Montag, 4. Oktober 2004
Internationaler Fußball
Champagner-Fußball der Marke Arsenal soll endlich reifen wie ein großer Wein
Arsenal gewinnt im Stadtderby 4:0 gegen Charlton Athletic, Christian Eichler (FAZ 4.10.) schnalzt mit der Zunge, und die Konkurrenz lauert: „“Das Leben wird bald härter für Arsenal“, verspricht Jose Mourinho. „Im Moment haben englische Teams eine Art Blockade gegen Arsenal. Sie glauben, sie zu besiegen sei nicht möglich.“ Aber wenn das erst einmal geschehen sei, „werden auch schwächere Teams plötzlich schwerer zu schlagen sein“. Dieser Urknall könnte in drei Wochen passieren, wenn Arsenal beim Dauerrivalen Manchester United antritt. In solchen Partien ist die Disziplin gefordert, in der sich Arsenal inzwischen auch in der Champions League übt: europäisch spielen. Ergebnis vor Erlebnis, Tore rational verwalten statt emotional ausleben – es ist die Kunst, zur Not auch häßlich zu gewinnen, in der dieses Ensemble des schönsten Fußballs noch ein Lehrling ist. Aber der Lehrling macht schon Fortschritte. Wenger hat aus den Überlastungen der letzten Saison gelernt, als Arsenal alles wollte und Champions League und Pokal verspielte. Mittlerweile läßt er Stammspieler öfter pausieren. Schon seit Jahren prickelt er in den besten Momenten wie Champagner, der Fußball Marke Arsenal. Nun soll er endlich auch reifen wie ein großer Wein.“
Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse – Torschützen – Tabellen NZZ
Unterhaus
Nicht hupen!
Nicht hupen! Die FR (4.10.) träumt von Eintracht Frankfurt: „Die Frankfurter zelebrieren das schöne Spiel mit dem Kunstleder, wie sie es seit vielen, vielen Jahren nicht mehr getan haben. Das Bällchen läuft wie am Schnürchen, in die rasanten, überfallartigen Angriffe mogeln sich kaum Stockfehler; Finten, Doppelpässe, tiefe Bälle, waghalsige Dribblings – die Eintracht-Kollektion im Sommer/Herbst 2004 macht einfach Spaß und Lust auf mehr. Die hessischen Fußballprofis spielen den schönsten Fußball, seit die Okochas, Beins und Gaudinos ihre Gegenspieler narrten. Vergleiche zur vergangenen Saison, als neun Frankfurter ihr Heil im Mauern suchten und im Spiel nach vorne vor sich hin dilettierten, verbieten sich von selbst.“
Bundesliga
Kühles Kalkül, kluger Kopf und individuelle Klasse
4. Oktober
Der 7. Bundesliga-Spieltag: FC Bayern, „kühles Kalkül, kluger Kopf und individuelle Klasse“ (Tsp) / „gewöhnungsbedürftig, daß Andrés D’Allesandro beim VfL Wolfsburg sein Geld verdient“ (FAZ) / Alarm auf dem Betzenberg, „die Beziehung zwischen Mannschaft und Fans ist nachhaltig gestört“ (FAZ) / Borussia Dortmund, „nur noch Mittelmaß“ (SZ) u.v.m.
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Werder Bremen-Bayern München 1:2
Frank Hellmann (Tsp 4.10.) erlebt ein Déjà-vu: „Umfassend ist der Imagewandel der Münchner wohl nicht: Der Erfolg im Weserstadion war kühlem Kalkül zu verdanken, klugem Kopf und individueller Klasse. Damit weist der FC Bayern vom Herbst 2004 frappierende Ähnlichkeit mit dem FC Bayern unter Ottmar Hitzfeld auf. Erfolge sind weniger das Produkt spielerischer Klasse und ansehnlichen Offensivfußballs als das Resultat kämpferischer Hingabe und solider Defensivleistung. Magath, der den schönen Fußball nach München bringen sollte und wollte, hat sich mittlerweile damit arrangiert: Wenn es zum Sieg reicht, dann haben wir auch gut gespielt. In dieser Mannschaft steckt mehr Ottmar Hitzfeld, als dem als Revolutionär angetretenen Felix Magath lieb sein kann.“
Zurück in die Zukunft
Ralf Wiegand (SZ 4.10.) sieht das ähnlich: „Der FC Bayern wies nur in einer statistischen Unterabteilung einen höheren Wert auf als der Gegner: 15 Fouls der Bremer standen 30 der Bayern gegenüber. Daran mag man erkennen, wie die Münchner zu ihrem ersten Sieg im Weserstadion seit fünf Jahren gekommen waren – über den Kampf. Ernüchternd gewöhnlich war das Aufeinandertreffen des amtierenden Deutschen Meisters aus dem Norden gegen den All Time Champion aus dem Süden, die beide unter der Woche noch ihre Heimstätten derart vibrieren ließen, dass Seismographen beinahe kleine Erdbeben angezeigt hätten. Die Münchner hatten, wie Uli Hoeneß im noch nicht ganz abgeebbten Überschwang der Gefühle wiederholte, „mit dem 4:0 gegen Amsterdam ganz Deutschland restlos zufrieden gestellt“, während Werder mit einer furiosen Aufholjagd den Skalp des spanischen Spitzenklubs FC Valencia in seine Trophäensammlung einreihte. Im Bundesliga-Alltag schrumpften beide wieder auf Normalmaß. (…) Felix Magath jedenfalls ist in seinem Anspruch vom schönen Offensivfußball bereits nach drei Monaten in München erschreckend flexibel geworden. Die anfangs vom neuen Trainer irritierten, weil seit Generationen aufs Ergebnis fixierten Spieler finden gleichsam in gewohnt archaische Verhaltensmuster zurück, die ihren natürlichen Anspruch auf die Alpha-Rolle belegen sollen: Zurück in die Zukunft.“
Auch Sven Bremer (FTD 4.10.) würde Magath gerne an seinen Worten messen: „Pragmatiker nennen das clever, Fußballästheten werden deshalb wohl niemals Fan des FC Bayern München werden. Richtig ansehnlichen Fußball spielte eigentlich nur Michael Ballack. Doch darum, so klärte Felix Magath auf, würde es ja auch gar nicht gehen. „Es geht nicht darum, alle drei Tage optimal zu spielen, sondern darum, so lange wie möglich in allen drei Wettbewerben Erfolg zu haben.“ Das kommt einem irgendwie bekannt vor. Doch es saß nicht der stets kühl kalkulierende Ottmar Hitzfeld auf dem Podium, sondern Felix Magath. Jener Trainer, der zu Saisonbeginn noch das Ziel formulierte, den schönen, modernen und offensiven Fußball in München zu installieren. Erst jetzt scheint er dort richtig angekommen zu sein. Und die Erkenntnis erlangt zu haben, dass es doch nicht so einfach ist, bei dem Verein etwas grundlegend zu verändern. Leidenschaftlicher Offensivfußball wie gegen Ajax Amsterdam dürfte also auch in Zukunft nur in kleinen Dosen verabreicht werden.“
Oke Göttlich (taz 4.10.) beschreibt den Münchner Stil: „Wie sehr die Bayern das Recht des Stärkeren strapazierten, zeigte sich Mitte der zweiten Spielhälfte. Einem harmlosen Duell zwischen Miroslav Klose und Oliver Kahn schloss sich die unwürdigste Szene des Spiels an. Wie ein tumber und alkoholisierter Oktoberfestbesucher ging der Bayern-Keeper auf Klose zu und versuchte zweimal seinen Zeigefinger mitsamt Torwarthandschuh in dessen Nase zu bohren. Mit aller Entschlossenheit trat die bayerische Wiesngang im Weserstadion auf, als ob sie sich ganz Ostfriesland zu Eigen machen wollte.“
Freigeist
Frank Hellmann (FR 4.10.) begutachtet Johan Micouds Schuhsohlen: „Wann immer der sensible Genius außer Form, nicht aufgelegt ist oder womöglich schlecht geschlafen hat, hakt das auf flexible Passfolgen abgestellte Vorwärtsspiel. Ohne den kreativen Kopf wirkt Bremen bieder, mitunter mittellos. Werders Verantwortliche wissen, dass das Vertrauen, das sie selbst in den divenhaften Franzosen setzen, nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen ist. Micoud, 31, stieg dank seines findigen Beraters Alexander Wacker und einem vorzeitig bis 2007 verlängerten Kontrakts zum „bestverdiensten Werder-Profi aller Zeiten“ (Clubchef Jürgen L. Born) auf – er kassiert rund drei Millionen Euro per annum. Die Gegenleistung sind Geistesblitze – wie just beim Siegtor gegen Valencia. Aber ansonsten verweigert sich der Individualist gern dem kollektiven Geiste. Er setzt sich erfolgreich zur Wehr, deutsch zu sprechen (obwohl er alles versteht), er geht wie in Bochum oder gegen Valencia nicht mit zu den Fans (auch wenn alle gehen). Die Nummer zehn bei Werder hat den Status als Freigeist.“
VfL Wolfsburg-Borussia Mönchengladbach 2:1
Muss man Wolfsburger Zuschauer ins Stadion zwingen, Dirk Steinbach (BLZ 4.10.)? „Die Wahrscheinlichkeit auf die Meisterschaft, das haben Statistiker ausgerechnet, liegt nun bei knapp 40 Prozent. Eine Zahl, über die Gerets nur müde lächelt. „Wenn wir uns nicht steigern, werden wir nicht lange oben bleiben“, sagte er. „Deshalb müssen wir jede Woche genießen.“ Was zunehmend auch die Anhänger machen. Waren gegen Kaiserslautern nur 18 000 Besucher gekommen, bildeten sich nun ungewohnt lange Schlangen an den Kassenhäuschen. Die Zahl auf der Anzeigentafel war dann aber doch etwas übertrieben. Für die verkündeten 32 719 Zuschauer hätte das Stadion um 3000 Plätze erweitert werden müssen. Am Ende waren es 26 726, der beste Besuch in dieser Saison. Im nächsten Heimspiel gegen Bochum könnten es noch mehr werden, denn Hauptsponsor VW will die 2 000 Mitarbeiter mit dem geringsten Krankenstand mit Karten belohnen.“
Gewöhnungsbedürftig, daß er beim VfL Wolfsburg sein Geld verdient
Frank Heike (FAZ 4.10.) bewundert Andrés D‘Alessandro: „Technisch ist der Antreiber der argentinischen Nationalmannschaft der vielleicht beste Spieler der Bundesliga. Es bleibt gewöhnungsbedürftig, daß so ein Ausnahmefußballer beim VfL Wolfsburg sein Geld verdient. Schaut man genauer hin, paßt es aber ganz gut. Denn der 24 Jahre alte Profi genießt hier alle Freiheiten. Rund um seine Auftritte für die heißgeliebte Heimat spielt er auch ein bißchen beim VfL. Während die Kollegen noch Interviews gaben, fuhr D‘Alessandro schon nach Hannover. Von dort flog er via Frankfurt nach Buenos Aires. Nationaltrainer José Pekerman hat gerufen. (…) In Wolfsburg sorgt man sich, daß der neun Millionen Euro teure Mann daheim verheizt wird.“
Javier Cáceres (SZ 4.10.) auch: „Die Maschine zum Anschlussflug nach Buenos Aires wärmte in Hannover-Langenhagen schon die Motoren, doch so viel Zeit musste noch sein. Andrés D’Alessandro empfing den Ball am Rande des Strafraums und forderte eins, zwei, drei, vier Mönchengladbacher heraus, seine Bewegungen zu erraten; eins und zwei versuchten sich gleich zweimal daran, wie drei und vier: Vergebens. Am Resultat änderte der Tanz nichts mehr; doch ums Spielfeld herum erhoben sich 26 000 Zuschauer von ihren Sitzen – in entrückter Begeisterung. Denn D’Alessandro mit dem Ball am linken Fuß zu sehen ist, als berühre man den Orgasmotron – die Lustmaschine aus Woody Allens Sleep. Sogar für jene, die ihm von Berufs wegen feindlich gesinnt sein müssten: Als Mönchengladbachs Regisseur Thomas Broich, ein übrigens ebenfalls großer Stilist, gefragt wurde, wie er D’Alessandros Auftritt empfunden habe, bekam er fast glasige Augen. In jedem Fall versagte ihm der Satzbau: „Bärenstark… Was der mit dem Ball macht … Eine Augenweide… Ein ganz toller Spieler…““
1. FC Kaiserslautern-Hertha BSC Berlin 0:2
Die Beziehung ist nachhaltig gestört
Claus Dieterle (FAZ 4.10.) sorgt sich um die Verlierer: „Jahrelang stand das Pfälzer Publikum in dem berechtigten Ruf, tatsächlich so etwas wie die zwölfte Kraft zu sein. Wie oft sind unter dem akustischen Druck der zum Fanatismus neigenden Massen Schiedsrichter ihrer Linie untreu geworden, wie oft sind in den letzten Minuten schon verloren geglaubte Spiele gekippt. Die leidenschaftliche Beziehung der pfälzischen Fußballprovinz zu ihrem Klub ist schon länger etwas abgekühlt, aber am Samstag dürfte sie auf dem Nullpunkt angekommen sein. Es waren nicht einmal die gellenden Pfiffe und die „Jara-raus-Rufe“ gegen den ungeliebten Trainer, die zu denken geben. Es waren der Hohn und der Spott gegen die eigene Mannschaft, die verblüfften, und das in einem Stadion, wo bedingungslose Unterstützung bis zum bitteren Ende der Normalfall war. Wenn sich die Fans kollektiv in Sarkasmus flüchten und „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh‘n“ skandieren, dann ist das für Spieler und Trainer so etwas wie die Höchststrafe. Mal abgesehen davon, daß ohnehin nur 30 696 Zuschauer den FCK im Fritz-Walter-Stadion noch erleben wollten, das ist Minusrekord. Und wohl eine Reaktion auf die Publikumsschelte von Trainer Kurt Jara. Die Beziehung ist nachhaltig gestört (…) Die Berliner, die mindestens genauso viel Anlaß zur Nervosität gehabt hätten, wußten das freundliche Entgegenkommen lange Zeit gar nicht recht zu schätzen. Kapitän Arne Friedrich konnte nach sechs Wochen Verletzungspause seltsam unbeschwert sein Comeback feiern, und Rückkehrer Yildiray Bastürk nutzte seine Einwechslung zu einem Reha-Spaziergang unter Wettkampfbedingungen. Eine halbwegs entschlossene Mannschaft hätte den Nachmittag für Kaiserslautern zum Debakel gemacht.“
Borussia Dortmund-1. FC Nürnberg 2:2
Nur noch Mittelmaß
Ach, Borussia! Freddie Röckenhaus (SZ 4.10.): „Das ganze Stimmungstief in Dortmund macht sich mehr und mehr an der Einsicht fest, dass neben dem finanziellen Fiasko auch sportlich nicht allzu viel zu erwarten ist. Gegen den munteren, lauffreudigen, aber in der Defensive alles andere als sattelfesten Neuling verfestigte sich die Diagnose der letzten Wochen: Dortmund ist nur noch Mittelmaß. Bei den zwei gescheiten Nürnberger Toren wussten weder die Zuschauer noch BVB-Trainer Bert van Marwijk, wer da in Dortmunds Defensive alles geschlafen oder falsch reagiert hatte. Nürnbergs slowakisches Duo Marek Mintal und Robert Vittek schnitt bei den Toren so unbedrängt durchs Dortmunder Abwehr-Stilleben wie das Messer durch die Leinwand. Als Alleinunterhalter Jan Koller mit zwei schönen Toren den Ausgleich hergestellt hatte, erwarteten 73 000 Zuschauer eine drängende Borussia für die zweite Hälfte. Doch die war dann so passiv und drucklos, dass es dem BVB-Anhang im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug. (…) Zudem hat van Marwijk gleich mehrere Brandherde mit gefrusteten Helden. Den Brasilianer Dede, vor Monaten noch als Kandidat für den FC Barcelona gehandelt, durfte nur als Notnagel für den verletzten Kehl ins Spiel, der für Demütigungen besonders empfindliche Oliseh wurde nach 36 Minuten vom Feld beordert und war stinksauer. Und Dortmunds Dauertalent Lars Ricken ist von van Marwijk zuletzt zu den Regionalliga-Amateuren beordert worden. Freunde macht er sich nicht gerade. Wenn nicht bald der Knoten platzt, dürfte der Holländer ein heißer Kandidat fürs Fliegen werden.“
Soviel Phantasie wie die BVB-Aktie
„Auch im Kerngeschäft keine Gewinne Dortmund enttäuscht mit jeder Bilanz“, spottet Richard Leipold (FAZ 4.10.): “Alle Konten im Minus? So ist es nun auch wieder nicht bei Borussia Dortmund. Es gibt ja noch das Punktekonto. Und das ist notorisch ausgeglichen: ein Sieg, eine Niederlage, fünf Unentschieden, so lautet die Eröffnungsbilanz. Aber auch sie bereitet den Verantwortlichen der westfälischen Fußball-Kapitalgesellschaft keine Freude. Denn auch im Kerngeschäft auf dem Rasen weist das Unternehmen keine Gewinne aus. Auf dem Rasen war den Dortmunder Fußballspielern etwa soviel Phantasie zu eigen wie der BVB-Aktie auf dem Börsenparkett. Die Nürnberger spielten, wie es ihnen gefiel; die Borussen spielten bloß mit – wenn überhaupt.“
SC Freiburg-FSV Mainz 1:2
Ist in der Bundesliga nur Platz für einen „anderen“ Verein, Michael Eder (FAZ 4.10.)? „Stadionzeitungen sind nicht dafür gemacht, die eigene Mannschaft zu kritisieren, schon gar nicht in Freiburg. Da fiel am Samstag ein Satz in einem Text auf, der sich bewundernd mit dem Gegner Mainz befaßte. Verdammt unterhaltsam sei, was die Rheinhessen nach ihrem Aufstieg böten. In Freiburg hingegen sei „der Zauber über die Jahre etwas verflogen“. Gewiß bringe Mainz aber „genug davon mit für einen richtig aufregenden Nachmittag“. Volltreffer! Die Spieler hüben wie drüben gaben sich alle Mühe, die Vermutung des Autors auf dem Platz zu verwirklichen. Die frechen Mainzer Aufsteiger zeigten, was Jürgen Klopp unter guter Unterhaltung, unter britischem Fußball versteht: laufen, kämpfen, spielen. Die Freiburger demonstrierten hingegen einen in die Jahre gekommenen Stil, der pomadig wirkte und in Ratlosigkeit endete. Die Mainzer Kampfkraft und Laufbereitschaft gönnten dem Gegner keine Zeit. Kaum am Ball, sah sich jeder Freiburger von zwei oder drei Gegenspielern bedrängt, was dazu führte, daß die Südbadener den Ball öfter in den eigenen Strafraum spielten als in den gegnerischen und aus dem gewohnten Kurzpaß- ein eigenartiges Langpaßspiel wurde.“
Malte Oberschelp (SZ 4.10.) blickt in das, scheinbar einflussreiche, Freiburger Stadionmagazin und verpasst das entscheidende Tor: „„Für mich ist die Situation perfekt, wenn man mit geschlossenen Augen im Stadion sitzen kann und mitbekommt, was passiert“, hatte Jürgen Klopp dem Stadionmagazin erzählt. Perfekt, weil besonders gut vernehmbar, war der entscheidende Moment der Partie, die Entwicklung des letzten Treffers kurz vor dem Schlusspfiff: Zu hören war da jener verzweifelte Lärm, mit dem das Publikum eine Heimmannschaft das letzte Mal nach vorne schreit. Dann ein dumpfes Aufstöhnen: Ballverlust. Gegrummel wird laut, es klingt ärgerlich, besorgt, schließlich voller Angst. Ein winziger Moment der Stille folgt – und plötzlich jubelt wie aus naher Ferne eine Ecke, die vorher gar nicht anwesend schien.“
Bayer Leverkusen-Hamburger SV 3:0
Macht der Erinnerung
Erik Eggers (FR 4.10.) leidet mit dem schwermütigen Klaus Toppmöller: „Toppmöller steht gewaltig unter Druck. Hätte sein Team nicht in Leverkusen, sondern in Bochum oder Hannover verloren, er wäre seinen Job wohl los. Mancher wäre in seiner Lage geflüchtet. Toppmöller ging an den Tresen des kleinen Presseraums und bestellte sich ein Kölsch. Ein Lächeln huschte über sein zuvor noch düsteres Gesicht. Natürlich war es kein feierliches Prosit auf die Niederlage. Toppmöller, der unverbesserliche Romantiker, beging auf diese Weise seine Rückkehr an die Stätte seiner größten Erfolge. Von 2001 bis 2003 hatte er Bayer Leverkusen gecoacht und bis ins Finale der Champions League geführt. Die gewohnte Umgebung erinnerte ihn daran, wie er nach dem glorreichen Sieg gegen Barcelona das Trikot von Patrick Kluivert erobert hatte; wie sie das Defensivmonster FC Liverpool zerlegt hatten; wie sie beinahe Deutscher Meister geworden waren; wie Fußball-Europa den enthusiastischen Offensiv-Stil seiner Mannschaft bejubelt hatte. Die Leverkusener Fans hatten ihn am Ende dieses Nachmittags mit „Toppi, Toppi“-Rufen gefeiert, was Toppmöller auch damit erklärte, dass die Anhänger eben wüssten, „dass ich einer von Ihnen bin“. Und so stand er zur Überraschung der Hamburger Journalisten noch da, trank sein Bier und klönte mit einstigen Weggefährten. In diesem Moment verflogen die Probleme der Gegenwart. Macht der Erinnerung.“
Die Mannschaft lebt, sie ist nicht untrainierbar
Welche Erkenntnis darf der Leverkusener Trainer ziehen, Peter Heß (FAZ 4.10.)? “Zuletzt hatte Klaus Augenthaler moniert, elf Spieler, aber keine Mannschaft zu haben. Da hatten die Bayer-Profis sich als Künstler versucht. Gegen den HSV präsentierten sich die Leverkusener als Mannschaft, aber ohne Spieler, nur mit Kämpfern. Wenn das Team irgendwann mal die goldene Mitte findet, wird es seinen eigenen Ansprüchen dauerhaft genügen. Immerhin konnte Augenthaler schon jetzt widerspruchslos behaupten: „Die Mannschaft lebt, sie ist nicht untrainierbar.“ Der Hamburger SV hingegen übertraf spielerisch alle Erwartungen, die man gemeinhin an eine abstiegsgefährdete richtet. Neben einer guten kämpferischen Einstellung verblüfften die Norddeutschen durch eine gewissenhaft eingehaltene Raumordnung und durch ein gepflegtes Paßspiel. Nur wenn es darum ging, den Ball ins Tor zu schießen, machten es sich die Hamburger unnötig kompliziert.“
Hansa Rostock-Hannover 96 1:3
Spart sich Hansa in die zweite Liga, Ronny Blaschke (SZ 4.10.)? „Die alljährlichen Krisenwochen haben begonnen. Erstmalig wurde Trainer Schlünz hinterfragt. Fast vier Jahrzehnte ist er jetzt Mitglied im Klub, bei den Fans genießt er noch immer Immunität, er wurde sogar gefeiert, doch der Bonus schwindet allmählich. Stoisch stand er an der Seitenlinie, wortlos und eingeschüchtert, wie ein schlechter Film schien das Spiel an ihm vorbei zu laufen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann ehemalige Funktionäre wieder aus ihren Löchern kriechen und auf dem Boulevard Veränderungen fordern. Offiziell, so bekräftigte die Vereinsführung, ist die Trainerdiskussion noch nicht ausgerufen. Natürlich nicht. Fünf Punkte nach sieben Spielen, ein erstes Vorzeichen dafür, dass die zehnte Bundesligasaison in Serie vorerst die letzte sein könnte. Wirtschaftlich geht es dem FC Hansa so gut wie nie zuvor. Der Sponsorenpool ist von 118 auf 150 Unternehmen angewachsen, alle Werbeflächen sind vermietet, der Hauptsponsor zahlt 700 000 Euro mehr pro Saison. Der Verein ist schuldenfrei – und qietschlebendig ins Chaos geschlingert. Er hat darauf verzichtet, den Kader mit teuren Kräften anzureichern. Schon vergangene Spielzeit war Hansa stark von Martin Max abhängig. Eine halbe Million Euro investierte Hansa im Sommer in fünf neue Spieler, fußballerisches Mittelmaß, gegen Hannover spielte nur der Schwede Marcus Allbäck. Die Sparsamkeit könnte im Abstieg münden.“
Bundesliga
Wenn es darum geht, den Ball zu erobern, reicht es nicht, daß einer dem anderen die Daumen drückt
5. Oktober
„Die Schalker Abwehr wird für den schwäbischen Fußball-Architekten Ralf Rangnick eine Großbaustelle“ (FAZ) – Markus Babbels Comeback beim VfB Stuttgart
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Schalke 04-VfL Bochum 3:2
Richard Leipold (FAZ 5.10.) gratuliert Ralf Rangnick zu seinem ersten Sieg mit Schalke: “Als Schalke wider Erwarten arg in Bedrängnis geriet, änderte Rangnick die Taktik. Aber wie sollte er die betroffenen Spieler auf dem Rasen erreichen? Im Getöse der Arena reagierte niemand mehr einfach so auf Zuruf. Doch der neue Trainer des FC Schalke 04 wußte sich zu helfen. Er wählte das schriftliche Verfahren. Rangnick reichte Lewan Kobiaschwili einen Zettel, auf dem die reformierte taktische Aufstellung abzulesen war. Als der Gegner auf den Ausgleich drängte, ordnete der Fußball-Lehrer an, den Vorsprung nur noch mit einem Stürmer zu verteidigen, dafür aber mit fünf Mittelfeldspielern. Kobiaschwili informierte die Beteiligten, und so gelang es den Schalkern, das 3:2 über die Zeit zu bringen – in einem Derby, bei dem 61000 Zuschauer viel Lärm um sehr viel Fußball machten. Die Botschaft ist angekommen. Aber Rangnick hat sogleich erfahren, wie hektisch es selbst nach einem klaren Vorsprung noch werden kann, solange die Defizite in der Defensive nicht aufgearbeitet sind. (…) Die Schalker Abwehr wird für den schwäbischen Fußball-Architekten eine Großbaustelle. „Das sind Basics. Wenn es darum geht, den Ball zu erobern, reicht es nicht, daß einer dem anderen die Daumen drückt.“ Ähnliches monierte Neururer bei seinen Verteidigern. So schlug Rangnick vor, während der Länderspielpause, abwechselnd in Bochum und Gelsenkirchen gemeinsam zu trainieren, um in den nächsten Begegnungen nicht nur bedingt abwehrbereit zu sein.“
Er ist ein Schalker – Holger Pauler (taz 5.10.): „Mit „Glück auf“ begrüßte Rangnick vor dem Spiel die Zuschauer betont volkstümlich. Ganz in der Tradition des Berliners John F. Kennedy. Der Tonfall der Ansprache war allerdings eher wackelig und dünn. Für den Posten des Bergwerkdirektors hätte es wohl nicht gereicht. Immerhin: Der Wille war da. Und die Mannschaft belohnte das Engagement des Trainers. 3:2 hieß es im Straßenbahnderby. Nach vielen gescheiterten Vorgängern möchte Rangnick auf Schalke endlich der Richtige sein. Erfahrener als Frank Neubarth, umgänglicher und veränderungswilliger als Jupp Heynckes. Die Reaktionen der Zuschauer blieben für eine Premierenfeier dennoch zunächst recht verhalten. Nach vielen Enttäuschungen haben momentan die Skeptiker die Deutungshoheit.“
Jupp Heynckes hat mir sehr viel geholfen
Warum ist Gerald Asamoah so gut, Christoph Biermann (SZ 5.10.)? „Mit den Erklärungen tat sich Gerald Asamoah schwer. Er grinste schäfisch, zuckte mit den Schultern und kratzte sich einmal kurz verlegen am Kopf. Tja, was sollte er bloß sagen? Warum hatte er so gut gespielt? Und das nun wirklich nicht zum ersten Mal in dieser Saison? Asamoah sagte dies und jenes, dann fiel ihm doch noch etwas ein, was über das übliche „Es-klappt-halt-gerade“ hinaus ging. „Jupp Heynckes hat mir sehr viel geholfen“, sagte er, „auch weil ich abspecken musste.“ So dick sei er zwar auch nicht gewesen, meinte er kichernd, aber knapp drei Kilo hätte er unter Anleitung seines kürzlich entlassenen Trainer doch verloren. „Deshalb muss ich mich bedanken“, sagte Asamoah. Bei dem vom Moppel-Ich befreiten Gerald Asamoah läuft ein großes Comeback.“
Das weiß die ganze Bundesliga
Eigentlich können wir das Gregor Derichs (BLZ 5.10.) nicht glauben: „Fünf Tage hat der neue Trainer gebraucht, um sich beim FC Schalke 04 den richtigen Namen zu machen. Manager Rudi Assauer hatte den Neuen tagelang hartnäckig mit dem falschen Vornamen versehen. „Ein paar Tage sprach er mich mit Rolf an“, berichtete Rangnick, der vor 46 Jahren Ralf getauft wurde. Das weiß die ganze Bundesliga – und mittlerweile hat sogar Assauer den richtigen Namen des Trainers verinnerlicht.“
Arminia Bielefeld-VfB Stuttgart 0:2
Roland Zorn (FAZ 5.10.) gönnt Markus Babbel Erfolg: „Wer lange krank war, entwickelt danach einen gesunden Ehrgeiz. Babbel zum Beispiel, 2001 vom lähmenden Guillain-Barrée-Syndrom getroffen und gezeichnet, „nimmt sich selbst nicht mehr ganz so wichtig“ und stellt sich doch Woche für Woche gern den Aufgaben der Hochleistungsklasse Bundesliga. Inmitten des lärmenden, selbstsüchtigen Profibetriebs ist der Münchner zu einem der besonders angenehmen, nachdenklichen Protagonisten geworden. Der England-Heimkehrer, der zwischen 2000 und 2004, soweit bei Kräften, dem FC Liverpool und den Blackburn Rovers verläßlich zu Diensten war, genießt sein Comeback beim VfB Stuttgart. Am Sonntag stand Babbel, einst beim FC Bayern als Verteidiger der Moderne groß und bekannt geworden, erstmals in dieser Saison im Blickpunkt: Nach fünf Jahren Bundesliga-Torpause glückte dem langen Abwehrspieler mal wieder ein Treffer. Auch dank Babbels Kopfball, und einer jederzeit souveränen Leistung des Defensivspezialisten hielten die Schwaben dem Druck stand, mit dem Arminia Bielefeld nach dem Wechsel mobil machte. Cacaus 2:0 in letzter Sekunde war nur noch die Zugabe zu dem, was im Jargon „Arbeitssieg“ heißt.“
Bundesliga
Schäbig, häßlich, blind
Michael Horeni (FAZ 4.10.) ärgert sich über die Zwei-Klassen-Gesellschaft Bundesliga: „Oliver Kahn kam vollkommen ungestraft davon, als er mal wieder seine Sonderrolle des Rohlings jenseits der Fußballgesetze wie in seinen schlimmsten Zeiten auslebte. Nach einem harmlosen Sprungduell außerhalb der Torwartschutzzone attackierte er den kreuzbraven Klose mit rüpelhaften Nasenstübern, als ob er auf dem Schulhof einer Gang von Halbstarken imponieren wollte. Sportlich schäbig, zumal Klose ihm mit offenen Armen gegenübertrat (wie Kahn umgekehrt wohl reagiert hätte?) – und sportlich strafbar, weil er bei seiner Drohgeste den Ball auch noch doppelt so lange in Händen hielt wie erlaubt. Gelbe Karte gegen Kahn und Freistoß für Bremen – das wäre das mindeste an Reaktion von Schiedsrichter Fandel auf die Aggression gewesen. Aber die Rabiaten und Prominenten, vor allem jedoch rabiate Prominente, machen offenbar die Schutzmacht auf dem Platz blind; oder schüchtern sie erfolgreich ein. Es ginge jedoch auch umgekehrt: mit einem pädagogisch wertvollen Platzverweis. Ballack brach seinem Nationalmannschaftskollegen Fahrenhorst das Nasenbein. Selbsttätig und willenlos erreicht ein Ellenbogen den Kopf eines 1,90 Meter großen Gegners nicht. Aber über einen solch alltäglichen Befreiungsschlag regt sich die Branche, bei der Provokationen und Schauspieleinlagen zum häßlichen Standardrepertoire gehören, längst nicht mehr auf.“
Mancher Pfeifenmann steht im Spalier
Thomas Kistner (SZ 4.10.) ergänzt: „Es war erstaunlich still geworden um den Olli. All die neuen Stil- und Sturmfragen im Klub waren seine Sache nicht, es muss krachen bei King Kahn, das gehörte zum alten Erfolgsritual. Insofern ist die jüngste Entgleisung durchaus als internes Aufbruchssignal zu verstehen. Auch wenn der Ausraster von Bremen nicht gerade zu den Top Five der Kahnschen Highlights zählt (Klose trug ja nicht mal Biss- oder Würgespuren davon), war doch die Wahl der Münchner Mittel insgesamt auffallend: Ballacks körperlicher Übereifer in gleich zwei Schlüsselszenen wurde von Schiedsrichter Fandel mit ähnlich tief empfundenem Respekt gebilligt wie Kahns kleine öffentliche Schule der Selbstjustiz. Was das heißt? Die Bayern sind wieder wer, im Zweifelsfalle diejenigen, die sie früher waren. Sie haben den alten Biss wieder gefunden, sind präsent und loten die Regelgrenzen aus (die für sie erfahrungsgemäß gern etwas weiter gesteckt werden). Diesen Prozess aber hat neben Felix Magath die Liga selbst zu verantworten, der es mehr denn je an einem Klub mit Führungsanspruch ermangelt. Die Branche rollt den Bayern den roten Teppich aus, da steht mancher Pfeifenmann eben mit im Spalier.“
Samstag, 2. Oktober 2004
Allgemein
Jiayi Shao, Miroslav Klose und Angelos Charisteas
Um den Chinesen in München, Jiayi Shao, ist es ruhig geworden (SZ) – Miroslav Klose und Angelos Charisteas, zwei von vier guten Bremer Stürmern
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Die Öffnung des chinesischen Marktes erwies sich als unerwartet schwierig
Um den Chinesen in München, Jiayi Shao, ist es ruhig geworden – Christian Zaschke (SZ 2.10.): „Es ging ja um so viel, es ging, wie es der damalige Klubpräsident Karl-Heinz Wildmoser ausdrückte, um nicht weniger als „die Öffnung des chinesischen Marktes“. Schließlich, so wurde es überall übermittelt, war Shao in China ein Star, mehr noch, ein Superstar, selbstverständlich war er mindestens der „Beckham Chinas“, und was konnte es besseres geben für einen Klub, der in der Bundesliga darbte, weil ihn immer weniger Leute sehen wollten, als in China die große Nummer zu werden? Es war ein herrlicher Plan, und war nicht auch – mit ein wenig Fantasie – der Klang der Bambusflöte zu hören? Shao machte dann ein paar Spiele, es lief nicht so gut, der Trainer wechselte, und im August 2003 erlitt Shao einen Kreuzbandriss. Die Bambusflöte verstummte. Die Öffnung des chinesischen Marktes erwies sich als unerwartet schwierig, und gleiches galt plötzlich auch für das Bestehen in der Bundesliga. Der TSV 1860 stieg ab. Menschen gingen, Menschen kamen, Shao blieb. Erst jetzt, beinahe zwei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland, ist Jiayi Shao nicht mehr der Chinese in München. Er ist jetzt einfach Jiayi Shao, 24 Jahre alt, einer von mehreren Mittelfeldspielern einer ambitionierten Zweitligamannschaft. (…) Zu Beginn seiner Zeit in Deutschland war alles um Shao herum Inszenierung, so dass er selbst zur Folklore wurde.“
Miroslav Klose ist wiedererstarkt – Jörg Marwedel (SZ 2.10.): „Genau vier Spiele in elf Tagen haben gereicht, um Klose aus dem Tal der Zweifel zu führen. Diese Tore haben den Nationalspieler, der seit der WM 2002 in Asien nur noch wenige freudvolle Erlebnisse in seinem Beruf hatte, zwar nicht gleich zum bunten Vogel gemacht, wohl aber zu jener sportlichen Kraft, die Werders Sportdirektor Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf glaubten verpflichtet zu haben. „Wir sagen jetzt nicht: „Gott sei Dank, er ist kein Fehleinkauf.“ Wir haben immer gewusst, über welche Fähigkeiten Miro verfügt und dass er sie nicht länger als ein paar Wochen verstecken kann“, sagt Klaus Allofs mit feiner Ironie. Zu sich selbst wird er genau dies gesagt haben: Gott sei Dank, es passt wirklich. Kloses Verpflichtung ist ein Politikum bei Werder gewesen – und ist es immer noch. Fünf Millionen Euro Ablöse hat er gekostet, so viel hat man noch nie für einen Spieler bezahlt. Das Gesamtpaket inklusive des bis 2008 datierten Vertrages liegt, je nach Erfolg, zwischen 16 und 18 Millionen Euro. Eine neue Dimension im bescheidenen Bremen. „Die Mannschaft“, räumt Allofs ein, „ist nun so teuer, dass wir uns einen siebten Tabellenplatz nicht mehr leisten könnten.“ Mit seinem Durchbruch hat Klose dem Werder-Macher indes wichtige Bestätigungen nachgeliefert im ewigen Ringen mit den Skeptikern im Klub.“
Angelos Charisteas hat das Bankdrücken satt – Frank Hellmann (FR 2.10.): „Öffentlich würde er über die bevorzugten Sturm-Rivalen nie ein schlechtes Wort verlieren. Aber wenn Trainer Thomas Schaaf sagt, die Harmonie im stürmenden Quartett sei wichtig, dann weiß er, dass der Grieche da ausschert. Nur Charisteas spricht so selten von der Mannschaft und so oft von sich: „Ich muss mehr spielen.“ Lag ihm nicht vor drei Monaten das ganze griechische Volk zu Füßen? Drei Tore und zwei Gesten haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Als er nach dem Viertelfinal-Tor gegen Frankreich sein Trikot hob, um vor Trainer Jacques Santini auf dem Unterhemd den Schriftzug „Micoud“ zu präsentieren. Oder als er nach dem Endspiel-Treffer gegen Tschechien ein T-Shirt mit dem Bild von Dimitris, dem Sohn seiner Schwester, zeigte. Danach hat er sich feiern lassen. Wochenlang. In Griechenland waren Charisteas-Trikots ausverkauft, jeder griechische Taxifahrer will einen Verwandten von ihm kennen (…) Charisteas lässt außer Acht, dass viele seine EM-Darbietung als wundersame Wandlung ansehen. Denn in Wirklichkeit ist er nicht so ballsicher wie Klasnic, nicht so beweglich wie Valdez, nicht so kopfballstark wie Klose. Und so wirklich schnell ist er auch nicht. Doch er war und ist der ideale Spieler für Otto Rehhagel.“
Interview
Arroganz streben wir nicht an
Klaus Allofs im Interview mit Frank Heike (FAZ 2.10.)
FAZ: Fühlen Sie sich, auch durch Miroslav Klose, mit dem FC Bayern auf Augenhöhe?
KA: Wir wollen so professionell sein wie die Bayern. Aber wir können sie nicht eins zu eins nachahmen. Wir können kein Bayern des Nordens werden. Dafür haben wir nicht die Voraussetzungen. Wir haben einen viel kleineren Apparat. Aber auch so kann man erfolgreich sein.
FAZ: Das klingt mal wieder nach typisch bremischer Bescheidenheit.
KA: Es ist ja so. Arroganz streben wir nicht an. Wir genießen viele Sympathien. Das soll auch so bleiben. Aber wir haben inzwischen auch Neider. Das können wir nicht verhindern.
FAZ: Wo sind Ihnen die Bayern voraus?
KA: Wir können sicher zulegen, was die Bildung der Marke Werder Bremen betrifft. Im Sommer hatte man das Gefühl, daß sich schon niemand mehr für Werder interessierte. Wir hatten zum Saisonende eine Menge Aufmerksamkeit. Ich war danach froh, nicht mehr jeden Tag interviewt zu werden. Am Anfang dieser Saison dann waren die Bayern auf allen Titelseiten oder Schalke mit Ailton. Werder ist etwas hinten runtergefallen. Durch einen Titel ist man einfach noch nicht auf Augenhöhe mit diesen Klubs. Anderen bringt man mehr Aufmerksamkeit entgegen. Das soll sich im Laufe der Jahre aber ändern.
FAZ: Die Zuschauer in Bremen bringen Werder mehr Aufmerksamkeit denn je entgegen. Mit großer Unterstützung, mit einfallsreichen Choreographien wie gegen Valencia. Woran liegt das beim früher eher unterkühlten Publikum im Weserstadion?
KA: Die Zuschauer haben das Gefühl, Teil einer Aufführung zu sein. Und ans Feiern haben sie sich ja gewöhnt. Aber im Ernst: Die Entscheidung, das Stadion tiefer zu legen, war absolut richtig. Ich finde, daß wir oft eine heiße Atmosphäre haben, es aber immer friedlich bleibt. Das ist positiv.
Internationaler Fußball
Fussball kann auch mit Billigpersonal erfolgreich gespielt werden
Serie A – wer zieht die Fäden beim Aufsteiger FC Messina, Peter Hartmann (NZZ 28.9.)? „Die Signora Olga Mondello Franza, 58-jährig, Trägerin der Auszeichnung „Ritter der Arbeit“, kennt sich aus mit Männern, schliesslich gehören ihr eine Hotelkette, eine Baufirma, die Fährenflotte „Tourist Ferry Boat“, die die Strasse von Messina überquert und der FC Messina. Olga Franza, die als 17-Jährige geheiratet hatte, wurde 1990 Witwe. Ihr Mann hinterliess ihr auch das Aktienpaket des FC Messina. Das Präsidium überliess sie ihrem Sohn Pietro, aber sie ist die Chefin, sie führt die Anstellungsgespräche und unterschreibt die Verträge. Vielleicht können Frauen wirklich besser rechnen, auch im Luftgeschäft Fussball. Die Lohnsumme für das gesamte Kader beträgt sieben Millionen Euro, so viel gibt der Milan-Besitzer Berlusconi allein für Schewtschenko aus. (…) Während derzeit der angekränkelten, narzisstischen, überbewerteten Star-Generation der Vieri, Del Piero, Totti in den Medien der Prozess bereitet wird, führen die Arbeiterkicker des FC Messina unter dem unscheinbaren Trainer Borolo Mutti, den Signora Franza schätzt, weil er „nach einem Sieg nicht überschnappt und nach einer Niederlage nicht in Depression verfällt“, den Gegenbeweis: dass Fussball auch mit Billigpersonal erfolgreich gespielt werden kann (…) Reggio ist nur 3,6 km Luftlinie entfernt, und die Leute in Messina sagen, dass sie Reggio bloss um eines beneiden: um das Panorama von Messina.“
Langsamer Niedergang
Wo ist Sturm Graz geblieben, Werner Pietsch (NZZ 28.9.)? „Noch vor drei Jahren war das nationale Championat nur Zubrot für das Sturm-Team. Der warme Geldregen Champions League spülte mehr als 30 Millionen Franken in die Kasse. Dem finanziellen Höhenflug folgte sportlich bald eine unsanfte Bruchlandung. Eine unglückliche Hand bei Spielerverpflichtungen und das Auseinanderbrechen der erfolgreichen Equipe, die es als erstes österreichisches Team bis in die Champions-League-Zwischenrunde schaffte, waren die Folge. Der von Klubpräsident Hannes Kartnig unschön inszenierte Abgang der bosnischen Trainerlegende Ivica Osim passte in das düstere Bild vom langsamen Niedergang des Klubs. Vergangene Saison sicherten sich die Grazer buchstäblich in letzter Sekunde den Klassenerhalt. (…) Der Name Kartnig ist untrennbar mit dem Grazer Traditionsklub verbunden. Die guten Tage von Sturm nutzte der gewichtige Unternehmer für Aussenwerbung nicht selten für aufdringliches Eigenmarketing. Inzwischen ist der Poltergeist von einst handzahm geworden und kämpft mit allen Mitteln um den Verbleib als Klubpräsident.“
Unterhaus
Wettbewerbsverzerrung
Hermannus Pfeiffer (FR 2.10.) fordert eine Reform der Regionalliga: „Wirtschaftlich ist die Regionalliga eine Dreiklassen-Gesellschaft. Vereine wie der FC St. Pauli spielen zwar regelmäßig vor mehr als 15 000 Zuschauern, müssen aber finanziell ums Überleben kämpfen, kleine Provinzvereine wie die TSG Hoffenheim kicken lediglich vor ein paar hundert Zuschauern und schwimmen im Geld. Sportlich ist die Regionalliga keineswegs drittklassig. Wie der DFB-Pokal regelmäßig zeigt, ist die Kluft zur Zweiten Liga nicht so groß und die Spanne zur spielerisch schwächelnden Bundesliga immerhin überschaubar. Aber das hohe sportliche Niveau kostet Geld, viel Geld. Lediglich Neuling FC Nöttingen spielt in der professionellen dritten Liga noch Amateurfußball. Neben den teuren Amateuren von elf Bundesligisten und einem Dutzend unabhängiger Clubs, die mehr schlecht als recht von Zuschauern und diversen Werbepartnern leben, gibt es Firmen-Kicker und Sponsor-Clubs. (…) Wirtschaftswissenschaftler Jörn Littkemann kritisiert die Dreiklassen-Gesellschaft. Sie sei sportlich wie wirtschaftlich problematisch. Littkemann gilt nicht als Freund von Regularien, aber er fordert vom DFB, endlich saubere Grenzen zu ziehen. „Wir sollten danach streben, die unabhängigen Clubs zu stärken.“ Die Wettbewerbsverzerrung durch Bundesliga-Amateure und Weltkonzerne ärgert mittlerweile auch das Fernsehen. Der SWR hat seine Regionalligasendung abgesetzt.“
WM 2006
Emotionale Aufwertung der Marke
Karolin Krah (Horizont – Sport – Business) beschreibt das Marketing Hyundais, Sponsor der WM 2002, der EM 2004 und der WM 2006: „Durch Fußball-Sponsorships konnte das Unternehmen seine Öffentlichkeitswirkung erheblich steigern. „Die Marke Hyundai wird in Verbindung mit Fußball von den Kunden weit häufiger wahrgenommen als unter gewöhnlichen Umständen.“ Mit der Bekanntheit stiegen auch die Verkaufszahlen. Lagen die Zulassungen in Deutschland im Jahr 2001 noch bei knapp über 20000 Autos, steigerte der Konzern diese 2002 auf etwa 28500 und ein Jahr später nochmals um circa 6500 Zulassungen auf über 35000. Neben der Umsatzsteigerung liegen die Ziele des WM-Partners sowohl national als auch international vor allem in der Verbesserung des Bekanntheitsgrades der Modelllinien, dem Imagegewinn und der emotionalen Aufwertung der Marke. Dynamik und Begeisterung sollen in Zukunft nicht nur mit Fußball, sondern auch direkt mit der Marke Hyundai assoziiert werden. (…) Das erste Projekt ist mit der „Goodwill-Ball“-Aktion bereits in Planung, für die ein Hyundai-Team mit einem Bus durch alle Teilnehmerländer tourt. An Bord: ein Riesenball für die jeweilige Nation, auf den Fans ihre Glückwünsche und Grüße schreiben können. Die Aktion hinterließ bereits bei der EM 2004 in Portugal einen prägenden Eindruck. Zudem wurde vor der EM ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem ein offizieller Leitspruch für das jeweilige Nationalteam gefunden werden sollte, der anschließend dessen Turnierbus zierte. Eine Neuauflage des Slogan-Contests ist für 2006 ebenfalls wieder im Gespräch.“
Allgemein
Der Fußballgott gibt’s, der Fußballgott nimmt’s
VfL Bochum-Standard Lüttich 1:1
Christoph Biermann (SZ 2.10.), VfL-Fan, leidet: „Der Fußballgott ist doppelgesichtig und schwankend in seiner Gunst. Der Fußballgott kann seine finstere Fratze offenbaren und mit glühenden Augen harmlose Fernschüsse abfälschen und ins eigene Tor kullern lassen. Mit blutiger Pranke raubt er dann in letzter Minute Siege und bringt ungeahnte Leiden auf den Weg. Wer’s nicht glaubt, sollte in Bochum nachfragen, dort nämlich ist die Existenz des Fußballgottes gerade deutlich wie selten spürbar geworden. In der vergangenen Spielzeit feierte der Klub sein erfolgreichstes Jahr, weil der gütige Fußballgott seine schützende Hand über den Klub hielt. Spiele wurden gewonnen, die man nicht gewinnen musste, und am letzten Tag der Saison nahm die höhere Macht dem großen Nachbarn aus Dortmund noch den Platz im Uefa-Cup weg und gab ihn dem VfL Bochum. Erstmals seit sieben Jahren war der Klub wieder international dabei, doch nun ist Schluss mit lustig: In der zweiten Minute der Nachspielzeit ließ der böse Fußballgott den jungen Brasilianer Edu ein heftiges Luftloch treten und den VfL auf grausamste Art und Weise aus dem Wettbewerb ausscheiden. Der Fußballgott gibt’s, der Fußballgott nimmt’s.“
Immer eine Prise zuviel Soziologenjargon
Welche Wirkung hat das Aus auf Peter Neururer und den VfL Bochum, Jörg Stratmann (FAZ 2.10.)? „Sosehr der strebsame Ruhrgebietsklub und alle seine Freunde nach sieben Jahren Abstinenz den internationalen Auftritten entgegengefiebert hatten – nun steht er vorerst da, wo er jahrelang einsortiert worden ist. An diesem Abend, nach dem Aus in der dritten Minute der Nachspielzeit, zeigte das klare Blau des Vereinslogos wieder graue Schatten. Was auch daran lag, daß gerade Neururer, weiter auf der Suche nach dem ganz persönlichen großen Wurf, stets von der „außergewöhnlichen Perspektive“ erzählt hatte, die sich mit einem Vordringen in die lukrativen Gruppenspiele ergäben. Da hatte der ehrgeizige Trainer, dessen Analysen immer eine Prise zuviel Soziologenjargon enthalten, seinen Klub schon fast allein auf einer Stufe mit Bayern München gesehen. Zwar nur, was die Aussicht anging, schuldenfrei zu sein. Aber diese Quelle neuen Bochumer Stolzes ist nun versiegt. Und womöglich nicht zu Unrecht fürchtet Neururer, daß sich das Erlebnis nach ohnehin mäßigem Saisonstart zusätzlich lähmend auf die weitere Arbeit legt. Damit zugleich auf die Ziele, die den Trainer wirklich bewegen.“
Psychologische Wirkung eines Abstiegs
Noch mal Christoph Biermann (SZ 2.10.): „Die Bedeutung des Ausscheidens auf den VfL Bochum ist kaum zu überschätzen. Der „Todesschlag“ entspricht in seiner psychologischen Wirkung dem Abstieg aus der Bundesliga. Als „wichtigstes Spiel der Vereinsgeschichte“ hatte Neururer die Partie annonciert. Nun bleibt der Eindruck zurück, dass der VfL Bochum wieder einmal die richtige Abzweigung verpasst hat und auf das Mittelmaß zusteuert, dem er für einen Moment entflohen schien. Zum ersten Mal in der Ära Neururer ist die positive Entwicklung gestoppt, der Trainer warnte aber: „Wir dürfen jetzt nicht zu Opfern unseres Erfolges werden.“ Er bestand darauf, dass seine Mannschaft „ausgeschieden, aber nicht gescheitert“ sei. Das mag richtig sein, trifft die Stimmung aber nicht, die auf dem Tiefpunkt ist. Ganz nüchtern betrachtet, spielte die Bochumer Mannschaft, so engagiert und beherzt sie auch zu Werke ging, viel brüchiger als in der vergangenen Saison. Dass sein Team den Belgiern über weite Strecken beider Spieler deutlich überlegen gewesen wäre, wie Neururer behauptete, stimmte so nicht. Der Zeitpunkt des Ausgleichstreffers war tragisch, das Remis insgesamt jedoch ein gerechtes Ergebnis. Als Neururer fürs Spiel bei Schalke 04 den Beginn „einer Aufholjagd Richtung Europa“ ankündigte, wirkte das hohl.“
Bundesliga
Hohe Ansprüche mit Milde vereint
Über Matthias Sammer haben wir wenig gelesen, seit er beim VfB Stuttgart ist. Michael Kölmel (BLZ 2.10.) macht einen Anfang: „Der Ruf des Ehrgeizlings, des Verkniffenen hatte Sammer zu Dortmunder Zeiten verfolgt und ihm den Beinamen Motzki eingetragen. Er hat diesen Ruf mitgebracht in die Stadt der Nobelkarossen. Wegen seiner Strebsamkeit wurde er willkommen geheißen. Er sei ein Schaffer, sagte man respektvoll als er zurückkehrte und das Erbe des hoch geschätzten Felix Magath antrat. Aber funktioniert der Trainer Sammer beim VfB? Und vor allem: Funktioniert der Mensch Sammer? Durch den neuen Trainer hat die Mannschaft dazugelernt, darin war man sich schnell einig. Nicht weil Sammer besser ist als Magath, sondern weil er dem Guten neue Elemente – seine Leidenschaft, seine Strategie – hinzufügt. „Jetzt sammer noch präziser“, wirbt eine Automarke für ihren neusten Sportwagen, in Anspielung auf Rasenschach-artige Siege (…) Motzki war gestern, oder eher vorgestern. Doch im harten Bundesliga-Geschäft, das zeigen viele Beispiele, scheint so ein Wandel beinahe unmöglich. Offenbar funktioniert das lediglich bei einem Klubwechsel und interessanterweise scheint dabei Stuttgart das beste Klima zu bieten. Auch Felix Magath konnte, bevor er im Sommer ins Reizklima zum FC Bayern zog, erst beim VfB das Vorurteil des kompromisslosen Schleifers ohne Wärme abstreifen und sich als komplexe Person profilieren. „Ich muss der Mannschaft danken“, hatte er beim Abschied gesagt, „dass sie mir geholfen hat, mein bescheuertes Image abzulegen.“ Sammer kann dank seines außergewöhnlich gut harmonierenden Teams, das anders als in Dortmund weit jünger ist als er, gelöster auftreten. Seine hohen Ansprüche sind mit Milde vereint. Selbst in Rage zeigt er Humor. Selbst echauffiert wirkt er inzwischen in sich ruhend. Ein seltsames, nein, eher ein interessantes Schauspiel.“
In München ist vieles anders
Welche Wirkung hat der schöne Sieg gegen Amsterdam auf Felix Magath und sein Verhältnis zu Bayern München, Elisabeth Schlammerl (FAZ 2.10.)? „Seit dem glanzvollen Auftritt scheint Magath angekommen zu sein beim FC Bayern. Als Magath nach München gekommen ist, hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Er hat nicht nur eine andere Art zu trainieren, sondern vor allem auch eine andere Art zu kommunizieren, als es in den letzten sechs Jahren üblich gewesen ist. Intern und extern. Das war gewöhnungsbedürftig und ist es vielleicht noch immer. In München ist vieles anders als bei seinen früheren Arbeitsplätzen. „Ich mußte mich an die verschiedenen Dinge erst gewöhnen“, sagt er und gibt zu, „Lehrgeld“ gezahlt zu haben. Beim FC Bayern, sagte er, „sind Nehmerqualitäten gefragt“. Als er den Dreijahresvertrag unterschrieb, war ihm natürlich bewußt, daß nicht alles reibungslos gehen würde. Aber er hatte schon gedacht, die Schwierigkeiten und die Mannschaft schneller in den Griff zu bekommen. „Rom ist doch auch nicht an einem Tag erbaut worden“, hatte ihm Manager Uli Hoeneß früh Mut zugesprochen. Magath hatte sowohl die Renitenz einiger Spieler als auch die öffentliche Wirkung seiner Aussagen unterschätzt. „Man muß hier unheimlich aufpassen, was man sagt“, hat Magath erkannt. „Wenn ich in Stuttgart etwas gesagt habe, hat das niemanden interessiert. Hier steht es ein paar Minuten später im Videotext.“ Trotz der Schwierigkeiten hat Magath seine Marschroute nicht groß geändert. Er hat aber begriffen, daß er ein paar Zugeständnisse machen muß, um im Haifischbecken FC Bayern Erfolg zu haben.“
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