indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 27. November 2004

Ball und Buchstabe

Giftiger Schatten

Peter Hartmann (NZZ 27.11.) kommentiert das Doping-Urteil in Sachen Juventus Turin: „Nach vier Jahren Ermittlungen und drei Jahren Prozessdauer, nach 38 Gerichtsterminen und Hunderten von Einvernahmen endlich ein Urteil und eine Gewissheit: Die unwiderstehliche Juventus-Squadra der neunziger Jahre war gedopt. Die Spieler – Stars wie Zidane, Del Piero, Roberto Baggio – und ihr damaliger Trainer Marcello Lippi, heute Commissario tecnico der Nationalmannschaft, bleiben jedoch ungeschoren. Zur Wahrheitsfindung haben sie kaum etwas beigetragen, obwohl sie nur als „informierte Zeugen“ und nicht als Beschuldigte einvernommen wurden. Nach Art der Mafia verschanzten sie sich hinter einer abgesprochenen Omertà und gestanden nur den massiven Konsum der nicht verbotenen Aufbausubstanz Kreatin ein. Aber mit der Verurteilung des Arztes Riccardo Agricola fällt jetzt ein giftiger Schatten auf den italienischen Rekordmeister und den Calcio. Die „Alte Dame“ gewann 1994 bis 1998, auf die sich die Nachforschungen des Turiner Staatsanwaltes Raffaele Guariniello erstreckten, nach einem neunjährigen Tief dreimal den nationalen Titel und einmal die Champions League.

Der Staat, der Staat, der Staat

Hans-Joachim Waldbröl (FAZ 27.11.) bemängelt den Umstand, dass der Sport nicht zur Selbstkontrolle fähig sei: „Komisch: Doping mit diesem oder jenem bringt in dieser oder jener Sportart so lange nichts, bis entweder ernsthaft auf einen Mißbrauch hin kontrolliert wird. Oder bis der Staat – am Sport vorbei – zugreift. Plötzlich gibt es sogar ohne positive Proben, die der organisierte Sport als unabdingbares Beweismittel angesehen oder auch nur vorgeschoben hat, Geständnisse und Verurteilungen. Wer hat denn bei der Tour de France mit manipulierenden Radprofis aufgeräumt? Der Staat, in Person seiner öffentlichen Ermittler. Wer brachte dopende Sprinter Kelli White und Calvin Harrison in den Vereinigten Staaten zu Geständnissen? Die staatliche Antidoping-Agentur. Wer klagt die griechischen Testflüchtlinge Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou an? Der Staatsanwalt. Und der Sport, der sich seit eh und je seiner freiwilligen Selbstkontrolle rühmt und die längste Zeit darüber geklagt hat, daß staatliches Recht die sportliche Gerechtigkeit einschränke, daß zweijährige Sperren sich als Berufsverbot von selbst verböten, dieser Sport steht nun da und kann nur staunen, welche Strenge dieser strafende Vater Staat walten läßt.“

Max´ Dax

Christoph Bieber (ZMI) schaut in seinen Briefkasten und macht einen Einwurf: „Die klaren Worte von Uli Hoeneß zur vermeintlich überkritischen Berichterstattung des Bezahlsenders premiere sind kaum verhallt, da erhalten Mitglieder des FC Bayern ein prima Angebot – rechtzeitig mit der Post zum Heimspiel gegen Mainz flattert ein aufdringlicher Werbebrief ins Haus: „Holen Sie sich die Bundesliga ins Haus: mit dem „premiere start“-Abo!“ In Kombination mit einem Sparangebot der FCB-Partnerbank möchte der Verein einen „gelungenen Doppelpass“ spielen. Plant der notorisch genervte Manager hinterrücks die Übernahme des Senders durch eine Infiltrierung des Abonenntenstammes mit bayerntreuen Zuschauern? Oder bekommt gar die eigentümliche Werbefigur des FCB-Finanzpartners demnächst seine eigene Börsenshow auf premiere (Arbeitstitelvorschlag: „Max´ Dax“)? Nein, nein, so subtil werkeln nicht einmal die Bayern hinter den Kulissen der Medienfußballwelt.“

WM 2006

Gemeinschaftserlebnis

„Die WM soll auch über den Besuch der zwölf Stadien hinaus zum Gemeinschaftserlebnis werden,“ schreibt Michael Reinsch (FAZ 27.11.): „Vertreter von Ländern und Gemeinden sowie der Fußballverbände planen „public viewing“: Gemeinschaftsveranstaltungen, auf denen Spiele übertragen werden. Das wird eine teure Unternehmung. 2,5 Millionen Euro Kosten hat Berlin errechnet pro Veranstaltungsort. Frankfurt kommt auf 6 Millionen Euro für seine Pläne. Bei den Berechnungen schlagen ein Kultur- und Unterhaltungsprogramm am Tag, Sicherheit sowie Bewirtung zu Buche. Dazu müssen die Veranstalter die Rechte erwerben, das Fernsehbild direkt öffentlich zu zeigen; sie liegen bei der Agentur Infront; übertragende Sender werden in Deutschland ARD, ZDF und RTL sein. Schwierig wird die Finanzierung solcher Veranstaltungen dadurch, daß die Fifa es verbietet, bei solchen Veranstaltungen Eintritt zu erheben. Außerdem genießen die Sponsoren der WM Exklusivrechte bei allen Veranstaltungen in diesem Zusammenhang. Es ist selbst fraglich, ob an Nicht-Spielorten lokale Sponsoren für öffentliche Fernsehübertragungen akquiriert werden dürfen.“

Aus dem Leitartikel von Volker Zastrow (FAZ/Politik 27.11.): „Der Kanzler macht in Optimismus, gute Laune liegt ihm sowieso besser als schlechte. Eine generalstabsmäßig geplante Stimmungskampagne soll den FC Deutschland 06 rechtzeitig zur Weltmeisterschaft aus der Verzagtheit führen, für fußballferne Frauenherzen werden schon jetzt unwiderstehlich niedliche Hundchen und Kindchen aus der Kanzlerfamilie in Stellung gebracht. Wer dagegen anpesten will, mag es ruhig tun – zum vorhersehbar eigenen Schaden.“

Bundesliga

Uwe Rapolder, Jürgen Klopp und Ralf Rangnick

Uwe Rapolder, Jürgen Klopp und Ralf Rangnick, „Trainer neuen Typs“ (BLZ ) – brasilianische Achse in Schalke (SZ) – „die Bochumer finden sich in einer Situation wieder, die sie gut kennen, aber nicht erwartet haben: der Verein kämpft gegen den Abstieg, der Trainer gegen das Image, kein Garant für dauerhaften Erfolg zu sein“ (FAZ) – Volker Finkes „Ideologie“ (SZ) wird durch den Abstiegskampf geprüft

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Trainer neuen Typs

Generation Konzept und System – Christof Kneer (BLZ 27.11.) beschreibt das neue Trainerprofil: “Man kann Uwe Rapolder im Moment nur schwer entgehen. Der Fußball sucht sich gern neue Moden, und gerade ist der Trainer des Aufsteigers Arminia Bielefeld dran. Er ist jetzt der dritte Trainerheld der Saison, nach Jürgen Klopp und Ralf Rangnick. Aber wenn man sich diese drei Typen bei Lichte besieht, wird aus der Mode ein Trend: Es kommt gerade eine neue Trainergeneration über die Liga, und vielleicht hat man das nie so gut begriffen wie am Ende jener Woche, in der mit Eduard Geyer der letzte aus der Ära der Brachialpoeten entsorgt worden ist. Seit es diese Trainer gibt, kommt man sich viel besser vor als Fußballfan. Fußball klingt jetzt nicht mehr nach Proletariat, Fußball klingt jetzt nach Wissenschaft. Rapolder kann herrlich über horizontale und vertikale Linien referieren, und Rangnick sagt so oft „Konzept“ und „System“, dass man mitunter vergisst, dass dazwischen noch ein Ball herumspringt. Man hat die Trainer neuen Typs lange skeptisch beäugt im Land der Tugenden, man hat Rangnick einen Professor genannt und Rapolder einen Wanderprediger. Man hat sie für Trainerprüfungsbestnotenabsolventen gehalten, für Streber, die niemals Bundesligaspieler waren. Aber inzwischen hat man gelernt, dass ihr Fußball viel spaßiger aussieht als er klingt. Sie lassen Fußball in starren Systemen spielen, aber der Fußball erstarrt nicht dabei.“

Wolfsburg produziert Fußballfans

Wolfsburg schafft Tradition und Nachhaltigkeit – Steffen Hudemann (Tsp 27.11.) berichtet: „Der Klub steht erst am Anfang. Trotz des Erfolges war die Arena in dieser Saison noch nie ausverkauft. „Vor zehn Jahren waren die Jungs in Wolfsburg Bayern- oder Dortmund-Fans“, sagt der Fanbeauftragte Holger Ballwanz. „Die Identifikation mit dem Klub ist noch in der Wachstumsphase.“ Und die versucht der Klub zu lenken. Fan wird man als Kind oder Jugendlicher, deshalb wirbt der VfL in Grundschulen und Kindergärten. Im Stadion gibt es einen Familienblock mit Spielplatz. Während die Eltern das Spiel verfolgen, spielen die Kleinen unter der Aufsicht zweier Erzieherinnen. Meist dauert es nicht lange, bis die Kinder selbst im Block sitzen wollen. Wenn sie älter sind, wechseln die Kinder in den Wölfi-Block, einen Bereich in der Stehplatzkurve, in den nur hinein darf, wer kleiner als 1,50 Meter ist. So versperrt den Kindern niemand den Blick. Wolfsburg produziert Fußballfans. Kinder bringen Eltern mit, und Kinder werden irgendwann selbst zu Eltern, so lautet das Kalkül. Dennoch wird sich der Verein nie ganz von Volkswagen emanzipieren. Die Stadt hat 120 000 Einwohner und 50 000 Arbeitsplätze im Werk, die Zulieferfirmen nicht eingerechnet. Wolfsburg ist eine Stadt, die in drei Schichten lebt. Sollte sich der VfL für die Champions League qualifizieren, wird es Schwierigkeiten geben, weil die Spätschicht nicht ins Stadion kann. Doch die Verantwortlichen registrieren, dass der Klub Anhänger über die Stadtgrenzen hinaus gewinnt. Es gibt Fanklubgründungen in ganz Deutschland.“

Brasiliansche Achse

Christoph Biermann (SZ 27.11.) beleuchtet die Rekrutierungspraxis von Schalke 04: „Drei Brasilianer bilden die zentrale Achse des neuen Schalke und sind wesentlich daran beteiligt, dass der Klub ganz weit oben steht. Bordon bildet den Sockel der Abwehr, Lincoln ist Schwungrad im Mittelfeld und Ailton der – noch nicht ganz auf Hochtouren laufende – Torproduzent in der vordersten Reihe. „Wir werden auf dem südamerikanischen Markt nicht mehr sichten“, sagt Assauer trotzdem. Brasilianer müssen seiner Ansicht nach ihre Eingewöhnungszeit in Europa bereits hinter sich haben, wie es bei den drei Zugängen aus Stuttgart, Kaiserslautern und Bremen der Fall ist. Dabei hätte Schalke durchaus ein Vorreiter bei der Eingliederung von brasilianischen Profis sein können. Bereits im Frühjahr 1975 wollte der Vereinspräsident Günter Siebert den Nationalspieler Francisco Marinho verpflichten. Der blonde Stürmer von Botafogo Rio de Janeiro wurde in Gelsenkirchen sogar Zeuge, wie über seine Verpflichtung demokratisch entschieden werden sollte. Beim Spiel gegen den FC Bayern ließ Siebert 70 000 Stimmzettel an die Fans verteilen, auf denen sie ihre Zustimmung kundtun sollten sowie ihre eventuelle Bereitschaft, bei den folgenden Heimspielen einen Zuschlag zur Finanzierung des Transfers zu bezahlen. Wie entschieden wurde, konnte nie ermittelt werden, weil die Stimmzettel auf dem Müll landeten. Die Vorstandskollegen stoppten Siebert, und vielleicht stand Brasilien bei Schalke auch deshalb lange für Unseriöses.“

Geisterbahn des Fußballs

Richard Leipold (FAZ 27.11.) schildert den Abschwung Bochums: “Am Horizont erscheinen wieder böse Geister – jene Hausgenossen, die der VfL Bochum und Peter Neururer schon vertrieben zu haben glaubten. Gerade erst hat der Revierklub die erfolgreichste Saison seiner Vereinsgeschichte hinter sich, da gerät das scheinbar solide Aufbauwerk wieder ins Wanken, womöglich sogar aus den Fugen. Die Bochumer finden sich in einer Situation wieder, die sie gut kennen, aber nicht erwartet haben: Der Verein kämpft gegen den Abstieg, der Trainer gegen das Image, kein Garant für dauerhaften Erfolg zu sein. (…) Aus dem schmucken Wolkenkuckucksheim an der Castroper Straße ist wieder eine Geisterbahn des Fußballs geworden, in deren Dunkel es den Profis schwerfällt, den Ausgang zu finden. Nicht einmal Neururer, der notorische Optimist, vermag dem Trauma entgegenzuwirken.“

Manchmal steigt ein Ausbildungsverein eben ab

Volker Finke bestimmt nach wie vor Leitbild und Sprache in Freiburg – Andreas Burkert (SZ 27.11.): “Wenn der Abstiegskampf begonnen hat, wird in Freiburg sogar über ihn diskutiert. Finke ahnt das, seitdem er sich letztens in seinem Strandkorb, in dem er die Heimspiele verfolgt, hat umdrehen müssen, wie er betont. Denn da habe eine Frau von der Tribüne gebrüllt, der Verein solle „endlich Schulden machen und vernünftige Spieler holen!“ Finke erzählt das beim Pressegespräch mit den örtlichen Journalisten, das eher einer munteren Podiumsdiskussion gleicht. Weil sich Finke gerne wortreich verteidigt. Die Worte der Frau auf der Tribüne gibt er nicht nur wieder; er schreit sie durch den Raum, sein sonnengebräuntes Gesicht läuft dabei ulihoeneßrot an, und er wirft dazu erregt die Arme hoch. So ist der Finke, sagen die Freiburger. Steckt voller Energie. Auch jetzt, wenn über die Freiburger Fußballideologie diskutiert wird. Über Finkes Ideologie. (…) So viel ist mit ihm verbunden, dort, wo er Schöpfer von allem ist. Im übertragenen Sinn besitzt er hier fast alles. Wie in der Werbung: mein Personal, meine Philosophie, mein Verein. Er hat beim SC nie in teure Beine investieren lassen. Sondern in das Internat samt Fußballschule im Möslestadion, mehr als zehn Millionen Euro. Ein Förderverein und die neue Achim-Stocker-Stiftung sollen den Status des SC als Ausbildungsverein sichern, „eine andere Nische können wir nicht besetzen“, sagt Finke. Und manchmal steigt ein Ausbildungsverein eben ab.“

Freitag, 26. November 2004

Interview

Klinsmann, Löw und Bierhoff sind eine Ideallösung

Uwe Rapolder mit Christoph Biermann (SZ 26.11.)
SZ: Vor sieben Jahren haben Sie ein Essay über den AC Mailand geschrieben und über dessen Coach Arrigo Sacchi gesagt: „Er liebt die Theorie als Mutter der Praxis.“ Gilt das für Sie auch?
UR: Ja, denn es gibt keine Praxis ohne funktionierende Grundlage. Theorie ist in meiner praktischen Arbeit wichtig, wenn ich den Spielern etwas an die Tafel male, damit sie ihre Aufgaben visualisieren können. Komme ich neu zu einer Mannschaft, wie im Frühjahr in Bielefeld, zeige ich in den ersten Wochen so lange jede Übung erst an der Tafel und dann auf dem Platz, bis sie sitzen. Kommen neue Spieler, wird das wiederholt.
SZ: Bringt diese Schulung etwas?
UR: Es steigert die Bereitschaft der Spieler enorm, wenn sie genau erklärt bekommen, wie ihnen eine Übung im Training beim Spiel helfen wird. Man kann heute nicht mehr den Ball hinwerfen und sagen: Spielt mal! (…)
SZ: Sehen Sie Ihrer Arbeitsweise geistesverwandte Trainer in der Bundesliga?
UR: Selbstverständlich, Jürgen Klopp und Ralf Rangnick arbeiten ganz ähnlich. Volker Finke in Freiburg setzt mehr auf Flexibilität, während unser 4-4-2-System eine relativ feste Ordnung verlangt. Es ist ein System zum Forechecking und Pressing, das den Gegner vom Tor weghalten will. Wir haben mit der Arminia nämlich nicht deshalb relativ wenig Gegentore bekommen, weil unsere Verteidiger so gut sind, sondern weil wir den Gegner schon früh stören.
SZ: Und dann kontern.
UR: Ja. Es gab vor einigen Jahren eine große Untersuchung, bei der Hunderte von Spielen ausgewertet wurden. Demnach fallen 80 Prozent aller Tore nach spätestens fünf Pässen. Lange Ballzirkulation ist nicht effizient, daher finde ich es auch richtig, dass Jogi Löw in der Nationalmannschaft predigt, schnell in die Spitze zu spielen.
SZ: Sie machen es sich offensichtlich zur Gewohnheit, die neue Führung der Nationalmannschaft zu loben.
UR: Ja, weil Klinsmann, Löw und Bierhoff fast schon eine Ideallösung sind. Sie stehen für einen Wandel im Fußball, von dem ich persönlich ebenfalls profitiere. 1998 hatte ich bei Waldhof Mannheim wegen der Viererkette noch richtig Stress. Roland Dickgießer kam vom DFB zurück und sagte: „Da lachen alle über die Viererkette.“

Champions League

Werder hat seine Leichtigkeit verloren

„Die Leistungskurve von Werder zeigt eindeutig nach unten“ (FAZ) / „Werder hat seine Leichtigkeit verloren“ (BLZ) – Arsenals Probleme mit dem „sperrigen Stil der kontinentalen Konkurrenz“ (FAZ)

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Werder Bremen-Inter Mailand 1:1

Werder hat seine Leichtigkeit verloren

Sven Bremer (BLZ 26.11.) registriert Bremer Zweifel: „Diese Elf weiß nicht, was sie von sich halten soll: Ist sie nun der Double-Gewinner des Vorjahres, eine große Mannschaft also, die sich eine Portion gesunde Überheblichkeit leisten kann? Oder ist sie doch nicht so gut, und nun – der Fluch der guten Tat – lähmt die Last, die Erfolge bestätigen zu müssen? In jedem Fall hat diese Elf inzwischen eine Unsicherheit erfasst, die sie nicht von sich kennt. Ihr fehlt das, was sie letztes Jahr fast im Schlaf konnte: den riskanten Pass spielen, und der kommt dann an. Werder hat seine Leichtigkeit verloren.“

Die Leistungskurve von Werder zeigt nach unten

Frank Heike (FAZ 26.11.) fürchtet, dass Bremen ausscheidet: „Fast beschwörend hob jeder Bremer hervor, daß sie doch alles in der Hand hätten, und doch klang es bei manchem zaghaft, ja ängstlich. Das ganz große Selbstvertrauen war aus Mienen, Sätzen und Gesten nicht herauszulesen (…) Werder hat das Endspiel bekommen, das Thomas Schaaf vor Beginn der europäischen Meisterrunde angekündigt hatte. Das ist eigentlich ein Erfolg, wie es auch die zehn Punkte in dieser schweren Vorrundengruppe sind. Und doch: Zweifel an der Klasse des deutschen Meisters bleiben, sich um Gruppenplatz zwei behaupten zu können. Denn die Leistungskurve von Werder zeigt eindeutig nach unten.“

Schmaler Grat zwischen Schönreden und hilfreicher Gelassenheit

Auch Jörg Marwedel (SZ 26.11.) ist nicht zufrieden: „Dem Bremer Vortrag hatte der letzte Druck, die echte Überzeugung gefehlt, und sich zudem eine Fehlerquote eingeschlichen, wie man sie bislang kaum kannte vom grün-weißen Meisterteam. Nicht alle in der Werder-Führung goutieren deshalb, dass Schaaf öffentlich jedes kritische Wort gegenüber dem Team vermeidet. Es liegt ja nur ein schmaler Grat zwischen Schönreden und hilfreicher Gelassenheit.“

Bildstrecke, faz.net

PSV Eindhoven-Arsenal London 1:1

Ewige Zitterpartie

Arsenal tut sich wie immer schwer im Europapokal – Christian Eichler (FAZ 26.11.): „Jahr für Jahr spielt Arsenal mit den besten Fußball in Europa; doch Fußball in Europa, das bleibt für den englischen Meister eine ewige Zitterpartie. Mit dem Tempo- und Tackling-Spiel der heimischen Gegner kommt das Ensemble mit seinem Hochgeschwindigkeitspaßspiel wunderbar zurecht, nicht aber mit der Anpassung an den eher sperrigen Stil der kontinentalen Konkurrenz.“

Donnerstag, 25. November 2004

Champions League

Beste Altherrenmannschaft der Welt

Real Madrid, „beste Altherrenmannschaft der Welt“ (FAZ) – Bayern Münchens „Lust am Fußballspielen“ (FAZ)

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Real Madrid-Bayer Leverkusen 1:1

Beste Altherrenmannschaft der Welt

Peter Heß (FAZ 25.11.) vermisst Leverkusens Ärger: “In Vereinen, in denen der sportliche Erfolg stimmt, in denen kritische Worte als hilfreich und nicht als gefährlicher Frost für ein zartes Pflänzlein Hoffnung angesehen werden, in diesen Klubs wäre so mancher Stoßseufzer zu hören gewesen: „Oh, Mann, heute war aber mehr möglich.“ 40 Minuten lang hatte Leverkusen eine Madrider Mannschaft dominiert, die alles dafür tat, einen Ruf als beste Altherrenmannschaft der Welt aufzubauen. (…) Ein Spiel wie eine Achterbahnfahrt.“

Ein Vogelkäfig, auf den man zuvor mit der flachen Hand geschlagen hat

Christiane Mitatselis (taz 25.11.): „Während Figo vermutlich schon zu Hause saß und seiner schönen Frau den traurigsten aller Fados vorsang, unterrichtete Butt die Weltpresse über die Umstände seiner Großtat. (…) Madrid schien in der ersten Halbzeit noch gelähmt von der 0:3-Schande beim FC Barcelona und spielte erneut unheimlich schlecht. Kein Realo wusste, wohin er laufen sollte, und auf dem Platz bot sich ein ähnliches Bild wie in einem Vogelkäfig, auf den man zuvor mit der flachen Hand geschlagen hat.“

Peter Burghardt (SZ 25.11.) folgt Augenthalers Nostalgie: „Von Jean-Marie Pfaff und Raimond Aumann hatte man schon länger nichts mehr gehört. Zur Erinnerung an die beiden Torwächter des FC Bayern musste schon deren ehemaliger Mitspieler Klaus Augenthaler in diese Festung zurückkehren, ein Charakter mit Sinn für die Vergangenheit. Im zerfurchten Gesicht des Trainers stehen die Schlachten alter Tage geschrieben, und so streiften seine Gedanken zwei Kameraden von einst. „Das sind so Spiele für Torhüter“, erläuterte Augenthaler nach dem durchaus glanzvollen 1:1, „das habe ich noch bei Bayern erlebt, wo Jean-Marie Pfaff und Raimond Aumann über sich hinausgewachsen sind.“ (…) Spötter behaupten, dies sei das erste Mal gewesen, dass Jörg Butt seinem Team eine Partie gerettet habe.“

Bayern München-Maccabi Tel Aviv 5:1

Drei Hochzeiten, drei Bräute

Daniel Pontzen (Tsp 25.11.) notiert die zwei entscheidenden Tagesordnungspunkte: „Die Pressekonferenz war gerade eröffnet, da erhob sich ein älterer Herr: Im letzten Jahr sei es Ottmar Hitzfeld ähnlich ergangen, er habe auf drei Hochzeiten getanzt, drei Bräute zur Auswahl gehabt, doch am Ende habe er alles verspielt und sei Junggeselle geblieben. Also, begehrte der Fragesteller zu wissen: „Für welche Braut, Herr Magath, wollen Sie sich entscheiden?“ Niemand hätte sich gewundert, wenn in diesem Moment von irgendwoher Rudi Carrell eingeschwebt wäre, als Vater der Verkupplungs-Show Herzblatt war er stets Pate gleichermaßen romantischer Inquisitoren. Da antwortete Magath: „Ich werde mir überlegen, ob ich konvertiere. Es gibt ja Religionen, wo man mehrere Male heiraten kann.“ (…) Was die Asien-Reise betrifft, können die Bayern ihre Beschwerden im Übrigen vereinsintern weiterreichen, die strapaziöse Expedition ist ein Vermächtnis von Franz Beckenbauer. Bei seinem Werbefeldzug für die WM 2006 hatte der Bayern-Präsident den Asiaten einen Besuch der Nationalelf zugesagt. Das Versprechen war wohl notwendig, schließlich kennt Beckenbauer die Belastungen von drei Wettbewerben aus eigener Erfahrung. Oder von drei Hochzeiten, bildlich gesprochen.“

Lust am Fußballspielen

Ganz die alten, in jeder Hinsicht – Elisabeth Schlammerl (FAZ 25.11.): „Es ist typisch für die Münchner, daß ihnen ein paar überzeugende Spiele genügen, um schon wieder ihre Zugehörigkeit zu Europas Spitze zu reklamieren. „Wir haben keine Angst vor irgendeinem“, sagte Felix Magath nach einem Sieg über ein Team, das nicht einmal ein gutes Zweitligateam richtig hätte fürchten müssen. Michael Ballack scheint von diesem Bayern-Virus nach zwei Jahren Klubzugehörigkeit noch nicht ganz befallen zu sein. Aber es ist die Art und Weise, wie die Bayern derzeit auftreten, die sie von der Mannschaft der vergangenen Saison unterscheidet. (…) Die Bayern vermitteln derzeit so viel Lust am Fußballspielen wie seit zwei Jahren nicht mehr. Es ist kein Zufall, daß sich die Leistungskurve rapide nach oben bewegte, als Mehmet Scholl nach einer seiner vielen Verletzungspausen zurückkehrte.“

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD 25.11.) befasst sich mit der Menschenführung Felix Magaths: „Es wird immer deutlicher, dass sich Magath in drei Punkten wesentlich von Ottmar Hitzfeld unterscheidet: Das schärfere Konditionstraining scheint die Spieler resistenter gegen Ermüdung zu machen. Zweitens setzt Magath auf eine immer besser eingespielte Stammformation. Deutlich restriktiver ist der Trainer auch bei seinen Einwechselungen. Wer dem Team nicht dienen kann, muss ohne Ansehen von Namen und ungeachtet der Spielzeit den Dienst quittieren.“

Flokati

Andreas Burkert (SZ 25.11.) reicht Schere und Kamm: “Bastian Schweinsteiger trägt diese Frisur schon seit ein paar Tagen, wobei niemand genau weiß, ob es sich dabei wirklich um einen Haarschnitt handelt oder einen aufgeklebten Streifen Flokati. Generell hat Schweinsteiger mit seiner Erscheinung nicht immer den Geschmack seiner Beschützer getroffen, man erinnert sich gut an sein erstes Profitor. Damals nestelte der jubilierende Nachwuchsspieler vor den Kameras an einem Armbändchen herum, was Uli Hoeneß nicht besonders gefiel; der Manager faltete den Teenager in der Pause ordentlich zusammen. Kurz nach der Halbzeit traf Schweinsteiger abermals, er freute sich ganz vorsichtig. Nun also diese Frisur, Schweinsteiger und Hoeneß sind deswegen nicht aneinander geraten. Und dennoch hat der junge Mann aus dem Inntal vor großem Publikum erneut eine unangenehme Erziehungsmaßnahme über sich ergehen lassen müssen. Gesenkten Hauptes trug Schweinsteiger seinen Flokati bereits nach 28 Spielminuten in die Kabine.“

Inter Mailand, SZ

Ball und Buchstabe

Mutmaßlicher Großganove

Spanische Schmähungen – ukrainische Farbenlehre – Spekulation über eine Kandidatur Ricardo Terra Teixeiras, „mutmaßlicher Großganove“ (BLZ) als Fifa-Präsident

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Zeit für zivile Verhaltensregeln

Paul Ingendaay (FAZ 25.11.) widmet sich den möglichen Ursachen der Schmähungen in Spanien, besonders in Madrid: „Mehrere Faktoren könnten zusammengekommen sein und ein unappetitliches Gebräu angerichtet haben. Zum einen gibt es tatsächlich einen radikal fremdenfeindlichen Madrider Fanclub, die „Ultrassur“, an deren ideologischer Nähe zu den Neonazis kein Zweifel besteht und die Haß säen, solange man sie läßt. Hier wäre Real Madrid aufgefordert, sich von den verrufensten Fans zu trennen. Zum zweiten neigt das Umgangsspanisch zu kräftigen Farben und ähnelt bisweilen der Pöbelei – was man nicht ganz so ernst nehmen sollte, wie es in der Übersetzung klingt. Und zum dritten herrscht im Land ein gewisser Mangel an Weltläufigkeit und Neugierde aufs Fremde, und das nicht trotz, sondern neben der vielbeschworenen Multikulturalität Madrids oder der zunehmenden Erfahrung Spaniens mit Wirtschaftsimmigranten. Es wäre jetzt die Zeit nicht für hektische Überreaktionen oder sentimentale Solidaritätsbekundungen mit englischen Fußballmillionären, sondern für zivile Verhaltensregeln im Stadion, die sich nötigenfalls erzwingen lassen. Dazu müßte der spanische Fußballverband erstens die Augen öffnen. Und zweitens handeln.“

Die dpa (24.11.) erklärt die ukrainische Farbenlehre: „Die politischen Turbulenzen nach den Präsidentschafts-Wahlen in der Ukraine waren auch zwischen Dynamo Kiew und dem AS Rom spürbar. Die Polizei sorgte für eine politisch genehme Farbgebung. Während die Demonstranten für Oppositionsführer Viktor Juschtschenko die Hauptstadt in ein Meer von Orange tauchten, wurde den Fans beim Einlass ins Stadion jeder noch so kleine orangefarbene Stoffzipfel abgenommen. Anhänger, die blau-weiße Schals trugen, durften passieren: Die Klubfarben von Dynamo Kiew sind die gleichen wie die Wahlkampffarben von Ministerpräsident Viktor Janukowitsch. Vereinschef Grigori Surkis gilt als Unterstützer von Janukowitsch. Großer Jubel kam auf, als der weiße Ball auf dem verschneitem Grund durch einen orangefarbenen ersetzt wurde.“

Mutmaßlicher Großganove

Jens Weinreich (BLZ 25.11.) schildert die Spekulation über eine Kandidatur Ricardo Terra Teixeiras als Fifa-Präsident: „Lange ist nicht mehr offen gestritten worden im Fußball-Weltverband. Seit jenem fulminanten Frühjahr 2002, als Fifa-Exekutivmitglieder den Präsidenten Joseph Blatter vor Gericht zerren wollten, als dann aber Blatter gegen Issa Hayatou (Kamerun) die Präsidentenwahl gewann. Seither präsentierte sich die Fifa-Familie mitunter so einig wie einst das Politbüro der KPdSU. Der Fifa-Kongress hat Blatter vor einem Jahr in Doha/Katar sogar eine Verlängerung der Amtszeit um ein Jahr bis 2007 genehmigt. Offiziell wollte man damit einen neuerlichen Wahlkampf kurz vor der WM 2006 in Deutschland vermeiden; inoffiziell wurden natürlich weiter Messer gewetzt, so wie es guter Brauch ist in diesem bizarren Verbund. Dafür, dass es wieder enorm spannend wird in der Fifa, bürgt schon die stetig wachsende Reisetätigkeit. Sogar Blatters Vorgänger João Havelange, unverwüstlicher Fußball-Cäsar, präsentiert sich im 89. Lebensjahr in juveniler Verfassung. Viele Wochen tourte er mit seiner Gefährtin durch die Welt, und es ging nicht etwa nur darum, in Edelboutiquen Geld zweifelhaften Ursprungs auszugeben. Havelange hat alle Register gezogen, um der Fifa seinen ehemaligen Schwiegersohn Ricardo Terra Teixeira als Blatters Nachfolger anzudienen. Ausgerechnet Teixeira, den mutmaßlichen Großganoven, der bislang noch mit beinahe jedem Verbrechen (Korruption, Waffenhandel, Drogenhandel, unerlaubtes Glücksspiel) in Verbindung gebracht wurde; der bisher aber auch mit List, Glück und Scheckgewalt einen langjährigen Gefängnisaufenthalt vermeiden konnte.“

Unterhaus

Typischer Akt von Orientierungslosigkeit

Philipp Selldorf (SZ 25.11.) kommentiert den „Abschwung Ost“: „Vor dem Start der laufenden Saison kamen aus Deutschlands Fußball-Osten zaghafte Zeichen des Aufschwungs. Die Aufsteiger Dresden und Erfurt fügten sich mit Cottbus und Aue zu einer Streitmacht in der Zweiten Liga, wie es sie seit 97/98 nicht mehr gegeben hatte. Eine Klasse darüber richtete sich Hansa Rostock mit Juri Schlünz auf eine solide Zukunft ein. Auch die Perspektiven der Zweitligaklubs waren verheißungsvoll: Cottbus galt als Aufstiegsanwärter; Erfurt und Dresden zählten auf ihr treues Publikum, Aue auf die guten Erfahrungen der Vorsaison – die Geographie des deutschen Profifußballs schien wieder ein wenig ins Gleichgewicht zu kommen. Drei Monate später ist Rostock Letzter und hat den getreuen Juri Schlünz verabschieden müssen; Dresden und Erfurt rangieren auf Abstiegsplätzen; Cottbus steht am Rande des Abgrunds und hat den seit zehn Jahren amtierenden und mit dem Klub symbiotisch verbundenen Hauptverwalter Eduard Geyer beurlaubt. Nicht weil man eine bessere Lösung kennt, sondern weil man meinte, dass irgendwas passieren muss. Ein typischer Akt von Orientierungslosigkeit.“

Mittwoch, 24. November 2004

Allgemein

Verachtung für die Medien

„Tyrannosaurus Alex“ – Christian Eichler (FAZ 24.11.) den Manager Manchester Uniteds: „Seit es beim englischen Erfolgsklub nicht mehr so rund läuft, sieht mancher im Alten von Old Trafford einen Dinosaurier, der den Zug der Evolution verpaßt hat. Aber nicht irgendein Dino: Ferguson, das ist der Tyrannosaurus des Fußballs. Und der zeigt wieder Zähne. Erst erklärte er seine Ablehnung der Klubübernahmepläne des amerikanischen Milliardärs Malcolm Glazer. Nun brach er mit einer britischen Institution: der BBC. Schon seit Saisonbeginn verweigert er dem TV-Sender jede Kooperation – wegen einer BBC-Dokumentation im Mai, in der United-Transfergeschäfte beleuchtet wurden, an denen Fergusons Sohn Jason üppig verdiente. Der Film traf Ferguson in einer heiklen Situation. Er hatte es sich im Streit um Deckprämien des Galoppers Rock of Gibraltar mit den irischen Milliardären Magnier und McManus verdorben, und die ließen als Klubmiteigner die Transfers des Schotten untersuchen. Nach der Ausstrahlung erklärte United die Kooperation mit der Firma von Ferguson junior für beendet – eine Niederlage, die Ferguson senior nicht vergißt. Obwohl Erstliga-Fußball in England diese Saison ins öffentlich-rechtliche Programm zurückgekehrt ist, zeigt Ferguson der BBC die kalte Schulter. Wie der Guardian meldet, hat er seine BBC-Boykottstrafe nun sogar auf „lebenslänglich“ erhöht – wobei er mit seinem rigorosen Talent, nachtragend zu sein, an Helmut Kohl erinnert, der einst dem Spiegel auf ewig jegliche Kooperation kündigte. Wie der Altkanzler, so trägt auch der Alttrainer eine Verachtung für die Medien zur Schau, wie sich das sonst keiner traut.“

Raphael Honigstein (Tsp 24.11.) fügt hinzu: „Ferguson ist nicht mehr so unantastbar wie vor wenigen Jahren. Arsenal und Chelsea scheinen United den Rang abzulaufen, und seit einem öffentlichen Streit mit den Haupteigentümern des Klubs, JP McManus und John Magnier, um ein Rennpferd besitzt Ferguson nur noch einen Vertrag, der leicht gekündigt werden kann. Trotzdem hat sein Wort weiter Gewicht. Erst am Sonntag hat er den Möchtegern-United-Besitzer Malcolm Glazer öffentlich abgewatscht (…) Vor kurzem wurde er bei einem Essen für wohltätige Zwecke gefragt, ob er lieber Arsenal-Trainer Arsène Wenger oder David Beckhams Frau Victoria erschießen würde, wenn er eine Kugel frei hätte. Seine Antwort lautete: „Kann ich zwei Kugeln haben?““

Ball und Buchstabe

George W. for President

Rund, ein neues Magazin (FR) – „George W. for President“ (NZZ), das Streben eines Fußball-Weltstars, Staatsoberhaupt zu werden

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Runde Sache unter der Führung der Breschnews und Andropows

Erik Eggers (FR 24.11.) bespricht Rund, das neue Magazin, und wundert sich über die Herausgeber: „Rund ist ein Testballon des Nürnberger Olympiaverlages, der seit Äonen das Fußball-Zentralorgan kicker herausgibt. Überraschend ist die Nachricht nicht nur, weil es so schien, dass sich der biedere kicker seit Jahrzehnten jedem modischen Trend verweigerte. Auch dürfen dessen leitende Redakteure mit Fug und Recht als letzte Apparatschiks des deutschen Fußballjournalismus bezeichnet werden: Immer noch dreht Herausgeber Karl-Heinz Heimann, der dem Blatt seit über einem halben Jahrhundert angehört, unermüdlich an den „Scheinwerfer“, so der Name des wohl ältesten deutschen Fußball-Kommentarplatzes. Und Vorsitzender Rainer Holzschuh, die wahrscheinlich ironiefreieste Person unter deutschen Sportjournalisten, geriert sich als Chefexeget, wenn er in seinen Kommentaren und im DSF – dann stets mit staatstragender Miene auftretend – die Lage zur Fußballnation verlautbart und dabei zielsicher die Rezipienten einschläfert. Ein veritables Wunder fast, dass die Textqualität der jüngeren kicker-Kollegen unter der Führung dieser Breschnews und Andropows zuletzt stieg. Was mag die Verlagsleitung zu dem neuen Projekt bewogen haben? Die nüchterne Einsicht, dass dem kicker das jüngere Publikum verloren geht? Die Konkurrenz durch die 11 Freunde? Wohl beides. Denn dieses Heft, dessen Konzept von Mitarbeitern des ehemaligen St. Pauli-Magazins Viertel nach Fünf stammt und ohne jede Mitarbeit von kicker-Leuten umgesetzt wurde, zielt stark auf eine junge, trendbewusste Zielgruppe, die den Fußball nicht allein als Statistik-Almanach, sondern als Agenten der Erinnerung und „Tor zur Welt“ (Klaus Theweleit) begreift. (…) Die extrem defensive Pressearbeit, ist zu vernehmen, erklärt sich durch die beharrliche verlagsinterne Opposition Holzschuhs, der die ironisch-distanzierte Verarbeitung des Fußballs als vorübergehende Mode begreift. Wenn sich der Mann da mal nicht verkalkuliert.“

Patriot

„George W. for President“ – Peter Hartmann (NZZ 24.11.) schildert das Streben George Weahs, Staatsoberhaupt zu werden und misst seine Chance: „Liberia, die älteste Republik Afrikas, 1847 gegründet von freigelassenen amerikanischen Sklaven, ist von den Warlords ausgeblutet und in chaotische Armut gestürzt worden, zerstört und unkontrollierbar, zerfallen in Clans, die auch Kindermilizen zum Morden und Plündern schickten. Doch nach 14 Jahren Plage und Verzweiflung zeichnet sich für die ungefähr drei Millionen Einwohner ein Hoffnungsschimmer ab. Der Diktator Charles Taylor hat sich, auf amerikanischen Waffendruck, ins Exil abgesetzt, und im Oktober 2005 sollen die ersten freien Wahlen seit zwei Jahrzehnten stattfinden. George Weah will sich um das Präsidentenamt bewerben und schart in dem zerrissenen Land spontane Sympathisantengruppen hinter sich, vor allem junge Menschen, die in ihm den „einzigen wahren Patrioten und Friedensgaranten“ (so die Bewegung „Rettet Liberia“) erkennen. Er ist der bekannteste Liberianer, auch im Ausland, aber er hat nie studiert, hat keine politischen Kenntnisse und Erfahrungen. (…) Nie war er sich zu schade, für Liberia zu spielen. Weah war die Mannschaft, er schoss die Tore und bezahlte die Flüge, die Hotels, die Trikots, die Schuhe, das Taschengeld der ganzen Bande. Seit 1994 gehört ihm ein eigener Klub, die Junior Professionals. Er hat in Mailand das Beispiel des Telekraten Berlusconi genau beobachtet, und vielleicht werden sich die beiden als Staatsmänner wieder die Hand schütteln. Weah baute sein Radio King FM auf, kaufte eine weitere Station dazu und besitzt jetzt auch einen Fernsehsender. Er ist bereit, das Terrain zu betreten – als Politiker.“

Unterhaus

Das System Geyer ist abgestürzt

Matthias Wolf (BLZ 24.11.) kommentiert die Entlassung Eduard Geyers: „Die Klagen junger Profis über die Methoden des Eduard Geyer haben sich gehäuft. (…) Das System Geyer ist abgestürzt. Keine Frage, Geyer hat seine Verdienste. Energie im Pokalfinale, Energie in der ersten Liga, das waren großartige Erlebnisse. Seine drastische Wortwahl hat den Geschmack des Volkes ebenso getroffen wie jene Bilder, bei denen er seine Kicker den Berg hoch hetzte, bis sie sich erbrachen – so will der Fan die Millionäre schuften sehen. Doch zuletzt rief auch das Volk in Cottbus: „Geyer raus!“ Weil sie auf den Stehrängen gespürt haben, dass der Mann mit seinem Latein am Ende ist. Geyer hatte seine Zeit, und die hat er genutzt. Nun muss er gehen, denn Fußball ist ein Tagesgeschäft, in dem nach Punkten und Tabellenstand abgerechnet wird. (…) Es gibt längst andere Trainer aus den neuen Ländern, die aus viel weniger viel mehr machen. Christoph Franke in Dresden, René Müller in Erfurt oder Gerd Schädlich in Aue haben weniger Geld zur Verfügung und stemmen sich gegen die mächtige Konkurrenz. So wie Geyer – früher.“

Opfer seiner Erfolge

Stefan Hermanns (Tsp 24.11.) ergänzt: „Von der gefürchteten Einheit zwischen Spielern und Fans ist nichts mehr geblieben. Letztlich ist Eduard Geyer Opfer seiner Erfolge geworden. Nach drei Jahren in der Bundesliga hat ein Teil der Fans gedacht, die Bundesliga sei der Normalfall.“

Dienstag, 23. November 2004

Interview

Ich habe zu viele junge Spieler erlebt, die mit zuwenig Respekt, Bescheidenheit und Demut an die Sache herangehen

Ewald Lienen mit Michael Ashelm (FAS 21.11.)
FAS: Unter Ihnen ist Per Mertesacker zum Nationalspieler geworden. Welche Qualitäten muß ein Talent mitbringen, um sich durchzubeißen?
EL: Fußball muß nicht neu erfunden werden. Man muß technisch-taktisch auf der Höhe sein. In manchen Ländern wird noch besser ausgebildet als bei uns, das Thema ist noch nicht zu unserer Zufriedenheit gelöst worden. Die Ausbildung muß besser werden, damit die Anzahl der topausgebildeten Spieler größer wird. Da sind wir auf dem richtigen Weg mit der Ausländerbeschränkung bei Nicht-EU-Leuten. Es ist ein schiefes Bild in der Bundesliga, wenn man am Wochenende achtzig Leute auf dem Platz stehen hat aus Deutschland und zweihundert Ausländer. Daraus soll sich die Nationalmannschaft bilden?
FAS: Wie ist das im Fall Mertesacker?
EL: Wir haben ihm sofort das Amt eines Stammspielers in der Bundesliga übertragen. Wir haben gesehen, wie er auf dem Platz steht. Und der Junge ist von seinem Elternhaus, vom Charakter sehr gut vorgebildet. Ein intelligenter, ruhiger, bescheidener Junge.
FAS: Ist die neue Fußballgeneration vielleicht wieder zielstrebiger, ehrgeiziger als die der Neunziger?
EL: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es viel Licht und Schatten gibt. Ich habe Beispiele von jungen Leuten, die hier mittrainieren oder mittrainiert haben, die gar nicht merken, daß sie beim Bundesligaverein sind. Die schicken wir gleich wieder weg, weil das für mich zu kraß ist im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen wir als junge Spieler kaum zu atmen gewagt haben, wenn Topspieler den Raum betraten. Ich habe zu viele junge Spieler erlebt, die mit zuwenig Respekt, Bescheidenheit und Demut an die Sache herangehen. Da fehlt der Biß. Früher hatte man die Straßenfußballer, die mußte man nur taktisch in die Spur setzen, und dann ging’s los. Heute muß ein großes Talent noch viel lernen, deshalb ist es um so unverständlicher, daß viele dies nicht begreifen wollen.

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