indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 8. Februar 2005

Interview

Der Trainer muß die Spieler zu seinen Verbündeten machen

Aimé Jacquet mit Michael Ashelm und Christoph Ehrhardt (FAS 6.2.)
FAS: Welches Bild haben Sie vom deutschen Fußball?
AJ: Er ist für mich immer ein Musterbeispiel für Gradlinigkeit, Härte und hohe Professionalität gewesen.
FAS: Auch heute – und dann noch mit diesem aktuellen Skandal?
AJ: Auf jeden Fall. Der Skandal überrascht mich natürlich, aber man kann deshalb nicht den ganzen deutschen Fußball verdammen. Es geht hier um einige schwarze Schafe.
FAS: Und was halten Sie von Jürgen Klinsmann?
AJ: Ich kenne ihn gut. Wir haben schon oft miteinander geredet. Jürgen Klinsmann hat eine professionelle Einstellung – und das ist sehr wichtig.
FAS: Was heißt professionell für einen Trainer?
AJ: Der Trainer ist der wichtigste Mann im Fußball. Er ist der Projektleiter, der alle Talente und Fähigkeit zusammenbringt. Er hat den Plan und ist die Leitfigur für die Mannschaft.
FAS: Ausgerechnet in seinem ersten Trainerjob will Klinsmann nun die Grundlage schaffen, Deutschland endlich wieder zum Weltmeister zu machen.
AJ: Das wird eine schwierige Aufgabe für ihn. Seine einzigen Referenzen stammen aus der Zeit als sehr guter Spieler. Das wird in schwierigen Momenten nicht immer ausreichen. Doch ich glaube, er hat gute Leute um sich versammelt und ist intelligent genug für diesen Job. Vor allem muß er eine gute Kommunikation mit allen Vereinstrainern pflegen und von den Klubs und Beteiligten akzeptiert werden.
FAS: Glauben Sie, Klinsmann reicht die Zeit, einen Weltmeister aufzubauen?
AJ: Das wird sehr schwer werden. Im Moment würde ich nein sagen, aber vielleicht sehe ich das in einem Jahr anders. Ich hatte vier Jahre Zeit zur Vorbereitung mit meiner Mannschaft, er nicht mal zwei. Natürlich könnte es auch gelingen. (…)
FAS: Welches Prinzip war Ihr wichtigstes auf dem Weg zur WM?
AJ: Was ich jetzt sage, klingt wie eine Binsenweisheit. Es ist aber sehr bedeutsam. Man muß wachsame Augen haben und für das Team die besten Kräfte herausfiltern. Die Entwicklung im Fußball geht so schnell voran, daß man die besten Spieler für die Nationalmannschaft in ihrer Entwicklung permanent verfolgen muß.
FAS: Das größte Problem im modernen Fußball ist doch die Motivation der Spieler.
AJ: Deshalb muß der Trainer die Spieler zu seinen Verbündeten machen. Sonst kann er keinen Kampfgeist und Siegeswillen von ihnen erwarten. Er muß ein Klima schaffen, in dem die Spieler Lust haben, zusammenzuspielen – für das höchste Ziel in der Fußballwelt. Um die Motivation nicht zu verlieren, braucht es permanente Veränderungen bis zum letzten Moment. Jeder muß wissen, daß er nicht unersetzlich ist, aber auch ein Wörtchen mitreden darf. Jeder in der Mannschaft hat die Möglichkeit, an diesem schönen Abenteuer teilzunehmen. Das ist die Botschaft.

Internationaler Fußball

Palermo schien auf ewig Kolonie zu sein

Birgit Schönau (SZ 7.2.) misst die Bedeutung des 0:1 Juventus Turins in Palermo: „Die Niederlage war besonders bitter, denn in früheren Zeiten hatte die Mannschaft aus Turin in der Hauptstadt Siziliens immer ein Heimspiel. Solange der Lokalmatador in den unteren Ligen herumkrebste, bekannten sich die Palermitaner als glühende Juve-Fans. Sogar das rosaschwarze Palermo-Trikot, so die Legende, sei ja aus den abgelegten Hemden der Juventini entstanden. Juve-Poster hingen in jeder zweiten Kaffeebar, bei Gastspielen der Turiner oder der stark Juve-lastigen Nationalelf füllte sich das Stadion mit der sizilianischen Anhängerschaft. Palermo schien auf ewig Kolonie zu sein.“

Del Piero steckt im goldenen Käfig

Peter Hartmann (NZZ 8.2.) bezweifelt die Mittel Fabio Capellos: „Capello ist in seinem ersten Jahr bei Juventus doch nicht der unfehlbare Stratege, als den ihn vor einer Woche die Medien vorauseilend gefeiert haben. Er wälzt Personalprobleme. Goalgetter Trézéguet ist nach der langen Pause wegen seiner Schulteroperation noch nicht in die Schlangenhaut der Strafraum-“Kobra“ zurückgeschlüpft. Der Brasilianer Emerson, den Capello aus Rom mitgebracht hat, rackert sich als Pendler zwischen den Toren bis zur Wirkungslosigkeit ab. Capello hat auch die Trainingsarbeit umgestellt: Nach der forcierten Kraftschinderei an den Muskelmaschinen unter seinem Vorgänger Lippi treibt er die Spieler seit Monaten vermehrt zum Laufen. Die schwierigste Personalie, vom sentimentalen wie vom taktischen Gesichtspunkt betrachtet: Capellos Rezept von Zuckerbrot und Peitsche, von abwechselnden Vertrauensbeweisen und Verbannung auf die Bank, hat dem Melancholiker Alessandro Del Piero nicht aus der Midlife-Crisis seiner dreissig Jahre geholfen. Gianluca Vialli, sein einstiger Sturmpartner bei Juventus, der später nach England emigrierte, empfiehlt ihm dringend den Fluchtweg ins. Del Piero steckt im goldenen Käfig eines mit 4,5 Millionen Euro jährlich dotierten Vertrages bis 2008.“

Der Eindruck bleibt bestehen, dass nur Barca eine Mannschaft mit Zukunft stellt

Real Madrid ist mit Wanderley Luxemburgo wieder auf Kurs – Ralf Itzel (FR 8.2.): „Unter dem früheren brasilianischen Nationaltrainer, seit der Jahreswende im Amt, geht es nach schweren Monaten wieder aufwärts. Weil Atletico Madrid Schützenhilfe bot und beim Spitzenreiter FC Barcelona 2:0 siegte, ist der Rückstand des Zweitplatzierten Real auf vier Punkte geschrumpft – und das Titelrennen wieder spannend. Zwar bleibt der Eindruck bestehen, dass nur Barca eine Mannschaft mit Zukunft stellt, und Real vornehmlich die letzten Genialitäten seiner Altstars abruft, doch während die jungen Katalanen zusehends nervös werden, können die Madrider Routiniers nun ihre Erfahrung in die Waagschale werfen. Öfter und härter trainieren müssen die Berühmtheiten unter der neuen Leitung jetzt auch, und sie bewegen sich geordneter über den Rasen. Luxemburgo hat bei jedem Spiel einen Knopf im Ohr oder ein Handy in der Hand, um sich von der Tribüne Positionsfehler übermitteln zu lassen. Vor allem aber hat der vierte Real-Trainer in acht Monaten, wie die meisten Brasilianer ein fröhlicher Mensch, der Mannschaft frischen Optimismus eingehaucht.“

Kein Verständnis für die Tradition und die Geschichte von Manchester United

Malcolm Glazer ist schlecht informiert – Clemens Martin (NZZ 8.2.): „Glazer hat am Wochenende wenig Feingefühl bewiesen. Ausgerechnet am Jahrestag des Flugzeugunglücks von München, als 1958 die halbe Mannschaft von Manchester United ums Leben gekommen war, reichte der amerikanische Multimillionär sein drittes Übernahmeangebot für den 15fachen englischen Meister ein. 300 Pence pro Aktie will er zahlen, exakt so viel wie beim letzten Versuch im Oktober 2004. Für die Anhänger der United, die gegen sämtliche Versuche einer Übernahme ihres Klubs sind, bewies der Zeitpunkt von Glazers Vorgehen vor allem eines: Der Eigentümer der Tampa Bay Bucaneers habe keinen Sinn und kein Verständnis für die Tradition und die Geschichte von Manchester United.“

Ball und Buchstabe

Lahme Ente, Lagerdenken, Partikularinteresse

Michael Horeni (FAZ/Politik 7.2.) schreibt über die Wirkung des Wettskandals auf das Ansehen Gerhard Mayer-Vorfelders und das Machtverhältnis im deutschen Fußball: „Nach den Erfahrungen im aktuellen Krisenfall scheinen innerhalb des DFB die Zweifel an einer Tragfähigkeit dieser noch vor wenigen Monaten intern hochgepriesenen Kompromißlösung zu wachsen. Es wird mittlerweile innerhalb des DFB erkennbar einsam um den 71 Jahre alten ehemaligen Finanzminister Baden-Württembergs, dessen frühere Vitalität und Spannkraft auch wohlmeinende Kollegen immer mehr vermissen. Mayer-Vorfelder, dessen Amtszeit nach der WM 2006 endet, gerät zusehends in die Rolle der „lahmen Ente“. In manchen Medien kursieren schon Berichte, wonach ein innerer Zirkel plane, Mayer-Vorfelder zu stürzen. Theo Zwanziger nutzt die Gunst der Krisenstunde, um an Profil zu gewinnen. Die Strategie verfängt. Mayer-Vorfelder, in dessen politische Verantwortung das Kommunikationsdesaster fiel, haftet nun allein das Etikett des Bremsers und Blockierers an. Zwanziger trieb als neuer Verantwortlicher die Aufarbeitung des Skandals in den vergangenen zwei Wochen entschieden voran., was dem DFB und dem Geschäftsführenden Präsidenten Anerkennung einbrachte. (…) Das Motto des DFB-Bundestags lautete: „Kräfte bündeln für 2006“. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit fällt dem deutschen Fußball jedoch schwerer als gedacht. Die für den Profifußball verantwortliche DFL, durch einen Grundlagenvertrag mit dem DFB verbunden, hat in dem Skandal keine eigenständige Position beziehen können. Das Partikularinteresse der einzelnen Bundesligavereine ist immer noch übermächtig, ebenso das Lagerdenken zwischen Profi- und Amateurfußball. Der Wettskandal erweckte, obwohl zahlreiche Profivereine betroffen sind, bisher der Eindruck, als betreffe er nur den DFB, nicht aber die DFL. Der als eigenständige Interessenvertretung gegründete Ligaverband verschwand in der jüngsten Krise vollständig im Schatten des großen Verbands. (…) Das Organisationskomitee der WM, organisatorisch und personell eng mit dem DFB verflochten, blieb im Fußballskandal auffällig stumm.“

Die MV-Attacke kehrt sich zum Eigentor

Thomas Kistner & Klaus Ott (SZ 8.2.) kontern die Kritik Mayer-Vorfelders an Oddset: „Mit Hurra führt der DFB die neue Attacke, doch wird der erhoffte Befreiungsschlag gleich zum Bumerang. Aktenzeichen gibt es, wenn der Staatsanwalt ermittelt – aber davon hat Oddset ebenso niemals gesprochen wie von Anzeigen in Sachen Hoyzer. Es hieß nur immer, man habe im August 2004 die Kripo unterrichtet. Wie MV oder andere Juristen beim DFB nun darauf kommen, aus einer „Information“ an die Kripo müsse ein Aktenzeichen erwachsen, bleibt schleierhaft. Zumal sich die Kripo mit der Sache kaum befasst hatte, wie der DFB nur vier Wochen später erfuhr. So kehrt sich die MV-Attacke zum Eigentor: Um so mehr stellt sich die Frage, warum der DFB damals untätig geblieben ist. Oddset hatte dem Verband klare Betrugshinweise geliefert und den Begriff „Manipulation“ nur auf Wunsch des DFB in seinem Benachrichtigungsschreiben vom 23. August nicht verwendet. Stattdessen hieß es „Unregelmäßigkeiten“ – Wortklauberei. Im Kampf um sein Amt schießt sich MV nun auf einen der wichtigsten Partner des Fußballs ein.“

Die Doppelspitze des DFB scheint nicht über die nötige Schlagkraft zu verfügen

Auch Michael Ashelm & Thomas Klemm (FAS 6.2.) bezweifeln die Effizienz der zweifachen Präsidentschaft: „Ist der deutsche Fußball mit seinen führenden Organisationen den heutigen Gegebenheiten überhaupt noch gewachsen? Als träges, recht unbewegliches Schlachtschiff erscheint der über allem thronende DFB, wenn die See mal rauher wird oder sich plötzlich Hindernisse in den Weg stellen. Die Topfunktionäre des Verbandes wirkten tagelang wie Getriebene, die durch neue Enthüllungen immer stärker unter Druck gerieten. (…) Kompetenzgerangel, langsame Entscheidungswege, Reibungsverluste zwischen Ehrenamt und Hauptamt sowie ein wenig effektiver Kommunikationsfluß mit der partnerschaftlich verbundenen DFL führen immer wieder zu neuen Fragen und einer schwachen Außendarstellung. Während der Hoyzer-Affäre tauchen diese Defizite aufs neue wieder auf. (…) Die Doppelspitze des DFB scheint in schwierigen Situationen nicht über die nötige Schlagkraft zu verfügen.“

Es braucht nicht viel, um den deutschen Profi-Fußball zu überlisten

Der Spiegel (5.2.) interpretiert Hoyzer: „Das Geständnis, das Robert Hoyzer ablegte, ist mehr als das persönliche Drama eines jungen Mannes. Es zeigt, wie Blauäugigkeit, falsche Kameraderie und Gier selbst in einen Lebensbereich vorgedrungen sind, auf den Deutschland so stolz war wie auf den Mercedes-Stern und die Deutsche Bundesbank. (…) Eine der wenigen Wahrheiten, so viel scheint in den Wirbeln immer neuer Enthüllungen, Dementis und Vernebelungstaktiken gewiss, ist die schlichte Tatsache, dass es nicht viel braucht, um den deutschen Profi-Fußball mit all seinen Instanzen, Gremien und Kontrollmechanismen zu überlisten. Dass ein paar risikosüchtige Fußballzocker ausreichen, um das System an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen: der Verführbarkeit von Schiedsrichtern. (…) Dass ein Spiel so simpel zu verpfeifen ist, hat etwas mit dem ausgeglichenen Niveau der heutigen Profi-Mannschaften zu tun. Über Sieg oder Niederlage entscheiden oft die von den Trainern so gern bemühten „Kleinigkeiten“. Das kann ein kleiner Stellungsfehler des Verteidigers sein oder das falsche Abseits-Urteil eines Schiedsrichter-Assistenten. Es gibt heutzutage mehr Ermessensentscheidungen denn je. Seit die Dreier- oder Viererketten von Verteidigern geschlossen vorrücken oder zurückweichen, häufen sich die Grenzsituationen, die mit bloßem Auge kaum noch zu beurteilen sind. Gelegenheiten, den Spielausgang zu beeinflussen, gibt es mindestens so reichlich wie unübersichtliche Strafraumsituationen, das Repertoire der Profis an Tricks und Täuschungsmanövern ist inzwischen immens.“

Unverbrüchliche Liebe

Warum sind die Fans von all dem Skandal unbeeindruckt, Wolfgang Hettfleisch (FR 7.2.)? „Die Menschen sind ballfixiert, finster entschlossen, sich ihren Spaß am Spiel durch nichts und niemand verderben zu lassen. Woran sollen sie sich sonst erfreuen im Land der fünf Millionen Arbeitslosen? Niemand kann den Leuten diese Haltung ernstlich übel nehmen. Doch sie birgt Gefahr. Die Branche hat es eilig, zur Tagesordnung zurückzukehren, will klein reden und rasch vergessen machen, dass gegen Geld Punkte und Tore zu haben waren. Die unverbrüchliche Liebe, in der Millionen hierzulande diesem Sport verbunden sind, wird ihnen die Arbeit leichter machen.“

Schlechter Stil

Thomas Kilchenstein (FR 8.2.) findet zwei weitere Verlierer: „Das ist ganz schlechter Stil. Aber die Gelegenheit schien dem Schalke-Macho zu günstig, einem offenbar unliebsamen Schiri eine mitzugeben und auf einen ohnehin schon am Boden Liegenden noch einmal zu treten. Rudi Assauer ist da seinem Ruf als „Kashmere-Hooligan“ (Uli Hoeneß) gerecht geworden, auf dem Feld hätte es die Rote Karte gegeben. Die hat sich auch Klaus Toppmöller verdient, der sich landauf, landab als das größte Opferlamm der Republik geriert und gegen alle und jeden Schadenersatzklagen einzureichen ankündigt. Die Meisterschaft sei ihm verwehrt worden, sein Job in Hamburg deshalb gestrichen, barmte der Mann. Wahrscheinlich wäre Toppmöller schon längst Bundestrainer geworden ohne den Bundesliga-Skandal.“

Strafstoss

Strafstoß #21 – 11. Februar 2004 Reine Nervensache 7 – In den Niederungen der Verbandsliga

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Christoph Bieber: Herr Mertens, wenn Sie sich eine Sportverletzung zuziehen müßten, welche würden Sie wählen?

Mathias Mertens: (Hüstel)! Reitet Sie jetzt die Schadenfreude über meinen kürzlich erlittenen Achillessehnenriss? Wenn ich momentan gerade wählen könnte, dann würde ich keine Sportverletzung als Sportverletzung wählen.

CB: Oh, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte keinesfalls Salz in noch nicht verheilte Wunden streuen und sie auch nicht nach Ursache und Krankheitsgeschichte fragen. Doch Verletzungen gehören inzwischen zum Standardrepertoire des Redens und Schreibens über den Fußball, man könnte sogar meinen, es gibt so etwas wie eine Sportverletzungskultur. Aber einmal muss ich Sie noch auf Ihr Schicksal ansprechen – ist ein Achillessehnenriss nicht geradezu der Maybach unter den Sportverletzungen?

MM: Nun ja, das ist ein schöner Vergleich, zumal man ja sein Bein in einer schmucken Polsterung hochlegen darf, von fürsorglichen Menschen durch die Gegend chauffiert wird, man Cocktails schlürfend am Pool liegen und das Gesamtwerk von Marcel Proust lesen kann. Und sich in so illustrer Gesellschaft wie Uwe Seeler, Marco van Basten, Lothar Matthäus oder Ciriaco Sforza weiß.

CB: Wie bitte? Die haben sie im Proust-Lesezirkel getroffen? Erstaunlich!

MM: Also bitte. Sie machen sich schon wieder über mich lustig, Herr Bieber. Aber solch eine Verletzung hat auch ihre guten Seiten: keine Schmerzen, nur extensive horizontale Reha, das ist tatsächlich nicht zu verachten. Zu Denken gibt mir allerdings, dass der Achillessehnenriß eine große Affinität zur paranoiden Persönlichkeit aufweist, denn man liest immer wieder Beschreibungen wie die folgende: „Die verletzte Person spürt beim Riß der Sehne oft einen „Tritt“ oder „Schlag“ im Bereich der Wade oder Achillessehne und hört gleichzeitig einen lauten „Knall“. Aufgrund dieses Ereignisses dreht sich der Sportler um und vermutet hinter sich einen Gegenspieler, welcher jedoch gar nicht vorhanden ist.“ Oder bilde ich mir jetzt nur ein, dass die anderen denken, ich sei paranoid?

CB: Nun ja, „Paranoia“ wäre immerhin mal etwas Neues im Sportverletzungssektor, der ja bestimmt wird von Prellungen, Zerrungen, Dehnungen, Muskelfaserrissen und ähnlichen Verschleißerscheinungen. Insbesondere für torgefährliche Stürmer sollte die permanente Verfolgung ja ein durchaus bekanntes Gefühl sein – wenngleich die klassischen Manndecker, die ihre Gegenspieler ja schon mal wie ein Schatten (und im Zweifel bis zur Toilette) begleiten sollten, modernen Techniken der Raumüberwachung zum Opfer gefallen sind. Aber vielleicht ist da ja ´was dran – die mentale Dimension der Verletzungen im Fußball hat durchaus an Bedeutung gewonnen, denken sie nur an die Fälle der „erschöpfungsdepressiven“ Deisler oder Simak. Haben Sie die eigentlich auch im Proust-Lektürekurs getroffen?

MM: Iwo, denen wäre die „Recherche de la temps perdu“ doch zu gut gelaunt. Aber „erschöpfungsdepressiv“, was für ein Wort! Ich dachte immer, die beiden hätten eine Krankheit, die man erst vor ein paar Jahren in den Pharmaziefabriken der Welt erfunden und mit dem schönen deutschen Wort „Burnout“ belegt hat. Und jetzt kommen sie mir mit so einer germanizistischen Blüte. Gab es denn etwa früher schon solche „Ausbrennungen“? Nannte man das bloß nicht so? Oder hat man die Betroffenen, um ein Wort Holger Börners über die Grünen abzuwandeln, „damals auff´m Platz mit der Torlatte kuriert“?

CB: Das eher nicht, aber das „Burnout-Syndrom“ ist laut Auskunft einschlägiger Sachverständiger in der Tat „eine Erkrankung unserer modernen, schnelllebigen Zeit, die die Menschen vollkommen auslaugt“ (vgl. dieses Special im Waldemar-Hartmann-Sender). Und tatsächlich: modern und schnelllebig sind nicht die Attribute, die ich bei einer kürzlichen Revision des WM-Finales von 1974 der damals gezeigten Performance zugeordnet habe. Das betraf im übrigen nicht nur das Spiel, sondern auch den Fernsehkommentar, der eine ähnliche Ruhe ausstrahlte, wie auf dem Platz der leichtfüßige Franz Beckenbauer. Möglicher Weise liegt in der zunehmenden Beschleunigung des Spiels durch die mediale Aufbereitung auch ein Grund für das Auftreten von Soccer-Burnouts: heutzutage brüllt doch jeder Mikrofon-Novize mit sich überschlagender Stimme ins Mikro, wenn nur die Balljungen das Spielgerät auf Höhe des Strafraums in Richtung Feld rollen. Also ist der Burnout im Wortsinne eine „Erfindung der Medien“?

MM: Ich weiß nicht so recht. Wo wir doch gerade alle unsere zum Durchbrennen neigenden Röhrenfernseher gegen neue Plasmabildschirme auswechseln… Das ist mal eine Sportverletzung, die ich mir wirklich nicht zuziehen möchte: Ein kaputter Fernseher!

CB: O ja, in der Tat, das wäre ein schwerer Schlag und sicher würde dafür auch keine Krankenkasse aufkommen. Ein ähnlicher Fall wäre ja auch ein technischer Defekt der Konsolen-Fernbedienung, und die damit verbundene Zwangspause bei computergestützten Fußball-Simulationen. Wie man hört, ist dieser Zeitvertreib auch bei Profikickern recht beliebt, aber von einer Sehnenscheid-Entzündung als Grund für eine Verletzungspause ist noch nichts bekannt, oder? Wäre allerdings auch nicht ganz so originell wie das peinliche Malheur des spanischen Nationalkeepers Santiago Cañizares: die WM-Teilnahme wegen eines zersplitterten Parfüm-Flakons zu verpassen, hat hohes Trauma-Potenzial.

MM: Trauma-Potential? Ich würde sagen, das hat hohes Dandy-Potential! Seit dem letzten Versuch durch Günter Netzer, die décadence im Profifußball einzuführen, die erste Anstrengung in dieser Richtung seit Jahren. Daher meine höchste Anerkennung für diese Aktion. Und wenn rauskäme, daß Oliver Kahn wegen eines Nintendo-Daumens das Finale 2002 vergurkt hätte, würde er auch wieder ein paar Punkte in meinem Ansehen steigen. Trotzdem wäre beides nicht die Verletzung meiner Wahl. Das wollten Sie doch eigentlich wissen? Oder hatten Sie von vornherein keine Hoffnung darauf, von mir eine Antwort zu erhalten?

CB: Ja, sie haben recht, ich wollte eigentlich wissen, welche Sportverletzung Sie sich zuziehen wollen würden. Aber inzwischen sollten Sie mich doch als gründlichen Typologen kennen und nun haben Sie ja auch eine stattliches Panorama klassisch-mechanischer, neumodisch-mentaler oder medial-technologischer Diagnosen zur Auswahl. Also, welcher Verletzungstyp liegt ihnen besonders nahe?

MM: Na ja, trotz aller postmoderner und technizistischer Diskursverliebtheit bin ich tief drinnen doch ein Traditionalist. Sport ist Sport, weil er Sport ist. Und deshalb steht für mich außer Frage, daß ich eine klassisch-mechanische Verletzung wählen würde. Ich neigte ja, als sie fragten, schon zur weichen Leiste, bereits aus nostalgischen Gründen, weil ich mir als Kind immer ganz seltsame Dinge darunter vorstellte, wenn das im Fernsehen erwähnt wurde. Aber nachdem sie nun zur Adduktorenzerrung mutiert ist, entscheide ich mich aus vollster Überzeugung für die Platzwunde…

CB: …die sie wahrscheinlich ehrenhaft im Zweikampf erworben haben wollen. Vielleicht durch ein Tackling von Roy Keane oder lieber beim Disput mit Eric Cantona? Oder wünschten Sie sich ehe einen Zusammenprall mit einem ruhenden Gegenstand, sagen wir dem Torpfosten oder einer Werbebande?

MM: Nee, nee, das mit der Torlatte überlaß ich, wie gesagt, lieber dem Börner. Zweikampf ist schon gut, Cantona wäre sehr cool, aber ich muß doch Alois Reinhardt bevorzugen, denn die Platzwunde ist biografische Nostalgie, weil mich das Turban-Spiel von Dieter Hoeneß 1982 so beeindruckt hat. Und das, obwohl ich damals in HSV-Bettwäsche schlief.

CB: HSV-Bettwäsche?? Herr Mertens, mit diesem Bekenntnis tun sich Abgründe auf – die Nutzung von Bekenner-Bettwäsche erfüllt eigentlich auch bereits den Tatbestand der Sport-Verletzung. Wie man sich bettet, so liegt man – wenn das mal nicht zu Spätfolgen wie Haltungsschäden oder Schlaflosigkeit führt. Da muss ich gleich mal mit Müller-Wohlfahrt telefonieren…

Bundesliga

Normale Zustände

Wieder Normalität – Roland Zorn (FAZ 7.2.) ist erleichtert: „Die Schreckensstarre ist gewichen: Es darf wieder über die Schiedsrichter gemeckert werden. Der dritte Rückrundenspieltag der Bundesliga wurde anders als seine beiden Vorgänger nicht mehr vom Wettskandal überschattet. Der ganz normale Alltag ist in die Arenen zurückgekehrt – und mit ihm der gewöhnliche Ärger über einen falschen Pfiff (…) Es ist wünschenswert, wenn auf der Spielwiese Bundesliga so rasch wie möglich wieder normale Zustände zwischen Jubel und Empörung, begeisterter Zustimmung und grenzenlosem Unverständnis herrschen. Am zwanzigsten Spieltag ist ein Neuanfang gemacht worden, der gerade deshalb tröstlich stimmt, weil aufs neue die unverdächtige Fehlbarkeit der Schiedsrichter sichtbar wurde. Irren ist menschlich, dieser Grundsatz gilt weiter – auch für leidgeprüfte Referees.“

Selbst schuld ist der, der sich dem Dialog verweigert

Sprich mit mir!, fordert Klaus Hoeltzenbein (SZ 8.2.): „Der 20. Spieltag war kein durchweg positiver für die Sorgenkinder der Nation. Was damit zu tun hat, dass von den tausend Pfiffen, die getätigt wurden, zwei zu wilden Diskussionen führten. Und dass einer, der Pfiff des Tages, gar ohne jede Erklärung blieb. Michael Weiner, der Polizeiwachtmeister, der ihn tätigte, hat das Münchner Olympiastadion lautlos verlassen. Zu sehen war, wie er den Rücken kehrt und geht, als plage ihn etwas. Eskortiert wurde Weiner von Manfred Amerell, Mitglied im Schiedsrichter-Ausschuss des DFB, und es ist zu vermuten, dass dieser ihn beraten hat. Doch Flucht war die falsche Idee, sie erhärtet nur den Verdacht auf Charakterschwäche, der seine Zunft in der Wett- und Manipulationsaffäre belastet. Weiner hätte nur zugeben müssen, er habe sich geirrt. (…) Jeder, der sich derzeit bei Passiv/Aktiv-Abseits vertut, wird freigesprochen. Wer eine Andy-Möller-Schwalbe nicht identifiziert oder ein Wembley-Tor anerkennt, dem droht gnadenlos Vergebung. Selbst schuld ist der, der sich dem Dialog verweigert. Denn nie war der Wunsch größer, einen Schiri zu knuddeln.“

Da entdeckt einer plötzlich seine Liebe zum Arbeitgeber wieder

Claus Dieterle (FAZ 7.2.) beschreibt befremdet Timo Hildebrands Pressekonferenz zu seiner Vertragsverlängerung: „Der sonst so smarte Hildebrand schien nach der Unterschrift von einer unerklärlichen Formulierungsschwäche befallen. Jedenfalls hielt er sich lieber an Gedrucktem fest. Die kleine, bisweilen holprige Vorlesung in eigener Sache, die nicht unbedingt authentisch wirkte, ließ selbst Hildebrand-Anhänger ratlos zurück. Da entdeckt einer plötzlich seine Liebe zum Arbeitgeber wieder, mit dem er eigentlich schon abgeschlossen hatte. Und jetzt entschuldigt sich der Torwart bei den Fans, daß alles so lange gedauert habe und behauptet, daß er ja nie gesagt habe, „daß ich den VfB verlassen will“. Die Verlängerung sei keine Frage des Geldes gewesen, sondern ein persönlicher Konflikt: Zwischen seinem Verstand, der ihm geraten habe, schon jetzt zu einem europäischen Spitzenklub zu wechseln, und seinem Herz, das dem VfB gehöre. Schließlich habe das Herz gesiegt. Eine Erkenntnis, die reichlich spät kommt und, vom Blatt abgelesen, die emotionale Tiefe der Torwartworte treffend wiedergab. Vielleicht steckte dahinter aber auch nur die Einsicht, daß die europäischen Topklubs nicht gerade Schlange gestanden haben bei der Nummer drei im Tor der deutschen Nationalmannschaft. (…) Sprach’s und verschwand. Bitte keine Fragen! Weil Antworten nicht auf dem Zettel stehen?“

Oliver Trust (SZ 7.2.) ergänzt: “Was ans Ohr drang, klang wie die Mischung aus einer vom Anwalt gestylten Gegendarstellung und Drehbüchern anheimelnder Serien des Vorabendprogramms. (…) Dann rauschte der Mann davon, der vor Tagen noch einen bis 2010 datierten Vertrag mit 1,8 Millionen Euro Jahresgehalt abgelehnt hatte. Ohne Fragen zu beantworten. Nicht die, warum sein verdienstvoller Berater Bukovac nicht mehr mit am Tisch sitzen durfte. Nicht die, warum er erst durch ein Feuerwerk an Ultimaten zur Raison gebracht werden musste. Später wird kolportiert, sein beratender Freundeskreis habe Hildebrand mühsam davon abbringen können, auszupacken und die VfB-Manager bloß zu stellen.“

Konzentriert und auf das Wesentliche fixiert

Roland Zorn (FAZ 7.2.) hat schon bessere Spiele gesehen als das 2:0 Bayern Münchens gegen Bayer Leverkusen: „Der Tabellenführer tat, was er mußte, und fand dazu in Schiedsrichter Michael Weiner einen – man muß es heutzutage hervorheben – unfreiwilligen Helfer; der Möchtegern-Verfolger unterließ, was nötig gewesen wäre, um den Münchnern näher zu kommen. (…) Was nach dem guten Start beider Mannschaften in die Rückrunde ein Spitzenspiel hätte werden können, ließ kaum Raum für Kreativität und Phantasie. (…) Erst wenn am 22. Februar die schweren englischen Wochen, eingeläutet durch die Begegnung mit dem FC Arsenal, anheben, dürfen sich die Ligarivalen wieder leise Hoffnungen machen, erschöpften Münchnern hier und da ein paar Pünktchen abzujagen. Derzeit aber präsentiert sich der FC Bayern vital, konzentriert und auf das Wesentliche – die Mission Meisterschaft – fixiert.“

Illusion eines Fouls

Andreas Burkert (SZ 7.2.) gähnt: “Die Illusion eines Fouls hatte ein trostloses Fußballspiel entschieden, dessen größte Aufregung ansonsten jener Befreiungsschlag von Robert Kovac war, der in der Ehrenloge unter Angstschreien knapp vor der Reihe des Ministerpräsidenten endete. Irgendwie hatten die Leverkusener das schiedsrichterliche Versagen aber verdient, denn in der reichen Sammlung ihrer hasenfüßigen Auftritte im Olympiastadion wird der jüngste zweifelsfrei einen besonderen Platz finden.“

Meinung zu lenken ist ein Geschäftszweig, auf den sich der FC Bayern vortrefflich versteht

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 7.2.) traut seinen Ohren nicht: „Ein dick wattierter Mantel im beigefarbenen Glencheckmuster schützte Karl-Heinz Rummenigge vor der Kälte. Der ausgewiesene Liebhaber britischer Garderobe, dem die Mannschaft zu seinem 40. Geburtstag vor knapp zehn Jahren einen englischen Schuhputzkoffer geschenkt hatte, sah darin aus wie ein echter Landadliger. Doch ein einziger Satz erschütterte das Bild, das man sich von solch ehrbaren, aufrichtigen Exzellenzen macht: „In der zweiten Halbzeit haben wir unsere beste Saisonleistung gezeigt.“ Es war ein kitzelnder Moment, in dem sich die Gedanken überschlugen: Sollte das ein Witz sein? War da nicht ein hintersinnig-ironisches Lächeln? Oder meinte Rummenigge das etwa im Ernst? Der Vorstandschef war wohl wirklich überzeugt von dem, was er gerade gesagt hatte. Zumindest tat er so. Womit auch der FC Bayern ab sofort seine Manipulationsaffäre hat. Doch Entwarnung allenthalben: Es ist kein Fall für den Staatsanwalt. Der Vorstandschef wollte ja keinesfalls das Spielergebnis manipulieren, das heißt beeinflussen. Sondern allein die Bewertung durch die Medienschaffenden. Deren Meinung zu lenken ist ein Geschäftszweig, auf den sich der FC Bayern vortrefflich versteht.“

Luftblasen

Eine neue, alte Situation in Wolfsburg – Jörg Marwedel (SZ 8.2.): „Sechs Niederlagen in sieben Spielen haben das Team vom ersten auf den neunten Tabellenplatz stürzen lassen, dorthin, wo der VfL nie mehr sein wollte. Die Ambitionen des neuen Sportdirektors Thomas Strunz, der den Profis die Bayern-Mentalität einreden wollte, wirken plötzlich wie Luftblasen. Strunz ist jetzt nicht mehr Prediger des Erfolgs, sondern Krisenmanager.“

NieMeyer raus!

Freddie Röckenhaus (SZ 7.2.) schildert den Protest der Dortmunder Fans: „Die Anhängerschaft von Borussia Dortmund hat offenbar endgültig die Nase voll von den langjährigen Geschäftsführern des Klubs, Gerd Niebaum und Michael Meier. Rund tausend BVB-Anhänger zogen in Hannover in einem Demonstrationszug vom Bahnhof zum Stadion und skandierten dabei unter anderem immer wieder „NieMeyer raus!“ Auslösender Punkt war für die BVB-Fans, die seit Monaten eine Serie von immer neuen Enthüllungen über ihren Klub ertragen müssen, der vergangene Woche öffentlich gewordene Vertrag mit dem Gerling-Konzern. Darin hatte Manager Michael Meier dem Versicherungskonzern unter anderem alle wichtigen Markenrechte rund um den Vereinsnamen Borussia Dortmund und das Vereinsemblem sicherheitsverpfändet. „Uns ist damit der letzte Stolz genommen worden“, klagt Reinhard Beck, Vorsitzender der neu gegründeten Fan-Abteilung im BVB. „Unsere Leidensfähigkeit ist erschöpft. Wir werden dokumentieren, dass die Situation nicht mehr tragbar ist.“ In Hannover haben die Fans des sechsmaligen Deutschen Meisters ihren Protest unter das Motto „Not for sale“ gestellt, zu deutsch: „Nicht zu verkaufen.“ In Anlehnung an die Fans von Manchester United, die mit dem gleichen Slogan gegen den Komplettverkauf ihres Klubs protestiert hatten.“

Symbol für den sportlichen Niedergang der Schwarz-Gelben

Was bedeuten die zwei Tore Lars Rickens, Jörg Marwedel (SZ 7.2.)? „Rickens Geschichte ist eine typische Borussia-Geschichte. Kaum ein Spieler eignete sich besser als Symbol für den sportlichen Niedergang der Schwarz-Gelben als jener Mann, der schon mit 17 Jahren als Wunderknabe in der Bundesliga debütierte und als 20-Jähriger mit einem Tor im Finale gegen Juventus Turin 1997 maßgeblich zum Gewinn der Champions League beitrug: Gesättigt von historischen Triumphen und fürstlichen Gehältern, die allein übrig geblieben sind aus der Zeit des Dortmunder Größenwahns – anscheinend nicht bereit, für einen Neubeginn die Ärmel richtig aufzukrempeln, deshalb zeitweise gar ins Regionalliga-Team degradiert. Und als der mittlerweile 28-Jährige unlängst ein Angebot der Glasgow Rangers ausschlug, wurde ihm auch das als Bequemlichkeit ausgelegt und nicht als Treue. Vielleicht wird Lars Ricken jetzt wieder zu einem Symbol, diesmal für die zumindest sportliche Auferstehung der wirtschaftlich ums Überleben bangenden Borussia.“

So hatten sie sich das vorgestellt in Mönchengladbach

Ulrich Hartmann (SZ 8.2.) befasst sich mit dem guten Rückrundenstart Borussia Mönchengladbachs: „Tatsächlich steht seit Jahresbeginn eine andere Gladbacher Mannschaft auf dem Feld. Fünf der im Winter verpflichteten Neuzugänge befanden sich gegen Freiburg in der Startformation. Das Tor hütete der US-Amerikaner Kasey Keller zwar nur mit leidlichem Erfolg, der Australier Craig Moore hingegen stabilisierte zuverlässig die Innenverteidigung, der Belgier Bernd Thijs räumte vor der Abwehrkette auf, Jörg Böhme tobte sich halblinks aus, und der Belgier Wesley Sonck spielte einen Rechtsaußen mit Drang zum Tor. So hatten sie sich das vorgestellt in Mönchengladbach.“

Samstag, 5. Februar 2005

Ball und Buchstabe

Es geht ja gerade erst los

Wettskandal – Thomas Kistner (SZ 5.2.) sieht Dunkles auf den Weltfußball zukommen: „Töricht ist es, von Einzelfällen zu reden, wenn der Staatsanwalt die Affäre schon über Deutschland hinausreichen sieht. Dieser Betrug wurzelt in der Sportwettbranche, eine weltweit operierende Milliardenindustrie, die sich gewiss nicht nur auf den deutschen Markt fokussiert. Mancher muss das noch lernen, etwa Sepp Blatter, der den DFB ob seiner Versäumnisse rügte. Dieselbe Rüge kann er jetzt nach Belgien schicken, auch dort geht es um Ergebnisbetrug. Den Fußball, nicht nur den deutschen, wo die Zockerszene im Westen noch gar nicht ausgeleuchtet ist, wird das Thema lange beschäftigen. Es geht ja gerade erst los.“

Hilfloser Versuch

Michael Eder (FAZ 5.2.) besucht Jürgen Jansens Pressekonferenz: „Jansen, sichtlich aufgewühlt, aber das Interesse auch genießend („Meine Damen und Herren, liebe Fernsehzuschauer“), erhebt sich von seinem Stuhl und bittet im bestens ausgestatteten Multimediaraum um die Einspielung einer ersten Spielszene. (…) So steht Jansen vor der Videowand, will Beweise zeigen, und sein Anwalt meint, man würde das doch sehen, wenn einer betröge. Es ist ein hilfloser Versuch, mit Hilfe von Videobildern Dinge sichtbar zu machen, die nicht sichtbar zu machen sind. Und es wird klar, wie recht die Fußballrichter mit ihrer grundsätzlichen Vorsicht gegenüber „Fernsehbeweisen“ haben. Sie sind schon bei der Frage mit Vorsicht zu genießen, ob ein Schiedsrichter eine Szene falsch beurteilt; für die Beantwortung der Frage, warum ein Schiedsrichter eine Szene falsch beurteilt, sind sie völlig ungeeignet.“

Bundesliga

Wieder Gaukler

Richard Leipold (FAZ 5.2.) wundert sich, wie Peter Neuruer so schnell so viel Kredit verlieren konnte: “Auf den vielen Stationen seiner Karriere als Fußballtrainer ist Neururer nicht immer nur Gutes widerfahren. Dennoch hat er sich eine offene Art bewahrt und eine Diktion, die ihn als bodenständigen Westfalen ausweist. Deshalb war er stets auch dann einigermaßen beliebt, wenn der Erfolg ihn verließ, und das geschah oft schon nach kurzer Zeit. Nach all dem Pech und den Pleiten bei allerlei Klubs wähnte er sich beim VfL Bochum am Ziel. Der Wohlfühlfaktor entschädigte ihn lange für die geringen Möglichkeiten, die der Verein im Schatten der großen Nachbarn Schalke und Dortmund zu bieten vermag. In Bochum erfuhr Neururer endlich Respekt und vor allem Vertrauen. Auch die Fans, anfangs reserviert, schlossen den Trainer mit dem proletarischen Touch allmählich ins Herz. (…) Seit die Mannschaft an längst überwunden geglaubte Zeiten anknüpft und auftritt wie ein Absteiger, werden an der Basis die alten Klischees hervorgeholt. Die Vergangenheit hat Neururer eingeholt. Der beredsame Trainer erscheint manchem wieder als Gaukler, der mehr verspricht, als er zu halten imstande ist.“

Freitag, 4. Februar 2005

Ball und Buchstabe

Er will den Karren weiter steuern, den er in den Sumpf getrieben hat

Klaus Hoeltzenbein (SZ 4.2.) kommentiert die Strategie des DFB-Präsidenten: „Mayer-Vorfelder versucht, die Affäre allein in die Zuständigkeit seines Neben-Präsiden zu verlagern, der nicht im Amt war, als sie begann. Er selbst verwechselt Ignoranz mit Treuepflicht und betont charakterliche Stärke: Gehöre er doch nicht zu jenen, die davonrennen, wenn die Zeiten ungemütlich werden. Rennen nicht. Vielmehr stiehlt er sich davon – aus der Verantwortung, indem er auf dem Sessel kleben bleibt. Er will den Karren weiter steuern, den er in den Sumpf getrieben hat. Ohne Kurskorrektur. Immer tiefer hinein.“

Der Feind in den eigenen Reihen

Roland Zorn (FAZ 4.2.) fordert mehr Kontrolle und Realitätssinn: „Ein „Licht am Ende des Tunnels“ will Theo Zwanziger in der Aufarbeitung des großen Wettskandals gesehen haben. Wenn überhaupt, kann nur von einem Lichtlein die Rede sein. (…) Was vor allem beunruhigt, ist die vermutete Nähe zwischen einem (oder mehreren) sportlichen Erfüllungsgehilfen und der organisierten Kriminalität. Über das Ausmaß der Verflechtung läßt sich im Moment zwar nur spekulieren, doch ist allein der hier und da begründete Anfangsverdacht beunruhigend genug, die Integritätsfrage neu zu stellen. Vielleicht sollte der DFB seine über Jahre verdienten, unangreifbaren Schiedsrichter doch nicht mit Siebenundvierzig in „Rente“ schicken und seine Nachwuchsreferees charakterlich etwas länger schulen, ehe ihnen die Leitung höherklassiger Begegnungen anvertraut wird. Ein Hoyzer ist Warnung genug. Früherkennung tut not: gegenüber manipulativen Zockern, aber auch gegenüber dem Feind in den eigenen Reihen.“

Man sollte seine Motivation, Spieler oder Schiedsrichter zu nennen, hinterfragen

Aus einem Tsp-Gespräch (4.2.) über Robert Hoyzer mit den Schiedsrichtern Olaf Blumenstein, Manuel Gräfe und Lutz Michael Fröhlich, die den Fall Hoyzer ans Licht gebracht haben
MG: Ich hatte bis vor drei Jahren einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm. Aber wegen seines Charakters habe ich das beendet. Es war vor allem die Unzuverlässigkeit und die Überheblichkeit, wobei sich die Überheblichkeit mir gegenüber in Grenzen hielt, weil wir befreundet waren, ich älter bin und ich als Schiedsrichter höher amtiert habe als er.
OB: Er ist oft zu spät gekommen. Ihm hat einfach das Verantwortungsbewusstsein gefehlt.
MG: Er hat sich über die Schiedsrichterei definiert, über seinen Erfolg, über sein Aussehen. Das war ja auch zum Teil berechtigt. Er ist sehr groß und hat ein selbstbewusstes Auftreten.
LMF: Nur die innere Wertentwicklung, die hat eben gefehlt. Er wirkte eine Spur gewissenlos. Auf dem Platz war es vielleicht sogar förderlich, dass er mit einer Skrupellosigkeit aufgetreten ist. Das hat ihm auf dem Platz Respekt verschafft. Für sein Alter hatte er eine ungewöhnlich hohe Souveränität.
MG: Gegen seine Entscheidungen haben die Spieler recht wenig protestiert.
LMF: Ich habe bei Robert schon immer das Talent gesehen. Aber es gab im Umgang etwas, das mich mit Skepsis erfüllte. An kriminelle Energie habe ich nie gedacht. Man muss mit vorschnellen Urteilen immer vorsichtig sein. Auch damals, als die ersten Gerüchte aufkamen, waren wir sehr zurückhaltend.
MG: Jemand, der Spiele manipuliert hat, der betrogen hat, der die Öffentlichkeit belogen hat und dann erst nach Tagen unter Druck gesteht, der soll nun zur absoluten Wahrheitsfindung beitragen? Man sollte seine Motivation, gewisse Spieler oder Schiedsrichter zu nennen, kritischer hinterfragen.

Jeder verdient im Leben eine zweite Chance – aber nicht als Schiedsrichter

Theo Zwanziger im Interview mit Michael Horeni (FAZ 4.2.)
FAZ: Mit Krisenmanagement kann man kaum etwas gewinnen. Warum ist es aber so leicht, dabei Fehler zu machen?
TZ: Der aktuelle Fall ist ein Paradebeispiel: Aufgrund unserer Popularität sind wir den Spekulationen ausgeliefert. Die Medien treten selbst als Ermittler auf. Es sind deswegen sehr viele Informationen im Umlauf, und weil wir gründlicher arbeiten müssen, gerät man leicht in die Situation, in der es heißt: Die tun nichts, die verheimlichen etwas. Das bedeutet, man kommt in eine defensive Lage. In einer defensiven Situation kann Hektik und Aktionismus ausbrechen. Dabei kann man Fehler machen. Ich bin jedoch froh, daß sich seit den ersten konkreten Zeugenaussagen am 19. Januar unsere offensive und transparente Strategie durchgesetzt hat.
FAZ: Kommen wir zu den Fehlern. Der Hauptvorwurf lautet: Hoyzer wurde vom DFB mit den durch Oddset bekanntgemachten Manipulationsvorwürfen nicht konfrontiert, nicht einmal informell. Warum hat die interne Kommunikation versagt?
TZ: Es war richtig, daß der Vorgang im Kontrollausschuß und der juristischen Abteilung des DFB behandelt worden ist.
FAZ: Aber wenn man dort formal nicht weiterkommt . . .
TZ: …das ist der entscheidende Punkt. Wir wollen uns über den Ablauf dieses Vorgangs noch einmal sehr genau Gedanken machen – auch darüber, was diejenigen unternommen haben, die eigentlich in diesem Fall mit uns hätten zusammenarbeiten müssen.
FAZ: Machen Sie jetzt Oddset Vorwürfe?
TZ: Wir müssen schon einmal schauen, ob es zutrifft, daß dort mit der notwendigen Energie daran gearbeitet wurde, den Fall wirklich aufzuklären. (…)
FAZ: Machen Sie in der Bewertung einen Unterschied zwischen Schiedsrichtern und Spielern?
TZ: Das muß man tun. Der Anspruch an einen Schiedsrichter ist ungleich höher. Ein Spieler verschafft sich Vorteile, begeht auch grobe Fouls – das gehört dazu. Aber mit dem Ansehen des Schiedsrichters lebt und stirbt das Spiel. Seine Entscheidungen sind wie die des Papstes unfehlbar. Ich halte es für ausgeschlossen, daß ein solcher Schiedsrichter noch einmal zurückkehrt auf den Fußballplatz.
FAZ: Auch wenn er erst 25 ist wie Hoyzer?
TZ: Jeder verdient im Leben eine zweite Chance – aber nicht als Schiedsrichter.

Bei uns hat Toppmöller Kopfschütteln geerntet

Wolfgang Holzhäuser im Interview mit Philipp Selldorf (SZ 4.2.)
SZ: Ihr ehemaliger Trainer Klaus Toppmöller hat den Verdacht geäußert, Bayer Leverkusen sei 2002 die Meisterschaft geklaut worden. Werden Sie den Titel nachträglich einklagen?
WH: Sicherlich nicht. Wir werden ja nie beweisen können, dass irgendwelche Entscheidungen dazu geführt haben, dass wir nur Zweiter wurden.
SZ: Toppmöller ist offenbar anderer Meinung – er ist offensiv geworden.
WH: Ich weiß nicht, warum er das macht. Aber bei allem Verständnis für Klaus Toppmöller: Ich finde, er wäre gut beraten, nicht aufgrund von Sekundärinformationen irgendwelche Dinge in die Welt zu setzen. Man sollte schon überlegen, was man tut, wenn man sich öffentlich zu dieser Sache äußert. Bei uns hat er damit Kopfschütteln geerntet. (…)
SZ: Was halten Sie vom Krisenmanagement des DFB? Etwa, dass die von Oddset im August vorgebrachten Warnungen den Verband nicht zu weiteren, eigenen Ermittlungen veranlasst haben?
WH: Das ist einiges nicht so gelaufen, wie man das erwartet. Das wird die DFL noch diskutieren. Die DFL war auch nicht zufrieden mit dem Niederlegen der Ermittlungen, als im Dezember der Verdacht gegen das Spiel Aue/Oberhausen aufgekommen ist. Es kann ja nicht sein, dass Dinge, die offenkundig immer wieder passieren können, einfach so abgelegt werden, nach dem Motto: Augen zu und durch. Das ist keine Mentalität, die die DFL akzeptiert.

WM 2006

Ticketing

Kai Psotta (Welt 4.2.) berichtet die Beschwerde der Verbraucherschützer gegen das Ticketing: „Konkret beanstandet die Bundeszentrale, daß die Weitergabe der Karten an andere Personen praktisch unmöglich sein soll. Nur in „schwerwiegenden Fällen“ – Tod eines Angehörigen, Hochzeit, schwere Erkrankung mit ärztlichem Attest – stimmt das OK zu, sagt dessen Sprecher Jens Grittner.“

Donnerstag, 3. Februar 2005

Interview

Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch (2)

Eine freistoss-Presseanalyse ausgewählter Tageszeitungen und Magazine am Beispiel des Confederations Cup 2005

Die freistoss-Presseanalyse „Die deutsche Fußballnationalmannschaft im Umbruch“ können Sie hier als PDF (~ 2 MB) kostenlos in Ihren E-Mail-Eingang bestellen.

Inhaltsverzeichnis und Auszüge aus dem Inhalt

1. Einleitung: Inhalt und Methode

2. Presseanalyse Confederations Cup

die deutsche Elf
allgemein

3. Ein Jahr Jürgen Klinsmann und die deutsche Elf

Presseanalyse

4. Hintergrundgespräche mit Journalisten

Gregor Derichs (freier Journalist): Im Fall Klinsmann hat die SZ massiv Politik gemacht
Walter M. Straten (Bild): Die „Huth“-Rufe der Fans waren kein Kompliment für die Bild-Zeitung
Michael Ashelm (FAZ): Fußballsachverstand ist global
Berries Boßmann (Sport Bild): Herr Klinsmann muss begreifen, dass er die Medien nicht beeinflussen kann
Christof Kneer (SZ): Die TV-Pressekonferenz ist nur für einen Menschen erfunden worden: Harald Schmidt
Michael Horeni (FAZ): Die Leute mögen einfach diese Mannschaft
Analyse und Zusammenfassung der Gespräche

5. Glosse: Reformator Klinsmann, übernehmen Sie!

6. Autoren

Internationaler Fußball

Wie ausgehungerte Pitbulls

Sehr lesenswert! Hand-Shake nach einem aufregenden Spiel – Raphael Honigstein (SZ 3.2.) erlebt den 4:2-Sieg Manchester Uniteds in Arsenal: „Nur Gary Neville, die größte Nervensäge des englischen Fußballs, verweigerte sich dem Ritual. Die faire Geste nach dem in jeder Hinsicht extremen 2:4 nährt die Hoffnung, dass vor dem nächsten Duell der einstigen Herrscher der Liga auf den Zeitungsseiten nicht mehr mit Kriegsmetaphern geschossen werden muss, um die Dauerfehde der Trainer zu illustrieren. Das könnte jedoch ein Wunsch bleiben, zu viele Animositäten ziehen sich durch die Reihen. Die Stimmung im Highbury war trotz polizeilicher Warnung an die verfeindeten Trainer so aufgeladen, dass Schiedsrichter Graham Poll beinahe schon vor dem Anstoß gelbe Karten verteilt hätte. Kurz darauf fielen die Männer in den kurzen Hosen überall auf dem Feld wie ausgehungerte Pitbulls übereinander her, es begann ein knochenhartes, mitunter brutal geführtes Match. Plötzlich aber entwickelte sich ein großartiges Fußballspiel. Beide Mannschaften zeigten technisch präzise, bis nahe an die Schallmauer beschleunigten Angriffszüge. (…) „Keanes Straßenschläger begraben Wengers Traum vom Titel“, kommentierte die Daily Mail, diese Zeile stimmte jedoch nur zur Hälfte. Anders als beim 2:0 im Oktober mussten sich Wenger und seine Männer nicht über die unlautere Spielweise des Gegners ärgern. Klar: Wayne Rooney war wie immer an der Roten Karte vorbei geschrammt. „In ihm ringt die Seele eines jugendlichen Straftäters mit den Talenten eines Engels“, schrieb die Times. Aber abgesehen von dem 19-jährigen Nationalspieler, fiel Manchester vor allem mit selten gesehener Spielkultur auf.“

Dabei ging es diesmal nur noch um Platz zwei

Christian Eichler (FAZ 3.2.) ergänzt: „Das machte im Endergebnis ein 6:1 für den Fußball; sechs Tore, nur ein Platzverweis, ein gewaltiger Fortschritt im heißesten Duell des englischen Fußballs, vor dem erst die Trainer Ferguson und Wenger und dann, im Kabinengang des Highbury-Stadions, auch die Kapitäne Vieira und Keane Bösartigkeiten ausgetauscht hatten. Das Adrenalin, aufgestaut über fast zehn Jahre, in denen beide den englischen Titel unter sich ausmachten, mag einfach nicht weichen. Zwei Klasse-Teams, vereint in Gift und Galle. Dabei ging es diesmal nur noch um Platz zwei.“

Ball und Buchstabe

Das Kürzel MV wurde zum Symbol für Machterhalt um jeden Preis

Deutlich! Thomas Kistner (SZ/Meinungsseite 3.2.) kritisiert Gerhard Mayer-Vorfelder hart und fordert seine Ablösung durch Kompagnon Theo Zwanziger: „Mayer-Vorfelder zählt längst zu den peinlichsten Figuren der Republik; seit seiner Zeit als Landesminister und Klubchef des VfB Stuttgart jagt eine Affäre die nächste. Das Kürzel MV wurde zum Symbol für Machterhalt um jeden Preis. (…) Seine präsidialen Alleingänge nach der trostlosen Europameisterschaft hatten zu einem Riss im Verband geführt. Vize Zwanziger erhob sich mit dem Votum der Amateurbasis und stellte dem Sonnenkönig ein Rücktritts-Ultimatum. Wieder rettete der Taktierer seinen Posten. Er bat Bayern München um Hilfe, und der Liga-Primus wie das gesamte Profilager machten über ihre DFL Druck. Sie favorisierten einen geschwächten DFB-Chef, der über alles mit sich reden lassen muss – im Sinne des eigenen Machterhalts. Der Amateur Zwanziger ließ sich in letzter Sekunde übertölpeln und als Doppelspitze neben MV implantieren – eine lächerliche Konstruktion, deren einziger Nutzwert darin liegt, dass sie die zwei Gesichter dieses DFB kenntlich macht. (…) Zwanziger will für neue Redlichkeit im Verband stehen. Den Anspruch kann er nur erfüllen, indem er die Affäre auf sportpolitischer Ebene bereinigt. Am Anfang stünde das Eingeständnis, dass der DFB versagt hat, und nicht länger vorgeben wird, er sei nach den frühen Hinweisen Gefangener externer Zuständigkeiten gewesen. Diese bis heute gültige Darstellung, man sei von Kripo und Wettfirmen in eigenen Ermittlungen gebremst worden, diese Darstellung ist dreist. Mit jedem Tag, an dem sie Bestand hat, wird auch Zwanzigers Glaubwürdigkeit beschädigt. Es muss Konsequenzen geben gegen den Hauptverantwortlichen Mayer-Vorfelder und dessen liebedienerische Verbandsjuristen. Die schützt nur noch dieses System aus Kameraderie und Abhängigkeit, das zu zerschlagen Zwanzigers Auftrag war.“

Schadensbegrenzung betreiben die einen, für Beckenbauer geht es um Schadensvermeidung

Roland Zorn (FAZ 3.2.) hält Franz Beckenbauers Schweigen für ein Versäumnis: „Und Beckenbauer golft. (…) Es gibt nun einmal Situationen, in denen Chefs um ihre Sache, und eine Weltmeisterschaft ist ja keine Kleinigkeit, ebenso wie für ihre Mitarbeiter kämpfen müssen. Schadensbegrenzung betreiben die einen, für Beckenbauer aber geht es um Schadensvermeidung. Eine schwere Aufgabe, über die nicht früh genug geredet werden kann – und sei es auf Kosten einer weiteren Runde Golf.“

SpOn: „Im größten deutschen Fußballskandal seit 1971 halten sich Vereine und Profis mit Kritik am DFB auffällig zurück.“

Ausgerechnet er

Auch die zweite Reihe des DFB wird inzwischen kritisiert; Frank Hellmann (FR 3.2.) zweifelt ob Chefjustiziar Götz Eilers der richtige Aufklärer ist: „In fataler Fehleinschätzung haben Verantwortungsträger wie der 63-jährige Eilers den Fall bisher behandelt. Behördenmensch und Rechtsanwalt, seit über 30 Jahren an der Spitze der Direktion Recht-Personal-Verwaltung. Gralshüter für Recht und Ordnung – schon in Einstellungsgesprächen erfahren junge Mitarbeiter vom ergrauten Personalchef, dass sich zuvorderst Pünktlichkeit und Korrektheit gehöre, der akkurat sitzende Schlips inklusive. Vertraute schätzen seine feine Ironie, Außenstehende sind ob der Außenwirkung irritiert. Mit Eilers, so heißt es, werde als Leiter der auch gestern zweimal tagenden Sonderkommission „der Bock zum Gärtner“ gemacht. Ausgerechnet er, der konservative, rückwärts gewandte, öffentlichkeitsscheue Justiziar, der jüngst auf Pressekonferenzen zwischen „darüber habe ich keine Information“ oder „dazu sage ich nichts“ wechselte, soll aufklären und aufdecken?“

SZ: „Das Misstrauen grassiert: Die Verwicklung von Bundesligaschiedsrichter Jansen lässt den DFB befürchten, dass eine Fülle komplizierter Einsprüche auf ihn zukommt.“

Der Skandal – eine Phänomenologie in der Zeit

Es muß schon noch einiges passieren

Sehr lesenswert! Skandal?! Welcher Skandal? Dirk Schümer (FAZ 3.2.) erklärt das Achselzucken der Italiener: „Vielleicht ist man südlich des Brenners einfach zu abgebrüht, was unsaubere Nachrichten angeht. Der letzte italienische Wettskandal nämlich ging auf niemand Geringeren als einen neapolitanischen Camorra-Paten namens Giacomo Cavalcanti zurück, der – wegen eines gleichnamigen Dichters des Mittelalters – auf den schöngeistigen Beinamen „il Poeta“ hört. Und manipuliert wurden in der vorigen Saison Spiele in Siena, der weltberühmten Stadt des Palio-Pferderennens, und in Verona, der Heimat von Romeo und Julia. Was sind dagegen Paderborn und Chemnitz? Was bedeutet das „Café King“ gegen die Kokshöhlen von Neapel, die schon einen Diego Maradona ruinierten? Welche Figur macht ein Student Robert Hoyzer gegen den im vorigen Mai beschuldigten Stefano Bettarini, der unter dem Decknamen „der Schöne“ vor Spielen Hunderte von SMS-Botschaften an involvierte Kollegen sandte und überdies mit Italiens bekanntester Showmasterin, der blondierten, vollbusigen Simona Ventura, verheiratet war? Ob der Wettskandal oder Bettarinis folgender Rauswurf bei seinem Klub Sampdoria Genua der Prominenten-Ehe inzwischen den Garaus machte, ist ebenso ungeklärt wie die ganze große Schieberei um Spiele der Serie A. Die Ermittlungen endeten pünktlich vor dem Beginn dieser Saison (…) Es muß schon noch einiges passieren in Deutschland, ehe die italienischen Medien dem deutschen Wettbetrug größere Beachtung schenken.“

Parallelismus

Günter Bannas (FAZ/Politik 3.2.) schildert die Verwandtschaft zwischen Fußball und Politik: „Weil es sich beiderseits um Phänomene der Massen handelt, sind Politik und Fußball miteinander verwoben. Der DFB-Präsident Mayer-Vorfelder war früher Finanzminister in Baden-Württemberg. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber ist mit dem FC Bayern München verbandelt. Seit Schröder Bundeskanzler ist, ist bekannt, daß er einst als Mittelstürmer den Kampfnamen „Acker“ trug. Peter Struck zeigt sich gerne mit einem Schal von Borussia Dortmund, und von Joseph Fischer (Grüne Tulpe) ist bekannt, er habe nach einer vergebenen Hundert-Prozent-Chance seinen Schuh angeschaut: Nur dieser oder der Rasen könne schuld sein. Welchem Wähler wäre das nicht auch schon widerfahren? (…) Nun wurde bekannt, daß nicht nur Politiker, sondern auch Ballsportler und Schiedsrichter nebenher verdienten, womit die These vom Parallelismus zwischen Fußball und Politik – ihren Anfang nahm sie mit den Erfolgen der alten Männer Adenauer und Herberger – um einen Beleg reicher geworden ist. Was folgt? Die Fans könnten sich wegen des Skandals abwenden und damit das Gesetz der Serie in Frage stellen, eine Regierung werde bestätigt, wenn zuvor die Nationalmannschaft den WM-Titel errang. Noch ist es nicht soweit. Ernst wird die Glaubwürdigkeitskrise öffentlicher Einrichtungen erst, wenn Cornelia Pieper vom DFB brutalstmögliche Aufklärung verlangt.“

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