Samstag, 4. März 2006
Am Grünen Tisch
Feige
Thorsten Jungholt (Welt) schilt DFB und DFL dafür, daß sie die Ausländerbegrenzung in der Bundesliga aufheben: „Theoretisch ist es ab Sommer nun möglich, daß ein Verein eine Mannschaft auflaufen läßt, in der Afrikaner, Südamerikaner oder Asiaten spielen – aber kein Deutscher mehr. Talentierte, aber eben noch längst nicht fertig ausgebildete Kicker wie Bastian Schweinsteiger werden es künftig also noch schwerer haben, zu Spielanteilen zu kommen. (…) Die Angst vor juristischen Feldzügen ausländischer Profis, die sich benachteiligt fühlen könnten, war größer als der Mut zur Förderung des eigenen Nachwuchses. Klinsmanns radikale Offensivstrategie in Italien war zu wagemutig; die nur an Rechtssicherheit orientierte Entscheidung der Funktionäre ist feige. Für die Einsatzchancen der im Jugendalter mühsam geförderten Talente muß im Zweifelsfall gestritten werden.“
Bundesliga
Diplomat Götz
Matthias Wolf (FAZ) stößt auf Fehler des Berliner Trainers: „Falko Götz kann nur bedingt für die Misere verantwortlich gemacht werden. Götz hat nicht zusammengekauft, was sich so desaströs präsentiert: ein zerstrittenes Ensemble ohne Führungskräfte. Andererseits hat Götz auch viele Fehler gemacht. Wie einst bei 1860 hat er auch in Berlin verkündet, er wolle den Nachwuchs stärken, wurde dann aber mangels prompten Erfolgs bei der Umsetzung seiner Devise sehr schnell ungeduldig. Nando Rafael, der nach Mönchengladbach floh, hat sich über den fehlenden Rückhalt bitter beklagt. Torben Marx auch, dem im Winter ein Wechsel nahegelegt wurde. Er werde unter ihm kaum noch die Chance haben zu spielen, hat Götz gesagt – und in der Personalnot dann doch die Rolle rückwärts gemacht. Der Schlingerkurs hat Symbolwert: Götz fehlt es an Mut, konsequent zu sein. Statt sich noch in stärkerem Maße bei der Amateurmannschaft Personal zu holen, wie den Routinier Andreas Schmidt, der auf Anhieb zu den Besten gehört, ließ er zu, daß ein überforderter Profi wie Alexander Madlung (der im Straßenverkehr 300 Knöllchen kassiert hat) durch drei Platzverweise binnen 22 Tagen den Eindruck verstärkt, Hertha sei ein Haufen ohne Disziplin. Er hat sich nie gegen die Transferpolitik gewehrt, obwohl die Schwächen im Kader, vor allem im Sturm, unübersehbar waren. Und es gilt als sicher, daß er sich von Hoeneß auch die Aufstellung diktieren läßt. Andererseits ist der Diplomat Götz von seinem Naturell her kein Krisenmanager oder Wachrüttler. Zuletzt hat er Niederlagen schöngeredet: ‚Die Mannschaft hat sich bemüht‘, sagte er oft. Er läuft Gefahr, daß dieses im Zeugnisdeutsch vernichtende Urteil demnächst auch in seinen Entlassungspapieren auftaucht.“ Sven Goldmann (Tsp/Seite 3) verfasst eine Reportage zur Berliner Krise: „Einer der Kiebitze, die den Profis seit Jahren beim Üben zuschauen, erzählt von einem Zwischenfall aus dem vergangenen Jahr: Ein junger Fußballspieler sei vorgefahren. Vor der Kabine habe er den schweren Wagen abgestellt und einem Ordner, gut doppelt so alt wie er, die Schlüssel in die Hand gedrückt. Der Ordner sei dann zum Tanken gefahren und habe später noch die Felgen geputzt, gerade noch rechtzeitig, bis der junge Herr Fußballspieler vom Training zurückkehrte, frisch geduscht und gegelt, versteht sich. Da ist dem Kiebitz aufgegangen, dass etwas nicht stimmt im Unternehmen Hertha BSC.“
Die Bundesliga ist nicht Europa
Die Tore machen ihn so begehrt; Elisabeth Schlammerl (FAZ) erklärt die Attraktivität Michael Ballacks: „Die Trefferquote ist es in erster Linie, weshalb Ballack einen hohen Stellenwert in Europa genießt. Denn seine Qualitäten als Spielgestalter mit der zusätzlichen Empfehlung defensiver Mittelfeldklasse sind eher umstritten, da gibt es andere, mindestens genauso gute Profis wie zum Beispiel Lampard oder Gerrard. In Beckers Anwaltskanzlei haben sich zwar in den vergangenen Monaten die Angebote nicht gerade gestapelt, aber das liegt am eher zögerlichen Transferverhalten der europäischen Spitzenklubs während der laufenden Saison. Ballack gilt zu Recht als torgefährlichster Mittelfeldspieler. In der Bundesliga hat er sich in den vergangenen Wochen mit guten Leistungen um einen Job im Ausland beworben. Aber die Bundesliga ist nicht Europa. In Europa ist Ballack zuletzt einiges schuldig geblieben. Er hat gegen den AC Mailand zwar den Führungstreffer erzielt, es dann aber nicht geschafft, seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit aus der Lethargie zu reißen. Es ist ihm auch nicht gelungen, beim desaströsen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft zumindest ein paar Akzente zu setzen.“ Sven Goldmann (Tsp) ergänzt: „Aus sportlicher Sicht wäre ein Wechsel nach London eine richtige Entscheidung. Warum wohl weigert sich Robert Huth hartnäckig, den Verein zu verlassen, obwohl er im günstigsten Fall auf der Bank sitzt und damit seine WM-Teilnahme gefährdet? Huth sagt, er lerne beim FC Chelsea im Training mehr denn irgendwo anders als Stammspieler. Das liegt zum einen am exzellent besetzten Kader, zum anderen am Trainer. José Mourinho mag affektiert und arrogant wirken, sein Können ist unumstritten. Ballack kann sich in Chelsea weiterentwickeln. Davon wird auch der deutsche Fußball profitieren, in Gestalt der Nationalmannschaft. Wie nötig die es hat, war am Mittwoch deutlich zu sehen.“ Hat Mourinho eigentlich das Spiel am Mittwoch gesehen? „Alle wollen Ballack, aber man sieht ihn nicht“, hat die Gazetta dello Sport geschrieben.
FR-Interview mit Uli Hoeneß
Deutsche Elf
Am Beharrungsvermögen der Branche gescheitert
Manche Kommentare über die schwierige Lage Jürgen Klinsmanns klingen endgültig, etwa der Andreas Leschs (BLZ): „In den vergangenen Tagen war der Vorwurf zu hören, Klinsmann, der Dauerlächler, habe das Land geblendet. Er habe es getäuscht mit seiner Positiv-Rhetorik, mit seiner Pose der Allwissenheit, mit seinem herausposaunten Masterplan, der am Anfang so schlüssig erschien. Übersehen wird dabei: Das Land hat sich auch gern blenden lassen. Es war genervt von Jahren der Rumpelei unter Vogts, Ribbeck und Völler, und es empfand Klinsmanns neuartige Hoppla-hier-komm-ich-Mentalität als erfrischend – zumindest aber ihre Spiegelung auf dem Platz. (…) Klinsmann ist angetreten mit dem Anspruch eines Reformators. Er wollte ‚im Prinzip den ganzen Laden auseinander nehmen‘: den DFB, die alten Seilschaften, das Gekungel zwischen Liga und Verband. Diese Reformdebatte hat er längst verloren. Die Ladenhüter haben zurückgeschlagen. Sie haben Klinsmann klar gemacht, dass er die großen Linien des deutschen Fußballs niemals prägen wird, sondern dass seine Macht begrenzt ist; sie endet mit der WM 2006. Er durfte amerikanische Fitnessgurus und einen Schweizer Spielbeobachter einführen, aber wenn er geht, werden sie mit ihm verschwinden. Prägende Strukturen konnte er nicht ändern, die Wahl des künftigen Sportdirektors Matthias Sammer beweist das. Klinsmann ist in der Reformdebatte am Beharrungsvermögen der Branche gescheitert – und an seiner eigenen Sturheit. Er hat, davon handelt die Stildebatte, immer wieder Durchhaltevermögen mit Dickköpfigkeit verwechselt. Er griff das Establishment des deutschen Fußballs so frontal an, dass er Gegenwehr fast erzwang. Er wollte nicht begreifen, dass E-Mails zwar modern sind, dass sie das gute, alte Vier-Augen-Gespräch aber nicht dauerhaft ersetzen können. Er wollte alles anders machen, alles neu, und er übersah, dass es manchmal auch Mittelwege gibt. Klinsmann war nie ein Mann des Kompromisses. Als Spieler, als Stürmer, mag ihm das geholfen haben. Als Bundestrainer, als eine der öffentlichsten Personen der Nation, wurde das zu seinem Problem.“
Adrenalin
Die SZ sucht weiter im Trainer Klinsmann den Spieler Klinsmann; heute wird Klaus Hoeltzenbein fündig: „Den Kleiderwechsel hatte Klinsmann empfohlen, weil die Signalfarbe Rot eine Grundhaltung ausdrücken soll: Aggressivität, Leidenschaft, Neugier, in summa die entschlossene Liebe zum Beruf. Im Augenblick steht die Farbe eher für die Attitüde eines routinierten Zockers, der die Spielregeln kennt: Alles auf Rot! Also alles auf die WM und die Eigendynamik, die daraus erwächst. Alle Energie rauspressen aus der einmaligen Situation, in der dem Schwachen übermenschliche Kräfte zufallen können. Rein in den Tunnel, und rennen, rennen, rennen, bis, unter dem Hurra des Publikums, das Adrenalin in Strömen fließt und der Ball seine Richtung findet. So hat der Spieler Klinsmann seine großen Momente erlebt. Wenn die Deutschen schon als Turniermannschaft gelten, so ist Stürmer Klinsmann der Prototyp des Turnierspielers. Er hatte schwache Länderspiele, aber nicht ein schwaches Turnier. (…) Man muss sich die Laufbahn des Jürgen Klinsmann als Profi noch einmal in Erinnerung rufen, wenn man versucht zu begreifen, was im Klinsmann von heute, der die Amtsbezeichnung Bundestrainer führt, so vorgehen könnte.“
Unerfahren
Klinsmann und der deutsche Fußball, zwei Pole – Michael Horeni (FAZ/Leitartikel): „Die Fußballnation fürchtet, daß Klinsmann mit seinen Methoden scheitert und eine zum Titelgewinn untaugliche Mannschaft zur WM schickt, die den Deutschen womöglich sogar die Freude an diesem Großereignis verdirbt. (…) In seinem ersten Jahr als Bundestrainer erwarb sich Klinsmann schnell das Verdienst, einen verkrusteten Verband in einem schmerzhaften, aber überfälligen Prozeß für neue Ideen und für Fachleute zu öffnen, die nicht der engen deutschen Fußballwelt entstammten. In Amerika hat er als Geschäftsmann das Sportgeschäft kennengelernt. Über die WM spricht er mitunter auch wie von einem geschäftlichen Projekt. Die analytische Kühle, mit der Klinsmann und sein Helferstab an einmal gefaßten Überlegungen festhalten, widerspricht aber der Erfahrungswelt im Fußball, in der sich die Dinge und Strategien über Nacht ändern können. Als Bundestrainer ist er ebenso unerfahren wie viele seiner Spieler.“
Ich habe auch nicht geglaubt, dass ich mal mit einem Blackberry rumlaufen würde
Theo Zwanziger im Interview mit Philipp Selldorf (SZ)
SZ: Eine brasilianische Zeitung hat geschrieben, Jürgen Klinsmann stünde ‚am Vorabend der WM vor dem Rausschmiss‘. Wissen die mehr?
Zwanziger: Nein. Das ist ausgeschlossen. Wir haben diesen Weg mit Jürgen Klinsmann in einer Situation begonnen, in der wir wussten, dass die WM 2006 ein schwieriges Projekt wird und sich unsere Mannschaft nicht von selbst aufstellt. Wir haben nicht die Spielerqualität, wie wir sie 1974 oder 1990 oder auch 1996 noch hatten. Das beruht einfach auf der Entwicklung der neunziger Jahre im deutschen Fußball, auf den Entscheidungen zur Marktöffnung nach dem Bosman-Urteil und dem Mauerfall. All das hat 2004 zu der Erkenntnis geführt: Bei der WM 2006 haben wir eine einzige große Chance – und die liegt im Heimvorteil, in den Fans als zwölftem Mann. Wir wussten, dass wir eine junge Mannschaft haben würden, die einen Trainer braucht, der ungewöhnliche Wege geht. Im Übrigen muss ich sagen, dass es auch in Zeiten, in denen wir bessere Mannschaften hatten, in der Vorbereitungszeit Niederlagen gegeben hat. Da muss ich nur meinen alten Freund Horst Eckel sehen, der als Weltmeister von 1954 gefeiert wird – wenn Sie mal nachlesen, was dem armen Sepp Herberger passiert ist, als er die Fünf aus Kaiserslautern und keinen aus Hannover aufgestellt hat, dann weiß man, wie Fußball ist. Wir wollen nicht Vorbereitungsweltmeister werden, sondern im Turnier eine spielstarke, konkurrenzfähige Mannschaft haben, die weit kommt. Das Ziel wird Klinsmann weiterverfolgen, und ich bin überzeugt, dass er das schafft. Ich habe meinen Optimismus für diese WM nicht verloren.
SZ: Gibt es Zweifel am Konzept des Bundestrainers?
Zwanziger: Nein, es gibt zu diesem Konzept keine Alternative, auch wenn es mit all den Ecken und Kanten verbunden ist, die sich aus Klinsmanns Persönlichkeit und Einstellung ergeben.
SZ: Speziell Klinsmanns persönliche Einstellung bietet Ansatz zur Kritik. Ein berühmter italienischer Kommentator hat zur kalifornisch-deutschen Fernbeziehung bemerkt: Training via Internet – wie soll das funktionieren? Rückblickend: Hat man diesen Punkt unterschätzt?
Zwanziger: Die Tatsache, dass Klinsmann nicht in Deutschland wohnt, hat Vor- und Nachteile. Das wussten wir, dabei bleibe ich. Es war seine Entscheidung, es ergibt keinen Sinn, diese Diskussion nach jedem schlechten Spiel wieder aufzurufen. Das ist nicht die Ursache für das schlechte Spiel in Florenz.
SZ: Dazu stehen Sie unverändert?
Zwanziger: Wäre er hier, hätte er natürlich die Möglichkeit, häufiger Bundesligaspiele zu sehen, aber an die Spieler kommt er in den Klubs trotzdem nicht heran. Die sind in erster Linie bei ihren eigenen Trainern. Er kann also eigentlich nur beobachten. Diese Aufgabe hat er an Joachim Löw delegiert, der ja ein erfahrener Trainer ist.
SZ: Erfahrener als Klinsmann.
Zwanziger: Viel erfahrener. So deckt Löw diesen Teil der Aufgaben ab. Klinsmann ist mehr derjenige im Trainerstab, der sich mit Konzepten und internationalen Analysen befasst. Die Ruhe dazu könnte er hier nicht haben. In Deutschland sind eben die Medien, Sponsoren und auch der DFB, der seine großen Persönlichkeiten gerne zeigen will. Es hat alles sein Für und sein Wider. Entscheidend ist nur die Frage, ob der Eindruck entsteht, dass er durch seine Abwesenheit die Mannschaft nicht richtig vorbereiten kann. Und das glaube ich nach wie vor überhaupt nicht. Im Gegenteil.
SZ: Woher stammt Ihre Überzeugung?
Zwanziger: Ich sehe doch, mit welcher Intensität er sich mit jedem einzelnen Spieler befasst. Nicht nur vor den Spielen. Auch durch Telefonate, was natürlich keiner sehen oder wissen kann. Wie er sich zum Beispiel mit Lukas Podolski auseinander setzt, da macht er wirklich alles, was möglich ist. Die Regelung, dass Klinsmann in den USA wohnt, ist ungewöhnlich – aber da wird auch sehr konservativ gedacht …
SZ: Fußball ist ein konservatives Geschäft.
Zwanziger: Aber das heißt nicht, dass sich nichts verändert. Ich habe in meinem Leben auch nicht geglaubt, dass ich mal mit einem Blackberry rumlaufen würde – inzwischen weiß ich, dass ich damit manches erledige, was ich sonst nicht schaffen würde.
Für mich ist er ein Trainer, der am Spielfeldrand steht
Christoph Daum beäugt im Interview mit der Welt die Gründe Matthias Sammers, Sportdirektor geworden zu sein: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, daß ich das bis heute nicht so richtig verstehen kann. Ich kenne Matthias ja sehr gut. Er war mein Spieler, später haben wir uns als Trainerkollegen ausgetauscht. Für mich ist er ein Trainer, der am Spielfeldrand steht und mit seiner Mannschaft arbeitet. Nun hat er sich für einen Job entschieden, wo er viel hinter dem Schreibtisch sitzt, er muß organisieren und verwalten. Ich kann es mir, wie bereits gesagt, nicht vorstellen. Aber wer weiß, was hinter den Türen noch alles besprochen wurde und was sie ihm beim Verband alles erzählt haben. (…) Hundertprozent richtig, daß Jürgen Klinsmann Christian Wörns nach dessen öffentlicher Kritik verbannt hat. Es gab für ihn keine andere Wahl. Hätte er sich das in der Form gefallen lassen, hätte er vor seiner Mannschaft doch ein Stück seines Gesichtes verloren. Ich schätze Wörns sehr. Er hätte einfach nur ruhig bleiben und warten sollen. Klinsmann muß die vielen jungen Spieler holen, um sie zu testen und weiter zu entwickeln. Erst recht, wenn einige in ihren Klubs nur auf der Bank sitzen. Wörns hingegen kannst du eine Woche vor Turnierbeginn dazu holen, der hätte keine Probleme, sich in eine Mannschaft spielerisch einzufinden.“
Freitag, 3. März 2006
Internationaler Fußball
Laufstark, unaufgeregt, fein organisiert
Nur 0:1 in Holland – Christian Eichler (FAZ) warnt vor Ekuador: „Zwar haben auch die drei deutschen WM-Gruppengegner ihre Länderspiele verloren. Doch keiner dürfte dabei einen solch starken Eindruck gemacht haben wie Ekuador. In Europa hat man mitbekommen, daß Ekuador in der WM-Qualifikation unter zehn südamerikanischen Ländern nur Brasilien und Argentinien den Vortritt lassen mußte, die beiden Giganten überdies daheim besiegte. Und erklärt das gern mit dem Heimvorteil der dünnen Luft im 2850 Meter hoch gelegenen Quito. Doch auch in Brasilien und Argentinien hat das Team jeweils nur 0:1 verloren, so wie jetzt auch in Amsterdam. Laufstark, unaufgeregt am Ball und fein organisiert, so stellt Ekuador für die besten Teams der Welt auch auf Meereshöhe eine harte Nuß dar – erst recht für Deutschland im 60 Meter hoch gelegenen Berlin am 20. Juni.“
Fußballwertarbeit made in Germany
Uwe Marx (FAZ) berichtet vom 1:0-Sieg der USA über Polen: „Jürgen Klinsmann ist nicht allein. Es gibt doch Pawel Janas. Auch der hat seine liebe Mühe, eine Mannschaft WM-tauglich zu machen. Die Amerikaner hatten auf jedem Gebiet die Hoheit: musikalisch, indem sie als Begrüßung patriotische Klassiker wie ‚Born in the USA‘ einspielten, sicherheitstechnisch, indem sie deutlich mehr Hubschrauber als üblich über dem Stadion kreisen ließen, sportlich, indem sie den Gegner kontrollierten. Und das mit Fußballwertarbeit made in Germany: In der Startelf standen Kasey Keller (Borussia Mönchengladbach), Steve Cherundolo (Hannover 96), Gregg Berhalter (Energie Cottbus) und Landon Donovan (ehemals Bayer Leverkusen). Das Tor schoß allerdings ein anderer, Angreifer Clint Dempsey von New England Revolution, der danach vor einigen der etwa 13.000 Zuschauer, überwiegend Amerikaner, militärisch korrekt salutierte. (…) Die Polen haben ihre eigenen Probleme, und sie dachten gar nicht daran, die hohe Niederlage der deutschen Mannschaft als Mutmacher zu interpretieren. Es gab einige überraschte Gesichter, aber kein herausforderndes Wort. Außerdem haben sie einen dabei, der sich auskennt mit den Qualitäten deutscher Mannschaften bei großen Turnieren: Fußballpräsident Listkiewicz war 1990 in Rom sehr nah dran, als Deutschland Weltmeister wurde – er war Linienrichter.“ Detlef Esslinger (SZ) fügt an: „Wer nach Kaiserslautern gefahren ist, um Aufschluss zu erhalten über Polen, der hat ein Spiel erlebt, aus dem sich nur bedingt Schlüsse ziehen lassen. Es fand nämlich in der zweiten Halbzeit in einem Schneesturm statt. Am Ende war das weiße Feld voll grüner Rutschspuren, und wenn Pawel Janas, vielleicht mit einem Anflug von Humor, auch meinte, der Ostwind sei ein Vorteil für die Amerikaner gewesen, weil ihnen der Schnee nur in den Nacken geblasen wurde, seinen Männern jedoch ins Gesicht – so wurde dieser vermeintliche Vorteil dadurch egalisiert, dass die vielen Spieler aus den Südstaaten der USA Schnee an keiner Körperpartie gewohnt sind: Er habe so etwas bisher erst einmal erlebt, erzählte Clint Dempsey, zuhause in Texas. Damals hätten sich beide Mannschaften darauf verständigt, den Sieger schnell per Elfmeterschießen zu bestimmen.“
BLZ: Frankreichs Fußballer suchen ihre Linie und leiden an der Sturheit ihres Trainers Domenech
taz: Nach dem 2:1 Englands über Uruguay wird vor allem über den schlakisgen Angreifer Peter Crouch gesprochen
NZZ: Neuerliche Talentprobe der Schweizer Fussballer in Glasgow
Ball und Buchstabe
Leistungsschwäche
Eine sehr lesenswerte Analyse zur richtigen Zeit – Hendrik Leber (FAZ/Feuilleton) weist auf den niedrigen Marktwert deutscher Fußballer hin und zieht einen Schluß über die Nachwuchsförderung: „Der Fußballmarkt ist ein Markt, in dem der Geldwert eng korrespondiert mit dem Erfolg. (…) Wo liegen die deutschen Teams? In der europäischen Spielermarktwertliste stehen die wertvollsten deutschen Teams erst auf Platz zehn (Bayern München in der Champions League) beziehungsweise auf Platz fünf (der Hamburger SV im Uefa-Cup). Der erfahrene Statistiker, der sein Wissen aus Zahlen bezieht und nie ins Stadion geht, wird aufgrund der Spielermarktwerte nicht mit internationalen Erfolgen deutscher Mannschaften rechnen. Und wie sieht es für die Weltmeisterschaft aus? Der durchschnittliche Marktwert eines deutschen Spielers der Nationalmannschaft liegt bei 7,1 Millionen Euro. Italien, England, Brasilien und Frankreich haben durchschnittliche Spielermarktwerte zwischen 11 und 15 Millionen Euro. Also keine Finalteilnahme für Deutschland? Zum Glück für Deutschland gibt es Mannschaften mit noch niedrigeren Marktwerten: Togo etwa hat einen durchschnittlichen Marktwert pro Spieler von 0,8 Millionen und Saudi-Arabien sogar einen von 0. (…) Deutschland importiert überraschend viele ‚billige‘ Spieler. Die meisten deutschen Fußballimporte kommen aus Brasilien, Kroatien, Tschechien, Argentinien und Polen – alles Länder mit einem hohen Wohlfahrtsgefälle zu Deutschland. Für andere Nationalitäten ist Deutschland als Arbeitsmarkt nicht interesssant. Spieler aus großen Fußballnationen wie England, Frankreich, Italien, Spanien sind in der Bundesliga kaum zu finden. Ist Deutschland für andere Nationalitäten der volle Futternapf, an dem man sich satt essen kann, der aber keine Leistung produziert, die einen internationalen Wert hat? Gehen die Hochleistungstalente in Länder mit besseren Aussichten? Offensichtlich, denn auch als Exporteur von hochwertig ausgebildeten Talenten ist Deutschland nur zweitrangig. Deutschland nimmt am Transfermarkt für Spitzentalente nicht teil, deutsche Spieler sind im internationalen Vergleich nicht hoch bewertet (…) Offensichtlich leben wir von unserer hohen Kaufkraft, die ‚arme‘ ausländische Talente ins Land zieht, sind aber ausbildungstechnologisch schwach: Wertvolle Talente kommen nicht hierher, und die in Deutschland ausgebildeten haben keinen internationalen Marktwert. Es wird auch nicht investiert, denn Deutschland importiert nur sehr wenige teure Spitzenspieler. Unsere Leistungsschwäche im Fußball hängt offensichtlich mit der mäßigen Ausbildungsqualität zusammen.“
Deutsche Elf
Verzettelt
Die Pressestimmen zum Länderspiel in Italien
„Deutschland zum Fußballzwerg geschrumpft“ (FAZ)
Italienisch-Lektion
Von den Italienern lernen heißt Toreschießen lernen – diese Weisheit schreibt Peter Hartmann (NZZ) gerne hinter deutsche Ohren: „Das Erstaunen der italienischen Spieler über die Naivität, die taktische Unbedarftheit, die verstörte Unbeholfenheit dieser deutschen Abwehr ging nach dem dritten Tor in befreites Lachen über, nach der Kopfball-Stafette, die aussah wie ein Spass im Training. (In Wahrheit war diesem Bilderbuchtreffer allerdings ein Offside vorausgegangen.) Erschreckend die Unbeweglichkeit und die Orientierungslosigkeit der deutschen Riesenbabys Huth und Mertesacker in den Zweikämpfen, unbegreiflich, wie der Klinsmann, der selber vier Jahre in der Serie A gespielt hat, seine Mannschaft ins Verderben laufen liess, etwa mit der dilettantisch gestellten Abseitsfalle. (…) Ausgerechnet der kleinste Spieler auf dem Platz, der 1,73-Meter-Zopfträger Mauro Camoranesi, bereitete zwei Tore mit dem Kopf vor. Er, der mürrische Anti-Star, war der Unsichtbare, der im Klinsmann-Dispositiv überhaupt nicht vorkam. Sein Gegenspieler Lahm schien noch beeindruckt von den Sehenswürdigkeiten der Stadt Florenz. Wie fern sind die überschäumenden Auftritte der ‚Poldi & Schweini‘-Boygroup am unschuldigen ‚Confetti-Cup‘. Für Podolski hätte Klinsmann zur Pause eine Vermisstmeldung durchgeben müssen. Schweinsteiger durfte sich noch die letzten 20 Minuten ins Elend stürzen. Wenigstens hat Deisler mit einigen aufbegehrenden Fouls den Schein eines Kämpfertums gewahrt, der ältesten deutschen Tugend, die im Stadio Artemio Franchi begraben wurde. Die Squadra Azzurra des Grossvaters Marcello Lippi hat dem Jugendverein des Umstürzlers Klinsmann eine moderne Italienisch-Lektion verabreicht, die noch 99 Tage nachhallen wird. (…) Die Italiener variierten das Tempo zwischen Verhaltenheit und Overdrive, zauberten, meilenweit entfernt vom Klischee des ‚Resultatfussballs‘, das ihnen vor allem noch in Deutschland anhängt, wunderbare Pass-Ornamente auf den Rasen, mit denen sie die Klinsmänner fast ‚chloroformierten‘.“
Was für eine Komödie!
Philipp Selldorf (SZ) mahnt zur Defensive – und damit zur Demut vor dem Gegner: „Nach dem 0:0 in Frankreich hatten sich die deutschen Spieler und ihre Trainer dafür feiern lassen, dass sie sie sich dazu fähig zeigten, einem Grundgebot des modernen Fußballs zu folgen. Man könnte es mit der Formel Respekt vor der Null benennen. Dabei handelt es sich nicht um den Ausdruck von Spielverderberei, sondern um eine logische Maxime des Erfolgs. In Florenz vollzog die deutsche Mannschaft eine radikale Abkehr von der fußballtaktischen Vernunft. Alle Mann rannten nach vorn, hektisch getrieben von der strategischen Order, den Gegner im eigenen Stadion zu überrumpeln. Was für eine Überheblichkeit, was für eine Komödie! Die italienischen Spieler hätten vermutlich gelacht, wären sie nicht damit beschäftigt gewesen, die zugleich naiven wie chaotischen Vorstöße abzufangen und die auf schiefer Linie agierende Deckung systematisch auszuhebeln. Wenn Klinsmann und Löw erklären, sie wollten von ihrer ‚Philosophie‘ um keinen Deut abrücken, dann verwechseln sie die gebotene Standfestigkeit mit Unbelehrbarkeit. Es weiß längst jeder, wie die Deutschen spielen, und wie man mit ihnen spielen kann. Es weiß auch jeder, dass das junge deutsche Team zur Unordnung neigt und unvermeidlich mit Unsicherheit zu kämpfen hat. Diese Mängel zugunsten der Doktrin des emotionalen Hurra-Fußballs zu ignorieren, ist fahrlässig.“
Sozialistische Siegesgewißheit
Michael Horeni (FAZ) kritisiert Rhetorik und Politik des Bundestrainers: „Ein erschütterter Bundestrainer wollte angesichts einstürzender deutscher Fußballträume das deutsche WM-Projekt zwar weiter rhetorisch am Leben halten. Aber angesichts der bedingungslosen Kapitulation vor einer Fußball-Großmacht erinnerten die Parolen vom WM-Titel nur noch an sozialistische Siegesgewißheit – weit abgelöst von den Erfahrungen an der Basis. In Florenz ist die von Klinsmann seit Amtsbeginn propagierte Hoffnung auf eine kontinuierliche Entwicklung der jungen Mannschaft bis zur WM schwer erschüttert, wenn nicht gar zerstört worden. (…) Klinsmann wird sich nicht fragen müssen, ob er seinen inhaltlich kaum umstrittenen Kurs ändern muß. Wohl aber, was er dafür tun kann, um wenigstens das latente Reizklima zwischen ihm und dem Gros der deutschen Fußballfamilie zu mildern. Das Gegenteil ist jedenfalls der Fall, wenn ausgerechnet der deutsche Trainer beim großen WM-Workshop in der nächsten Woche fehlt, während zwanzig Kollegen aus aller Welt nach Düsseldorf kommen. Dort würde dann zumindest der Bundestrainer finden, was seine Mannschaft in Florenz vergeblich suchte: Anschluß an die Weltspitze.“
Klinsmannschaft
Sehr lesenswert! Christof Kneer (SZ/Seite 3) hält dem Trainer Klinsmann Einseitigkeit vor: „‘Wir sind alle noch in der Entwicklung‘, sagte Klinsmann, ‚ich selbst bin da keine Ausnahme.‘ Zwanzig Monate verantwortet Jürgen Klinsmann jetzt das, was Deutschland bei der Fußball-WM vertreten soll, aber diesen Satz hatte man bisher noch nie gehört. Bisher galt es als eine Art Geschäftsgrundlage, dass der große Reformator gelegentlich von seinem Wohnsitz Kalifornien herübergejettet kommt, um dem rückständigen Europa die neuen Zeiten zu erklären. Manchmal hatte er ein paar Fitnessgurus im Handgepäck, er verlegte WM-Quartiere, stornierte Länderspielreisen, kappte Netzwerke. Er ließ Psychologen einfliegen und stellte Spieler nicht mehr auf, von denen man dachte, ihnen sei der Einsatz grundgesetzlich versprochen. In der Tat hat sich Klinsmann schon jetzt ewige Verdienste erworben, weil er diesem Verband den Hang zur geschlossenen Gesellschaft ausgetrieben hat. Richtig schöne Projektleiterprojekte waren das. Noch nie aber ist so deutlich geworden wie an diesem ernüchternden Mittwoch, dass das entscheidende Projekt – nämlich jenes auf dem grünen Rasen – immer noch von einem Berufsanfänger verantwortet wird. Klinsmann ist nie zuvor Trainer gewesen, und er hat das am Mittwoch zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit gestanden. Jürgen Klinsmann ist gar kein Projektleiter, wahrscheinlich ist das die neue Nachricht, die dieser Abend enthielt. Jürgen Klinsmann ist selbst noch ein Projekt, er ist selbst Teil des Entwicklungsprozesses. Er muss erst noch lernen, wie man eine Mannschaft baut; wie man sie taktisch richtig einstellt; wie man einen Gegner seziert und sodann eine Kriegslist ersinnt. Jürgen Klinsmann hat keine anderen Spieler, er hat keine zweite Mannschaft, das kann ihm keiner zum Vorwurf machen. Aber er hat keinen zweiten Plan. Klinsmann kann nur Klinsmann. (…) Es ist nicht mehr zu übersehen, dass sich hier ein Trainer eine Mannschaft nach seinem Bilde formt. Jürgen Klinsmann hat ja auch als Spieler immer über die Emotion funktioniert. Er ist nie ein filigraner Fußballer gewesen, er hat es geschafft, auf mysteriöse Weise immer besser zu sein als die Summe seiner Einzelfähigkeiten. Die deutsche Nationalelf ist eine Klinsmannschaft. An guten Tagen kann sie sich an sich selbst entzünden und feurig stürmen, so wie beim Confederation Cup. An schlechten Tagen kann sie spielen wie in Florenz. Klinsmann hat seine Mannschaft mitgenommen in seinen WM-Tunnel, und er will, dass am Ende des Tunnels eine Mannschaft herauskommt, die wie Jürgen Klinsmann aussieht. Vielleicht ist der Tunnel das Problem. Vielleicht sieht Klinsmann zu selten aus seinem Tunnel heraus.“
Aufgesetzt
Jan Christian Müller (FR/Seite 3) fürchtet um die gute Stimmung im Land: „Zwischenzeitlich schien es, dass der Aufwand den entsprechenden Ertrag einbringe: Den Confederations Cup erlebten Klinsmann und Deutschland wie im Rausch – blendeten aber willfährig aus, dass dieser Testlauf für die hochkarätige Konkurrenz nur ein nettes Schaulaufen war. Da hatte Fußball-Deutschland sich schon längst die Eindrücke verklären lassen. Möglich, dass der vergangene Sommer schon der emotionale Höhepunkt auch im Zusammenspiel des Trainers mit einer lernwilligen, aber vor allem in der Defensive nur mittelmäßig begabten Mannschaft war. Danach kam der Kater. Und so wundert sich mancher Bundesliga-Manager hinter vorgehaltener Hand über eine vorgebliche Vorwärtsphilosophie, die längst keine mehr ist. Er habe kein Konzept, kein System, und seine Argumente seien aufgesetzt, heißt es gar. Und nur noch lächerlich sei die Zielsetzung. Klinsmann kann inzwischen niemanden mehr ernsthaft glauben machen wollen, Deutschland könne mit dieser Mannschaft Weltmeister werden.“
Schwerfällig in Körper und Geist
Die Signale, die Matti Lieske (BLZ) empfängt, können ihn nicht beruhigen: „Der Schock über die bestürzende Vorstellung seiner Mannschaft war ihm direkt nach dem Spiel anzumerken, seine Stimme klang belegt, sein Blick war gehetzt. Die althergebrachte Rhetorik ließ sich jedoch schon wieder problemlos von der geistigen Festplatte herunterladen: ‚Wir haben eine Lektion erhalten‘, wiederholte Klinsmann roboterhaft, die Spieler würden daraus lernen, im Trainingslager werde man ‚in allen Bereichen hart arbeiten‘, und, schwuppdiwupp, am 9. Juni plötzlich ein weltmeisterschaftsreifes Team auf den Rasen stellen. An ein solches Zauberkunststück ist nach der orientierungslosen Darbietung schwer zu glauben. Zu schwerfällig präsentierten sich die deutschen Spieler in Körper und Geist, zu eklatant war der Unterschied zu einer italienischen Mannschaft, die sich kontinuierlich vorwärts entwickelt statt rückwärts. Der situative Ansatz zeigte sich vor allem bei der Bewertung des schnellen Rückstandes. Der kam dem Bundestrainer und anderen Interpreten im deutschen Lager offenbar wie ein Naturereignis vor, auf das man keinen Einfluss hat. Von unglücklichen Umständen sprach Klinsmann, und es klang, als hätte der Schiedsrichter plötzlich in der 6. Minute aus einer Laune heraus ein 2:0 für Italien verhängt. Dabei hatte gerade die Anfangsphase die eklatanten Defizite des deutschen Teams in allen Mannschaftsteilen brutal offenbart.“
Gefährlich ruhig
Mathias Schneider (StZ) wertet die Rückendeckung aus der Bundesliga als Alarm: „Ausgerechnet Uli Hoeneß mahnte zur Besonnenheit, was viel darüber aussagt, in welch schwere Turbulenzen diese Nationalmannschaft drei Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft geraten ist. Statt wie noch im Oktober aus allen Kanälen gegen Klinsmanns Domizil in Kalifornien zu stänkern, wählte der Sprecher des wiederbelebten Arbeitskreises Nationalmannschaft diesmal einen gefährlich ruhigen Ton. Hoeneß rüttelte nicht auf, er mahnte zur Ordnung – was er nur dann tut, wenn die Not am größten ist. (…) Die Auswahl präsentierte sich in einem Zustand, der sämtliche Alarmglocken bis in die Peripherie der Bundesliga schrillen ließ. Ein Schiffbruch bei der WM brächte nicht nur die Nationalelf in einen gefährlichen Abwärtsstrudel, sondern den gesamten Fußballstandort Deutschland.“
Tsp: Aussagen aus der Bundesliga
Traumatische Erfahrung
Philipp Selldorf (SZ) warnt vor Nachwirkungen: „Fabian Ernst hatte nicht mitgewirkt, ein glücklicher Umstand, der sich eines Tages noch förderlich auf seine Karriere auswirken könnte, falls der nächste Arbeitgeber fragt: Waren Sie damals dabei in Florenz? Florenz wird nun als unheilvoller, symbolhafter Ort in die neuere deutsche Fußballgeschichte eingehen, als Inbegriff für Scheitern und entblößende Pein. Als Schauplatz einer historischen Niederlage mit tiefgreifenden Implikationen steht Florenz nun in einer Reihe mit Bukarest , als Rudi Völlers Elf 1:5 gegen Rumänien unterlag und ihre innere Verlorenheit vor der nahenden Europameisterschaft dokumentierte, oder Kaiserslautern, als sich beim nur formhalber harmlosen 1:1 gegen die Schweiz vor sechs Jahren das ganze Elend der Ära Erich Ribbeck offenbarte. Nicht das bloße Ergebnis kennzeichnet solche Menetekel, sondern deren Zustandekommen, und insofern ist Florenz für den DFB und seine erste Mannschaft die Stätte einer traumatischen Erfahrung. Gegen das jetzt folgende Gedonner in den heimischen Medien mag mancher Spieler aus Gründen der Gewohnheit schon immun sein wie die Mücke gegen das DDT, aber selbst die hartgekochten Profis dürfte es in ihrer Ehre berühren, wenn sie nun auch im Ausland als Narren und Repräsentanten eines Fußball-Entwicklungslandes wahrgenommen werden.“
Komödie? Tragödie? Drama?
Andreas Lesch (BLZ) kommentiert die gestrige Extra-Pressekonferenz: „Die Frage ist jetzt, was beim nächsten Mal passiert. Muss, wenn sich die deutschen Fußballer auch gegen die USA blamieren, tags darauf die ganze Mannschaft zur Supersonderpressekonferenz? Schickt der DFB vielleicht sogar sein komplettes 14-köpfiges Präsidium aufs Podium, damit am Ende auch wirklich alles gesagt ist, und zwar von jedem? Ausgeschlossen scheint nichts mehr zu sein nach diesem Donnerstag, an dem Deutschland mit atemloser Hysterie die 1:4-Niederlage seines Nationalteams verarbeitete. Der DFB setzte eigens eine öffentliche Krisenbesprechung an, Klinsmann verschob dafür sogar seinen fest gebuchten Rückflug in seine Heimat, die USA. Schon daran lässt sich ablesen, in welch verzweifelter Lage sich der Bundestrainer mittlerweile befindet. Klinsmann, der Sturkopf, der unabhängige Geist, der Reformer aus der Fremde, beugte sich plötzlich dem albernen Kleinklein der nationalen Kickerbranche. Er fragte allen Ernstes die Journalisten nach ihrer Meinung zum deutschen Spiel – und änderte seine Auffassung natürlich trotzdem nicht. Er sah sich gezwungen, mitzuspielen im großen WM-Theater und zweifelte offenbar, was für ein Stück da geboten wurde: Komödie? Tragödie? Drama? (…) Klinsmann gerät mehr und mehr in die Defensive, und deswegen änderte er in einem wichtigen Punkt doch seine Strategie: Er sagte die Fitnesstests, die für die Tage vor dem Spiel gegen die USA fest eingeplant waren, ab. Er gab damit seinen Gegenspielern aus der Bundesliga nach, die den Sinn der Tests seit Monaten lautstark bezweifelt hatten. Klinsmann hatte die Prüfungen stets als zentralen Teil seiner Arbeit verteidigt. Dass er nun darauf verzichtet, kann nur als eine weitere Niederlage für den Bundestrainer gewertet werden.“ Detlef Esslinger (SZ) fühlt sich von der symbolischen Politik der DFB-Führung gefoppt: „Natürlich wäre es eine Illusion zu glauben, dass ausgerechnet die Firma Klinsmann & Co., Spezialgebiet: Bescheidwissen, nun öffentlich nach Meinungen gierte, um offensichtliche Schwächen im System zu beheben. Man erkennt das schon an der Unbedingtheit, in der Joachim Löw den Vorschlag abwehrt, das Team solle taktisch variabler spielen, sich zum Beispiel auch mal zurückziehen. ‚Wir wollen nach vorne spielen. Davon werden wir in keinster Weise abweichen‘, sagt Löw kategorisch. Es geht nicht darum, die Öffentlichkeit mitreden zu lassen. Es geht darum, ihr dieses Gefühl zu geben.“
FAZ: Fiasko von Florenz
FAZ-Interview mit Ballack
Donnerstag, 2. März 2006
Ball und Buchstabe
Gerichtsshow
Diskussionen über Schiedsrichterentscheidungen im Fernsehen – Christoph Biermann (taz) schildert sein Unbehagen beim Zuschauen und, vor allem, beim Mitmachen: „Es ist unglaublich, welch großen Anteil das Betrachten und nachfolgende Besprechen von Schiedsrichterentscheidungen bei uns einnimmt. Mancher Spielbericht macht den Eindruck, als wäre er nur als Beweismappe für das Amtsgericht des Fußballwesens am heimischen Fernseher zusammengestellt. Nur was um Himmels willen soll dieser Unsinn? Sind Fußballsendungen in diesem Land getarnte Gerichtsshows für Leute, die keine Gerichtsshows gucken (oder für solche, die nicht genug davon bekommen können)? Ist also Reinhold Beckmann die Fußballversion von Richter Alexander Hold und Johannes B. Kerner jene von Richterin Barbara Salesch? Steckt dahinter vielleicht sogar ein revolutionäres Begehr, wo doch das Rechtssystem des Fußballs auf der Unumstößlichkeit der ‚Tatsachenentscheidung‘ beruht, die den richtenden Schiedsrichter in eine Position des Gottgleichen versetzen? Will sich der deutsche Fan dagegen erheben, oder will er sich nur auf die Seite der Mächtigen schlagen und zum Richter auf dem Sofa werden, selbst wenn der Satz ‚Hier sieht man, dass er doch Abseits war‘ falsch bleibt, weil Abseits nur dann ist, wenn der Schiedsrichter pfeift? Und was ist eigentlich falsch mit mir, dass ich irrige Schiedsrichterentscheidungen hinnehme wie einen holprigen Platz und schlechte Bälle?“
Todkrank
Christian Eichler (FAZ) beleuchtet den Korruptionsskandal in Belgien: „Belgischen Fußballfans bietet sich ein Bild des Schreckens. Offenbar wurde ihre Liga von der chinesischen Wettmafia als europäischer Testmarkt auserkoren. Dafür bot die Jupiler League (Titelsponsor: eine Biermarke) mindestens drei gute Voraussetzungen. Erstens ist sie klein und überschaubar, ähnlich wie die in Finnland, in der der Chinese Zheyun Ye in den Klub Allianssi investierte (und sich durch ein 0:8 gegen Haka refinanzierte). Zweitens hat Belgiens Fußball eine Tradition an Bestechungsfällen (so half Standard Lüttich dem Meistertitel 1982 mit Zahlungen an den Klub Waterschei durch Trainer Goethals und Kapitän Gerets nach). Drittens verdienen die Spieler der meisten Klubs so wenig, daß 5.000 bis 10.000 Euro für ein auf die richtige Weise verlorenes Spiel noch einen echten Anreiz darstellen. Zu den 2.000, vielleicht inzwischen 3.000 Euro des Durchschnittsprofis kommen zwar Siegprämien. Doch wer bei so schlechten Klubs spielt wie Lierse und La Louviere, die mit den meisten der mindestens siebzehn verkauften Spiele in Verbindung gebracht werden, erhält kaum Siegprämien. Da haben Verlustprämien ihren Reiz. (…) Bange belgische Fragen: Was für Abgründe wird die Justiz noch finden bei ihren Durchsuchungen, Verhören, Kontenüberprüfungen? Wird sie, wie meist, nur die kleinen Fische fangen, während sich der chinesische Hai längst einen anderen Teich gesucht hat? Wieviel Schaden wird Belgiens Fußball nehmen? Wie werden Fans, Sponsoren, TV-Partner reagieren? Die Zeitung De Morgen fällte ein tristes Urteil. Sie hält den belgischen Fußball für ‚todkrank‘, wirtschaftlich wie sportlich – aber nicht für korrupter als den Fußball in anderen Ländern Europas.“
SZ: Im System des FC Chelsea wäre Michael Ballack leicht zu integrieren, und die Trainingstätten hat der Mittelfeldspieler zumindest schon mal besichtigt
SZ: Bayern München hat sich mit dem Verlust Ballacks abgefunden
BLZ: Immer mehr Oligarchen drängen auf den Fußballmarkt
taz: Costa Rica rechnet sich auch wegen ihrer ehrgeizigen Jungspunde im Mittelfeld Chancen auf das Erreichen des Achtelfinales aus
Welt: In Kaiserslautern wird Wolfgang Wolf nach drei Siegen bereits als Retter gefeiert
Unterhaus
Schwere Krise
Klaus Ott und Christian Zaschke (SZ) befassen sich mit dem Sinkflug von 1860 München: „1860 liegt sportlich und finanziell darnieder, und in der Öffentlichkeit ist der aktuelle Präsident nicht zu sehen, dafür aber der ehemalige, unter dessen Altlasten der Verein leidet. An den Aufstieg, der das erklärte Saisonziel war, glaubt im Klub niemand mehr. Der Abstand zu den Abstiegsplätzen beträgt acht Punkte, doch in Anbetracht der Verfassung der Mannschaft erscheint dieses Polster nicht üppig. Seit neun Spielen hat die Mannschaft nicht gewonnen. In der zweiten Liga zu überleben ist für den Klub schwierig. Bei einem Abstieg wäre er am Ende. Das liegt auch der Allianz Arena, die den Verein viel Geld kostet, weil er der Stadion GmbH hohe Garantiesummen für die teuren Business Seats zahlen muss, die er nicht erwirtschaften kann. Das Problem hat sich schon lange abgezeichnet, es wurde jedoch verdrängt. Vom genauen Umfang der Krise erfuhr der Aufsichtsrat erst am Montag bei einer Sondersitzung. Vor allem OB Ude verlangte detaillierte Auskünfte über die Finanzlage. Ude spricht von einer ’schweren Krise‘. TSV-Geschäftsführer Detlef Romeiko hat schon im Herbst intern vorsorglich erklärt, man müsse eventuell Anteile an der gemeinsam mit dem FC Bayern betriebenen Stadion GmbH verkaufen. Das Problem: Einziger möglicher Käufer wäre der FC Bayern, und der hat nicht das geringste Interesse, sein Geld in das Stadion statt in die Mannschaft zu investieren. So kommt es, dass der große Nachbar die Krise der Sechziger mit äußerst mulmigen Gefühlen betrachtet. Zu allem Überfluss hat sich innerhalb des Vereins ein Machtkampf entwickelt. Die organisierten Fanklubs wollen eine außerordentliche Delegiertenversammlung erzwingen, mit dem erklärten Ziel, unliebsame Personen aus dem Aufsichtsrat zu verbannen – darunter Ude.“
Mittwoch, 1. März 2006
Internationaler Fußball
Patriarch und Bewunderer
Ronald Reng (BLZ) kommentiert den überraschenden Rücktritt Flonretino Pérez‘ in Madrid: „Real kann sich selber nicht mehr ausstehen im Angesicht des Misserfolgs. Zum ersten Mal in einem halben Jahrhundert wird man am Ende dieser Saison wohl drei Jahre hintereinander keinen Titel gewonnen haben. Auf Mallorca ließ sich der Zerfall der Elf nicht mehr übersehen. Aber muss deswegen der Präsident zurücktreten? ‚Ich bin ein Stöpsel, den man rausziehen muss‘, sagte Pérez. Das klingt zunächst einmal ehrenwert. Sein Rücktritt bleibt dennoch falsch, überhastet, absurd. Wieso blieb nach vier Trainerwechseln nur der eigene Rücktritt? Spieler zu entlassen und endlich einen kompetenten Sportdirektor zu installieren war keine Alternative? Es wäre das Logischste gewesen, das, was Real Madrid wirklich braucht. Aber Pérez brachte es nicht über das Herz, seine Ronaldos oder Zidanes zu feuern. Lieber ging er selbst. Er ist ein intelligenter Mann, Vorsitzender des größten spanischen Bauunternehmen ACS. Als Präsident seines Lieblingsklubs wurde offenbar selbst er zum Kind. Er war Patriarch und Bewunderer, Spieler wie Zidane oder Ronaldo sah er als seine persönlichen Zöglinge; er verschloss die Augen davor, dass sie Gesichter der Vergangenheit geworden sind. Und niemand war da, der ihm die harte Wahrheit sagte: Wo bei Real Fußball-Kompetenz sitzen sollte, umgab sich Pérez mit Abnickern ohne Rückgrat wie Vizepräsident Emilio Butrageño. (…) Sein Projekt leuchtete nur kurz, aber es schenkte dem Verein 2002 die Champions League und den Zuschauern zwischen 2001 und 2003 einzigartigen Fußball. Nicht das Projekt war falsch, sondern der Exzess.“
Sammlung von Egos und Mimosen
Was hinterläßt Pérez, Peter Burghardt (SZ)? „Die Ära des ehrgeizigsten aller Fußballpräsidenten endet (…) Der Bruch kam mit dem Rauswurf des treuen Trainers Vicente del Bosque, mit dem zweimal die Meisterschaft gewonnen worden war und 2002 die Champions League. Carlos Queiroz, Jose Antonio Camacho, Mariano Garcia Remon und Wanderley Luxemburgo gewannen seit 2003 nichts mehr, und auch beim aktuellen Nothelfer Juan Ramon Lopez Caro sieht es schlecht aus. Die Wende nach unten kam auch mit der Verpflichtung des englischen Dressman Beckham. Der Brite kickt immer noch konstanter als die meisten seiner launischen Kollegen, obwohl er sich intensiv seinen PR-Terminen, Klamotten und Frisuren widmet. Aber er geriet zum Symbol eines Wanderzirkus. Perez sprach ständig von den ‚Besten der Welt‘. Seine Profis glaubten es offenbar. Seit Del Bosque konnte sie niemand mehr kontrollieren. Das Ensemble ist eine Sammlung von Egos und Mimosen. Zuletzt stritten sich öffentlich der malade Teamkapitän Raúl Gonzalez und Torjäger Ronaldo, der sich just vor dem richtungsweisenden Duell mit Arsenal beschwert hatte, die Fans würden ihn nicht richtig mögen. Nach seinem Führungstor auf Mallorca kam es Manndecker Sergio Ramos vor, ‚als ob Mallorca getroffen hätte‘, kaum jemand gratulierte ihm. ‚Ich habe die Spieler verzogen wie ein Vater, der seinen Kindern das Beste gibt und sie durcheinander bringt‘, erläuterte Perez bei seinem Schlusswort. Er sei schuld, weil er ihnen Werte und Sitten nicht habe übertragen können. So sah das mancher, viele betrachten den überstürzten Abschied dennoch als Flucht. Wie soll mit einem neuen Präsidenten bei dem Chaos doch noch eine Trophäe herausspringen? Wieso wartet Perez nicht wenigstens bis zum letzten Spieltag? Ist ihm seine Baufirma ACS wieder wichtiger als das Durcheinander Real?“ Reiner Wandler (taz) verweist auf Reals Kontostand: „Trotz des sportlichen Scheiterns lobt die Presse Pérez für seine wirtschaftliche Leistung als den ‚ersten modernen Präsidenten bei Real Madrid‘. Er füllte die Bücher des Vereins dank des Verkaufs des Sportgeländes im Herzen der Hauptstadt. Ein neues Marketingkonzept tat ein Übriges. Unter Pérez wurde aus einem der am höchsten verschuldete Clubs Europas der reichste Verein der Welt.“
NZZ: Pérez lässt Real Madrid im Stich
Bildstrecke Real, faz.net
Tsp: Galatasaray Istanbul hat 140 Millionen Euro Verbindlichkeiten – und spielt trotzdem unbekümmert Fußball
NZZ: Schottlands Fußball in der Krise
Deutsche Elf
Trübe Aussichten
Michael Horeni (FAZ) bedauert, daß Deutschlands Sieg im Turiner Medaillenspiegel als Stimmungsimpuls für die Fußballnation verpuffe: „Dieses Ergebnis, das in einigen Blättern Europas als deutsches Aufbruchsignal über den Sport hinaus gedeutet wird, hat jedoch in Deutschland nicht gereicht, um riesige Schlagzeilen zu produzieren oder Wellen der Begeisterung durchs Land zu schicken. Der deutsche Skeptizismus, der in Turin keinen Platz fand, hat dafür ein weit lohnenderes Ziel ausgemacht: den Zustand der Nationalmannschaft einhundert Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel. Der allgemeine Befund ist eindeutig: Krise. Die Aussichten: trübe. (…) Große Zuversicht stellt sich vor dem anspruchsvollsten Testspiel im WM-Jahr auch keineswegs von selbst ein. Ob in Abwehr, Mittelfeld oder Angriff – überall wimmelt es von Wackelkandidaten, die in ihrem Klub entweder auf der Ersatzbank sitzen, noch weit von der WM-Form entfernt sind oder sich nach Verletzungen erst wieder an ihre Form und Fitness heranarbeiten müssen.“
FR: Deutschland spielt heute Fußball, und selten zuvor war die Ungewissheit so groß
Ringermanier
Markus Völker (taz) hält Christian Wörns‘ Spiel für gestrig: „Wörns ist ein Spieler, den das Team nicht braucht. Manch einer hielt die Berufung der Altnationalen Wörns und Hamann in den Kader für den größten Fehler, den Klinsmann in seiner Amtszeit begangen habe. Ganz so verwerflich war der Test der beiden sicher nicht. Widersprüchlich wirkte er dennoch, da Klinsmann konsequent verjüngen wollte. Wörns hat nun seine Chance gehabt – und sie vor allem gegen die Niederlande gründlich verpatzt. Gegen Arjen Robben wirkte er überfordert, langsam, wenig wendig, im Spiel nach vorn unschlüssig. Er mag ein paar Kniffe drauf haben, den gegnerischen Stürmer in Ringermanier bearbeiten können, in der Viererkette, wie Klinsmann sie interpretiert, sind hünenhafte, raumorientierte Abwehrrecken gefragt. Manndecker, die dem Stürmer bis ins Mittelfeld nachlaufen, passen nicht in dieses System.“
Indirekte Position
Michael Horeni (FAZ) schildert den Zwiespalt Christoph Metzelders: „Er befindet sich sogar in akuter Gefahr, mit einem unbedachten Wort zwischen die Fronten zu geraten. Denn auf der einen Seite stehen ‚meine Mannschaftskollegen und guten Freunde‘ Wörns und Kehl sowie die gesamte Führung von Borussia Dortmund – auf der anderen die Nationalmannschaft mit ihrem Anführer Klinsmann. Seine zweite Heimat. Und gegen Familienmitglieder muß niemand aussagen. Das steht sogar im Gesetz. Metzelder spricht also über sich. Er sendet ‚Ich‘-Botschaften, wie Kommunikationsexperten es nennen würden. (…) Je länger Metzelder über seine Einstellung spricht, über sein Verständnis einer professionellen Haltung, desto klarer bezieht er damit auch indirekt Position gegen den ihm nur in Dortmund, nicht aber international vorgesetzten Wörns. Bei allem ‚Egoismus‘ denke er auch immer an das Wohl der Mannschaft. Hart an sich arbeiten und immer an die Mannschaft denken – diese Einstellung kommt Klinsmanns Team-Philosophie schon ziemlich nahe. Und das System, das der Bundestrainer mit der Viererkette spielen läßt, ebenso.“ Deutsche Abwehr? Matti Lieske (BLZ) denkt laut: „Aller Voraussicht nach werden sich Per Mertesacker und Robert Huth als Innenverteidiger im Wirbel des italienischen Dreiersturms wiederfinden. Sollte die Sache schief gehen, ist guter Rat teuer. Metzelder, Sinkiewicz? Außer Form! Friedrich? Als Berliner hochgradig platzverweisgefährdet! Wörns? Implodiert! Gallas und Carvalho? Für eine Einbürgerung zu spät. Ismaël? Abgeblitzt! Bleibt eigentlich nur noch, nun ja, Jens Nowotny! Im Zweifelsfall klagt er sich ein.“
FR: Das im Vergleich zu Dortmund weniger mann- und mehr raumorientierte Deckungsverhalten der Nationalmannschaft komme Metzelders Spielweise entgegen
Interview mit Metzelder (geführt vom Player, veröffentlich auf Spiegel Online): „Ich sitze zwischen den Stühlen“
SZ: Während sich die Deutschen aufs Länderspiel vorbereiten, scheint Michael Ballacks Wechsel nach London bevorzustehen
Verkörperung der feinen fußballerischen Elite
Dirk Schümer (FAZ) beschreibt Stil und Garderobe des italienischen Trainers und vergleicht ihn mit dem deutschen: „Marcello Lippi ist als Typ das ziemliche Gegenteil von seinem Kollegen Jürgen Klinsmann. Während der kalifornische Schwabe als ungestümer Reformer den Betrieb aufrüttelt und immer wieder aneckt, wirkt der grauhaarige Lippi wie ein ‚Elder Statesman‘ des Fußballs: stets perfekt gekleidet, ruhig und gelassen, zuweilen mit einem Zigarillo zwischen den Lippen, verkörpert der Toskaner die feine fußballerische Elite, seit er mit Juventus Turin in den neunziger Jahren nationale und europäische Titel sammelte. Um diese schöne Tradition fortzuführen und dabei nicht mit den eitlen und mächtigen Vereinsfunktionären in Konflikt zu geraten, hat man Lippi fürs Nationalteam verpflichtet. Vor dem wegweisenden Testspiel hat er denn auch gar nicht erst versucht, einen Hockeytrainer anzuheuern, sondern seinen verdienten Veteranen Ciro Ferrara, ebenfalls von Juventus Turin, als ‚technischen Berater‘ für die harten Tage in Deutschland verpflichtet. (…) Die deutschen Spieler werden Bekanntschaft mit einer neuen Spielergeneration machen. Ein Stürmer wie Luca Toni wurde darum zum Star, weil er in Florenz nicht so viel internationale Konkurrenz vorgesetzt bekam und regelmäßig Treffer erzielte. Ähnliches gilt für hoffnungsvolle Kräfte im Defensivbereich wie Cristian Zaccardo und Fabio Grosso (beide Palermo) oder Daniele De Rossi (AS Rom) – wobei aber ungewiß ist, ob sie sich in der Formation der WM-Spiele letztlich gegen die mächtige Lobby der reichen Mailänder und Turiner Vereine durchsetzen werden. Lippi hat sich erst gestern die Einmischung von Managern, Beratern und Medien noch einmal mit deutlichen Worten verbeten. Bei soviel Konkurrenzkampf seiner Ragazzi kann es der ‚commissario tecnico‘ auch mitnichten gutheißen, daß sich Klinsmann – einst Stürmerstar bei Inter Mailand – unlängst despektierlich über den unattraktiven italienischen Defensivfußball geäußert hat. Klinsmann habe aus der Distanz doch überhaupt keine Ahnung – dieses Dementi wirkte für Marcello Lippis noble Verhältnisse schon fast wie ein Wutausbruch.“
Verwundert und überrascht
Gregor Derichs (StZ) fügt an: „Mit Verwunderung blicken die Italiener nach Deutschland. Dass ein Spieler einen Nationaltrainer in derart scharfer Form attackiert, ist in Italien praktisch unvorstellbar. Denn Fußballtrainer genießen eine hohe Autorität und sind hoch geachtete Persönlichkeiten im Land. Besonders Marcello Lippi gilt als ausgesprochen starke Charakterfigur, der von seinen Spielern geschätzt wird. Allerdings reagierten die Italiener bereits im Sommer 2004 überrascht darauf, dass der DFB in Klinsmann einem Trainernovizen die Geschicke der Nationalelf anvertraute. In Italien trägt man dieses Amt erfahrenen Fußballlehrern an, die bei großen Vereinen mit Erfolgen ihr Können im Umgang mit den Profis unter Beweis gestellt haben.“
Wer italienischen Fußball unter Catenaccio einordnet, sollte sich Gedanken über seine fachliche Qualifikation machen
Lippi im Interview mit Birgit Schönau (SZ)
SZ: An welches Spiel der beiden Länder erinnern Sie sich besonders?
Lippi: Wenn es für uns Italiener überhaupt ein Match gibt, dass sich in unserem Gedächtnis festgebrannt hat, dann ist das Italien-Deutschland 4:3 in Mexiko 1970. Eine Legende unseres Fußballs. Inzwischen sind nach Italia-Germania-quattro-a-tre sogar Fernsehsendungen benannt, es gibt aber auch Theaterstücke, und es gab einen Kinofilm.
SZ: Es ist interessant, dass Sie spontan an Mexiko 1970 erinnern und nicht an Spanien 1982, das WM-Finale, in dem Italien seinen bislang letzten Titel gewann.
Lippi: Naja, Italien hat 1982 ja nicht gegen Deutschland den Titel gewonnen. Weltmeister wurden wir gegen Brasilien und Argentinien. Nachdem wir uns gegen diese Gegner durchgesetzt hatten, waren wir nicht mehr aufzuhalten. Ja, im Finale spielten wir gegen Deutschland. Aber das war nicht mehr so wichtig.
SZ: Welcher ist heute der größte Unterschied zwischen der deutschen und der italienischen Nationalmannschaft
Lippi: Es gibt da keinen großen Unterschied mehr.
SZ: Die Deutschen lieben Italien, aber den italienischen Fußball mögen sie überhaupt nicht. Sie verbinden ihn immer noch mit Catenaccio, dem gefürchteten Abwehrbollwerk. Sind Sie einverstanden?
Lippi: Wer italienischen Fußball heute noch unter Catenaccio einordnet, sollte sich ernsthaft Gedanken über seine fachliche Qualifikation machen. In den vergangenen zehn Jahren haben italienische Mannschaften wie der AC Mailand und Juventus Turin die europäische Bühne dominiert und auch einen großen Teil der Nationalmannschaft gestellt, die ganz bestimmt keinen Defensiv- und Konterfußball alter Schule gespielt haben. Wenn der Ruf des italienischen Fußballs nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gelitten hat, hängt das mit anderen Schwächen zusammen.
SZ: Welche meinen Sie?
Lippi: Ach, ich meine die Ungezogenheit, die wir manchmal immer noch auf den Platz bringen. Das schlechte Benehmen der Fußballer gegenüber den Schiedsrichtern, ihre übertriebene Fallsucht. So etwas hat uns einen schlechten Ruf beschert, auch wenn wir nicht die einzigen sind. Aber ich arbeite daran, dass sich das ändert. Ich versuche, meinem Team klar zu machen, dass wir uns exemplarisch benehmen müssen. Nicht nur für unser Ansehen im Ausland, sondern auch für meine Bilanz. Wenn man bei einem internationalen Turnier nur sieben Einsätze hat, kann man nicht darauf bauen, dass der Schiedsrichter ein Auge zukneift wie zu Hause in Italien und damit womöglich eine Sperre riskieren. (…)
SZ: Finden Sie nicht, dass das Gewicht des Fußballs in der Politik Ihres Landes ebenso übertrieben ist wie die Einmischung der Politik in den Fußball?
Lippi: Es ist übertrieben bei uns, weil wir dazu neigen, in allen Bereichen die Emotionen zu übertreiben. Das ist ja auch nichts Neues. Als 1948 Gino Bartali die Tour de France gewann, bedankte sich sogar der Papst bei ihm, weil der Enthusiasmus der Italiener über Bartalis Sieg angeblich den Volksaufstand verhindert hatte, der nach einem Attentat auf den kommunistischen Führer Togliatti unweigerlich losgebrochen wäre.
SZ: Der Kommunist Togliatti war ein Fan von Juventus. Sie selbst arbeiteten als Juve-Trainer für die Fiat-Dynastie Agnelli, also das Symbol des italienischen Kapitalismus. Dabei haben Sie aus ihren sozialistischen Überzeugungen nie einen Hehl gemacht.
Lippi: Das stimmt. Ich bin ja immer Sozialist gewesen und bin es heute noch.
SZ: Wie meinen Sie das? Es gibt inzwischen zwei oder drei sozialistische Parteien, die einen paktieren mit Berlusconi, die anderen mit der Opposition…
Lippi: Die meine ich alle nicht. Wenn Sie ein Wörterbuch der italienischen Sprache zur Hand nehmen und unter ’socialismo‘ nachschlagen – was da steht, diese Ideen, das ist es. Damit identifiziere ich mich sehr. Das sind die Lebensideale, die ich immer verfolgt habe. Und das waren auch die Ideale meines Vaters.
SZ: Ihr erster Verein hatte einen vielsagenden Namen…
Lippi: Stella Rossa Viareggio (Roter Stern), genau. Also mein Vater war gegen die Mächtigen. Er und seine Freunde schimpften in der Kaffeebar auf die Padroni, die Herren Italiens. Und deshalb hasste er natürlich auch Juventus, denn dieser Verein gehörte damals wie heute den Agnelli. Fantastische Menschen übrigens, Gianni und Umberto Agnelli. Von einer unglaublichen Einfachheit, Demut und Grandezza. Bitte schreiben Sie das, es ist mir ein Anliegen. Und jetzt zurück zu meinem Vater. Als ich den Vertrag mit Juve unterschrieben hatte, war er leider schon gestorben. Ich ging aber zu seinem Grab, ich wollte ihm das erzählen. Ich habe ihm gesagt: Papà, es tut mir Leid, aber ich arbeite jetzt für Juve. Ich bin überzeugt, dass du trotzdem zufrieden mit mir wärst. Wenn du noch leben würdest, könntest du deine Meinung ändern.
Dienstag, 28. Februar 2006
Internationaler Fußball
Überheblich
Holländer in Portugal – Georg Bucher (NZZ) beschreibt das Misstrauen gegen Ronald Koeman in Lissabon und Co Adriaanse in Porto: „Punkto Mentalität und Fussball-Philosophie unterscheiden sich die Trainer wie Tag und Nacht: Hier der einstige Weltstar von PSV und Barça, der sich mit lateinischer Mentalität auskennt und auch mal fünf gerade sein lässt, seine Optionen korrigiert, wenn er unter öffentlichen Druck gerät – eine diplomatische Natur. Dort der ehemalige Verteidiger des FC Utrecht, ein kompromissloser Verfechter offensiven Fussballs, geprägt und geblendet vom Glanz der Ära Cruyff. Selbst wenn unter dem Strich rote Zahlen stehen, wenn ihm – wie in Porto geschehen – vermeintliche Fans die Heckscheibe seines Wagens zertrümmern, lässt er sich nicht beirren. Die Equipe fand aus einem kurzen Tief heraus, reüssierte im 3-3-4- und im 3-4-3-System nach Prinzipien, die bodenständigen Beobachtern die Haare zu Berge stehen lassen. Sie hätten sich nicht genügend mit dem portugiesischen Fussball beschäftigt, seine Ausrichtung an Safety first und Gegenstössen missachtet, wird ihnen vorgehalten. Und dass sie überheblich seien, davon beseelt, in einem rückständigen Land Entwicklungshilfe zu leisten. Flexibel ohne Grenzen, versuchten sie, mit personellen Wechseln den Gegner zu überraschen und verunsicherten dabei ihre eigenen Spieler.“
Welt: Nachdem Samuel Eto‘o in Saragossa den Platz verlassen wollte, beschäftigt sich Spanien endlich ernsthaft mit dem Rassismus in seinem Fußball
NZZ: Wie Englands Medien und Stars Fans provozieren
WM 2006
Eine Art Kartenrechtsbeauftragter der Vereinten Fußballnationen
Eine Privatperson verklagt das WM-OK. Hintergrund: Das OK weigert sich, das Ticket, das er auf Ebay ersteigert hat, auf seinen Namen umzuschreiben. Mario Kaiser (Spiegel) berichtet aus dem Gerichtssaal: „Björn Kracht hätte sagen können, er sei mit dem Verkäufer verwandt und dass er die Karten ohne Aufpreis erworben habe. Deutschland wird bei dieser Weltmeisterschaft ein Land der Schwestern und Halbbrüder sein, der Großneffen und Schwippschwager, eine große inzestuöse Familie, in der jeder mit jedem verwandt ist, ein modernes Island. Doch Kracht machte einen Fehler: Er sagte dem OK die Wahrheit. Das OK witterte Bereicherung, und Bereicherung, das weiß man, ist für die Fifa ein abscheulicher Vorgang, besonders bei Weltmeisterschaften. Das OK verwies auf seine allgemeinen Geschäftsbedingungen und lehnte es ab, die Karten auf Kracht und seine Lebensgefährtin umzuschreiben. Kracht insistierte und schickte Faxe. Doch gegen die Funktionäre des DFB kommt niemand an, nicht einmal Jürgen Klinsmann. Also klagte Kracht. Er dachte wohl, diese Angelegenheit betreffe nur ihn und den DFB. Aber auf Kracht ruhen die Hoffnungen Tausender Fußballfans weltweit, die bei den Kartenverlosungen leer ausgingen. Auf den Straßen Porto Alegres wird man bald vielleicht seinen Namen rufen, er wird sanfter klingen auf Portugiesisch. Kracht ist jetzt eine Art Kartenrechtsbeauftragter der Vereinten Fußballnationen. (…) Kracht sagt leise: ‚Ich wollte nicht so eine Welle machen.‘ Er will nur ein Fußballspiel sehen. Aber eine Weltmeisterschaft ist kein Spiel, das sollte er wissen.“
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