indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 15. September 2005

Champions League

Wer auftritt, als wäre er was Besseres, spielt schlechter

0:1 in Eindhoven – Christian Eichler (FAZ 15.9.) nennt die Fehler Schalkes und schaut auf Ralf Rangnick, der in die Defensive gerät: „Fünf Trainer hatte Schalke, seit man im Herbst 2001 den bisher einzigen (und erfolglosen) Auftritt in der Champions League erlebte. Der sechste, Rangnick, hat die durchschnittliche Haltbarkeit eines Trainers im Schatten des Tribuns Assauer bereits überschritten, und das verdientermaßen, denn er führte Schalke von Platz 15 in die Champions League. Doch populär wurde er nicht. Die Boulevardpresse ist nicht auf seiner Seite, bauscht Banalitäten wie sein Wortduell mit Verteidiger Krstajic gegen ihn auf. Und in der Niederlage wirkt er mit seinen klugen Worten allein gelassen. Denn in Schalke ist das so: Jeder Erfolg der Erfolg des Managers, jeder Mißerfolg der Mißerfolg des Trainers. (…) Es ist das scheinbar paradoxe Gesetz der Champions League, das Schalke wohl mißverstanden hat: Der ökonomische Gewinn steht schon fest, wenn man nur drin ist, der sportliche Gewinn ist dafür nicht mehr nötig. Doch wenn man beides im Kopf verquickt, kommt etwas Falsches heraus: Man kalkuliert den sportlichen Einsatz dann zu ökonomisch. Man tritt nicht so auf, wie es Fußball erfordert, nämlich bei jedem Anpfiff bei Null anzufangen; sondern wie ein Arrivierter. Es ist aber immer noch die Liga der Meister, nicht der Schatzmeister. Und wer auftritt, als wäre er was Besseres, spielt schlechter.“

Chef

Auch Christoph Biermann (SZ 15.9.) sorgt sich um Rangnick: „Assauer zeichnet schon länger ein Bild des Trainers, nach dem dieser ein hyperaktiver Zappelphillip sei, der vor lauter Ideen über die eigenen Beine stolpert. Das alles mag Ausdruck eines milden Generationskonflikts zwischen Rangnick und den anderthalb Jahrzehnte älteren Herren aus der Chefetage sein. Außerdem sind solche Sticheleien in Zeiten, in denen es läuft, bloß Fußballfolklore. Anders wird das jedoch, wenn es nicht mehr läuft, und davon muss wohl spätestens die Rede sein, seit die Mannschaft aus Eindhoven zurück kam mit dem Gefühl, sich blamiert zu haben. Assauers Bemerkung, dass er auch mit Rangnick mal über das Spiel reden müsse, verbreitet nicht das Gefühl, der Manager wäre der starke Mann hinter seinem Trainer. Vielmehr präsentierte sich Assauer als der Chef, dem gegenüber Rangnick sich zu verantworten hat.“

Eine einzige Schnaufpause

Bernd Müllender (taz 15.9.) verspottet Schalke: „Man hätte in Eindhoven ein Lehrvideo drehen können mit dem Titel ‚Dummer Fußball – leicht gemacht’, Untertitel des Streifens: ‚So lähme ich mich selbst.’ Von gönnerhafter Harmonie in der Innenverteidigung (‚Nimm du den Mann, ich hab ihn auch nicht’), Laufverzicht (‚Hau ihn nach vorn, der Ball fliegt schneller, als du läufst’) und Zweikampfschwäche (‚Das Aua richtig vermeiden’). In den Hauptrollen: Lincoln – herzerfrischend gähnend schon beim Warmmachen. Kevin Kuranyi und Fabian Ernst – Synchronstolpern über neunzig Minuten. Und Altintop: Wie ich mit kreisklassigen Stellungsfehlern und Flankenscheu dem Trainer beweise, dass er mich auf der falschen Seite spielen lässt. Dazu ein Gastauftritt für putzige Arroganz: ‚Wenn wir eine normale Form gehabt hätten, hätten wir sie weggeputzt!’ (Assauer). (…) PSV-Teilzeittrainer Hiddink – er coacht nebenbei die australische Nationalelf – machte sich mit ernstem Gesicht ein Späßchen daraus, auch englische und deutsche Wörter in seinen Vortrag einzustreuen. Mal warnte der Fußball-Kosmopolit davor, ‚den Success zu Kopf steigen zu lassen’, mal lobte er seine Elf, ‚taktisch niet op Glatteis’ geraten zu sein, allen voran seine 34-jährige Herz-Lungen-Maschine Cocu, der immer im richtigen Moment ‚mal eine Schnaufpause eingelegt hat’. Schalke war 90 Minuten lang Cocu: eine einzige Schnaufpause.“

Welt: Genauso bedenklich wie der schwache Auftritt der Mannschaft wirkt das aktuelle Krisenmanagement Schalkes
Bildtsrecke vom Spiel, faz.net

Nur Hokuspokus

0:3 in Lyon, bei Real nichts neues – Peter Burghardt (SZ 15.9.): „Das Ensemble macht dieselben Fehler wie zuvor. Statt sich vernünftig vorzubereiten, ging der Wanderzirkus wie gewohnt auf Welttournee, dabei vergaß man, Basisübungen wie Kopfball, Mauerstellung oder Flügelspiel einzustudieren. (…) Die Abwehr war wie üblich ein Sicherheitsrisiko. System ist nicht zu erkennen, nur Hokuspokus.“

NZZ: zum Teil radikale Kritik an Real Madrid
Bildstrecke vom Spiel, faz.net

NZZ-Bericht Arsenal-FC Thun (2:1)

Am Grünen Tisch

Seilschaften?

Kampf gegen Doping? Ulrike Spitz (FR 14.9.) traut Joseph Blatter nicht: „Der Chef der Fifa will ganz offensichtlich nach wie vor selbst bestimmen, wie Verfehlungen gegen das Dopingverbot in seinem Verband zu ahnden sind: möglichst nicht so, dass eine Gleichbehandlung ähnlicher Fälle von vornherein gewährleistet ist. So hat die Dopingpolitik des Fußballs in den vergangenen Jahren nämlich regelmäßig funktioniert – es war selten nachvollziehbar einzuordnen, warum einer für ein Vergehen ein paar Monate, ein anderer ein Jahr Sperre und der dritte eine Verwarnung bekam. Wer weiß schon, welche Seilschaften in dem einen oder anderen Fall möglicherweise beachtet worden sind? (…) Es darf getrost behauptet werden, dass Blatter das Thema nie wirklich am Herzen liegen wird.“

Allgemein

Mißtrauen

Oliver Trust (FAZ 15.9.) spürt Stuttgarter Argwohn gegenüber seinen Trainern: „Es herrscht eine seltsam angespannte Stimmung. Eine Atmosphäre des Mißtrauens macht sich breit, und keiner scheint den anderen mehr verstehen zu wollen. Genüßlich wird in den Medien ausgebreitet, daß der Trainer, den alle so liebten, als er kam, und wie einen Messias empfingen, nur noch verzweifelt aussieht. Trapattoni klagte zuerst, er werde falsch verstanden, bekomme keinen Respekt gezollt, und dann saß ein Dolmetscher neben ihm, der übersetzen soll, was ‚Trap’ meint. Doch nach dem ernüchternden 1:1 gegen Bielefeld fragen sich immer mehr Stuttgarter: Wer versteht Trapattoni? Haarsträubende Geschichten, die irgendeiner aus dem Klub nach außen trägt, werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (…) Die schwäbischen Blätter berichten von großer Verwunderung im Kader und im Verein, wenn es um das Auftreten Andreas Brehmes geht.“

FR-Interview mit Thomas Doll

SZ: Mainz vor dem Uefa-Cup-Spiel in Sevilla
FR: Den FSV Mainz 05 beschäftigen vor dem Uefa-Cup-Spiel beim FC Sevilla die Nachwehen des Bundesliga-Fehlstarts

FR: Den Fernsehzuschauern stehen lange Fußball-Tage ins Haus, wenn das DSF alle Spiele mit deutschen Vereinen überträgt, die Klubs sind aber nicht zufrieden mit der Situation im Uefa-Cup

Mittwoch, 14. September 2005

Champions League

Herrlichkeit dosieren

Welchen Auftrag will der FC Barcelona dieses Jahr erfüllen, Ronald Reng (FTD 14.9.)? „ Der Platz für das erste große Team des 21. Jahrhunderts ist noch frei, nachdem Real Madrids galaktische Elf so effektvoll implodierte. Und nicht Chelsea mit seiner Zinnsoldatentruppe, sondern nur Barça hat das Flair, sowohl Titel zu gewinnen als auch das Publikum zum Träumen zu bringen. Sie wissen, dass sie seit jenem 2:4 Gefahr laufen, auf die schlimmste Art in Erinnerung zu bleiben – als das Team, das zu schön spielte, um etwas zu gewinnen. Sie hoben in Chelsea Fußball als Spektakel auf ein neues Niveau, nur um vom Gegner ganz pragmatisch ausgeraubt zu werden. Nun spielen sie für den Beweis: Schönheit kann auch siegen. Sie werden dafür unspektakulärer agieren, als es ihr Ruf vermuten lässt. Barça ist noch immer ein Team, das den Ball permanent haben will, aber sie sind besser darin geworden, die Herrlichkeit zu dosieren.“

Geschenk des Himmels

Paul Ingendaay (FAZ 14.9.) schwärmt von Ronaldinho: „Alle paar Jahre erscheint im Weltfußball ein Phänomen, das sich mit den üblichen Begriffen nicht beschreiben läßt, ein neuer Typus, der die Fans das Staunen lehrt. Maradona, Zidane und Ronaldo waren solche Erscheinungen. Auch bei Ronaldo de Assis Moreira, den alle Welt nur unter dem Namen Ronaldinho kennt, muß man von etwas Neuem sprechen. Es ist die Kindlichkeit auf dem Fußballplatz, eine ungewöhnliche Mischung aus Witz, Unschuld und einer Spielfreude von magischen Qualitäten. Die Ankunft Ronaldinhos beim FC Barcelona 2003, die ersten paar Monate, die trunkene Begeisterung, die sich über die Stadt legte, sobald der Brasilianer aufs Feld lief – all das hat auch in der Nachbetrachtung nichts von der eigentümlich messianischen Aura verloren, die den fünfundzwanzigjährigen Brasilianer umgibt. Ronaldinho war für die Katalanen ein Geschenk des Himmels, und er ist es bis heute. (…) Der Brasilianer ist ein Symbol, um das sich ganz Katalonien schart.“

FR: Der Bremer Edelreservist Nelson Valdez darf heute gegen seinen Lieblingsklub Barcelona stürmen
FAZ: Valdez, Familienmensch aus Paraguay
BLZ: Für den Reifeprozess des Bremers Naldo ist die Champions League ein erster Meilenstein

Gute Freunde kann auch in Wien niemand trennen

Michael Smejkal (SZ 14.9.) durchleuchtet Wesen und Distinktion Rapid Wiens: „Kein anderes Team in Österreich hat Fanklubs in allen Bundesländern, kein anderes so große Bekanntheit im Ausland. Der 1899 gegründete SK Rapid hatte früh seine Rolle gefunden. Die aus dem Stadtrandbezirk Hütteldorf stammenden Grün-Weißen verkörperten – auch fußballerisch – schon immer die Arbeiterklasse. Während Austria Wien seine Wurzeln im großbürgerlichen Milieu hatte und Schriftsteller wie Kaffeehaus-Literaten zu seinen Fans zählen durfte, wurde im Westen Wiens Fußball traditionell als soziale Aufstiegshilfe begriffen. ‚Austria-Fan ist man nicht, man bleibt es trotzdem’, formulierte einst Friedrich Torberg feinsinnig – so viel Ironie ist den Rapidlern fremd. Die Rolle des Arbeiterklubs hat Rapid in die Gegenwart gerettet. Während Austria Wien oder Salzburg im Besitz der Milliardäre Frank Stronach und Dietrich Mateschitz stehen und jeweils das dreifache Budget der Grün-Weißen haben, gefällt sich Rapid in der Rolle des Klassenkämpfers, der jeden Cent zweimal umdrehen muss und trotzdem die Reichen ärgert. Soweit das Klischee. Konnten sich doch die Hütteldorfer stets auf gute solvente Freunde verlassen, nur kamen die halt nicht aus Hochfinanz oder Großbürgertum. (…) Gute Freunde kann auch in Wien niemand trennen, zumindest nicht so lange die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit regieren.“

BLZ: Bei Rapid Wien prägt der frühere Münchner Steffen Hofmann das Spiel
FR: Hofmann – Starkicker mit Kultpotenzial

FAZ-Interview mit Roy Makaay
Welt-Interview mit Felix Magath

Ball und Buchstabe

Zeichen einer neuen Geisteshaltung?

Der Historiker Nils Havemann hat im Auftrag des DFB eine Studie über den DFB in der NS-Zeit geschrieben; Matti Lieske (BLZ 14.9.) kommentiert die bisherige Geschichtspolitik des DFB: „Kein anderer Sportverband hat die braunen Flecken in seiner Historie so ausdauernd ignoriert wie der DFB, kaum ein anderer Verband hat in seiner Führungsspitze so hartnäckig eine nationalkonservative Ideologie gepflegt, die der Aufdeckung und Anerkennung von Verfehlungen in jener Epoche entgegen stand und alle diesbezüglichen Mahnungen in den Wind schlug. Da gab es den DFB-Präsidenten Peco Bauwens, der in seiner berüchtigten Rede nach dem WM-Gewinn 1954 von bestem Deutschtum und stolzen deutschen Fahnen schwärmte. Da gab es Hermann Neuberger, der 1978 in Argentinien den Wehrmachtsflieger und Neonazihelden Rudel ins Trainingslager der deutschen Mannschaft einlud und die Militärdiktatur lobte, die eine ‚Wende zum Besseren’ in Argentinien bewirkt habe. Und da war Gerhard Mayer-Vorfelder, der Schüler die erste Strophe des Deutschlandliedes singen lassen wollte und erklärte, dass ‚die Chaoten in Berlin, der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf schlimmer herumspringen als die SA jemals.’ Es ist zu hoffen, dass das überfällige Bekenntnis des Verbandes zu seiner Vergangenheit tatsächlich Zeichen einer neuen Geisteshaltung ist.“

Aufklärerisch

Erik Eggers (Tsp 14.9.) rezensiert: „Das überaus lesenswerte Buch beantwortet zwar nicht alle Fragen zum Fußball im Dritten Reich, die krude Geschichtspolitik des DFB nach 1945 und die personellen Kontinuitäten etwa werden nur angeschnitten. Womöglich wird es aber Debatten provozieren. Insofern wäre es im besten Sinne aufklärerisch.“

Ein Anfang

Folgt eine Götz-Aly-Debatte? Wolfgang Hettfleisch (FR 14.9.) nennt die Schwäche der Havemann-Studie: „Die große Stärke dieser aufwändigen Studie, der scharfe Blick für persönliche Zusammenhänge und biografische Details, offenbart das bemerkenswerte Interesse für das Individuum und die Motive seines Handelns zugleich deren größte Schwäche: Die rasch fortschreitende politische Durchdringung des Sports, der Prozess seiner formalen wie ideologischen Eroberung durch das Regime gerät über der dominanten Frage nach den persönlichen Motiven der DFB-Funktionäre zu einer Art Rahmenhandlung – kaum mehr als Beiwerk für die eindrucksvollen Charakterskizzen. Es ist immer aufschlussreich, aus der Geschichtsschreibung zu erfahren, warum jemand mutmaßlich so und nicht anders gehandelt hat. Aber es muss dabei doch das Ziel jedes Historikers bleiben, nach der weit umfassenderen Erkenntnis zu trachten, warum etwas so und nicht anders geschehen ist. Havemanns verdienstvolle Arbeit bildet deshalb hoffentlich einen neuen Anfang in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Rolle des DFB im Nationalsozialismus – und dient nicht der Verkündung von deren Ende.“

Gerd Herzog (BLZ/Feuilleton 14.9.) ergänzt: „Am Ende bleibt ein merkwürdiger Eindruck: Je mehr Havemann die Distanz der Funktionäre zur NS-Ideologie betont – sie also in dieser Hinsicht entlastet –, umso mehr zeichnet er das Bild eines DFB, der ohne Skrupel einzig und allein auf das Geschäft blickte. Es ist kein Bild, das Sympathien weckt.“

Thomas Kistner (SZ 14.9.) hofft auf eine Analyse des Sports in der DDR: „Vielversprechend ist, dass der DFB bei künftigen Veranstaltungen den Umgang des Sports mit seiner Geschichte nach 1945 beleuchten will. Das bezöge ja auch die jüngere Vergangenheit ein und müsste aktuelle Debatten kreieren, die sich die vereinigte Sportskameradschaft bisher nur unter erbittertem, konzertiertem Widerstand aufzwingen ließ: Stasi, Staatsdoping und andere beschämende deutsche Beiträge zur Körperkultur. Auch, weil die Zeit der Teilung nicht mit der unterm Hakenkreuz gleichzusetzen ist, wird hier der Wille zur wahrhaftigen Aufarbeitung leichter prüfbar sein.“

FAZ: Studie über NS-Zeit – der DFB stellt sich seinem finstersten Kapitel
SZ: späte Öffnung
Tsp: endlich ehrlich

Dienstag, 13. September 2005

Interview

Ich halte diesen Vertrag für politisch grenzwertig

Karl-Heinz Rummenigge mit Elisabeth Schlammerl (FAZ 13.9.)
FAZ: Sie haben großen Widerstand gegen den neuen Fernsehvertrag der Champions League angekündigt, dagegen, daß die deutschen Spiele von der nächsten Saison an ausschließlich live beim Pay-TV-Sender Premiere zu sehen sind.
KHR: Ich halte diesen Vertrag für politisch grenzwertig, wenn alle Rechte ins Pay-TV wandern, und außerdem ist die Höhe der Zahlung nicht so, daß man so einen Zirkus veranstalten muß. Bei einer Sitzung der Uefa habe ich meinem Ärger Luft gemacht und deutlich gesagt, daß wir in Zukunft in solche Entscheidungen eingebunden werden wollen, denn wir sind Mitinhaber dieser Rechte. Es wird wohl großzügig ein deutsches Spiel pro Klub in der Gruppenphase im Free-TV angeboten. Das ist immerhin ein erster Schritt. Ob es der letzte ist, muß man mal abwarten.
FAZ: Aber der FC Bayern fordert seit Jahren höhere Fernsehgelder, weil sich der Klub benachteiligt sieht im Vergleich zu Spanien, Frankreich, Italien oder England, wo viel höhere Summen gezahlt werden. Ist das nicht ein Widerspruch?
KHR: Man muß festhalten, daß die Summen in diesen Ländern deshalb höher sind, weil sie keine monopolistische Kultur haben. Aber es ist natürlich ein Witz, daß die französische Liga, die nicht unbedingt besser ist als die Bundesliga, das Doppelte bekommt. Trotzdem muß man diese Themen mit großer Sensibilität angehen und nicht mit dem Fallbeil.
FAZ: Gut möglich, daß auch bei der Vergabe der Bundesliga-Rechte Premiere den Zuschlag bekommt.
KHR: Natürlich müssen wir alle mehr Geld haben, um international im Transfermarkt wettbewerbsfähiger zu werden, aber es geht nicht allein ums Geld, es geht darum, den Wünschen der Fans gerecht zu werden. Ich bin felsenfest überzeugt, daß die DFL dieses Thema intelligenter und mit mehr Sensibilität behandelt als es die Uefa getan hat.
FAZ: Aber das Free-TV stößt offensichtlich an seine finanziellen Grenzen. Ist die Konsequenz also, sich doch mit weniger Geld zufriedenzugeben?
KHR: Natürlich will keiner mehr Geld zahlen, und wir wollen mehr Geld haben. Aber man darf nicht außer acht lassen, daß das Sponsoring in der Bundesliga aktuell wichtiger ist. Das Sponsoring bringt im Moment viel mehr Geld ein als die Fernsehrechte. Die gesamte Bundesliga ist daran interessiert, daß ihre Sponsorpartner weiter einem Millionenpublikum zugänglich gemacht werden. Wir werden kluge Entscheidungen fällen müssen, um uns bei diesem Spagat nicht zu verletzen.

Rummenigge versteht nicht, wie das Geschäft läuft

Lars-Christer Olsson, Uefa-Generaldirektor, mit Martin Henkel (Welt 13.9.)
Welt: Karl-Heinz-Rummenigge hat die Uefa nach der Vergabe der TV-Rechte für die Champions League 2006 bis 2009 an Premiere als Diktator bezeichnet. Ist das für Sie nachvollziehbar?
LCO: Persönlich getroffen hat mich das nicht. Aber nachvollziehbar? Nein.
Welt: Deutschlands Branchenkrösus befürchtet, daß Premiere die Bayern-Spiele dazu benutzen wird, mehr Kunden zu locken. Die Klubs dagegen büßen ohne Präsenz im Free-TV Sponsorengelder ein.
LCO: So funktioniert das seit Jahren auch schon in anderen Ländern. Und wenn ich mich korrekt erinnere, dann hat Bayern München vor Jahren schon darauf gedrängt, ihre Spiele nur noch im Pay-TV zeigen zu dürfen. Ich bezweifle, daß Bayern München daraus das Recht ableiten kann, mich zu kritisieren.
Welt: Können Sie Rummenigge verstehen?
LCO: Kann ich. Aber Bayern München verdient viel Geld durch die Champions League. Das ist ein Wettbewerb mit gleichberechtigten Teilnehmern, die alle auf die gleiche Art verdienen und ausgebeutet werden. Es kann nicht sein, daß ein Klub ausschert und meint, er brauche Sonderrechte.
Welt: Bayern befürchtet weniger Werbeeinnahmen.
LCO: Vielleicht ist das so. Aber alle Champions-League-Spiele werden in 227 Länder übertragen. Wie kann man sich besser weltweit präsentieren? Vielleicht verlieren sie einige Werbpartner in Deutschland, der Gewinn an Popularität im Ausland dagegen ist enorm und um einiges größer als im deutschen Binnenmarkt. Wir haben einen exklusiven Kreis an Werbepartnern, die sehr viel Geld bezahlen. Und dieser Kreis wächst und somit auch der Anteil der Bayern am Gewinn.
Welt: Rummenigge wirft der Uefa vor, sie hätte vor der Vergabe nicht mit dem Klub-Forum gesprochen.
LCO: Ich denke, Herr Rummenigge versteht nicht, wie das Geschäft läuft. Wir schreiben öffentlich aus, erhalten drei, vier Angebote und dann wird das beste ausgewählt. Wieso sollten wir jeden einzelnen um Erlaubnis fragen? Unsere Aufgabe besteht darin, soviel für die europäischen Klubs herauszuschlagen wie möglich. Also entscheiden wir uns für das gewinnbringendste Angebot.

Champions League

Aufforderung zur Plünderung

Vor dem Beginn – Philipp Selldorf (SZ 13.9.) blickt auf die Kleinen : „Wenn Außenseiter aus Randstaaten des europäischen Klubfußballs in die Champions League einziehen, ist das eine bunte Zugabe, markiert aber keinen Trend. Obwohl man gern dran glauben würde nach zwei Jahren, in denen Überraschungen das Bild bestimmten: Dass sich zuletzt Klubs wie der FC Porto, AS Monaco, PSV Eindhoven und FC Liverpool bis in die finale Phase des Wettbewerbs kämpften, lässt aber noch nicht auf eine Gesetzmäßigkeit schließen, und so kommen die Favoriten auch in diesem Jahr aus den traditionellen Hochburgen der starken Ligen. Zumal Europas Magnaten die Erfolge der Außenseiter als Aufforderung zur Plünderung aufgefasst haben. Portos Verlustliste seit dem Sieg 2004 umfasst die Namen von mehr als einem Dutzend Spitzenspielern.“

NZZ: Run auf Europas nobelste Fussballmarke – Meistercup geht in die Jubiläumssaison

Moderner, variabler, wettbewerbsorientierter

Richard Leipold (FAS 11.9.) kommentiert den Wandel Schalkes: „Schalke 04 – war das nicht immer der Klub der Malocher? Exzentriker hatten es in diesem Arbeiterverein oft schwer. Doch vor dem Wiedereintritt in die Champions League hat Schalke sich neu aufgestellt: moderner, variabler, wettbewerbsorientierter. Bei aller Tradition, die aus der längst vergangenen Epoche des Bergbaus übriggeblieben ist und weiter gepflegt wird: Die Königsblauen sind aufgebrochen in die neue Zeit; eine Zeit, die den Alten Furcht oder wenigstens Respekt einflößen mag, die aber Chancen birgt für den Revierklub, der beabsichtigt, auch international die wichtigste Größe nach dem deutschen Branchenführer Bayern München zu werden. (…) Die Globalisierung des Fußball-Wettbewerbs hat Schalke zum Umdenken veranlaßt.“

Am Ziel

Der Tagesspiegel (13.9.) befasst sich mit dem Professor aus Ulm: „Als Ralf Rangnick vor einigen Jahren beim SSV Ulm arbeitete, ahnten manche Fachleute schon, wohin sein Weg führen würde: nach oben, sogar sehr weit nach oben. Der bis dahin unbekannte Dozent hatte Ulm von der dritten in die zweite Liga geführt, sein Wissen und sein Auftreten verschafften dem jungen Trainer alsbald den Ruf eines Fußball-Professors. Beim VfB Stuttgart und bei Hannover 96 lernte Rangnick den Umgang mit schwierigen Charakteren wie Balakow oder Krupnikovic hinzu. Inzwischen lässt der 47 Jahre alte Taktiker in einer Liga spielen, die zumindest seinem Intellekt angemessen erscheint. Rangnick ist am Ziel. (…) Rangnick wird in Schalke zumindest respektiert.“

FR: Wenn Schalke 04 heute in der Champions League beim PSV Eindhoven antritt, soll der Grundstein für eine sorgenfreie Zukunft gelegt werden

Welt: Regelmäßig verliert Eindhoven seine Stars und muß sich neu finden
FAZ: Guus Hiddink, Trainer des PSV Eindhoven und Austrailiens

Sonnenkönig

Martin Henkel (WamS 11.9.) schildert die Hybris des FC Barcelona: „Seit einigen Wochen, spotten Kritiker, leide der mit 130 000 ‚socios’ mitgliederstärkste Fußballklub an Megalomanie: Größenwahn. Erste Anzeichen dieser psychischen Störung zeigten sich Mitte Juli in Bosnien-Herzegowina. Eine Delegation unter Führung des Klubpräsidenten Joan Laporta reiste aus kaum verhohlenen Gründen der Markterschließung für ihre Merchandising-Produkte nach Sarajevo, Hadzici und Mostar. Auf die Frage eines Journalisten, was die Abordnung eines Fußballklubs in der ehemaligen Bürgerkriegsregion zu suchen habe, antwortete der 43 Jahre alte Anwalt wie ein Politiker auf Staatsbesuch: ‚Durch unsere Anwesenheit haben wir die internationale Gemeinschaft daran erinnert, daß hier ein Krieg stattgefunden hat und die Menschen immer noch an den Folgen leiden.’ So geht das nun schon eine ganze Weile. Laporta, der den Klub vor knapp 24 Monaten nach fünf Jahren Erfolglosigkeit von dem selbstherrlichen Hotelier Joan Gaspart übernommen hat, geriert sich zunehmend selbst als Sonnenkönig. (…) Alles Große an diesem Verein, der wie kein zweiter das Selbstverständnis einer ganzen Region repräsentiert, ist Laporta noch nicht groß genug.“

NZZ: Rapid Wien, von Hütteldorf in die Champions League
WamS: Ex-Bayer Steffen Hofmann macht Karriere bei Rapid und wird zum WM-Kandidaten

NZZ: das schwere Erbe Trapattonis in Benfica

NZZ: FC Thun stösst in der Champions League auch organisatorisch an seine Grenzen

Tsp: Ailton hat bei Besiktas Istanbul Großes angekündigt, doch inzwischen entwickelt er sich zum Problemfall

FR: Beim BVB ist noch unklar, wie die Mannschaft mit dem neuen Gehaltsgefüge in der Zukunft aussehen wird

NZZ: Ende der Spassgesellschaft in Mainz?

FR: Marko Pantelic (Hertha BSC Berlin) – geläuterter Siegertyp oder dubioser Sturkopf?

Ball und Buchstabe

Chance vergeben

Martin Hampel (FR/Medien 13.9.) hatte sich von der Beckenbauer-Gala erhellenderes erhofft: „Nichts war zu sehen oder zu hören, das nicht schon längst im kulturellen Gedächtnis der Bundesbürger verankert wäre. Das ist schade. Denn mit dem Geld, den Recherchen und dem Aufwand, den das ZDF betrieben hat, um Beckenbauer zuzujubeln, hätte man vermutlich auch Aspekte ausleuchten können, die noch nicht zum Allgemeinwissen gehören. Es ist die Chance vergeben worden, eine Sendung über einen Mann zu machen, dem es auf natürlich-joviale Art gelungen ist, die Medienwelt gleichzuschalten, so dass ihm der Boulevard noch für den Ehebruch bei der Weihnachtsfeier anerkennend auf die Schulter klopft. Dass das so ist, dafür sorgen freilich wohlwollende Sendungen wie die am Sonntag.“

André Mielke (BLZ/Media 13.9.) fügt hinzu: „Der Franz, der ist Volkseigentum. Der kann nicht gut Nein sagen, ob zu Tütensuppenwerbung, grottenschlechten Schlagern oder öden Galas. Und der braucht sich nicht zu wundern, dass so eine Sendung zu Stande kommt.“

Zwei Rezensionen zu Moritz Eggerts‘ Fußball-Oratorium

FAZ
SZ

Montag, 12. September 2005

Ball und Buchstabe

Wahlgeschenke

Fußballfan und Spin Doctor Peter Richter (FAS/Feuilleton 11.9.) empfiehlt der SPD: „Wenn die Roten in der Herbert-Wehner-Stadt Dresden mal wieder richtig punkten wollen, dann wären jetzt ein paar ganz massive Wahlgeschenke fällig. Und angesichts eines Spitzenkandidaten, der so gern Fotos von sich machen läßt, auf denen er Fußbälle in die Kamera schießt und dabei ein Gesicht macht, als hieße der Kameramann Bush oder Merkel, wüßte ich auch welche: Es kann zum Beispiel einfach nicht sein, daß ein so traditions- und ruhmreicher Verein wie Dynamo Dresden, der erst vorgestern den TSV 1860 München vor der beeindruckenden Kulisse der neuen Allianz-Arena und gegen den Widerstand ossifeindlicher Schiedsrichter so bravourös wie auch gnadenlos in die Schranken verwiesen hat, daß so ein Hammerverein also zu Hause in einer absoluten Bruchbude antreten muß. Schröder muß die Nachwahlzeit nutzen und Dresden endlich das Stadion schenken, das es verdient: groß, teuer und sofort. Und Sportminister Schily müßte dann natürlich auch ein paar WM-Spiele nach Dresden verlegen. Und zwar am besten aus der fußballerisch absurd irrelevanten Nachbar- wenn nicht sogar Vorstadt Leipzig, wo die SPD ihre Stimmen ja ohnehin sicher hat.“

Bundesliga

Aufgesetzt?

Hohn für Mainz 05 – Thomas Kilchenstein (FR 12.9.) vermutet dahinter Kleingeisterei: „Es gibt einige Leute in der Fußballszene, die Schadenfreude über den Fehlstart des FSV Mainz 05 nicht verhehlen können. Das ist interessant, weil den Mainzern im vergangenen Jahr die Herzen der Fans zugeflogen sind. (…) Warum jetzt der Gesinnungswechsel? Ist es das – angeblich – typisch deutsche Element, neidisch auf die Strahlenden zu sein? Ist es diese seltsame Lust am Einreißen von Denkmälern, dem Kleinmachen von Erfolgreichen, vielleicht auch dem Widerstand gegenüber allem Neuen? Oder nervt die permanente Schönfärberei? Ähnlich liegt der Fall übrigens ja auch beim Nationalmannschafts-Reformer Jürgen Klinsmann, der mit seiner ständigen Lobpreisung, selbst nach üblem Gekicke, die Grenze des Erträglichen, sagen wir, bisweilen streift. Jürgen Klopp und Mainz 05 könnten Gefahr laufen, unglaubwürdig und aufgesetzt zu wirken. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge: die eigenen Farben gut zu verkaufen und dabei die Wirklichkeit nicht auszublenden.“

Asterix-Instinkt

Stefan Hermanns (Tsp 12.9.) überraschen die Mainzer Niederlagen nicht: „Es ist der normale Zyklus, der einen Aufsteiger zunächst weit nach oben trägt, im zweiten Jahr aber auch wieder zurück zu den Ursprüngen führt. Diese Entwicklung ist kein Hexenwerk; sie resultiert aus einem nur allzu menschlichen Verhalten. Dass die Mainzer in der vorigen Saison als natürliche Absteiger galten, hat ihren Asterix-Instinkt geweckt. Sie liefen und kämpften, und sie behaupteten sich gegen übermächtige Gegner.“

Stets latent vorhandene Bayern-Arroganz

Elisabeth Schlammerl (FAZ 12.9.) schreibt über das 2:1 der Bayern in Nürnberg: „Die Bayern vermitteln das Gefühl, in der Bundesliga nicht richtig gefordert zu sein. Der Start der Champions League kommt da gerade recht. Aber anders als in den vergangenen Jahren, als die Bayern oft so ihre liebe Mühe in der Liga hatten, wenn ein internationaler Auftritt bevorstand, scheinen sie im Moment mit der Konzentration auf mehrere Wettbewerbe noch keine Schwierigkeiten zu haben. (…) Die Bayern jagen sich derzeit gerade selbst, und es sieht beinahe so aus, als ob sie sich auch nur selbst stoppen können. Wenn die Selbstgewißheit zu groß wird, kommt gerne Leichtsinn ins Spiel. Wenn Rummenigge nach 4 von 34 Spieltagen schon verkündet, „wir werden uns nicht mehr einholen lassen“, ist das nicht nur Ausdruck großen Selbstbewußtseins, sondern eben auch der stets latent vorhandenen Bayern-Arroganz, die manchmal sehr offensichtlich wird.“

Man findet halt immer Argumente für die eigene Wahrheit

Frank Heike (FAZ 12.9.) hört Ewald Lienen nach dem 2:0 über Frankfurt zu: „Gelöst und zu Späßen aufgelegt war Lienen. Er hatte Argumente für seine sehr vorsichtige Spielweise gesehen: vier Großchancen nämlich, die aber vergeben wurden. So unattraktiv sei seine Art des Fußballs also gar nicht, schloß Lienen daraus. Nun ja. Gegen einen mäßigen Gegner wie Frankfurt wäre ein wenig mehr Mut schön gewesen. Doch Lienen erwartet vor allem linientreue Defensivarbeit von seinen Profis; vor allem auch von den Stürmern, die darüber öfter mal klagen. Weil Frankfurt einige wirklich gute Möglichkeiten zum Tor hatte, sah sich der Trainer darin bestätigt, das Defensivkonzept weiter zu verfeinern – man findet halt immer Argumente für die eigene Wahrheit.“

Neue Dimension von Fehlern

1:1 zischen Leverkusen und Schalke – Christoph Biermann (SZ 12.9.) hat immer einen Vergleich aus der Fußball-Geschichte parat: „Auch als Meister des kleinen Fehlers ist Frank de Boer in Holland zum Rekordnationalspieler geworden. Be Boertjes nannte man die kleinen Unachtsamkeiten des Verteidigers, die stets aus einer Mischung von zu viel Selbstvertrauen und zu wenig Konzentration entstanden. Als de Boer seine Karriere beendete, zeigte das Fernsehen die Sammlung seiner hübschesten Patzer. Auch bei Schalkes serbischem Nationalspieler Mladen Krstajic könnte man bald ein Band ähnlicher Aussetzer zusammenschneiden. Bei ihm gibt es ein ähnliches Phänomen zu beobachten, das man entsprechend Krstajicsche nennen könnte. Der Innenverteidiger erlaubt sich mit Regelmäßigkeit haarsträubende Aussetzer, die eher Überheblichkeit als fehlender Klasse entspringen. In Leverkusen jedoch stieß er eine neue Dimension vor und produzierte Krstajicsche für so viele Wochen im voraus, dass es fast beängstigend war.“

Rolleninterpretationsproblematik

Bernd Müllender (FTD 12.9.) amüsiert sich über den Soziologenjargon Ralf Rangnicks und das Herberger-Deutsch Klaus Augenthalers: „Beide temporären Erscheinungen auf der Trainerbank zeigten sich des Spitzentreffens verbal würdig. Rangnick, manchmal ‚Fußball-Professor’ genannt, sprach seiner Elf schwer soziologisch ‚ein Problem in der Interpretation von Rollen’ zu. Und Kollege Augenthaler, der niederbayerische Analytiker, ist auf dem Weg zum Herberger-Wiedergänger: ‚Fußball ist ein Kampfsport. Er ist nur schön, wenn du nachher richtig ausgepumpt in der Kabine sitzt und einen Verband brauchst.’ Die letzten seiner Elf kamen erst über eine Stunde nach Spielschluss aus dem ‚medizinischen Bereich’ geschlurft. Da hatte Rangnick schon den halben Weg ins 180 Kilometer entfernte Eindhoven hinter sich, wo Gegner PSV im ersten Champions-League-Spiel wartet. International, das wissen alle Fußballer, wird Fahrlässigkeit in der Rolleninterpretationsproblematik schnell bestraft.“

Stoccarda und Trapattoni – ein großes Mißverständnis?

1:1 gegen Bielefeld – Roland Zorn (FAZ 12.9.) nimmt Stuttgarts Trainer hoch: „Die Hände des Maestros wirbelten durch die schwüle Stuttgarter Spätsommerluft, als müßte Giovanni Trapattoni gleichzeitig drei große Orchester und dazu noch die Fischer-Chöre dirigieren. Dazu brüllte der 66 Jahre alte Altmeister unter den großen Fußballehrern seinen Spielern unentwegt Rückzugsbefehle zu. Vergeblich. Die trapattonischen Worte des silbrigen Trainers voller Leidenschaft verhallten, und auch die Zeichensprache des Platzanweisers verstanden dessen Schutzbefohlene nicht zu deuten. Und so kam, was kommen mußte: Trapattonis Mannschaft verspielte die Führung. Es war also wieder nichts mit dem ersten Saisonsieg für den vom Titelmitbewerber zum Mitläufer der Bundesliga geschrumpften VfB. 34 000 Zuschauer schmollten ihrem Team, während Trapattoni schäumte und in seiner deutsch-italienischen Wutrede danach aufpassen mußte, daß ihm kein Rückfall in die ‚Was erlauben Struuunz’-Ära widerfuhr. (…) Stoccarda und Trapattoni – hoffentlich wird diese Beziehung nicht zu einem großen Mißverständnis.“

Oliver Trust (Tsp 12.9.) ergänzt: „Es ist wirklich schwer, ihn zu verstehen, und das hätten sie auch in Stuttgart wissen können. Um besser mit dem Weltmann Trapattoni kommunizieren zu können, nimmt VfB-Präsident Erwin Staudt seit Wochen intensiv Italienischunterricht. Staudt verteidigt die Verpflichtung des Trainers, und der Aufsichtsrat war ebenfalls davon angetan, einen Mann zu holen, der 21 Titel gewann. Diese Zahl nennt Trapattoni immer wieder, wenn er mehr Respekt einfordert. In seinen Vorträgen ist nur noch wenig vom Charme geblieben, mit dem er bei Dienstbeginn im Juli das Publikum becircte. Trapattoni schaut finster drein, während die Zahl derer wächst, die glauben, dass die Sache nicht mehr lange gut geht.“

FR: Kaiserslautern ist kein Gegner für beschwingte Bremer

Bildstrecke vom 4. Spieltag, sueddeutsche.de

Fußball in Europa: Torschützen und Tabellen, NZZ

Sonntag, 11. September 2005

Allgemein

Freier Mann

Sehr lesenswert! Edo Reents (FAZ/Feuilleton 10.9.) schildert das Singuläre Franz Beckenbauers im deutschen Fußball und in den deutschen Siebzigern: „Beckenbauer wirkte mit seiner aufrechten Körperhaltung, der liebevollen, im besten Sinne spielerischen Ballbehandlung wie entmaterialisiert, nach eigenen Gesetzen auch abseits vom Platz handelnd: denen des freien Mannes. In der Position des Liberos, die er recht eigentlich schuf, verdichteten sich Sehnsüchte, die das Land der Opel Asconas und Ford Capris sonst nur schwer einzulösen vermochte. Es mag eine nationale Eigenheit sein, daß man in Deutschland auf diesen Posten so viel Wert legte wie in keinem anderen Land; aber es war eben Beckenbauer, der ihn auf eine, so zumindest will es uns heute scheinen, idealtypische Weise ausfüllte und die eindeutig besitzstandswahrende Funktion, die damit verbunden war, sprengte. (…) Der sozialliberalen Ära, in der Beckenbauer groß wurde, war dessen anstrengungslose Beweglichkeit zunächst nichts grundsätzlich Fremdes; Willy Brandts Wort ‚mehr Demokratie wagen’ ging ja in diese Richtung. Um so erstaunlicher, daß der Fußballer sich von Politik so fernhielt und den Kanzler, mit dem gerade der Aufbruch verbunden war, den er fußballerisch verkörperte, einmal als eine Art nationales Unglück bezeichnet hat. Daß man ihm diese rustikale, um nicht zu sagen: dumme Äußerung wie viele andere durchgehen ließ und schnell wieder vergaß, ist im Grunde nicht zu begreifen. Nur mit der Außergewöhnlichkeit und Konstanz seiner fußballerischen Leistungen ist es zu erklären, daß alles, was er als nicht mehr Aktiver sagt, wie eine päpstliche Enzyklika aufgenommen wird. Wie bei vielen charismatischen Menschen, so käme auch bei ihm niemand auf die Idee, nach seiner Intelligenz zu fragen.“

Der deutsche Beatle

Sehr lesenswert! Thomas Hüetlin (Spiegel 12.9.) beschreibt die Phantasie der Deutschen, die Beckenbauer belebte, und die Lücke, die er schloss: „Männer, junge und alte, gingen anders, wenn sie Beckenbauer hatten spielen gesehen, ein wenig lockerer in der Hüfte zumindest, den Rücken ein Stück aufrechter, eine Zukunft für sich ahnend, die vielleicht nur sie selbst kannten, aber nun glaubten, verfolgen zu dürfen. Der Libero aus Giesing machte die Deutschen ein Stück mutiger, individueller, freier. Jemanden wie die Beatles hatte es in Deutschland nie gegeben. Beckenbauer, der mit Abstand größte Star der mit Abstand größten deutschen Leidenschaft, des Fußballs, war genau dies: ein überlebensgroßes Idol, das die Kraft hatte, die Art wie die Leute, die sich selbst und die Welt sahen zu ändern und sie zum Träumen zu bringen. Beckenbauer war der deutsche Beatle. (…) Trotz aller Leistungen ist Beckenbauer viel kritisiert worden in den vergangenen Jahren. Wildfremde Leute beschimpften ihn, weil er in Kitzbühel wohnt und dort seine Steuern zahlt; sie kritisieren ihn, weil er für zwei Mobil-Telefongesellschaften gleichzeitig wirbt und manchmal merkwürdige Sachen fordert, wie zum Beispiel, dass Terroristen das Olympiastadion wegsprengen sollen, damit der FC Bayern endlich seine eigene Arena kriegt. Manchmal kommt es einem so vor, als sei diese Art Kritik nichts anderes als eine Fortsetzung der deutschen Depression und des lähmenden Kleinmuts, mit dem sich ein ganzes Volk selbst fesselt. Wenn der Name des berühmtesten Deutschen, des deutschen Beatle in einem anderen Land fällt, in Brasilien, in Italien, in Kamerun oder in Chile, dann ist es so, als ob ein Sonnenstrahl die Gesichter streift.“

Er steht zu seinen Schwächen

Jörg Hanau (FR 10.9.) verweist auf Beckenbauers Rückendeckung durch die Bild-Zeitung: „Seine Omnipräsenz ist so erschreckend wie faszinierend. Der Aufstieg des eleganten Kickers zum honorigen Manager und zur Werbe-Ikone ist eng verbunden mit dem Schulterschluss mit der auflagenstärksten Boulevard-Zeitung des Landes. Ein Pfund, mit dem sich in den vergangenen vier Jahrzehnten trefflich wuchern ließ. ‚Er hat alles gemacht, was ein Deutscher nicht machen darf’, sagt Paul Breitner: ‚Sich scheiden lassen, die Kinder verlassen, mit der Freundin abhauen, Steuerschulden, die Freundin wieder verlassen.’ Geschadet hat es seinem guten Ruf nie. Im Gegenteil. Beckenbauers Interpretation des Liberos, des freien Mannes, scheint anzukommen. Er steht zu seinen Schwächen – und redet. Manchmal auch zu viel.“

Der Ball ist der Ball, und wenn man ihn hat, dann muss er auch wieder weg

Sehr lesenswert! Benjamin Henrichs (SZ 10.9.) lenkt den Blick auf den Fußballer: „In Beckenbauers Fußballkunst gab es kein teutonisches Rumpeln, aber eben auch nicht die brasilianischen Zaubereien und Räusche. Er ist der vielleicht erste Fußballer, der das klassische Paar ‚Genie und Wahnsinn’ ausgewechselt hat gegen das Tandem ‚Genie und Ökonomie’. Niemals hat er uns seine Virtuosität stolz und eitel vorgeführt, er hat sie einfach zu seinen Zwecken benutzt. Er war ein deutscher Schönspieler, der alle deutschen Ressentiments gegen den Schönspieler lässig vernichtete, weil er das Schöne fast immer mit dem Nützlichen und Sinnvollen verband. Er war der rare Fall eines Genies, das den Absturz ins Bodenlose nicht fürchtet. Das immer von Hochmut und Heiterkeit geschützt zu sein schien und also immer in Sicherheit war vor der Umnachtung. Der Ball ist kein Feind, der Ball ist kein Lustobjekt. Der Ball ist der Ball, und wenn man ihn hat, dann muss er auch wieder weg – und je schneller, desto besser. Das klingt schlicht, aber so, wie man die größten Dichter oft an den einfachsten Sätzen erkennt, so hat Beckenbauer oftmals bewiesen, dass die einfachsten Spielzüge die schönsten sind. Man muss sie bloß sehen! (…) Längst betrachten die Deutschen ihren Beckenbauer mit den Augen des Verliebten: Wir sehen nur, was wir sehen wollen, und wir vergessen schnell alles, was nicht zur Legende passt. Was immer also Beckenbauer tut, wir finden es gut.“

FAZ: Magier unter der Sonne

WamS: Wie Beckenbauer wirklich zu seinem Beinamen kam

SZ-Interview mit Georg Schwarzenbeck
SZ-Gespräch mit Marketing-Experte Ronald Focken über Glaubwürdigkeit, Verona Feldbusch und Beckenbauers Wirkung auf die Frauenwelt

Bildstrecke, sueddeutsche.de faz.net

Zitate von und über Beckenbauer, NZZ

Samstag, 10. September 2005

Bundesliga

Einzug moderner Zeiten

Oliver Trust (FAZ 10.9.) kommentiert den Einstand Michael Henkes in Kaiserslautern: „Selbst die FCK-Anhänger akzeptieren den Mann, der über Jahre so prächtig zum Feindbild taugte, weil er das Vereinsjackett des FC Bayern München trug. Wie sehr sich der Lehrer für Sport und Geographie außer Dienst um sein neues Image müht, zeigte sich nach dem 5:3 über den MSV Duisburg: Der manchmal trocken wirkende Fußballtrainer klatschte enthusiastisch die Reihe der Rollstuhlfahrer im Fritz-Walter-Stadion ab und erklomm wagemutig den Zaun vor der Fankurve, um auf eine Trommel einzuhauen. Viel mehr als öffentliche Darstellung aber brachte er die Erfahrung ‚einer Ausbildung ein, die nicht besser hätte sein können’ (Henke). Manches erinnert an den Einzug moderner Zeiten in einer Region, die sich Fortschritt und Innovation im Fußball bisher weitgehend verschloß.“

FR-Interview mit Henke

Tsp-Interview mit Gerald Asamoah

FR: wie mühsam Ewald Lienen beim Gernegroß Hannover 96 den Ball flach halten muss

BLZ: Die Verpflichtung des Brasilianers Rafinha belegt, mit welchem Risiko der FC Schalke 04 an der Spielerbörse spekuliert

FAZ: in Nürnberg geht es nur langsam voran

BLZ: Dauerstreit über Dopingstrafen – in Marrakesch stimmt die Fifa über den Wada-Code ab
Welt: Fifa lehnt Regelstrafen der Antidopingagentur Wada ab und beharrt auf Sonderweg; Otto Schily will schlichten

Welt-Interview mit Günter Beckstein über die Sicherheit bei der WM 2006

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