indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 12. November 2004

Interview

Einige haben ihre Kollegen abschreiben lassen

Ts, ts, ts! Peter Neururer im Gespräch mit Christoph Biermann (SZ 12.11.) über Trainermethoden
SZ: Gibt es handfeste Gründe dafür, dass Ihre Mannschaft nicht mehr so gut spielt?
PN: Bei einem anderen Punktestand würden wir anders Fußball spielen. Aber wir müssen anders Fußball spielen, um den Punktestand zu verbessern.
SZ: Das klingt nach einer klassischen Zwickmühle. Haben Sie deshalb am Mittwoch das Training ausfallen und für Ihre Mannschaft im VIP-Raum des Ruhrstadions ein Frühstücksbüffet aufbauen lassen?
PN: Wir haben das Training ein bisschen anders gemacht. Auf einer großen Videowand und auf allen Bildschirmen lief unser Sieg über die Bayern in der letzten Saison. Das sollte die Spieler an ihre eigene Stärke erinnern, denn wir müssen den Mut wiederfinden, im Spiel nach vorne Fehler zu machen. Von Frühstück und bewegten Bildern abgesehen habe ich den Spielern außerdem noch Hausaufgaben aufgegeben.
SZ: Wie bitte?
PN: Sie sollten sich Bayern gegen Stuttgart im Fernsehen anschauen und notieren, welches System die Teams gespielt haben, wer die Standards wohin geschlagen hat und wo die anderen Spieler gestanden haben.
SZ: Haben Ihre Spieler die Aufgaben ordentlich erledigt?
PN: Teilweise sehr gut, und einige haben auch ihre Kollegen abschreiben lassen. Das sieht man daran, wenn etwa Salihamidzic mehrfach auf die gleiche Weise falsch geschrieben worden ist. Aber das macht nichts, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass selbst beim Abschreiben noch was hängen bleibt. Außerdem zeigen mir die Hausaufgaben, dass die Stimmung noch gut ist.
SZ: Wodurch?
PN: Einer hat die Aufstellung der Bayern so notiert: Pfaff im Tor, Viererkette mit Eder, Auge, Lothar im Wechselspiel mit Nachtweih und Pflügler, links Ziege, im Mittelfeld noch Lerby und Breitner. Vorne dann Wohlfahrt, Mihailovic und McInally. (…)
SZ: Sie variieren anders als im Vorjahr das Spielsystem. Haben Sie auch schon einmal überlegt, mit Ihrem Team konfrontativer umzugehen?
PN: Ein Trainer ist nicht mehr authentisch, wenn er seinen Führungsstil ändert. Trotzdem habe ich nach dem 0:2 in Hannover mein Verhalten insofern geändert, als ich eine Woche lang nicht mehr zu den Spielern in die Kabine gegangen bin. Sie hatten Kontakt zu mir nur auf dem Trainingsplatz. Das ist jetzt allerdings wieder vorbei, es gibt sowieso nicht viele Patronen, die ein Trainer hat.

Internationaler Fußball

In Udine ist die Fussballwelt noch in Ordnung

Peter Hartmann (NZZ 12.11.) befasst sich mit dem Erfolg Udines: „In Udine, 95 000 Einwohner, 650 Kilometer Distanz zu Rom, ist Fussball eine ernsthafte Sache. Als die italienische Regierung in den achtziger Jahren dem brasilianischen Paradiesvogel Zico die Arbeitsbewilligung verweigerte, erschienen an den Hausmauern von Udine, der Provinzhauptstadt des Friauls, Parolen wie „Zico o Austria“, entweder Zico oder Anschluss an Österreich. Mittlerweile ist die Udinese ein global tätiger Fussballmulti mit etwa 75 spielenden Angestellten. Die meisten vagabundieren als Leihgaben auf europäischen Versuchswiesen herum, einige sind auch mit gefälschten Pässen unterwegs. Luciano Spalletti hat Namen und Performance im Kopf. Aber er redet nicht darüber. Er geht ungern in die Palaverrunden des Fernsehens. Spalletti, der schweigsame Trainer der Udinese, hat zwei Methoden entwickelt, um mit seiner Schüchternheit fertig zu werden: Er schreibt heimlich Gedichte, die er niemandem zeigt. Und er arbeitet täglich eisern von neun bis neun. (…) Spalletti, der kahl geschorene Eierkopf, als neuer Messias der Bescheidenheit und der harten Arbeit? Seinen soliden Trainerruf erwarb er sich, als er mit Empoli, dem toskanischen Klub von der Serie C innert zweier Jahre in die Serie A aufstieg. Doch bei Sampdoria Genua musste er nach fünf Monaten gehen. Er wagte sich nach Venedig und wurde vom Präsidenten Zamparini zweimal engagiert und zweimal entlassen – innert weniger Wochen. In Udine ist die Fussballwelt noch in Ordnung.“

Ball und Buchstabe

Leidet Nick Hornby unter dem Dauererfolg des FC Arsenal?

Diego Maradona, „eingemauert in seinem neuen Panzer“ (Le Monde) – Walther Bensemann, Fußballpionier, „nicht eine Straße trägt seinen Namen“ (FAZ) – „Kreisklasse“, DSF-Sendung über Amateurfußball – „leidet Nick Hornby insgeheim unter dem Dauererfolg des FC Arsenal?“ (FAZ)

…………….

Eingemauert in seinem neuen Panzer

Wo bist du, „Dieguito“?, fragt Martin Amis (Le Monde 17.10.), englischer Schriftsteller und Essayist: „Es gibt ein schreckliches Foto von Diego Armando Maradona aus dem Jahr 2000, als er seine ersten Herzprobleme hatte. Darauf trägt er eine Baseballmütze, verkehrt herum aufgesetzt, eine Sonnebrille, ein ärmelloses T-Shirt, das eine Tätowierung von Che Guevara auf seiner rechten Schulter sehen lässt; Maradona zeigt ein gequältes aufgesetztes Lächeln mit dicken Lippen. Und man sieht seinen großen Bauch. Das lateinamerikanische Diminutiv (-ito, -ita) hat seinen Ursprung in außerordentlicher Verehrung und in Nachsichtigkeit, die man jungen Menschen entgegenbringt. Wenn man aber heute Maradona „Dieguito“ nennt, klingt das seltsam. Die Silhouette, die man auf dem Bildschirm sieht, die wackelig und unsicher durch die Flughäfen geht oder gut gestützt in einem Wagen auf dem Golfplatz sitzt, hat die alten dunklen Haare, und er ist bescheidener gekleidet; dennoch bleibt seine ungeheure Beleibtheit unübersehbar. Sie quält ihn offensichtlich. Und doch kann man Diegutio erkennen, eingemauert in seinem neuen Panzer. Er sehnt sich und leidet, aber ist unfähig zu widerstehen. In jedem Mann, sagt man, gibt es einen mageren Mann, der versucht hinauszukommen. Im Fall Maradona könnte man sagen, dass ein noch dickerer Mann versucht hineinzukommen. Maradona hat sich 1997 vom Fußball zurückgezogen. 2001 spielte er noch einmal (sichtbar wohlgenährt) in einem Match, das vom Fernsehen übertragen wurde. Heute braucht er die Erlaubnis eines Mediziners, um ein Fußballspiel im Fernsehen anzuschauen – im Alter von 43 Jahren. Dieguito, wo bist du geblieben?“

Nicht eine Straße trägt seinen Namen

Bernd-M. Beyer (FAZ 12.11.) erinnert an Walther Bensemann und fordert eine Würdigung seines Verdienstes für den deutschen Fußball: „Es waren nur wenige Trauergäste, die sich am 14. November 1934 auf dem Friedhof von Montreux versammelten. Sie ehrten einen Sportpionier, der in seiner deutschen Heimat entscheidend dazu beigetragen hatte, den Fußball zu einem Massenphänomen zu machen. Doch die Öffentlichkeit in Deutschland nahm kaum Notiz von seinem Tod. Walther Bensemann, der heute vor 70 Jahren starb, war nicht nur ein legendärer Sportsmann; er war zugleich ein eigensinniger Querdenker, ein liberaler Kosmopolit, ein scharfzüngiger Publizist. Und er war Jude. Auf so jemanden wurden im Jahre eins nach Hitlers Machtübernahme keine anerkennenden Nachrufe verfaßt. (…) Als Student der Philologie sah man Bensemann seltener in den Hörsälen als auf den Sportplätzen. Jahrelang zog er durch Süddeutschland, um für den neuen Sport zu werben, wurde zum Spiritus rector der jungen Fußballgemeinde und initiierte zahlreiche Vereinsgründungen – so in Karlsruhe den „Fußball-Verein“, der 1910 deutscher Meister werden sollte, in Frankfurt mit den „Kickers“ eine Keimzelle der jetzigen Eintracht oder in München den Vorläufer des heutigen Rekordmeisters FC Bayern. Auch beim Gründungskongreß des DFB 1900 in Leipzig zählte Bensemann zu den auffälligsten Debattenrednern. (…) Bis zu seinem Tod blieb er mittellos und auf die Hilfe von Freunden angewiesen, in erster Linie die des (deutschen) Generalsekretärs des Internationalen Fußball-Verbandes Ivo Schricker. Bis heute ist eine offizielle Würdigung seiner Verdienste ausgeblieben; nicht ein Sportplatz, nicht eine Straße trägt seinen Namen.“

Da gibt es die tollsten Geschichten

Ulli Potofski, Moderator von „Kreisklasse“ (Sendung über Amateurfußball im DSF), im Interview mit Sven Meyer (SpOn)
SpOn: Geht es bei den Amateuren ehrlicher zu als im Profifußball?
UP: Das ist eine der Fragen, der ich in dieser Sendung nachgehen werde. Die Jungs, die Sonntagmorgen um neun Uhr aufstehen und dann auf den Platz krauchen, kein Geld dafür bekommen und im Schlamm wühlen, das hat für mich zumindest von der Vorstellung her etwas sehr ehrliches.
SpOn: Fragt sich nur, ob diese Bolzplatz-Romantik auf Dauer auch die notwendigen Zuschauermassen mobilisiert, die über Wohl und Wehe einer Show entscheiden.
UP: Natürlich brauchen wir erstmal eine Anlaufphase. Ich hoffe aber, dass das Ganze im Verlauf der ersten 20 Sendungen, die vorerst geplant sind, dahin führt, wo ich hin will. Das schöne ist, dass es keine Sendung ist, die vorher pilotiert wurde, so wie das sonst üblich ist, wenn man irgendwelche Marktforscher beauftragt. Ich denke, das ist alles ziemlicher Unsinn, der da zum Teil im Fernsehen gemacht wird. Man muss einem Format oder einer Idee mal ein bisschen Zeit geben, so wie früher. Ich hoffe, dass wir die haben. Deswegen freue ich mich sehr drauf.
SpOn: Braucht der Zuschauer eine „Kreisklasse“-Show?
UP: Was heißt hier braucht! Wir brauchen überhaupt kein Fernsehen. Aber das ist ein anderes Thema. Worauf es mir ankommt: Ich will etwas Normales machen, auch wenn das bei den Privatsendern verpönt ist. Normalität klingt ja nach Langeweile, was sie aber nicht sein muss. Ich glaube, die Leute sehnen sich nach Normalität.
SpOn: Die „Leute“, die sie ansprechen wollen, dürften zu 99 Prozent männlichen Geschlechts sein.
UP: Gerade in den unteren Vereinen ist das oft eine sehr familiäre Geschichte bei der auch die Frauen eingebunden sind. Außerdem interessieren mich ja auch Frauenteams. Genauso wie reine Bolzmannschaften oder Jugendteams. Sieben Millionen Menschen spielen in Deutschland Fußball, da gibt es die tollsten Geschichten, die auch das weibliche Publikum begeistern werden. Fußball hat auch eine sehr soziale Komponente, die es zu würdigen gilt.

of: Warum sendet das DSF die Sendung donnerstags, wenn neun von zehn Kreisliga-Mannschaften Deutschlands trainieren? Wissen die das nicht? Oder richtet sich die Sendung an eine andere Zielgruppe?

Leidet Hornby insgeheim unter dem Dauererfolg des FC Arsenal?

Andreas Rosenfelder (FAZ 10.11.) befasst sich mit Nick Hornbys Sorge, ein „Winner-Supporter“ zu werden: „Das Bierdosenschwenken bei Auftritten von Rod Stewart und den „Faces“ war für den fünfzehnjährigen Hornby deshalb ein Ritual der Selbsterkenntnis, weil die Stücke der Gruppe nicht wie existentialistische Romane „von jungen Franzosen handelten, die einen Menschen getötet haben“, sondern weil die Musiker Fußbälle ins Publikum kickten und über englische Vorstadtmärkte sangen. (…) Was verbindet Nick Hornby mit dieser Band [Marah], die für einen Song mit Bruce Springsteen auf der Bühne stand, um kurze Zeit später in Londoner Klubs gegen freie Getränke zu spielen? Zunächst einmal seine Eigenschaft als Fan, die ihn freilich – wie er einräumte – in eine verzwickte Lage bringt: Sollten Marah tatsächlich einmal in den Fußballstadien landen, verlöre Hornby jenen Expertenstatus, der zum Wesen des Fanseins gehört. Leidet Hornby womöglich schon insgeheim unter dem Dauererfolg des FC Arsenal, dessen Anhänger zu sein während der Durststrecke des Vereins in den achtziger Jahren noch eiserne und einsame Treue voraussetzte?“

DFB-Pokal

Unwürdiger Auftritt

Bayern München-VfB Stuttgart 3:0

Ganz Stuttgart hat enttäuscht. Ganz Stuttgart? Ganz Stuttgart! Michael Horeni (FAZ 12.11.): “Felix Magath huschte ein Grinsen übers Gesicht, als Matthias Sammer auf der Pressekonferenz erläutern sollte, wie er den Satz von dem „blöden Pokalspiel“ vor ein paar Tagen eigentlich gemeint hatte. Der so oft emotionsgeladene Stuttgarter Trainer blieb bei seinem Selbsterklärungsversuch zwar die Ruhe selbst und versuchte ganz nüchtern darzustellen, daß ihm das Achtelfinale wegen der Programmfülle davor und danach „terminlich nicht reingepaßt“ habe und er sich als Trainer einfach nur „mehr Ruhe und Vorbereitung“ für diese Begegnung gewünscht habe. Während Sammer nach einem für einen Meisterschaftskandidaten und selbsternannten Herausforderer der Münchner Titelsammler unwürdigen Auftritt weiter vor sich hin theoretisierte, wurde dem maliziös lächelnden Magath wieder einmal der Unterschied zwischen aktuellem und früherem Arbeitgeber bewußt. Terminlich nicht reingepaßt – und dann widerstandslos 0:3 verloren. Das wäre, um den Gesichtsausdruck Magaths zu übersetzen, beim FC Bayern ein Entlassungsgrund – beim VfB Stuttgart aber darf man sich solche selbstgenügsamen Fluchten vor höchsten Ansprüchen noch folgenlos gönnen. (…) Nichts war zu sehen von den offensiven Qualitäten, nichts von einer grundsoliden Defensivordnung – dazu zeigte Timo Hildebrand, daß Torwartfehler derzeit nicht nur mit dem Namen Kahn verbunden sind.“

Eintracht Frankfurt-Schalke 04 0:2

Gewisses Erschrecken

Klarer Sieg – Thomas Kilchenstein (FR 12.11.): „Es herrschte nach dem Abpfiff eine seltsame Stimmung unter den Eintrachtlern. Es war nicht nur Enttäuschung über ein Spiel, das man nie und nimmer hätte gewinnen können, es war Ernüchterung, auch ein gewisses Erschrecken darüber, wie groß doch der Unterschied ist zwischen einem Spitzenteam in der Bundesliga und einer Durchschnittsmannschaft im Unterhaus. Tempo, Spielverständnis, Laufarbeit, individuelle Klasse – es waren Welten, die beide Teams trennten.“

Donnerstag, 11. November 2004

Internationaler Fußball

Adu-Effekt

Die NZZ (11.11.) befasst sich vor dem Finale mit der Bedeutung Freddy Adus für die Major League Soccer: „Adu mag fussballerisch noch keine Bäume ausreissen, doch für das Marketing der Major League Soccer (MLS) ist er von enormer Bedeutung. Es ist praktisch ausschliesslich seiner Präsenz zu verdanken, dass der Zuschauerschnitt in der Liga um 4,4 Prozent gestiegen ist. Im eigenen Stadion kamen im Vergleich zum letzten Jahr durchschnittlich 1667 Zuschauer mehr pro Heimspiel, und auf fremden Plätzen war der „Adu-Effekt“ noch stärker zu spüren; wenn Washington zu Gast war, klingelte beim Heimverein die Kasse. „Freddy ist gut für den gesamten Fussball“, sagt Kevin Payne, der Präsident von D. C. United, und Don Garber, Commissioner der Liga, glaubt gar, erstmals über einen Spieler zu verfügen, der Menschen fasziniere, die sich bis anhin keinen Deut um Soccer gekümmert hätten. Garber mag damit Recht haben, doch sollte er sich nicht alleine auf die Wirkung Adus verlassen. Die Probleme der Liga sind zu gross, um von einem 15-Jährigen gelöst werden zu können. Das Play-off-System ist absurd. Acht von zehn Teams erreichen die K.-o.-Phase, was dazu führt, dass viele Spiele der Regular Season praktisch bedeutungslos sind. Die Einkaufspolitik der Liga ist fragwürdig, und bis heute ist man sich immer noch nicht schlüssig, ob denn nun das grösste Potenzial bei den Hispanics liegt oder doch in der weissen Mittelschicht des Landes.“

Aus der NZZ (11.11.) erfahren wir über Geschichte und Entwicklung des Liechtensteinischen Fußball-Verbands: „Die Geschichte des LFV reicht weiter zurück als die internationalen Engagements vermuten lassen. Die Gründung erfolgte 1934 durch die damals bestehenden vier Fussballvereine, die ein Jahr zuvor eine Vereinbarung abgeschlossen hatten, um an den Schweizer Meisterschaften teilnehmen zu können. Erst 40 Jahre später wurden die Weichen auf internationaler Ebene gestellt: Die Fifa nahm das Fürstentum im Jahre 1974 als 142. Mitglied auf, in der Uefa nahm Liechtenstein Platz als 34. Mitglied. Den ersten offiziellen Ländermatch spielte die liechtensteinische Nationalequipe 1982 gegen die Schweizer Auswahl, der entgegen den Erwartungen – und dank freundnachbarlicher Zurückhaltung – nur in einer 0:1-Niederlage des Aussenseiters endete. Auf internationales Parkett wagte man sich 1994 mit der Teilnahme an der EM-Qualifikation vor, nachdem im Jahr zuvor der Deutsche Dietrich Weise als Nationaltrainer verpflichtet worden war. (…) Innerhalb eines Jahrzehnts entwickelte sich aus einer zusammengewürfelten Equipe eine Nationalmannschaft, die von den Gegnern nicht mehr auf die leichte Schulter genommen werden kann, sondern als kampfstarker, unberechenbarer Kontrahent eingestuft werden muss. Die seit Jahren konsequent durchgezogene Juniorenförderung beginnt zusammen mit der Professionalisierung des FC Vaduz die erhofften Früchte zu tragen. Nationaltrainer Martin Andermatt kann bei der Selektion auf eine Stammgruppe der Challenge-League-Mannschaft des FC Vaduz zurückgreifen, die durch einzelne Spieler, die in anderen Mannschaften in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und Italien unter Vertrag sind, ergänzt wird.“

Ball und Buchstabe

Fußball ist vor allem jetzig

Christoph Biermann (taz 11.11.) erlebt Fußball immer hier und heute: „Fußballnostalgie ist weit weniger verbreitet als Musiknostalgie. Es gibt genug Menschen, die wahlweise in den Rolling Stones, Clash oder Nirvana den Höhepunkt der Popgeschichte erreicht sehen, während niemand ernsthaft behaupten würde, dass Bayern München 1973, Argentinien 1982 oder der FC Porto 2004 irgendwelche Endpunkte irgendwelcher Entwicklungen im Fußball markieren. Selbst der Netzerismus und das (berechtigte) Lobpreisen des deutschen Europameisters von 72 hat sich im Laufe der Jahre als Modell nicht durchgesetzt. Vielleicht liegts auch daran, dass beim Fußball eine Beschreibung in Zyklen von Aufstieg und Verfall bereits mit den wechselnden Tabellenständen stattfindet. So recht hat sich fußballimmanente Nostalgie jedenfalls nicht durchsetzen können. Wer will schon hören, dass Fußball in den Fünfziger- oder Achtzigerjahren viel besser war? Die Realzeitlupen aus jener Zeit widersprechen dem sofort, und dann sitzt man im Stadion auch noch eine Reihe vor einem Fußballgott aus den Siebzigern und schlägt die Hände überm Kopf zusammen, weil er das Spiel von heute immer noch mit dem Blick von damals anschaut. Fußball ist vor allem jetzig, und vergangene Spiele speichern die Erinnerungen im geringeren Maße, als Musik das tut. Außerdem hält Fußball eher das Kollektive fest, 1954 für eine ganze Nation und immer wieder für eine Region.“

DFB-Pokal

Vage kämpfend, kaum spielend, am Ende mutlos

Hannover 96-Borussia Dortmund 1:0

Frank Heike (FAZ 11.11.) sorgt sich um Borussia Dortmund: „Bert van Marwijk hatte spätestens nach diesem Spiel verinnerlicht, worum es für Borussia Dortmund in den kommenden Monaten gehen würde: Das Wort heißt Abstiegskampf. Obwohl es ein Pokalspiel war, gab die schwache die Richtung für den Rest des Jahres vor: In Dortmund orientiert man sich nach unten. Ob denn der BVB im Abstiegskampf bestehen könne, wurde der Dortmunder Trainer gefragt. Van Marwijk antwortete: „Es muß! Wir haben nur ein Ziel, das ist Überleben.“ Soviel Realismus irritierte einige Zuhörer. Sie haben immer noch ein Bild der Dortmunder im Kopf, das den aktuellen Tabellenstand und das Leistungsvermögen dieser arg ersatzgeschwächten Mannschaft eher als Irrtum der jüngeren Fußballgeschichte einstuft denn als pure, bittere Wirklichkeit. Die Dortmunder von heute kämpfen gegen erdrückende Schulden, gegen den Abstieg und das Verschwinden von Fußball-Kultur auf dem Rasen – das 0:1 bei Hannover 96 wies die notgedrungen auf neun Stammspieler verzichtenden Borussen als vage kämpfende, kaum spielende, am Ende mutlose Mannschaft aus, um die man sich Sorgen machen mußte. Da war nichts von System, Stil oder Aufbäumen gegen das Ausscheiden aus dem lukrativen Pokalwettbewerb zu sehen. (…) Langsam muß man wirklich glauben, daß Trainer Ewald Lienen etwas Dauerhaftes aufgebaut hat.“

Mittwoch, 10. November 2004

Ball und Buchstabe

Beckham wird Beckham spielen

Beckham kommt auf die Leinwand, frohlockt Eva Busse (FTD 10.11.): „In einem dreiteiligen US-Schinken, produziert unter anderem vom Rechtsaußen-Fundamentalchristen Mel Gibson, wird der blonde Mittelfeldspieler seine Kinokarriere beginnen. Oder genauer: Er wird sie vertiefen. Denn im kommerziellen Vorfilmprogramm ist er ohnehin präsent. Zur Zeit macht er Kinowerbung für Gillette. Doch künftig will Beckham auch auf der Leinwand bleiben, wenn alle endlich sitzen. Er hat offiziell bekannt geben lassen, dass er „Filmstar“ werden will. Also nicht „Schauspieler“, was mutig genug gewesen wäre, sondern „Filmstar“. Doch gegen Grandiosität haben die Briten nichts. Allerdings ist ihnen nun, drei Tage später, Erleichterung anzumerken, als Einzelheiten über Beckhams erste Rolle durchsickerten. „Zum Glück“, seufzt der Guardian, „wird seine schauspielerische Phantasie nicht allzu sehr strapaziert.“ Die Sensation ist perfekt: Beckham wird Beckham spielen. Und er ist nicht allein: Zinédine Zidane wird Zidane spielen. Raul wird Raul spielen. Drei Spitzenspieler von Real Madrid, drei Galacticos, haben sich von Hollywood einkaufen lassen. (…) Sportlichen Idealisten wird der glamouröse Missbrauch der drei Fußballgötter zuwider sein. Immer weiter entfernen sie sich vom Fußball, immer mehr dreht sich ihre Berühmtheit um ihre Berühmtheit. Beckham kuriert in letzter Zeit entweder seine Rippen unter dem Waschbrettbauch oder seine Ehe oder seine frischen Tatoos. Wenn er dazwischen Fußball spielt, ist das mittelprächtig durchwachsen.“

Unterhaus

Geduldsprobe für den Fan

„Wie lange wird und darf Frankfurt in der zweiten Liga spielen?“ (FAZ) – „der Boden für die

………..

Wie lange wird und darf Frankfurt in der zweiten Liga spielen, Ralf Weitbrecht (FAZ 10.11.)? „Fußball der zweiten Klasse in Frankfurt – das paßt nicht so recht zur Stadt der Bankentürme. Bis zur WM 2006 ist es nicht mehr lange hin, und der kurz vor der Vollendung stehende Umbau des Waldstadions zu einer WM-reifen Arena spielt eine große Rolle in den sportlichen Planungen der Eintracht. Maximal drei Jahre lang, so die schlimmsten Annahmen von Bürgermeister Achim Vandreike, könne man sich das Abenteuer zweite Liga leisten. Das Stadion, 188 Millionen Euro teuer, verlangt erstklassigen Fußball, und der mit der Vermarktung der Arena beauftragte Sportfive-Geschäftsführer Thomas Röttgermann glaubt gar: „Ein Verein wie Eintracht Frankfurt darf sich nur kurz in der zweiten Liga aufhalten.“ Eine Stadt wie Frankfurt ruft nach erstklassigem Fußball. Wann der Ruf erhört wird, ist die Frage. Im Moment sieht alles nach einer Geduldsprobe für den Fan aus.“

Neue Arena, neue Zeitrechnung, neuer MSV

Und der MSV Duisburg, Richard Leipold (FAZ 10.11.)? “Der Boden für die Rückkehr in die höchste Klasse ist bereitet, sportlich wie architektonisch. Die Arena, in gut einem Jahr auf dem Gelände des alten Wedau-Stadions entstanden, bietet buchstäblich einen Grund für die Rückkehr in die Beletage der kickenden Zunft. „Neue Arena, neue Zeitrechnung, neuer MSV“ heißt es im Editorial der Vereinspostille „Zebra-Magazin“. Und bald auch eine neue Liga?“

Kindergeburtstag

Über den Pokal-Achtelfinalisten SC Paderborn schreibt Christoph Kieslich (FTD 10.11.): „Es war eine schlaue Idee, die der Marketingfachmann Marcus Rüther beim SC Paderborn 07 ausgeheckt hatte. Weil dem altehrwürdigen Hermann-Löns-Stadion ein Flutlicht fehlt, muss das DFB-Pokalspiel gegen den SC Freiburg um 14 Uhr zu einer Zeit angepfiffen werden, zu der man vielleicht über einen Espresso, nicht aber über Fußball nachdenkt. Um eine Kulisse zu bekommen, die einem Achtelfinale angemessen ist, hat der Regionalligaverein Sponsoren dafür gewinnen können, Kartenpakete zu erwerben und Schulen zu stiften. „Daraus“, sagt Diplom-Betriebswirt Rüther, „ist eine Lawine geworden.“ Was bedeutet, dass das Schulamt für den Kreis Paderborn für heute die letzte Stunde freigegeben hat. Im mit 10 000 Plätzen ausverkauften Haus werden rund 8000 Schüler, so die Schätzung, die Partie in einen Kindergeburtstag verwandeln. „Und mit einem vollen Stadion im Rücken“, hofft man auf der Vereinswebsite, „will der SCP auch den dritten Favoriten aus dem Wettbewerb kegeln.“ Zweimal ist das den Ostwestfalen, die 1985 aus der Fusion des FC Paderborn und des einstigen Zweitligisten TuS Schloss Neuhaus hervorgingen, schon eindrucksvoll gelungen.“

WM 2006

Fußball-WM für Leipzig eine Nummer zu groß?

Auch in einem zweiten Text befasst sich Frank Hellmann (FR 10.11.) mit dem WM-Standort Leipzig : „Der Sinn der millionenschweren Steuersubventionen in eine Arena in Leipzig stand seit jeher in Frage. Doch der Initiator der WM-Bewerbung, der ehrenwerte Ehrenpräsident Egidius Braun, stand zum einen wegen seiner Versprechungen gegenüber dem ostdeutschen Fußball in der Schuld; zum anderen hat der Traditionalist nie einen Hehl daraus gemacht, den Gründungsort des DFB mit einem Stadion-Denkmal zu bedenken. Und dann haben alle fleißig für Leipzig gekungelt: Der DFB, das OK, der Bund, das Land, die Stadt ohnehin, die gerne zuerst in Luftschlösser investiert und hernach über deren Nutzung streitet. Da verwundert kaum, dass das Zentralstadion derzeit zuvorderst als Spielwiese für gewiefte Geschäftemacher denn als Spielstätte für großen Sport dient. Nun vertiefen sich die Sorgen, dass es nächsten Mittwoch, wenn der Vorhang fürs erste Länderspiel aufgeht, eine Blamage setzt. Wenn nämlich 44 000 Menschen nicht rechtzeitig ins erstmals ausverkaufte Stadion gelangen. Die Anfahrt mit dem Auto ist sinnlos – das Gelände wird weiträumig abgeriegelt. Mit Straßenbahnen und Bussen sollen die Zuschauer zur Veranstaltung gekarrt werden – dabei sind gar nicht alle Park-and-Ride-Plätze fertig. Man wird den Eindruck nicht los, dass neben Olympischen Spielen auch die Fußball-WM für Leipzig eine Nummer zu groß geraten könnte.“

„Das hochmoderne Leipziger Zentralstadion steht vor dem Verkauf“, meldet Frank Hellmann (FR 10.11.): „Das Stadion besitzt und betreibt Kinowelt-Chef Michael Kölmel, der dafür einst rund 30 Millionen Euro investiert hat. Doch wenn nicht alles täuscht, gehört das Stadion bald einem anderen: Gerald Wagener, Multi-Unternehmer aus Düsseldorf und eigentlich prädestiniert für solche Projekte. Wagener ist Sport- und Unternehmensmanager, Sportartikel- und Rechtehändler, in Russland wie im Reitsport aktiv, nebenbei Boss des Basketball-Zweitligisten Magics Düsseldorf. Er wolle sich, so heißt es, für einen Kaufpreis zwischen 34 und 40 Millionen Euro neben dem Zentralstadion auch die Mehrzweckhalle „Arena Leipzig“ und die Festwiese einverleiben.“

Bundesliga

Es ist unterhaltsam, wenn ein Trainer besserwissende Kritiker zur Minna macht

„Matthias Sammer muss nun keine Rücksichten auf einzelne Diven nehmen oder gar die Klubpolitik mittragen“ (SZ) – „in München steht nicht der Trainer im Mittelpunkt“ (FAZ)

………..


Martin Hägele (SZ 10.11.) vermisst die Wut Matthias Sammers: „Der „Motzki“ in Sammer ist praktisch gestorben. Jene zweite Persönlichkeit, in die sich der damalige Trainer von Borussia Dortmund regelmäßig verwandelte. Wenn Sammer vor der Bank herumtobte, gegen Schiedsrichter und Gegner wetterte und als Schlusspunkt seiner Ausbrüche den Fernsehmann im Studio attackierte, kaum dass der ein „Guten Tag, Herr Sammer“ herausgebracht hatte. Darauf wartete man vor dem Fernsehapparat schon regelrecht. Motzki wurde Kult und teilte Deutschlands Fußballgemeinde. Die einen wünschten dem ehemaligen Weltklasse-Libero mehr Gelassenheit. Die anderen genossen die dritte Halbzeit der Borussen-Spiele, weil es unterhaltsam ist, wenn ein Trainer besserwissende Kritiker zur Minna macht. (…) Zu Sammers Glaubwürdigkeit gehört nach wie vor, dass er während eines Spiels und danach unter Stress steht. Doch auch dabei wirkt er im roten Trainingsanzug weit gelassener als in den schwarz-gelben BVB-Klamotten. In Stuttgart verfügt er über einen sehr disziplinierten Kader mit eindeutiger Hierarchie. Sammer muss keine Rücksichten auf einzelne Diven nehmen oder gar die Klubpolitik mittragen wie einst unter BVB-Patron Gerd Niebaum.“

In München steht nicht der Trainer im Mittelpunkt

In München wirkt Felix Magath ein Stück kleiner, bemerkt Elisabeth Schlammerl (FAZ 10.11.): „Magath hat schnell festgestellt, daß beim FC Bayern einiges anders läuft als im Schwabenland. In München steht nicht der Trainer im Mittelpunkt, sondern die Spieler und die Chefetage mit ihrer geballten Fußballkompetenz. Hier muß er sich nicht vorrangig um die Ausbildung und Integration der Jungen kümmern. Statt ein, zwei eigenwillige Spieler zu führen, hat er sich in München gleich mit einem ganzen Starensemble und dessen Allüren herumzuschlagen. Da fällt es nicht leicht, sich immer Gehör zu verschaffen. (…) Aus der Chefetage des FC Bayern drang kein kritisches Wort über Magath, den Wunschtrainer, in den vergangenen Wochen. Sogar Dauergrantler Franz Beckenbauer verzichtete auf bissige Bemerkungen. Natürlich blieb den Verantwortlichen gar nichts anderes übrig als stillzuhalten, andernfalls hätten sie sich unglaubwürdig gemacht. Rummenigge hat sich rar gemacht in der Öffentlichkeit, tritt nur noch gelegentlich im Fernsehen auf. Wie Uli Hoeneß versuchte er abzulenken von den sportlichen Schwierigkeiten des deutschen Rekordmeisters. Nach der Niederlage in Mönchengladbach attackierten die Verantwortlichen den Schiedsrichter derart überzogen, daß kaum mehr jemand über das schwache Spiel der Münchner redete. Nach dem Fehler von Oliver Kahn gegen Juventus Turin warf Rummenigge Jürgen Klinsmann vor, er setze den Torhüter mit dem Konkurrenzkampf zu sehr unter Druck. Fortsetzung folgt. Bestimmt.“

Dienstag, 9. November 2004

Allgemein

9. November

Karlsruhe – Michael Ashelm (FAZ 9.11.) hätte mit der Rückkehr Sean Dundees nicht mehr gerechnet: „Seit es hier für ihn läuft, wirkt der Torjäger wie befreit von der Last der vielen zurückliegenden Enttäuschungen, die ihn fast aus der Bahn geworfen hätten. Als der Angreifer vor fast zehn Jahren aus der Regionalliga (Ditzingen) in die Bundesliga zum damals noch erstklassigen KSC wechselte, katapultierte er sich auf Anhieb mit 16 Saisontreffern in den deutschen Fußballhimmel. Er übertraf bei seinem Profidebüt die Treffermarken von Gerd Müller, Rudi Völler oder Jürgen Klinsmann in deren erstem Profijahr und weckte Hoffnungen auf eine glanzvolle Zukunft. Schnell fand die Regenbogenpresse den passenden Namen für den torhungrigen Jüngling, es sollte nur eine Frage der Zeit sein, bis „Crocodile Dundee“ zu einem Star von internationaler Größe würde. Der DFB sorgte für die flotte Einbürgerung. Doch nach dem steilen Aufstieg folgte der schnelle Absturz. Der lebensfrohe Südafrikaner verlor über allen Rummel um seine Person die Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben, verzettelte sich auch in privaten Angelegenheiten und umgab sich mit schlechten Ratgebern. „Ich war jung und hatte keine Ahnung vom Leben. Ich habe jedem vertraut, der nett zu mir war“, resümierte er einmal. Die Realität hatte den Hallodri mit voller Breitseite erwischt. Dundee floh nach dem Abstieg aus Karlsruhe, versuchte es beim FC Liverpool, scheiterte und wechselte zum VfB Stuttgart. Vier durchwachsene Jahre im Ländle brachten ihn nicht weiter, der Weg aus der Sackgasse wurde ihm auch bei seinem Kurzaufenthalt in Wien nicht gewiesen. Und so kann er sich bei Lorenz-Günther Köstner bedanken, daß er ihn nie aus den Augen verlor.“

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 0,849 seconds.