Donnerstag, 1. Dezember 2005
WM 2006
Der ganze Innovationsvorsprung wird zunichte
Jürgen Klinsmann ist auf einen Trainer-Kongress nach Brasilien geladen. Matti Lieske (BLZ) warnt ihn vor Geheimnisverrat: „Nicht auszudenken, wenn sich in der Trainerschaft herumspricht, welch einschneidende Wirkung der Entengang auf das Leistungsvermögen von Fußballspielern besitzt, wie stark die Fähigkeit, E-Mails zu verschicken, den tödlichen Pass fördert und dass ein Durchschnittsalter von 17,5 den idealen Wert für eine Viererkette darstellt. Was soll aus dem deutschen Fußball werden, wenn plötzlich auch in Portugal, Tunesien oder der Ukraine etwas ‚sehr, sehr Spannendes heranwächst’, massenhaft schweizerische Spielbeobachter und amerikanische Fitnesstrainer ausschwärmen, die Fußballer der Welt auf einmal anfangen, ‚enorm viel Spaß’ zu verbreiten? Der ganze Klinsmannsche Innovationsvorsprung wird zunichte, wenn es 2006 plötzlich nicht mehr heißt: Die Welt zu Gast bei Freunden, sondern die Freunde frech ihren eigenen Slogan mitbringen: Du bist Deutschland.“
Der andere Deutsche
„Sympathie-Offensive“ in Holland – Roland Zorn (FAZ) rühmt den Botschafter Franz Beckenbauer: „Sollte es irgendwann irgendwelche deutsch-niederländischen Fußball-Verspannungen gegeben haben, Beckenbauer löste sie mit einer Eleganz und Lässigkeit auf, wie sie nur wenigen seiner Landsleute zu eigen sind. (…) Er begrüßte in der Herberge, die sonst dem Oranje-Team als zentraler Ort auf dem Vorbereitungsweg zu dessen sportlichen Missionen dient, eine Fülle alter Freunde Wegbegleiter aus den Niederlanden. Er eroberte diese Zitadelle des holländischen Fußballs mit seinem Unterhaltungs- und Plaudertalent im Sturm. Denn er sprach den Holländern, die sich nicht für die WM 2002 qualifizieren konnten, direkt aus dem Herzen: ‚Eine Weltmeisterschaft ohne Holland wäre keine Weltmeisterschaft. Ich denke, wir hätten die WM zurückgegeben, wenn ihr in der Vorrunde ausgeschieden wärt.’ Donnernder Applaus für einen glänzenden deutschen Botschafter, der in seiner Zeit als Spieler und für den diplomatischen Dienst alles andere als geeignet erschien. Inzwischen aber steht er, auf der Bühne der weltweiten Welcome Tour mit Wolfgang Niersbach ein ideales Herrendoppel bildend, wie die Inkarnation des ‚anderen’ Deutschen da: entspannt, charmant, galant, kurz, allen Vorurteilen widersprechend.“
Bundesliga
Rolle besetzt
„Ohne Mandat“ – Willi Lemke will vermutlich zurück zu Werder, doch Werder verschränke die Arme, beobachtet Frank Heike (FAZ): „Bis heute sind die Münchner in Person von Uli Hoeneß sein Lieblingsfeind. Das hat sich in der ebenfalls erfolgreichen Ära nach Lemke unter Trainer Schaaf und Sportdirektor Allofs längst geändert, bei Werder schätzt man das Verhältnis zu den Bayern und ist über den gen Süden keifenden Willi manchmal baß erstaunt. (…) Bei den Räten fällt er mit kritischen Äußerungen zum Finanzgebaren auf – beispielsweise bei der Verpflichtung Kloses 2004. Lemke versucht sich als Mahner, als Bremer Gewissen, als Wahrer der guten, alten Werte und als kühler Rechner. Doch diese letzte Rolle ist durch Banker Born erfolgreich besetzt.“
Kämpfer für die Kleinen und Schwachen
Jan Christian Müller (FR) wertschätzt Heribert Bruchhagens Courage: „Er hat sich in Frankfurt eine Form von Respekt verschafft, die es für Verantwortliche des ehemaligen Chaos-Klubs seit Jahrzehnten nicht gab. In den zwei Jahren als erfolgreicher Eintracht-Chef hat Bruchhagen allerdings nicht nur persönliche Siege eingefahren: Bei der Wahl des Liga-Vorstands wurde er im Sommer 2004 von den Kollegen nicht berücksichtigt, was er öffentlich leichthin abtat, tatsächlich aber als schwere Niederlage empfunden haben muss. Sein Ansinnen, die erste und zweite Liga auf je 20 Klubs zu erweitern, wurde mit zehn zu neunzehn Stimmen abgelehnt, eine Tatsache, die er mit einigem Recht der Allmacht der Bayern zuschreibt. Sein Brief an die DFL mit der dringenden Bitte um Aufklärung, weshalb Borussia Dortmund die Lizenz nicht vorenthalten wurde, wurde nicht einmal beantwortet. Bruchhagen ist beileibe kein Ja-Sager, sondern hat sich in der Vergangenheit immer wieder (meist erfolglos) getraut, sich selbst mit den mächtigen Bayern anzulegen. Mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß verbindet den Robin Hood im Lodenmantel, den Kämpfer für die Kleinen und Schwachen, eine herzlich ausgelebte gegenseitige Abneigung.“
Mittwoch, 30. November 2005
Ascheplatz
Neue Offenheit (1)
Alle Zeitungen befassen sich heute mit der Berliner Mitgliederversammlung, mit Spannung haben sie darauf geachtet, wie die Vereinsführung über Schuld und Schulden redet. Siehe da, Dieter Hoeneß und Ingo Schiller (Geschäftsführer) scheuen nicht, schwarz „schwarz“ und Verbindlichkeiten „Verbindlichkeiten“ zu nennen. Doch Heldenmut sei diese Ehrlichkeit nicht geschuldet, sondern Zwang. Was haben die Chronisten für die verspätete und unfreiwillige Ehrlichkeit übrig? Hohn. Die FAZ klopft sich auf die Schenkel: „Sechzehn Jahre nach dem Fall der Mauer geht es bei Hertha BSC los mit Glasnost; sogar die Mauer fällt, die des Schweigens“. Auch die SZ reißt den Eisernen Vorhang nochmals nieder: „Glasnost bei Hertha“. Und der Stuttgarter Zeitung kullern die Tränen von der Backe, wenn sie an die Decke schaut: „Für einen Adventskranz reicht das Geld noch“. Michael Rosentritt (Tsp) erklärt die Aufrichtigkeit der Berliner: „Nur auf Druck der eigenen Mitglieder gestand der Verein Transparenz zu. Fortan sind die Mitglieder nicht mehr allein der Interpretation der Zahlen und Bilanzen durch Hoeneß und Schiller ausgeliefert. Die beiden sagten bisher zwar nicht verboten Falsches, aber immer nur so viel, wie sie für notwendig hielten: Bis zur Halbzeit lagen wir 2:0 in Führung. Dass aber das Spiel mit 2:3 verloren ging, verschwiegen sie. Der Verein wird mit der neuen Offenheit leben lernen müssen. Sie allein verringert nicht die Schulden, sie senkt nicht einmal die Risiken.“
Ronny Blaschke (FTD) nennt Verdienst und Fehler der Gebieter Herthas: „Hoeneß und seine Kollegen haben aus einem mittelmäßigen Zweitligisten nach dem Wiederaufstieg 1997 einen fußballerisch biederen, aber soliden Erstligisten geformt. Doch auf diesem Weg haben sie sich, wie es aussieht, verhoben. Die von Hoeneß aufgeführten Gründe für die Misere, der Umbau des Olympiastadions, die Kirch-Krise oder die Strukturinvestitionen, sind plausibel, aber nicht alleinentscheidend. Es gibt auch hausgemachte Probleme: Hertha BSC hat seit dem Aufstieg rund 50 Mio. Euro an Ablösesummen bezahlt. Spielerverpflichtungen wie jene der Brasilianer Alex Alves oder Luizao waren klare Fehlinvestitionen. Um Liquiditätsengpässe zu überstehen, sind die Berliner schon des Öfteren ein hohes wirtschaftliches Risiko eingegangen. Durch Signing Fees und Sale-and-lease-back-Geschäfte hat Hertha Vorgriffe auf künftige Einnahmen getätigt. (…) Es ist fraglich, wie Hertha seine hohen sportlichen Ambitionen erfüllen will.“ Matti Lieske (BLZ) beschreibt Risiko und Dilemma von Spitzenklubs: „Wer mitmischen will beim Rattenrennen der Spitzenklubs, und das wollen die Herthaner schrecklich gern, muss hohe Risiken eingehen. Erträge werden nicht für Rücklagen verwendet, sondern in neue Spieler investiert, Absteigen gilt nicht, das Erreichen lukrativer Wettbewerbe ist Pflicht und Fluch zugleich. Hätten die Herthaner in den Spielzeiten 2000/01 und 2004/05 nur ein einziges Tor mehr an der richtigen Stelle geschossen, würde nach zweimaliger Champions-League-Teilnahme heute wohl niemand von Problemen reden. So aber geriet Hertha in jenen Strudel, den auch Teams wie Schalke 04, Borussia Dortmund oder der HSV bestens kennen. Um Löcher zu stopfen, werden immer neue, meist größere aufgerissen, solange bis der Absturz erfolgt oder jemand die Notbremse zieht. Bei Hertha BSC könnte dies gerade noch gelungen sein.“
Heiko Niedderer und Kai Niels Bogena (Welt) vergleichen Hertha mit Werder Bremen, das auch seine Mitglieder versammelt: „Am Beispiel der gleichermaßen ambitionierten Klubs aus der Haupt- und der Hansestadt lassen sich die zwei herrschenden Konzepte der Bundesliga bei der Aufholjagd auf den Branchenführer aus München ablesen. Während Bremen dem Prinzip folgt, daß kaufmännische Solidität das Risiko im Kampf um sportliche Erfolge begrenzt, wirtschaftet Berlin wesentlich wagemutiger. (…) Nach Liquiditätsengpässen will Hertha seine Verbindlichkeiten nun mittels einer langfristigen Anleihe umschulden. Stabilisierung, Transparenz und Kontinuität wurden als neue Leitlinien präsentiert, auch auf Druck der Mitglieder. In Bremen wird das schon lange praktiziert – und geht mit sportlichen Erfolgen einher.“
Der Machtkampf scheint schon entschieden zu sein
„Niemand will den Werder-Willi“, erfahren wir von Ralf Wiegand (SZ); Willi Lemke, bei der Bremer Bürgermeisterwahl gescheitert, hat angedeutet, zu Werder zurückzukehren – ungefragt und wohl auch ungebeten: „Lemkes schon mehrmals platzierter Hinweis, er könne sich eine Rückkehr zu Werder ‚irgendwann vorstellen’, bekam Dynamik, als ein Mitglied der Geschäftsführung letzte Woche – anonym – darin einen Frontalangriff des ehemaligen Managers aufs Werder-Kabinett ablas. Plötzlich schien Lemke als Bedrohung für alle: für Klaus Allofs, dessen Vertragsverlängerung er angeblich hinauszögerte; für Marketing-Mann Manfred Müller, der noch keinen Hauptsponsor für die nächste Saison gefunden hat; oder für Jürgen Born, der laut darüber nachdenkt, nach Südamerika zurückzukehren, wo er im Auftrag der Deutschen Bank lange Jahre wirkte und gut lebte. Nun erlebt Lemke erneut, dass sein Erscheinen eher eine Abwehrreaktion hervorruft als gelöste Freude. (…) Der Machtkampf scheint schon gegen Willi Lemke entschieden zu sein.“
Er baut auch Herd und Schulen
Dietmar Hopp, SAP-Gründer und Mäzen des Regionalligisten TSG Hoffenheim, will durch (irgend)eine Vereinsfusion in die Bundesliga. Die Journalisten nehmen diesen Plan sehr ernst; Kritik und Flüche vieler Fans, etwa von den benachbarten Traditionsvereinen VfR Mannheim und Waldhof Mannheim, teilen sie nicht. Das Etikett „Retortenklub“ liegt nahe, bleibt aber ungeschrieben, der Vergleich mit Roman Abramowitsch nicht. Hopp gewinnt ihn, sein Engagement sei langfristiger und nachhaltiger, er baue nicht nur Schwerter und Waffen, er baue auch Herd und Schulen. Tobias Schächter (BLZ) spricht mit den Nachbarn: „Hopp ist bekannt dafür, das zu verwirklichen, wovon er träumt, weswegen seine Pläne in der Region für Aufregung sorgen. Ein Kommentator sah jüngst dem siechenden 1. FC Kaiserslautern im Abstiegsfall schon die Zuschauer über den Rhein weglaufen. Und beim SV Waldhof haben sie für die Pläne ihres Lieblingsfeindes nur Spott übrig: Über den Vorschlag, das neue Gebilde SG Neureich-Bimbesheim zu taufen, schmunzelt auch Hopp.“ Andreas Wagner (Welt 27.10.) zeichnet Hopps Politik der kleinen und leisen Schritte: „Dem Kickergewerbe gegenüber war Hopp für seine Verhältnisse bislang eher zurückhaltend. Er wollte nie Stars nach Hoffenheim lotsen, sondern bodenständige Spieler. Das nach ihm benannte Stadion ließ er nur soweit ausbauen, daß 6000 Zuschauer Platz fanden. Erst vor zwei Jahren verpflichtete er Vollprofis. Der endgültige Sinneswandel erfolgte nun, als der Mannheimer Energiekonzern MVV, bislang stets ein treuer Partner der TSG, den Ausstieg in Hoffenheim ankündigte, um dem Traditionsverein Waldhof Mannheim von der Oberliga in die Bundesliga zu verhelfen.“ Michael Roth (FAZ 27.10.) preist Hopps Sinn für den Nachwuchs: „Mit Abramowitsch verglichen zu werden, schätzt Hopp nicht: ‚Ich bin das Gegenteil’ und liefert gleich mehrere Belege. Er ist seit fünfzehn Jahren begeisterter Förderer des Jugendfußballs. Bei den Vereinen Hoffenheim und Walldorf spielen die A-, B- und C-Jugend mittlerweile in den jeweils höchsten deutschen Klassen. (…) Die von Hopp geförderten Jugendlichen beschäftigen sich nicht nur mit Fußball. Das Förderkonzept umfaßt neben der schulischen auch die berufliche und persönliche Entwicklung der Jugendfußballer. Darauf achtet Hopp besonders.“
FAZ-Portrait Dietmar Hopp
Dienstag, 29. November 2005
Internationaler Fußball
Amateurhaftigkeit
Real Madrid steht im Schatten des FC Barcelona – ein Grund für die Chronisten, sich zu sorgen. Paul Ingendaay (FAS) nennt die Fehler des Trainers und des Präsidenten und verlangt neue Köpfe: „Das Maß der Krise beim berühmtesten Klub der Welt scheinen weder Wanderley Luxemburgo noch Florentino Perez begriffen zu haben. Real Madrid ist eine graue, unansehnlich kickende Elf geworden, die ihr Bestes – Angriffsspiel als ästhetische und riskante Darbietung – schon vor gut zwei Jahren verloren hat. Nicht eine Serie von drei schwachen Partien, sondern der Charakterverlust empört das Publikum. Das Elend hat einen äußeren Grund und einen inneren. Außen wirbelt ein Präsident, der dem Popstar-Prinzip verpflichtet ist und nichts dabei findet, um einiger hunderttausend verkaufter Beckham-Trikots willen die Madrider Spielkultur zu opfern. Innen werkelt ein Trainer mit immer neuen Spielern an einem System herum, das wie von vorgestern wirkt. Daß dabei gravierende Fehler begangen wurden, weckt inzwischen den Eindruck von fehlendem Weitblick und unausrottbarer Amateurhaftigkeit. (…) Wann wacht der Präsident auf und gewinnt die Einsicht, daß diese Mannschaft einen Neuanfang verdient hat?“
Clever komponiertes No-name-Team
Christian Eichler (FAZ) erklärt den Aufschwung des Aufsteigers Wigan Athletic, Vierter der Premier League: „Der Aufstieg von der vierten in die erste Liga ließ sich noch mit dem vielen Geld erklären, das der frühere Fußballprofi und heutige Sportläden-Multimillionär Dave Whelan in sein Hobby investierte. Doch um auch einen Spitzenplatz in der Premier League zu erkaufen, muß man schon russischer Milliardär sein. Also setzte Wigan auf ein clever komponiertes No-name-Team. Der Erfolg dieser Billiglösung rentiert sich für einige, die bei großen Klubs nicht mehr oder noch nicht gefragt waren. (…) Trainer Paul Jewell sieht mit seinem Trainingsanzug und dem runden, kurzgeschorenen Kopf aus wie einer, den man in jeder Vorstadtkneipe treffen kann. Er hält nichts davon, Maßanzug zu tragen und sich mit einer Superhirn-Aura zu umgeben wie die Fußball-Weltmänner Mourinho und Wenger. Er pflegt seine Wurzeln in der Arbeiterklasse und spricht Klartext, ‚Scouse’, den Akzent seiner Heimatstadt Liverpool.“
Ein unglückseliger, geographischer Unfall
Der FC Reading spielt heute gegen Arsenal im League Cup; der Tagesspiegel denkt an seine Fever-Pitch-Lektüre: „Nick Hornby war seine Nähe zu diesem Fußballklub einst peinlich. Dem englischen Schriftsteller, der den ‚Middle classes’ in den Neunzigerjahren den Fußball nahe brachte, war sein lokaler Verein nicht attraktiv genug. Der FC Reading ‚war meine nächstgelegene Ligamannschaft. Ein unglückseliger, geographischer Unfall’ schrieb er in dem Kapitel, das sich mit einem Spiel Readings gegen Arsenal befasst. Als Jugendlicher aus Maidenhead westlich von London hätte Hornby Fan des unglamourösen, ganz in der Nähe spielenden FC Reading werden können. Er begleitete lieber seinen Vater ins Highbury-Stadion zum Spitzenverein FC Arsenal nach London. Heute hätte er sich vielleicht anders entschieden, denn Reading, der viertälteste Fußballklub Englands, könnte zum ersten Mal in der Klub-Geschichte in die höchste englische Liga aufsteigen. Eine erstaunliche Wende, schließlich drohte vor knapp fünfzehn Jahren der Bankrott.“
Kontinuität
Jean-Marie Lanoë (NZZ) hätte das Steigen des AJ Auxerre nach Guy Roux’ Abschied nicht unbedingt erwartet: „Gibt es in der AJ Auxerre ein Leben nach Guy Roux? Ja, es gibt eines – und ein erfolgreiches dazu. Nach 16 Runden ist die AJ Auxerre als erster Verfolger von Leader Lyon im 2. Rang klassiert, allerdings vom Serienmeister bereits um elf Punkte distanziert. Diese Momentaufnahme ist wohl etwas überraschend. Ganz ohne Vorzeichen kündigte sie sich jedoch nicht an. Denn der Klub, inklusive Roux, war bei der Wahl des Nachfolgers um ‚Kontinuität’ bemüht und beriefen in der Person von Jacques Santini einen erfahrenen Trainer, der wie Roux bäuerlicher Abstammung ist, mit beiden Füssen auf dem Boden steht und in seinem Wesen geerdet scheint.“
Ball und Buchstabe
Er macht die Mitspieler besser
Europas Fußballer des Jahres – Ronald Reng (FTD) schreibt, warum Ronaldinho eine gute, eine schlechte und eine gute Wahl ist: „Ronaldinho ist ein Spieler, für den Preise wie dieser erfunden wurden: Seine Außergewöhnlichkeit ist für jeden erkennbar. Wenn er, Mensch gewordene Elektrizität, drei Spieler umdribbelt, wenn er, Wahnsinn mit Genialität verbindend, den Ball mit dem großen Zeh in hohem Bogen ins Tor schießt, wenn er, eine Liebeserklärung an seine Freundin, seinen Kumpel, den Ball auf der Brust tanzen lässt und dabei einem Gegner wegläuft, muss man nichts von Fußball begreifen, um zu verstehen: Er ist ein Phänomen. (…) Wenn France Football nicht den außergewöhnlichsten Spieler dieser Epoche ehren wollte, sondern tatsächlich den Spieler, der 2005 hindurch überragte, dann hat es falsch gewählt. (…) Es war nicht Ronaldinhos bestes Jahr. Nur in den jüngsten Wochen, pünktlich zur Preiseverleihung, ist er wieder in einer Form, aus der Sagen entstehen. Und doch verdeutlichte gerade Eto‘os und Decos Show am Abend zuvor am besten, warum Ronaldinho so einzigartig ist: Er ist nicht nur gut, er macht die Mitspieler besser. Jeder in Barças Team spielt den Fußball seines Lebens, seit er da ist.“
Sehr befremdlich
Peter Hartmann (NZZ) betont das Skandalöse am Doping-Fall Juventus, in dem morgen ein Urteil erwartet wird: „Schon das erste Urteil gegen den Dottore Agricola hat erstmals aufgedeckt, dass an der besten Adresse des Calcio, beim 28fachen Meister Juventus, über Jahre hinweg systematisch gedopt worden war. (…) Die Ermittlungen, die 1998 aufgenommen wurden, bezogen sich auf die Jahre 1994 bis 1998 (und deshalb unterstehen die Angeklagten nicht dem neuen Dopinggesetz von 2001, das als das härteste der Welt gilt). Das ist schon lange her, aber der Manager und der Arzt sind immer noch im Amt, und es erscheint sehr befremdlich, dass gerade der Arzt Agricola, der eine verbunkerte Apotheke unterhielt, ‚die zur Versorgung einer mittleren Stadt ausgereicht hätte’ (ein wissenschaftlicher Kronzeuge), unbehelligt von den Fussballbehörden und von der Standesorganisation der Sportmediziner weiterhin seiner Samaritertätigkeit nachgeht. (…) In diesen Eiertanz von Verdrängung, Ablenkung und Verschleierung schaltete sich früh auch das Orakel vom Sonnenberg ein: Sepp Blatter stellte sich hinter Juventus.“
Bundesliga
Durchschnittskost und Mittelmaß
Durchschnittskost
Die FAZ schmeckt „Bundesliga-Durchschnittskost“, und die Stuttgarter Zeitung hopst „den VfB-Walzer: ein Schritt vor, einer zurück, ein Evergreen.“ Doch die zwei Trainer sind glücklich, und Friedhelm Funkel lobt die Stuttgarter, dass man nicht weiß, was man davon halten soll: „Ich habe selbst die Bayern nicht so stark gesehen.“ Cai Tore Philippsen (faz.net) stutzt ob aller Genügsamkeit: „Daß ein Remis nicht einmal die Hälfte wert ist, seitdem der Fußball einen Sieg mit drei Punkten belohnt, wollten die Trainer nicht hören. Funkel und Trapattoni gaben sich nach dem eiskalten 1:1 betont zufrieden. Dabei hätte Aufsteiger Frankfurt locker gewinnen können. (…) Auch Stuttgart hätte sich als Sieger verabschieden können.“ Oliver Trust (FAS) porträtiert Jon Dahl Tomasson: „Er ist keiner, der sein Selbstvertrauen versteckt. Er hat es, und er zeigt es. Aber Retter zu sein, für Trapattoni, das ist ihm doch zuviel. Fußballprofi zu sein, das heißt auch, es gehört eine Portion Egoismus dazu. Er spielt für sich und dann für Verein, Mannschaft und Trainer. Wenn es ihm gutgeht, geht es auch den anderen gut. (…) Er sei manches gewohnt aus Italien, sagt er. Manches, was Trapattoni macht, was andere den Kopf schütteln läßt.“
Welt: vom Nachtschwärmer zum Trainerschwarm – Jermaine Jones will zur WM
Bildstrecke, faz.net
Hertha BSC Berlin – Borussia Mönchengladbach 2:2
Mittelmaß
Die SZ spottet über ein „Spiel der Möchtegerngrößen“. Ronny Blaschke schaudert wegen der Tabellenränge beider Mannschaften: „Vor dem Anpfiff galt die Partie als Treffen der aufstrebenden Teams. Doch allmählich wird klar, dass da zwei Möchtegerns nach oben gespült wurden, weil es Stuttgart, Wolfsburg oder Leverkusen auch nicht besser können. Das Mittelmaß scheint in dieser Saison schon bei Platz 5 zu beginnen. Da passt es ins Bild, dass die Gesänge der Hertha-Fans via Lautsprecher verstärkt wurden.“ Aus dem Tagesspiegel erfahren wir, dass Hertha während Spielen das Stadion regelmäßig beschallt – ein unter Fans verpönter Vorgang, außerdem gegen die Regeln der DFL. Die Berliner Zeitung hat Schalkes Fan-Sprecher Rojek dazu gefragt: „Ich bemitleide die Hertha-Fans. Dass ihr Klub so etwas tut, um künstliche Stimmung zu produzieren. An deren Stelle würde ich mich beschweren. Demnächst lässt Dieter Hoeneß vielleicht noch eine CD mit Fangesängen einlegen oder Ein-Euro-Jobber auf Kommando applaudieren. (…) Schalke plagen 91 Millionen Euro Verbindlichkeiten, aber wir haben ein Eigenheim. Irgendwann ist die letzte Rate bezahlt, da kickt Hertha immer noch in einem vom Steuerzahler subventionierten Stadion.“
FAZ: Herthas finanziell ernste Situation
NZZ: über Thomas von Heesen, einen illegaler Einwanderer im Lande des Fussballs – einer, der sich ständig in der Schwebe befindet
Ascheplatz
Bayern dominiert die Liga nicht nur sportlich, sondern auch in der Meinungsbildung
Heribert Bruchhagen im Interview mit Thorsten Jungholt (WamS) über die Diskursmacht der Bayern und die TV-Rechte-Verhandlung
WamS: Die Liga ist eine Zweiklassengesellschaft. Und die Bayern wollen die betonieren, indem sie fordern, daß die Mehreinnahmen aus dem neuen TV-Vertrag ab 2006 nur unter wenigen Topklubs verteilt werden. Was halten Sie davon?
HB: Es hat jetzt keinen Sinn über die Verteilung der TV-Gelder zu reden. Das ist allein Karl-Heinz Rummenigge vorbehalten. Ich respektiere die Handlungshoheit der DFL in dieser Sache.
WamS: Haben Sie Verständnis dafür, daß der Bayern-Vorstandschef diese Debatte begonnen hat, bevor überhaupt feststeht, ob es Mehrerlöse gibt?
HB: Das macht dem Verhandlungsführer der DFL, Christian Seifert, sein Geschäft nicht leichter, genauso wenig wie Rummenigges Forderung, die Sportschau müßte bleiben. Ich habe mich ja auch schon als Freund der Sportschau zu erkennen gegeben, einfach auf Grund ihrer Funktion als gesellschaftlich etabliertes Forum, das uns den Nachwuchs an den Fußball heranführt. Dennoch sage ich: Ich werde das Verhandlungsergebnis der DFL akzeptieren, auch wenn es anderes ergibt. Denn ich weiß, daß ich nur eines von 36 Mitgliedern des Ligaverbandes bin.
WamS: Was halten Sie von dem Vorstoß der DFL, die zur kommenden Saison vereinbarte Reduzierung auf drei Nicht-Uefa-Ausländer zu kippen und auf Sicht die Beschränkung komplett aufzuheben?
HB: Ich finde, es gibt für eine solche Beschränkung ebenso eine Berechtigung wie für den Plan der Uefa, eine gewisse Zahl von im eigenen Verein ausgebildeten Spielern vorzuschreiben. Wir würden alle diese Vorgaben gern erfüllen. Aber ich habe schon im April einen Brief an DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus geschrieben, in dem ich prophezeit habe, daß diese Vorlagen von den großen Vereinen vom Tisch gewischt werden. So ist es jetzt gekommen, weil eine Beschränkung es erschweren würde, in der Champions League zu konkurrieren. Aber ich warne: Der globale Markt hilft nur den Großen, wie zum Beispiel dem FC Bayern.
WamS: Warum melden sich die kleinen Vereine nicht lauter zu Wort?
HB: Weil sie sich nicht trauen. Bayern dominiert die Liga nicht nur sportlich, sondern auch in der Meinungsbildung. Wer sollte aus der Zweiten Liga oder aus dem unteren Bereich der Bundesliga gegenteilige Positionen formulieren?
WamS: Vielleicht denken Ihre Kollegen einfach anders. Warum sonst sind Sie mit Ihrem Antrag, die Erste und Zweite Liga auf jeweils zwanzig Klubs aufzustocken, mit 10:19 Stimmen gescheitert? Da haben auch einige Zweitligisten gegen Sie gestimmt.
HB: Die Ankündigung der Bayern, dann neu über die Verteilung der TV-Gelder zur reden, hat gereicht, die Zweite Liga zurückzucken zu lassen. Ich will das Rummenigge gar nicht vorwerfen, er vertritt die Interessen seiner Bayern und der großen Vereine, das ist seine Aufgabe. Aber ich verstehe nicht, warum das nicht jeder Klub so handhabt.
Montag, 28. November 2005
Ball und Buchstabe
Fußball ist mehr als symbolischer Krieg
Ein letztes Geleit für George Best – Raphael Honigstein (SZ) verkündet Bests Botschaft: „Verfolgt von einem halben Dutzend Klopper und Treter schwebte er, die Gesetze der Schwerkraft missachtend, mit dem Ball am Fuß über den schlammigen Boden; jede vergebliche Grätsche wurde Teil der wundersamen Choreographie. Fußball war mehr als symbolischer Krieg, das erzählte sein Spiel. Fußball konnte ein Tanz sein, der einem das Herz erwärmt. Soviel Sinnlichkeit hatte man auf englischen Plätzen seit Stanley Matthews, dem letzten großen Dribbler der Nachkriegsjahre, nicht mehr gesehen. Er verkörperte den Geist und die Exzesse der 68er, passte mit seiner begnadeten Technik in fußballerischer Hinsicht aber doch nicht in seine Zeit. Er war ihr weit voraus. Ein Fußballer musste laufen, kämpfen, laufen, kämpfen, und er musste einstecken können. Grenzenlose Fantasie sah das Berufsbild in Großbritannien nicht vor. Selbst die eigenen Fans gröhlten schon mal: ‚Wo ist deine Handtasche, Georgie?’ Individuelle Kunst hatte in ihren Augen etwas Weibisches; die Verteidiger fuhren ihm reihenweise ungestraft von hinten in die Beine. In einem Länderspiel für Nordirland wurde er von Schotten 1970 so lange gefoult, bis er den Schiedsrichter aus Frust mit einer Hand voll Schlamm bewarf und vom Platz flog. Ein stummer Hilfeschrei, eine eloquente Anklage – gegen die das Spiel zerstörende Kombination aus Brutalität und Matsch.“
Inbegriff des mit Makeln behafteten Genies
Was hat George Best den Briten gesagt, was sagt er ihnen heute? Gina Thomas (FAZ): „In seiner Heimat Nordirland verehrten Loyalisten und Nationalisten den Belfaster Protestanten gleichermaßen, und sosehr die moralisch Entrüsteten den Zeigefinger erhoben und den Kopf schüttelten über den Champagner und die vielen Blondinen, blieb George Best ein Idol, wohl nicht zuletzt, weil er alles im Übermaß tat. Er habe immer mehr haben wollen, als er hatte, gestand er einmal – mehr Mädchen, mehr Alkohol, mehr Erfolg. Er wußte, daß er seine Gesundheit und sein Talent aufs Spiel setzte. Er konnte nicht anders, und er wollte es nicht anders. Gebrochene Helden schmeicheln sich mitunter tiefer in die Herzen ein, weil sich ihre Anhänger trösten können, daß auch Superstars Schwächen haben. George Best war der Inbegriff des mit Makeln behafteten Genies. Sein Arzt hat ihn jetzt als Beispiel zitiert für den Irrweg, den die Regierung mit der Lockerung der Pub-Öffnungszeiten gehe. Sein Schicksal zeigt aber auch, wie wenig das Gesetz die Menschen vor sich selber schützen kann.“
taz: Eisen-Uli, erst abgesoffen, jetzt ein Bayern-Fan – Uli Borowka, einst harter Verteidiger bei Mönchengladbach, will in Berlin wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen
FAZ: das Ringen der Fernsehsender um die Fußballrechte
WamS: Mit dem Verkauf von Fanartikeln nimmt der deutsche Fußball erstmals mehr als 100 Millionen Euro ein, einen großen Teil durch das Weihnachtsgeschäft
NZZaS: Der türkische Fussball signalisiert nach dem Spiel gegen die Schweiz Reue
WM 2006
Weltanschauungen prallen aufeinander
Die WM soll die deutsche Wirtschaft anstacheln. Udo Ludwig & Andreas Ulrich (Spiegel) recherchieren die Vorbereitung der Prostitution: „Wann immer Männermassen zu sportlichen, wirtschaftlichen oder kulturellen Großveranstaltungen in Deutschland unterwegs sind, eskaliert die Aufregung um den Dirnendienst. Sechs Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft in zwölf Städten zwischen Hamburg und München, bei der die Veranstalter mit drei Millionen Besuchern rechnen, bringen sich jetzt erneut Gegner und Profiteure der Prostitution in Position – selbst die Berliner Regierung mischt sich diesmal ein. (…) Aber die Sex-Profis basteln am Angebot für die Kunden aus aller Welt: Neue Mega-Puffs, Straßenstrichs und erstklassiger Service sollen den ballbegeisterten Männern das Geld aus der Tasche ziehen und gleichzeitig für Sauberkeit im Rotlichtmilieu sorgen. Nicht nur Geschäft und Moral stehen sich so gegenüber, es sind zwei Weltanschauungen, die aufeinander prallen. Auf der einen Seite die Fraktion, für die Fußball, Bier und Sex zusammengehören. Auf der anderen Seite kämpft die Retterfraktion, die ausgerechnet die WM nutzen will, um, so der Deutsche Frauenrat, ‚Freier zu sensibilisieren’ und allen Formen der sexuellen Ausbeutung ‚die Rote Karte zu zeigen’. Zwischen diesen Fronten bewegen sich die Pragmatiker.“
Bundesliga
Innere Werte
Innere Werte
Die Autoren messen Schalkes Sieg an den beschränkten Leistungen der vergangenen Wochen und Monate. Ralf Rangnick wird dabei zugute gehalten, die Mannschaft wieder richtig ein- und gut aufgestellt zu haben: „Kevin, allein im Sturm“ (FTD), heißt die einzige Spitze; Kuranyi sei, glaubt man den Zeitungstexten, noch immer wenig beliebt in Schalke. Richard Leipold (FAZ) gibt den Schalkern wieder gute Kopfnoten: „Die Schalker Profis begreifen ihre Arbeit wieder als Gemeinschaftsauftrag. Rangnick hat mit seinem Systemwechsel einen Erfolg gelandet, der weit über die bloße Taktik hinaus wirken könnte. Die neue Formation scheint auch innere Werte wie Spielfreude, Aggressivität, Siegeswillen zu fördern. Sie haben wieder ein gemeinsames Ziel vor Augen, das die Einzelinteressen zusammenführt. (…) Was den gefühlten Abstand zu Bayern München angeht, gelten die Bremer als Herausforderer Nummer eins. Werder bleibt nur die große Verfolgerkoalition mit Hamburg und Schalke.“ Die Bremer Niederlage bedauern die meisten; Christoph Biermann (SZ) muntert die Verlierer auf: „Den Bremern merkte man an, dass sie über ein eingespieltes Team verfügen, in dem der richtige Ton längst gefunden ist. Sie zeigten die besseren Kombinationen, wenn auch nicht so häufig wie man das von ihnen kennt.“
Bayer Leverkusen – Hamburger SV 0:1
Den Bayern auf der Spur
Hamburg beeindruckt die Beobachter, die dem HSV einen Entwicklungssprung beglaubigen: gewinnen unter schwierigen Umständen. Der Tagesspiegel hält ihn für „ökonomisch, effizient, erfolgreich“, die SZ für „fc-bayernesk“. Daniel Theweleit (taz) durchleuchtet die Qualität der Hamburger: „Der Sieg wirkt wie das Werk einer Spitzenmannschaft. Das Misserfolgserlebnis der Niederlage in Monaco im Nacken spielten die Hamburger besonnen. Sie agierten ökonomisch, hatten eine gute Raumaufteilung, und sorgten mit wenigen, jedoch schnell vorgetragenen Angriffen für Gefahr. Und wie das so läuft bei Spitzenteams erhöhten sie den Druck, als sich die Partie dem Ende näherte.“ Roland Zorn (FAZ) befasst sich mit der Hamburger Zukunft: „Der HSV ist zumindest in puncto Erfolgsbesessenheit den Bayern auf der Spur. Aus diese3m Holz sind Meister von morgen geschnitzt, mögen auch hier und heute die Bayern den Hamburgern noch (tabellarisch um sechs Punkte) voraus sein.“
FR: Ein überarbeiteter HSV nimmt die Hürde Leverkusen und profiliert sich als potentieller Jäger des FC Bayern München
Welt: Bayern-Jäger wider Willen – HSV gewinnt, bleibt aber demütig
Bayern München – FSV Mainz 2:1
Der Meister betrachtet die Liga von oben herab
Und ewig grüßt… der knappe Sieger Bayern München. Doch wenn das Spiel keine neue Geschichte hergibt, die Äußerungen der Bayern tun es allemal. Siebter Heimsieg im siebten Spiel im neuen Stadion – Uwe Marx (FAZ) gähnt und erörtert die Worte der Sieger: „In der neuen Heimat der Bayern gibt es für die Gegner Lohn nur in kleiner Münze: Selbst zu einem Unentschieden kam hier noch niemand. Nun bleibt den Bayern zur eigenen Unterhaltung nicht viel mehr übrig, als den vermeintlich größten nationalen Konkurrenten auszudeuten. Uli Hoeneß setzt nach wie vor auf Werder Bremen als hartnäckigsten Verfolger, wenn man bei acht Punkten Rückstand noch von verfolgen sprechen kann. Felix Magath glaubt, der sechs Punkte zurückliegende Hamburger SV sei stärker einzuschätzen. Die netten Bayern: Sie gestatten den Mainzern immerhin ein Törchen und umrahmen die Mannschaften unmittelbar hinter ihnen mit einer Gefährlichkeit, die diese nicht haben. Wer die Tabelle lesen und klar denken kann, wird nicht übersehen: Der Meister betrachtet die Liga derzeit von oben herab.“ Gut verteidigt!, lobt Philipp Selldorf (SZ): „War das wirklich der FC Bayern, der amtierende Titelhalter und designierte Herbstmeister, der sich da mit der kompletten Belegschaft einschließlich des in der Not eingewechselten Jens Jeremies gegen die Belagerer stemmte, während die Mainzer ihrerseits alle Mann – einschließlich Schlussmann Dimo Wache – in den Sturm schickten? Geholfen hat’s nichts, und so entsprach die Rollenverteilung dem üblichen Schema, bekannt aus der Vorwoche (Bielefeld) und vielen Dutzend ähnlicher Aufführungen. Es gab Lob und Anerkennung für die mutigen Mainzer – und drei Punkte für die Münchner.“
FR: Mainz bekommt für sein eindrucksvolles Spiel Komplimente, doch die Punkte bleiben in München
BLZ: Der FC Bayern lernt das Leben ohne Michael Ballack
Hannover 96 – 1. FC Kaiserslautern 5:1
Ideen müssen nicht automatisch gut sein, weil sie phantasievoll sind
Das Duell der neuen Trainer steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Klarer Verlierer ist Wolfgang Wolf, dem die Journalisten vorhalten, die falsche Abwehr aufgestellt zu haben. Frank Heike (FAZ) bemängelt: „Wolfs Experiment mit Ervin Skela als Abwehr-Organisator mißlang. Auf dem Feld wirkten die Lauterer, als sei ihnen die Aufstellung fünf Minuten vor Beginn in der Kabine zugerufen worden – da hatte jeder nur mit sich zu tun, und die Zuordnung paßte gar nicht. Skela schien sich seine lauten Anweisungen vor allem selbst zuzurufen.“ Jan Christian Müller (FR) ergänzt und findet zwei Analogien: „Er ist in der Abwehr genauso eine Fehlbesetzung wie es im Herbst 2004 der – vom zusehends orientierungsloseren Klaus Toppmöller auf die Liberoposition abgestellte – Hamburger Sergej Barbarez war oder der von Erich Ribbeck gegen seinen Willen sinnfrei als Libero aufgebotene Bernd Schuster. Ideen müssen nicht automatisch gut sein, weil sie phantasievoll sind.“
Peter Neururer, der natürlich allen gerne und möglichst beiläufig erklärt hat, dass die siegbringenden Freistöße und Eckbälle auf sein Extratraining zurückzuführen seien, Neururer also wird in vielen Zeitungen mit einem bemerkenswerten Nachtreten gegen Wolf zitiert: „Die Aufstellung von Lautern habe ich nicht verstanden. Der einzige Spieler, vor dem wir in deren Offensive Respekt hatten, musste in die Defensive.“ Jörg Marwedel (SZ) verzeiht Neururer seine Koketterie: „Neururer flunkert gern, und manchmal ist es leicht, ihn dabei zu ertappen. Man konnte sehen, wie er sich im Geiste selbst auf die Schulter klopfte. Welchem Trainer widerfährt schon das Glück, dass eine seiner ersten Maßnahmen auf Anhieb von Erfolg gekrönt ist? Noch am Morgen hatte Neururer seine Profis zu einer kleinen Sonderschicht ins Stadion beordert. Er hatte Eckbälle und Freistöße üben lassen, er hatte Schützen festgelegt, Laufwege bestimmt und auch, wohin der Ball gespielt werden soll. Vier Standards Marke Neururer hatten das einseitige Spiel entschieden und die Mängel im Spiel der Hannoveraner listig verdeckt. Gibt es noch Zweifel, wer der Sieger war an diesem Tag?“
FR: Wolfs Einstand bei hilflosen Lauterern missrät vollends
1. FC Nürnberg – Borussia Dortmund 1:2
Vom unbezahlbaren Glück, kein Geld mehr zu haben
Dem jungen Dortmunder Team fliegen die Herzen zu. Allerdings verweisen die Kommentatoren darauf, dass der Erfolg aus der Not entstanden ist – und nicht einer Strategie der Vereinsführung zu verdanken. Andreas Lesch (BLZ) stellt den BVB als Musterschüler heraus: „Das Beispiel BVB kann der Bundesliga gut tun. Es widerlegt die These, die sich noch immer in den Köpfen mancher Trainer hält: Dass ein jugendliches Team in der ersten Klasse nicht bestehen kann (…) Die Dortmunder haben ihr früheres Geschäftsprinzip ins Gegenteil verkehrt.“ Oskar Beck (Welt) ergänzt: „Über Nacht wird Dortmund wieder bewundert, alles schwärmt vom neuen BVB-Jugendstil. (…) Den Dortmundern kann man zu ihrer Rasselbande um Nuri Sahin nur gratulieren – also zu ihrem unbezahlbaren Glück, kein Geld mehr zu haben.“ Andreas Burkert (SZ) warnt vor Versuchungen und Rückfall: „In Dortmund hat sich die zurzeit erstaunlichste Mannschaft der Liga in der oberen Tabellenhälfte eingerichtet. (…) Doch bald schon werden sie mit Begehrlichkeiten zu ringen haben und mit dem eigenen Ehrgeiz zum großen Wurf. Schon wird über einen teuren Söldner wie Ailton diskutiert und über die Bewegungsfreiheit, welche die anstehende Umschuldung ermögliche. Die Ära Niebaum bescherte der Borussia das zweifelhafte Vergnügen der ersten Meisterschaft überhaupt, die mit Geld gewonnen wurde – ein Ziel seiner Nachfolger sollte einstweilen der Gewinn der Deutschen Sanierungsmeisterschaft sein.“ Christoph Kneer (SZ) vergleicht die zwei Mannschaften: „Die Nürnberger brüllten: Überfall!, um sich sofort zu ergeben. (…) Es war ein Spiel, in dem sich die Befindlichkeiten beider Teams perfekt spiegelten: Hier quälte sich eine Elf, die sich selbst misstraut; dort führte eine Mannschaft einen Fußball vor, der sich wie selbstverständlich ereignete. Die Dortmunder sind dabei, ihre Automatismen neu zu entdecken, sie sind eine Art Oranje light.“ Ob sich die Dortmunder dieses Etikett gerne anheften lassen?
FR: bittere Lektion für Hans Meyer
VfL Wolfsburg – Arminia Bielefeld 0:0
Kredit ausgeschöpft
Achim Lierchert (FAZ) kommentiert die Wolfsburger Zuschauerrektionen: „Schon nach kurzer Zeit mußten Holger Fach und seine Spieler vernehmen, daß der Kreditrahmen bei den eigenen Fans weitgehend ausgeschöpft ist. Gellende Pfiffe und Schmährufe begleiteten bereits in der ersten Halbzeit die völlig planlosen und seltsam uninspirierten Darbietungen des VfL, bei dem sich die schlechten Ergebnisse und Erlebnisse bedrohlich häufen.“
Bildstrecke 14. Spieltag, sueddeutsche.de
Samstag, 26. November 2005
Ball und Buchstabe
Das Genie in der Gosse
Christian Eichler (FAZ) trauert um das Verglühen George Bests: „Nach seiner Auszeichnung als Englands Spieler des Jahres soff er die Nacht durch. Am nächsten Morgen fand ihn ein Polizist volltrunken auf der Straße, die Trophäe im Arm. Das Genie in der Gosse, die Rolle seines Lebens. Best, der einfache Bursche aus Belfast, war nicht vorbereitet auf das, was die verrückte Welt aus ihm machte. Er wurde der erste Popstar des Spiels, vollkommen gegensätzlich zu seinem heutigen Nachfolger, dem sozialverträglichen, durchgestylten David Beckham. Beide sind perfekte Spiegelbilder ihrer Zeit: Best für die zügellosen 68er-Jahre; Beckham für die Ära des globalen Kommerzes, dessen Stars politisch korrekt sind und sich das Rebellische beim Friseur holen. Mit George Best starb auch das letzte Stück ungezähmten Fußballs.“
Der erste Popstar des Fussball
Felix Reidhaar (NZZ) blickt zurück auf Bests ereignisreiches Leben und Spielen: „Höhepunkt und Wendepunkt in einem war die Saison 1967/68. George Best, erst 22, befand sich im Zenit. Die Medien standen Kopf: der grösste Fussballartist, den Europa je hervorbrachte. Der grossartigste Dribbler der Welt. Der erste Popstar des Fussball. Langmähnig schwarz, elegant und wendig, der Ballettmeister, der die Verteidiger austanzte, beidfüssig, schnell, ausgeglichen, unberechenbar, zweikampfstark, ein erbitterter Tackler, der Mann, der weite und kurze Pässe mit derselben Präzision schlug und immer wieder Kunststücke am Ball wagte, der am meisten gefoulte Profi in der englischen Liga-Geschichte, kurzum: A one man band of football, wie sein Biograf Ian Corry schrieb. Als John Lennon die Beatles mit ‚Hey Jude’ in neue Höhen aufschwang [of: ein McCartney-Song] und russische Panzer in Prag einrollten, galt George Best als fünfter Beatle, der pro Woche 10 000 Briefe Fanpost erhielt.“
Ein Schelm – Volker Gulde (SpOn): „Es gibt viele Geschichten über den Mann, der 1968 zu Europas Fußballer des Jahres gekürt wurde, aber diejenige über sein Spiel mit der nordirischen Nationalmannschaft gegen Holland 1976 macht das Maß seiner Genialität oder seines Wahnsinns am besten deutlich. Best wurde vor dem Spiel gefragt, ob Johan Cruyff besser sei als er. Best fing an zu lachen und kündigte an, dass er Cruyff bei der ersten Gelegenheit tunneln würde. Nach fünf Minuten der Partie wurde Best auf dem linken Flügel angespielt. Er umdribbelte drei Holländer auf dem Weg zu Cruyff, der sich auf der anderen Seite befand, tunnelte den holländischen Spielmacher – und reckte die Faust in den Himmel.“
As long as the game is played in these islands
Obituary – Richard Williams (Guardian): „Winter came early to Best’s career. Its teenage spring was bursting with promise, its summer incandescent; there never was an autumn. (…) The image of the unrepentant alcoholic who worked his way through two livers, his own and that of an anonymous donor, will fade soon enough. Tales of his deeds on the football pitch will endure as long as the game is played in these islands.“
Best of all
Aus der Times vom 9. März 1966, Bericht über das Europapokal-Viertelfinale in Lissabon: „Night a star was born: ‚Now he was the best of all‘: Manchester United tonight destroyed the white flower of Benfica, in their Luz Stadium here, in a thrilling outburst of attacking football. (…) Best, with his long dark mop of hair, is known in these parts as ‚The Beatle‘. Now he was the best of all .”
Tribute to George Best, Times
Tsp: Van Morrison des Rasens
Best of Best, sueddeutsche.de
Ein Online-Memorial, veranlasst durch die Familie Best – zünden Sie eine Kerze für George Best an
Die SZ-Bibliothek WM 1930-2002 ist eröffnet
Allgemein
Bizarre Mannschaft
Christof Kneer (SZ) versucht, aus dem VfB Stuttgart, 2:1-Sieger in Saloniki, schlau zu werden: „Im tiefsten Innern wissen nicht einmal die Anhänger des VfB, ob sie Ljuboja jetzt dankbar sein sollen. Schon gegen Leverkusen und Hertha hatte er je einen Treffer zum Teilerfolg beigetragen, und so personifiziert der Serbe inzwischen einen bizarren Charakterzug dieser bizarren Mannschaft. Diese bizarre Mannschaft spielt oft so, als würde sie ihren lustig fuchtelnden Trainer lieber heute als morgen weghaben, dann aber bäumt sie sich plötzlich auf und schießt ein Tor. Für die Klubführung reicht das, um die Legende weiter zu stricken, wonach die Elf feurig für den Trainer streite. Aber es reicht nicht für einen Aufwärtstrend, weil in Wahrheit kaum einer für diesen Trainer streitet. In Wahrheit hat sich in der verwirrten Mannschaft längst ein Trotzreflex verselbstständigt, der unabhängig vom Trainer funktioniert. Manchmal stürmen sie wütend, weil sie sich die Pfiffe des Publikums oder die Schlagzeilen der Presse nicht bieten lassen wollen. Aber meist sind diese Stürme kurz, und unorganisiert sind sie auch. Vermutlich hat der Sieg nur den unseligen Zwischenzustand verlängert, in dem der VfB vor sich hin stagniert.“ Heiko Hinrichsen (StZ) fügt hinzu: „Der VfB im Herbst 2005: das ist ein instabiles Team, das aber immer wieder andeutet, welches Potenzial vorhanden ist. Aber andeuten reicht nicht, zumal die Mannschaft ihre Gegner immer wieder aufbaut.“
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