Dienstag, 20. Dezember 2005
Bundesliga
Werder Bremen–Hamburger SV 1:1
Aufregend, spektakulär
Allseits Begeisterung über das schöne Spiel – trotz des Ergebnisses, das der Bundesliga ein weiteres Stück Spannung nimmt, denn „Bayern ist der Gewinner des Nordderbys“ (Spiegel Online). Aber „Bremen und Hamburg haben Punkte und doch nichts von ihrem Selbstbewusstsein verloren“, stellt die SZ erleichtert fest. Frank Heike (FAZ) feiert beide Mannschaften: „HSV und Werder funktionieren momentan unabhängig von einer Nord-Rangliste oder dem Vergleich mit den Münchnern. Sie sind sich selbst genug und brauchen keine Vergleichs-Parameter. Endlich einmal in dieser bislang so mäßigen Serie prallten zwei Teams aufeinander, die willens waren, ihren Spielstil durchzusetzen. Für Werder heißt das: kombinierend und in hohem Tempo zu Toren kommen. Aufregend ist das, spektakulär, mit der Schattenseite, daß immer viele Chancen vergeben werden. Für den HSV heißt das: kompakt stehend den Rhythmus finden und aus wenigen Chancen die entscheidenden Treffer zu machen. (…) Der HSV war wie ein alter Dieselmotor in Fahrt gekommen und ließ die schwache erste Halbzeit bald vergessen. Werder schien fast überrascht, mit welcher Wucht diese ersatzgeschwächte Mannschaft um ihre Chance kämpfte. Der HSV 2005/2006 ist stabil und läßt sich nicht einschüchtern. Von Spitzenteams schon gar nicht.“ Jörg Marwedel (StZ) feiert Thomas Doll: „Doll war zum Sieger eines hochklassigen Spiels geworden, dessen Resultat freilich dem FC Bayern in die Karten spielt. Um Hanseat des Jahres zu werden, braucht Doll diesen Sieg nicht mehr. ‚Die Queen Mary war in Hamburg das herrschende Thema’, stellte der Vorstandschef Bernd Hoffmann trocken fest. Wobei der Besuch des größten Passagierschiffs der Welt im Hamburger Hafen nur eine schöne Episode war. Thomas Doll dagegen soll für eine neue Epoche des sportlichen Hamburger Aushängeschilds stehen.“
WamS-Interview mit Thomas Doll
Für Wiglaf Droste (taz) ist Werder Bremen etwas Besonderes: „Die erste Saisonhälfte ist zugeklappt, das Glück ist, klaro, mit den Bayern, die mit ihren eigenen Mitteln nicht zu schlagen sind. Die Mannschaft, deren Trainer eine andere IDEE von Fußball hat, heißt in diesem Jahr wieder einmal Werder Bremen, und deshalb wünsche ich mir für das schon jetzt in aller Beckenbauer’schen Abscheulichkeit herandrohende Fußballjahr 2006, dass der lässige, zurückhaltende Thomas Schaaf den tomatenroten Hoeneßbayern die Meisterschale stibitzt.“ Patrick Krull (Welt) setzt auf Bremen und Hamburg: „Den Glauben an eine aufregende Meisterschaft sollten die Fans schon allein deswegen nicht verlieren, weil sowohl die Bremer als auch die Hamburger eines bewiesen haben: An Kraft wird es ihnen bis zum Saisonende nicht mangeln.“
FAS: Bremen freut sich über die Öffnung der französischen Auster Johan Micoud
Welt-Interview mit Daniel van Buyten
Eindruck
Stefan Osterhaus (NZZ) entlarvt den Trend Selbstentlassung: „Der Aktionismus im Krisenfall trägt Züge von Zersprengung. Wer soll die verfahrene Situation nun bereinigen? Die Devise der Lenker auf falschen Pfaden, camoufliert als Konsequenz eigener Fehler, lautet klammheimlich: ‚Nach mir die Sintflut.’ Und so stellt sich auch heraus, was die Selbstentlassung in manchen Fällen tatsächlich ist: eine Alternative zum unvermeidlichen Scheitern, eine unschlagbare Methode, planlos einen guten Eindruck zu hinterlassen.“
Tsp: Wolfsburg entlässt Holger Fach und Thomas Strunz
SZ: Jürgen Kohler, der Zebraflüsterer
Deutsche Elf
Der Beste muss spielen, nicht der mit den lautesten Freunden
Hört, hört! Matti Lieske (BLZ) möchte Oliver Kahn nicht mehr allzu lange im Tor stehen (im Wortsinn) sehen und hält seine Vertragsverlängerung für einen Fehler: „Wer zu lange an seinem Torwart festhält, wird bitter bestraft. (…) Statt nach Japan zu gehen, wo man ihn verehren würde, selbst wenn er keinen Ball mehr hält, zieht er eine Demontage in der Heimat vor. Denn abgesehen davon, dass er gelegentlich an Flanken vorbeipatscht, wie zuletzt in Dortmund, passt auch sein Stil kaum noch zum heutigen Fußball. Gefragt sind Torhüter, die als Libero agieren, damit die Abwehrkette aufrücken und den Gegner früh angreifen kann, nicht solche wie Kahn, die an der Torlinie kleben. Darum wird der Münchner auch bei der WM 2006 kaum im Tor des deutschen Teams stehen. Vorausgesetzt, Jürgen Klinsmann ist klüger, als es die Bayern sind.“ Von den 11 Freunden hört man: „Oliver Kahn wird 2006 deswegen im Tor stehen, weil er die besseren und mächtigeren Fürsprecher hat als seine Kontrahenten: seine Vorgesetzten vom Branchenführer Bayern München und dessen Freunde, Gehilfen und Soldaten in Medien und Öffentlichkeit. (…) Der Beste muss spielen, nicht der mit den meisten, lautesten und stärksten Freunden.“
Montag, 19. Dezember 2005
Bundesliga
Rettigs Rücktritt, Rapolders Entlassung
Dunkle Unterseite
Andreas Rettig tritt zurück, Köln entlässt Uwe Rapolder und sende damit ein „vages Signal des Aufbruchs“, schreibt die FAZ. Die Berliner Zeitung beobachtet Köln „auf dem Weg in den Abstieg“. Christoph Biermann (SZ) erkennt Zeichen einer fatalen Entwicklung: „Die Umstände passen in ein neues Bild, das in den letzten Wochen an Kontur gewonnen hat: Kopfstoß und Schwalbe von Norbert Meier, die Ehrenrunde von Ralf Rangnick oder nun das Aus für Rettig und Rapolder sind Reaktionen darauf, dass der Druck auf die handelnden Personen in der Bundesliga weiter gestiegen ist. Dieser Druck wiederum ergibt sich aus der monumentalen Aufmerksamkeit, die Fußball in Deutschland erfährt. Er ist damit so etwas wie die dunkle Unterseite des in der Hinrunde erneut gebrochenen Zuschauerrekords. Die Protagonisten des Spiels stehen inzwischen fast allerorten dermaßen im Mittelpunkt des Interesses und oftmals auch der Kritik, dass ihre Arbeit immer schwerer wird. Heutzutage sind Klubs wie Köln oder Schalke so schwer zu leiten wie es vor fünf Jahren allein der FC Bayern war.“ Markus Völker (taz) kommentiert den Trend zum freiwilligen Rücktritt: „Die Ausdauerdisziplin des Aussitzens hat in Politik und Sport keine Anhänger mehr. Die neuen Macher sind belesen und sagen sich nach dem Studium der Werke Erich Kästners: ‚Was auch immer geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.’ Zuletzt hat sich Rettig geweigert, ein Bad in dieser Brühe zu nehmen, in der verschiedene Ingredienzien verrührt sind, darunter eine besonders ätzende Zutat: die Sportseiten des Kölner Express. Rettig hat immer mal wieder Lackmuspapier in die Lurke gehalten und festgestellt, dass sich der pH-Wert drastisch verändert hat. (…) Durch den Kakao gezogen werden nun andere.“
Das alte Fußball-Deutschland hat zurückgeschlagen
Stefan Hermanns (Tsp) misst den Verlust Rapolder: „Für den deutschen Fußball war der gestrige Tag ein schlechter. Mit Rapolders Entlassung endet in der Bundesliga eine kurze Ära der Modernität, die eng mit seinem Namen verbunden war. Noch im Frühjahr wurde Rapolder in Bielefeld gefeiert, weil er mit einem unterdurchschnittlich besetzten Kader überdurchschnittlich erfolgreich war. Konzeptfußball wurde sein Prinzip genannt, wobei das Konzept darin bestand, individuelle Schwächen durch kollektive Geschlossenheit zu kompensieren. Dem Establishment ist diese theoretische Herangehensweise einer neuen Fußball-Intelligentia an ein einfaches Spiel immer suspekt gewesen, und in der vergangenen Woche hat das alte Fußball-Deutschland zurückgeschlagen: erst Assauer gegen Rangnick, dann Overath gegen Rapolder. Die Praxis hat wieder über die Theorie gesiegt.“
Michael Horeni (FAZ) empfiehlt den Kölnern Frankfurt als Vorbild: „Der Aufsteiger Köln hat die Zeit zu einem Neuaufbau in der zweiten Liga nicht genutzt, und um diesen Mangel zu illustrieren, ist ein Blick zur einstigen Skandalnudel Eintracht hilfreich. Die sportlichen und finanziellen Verhältnisse der beiden Traditionsvereine lassen sich recht gut vergleichen und auch die Perspektiven, die ihnen die neuen Arenen verschafft haben. Der Frankfurter Vorstandsvorsitzende Bruchhagen widerstand vor zwei Jahren jedoch der Versuchung, den damaligen Trainer Reimann zu entlassen, um die Aussicht auf den Klassenverbleib vage zu erhöhen und die Medienerwartungen zu erfüllen. Bruchhagen nahm den Abstieg in Kauf, setzte auf Solidität und ein Konzept mit vornehmlich jungen und deutschsprachigen Spielern. Er erntete Vertrauen, und das Ergebnis ist ein mittlerweile gefestigter Verein, der sich anschickt, sich nach vielen Krisenjahren wieder dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren. Von diesem Ziel können die Kölner nur träumen.“
Raffpolder alaaf
Stefan Osterhaus (NZZ) forscht nach der Ursache: „Die Umstände des Scheiterns sind auch in einem Konflikt mit dem indisponierten Podolski zu suchen. Der Coach verlor die Machtprobe gegen den vom Boulevard gestützten Nationalspieler, und bisher hat kein Coach in Köln sein Team gegen die Meinungsmacht aufstellen können.“ Erik Eggers (FTD) nennet Rapolders Fehler: „Rapolder kritisierte nach Niederlagen einzelne Spieler scharf, und er legte sich zum Ärger der Fans auch mit Jungstar Podolski an – mit dem Höhepunkt, dass er Podolski einmal unter dem Vorwand erst zur Halbzeit brachte, der Spieler sei nicht fit gewesen. Nicht nur Podolski machte jedenfalls zuletzt einen sehr lustlosen Eindruck.“ Roland Zorn (FAZ) fügt hinzu: „Zweifellos hat der Coach einen erheblichen Anteil an der schwächsten Hinrunde in der Kölner Vereinsgeschichte. Und doch genoß Rapolder bei den Kölner Anhängern noch ein letztes Mal Vertrauensschutz. Häme und Pfiffe schlugen ihm dagegen seitens vieler Arminen-Fans entgegen. In Ostwestfalen hat man Rapolders Rumgeeiere rund um seinen Abschied nicht vergessen, zumal dabei eine Überdosis persönlicher Eitelkeit mit im Spiel war. ‚Raffpolder alaaf’ und ‚Laßt die Illusion U.R. da enden, wo sie begann’ – so hießen Spott-Transparente den breitschultrigen Coach mit dem silbrigen Haar herzlos willkommen. Was dann auf ihn zukam, war noch ungemütlicher und dazu hausgemacht. Während nämlich die Bielefelder in sich geschlossen und zum Äußersten entschlossen um den Sieg fighteten, ergaben sich die Kölner selbstgenügsam.“
Borussia Dortmund–Bayern München 1:2
Wohlwollende Laudatoren
Richard Leipold (FAZ) erlebt, das war in Dortmund mal anders, gönnerhaftes Verhalten der Bayern nach dem Spiel: „Dortmund gehört die Zukunft, Bayern die Gegenwart – Das ganz normale Bayernprogramm: Mit wenigen, aber genialen Zügen haben die Münchner das sportliche Schicksal auch gegen die anfangs forsche, später zumindest wehrhafte Borussia gezwungen. (…) Die Münchner nehmen solche Erfolge gelassen hin, ohne übermütig zu werden. Sie sind es gewohnt, die Punkte einzufahren und dem Gegner die Sympathiepunkte zu überlassen. In Dortmund sparten sie mit Qualitätsfußball, aber nicht mit Lob. In dem Gefühl, die Konkurrenz zu beherrschen, zeigten sie sich als wohlwollende Laudatoren. ‚Der BVB hat ein riesiges Spiel gemacht’, sagte Felix Magath. ‚Dieser Mannschaft gehört die Zukunft, mit ihr wird bald wieder zu rechnen sein.’“
VfB Stuttgart–Schalke 04 2:0
Trapattoni, der große Gewinner
Stuttgart spielt, trifft, siegt, und Bernd Dörries (SZ) reibt sich die Augen: „Es hatte in der ersten Spielhälfte wenig darauf hingedeutet, dass der VfB dieses Spiel gewinnen könnte. Im Vergleich zu den bisherigen Leistungen spielten sie in der zweiten Hälfte erschreckend gut. Es klappte wieder vieles, was den Verein in der Zeit unter Magath ausgezeichnet hatte: Schnelle Pässe, direkt nach vorne. Nach einem von Diskussionen um Giovanni Trapattoni geprägten Saisonbeginn geht der Verein auf einem Tabellenplatz in die Winterpause, der dem Minimalziel sehr nahe kommt. Außerdem gab es ein deutliches Zeichen, dass der VfB langfristig auf Trapattoni setzt. Sein Dolmetscher hat nun einen Werbevertrag mit einem großen Wörterbuchverlag, dessen Logo an seinem Hemdkragen steht. Es ist die Würdigung eines Mitarbeiters, den man oft besser versteht als seinen Chef.“ Klaus Teichmann (Welt) gratuliert dem Stuttgarter Trainer: „Trapattoni war der große Gewinner. ‚Ich wollte zu Beginn zu viel auf einmal ändern’, räumte er ein. Gleichzeitig verkündete er aber: ‚Wir haben gezeigt, daß wir eine optimale körperliche Verfassung haben.’ Er hatte den vielen Kritikern gezeigt, daß seine Trainingsmethoden nicht zu antiquiert oder lasch sind. Im Endspurt hatte sich seiner Meinung nach rentiert, daß seine Profis nun eben einen Tick frischer seien. Die Rückrunde wird zeigen, ob der Aufwärtstrend anhält und die Geschichte vom VfB und Trapattoni tatsächlich ein Happyend hat.“
Bayer Leverkusen-Hannover 96 0:0
Image-Schädling
Weniger Geld, weniger Erfolg, weniger Zukunft? Gregor Derichs (FAZ) macht sich große Sorgen um die Werkself Bayer Leverkusen: „Genauso entgeistert wie die Fans ist die Vereinsführung über die sich zuspitzende Krise. Enttäuschung und Ernüchterung herrschen beim viermaligen Bundesliga-Zweiten. Der Rückbau des einst expandierenden Vereins, der europaweit Anerkennung erlangte, klappt nicht wie geplant auf hohem Niveau. (…) Unter dem Bayer-Kreuz wird ein einstiges Flaggschiff des deutschen Fußballs systematisch abgetakelt. Viele Fans fürchten, daß der Luxusdampfer Bayer 04 als Wrack enden könnte. Für den Bayer-Konzern würde dies bedeuten, daß sich das einst attraktive PR-Instrument zu einem Image-Schädling entwickelt hat.“
Borussia Mönchengladbach-Eintracht Frankfurt 4:3
Zwischen Hölle und Himmel
Ulrich Hartmann (SZ) beschreibt seine Freude an der Verwandlung der Eintracht und an der Verwandlung der Borussia: „Die Frankfurter haben sich mit ansehnlichen Leistungen vom letzten Tabellenplatz auf den zehnten vorgearbeitet und dabei eine ästhetische Wandlung vollzogen wie ein Wurm, der seinem Kokon als Schmetterling entsteigt. Die Essenz ihres neuen Leistungsvermögens zeigten die Frankfurter in einer famosen ersten Hälfte. Bloß: Dass immer noch ein bisschen Wurm steckt in den Frankfurter Schmetterlingen, das wurde in der zweiten Hälfte offenkundig sowie bereits kurz davor, als Marcel Jansen nämlich wie aus dem Nichts das Anschlusstor erzielte, welches himmelschreiendem Unrecht entsprach, weil die Gladbacher dem berauschenden Spiel der Frankfurter zuvor nur primitiven Destruktivismus entgegengesetzt hatten. Doch nach einer energischen Unterredung im Untergeschoss des Stadions folgte die Komprimierung der Gladbacher Version von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, denn ebenso wie die Frankfurter besitzen auch die Rheinländer sowohl ein Gesicht des Grauens als auch eines der Freude und schwankten bereits zum zweiten Mal innerhalb eines einzigen Spiels zwischen Hölle und Himmel.“ Ralf Weitbrecht (FAZ) läuft den beiden Teams tanzend entgegen: „47 600 waren in den Fußballtempel auf der grünen Wiese gekommen – und niemand dürfte es bereut haben. Zu dicht, zu atemraubend, zu spektakulär war das, was die Profis ihrem Publikum anzubieten hatten. Die Eintracht zeigte von Beginn an Kombinationsfußball der Extraklasse. (…) Fünfundvierzig Minuten lang Frankfurter Fußball-Feinkost, fünfundvierzig Minuten lang Gladbacher Gala-Genuß.“
1. FC Kaiserslautern–VfL Wolfsburg 3:2
Wolfsburger Wappentier
Tobias Schächter (BLZ) sieht die Schlinge (oder ist es nur die Krawatte?) um Thomas Strunz’ Hals schließen: „Wolfsburg hat in Kaiserslautern so etwas wie sein persönliches Hartz VIII erlebt. Zum achten Mal hintereinander blieben sie ohne Sieg (…) Seit einem Jahr ist Strunz Manager in Wolfsburg. Nichts ist besser geworden seitdem, eher alles schlechter. Es ist offensichtlich, dass das Verhältnis zwischen der Mannschaft und Strunz gestört ist. Abmahnungen von Spielern des auch von Strunz falsch zusammengestellten Kaders waren zuletzt an der Tagesordnung. Aus gutem Grund ist Strunz offensiv darum bemüht, eine Trainerdiskussion zu vermeiden – Fach war sein Wunschtrainer, nachdem Vorgänger Erik Gerets nach einem zähen Machtkampf mit dem Manager gehen musste.“
Strunz hat vor Mikrofonen preisgegeben, dass Ersatzspieler Miroslav Karhan das Aufwärmen in der Pause mit den Worten „Ich hab keinen Bock“ verweigert haben soll. Uwe Marx (FAZ) hat die Worte in Wolfsburg schon mal gehört: „Die Offenheit des Wolfsburger Managers war bemerkenswert und verdächtig zugleich. So ungewöhnlich dieser Vorfall auch ist, üblicherweise werden solche Interna nicht publik gemacht. Die Wolfsburger kennen sich aus mit Bestrafungen in solchen Fällen. Ihren Spieler Hrgovic haben sie Ende November vom Training freigestellt. Der Bosnier hatte in einem Interview allzu offen bekundet: ‚Ich habe keinen Bock mehr hier.’ Manche Redewendungen setzen sich eben durch, egal, woher die Spieler kommen. Der Bock ist derzeit jedenfalls so etwas wie das Wolfsburger Wappentier.“ Christian Zaschke (SZ) schreibt gerne über Wolfsburg: „Wolfsburg und Karhan, das ist ein so seltsames wie inniges Verhältnis. Karhan war einst ein überaus geschätzter Mann in Wolfsburg, Kapitän sogar, das hat ihn über vieles hinwegsehen lassen. Aber dann kam der alternde Stefan Effenberg in die Stadt. 2003 geriet Effenberg im Training mit Karhan aneinander, er nahm ihn in den Schwitzkasten, woraufhin sich der Slowake beim nächsten Spiel auf der Tribüne wiederfand. Effenberg ging dann nach einer Weile wieder, und Karhan beschloss, doch noch ein wenig zu bleiben, schließlich war es doch gar nicht so schlecht hier, oder? Es gab das Rathaus ohne Balkon. Es gab all die Golfs, die durch die Straßen fuhren. Es gab die Adventsmeile, jedes Jahr. Doch manchmal, so muss es sein, ist da eine Stimme in Miroslav Karhan, die flüstert: Du bist Wolfsburg. Und es stimmt ja, ist die Stadt Wolfsburg nicht wie ein Fußballer, der von Effenberg in den Schwitzkasten genommen wird? Dem nachgesagt wird, er habe keinen Bock, sich warm zu machen?“
FR: Kaiserslautern ringt Wolfsburg mit großem Willen nieder und eint sich für den Abstiegskampf
Bildstrecke 17. Spieltag, sueddeutsche.de
Samstag, 17. Dezember 2005
Ball und Buchstabe
Von Selbstkritik weit entfernt
Freispruch im Doping-Prozess gegen Juventus – Oliver Meiler (BLZ) ärgert sich, dass aus Täter Opfer werden: „Turiner Verklärung, der Freispruch schafft zweifelhafte Märtyrer – Freilich, in zwei Anklagepunkten reichte es nur deshalb zu einem Freispruch, weil das Strafgesetzbuch die beanstandeten Tatbestände nicht als solche vorsieht. Doch das interessiert nun niemanden mehr. Die Zeitungen zeigten Bilder aus dem Gerichtssaal, von gestandenen und erfolgsverwöhnten Männern in Tränen, sich herzend und küssend. Und diese drehten den Spieß schnell um. Der tschechische Trainer Zeman solle sich diese Sentenz gut ansehen, sagte Giraudo. Agricola sprach von Wunden, die nicht rasch heilen würden. Und jemand fragte, wer nun diese mit Schlamm Beworfenen für ihr Leid entschädigen würde. Es läuft die Verklärung der Alten Dame, einer modernen Märtyrerin. Trotz Zweifeln.“ Birgit Schönau (SZ) ergänzt: „Juventus ist am Tag nach dem Urteil von Selbstkritik weit entfernt. 281 Arzneimittel in der Apotheke des Doktor Agricola, das war für den Klub nie ein Thema. Wo es kein Gesetz gibt, gibt es keine Verstöße, in dieser Überzeugung dürfen sich die prominentesten Vertreter des Calcio nun erst recht bestätigt fühlen. Man hat das zuletzt auch erlebt, als im Staatsfernsehen Rai ein Video des Nationalspielers Fabio Cannavaro gezeigt wurde, in dem der frühere Parma-Spieler vor einem Spiel am Tropf hängend zu sehen war. Ganz normale Aufbaumittel, kein Doping, keine Straftat. Nur Verletzung der Privatsphäre. Von kritischer Reflexion war auch in den Medien nichts zu spüren.“
NZZ: „Zeit der Verdunkelung“ – Reaktionen auf die Freisprüche
Am Grünen Tisch
Zynisch
Das Frankfurter Landgericht erklärt einen Teil des WM-Ticketings für rechtswidrig. Christoph Albrecht-Heider (FR/Seite 3) stimmt zu und rüffelt den DFB: „Ohrfeige fürs Organisationskomitee – Der DFB muss vom hohen Ross steigen. Er besaß die Unverfrorenheit, sich Ware bezahlen zu lassen, obwohl sie möglicherweise nie geliefert wird. Es entscheidet sich ja erst kurz vor Beginn der WM, ob der Käufer eines Optionstickets überhaupt ein Spiel sieht. Für den Fall, dass er leer ausgeht, hätte er den WM-Organisatoren damit für ein gutes Dreivierteljahr ein zinsloses Darlehen gewährt. Den lapidaren Hinweis des DFB, die Fans hätten die Konditionen akzeptiert und Tickets erworben, kann man als zynisch verstehen.“
FR: Hintergrund
Symbolpolitik
Thomas Kistner (SZ/Meinungsseite) hält nicht viel davon, den Iran von der WM auszuschließen: „Der Sportboykott bleibt eine stumpfe Waffe, sofern er nicht Teil politischer und wirtschaftlicher Sanktionen ist. Reine Symbolpolitik wie ein WM-Ausschluss kommt vor allem der jeweiligen Tyrannei zupass, die ja nicht substanziell geschwächt, in ihrem Verschwörungswahn aber noch befeuert wird. Der Fifa bleibt eine andere Möglichkeit:. Sollte es iranischen Fußballern wirklich verboten sein, gegen israelische Spieler anzutreten, wäre das zu sanktionieren. Nicht auf Druck der Weltpolitik, sondern aus elementaren Interessen des Sports.“
Wie kriegen wir die Leute im Iran dazu, ihn fortzujagen?
Daniel Cohn-Bendit (MdEP) im Interview mit Peter Unfried (taz) über seine Forderung, den Iran die Teilnahme an der WM zu verbieten
taz: Sie wollen den Iran von der WM ausschließen, weil Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnet und zum vom Westen ‚erfundenen Märchen’ erklärt. Was soll das bringen?
DCB: Hören Sie! Dass Politiker sagen, sie seien entsetzt und schockiert, das ist doch ein Ritual, aus dem nichts folgt. Dieser Mann ist der gewählte Präsident. Die Frage ist: Wie kriegen wir die Leute im Iran dazu, ihn fortzujagen?
taz: Indem Sie den Menschen im Iran die WM wegnehmen?
DCB: Das Argument ist richtig, dass man damit die Menschen bestraft. Das ist immer ein Problem, auch bei einem Wirtschaftsembargo. Man muss aber sehen, dass Ahmadinedschad erst vor kurzem mit satter Mehrheit gewählt wurde. Nehmen Sie die Olympischen Spiele 1936, die man in Deutschland stattfinden ließ und nicht boykottierte. Was konnte das arme deutsche Volk dafür, dass Hitler da war?
taz: Ahmadinedschad ist nicht Hitler.
DCB: Er spricht wie Hitler. Was er sagt, das sind Nazi-Parolen. Es geht darum, den Iranern klar zu machen, dass nicht wir sie isolieren, sondern dass ihr Präsident sie von der Welt isoliert.
taz: Für den Parteikollegen Omid Nouripur ist Sport ein ‚Element der Moderne mit Potenzial für einen Protest gegen das Regime’ – und Ihr Vorschlag damit kontraproduktiv.
DCB: Das kann man so und so sehen. Jugoslawien wurde 1992 von der EM ausgeschlossen. Als die Linke 1978 einen Boykott der WM in Argentinien forderte, wurde anders entschieden. Ich will, dass alle Leute, die jetzt sagen, dass das auf keinen Fall geht, nachdenken, was man eigentlich will. Und was kommen könnte.
taz: Was denn?
DCB: Stellen Sie sich vor, Ahmadinedschad sagt, er will das Spiel gegen Mexiko in Nürnberg besuchen – und das Reichsparteitagsgelände. Was macht dann die Bundesregierung? Ihm einen Empfang bereiten wie 1967 dem Schah? (…)
taz: Noch ein Gegenargument: Sie bestrafen die Fortschrittlichen im Iran, die Fußballer und Fußballinteressierten.
DCB: Das stimmt. Deswegen hoffe ich, dass sie sich zur Wehr setzen. Und zwar gegen Ahmadinedschad. Ein Impeachment des Präsidenten ist verfassungsrechtlich möglich, und der Ausschluss wäre hinfällig.
taz: Was tun, wenn der Ausschluss nicht durchsetzbar ist?
DCB: Am besten wäre es, ein Fußballspiel Iran gegen Israel anzusetzen. Mit Hin- und Rückspiel. Die Iraner müssten in diesem Fall die Fahne, die Hymne und damit die Realität der israelischen Existenz fußballerisch und damit real anerkennen.
zaz: Sie sind besessen vom Fußball?
DCB: Ich erkenne nur seine Relevanz für viele Menschen. Fußball ist die reale Welt.
Bundesliga
Fußball-Geldadel
Frank Heike (FAZ) betont die unterschiedlichen Strategien der sportlich ähnlich erfolgreichen Bremer und Hamburger: „Der Hamburger SV ist Zweiter und spielt beim Tabellendritten Werder Bremen. Das hat zu allerlei System- und sonstigen Vergleichen geführt, und vielleicht kann man es noch einmal auf den Punkt bringen: Während der Bremer Erfolg – soweit im Fußball überhaupt möglich – organisch gewachsen ist, geht der HSV auf seinem Weg zurück an die deutsche und europäische Spitze hohes Risiko. Es gibt manche im Umfeld des Vereins, für die ist Bernd Hoffmann, der Mann, der 2003 vom Vermarkter Sportfive ohne Fußball-Stallgeruch kam, ein Hasardeur. Er selbst sagte jüngst, daß das Geheimnis der Lenkung eines Bundesliga-Klubs doch sei, an die Tür der Champions League zu klopfen und dabei die Insolvenz zu verhindern. Die Bremer bekommen Atemnot, wenn sie so etwas hören; hier sorgt die alte Garde um Amateur-Vorstand Klaus-Dieter Fischer und Marketing-Vorstand Manfred Müller für die gebotene Demut vor dem Geld. Jürgen Born, seit 1999 im Amt, spricht gern von einer ‚einkommensorientierten Ausgabenpolitik’. (…) Auch Werder ist längst nicht mehr so vorsichtig wie früher. Auch dafür steht Born. Werder ist kein Leichtgewicht, es zählt längst zum deutschen Fußball-Geldadel.“ Ralf Wiegand (SZ) träumt von einem norddeutschen Bund: „Aus der Abwehr des HSV und dem Sturm des SV Werder, aus dem Stadion des HSV und dem Publikum der Bremer Ostkurve, aus der Schubkraft des Berufsoptimisten Thomas Doll und der Bremskraft des erdigen Thomas Schaaf ließe sich eine Traumkonstellation zusammenbasteln, die sich in Europa sehen lassen könnte. Konzeptionell sind beide Klubs ohnehin zusammengerückt: Nachdem die Bremer seit 20 Jahren vormachen, wie man es mit wenig Geld, aber viel Fantasie (Micoud!) ganz nach oben schaffen kann, hat der HSV Teile des Plans übernommen. Er versucht es mit viel Geld und viel Fantasie (van der Vaart!).“
BLZ: Miroslav Klose ist bei Werder Bremen gereift – nicht nur als Fußballer
Auch ein Mann des Volkes
Wie ginge es Borussia Dortmund eigentlich ohne Bert van Marwijk? Gegen wen würde Borussia heute spielen, wenn sie im Sommer 2004 einen anderen Trainer verpflichtet hätte? Richard Leipold (FAZ) streicht Wesen und Erfolg des Glücksgriffs van Marwijk heraus: „Er wirkt wie eine fast vollkommene Mischung aus Fußballfachmann, Psychologe und Pädagoge. Im Umgang mit den Jüngsten kommt ihm zugute, daß er acht Jahre, für einen Trainer seines Formats ungewöhnlich lange, als Jugendtrainer gearbeitet hat. Van Marwijk nimmt Unbill tapfer zur Kenntnis und geht ohne jedes Zeichen von Resignation zur Tagesordnung über. Er müsse den Spielern, gerade den jungen, das Gefühl geben, daß ihn die Schwierigkeiten nicht belasteten, so gravierend sie scheinen mögen. Es sei fatal, das Signal zu senden, daß die Lage aussichtslos sei. So blickt er auch dem ungleichen Kampf gegen Bayern München entgegen. Van Marwijk hat schon Schlimmeres erlebt in Dortmund. Die Insolvenz vor Augen, ließ er, äußerlich ungerührt, weiter Fußball spielen. Während der größten Krise konnte ihm nicht einmal Florian Homm, der Mehrheitsaktionär des BVB, etwas anhaben. Der Fondsmanager konnte mit van Marwijks Art nicht viel anfangen und ließ wissen, er wünsche sich einen Fußballehrer wie Uwe Rapolder. Van Marwijk zeigte sich irritiert; er bot Homm die Stirn, ohne ausfällig zu werden. Es falle ihm schwer, einen solchen Mann zu respektieren, sagte der Trainer und fügte dezent an: ‚Für Geld kann man nicht alles kaufen.’ Spätestens dieser Gegenangriff hat van Marwijk (auch) zu einem Mann des Volkes gemacht. Er ist kein Trainer, der heuchelnd vor der Fantribüne einherschreitet, um Politik zu machen. Wenn die Südtribüne ihn fordert, verbeugt er sich mit Abstand und Anstand. (…) Van Marwijk mag unter falschen Voraussetzungen ins Ruhrgebiet gelockt worden sein – den Vertrag mit dem BVB hat er vorzeitig bis 2007 verlängert.“
Wenn die Eintracht weiter mit Yeboah und Gaudino gearbeitet hätte, wäre sie noch früher abgestiegen
Aus dem Fußball-Nähkästchen – Horst Köppel im FR-Interview
FR: Haben sich die Spieler verändert? Gibt es heute mehr mündige Profis?
HK: Ja, und viele Spieler wissen, was in der Welt los ist, was in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt abgeht. Die, die es nicht wissen, die nehme ich zur Seite und sage Ihnen: ‚Pass mal auf! Du hast einen absoluten Traumberuf. Du musst nicht morgens um acht auf der Baustelle stehen und acht, neun Stunden hart arbeiten für einen Bruchteil dessen, was du verdienst.’
FR: Geht es den Spielern zu gut?
HK: Ja, und manchmal ist es auch besser, sich von den Spielern zu trennen. So wie wir es damals in Frankfurt gemacht haben.
FR: Damals, im Dezember 1994, haben Sie zusammen mit Cheftrainer Jupp Heynckes Yeboah, Gaudino und Okocha aussortiert. Der Schuss ging gewaltig nach hinten los, die Eintracht stieg später, 1996, sogar ab.
HK: Na ja, ich weiß noch genau, wie es war: Das erste Heimspiel nach der Entscheidung haben wir 2:0 gegen den HSV gewonnen, und alle haben gesagt: ‚Richtig gemacht, endlich ein Trainer, der sich durchsetzt.’ Zwei Wochen später haben dieselben Leute im Vip-Raum gemeckert: ‚Wie kann man die nur wegschicken?’ Wenn die Eintracht weiter mit Yeboah und Gaudino gearbeitet hätte, wäre sie noch früher abgestiegen. Sie können sich nicht vorstellen, wie die sich verhalten haben.
FR: Dann erzählen Sie es uns!
HK: Freitags war Abschlusstraining, wir haben fünf gegen zwei gespielt, und Yeboah, Okocha und Gaudino sind keinen Schritt gelaufen. Da hat der Jupp zu ihnen gesagt: ‚Hört mal, ihr habt wenig getan, wir gehen heute Mittag noch mal für 20 Minuten in den Wald.’ Da ist selbst der Jupp mit seinem kaputten Knie mitgelaufen. Und dann kommt Yeboah abends ins Hotel und sagt: ‚Ich kann morgen nicht spielen, ich habe heute zweimal trainiert.’ Die anderen beiden haben sich solidarisch erklärt. Wenn das gutgeheißen wird, hat es keinen Sinn mehr. Das kann man sich als Trainer nicht gefallen lassen. Egal, wie der Spieler heißt.
Wie ein pubertierender Teenager
Tobias Schächter (SZ) belegt den Mainzer Aufschwung: „Aus dem ewigen Abstiegskämpfer der zweiten Liga hat sich Mainz 05 nach einer bundesweit bestaunten Zwischenstation als dreimal lustvoll scheiternder Aufstiegskämpfer zu einer Marke im Bundesliga-Fußball entwickelt. Und ist tatsächlich zu einer Fußballstadt mutiert. Die veranschlagten 16.500 Dauerkarten für die zweite Erstligasaison waren an einem Tag verkauft. Manager Heidel musste 8.000 Wünsche ablehnen. Noch in der zweiten Liga unterstützten Mainz 05 nur 25 Fan-Klubs und die wenigen Zuschauer rekrutierten sich fast nur aus dem Stadtgebiet. ‚Jetzt haben wir 130 Fanklubs, auch tief in Hessen und in der Pfalz’, erzählt Heidel. In den vergangenen fünfzehn Monaten war ein Mitgliederanstieg von 1.400 auf 7.500 zu verzeichnen, Tendenz steigend. Der 101 Jahre alte 1. FSV Mainz 05 befindet sich in einem Wachstumsschub wie ein pubertierender Teenager: Jeder sieht, da wächst was, nur wohin es geht, vermag niemand zu sagen (…) Beeindruckend ist, wie variantenreich das Team derzeit in der Offensive wirbelt.“
1. FC Kaiserslautern–Eintracht Frankfurt 1:2
Davon geht die Welt in der Pfalz scheinbar nicht mehr unter
„Lautern bietet genug – für die zweite Liga“, spottet die FAZ, die BLZ registriert eine „neue Bescheidenheit“ der aufstrebenden Frankfurter Uwe Marx (FAZ) vermisst Kaiserslauterer Gift und Galle: „Es war symbolhaft, daß die meisten Zuschauer bei sanfter Schlagermusik unaufgeregt das Stadion verließen, anscheinend unbeteiligt. Der Betzenberg, einst ein Hort aufwallender Emotionen, hat seinen Schrecken längst verloren. Wieder eine Niederlage, die fünfte nacheinander und die dritte unter Wolf – davon geht die Welt in der Pfalz scheinbar nicht mehr unter. Matt sind auch die Versuche, die Mannschaft erstligareif zu reden. (…) Hier hat sich eine Mannschaft in die Krise gespielt, in der weit und breit niemand auszumachen ist, an dem sich andere aufrichten könnten.“ Ingo Durstewitz (FR) schreibt: „Es ist erstaunlich, mit welch Souveränität die Eintracht auftritt und ihre Siege einfährt. Der Neuling spielt unbekümmerten Fußball, die Tore fallen oft nach einem dieser schon zum Markenzeichen und bundesweit gefürchteten Konter. Die Frankfurter haben gegen keinen einzigen direkten Konkurrenten verloren.“ Tobias Schächter (BLZ) fügt hinzu: „Wo früher die Erwartungen so steil in den Himmel geschossen wären wie die Hochhäuser der Bankenmetropole, führen nun geerdete Mahner das Wort.“
Welt-Interview: Vorstandschef René Jäggi über den Misserfolg des 1. FC Kaiserslautern, Geldnot und unrealistische Wünsche
FR: Der FC Bayern plant mit der Verpflichtung von Julio dos Santos bereits für die Zeit nach Michael Ballack
Donnerstag, 15. Dezember 2005
Ball und Buchstabe
Zwischen Erklärung und Verklärung
Sehr lesenswert! Henning Sußebach (Zeit) klagt über die Erhöhung des Fußballs durch Wissenschaftler, Feuilletonisten und andere Sterndeuter: „Der einstige Arbeiterklassensport Fußball – der aus seiner Randlage noch für Überraschungen wie 1954 sorgen konnte – ist spätestens in den neunziger Jahren zum Deutungsgut aller geworden (…) Der Fußball und seine Hauptdarsteller haben sich eine Menge aufgeladen, aufladen lassen, auch im Nachhinein. Wer heute im neu entstandenen fußballerischen Diskurs nicht alles mit wem gleichgesetzt wird! Der ‚Chef’ Sepp Herberger mit dem ebenso autoritären Konrad Adenauer, der langleinige Helmut Schön mit dem Mehr-Demokratie-Wager Willy Brandt, der reformunfreudige Jupp Derwall mit Helmut Kohl. Zufall? Niemals! Natürlich war der Hurra-Stil der Mönchengladbacher Borussia Ende der sechziger Jahre nicht bloß Offensivfußball, auch nicht nur das Gegenteil zum konservativen Besitzstandswahrungskick des FC Bayern, sondern das Pendant zu Willy Brandts Auf- und Umbruchpolitik. Mehr Fußball wagen! ‚Zwar sitzen immer noch Castor-Gegner auf Gorleben-Gleisen, aber die größere Aufmerksamkeit gilt Fußballfans, die mit Sitzblockaden die Mannschaftsbusse ihrer Vereine an der Heimfahrt hindern’, schreibt Klaus Theweleit, Professor für Kunst und Theorie, in seinem Buch Tor zur Welt, einer der vielen jüngeren Veröffentlichungen, die auf dem schmalen Grat zwischen Erklärung und Verklärung des Massenphänomens Fußball balancieren, ob sie nun Gott ist rund heißen oder Mehr als ein Spiel. Geschrieben haben sie Dauerkartenbesitzer und Sportjournalisten ebenso wie preisgekrönte Schriftsteller – etwa Javier Marías, der in seinem Buch Alle unsere frühen Schlachten von seiner Liebe zu Real Madrid erzählt. Das ist der Fußball von heute: Dichter und Denker kicken, Kicker dichten und denken. Der Zusatz ‚…und besucht in seiner Freizeit die Heimspiele der SpVgg Oer-Erkenschwick’ erdet mittlerweile die Biografie manches Professors, der seine Nase früher hoch über der Grasnarbe trug. Leitartikler hangeln sich an Fußballmetaphern von Argument zu Argument, die Zeit druckt Fußballgedichte, und die Bundesliga hat es bis in die Tagesschau geschafft. Dort hat sie sonntags ihren eigenen Moderator und zersetzt die einst um Unaufgeregtheit bemühte Nachrichtenbastion von innen, durch Reinhold Beckmanns Gefühlsduselei und Gerhard Dellings Satzgedrechsel.“
Südfrage
Sehr lesenswert! Birgit Schönau (Zeit) erforscht die Popularität Diego Maradonas in Neapel und Argentinien und berichtet eine bemerkenswerte Mutmaßung über seine Zukunft: „Maradona versteht sich als Fürsprecher des gedemütigten, entrechteten, ewig hungrigen Südens. Deshalb füllt er heute in Südamerika die Stadien mit politischen Parolen. 40000 lauschten ihm in der Arena im argentinischen Mar del Plata, als er gegen US-Präsident Bush wütete, der sei ‚menschlicher Müll’, den Amerika loswerden müsse. Süden gegen Norden, die Nummer kennt er aus Neapel, nun spielt er sie auf einer größeren Bühne. Maradona will in die Politik. Der ehemalige Fußballspieler George Weah hat es ihm in Liberia vorgemacht. Und Maradona hat bereits erfahren, wie leicht er die Massen beeinflussen kann. Als er 1990 zum WM-Halbfinale gegen Italien ausgerechnet in Neapel gegen die Auswahl der Gastgeber antrat, warb Maradona unverblümt um die Gunst seiner Tifosi: ‚Wollt ihr wirklich zur Squadra Azzurra halten? Sonst gehört ihr doch auch nicht zu Italien. Nur jetzt geben sie euch ausnahmsweise das Gefühl, dass ihr Neapolitaner auch Italiener seid.’ Im Stadio San Paolo war das Publikum auf Maradonas Seite. Es pfiff Italien aus. Der Fußballer hatte die Südfrage erfasst. Eine Südfrage, die im reichen Italien bis heute ungelöst ist. Arbeitslosigkeit, Armut und Schulschwänzerraten sind in Neapel dreimal so groß wie in Mailand. Im Jugendgefängnis auf der Insel Nisida sitzen 90 Prozent Einheimische, der Rest sind Ausländer. Im Norden ist es genau umgekehrt. ‚Wenn Maradona heute als Bürgermeister von Neapel kandidieren würde, bekäme er 105 Prozent der Stimmen’, sagt Lucio Caracciolo, der geopolitische Chefredakteur. ‚Aber es scheint, er habe Größeres vor: Präsident von Argentinien zu werden.’“
Zeit: Wer darf künftig die Bundesliga im Fernsehen zeigen? Die ARD hat beste Chancen
Welt: Karten aus dem Supermarkt – Hertha BSC kämpft um Fans
Am Grünen Tisch
Für Arroganz bestraft
Weitere Kommentare zur zehnten Jährung des Bosman-Urteils, die die große Kraft betonen, mit der das Urteil Europas Fußball verändert (siehe freistoss v. 14.12.). Peter Hartmann (NZZ) fällt in seinem Rückblick nur Schlechtes ein: „Über Fifa, Uefa und vor allem über die Klubs kam das Urteil wie die Pest, nachdem die Funktionärskaste die ‚Affäre Bosman’ lange blind und hochmütig verdrängt hatte. Eine Flut hungriger Importspieler aus Südamerika und Afrika überschwemmt Europas Fussball bis heute. Das Transfergeschäft brach zusammen, erholte sich zwar kurzzeitig, als die Preise für Fernsehrechte mit dem Markteintritt der Pay-TV-Anbieter ins Astronomische stiegen, pendelte sich aber auf tiefem Niveau ein – abgesehen von der Milliardärsliga der egomanischen Spender vom Typ Abramowitsch, Berlusconi, Moratti. Bosman, der Habenichts, hat eine Generation von Berufskollegen reich gemacht und mit ihnen Spielerhändler, Agenten, Impresarios, die nach dem Wegfall der Transfergelder neuen Spielraum für Profit und Provisionen eroberten und die Klubpräsidenten mit ihren Forderungen im Extremfall bis zum Bankrott erpressten.“ Heinz-Peter Kreuzer (BLZ) schreibt den Fußballfunktionären hinter die Ohren: „Es gibt viele Verlierer: auch die Uefa. Sie wurde für ihre Arroganz bestraft. Die Funktionäre hatten die Europapolitiker nicht ernst genommen. Hätte die Uefa versucht zu vermitteln, das Bosman-Urteil hätte vermieden werden können. Mittlerweile nehmen Uefa und auch die nationalen Verbände die EU ernst und schreiben beispielsweise ihre Fernsehrechte streng nach den Vorgaben der EU-Wettbewerbskommission aus.“
Christian Hönicke (Tsp) blickt voraus: „Auf Bosman, Version 2, ist der deutsche Fußball besser vorbereitet. Der heißt Igor Simutenkow und hat früher auf Teneriffa Fußball gespielt. Der Russe hat erfolgreich auf Gleichberechtigung mit EU-Bürgern geklagt; es wird daher erwartet, dass in Kürze auch die Beschränkungen für Nicht-EU-Ausländer fallen, wenn ihre Länder Partnerschaftsabkommen mit der EU abgeschlossen haben. Deshalb will die DFL ab der kommenden Saison alle Ausländerbeschränkungen aufheben. Dafür müssen künftig zwei Spieler im Kader stehen, die im Verein ausgebildet wurden, und zusätzlich zwei aus demselben Land. Die Zahl der so genannten ‚Local Player’ soll bis 2008 auf 4 plus 4 steigen.“
Ich warte darauf, dass ein zweiter Spieler vor Gericht zieht
Luc Misson, Bosmans damaliger Rechtsanwalt, im Interview mit Flora Wisdorff (Tsp)
Tsp: Wie umgehen die Klubs das Urteil?
LM: Die Klubs wenden alle möglichen Tricks an, um doch Transfersummen verlangen zu können. Nach dem Bosman-Urteil gilt nur, dass Zahlungen nach Beendigung eines Vertrags illegal sind. Also wird alles getan, damit ein Vertrag nur schwer beendet werden kann, es gibt zum Beispiel hohe Strafzahlungen bei Vertragsbruch. Und was die Quoten für nationale Spieler angeht, will die Uefa jetzt von allen Klubs verlangen, mindestens sechs Spieler zu haben, die im eigenen Land ausgebildet worden sind. Das ist ja fast das Gleiche wie eine Quote für Nationalitäten.
Tsp: Müsste also wieder jemand klagen?
LM: Ja, ich warte nur darauf, dass ein zweiter Spieler vor Gericht zieht.
Tsp: Wäre das nicht auch ein Risiko, weil dessen Karriere dann zu Ende wäre?
LM: Ja, die Karriere von Bosman wurde durch den Prozess zerstört. Für die Klubs symbolisierte er Widerstand, so jemanden stellt man ungern ein. Das ist schade, er war ein großes Talent. (…) Er war mein erster Fall im Sportrecht – zuvor hatte ich Prostituierten und Studenten zur freien Bewegung in der EU verholfen.
Welt: Auch zehn Jahre nach dem Bosman-Urteil streitet Misson für das Recht von Sportlern
WM 2006
Gegen den Wunsch der Sponsoren
Brasilien steigt während der WM in Königstein im Taunus ab. Na und? Was interessiert es uns? Warum so viel Trara? Es geht um Geld, es geht um Aufmerksamkeit. Viele Städte hätten die Brasilianer gerne beherbergt, weswegen die Standortwahl seit Monaten mit Spannung und Eifer registriert worden ist. Angeblich haben manche Städte und Gemeinden sogar Geld geboten, um die Popstars Ronaldinho und Ronaldo auf ihren Sportplätzen zu präsentieren und in ihren Fußgängerzonen und Heimatmuseen herumzuführen. Die FAS hat in ihrer letzten Ausgabe „das große Buhlen um die Brasilianer“ mit Aufwand recherchiert und bebildert. Der Spiegel hat kürzlich vermutet, dass Brasilien, wie Deutschland, in Berlin logieren werde und damit seinem Sponsor Nike ein Herzensbegehr erfülle. Das ewige Duell Nike gegen Adidas, Deutschland-Sponsor, hätte eine weitere Neuauflage erfahren.
„Doch Brasilien entscheidet sich gegen den Wunsch der Sponsoren“, staunt die SZ und gewinnt der Wahl eine sportpolitische Dimension ab. Thomas Kistner (SZ) erkennt darin eine Niederlage des Verbandspräsidenten: „Trainer Parreira hat sich gegen Verbandschef Ricardo Teixeira behauptet, der stets auf Linie der sponsernden Wirtschaftsmächte marschierte, wobei er üppig profitierte – so urteilte ein Untersuchungsausschuss in Brasilia, der Strafanklage gegen den Fußball-Paten empfahl. Dass Brasiliens Justiz darauf so wenig reagierte wie auf frühere Vorwürfe gegen Teixeira, könnte damit zu tun haben, dass bei einstigen WM-Turnieren fröhliche Reisegrüppchen aus Richtern und Strafverfolgern unterwegs waren, gut bestückt mit Eintrittskarten. Nun hat Teixeira ein neues Ziel: Den Chefstuhl im Weltverband. Dort stünde sein ramponiertes Image eher in guter Tradition, die Fifa huldigt in Sepp Blatter ja heute schon einem Verbandschef, dem die Korruptionsfahnder zusetzen.“
BLZ: Blatter versucht, einen Prozess zu verhindern
Keine symbolische Entscheidung
Vorsicht, Sie verlassen den WM-Sektor! Michael Horeni (FAZ) bedauert, dass niemand nach Ostdeutschland will: „Der Osten bleibt, wie es aussieht, vom Fußball während der WM vollkommen unbewohnt. Damit geht auch die Idee der Bewerbung, daß die Weltmeisterschaft eine vereinigte Nation widerspiegeln solle, immer mehr dahin. Die Entscheidung der Fußball-Supermacht Brasilien, sich nun ausgerechnet im Herzen des deutschen Wohlstands niederzulassen, ist damit auch ein Symbol für ein geteiltes WM-Land.“ Auch Christof Kneer (SZ) beklagt die Wirkungslosigkeit der deutschen Kampagne: „Wenn nicht alles täuscht, holt im Moment auch den Fußball schmerzhaft eine Erkenntnis ein, die der olympische Sport bereits hinter sich hat. Die Wiedervereinigungssymbolik, die sowohl den Olympiabewerbungen Berlins und Leipzigs als auch dieser WM identitätsstiftend innewohnte, wird im Rest der Welt offenbar nicht honoriert. (…) Man kann nicht zwingend einen Beitrag von ausländischen Sportverbänden erwarten, weil die ihre Entscheidungen eher nicht aus symbolischen Gründen treffen. Sie wissen zwar, dass hier zusammenwachsen soll, was zusammengehört; aber offenbar kommen sie zu der Erkenntnis, dass das infrastrukturell noch nicht geschehen ist. Das ist ein Politikum, und es kann nicht verwundern, dass sie im Organisationskomitee nicht so gerne darüber sprechen.“
Wichtig! Der TV-Plan für die WM, faz.net
Mittwoch, 14. Dezember 2005
Am Grünen Tisch
Kastensystem
Europas Fußball ist in Gefahr. Viele Vereine sind verschuldet, zum Teil sehr, in allen wichtigen Ligen ist ein Mehrklassensystem zementiert, es gewinnen immer dieselben, es verlieren meist dieselben. Manche im Dunkeln sieht man kaum noch: In Deutschlands Amateurligen etwa strampeln Traditionsvereine um ihr Leben; ihre Chance, sich selbst bei guter Arbeit wieder im Profifußball zu etablieren, gleicht der eines Sechsers im Lotto – obwohl manche regelmäßig 15.000 Zuschauer und mehr anziehen. Diese Entwicklung, die einem Artensterben gleichkommt, hat sich seit den neunziger Jahren verschärft. Und sie hält an. Viele Kommentatoren machen dafür die Champions League verantwortlich; jetzt, zum zehnjährigen Jubiläum, rückt das Erklärungsmodell Bosman-Urteil wieder in den Vordergrund. Christian Eichler (FAZ) legt die Stirn in Sorgenfalten: „Das Urteil betonierte ein Kastensystem im europäischen Fußball, angeführt durch die G 14, dahinter andere Vereine im atemlosen Versuch, mit hohem Risiko und Wahnsinnsgehältern einen Platz an der Sonne zu ergattern; ein Versuch, der meist mehr Schulden als Erträge bringt. Die hohen Schulden in Europas Ligen sind das Spiegelbild des Reichtums der Spieler. Die Balance zwischen Klubs und Spielern verschob sich, beide mußten neue Strategien entwickeln. Wer nicht zu den wenigen Klubs gehört, die mit Riesensummen Spieler aus Verträgen herauskaufen können (oft dank der Alimente von Gönnern), wie Chelsea oder Real Madrid, ist darauf angewiesen, Talente in Billigländern zu finden oder Profis mit auslaufenden Verträgen zu umwerben. Diese wiederum kennen ihre Marktmacht und planen Karriereschritte strategisch (…) Besonders am unteren Ende des Spektrums sind die Zeiten durch Bosman härter geworden.“
Bernd Müllender (FR) referiert eine Studie der Bielefelder Sportwissenschaftler Klaus Cachay und Ansgar Thiel über Globalisierung und Nationalität im Sport; die prägnantesten Entwicklungen lauten: „Ein Spieler stammt aus Land A, hat die Staatsbürgerschaft B, arbeitet in schneller Folge bei Klubs in den Ländern C-F, deren Sponsoren und Werbepartner aus G-L kommen, der Trainer aus M, der Clubmanager aus N, der eigene Berater aus O und die Mitspieler aus P-Z. (…) Eigentlich scheint die Existenz einer Nationalelf in der globalisierten Welt überholt. Thiels Erkenntnisse sind andere: ‚Der Verlust von lokalen Identitäten fördert einen nationalen Hafen der Gefühle.’ Einen Hafen, den auch die Vereinsschiffe brauchen: ‚Lange dachten die Klubs, das kümmert mich nicht’, hat Cachay beobachtet, nun aber hat man gelernt, dass sich ‚das Aushängeschild Nationalmannschaft’, gerade im Fußball, und die Vereine gegenseitig brauchen.“
Allgemein
Biotop für organisch wachsende Gefüge
Der Uefa-Cup erlebt dieses Jahr die Renaissance des osteuropäischen Vereinsfußballs. Rapid, Dinamo und Steaua Bukarest sind gut dabei – Christian Henkel (BLZ) erklärt das Erstarken Rumäniens: „Am plötzlichen Wohlstand, wie ihn russische Vereine genießen, kann es nicht liegen. Der unerwartete Aufstieg ist vielmehr dem schleichenden Niedergang der Nationalelf zu verdanken. Mit der sogenannten goldenen Generation, der Gheorghe Hagi, Marius Lacatus, Dorinel Munteanu oder Adrian Ilie angehörten, erreichte Rumänien in den 90er-Jahren bei drei Weltmeisterschaften mindestens den Einzug ins Achtelfinale. In den Fokus der europäischen Topligen geraten, wurden die rumänischen Talente en gros nach Spanien, Italien und Deutschland transferiert. Spielerberater, wie der heutige Generalmanager von Dinamo Bukarest, Ioan Becali, verdienten sich eine goldene Nase. Was im Lande blieb, hatte selbst den europäischen Zweitligatest nicht bestanden. Doch seit die einst zu Karpaten-Brasilianern geadelten Nationalspieler 2000 ihr letztes großes Turnier bestritten, ist die Divizia A zu einem Biotop für organisch wachsende Gefüge geworden.“ Marko Schumacher (StZ) fügt hinzu: „Für die Renaissance des rumänischen Fußballs sehen Experten zwei Hauptgründe: Einerseits ist die Korruption zuletzt spürbar zurückgegangen. Andererseits haben viele Klubchefs mittlerweile ihre Philosophie geändert und verzichten darauf, die besten Spieler sofort ins Ausland zu verscherbeln.“
Italien liebt ihn
Peter Hartmann (NZZ) variiert die Motive vom Heiligen und vom verlorenen Sohn: „Vielleicht ist das Kernproblem Francesco Totti. Macht Totti eine Mannschaft stark oder die Mannschaft Totti? Die ewige Frage, die ihn die ganze Karriere lang verfolgt. Er spielt immer, wie wenn er das Kreuz allein tragen müsste, bis ihn einer umsäbelt. Kein anderer Spieler wird so häufig gefoult in der Serie A wie der Schmerzensmann. Aber alle Ressentiments, Kritiken, Schuldzuweisungen entladen sich auf Antonio Cassano, den ‚Rebellen’, den unverstandenen ‚Genietto’, der vaterlos in der verfallenen Altstadt von Bari aufgewachsen ist. Sie würden ihn lieber heute als morgen hergeben. Die Legende geht anders: Capello hat einen Vater, der ein Doppelleben führte, mit der offiziellen Familie und mit Antonios Mutter als heimlicher Zweitfrau. Gennaro Cassano, ein Zigarettenschmuggler und Reinigungsarbeiter, kam fast jeden Tag vorbei und verprügelte den kleinen Antonio mit einer Eisenstange. Aber er überliess ihm seinen Namen. Gegen Roter Stern Belgrad hat Cassano einen Penalty leichtsinnig mit einem ‚cucchiaio’ vergeben, dem Heber, den sich nur Totti erlauben kann. Die Mitspieler hätten ihn am liebsten in den Hintern getreten. Im nächsten Spiel, in Lecce, hat er den Heber aus Trotz wieder versucht, aus 20 Metern. Es war das Tor des Tages. Ganz Italien liebt ihn.“
Bundesliga
Komödienstadl
Immer noch ein bisschen Schalke, und es wird deutlich, dass Ralf Rangnick seinen moralischen Sieg über Rudi Assauer verkleinert hat durch seine Stadionrunde und seine vielen Worte nach der Entlassung. Nun haben die Spieler geredet, Rangnick gerüffelt und Assauer gestärkt, doch Richard Leipold (FAZ) verzieht noch immer seine Schnute: „Rangnick hat sich auf das Feld des Volkstribunen Assauer gewagt hat, aber sein Mut wurde nicht belohnt. Wie gut er auch beraten sein mag: Er vergaß die Strukturen im Verein, die im Vergleich zu früher aufgeweicht sein mögen; die aber immer noch starr genug sind, Assauer als oberste, wenn auch nicht mehr alleinregierende Instanz auszuweisen. (…) Die Spieler kamen zu Wort, zumindest die einflußreichen. Im Kern widersprachen sie Rangnick. Schon deshalb bekam die Doppelveranstaltung Züge eines Komödienstadls. Am Ende blieb bei vielen der Eindruck haften, die Beteiligten hätten viel geredet und doch manches verschwiegen. Hat wirklich nur die als Abschiedsvorstellung gedeutete Ehrenrunde Rangnicks über die nähere Zukunft entschieden?“
Tsp: Spieler fühlen sich von Rangnick im Stich gelassen
Die Welt hat einigen Bundesligatrainern erstaunlich offene Solidaritätsbekundungen entlockt. Thomas von Heesen sagt: „Zwischen einen Manager und seinen Trainer darf kein Blatt Papier passen, sonst kann das nicht funktionieren.“ Peter Neururer kritisiert Assauer: „Rangnick hat Charakter und Rückgrat bewiesen, und das finde ich toll. Endlich mal jemand, der den Strömungen im Verein entgegenwirkt. Daß man ihn dann beurlaubt, spricht doch gegen Schalke, gegen die Protagonisten, gegen Assauer.“
Welt-Interview mit Jürgen Klopp über Rangnicks Ende
Entfremdung
Der VfL Wolfsburg kann sich noch so sehr ins Zeug legen, kann noch so sehr rennen und Geld ausgeben, sie rangieren immer auf Platz 10. In vielen Texten erkennbar wird die Beschreibung einer Spannung zwischen Fans und Verantwortlichen. Viele Kommentatoren lassen sich von dem schadenfrohen Grinsen anstecken, mit der Fußballfreunde die vergebliche Wolfsburger Mühe begucken. „Krawattenträger in der Klemme“, lacht die Financial Times über den erfolglosen, großmundigen Schlipsträger Thomas Strunz in ihr Fäustchen. Steffen Hudemann (Tsp) fasst ein Arbeitsjahr zusammen: „Strunz wird zum Sinnbild der Krise. Der ehemalige Spieler des FC Bayern sollte ein wenig vom Glanz aus München mitbringen. Nach einem Jahr ist mit Strunz vieles anders, aber wenig besser geworden. Die Fans denken wehmütig an den beliebten Trainer Erik Gerets zurück, der im Sommer entnervt aufgab, nachdem er sich mit Strunz überworfen hatte. Stattdessen kam Holger Fach, der vielen zu kühl ist – und zu erfolglos. Auch die Mannschaft hat an Qualität eingebüßt.“ Christian Otto (FTD) verweist auf die Erklärungsnot des Wolfsburg-Sponsors Volkswagen: „Dass sich der VfL im Sommer acht neue Spieler für rund 10 Mio. Euro gekauft hat, jetzt aber erneut im Mittelmaß versinkt, bietet Kritikern vor der Kulisse des VW-Werks eine große Angriffsfläche. Drüben, wo die Bänder laufen, werden Stellen gekürzt, teure Lustreisen aufgedeckt und die Arbeitszeiten verlängert. Hier aber, beim Fußball, gibt Strunz den eleganten Manager und versucht, die Entfremdung zwischen Profis aus aller Welt und Fans aus der niedersächsischen Tiefebene klein zu reden.“
Sackgasse
Freddie Röckenhaus (SZ) berechnet den Abschreibungsverlust Tomas Rosickys: „Für Dortmunds ehrgeiziges Führungsduo Gerd Niebaum und Michael Meier war Rosicky so etwas wie wandelndes Kapital. In einer beispiellosen Bieterschlacht hatte der FC Bayern die Ablösesumme, die aus Dortmunds frischem Börsengang bestritten wurde, in die seinerzeit astronomische Höhe von rund 25 Millionen Mark getrieben. Fünf Jahre und viele Illusionen später sind alle Beteiligten am Nullpunkt angekommen. Rosicky, inzwischen 25, flirtet lustlos damit, sich von Berater Pavel Paska zu Atletico Madrid weiterschieben zu lassen. Der Tabellenzehnte in Spanien ist offenbar die einzige Karte, die der alerte Paska noch spielen kann. Denn die ausdauernd blassen, bisweilen katastrophal lethargischen Leistungen, die Rosickys Auftritte prägen, haben sich herumgesprochen. (…) Insider mutmaßen, dass Rosicky in Dortmund von Anfang mit der falschen Mentalität gestartet sei: ‚Seine Berater haben ihm schon 2000 eingeredet, Dortmund sei nur seine Zwischenstation, auf dem Weg zum Star bei Milan, Real oder Arsenal.’ Diese Grundhaltung habe ihn in die Sackgasse geführt, in der er nun stecke.“
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