeigte ein verwirrendes Durcheinander von Übersteigern mit einer Effizienzrate von etwa 50 Prozent, und traf einen Schuß so zuckersüß, daß Dida gerade noch reflexhaft einen Arm hochbrachte. Aber der beste Spieler der Welt? Das polierte Endprodukt? Auftragskiller jeder Verteidigung? Es gab allen Grund, das zu bezweifeln, nachdem Kaka sich mit zwei Toren von erhabener Herkunft ins Rampenlicht gespielt hat. Mit diesem Kaka, von dem eine ständige Bedrohung für van der Sars Tor ausging, schien die Zerstörung Roms, wie ein Überbleibsel aus der antiken Fußballgeschichte. Doch da war noch einer, den United aufzubieten hatte: Es war der wilde Geist, der in dieser Saison immer wieder hervorbrach, als der Schwung verloren gegangen schien. Und wieder einmal wurde dieser Geist verkörpert von Paul Scholes. Seine Weigerung, sich mit der spielerischen Überlegenheit der alternden Meister aus Italien abzufinden, entfachte nach etwa einer Stunde ein loderndes Feuer – zu einer Zeit, als das Spiel seinem Team zu entgleiten drohte.“
Wenn Ronaldo und Kaka spielen, hört Richard Williams (Guardian) Geigen und Trompeten: „Ronaldo und Kaka sind die Art Spieler, die Vergleiche mit anderen Kunstformen nahe legen: Kaka spielt ein permanentes andante cantabile, mit einer süßlich fließenden Anmut und verheerenden Sprints voll gelassener Schönheit; den Kopf nach vorne gelehnt wie Zidane, der Körper wiegend wie das Schilfgras im Wind, während jede Richtungsänderung fließend in die nächste übergeht. Ronaldos Spiel dagegen ist ein allegro vivace, mit einem deutlichen Hang zur Stakkato-Phrasierung mit seinen flinken Füßen. Sein unorthodoxes Spiel führt in der Hitze des Gefechts dazu, daß er furchtlos neue technische Finessen einführt, die andere – auch wenn sie dazu fähig wären – höchstens im Training zum Amüsement ihrer Kameraden aufführen würden.“
Ein himmlisches Vergnügen – die deutschen Journalisten fallen vor Manchester United und dem AC Mailand aus Dank für ihr Spektakel auf die Knie
Bundesliga
Raubkapitalismus
Den Bayern scheint wieder nichts anderes einzufallen, als die deutsche Konkurrenz zu schwächen / Wieviel Bonus hat Ottmar Hitzfeld?
Wildern die Bayern in Bremen und Hamburg? Matti Lieske (Berliner Zeitung) geht mit gutem Gedächtnis auf dieses Gerücht ein und rügt die Bayern-Führung: „Einen privaten Kooperationsvertrag mit dem Medienimperium des Leo Kirch hatten sie einst ebenso verschwiegen wie eine heimliche Zahlung von 20 Millionen Mark auf das Konto von Sebastian Deisler, als dieser noch bei Hertha BSC unter Vertrag stand. In diese Tradition hochgradiger Stillosigkeit passen nun auch die Meldungen über klandestine Treffen mit Miroslav Klose und dem Berater von Rafael van der Vaart. Sollten diese stattgefunden haben, verstoßen sie nicht nur gegen den guten Geschmack, sondern auch gegen Regeln der DFL und der Fifa. Diese sehen vor, daß solche Gespräche nur nach vorheriger schriftlicher Benachrichtigung des jeweiligen Klubs stattfinden dürfen. Für einen Verein, der gerade bei der Europäischen Union für Maßnahmen gegen den Raubkapitalismus im Fußball wirbt, ist ein solch unmoralisches Vorgehen doppelt peinlich.“
Andreas Burkert (SZ) ergänzt: „Es war ja bereits gemutmaßt worden, die angeschlagenen Bayern würden in ihrem Bestreben, ‚eine neue Mannschaft aufzubauen‘ (Rummenigge), zuverlässig auf traditionelle Verhaltensmuster zurückgreifen, oder anders gesagt: auf die Besten der anderen. Vorgestern Ismaël und Frings, gestern van Buyten, Podolski und nur wegen einer Laune nicht Lincoln, die Münchner verstehen die oberen Regale der Konkurrenz als bayerischen Feinkostmarkt.“
Elisabeth Schlammerl (FAZ) versucht, den Bonus Ottmar Hitzfelds in München zu bestimmen: „Hitzfeld ging bisher aus der Bayern-Krise relativ unbeschadet hervor, die Kritik richtet sich vor allem gegen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, die zu zaudernd agiert und Tendenzen nicht erkannt haben. Dem Trainer wird noch zugutegehalten, daß der Karren bei seinem Wiedereinstieg in München schon zu tief im Dreck steckte. Hitzfeld hat es zwar geschafft, den altersschwachen Bayern-Motor noch einmal zum Laufen zu bringen, aber mittendrin starb er wieder ab. Dieser kleine Bonus wäre allerdings schnell aufgebraucht, wenn er es nicht schafft, als Runderneuerer, als Reformer aufzutreten. Aber der Architekt einer Mannschaft zu sein, die modernen Fußball spielt, das trauen Hitzfeld nur wenige zu. Vielleicht ist dies beim FC Bayern nun seine größte Herausforderung.“
Eine Leserzuschrift
Hallo Herr Fritsch,
die abwertende Berichterstattung über den FC Bayern und den Uefa-Cup stößt mir übel auf. Nicht aus Mitleid mit den Bayern, sondern weil ich finde, dass der Uefa-Cup etwas mehr deutschen Respekt verdient hätte. Seit ihn Franz Beckenbauer als „Cup der Verlierer“ abgekanzelt hat, wissen die Journalisten genau, welches Etikett sie dem Wettbewerb anheften müssen. In den meisten Medien ist er nicht mehr als ein Spießrutenlauf über osteuropäische Fußballäcker mit einem Modus, den niemand versteht. Seit sich abzeichnet, daß die Bayern genau diesen Gang werden antreten müssen, werden diese Klischees nur umso lieber breitgetreten. Kristiansand klingt schon mal gut, dann noch was ulkiges Griechisches dazu, was niemand aussprechen kann und schließlich das unvermeidliche Dnjepropetrovsk. Ja, das klingt richtig schön fußball-provinziell, und der Leser weiß genau, wo Bayern angekommen ist: ganz unten, haha! Bei all diesem Spott wird gerne vergessen: Mit Ruhm hat sich in der vermeintlichen Provinz zuletzt kein deutscher Verein bekleckert.
Mit freundlichen Grüßen
Moritz Meyer (per E-Mail)
Donnerstag, 26. April 2007
Champions League
Ein himmlisches Vergnügen
Die Journalisten fallen vor Manchester United und dem AC Mailand aus Dank für ihr Spektakel auf die Knie
Christian Eichler (FAZ) schildert seine Begeisterung und streicht das Alleinstellungsmerkmal der Champions League heraus: „Es war eine Darbietung von Tempo, Flair und Leidenschaft, wie deutsche Fans sie durch den FC Bayern gegen denselben Gegner in einer ähnlichen Konstellation im Viertelfinale völlig vermißt hatten – in einen Wettbewerb, der anders als zumeist Welt- und Europameisterschaften dazu neigt, mit seiner Fortdauer immer besseren Fußball zu produzieren. 2005 gab es das unvergeßliche Finale, das Liverpool nach 0:3-Rückstand gegen Milan noch gewann, 2006 brillierten Barcelona und Arsenal mit Offensivfußball in der K.o.-Phase, und diesmal bot Manchester nach der 7:1-Gala gegen Rom einen weiteren fabelhaften Champions-League-Abend. Zu ihm trugen auch die Italiener bei, die entgegen dem üblichen Vorurteil nicht durch Zeitspiel, Lamentieren, Nickligkeiten auffielen, sondern durch fairen, attraktiven Fußball. Auf diesem Niveau sah man wohl seit dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien kein besseres, schnelleres und intensiveres Spiel – nur daß es diesmal viel mehr Torszenen und Tore gab. (…) An solchen für Fans glücklichen Abenden gebiert das englische Spiel Fußball der guten alten Sorte: Es geht nicht darum, ein Tor weniger zu kassieren als der Gegner. Sondern darum, eins mehr zu schießen.“
Christian Zaschke (SZ) beschreibt das Match als Duell zwischen Feuer und Wasser: „Fußballspiele in solcher Intensität sind rar auf diesem Niveau. Spannung gewann die Partie nicht nur daraus, daß es um viel ging, sondern in erster Linie aus der Gegensätzlichkeit der Kontrahenten. Milan und Manchester standen einander gegenüber wie zwei unvereinbare Prinzipien, und die 90 Minuten zeigten: Keines der beiden Prinzipien ist richtiger oder besser als das andere. Nicht die kühle, fließende Spielweise Milans, dargeboten von einem nahezu perfekt gestaffelten Ensemble, das nie nervös wird, und in dem jeder einzelne aus der Startelf so cool wirkt, als könnte er umgehend Weltmeister im Pokern werden. Und nicht die eruptive Kraft Manchesters, dargeboten von einem Team, das anrennt, Luft holt, anrennt und bisweilen zwischen den Phasen des Anrennens das Luftholen einfach vergißt. (…) Dieses Tor [das 3:2 Rooneys, if] bedeutet vor allen Dingen, daß beide Mannschaften im Rückspiel versucht sein könnten, gegen ihre Natur zu spielen. Milan muß angreifen. Manchester kann warten. Doch darin liegt die faszinierende Kraft dieser beiden Teams: Beide spielen Fußball in einer reinen, klaren Form, aber sie spielen nie gegen ihre Natur. Das können sie nicht.“
Auch Raphael Honigstein (Tagesspiegel) freut sich auf das Rückspiel: „Die stürmenden, drängenden Spieler Manchesters gegen Mailands seelenruhige Routiniers, das war ein Duell, dem man noch gerne ein paar Stunden länger zugeschaut hätte. (…) Vielleicht ist das ja die Erklärung für Milans chronische Anfälligkeit in den Schlußminuten: Diese Spieler sind einfach zu cool, um die Angst zu spüren, die einen bis zum Schluß wachhält. Am Mittwoch kommen sie schon wieder zusammen, Manchester United, ‚die Mannschaft, die nicht weiß, wann sie geschlagen ist‘, wie der Daily Telegraph schreibt, und der AC Mailand, das Team, das öfter vergißt, daß es ein Spiel schon gewonnen hat. Die Prognose fällt da sehr leicht: Es wird ein himmlisches Vergnügen.“
FAZ-Portrait Ryan Giggs
FAZ-Portrait Paolo Maldini
Just like the Busby Babes in Days gone by
Unterhaus
Unvernebelte Sinne
So gut wie aufgestiegen – Claudio Catuogno (SZ) führt den Erfolg des Karlsruher SC auf die nüchterne Arbeit des Managers und Trainers zurück: „Neun Jahre sind eine lange Zeit, der KSC von heute hat im Vergleich zu dem des Jahres 1998 ein völlig neues Gesicht: neue Führung, neues Management, sogar eine neue Satzung haben sie sich gegeben. Wer einen so radikalen Schnitt vollzieht, hat häufig gute Gründe, die eigene Geschichte als Mahnung zu begreifen – auf daß eine kurzfristige Euphorie nicht noch einmal die Sinne vernebele. So wie in den Neunzigern, als sie unter Langzeitcoach Winnie Schäfer erst den FC Valencia 7:0 aus dem Wildpark fegten und dann teuer den Kader verstärkten, um als KSC 2000 für Furore zu sorgen. Im Jahr 2000, Ironie der Geschichte, ist der KSC dann in die Dritte Liga abgestiegen. Rolf Dohmen vermittelt nun ein anderes Bild von der Zukunft. Bereits klar definiert – aber bescheiden. Unter Dohmen ist in Karlsruhe ein besonnener Stil eingekehrt, und da paßt es, daß auch Edmund Becker das exakte Gegenteil eines Phantasten ist. Sein halbes Leben lang ist er schon beim KSC angestellt, aber erst die neuen Herren erkannten seine Qualitäten auf höchster sportlicher Ebene.“
Tsp: Der Karlsruher SC ist faktisch aufgestiegen und hat seine alte Großmannssucht durch Bescheidenheit ersetzt
Allgemein
Respektable graue Maus
Analysen über den Gegner Werder Bremens, Espanyol Barcelona
Ronald Reng (Berliner Zeitung) beleuchtet am Exempel Espanyol Barcelona die Strategie kleinerer spanischer Teams, im Uefa-Pokal Erfolg zu haben: „Die Elf ist weder spektakulär noch außergewöhnlich und trotzdem – oder gerade deshalb – ein vorzügliches Beispiel, warum spanische Mittelstandsklubs die erfolgreichsten ihrer Gewichtsklasse in Europa sind. Daß dieses Jahr gleich drei spanische Abgeordnete im Uefa-Cup-Halbfinale stehen, braucht niemand für die unsinnige Debatte zu mißbrauchen, ob nun die spanische oder die englische Liga die beste der Welt ist. Vielmehr kann der spanische Erfolg den Mittelklasseklubs überall in Europa zeigen, wie man dem Alltag entflieht, zumindest für ein Jahr, für ein paar große Abende. Anders als die vom Geld regierte Champions League belohnt der Uefa-Cup regionale Klubs, die mit Einfallsreichtum bei Taktik und Spielerausbildung ihre natürlichen Grenzen überwinden. Das ist der interessanteste Grund spanischer Stärke: Geredet wird heute, bei 50 Partien pro Saison, überall viel von Spielerrotation, die nötig sei, um einen Leistungseinbruch zu verhindern; doch wirklich permanent und radikal wechseln die Trainer zwischen all ihren fünfundzwanzig Spielern nur bei ein paar internationalen Großklubs – und in Spanien. Drei Tage, nachdem Espanyol im Viertelfinale Benfica Lissabon ausgeschaltet hatte, war die Elf in der Liga gegen Bilbao auf zehn Positionen verändert. Möglich ist diese Spielerrotation, ohne daß die Elf entscheidend an Qualität verliert, weil spanische Mittelstandsklubs die hinteren Positionen der Teamhierarchie mit Lehrlingen aus der eigenen Ausbildung besetzen, die technisch und taktisch exzellent geschult sowie immer noch bezahlbar sind.“
Paul Ingendaay (FAZ) hingegen moniert den geringen Konversationswert Espanyols: „Der FC St. Pauli und der Hamburger SV. Oder 1860 München und die Bayern. So ungefähr muß man sich das Verhältnis zwischen Espanyol Barcelona und dem FC Barcelona vorstellen. Mit dem feinen Unterschied, daß man dem zweiten Fußballverein der katalanischen Hauptstadt trotz des Gründungsjahres 1900 kaum Geschichte, keine temperamentvolle Anhängerschaft und auch keinen auffälligen Charakter nachsagen kann, es sei denn, er läge im legendären Torwart Zamora, der hier in den zwanziger Jahren gespielt hat. Während der ruhmreiche FC Barcelona alle Aufmerksamkeit der Medien aufsaugt und obendrein als Aushängeschild des Katalanismus fungiert, gilt die Mannschaft des Lokalrivalen als respektable graue Maus der Primera División. (…) Schon der Vereinsname – er bedeutet ’spanisch‘, aber in katalanischer Sprache – steht im Widerspruch zu den stärksten Gemütswerten der Stadt. Da paßt es, daß Espanyol seit zehn Jahren im großen, oft gähnend leeren Olympiastadion spielen muß, das sich nicht einmal beim Besuch von Werder Bremen ganz füllen dürfte.“
FAZ-Interview mit Jens Lehmann über seine Zukunft
Mittwoch, 25. April 2007
Ball und Buchstabe
Er machte aus dem Fußballzwerg Holland eine Weltmacht
Bertram Job (NZZ) überreicht Johan Cruyff zum 60. Geburtstag einen Strauß Tulpen und einen Kaktus: „Der Tabak, der ihm am besten schmeckte, war immer der geschenkte. Viel rauchen und reden sowie alles besser wissen: Es waren die früh erkennbaren Markenzeichen eines geborenen Dirigenten am Ball, die man weniger Begabten wohl kaum so leicht verziehen hätte. Johan Cruyff aber darf bis zum heutigen Tage hervorheben und runterputzen, wen er will. Viele große Fußballer nach ihm, von van Basten bis zu van Nistelrooy, mögen weit über Holland hinaus den Bonus echter Stars genießen. Eine wirkliche Ikone aber ist nur ‚König Johan‘ geworden – selbst wenn er nach der Demission als Trainer in Barcelona vor elf Jahren nicht viel mehr tut, als sich im Bedarfsfall in alles rhetorisch einzumischen. Den Konsum von bis zu 80 Zigaretten am Tag hat sich der Jubilar nach einer Bypass-Operation 1991 quasi von höheren Mächten verbieten lassen. Hier auf Erden aber erkennt er keine höhere Autorität noch sonst eine Beschränkung an. (…) Historisch betrachtet ist der holländische Fußball erst mit Johan Cruyff aus seiner Provinzialität erwacht.“
Christian Eichler (FAZ) zitiert einen Konkurrenten in seiner Festtagsrede: „‘Johan war der bessere Spieler, aber ich war Weltmeister‘, sagte Franz Beckenbauer, der mit der deutschen Elf im Finale 1974 die von ihrer Überlegenheit zu sehr berauschten Holländer stoppte. Und doch war Cruyffs Leistung vielleicht größer. Denn er machte aus dem Fußballzwerg Holland eine Weltmacht und aus dem namenlosen Ajax die erste Adresse Europas, mit drei Europapokalsiegen in Folge.“
Tsp: Johan Cruyff hat sich als Spieler und Trainer dem attraktiven Fußball verschrieben
Ballschrank: Es hätte Cruyffs großer Tag werden können
Es gibt einige Dribbling-Kompilationen von Cruyff auf youtube. Dieser Clip hat etwas besonderes.
SZ: Diego nach Madrid? Bremen bleibt seinen Konkurrenten finanziell unterlegen
SZ: Verlassen Klose und Frings Bremen?
Tsp: Im Haß vereint – in der Champions League kämpfen Chelsea und Liverpool ihre besondere Feindschaft aus
NZZ: Chelsea–Liverpool als Neuauflage des Halbfinals von 2005
Welt: Benitez ist Mourinhos vertrauter Feind
Dienstag, 24. April 2007
Internationaler Fußball
Gute Trainer, gute Spieler, viel Geld
Vor dem Champions-League-Halbfinale: auf der Suche nach den Ursachen für den Vorsprung der englischen Klubs
Christian Eichler (FAS) führt den Erfolg der englischen Klubs hauptsächlich auf die Trainer zurück: „Es ist nicht nur das Geld, das Englands Klubs stark macht. Wäre es so, dann müßten die Engländer vor allem im Uefa-Cup dominieren, nicht in der Champions League. Denn durch die solidarische Verteilung der Fernsehgelder profitiert gerade der Durchschnitt der Liga. Die großen Klubs kommen dagegen kaum auf die Hälfte der Fernseheinnahmen der Top-Teams aus Spanien oder Italien, die durch Einzelvermarktung 120 bis 150 Millionen Euro pro Jahr erzielen. Gerade bei den mittleren Adressen, Klubs wie Newcastle oder Manchester City, beides Übernahmekandidaten, überdecken die steigenden Liga-Erlöse viele Management-Fehler und teure Fehleinkäufe. Das geht nur so lange gut, wie die Einnahmen steigen. Deshalb sind nicht ‚die Engländer‘ so stark, sondern nur jene vier Klubs, die praktisch in ihrer eigenen Liga spielen. Wie im letzten Jahr belegen ManU, Chelsea, Liverpool und Arsenal auch diesmal die ersten vier Liga-Plätze. Sie zeigen, worauf es neben dem Geld vor allem ankommt: auf einen starken Trainer und eine Kontinuität, dank deren ein Alex Ferguson oder Arsène Wenger, aber auch José Mourinho bei Chelsea und Rafael Benítez in Liverpool eine Spielidee über die Schwankungen des Alltags hinaus prägen können.“
Christian Zaschke (SZ) ergänzt: „Das ist ein entscheidender Punkt: Die Premier League hat nicht nur gute Spieler, sondern auch exzellente Trainer verpflichtet: Mourinho hat sein Handwerk in Spanien, gelernt. Auch Benìtez hat in Spanien gelernt, zunächst als Jugendtrainer bei Real Madrid, anschließend bei immer größeren Klubs. Es ergibt sich also die interessante Konstellation, dass viel Wissen aus Spanien, der vormals dominanten Nation, nach England, in die aktuell dominante Nation gewandert ist. Überspitzt gesagt hat der englische Aufschwung einen kleinen spanischen Kern. (…) Die Gründe für die derzeitige englische Übermacht sind im Grunde einfache: gute Trainer, gute Spieler, viel Geld.“
Raphael Honigstein (FR) staunt über die hohen Akzeptanzwerte des Wesensfremden und fremden Wesens Cristiano Ronaldo in England: „Mit Ronaldos Durchbruch hat die Europäisierung des englischen Fußballs einen neuen Höhepunkt erreicht. Er ist Ausländer, hat zu viel Gel im Haar und trägt zu teure Klamotten und zu große Brillanten in den Ohren. Vom englischen Fairplay-Kodex hat er sich wenig beeindrucken lassen, Schwalben sind Bestandteil seines Repertoires. Zudem erniedrigt er die Gegner manchmal regelrecht; spätestens beim fünften Übersteiger schwingt Arroganz mit. So einen Leitkulturschänder hätten sie hier vor kurzem mit Wonne mit Schimpf und Schande davon gejagt, aber diese Marotten nimmt man nun geflissentlich in Kauf. Man ist auf der Insel insgesamt ambivalenter geworden. Es gilt nun das WM-Wort des ehemaligen Nationalspielers Ian Wright, wonach ‚Schwalben für England erlaubt‘ sind. Falls es noch Restzweifel an der Klasse Ronaldos gab, so sind diese spätestens nach dem 7:1 in der Champions League gegen den AS Rom hinfällig.“
Commence the dancing
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Bundesliga
Nichts zu sehen von Hitzfelds neuen Ideen (1)
Weitere kritische Bestandsaufnahmen in der Presse über den FC Bayern, auch Bedenken gegen den Trainer ist wieder zu vernehmen
Sebastian Krass (Financial Times Deutschland) stellt infrage, daß Ottmar Hitzfeld der richtige Trainer für einen neuen Münchner Weg ist: „Der FC Bayern München steckt tiefer im Schlamassel denn je, und er hat, keine drei Monate nach der Entlassung Felix Magaths, schon wieder eine Trainerkrise. Der vermeintliche Zauber, der den ersten Wochen von Hitzfelds zweiter Amtszeit beim FC Bayern innewohnte, ist der Ratlosigkeit und der Orientierungslosigkeit gewichen. Ob der 58-Jährige der richtige Mann ist, einen runderneuerten FC Bayern in die nächste Saison zu führen, läßt sich mit guten Gründen bezweifeln. Ein erstes Indiz liefert ein Blick in die Vergangenheit. 2004 entließen die Bayern Hitzfeld unter anderem deshalb, weil die Mannschaft unter ihm erstarrt war – und ihm keiner einen Neuaufbau zutraute. Es heißt zwar, Hitzfeld habe sich während seiner Auszeit fleißig fortgebildet und stecke voller neuer Ideen. Zu sehen ist davon aber wenig. In den ersten Wochen übte er mit der Mannschaft das kleine Einmaleins des Fußballs. Das half nur für kurze Zeit. Nun aber ist die Mannschaft wieder auf das quälend tiefe Niveau der letzten Magath-Monate zurückgefallen: fehlende Laufbereitschaft, ideenloses Offensivspiel, gedankenlahmes Auftreten in der Abwehr, das Ganze versehen mit einer fatalen Mir-doch-egal-Haltung bei einigen Spielern. Hitzfeld scheint die Spieler nicht zu erreichen – eine Diagnose, die normalerweise zu einem unverzüglichem Jobverlust führt.“
Klaus Hoeltzenbein (SZ) macht aufmerksam auf den Widerspruch zwischen Schweigen und Reden in der Bayern-Führung und analysiert deren Chemie: „Die Frage ist, ob die Münchner ihre selbstgewählte Stille aushalten, wenn doch schon die Morgenlektüre aufregt. Weltweit einmalig ist nämlich die Konstruktion, in welcher der Aufsichtsratsvorsitzende eines Klubs, Franz Beckenbauer, eine eigene, große Zeitung hat, die ihn dafür bezahlt, ständig Aktuelles aus dem Innenleben seines Vereins zu verraten. Eines Vereins, der offiziell vorgibt, er wolle konsequent schweigen. Es ist nicht einfach, das Spiel zu lesen, das Beckenbauer seit ein paar Wochen abseits des Rasens spielt. Und es ist auch nur mit der jahrzehntelangen, schicksalsgeprüften Bekanntschaft von Beckenbauer/Rummenigge/Hoeneß zu erklären, daß dieses Trio bislang jede Morgenlektüre tapfer überdauert hat. Die Frage, ob Rummenigge, 51, und Hoeneß, 55, noch jung, noch ehrgeizig genug sind für die Aufgabe, die erste Elf zu erneuern, wird in Beckenbauers Zentralorgan seit dem K.-o. gegen den AC Mailand ständig wiederholt. Und via Welt am Sonntag hat Beckenbauer soeben erst der DFL empfohlen, noch einmal zu prüfen, ob Rummenigge nicht doch der ideale Ligapräsident sei – ein neuer Versuch, den Vorstand nach Frankfurt wegzuloben? Bayerns Entscheider verstehen sich offenbar nicht mehr gut, zumindest wird öffentlich gestichelt, und das Pikante dabei ist, daß just in dieser Atmosphäre die neue Mannschaft gebastelt werden muß.“
Volk ohne Raumdeckung wird bei dem Gedanken daran, daß der FC Bayern im Uefa-Cup spielen könnte, zum kleinen Kind: „Der Chefscout des FC Bayern München, Wolfgang Dremmler (‚Ich freue mich auf diese neue Herausforderung‘) hat in diesen Tagen viele offene Fragen zu klären: Hat der FC Düdelingen ein Entmüdungsbecken in der Gästekabine? Gibt es im Sheraton Hotel von Alma Ata Hefeweißbier in der Minibar? Braucht Pressesprecher Markus Hörwick einen Sprachlehrer, um ‚Haka Valkeakoski‘ fehlerfrei auszusprechen? Braucht Ottmar Hitzfeld einen Mentaltrainer, um den Satz ‚Haka Valkeakoski hat verdient gewonnen‘ fehlerfrei auszusprechen?“
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