Donnerstag, 12. April 2007
Champions League
Die urbritische Art, ein Fußballspiel bei der Gurgel zu packen
Die deutsche Presse zeigt nach dem dreifachen Erfolg englischer Vereine im Viertelfinale Sympathie und Abneigung, auf jeden Fall aber Achtung / Kann José Mourinho die Champions League überhaupt gewinnen oder nur nicht-verlieren?
Christian Eichler (FAZ) findet die Ursache der neuen Stärke der englischen Vereine im großen Herz der Spieler: „Was die englische Liga in der globalen Vermarktung längst ist, nämlich die Weltliga des Fußballs, ist sie mehr und mehr auch im sportlichen Resultat. Was sind die Gründe? Es ist nicht das Geld allein – wenngleich die hohen Gehälter, verbunden mit günstigen Steuern und guter Atmosphäre in den Stadien, England zum Traumziel der meisten Profis gemacht haben. Es ist auch nicht nur das Tempo. Es ist, nachdem Defizite bei Technik und Taktik gegenüber Spanien und Italien in den letzten zehn Jahren ausgeglichen wurden, die ureigene mentale Stärke, die nun den Ausschlag gibt: der Mumm und der Mut, Gegner und Gangart zu dominieren. Es ist die urbritische Art, ein Fußballspiel bei der Gurgel zu packen.“
Über das 7:1 von Manchester United gegen den AS Rom schreibt er bewundernd: „Am Ende verzeichnete die Statistik den Saisonrekord von zweiundzwanzig Torschüssen, einer alle 73 Sekunden, in denen United den Ball hatte. Doch für die wichtigsten Komponenten des Fußballs gibt es kein statistisches Maß, für Tempo etwa oder Spielwitz, dafür muß man sich die Dribblings und Läufe des immergrünen Ryan Giggs anschauen und des zu Weltklasse gereiften Cristiano Ronaldo (…) So verprügelt sind seit Obelix keine Römer mehr nach Hause geschickt worden.“ Chelseas Erfolg in Valencia führt er auf dessen Beharrlichkeit zurück: „Chelsea zeigte die andere Seite der englischen Stärke, die Zähigkeit: mit dem 22. Saisontor in den letzten zehn Minuten. Nach dem Ausgleich zogen sich die Spanier in ihre Schale zurück wie eine erschrockene Schildkröte.“
Vulgärkicker
Raphael Honigstein (Tagesspiegel) hingegen läßt sich seine Zweifel an der Qualität Manchesters von sieben Toren nicht nehmen: „Die komplette Beherrschung des AS Rom drängt den Betrachtern nun Superlative auf und Manchester United in die Favoritenrolle im Wettbewerb. Doch man sollte sich von dem gewaltigen Glanz des Resultats nicht blenden lassen: Dies ist keine Übermannschaft, nur ein gut eingespieltes Ensemble, das im diesjährigen, auf überschaubarem Niveau veranstalteten Fußball-Grand-Prix stark auffällt, weil es im Gegensatz zu vielen Künstlern einfach den Ton trifft. Hinter den großen Solisten Rooney und Cristiano Ronaldo werkelt auch ein Haufen Mittelmaß. Und· es fällt schwer, einer Mannschaft die Extraklasse zu attestieren, das für einen wild in der Gegend herumgrätschenden Vulgärkicker wie Alan Smith einen Startplatz findet. Aber solche Nuancen wurden von der Macht der Zahlen zerquetscht. Am Ende einer in ihrer Einseitigkeit fast grausamen zweiten Hälfte standen Zahlen, die niemand glauben mochte – 7:1.“
In Abramowitschs Reich kann man mehr lernen als nur Geld zählen
Ronald Reng (SZ) bemängelt die Ästhetik Chelseas: „Ohne Sinn für Schönheit unterwarf Chelsea den FC Valencia, knurrend, aggressiv, abgehackt in seinen Spielzügen. Obwohl die Partie viele großartige Zutaten hatte – eine den Verstand raubende Parade von Santiago Canizares bei einem Kopfball von Michael Ballack; den unaufhörlichen Zweikampf zweier Giganten, Fabián Ayala gegen Chelseas Stürmer Didier Drogba; den Schall von 55.000 Berauschten –, so wird das Spiel nicht in Erinnerung bleiben. Vielleicht, weil Chelseas Spiel nie für die Ewigkeit taugt? Paßkombinationen existieren nicht. Der Ball wird schnellstmöglich nach vorne geleitet, auf die Genauigkeit kommt es dabei nicht an, nur auf das Tempo; sie sind sich sicher, daß den freien Ball aufgrund ihres Positionsspiels, ihrer Laufstärke und Kraft fast immer ein Chelsea-Spieler gewinnt. So ruckelt und zuckelt Chelseas Spiel, es herrscht der halbhohe, scheinbar herumirrende Ball. Derart dominierten sie die zweite Halbzeit in einer erschlagenden Klarheit, woran Ballack seinen Anteil hatte.“
Michael Horeni (FAZ) zieht allen, die Michael Ballacks Wechsel nach Chelsea voreilig bekrittelt haben, am Ohr: „Vor Jahresfrist hatte Ballack unter ständigem bayerischem Nachtreten seinen Wechsel verkündet. Er wollte europäisch vorankommen und suchte nach einem Klub, mit dem er die Champions League gewinnen kann. Nachdem er über Monate hinweg in den Medien ziemlich schlecht wegkam und sein Wechsel in Deutschland schon als mißglückt galt, wird nun allmählich sichtbar, daß es Ballack mit seinem finanziell verschwenderischen Arbeitgeber auch sportlich so schlecht nicht getroffen hat. (…) Chelsea reift auf seine Weise, und wie sich das auch für den deutschen Fußball auszahlen kann, haben die letzten Spiele der Nationalelf gezeigt. Während die englischen Stars wie Lampard und Terry im Nationaltrikot schrumpfen, überragte Ballack als zupackender Anführer, zuletzt beim 2:1 in Prag. Das Beispiel Ballack kann da wenigstens ein kleiner Trost für alle Fußballfans jenseits von Chelsea sein: In Abramowitschs Reich kann man tatsächlich mehr lernen als nur Geld zählen.“
Mourinho gestreßt, gehetzt
Reng befaßt sich mit Chelseas Trainer und der Mutmaßung, daß er in dieser Saison gar nicht gewinnen könne, sondern nur nicht-verlieren: „José Mourinho, nach eigenen Worten ‚der Besondere‘ unter den Trainern, versucht, seine vermeintlich beschlossene Entlassung durch die Eroberung der Champions League abzuwenden. Nach drei Jahren grenzenlosen Investments in die Elf ist Abramowitsch der Triumph im wichtigsten Klubwettbewerb offenbar nicht mehr ein Wunsch, sondern eine Pflicht; nach sechs Jahren, in denen er nur triumphierte, lernt Mourinho erstmals, daß es eine andere Seite des Trainerjobs gibt. Auf Mitleid kann Mourinho dabei schwerlich hoffen, zu sehr hat er sich in Erfolgszeiten mit Pathos, Selbstlob und Hetze bewußt als Großkotz inszeniert. Nun, gestreßt, gehetzt, mit dem Rücken zur Wand, unterläuft Mourinho die merkwürdigste Wandlung. Er wird fatalistischer; lustiger.“ Boris Herrmann (Berliner Zeitung) rechnet in jedem Fall mit Mourinhos Entlassung: „Chelsea kann noch immer drei Titel gewinnen in dieser Saison. Aber zwei davon (Meisterschaft und Pokal) existieren gar nicht im Reich Abramowitschs, und der dritte, die Champions League, kann Mourinho wohl auch nicht mehr retten. Er hat den Mann, der aus der Kälte kam, schon zu lange warten lassen. (…) Mourinho hat seinem Team risikofreien Ergebnisfußball beigebracht – aber es war bislang ein Ergebnisfußball ohne zufriedenstellende Ergebnisse.“
Die Highlights der ersten Halbzeit zwischen Manchester und Rom
Die Highlights der zweiten Halbzeit
Highlights Valencia–Chelsea. Achten Sie auf José Mourinho beim Terry-Interview (etwa bei 2:55)!
Mittwoch, 11. April 2007
Bundesliga
Machen, was verlangt wird
Die Presse reagiert auf den Rauswurf Falko Götz und die Verpflichtung Karsten Heines nahezu einstimmig mit Kritik an dem Führungsstil Dieter Hoeneß
Ralf Köttker (Welt) führt das Scheitern Falko Götz‘ in Berlin auf die Macht Dieter Hoeneß‘ zurück: „Götz ist nicht der erste Trainer, der an den Strukturen des Klubs scheitert. Er hat gerade in der Kommunikation mit den Spielern viele Fehler gemacht. Aber er ist auch Opfer einer Klubhierarchie, die absolutistische Züge trägt und keinen starken Trainer vorsieht. Ganz oben steht Dieter Hoeneß, ein bisweilen beratungsresistenter und wenig kritikfähiger Alleinherrscher. Ein Manager, der um sich eine Mannschaft ängstlicher Ja-Sager versammelt hat. Das Unternehmen Hertha BSC stagniert in seiner Entwicklung auch deshalb, weil konstruktiver Widerspruch und Eigeninitiative keine Kultur haben. (…) Heine weiß aus seiner Zeit bei den Amateuren des Vereins, was er zu tun hat: Machen, was von ihm verlangt wird. Und die Verantwortung übernehmen, wenn es sportlich nicht läuft.“
Michael Reinsch (FAZ) pflichtet Köttker bei: „Falko Götz hat nicht fehlerlos agiert. Allein seine öffentlichen Bemerkungen über die Familienverhältnisse der Boatengs dürften ihn viel Kredit bei seinem Team gekostet haben. Doch der Trainer hatte nicht genug Macht, um allein verantwortlich für den Niedergang der Hertha dieser Saison zu sein. Die Gleichung ist einfach: Hoeneß ist der Chef. Er ist verantwortlich für den Erfolg oder den Mißerfolg seines Klubs. (…) Was frappiert an der jüngsten Personalentscheidung von Hoeneß, ist, daß er es wieder geschafft hat, einen Trainer zu finden, dessen Ego nicht mit dem seinen kollidieren wird.“
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) sieht das genauso: „Heine ist mit seiner verbindlichen Art ohne Zweifel in der Lage, den Kader kurzfristig zu befrieden; mit guter Laune alleine aber werden sich die tieferen Probleme in der Mannschaft auf Dauer nicht lösen lassen. Das Scheitern von Falko Götz hat gezeigt, was Hertha wirklich braucht: einen starken Trainer, eine unangreifbare Autorität, die sich selbst von Dieter Hoeneß nicht reinreden läßt. Die Frage wird sein, wie man Hoeneß von dieser Notwendigkeit überzeugen kann.“ Wolfgang Hettfleisch (FR) ergänzt: „Was machen die ewigen Großklub-Imitatoren nur so beharrlich falsch, daß sie sportlich wieder auf Augenhöhe mit Vereinen agieren, die ungleich bescheidener wirtschaften? Der große Hertha-Zampano Dieter Hoeneß wird ein paar Antworten geben müssen.“
Claudio Catuogno (SZ) referiert Gerüchte über Götzens Führungsmängel: „Mit der viel beschworenen Chemie, die so häufig als Ausrede herhalten muß im Fußballgeschäft, stand es wohl tatsächlich nicht mehr zum Besten bei Hertha BSC. Immer mehr seltsame Geschichten kursierten zuletzt über Götz und sein Ensemble, und die wenigsten waren dazu geeignet, die Autorität des Trainers zu stärken. Hatte ihn ein Spieler tatsächlich in der Kabine mit einem Kaugummi beworfen? Hatten andere allzu offen über seine Frisur gelästert (Branchenname: ‚Falkos Föhnwelle‘) und während seiner Ansprachen demonstrativ Kurznachrichten verschickt? Und wie war das genau, als Götz seinen Spielern vor wichtigen Spielen das Cola-Trinken verbieten wollte, woraufhin Hoeneß ihn zurückpfiff, weil ein bißchen Cola ja noch niemandem geschadet habe? Die Geschichten müssen gar nicht wahr sein bis ins letzte Detail, alleine, daß sie aus dem Klubumfeld heraus lanciert wurden, reichte schon aus, um Götz als Trainer-Marionette lächerlich zu machen.“
BLZ-Portrait Karsten Heine
NZZ: Über die Hintergründe der Berliner Schwäche
FAZ: Auflösungserscheinungen bei Milan – die Hoffnung heißt Kakà
BLZ: Die Macht der Schwalbe – der FC Bayern fürchtet sich vor den schauspielerischen Künsten des Filippo Inzaghi
Dienstag, 10. April 2007
Unterhaus
Manches hat sich doch verbraucht
Wolfgang Hettfleisch (FR) hält die Trennung von Volker Finke trotz der sehr guten Freiburger Rückrunde für angebracht: „Der SC, nach mieser Hinrunde vorübergehend sogar mit Abstiegsängsten infiziert, hat eine reelle Chance, in die Bundesliga zurückzukehren. Dank Finke? Kann sein. Vielleicht beflügelt die Spieler auch der Wille, das epochale Werk des lange allmächtigen Niedersachsen nicht im schnöden sportlichen Niedergang enden zu lassen. Auch in Fürth stand die frühzeitige Bekanntgabe von Benno Möhlmanns Abschied nach der Saison ja am Beginn eines unerwarteten Höhenflugs. Das ‚Lame Duck‘-Prinzip der Politik ist auf den Fußball offenbar nicht ohne weiteres übertragbar. Finke, der in der Hinrunde für viele Fans noch der Buhmann war, mag der Stimmungsumschwung schmeicheln. Doch er ist klug genug, sich von seinen Anhängern nicht auf den Schild heben zu lassen. Der Aufstieg böte den perfekten Abgang. Und die jüngste Siegesserie macht nicht ungeschehen, daß sich manches am Freiburger Modell in den sechzehn Jahren seiner Regentschaft verbraucht hat.“
TspaS: Interview mit Achim Trenkle, dem Sprecher der Fan-Initiative „Wir sind Finke“, die den SC Freiburg dazu bringen will, Finke über das Saisonende hinaus zu beschäftigen
taz-Interview mit einem Psychologen über die Lage in Freiburg
Bundesliga
Schiedsrichter und Polizisten haben nunmal ihre Vorschriften
Pressestimmen zum 28. Spieltag: Spannung und Unvorhersehbarkeit im Titel- und Abstiegsrennen / Die Szene des Spieltags: Miroslav Klose wird von Schiedsrichter Weiner gebremst
Michael Kölmel (Berliner Zeitung) erneuert seine Bedenken gegen die Allmacht Dieter Hoeneß‘ in Berlin: „Von Tag zu Tag schwindet die Autorität von Falko Götz, manche nennen ihn eine Marionette von Hoeneß. Zugleich zerfällt die Mannschaft in Einzelteile. Und was macht der Hauptstadtverein? Er schaut auf Hoeneß, den Mann, der die Beute der fetten Jahre mit unsinnigen Verpflichtungen verpulverte und Hertha so zu Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 50 Millionen Euro führte. Jenen Mann, der stets Siegermentalität fordert, aber niemanden neben sich duldet. Wahre Helden wären notwendig, um Hoeneß die Stirn zu bieten, aber daran mangelt es. Der Klub ist ein Reich der Duckmäuser, die lieber die Gefahr des Abstiegs in Kauf nehmen, als es sich mit dem Allmächtigen zu verscherzen. Brav folgen alle von ganz allein. Und so lange das so ist, hat das Reich Hertha auch nichts Besseres verdient.“
Es gibt unüberschaubar viele Möglichkeiten
Bei dem Versuch, die Tabelle am Saisonende vorauszusagen und ein Zwischenfazit zu ziehen, will sich Roland Zorn (FAZ) nicht weit aus dem Fenster legen, findet aber immerhin einen kleinen Nenner: „Wer auch immer am Ende die Schale hoch halten darf oder den Gang in eine Klasse tiefer antreten muß – schon jetzt gilt aller Respekt den drei Aufsteigern, die sich jeder auf seine Weise bravourös durch die Saison schlagen. Energie Cottbus vor allem, mangels filigraner Spielkunst von manchem über die Schulter angesehen, hat sich in aller Bescheidenheit und mit dem zielsicheren Fährtenleser Petrik Sander an der Spitze bis auf Rang 8 der Tabelle vorgekämpft; der VfL Bochum machte es Osasuna nach und wirbelte die Leverkusener von deren Platz; Alemannia Aachen muß sich nach der Heimniederlage zwar aufs Neue Sorgen machen, kann aber für den Schlußspurt auf seine Kampfkraft und Widerstandsfähigkeit setzen.“
Auch Volker Kreisl (SZ) verzichtet angesichts der Spannung und der Unvorhersehbarkeit im Titel- und Abstiegskampf auf die üblichen Prognosen: „Sollte jemand nach dem Restprogramm der Abstiegsgefährdeten suchen, dann kann er gleich aufhören. Das liegt nicht daran, daß die Zeitung keinen Platz hätte für zwölf Mannschaften à sechs Gegner. Es ist eher so, daß das Vergnügen, über die Chancen, den Absturz oder den Durchmarsch irgendwelcher Vereine zu spekulieren, diesmal ausfällt. Es gibt unüberschaubar viele Möglichkeiten und viel zu viele Faktoren, sogar Gladbach könnte ja noch die Klasse halten – man bekäme Kopfweh vom Restprogramm.“
Recht und Ordnung
D i e Szene des Spieltags: Miroslav Klose, auf dem Weg zum Tor, wird von Schiedsrichter Weiners Schlußpfiff gebremst. Holger Gertz (SZ) kann nicht ausschließen, daß es sich um eine Schutzmaßnahme gehandelt haben könnte: „Klose legte am Ende seine Hände um den Kopf des Schiedsrichters, wie man es bei einem Kind macht, das eine Dummheit begangen hat. Regeltechnisch okay war das sicher nicht, aber Weiner ließ es noch mal durchgehen. Es ist alles eine Frage der Perspektive: Hat jetzt Weiner dem Stürmer durch seinen brutalen Pfiff tatsächlich das Tor geklaut? Oder hat Weiner durch seinen gnädigen Pfiff sogar Schlimmeres verhindert? Daß nämlich Klose mit dem Ball aufs leere Tor zurennt, aber dann nicht trifft, weil er a) ins Stolpern gerät, b) den Ball Frank-Mill-mäßig an den Pfosten tritt oder c) ein Maulwurf sich auf der Torlinie ans Tageslicht buddelt, von dessen Kopf der Ball ins Aus trudelt. Speziell die dritte Möglichkeit scheint, bei Kloses derzeitigem Verhältnis zum Glück, nicht ausgeschlossen.“ Oskar Beck (Welt) erkennt in diesem Pfiff den deutschen Amtsschimmel: „Klose ist sich vorgekommen wie ein Autofahrer, dem ein Polizist eröffnet, daß er das Tempolimit um nullkommafünf km/h überschritten hat – und bedauernd einen Strafzettel ausstellt. Weiner ist, wir ahnen es, im richtigen Leben Polizist. Und wie das mit Polizisten in Schiedsrichterkluft nun mal so ist: Sie haben ihre Vorschriften – und kennen weder Verwandte noch den kriselnden Klose, wenn es um die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung geht.“
Gute Mischung aus Jung und Alt
Frank Heike (FAZ) nennt die Stärken der Stuttgarter: „Natürlich wissen die Stuttgarter spätestens seit dem 4:1 gegen Werder Bremen, daß sie an guten Tagen das derzeit spielstärkste Team der Liga sind und mit den großen dreien gut mithalten können. Das 4:2 beim HSV, das ohne Nachlässigkeiten zum Schluß ein 5:0 geworden wäre, unterstrich die Klasse dieses Teams mit seiner guten Mischung aus Jung und Alt. Es ist eine Mannschaft im modernen taktischen Gewand, in der das Umschalten von Abwehr auf Angriff so schnell gelingt, daß der HSV langsam wie eine Altherrentruppe wirkte.“ Über die Gefahren der Hamburger Mentalität schreibt er: „In Hamburg ist das so: Zwei Siege nacheinander genügen für große Erwartungen, obwohl doch gerade noch der Abstieg besiegelt schien. Huub Stevens wird sich daran gewöhnen müssen und wie alle Vorgänger den langen Kampf gegen die bekannte Selbstzufriedenheit beim HSV aufnehmen.“
Sonntag, 8. April 2007
Allgemein
Als Kombinationsfußballer getarnte Biedermänner
Pressestimmen zum 0:0 in Alkmaar – Miroslav Klose und Werder Bremen haben ihren Bonus bei den Kritikern verspielt / Ein Ausrutscher Bayer Leverkusens, wie das 0:3 gegen Osasuna, überrascht, aber schockt auch keinen
Christian Eichler (FAZ) erbleicht beim Anblick Kloses und Werder Bremens, zeigt jedoch Verständnis für das neue Primat der Defensive: „Klose geisterte seltsam körperlos über den Platz, versteckte sich hinter defensiver Fleißarbeit; nie ging von ihm so etwas wie Torgefahr aus. Es war wie ein Suchfilm für eine Vermißtenanzeige, Titel ‚Miro im Nirgendwo‘: Gesucht wird der Klose des Jahres 2006. Gesucht wird auch das Werder Bremen des Jahres 2006. Aus der heiteren Tormaschine der Hinrunde ist ein ernster Verhinderungsapparat geworden, und es fällt schwer, auszumachen, ob es sich dabei um einen Reifeprozeß oder eine Notgeburt handelt. Vermutlich um beides. Werder gingen wichtige Spieler aus und den anderen wichtigen Spielern die Spielfreude und Lockerheit. Man steht tief und dicht gestaffelt, spielt nach Ballgewinn den Ball schnell und lang nach vorn, statt wie in jüngeren Saisontagen zu kombinieren. Man macht es dem Gegner schwer und sich selber auch. Es ist Fußball Marke Champions League, in der ängstlichen Version. Aber es ist nicht naiv – sondern die einzige Methode, aus einer Formkrise keine Ergebniskrise werden zu lassen. In dieser Lage kann man keine taktische Rücksicht auf die Reparatur individueller Probleme nehmen.“ Frank Hellmann (FR) ist unerbittlicher: „Wer wird den Nationalstürmer in dieser Verfassung verpflichten? Klose, der sich neuerdings die Haare gelt und tönt, kommt wie eine Karikatur jenes Stürmers daher, der im WM-Sommer die Fußballwelt verzückte. (…) Der Herbstmeister im Frühjahr 2007: Das sind als vermeintliche Kombinationsfußballer getarnte Biedermänner, die bloß deutsche Hausmannskost lieferten. Allein Tim Wiese sorgte dafür, daß den Norddeutschen alle Türen offen stehen.“
Die Highlights
Finstere Abfuhr
Über Leverkusens Niederlage heißt es bei Philipp Selldorf (SZ): „Wie konnte das geschehen, daß der Bundesliga-Fünfte Leverkusen, zuletzt ein deutsches Aufschwungwunder, eine so vernichtende Niederlage gegen den Dreizehnten der Primera Division bezog? Aus dem bösen Resultat auf eine schlappe deutsche und eine überlegene spanische Liga zu schließen, wäre falsch. Leverkusen hatte nicht die schlechtere Elf, wohl aber einen ganz schlechten Abend. Weniger zwangsläufig als spontan wurde die Partie durch geistige Kurzschlüsse entschieden. (…) Diese finstere Abfuhr platzte in ein Stimmungshoch, in dem Bayer nach Jahren schmerzhafter Neuordnung und allmählicher Überwindung der schönen, aber sündhaften Calmund-Ära wieder eine Perspektive entwickelte.“ Daniel Theweleit (FR) destilliert Leverkusens prinzipielle Schwäche: „Das Spiel belebt all jene Klischees neu, die der Klub mit seiner jüngsten Erfolgsserie endlich zu überwinden hoffte. Wenn diese Mannschaft aus irgendwelchen Gründen ihre wunderbare Freude am Fußball nicht findet, dann fehlt ihr die Fähigkeit, das mit Aggressivität, Willen und Kampf zu kompensieren.“
Die Highlights
Donnerstag, 5. April 2007
Champions League
Selten hat es so ungerecht ein so gerechtes Ergebnis gegeben
Die Zeitungen schreiben nach dem 2:2 der Bayern in Mailand eher über die Schwächen beider Teams, nehmen jedoch anerkennend zur Kenntnis, daß die Münchner aus wenig viel gemacht haben: nämlich ein sehr gutes Ergebnis. Kritik gibt es am russischen Schiedsrichter, Lob für den Bayern-Torwart Michael Rensing, aber auch eine Warnung
Peter Heß (FAZ) hat vor allem für die Mängel beider Teams Worte übrig: „Das Hinspiel hat gezeigt, daß die zwei Mannschaften in dieser Saison nicht zur absoluten europäischen Spitze zählen. Milan überzeugte zwar eine Stunde lang, aber der Glanz war nur gepumpt. Die in die Jahre gekommenen Mailänder, die in der Meisterschaft oft den Schongang einlegen, überdrehten den Motor. Daß solch eine Fehleinschätzung der Kräfte einer routinierten Mannschaft unterläuft, zeigt deren angeschlagenes Selbstbewußtsein – quasi das Eingeständnis: In Normalform sind wir nicht gut genug für die Bayern. Auch das war eine Fehlinterpretation.“ Vincenzo Delle Donne (rund-magazin.de) fügt hinzu: „Es war das Duell zweier mittelmäßiger Mannschaften, die beide von sich behaupten, zur europäischen Elite zu gehören. Deutlich offenbarte die Partie, daß beide Traditionsklubs gegenwärtig eine Identitätskrise durchmachen.“
Boris Herrmann (Berliner Zeitung) betont die wiedergewonnene Münchner Fähigkeit, ein gutes Resultat zu erzielen: „Die neue Sachlichkeit ist und bleibt Hitzfelds größtes Verdienst seit seiner Rückkehr. Ein spielerischer Quantensprung läßt weiter auf sich warten. Die Art von Fußball, die der FC Bayern vorführte, ist nicht besonders progressiv, sie ist auch keineswegs schön anzuschauen, aber sie ist immerhin effizient und funktional. Es geht nicht ohne ein wenig Glück, auch Bayern-Dusel genannt, aber es geht auch nicht ohne das Gespür für den Moment, an dem den Gegnern die Luft ausgeht, um dann mit ein, zwei Aktionen und viel Willenskraft das Spiel zu drehen.“
Auch Andres Burkert (SZ) besteht auf der Differenz zwischen Leistung und Ertrag: „Wohl nur eine Laune des Schicksals und die Atemnot der Mailänder Seniorencombo hat den Münchnern ein ‚wunderbares Ergebnis‘ (Karl-Heinz Rummenigge) beschert. Aber die Bayern wären nicht diese in aller Welt berüchtigte Ergebnismannschaft, wenn sie im Moment eines doch irgendwie verblüffenden Teiltriumphes alle Zweifel beiseite schöben und wie selbstverständlich an ihrer eigenen Legende fortschrieben. (…) Man kann die Münchner kritisieren für ihr dramatisches Mittelfeldloch, weil sie dort einfach keinen kreativen Parkettleger besitzen. Man würde sich dann aber nur wiederholen. Deshalb sollte man sie vielleicht loben für ihre Fähigkeit, in diesem Loch den lange Zeit starken Gegner versenkt zu haben – und zwar trotz eines lächerlichen Elfmetergeschenks der russischen Spielleitung.“ Peter von Becker (Tagesspiegel) bringt die Münchner Mischung aus nachteilhaften Schiedsrichterentscheidungen und sportlicher Unterlegenheit auf den Punkt: „Selten hat es so ungerecht ein so gerechtes Ergebnis gegeben.“
Benachteiligungsgewitter
Flurin Clalüna (NZZ) bilanziert die russische Fußballjustiz: „Gilardino war in der zweiten Halbzeit verwarnt worden, weil er trotz vermeintlicher Offsideposition seine Aktion zu Ende führte und den Ball ins Tor schoß. Damit lag der Schiedsrichter falsch, wie er überhaupt mehrmals (Penalty-Entscheidungen) ein ziemlich gerecht verteiltes Benachteiligungsgewitter veranstaltete. Seine Fehlerquote lag zwar hoch, rechtfertigt die Aussage des Bayern-Präsidenten Franz Beckenbauer aber nicht, der von einer ‚absoluten Frechheit‘ sprach und wegen des (ungerechtfertigten) Elfmeters gegen die Bayern absurd-verschwörerisch anfügte: ‚Ich hatte das Gefühl, der Schiedsrichter hat nur auf so eine Situation gelauert.‘ (…) Ohne Phantasie hatten die Münchner zwar gespielt, aber mit Ordnung und Zähigkeit. Bestimmt war die AC Milan 75 Minuten lang das deutlich bessere Team, aber wenn es – wie in der italienischen Presse geschrieben wurde – stimmen soll, daß dies vor allem in der ersten Halbzeit die bisher beste Saisonleistung der Mailänder gewesen war, dann kann sich der ‚Diavolo‘ nicht allzu viel darauf einbilden.“
Defensiver Torwart
Christof Kneer (SZ) lobt Michael Rensing und warnt ihn vor Betriebsblindheit: „Bayerns junger Torwart hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß Oliver Kahn sein Vorbild ist. In der Tat hat Rensing auf großer Bühne ein Spiel vorgeführt, das sehr nach Kahn aussah. Auch das erste Gegentor durch Pirlos Kopfballheber, das ihn etwas unglücklich zwischen Tor- und Fünfmeterlinie erwischte, hätte Kahn auf dieselbe Weise kassieren können; auch Kahn gilt eher als defensiver Torwart, der die Torlinie im Zweifel dem Strafraumgetümmel vorzieht. Rensings Torwartstil orientiert sich sichtbar am großen Kahn, es gibt Ungünstigeres, was man einem jungen Torwart nachsagen kann. Dennoch würden sie sich im Klub manchmal wünschen, daß ihr Talent etwas mehr dem Rensing in sich vertraut. Inzwischen gilt Kahn ja als Vertreter der alten Torwartschule, und so hoffen sie in München, daß sich Rensing im täglichen Miteinander mit seinem Vorbild das moderne Mitspielen nicht wegtrainiert.“
BLZ: Eine Berliner Initiative kämpft für die längst fällige Einführung des direkten Videobeweises im Profifußball
2-2 von van buyten gegen Milan – MyVideo
Das 2:2 durch van Buyten
Der Elfmeter für Mailand und seine Entstehung
Das 1:1 durch van Buyten
Das 1:0 für Mailand durch Pirlo
NZZ: Der ersatzgeschwächte PSV Eindhoven ist derzeit kein Gradmesser für Liverpool
Liverpools Tore (unten)
0:1 durch Gerrard
0:2 durch Riise
0:3 durch Crouch
Mittwoch, 4. April 2007
Champions League
Eine Enttäuschung zu viel für Abramowitsch?
Mutmaßungen über Roman Abramowitsch – Raphael Honigstein (SZ) bringt uns auf den neuesten Stand beim FC Chelsea: „Was die Beziehung zwischen Mourinho und Abramowitsch angeht, ist der Nullpunkt längst unterschritten. Der Portugiese hat nicht verwunden, daß seine Entscheidungsmacht zunehmend von Vertrauten des Eigentümers ausgehöhlt wird – der Russe fühlt sich von seinem 800 Millionen Euro teuren Spielzeug schlecht unterhalten. Der Wunsch, in den Fußball zu investieren, wurde in ihm nach Manchester Uniteds 4:3 über Real Madrid vor vier Jahren erweckt, das war eine Orgie des Angriffsfußballs. Mourinhos Ergebniskick begeistert ihn nicht. Chelsea ist mit diesem Trainer auch nicht zum Inbegriff für Fairplay und Edelmut geworden. Die schlechte Presse fällt auf Abramowitsch zurück. In London wird spekuliert, er könnte die Lust an seinem defizitären Unternehmen bald verlieren. (…) Scheitert Chelsea gegen Valencia, wird das zwar nichts für Mourinho ändern – er geht in jedem Fall –, für Abramowitsch könnte dies jedoch eine Enttäuschung zu viel sein. Geduld ist nicht die Königsdisziplin von Oligarchen. Der Seifenoper Fußball könnte ein großer Hauptdarsteller abhandenkommen. Mit Publikumsprotesten wäre nicht zu rechnen.“
Mutter aller schlechten Launen
Ronald Reng (Stuttgarter Zeitung) staunt über die Verträglichkeit von Streit und Erfolg in Valencia: „Daß Harmonie unter den Mitarbeitern die Basis des Erfolgs ist, mag an Wirtschaftsschulen gelehrt werden. Wer daran glaubt, sollte nie den FC Valencia besuchen. Dieser Verein feiert große Erfolge mit noch größeren Streitereien. In diesem Jahrzehnt wurde Valencia bereits zweimal spanischer Meister, gewann 2004 den Uefa-Cup, erreichte zweimal das Champions-League-Finale und mischt auch diese Saison im Titelkampf der Primera Division mit. Nur der Ärger hört nie auf. Die Massenschlägerei mit den Spielern von Inter Mailand wurde weltweit zum Bild für Valencias paradoxes Innenleben: Eine Elf feierte ihren Erfolg, indem sie einem Mailänder die Nase einschlug. Der Machtkampf zwischen dem Quique Flores und dem Sportdirektor Carboni ist die Mutter aller schlechten Launen in Valenica. So wurde sogar der 1000 Kilometer entfernte Timo Hildebrand unversehens in die Valencianer Seifenoper gezogen. Hildebrand kündigte im Winter an, Stuttgart zu verlassen. Er hatte ein tolles Angebot von Carboni erhalten. Was Hildebrand nicht wußte: daß Carboni Spieler oft gegen den ausgesprochenen Willen von Trainer Quique verpflichtet. Was Hildebrand vielleicht wissen sollte: wie Quique mit diesen Spielern dann umgeht.“
Montag, 2. April 2007
Vermischtes
Ein Kahn sieht immer und nie rot!
Eine Leserzuschrift von Peter Trompeter
Oliver Kahn sieht öfter rot, doch die Rote Karte sieht er nie. Die vielen Ausfälle von Kahn begleiten schon seine ganze Karriere. An kaum einem Spieler läßt sich die oft zitierte „Bayern-Lobby“ besser verdeutlichen. Vor einigen Wochen gab es für den Bayern-Konkurrenten Schalke wegen einer ähnlichen Aktion eine fünfwöchige Strafe für Lincoln.
Zuletzt jetzt also die Aktion gegen Sören Larsen. Das interessante an der Sache ist, daß Schiedsrichter Herbert Fandel nach dem Spiel eingeräumt hat, daß die Rote Karte gegen Kahn zweifellos möglich gewesen sei. Vermutlich haben viele Schiedsrichter oft nicht den Mut, einem „lebenden Denkmal“ wie Kahn eine Rote Karte zu zeigen, haben sie im Hinterkopf vielleicht schon die möglichen Wutausbrüche von Kahn, Hoeneß (sagte einmal über einen Schiedsrichter: „Der wird nie wieder ein Bayern-Spiel pfeifen!“), Rummenigge (für harte Attacken bekannt) und nicht zuletzt Kaiser Franz‘ (möglicherweise via Bild). Glaubt jemand ernsthaft, daß zum Beispiel Tomislav Piplica aus Cottbus für die gleiche Szene weiterspielen dürfte?
Hier ein zugedrücktes Auge, dort ein ausgebliebener Pfiff, dazu ein paar zusätzliche Nachspielminuten, vielleicht bekommt man ja so wieder mal eine Last-Minute-Meisterschaft hin? Nein, Entschuldigung! Jetzt muß es wirklich „Rot“ geben, und zwar für den Autor.
Bundesliga
Nicht bereit für den Abstiegskampf
Pressestimmen zum 27. Spieltag: Kopfprobleme in Dortmund? / Kahn-Bonus, schwaches Schalke / Klose und Bremen nicht mehr wiederzuerkennen / In Stuttgart treffen die Stürmer / Herthas schwache Bilanzen
Peter Penders (FAZ) empfiehlt den Dortmundern, die Augen zu öffnen: „Den Spielern darf man vorwerfen, die Zeichen der Zeit offenbar immer noch nicht erkannt zu haben – aber für die Vereinsführung gilt dies auch. Erst kürzlich hat Geschäftsführer Watzke die sportlichen Schwierigkeiten als Spätfolge der Ära Niebaum/Meier bezeichnet, weil eben zehn, fünfzehn Millionen Euro fehlten, um mit Mannschaften wie dem Nachbarn Schalke mithalten zu können. Wer in der Situation, in der die Borussia steckt, erklärt, warum er nicht mit dem Tabellenführer mithalten kann, ist tatsächlich nicht bereit für den Abstiegskampf, hält sich immer noch für etwas Besseres und kann eine Tabelle nicht lesen. Dortmund hat nichts zu beklagen, außer der eigenen Unfähigkeit, mit dem Geschenk des höchsten Zuschauerschnitts der Liga vernünftig umzugehen.“
Freddie Röckenhaus (SZ) bemitleidet den mittellosen Dortmunder Trainer: „Thomas Doll kann nichts dafür – im Gegensatz zu seinem Vorvorgänger van Marwijk, der die Mannschaft in einem bemitleidenswerten athletischen Zustand hinterlassen haben soll, und dessen Wunschspieler Nelson Valdez (22 Spiele, kein Tor) und Steven Pienaar als gescheiterter Spielgestalter zu den größten Problemfällen zählen. Das versammelte Mittelfeld gilt als das langsamste der Liga, der Angriff hat keine Durchschlagskraft und vor allem keine Torgefährlichkeit. Aber: Wer hat den Kader erfunden, der nach den Transferwerten der BVB-Spieler immer noch bei 77 Millionen Euro taxiert – auf Platz fünf der Liga? Mit der Suspendierung von Kringe und Ricken hat Doll auf ein allzu offensichtliches Mittel zurückgegriffen.“
Rüpel
In der deutschen Presse fällt der Groschen – Stichwort Oliver-Kahn-Bonus. Roland Zorn (FAZ) kritisiert dessen Ringeinlage gegen den Schalker Larsen und den fehlenden Mut des Schiedsrichters Fandel, Kahn Rot zu zeigen: „Zum Glück des Keepers war er im heimischen Stadion ausgerastet; dazu stand ihm in Herbert Fandel ein ‚Papa Gnädig‘ bei, der es bei einer Gelben Karte für Kahn beließ, der zweifellos im roten Bereich der Fußball-Sündenpalette angekommen war. Kahn aber wurden wie schon so oft in den wüsten Momenten seiner insgesamt glanzvollen Karriere wieder einmal mildernde Umstände zuteil. So verständnisvolle Schiedsrichter hätten auch andere Profis der Bundesliga gern in den kritischen Augenblicken, da die Contenance und der Benimm verlorenzugehen drohen.“
Mathias Schneider (Stuttgarter Zeitung) spricht Kahn Kardinaltugenden ab: „Noch schwerer als die fehlende Rote Karte wiegt, daß der Welttorhüter Oliver Kahn, der noch während der WM für seine Loyalität und Gelassenheit gerühmt wurde, nicht zum Vorbild taugt – aller nachdenklicher Interviews zum Trotz. Dabei spielt dieser Kahn längst nicht mehr allein um Titel, er ist eine Person der Zeitgeschichte, zu der die Jugend aufschaut, an der sich der Nachwuchs orientiert – orientieren will. Am Samstag ist er dieser Verantwortung nicht nachgekommen. Wieder einmal. Oliver Kahn bleibt bis auf weiteres nur ein starker Torwart. Ein großer Torwart ist er auch mit 37 Jahren noch nicht. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, um dieses Bild zu revidieren.“
Andreas Burkert (SZ) ergänzt: „Daß jemand im hohen Sportleralter, der im WM-Sommer Frieden geschlossen zu haben schien mit der Welt und seinem Ego, sich bisweilen ‚nicht im Griff hat‘, wie sonntags auch Ottmar Hitzfeld einräumte, wird den Münchnern kaum gefallen. Kürzlich die Entgleisung samt Urinbecherwurf bei einer Dopingkontrolle nun die vom sonst nervtötend kleinlichen Spielleiter Fandel beschönigte Tätlichkeit – die Rüpelei bleibt partout im Repertoire des einstigen Welttorhüters, der vor einiger Zeit auf gutes Liganiveau zurückgefallen ist.“ Heinz-Wilhelm Bertram (Financial Times Deutschland) rät Kahns Arbeitgeber, das Arbeitsverhältnis zu überdenken: „Uli Hoeneß dürfte Kahns Ausraster als abermaliges Zeugnis seiner Unfähigkeit für einen zukünftigen Posten im Management des FC Bayern gewertet haben. Fürchtet Kahn, daß er ohne Ball und kurze Hosen ins Nichts fällt – und will er deshalb noch bis 2008 spielen? Hoeneß kann nicht verborgen geblieben sein, welch vorzüglichen, modern mitspielenden Torhüter der FC Schalke in Manuel Neuer (21) zwischen den Pfosten hatte. Oliver Kahn, der im Juni 17 Jahre älter sein wird als Neuer, ist die Inkarnation des viel zu unentschlossenen Umbaus des FC Bayern München.“
Gleichzeitig verweist Bertram auf die sportliche Überlegenheit der Bayern im Spitzenspiel: „Die Mannschaft von Hitzfeld hat ein Zeichen gesetzt. Sie hat dem FC Schalke vermittelt, wie die Methodik einer Meisterschaft auszuschauen hat. Sie umfaßt Verbissenheit und Zähigkeit, auch mal linkisches Hinlangen und die Hinnahme von Schmerz. Mit fletschenden Zähnen und aufgestellten Nackenhaaren haben sich die Münchner die naiv daherwatschelnde Schalker Stopfgans gepackt, die von einem reichen russischen Mütterchen gemästet wird.“ Thomas Becker (taz) fügt an: „Zu keinem Zeitpunkt des Spiels sah es aus, als hätte Schalke neun Punkte Vorsprung auf Bayern – eher umgekehrt. Ähnlich wie gegen Bremen dominierten die Münchner von Beginn an und versäumten es, Treffer nachzulegen.“
Stockend
Ronny Blaschke (FR) nimmt den Teil Miroslav Klose für das ganze Werder Bremen: „Klose ist derzeit mehr als ein Stürmer im Leistungstief. Er ist die Symbolfigur einer Mannschaft, die in der Hinrunde wie eine kraftvolle Lokomotive über ihre Gegner hinwegdonnerte, und die nun immer wieder ins Stocken gerät. Das Spiel in Cottbus kann als Beispiel für die Formschwankungen dienen. Die Bremer dominierten nach Belieben, sie gingen mit dem Ball über neunzig Minuten Gassi, spätestens aber an der Strafraumgrenze entwischte er ihnen.“
Getroffen
Bernd Dörries (SZ) schreibt die Stuttgarter nach dem 3:1 gegen Aachen noch nicht ab: „Die Leistung der Mannschaft war nicht so, daß man den VfB Stuttgart zwingend mit der Meisterschaft in Verbindung bringen müßte. Aber das läßt sich in dieser Saison wohl von keiner Mannschaft sagen. Und am Samstag zählten ohnehin ganz andere Dinge. Unter der Woche hatte es eine kleine Diskussion über den Sturm gegeben, es wurde gerätselt, wer nach dem Ausfall von Mario Gomez nun die Tore schießen sollte und über Verstärkungen für die nächste Saison nachgedacht. Am Samstag trafen nun alle drei Stürmer.“
Die rätselhafteste Elf der Liga
Jens Weinreich (Berliner Zeitung) errechnet bei Hertha, 1:2-Verlierer in Nürnberg, eine Kluft zwischen Investment und Ertrag: „Kein anderer Verein der Bundesliga erhielt in den vergangenen Jahren so viele offene und verdeckte Alimente von der öffentlichen Hand wie Hertha BSC. Wie bei fast allen Subventionsbetrieben läßt sich auch im Falle Hertha sagen, daß die Bilanzen bescheiden bleiben. Wirtschaftlich sowieso – zunehmend auch sportlich.“ Christof Kneer (SZ) tut zunächst so, als würde er aus Hertha nicht schlau werden, hat dann aber doch eine Antwort auf die Frage nach ihrer Schwäche: „Hertha ist die rätselhafteste Elf der Liga, in Nürnberg hat sich das Rätsel mal wieder in voller Schönheit entfaltet. Es ist ja nur schwer zu begreifen, wie es einer Elf Spaß machen kann, aus ihren Qualitäten so ein Geheimnis zu machen. So ein Tor wie das von Gimenez können nicht viele Teams, erst recht nicht gegen Nürnberg, die beste Abwehr der Liga. Wer Spielzüge wie diese in einem Video bündelt, der bekommt eine große Elf zu sehen. Allerdings müßte man sichergehen, daß alle anderen Szenen rausgeschnitten und aus allen Archiven getilgt werden. (…) Das Spiel läßt sich als kleines Saison-Trendspiel begreifen. Diese Saison meint es gut mit Mannschaften, die wirklich Mannschaften sind – und nicht Ansammlungen von Einzelsportlern wie Hertha BSC.“
Samstag, 31. März 2007
Bundesliga
Schalker Mauser
Richard Leipold (Tagesspiegel) bescheinigt den Schalkern und Mirko Slomka einen Mentalitätswechsel: „Dieser Klub hat die Münchner dann und wann geärgert, einmal sogar bis zur fünften Minute der Nachspielzeit in der 34. Runde; manchmal haben die Schalker sogar beide Spiele gegen Bayern gewonnen, aber tief im Innern haben gerade die Königsblauen sich immer als Außenseiter gefühlt, der zu den Münchnern aufschaut und sie als legitimen Meister und Marktführer anerkennt. Zu Zeiten des machohaften Managers Rudi Assauer haben sie immer viele Gründe aufgezählt, die für den FC Bayern sprachen. Am Ende pflegten die Prophezeiungen sich zu erfüllen: Die Bajuwaren setzten ihr Gewohnheitsrecht durch, und die Schalker verdrückten manche Träne; vor sechs Jahren verloren sie bitterlich weinend den Glauben an den Fußballgott, doch die Welt war auf eigentümliche Weise in Ordnung – letztlich auch aus Sicht des Unterlegenen. Slomka aber geht her und geriert sich als Favorit, der gute Chancen sieht, ‚den Titel zu holen‘. Das ist kein Pfeifen im Walde, sondern beruht auf einer schlichten Analyse der Verhältnisse.“
Auch Michael Wulzinger (Spiegel) schildert die Schalker Mauser: „In Gelsenkirchen ist derzeit eines der spannendsten Experimente der Bundesliga zu beobachten. Es geht vor allem um die Frage, wie viel Veränderung möglich ist in einem Verein, der wie kein Zweiter in Deutschland überwältigt ist von seiner eigenen Historie. Die Zäsur im vergangenen Jahr war ein Generationenwechsel in seiner gewagtesten Form. Sowohl Manager Müller als auch Trainer Slomka hatten niemals zuvor auf vergleichbarem Niveau gearbeitet. Sie waren Assistenten gewesen, ehe sie ihre Chefs ersetzten. (…) Hartnäckig hält sich im deutschen Fußball das Klischee, wonach ein guter Trainer zuvor zwingend ein guter Profikicker gewesen sein muß.“
SZ: Schalkes Kapitän Marcelo Bordon ist nicht nur sportlich die unbestrittene Autorität des Tabellenführers
BLZ: Der FC Bayern und Schalke 04 treffen sich zu einem Spitzenspiel, das keines ist
SZ: Baustelle FC Bayern
Tagesspiegel: Samstagabend, Viertel nach zehn in England: „Match of the Day“. Eine Sportsendung, wie sie sein soll
Freitag, 30. März 2007
Deutsche Elf
Reserveperspektivteam (1)
Die Presse hält sich nicht lange mit Deutungen über den sportlichen Wert der 0:1-Niederlage der deutschen Elf gegen Dänemark auf, vielmehr debattiert sie Joachim Löws Entscheidung, die Zweite Mannschaft spielen zu lassen und den Ärger der Fans darüber
Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) hat Verständnis für die Fans und beanstandet Löws Aufstellung: „Löw hat unterschätzt, daß auch vermeintlich bedeutungslose Testländerspiele in Deutschland eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung sind, daß sich der Fußballfan trotz aller derzeitigen Euphorie nicht mit einer Truppe fast namenloser Spieler abspeisen läßt, in der die Stars fehlen. Löw hat den nachvollziehbaren Ärger des Gegners unterschätzt, der sich als Sparringspartner mißbraucht fühlte. Und er hat seine jungen Spieler überschätzt.“ Auch Jan Christian Müller (FR) befaßt sich mit Löws Irritation über die Pfiffe der Zuschauer: „Löw glaubte, sich so viel Respekt erarbeitet zu haben, daß die deutsche Öffentlichkeit ihm auch ein Experiment verzeihen würde. Das war ein Irrtum. So großzügig sind Fußballfans vor allem dann nicht, wenn sie nur deshalb eine Menge Geld ausgegeben haben, weil sie die von Michael Ballack angeführten WM-Stars einmal aus aller Nähe begutachten wollten, nicht deren potentielle Nachfolger für das Jahr 2010.“
Philipp Selldorf (SZ) gibt zweierlei zu bedenken: „Die Enttäuschung des Publikums läßt sich verstehen: Seit 74 Jahren hatte es kein Länderspiel in Duisburg gegeben, und dann liefen statt Ballack, Frings und Klose lauter Nachwuchskräfte auf. Bestimmt waren die Pfiffe der Fans im Stadion nicht gegen die jungen Fußballer auf dem Rasen gerichtet, aber wie sollten sie sonst ihre Mißstimmung ausdrücken? Betrachtet man die Sache aber von der praktischen Seite, wird Löws Entscheidung plausibel. Auch mit der ersten Besetzung wäre das widersinnig angesetzte Spiel vermutlich kein Fußballfest geworden. Zwei Teams mit Motivationsproblemen hätten sich gegenübergestanden.“
Auch Michael Horeni (FAZ) bezweifelt das Geschick der Extremität der Maßnahme Löws, schätzt aber dessen Standhaftigkeit: „Den jungen Spielern und Debütanten hätte es bei den internationalen Integrationsbemühungen gut getan, die eine oder andere anerkannte Leitfigur an ihrer Seite zu wissen. So suchten sie oftmals nur jeder für sich nach Orientierung, oft allerdings vergeblich. Halt haben sie dafür nach dem Schlußpfiff beim Bundestrainer gefunden. Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung für ein Projekt, das auf Nachhaltigkeit setzt – und dessen Leiter sich auch durch ein paar Pfiffe und Zwischenrufe nicht von seinem Konzept abbringen läßt.“ Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nimmt Löw in Schutz: „Für eine dauerhaft gute Nationalmannschaft braucht Löw dauerhaft gute Spieler – Spieler, die nicht jetzt schon gut sein müssen, sondern in ein paar Jahren. Wenn man heute noch über den Confed-Cup 1999 redet, dann nur, um sich darüber lustig zu machen, dass Spieler der Kategorie Ronald Maul und Heiko Gerber in der Nationalmannschaft debütieren durften. Man vergißt leicht, daß dieser Kategorie damals auch ein gewisser Bernd Schneider angehörte.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) empfiehlt allen Kritikern spöttisch, sich an radikale Methoden zu gewöhnen: „So wie Klinsmann nie begreifen wird, warum sein Fehlen bei der Trainertagung vor der WM Anstoß erregte, so wenig begriff Löw, daß die Unmutsäußerungen gar nicht der Mannschaft galten, sondern ihm und seiner Entscheidung, die WM-Helden heimzuschicken und ein gemischtes Reserveperspektivteam aufzubieten. Für ihn war die Partie praktizierte Nachwuchsarbeit. Die funktioniert in Deutschland seit der Machtübernahme von Klinsmann und Löw anders als beim Rest der Welt: Dort reifen junge Talente in den Nachwuchsteams und in ihren Klubs, und wenn sie gut genug sind, werden sie ins A-Team berufen. In Deutschland werden sie ins A-Team berufen, damit sie irgendwann gut genug sind.“
Ein sehr lesenswertes Interview mit Joachim Löw (nicht über das Spiel, sondern) über seine detaillierte Arbeit (FAZ)
Ein Löw-Portrait in der Zeit
Donnerstag, 29. März 2007
Ascheplatz
Goldgräberstimmung
Lizenzvergehen in Österreichs Erster Liga – Michael Smejkal (SZ) kommentiert die drastischen Punktabzüge für die beiden Grazer Klubs Sturm und AK: „15 Monate vor Beginn der Heim-EM, die dem kränkelnden Fußball in Österreich etwas Erholung verschaffen soll, blicken die Fans entsetzt in einen tiefen Abgrund aus Gier, schwarzen Kassen, getürkten Bilanzen und scheinbar völliger Rechtsfreiheit in der heimischen Liga. Die Handlungsstränge sind fast immer gleich: Die Hoffnung auf die Qualifikation für die Champions League und das damit verbundene Geld haben bei den Klubverantwortlichen den Sinn für Zahlen und Realität völlig schwinden lassen und eine Art Goldgräberstimmung aufkommen lassen. Ging der Anlauf schief, war das Desaster unausweichlich. Alle österreichischen Meister der vergangenen Jahre gerieten in Schieflage. (…) Dank 16 Punkten Vorsprung in der Meisterschaft sind die Profis von Red Bull ja schon so gut wie Meister. So erlebt Österreich eine Meisterschaft ohne Bedeutung: Den Titel finanziert Mateschitz für Salzburg, um die Abstiegsfrage kümmern sich die Juristen.“
Werner Pietsch (NZZ) bejaht die Strafen in der Hoffnung auf Besserung: „Während Sturm, retrospektiv betrachtet, ein günstiges Zeitfenster für die Sanierung auf Kosten der Gläubiger öffnete, war die Lizenzbehörde spätestens angesichts des dreisten Nachahmungsversuchs des GAK unter Handlungsdruck. Mit der konsequenten Entscheidung bewies die Bundesliga Mut, da beide Klubs über die Bundesliga-Einspruchsfrist von zehn Tagen hinaus alle möglichen Rechtsmittel ergreifen wollen, um das die Existenz bedrohende Urteil abzuwenden oder zumindest wesentlich zu mildern. Obschon die Bundesliga mit dem Urteil wesentlich in den Verlauf des gegenwärtigen Championats eingreift, kann der richtungsweisende Entscheid mittelfristig für den österreichischen Fußball nur positive Auswirkungen haben. Die Rückbesinnung auf nachhaltiges Wirtschaften und realistische finanzielle Rahmenbedingungen hat schon bei einigen Vereinen zur Konzentration auf die Ausbildung eigener Nachwuchskräfte geführt.“
SZ: Brasiliens Nationaltrainer Dunga übergibt Ronaldinhos Nummer 10 an Kaka; er verärgert damit weniger den Superstar als vielmehr den Sponsor Nike
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