Freitag, 9. September 2005
Internationaler Fußball
Kühler Fremdkörper
Nach dem 0:1 in Nordirland – Christian Eichler (FAZ 9.9.) schildert die Isolation Sven-Göran Erikssons: „Trotz der immer noch günstigen Ausgangslage machte sich nach dem Trauerspiel eine altvertraute Stimmung aus Wut, Defätismus und böser Selbstironie breit: Ist Englands Fußball wieder einmal nur zu blöd zum Siegen? Als Eriksson 2001 den Job übernahm, führte er mit dem epochalen 5:1-Sieg in Deutschland die Engländer aus dem Abseits noch zur WM. Der emotionale Widerstand gegen den ersten Ausländer im höchsten Amt des Fußball-Mutterlandes schien zu schwinden. Doch Eriksson blieb wie ein kühler Fremdkörper im englischen Spiel der Leidenschaft, zeigte zu wenig Herz, um den Fans ans Herz zu wachsen – trotz 21 WM- und EM-Qualifikationsspielen ohne Niederlage. Im 22. nun die erste unter seiner Regie: Sie reicht, um den bestbezahlten Nationaltrainer der Welt in akute Abstiegsgefahr zu bringen.“
Ur-Vorwurf
Raphael Honigstein (FR 9.9.) fügt hinzu: „Schwerwiegender als die mangelnde Spielordnung wiegt für die Engländer, dass die Mannschaft zum wiederholten Male jegliche Einsatzbereitschaft und Standhaftigkeit vermissen ließ. Der Ur-Vorwurf an Eriksson – die Spieler hätten vor lauter Taktik und anderem neumodischen Krimskrams die gute alte Kriegermentalität vergessen – hat wieder Hochkonjunktur.“
Bildstrecke Nordirland-England, faz.net
Frei vom Erbe des zerfallenen Jugoslawiens
Nach dem 1:1 in Spanien – Ronald Reng (SZ 9.9.) stellt fest, dass Serbien/Montenegro gereift ist: „Serbiens Spiele im Ausland sind Zusammenkünfte einer Nation von Auswanderern. In ihrem Quartier in Madrid war drei Tage lang ein Kommen und Gehen, mit dem Cocktail-Empfang des Botschafters als bizarrem Höhepunkt. In der Mitte des Saals hielten Würdenträger eine Rede nach der anderen und erhoben enthusiastisch die Gläser. Hinten saß aufgereiht, stumm und ohne etwas zu trinken zu bekommen, die Nationalelf. In solchen Momenten scheint Serbien noch immer Jugoslawien zu sein. Die Leidenschaft für große Worte, die Begeisterung für stundenlange Kaffeegespräche, haben überlebt. Tatsächlich aber ist dies, sechs Jahre nach Ende des Krieges, die erste serbische Nationalelf, die frei ist vom Erbe des zerfallenen Staates. (…) Vier Jahre hat die serbische Auswahl gebraucht für den Übergang vom nostalgischen Überbleibsel zu einer Mannschaft, die sich in ihrer Rolle als geschrumpfte Fußballnation zurechtfindet. Eine Fußballelf muss nichts Außergewöhnliches können; ihr muss nur klar sein, was sie kann.“
NZZ: das Für und Wider des frenetischen Fussballpublikums in Dublin
Tsp: Ronaldo war der Star der vergangenen WM – doch Brasilien verehrt inzwischen seine jungen Rivalen
Deutsche Elf
Auf großes Vertrauen kann sich Klinsmann nicht stützen
Nach dem 4:2 gegen Südafrika – Michael Horeni (FAZ 9.9.) befasst sich mit deutscher Abwehrschwäche und Jürgen Klinsmanns Status: „Jugend ist kein Wert an sich, und mit jedem weiteren mit defensiven Macken behafteten Testländerspiel wird es für Klinsmann schwieriger, das Fußball-Land davon zu überzeugen, daß der Lernprozeß der jungen Spieler bis zur Weltmeisterschaft entscheidende Sicherheitsfortschritte macht. (…) Man wird sich wohl daran gewöhnen müssen, daß es zur Grundübung des deutschen Fußballfans gehören wird, bei jedem schnellen Angriff eines deutschen Gegners den Atem anzuhalten. Der Sieg hat dem Bundestrainer nach dem starken öffentlichen Druck gleichwohl mehr Spielraum gegeben für seinen eigenwilligen Weg der Kaderfindung. Aber auf großes, gar auf restloses Vertrauen kann sich Klinsmann nicht stützen. Keine einzige kraftvolle Stimme aus dem deutschen Fußball hat sich nach der Niederlage in Bratislava und der heftigen Kritik erhoben, um ihn in seinem Kurs zu stützen, im Gegenteil. Die öffentliche Verteidigungsarbeit mußten Oliver Bierhoff und Joachim Löw übernehmen. Die Erfahrungen der vergangenen Tage dürften Klinsmanns Haltung, nur sich selbst und seinem engsten Zirkel zu vertrauen, weiter verstärken.“
Beleidigt
Philipp Selldorf (SZ 9.9.) schaut zurück: „Souverän war das nicht, wie empfindlich beleidigt Klinsmann auf die Reaktionen nach dem Slowakei-Spiel reagierte. Dass ihn schon ein solches Kritikerstürmchen zu heftigen Grundsatzbeschwerden animierte, ist beunruhigend: Wie soll das erst werden, wenn es wirklich hysterisch wird und die Gurus in Stellung gehen?“
Die Fragen werden konkreter
Andreas Lesch (FTD 9.9.) stört sich an der rosa Klinsmann-Rhetorik und verweist auf die Niederlage in der Slowakei: „Klinsmann hat nach dem befreienden Erfolg seine liebste Rolle wiederentdeckt. Er durfte endlich wieder mehr Projektmanager als Bundestrainer sein; er konnte sich als Visionär präsentieren, der für das große Ganze zuständig ist, der den Titelgewinn bei der WM im Blick hat und nicht das mühselige alltägliche Klein-Klein. Er konnte über seine Ziele bei der WM dozieren und musste sich nicht mit der Frage herumärgern, ob Oliver Kahn der bessere Torwart ist, oder nicht doch Jens Lehmann. Klinsmanns Gerede vom Projekt WM-Gewinn ist so plötzlich wieder aufgetaucht, als habe es Urlaub in einem Paralleluniversum gemacht – und dann überraschend die vorzeitige Rückreise gebucht. Der Bundestrainer gluckste fast so glücklich wie beim Confederations Cup. Er trat auf, als habe es die Blamagen in Rotterdam und Bratislava nie gegeben. Als wolle er fragen: War was? Aber so wolkenlos wie bei dem frühsommerlichen Testturnier lebt es sich in Klinsmanns Welt nicht mehr. Er kann nicht länger vage bleiben. Je näher die WM rückt, desto konkreter werden die Fragen, die das Publikum ihm stellt.“
Unglaubwürdig
Jan Christian Müller (FR 9.9.) ergänzt: „Man kann angesichts der sich erstmalig unter dem Reformer anbahnenden Klein-Krise ja verstehen, dass Klinsmann wieder seine ‚Alles-ist-toll’-Rhetorik verbreitete. Ärgerlich wird es jedoch, wenn der Bundestrainer einer Hundertschaft Berichterstattern, fast 30 000 Augenzeugen im Stadion und mehreren Millionen Menschen vor den Fernsehern hinterher unterjubeln will, er sei ‚sehr zufrieden’ mit der Körpersprache nach dem südafrikanischen Ausgleich gewesen, seine Mannschaft habe in dieser Phase ‚Geduld’ bewiesen. Man fragt sich, ob Klinsmann tatsächlich eine derart selektive Wahrnehmung hat oder ob er bewusst versucht, die Wahrnehmung der Medien zu manipulieren. Den kollektiven Schockzustand nach dem erfolgreichen Strafstoß der Südafrikaner, als die deutsche Mannschaft plötzlich völlig den Faden verlor, als ‚Geduld’ zu loben, ist mindestens verwegen, eher gar lächerlich. Klinsmann macht sich damit unglaubwürdig.“
Herr Klinsmann muss begreifen, dass er die Medien nicht beeinflussen kann
Berries Boßmann, Redakteur der Sport Bild, sagt in einem Hintergrundgespräch (Juli 2005) mit dem indirekten freistoss: „Jürgen Klinsmann redet schwache Leistungen gut. Durch Schönrednerei und Widersprüche hat er unter Journalisten an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Herr Klinsmann muss begreifen, dass er die Medien nicht beeinflussen kann.“ Mehr über die Bewertung von Klinsmanns Kommunikation durch Journalisten u.v.m. lesen Sie in der freistoss-Presseanalyse „Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch“, die Sie hier kostenlos bestellen können.
Mittelpunkt eines soziologischen Diskurses
Um Lukas Podolskis Leistung zu würdigen, zitiert Philipp Selldorf (SZ 9.9.) den neidvollen Trainer des Gegners: „Stuart Baxter hatte sich während der Partie einige interessante Gedanken gemacht, etwa über Lukas Podolski, was wiederum nahe liegt, denn dessen drei Tore haben wesentlich dazu beigetragen, dass Baxter noch mehr die Entlassung befürchten muss. Baxter fing an, Podolski in den Mittelpunkt eines soziologischen Diskurses über die Unterschiede der europäischen und afrikanischen Fußballkultur zu stellen. Er erörterte, dass die Spieler in Südafrika nur in dringenden Fällen aufs Tor schießen, weil die Tore auf den Bolzplätzen der Townships keine Netze haben und der Ball deswegen kilometerweit durch die meist hügelige Stadtlandschaft davonspringt. Ihr Fußballspiel erfüllt sich also in langen Ballpassagen. ‚Podolski schießt nach ein, zwei Kontakten aufs Tor. Das kennen meine Spieler nicht’, sagte Baxter, ‚ihr Spiel ist viel komplizierter – wie das ganze Leben in Afrika.’“
FAZ: Podolski-Gala
FR: Deutschland im Poldi-Fieber
FAZ: die deutsche Abwehr in der Einzelkritik
Bildstrecke vom Spiel, faz.net
TV-Tipp: Arte-Themenabend Franz Beckenbauer, Tsp
Donnerstag, 8. September 2005
Ball und Buchstabe
Torwartjäger
Ein Torwart der Nummer 9 – eine Frechheit, empört sich das Streiflicht (SZ 8.9.): „Es überrascht nicht, dass Jens Lehmann, der sehr geschickt darin ist, das Falsche zu sagen und zu tun, auch diesmal danebengelangt hat. Die 9 ist die Nummer der Stürmer. Die ewig angreifenden, bombenden, vollstreckenden Torjäger sind die natürlichen Feinde des ewig abwehrenden Torwarts, und sich als Torwart wie ein Stürmer anzuziehen ist so, als würde sich ein Hase ein Fuchsfell überstülpen und damit die ohnehin gespannte Beziehung zwischen Hase und Fuchs zusätzlich belasten. Die Stürmer schießen längst zurück. ‚Schade, dass immer mehr mit Traditionen im Fußball gebrochen wird’, klagt Uwe Seeler, Nummer 9. ‚Die 9 gehört nun mal einem Torjäger’, schimpft Dieter Hoeneß, Nummer 9. ‚Die Beleidigung lassen wir uns nicht gefallen’, wütet, in der Bild-Zeitung, Hans Krankl, Österreichs wahre Nummer 9 und derzeit Nationaltrainer. Gerade ist er mit seiner Mannschaft in Aserbaidschan, aber Aserbaidschan ist nicht weit. Schon morgen um 9 wird er zurück sein und, wie er sagt, ‚die großen Helden des Weltfußballs organisieren’, gegen Jens Lehmann. Die großen Helden des Weltfußballs werden mit ihm nicht zimperlich umgehen. Sie wollen die 9. Sie wissen, wo das Tor steht. Sie wissen, wo der Torwart steht. Sie werden blitzschnell reagieren, das haben sie gelernt. Sie werden ihn jagen, sie sind Torjäger. Torwartjäger. Jäger der verlorenen Zahl.“
BLZ: Dank Lukas Podolski gewinnt die deutsche Auswahl 4:2 gegen Südafrika
morgen mehr über dieses Spiel
Bildstrecke Spieltag/WM-Qualifikation, faz.net
Politische Schlangengrube
Thomas Scheen (FAZ 8.9.) kommentiert George Weahs Kandidatur für das Amt des Präsidenten Liberias: „Warum, um Gottes Willen, sucht einer, der mit 38 Jahren, einem Vermögen von etlichen Millionen Dollar und einem französischen Paß in der Tasche die angenehmen Seiten des Lebens genießen könnte, seine Zukunft in der politischen Schlangengrube Liberia? Denn Weahs Heimat ist nicht irgendein Land. In Liberia ballt sich alles, was schlecht ist in Afrika: Bürgerkrieg ohne Ende, Grausamkeiten jenseits aller Vorstellungskraft, Hunger, Seuchen, Diamantenschmuggler und Waffenschieber; ein Land, das bis zum Sturz von Präsident Charles Taylor vor zwei Jahren von einer Clique regiert wurde, die sich als Generalstabschef der Armee einen 28 Jahre alten ehemaligen Kindersoldaten mit besonderem Hang zur Grausamkeit hielt. Einer von der Sorte, die ihr Territorium mit den abgeschlagenen Köpfen seiner Gegner zu markieren pflegte. Ein Land, in dem nur noch die wenigsten Häuser ein Dach auf dem Giebel haben, die Strommasten gefällt sind und das Kupfer der Drähte verkauft, wo es kein fließendes Wasser gibt und kaum medizinische Versorgung. Weah sagt, sein politisches Engagement sei ‚Gottes Wille’ und nebenher der Wunsch von Nelson Mandela. (…) Tatsächlich ist der frühere Stürmerstar einer der wenigen zu Reichtum gekommenen Liberianer, die ihre Heimat nicht vergessen haben.“
Hintergrund-Links zum Thema Weah:
Mittwoch, 7. September 2005
Internationaler Fußball
Die alte Streitfrage des afrikanischen Fußballs
Christof Kneer (SZ 7.9.) schildert Last und Aufgabe Stuart Baxters: „Er ist Trainer von Südafrika, und da beginnt der Abschied in jenem Moment, in dem man ankommt. In den letzten elf Jahren hat dieser Verband zwölf Trainer verbraucht. Wohlgemerkt, Stuart Baxter ist noch nicht entlassen, er ist nach wie vor der Coach. Aber es hat wohl selten einen amtierenden Trainer gegeben, der sich so entlassen gefühlt hat. (…) Es ist wohl die Mischung aus dunkler Verbandsmacht, überzogenen Erwartungen und starken Patriotismusgefühlen, die den Trainerjob am Kap zur größten Herausforderung der Branche gemacht hat. ‚Es kann sein, dass sie dir vorhalten, zu viele weiße Spieler zu berufen, und dann sind es plötzlich zu viele schwarze. Oder es sind entweder zu viele aus Europa oder zu wenige’, sagt Baxter. Es geht auch um die alte Streitfrage des afrikanischen Fußballs: Sind die europäischen Klubs schuld, weil sie ihre teuren Profis ungern den Strapazen eines Langzeitfluges bis an den Südzipfel des afrikanischen Kontinentes aussetzen? Oder sind die Fußballverbände haftbar zu machen, die sich stur stellen und ihre Legionäre in jedem Länderspiel dabei haben wollen? Und wie mischen die patriotisch gestimmten Medien mit, die in Südafrika gelegentlich ein bisschen zu direkt mit dem Fußballverband vernetzt sind?“
Trainer ohne Macht
Selbst seine strenge Fußball-Sozialisation helfe Baxter nicht, fügt Ronny Blaschke (BLZ 7.9.) hinzu: „Stuart Baxter wurde in England geboren und ist in Schottland aufgewachsen. Er ist als Spieler durch die Provinz getingelt, hat in Preston gekickt, in Stockport und später in Dundee. Seit der Kindheit kennt er die grobe Kunst der Verteidigung, und eigentlich glaubte er, ihn könne nichts mehr erschüttern. Vor achtzehn Monaten wurde Baxter dann Nationaltrainer in Südafrika – und heute weiß er, er hat sich getäuscht. Denn die schottischen Grätscher von einst wirken gegenüber seinen Kritikern am Kap wie ein Knabenchor aus der Grundschule. Er hat es mit Gegnern zu tun, gegen die er kaum eine Chance hat, wie er offen zugibt. Baxter führt in Südafrika ein Leben zwischen Faszination und Entrüstung. Er hat Mannschaften in Norwegen, Schweden, Japan und Portugal trainiert. Jetzt ist er zum ersten Mal in seiner Laufbahn ein Trainer ohne Macht.“
Tsp: Südafrika hat den absoluten Tiefpunkt erreicht: drittklassig in Afrika
Vorwärtsverteidiger
Ronald Reng (FR 7.9.) beschreibt Sergio Ramos, den teuren Zugang Real Madrids, als jungen Markus Babbel: „Von den steilen Tribünen der spanischen Stadien sieht man das kindliche Gesicht nicht, nur die Reife seiner Bewegungen, und vor dem inneren Auge verwandelt er sich in den jungen Babbel, der 1991 als 19-Jähriger sein Debüt für Bayern München gab, der schon als 23-Jähriger eine Garantie in der deutschen Elf war, die 1996 Europameister wurde. Man hat in Deutschland die Außergewöhnlichkeit Babbels nie anerkannt, damals dachte man, solche Verteidiger gebe es regelmäßig. Erst heute, wo sie in Deutschland kläglich vermisst werden, weiß man es besser. Wie ähnlich ihr Stil ist: gedankenschnell, standfest, sauber in der Technik, immer aufrecht, was bei Ballgewinn den sofortigen Pass ermöglicht. Ramosbabbel. Das Besondere an Verteidigern wie ihnen ist im Vergleich mit Christian Wörns gut zu erkennen. Wörns – im Duell eins gegen eins ein starker Verteidiger – lauert lange auf den Moment, in dem er den ballführenden Gegner angreift. Er ist deshalb ständig im Rückwärtsgang, er zieht so die ganze Abwehr, die gesamte Elf, zwangsläufig mit sich bis tief in die eigene Spielhälfte zurück, wo sie dann – selbst wenn Wörns den Ball gewinnt – erst einmal wieder herauskommen muss. Ramosbabbel schiebt die Abwehr, die ganze Elf, automatisch nach vorne, weil er Pass und Bewegung des Gegners antizipiert und vorwärts läuft, um ihm zuvorzukommen. (…) Ramosbabbel begreift blitzartig, wann der Platz da ist, nach vorne zu ziehen.“
NZZ: Irland im Banne der WM-Qualifikation gegen die Franzosen
BLZ: Otto Rehhagels Griechen rüsten sich zum Endspurt
Telepolis: Die WM 2006 soll die Medienindustrie retten
FAZ: Rezension Borussia Banana (RTL II)
Deutsche Elf
Versöhnungsversuch
Jürgen Klinsmann in der Defensive – Andreas Lesch (FTD 6.9.) vermisst ihn auf der Pressekonferenz und deutet Worte und Gesten seines Stellvertreters Joachim Löw: „Ausgerechnet in seinen bisher unruhigsten Tagen als Chef des Nationalteams stellt Klinsmann sich nicht selbst; das darf man erstaunlich finden. Traut er sich ein maßvolles Krisenmanagement nicht zu? (…) Trainer und Spieler sind durch die jüngsten schwachen Leistungen und ihre Nebenwirkungen verunsichert. Sie wollen kritikfähig erscheinen, aber begrenzt. Sie suchen die Balance zwischen Offensive und Defensive, auf dem Feld und abseits davon. Sie fragen sich, was ihre Normalität ist: der Rausch des Confed-Cups oder der Kater danach. Entsprechend klingen sie. Sie reden in Einerseits-andererseits-Sätzen, ihre Reden sind ein einziges großes ‚Ja, aber’. In dieser Zeit des Wankens weichen Klinsmann und Löw sogar von ihren Prinzipien ab. Bisher war es üblich gewesen, dass Klinsmann tags vor einem Spiel nach der Aufstellung gefragt wurde, dass er dann freundlich gelächelt hat und ebenso freundlich schwieg. Nun verkündete Löw ungefragt Details: Marcell Jansen und Lukas Sinkiewicz sowie Lukas Podolski rücken in die Startformation. „Ich denke, das kann man hier mitteilen.“ Es klang wie ein Versöhnungsversuch: Hier, liebe Journalisten, da habt ihr ein Leckerli zur Feier des Tages – aber jetzt schreibt bitte auch wieder netter.“
SpOn: Marcell Jansen hat in kurzer Zeit eine beeindruckende Karriere hingelegt
Welt-Interview mit Michael Ballack
FR-Interview mit Fabian Ernst
FAZ: Michael Ballack wünscht sich Oliver Kahn zurück
SZ-Vorbericht
Strizz und die Niederlage der deutschen Elf, faz.net
Dienstag, 6. September 2005
Internationaler Fußball
Miserabler Zustand
Sven Gartung (FAS 4.9.) befasst sich mit dem deutschen Gegner von morgen und dem Gastgeber der WM 2010: „Südafrikas Fußball befindet sich in einem miserablen Zustand. Das desaströse 1:4 gegen Island kürzlich war der vorläufige sportliche Tiefpunkt. Legionäre wie Delron Buckley oder Champions-League-Gewinner Benni McCarthy von Porto verweigerten Nationaltrainer Stuart Baxter schlichtweg die Arbeit. Daß ihm seitens des Verbandes Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, so der konsternierte Baxter, ‚ist ja seit langem bekannt’. Niemand hilft bei der Sichtung von Talenten; die notwendigen Informationen beschafft sich der Engländer von Fußballjournalisten. (…) Im Verzug ist auch das WM-Komitee. Sechs Monate hinter der Marschtabelle liegen die Organisatoren der WM bereits heute. Die Fifa hat deshalb beschlossen, noch in diesem Jahr ein ständiges Büro in Johannesburg zu eröffnen und die Vorbereitung zu überwachen. Wenn bis 2010 auch nicht der lokale Fußball internationalen Maßstäben genügen sollte: die WM soll es.“
Johannes Dieterich (FR 6.9.) ergänzt: „Sorgen macht Beobachtern vor allem, dass Südafrika ein sich im politischen Übergang befindliches Entwicklungsland ist, das auf keine eingeschliffenen Organisationsstrukturen setzen kann, über wenig Erfahrung im Sportmarketing verfügt und noch nie ein solches Großereignis veranstaltet hat. Schon bei den Sportarenen hapert es. Kein einziges der meist für Rugby-Spiele angelegten Stadien kommt den Fifa-Regularien auch nur nahe: Mindestens zwei der vermutlich zehn Arenen müssen neu gebaut, der Rest muss von Grund auf renoviert werden. Noch wurde kein Stein bewegt.“
NZZ: Eriksson in England trotz Erfolg unter Druck
NZZ: Die polnischen Raubeine neu mit Spielkultur
NZZ: Italien mit Abwehrsorgen
Welt: Brasilien qualifiziert sich magisch
NZZ: historische Siege Ecuadors und Paraguays
Ascheplatz
Heuchler, Opportunisten, Erpresser
Innenminister Otto Schily, Bayern-Manager Uli Hoeneß und ARD-Intendant Fritz Pleitgen wehren sich aus verschiedenen egoistischen Motiven mit Händen und Füßen gegen ein befürchtetes Fußball-Monopol Premiere; Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft 5.9.) kritisiert: „So schnell hat sich selten eine große Koalition der Heuchler und Opportunisten gefunden. Binnen Tagen formierte sich eine Abwehrfront, die angeblich nur ein Ziel eint: Fernsehübertragungen von Fußballspielen dürfen nicht im Bezahlkanal Premiere verschwinden, sondern müssen auch bei frei empfangbaren Sendern zu sehen sein. Pleitgen proklamiert gar ein Grundrecht auf Bundesliga. Das Bundesverfassungsgericht habe durch seine Rechtsprechung dem Bezahlfernsehfußball einen Riegel vorgeschoben, behauptet Hobby-Verfassungsrechtler Pleitgen. Brot und Fußballspiele für das Volk. (…) Die Fernsehrechte an der Bundesliga gehören den Vereinen, und wenn sie nicht wollen, daß diese ganz oder auch nur stärker als bisher ins Bezahlfernsehen abwandern, dann können sie dies einfach verhindern: Sie verkaufen die Rechte nicht an Premiere, sondern an andere Sender. Die Fußballvereine werden dann im Interesse des breiten Publikums ohne Fernseh-Abonnement auf Einnahmen verzichten müssen. (…) Wer eine Monopolisierung von Fernseh-Fußball betreibe, sei ein Erpresser, sagte Karl-Heinz Rummenigge. Das ist zwar eine kühne Behauptung, schließlich ist Fußball Unterhaltungsprogramm und kein lebensnotwendiges Medikament. Doch unabhängig davon wäre der eigentliche Erpresser nicht der Mautstation-Betreiber Premiere, sondern die Klubs, die ihm durch den Verkauf der Mautrechte erst die Möglichkeit dazu geben und in deren Taschen ein Großteil der Mehreinnahmen fließt.“
Deutsche Elf
Stratege im Dandyverdacht
„Tim Borowski ist ein Sonderfall in Klinsmanns offenem Deutschland: fast immer dabei, spielt er fast nie“ – eine Empfehlung von Christof Kneer (SZ 6.9.): „Wenn nicht alles täuscht, dann hat das Land die Geschichte von Borowski schon einmal erlebt. Die Geschichte ist vielleicht fünf Jahre alt und sie ging so, dass das Land einem begabten, leicht schnöselig wirkenden Fußballer irgendetwas übel nahm, wobei das Land selbst nicht wusste, was. Der Fußballer war ein gewisser Michael Ballack, ein gut aussehender Profi, den das Land sofort im Dandyverdacht hatte; er könne nicht kämpfen, hieß es, ein Großer werde der nie. (…) Vielleicht ist es im Moment Borowskis Problem, dass sein Spiel eine gewisse Überheblichkeit ausstrahlt; auch DFB-intern gilt der selbstbewusste Profi als keineswegs einfacher Spieler, und dennoch lässt sich mitunter schwer verstehen, dass die DFB-Trainer ihrem Hilfe suchenden Team diesen Champions-League-erprobten Streiter vorenthalten. Dabei könnte das Ballack-Imitat aus Bremen genau jener Spieler sein, der den Originalballack an schwächeren Tagen entlastet. Er ist kein Solist wie Schweinsteiger oder Schneider, er ist ein Stratege, und entlasten kann er ziemlich gut.“
BLZ: Andreas Hinkel steht für die Probleme der DFB-Abwehr
BLZ: Oliver Bierhoff attackiert die Medien für ihre Kritik am Nationalteam
Montag, 5. September 2005
Internationaler Fußball
Traum von der zweiten WM-Teilnahme
Tobias Schächter (taz 5.9.) über die Folgen des 1:1 zwischen Israel und Schweiz: „Das anachronistisch anmutende, ganz auf Defensive ausgerichtete Spielsystem Israels und der vom väterlichen Trainer Avraham Grant geförderte Zusammenhalt des Kaders macht es jedem Gegner schwer, diese Mannschaft zu besiegen. Der Traum von der zweiten WM-Teilnahme nach 1970 in Mexiko wird weiter geträumt. (…) Durch kluge Förderung feierte die Schweiz zuletzt große Erfolge im Nachwuchs. Am Samstag aber wurde deutlich, dass der jungen Generation noch die Ruhe fehlt, massive Abwehrreihen mit Geduld auszuhebeln.“
NZZ-Bericht Schweiz-Israel
FR: Dank der Legende Oleg Blochin schafft die Ukraine überraschend früh die Qualifikation für die WM
NZZ-Bericht Frankreich-Färöer (3:0)
Bildtrecke WM-Qualifikation, faz.net
Ball und Buchstabe
Vielleicht heilsam
Das Streiflicht (SZ 5.9.) schämt sich für die Gewalt deutscher Hooligans und bemerkt die Nähe von Fußball und Gewalt: „Natürlich will sich keiner deshalb die Freude am Fußball vermiesen lassen. Aber es fällt doch auf, dass sich vor allem im Umfeld dieser wunderbaren Sportart die Idioten und Rabauken sammeln. Schließlich erfordern schon ganz normale Ligaspiele massive Polizeipräsenz. Die gestanzten Sätze, mit denen Fußballer, Funktionäre und Vereinsvorstände gewöhnlich auf diese Fans reagieren, scheinen nicht sehr wirksam zu sein. Es müsste andere Möglichkeiten geben, um klar zu machen, dass man mit einer bestimmten Sorte von Fans nichts, aber auch gar nichts zu tun haben will. Vor Jahren hat ein Nationalspieler einmal jenen, die mit ihm unzufrieden waren, den Mittelfinger gezeigt. Zur Nachahmung empfohlen, wenn wieder einmal bei der Nationalhymne der Gäste gepfiffen wird, wenn die eigenen Fans den Hitlergruß vorführen: Elf Mann auf dem Rasen zeigen der Tribüne ihre schönsten Finger – ein Mittel in starker, aber vielleicht heilsamer Dosis.“
Bundesliga
Der letzte Patron der Bundesliga
Michael Wulzinger (Spiegel 5.9.) porträtiert Walter Hellmich: „In einer Zeit, in der der Profifußball zu einem knallharten Business mutiert ist und in die Vorstandsetagen der deutschen Clubs zunehmend die Managerkultur international agierender Konzerne einzieht, wirkt Hellmich wie der Repräsentant einer längst verschüttet geglaubten Epoche – der Unternehmer aus Dinslaken ist der letzte Patron der Bundesliga. (…) Der Mann, der bereits morgens um sechs Uhr auf seinem Mobiltelefon erreichbar ist, firmiert nicht nur als Vorstandsvorsitzender des Gesamtvereins, sondern gleichzeitig auch als Aufsichtsratschef der Lizenzspielerabteilung. So ist er es von Haus aus gewohnt: Der einzige Mensch, der Walter Hellmich kontrolliert, ist Walter Hellmich. Nichts geht mehr ohne ihn. Hellmich handelt die Spielergehälter aus, Hellmich legt die Siegprämien fest, Hellmich checkt die Reisespesen. Dass seine Machtfülle im Verein wie ein Naturgesetz akzeptiert wird, verdankt der ‚König von Duisburg’ einerseits seinem Tatendrang – und andererseits dem Ruf, ein moderner Vertreter des rheinischen Kapitalismus zu sein, der seine eigenen wirtschaftlichen Ziele im Einklang mit den Interessen seiner Belegschaft erreicht.“
Deutsche Elf
Zu einem ganz normalen Bundestrainer geschrumpft
0:2 gegen die Slowakei – Andreas Lesch (BLZ 5.9.) kritisiert Jürgen Klinsmann: „Klinsmann ist neun Monate vor der WM ins Schleudern geraten. Bei seinem Amtsantritt hat er einen hübschen Reformplan präsentiert, der gekrönt werden sollte durch den Titelgewinn. Die Zeit bis zum Turnier schien detailliert durchgeplant zu sein. Klinsmann schien in allem, was er tat, den Anweisungen aus einem Managerhandbuch zu folgen. Jede seiner Entscheidungen beschrieb er als logischen Bestandteil eines großen Plans, der am Ende allein deshalb aufgehen muss, weil er absolut schlüssig ist. Nun aber ist, nach dem gruseligen Auftritt in Rotterdam, schon zum zweiten Mal ein Testkick daneben gegangen – und es scheint, als habe Klinsmann gegen dieses Versagen kein Rezept; als sei es in seinem Handbuch nicht vorgesehen. Viele Entscheidungen des Bundestrainers sind unlogisch geworden. Sie widersprechen den Grundsätzen, die er lange laut gepredigt hatte. (…) Klinsmann, der große Erneuerer, ist zu einem ganz normalen Bundestrainer geschrumpft. (…) Es ist erstaunlich, wie schnell die positive Stimmung des Confederations Cup verflogen ist.“
Sich selbst verraten
Stefan Hermanns (Tsp 5.9.) fügt hinzu: „Klinsmann hat sich selbst verraten. Als er vor einem Jahr Bundestrainer wurde, hat er sich als Mann mit festen Prinzipien positioniert. Er hat die Verjüngung der Mannschaft forciert, die Stammplatzgarantie dem ewigen Konkurrenzkampf geopfert und alle Positionen ausschließlich mit Spezialisten besetzt. All das hat er gegen die Slowaken aufgegeben. (…) Die Auswahlkriterien des Bundestrainers werden immer diffuser.“
Vergeßlich
Michael Horeni (FAZ 5.9.) hat mit Rückschlägen gerechnet und mahnt die Kritiker zum Maßhalten: „Nachdem sich Jürgen Klinsmann vor dreizehn Monaten an das Projekt machte, die Nationalmannschaft in einem Erneuerungsprozeß zur Weltmeisterschaft zu führen, scheint es nun nach den Rückschlägen von Rotterdam und Bratislava den schärfsten Kritikern so, als ob es die Zeit davor nie gegeben hätte. Daß die Verjüngungskur und der Mentalitätswandel im deutschen Fußball seit dem Sommer 2004 ohne jeden Rückschlag in eine einzige Erfolgsserie mit dem Titelgewinn münden würde, damit konnte im Ernst niemand rechnen. Die Entwicklung bis zum Confederations Cup war schon erstaunlich genug. (…) Noch steht der WM-Erfolg der Nationalmannschaft nicht auf dem Spiel – wohl aber die WM-Stimmung im vergeßlichen Fußball-Deutschland.“
Der Mannschaft werden Niederlagen und Rückschläge eher verziehen als Jürgen Klinsmann – eine der prophezeiten Trends der freistoss-Presseanalyse „Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch“, die Sie hier kostenlos bestellen können.
Auseinandersetzung
Die unendliche Torwartdiskussion – Ludger Schulze (SZ 5.9.) wünscht sich, wenn schon kein Ende, doch wenigstens nicht so viel Dummheit: „Klinsmann hat mit einigem Recht einen notwendigen Konkurrenzkampf eröffnet, den er dadurch zu entschärfen versuchte, dass derzeit jeweils nur einer bei den Länderspielen dabei ist. Dennoch droht die Auseinandersetzung aus dem Ruder zu laufen. Aber hätte Klinsmann den Konflikt von vornherein vermeiden können? Ungeprüft den Amtsinhaber Kahn zur immerwährenden Nummer 1 zu deklarieren, wäre einer Pflichtverletzung gleichgekommen. Vermutlich hätte Lehmann dann den Rückzug angetreten, was zweifellos ein sportlicher Verlust gewesen wäre. Denn was tun, wenn sich Kahn vier Wochen vor WM-Beginn die Hand bräche oder in eine tiefe Formkrise geriete? Wie man Klinsmann einen solchen vorzeitigen Beschluss um die Ohren gehauen hätte! Dass er ein guter Nationalkeeper ist, hat Jens Lehmann mit einer fehlerlosen Leistung gezeigt. Bei vier Turnieren von 1998 bis 2004 hat er brav seine Zeit auf der Bank abgesessen, nun, mit 35, bietet sich ihm die letzte Chance auf aktive Teilnahme an einem Welt-Ereignis. In Anbetracht der Lobby seines Gegenüber ist diese Chance vermutlich nicht einmal eine echte. Beides erklärt Lehmanns gelegentliche Überreaktionen. Diesmal allerdings behielt er die Nerven. Sachlich hielt er der Kritik Beckenbauers das Argument entgegen, von seinem Klub, dem FC Arsenal, mische sich weder der Präsident noch der Torwarttrainer ein.“
In keinster Weise
Michael Horeni (FAZ 5.9.) singt den Klinsmann-Refrain: „Ob denn nach diesem Auftritt sein Ziel, Weltmeister zu werden, korrigiert werden müsse, wurde der Bundestrainer gefragt. Klinsmann reagierte darauf, wie er immer reagiert, wenn er eine unliebsame Diskussion beenden möchte, die sich zu verselbständigen droht: ‚In keinster Weise’. Diese entschiedene Redewendung, die von Zweifel nichts wissen will, mußte der Bundestrainer viel häufiger benutzen, als ihm lieb war. Ob er denn nicht seine Anfangsformation bereue? ‚In keinster Weise’. Angesichts der vorgefertigten Abwehrsequenzen des Bundestrainers stellte sich die Frage, ob sich aus der zur Schau gestellten Selbstgewißheit tatsächlich ernsthafte Rückschlüsse auf den wirklichen Zustand der Nationalmannschaft ziehen lassen. In keinster Weise – ist man versucht zu sagen. (…) Ob ihm bei der Suche nach einer Stammformation unter diesen Umständen nicht langsam die Zeit davonlaufe, wurde er gefragt: ‚In keinster Weise’.“
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