Dienstag, 26. September 2006
Champions League
Flickwerk
Dirk Schümer (FAZ) befaßt sich mit dem Verdacht, Inter Mailand sei am Abhörskandal beteiligt gewesen: „Der inzwischen abgetretene Telecom-Chef Marco Tronchetti Provera gehörte ebenso zum Inter-Vorstand wie der Interims-Präsident des Fußballverbandes, Giudo Rossi. War also der Umsturz der Seilschaften in Italiens Profifußball nichts anderes als eine Intrige der Telecom im Zusammenspiel mit und zum Nutzen von Inter Mailand? Die Frage, wie weit der bevorteilte Klub selbst den Umsturz im Calcio inszenieren konnte, bewegt die Tifosi längst mehr als die Champions League.“ Birgit Schönau (SZ) fügt an: „Ganz in der Tradition, sich selbst im Weg zu stehen, sieht sich Inter am Vorabend der Partie gegen Bayern München in eine abstruse Spionage-Affäre verwickelt.“ Das sportliche Urteil Schümers ist zwiespältig: „Trotz der Gerüchte ist Inters Starensemble für Bayern München jederzeit ein harter Brocken“, doch „der Gegner klingt gewichtiger, als er in Wahrheit ist.“
Peter Hartmann (Player) stellt Inter als Flickwerk vor: „Diese Gladiatorentruppe ist eine Summe von Emotionen und Kurzschlüssen, von aus Neid geborenen Entscheidungen und Zufällen, von undurchsichtigen Geschäften und von Liebe-auf-den-ersten-Blick-Begehrlichkeiten ihres Besitzers Massimo Moratti, von sich überlagernden und zuwiderlaufenden Strategien seiner Berater und Günstlinge und, unter dem Strich, das Ergebnis von unanständig viel Geld.“ Inters Transferpolitik sei „eine unglaubliche Galerie von Irrtümern“: Clarence Seedorf, Andrea Pirlo, Roberto Carlos, Fabio Cannavaro sind abgeschoben worden – stattdessen verschenkte Moratti sein Herz an den „dicklichen“ Alvaro Recoba und den „Sturmbullen“ Christian Vieri. „Kein Wunder“, schreibt Hartmann „daß Inter die idiotischsten und frustriertesten Ultras der Liga zu ertragen hat. Pazza Inter ist vor allem ein Sammelbecken für chronische Erfolglosigkeit auf höchstem Niveau.“ Aus der NZZ erfahren wir, daß Moratti einen Image-Wechsel seines Klubs plane: Der Fotograf Oliviero Toscani, berühmt geworden durch seine Benetton-Kampagnen, sei beauftragt zum Anlaß der Einhundertjahrfeier 2008 worden, eine Fotoserie zu schießen.
Er weiß, worauf es ankommt
Elisabeth Schlammerl (FAZ) anerkennt den Einstand Mark van Bommels auf und neben dem Münchner Platz: „Der Holländer ist erst seit vier Wochen in München, aber auf dem besten Weg, sehr schnell das zu werden, was sich die Bayern-Chefs von ihm erwartet haben, als sie ihn vom FC Barcelona geholt haben: eine Führungspersönlichkeit. van Bommel erschafft sich mit seinen Auftritten auf dem Platz Respekt. Er hat zwar noch Schwierigkeiten, schnell ins Spiel zu finden, und manchmal fehlt ihm auch die Bindung. Doch die Bayern haben ihn nicht nur geholt, weil er den feinen Paß spielen kann, sondern weil er auch ein Mann fürs Grobe ist, der seinen harten Widerstand zielstrebig einsetzt – mit respekteinflößender Wirkung auf den Gegner.“ Den Vergleich mit Ballack scheine van Bommel zumindest in seiner Führungsaufgabe standzuhalten: „Ballack hatte sich jedenfalls in seiner Anfangsphase in München nicht getraut, derart klare Worte zu sprechen, wie dies jetzt sein Nachfolger macht, er hatte stets hervorgehoben, gar nicht der Chef sein zu wollen. Van Bommel hat keine Scheu, die Rolle des Anführers anzunehmen. Er weiß, worauf es ankommt – nicht nur auf dem Platz.“
BLZ: Der FC Bayern rätselt, wie gut seine Mannschaft ist und wer sie führen soll – nur Trainer Magath zeigt sich zufrieden
Tsp: Lucio zeigt Einsicht und will jetzt mehr verteidigen
NZZ-Bericht Benfica–ManU (0:1)
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Ball und Buchstabe
Heiliger al-Qaida-Kämpfer
Zwei Feuilleton-Artikel befassen sich nochmals mit der Legende Zinedine Zidane, seiner Unantastbarkeit in Frankreich und seiner Stilisierung als Rächer der Muslime in Saudi-Arabien
Einen sehr bemerkenswerten Text finden wir im Feuilleton der FAZ, Jürg Altwegg hat französische Magazine gelesen. Aus seiner Analyse geht hervor, daß es Kritik daran gebe, wie die tagesaktuellen Medien über den Kopfstoß Zidanes im WM-Finale geurteilt haben: Sie hätten ihn nämlich protegiert. So erfahren wir, daß der Chef von Danone Franck Riboud, ein Freund Zidanes, die Berichterstattung der L‘ Équipe gesteuert habe. Nachdem die Sportzeitung am Tag nach dem Finale einen kritischen Artikel über Zidane verfaßt hat, hat sie sich einen Tag später bei Zidane entschuldigt; dazwischen soll sie einen Anruf von Riboud, des generösen Anzeigekunden von L‘ Équipe, erhalten haben. In der Spalte neben dem publizistischen Kniefall habe Danone eine Anzeige plaziert, auf der Zidane vor einem Kind auf die Knie geht. Altwegg schreibt befremdet: „Noch in der gleichen Woche gewährt er das Fernsehinterview, in dem er sich bei den Jugendlichen entschuldigt – diese aber den Eindruck bekommen müssen, ihr Idol würde es nochmals genau gleich machen. Er gratuliert den Siegern mit keinem Wort.“
Die investigativen Magazine wie „Le Point“ und „So foot“ bemängeln nun die Unantastbarkeit Zidanes in Frankreich, etwa die „seltsame Verharmlosung und Verklärung des Kopfstoßes“ (Altwegg). Dabei erinnern sie an das Schweigen der französischen Medien über das Zidane-Verhör im Doping-Prozeß gegen Juventus Turin. „Für Frankreich war Zidanes Verstrickung ein Tabu – kein Thema“, resümiert Altwegg. Nicht nur die moralische Integrität, sondern auch die sportliche Einzigartigkeit Zidanes würden nun in Frage gestellt: „Hat er jemals ganz allein ein Spiel gewonnen, wie man es den großen Spielern nachsagt?“, zitiert Altwegg das skeptische „So foot“. Außerdem seien die Franzosen gerade dabei, ein neues Feindbild zu zeichnen: „Noch immer schwelgen die Franzosen in der Erinnerung an Toni Schumachers Foul gegen Battiston vor einem Vierteljahrhundert und machen in ihm eine Wiederkehr Hitlers aus. Jetzt ist Materazzi der neue Bösewicht – und Zidane sein Opfer.“
Gegenschlag der Muslime gegen die Ungläubigen
Ende Juli hat der irakische Schriftsteller Najem Wali im Feuilleton der SZ berichtet, daß das Menschenrechtszentrum Saudi-Arabiens, „eine al-Qaida zumindest ideologisch nahestehende Organisation“, eine Merchandising-Kampagne gestartet habe, indem es ein T-Shirt per Internet verkaufe, auf dem der kopfstoßende Zidane als heiliger al-Qaida-Kämpfer stilisiert werde. Wali hält fest: „al-Qaida hat den ‚Berber‘ Zidane als Symbol für die Einheit der Muslime in der arabischen Welt entdeckt.“ Dieser Aktion nimmt Wali die Überzeugungskraft, indem er die Reaktionen der Araber auf das WM-Finale unter die Lupe nimmt: „Die Araber hatten wochenlang in dem Glauben an eine Wiederholung von 1998 gelebt und freuten sich darauf, anschließend sagen zu können: Wir haben gewonnen! Statt dessen kam die 109. Minute. Die Rote Karte zerstörte ihre letzten Träume. Angesichts politischer Enttäuschungen haben die Araber immer eine Ausrede parat: die Zauberformel von der Verschwörungstheorie. Aber in diesem Fall? Die Bilder vom Verstoß gegen die sportliche Fairness‘ sind allzu deutlich, alle sahen sie ja live am Bildschirm. Was bleibt also anderes als zu sagen: Zidane hat sich selbst gefoult. Er hat gegenüber seinem Land gefehlt.“ Der Kopfstoß Zidanes sei also fix zum „Gegenschlag der Muslime gegen die Ungläubigen dieser Welt“ umgedeutet worden.
In welchen Kontext Zidanes Vergehen und die Enttäuschung, die daraus zunächst resultierte, zu bewerten sei, macht Wali mit drei Vergleichen aus der Politik deutlich: „Nachdem ihre politischen Idole sie bereits im Stich gelassen hatten – Arafat starb eines natürlichen Todes, Saddam Hussein wurde in einem Rattenloch gefunden, – mußten sie nun erleben, wie sie auch ihr Sportidol im Stich ließ, und dies nur wenige Tage nach dem Tod eines anderen Idols‘, Az-Zarqawis, der sie ebenfalls enttäuschte, als er ausgerechnet in Hibhib umkam, das im Irak für die Produktion billigen Fusels berühmt ist. Nun ließ die Araber auch noch das eine Idol, auf das sie sich alle einigen konnten, ohne nach seiner ethnischen Herkunft zu fragen, im entscheidenden Augenblick im Stich.“
Materazzi enthüllt den Dialog des 9. Juli
Tsp: Das Internet-Fernsehen entdeckt die Champions League und die Bundesliga
Bundesliga
Fußball ist Nürnberg
Die Sonntagsspiele in Cottbus und Bochum
Wiederauferstehung
Die Halbzeitpause und die Halbzeitandacht ihres Trainers Koller, die sehr bedächtig und dafür umso überzeugender gewesen sein soll, haben eine Bochumer „Metamorphose“ (FAZ) verursacht: In der zweiten Halbzeit haben sie ihre Krücken weggeworfen, und Flügel sind ihnen gewachsen; bei den Bielefeldern muß es wohl umgekehrt gewesen sein. Christoph Biermann (SZ) bezeugt dieses Wunder: „Das Moment der Wiederauferstehung könnte den Sieg besonders wertvoll machen; sollte der Rekordwiederaufsteiger am Ende die Klasse halten, wird diese Partie zweifellos als Schlüsselerlebnis gelten.“ Auch für die Verlierer könne dieses Ereignis zu einer Wegmarke werden: „Bochums Sieg beruhte auf Bielefelder Gnade“, schreibt Biermann, „sie ließen den Gastgebern ungewollte Aufbauhilfe Ostwestfalen zukommen. Und wenn es ganz schlecht laufen sollte, könnte man sich bei der Arminia an das Spiel in Bochum einmal als eines von besonderer Bedeutung erinnern.“ Richard Leipold (FAZ) führt den Mißerfolg auf Hochnäsigkeit zurück: „Die Ostwestfalen verloren ein Spiel, das sie in Gedanken schon gewonnen hatten. Eine Woche nach dem Coup gegen Bayern München sind sie nun wieder das, was der VfL trotz des Sieges geblieben ist: ein Abstiegskandidat. Anders als die Bochumer scheinen sie sich aber noch nicht so zu fühlen. Wer die Arminen in der zweiten Halbzeit hat kicken sehen, mußte sich fragen, ob sie sich selbst überschätzt oder ob sie den Gegner unterschätzt haben. Vermutlich kam beides zusammen.“
Kunstvolle Fertigkeit hat auch im Berufsfußball Platz
Javier Cáceres (SZ) wirft den Nürnbergern beim 1:1 in Cottbus tausend Kußhände zu: „Wenn Fußball Organisation ist und Talent, die Paarung von Individualität und Zusammenspiel, von Intuition und Exekution vorexerzierter Spielfiguren, die Vermengung kleiner Details und großer Gesten, ein so nahtloses Ineinandergreifen von Mannschaftsteilen, daß sie miteinander so verschlungen zu sein scheinen wie Beine von Tangotänzern – wenn all dies also Fußball ist: Dann ist Fußball Nürnberg. Rund 70 Minuten lieferten die Nürnberger ein Plädoyer, daß kunstvolle Fertigkeit auch im Berufsfußball Platz hat.“ Matthias Wolf (BLZ) registriert die Cottbuser Scham über den hohen Lohn: „Es war nur ein kurzer Rausch des Glücks, die Erleichterung, noch ein 1:1 geschafft zu haben – dann hielt die Selbstkritik Einzug in Cottbus. Zum ersten Mal schien es den Lausitzern selbst ein wenig peinlich zu sein, wie sie den Punkt erkämpft hatten.“
FAS-Interview mit Michael Roth, dem Präsidenten Nürnbergs, über die vielen Trainer und Trainerentlassungen während seiner Amtszeit: „In manchen Fällen hätten wir besser recherchieren sollen“
stern.de: Das spielerische Niveau der Bundesliga nähert sich (mal wieder) der Nullinie (Kommentar)
Montag, 25. September 2006
Bundesliga
Fortsetzung: Realitätsschock
An Profil haben Müller und Slomka seit Assauers Entlassung nicht gewonnen
„Rührstück“ ist die Vokabel, auf die sich alle Journalisten heute geeinigt haben, das 2:0 Schalkes gegen Wolfsburg zu beschreiben. Daß nun, nachdem der denunzierte und zunächst suspendierte Gerald Asamoah durch eine Torvorlage zum Sieg beigetragen hat, alles wieder in Butter sei – daran glaubt kaum jemand in der Presse. Richard Leipold (FAZ) frotzelt: „Auch wenn ein Nachgeschmack bleibt: Der Vorstand des FC Schalke darf Asamoah, Altintop, Slomka und den anderen Komödianten ruhig ein wenig dankbar sein. Ihr Lustspiel hat Schulden und Staatsanwälte aus den Schlagzeilen verdrängt, eine ganze Woche lang. Das hatten die Führungskräfte sich doch so lange gewünscht.“
In der Samstag-Ausgabe, also vor dem Spiel, hat Leipold die Menschenführung in Schalke kritisiert: „Formal ist die Affäre Asamoah beendet, aber sie hat Zweifel an der Führungsstärke der sportlichen Leitung geweckt: Besitzen Slomka und der ihn (unter-)stützende Manager Andreas Müller genug Autorität, um aus einer Fülle von Egomanen ein erfolgreiches Kollektiv zu formen? In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, daß die Führungskräfte Müller und Slomka mehr Schaden genommen haben als der vermeintliche Übeltäter. Von den Einflüssen des entlassenen Rudi Assauer sind sie befreit – an Profil haben sie seitdem nicht gewonnen.“ Auf einen angeblichen Irrtum macht Leipold (nicht nur die Schalke-Führung) aufmerksam: „Slomka und Müller versuchen so viel wie möglich von den Methoden Jürgen Klinsmanns in den Alltag zu übernehmen. Das System Klinsmann funktionierte acht Wochen (nicht eine ganze Saison) lang vor allem deshalb, weil die Spieler zur Philosophie gepaßt haben und mit Erfolgen sowie einer vorbildlichen Einstellung in Vorleistung getreten sind. Das können die Schalker Profis bisher nicht von sich behaupten.“
Zur Jagd freigegeben
Christian Kamp (FAZ) berichtet das 1:1 zwischen Hannover und Leverkusen: „Ein weiteres Mal begnügte sich Leverkusen mit der bloßen Andeutung ihrer Möglichkeiten. Während die Bayer-Spieler sich im Gefühl der sicheren Überlegenheit allzuoft im Achselzucken, Hadern und Kopfschütteln übten, kämpfte sich 96 zurück ins Spiel.“
Bernd Dörries (SZ) wundert sich, wie Frankfurt es geschafft hat, in Stuttgart ein Tor und ein Remis zu erzielen: „Es schien so, als sei die Mannschaft von der Ansetzung des Spiels überrascht und bei anderen wichtigen Tätigkeiten unterbrochen worden. Weil das Ergebnis dennoch stimmte, gab es allerdings wenig Anlaß zur Selbstkritik.“ Oliver Trust (FAZ) stört sich an den Bedenken gegen Trainer Armin Veh und Sportdirektor Horst Heldt in Stuttgart, indem er auf die sportlichen Fortschritte hinweist: „Einem Spektakel glich der Auftritt der Schwaben nicht, eher lieferte man solide Fußballkost. Obwohl sich auf dem Rasen Stück für Stück Verbesserungen einstellen, die einer deutlichen Steigerung gegenüber der vergangenen Spielzeit gleichkommen, geht manchem die Aufbauarbeit mit einer runderneuerten Mannschaft offenbar nicht schnell genug. Die Zweifel, so ist zu hören, kommen auch aus der Vereinsspitze, die Veh und Heldt die ‚Aufgabe‘ nicht vorbehaltlos zutraut. D ort gilt vor allem der Aufsichtsratschef Dieter Hundt als ausgewiesener Gegner von Veh und Heldt, obwohl der Arbeitgeberpräsident einst mit die entscheidende Triebfeder des mit Giovanni Trapattoni gescheiterten Projekts eines großen Namens auf der Bank des VfB war.“
Gewieft richtet Selldorf allen Trainern seine Herbstbotschaft aus: „Mit der Gewißheit, einer bedrohten Art anzugehören, lebt natürlich jeder Cheftrainer in der Liga, aber derzeit ist die Lage noch prekärer, weil es Herbst wird und dann nicht nur Damwild, Rebhuhn und Krickente zur Jagd freigegeben sind, sondern besonders akut auch die Cheftrainer (obgleich selbige ganzjährig bejagt werden dürfen). Erschwerend kommt hinzu, daß Christoph Daum sein Asyl in der Türkei aufgegeben und ein imaginäres Mandat als 19. Bundesligatrainer angenommen hat.“
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Bundesliga
Realitätsschock
Enttäuschung über einen Spieltag ohne Höhepunkte / Bayern sucht nach wie vor Ordnung und Hierarchie / Zufriedenheit in Bremen und Hamburg nach dem 1:1 / Schalker Rührstück / Mißtrauen in Stuttgart gegen Armin Veh
Gerd Schneider (FAZ) gibt am 5. Spieltag den Wunsch endgültig auf, die Bundesliga würde sich von der WM inspirieren lassen: „Der Abpfiff der zauberhaften Weltmeisterschaft ist noch nicht einmal drei Monate her. Aber gefühlt könnte es schon ein Jahr her sein oder länger. Erst recht nach einem tristen, niveauarmen und unspektakulären Spieltag wie diesem. War es blauäugig zu hoffen, es ließe sich in den Ligabetrieb etwas hinüberretten von dem Schwung und der Frische, die die Nationalelf unter Klinsmann verbreitet hat? Vielmehr machen die Klubs dort weiter, wo sie in der vergangenen Saison aufgehört haben, als wäre dazwischen nichts gewesen. Daß etwa Branchenführer Bayern auf dem Spielfeld leuchtende Vorstellungen gab, liegt lange zurück.“ Schneiders Ausweg ist die Melancholie, also Sönke Wortmanns WM-Film: „Es war eine Illusion, darauf zu hoffen, dem großen Sommermärchen könnte ein kleines Spätsommermärchen folgen. Erstaunlicherweise scheint das Liga-Einerlei die zahlende Kundschaft (noch) nicht zu stören. Romantischen Naturen, die den Realitätsschock noch nicht überwunden haben, bleibt ja noch der Gang ins Kino.“
Jan Christian Müller (FR) hakt ein: „Die taktisch auffälligste Neuerung der WM – ein einziger hoffnungsloser Stürmer zugunsten einer dichteren Defensive – wurde glücklicherweise nur selten zum Vorbild genommen.“ Er findet aber ebenso wenig Gefallen an den Spielen: „Dennoch ist dabei bislang kaum attraktiver Fußball herausgekommen.“
Nach wie vor auf der Suche nach einer Hierarchie
Philipp Selldorf (SZ) spürt eine anhaltende und offenbare Distanz zwischen der Bayern-Führung und Felix Magath, nachdem Karl-Heinz Rummenigge die Arbeit des Trainers letzte Woche erneut, dieses mal aber nicht nur indirekt in Zweifel gezogen hat: „Zu seiner Position in München hat Magath ein fatalistisches Verhältnis entwickelt. Eine innere Distanz, die es ihm erlaubt, die Phänomene des Saisonverlaufs, die guten und die schlechten, in stoischer Beherrschtheit zu ertragen. Als ob er dem Glaubenssatz folgen würde: Irgendwann setzen sie mich sowieso vor die Tür. Es handelt sich um eine Magathsche Wandlung des arabischen Inschallah – so Gott will. Daß man auf diese Situation zusteuert, ahnen spätestens seit Frühling alle Beteiligten: Rummenigge, Hoeneß und Magath. Niemand spricht es aus, aber jeder glaubt: Es wird passieren.“
Beim 2:1 gegen Aachen beanstandet Thomas Becker (FR) die Feigheit des Bayern-Trainers: „Magath trug zum Verwaltungskick bei: wechselte in Minute 65 den aktivsten Spieler Schweinsteiger aus, um nicht Scholl oder Karimi oder dos Santos, sondern, Demichelis, einen Ergebnishalter, zu bringen. Gegen einen Klub, der zuletzt vor 36 Jahren Bundesliga gespielt hat, beginnt der Rekordmeister eine halbe Stunde vor Abpfiff mit der Ergebnissicherung, weil es angeblich immer schon so war bei den Bayern – Magath muß sich nicht wundern, daß seine Statements zuletzt immer öfter von ungläubigem Stirnrunzeln begleitet werden.“ Elisabeth Schlammerl (FAZ) sucht nach einer Erklärung für die Kraftlosigkeit der Bayern und schließt zwei populäre Gründe aus: „Das reinste Vergnügen ist der FC Bayern in dieser Saison wahrlich noch nicht. An der Mehrfachbelastung liegt es sicher nicht, weshalb der FC Bayern derzeit weit entfernt ist von den Ansprüchen der Öffentlichkeit und den eigenen. Die verkorkste Vorbereitung nach der WM mag vielleicht immer noch eine kleine Rolle spielen, aber ausschlaggebend dürfte eher sein, daß die Mannschaft nach wie vor auf der Suche nach einer Hierarchie ist, nach einer neuen Ordnung, einem neuen System.“
Mach dies, mach jenes, stell dich hierhin, spiel nach dort!
Unentschieden im Spiel zweier hinkender Bayern-Konkurrenten – doch das 1:1 „wird in Hamburg und in Bremen als Schritt aus der Krise gewertet“ (SZ) und „als Gewinn verbucht“ (FAZ). Roland Zorn (FAZ) verweist auf den Widerstand und die Härte, denen sich die beiden Teams ausgesetzt gesehen haben: „Es ging in der milden norddeutschen Spätsommerluft im Zweifel rauh und wenig herzlich zu. Immerhin glaubten schließlich sowohl die aggressiveren Hamburger als auch die kühleren Bremer eine wichtige Etappe auf dem Weg zur wochenlang vermißten mannschaftlichen Geschlossenheit hinter sich gebracht zu haben. Hamburg und Bremen leisten einander Aufbauhilfe Nord.“
Viele Umarmungen erhält der Hamburger Neue, Juan Pablo Sorin; Axel Kintzinger (FTD) schreibt: „Daß ausgerechnet Frings und Sorin die besten Spieler auf dem Platz waren und sich auch in den Zweikämpfen untereinander nichts schenkten, ließ eine schöne Erinnerung aufkommen an den herrlichen WM-Sommer und an das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien, in dem diese beiden auch schon die besten waren. Und danach federführend ein Handgemenge betrieben, das für Frings und die deutsche Nationalmannschaft fatale Folgen haben sollte.“ Die Eindeutschung des Bremer Neuen, Diego, erweise sich jedoch als Zwang und Einengung: „Diego, der Künstler, ist verunsichert. Während des Spiels reden seine Kollegen dauernd auf ihn ein: Mach dies, mach jenes, stell dich hierhin, spiel nach dort! Das Ergebnis war, daß auch dieses Spiel wieder weitgehend vorbeilief an Diego. Kopf der Bremer Mannschaft ist eindeutig Frings. Aber kann ein übellauniger Leader die Elf zu Höhenflügen animieren?“ Jörg Marwedel (SZ) fügt hinzu: „Die angeblich fortgeschrittene Integration des Brasilianers Diego hat vor allem darin bestanden, daß der intern hart gescholtene Spielmacher die Bälle brav beim Oberkritiker Frings ablieferte und sich sonst wenig zutraute.“
Eine Randnotiz, über die heute fast jede Zeitung den Kopf schüttelt: Der HSV-Stadionsprecher Lotto King Karl, der „grenzdebile Koksbarde“ (taz), ist seiner Pflicht, die Hamburger Fans dazu aufzufordern, es sein zu lassen, mit Schnapsfläschchen den Bremer Torwart zu bewerfen, mit dem Gag nachgekommen: „Bitte keine Getränke mehr an Herrn Wiese verabreichen!“ Oskar Beck (StZ) ärgert sich: „Wir wissen nicht, wo die Hamburger diesen Stadionsprecher gefunden haben – aber auf jeden Fall sollten sie ihn schnell wieder zurückgeben. Vielleicht kriegen sie noch Pfand.“
FR: Erhöhte Aggression beim Nordderby und ein bemerkenswertes Debüt von Sorin
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Ascheplatz
Verschlungene Laufwege des schmutzigen Geldes
Handaufhalten beim Spielerhandel, gefährlicher als Spielmanipulationen? – Das Wahlprogramm Michel Platinis, ehrlich und realistisch? – Die wiederentdeckte Liebe der Pfälzer zum FCK – Börsengänge nun auch für französische Klubs erlaubt
Wird das Fußball-Business immer finsterer? Die BBC-Dokumentation über fragwürdige Praktiken in England bringt eine eher unbekannte Form der Mißwirtschaft ans Tageslicht: Trainer, Manager und andere Vereinsmitarbeiter verdienen an Spielertransfers, denen sie sonst nie zustimmen würden. Christian Eichler (FAZ) nennt das Korruptionspotential durch den Handel mit Spielern „das dunkelste und lukrativste des Fußballs“ und hält dieses Delikt für kapitaler als Ergebnismanipulationen. Ihm fallen einige Spielerkäufe aus der jüngeren Bundesliga-Vergangenheit ein, die er gerne noch mal aus dieser Perspektive betrachten würde: „Was Bolton-Coach Sam Allardyce und anderen in England vorgeworfen wird, dürfte auch in anderen Ligen passieren. Im Rückblick auf manch unsinnigen oder überteuerten Transfer stellt sich die Frage, ob es nur an der Dummheit des Klubs lag. Oder auch daran, daß irgendwo die Hand aufgehalten wurde.“ In den Verdacht geraten auch Scouts: „Das muß nicht mal der Trainer sein. Es kann ein korrupter Scout sein, der doppelt kassiert: bei den Klubs, die sich von ihm irgendeinen kommenden ‚Star‘ andrehen lassen – und bei denen, die diesen Spieler unterbringen wollen. Vielleicht sogar ein drittes Mal: bei denen, die von ihm die wahren Perlen bekommen.“
Den Fall West Ham United greift Eichler heraus, um seine Furcht vor der totalen Verdunklung des Fußballgeschäfts zu unterstreichen: „Hier wäre er, der Königsweg der Korruption: Vernetzung der Vertriebswege, Bündelung der Besitzverhältnisse – Zukunft des Fußballs. Klubs, die Investoren gehören, mit Spielern, die Investoren gehören, und diese Besitzverhältnisse so geheim und verschachtelt wie all die zwischen Briefkastenfirmen und Offshore-Banken bewährt verschlungenen Laufwege des schmutzigen Geldes.“ Hintergrund: West Ham United beschäftigt zwei argentinische Spieler, die angeblich auf Druck ihrer Besitzer, denen nachgesagt wird, eine Übernahme des Klubs zu planen, über eine Stammplatzgarantie verfügen.“ Eichlers bekümmertes Resümee: „Im Fußball wird man auch in Zukunft die Tore sehen und die Ergebnisse. Man wird aber wohl nicht immer wissen, wem sie nützen.“
Sehnsüchte als Wahlpropaganda?
Felix Reidhaar (NZZ) wälzt das Wahlprogramm Michel Platinis, der für den Vorsitz der Uefa kandidiert: „Er bleibt ganz, aber nicht ausschließlich, der Kandidat und Hoffnungsträger der ‚Kleinen‘, um deren Gunst er seit geraumer Zeit mit intensiver Reisediplomatie erfolgreich buhlt – ganz nach dem Vorbild seines Protektors auf dem Zürcher Sonnenberg.“ Doch sind Platinis Pläne glaubhaft und realistisch? Reidhaar äußert Skepsis in Details und im Ganzen: „Vor allem mit dem Hinweis, die hoch lukrative Champions League behutsam aus den Fesseln der ‚geschlossenen Klubs‘ zu lösen, schmiert er den Vertretern kleinerer Verbände und Vereine Honig um den Mund. Diese in einigen Programmpunkten erkennbare Rückwärtsgewandtheit des einst begnadeten Technikers auf dem Rasen, so sehr sie Nostalgiker entzückt und so wenig man sie als verwerflich bezeichnen kann, steht im scharfen Gegensatz zur galoppierenden Kommerzialisierung des Metiers. Vielleicht sind fußballerische Sehnsüchte à la Platini nur taktische Wahlpropaganda und deshalb nicht besonders dauerhaft.“
taz: Warum Jack Warner, ein offensichtlich korrupter Fifa-Funktionär, ungestraft Karten verschachern darf und Joseph Blatter daran keinen Anstoß nimmt
Abkehr von Mißwirtschaft und Rationalismus
Tobias Schächter (SZ) geht der Frage nach, warum die Fans den 1. FC Kaiserslautern, dem Abstieg zum Trotz, ihren Klub wieder lieben. Den wichtigsten Grund findet er in der Abkehr vom Rationalismus der letzten Jahre und der Großmannssucht in der Zeit davor: „Die Nachfolger des radikal sanierenden Vorstandsbosses René Jäggi suchen die Nähe zu den Fans. Der Verein ist bemüht, Demut zu zeigen. Vorstandsmitglied Arndt Jaworski hat die Image-Kampagne ‚Das Herz der Pfalz‘ ins Leben gerufen. Es gab einen Diskussionsabend mit Vereinsgrößen, und auch die Spieler gehen wieder raus zur Basis: Fabian Schönheim und Daniel Halfar verteilten zuletzt an 40 Erstklässler der Betzenberg-Grundschule Geschenktüten. Solche Aktionen gab es in den vergangenen Jahren nicht, als die alte Führung um Jürgen Friedrich den FCK als Projektionsfläche der eigenen Eitelkeit mißbrauchte und finanziell abwirtschaftete.“ Die vier durch Grabenkämpfe gezeichneten Jahre der Ära Jäggi, die den Klub zwar vor dem Ruin bewahrten, aber sportlich mit dem Abstieg endete, waren ein Martyrium für die Fans. Mehr als 1.000 Neueintritte zeugen von Solidarität mit der neuen Führung.“ Zudem schätzten die Leute das Vertrauen der Führung in die Jugend der Region, wodurch „Talente aus der Pfalz die Protagonisten geben und so neue Identifikationsmöglichkeiten schaffen.“
Liebhaberobjekte
Anläßlich der Genehmigung für französische Fußballklubs, an die Börse zu gehen, prophezeit Christian Schubert (FAZ/Wirtschaft) eine Zunahme an Börsengängen europäischer Fußballvereine. Er beruft sich auf den Bloomberg European Football Club Index und zieht ein kritisches Fazit: „Den Klubs verschafften die meisten Börsengänge Millioneneinnahmen, den längerfristig orientierten Anlegern dagegen in der Regel nur hohe Verluste.“ Die Ursachen der Probleme für Fußballaktiengesellschaften, Dividenden auszuschütten, lägen vor allem an Mängeln in der Vereinsführung, aber auch in der Natur der Sache: „Analysten weisen darauf hin, daß den Vereinen oft ein solides, langfristig ausgerichtetes Finanzmanagement fehlt. Neben schwankenden Ergebnissen auf dem Rasen stört viele Anleger die Unfähigkeit, vom sportlichen Erfolg unabhängige Einnahmen zu erzielen. Der Kauf teurer Spieler wird dann oft zum unbegrenzten Risiko.“ Fußballaktien seien daher in erster Linie Liebhaberobjekte: „Am Ende bleiben fast nur die glühenden Fans als Aktionäre übrig, die nicht aus Rendite-Überlegungen zugegriffen haben. Die Liquidität der Aktien ist damit entsprechend gering. Institutionelle Anleger gehen daher nur mit spitzen Fingern an die Titel heran, wenn überhaupt.“
Samstag, 23. September 2006
Bundesliga
Aktuelle Links
FAZ: HSV gegen Werder, Krise im Norden, doch die Vorstände halten zu ihren Trainern und Managern
SZ: Vor dem Nordderby suchen Hamburg und Bremen Lösungen für dasselbe Problem: fehlende Einheit im Team
BLZ: Hamburg und Bremen treffen sich zum Krisengipfel
FR: Portrait Roberto Hilbert (VfB Stuttgart)
22. September 2006
taz: Joachim Hopp will für seine TSG Hoffenheim wohl in Sinsheim ein Stadion bauen – und nicht in Heidelberg
Tsp: Glosse – „Bayern München am Ende“
Bild: „Schalke ist wieder auf dem Weg zum Popelverein“– Interview mit Rudi Assauer, der die Vereinsführung im Fall Asamoah kritisiert (mußte ja so kommen)
FAZ: Über die Startschwierigkeiten der neuen Spielmacher Diego und Insua
FR: „Tief im Norden“ – Hamburg und Bremen, die sich morgen treffen, spielen derzeit nicht so gut und erfolgreich wie in der letzten Saison
SZ: Benjamin Lauth sollte das Gesicht des jungen Hamburger SV sein – jetzt sitzt er auf der Tribüne und soll gar verkauft werden
FR: Mainz trifft den Tabellenführer, Hertha BSC
Freitag, 22. September 2006
Ball und Buchstabe
Reflexe von Schildkröten
Die Berliner Zeitung über eine Studie über Gewalt, Rassismus und Homophobie in deutschen Stadien
Sich auf eine Studie des Fan-Forschers Gunter Pilz berufend, will Ronny Blaschke (BLZ) mit dem Irrtum aufräumen, Gewalt und Rassismus seien Marginalien im deutschen Fußball. Zu den Geschehnissen in Aachen und Rostock schreibt er: „Der Eindruck, ein längst besiegtes Problem sei wieder aufgebrochen, ist falsch. Der Rassismus im Fußball ist keine Modeerscheinung, er ist seit Jahrzehnten aktuell – nichts spricht dagegen, daß sich das ändert. Sicher hat sich das Phänomen verlagert, rassistische Beleidigungen sind in der ersten Liga ebenso wie Gewalt zurückgegangen. Doch verschwunden sind sie nicht. An der Basis, ab der vierten Liga und abwärts, sind Verunglimpfungen mitunter an der Tagesordnung. Erinnert sei nur an den Nigerianer Ogungbure, der tätlich angegriffen wurde. Viele Ausländer ziehen sich vielleicht auch deshalb lieber in eigenethnische Vereine zurück.“
Daraus, daß wenige Immigranten Bundesligaspiele besuchen, leitet Blaschke Ausländerfeindlichkeit ab: „Auch auf den Tribünen hat sich wenig geändert, von den Zuschauern in der Bundesliga sollen nur ein bis zwei Prozent einen Migrationshintergrund haben. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie – offenkundige Probleme der Gesellschaft – werden im Fußball wie unter einem Brennglas sichtbar.“ Da fehlen aber jetzt Belege und Plausibilität, das klingt nach einem alarmistischen Schnellschuß. Mit der These von den abwiegelnden Funktionären mag Blaschke wiederum recht haben: „Die Institutionen reagieren, auch dieser Reflex ist stets gleich, wie erschrockene Schildkröten. Vereinsvertreter verstecken sich hinter ihren Panzern, verharmlosen das Problem, sprechen von Einzelpersonen und Vorverurteilungen.“
Das Parlament: Ein Text über Türken im deutschen Fußball, dessen wichtigste Quelle eine (ältere) Pilz-Studie ist
Donnerstag, 21. September 2006
Ball und Buchstabe
Frische Professionalität
Aufschwung Ost? / Miroslav Klose über die Gegenwart seiner Vergangenheit
Cottbus, Rostock, Jena, Dresden und Union Berlin schreiben derzeit sportlich schwarze Zahlen; Nachrichtenagenturen haben Anfang der Woche den Aufschwung des Fußballostens gemeldet. FAZ und SZ gehen unterschiedlich damit um. Roland Zorn (FAZ) macht eine Prosperität im Osten aus: „Es tut sich was im Osten, wo die Altfunktionäre mit DDR-Vergangenheit abgewirtschaftet haben und eine neue, jüngere Generation mit ökonomischem und sportlichem Know-how das Sagen hat. Mit Ostalgie ist dieser Aufschwung nicht zu erklären, eher mit Programmen und Strukturen.“ Zorn nennt Indikatoren, die ihm besonders im Vergleich mit der Nachwendezeit auffallen: „Überteuerte und unterdurchschnittlich begabte Berufsspieler finden inzwischen auch im Osten kaum noch Abnehmer. Die organisch wachsende sportliche Qualität kann sich zudem unter zusehends besseren Rahmenbedingungen entfalten. Wo früher Geschäftemacher mit dem Deckmäntelchen der freien Marktwirtschaft unterwegs waren, ist inzwischen eine frische Professionalität, garniert mit einer wirklichen Aufbruchstimmung, am Werk.“
Wolfgang Gärner (SZ) hingegen witzelt: „Das will doch keiner mehr hören: Gejammere von Steuerminderern über Immobilien-Leerstand, Witze über den Cargolifter, dem die Luft (richtiger: Das Helium) ausging, Genöle darüber, wo der Soli versickert. Ex Oriente Lux ist Trend.“ Auch Zorn gibt zu bedenken: „Es gibt noch viel zu tun beim Aufbau Ost, den Theo Zwanziger zur Chefsache erklärt hat.“ Doch nicht zuletzt das neue Vertrauen in die eigene Jugend erzeuge Hoffnung auf gesundes Wachstum: „Tatsächlich scheint bei den verschiedenen Treffen mit den Vertretern der Vereine, der Wirtschaft und der Kommunen eine zentrale Erkenntnis gereift: Die Profivereine in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern setzen wieder verstärkt auf den von ihnen ausgebildeten Nachwuchs.“ Und Gärner notiert einen merkwürdigen Identitätstausch: „Da will der momentane Spitzenreiter der höchsten Liga nicht abseits stehen: Auch seine Körperschaft sehe sich als Klub des Ostens, meldet Hertha-Präsident Bernd Schiphorst.“
SZ: Hertha BSC sorgt nicht bloß als Tabellenführer der Bundesliga für Aufsehen: Auch die Nachwuchsarbeit des Klubs erreicht in Deutschland Spitzenwerte
BLZ: Der runderneuerte FC Hansa Rostock macht sich Hoffnungen auf den Bundesliga-Aufstieg
taz: Rassistische Schmährufe gehören zum Alltag in deutschen Stadien. Der DFB kämpft mit neuen Regeln gegen diskriminierende Äußerungen von den Rängen. Plötzlich wird angezeigt, was bis vor kurzem noch überhört wurde
Tsp-Interview mit dem Fan-Beauftragten Axel Klingbeil über die Anti-Rassismus-Aktion Hansa Rostocks beim Spiel gegen Kaiserslautern
Tsp: „Unser Vorbild ist Rudolf Heß“ – rechtsradikale Auswüchse im polnischen Fußball
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de): Hans-Joachim Teichler über die Sonderrolle des Fußballs in der DDR
Tsp: Der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny: „Die Ullrich-Verträge sind sittenwidrig“
Aus dir wird nichts, fahr nach Hause!
Miroslav Klose bestätigt in einem Interview mit der Zeit die Gegenwärtgikeit seiner Vergangenheit: „Ich habe in meinem Leben viele Leute erlebt, die mich schlecht behandelt haben, Jugendtrainer oder andere Verantwortliche, die mir Steine in den Weg gelegt und mir ins Gesicht gesagt haben: Aus dir wird nichts, fahr nach Hause! Solche Sprüche habe ich jeden zweiten Tag gehört. Ich war früher als Spieler nicht so weit, wie ich mittlerweile bin, aber ich konnte kicken. Und ich war nicht schlechter als die anderen. Aber ich wurde oft schlechter behandelt. Wenn ich mich heute für ein Spiel motivieren will, dann denke ich nur an diese Leute zurück. Eine bessere Motivationshilfe gibt es nicht.“ Klose bejaht, daß er nach der Geburt seiner Kinder Hans-Dieter Hermann, Klinsmanns Psychologen, konsultiert habe, weil er sich nicht mehr auf Fußball konzentrieren konnte: „Man darf nicht den Fehler machen, das mit dem Psychologen zu übertreiben, auch wenn mich überrascht hat, wie schnell die Wirkung eingesetzt hat. Ich konnte mich eine Zeit lang nicht auf Fußball konzentrieren, weil es für mich nicht mehr das Wichtigste auf der Welt war. Meine Gedanken waren ständig zu Hause bei meiner Familie. Ich wußte gar nicht, was los war, bis ich mit dem Psychologen der Nationalmannschaft gesprochen habe. Der hat mir das wirklich sehr logisch erklärt. Er hat gesagt, mach dir keine Sorgen, das ist ganz normal und geht auch wieder vorbei. Er hatte Recht. Zwei Wochen später habe ich wieder Tore geschossen.“
stern.de: Philipp Crone, Hockey-Weltmeister, schreibt ein sehr pfiffiges Portrait Berndhard Peters‘
Am Grünen Tisch
Die Südafrikaner zusammengestaucht auf einsfünfzig mit Hut
Schmiergeldfall in England, Einblicke in die deutsche Szene / Verhandeln die USA deswegen mit Jürgen Klinsmann, damit er sie 2010 bei der Heim-WM zum Titel führen soll?
Die BBC hat mit verdeckter Kamera und der Hilfe des Deutschen Knut auf dem Berge (das kann kein Pseudonym sein) eine Dokumentation gedreht, in der große Teile der Premier League der illegalen Geschäfte bezichtigt werden. Jan Christian Müller (FR) gibt Einblick in die Machenschaften der deutschen Szene, im konkreten, wie Transfers verhandelt werden können: „Jeder in der Branche weiß, wie es in der Praxis funktionieren kann: Wechselwillige Spieler werden Managern oder Trainern von dessen Beratern mitsamt sportlichen u n d finanziellen Argumenten angeboten. Sind die sportlichen Argumente nicht überzeugend, kann eine entsprechende Aufteilung des Beraterhonorars zwischen Spielerberater und Vereinsmanager/trainer den Willen zur Verpflichtung um ein Vielfaches erhöhen. Daß mitunter mittelmäßige Fußballprofis ihren Ex-Trainern karawanenartig von Klub zu Klub durch die Republik folgen, hat schon seit Jahren zu Verdächtigungen geführt, die freilich niemals bewiesen werden konnten.“
Müller reicht eine Leseprobe des Schwarzbuchs Fußball-Bundesliga dar: „Nur selten geraten schmutzige Geschäfte an die Oberfläche: Eintracht Frankfurts gesetzeswidriges Steuersparmodell mit Anthony Yeboah; unlautere Nebenabsprachen des 1. FC Kaiserslautern in mehrfacher Millionenhöhe mit Youri Djorkaeff oder Taribo West; im Zuge der Vertragsanbahnung als Darlehen deklarierte Zahlungen von Bayern München an Sebastian Kehl und Sebastian Deisler; die Schwarze Kasse bei Werder Bremen zur Finanzierung des Russen Wladimir Bestschastnich. Die Liste an Verstößen gegen die guten Sitten ließe sich fast beliebig fortführen – bis hin zum heimlichen 90-Millionen-Mark-Deal der Kirch-Gruppe mit dem FC Bayern als ‚Stillhalte-Prämie‘, in dessen Folge der Branchenführer plötzlich großzügig auf die Eigenvermarktung seiner TV-Rechte verzichtete – und später wenig reumütig drei Millionen Euro an die ebenso enttäuschten wie erbosten Liga-Konkurrenten zurückzahlte.“
SZ: BBC-Dokumentation belastet Chelsea, Tottenham, die Bolton Wanderers und einige andere aus Englands Fußball
NZZ: „Wir wissen über die Korruption im englischen Fußball gleich viel wie vorher, nämlich, daß sie sehr wahrscheinlich weit verbreitet ist. Aber eine genaue Adresse fehlt immer noch.“
SpOn: Schmiergeldskandal in England
SZ: 1860 München spricht mit der US-Bank Morgan Stanley über frisches Kapital – schon einmal wurden sie mit amerikanischer Hilfe gerettet
BLZ: Die neuesten Korruptionsgeschichten aus den Verbandsspitzen des Volleyballs, des Boxens und des Judos
Der beste Heimtrainer der Welt
Ein weiteres Indiz – Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung), läßt sich nichts vormachen und schließt die Vermutung um einen WM-Ortswechsel von Südafrika nach USA mit dem Gerücht kurz, die USA verhandelten mit Jürgen Klinsmann, dem Spezialisten für WM-Patriotismus und -Euphorie: „Die Amerikaner haben ausgerechnet jetzt, wo Blatters Zorn auf die Südafrikaner stündlich wächst, offenbar die eiserne Absicht, sich bei der Qual der Wahl zwischen Sven Göran Eriksson und Jose Pekerman für Klinsmann zu entscheiden. Also für den besten Heimtrainer der Welt. Auswärts kocht Klinsmann auch nur mit Wasser und verbrüht sich die Finger, man hat es vor der letzten WM schmerzlich erleben müssen – aber vor dem eigenen Publikum springt sein Funke über, da sorgt dieser Feuerspucker für die zündende Aufbruchstimmung, und die US-Boys, die das Herzblut und die Hingabe schon mit der Muttermilch eingeflößt bekommen, werden ihm im Hexenkessel des Heimvorteils in den WM-Triumph willig folgen. Jedenfalls werden die Amerikaner ihrem Beuteschwaben ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann: Von der Revolverpresse droht kein Störfeuer, er kann in Ruhe arbeiten – und darf sogar ungestraft in Kalifornien wohnen bleiben. Er muß der WM beim nächsten Mal nicht hinterher fliegen. Die WM fliegt ihm zu.“
Ist Blatters Kritik an Südafrika überhaupt ernstzunehmen? Aber hallo, entgegnet Beck: „Der Fifa-Chef hat das südafrikanische WM-Organisationskomitee wegen des alarmierenden Bauverzugs in den Stadien nicht einfach kritisiert, sondern zusammengestaucht auf einsfünfzig mit Hut.“
Rechte und Pflichten
Friedhard Teuffel (Tsp) kommentiert die Entscheidung eines Berliner Arbeitsgerichts, die Suspendierung eines Spielers von Union Berlin aufzuheben: „Hohe Bezahlung und öffentliche Aufmerksamkeit sind kein Ausgleich für verletzte Arbeitnehmerrechte. Das hat schon der Europäische Gerichtshof vor elf Jahren in der Bosman-Entscheidung festgelegt. Seitdem dürfen Fußballspieler unter anderem nach Ende ihrer Vertragslaufzeit ohne Ablösesumme ihren Arbeitsplatz wechseln. Gegenüber ihrem Arbeitgeber haben Fußballspieler schließlich dieselben Pflichten wie andere – auch wenn wohl nur bei Fußballern an jedem Wochenende diskutiert wird, ob sie nicht gerade mal wieder ihre Arbeit verweigert hätten.“
Kommentar (stern.de): „Uli Hoeneß und Co. haben sich die Bayern-Mannschaft vorgeknöpft, und Trainer Felix Magath gerät zunehmend in die Schußlinie“
FR: Kritik an der fußballfreien Herbstwoche – und kurz vor Weihnachten wird gespielt
FR: Fan-Initiative „Pro 1860“ will Karsten Wettberg zum Präsidenten des Münchner Klubs küren
FR: Duisburger Blühen
FR: Kaiserslautern – die Zukunft tritt auf der Stelle
FAZ-Interview mit Uli Stielike, dem neuen Trainer der Elfenbeinküste: „Einige werden mir den Mißerfolg wünschen“
Mittwoch, 20. September 2006
Am Grünen Tisch
Wenn nur diese verdammte Organisation nicht wäre
Die Presse verfolgt mit Spannung, ob die WM 2010 tatsächlich in Südafrika stattfinden wird; zu deutlich sind die Organisationsmängel. Die SZ meldet heute, daß Deutschland eine Art Kolonialhilfe senden werde, Horst Schmidt, und lacht sich leise ins Fäustchen, liegt Afrika schließlich dem geliebten Fifa-Präsidenten so sehr am Herzen. Spekulationen sehen die USA als Ausweichort vorne
Wo wird die WM 2010 stattfinden? Daß diese Frage, die seit vier Jahren beantwortet schien, seit Monaten wieder gestellt wird, ist auf die Skepsis gegen den Ausrichter Südafrika zurückzuführen. Nun hat sich auch Fifa-Präsident Joseph Blatter („Ich habe noch niemanden mit Spitzhacke und Spaten gesehen“) vor die lange Reihe der Zweifler gestellt, denen drei allgemeine Organisationsmängel ins Auge stechen:
Stadionbau: ungesicherte Finanzierung und Stillstand der Neubauten sowie schlechte Bausubstanz der alten Stadien
mangelnde innere Sicherheit
rückständige Infrastruktur, etwa öffentliche Verkehrsmittel betreffend.
Die SZ meldet heute den Vollzug einer Personalentscheidung, über die schon lange gemunkelt worden ist: Horst Schmidt, Vizepräsident des deutschen WM-OKs, wird als Leiter eines Krisenstabs in Südafrika zu Hilfe gebeten. Thomas Kistner stellt in Frage, ob der Deutsche dort willkommen ist: „Organisatorischen Austausch gibt es seit längerem, die Zeit wurde vor allem genutzt, um Animositäten aufzubauen. Unvergessen ist die hauchdünne Abstimmungsniederlage gegen die Deutschen im Juli 2000 – trotz Blatters Schützenhilfe. Seither wird den Deutschen gönnerhaftes Auftreten nachgesagt.“
Doch mit der Frage, wo und wie die deutsche Kolonialhilfe ansetzen könnte, hält sich Kistner nicht lange auf; vielmehr spekuliert er über Ausweichorte. Dem Gastgeber 2006, auf deren Zuschlag die Bild am Sonntag hofft, räumt Kistner schlechte Karten ein, da Blatter, dem ein schwieriges Verhältnis zu den Deutschen nachgesagt wird, dieser Apfel zu sauer wäre. Stattdessen habe die USA beste Karten: „Nichts spricht technisch gegen die USA, zugleich sportpolitisch alles dafür. Den Gesichtsverlust, nach 2006 gleich wieder nach Europa gehen zu müssen, diesmal als bettelnde Asylsucher – die Peinlichkeit will sich der Weltpräsident Blatter ersparen. Asien 2002 war kein nachhaltiger Erfolg, der Fußball profitierte kaum von der WM, die Stadien blieben leer. Südamerika ist gemäß Rotationsprinzip 2014 dran, mit Brasilien. Dies vorzuziehen, ist jedoch illusorisch, auch beim fünfmaligen Weltmeister müssen zwölf Stadien erst noch gebaut werden.“ Fazit: „Für 2010 dürfen sich die USA warmlaufen – es sei denn, Krisenhelfer Schmidt kriegt die Karre am Kap noch flott.“
Allein die Mutmaßung, Südafrika könnte die WM 2010 entzogen bekommen, provoziert Schadenfreude in Fifa-kritischen Kreisen. So lacht sich Kistner ins Fäustchen, wenn er an die Entschiedenheit denkt, mit der Blatter ein afrikanisches Gastgeberland durchgesetzt hat: „Mehr als jeder andere sorgte er dafür, daß die WM ans Kap gelangte. Zweimal ließ er sich zum Fifa-Boß wählen, zweimal rekrutierte er einen entscheidenden Anteil Stimmvolk aus Afrika – da gilt es, vollmundige Versprechen einzulösen. Zudem können sich die Kickerfürsten, die ja stets auf den Friedensnobelpreis schielen, als moralische Supermacht profilieren, wenn sie den Fußball in Afrika und mithin für ‚eine bessere Welt einsetzen‘. Wenn nur diese verdammte Organisation nicht wäre (wäre spannend gewesen, die WM 2006 in Südafrika zu sehen).“
Bundesliga
Kein Teamspirit
Die Sportredaktionen befassen sich weiterhin mit Schalke, Mirko Slomka und Gerald Asamoah (siehe indirekter freistoss vom 19. September). Gestern haben sich Trainer und Spieler ausgesprochen und Asamoah wieder ins Team integriert, die Offiziellen verkünden, alles sei wieder in guter Ordnung. Doch aus den Kommentaren der Beobachter spricht der Zweifel an der Überzeugung.
Stefan Hermanns (Tsp) wertet die Maßnahme als Zugeständnis an die Fans: „Asamoah ist auch deshalb mit Gnade davongekommen, weil alles andere den Schalker Fans nur schwer zu vermitteln gewesen wäre. Für die zuletzt häufig murrenden Anhänger ist der Vertrauensbruch innerhalb der Mannschaft schwerer zu ertragen als Asamoahs angebliche Drohung gegen Trainer Slomka. Der Hang zur Denunziation bestätigt sie nämlich in ihrer allgemeinen Skepsis gegen die aktuelle Mannschaft, die in ihren Augen jegliche Identifikation mit dem Verein vermissen läßt. Gerald Asamoah besitzt einen unschätzbaren Bonus: Er ist länger bei Schalke als jeder andere Spieler.“ Für Christoph Biermann (SZ) ist der Fall ein Indiz für mangelnden Schalker Zusammenhalt: „Interessant wird sein, wie sich dieser westfälische Friede weiterentwickelt und welche Dynamik er innerhalb der Mannschaft entwickelt. Müller kündigte noch Gespräche mit weiteren Spielern an, denn ungewollte oder zufällige Denunziationen werden bei der Jagd auf die Deutsche Meisterschaft kaum helfen. (…) Seit Jahren ist Schalke 04 auf der Suche nach dem Teamspirit, ohne ihn gefunden zu haben.“
Gestern hat der Dachstuhl des Hauses Altintop gebrannt. „Ein Zusammenhang mit der aktuellen Affäre besteht nicht“, wollen uns die Agenturen beruhigen. Vorschnell? Da sollten die Spürhunde aus den Redaktionen aber noch mal schnüffeln. Nur die Bild-Zeitung hat übrigens auf den Schenkelklopfer nicht verzichtet, in Schalke sei „Feuer unterm Dach“.
FR: Slomka hat an Autorität eingebüßt
Welt: Peinlicher Auftritt der Schalker Führung
Tsp: Schalke 04 legt den Streit mit Asamoah bei – doch die Probleme bleiben
BLZ: Verkracht auf Schalke, die tägliche Doku-Soap, Folge 3117