indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 22. Februar 2006

Deutsche Elf

Das, wofür wir heftig kritisiert worden sind, hat sich bewährt

Joachim Löw im Tagesspiegel-Interview über Ablehnung Bernhard Peters‘ durch den DFB und die Torwartfrage
Tsp: Ist die sportliche Leitung noch beleidigt, dass sie Ihren Kandidaten Peters nicht durchsetzen konnte?
Löw: Nein, wir waren nie beleidigt.
Tsp: Das war aber der Eindruck.
Löw: Die Art der Entscheidung ist uns etwas aufgestoßen. Die Leute beim DFB, die eingeweiht waren, waren begeistert von unserem Vorschlag. Aber plötzlich war das Thema in der Öffentlichkeit. Vielleicht haben wir die Sache nicht gut genug vorbereitet. Wir wären das Thema gerne offensiv angegangen.
Tsp: Haben Sie den Verband mit Ihren Änderungen überfordert?
Löw: Wieso? Nach der EM 2004 haben doch alle Veränderungen gefordert – in der Mannschaft und in ihrem Umfeld. Sämtliche Innovationen der Ära Klinsmann waren wichtig. Da kann man sich jetzt nicht hinstellen und sagen: Wir mussten schon so vieles abnicken. Uns hat dieses Verhalten ein bisschen geärgert. Die Entscheidung selbst respektieren wir. Wir sind sicher, dass sich Matthias Sammer richtig in die Aufgabe reinkniet.
Tsp: Könnte das schwierige Verhältnis zwischen Klinsmann und Sammer ein Problem für den deutschen Fußball werden?
Löw: Ich hatte immer den Eindruck, dass beide sich ganz gut verstehen.
Tsp: Sammer hat gesagt, dass der deutsche Fußball seine Identität wiederfinden muss.
Löw: Das ist ja richtig. Wir brauchen insgesamt eine bessere Physis. Wir waren darin einmal führend. Physis ist wichtig, genauso wie Einsatz und der Glaube an sich selbst. Das müssen wir wieder herausstellen – gepaart mit System, Taktik, guter Ausbildung und verbesserter Technik. Jede Nation steht für eine Art von Fußball. Wir standen immer für Power. Aber uns fehlen ein paar Dinge, damit wir uns dauerhaft in der Weltspitze etablieren. Wir haben deshalb in eineinhalb Jahren eine Philosophie erarbeitet. Jetzt kommt noch der Input von Sammer hinzu. Er soll mal seine Ideen vorstellen und dann müssen wir entscheiden. (…)
Tsp: Was ist mit Christian Wörns? Er hatte kritisiert, dass er zuletzt nicht nominiert wurde.
Löw: Es gab mit ihm eine klare Aussprache. Wir haben von Beginn an klar gemacht, dass wir sehr auf Charaktereigenschaften der Spieler achten – auf Seriosität, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Toleranz und Respekt. Intern sind wir immer bereit, über alles zu reden. Wir fordern das sogar von unseren Spielern. Aber eine der Regeln ist: Man äußert sich nicht öffentlich negativ über einen Mitspieler, über den DFB oder über Entscheidungen der Trainer. Von Christian Wörns sind ein paar despektierliche Äußerungen gegen Robert Huth gekommen. Wir haben ihm gesagt, dass er keine Qualifizierung von Spielern vorzunehmen hat. Das machen die Trainer.
Tsp: Hängt die Entscheidung, wer bei der WM im Tor steht, Oliver Kahn oder Jens Lehmann, davon ab, wie die Abwehrkette davor bestückt ist?
Löw: Es gibt verschiedene Punkte, nach denen wir entscheiden. Klar ist eines: Das, wofür wir heftig kritisiert worden sind, der offene Konkurrenzkampf, hat sich bewährt. Wir haben beiden Torhütern die Chance gegeben, möglichst gleich viele Spiele zu machen. Beide sind in ausgezeichneter Verfassung, sie haben sich gegenseitig hochgezogen. Natürlich gibt es Spannungen, wenn einer 35 ist, immer auf hohem Niveau spielt und sich plötzlich dem Konkurrenzkampf stellen muss. Aber das ist doch gut, wenn ein bisschen Zündstoff reinkommt.

newsroom: Schleichwerbung beim DSF-Doppelpass?

Dienstag, 21. Februar 2006

Champions League

Mitspielender Torwart

Oliver Kahn nehme seine Konkurrenten ernst und wolle die Bühne Mailand unbedingt betreten – Florian Haas (FAZ) über das Fernduell mit Jens Lehmann: „Die englische Boulevardpresse neigt nicht zu einer überschwenglichen Bewertung deutscher Fußballspieler. Um so verwunderlicher war es, als die Jens Lehmann gegenüber meist kritische Sun von einer ‚wunderbaren One-Man-Show‘ des deutschen Nationaltorwarts schwärmte. Lehmann hatte beim 0:1 gegen den FC Liverpool stark gehalten, einen Elfmeter pariert und seine beachtliche Form bestätigt. Gegen Real Madrid dürfte er abermals Gelegenheit erhalten, sich hinter einer wackeligen Abwehr auch auf internationaler Bühne auszuzeichnen und so Jürgen Klinsmann ein weiteres Zeichen zu senden. Bereits im vergangenen Jahr hatte Lehmann im Nationaltrikot weit weniger Gegentreffer kassiert als Oliver Kahn und mit dem 0:0 gegen Frankreich einen guten Abgang in die fast viermonatige Länderspielpause hingelegt. Vielleicht auch deshalb hat Klinsmann seine beim Confederations Cup geäußerte Erklärung pro Kahn bisher nicht wiederholt (…) Für Kahn ist das Spiel gegen den AC Mailand von großer Wichtigkeit. Vor allem aber könnte er sich, dessen letzte Einsätze für Deutschland vom vergangenen Oktober datieren, gegen das Mailänder Starensemble mal wieder auf höchstem Niveau bewähren und Lehmann sportlich Kontra geben. Gewiß setzte sich Kahn auch in der Bundesliga zuletzt gut in Szene. Doch eine Positiv-Serie wie die der Bayern und die national beste Abwehr ermöglichten ihm nicht so viele Möglichkeiten, sich wie Lehmann (in der gerade von Klinsmann viel und wohlwollend beachteten englischen Liga) Woche für Woche auszuzeichnen. Die derzeit sehr schwankenden Leistungen der deutschen Abwehrspieler sprechen auch für Lehmann. Denn bei nun noch mehr zu erwartenden Defensivschwierigkeiten ist ein ‚mitspielender Torwart‘ mehr denn je gefragt. Der ballsichere Lehmann wird dieser Anforderung wohl gerechter als Kahn. (…) 2004 sorgte sein Patzer für das Aus gegen Real Madrid, vergangene Saison schoß der FC Chelsea sechs Tore in zwei Spielen. Auch in der Nationalelf und der Liga stellten schwächere Leistungen in wichtigen Spielen die Nervenstärke, deren sich Kahn selbst gerne rühmt, in Frage. Die Attacken auf andere Spieler taten ihr übriges, um das Bild vom stets auf den Punkt konzentrierten ‚Titanen‘ zu beschädigen. Die Verve, mit der die Bayern-Verantwortlichen dabei andere für die Mißgeschicke von Kahn verantwortlich machen, ist auffällig.“

Räuber und Poli

Vor dem Spiel in München und nach dem 1:0 gegen Cagliari – Dirk Schümer (FAZ) schreibt über den AC Mailand: „Wie dieser Sieg zustande kam, ist typisch für den opportunistischen Sicherheitsfußball, den Trainer Carlo Ancelotti am liebsten spielen läßt. Bereits nach 23 Minuten verwandelte Gilardino einen Foulelfmeter. Zuvor war Filippo Inzaghi auf bezeichnende Weise nach einer minimalen Berührung seines Gegenspielers wie ein Torpedo abgehoben und wälzte sich anschließend spektakulär am Boden. Hinterher beklagte Cagliaris Trainer Sonetti treffend, Inzaghi sei nicht gefoult worden, sondern beim Laufen ohnmächtig geworden. Nach diesem einzigen nennenswerten Arbeitsnachweis hatte der defensivstarke AC Mailand gegen einen überforderten Gegner, der kein einziges Mal aufs Tor schießen konnte, keine sonderliche Lust mehr, etwas für die Unterhaltung der Tifosi oder für die Tordifferenz zu unternehmen. Angesichts eines solchen spielerischen Offenbarungseids, dem in München mit Sicherheit das eingespielte, vorsichtige Konterspiel folgen wird, ist man überrascht, vom neuartigen Motivationstraining der Mailänder zu hören. Im spärlichen Gebüsch rund um ihr luxuriöses Trainingsgelände in Milanello müssen die verwöhnten Spieler neuerdings Geländespiele und Überlebensübungen abhalten – nach dem Vorbild des harten ‚team building‘ für den Managernachwuchs. So soll eisenharter Opferwille und verschworener Zusammenhalt entstehen. Bisher ist vom paramilitärischen Elan der Kicker freilich noch nichts zu spüren, aber vielleicht haben sie sich ihren ersten bissigen Auftritt ja für die Bayern aufgespart. Und sollte es mit der neuen Härte gegen sich selbst nichts fruchten, reicht den Milanesi vielleicht ja auch ein schwacher Moment ihres Schwalbenkaisers Inzaghi.“ Kindergeburtstag? Peter Hartmann (NZZ): „Die geheime Mission, so stellte sich heraus, hatte Ancelotti und seine Kicker in den finsteren Wald verschlagen. Dort trieben sie unter Aufsicht des Psychologen ein bisschen Krieg, aufgeteilt in zwei feindliche Gruppen: fingierte Schiessgefechte mit Spielzeugwaffen, Verfolgungsjagden im Unterholz. Räuber und Poli hiess das einst in der Welt der Kinder. “

Ernstfall

Jesses! Birgit Schönau (SZ) fällt auf, dass sich Silvio Berlusconi in Milan rar macht: „Jetzt ist Wahlkampf, doch Berlusconi verzichtet erstmals darauf, im Meazza-Stadion Hof zu halten. Er lässt sich auf der Vip-Tribüne kaum noch blicken. Sicher, die Regierungsverantwortung hält ihn auch mal in Rom, wenn gerade ein Minister zurückgetreten ist, dessen Fernseh-Auftritt mit einer Mohammed-Karikatur auf dem T-Shirt Ausschreitungen mit elf Toten in Libyen provoziert hat. Aber früher wäre Berlusconi trotzdem auf die Vip-Tribüne geeilt. Oder gerade deswegen. Die Zeiten können noch so schwierig sein, mein Milan hält Kurs. In diesem Stil. Neuerdings aber hält sich ‚der erfolgreichste Klubbesitzer aller Zeiten‘ (Selbstbezichtigung) auffallend zurück. Zum traditionellen Schulterklopfen für die Mannschaft kurz vor dem Abflug nach München erschien Berlusconi auch nicht, er ließ sich im letzten Moment entschuldigen und übergab gute Wünsche an seinen Vikar Adriano Galliani. Jetzt kann man sich fragen: Ist die Lage bei Milan so ernst, dass der Ministerpräsident sich im Wahlkampf lieber nicht auf seine Mannschaft verlassen will? Oder ist die Lage in Italien so ernst, dass man sich als Regierungschef besser nicht mit dem Fußball in den Vordergrund rücken mag? Wie dem auch sei, der Ernstfall ist da.“

Welt: AC Mailand steht unter Erfolgsdruck – Ancelotti droht Entlassung
NZZ: Bayern München vertraut auf die Form des Spielmachers Michael Ballack

NZZ: Das unbesiegbare Arsenal ist unberechenbar geworden

Zweifel

Paul Ingendaay (FAS) schildert die schöne Fragilität des FC Barcelona: „Ein Hauch von Unsicherheit und Gefährdung umweht Rijkaards Team immer, egal wie brillant es spielt, und vielleicht ist es symbolisch, daß ein Mittelfeldrenner wie Edgar Davids, der vor zwei Jahren mit seinem Kampfgeist wesentlich zu Barcelonas Renaissance beigetragen hat, nicht lange blieb: Die Mannschaft strebt nach technischer Raffinesse, Kunst und Schönheit. Sie hat mit Ronaldinho den zur Zeit besten Fußballspieler der Welt in ihren Reihen und mit Eto‘o den schnellsten und treffsichersten Stürmer der spanischen Liga. Daneben den Brasilianer Deco und den phänomenalen Argentinier Leo Messi, der alles mit so hoher Drehzahl macht, daß die Verteidiger links und rechts zur Seite sinken. Und das alles sollte gegen Chelsea nicht reichen? Es könnte, es müßte. Auch diesmal werden zwei Spielkulturen aufeinanderprallen, und die brennendste Frage lautet, ob Barcelona endlich beweisen kann, nicht nur den schönsten, sondern auch den erfolgreichsten Fußball der Welt zu spielen. Zwei Liganiederlagen in Folge haben bei den Katalanen den Zweifel gesät. Auch das ist leider typisch. Denn zur Skepsis besteht, genau besehen, wenig Anlaß. (…) Chelsea, Inbegriff einer erfolgreichen Fußballmaschine mit wenig Tradition, aber sprudelnden Geldquellen und unstillbarem Ehrgeiz, hat schon die ersten Grußadressen geschickt. Kapitän John Terry erklärte, ein Spieler wie Ronaldinho sei nur durch Tritte und Einschüchterung zu stoppen, man müsse so einem von der ersten Minute an zeigen, wo es langgeht.“ Die WamS ergänzt: „Keine Mannschaft in Europa kommt der Perfektion so nahe, aber nirgendwo ist die Perfektion eben gleichzeitig so brüchig wie bei den Virtuosen aus Barcelona.“

Raus aus der Melancholie

Beckham, bleib bei Deinen Flanken! Ronald Reng (BLZ) erklärt den Formanstieg des Engländers: „Beckhams kraftvolle Auftritte sind nicht nur ein Triumph, sondern gleichzeitig ein Eingeständnis seines Scheiterns in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren: Er spielt wieder am Rand, ein rechter Außenläufer mit Courage und einem wunderbaren Gefühl im Fuß, seine Flanken sind noch immer die besten der Welt. Er spielt nicht besser als ein Jahrzehnt lang für Manchester United – es fällt nur so positiv auf, weil er bei Real bis vor kurzem etwas Besseres sein sollte und wollte: ein zentraler Mittelfeldspieler. Doch ihm fehlte die Intuition, um im Mittelpunkt des Getümmels zu bestehen. ‚Beckham denkt zu langsam‘, beobachtete Spaniens Nationaltrainer Luis Aragonés. ‚Auf dem Flügel leiste ich mehr‘, sagt Beckham, und das ist keine selbstverständliche Feststellung, sondern ein Ausdruck neuer Reife: Er hat seinen Traum aufgegeben, ein Mittelfelddominator wie sein großes Vorbild Bryan Robson zu werden. Er akzeptiert, dass seine Rolle die des Spezialisten am Rande ist. Es war schon zu fürchten, dass er dieses seelische Gleichgewicht nicht mehr finden würde. Zwei Jahre, seit Januar 2004, war er gefangen in Melancholie: Frust über die eigenen Schwierigkeiten auf der ungewohnten Position mischte sich mit Machtlosigkeit angesichts einer nicht funktionierenden Elf, mit Verletzungspech, mit privaten Problemen, mit mangelndem Training. Ist er mit Real auf dem Weg zurück in die Zukunft oder macht die Krise nur kurz Pause? Noch schleppt Real zu viele Spieler in frühzeitiger Midlife-crisis mit, Zinédine Zidane, Ronaldo, Roberto Carlos. Aber Ansätze, das hier etwas entstehen könnte, sind zu erkennen.“

Ball und Buchstabe

Lupenreiner Materialismus

Eine Tagung über Fußball im Nationalsozialismus im Kloster Irsee – Andreas Rosenfelder (FAZ/Feuilleton) kommentiert die Brisanz der Debatte zwischen Nils Havemann, dem Autoren von „Fußball unterm Hakenkreuz“, und seinen Kritikern: „Der deutsche Fußball wiederholt den Historikerstreit (…) Es geht darum, die Deutungshoheit über die Geschichte des deutschen Fußballs festzuschreiben. Warum ließen sich selbstbezügliche Eigenwelten wie der Sport, die Kunst oder die Wissenschaft so leicht ins nationalsozialistische System einbauen: aufgrund ihrer ideologischen Anfälligkeit – oder gerade im Gegenteil deshalb, weil sie sich als ideologiefreie Zonen definierten? Havemanns Skandal liegt in seiner völligen Abwendung von der Ideologiekritik. Anstatt die DFB-Funktionäre als Opfer eines Verblendungszusammenhangs zu behandeln, deutet er ihre Anbiederung an die Nazis als Mimikry aus kaufmännischem Kalkül. Der lupenreine Materialismus dieses Ansatzes erinnert verblüffend an Götz Alys erst nach Abfassung der Studie erschienenes Buch über ‚Hitlers Volksstaat‘. Gegen Havemanns illusionslose Perspektive steht die Sehnsucht nach einem klaren ideologischen Raster, das sich über die Geschichte legen läßt. (…) Vielleicht graut jenen Historikern, welche die Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit dem Ideologiebefund für abgeschlossen hielten, ja auch nur vor der Idee eines politischen Vakuums im Inneren ihres Lieblingssports. Denn mit dem fragwürdigen Konzept des strammrechten Fußballs steht und fällt auch die uneingelöste Utopie eines linken Fußballs. Vielleicht würde ja schon die Einsicht weiterhelfen, daß man keine moralische Rechtfertigung braucht, um an jedem verdammten Samstag ins Stadion zu gehen oder die Sportschau einzuschalten.“ Andreas Wittner (Welt) ergänzt: „Ganz deutlich zeigte diese Aussprache, wie schwer es bis heute fällt, eine unvoreingenommene, sachliche Debatte über dieses Thema zu führen. Ebenso wurde deutlich, daß die Vergangenheit des DFB mit Havemanns Publikation bestenfalls ausgearbeitet, jedoch noch lange nicht aufgearbeitet ist.“

Handwerklich sauberer Sportjournalismus hat gelitten

Olympia im TV – Hans-Jürgen Jakobs (SZ) kritisiert ARD und ZDF für ihr Lavieren in Doping-Fragen: „Die Geringschätzung von Doping-Themen hat bei den gebührenfinanzierten Sendern durchaus Tradition. Lange vorbei sind die Zeiten eines Harry Valérien, der in Mainz noch Mut machte, mit journalistischen Mitteln Sportskandale aufzudecken. Insbesondere unter dem telegenen Wolf-Dieter Poschmann breitete sich nach Ansicht zahlreicher Kritiker eine gemütliche Kuschelatmosphäre aus. Poschmann leitete nicht nur die ZDF-Sportredaktion, er moderierte auch bei Veranstaltungen des Wasserabfüllers und Radrenn-Sponsors Gerolsteiner; ein Zusammenhang zwischen den Tätigkeiten habe es nicht gegeben, sagt er. Sein ARD-Kollege Hagen Boßdorf wiederum erklärte in der Vip-Lounge des Münchner Olympiastadions Kunden des Telekom-Konzerns Spiele des FC Bayern. Und die ARD sponserte gleich die ganze Tour de France. Was bei all diesen Kooperationen, die inzwischen abgestellt wurden, offenbar gelitten hat, ist handwerklich sauberer Sportjournalismus. Das ZDF hat ein Format wie den Sport-Spiegel genauso schnöde entsorgt wie ARD-Sender ihre entsprechenden Angebote, zum Beispiel Sport unter der Lupe (SWR) oder Sport drei extra (NDR). Im Zweifel waren die Marktanteile zu niedrig. Richtig ist aber, dass nicht immer der Fetisch Einschaltquote die Programm-Entscheidungen bestimmen sollte. Nein, die Rundfunkgebühren für ARD und ZDF gibt es, weil diese öffentlichen Sender ihren Programmauftrag nachkommen sollen, und der sieht neben Unterhaltung auch Information und Bildung vor.“

Ascheplatz

Zweikampf

Live-Fußball – werden T-Online und Premiere zusammenarbeiten? Die SZ meldet: „Das Zahlfernsehen und die T-Strippenzieher wollen eine Allianz eingehen, eine beiderseitige Kooperation, die die Medienlandschaft verändern soll. Gemeinsam wollen sie Live-Fußball der Bundesliga teilen, um so den Kunden etwas Besonderes zu bieten. Die einen bringen Technik und Rechte ein, die anderen Programm-Know-how und Sendelizenz. Den Kabelnetzbetreibern von Unity Media in Köln, die über ihre Tochter Arena für viel Geld Live-Ligarechte gekauft haben, soll so eine zweite Plattform entgegengesetzt werden. Aktion Doppelpass: Ein Zweikampf um das Fernsehen der Zukunft zeichnet sich ab. Die neue Entwicklung könnte der DFL der Profiklubs Verdruss bereiten. Schließlich kassiert sie 250 Millionen Euro pro Jahr von Arena, die zum Saisonstart im August den Kabelkunden, aber auch Satellitennutzern, die Bundesliga für weniger als 20 Euro im Monat bieten will. Gekauft hat Arena Live-Rechte fürs Fernsehen. Was aber bedeutet Fernsehen im Zeitalter der Konvergenz, wenn TV und Internet zusammenwachsen und bewegte Bilder auf vielen Schirmen zu sehen sind?“

SZ: Vogelgrippe könnte WM-Austragung in Frage stellen

SZ: Wegen WM-Tickets – Privatperson verklagt den DFB

Montag, 20. Februar 2006

Bundesliga

Autosuggestion (1)

Hannover 96–Bayern München 1:1

Autosuggestion

Frank Heike (FAZ) lässt sich die Säcke von Uli Hoeneß nicht vollmachen: „Natürlich beanspruchten die Bayern die Deutungshoheit über dieses interessante Spiel. Im Schönreden mäßiger Leistungen zum richtigen Zeitpunkt ebenso geübt wie in der überraschenden Schelte wider den Schlendrian, sagte Hoeneß: ‚Ich bin jetzt beruhigter als vor einer Woche. Die Mannschaft kann den Schalter umlegen und hat nach einem unberechtigten Gegentor die richtige Einstellung gezeigt. So spielt ein deutscher Meister.‘ Herrlich, diese Sätze! So viel Selbstvertrauen kann man also aus einem glücklichen 1:1 in Hannover ziehen. Selbstzweifel wären ja auch ein schlimmer Feind vor der großen Aufgabe. Auch Magath lobte die eigene Mannschaft überschwenglich, als sei es Teil einer Sprachregelung. Das nennt man selektive Wahrnehmung. Oder Autosuggestion. Ist wohl alles Teil des Plans, wenn man ein paar Tage später auf dem Weg nach Paris starke Italiener aus dem Weg räumen muß. Während Peter Neururer noch lange, lange erzählen sollte, wie dieses Spiel für ihn war, er die Tabelle ausdeutete und zum wiederholten Male preisgab, daß ihn der späte Ausgleich doch sehr ärgere, hatte der deutsche Meister wieder einmal so nüchtern und am Ende partiell erfolgreich sein Handwerk verrichtet, wie es Werder, Schalke oder dem HSV wohl nie gelingen wird.“ Andreas Burkert (SZ) bewundert die Arbeitsethik der Bayern: „Für die Münchner ist es allenfalls das zwölfte Auswärtsspiel der Saison gewesen, eher aber das Spiel vor dem Duell mit dem AC Mailand. Vorgeschaltete Pflichtaufgaben sind in München traditionell so beliebt wie Autogrammstunden oder Medizinbälle, doch wie die Plackerei in der Vorbereitung brachten die Bayern auch den Charaktertest von Hannover mit Anstand hinter sich.“

Den Computer jetzt bitte nicht gleich ausschalten, wenn wieder von der Liebe der ARD-Sportschau zu Oliver Kahn die Rede ist – zwei Beispiele vom Samstag: Erst redet der Sprecher einen groben Fehler des Torwarts klein, als Kahn eine Flanke unterläuft: „Kahn verschätzt sich hier etwas.“ Bei jedem anderen Torwart wäre von einem kapitalen Stellungsfehler die Rede gewesen. Dann werden die Hannover-Fans gerügt für ihre Robert-Enke-Sprechchöre bei der Verletzung Kahns: „Nicht gerade die feine Art, das ausgerechnet in diesem Moment zu singen.“ Wirklich sehr, sehr gemein! So ein Käse! Manchmal singen Fans ganz andere Dinge, wenn gegnerische Spieler vom Feld humpeln. Liebe Sportschau-Redakteure, warum diese Watte für unseren Nationaltorhüter? Aus Sympathie? Macht der gemeinsame Sponsor Druck? Oder Uli Hoeneß? Rufen nach der Sendung tausend Bayern-Fans an, wenn Ihr nicht vor den Bayern kniet? Oder versteht Ihr das Spiel nicht? Man hätte zudem erwähnen können, dass sich Kahn die Verletzung selbst zuzuschreiben hat: Er ist in seinen Gegenspieler Brdaric, der den Ball spielt, unbeherrscht reingesprungen. So was nennt man übrigens Foul oder, je nach Auslegung, gefährliches Spiel.

Borussia Dortmund–Werder Bremen 0:1

Janusköpfig

Richard Leipold (FAZ) rät den Bremern, ihre Naivität in der Abwehr abzulegen: „Werder zeigt sich janusköpfig: mutig, aber keineswegs souverän. Die Offensivkräfte wirkten wesentlich tatkräftiger als bei den vorherigen Auswärtsspielen. In der Anfangsphase stürmten die Bremer im Stile einer Heimelf drauflos, auch ohne ihren erfolgreichsten Angreifer Miroslav Klose. Die Stärken der Bremer traten vor allem in der gegnerischen Hälfte zutage. Werder versuchte sich stürmisch dem Wintertief zu entziehen, das über dem Klub heraufgezogen ist. Auch die Verteidiger machten mit – auf ihre Weise. Oft zu weit aufgerückt, frönten sie einem Vabanquespiel, das weniger von Klasse als von guten Nerven zeugte. Zwanzig Meter vor dem eigenen Strafraum auf einer Linie auf Abseits zu spielen, das kann, muß aber nicht gutgehen. Zuweilen hatte das Abwehrverhalten den Anschein, als wollten sie das Schiedsrichtergespann einem Belastungstest unterziehen oder Material für einen Lehrfilm über die Abseitsregel liefern. Die Dortmunder Stürmer tappten zwanzigmal (!) in die Falle – aber bei weitem nicht immer. Nicht auszudenken, wenn im Strafraum Weltklassestürmer wie Trezeguet und Ibrahimovic auf ihre Chance gelauert hätten.“

Hertha BSC Berlin–Schalke 04 1:2

Erbärmliches Bild

Ronny Blaschke (FTD) kritisiert Dieter Hoeneß und Falko Götz: „Hoeneß wollte ein bisschen erzählen, aber nichts sagen, gelungen ist ihm das nicht. Selten hat jemand lauter geschwiegen. (…) Götz hat seinen Anteil an der Misere. Wie schon bei 1860 München lässt er die Geradlinigkeit in seiner Arbeit vermissen – in Taktikfragen, aber auch im Umgang mit seinen Spielern. Er hat es nicht geschafft, die Bildung einer Hierarchie zu beeinflussen. Diese Probleme sind von substanzieller Art, und sie können nicht von heute auf morgen gelöst werden. Er ist jedoch oberflächlich und kurzsichtig, die Probleme ausschließlich bei Götz zu suchen, denn das erbärmliche Bild, das Hertha BSC derzeit abgibt, ist über Jahre entstanden, nicht über Nacht. (…) Eine Opposition, die Ordnung herbeistreiten könnte, gibt es nicht. Und interne Kritiker werden umgehend zur Räson gerufen. In keinem anderen Bundesligaklub gehen so viele Entscheidungen von einer Person aus. Bei Hertha BSC kann nur der Manager den Manager entlassen. Sein Vertrag läuft bis 2010, doch gefühlt läuft er lebenslänglich. Und trotzdem sind die Vereinsstrukturen so einprägsam wie das Londoner U-Bahn-System. “

Entmachtet

Matthias Wolf (FAZ) erkennt Vorzeichen einer Entlassung: „Ruhe verschafft sich die Hertha mühsam. Beim Training schloß der Verein überraschend die Öffentlichkeit aus. Zuletzt war die Schranke am Übungsplatz im November 2003 gefallen, als Huub Stevens vor der Entlassung stand. Parallelen zu damals sind unverkennbar, doch Götz hat zumindest bei Hoeneß noch Kredit. Intern aber kommen verstärkt kritische Fragen, auch von anderen Führungskräften. Götz scheint angeschlagen und noch mehr entmachtet zu sein, wenngleich schon bekannt war, daß Hoeneß mit die Mannschaft aufstellt. Gegen Schalke ließ der Trainer erstmals in der Rückrunde zwei Stürmer spielen. Eine von oben verordnete Abkehr vom Angsthasenkonzept? Hoeneß kommentierte den Vorgang mit süffisantem Lächeln: ‚Also ich war zeitlebens Stürmer und schon immer dafür, daß man nach vorne spielt.‘ Hertha war den leichtfüßigen Schalkern dennoch hoffnungslos unterlegen und erarbeitete sich selbst gegen dezimierte Schalker nur vereinzelt Torgelegenheiten.“ Uwe Marx (FAZ) fügt an: „Es gab Trainer und Manager, die in solchen Phasen sehr laut wurden, um ihre Spieler anzutreiben. Bei Götz und Hoeneß ist das Gegenteil der Fall, und das läßt vermuten, daß beide angeschlagen sind.“

Michael Rosentritt (Tsp) nimmt den Trainer in Schutz: „Die Ursachen, die in der Vergangenheit liegen, hat Götz genau so wenig zu verantworten wie Marcelinho, der divenhafte Star, der als zweiter Sündenbock hingestellt wird. In der öffentlichen Wahrnehmung hat der Berliner Bundesligist an Charme verloren. Der Zuschauerzuspruch ist rückläufig, außerhalb der Region Berlin-Brandenburg wird Hertha kaum wahrgenommen. Bis heute hat Hertha kein Image gefunden. Eine seit Jahren verfehlte Transferpolitik hat den Verein in eine wirtschaftliche Schieflage gebracht und den Spielerkader nachhaltig gehandicapt. Es mangelt dem Team an einer gesunden Altersstruktur, an Persönlichkeiten und an Ausstrahlung. Deshalb fällt es einem großen Teil der Öffentlichkeit schwer, sich mit dem Verein zu identifizieren.“

Ein aufregendes Museum

Klaus Hoeltzenbein (SZ) ordnet die Hertha in Berliner Architektur und Geschichte ein: „Wer nach Berlin fliegt, einen Fensterplatz hat, der kann Hertha nicht entkommen. Nahe der Einflugschneise nach Tegel liegt das renovierte Olympiastadion, in dem der Albert-Speer-Muschelkalk mit der Glasdach-Gegenwart einer Arenen-Architektur in Verbindung gebracht wurde. Nun haben die Berliner einen gebauten Kompromiss. Andere haben ein neues Stadion. Ob Hertha sich in diesem Zwitter, halb bedrückendes Denkmal, halb fröhlicher Fußballplatz, je wohlfühlen wird? (…) Hertha versprach viel, sie sollte sich in eine Bayern-Werder-Borussia verwandeln. Nun ist sie Mittelstand, grau wie der Wedding im Winter. Beglückt wird sie nur von einer verheißungsvollen Nachwuchsarbeit, belastet von der verlorenen Vision und gebeugt von der Gefahr, bald ohne Perspektive (und ohne Trainer?) zu sein. In diesem Reizklima ziehen Gespenster ein: Nach fünf Platzverweisen in einer Woche marschiert in Berlins Medien die ‚Rote Armee‘. Wer mit dem Flieger kommt, landet noch immer in Tegel. Bei Anflug sticht ein riesiges Hertha-Logo ins Auge. Es müsste verpflanzt werden, sollte doch noch der seit dem Mauerfall geplante Bau eines Großflughafens gelingen. Aber warum? Tegel und Olympiastadion, Hertha und Hoeneß – das ist Berlin 2006. Für den, der’s mag, ein aufregendes Museum.“

Borussia Mönchengladbach–1. FC Köln 2:0

Glückliche Umstände

Nicht nur Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) fragt sich, ober der Richtige gewonnen hat: „Nach dem Triumph wirkten die Herrschaften vom Niederrhein wie eine Gemeinschaft, die mit dem Schrecken davongekommen war. Horst Köppel wirkte regelrecht aufgescheucht, als er einen Erfolg zu kommentieren hatte, bei dessen Entstehungsgeschichte die Mönchengladbacher Doppelpaß mit für sie glücklichen Umständen spielten (…) Sein Kollege Hanspeter Latour, der stets so wirkt, als stünde der Schweizer Kabarettist Emil wieder auf der Bühne, hörte sich in seinem Fazit fröhlicher an als Köppel.“ Christoph Biermann (SZ) warnt Gladbach vor einem hohen Ziel: „Angesichts der Leistungen in dieser Saison sind die Borussen mit Punktausbeute und Tabellenstand ganz gut bedient. Zugleich ist Gladbach zu einem Klub überproportionaler Ambitionen geworden, was zuletzt vor allem der Trainer ausbaden musste.“

1. FC Kaiserslautern–Arminia Bielelfeld 2:0

Unten durch

Tobias Schächter (FR) stellt fest, dass die Kränkung der FCK-Fans auch durch zwei Siege noch nicht überwunden ist: „Die Leistung der Lauterer war über weite Strecken erneut desolat. Und für einige Spieler war das Spiel trotz des Sieges gar eine bittere Erfahrung: Der konfuse Kapitän Marco Engelhardt und der antrittsschwache Spielmacher Ervin Skela sind beim Publikum unten durch und wurden von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen. Auf dem besten Weg, sich ebenfalls jegliche Restsympathie zu verscherzen, befindet sich Torjäger Halil Altintop, ohne dessen 13 Tore der FCK zum Abschluss der Vorrunde nur zwei Zähler gehabt hätte. Das scheint vergessen, seit feststeht, dass der Türke zu Schalke wechseln wird, und keine Tore mehr schießt. Es ist seltsam, dass die eigenen Spieler mehr Angst zu haben scheinen, im Fritz-Walter-Stadion aufzulaufen, als die Gegner.“

Der gute Mensch von Bielefeld

Was für ein Tor! Die Berliner Zeitung stellt klar: „Das war doch Absicht! Hain, der gute Mensch von Bielefeld, wollte nur helfen. Er erinnerte sich, dass man seine Feinde lieben soll wie sich selbst; er wärmte das kalte Profigeschäft mit so viel Nächstenliebe, dass ein ganzes Stadion sich fragte, ob schon Frühling ist. Er half den Lauterern im Abstiegskampf, weil er wusste, dass sie Hilfe brauchen. Und er versetzte sich einen Moment lang in die Lage seiner heimlichsten Helfer. Er war für diesen Moment: ein Balljunge.“

1. FC Nürnberg–VfL Wolfsburg 1:0

Versprengte Truppe

Christof Kneer (SZ) beobachtet die Wolfsburger nach dem Abpfiff und zieht Schlüsse über das Wesen der Bundesliga: „Sollten sie doch den langen Laufweg machen rüber zu den Fans? Sollten sie sich unauffällig in die Kabine schleichen? Oder sollten sie miteinander reden, aber worüber bloß, und: in welcher Sprache? Manchmal reicht es, wenn man Fußballer bei der After-work-Party erwischt, man muss sie dann gar nicht mehr spielen sehen. Die Wolfsburger zum Beispiel sind meist dieselbe versprengte Truppe, egal ob im Spiel oder danach, und langsam drängt sich der Verdacht auf, dass es sich hier um eine Art Kunst handelt. Man muss das nämlich erstmal können: so viele gute Fußballer haben, die so zielsicher aneinander vorbei leben und spielen. (…) Sollten Archäologen in 1000 Jahren zufällig dieses Spiel ausgraben, wüssten sie sofort alles, was man über die urzeitliche Bundesliga des beginnenden 21. Jahrhunderts wissen muss. In ihre Geschichtsbücher könnten die Historiker dann schreiben, dass dies die Zeit nach dem Bosman-Urteil war, in der Spieler namens Hoogendorp, Tskitishvili und Menseguez auf Spieler namens Mnari, Chedli und Glauber treffen, wobei Nürnbergs neuer Brasilianer noch so neu ist, dass nicht mal sein eigener Club textsicher ist. Glauber steht auf dem Trikot, als Berti firmiert er auf dem Aufstellungszettel; manche sagen auch Honorato zu ihm. So sieht sie also aus, die Bundesliga, immer noch. Den Nürnbergern darf man allerdings zugute halten, dass sie nicht freiwillig mit dieser Legionärs-Patchwork-Elf spielten. Trainer Meyer musste viele Verletzte in seinem Kader moderieren. An den Wolfsburgern hingegen dürften kommende Generationen eine rechte Freude haben; an diesem Flickerlteppich von Mannschaft lassen sich herrlich alle Sünden ablesen, die sich die Liga in ihren wilden Jahren zuschulden kommen ließ. Gerets-Spieler stehen neben Fach-Spielern und Strunz-Spielern, und gemeinsam mit den neuen Augenthaler-Spielern ergibt das eine Mannschaft, die außer derselben Trikotfarbe wenig gemeinsam hat.“

Samstag, 18. Februar 2006

Allgemein

Botschafter

Christoph Biermann (SZ) wundert sich nicht über das schlechte Abschneiden der Bundesliga-Teams im Hinspiel: „Das internationale Quartett hat sich draußen in Europa als angemessener Botschafter der Bundesliga präsentiert. Denn so grau wie in dieser Saison war die Stimmung in der Liga der Frustrierten schon lange nicht mehr. Sieht man von Enklaven der Entspanntheit wie Hannover, Frankfurt oder Bielefeld ab, ringen fast alle Vereine auf die ein oder andere Weise unzufrieden damit, ihre Vorgaben einzuhalten. Im Tabellenkeller läuft das Schneckenrennen der Dauerverlierer, darüber ist verzweifeltes Strampeln um einen internationalen Platz. Und nicht einmal die Spitzenklubs dürfen sich als solche fühlen, weil sie vom FC Bayern deklassiert werden.“

VfB Stuttgart–FC Middlesbrough 1:2

Unsanfte Landung

Oliver Trust (FAZ) schildert Stuttgarter Kälte: „Pfiffe hallten durchs Stadion, als sich die Stuttgarter Verlierer in den verdreckten weißen Trikots in die Cannstatter Kurve aufmachten. Sie wollten für die Unterstützung danken, mehr von Anstand denn von innerer Überzeugung getrieben. Der Troß der Bittsteller kam bei der Suche nach Trost nicht bis an sein Ziel. Feuerzeuge flogen, Verachtung schlug ihnen entgegen. Hohngesänge kamen dazu, viele wandten ihnen den Rücken zu. Die Spieler drehten um, als fürchteten sie nicht nur den eiskalten Liebesentzug ihrer Fans, sondern sorgten sich um Leib und Leben. So weit wäre es sicher nicht gekommen, aber keiner traute sich zu, das gestörte Verhältnis wieder zu reparieren. (…) ‚Dann wird der leichteste Ball zum Problem‘, sagte Horste Heldt und beschrieb den aus dem Gleichgewicht geratenen seelischen Zustand einer Mannschaft, die sich nach dem Trainerwechsel weiter glaubte und sich den erfolgreichen Neustart in ihren Köpfen ausgemalt hatte. Nun landete sie unsanft auf dem Boden der Tatsachen.“ Tobias Schächter (SZ) geht der Kritik an der Vereinsführung auf den Grund: „Vor allem Klubpräsident Erwin Staudt steht in der Kritik. Der ehemalige IBM-Manager hat sich bei der Sanierung des bei seinem Antritt mit 16,9 Millionen Euro verschuldeten Vereins aus der Ära des sorglosen Gerhard Mayer-Vorfelder große Verdienste erworben. Bei der Verteilung des sportlichen Erbes von Felix Magath war die Inthronisierung des Defensivkünstlers Trapattoni, der dem griesgrämigen Matthias Sammer folgte, aber der zweite teure Fehlgriff innerhalb von 20 Monaten. Ausgestattet mit einem Kontrakt nur bis zum Saisonende, soll Armin Veh die vermaledeite Saison zu einem guten Ende bringen. Doch von Magaths Nach-Nach-Nachfolger ist vor allem durch Dieter Hundts Äußerungen der Eindruck entstanden, er habe beim VfB die Chance gar nicht, die er so gerne wahrnehmen möchte.“

Bundesliga

Intrigant

Zwei Verrisse, wie man sie selten liest, schreibt heute die Berliner Zeitung über Mirko Slomka und Falko Götz. Als Grundlage der Kritik dient jeweils eine Recherche in den alten Vereinen der beiden Trainer, Tennis Borussia Berlin (Slomka) und 1860 München (Götz). Matthias Wolf (BLZ) misstraut dem Lächeln und der Höflichkeit Slomkas: „Slomka wirkte vor fünf Jahren als Trainer bei Tennis Borussia. Sein Name steht mit für den Niedergang von TeBe. Und schon damals war seine scheinbar nette Art auch und vor allem eiskaltes Kalkül. In Gelsenkirchen heißt es aus sicherer Quelle, Slomka sei schon längere Zeit vor der Ablösung von Ralf Rangnick häufiger alleine zum vertrauten Gespräch im Büro von Andreas Müller gesehen worden. Der Teammanager ist inzwischen der starke Mann auf Schalke und präsentierte mit Slomka überraschend den bisherigen Assistenztrainer als Chef. Eine Variante, auf die Assauer ‚nie gekommen wäre‘, wie er auf einer Pressekonferenz süffisant mitteilte. Rangnick sagt mittlerweile, er sei enttäuscht und werde nie mehr mit Slomka zusammen arbeiten. Dieser habe nur zu genau von den Intrigen hinter seinem Rücken gewusst.“

Charmeur

Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) wirft Götz Blendung und schlechte Menschenführung vor: „Bei 1860 München wirkte Falko Götz aufgesetzt und maskenhaft – er hinterließ eine beachtliche Liste der Verfehlungen. (…) Der Anfang vom Ende war, als Götz damit begann, die talentierten Jungen im Team – Benjamin Lauth, Andreas Görlitz und Daniel Baier – beim ersten Leistungsknick öffentlich zu kritisieren und so zu demontieren. Obwohl Götz doch beste Gelegenheit hatte, dem nur 500 Meter entfernt beim FC Bayern arbeitenden Ottmar Hitzfeld zu lauschen. ‚Junge Spieler darf man nie öffentlich kritisieren‘, lautete eine seiner Hauptregeln. Speziell Lauth wurde von Götz zum Versuchskaninchen auf verschiedenen Positionen degradiert. Der Angreifer versank später lange Zeit in einem bodenlosen Formtief. Zu einem gravierenden Problem wurde auch das Verhältnis zwischen den jungen und den älteren Spielern. Götz hatte nämlich, wohl ohne es zu bemerken, längst einen Konflikt der Generationen im Team entfacht, der zu einem regelrechten Bruch innerhalb der Mannschaft führte. Viel mehr, als die Spieler es verkrafteten, war Götz zudem damit beschäftigt, den Götz in sich zu überspielen. Einen anderen Menschen vorzugeben, als den, der er wohl war. Spieler beklagten später, sie hätten sich häufig argwöhnisch beobachtet gefühlt, eine fast detektivische Motivation hätte ihren Trainer umgetrieben. Noch die Rechtschaffensten sahen sich alsbald in der Rolle von obrigkeitlich Beäugten. Es fiel vielen bald auf, dass Falko Götz gerne den Charmeur gab, wenn die Öffentlichkeit in der Nähe war.“

Erleichterung

Oliver Trust (FAZ) misst einen Temperaturanstieg in Kaiserslautern: „Die unerschrockenen Nachwuchskicker machen dem großen Kreis arrivierter, jedoch vielfach glückloser Durchschnittsspieler im Lager des FCK gehörig Druck. Und mehr. Der Klub, dessen Verhältnis zu seiner Kundschaft nach zahlreichen Affären nachhaltig litt und immer mehr von lähmendem Desinteresse geprägt war, kann die große Lücke langsam schließen. Die Erleichterung ist unübersehbar. Endlich tauchen wieder Figuren auf, mit denen sich die Fußballfreunde in der Pfalz identifizieren können. Die Fanforen im Internet jedenfalls sind voller hoffnungsfroher Einträge. Selbst ein Abstieg erscheint manchem angesichts des Potentials des Nachwuchses nicht mehr ganz so aussichtslos traurig. Langsam steigt die Neugier auf Fußball bei den Menschen im Südwesten wieder, die dem Verein in Scharen noch vor kurzem den Rücken kehrten.“

Altkleidersammlung

Große Klappe – und einiges, im Moment, dahinter. Jörg Marwedel (SZ) befasst sich mit Peter Neururer: „Der ‚Freund der Bild-Zeitung‘ (Neururer über Neururer) hat Stadt und Klub aufgemischt, denn er sagt oft und gern seine Meinung, und seine Freunde vom Boulevard machen daraus große Buchstaben. Nicht allen gefällt das im Klub, Geschäftsführer Karl-Heinz Vehling hat neulich etwas indigniert bemerkt: ‚Einen Neururer muss man sich leisten können.‘ Und wenn Neururer mal wieder seinen Lieblingsgegner Jürgen Klinsmann attackiert, sorgt sich der Boss so sehr um das 96-Image, dass er dies sogleich als ‚private Meinung‘ des Trainers deklariert. Der wiederum kann keinen Widerspruch darin erblicken, dass er den Bundestrainer unlängst schalt, weil dieser Thomas Brdaric nicht mehr zur Nationalelf einlud und er selbst Brdaric eine Woche später auf die Ersatzbank verbannte. (…) Hannover spielt nicht viel schöner, seit er da ist. Manchmal fällt das Team gar zurück in alte Mechanismen, die Spötter ‚Ewald-Lienen-Gedächtnisfußball‘ nennen.“ Aus der Welt erfahren wir: „Seit mehr als acht Monaten bekommen die Spieler von Hannover 96 internationales Flair hautnah vermittelt. Wenn die Profis auf Reisen gehen, tragen sie schwarze Trainingsanzüge mit rot-orangefarben abgesetzten Ärmeln. Das sind die Farben des italienischen Erstligaklubs AS Rom, dessen Altkleidersammlung vom gemeinsamen Ausrüster Diadora an Hannover weitergereicht wurde.“

FAZ-Interview mit Neururer: „Ich habe den Traum noch nicht aufgegeben, daß ich irgendwann mal deutscher Meister werde“

NZZ: Im Internet zählt der FC Bayern München zu den Pionieren, er hat sich dort ein neues Geschäftsfeld erschlossen

Deutsche Elf

Abwehrsorgen

Christof Kneer (SZ) möchte nicht mit Jürgen Klinsmann tauschen, wenn es darum geht, eine Innenverteidigung aufzustellen: „Am Ende ist vermutlich wieder Franz Beckenbauer schuld, aber bestimmt hat er es wieder gut gemeint. Es war ja kein ganz schlechter Zug von ihm, das Abwehrspiel neu zu erfinden. Er hat der Welt den Libero geschenkt, so was muss man machen dürfen, und vielleicht kann man es dem deutschen Fußball nicht mal übel nehmen, dass er sich so an dieser Erfindung begeisterte, dass er sie 25 Jahre später immer noch für neu hielt. Als die Entwicklung endete, hat das Land dies ebenso wenig bemerkt wie Beckenbauer selbst. Als der Teamchef beim WM-Sieg 1990 den alternden Augenthaler als treudeutschen Libero besetzte, begann international gerade die Zeit der Abwehrketten. In Deutschland begann die Zeit, in der der knapp 60-jährige Matthäus vom Mittelfeldspieler umschulte – zum Libero. Bald ist WM im Land der Abwehrspieler, und gerade jetzt hat das Land Abwehrsorgen wie nie zuvor. Der Libero ist ebenso ausgestorben wie sein Vorstopper – und seit die Mannheimer Vorstopperschule wegen nachgewiesener Rückständigkeit schließen musste, sehnt sich die Republik nach Försters und Kohlers, aber in moderner Version. Dass dies ein Widerspruch in sich ist, beweist der letzte Mannheim-Absolvent Christian Wörns. Er ist kein schlechter Manndecker, aber eben ein Überbleibsel aus jenen Tagen, als die Söhne Mannheims mit heißem Atem einem zugeteilten Stürmer hinterhersichelten. Nicht neu ist das Problem, dass in Deutschland viel zu wenig moderne Innenverteidiger wachsen – neu ist aber, dass es zur Stunde eigentlich gar keine WM-tauglichen Abwehrspieler gibt. (…) Die schwer zu beantwortende Grundfrage lautet: Wo endet eine vernünftige Reaktion auf eine aktuelle Notsituation – und wo beginnt Aktionismus? Es hat zu allen Zeiten Versuche gegeben, Spieler in ein Turnier hineinzusingen, und meistens hat es Trainer ausgezeichnet, wenn sie die Gesänge überhörten.“

Freitag, 17. Februar 2006

Am Grünen Tisch

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Allgemein

Schalke 04–Espanyol Barcelona 2:1

Profilgewinn

Richard Leipold (FAZ) stellt Mirko Slomka und seiner Mannschaft ein gutes Zeugnis aus: „Rechnerisch bietet der Erfolg, der zu niedrig ausfiel, kein solides Fundament für das Rückspiel. So bleibt Verantwortlichen wie Spielern nichts anderes übrig, als sich an den inneren Werten aufzurichten, die das Team auszeichneten. Sie haben sich nicht provozieren lassen – zumindest nicht oft. Wäre es anders gewesen, hätte die Partie aus den Fugen geraten können. (…) Geduld und Gelassenheit zählten zu Vorzügen des FC Schalke: Tugenden, die für eine intakte (Arbeits-)Gemeinschaft sprechen. Zu Beginn der Rückrunde hatten die Schalker zuweilen apathisch gewirkt; es war sogar der Eindruck entstanden, die Spieler leisteten Dienst nach Vorschrift. Slomka hatte sein Personal von diesem Vorwurf mehrmals freigesprochen. Der neue Trainer bewahrt die Ruhe wie ein Routinier – und zeigt Mut. Gegen Espanyol bot er den Nachwuchsspieler Sebastian Boenisch als linken Verteidiger auf, einen Neunzehnjährigen, der drei Tage zuvor seine ersten sieben Minuten in der Bundesliga gekickt hatte. Slomka traut sich etwas, und die Spieler folgen ihm. Falls es auch im Fußball auf die inneren Werte ankommt, ist der Sieg für Slomka höher ausgefallen, als es das Spielergebnis vermuten läßt. Der Trainer gewann in der Hektik des Gefechts an Profil.“

Die großen Nervensägen des europäischen Fußballs

Christoph Biermann (SZ) ärgert sich über den Stil Espanyols: „Welches Jahrzehnt wird Schalke wohl im nächsten Spiel abarbeiten müssen? Werden Sie am Samstag in Berlin noch einmal die Achtziger durchleben, und bedeutet das dann trüben Ergebnisfußball? Oder stürzen sie gar zurück in die dreißiger Jahre, als Schalkes beste Zeit war und der Kreisel alle Gegner vom Platz rotierte? Logisch jedenfalls wäre die Weiterfahrt durch die Vergangenheit, denn nach der Torflut gegen Leverkusen im Stil der Fifties, begegneten den Schalkern gegen Espanyol Barcelona unverhofft die siebziger Jahre wieder. Die Gäste aus Spanien gaben eine Halbzeit lang die ‚typisch südländische Mannschaft‘, wie man damals mit spitzem Mund gesagt hätte. Man hatte das schon lange nicht mehr gesehen, und es rief Bilder von einst wach, als vor allem Italiener und Spanier die großen Nervensägen des europäischen Fußballs waren. Espanyol präsentierte noch einmal das für die Siebziger typische Sortiment von Folterinstrumenten aus permanenten Nickeligkeiten und Provokationen, Spielverzögerungen, Schwalben und sonstigen schauspielerischen Einlagen. Und man merkte, dass diese Werkzeuge auch heute nicht wirkungslos sind, denn die Gastgeber reagierten entnervt. Weil der Schiedsrichter unsicher hantierte, schritt Fabian Ernst Selbstjustiz. Als er per Bodycheck in seinen Gegner flog, hätte der Referee ihn eigentlich vom Platz stellen müssen. Doch das tat er nicht, wie er auch gegenüber Espanyols Manschaftskapitän Lopo gnädig war, der seinerseits Ernst mit einem Schlag maßregelte.“

Hertha BSC Berlin–Rapid Bukarest 0:1

Schleichender Tod

Berlin spielt, und Matthias Wolf (FAZ) wendet sich ab: „Seit Monaten bewegt sich Hertha auf niedrigem Level, Tendenz fallend. Eine erschreckende Zahl von Fehlpässen, dazu offensichtlich Lustlosigkeit und auch Unvermögen – das erzürnte auch die letzten Getreuen. Viele der nur 13.430 Fans hatten die Karten bei einer Werbeaktion bei einem Discounter für 7,77 Euro erworben – selbst dieser Schleuderpreis wirkte jetzt wie Wucher. (…) Falko Götz wird schon lange einer ängstlichen Taktik bezichtigt, weil er meist nur mit einer Spitze agiert. Doch er ist auch Leidtragender der Personalpolitik von Hoeneß, der erst mit Ablösesummen und Gehältern gepraßt hat und nun vor 35,2 Millionen Euro Verbindlichkeiten steht, die keinen Spielraum mehr bei Transfers erlauben. Hertha steht sportlich und wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand.“ Javier Cáceres (SZ) graut es: „Derart vorsätzlich wirkte das 0:1 der Berliner, dass man meinen wollte, die Herthaner wollten sich unbedingt in die Debatte um die Zukunft des zunehmend grauen Westberlins drängen. Bisher war darin nur vom schleichenden Tod anderer Institutionen die Rede gewesen: dem Bahnhof Zoo (degradiert zum Regional-Bahnhof), der Paris-Bar (insolvent), von Café Kranzler und Wellenstein (dicht). Nun ist Herthas Weg in die Graumäusigkeit ein Thema.“ Die Berliner Zeitung friert: „Baut Heizstrahler! Bitte, bitte, liebe Herthaner, habt Mitleid mit den Fans, die immer noch nicht gemerkt haben, dass für sie im Olympiastadion außer einer Erkältung nichts zu holen ist! Vergesst die Energiepreise! Ihr weigert euch, Herzen zu erwärmen. Wärmt wenigstens Füße!“

Duckmäusermentalität

Ralf Köttker (Welt) führt die Berliner Not auf den Machtüberschuss ihres Managers zurück: „Falko Götz ist ein Grund für die sportliche Misere. Aber er ist gleichzeitig auch das Resultat einer Klubhierarchie, die seit Jahren eine Duckmäusermentalität fördert. An der Spitze steht Dieter Hoeneß, der um sich ein System geschaffen hat, das nur wenig Spielraum für Widerspruch zuläßt. (…) Es gab eine Zeit, da brauchte Hertha BSC den starken, alles dominierenden Hoeneß, der Bedenkenträger ignoriert und Kritiker aussortiert, um den maroden Verein zu sanieren. Aber die Zeiten haben sich geändert. Das Unternehmen Hertha braucht moderne Führungsstrukturen. Erst wenn Hoeneß lernt, Verantwortung zu teilen, konstruktive Kritik anzunehmen und mündige Mitarbeiter neben sich zu dulden, kann ein Kollektiv entstehen, daß auch in Krisen stabil ist, weil jeder Verantwortung übernimmt. Und erst dann hat Hertha BSC die Chance, sich zu einer Spitzenmannschaft zu entwickeln.“

Welt: „Jack the Ripper“ im Verhör – Fifa-Vizepräsident Warner muss wegen WM-Ticketgeschäften vor Ethikkommission aussagen

Donnerstag, 16. Februar 2006

Ball und Buchstabe

Gewalttäter Sport

Iris Hellmuth (SZ) kommentiert das Versäumins der Regierung und des DFB, ihre Zusage einzuhalten, eine Ombudsstelle für Fans zu gründen: „Die schleppende Art, mit der Bundesinnenministerium und DFB mit dem Projekt umgehen, macht deutlich, wie gering die Lobby von Fußballfans in Deutschland ist. Bis heute gibt es bei Stadionverboten kein Anhörungsrecht für Fußballfans. Der Münchner Student Simon Müller bekam dies im vergangenen Jahr besonders hart zu spüren: Weil er auf einer Toilette des Mönchengladbacher Stadions einen Aufkleber anbrachte, erteilte ihm der Verein ein bundesweites Stadionverbot für ein Jahr. Grundlage dieser Praxis ist eine DFB-Richtlinie aus den neunziger Jahren. Erst durch die Vermittlung eines Fanprojekts wurde das Verbot auf ein örtliches reduziert. Seit Jahren weisen Fanpädagogen auf die zunehmende Willkür hin, mit der Vereine die Höchststrafe Stadionverbot verhängen. Etwa 2.000 bundesweite Verbote gibt es zurzeit, die Tendenz sei ‚mit ziemlicher Sicherheit steigend‘, heißt es beim DFB. Doch fraglich ist, ob wirklich die Gewalttätigkeit der Fans zunimmt oder die Bereitschaft der Vereine, die Verbote zu erteilen. Die Datei Gewalttäter Sport zählte vor einem Jahr 6.000 Einträge, mittlerweile sind es 7.200. Um in die Datei aufgenommen zu werden, reicht laut Verordnung die ‚bestimmte Annahme‘, dass ’sich die Person zukünftig im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen an Straftaten von erheblicher Bedeutung beteiligen wird‘. Was dies bedeutet, liegt allein im Ermessen von Beamten und Stadionordnern. Dabei sind die Konsequenzen eines Dateieintrags enorm: So kann jedem ‚Gewalttäter Sport‘ an der Grenze die Ausreise verweigert werden – ohne dass jemals ein rechtsstaatliches Verfahren gegen ihn eingeleitet worden wäre. Ob ein Fan in der Datei gespeichert ist, erfährt er nur auf Nachfrage. Doch wie kann ein Fan im nachhinein noch seine Unschuld beweisen? Eine Ombudsstelle wäre ein sinnvoller Ort, all diese Fragen noch vor der WM zu besprechen. Doch es sieht so aus, als müssten sich die deutschen Fußballfans noch länger gedulden.“

BLZ-Interview mit DSF-Chef Rainer Hüther über die Champions League
Tsp: Bundesliga live und Champions League: Arena, DSF und Premiere stellen sich auf

WM 2006

Panikmache

Friederike von Tiesenhausen (FTD) lehnt den Vorschlag ab, die Bundeswehr bei der WM zur Gewährleistung der inneren Sicherheit einzusetzen: „Das ist unnötige Panikmache. Die Bedrohungen, um die es bei einer Ausweitung des Bundeswehrmandats geht, betreffen Hilfe bei der Abwehr von Anschlägen mit schmutzigen Bomben, von Selbstmordattacken und Geiselnahmen. Solchen Katastrophen beugt man nicht dadurch vor, dass man Soldaten vor Stadien aufstellt. Mit 250.000 Landes- und 30.000 Bundespolizisten müsste die Sicherheitslage bei der WM im Griff zu behalten sein. Abgesehen davon können – wie dies sogar schon zur Bewachung von Bundeswehrkasernen geschieht – private Sicherheitsdienste zum Objektschutz eingesetzt werden. Und wenn dann wirklich noch Not am Mann ist, können Soldaten auch nach jetziger Rechtslage die Polizei hinter den Kulissen entlasten. Doch Schäuble und seinen Getreuen in der Union geht es um einen Paradigmenwechsel. (…) Bei der Weltmeisterschaft geht es nicht zuletzt darum, ein gutes Bild von Deutschland zu geben. Wir laden die Welt ein, zu Gast bei Freunden zu sein. Ein Land, das sich seit Jahren seiner zivilen Kultur rühmt, würde viel verspielen, wenn die Feiern fröhlicher Fans von Soldaten flankiert würden. Richtig fatal wäre aber, wenn sich stahlbehelmte deutsche Soldaten mit Hooligans prügeln müssten.“ Reinhard Müller (FAZ) fügt hinzu: „Ohne Verfassungsänderung sind auch manche der jetzt in Aussicht gestellten großzügigen Hilfen durch die Bundeswehr bei der Weltmeisterschaft (vom Awacs-Einsatz bis zum Objektschutz) rechtlich zweifelhaft – es sei denn, man hält dieses Ereignis aus deutscher Sicht schon vor dem Eröffnungsspiel für einen besonders schweren Unglücksfall.“

FAZ: Schäuble beharrt auf Bundeswehr-Einsatz während der WM

Welt: Marken-Streit um die WM – Zeitungen und Magazine wehren sich mit Alternativ-Logos gegen Restriktionen des Weltfußballverbandes

FR: In den neuen Arenen und unter dem harten Winter leidet der Rasen wie nie – und bietet ein grauenhaftes Bild

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