indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 17. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Es gibt auch eine Würde in der Traurigkeit

Ausschnitt eines Spiegel-Interviews mit dem spanischen Schriftsteller Javier Marías
Spiegel: Sie haben Spaniens Nationaltrainer Luis Aragonés zuletzt verteidigt, als der Thierry Henry im Gespräch mit dem Stürmer José Antonio Reyes einen ‚Scheißneger‘ nannte. Warum?
Marías: Erstens war es ein privates Gespräch zwischen den beiden. Zweitens ist die Übersetzung problematisch, für viele Spanier ist der Begriff kein rassistischer Anwurf. In der spanischen Umgangssprache werden Beleidigungen manchmal liebevoll verwendet: Wie gut spielt dieses Arschloch! Hätte Aragonés sich auf den Tschechen Pavel Nedved bezogen, hätte er auch bloß gesagt: Zeig dem Scheißblonden, dass du besser bist! Ich erzähle Ihnen zum Verständnis eine Geschichte: Vor zwanzig Jahren, als ich in den USA einen Kurs leitete, sprach ich mit einem Kollegen an der Uni über eine Gruppe Studentinnen, die in der Nähe stand. Er sagte: Die mit den Jeans ist intelligent. Es trugen aber drei von den vier Mädchen Jeans. Ich fragte: Welche denn? Er antwortete: Die das Haar offen trägt. Es hatten aber drei ihr Haar offen. Das ging so hin und her, er versuchte einfach zu vermeiden zu sagen: die Schwarze. Dabei wäre der Begriff rein deskriptiv gewesen – wie der Blonde oder die Dünne. Für mich war der Kollege ein Rassist.
Spiegel: Ihr Urteil fällt oft hart aus. Als der FC Valencia 2001 im Elfmeterschießen das Champions-League-Finale gegen Bayern München verlor und Torwart Santiago Cañizares hemmungslos heulte, fanden Sie das zum Schämen. Darf ein Geschlagener nicht weinen?
Marías: Jeder, der in der Niederlage eine würdige Haltung einnimmt, kann einen bewegen. Aber nicht einer, der vor unseren Augen zusammenbricht, ein Handtuch um das Gesicht schlägt und so eine hysterische Nummer aufführt. Es gibt auch eine Würde innerhalb der Traurigkeit. Auch die Mitspieler ließen den Torwart links liegen, während sein Gegenüber Oliver Kahn ihn tröstete. Sie mochten dieses Protagonistentum nicht. Cañizares war ja nicht der Einzige, der verloren hatte.
Spiegel: Müssen die Stars Vorbilder sein?
Marías: Es reicht, wenn sie Fußball spielen und vermeiden, dem Gegner die Knochen kaputtzutreten. Andererseits gibt es Dinge, die es früher im Fußball nicht gab und die mich heute sehr nervös machen. Dass die Spieler einander der Schauspielerei bezichtigen, gelbe oder rote Karten für den Gegner fordern. Oder dass sie, wenn Elfmeter gepfiffen wird, schon anfangen zu jubeln, bevor geschossen ist. Früher gab es mehr Würde, mehr Edelmut, auch mehr Respekt gegenüber dem Gegner. Vielleicht bin ich aber auch schon ein etwas antiquierter Zuschauer.

NZZ: Der deutsche Fussball auf der Suche nach dem Selbstverständnis

FR: Über ein Pressegespräch mit Wolfgang Schäuble und Joseph Blatter an der Universität Paderborn

NZZ: Maradonas Erbe? Argentiniens Nationalmannschaft bangt um und baut auf seine Stürmer-Revelation Lionel Messi

Telepolis: Bürgerrechtsorganisationen sehen die WM als Einfallstor für Ausgrenzung, Abschottung und nationalen Sicherheitswahn

Deutsche Elf

Glanz

Ablenkungsmanöver für die Journalisten? Das Feuilleton der FAZ wirft Jürgen Klinsmann vor, mit dem jungen Stürmer David Odonkor seine restaurative Spielerauswahl zu schminken: „Mit der Einwechslung der Offensivkraft David Odonkor hat Klinsmann bewiesen, daß er den Gegner im Griff hat. Das sind ja für ihn nicht die anderen Mannschaften, sondern die Medien, diese stets rotgefährdeten Abstauber mit ihren fiesen Tricks und Doppelpässen: Bams-Beckenbauer-Bams-Bumms – statt zuzugeben, daß ihm angesichts seiner Abwehrlöcher mächtig die Pumpe geht – und er deswegen nicht nur ‚Routinier‘ Jens Nowotny reaktiviert, sondern auch noch in Kehl und Hitzlsperger gleich zwei Dieter-Eilts-Doubles in die offene Feldschlacht schickt. (…) Man habe Odonkor absichtlich vorher noch nie nominiert, um ihn nicht zu sehr unter Druck zu setzen – den Druck der Medien natürlich. Es bleibt Klinsmanns Geheimnis, warum er jetzt auf einen Spieler baut, den er für zu zartbesaitet für Worte ins Mikrophon hält, und vorher über zwei Jahre seine Torleute in einen Medienkrieg hetzte, bis die Bälle durch deren zitternde Finger glitschten. Wer Schonung braucht und wer Pressing, ist eine Frage der Taktik, und die kann sich bei Klinsmann täglich ändern. Odonkor werde in ’seiner jungen Mannschaft‘ (Altersdurchschnitt 26,3 Jahre) ‚gleich Anschluß haben‘. Was gerade noch nach einem Rückfall in kleinmütiges Sicherheitsdenken aussah, bekommt mit Odonkor den Glanz von jugendlichem Sturm und Drang. Klinsmann war noch stets einen Tick schneller am Ball als seine Gegner – eine Drehung, und er liegt wieder in Führung.“

FAZ: Nach der Nominierung – die Nationalelf vor dem „Teambuilding“

Welt: Mentaltrainer Jörg Löhr über Klinsmanns Aufgabe, ein Kollektiv zu formen, die Rolle der Spielerfrauen und das Vorbild Nowitzki

Spiegel: Miroslav Klose ist der Bundesligaspieler der Saison und Deutschlands Angriffshoffnung für die WM

SZ: Der Hersteller des WM-Maskottchens Goleo, die oberfränkische Nici AG, hat einen Insolvenzantrag gestellt. Der in der Öffentlichkeit als hosenloses Zottelvieh verspottete WM-Löwe kostete erst hohe Lizenzgebühren und blieb dann ein Ladenhüter

Dienstag, 16. Mai 2006

Internationaler Fußball

Image-Schaden

Gewalt i Stadion nach der Züricher Meisterschaft beim Spiel in Basel – Felix Reidhaar (NZZ) nimmt sie zum Anlaß, eine Diskussion über Moral zu entfachen: „Fest steht, dass in Basel unermesslicher Image-Schaden für den Schweizer Fussball und das Euro-08-Land angerichtet wurde. In einem Land, in dem gerne mit dem Finger auf verrohte Sitten in anderen Ländern gezeigt und verächtlich Spott über ausländische Krawallmacher andersartigen Temperaments und unterschiedlicher Mentalität – Beispiel Türken – geschüttet wird, sind Ordnung und Anstand in Sportarenen offenbar auch nicht gewährleistet. ‚Basel‘ als Einzelfall zu bezeichnen, würde der unwürdigen Situation nicht gerecht. Aufruhr von extremen Minderheiten gibt es regelmässig in anderen Fussballarenen des Landes. (…) Man kennt noch übergeordnete Ursachen dieses Gewaltphänomens in unserer Gesellschaft und der dadurch brüchig gewordenen Sicherheitssituation. Fanatismus, Subjektivität und Parteilichkeit scheinen ganz allgemein in ständigem Steigen begriffen. Wer sich – beispielsweise als Medienvertreter – der objektiven Darstellung im Klubfussball, aber auch des eigenen Nationalteams verpflichtet fühlt, wird mit Kanonaden elektronischer Sendungen aus einem im Internetzeitalter grenzenloser gewordenen Spektrum eingedeckt und kann sich unappetitlicher Fanpost zuweilen kaum erwehren. Auch unter Jungjournalisten wächst die Zahl der Aficionados. Strenge Sachlichkeit ist immer weniger ‚in‘, gefühlsmässiges Beteiligtsein immer mehr. Der Darstellung von eruptierenden Emotionen und martialischen Wortbildern in Zeitungen gilt das Augenmerk, was daraus in Sachen Nachahmungstrieb geschieht, bleibt für den Augenblick unerheblich. Was in jüngster Vergangenheit zudem an Gaunereien im Fussballgeschäft von Nachbarländern an die Oberfläche tritt, kann auch nicht als geeignete Vorbildfunktion dienen.“

Betrug an den Emotionen

Oliver Meiler (BLZ) erläutert den Sturz Luciano Moggis, des Generaldirektors von Juventus Turin, vor dem Hintergrund der Wahlniederlage Silvio Berlusconis: „Es ist schon eine merkwürdige Galerie gefallener Halbgötter, die in diesen Tagen die Italiener beschäftigt: Luciano Moggi und Silvio Berlusconi gehören dazu, außerdem die Herren mit den wohlklingenden Namen Bernardo Provenzano, Cesare Previti, Stefano Ricucci. Wie schnell sie doch alle fielen – in einem einzigen Monat. Einer nach dem andern: der Medientycoon, der Mafiaboss, der Magistratenschmierer, der Milliardenscheffler, der Mauschler des Fußballs. Und zwar seit den Parlamentswahlen. Es wäre verlockend zu sagen, der Fall des ersten Dominosteins – Berlusconis Abwahl – habe die anderen niedergerissen. Die Justiz habe sich erst dann frei gefühlt zu handeln. Doch dafür bedarf es etwas mehr historischer Distanz. In Italien passiert etwas, etwas Großes: Im besten Fall ein Paradigmenwechsel – sicher aber ein Oktavenwechsel im Grundtenor. Das Land wird sich über die eigene Unzulänglichkeit, über falsche Mythen und Tugenden bewusst. Am deutlichsten wird das am Skandal im Fußball. Im Calcio, dieser Passion von Millionen, diesem Kulturfaktor sondergleichen, diesem Spielplatz der Macht, der Mächtigen und der Milliarden. Man hatte denen da oben ja viel zugetraut. Aber den Betrug an den Emotionen, den erträgt das Volk nicht. (…) Warum gerade jetzt diese Erschütterung? Warum fallen die Götter der Schlitzohrigkeit gleichzeitig und reihenweise? Das letzte Mal fühlte sich das Klima in Italien vor etwa fünfzehn Jahren so ähnlich an. Anfang der neunziger Jahre wollten Mailänder Staatsanwälte den Korruptionssumpf von Tangentopoli, dieser Verfilzung von Politik und Wirtschaft der Ersten Republik, trocken legen. Zu einer dauerhaften Moralisierung hat es damals nicht gereicht: Im neuen, eben erst bestellten Parlament sitzen wieder 93 Politiker aus eben jener Ersten Republik. Politiker, deren Karriere zu Ende schien, befleckt für immer, definitiv.“

Der Mann, der den Calcio getötet hat

Birgit Schönau (SZ) schildert Moggis Weltferne: „Moggi verabschiedete sich von seinem alten Leben, derart am Boden zerstört, dass er Mitleid erregen musste. Die Gesichtsfarbe von ungesundem Gelb, die Augen hinter den dicken Brillengläsern mit Tränen gefüllt, die befehlsgewohnte Stimme brüchig wie die eines alten Mannes, sagte Moggi nur: ‚Ich bitte euch um den Gefallen, mir keine Fragen zu stellen. Ich habe keine Lust und keine Kraft, zu antworten. Ich habe keine Seele mehr, sie ist mir getötet worden.‘ Vielleicht war es der einzige authentische Moment in dem absurden Theater dieser Wochen – der Mann, der den Calcio getötet hat, klagte darüber, dass er seiner Seele beraubt worden sei. Das ist Moggis Wahrheit, die Wahrheit des bis vorgestern Allmächtigen, der nach Belieben Spiele verschieben und Tabellen diktieren konnte, weil ihm ein Hofstaat von Lakaien ohne Rückgrat, Würde und Moral dabei zu Diensten war. Dieser Fußball war die Seele des Luciano Moggi – Fußball wie er ihn verstand.“

Berappelt

Eine Meldung aus dem Lokalsport – die Wetzlarer Neue Zeitung schreibt über das Spitzenspiel der Kreisliga A (Wetzlar) SG Reiskirchen/Niederwetz–FSG Quembach/Kraftsolms 2:1 (0:1): „Der Gast erwischte Reiskirchen/Niederwetz in diesem Derby vor der stattlichen Kulisste von 300 Zuschauern eiskalt und zog durch Timo Sänger bereits nach sieben Minuten in Front. Allerdings berappelte sich die SG und versuchte die Angriffe der in der ersten Halbzeit starken Quembacher Elf einzudämmen. Dies gelang nach der Pause durch Tobias Semmlinger (67.), der den Ausgleich besorgte. Vor allem die Offensive der Gäste hatte die SG nun besser im Griff. Und durch Oliver Fritschs (74.) Treffer blieben die Punkte zudem bei der Heimelf.“

Internationaler Fußball

Der Fußball teilt die Italiener, doch er eint sie auch

Stefan Ulrich (SZ/Meinungsseite) lotet das Befinden der italienischen Seele nach dem Moggi-Skandal aus: „In so einem Land ist es mehr als ein Skandal, wenn sich das Spielfeld als Korruptionssumpf erweist. Es ist eine Katastrophe. Wer nach den Gründen für diesen tödlichen Ernst des Fußballspiels fragt, der muss in der Geschichte suchen. Italien ist nicht nur, wie Deutschland, eine verspätete Nation, sondern auch eine Nation wider Willen. Der viel besungene Risorgimento, die Einigungsbewegung im 19. Jahrhundert, war eher das Kabinettstück einer piemontesischen Elite, als dass er einer landesweiten Erhebung der Massen zu verdanken wäre. Bis heute ist die Verbundenheit vieler Bürger mit ihrem Landstrich, ihrer Stadt oder ihrem Wohnviertel ungleich größer als mit dem Staat. Dieser Campanilismo, der Lokalpatriotismus, tobt sich nicht mehr in militärischen Gemetzeln zwischen souveränen Stadtstaaten und Fürstentümern aus, sondern in Fußball-Schlachten rivalisierender Clubs. La squadra, die Mannschaft, gibt dem Turiner, Genuesen, Florentiner oder Neapolitaner jene Heimat zurück, die er in der großen Nation verloren hat. Ein 3:1 der Fiorentina, ein 1:0 der AS Roma bedeuten daher viel mehr als nur drei Punkte in der Tabelle. Sie sind ihren Anhängern ein Akt stolzer Selbstbestätigung und erfolgreicher Verteidigung der Heimat. Nur: Der Fußball hat noch eine zweite Dimension. Er teilt die Italiener, doch er eint sie auch. Die Liga-Spiele am Sonntag richten das ganze Land von Bozen bis Bari auf eine Sache aus. Zugleich sind die Nationalmannschaft und einige berühmte Vereine zum Stolz aller Italiener und zum Inventar der Staatsnation geworden. (…) Im Fußball wie im Staatswesen fehlt der Respekt für Recht und für Regeln. Nicht die bessere Leistung, sondern die besseren Beziehungen entscheiden allzu oft über Sieg und Niederlage.“

BLZ: Italiens scheidender Innenminister Pisanuist in den Moggi-Skandal verwickelt

Unterhaus

Ablenkung von der Krise

Javier Cáceres (SZ) notiert die Reaktion der Bundeskanzlerin auf den Aufstieg von Energie Cottbus: „Auch das politische Berlin war ergriffen, als Energie Cottbus aufgestiegen war, sogar der Sprecher der Bundesregierung wurde am späten Sonntagabend aktiviert. Angela Merkel ließ ausrichten, sie habe sich ’sehr‘ über den Wiederaufstieg der Lausitzer gefreut. War sie nicht in einem dieser Fälle von fußballerischer Bigamie neben dem FC Bayern München auch Hansa Rostock zugeneigt? Es sei ‚gut für den deutschen Fußball und gut für unser Land, dass wieder ein Verein aus Ostdeutschland in der Bundesliga spielt‘, übermittelte der Regierungssprecher. Die Chance, ihrem politischen Rivalen Kurt Beck eins auszuwischen, weil sein Kaiserslautern abgestiegen war, ließ sie aus. Es ist nicht überliefert, welchen Niederschlag die Verlautbarungen der Exekutive bei den Cottbusern fand und wie viele überhaupt noch im Stande waren, Informationen zu verarbeiten.“

Matthias Wolf (FAZ) fügt hinzu und verweist auf den Abstieg Dynamo Dresdens: „Energie hat eine ganze krisengeschüttelte Region in Verzückung versetzt. In Cottbus liegt die Arbeitslosenquote bei zwanzig Prozent, im Umland ist sogar jeder vierte ohne Job. Die Einwohnerzahl ist seit der Wende von 128.000 auf 100.000 im einst künstlich aufgeblähten Energiezentrum der DDR gesunken. Der Fußball kann die Probleme nicht beseitigen, aber er kann Ablenkung schaffen von den Sorgen. (…) Dynamo Dresden ist nur noch drittklassig. Viele Anhänger randalierten frustriert nach dem 3:1-Sieg in Rostock, der nichts mehr nützte. Präsident Jochen Rudi hatte noch vor der Saison einen Aufstieg binnen der nächsten drei Jahre visiert, nun geht es rückwärts. Der Etat sinkt von elf auf fünf Millionen Euro, mehrere Mitarbeiter des Vereins werden entlassen. Das Kontrastprogramm im Osten.“

FR: Energie steigt mit einem unbekannten Team in die Bundesliga auf – keine finanziellen Abenteuer

Deutsche Elf

Mutig und unorthodox

Michael Rosentritt (Tsp) geht bei Klinsmanns WM-Kader das Herz auf: „Jürgen Klinsmann ist eine Überraschung gelungen. Aber die heißt nicht David Odonkor, sondern – Jürgen Klinsmann. Der Bundestrainer ist wieder der, der er war, als er vor 22 Monaten die Verantwortung über die wichtigste Mannschaft des Landes übernahm: der ausländische Kandidat. Nie wieder ist er sich im Laufe seiner Amtszeit so nah gekommen wie bei der Bestimmung seines WM-Kaders. Wenn die Entscheidung in der Torwartfrage ein kleiner Fingerzeig war, so hat Klinsmann jetzt noch einmal kräftig ins Rad gegriffen. Wie damals hat er eiskalt entschieden, seine Überzeugung verbindlich mitgeteilt und alle Bedenken federnden Ganges weggelächelt. Kalifornien-Jürgen eben. Der Kader, mit dem er Weltmeister werden will, ist wie er: mutig und unorthodox, aggressiv und charmant.“

Aktionismus

Christof Kneer (SZ) blickt zurück und bezweifelt die Nachhaltigkeit von Klinsmanns Personalwechseln: „Aus der Ferne betrachtet – sagen wir: aus Kalifornien – ist dieses Aufgebot eine runde Sache, es hat sich ein Kreis geschlossen. In Berlin, beim Heimspiel gegen Brasilien im September 2004, hat Klinsmann einen Spieler namens Huth erfunden, und jetzt, wieder in Berlin, präsentiert er seinen jüngsten Fund namens Odonkor – Klinsmann, der Fußball-Kolumbus, der Jünglinge entdeckt wie noch keiner vor ihm. Aus der Nähe betrachtet – sagen wir: aus Deutschland – ist dieses Aufgebot eines, in dem kein Fahrenhorst auftaucht, kein Owomoyela, Görlitz, Schulz, Engelhardt und Sinkiewicz. Lauter gefeierte Klinsmann-Entdeckungen, die Klinsmann nun selbst für zu leicht befand. Natürlich kann ihm keiner vorhalten, dass er das Land auch personell erst mal runderneuert hat, doch drängt sich nun die Einsicht auf, dass außer Mertesacker keiner seiner elf Debütanten das Gesicht des Teams prägt. Wenn dieser Kader das Reformergebnis ist, wirken viele Personalien nachträglich wie Aktionismus.“

Mängelverwalter

Axel Kintzinger (FTD) hält das Aufgebot für durchwachsen: „Angekommen in der Realität ist Klinsmann nachweislich mit seiner Entscheidung, das junge Team mit erfahrenen Spielern zu stärken. Nowotny soll Mertesacker in der Innenverteidigung zur Seite stehen, und Neuville – ja, was soll eigentlich Neuville? Es ist doch mittlerweile eine stattliche Reihe biederer Spieler geworden, die Klinsmann da aufstellt. Es gibt Leute, die sehen Parallelen zwischen dem Fußball und der Gesellschaft, aus der er kommt. Wenn das stimmt, muss man bang fragen: Das soll das neue Deutschland sein? Hüftsteif wie Huth, mittelmäßig wie Friedrich, traurig wie Neuville? Klinsmann ist kein Reformer, er ist ein Mängelverwalter. Er ist kein Revolutionär, sondern ein Gefangener der Verhältnisse – einen Vorwurf kann man ihm daraus kaum machen.“

Unberechenbar und risikoreich

Michael Horeni (FAZ): „Hätte die WM vor drei Monaten stattgefunden, hätte er seinen Kader anders zusammengestellt, behauptet Klinsmann, und in einem halben Jahr wäre die Zusammensetzung der Mannschaft wieder anders ausgefallen. Dieses auf die Spitze getriebene Leistungskriterium wird vor allem für die von der Absage hart getroffenen Kevin Kuranyi und Fabian Ernst kein Trost sein, ebensowenig für Patrick Owomoyela. Dieses Trio gehörte fast über die gesamte Klinsmann-Zeit zum Kader, und selbst die zehn Tore, die Kuranyi im ersten Jahr unter diesem Bundestrainer erzielt hatte, verhalfen dem Stürmer nicht zur WM-Teilnahme. Mit seiner Kaderzusammenstellung hat Klinsmann, ebenso wie mit der Entscheidung für Jens Lehmann als ersten Torhüter, für sportliche Diskussionen wie seit vielen Jahren nicht mehr bei einer WM-Nominierung gesorgt. (…) Klinsmann geht, wie am ersten Tag als Bundestrainer angekündigt, seinen eigenen, unberechenbaren und risikoreichen Weg konsequent bis zum Ende. Aber dies hätte eigentlich niemanden mehr überraschen dürfen.“

Abkehr

Thomas Kistner (SZ/Seite 1) erkennt Zeichen des taktischen Rückzugs: „Klinsmanns WM-Kader überrascht nicht wegen der Personalie Odonkor, sondern weil er für die Abkehr von dem bisher so missionarisch beschworenen Weg zum Titelgewinn steht: Aggressives Angriffsspiel vor einem stürmisch mitgehenden Heimpublikum lautete die Zielvorgabe – nun soll sie ein Ensemble aus typischen Konterspielern erfüllen. Die Offensivkräfte Podolski, Neuville und Odonkor brauchen viel Aus- und Anlauf, das gibt es nur, wenn der Gegner Druck entfacht.“ Andreas Rüttenauer (taz) zuckt mit den Schultern: „So richtig schade wird es niemand finden, wenn Kuranyi nicht derart vor den Toren der WM-Gegner herumstümpern wird, wie er es zuletzt in der Bundesliga getan hat. Auch die pomadigen Auftritte von Ernst wird wohl niemand vermissen. Und Owomoyela, der fast immer mehr Fehler als gelungene Aktionen produziert, hätte der Mannschaft auch nicht unbedingt weitergeholfen. Selbst wenn sich die Deutschen bei der WM blamieren sollten, werden die wenigsten den Grund dafür in der Nichtberücksichtigung von Kuranyi, Ernst und Owomoyela sehen. Besonders mutig war sie also nicht, die Entscheidung Klinsmanns.“ Frank Hellmann (FR) faßt zusammen: „Wenn Klinsmann eines bewiesen hat, dann dies: Er bleibt ein unberechenbarer Zeitgenosse.“

FAZ: David Odonkor, der Hochgeschwindigkeitsfußballer
SZ: Odonkor dürfte der schnellste Spieler der WM werden – er läuft die 100 Meter in 10,7 Sekunden

Tsp: Kevin Kuranyi, der Verlierer

SpOn: Experten meckern, Fans zetern, doch die Auswahl des Bundestrainers ist mutig und logisch – mit einer Ausnahme: Mike Hanke
faz.net: Reaktionen auf die Nominierung

SZ: Aus London – Michael Ballacks böses „Servus“ nach München

FAZ: Luckenwalder Jahrhundertspiel gegen die Nationalelf – Märchen mit ungewissem Ende
faz.net: Video über den FSV Luckenwalde

Montag, 15. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Lauter potenzielle Untote

Fußball im Fernsehen, und Marcus Bäcker (BLZ/Media) stampft mit dem Fuß: „Es ist ja unbestritten, dass der Fußball nicht zuletzt von Emotionen lebt. Die Sportberichterstattung im Fernsehen vergisst darüber aber häufig die andere Seite des Spiels, bei der es um Strategie und Taktik geht – Dinge, die dem Publikum offenbar niemand zumuten will am Samstagabend, dem traditionellen Unterhaltungsplatz. Und so wird Fußball weiter zum Event aufgeblasen, mit künstlich aufgeregten Reportern, bedauerlichen Sprachspielorgien und scharfem Blick für das Nebensächliche. In der Sportschau sorgte das Spiel Wolfsburg gegen Kaiserslautern für eine Begeisterung, die sich offenbar nur noch mit Hilfe der Metaphysik ausdrücken ließ. Nicht genug damit, dass mal wieder der ‚Fußballgott‘ bemüht wurde. Torschütze Makiadi brachte es nach Meinung des Reporters fertig, sich ‚unsterblich in die Herzen der Fans‘ zu spielen, was offenbar Vorbildcharakter hatte: Auch die ‚Teufelchen‘ aus Kaiserslautern gaben sich fortan Mühe, ‚unsterblich‘ zu werden. Lauter potenzielle Untote, es war erschreckend. Dennoch hat die Sportschau gegenüber der Konkurrenz immer noch etliche Vorzüge. Wer in dieser Saison wirklich leiden wollte, musste nur mal das DSF einschalten. Wenn dieser Sender so weitermacht, wird er demnächst von jedem Einwurf drei Wiederholungen zeigen, derweil der Reporter launig das neuste Spiel fürs Mobiltelefon anpreist. Dagegen sind unsterbliche Teufelchen liebenswerte Boten. (…) Wir hätten auch gerne etwas Substanzielles über eine Saison gehört, die eindrucksvoll demonstriert hat, dass es um den deutschen Fußball derzeit nicht gut bestellt ist – auf dem Rasen nicht, und auch nicht im Fernsehen.“

Viele Dehnübungen

Fernsehkucker Bernd Gäbler (TspaS/Medien) verweist auf eine Ausnahme: „Vieles wurde extra zur WM erdacht und funktioniert gerade deswegen nicht. Ganz anders kommen die ‚Helden der Kreisklasse‘ daher, die Kabel 1 leider auf eine späte Stunde verlegt hat. ‚Nie mehr zehnte Liga!‘ – das ist das Motto des SSV Hacheney, der vom stets fröhlich lispelnden Manni Burgsmüller kumpelhaft gecoacht wird. Trotz Zulauf und TV-Präsenz sind die Mannen um ‚Knipser‘ Olli Welner – der technisch versierte, dünnbeinige Sascha und Lars, der abnehmen musste, Deniz und Mustafa, ‚Pommes‘ und der Kassenwart im Tor – überraschend uneitel geblieben. Diese charmante Doku-Serie singt ein Loblied auf den Fußball an der Basis und auf Ascheplätzen. Sie könnte ein Vorbild sein für die Dritten Programme, die wie das Südwest-Fernsehen ihr Geld lieber für PR-Magazine wie ‚Treffpunkt Betzenberg‘ vergeuden. Im Fernsehen ist es wie vor dem richtigen Spiel: Zum Aufwärmen gibt es kaum Ballzauber, aber viele Dehnübungen.“

TspaS: Der dunkle Fürst des Fußballs – Joseph Blatter ist unangefochtener Chef der Fifa; ein Verfahren um die Sportmarketingfirma ISL könnte ihm zum Verhängnis werden

TspaS: Zur Laune der Nation – noch 26 Tage bis zur WM, ein Land zwischen Vorfreude und Vorängsten. Eine Reise durch deutsche Stimmungen

NZZaS: In Italien endet die Meisterschaft, aber das Chaos wächst stündlich

FR: Tiefer Ekel im italienischen Fußball – allmählich kommen Details der Machenschaften im Calcio ans Licht / Gewalt gegen Schiedsrichter

FAZ: Berlin, Basel, Warschau – Hooligans randalieren vor der WM

BLZ: Beim Oberligaderby zwischen dem BFC und Union Berlin machen wie befürchtet Hooligans mobil

Bundesliga

Geteilt in Leistungsklassen

Peter Heß (FAZ) sucht lange nach Memorabilien der abgelaufenen Saison: „Es ist eine Saison zu Ende gegangen, die den meisten nicht lange im Gedächtnis bleiben wird. Die Szenen, die haftenblieben, waren fast alle unerfreulich: der Kopfstoß des Duisburger Trainers Meier gegen den Kölner Streit, die Ausraster des Kölners Alpay, die unzähligen Ellbogenchecks bei Kopfballduellen. Und auch die Erkenntnis des Jahres löst keine Begeisterungsstürme aus: Es stimmt nicht mehr, daß in der Bundesliga jeder jeden besiegen kann. Noch nie teilte sich die Liga so deutlich in Leistungsklassen. Zuerst Krösus München, der geschäftsmäßig seine substantiellen Vorteile verwaltete, dann die drei Verfolger Werder, HSV und Schalke, wobei die Gelsenkirchener am Ende auch noch schwächelten. Leverkusen hob sich allein dank eines energischen Schlußspurts vom grauen Rest – oder dem Rest des Grauens – ab. (…) In den hinteren Regionen der Tabelle arbeiten Mainz, Frankfurt und Bielefeld ganz unaufgeregt mit einem gesunden Blick auf das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag. Sie, die unscheinbar Erfolgreichen, sind die wahren Sieger einer unscheinbaren Saison, in der lediglich Werder Bremen und namentlich Miroslav Klose häufiger für den Glitzer sorgten.“

Meister der Mittelmäßigen

Markus Völker (taz) kann den Zuschauerrekord der Bundesliga nicht erklären: „Paradox ist dass die Zuschauer in die Stadien strömen, als sähen sie dort Neuauflagen der römischen Gladiatorenkämpfe samt Löweneinsatz und finalem Gemetzel. Aber solch dramatische Szenen spielen sich in den antiseptischen Arenen nicht ab, im Gegenteil, hier ist Borussia Mönchengladbach zu sehen oder Hertha BSC Berlin, Meister der Mittelmäßigen. Warum verzeichnet die Liga dennoch einen Zuschauerrekord? Sind die Leute noch ganz bei Trost? Ist der deutsche Fußballfan vielleicht ein Allesfresser und schluckt mit einem Happs, was rund ist und rollt? Oder hat die Nation den Fußball-Hedonismus noch nicht für sich entdeckt? Wie sollte sie auch in den Genuss ästhetischer Szenen kommen: Die exzentrischen Spielzüge, der flüssige Stil wird nicht im Land der Nowotnys, Ernsts und Kuranyis geprägt. Schon eher in England oder am Mittelmeer – auch wenn sich da manchmal die Korrupten den Ball zupassen.“

Man sucht neue Freund

Jan Christian Müller (FR) knirscht nach dem Wolfsburger Klassenerhalt mit den Zähnen: „Der VfL Wolfsburg wird kommende Saison sein zehntes Spieljahr in der Bundesliga erleben. Manche sagen, das seien ohnehin schon zehn Jahre zu viel. Aber Geschäftsführer Klaus Fuchs, ein sympathischer Mann ohne Allüren, ist jetzt voller Hoffnung: ‚Diese Krise ist eine Chance für Wolfsburg. Sie stärkt diesen Klub, weil hier jetzt begriffen wird, was Fußball bedeutet. Tränen, Angst, mitfiebern, alles geben auf den Rängen – das schweißt zusammen.‘ Man wird sehen, was in Wolfsburg passiert, wenn wieder der ganz normale Alltag im Niemandsland der Tabelle eingetreten ist. In dieser Saison hat der Klub mit dem doppelten Personalkostenaufwand wie Kaiserslautern operiert. Vielleicht musste deshalb erst der unverbrauchte, 22 Jahre alte Cedrick Makiadi daher kommen, um aus dem Strudel wieder aufzutauchen. (…) Der VfL wird noch in dieser Woche zum Freundschaftsspiel gegen eine Harz-Auswahl antreten. Man sucht neue Freunde in der Region.“

Die Grätschen des Hattori Hanzo

Javier Cáceres (SZ) erwartet einen großen Schnitt in Wolfsburg: „Dass sich der Abstieg vermeiden ließ, war vor allem einem Mann aus Kongo zu verdanken gewesen, Cedrick Makiadi. Dass er zur entscheidenden Figur werden würde, war zunächst alles andere als absehbar gewesen. Nahtlos hatte er sich in das bisweilen mitleiderregende Spiel der Wolfsburger eingepasst. Den Ausblick aufs kommende Geschäftsjahr versagte sich Klaus Augenthaler; im Rückblick aber waren erste Umrisse der Generalabrechnung zu erkennen, die in den kommenden Tagen folgen soll. Auch in der Klubführung hat man die Notwendigkeit eines Wandels erkannt; und das nicht nur, weil der VfL 66 Minuten den Abstieg fühlte. Der Wille, sich gegen den Abstieg zu stemmen, sei schon am Vorabend zu erkennen gewesen. Er dürfte auch den groben Umgang auf dem Platz erklären, insgesamt gab es elf gelbe Karten, so manche Grätsche und Ellbogenaktion hätte auch gut in ‚Kill Bill‘ von Quentin Tarantino hineingepasst.“

Aus der Vergangenheit gelernt

Die Welt beschreibt die neue Wolfsburger Demut: „Im Regenerationslager am Wörthersee soll aufgearbeitet werden, wieso der selbsternannte Anwärter auf einen Champions-League-Platz nur 15. wurde. Klaus Augenthaler, der im Januar Holger Fach abgelöst hatte, holte noch zwei Punkte weniger, wird aber von Schuld freigesprochen. Der heterogene Kader soll verändert und verkleinert werden. (…) Der Mehrheitseigner der Fußball GmbH, Volkswagen, mußte zuletzt mehrmals in Vorleistung treten und erwartet entsprechende Rückzahlungen. Erfolge auch, aber die werden vorerst anders definiert. Ein einstelliger Platz ist das Ziel für die Saison 2006/2007.“

Wie ein Gewerkschaftsfunktionär

Nach dem Abstieg mit Kaiserslautern – Roland Zorn (FAZ) versetzt sich in Wolfgang Wolf: „Den Abstieg hat er nicht zu verantworten. Dieser Coach hat im Gegenteil fast alles richtig gemacht: 24 Punkte in 21 Spielen geholt, verbrauchte Spieler durch Talente aus dem eigenen Nachwuchs ersetzt und das zwischenzeitlich poröse Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen denen auf dem Platz und denen auf den Rängen wieder gestärkt. 8.000 leidenschaftliche Anhänger dieses Traditionsklubs haben die Lauterer auf ihre vorerst letzte Dienstreise erster Klasse begleitet. Doch was kommt nun? Wolf nutzte die fürs erste letzte Gelegenheit, auf großer Bühne etwas für sich und sein Projekt Wiederaufstieg zu tun, indem er ultimativ Forderungen wie ein Gewerkschaftsfunktionär am Beginn harter Tarifverhandlungen stellte. Während der scheidende Vorstandsvorsitzende Rene Jäggi ausnahmsweise den Part des Seelentrösters und nicht den des Zahlensanierers spielte, ließ sich Wolf von niemandem daran hindern, seine Sicht der Dinge überdeutlich hervorzuheben. ‚Wir haben zwölf Spieler unter Vertrag. Damit ist der Zweitligaetat schon aufgebraucht. Wir können uns nicht wieder zu Tode sparen. Mit der Mannschaft, die ich jetzt zur Verfügung habe, spielen wir in der zweiten Liga gegen den Abstieg. Ich brauche auch noch ein paar erfahrene Spieler. Vier Jahre zweite Liga kann ich den Fans in Kaiserslautern nicht zumuten. Wenn man noch den einen oder anderen Leistungsträger verkauft, gibt es den Trainer Wolf hier nicht mehr.‘ Sätze, die nach starkem Tobak dufteten – und tags darauf schon wieder relativiert wurden.“

BLZ: Der 1. FC Kaiserslautern steht nach dem Abstieg vor dem Ausverkauf; Wolfgang Wolf droht mit dem Rücktritt
taz: Der sportliche Abstieg Kaiserslauterns spiegelt und besiegelt endgültig den Niedergang eines vergessenen Provinzvölkchens
faz.net: Bildstrecke vom Abstieg Kaiserslauterns

Gefühlte Meisterschaft

2. Platz mit Werder Bremen – Christian Kamp (FAZ) ergründet die Ausgelassenheit bei Thomas Schaaf und Klaus Allofs: „Man kannte Schaaf und Allofs bislang auch in Extremsituationen eher als nüchterne und besonnene Menschen. Doch mit dem Abpfiff dieser für Werder Bremen wieder einmal aufregenden Saison gaben sie jede Zurückhaltung auf und wagten an der Seitenlinie ein Tänzchen, wie man es von den beiden noch nicht gesehen hatte. Das Geschehen auf dem Rasen sah nicht nur aus wie eine Meisterfeier, für die überglücklichen Bremer war es tatsächlich eine. ‚Für uns ist der zweite Platz wie eine Meisterschaft‘, sagte Allofs. Der zweite Rang als gefühlte Meisterschaft – für Werder bedeutete der Platztausch mit dem HSV mehr als nur den virtuellen Titel des Nordmeisters, weil er am Ende trotz aller Kampfansagen der vergangenen Woche so unverhofft kam.‘“ Ralf Wiegand (SZ) fügt an: „In diesem Moment hätte man sich über nichts gewundert. Zum Beispiel hätten ein paar muskulöse Roadies auf die Schnelle ein Podium im Mittelkreis zusammenzimmern und die Stadiontechniker ihre verstaubte Konfettikanone aus den Katakomben holen können. Kurz darauf wäre Liga-Präsident Werner Hackmann mit einem Pokal unter dem Arm und unter den Pfiffen des Hamburger Publikums in die Arena getrippelt. Diesen Pokal hätte er alsbald an Uwe Seeler, der sowieso da war, weitergereicht, der ihn wiederum an Torsten Frings, den Kapitän von Werder Bremen, übergeben hätte. Tusch, Kanonenknall, grün-weißer Konfetti-Regen. Und dann hätten die Helfer rasch eine Bande fürs Gruppenfoto aufgestellt mit der Aufschrift: Best of the rest 2005/2006: Werder Bremen.“

Grotesker Fehlschuß

Frank Heike (FAZ) versteht die Welt nicht mehr: „Niemand wollte sich am Samstag mit den Eventualitäten des Sommers beschäftigen. Denn der HSV hatte sich in diesem atemraubenden Fußballspiel selbst im Weg gestanden. Vor allem in Person des Gefühlspsychologen Ailton. Mit jeder Fernsehwiederholung wurde sein Millionen-Fehlschuß grotesker.“ Jörg Marwedel (SZ) holt tief Luft: „Ausgerechnet Ailton war im Duell mit seinem alten Klub Werders nützlichster Helfer gewesen. Zwei fast hundertprozentige Chancen hatte der Brasilianer vergeben. Es wäre das 2:1 und wohl die Vorentscheidung in diesem dramatischen Spiel gewesen, dem Miroslav Klose mit einem grandiosen Treffer eine andere Wende gab.“

Zu traurig um zu schimpfen

Axel Kintzinger (FTD) bemängelt Schiedsrichter Merks Leistung: „Ein herbes Männerparfüm (Hopfen und Malz) ausdünstend, tobten die Profis wie ausgelassene Kinder durch die Stadionkatakomben, nur wenige Meter entfernt von den schmallippigen Hamburgern, die nicht so recht wussten, ob sie sich mehr über sich selbst oder über Merk ärgern sollten. Der deutsche WM-Referee hatte nämlich einen rabenschwarzen Tag erwischt und neben anderen fragwürdigen Pfiffen zwei elfmeterreife Zusammenstöße im Bremer Strafraum für Werder, eine ähnliche Situation auf Hamburger Seite aber gegen den HSV entschieden. Dass Doll da nur ‚Fingerspitzengefühl‘ vermisste, war höflich. Wahrscheinlich aber war der Mann einfach nur zu traurig, um deftiger zu werden.“ Boris Herrman (BLZ) macht sich Gedanken über die Zukunft des HSV: „Es zeichnet diesen Thomas Doll aus, dass er selbst dann mit Würde leidet, wenn er sich benachteiligt fühlt. Doll beklagte stattdessen, dass seine Mannschaft in den entscheidenden Momenten nicht zugeschlagen habe. Womit er Recht hatte – im Bezug auf dieses Spiel als auch auf die ganze Saison. Ob das im kommenden Jahr besser wird, ist nun mehr als fraglich. Durch den Ausfall der eingeplanten zehn Millionen Euro für die direkte Champions-League-Qualifikation, fehlt dem Verein das Geld für einen durchschlagskräftigen Angreifer. Das wiederum könnte eine Kettenreaktion auslösen, die den Verein im schlimmsten Fall zurück ins Mittelmaß wirft.“

Ausbildung mit Lücken

Trauer in Hamburg – ein Gemälde von Frank Hellmann (FR): „Mit dem Abpfiff wirkte Dino Hermann genauso orientierungslos wie alle in rot-weiß-blauen Farben. Das Plüschwesen reckte Hilfe suchend den Kopf nach rechts und links, doch der Anblick für das Maskottchen des Hamburger SV muss ein furchtbarer gewesen sein – um ihn herum nur fassungslose Menschen. Nicht einmal Timothee Atouba, der notorisch gut gelaunte Linksfuß, reichte zum Tänzchen das Händchen. Also hat der Mann, der in Dino Hermann steckt und einst für ziemlich viel Geld von HSV-Marketingchefin Katja Kraus zur Ausbildung in die USA geschickt worden war, genauso deplatziert im Mittelkreis herumgestanden wie all die anderen Protagonisten in kurzen Hosen. Das Szenario des kollektiven Jammers ist in Dinos US-Ausbildung sicher nicht geprobt worden.“

Ohne großspurige Versprechen

Elisabeth Schlammerl (FAZ) hält die Pfiffe der Bayern-Fans gegen Michael Ballack für kleingeistig: „Ballack und Bayern, das war sicher beiderseits nie die ganz große Liebe. Das Münchner Fußballvolk zeigte sich auch deshalb so wenig tolerant, weil Ballack um seine Zukunft lange ein Geheimnis machte. Daß er in München zuletzt nicht mehr den ganz großen Anklang fand, hatte auch mit mancher kritischen Aussage der Klub-Offiziellen über den scheidenden Star zu tun. Uli Hoeneß war wenigstens zum Schluß um Harmonie bemüht. Er erhob sich deshalb kurz nach dem Anpfiff von seinem Platz auf der Bank und marschierte entschlossenen Schrittes in die Kurve, um die Fans zu beruhigen und daran zu erinnern, daß die Ära Ballack so erfolglos nicht gewesen sei. In vier Jahren hat der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft immerhin dreimal das Double gewonnen. Daß die Mannschaft zuletzt international nicht mithalten konnte mit den Großen Europas, hat nicht unbedingt mit Ballack zu tun – die Bayern sehen sich finanziell gegenüber den italienischen, spanischen und englischen Spitzenklubs benachteiligt. Auf dem Rathausbalkon war im Überschwang der Meistergefühle in der Vergangenheit schon so manches großspurige Versprechen gegeben worden, das nicht gehalten werden konnte. Dieses Mal wurde nicht viel geredet hoch über dem Marienplatz, sondern vor allem gesungen.“

FR: Die Kölner Fans feiern und verabschieden Lukas Podolski – und die Vereinsführung tut so, als sei dessen Abgang kein Thema

Rechtschaffener Binnenschiffer

Klaus Hoeltzenbein (SZ) kommentiert die Entlassung Horst Köppels in Mönchengladbach: „Natürlich, es gab einiges zu kritteln an Opa Horst, oder Horstle, wie der 57-Jährige fast schon beleidigend-verniedlichend genannt wurde. Mit Kritik hatte er Probleme, an der Aufstellung gab es immer mal was zu mäkeln (wo ist das nicht so?), die Rückrunde verlief zartbitter, und er war sicher kein Freund von Powerpoint-Präsentation und allem, was sich zuletzt hinter dem modischen Begriff des Konzeptfußballs als innovativ versammelte. Aber Köppel hat Verdienste – dennoch sah er sich vom ersten gemeinsamen Tag an einem jede Autorität aushöhlenden Prozess der Demontage durch Manager Peter Pander ausgesetzt. (…) Köppel erreichte das beste Klub-Ergebnis seit einem Jahrzehnt, führte Hochbegabte (Marcell Jansen, Eugen Polanski) in der Liga ein, und trotzdem: Das Geschäftsergebnis wird kühn von der Personalentscheidung abgekoppelt. So kennt es Pander aus seinem früheren Leben. Er war beim VfL Wolfsburg und bei VW.“

Jan Christian Müller (FR) fühlt sich von Pander veräppelt: „Pander hat gestern einen Satz formuliert, der ihm heute beim Nachlesen unter Umständen peinlich sein könnte. Er ließ wissen, man habe sich von Köppel ‚im beiderseitigen Einvernehmen‘ getrennt. So doof ist die interessierte Öffentlichkeit dann aber doch nicht, als dass sie derlei Verniedlichungen glauben würde. Es sei denn, unter ‚beiderseitigem Einvernehmen‘ sei lediglich zu verstehen, dass man sich nicht am Ende noch zünftig einen auf die Glocke gehauen oder mit Vollspann ins Hinterteil getreten hätte. Im Grunde hat Pander nie gewollt, dass Köppel nach seiner geglückten Rettungsaktion für die alte Dschunke Borussia weiterhin mit dem Kapitänspatent versehen auf der Brücke stehen darf. Pander hält Köppel vielleicht für einen rechtschaffenen Binnenschiffer, der einen Rheinkutter unfallfrei bis Düsseldorf bringen kann, niemals aber für einen Käptn auf hoher See.“

Ascheplatz

Vorstufe der Insolvenz

Daniel Theweleit (BLZ) blickt in die Schalker Vereinskasse, nachdem bekannt worden ist, daß Vorstandsmitglieder dem Klub Millionen-Kredit gewähren: „Vor dem Hintergrund der offenkundigen Liquiditätsprobleme ist der Vorwurf der Insolvenzverschleppung nun besonders brisant. Die Anleihen bei den Aufsichtsräten sind ein Indiz dafür, dass Geld für den laufenden Betrieb fehlt, und das ist die Vorstufe einer Insolvenz. Dabei geht es keineswegs nur um den Klub Schalke 04, sondern um das Unternehmenskonglomerat mit insgesamt 16 Tochterfirmen: Stadionbetrieb, Catering, Ticketing, Security oder Gesundheitszentrum. Auf Grund dieses komplizierten Geflechts mit seinen Möglichkeiten, Geld hin und her zu schieben, aber auch mit seinen Gefahren plötzlicher Verluste eines Geschäftszweiges, ist die Situation des Konzerns nur schwer durchschaubar. Die Versuchung zu riskanter Finanzjonglage wird durch solch eine Konstruktion nicht gerade geringer.“

Samstag, 13. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Jens Lehmann ist besser

Aus einem Spiegel-Interview mit Ray Davies, dem Kopf der Kinks
Spiegel: Was ist so schlimm an „Pop Idol“? Alle machen es nach. Bei uns heißt es „Deutschland sucht den Superstar“.
Davies: Es ist ekelhaft. Es ist billig. Die größte Lüge besteht darin, dass hier das System neue Stars züchtet, lauter Robbie-Williams-Kopien. Große Musiker aber erkämpfen sich immer ihren eigenen Weg in das System – gegen das System.
Spiegel: Sie selbst hat das Popstar-Leben fast in den Selbstmord getrieben, 1973 landeten Sie mit einer Tablettenüberdosis im Krankenhaus.
Davies: Stimmt. Aber ich bin ein schrecklich schlechter Selbstmörder. Ich kriege es einfach nicht hin. Im Ernst: Das damals war ein Unfall. Ich fühlte mich total down und bekam Pillen. Ich nahm einfach eine zu viel. Heute denke ich in Momenten des Selbsthasses: Wenn ich mich wirklich bestrafen will, dann lebe ich einfach weiter. Es ist wie mit diesem deutschen Torwart …
Spiegel: … Oliver Kahn?
Davies: Ja, man dachte, der Kerl bringt sich eher um, als die Nummer zwei zu sein. Nun findet er sich ab. Und wenn Sie mich fragen: Jens Lehmann ist besser. Nicht nur weil er für Arsenal spielt – mein Team, seit ich mit fünf zum ersten Mal im Stadion war. Lehmann hat Arsenal im Champions-League-Halbfinale gerettet. Kann sein, dass er ein wenig seltsam ist. Aber Torhüter müssen verrückt sein.

Ich glaube, man muß viel individueller trainieren

Bixente Lizarazu spricht mit der FAZ über deutsches Training: „Jeder weiß, daß die Taktik-Kultur in Deutschland nicht berühmt ist. Als ich 1997 in Deutschland ankam, gab es eigentlich gar keine Taktik. Sie bestand aus Zweikampf, und das war’s. Es ging bei Bayern Schritt für Schritt voran, vor allem mit Ottmar Hitzfeld. Wir haben dann mit der Viererkette begonnen, und da brauchst du eine Taktik. Aber obwohl heute immer mehr Teams mit Viererkette spielen, ist Taktik in Deutschland noch immer nicht besonders wichtig. Allerdings finde ich grundsätzlich, daß es nirgendwo eine große Entwicklung im Fußball oder Änderungen beim Training gegeben hat. Es ist noch das gleiche wie vor 20 Jahren, außer daß wir mehr Krafttraining machen. Dabei können wir viel von anderen Sportarten lernen. Ich glaube, in der Zukunft muß man viel individueller trainieren. Wir machen alle das gleiche, aber wir spielen nicht alle die gleiche Position, wir haben auch nicht alle die gleichen körperlichen und technischen Voraussetzungen.“

taz: Eine klimaneutrale WM hatten die Organisatoren versprochen; das Ergebnis ist mäßig

NZZ-Interview mit Otto Pfister, dem Nationaltrainer Togos

FR: Die Pressearbeit von Bayern München gilt im Fußball als vorbildlich

Sehr lesenswert! Zeit-Interview mit Christoph Metzelder

Allgemein

Europas Entwicklungslabor

Stefan Hermanns (Tsp) hält den Uefa-Cup für unterschätzt: „Der Uefa-Cup ist in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Art Entwicklungslabor für technisch und taktisch anspruchsvollen Fußball geworden. Völlig zu Unrecht gilt der Wettbewerb weiterhin als Abfallprodukt der Champions League, in Wirklichkeit ist er die perfekte Vorbereitung auf die Champions League. (…) Der kleinere der beiden Europapokalwettbewerbe ist von der Uefa vorsätzlich dem Verfall preisgegeben worden, er leidet – als Folge der allgemeinen Geldgier – an einem verkopften Modus, unter idiotischen Anstoßzeiten und dem daraus folgenden Desinteresse der Fans. Doch punktuell kann der Uefa-Cup immer noch seinen alten Zauber entfalten.“

Ein mögliches Markenzeichen im europäischen Fußball

FC Sevilla–FC Middlesbrough 4:0 – Roland Zorn (FAZ) sah im Finale zwei Welten aufeinanderprallen: „Der FC Sevilla schwang sich heraus aus der internationalen Anonymität. Wenn er mit seinem technisch hochklassigen Tempofußball über die Flügel so weitermacht, kann auch er zu einem Markenzeichen im europäischen Fußball werden. Der FC Middlesbrough ist sogar schon 130 Jahre alt – und so altertümlich agierte er auch in der ersten Halbzeit. Erst danach nahmen die Engländer die Chance, wenigstens einmal dem sonst rund um diesen Klub üblichen Mittelmaß zu entfliehen, offensiv an. Dabei wollten die Spieler ihrem Coach McClaren, der nach der WM englischer Nationaltrainer wird, das allerschönste Abschiedsgeschenk nach fünf gemeinsamen Jahren machen. Daraus wurde nichts. ‚Das darf nicht das Ende sein‘, lautete das Vermächtnis des rotwangigen, rotblonden McClaren, ‚das ist erst der Anfang, eine Plattform, von der aus die Spieler noch mehr erreichen können. Sie müssen nur daran glauben.‘ Doch das mit dem Glauben ist so eine Sache. Zumindest in der Unterabteilung Aberglauben. Als nämlich Middlesbrough seinen bisher einzigen Erfolg in der Vereinsgeschichte feierte, steckten sich Spieler und Trainer zur Feier des Tages eine rote Rose ins Knopfloch. Als sie auch in Eindhoven im Namen der Rose auftraten, wirkte der Zierat welk.“

Zwingend logisch und doch verwunderlich

Raphael Honigstein (SZ) prophezeit Sevilla eine gute Zukunft: „Ein derart einseitiges Endspiel hat man selten gesehen. Sevilla führte die Engländer mit immens variablem, technisch hochwertigem Kombinationsfußball von Anfang bis Ende nach allen Regeln der Kunst vor. Der Ball rollte vorne intuitiv, also vollkommen unberechenbar. Ein Chaos-System, nahe am Ideal. Wahrscheinlich spielt die Truppe in der nächsten Saison da, wo sie hingehört – in der Champions League. Zwingend logisch war der Triumph, aber doch verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Sevilla jedes Jahr seine besten Spieler abgibt.“ Auch Michael Jahn (BLZ) sieht Sevilla als das dominante Team: „Selten hat eine Mannschaft in einem Europacup-Endspiel die andere so dominiert wie Sevilla die ausgelaugt und ideenlos wirkenden Profis aus Middlesbrough.“

Ordnung muss sein

Andreas Morbach (FTD) würde deustchen Schiedsrichter gerne den Hemdkragen lockern: „Herbert Fandel darf bekanntlich nicht bei der WM pfeifen, deswegen wollte er es allen zeigen. Und tatsächlich: Groß war sein Spiel, weil erfrischend frei von der für ihn typischen Kleinlichkeit. Der Musiklehrer ließ, wenn es nur irgendwie ging, das Spiel weiterlaufen, er fiel auf keinen einzigen falschen Faller ein und verteilte die gelben Karten spärlich und sehr spät, erst als gutes Zureden nichts mehr half. Kurz: Sein Stil war international, die Qualität auch. Doch mit dem Abpfiff, als Zehntausende Sevilla-Fans sich die Stimmbänder in einem Rausch kaputtsangen, verwandelte sich Fandel auf einmal wieder in den alten Bundesligaschiedsrichter zurück. Ein halbes Dutzend siegreicher Spanier sprach bei ihm im Mittelkreis vor, um den Spielball mitzunehmen: Fandel wies sie allesamt kühl ab. Da half kein Bitten und kein Flehen. Sevillas größter Erfolg in der 100-jährigen Vereinsgeschichte, die vielen vor Freude weinenden Menschen – das berührte ihn nicht. Sollte vor lauter Lärm seinetwegen ruhig das Stadion auseinander klappen. Den Ball behielt er. Ordnung muss sein.“

Bundesliga

Versöhnung

Oliver Trust (FAZ) schildert die Stimmung in Kaiserslautern vor dem Spiel in Wolfsburg: „Eine Mannschaft hat den Teamgeist wiederentdeckt und stellt ihn deutlich zur Schau. Sie kehrt heraus, wie sehr sich die Gefühlswelt der Pfälzer wandelte, seit auch die vielen jungen Spieler mitwirken und mit ihrer Unbekümmertheit auch die Älteren beflügelten. Es bleibt aber der Zweifel, daß diese Aufbruchstimmung zu spät kommen könnte.“ Tobias Schächter (SZ) weist auf die Gefahr hin, die in Kaiserslauterns Abstieg liegt: „Tradition gegen Retorte, so wird dieses Spiel von vielen Fans wahrgenommen, die Sympathien liegen auf Seiten der Lauterer. Auch das ist eine unerwartete Wendung für den jahrelang als Chaosklub aus der Provinz wahrgenommenen FCK. Selbst im Falle des Abstiegs besteht die Chance auf Versöhnung zwischen dem Klub und seinen leidgeprüften Anhängern. ‚Auswärtssieg, Auswärtssieg‘, riefen die Fans nach dem 1:1 gegen die Bayern ihrer Mannschaft hinterher, so laut, wie man es seit dem Gewinn der letzten deutschen Meisterschaft 1998 nicht mehr gehört hat. Dieser Stimmungswandel ist vielleicht noch erstaunlicher als die Tatsache, dass der Klub überhaupt noch die Chance hat, dem Abstieg zu entgehen. Es sind die Talente aus dem eigenen Nachwuchs, die der Mannschaft neues Leben und dem Publikum wieder ein Gefühl der Identifikation geschenkt haben. (…) Während der VfL bei einem Abstieg noch mindestens ein Jahr lang die üppigen Alimente des VW-Konzerns erwarten darf, ginge der FCK mit einem Etat von nur neun Millionen Euro in die Zweitligasaison und vieles, wie zum Beispiel die Bewertung der im Sommer endenden Ära des Vorstandsvorsitzenden Rene C. Jäggi, würde erneut hinterfragt werden.“

Geringer Gegenwert

Achim Lierchert (FAZ) befaßt sich mit den möglichen wirtschaftlichen Folgen eines Wolfsburger Abstiegs: „Die Aussichten im Abstiegsfall sind alles andere als rosig, weil es erhebliche finanzielle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen gäbe. Mit einem Gesamtetat von 53 Millionen Euro plant man die neue Saison – in der ersten Liga. Für die zweite Liga stünde weniger als die Hälfte dieser Summe zur Verfügung. 26 Millionen Euro aber kostete in dieser Saison allein schon das Gehalt für das kickende Personal, und im Kader laufen bis auf drei Ausnahmen keine Verträge aus; alle Vereinbarungen besitzen auch für die zweite Liga Gültigkeit. Um kostendeckend arbeiten, ja um überhaupt den Betrieb aufrechterhalten zu können, müßten Gehälter gekürzt und ein deutlicher Transferüberschuß erzielt werden. Spieler wie Klimowicz, Hanke, D‘Alessandro, Hofland oder Jentzsch wären womöglich unter Wert abzugeben. Zweites Problem: Geldgeber Volkswagen würde einen Teil der Verkaufserlöse einfordern, weil er den Fußball in den vergangenen Jahren deutlich über die vereinbarte Summe von gut 20 Millionen Euro pro Jahr unterstützt hat – was konzernintern kaum weiter zu rechtfertigen ist. Drittens müßte zugleich vom VfL das klare Signal an den Sponsor geschickt werden, daß eine sofortige Rückkehr in die Bundesliga mit einem neuformierten, weniger teuren Kader im kommenden Jahr machbar sei. Denn nur dann würde Volkswagen, dessen Finanzspritzen landläufig als Allheilmittel im Wolfsburger Fußball gelten, überhaupt noch einmal in größerem Maße zahlen. Und nur mit diesem Geld blieben in der schmucken Arena auch in der nächsten Spielzeit die Lichter an.“ Jakob Kirsch (FR) ergänzt: „Klare Bekenntnisse für eine dauerhafte Unterstützung bleiben aus dem Konzern aus. Es heißt, der Geldgeber würde beim Abstieg nur noch ein Jahr lang mitspielen. Bisher pumpt der Autobauer rund 24 Millionen in den arg strapazierten Etat von immerhin 53 Millionen, wovon die Hälfte an den überbezahlten Profikader fließen. Die stolze Summe von VW ist deklariert als Beitrag für Trikotwerbung, Sponsoring und Namensrechte – doch der Gegenwert ist in dieser Saison gering.“

Ewiges Liberotum

Christof Kneer (SZ) beobachtet Klaus Augenthaler beim Haare raufen: „Es gab eine Zeit, da galt Augenthaler als kommender Bayern-Trainer. Er hat dort eine Ära geprägt, er war ein außergewöhnlicher Mannschaftskapitän und schon als Spieler ein halber Trainer, und er hat sich für die große Aufgabe richtig schön warmtrainiert. Er war Trainer in Graz, Nürnberg und Leverkusen, immer ist er eine Stufe hinaufgeklettert, aber ein Karriereplan kann das schon deshalb nicht gewesen sein, weil ein Karriereplaner den Standort Wolfsburg wohl großräumig umfahren würde. (…) Abhängig sein, das ist es, was Augenthaler wahnsinnig macht. Man hat ihm nur zusehen und zuhören müssen in den letzten Wochen. Augenthaler ist ein anerkannter Trainer, er hat ein Auge für Spieler und eine Autorität, die sich aus seiner Sportlervita ableitet, aber möglicherweise hat ihn gerade sein ewiges Liberotum an einer größeren Trainerkarriere gehindert. Es ist nicht immer einfach, wenn man weiß, wie’s besser geht, man flüchtet sich dann gern in Ironie. Manchmal hat Augenthaler Sätze gesagt, die Spielern und Vorgesetzten nicht sehr gefallen haben, und womöglich hat ihn das den Job in Leverkusen gekostet.“

SZ-Interview mit Bernd Hoffmann (HSV)
SZ: Das Geldspiel – zwischen dem HSV und Werder geht es um die Perspektive der Rivalen und darum, wer demnächst auf Spielerkauf gehen kann
Tsp: Aller Rivalität zum Trotz – Hamburg und Bremen verbindet auch eine Geschichte der Gemeinsamkeiten

FAZ: Der Bundesliga laufen die Stars davon

FR: Wieso Horst Köppel wohl seinen Job verlieren wird

FAZ-Portrait Wolfgang Frank, der Retter von Kickers Offenbach

Welt: Willi Landgraf und seine Sehnsucht

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