indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 21. März 2005

Ascheplatz

Selbst ausgeschaltet

Woran liegt es, dass die Bundesliga in Asien keine Marke ist? Jörg Kramer, Michael Wulzinger & Alfred Weinzierl (Spiegel 21.3.) nennen eine mögliche Ursache: „Als Wirtschaftspartner haben sich die Deutschen hingegen selbst ausgeschaltet. Bis Anfang der neunziger Jahre wurde die Bundesliga in einer Kurzversion der früheren Sportschau weltweit verbreitet. Nachdem sich Leo Kirch jedoch für Sat.1 die Rechte gesichert hatte, war es um diesen Service geschehen. Benebelt von scheinbar unendlich steigenden Erlösen aus dem nationalen Geschäft, geriet die Auslandsverwertung aus dem Blick der Vereine. Selbst die Asien-Reise der Nationalelf im vorigen Dezember, die von Klinsmann als große Ost-Offensive propagiert wurde, war ursprünglich nichts weiter als ein Geschenk an verlässliche Freunde. Zunächst hatte der DFB nur in Südkorea und Thailand spielen wollen, jenen Ländern, aus denen Deutschland zwei Wahlstimmen bei der Vergabe der WM 2006 erhalten hatte. Erst nachträglich wurde die Tournee um eine Partie in Yokohama gegen Japan erweitert – auf Intervention des FC Bayern.“

Samstag, 19. März 2005

Champions League

Bodenständigkeit gegen Globalisierung

Sven Goldmann (Tsp 19.3.) kommentiert die Viertelfinalauslosung: „Bayern gegen Chelsea, das ist ein Duell zweier Wirtschaftssysteme. Altes Kapital gegen neues, Festgeld gegen Ölmilliarden, Bodenständigkeit gegen Globalisierung. Vor ein paar Jahren war Chelsea noch der Klub der Londoner Punkszene, heute gehören dem Klub die Sympathien von – ja von wem eigentlich? Der FC Chelsea hat sich in Rekordzeit zum vielleicht besten, aber auch unbeliebtesten Verein Europas entwickelt. Das liegt zu gleichen Teilen an der Einkaufswut des Herrn Abramowitsch und der Skrupellosigkeit seines Trainers José Mourinho. Und so dürfte den gemeinhin als arrogant und schnöselig verschrienen Münchnern noch eine zweite ungewohnte Erfahrung zuteil werden: Die Fans aus ganz Europa werden ihnen die Daumen drücken.“

Reaktionen zur Auslosung: sueddeutsche.de

Ball und Buchstabe

Boss und Hilfssheriff

Thomas Kistner (SZ 19.3.) hält das Vorpreschen Theo Zwanzigers in der Beckenbauer-Kandidatur für ein Signal seines Machtgewinns an der DFB-Doppelspitze: „Mayer-Vorfelder hat den Laden in Rekordzeit in einen bejammernswerten Zustand gewirtschaftet, wobei ihm sein skandalumtoster Niedergang als Klubchef beim VfB Stuttgart als Blaupause diente. Nun setzt Zwanziger, im Stil des resoluten Braun, ein Zeichen: De facto ist er hier der Boss, auch wenn der DFB halt de jure seinen Satzungs-Witz von Herbst 2004 aussitzen muss, als die Doppelspitze bis zur WM 2006 zementiert wurde. Zieht Zwanziger den Galopp an, muss Hilfssheriff MV selbst entscheiden, ob er den Fuß aus dem Steigbügel zieht, der ihn noch verbindet mit dem dynamischen Treck – oder ob er sich bis zum staubigen Ende mitschleifen lässt. Zu verschmerzen wäre beides: Geht MV, hat er sich in all seinen Ämtern ja wunderbar versorgt, bleibt er, bereichert sein sinnfreier Schattenriss fortan die Unterhaltungsszenerie.“

Bundesliga

Einige waren längst zufrieden

Hypothek gute Hinrunde – „Hannover 96 hängt in der Abwärtsspirale und ist womöglich noch gar nicht am Boden angekommen“, fürchtet Frank Heike (FAZ 19.3.): „Martin Kind und Ilja Kaenzig haben lange nachgedacht, um den Absturz zu erklären. Es bleiben Rätsel, und Ansätze: „Die Spieler waren im Kopf nicht bereit, den Lauf fortzusetzen. Die Planungssicherheit für 2005/2006 war plötzlich schon da, der Druck hat gefehlt“, sagt der Manager. Es ist wohl wirklich so, glaubt man ihm, daß ein Profi nur funktioniert, wenn er Druck und Ziele hat. Insofern hat Hannover 96 einen Fehler gemacht, die Siegesserie ohne neue Vorgaben jenseits des Klassenverbleibs verpuffen zu lassen. (…) Kaenzig sagt: „So viele unserer Spieler sind geprägt vom Abstiegskampf, die konnten es gar nicht verstehen, plötzlich dort oben zu stehen.“ Im Klartext: einige waren längst zufrieden – es fehlte die Spannung. (…) „Erstmals haben wir im Winter nicht mehrere Spieler geholt, erstmals haben wir frühzeitig Planungssicherheit“, sagt der Präsident, „wir sind Zehnter, wir spielen nicht gegen den Abstieg. Ich bin zufrieden.“ Eigentlich könnte Ruhe einkehren im dritten Hannoveraner Bundesliga-Jahr. Wenn nur diese schrecklich gute Hinrunde nicht wäre.“

Er hat das verstaubte Profil des Klubs aufgefrischt und mehr Transparenz geschaffen

Ronny Blaschke (SZ 19.3.) schildert den Erfolg von Jörg Bergers externer Kommunikation: „In Rostock hat es eine Weile gedauert, bis sie sich an den Schönfärber gewöhnten. Armin Veh war ein launischer Typ. Sein Nachfolger Juri Schlünz war ein Mann der leisen Töne. Er schien den sportlichen Niedergang weniger zu verkraften als seine Spieler. Beide Männer hatten Probleme mit der Außendarstellung. Berger nimmt sich Zeit für die Öffentlichkeit. Die Jahre, als Pressekonferenzen im Ostseestadion siebeneinhalb Minuten dauerten, sind vorüber. Berger beantwortet wirklich jede Frage. Er schafft eine bessere Stimmung im Umfeld, vertreibt die Aussichtslosigkeit und wirkt glaubwürdig. In der Chefetage ist nicht jeder davon begeistert. Schließlich kann man das auch als Öffentlichkeitssucht auslegen. Berger hat in den Krisenwochen trotzdem die beste Figur im Verein abgegeben. Er ist der lauteste Wachrüttler in der von alten Seilschaften geprägten Diplomatenkombo. Er hat das verstaubte Profil des Klubs aufgefrischt und mehr Transparenz geschaffen.“

Nicht zu fassen

Phänomen Marek Mintal – Gerd Schneider (FAZ 19.3.): „Er ist ein rätselhafter Mensch, dieser Mintal, und er ist ein rätselhafter Spieler. Die wenigen, die ihn in Nürnberg kennen, charakterisieren ihn so: unnahbar, verschlossen, bodenständig, bescheiden. Es heißt, der ganze Trubel um seine Person sei ihm lästig. Auch als Spieler läßt sich der 27 Jahre alte Slowake schlecht einordnen. Er ist kein Dribbelkönig, er kann das Spiel nicht mit brillanten Pässen sezieren, er ist auch kein spektakulärer Haudrauf. Aber er ist immer in Bewegung. Und deshalb nicht zu fassen. Eine Sphinx. (…) Man kann sich leicht ausrechnen, wie der „Club“, ein namenloses Ensemble mit dilettantischer Abwehr, ohne ihn dastünde. Wie bei allen außergewöhnlichen Vollstreckern im Fußball bleibt ein Rest, der sich den Erklärungsmustern entzieht.“

Fernseh-Scout

Roland Wiedemann (taz 19.3.) schildert die Entdeckung Mintals: „Es geschah auf einer der zahlreichen Geschäftsreisen, die den 40-Jährigen Autohändler Peter Hammer regelmäßig in die Slowakei führen. Hammer, der Landessprache nicht mächtig, schaltete wie üblich abends in seinem Hotelzimmer den Fernseher ein, um sich mit Fußball aus der ersten slowakischen Liga die Zeit zu vertreiben. Dabei bekam er große Augen. Er sah einen leichtfüßigen Angreifer, der rannte, als ginge es um sein Leben, und der beidfüßig unglaublich präzise schießen konnte. Und weil jener bis dahin in der großen Fußballwelt unbekannte Marek Mintal von MSK Zilina in den nächsten Wochen jedes Mal wieder glänzte, wenn der Gast aus dem Frankenland vor dem Fernseher saß, geriet etwas ins Rollen, was dem 1. FC Nürnberg möglicherweise den Klassenerhalt und später einmal jede Menge Geld bescheren könnte. Dank sei Peter Hammer und dem Zufall. Denn Autohändler mit Fußballverstand gibt es viele. Aber in Hammers Fall kommt hinzu, dass Trainer Wolfgang Wolf ein Haus der Mutter des Fußballnarren bewohnt.“

Freitag, 18. März 2005

Ball und Buchstabe

Wahlkampf eröffnet

Roland Zorn (FAZ 18.3.) schaut voraus auf den Wahlkampf zwischen Franz Beckenbauer und Michel Platini um die Uefa-Präsidentschaft: „Der Franzose ist in der Kunst der Intrige geübt und im Knüpfen von Netzwerken. Der Deutsche ist beliebter, präsidialer als der ehrgeizigere Platini, den Beckenbauer schätzt, aber nicht zu seinen Freunden zählt. (…) Ganz um einen Wahlkampf in eigener Sache käme Beckenbauer nicht herum, denn ein Selbstläufer wäre seine Kandidatur nicht. Platini wiederum kann heute schon innerhalb der Gremien, in denen Beckenbauer nicht vertreten ist, Stimmung für sich und sein basisorientiertes Programm machen. Dabei wird er in der Rolle des – kühl kalkulierenden – Fußball-Romantikers Pluspunkte zu sammeln versuchen, während Beckenbauer den Part des generösen Souveräns nicht neu zu lernen braucht. Die Ausgangslage erinnert an das Duell um die Fifa-Präsidentschaft 1998. Damals siegte der Populist Blatter gegen den ursprünglich hohen Favoriten Johansson, einen honorigen Funktionär, den man zum Stimmenjagen tragen mußte. Noch hat sich Beckenbauer im Gegensatz zu Platini nicht bereit erklärt, doch tatsächlich ist der Wahlkampf eröffnet worden. Platini oder Beckenbauer – ein großer Spielmacher wird das Duell zweier Fußball-Stategen gewinnen. Hoffentlich zum Wohle des Spiels.“

Den Stress soll sich lieber der Platini antun

Jürgen Ahäuser (FR 18.3.) deutet das Wort Beckenbauers anders: „Er will’s machen, sagt er. Tatsächlich hat der Himmelsstürmer seine lichte Wolke verlassen und sich mitten hinein geschmissen ins Wahlkampfgetümmel. Wieso? Weil Franz B. immer das Gegenteil von dem tut, was er sagt. Nachdem der PR-Hilfsmediziner Beckenbauer den Arterie-Risiko-Test nicht mehr nur den Leuten schmackhaft macht, sondern auch den Selbstversuch probierte, hat er erkannt: Den Stress soll sich lieber der Platini antun.“

Der nächste Tiefschlag Gerhard Mayer-Vorfelder

Michael Ashelm (FAZ 18.3.) verweist auf die innenpolitische Nebenwirkung der außenpolitischen Forderung Theo Zwanzigers nach der Beckenbauer-Kandidatur: „Die forsche Eingabe mit der populären Personalie Beckenbauer ist ganz nebenbei der nächste Tiefschlag für Zwanzigers ungeliebten, weil schwer einschätzbaren präsidialen Nebenmann Gerhard Mayer-Vorfelder. Der sitzt eigentlich noch bis 2008 im Exekutivkomitee der Uefa, müßte seinen Sessel dort aber nach den bestehenden Regularien räumen, falls sein Landsmann Beckenbauer zum Präsidenten wählen lassen wollte. Damit würde der 72 Jahre alte Mayer-Vorfelder alsbald eine seiner letzten (bezahlten) Bastionen verlieren, denn darüber hinaus ist nicht damit zu rechnen, daß er das DFB-Mandat im Exekutivkomitee des Internationalen Fußball-Verbandes noch lange wahrnehmen wird. Intern gilt Mayer-Vorfelder als unsicherer Kantonist, was die Durchsetzung deutscher Interessen im internationalen Fußball angeht.“

Machen Sie mit! Der indirekte freistoss sucht einen Rubrik-Namen für Verbandspolitik (DFB, Fifa, Uefa etc.), der sich in die bestehende Nomenklatur einfügt (Ascheplatz, Ball und Buchstabe, Bogenlampe, Nachschuss, Gleiche Höhe…). Der Sieger erhält ein Fußball-Buch. Mailen Sie an: fritsch@indirekter-freistoss.de

Plumpe Allegorie

Aus einer Rezension von Andreas Rosenfelder (FAZ/Feuilleton 17.3.) über ein Buch, in dem verschiedene Schriftsteller aus Ost und West über das WM-Spiel BRD gegen DDR (1974) schreiben: „Glanzlichter entstehen dort, wo der Zwang, ein symbolträchtiges Spiel als Motiv unterzubringen, für die literarische Erzeugung von Gegenwart aufgegeben wird: etwa in der intensiven Erzählung des 1978 geborenen Lyrikers Steffen Popp, die mit einem betrunkenen Kick im nächtlichen Stadion von Dynamo Dresden endet. Thomas Brussigs Rollenprosa eines ausgemusterten DDR-Fußballtrainers mündet hingegen, ganz vorhersehbar, in eine plumpe Allegorie: „Soll ich Ihnen sagen, wie Sie sich fühlen, wenn Sie keine Arbeit mehr haben? Sie fühlen sich wie n Ball, aus dem die Luft raus ist.“ Aber dieses Schicksal droht dem Ball nun einmal, wenn er den Literaten für ihre Fingerübungen in die Hände fällt.“

Besprochenes Buch: „Doppelpaß“. Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland. Hrsg. von Jan Brandt. kookbooks, Idstein 2004. 272 S., br., 17,90 Euro.

FR-Interview mit Friedhelm Funkel über Manfred Amerells Kritik

Bundesliga

GAU?

Martin Hägele (NZZ 15.3.) blickt mit Klaus Allofs („Wer kann sich entwickeln, wer nicht?“), gelassen, zurück auf das Ausscheiden der Bundesligavereine im Europapokal: „Man muss in diesem Geschäft kontinuierlich lernen, wie das Beispiel FC Porto im vergangenen Jahr und heuer die vielgerühmten Kicker des französischen Champions zeigen. Auch Olympique Lyon brauchte vier nationale Meistertitel innerhalb von fünf Jahren und den damit verbundenen Reifeprozess in der Sterne- und Königsklasse, um das nun europaweit bestaunte Niveau zu erreichen. Solche Ansichten oder fachlich fundierten Aussagen wie die des Werder-Managers und während seiner aktiven Laufbahn weit herumgekommenen ehemaligen Internationalen Allofs heben sich wohltuend ab von der öffentlichen Panikmache. Diese hat den deutschen Rückschlag in Champions League und Uefa-Cup derart dargestellt, als habe das Land der dreimaligen Welt- und Europameister einen GAU erlebt: Dabei hatten zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einmal fünf Bundesligaklubs und ein Zweitliga-Verein das neue Jahr im europäischen Veranstaltungskalender erlebt.“

Donnerstag, 17. März 2005

Internationaler Fußball

Die Stimmung hat sich gedreht

José Mourinho habe den Bogen überspannt, stellt Raphael Honigstein (FTD 17.3.) fest: „Chelsea hat sich bis jetzt konsequent hinter den Erfolgstrainer gestellt. Hinter den Kulissen aber ist man besorgt, dass das Ansehen des Klubs leidet. Geschäftsführer Peter Kenyon verhandelt gerade mit dem Bund der größten Vereine, dem „G14“, über eine Aufnahme und kann negative Publicity schlecht gebrauchen. (…) In den ersten Monaten seiner Amtszeit lauschten die Journalisten mit großen Augen den vollmundigen Ankündigungen des Neuankömmlings, der mit dem scharfen Blick des Außenseiters die Eigentümlichkeiten des englischen Fußballs analysierte. Mourinhos Auseinandersetzungen mit Alex Ferguson, den er ebenfalls der Beeinflussung eines Unparteiischen bezichtigte, und kleinere Beschwerden über einen angeblich Chelsea benachteiligenden Terminplan sowie die überharte Spielweise von Gegnern wurden als Versuch gesehen, den Druck vom Team weg zu halten und sich selber zur Zielscheibe von Häme und Eifersüchteleien zu machen. „Mourinho betreibt das aufwändigste Ablenkungsmanöver seit der allierten Landung in der Normandie“, schrieb der Guardian nicht ohne Bewunderung. Nach dem Rücktritt von Frisk hat sich die Stimmung gedreht. „Mourinho scheint nur eine Sache zu respektieren: das Geld von Abramowitsch“, schimpfte der Guardian gestern.“

Trägt Mourinho die Verantwortung für den Rücktritt Anders Frisks? Oder hat er sich branchenüblich benommen? Wie ist der Streit mit Volker Roth zu bewerten, der Mourinho als „Feind des Fußballs“ bezeichnet? Ihre Meinung zählt in der Südkurve!

Champions League

Der liebe Gott stellt sich ganz bestimmt etwas anderes unter Fußball vor

Adriano schießt beim 3:1 Inter Mailands gegen den FC Porot drei Tore und sendet eine Botschaft (auch) an Birgit Schönau (SZ 17.3.): „Auf dem T-Shirt stand: Filipesi 4:13. Niemand verstand, was gemeint war. Fußballer pflegen nach dem Torjubel ganz anderen Seelenstriptease zu betreiben. Seit sich die Mode des T-Shirts mit Sinnspruch unter dem Trikot durchgesetzt hat, grüßen manche ihre Freundin („Du bist einzigartig“, Francesco Totti), andere ein krankes Kind, das sich über eine solche Botschaft freut. Adriano aber meinte: Philipper 4:13. Den Paulusbrief: „Alles vermag ich durch den, der mir Kraft verleiht.“ Gehst du ins Stadion, vergiss die Bibel nicht. Es sollte Adrianos Abend werden, auch wenn der liebe Gott sich ganz bestimmt etwas anderes unter Fußball vorstellt, als die Angsthasennummer, die Inter in der ersten Halbzeit gegen Porto, den Vorjahressieger, zeigte. (…) Solider Fußball kommt in diesem Jahr aus Italien, ein Fußball starker Mannschaften mit wenig schillernden Individuen, ergebnisorientiert, aber alles in allem auch mit Lust zur Attacke.“

Ball und Buchstabe

Kriegserklärung

Wolfgang Hettfleisch (FR 17.3.) stöhnt über die Kritik Manfred Amerells an Friedhelm Funkel, den Trainer Eintracht Frankfurts. Also Eintracht Frankfurts Trainer. Also handelt es sich um Kritik der Frankfurter Rundschau am Kritiker der Frankfurter Eintracht: „Irgendwie muss das mediale Dauerfeuer gegen das deutsche Schiedsrichterwesen Herrn Amerell auf die Synapsen geschlagen sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass er den Protest der Frankfurter Eintracht gegen einen zweifelhaften Elfmeterpfiff des Kollegen Weiner zum Anlass für eine unverhüllte Kriegserklärung an die Branche nimmt. Amerell stellt sich vor die Kollegen, das mag ihn ehren. Doch wer Kluboffizielle wegen einiger Wortwechsel und Hüpfer in der Coaching-Zone zu Vorbildern für Gewalttäter im Stadion erklärt, sucht keine Lösung, der will die Konfrontation. Vielleicht hört sich Manfred Amerell ja nur gern selbst reden. Jedenfalls sollte auch er sich mal ein paar Gedanken über seine Rolle machen. Auch er lebt ja unter dem medialen Brennglas, das sich über die Bundesliga wölbt. Auch er hat Vorbildfunktion. Und man ist es einfach leid, sagen zu müssen: Immer diese Schiedsrichter.“

Hintergrund: Mit einem Rundumschlag hat Manfred Amerell auf die anhaltende Kritik an den Unparteiischen reagiert (FR)

Golf, Charme und Charisma

Thomas Kistner (SZ 17.3.) befasst sich mit der möglichen Kandidatur Franz Beckenbauers als Uefa-Präsident: „Der DFB hatte im Juli 2000 den Zuschlag für die WM mit 12:11 Stimmen vor Südafrika erhalten, weil der komplette achtköpfige Block der Uefa-Mitglieder im Fifa-Vorstand für Deutschland votiert hatte. Was, wie Zwanziger zuweilen beklagt, im Veranstalterland selbst nie richtig gewürdigt worden sei. Hier kursiert bis heute die bunte Geschichte vom Golf spielenden Einzelkämpfer Beckenbauer, dessen Charme und Charisma die Funktionäre damals reihenweise erlegen seien. Nun dürfte sich erstmals bei einer Wahl weisen, wie groß die internationale Akzeptanz Beckenbauers ist. Laut Zwanziger laufen schon stille Vorbereitungen.“

SZ: Der DFB will das Geschäft mit den Wetten nicht mehr länger anderen überlassen und eine eigene Sportwette anbieten

Ein TV-Hinweis in der FR: Doku-Soap über Kreisklassenelf

Ascheplatz

Viele Vereine gehen wie Briefmarkensammler vor, deren Ziel ein volles Album ist

Sehr lesenswert! Erwin Staudt, Präsident des VfB Stuttgart und Quereinsteiger, mit Jan Christian Müller & Frank Hellmann (FR 17.3.)
FR: Das Finanzchaos bei Borussia muss einen Wirtschaftsmanager wie Sie erschrecken. Haben Sie eine Erklärung dafür?
ES: In Dortmund hat viel mit reingespielt. Offensichtlich schwebten Verein und Umfeld 1997, nach dem Gewinn der Champions League, auf Wolke sieben – das war die Droge fürs Management. Sie waren in Dortmund beseelt vom ganz großen Ding, die Bayern zu packen, international Spitze zu sein. Dazu kam der Neue Markt und ein Denken: „Jetzt geht ja alles.“ Und dann sind sie noch an die Börse gegangen.
FR: Zu einem schlauen Zeitpunkt, als es noch viel Geld gab am Neuen Markt.
ES: Das war damals ideal, der Hype war noch im Gange. Heute ginge das nicht mehr. Dortmund hatte mit dem Eigenkapital aus dem Börsengang einen Riesenvorsprung. Dann hat man aber verdrängt, dass die Investitionen in die Mannschaft und das Stadion nur aufgehen, wenn man im internationalen Wettbewerb spielt. Wenn das Schiff aber derart aus dem Ruder läuft, dann hat auch das Aufsichtsgremium versagt. (…)
FR: Was ist aus Ihrer Sicht der auffälligste Unterschied zwischen der Führung eines Wirtschaftsunternehmens wie IBM und der Leitung eines Bundesliga-Klubs?
ES: Ich war am Anfang überrascht, mit wie wenig Leuten hier beim VfB die Verwaltungsarbeit gemacht wird. Das ist wirklich „lean management“. Und noch etwas ist mir aufgefallen: Bei IBM bin ich zweimal in der Woche zu meinem Pressesprecher gelaufen und habe gesagt: „Mach doch mal was!“ Beim VfB Stuttgart laufe ich zweimal am Tag zu meinem Pressesprecher und sage: „Wir müssen den Ball flach halten.“
FR: Der Druck der Medien und der Fans führt oftmals zu Management-Fehlern.
ES: Viele Vereine gehen wie Briefmarkensammler vor, deren Ziel ein volles Album ist. Dabei vergessen sie, auch mal einen Spieler abzugeben, um einen Transfererlös zu erzielen, wie wir es bei Marcelo Bordon getan haben. Zum vernünftigen Wirtschaften gehört außerdem ein Human Resource Management, also den eigenen Nachwuchs so auszubilden und zu nutzen, dass man nicht jeden linken Verteidiger teuer einkaufen muss. Mich überrascht mitunter, dass manche Vereine ohne jegliches Instrumentarium arbeiten.
FR: Weil zu viele Fußballexperten und zu wenige Finanzfachleute das Sagen haben?
ES: Sagen wir mal so: Ich würde mich freuen, wenn einige Profis die viele Freizeit dazu nutzen, nebenbei noch eine betriebswirtschaftliche Ausbildung absolvieren. Nur Fußball-Kompetenz reicht nicht immer, um in diesem Geschäft zu bestehen. (…)
FR: Richtig Geld verdienen sowieso nur diejenigen Klubs, die in der Champions League dabei sind…
ES:… und die Abhängigkeit davon wird sich noch verstärken, die Kluft in der Liga zwischen den für die Champions League qualifizierten Teams und dem Rest könnte noch zunehmen. Obwohl ich eine angedachte zentrale Vermarktung des Uefa-Cups als Aufwertung für diesen Wettbewerb sehe. Auf jeden Fall haben wir in der Liga einen Riesenfehler gemacht, in dem wir den Uefa-Cup teilweise schlecht geredet oder zum Verlierer-Cup erklärt haben.
FR: War es ja für den VfB Stuttgart auch, der im letzten Saisonspiel im vergangenen Jahr bei Bayer Leverkusen die Champions League-Teilnahme verspielt hat.
ES: Ein Martyrium! Wir kamen ja aus der Champions League, dafür können sie als Grundgröße fast mit zehn Millionen Euro planen. Wer da spielt, sitzt im gemachten Bett. Ich saß auf der Tribüne, dann fiel das 0:1, und ich habe einen schönen Teil unseres erhofften Umsatzes wegbrechen sehen. Ich habe zehn Millionen Euro plus x förmlich im Rasen versickern sehen.

„Pyrrhussieg“ – die SZ sammelt Reaktionen von Finanzexperten auf den Sanierungsplan Borussia Dortmunds

Mittwoch, 16. März 2005

Internationaler Fußball

Der dümmste fußballerische Freitod aller Zeiten

Welchen Schluss zieht der FC Barcelona aus seinem Ausschieden gegen Chelsea, Ronald Reng (BLZ 16.3.)? „In Barcelona ist aus einer unvergesslichen Partie eine Grundsatzfrage geworden: Was bringt es noch, schön zu spielen? Barça, 16 Mal spanischer Meister und doch nie frei vom Komplex, dass die in Madrid noch größer sind, hat sich immer als Hüterin des schönen, guten, wahren Fußballs gesehen. Doch nur „Narzisten, die noch an die Mutter von Bambi glauben“, würden Barças Spektakel-Fußball in Chelsea preisen, schrieb nach jener Nacht in London-Chelsea das Sportblatt El Mundo Deportivo, das dem Klub täglich bis zu 15 Seiten widmet und als semioffizielles Sprachrohr des Barcelonismo gilt: „In Wahrheit war es der dümmste fußballerische Freitod aller Zeiten.“ Tatsächlich muss man suchen, bis man ein Team findet, dass mit solch offenherzigem Fußball international Erfolg hatte. Manchester United bei seinem Champions-League-Gewinn 1999 ist das einsame Beispiel des zurückliegenden Jahrzehnts, wenngleich Uniteds Attacke-Fußball mehr auf Kraft und Dynamik setzte (…) Dass Außenverteidiger ohne Absicherung stürmen, ist kein hinreißender Angriffsfußball, sondern taktische Naivität. Solche Erkenntnisse schmerzen Barcelona.“

Ära des Niedergangs und der Geldverschwendung

Noch ein Abgesang auf Real Madrid – Paul Ingendaay (FAZ 16.3.): „Die Arroganz, mit welcher der Klub vor zwei Jahren den defensiven Mittelfeldmann Claude Makelele zum FC Chelsea ziehen ließ, sagt alles: Wühler und Arbeitsbienen, die brauchen die anderen. Real Madrid leistet sich einen David Beckham. Wer ein Symbol braucht, hier hat er eins. (…) Und Raul? Ach, schweigen wir von Raul. Seit fast zwei Jahren ist der Spieler mit der Nummer 7 nicht mehr er selbst und wird trotzdem beharrlich aufgestellt. Der Niedergang dieses Madrider Idols, das Verlöschen des kreativen Feuers, ist ein Rätsel und vielleicht der einzige tragische Aspekt der Krise bei Real Madrid. Der Rest ist Biologie. (…) Keine Verstärkung wird die Philosophie des Präsidenten verändern, der noch immer nicht weiß, daß er seinen Verein in eine Ära des Niedergangs und der Geldverschwendung geführt hat.“

Unterhaus

Nicht, was wir gespielt haben, ist das Spiel, sondern das, was wir erinnern

Sehr schön! Eine Zweitliga-Exegese von Christian Zaschke (SZ 16.3.): „Gabriel Garcia Marquez hat seinen Memoiren ein schönes Motto vorangestellt: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“ Nimmt man diesen teuren Satz des Nobelpreisträgers und trägt ihn an einen eher schmucklosen Ort, ins Innere des Münchner Olympiastadions, dann verliert er dort nichts von seinem Zauber. Man kann den Satz ganz wunderbar auf 1860 München gegen Eintracht Frankfurt (2:1) beziehen, vielleicht in dieser Variante: Nicht, was wir gespielt haben, ist das Spiel, sondern das, was wir erinnern, und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen. Womit man zu den Erinnerungen und den Erzählungen der Trainer Friedhelm Funkel und Reiner Maurer gelangt. Funkel erzählte zuerst: „Wir haben ein Spiel verloren, das wir nicht verlieren durften. Beim Ausgleich haben wir ein schönes Tor erzielt, man konnte sehen, wie wichtig dieser Arie van Lent für uns ist. Der Elfmeter gegen uns war eine klare Fehlentscheidung.“ Eine gute, eine knappe Erzählung, die viel in sich birgt, Niederlage, Schönheit und Unrecht. Nun erzählte Reiner Maurer: „Wir hätten früh für klare Verhältnisse sorgen können. Dann fällt das glückliche Ausgleichstor, nach einem Zusammenprall von Szukala und Jones fällt der Ball van Lent genau vor die Füße. Den Elfmeter kann man geben, wenn man im Schiedsrichter-Lehrbuch nachliest. Aufgrund der kämpferischen Einstellung war unser Sieg verdient.“ Auch dies eine schöne Erzählung, im Vortrag vielleicht etwas weniger souverän, aber auch hier viele Themen auf wenig Raum: Vergebene Möglichkeiten, unglücklicher Rückschlag, Gerechtigkeit und Kampf. Beide Erzählungen basieren lose auf dem Fußballspiel, das zuvor stattgefunden hatte, und es sind beide ein schönes Beispiel dafür, dass unsere Erinnerung stets in der Lage ist, ein uns genehmes Bild der Vergangenheit zu zeichnen, ein uns genehmeres Bild unseres Lebens.“

Er schickte Leistungsträger weg und holte Argentinier, die enttäuschten

Roland Leroi (FR 16.3.) kommentiert die Entlassung Thomas Bertholds bei Fortuna Düsseldorf: “Seit Monaten stand der frühere Profi in der Kritik, dem zuletzt Spesenbetrug vorgeworfen wurde. Fans machten Stimmung gegen ihn und im Vorstand wollte auch keiner mehr etwas von Berthold wissen. Die Fortuna fristet in der Regionalliga Nord nur ein Schattendasein und muss sich mächtig strecken, wenn man den Klassenerhalt schaffen will. Das passt nicht zu den hohen Ambitionen, die in der Modestadt gehegt werden. Erst im Januar hatte Oberbürgermeister Joachim Erwin mit der LTU-Arena ein 218 Millionen Euro teures Stadion eröffnet, in dem sich der Mann am liebsten selbst feiern lässt. Erwin, auch mächtiger Aufsichtsrats-Vorsitzender der Fortuna, engagierte im Juni 2003 deswegen Berthold. „Der Mann kann Türen öffnen und ist das Beste, was uns passieren kann“, glaubte er. Berthold fühlte sich wohl. „Die Kompetenz bin ich“, ließ er wissen und erzählte, dass er durch ein Netzwerk mit der ganzen Welt verbunden sei, um die richtigen Spieler zu beschaffen. Heute gibt er zu, dass er sich in manchen Dingen geirrt hat. Kritik ließ Berthold, dem vielfach ein arrogantes Auftreten vorgeworfen wurde, nicht gelten. Stattdessen schickte er Leistungsträger und Publikumslieblinge weg und holte Argentinier, die enttäuschten.“

SZ: Steigt Reiner Calmund bei Fortuna Düsseldorf ein?

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