indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 20. September 2004

Ball und Buchstabe

Neuer Markt für individuelle Spielvermarktung

Die FAZ (Wirtschaft 18.9.) kommentiert den medienrechtlichen Konflikt zwischen der DFL und der EU: „Konnte die DFL noch verhindern, daß die Vereine die Rechte für die Übertragung ihrer Spiele im Fernsehen künftig eigenmächtig verkaufen, so mußte die DFL nun zurückstecken. Im Internet wird von der Saison 2006/2007 an eine Direktübertragung aller Begegnungen gezeigt. Und bei der Übertragung der Spiele über das Mobiltelefon ist der Ligaverband künftig sogar vollkommen außen vor. In diesem Fall entscheiden Bayern München und Schalke 04 selbst, ob D1, D2 oder jemand anderes ihr Heimspiel zeigen darf. Die Vertreter des Verbands mögen gedacht haben, daß dieses Zugeständnis an die Kommission durchaus verschmerzbar ist. Angesichts der rapiden Entwicklung des Mobilfunksektors könnte der Kompromiß mit der EU-Behörde jedoch alsbald das Monopol der DFL bei den Rechten für die Spieleübertragung ernsthaft in Frage stellen. Wenn der UMTS-Standard etabliert ist und die nächste Generation von Mobiltelefonen vor der Einführung steht, bietet sich hier ein echter Markt für die individuelle Spielvermarktung durch die einzelnen Vereine.“

Unterhaus

Dichte Defensivreihen, hohe, wirkungslose Anspiele, wenig Kreativität

Für München 60 und seine Anhänger wird der Aufstieg schwerer als erwartet, meint Christian Zaschke (SZ 20.9.): „Bald nachdem die Mannschaft des TSV 1860 München aus der Bundesliga abgestiegen war, wich die große Enttäuschung einem Gefühl der Erwartung. Daraus wurde allmählich eine Art Freude. Das lag daran, dass mit dem neuen Trainer Rudi Bommer neue Spieler kamen und vor allen Dingen daran, dass die Mannschaft ins Stadion an der Grünwalder Straße zurückgekehrt ist, für viele Fans die ideelle Heimat des Klubs. Der Abstieg erschien plötzlich als Chance. Nach den Wirren um den Abschied der Wildmosers, Vater und Sohn, die das Bild des Vereins über lange Zeit geprägt haben, sollte das Jahr in der alten Heimstatt den Klub auftanken, ihn wieder mit Identität füllen, bevor er im kommenden Jahr in der neuen Münchner Arena spielt. Dann selbstverständlich in der ersten Liga, bestens erholt, gestählt vom Kampf in den Niederungen des Fußballs, bereit, ans Höchste zu denken. Beim 1:0 gegen den MSV Duisburg war zu sehen, wie weit der Weg bis ans Ziel dieser Träume ist und dass er vielleicht zu weit ist. Zumindest wird er nicht im Rausch beschritten, es wird mühsam und bisweilen quälend für alle Beteiligten. Die Partie zeigte den 17 000 Zuschauern, wie Fußball in der zweiten Liga aussieht: dichte Defensivreihen, hohe, wirkungslose Anspiele, wenig Kreativität. Das ist nicht schön anzusehen. Es ist bisweilen schwere Arbeit, das schätzen die Fans, es ist aber bisweilen auch pure Einfallslosigkeit.“

Bundesliga

Wiederentdeckung der Langsamkeit

5. Spieltag – Berichte, Analysen, Reaktionen: „für Borussia Dortmund kann es nur darum gehen zu überleben“ (NZZ) – Bayern Münchens „Wiederentdeckung der Langsamkeit“ (FTD) – Werder Bremens „kleine Wende“ (SZ) – Klaus Augenthaler, „väterlicher Pädagoge“ (FAZ), hat Nachsicht mit seinen launigen Leverkusener Kindern – „Woher kommt der plötzliche Erfolg der Wolfsburger Teams, das als eine Ansammlung von Egoisten galt?“ (BLZ) – zwei Aufsteiger spielen Remis, und „neidisch blickt so mancher Ostwestfale auf die fröhlichen Mitaufsteiger aus Mainz“ (FAZ) – „ein Koloß sackt überzeugend weg“ (FAZ), und ein Schiedsrichter fällt auf Carsten Jancker rein u.v.m.

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Borussia Dortmund-Bayern München 2:2

Für Borussia Dortmund kann es nur darum gehen zu überleben

Martin Hägele (NZZaS 20.9.) über Wenn und Hätte: „Das Bild des Tages stammt aus dem Westfalenstadion: Uli Hoeness trägt eine Baseballmütze und Button-down-Hemd, Felix Magath einen feinen Anzug mit Krawatte. Wenn zwei Männer in den Fünfzigern sich umschlungen halten wie beim Steh-Blues und dann wie Kinder tanzen, muss etwas besonderes passiert sein. Oder vielleicht noch wichtiger: Was wäre in der Münchner Medienszene passiert, wenn Lucio und Makaay nicht egalisiert hätten? Die Schlagzeilen wären bedrohlich geworden, und jeden Tag aufs neue hätte irgendein Blatt den Coach zur Debatte gestellt, der den Stil des FC Bayern reformieren und also, wie der Vorstandsvorsitzende Rummenigge sagt, „die Kulturrevolution an der Säbener Strasse“ vom Zaun reissen soll. Magath verlangt mehr Disziplin, mehr Leistungsbereitschaft, mehr Professionalismus – und ein solcher Prozess dauert halt seine Zeit in einem Ensemble von Stars, in welchem PR-Termine und Golf-Verabredungen für manchen wichtiger waren als die Trainingszeiten. In dieser Hinsicht war das Remis ein kleiner Schritt in die von Magath und Hoeness gewünschte und geforderte Richtung. Umgekehrt hätte ein Sieg der Dortmunder in Westfalen für ein paar Tage die Realität verkehrt. Womöglich hätten dann immer noch ein paar geglaubt, der BVB sei weiterhin ein Spitzenklub und halt doch der ewige grosse Rivale des FC Bayern. In Wirklichkeit kann es für Borussia Dortmund in dieser Saison nur darum gehen, sportlich zu überleben und wirtschaftlich nicht Konkurs anmelden zu müssen.“

Michael Horeni (FAZ 20.9.) ergänzt: “In den Katakomben des Westfalenstadions sah Manager Michael Meier auch eine Stunde nach Schlußpfiff noch so mitgenommen wie nach einer Bilanzpressekonferenz aus. „Es sieht so aus, als liege ein böser Fluch über uns“, sagte der Manager immer wieder, „auch wenn sich das kryptisch anhört.“ Das mit dem Fluch, den Meier zu bannen trachtet, war in diesem Augenblick vermutlich nur sportlich gemeint, nicht wirtschaftlich. Aber beides ist bei der finanziell schwer angeschlagenen Borussia derzeit kaum voneinander zu trennen.“

Wiederentdeckung der Langsamkeit

Felix Meininghaus (FTD 20.9.) ist von Bayern München enttäuscht: „Zumindest der Mythos, dass die Bayern niemals abgeschrieben werden dürfen, lebt weiter. Die Münchner hatten über weite Strecken fürchterlich gespielt, aber sie hatten sich nicht unterkriegen lassen. Sehr viel bemerkenswerter als die späte Aufholjagd war jedoch, wie passiv und technisch unzulänglich der Rekordmeister zuvor aufgetreten war. Niemals zuvor sei es „so einfach gewesen, die Bayern zu schlagen“, sagte Rosicky, und diese Einschätzung war nicht übertrieben. Ohne Michael Ballack und Sebastian Deisler schleppte sich ein völlig verunsichertes Starensemble ohne Inspiration und Leidenschaft über den Platz. Dabei fordert Trainer Felix Magath seit seinem Amtsantritt in München, vom alten Bayern-Stil abzurücken und den Gegner mit höchster Laufbereitschaft in die Knie zu zwingen. Doch von diesem Anspruch ist der Meisterschaftsfavorit bislang meilenweit entfernt. Der „FC Haargel“ offenbarte ziemlich alle Defizite, die Magath seit Wochen anprangert. Was die Münchener zeigten, mutete an wie die Wiederentdeckung der Langsamkeit.“

Wer bestimmt in München, was gut und was schlecht ist, Michael Horeni (FAZ 20.9.)? “Alles hätte gut sein können, wenn sich die Bayern allesamt nur den letzten Minuten und der Zukunft zugewandt hätten. Doch danach stand dem Vorstandsvorsitzenden nicht der Sinn. Während sich Felix Magath mit happelscher Emotionslosigkeit, aber ohne dessen analytische Brillanz im Fernsehinterview an die Verschönerung des Bayern-Auftritts machte, watschte Karl-Heinz Rummenigge Team und Trainer in knappen Sätzen ab. „Die ersten 75 Minuten waren sehr, sehr schlecht“, mäkelte Rummenigge. Die Vorstellung sei „eines FC Bayern nicht würdig“ gewesen. Das saß. Die knallige Kritik konnte als weitere pädagogische Übung für den neuen Trainer gelten, der sich zuletzt schon von Rummenigge erklären lassen durfte, daß er die Sprachregelungen in der Welt des FC Bayern wohl noch nicht so genau kenne – und daß alles eben etwas anderes als in Stuttgart oder sonstwo sei. Diesmal lautete der Untertitel dieses bayerischen Trainer-Lehrstücks in Dortmund: Sei erst zufrieden, wenn du wirklich etwas erreicht hast. (…) Im ersten Teil ging kein einziger Ball aufs Dortmunder Tor.“

Bayer Leverkusen-1. FC Nürnberg 2:2

Väterlicher Pädagoge

Auch Klaus Augenthaler ist, wie seine Mannschaft, schwer auszurechnen; Jörg Stratmann (FAZ 20.9.) blickt ihm ins Gesicht: „Fußball ist und bleibt ein seltsames Spiel. Einfach, so daß es nahezu jeder versteht, und doch unbegreiflich flatterhaft. Das macht es manchmal aufregend schön, doch wer beruflich davon abhängt, würde liebend gern auf die eine oder andere Beunruhigung verzichten. Wie jener Mitarbeiter von Bayer 04 Leverkusen, der zur Halbzeit zum Auftritt seiner kickenden Mitarbeiter kopfschüttelnd sagte: „Also, mir wäre das nur peinlich.“ Es bedarf schon eines Trainers vom Schlage Klaus Augenthalers, um das Unverständnis über Bayers Wechselbäder nicht überschwappen zu lassen. Ein berauschender Sieg über Bayern München, verdrängt von der Niederlage beim Aufsteiger Mainz 05, anschließend das hinreißende 3:0 über Real Madrid, dem das Erlebnis abermals gegen einen Aufsteiger auf dem Fuße folgte. All das wird die Falten noch vertiefen, die die Erfahrungen einer respektablen Profilaufbahn in Augenthalers Mimik gegraben haben. Der gestandene Trainer ließ es denn auch an deutlichen Worten nicht fehlen, und doch umspielte ein wissendes Lächeln seine Mundwinkel. Augenthaler, ganz väterlicher Pädagoge, können die Streiche seiner Rasselbande längst nicht mehr überraschen.“

Augenthaler kann nachtragend sein, erfährt Christoph Biermann (SZ 20.9.): „Vielleicht lag es daran, dass Klaus Augenthaler all seine Geduld, seine Nachsicht und sein Verständnis bereits aufgezehrt hatte. Jedenfalls wandte er sich unversehens an Michael A. Roth. Augenthaler fixierte den Präsidenten des 1. FC Nürnberg im Hintergrund des Presseraums der BayArena und sagte, dass er damals auch gerne so gute Spieler wie der jetzige Coach Wolfgang Wolf bekommen hätte. „Dann hätte ich auch die Klasse gehalten“, sagte er, und knurrte so richtig, als er gefragt wurde, ob denn Paulo Rink damals nicht sein Wunschspieler gewesen wäre. Der Deutsch-Brasilianer war im Januar von Leverkusen an den Club ausgeliehen worden. „Da müssen Sie mal den Präsidenten fragen“, sagte er und schleuderte noch ein paar Blicke durch den Raum, „ich habe ihm damals gesagt: Ich brauche keinen Rink, das Protokoll der damaligen Sitzung habe ich noch“. Auch nach der Reise durch die schönsten Umlaufbahnen des europäischen Fußballs wurmt Augenthaler seine Vergangenheit noch. Dass er im April 2003 in Nürnberg entlassen wurde und der spätere Abstieg quasi auf seine Kappe ging, obwohl sportliche Entscheidungen gegen seinen Willen gefällt wurden, das wollte er auch mit dem Fell von Real Madrid behängt nicht auf sich sitzen lassen. Im Hinausgehen schüttelte Augenthaler seinem ehemaligen Präsidenten noch die Hand, tat es aber so kühl, dass man sich gleich den Kragen hochschlagen wollte.“

Werder Bremen-Hannover 96 3:0

Eine kleine Wende

Bremen atmet auf – Jörg Marwedel (SZ 20.9.): „Irgendwann kam diese Frage, die gern gestellt wird von Reportern: „Herr Allofs, was ist nach 5 von 34 Spieltagen ein dritter Tabellenplatz wert?“ Klaus Allofs hätte eine Floskel aus dem Standardrepertoire der Bundesliga bemühen können. Er hätte von der „Momentaufnahme“ schwadronieren oder auf die Diskrepanz hinweisen können, die noch zwischen den Ansprüchen eines Meisters und der gezeigten Qualität liegt. Stattdessen setzte er wieder dieses scheinbar gelassene Erfolgslächeln auf, das man von der vergangenen Saison kannte, und sagte: „Dieser Tabellenplatz ist sehr wichtig für uns. Wir müssen da oben drin bleiben. Das war letztes Jahr eine große Motivation für die Mannschaft.“ Die Tabelle als Doping, als Quelle des Selbstvertrauens? So platt wollte Allofs das nicht verstanden wissen. Es gebe nämlich noch einen anderen Mechanismus: „Wenn man da oben steht, weiß man, dass man sich nicht viele Fehler erlauben darf.“ Das wiederum erhöhe die Konzentration. So betrachtet, könnten die Bremer, die zuletzt dreimal verloren hatten und mühsam nach der alten Geschlossenheit suchen, wirklich eine kleine Wende geschafft haben.“

Hansa Rostock-VfL Wolfsburg 1:2

Zwischenmenschlicher Bereich

Matthias Wolf (BLZ 20.9.) sucht Erklärungen für Wolfsburgs Erfolg: “Woher kommt der plötzliche Erfolg des Teams, das als eine Ansammlung von Egoisten galt? Am wichtigsten ist wohl der zwischenmenschliche Bereich. Erik Gerets, der knorrige Belgier, hat seine Mannschaft in ein italienisches Restaurant eingeladen, um auch die private Seite seiner Kicker kennen zu lernen. „Meine Philosophie ist gegenseitiger Respekt“, sagte er nun und lobte wieder einmal vor allem die Leistung der Einwechselspieler. Stolz war er, wie damals, als er in seiner Heimat Lierse SK zum ersten Mal nach fünfzig Jahren zum Tabellenführer machte. Daran, so sagte er, habe er auch während des denkwürdigen Spiels in Rostock gedacht. „In Lier sagte mir ein Fan, er stehe eine Stunde früher auf und gehe eine Stunde später schlafen, um die Tabellenführung zu genießen. Außerdem gucke er 75mal in den Videotext, um zu glauben, dass es kein Traum ist“, sagte Gerets lächelnd: „So machen wir das jetzt auch in Wolfsburg.“ Schöne neue Welt. (…) Horst Klinkmann übte schonungslose Kritik. „Das ist ein klassischer Fehlstart“, sagte Hansas Aufsichtsratschef: „So kann es definitiv nicht weitergehen. Es muss sich Grundsätzliches ändern.“ Die Mannschaft rufe „nur fünfzig Prozent ihres Leistungsvermögens ab. Es ist an der Zeit, ernster miteinander zu reden.“ Klinkmann gilt als väterlicher Freund von Schlünz, doch der Umgangston wird rauer an der Küste.“

Schalke 04-Borussia Mönchengladbach 3:2

What Katie did

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 20.9.) erlebt Schalker gute Laune: „Eddy tut Schalke gut. Mit Nachnamen heißt der Übergangstrainer der Schalker Fußballprofis Achterberg. Aber kaum jemand käme auf die Idee, ihn als „Herrn Achterberg“ anzureden, weil Eddy kumpelhaft und herzlich daherkommt. Eine Stimmungskanone, eine Plaudertasche im Vergleich zu Jupp Heynckes, der schon von seiner Natur her die Stirn in Falten legt, sobald er überlegt. Eddy überlegt nicht lang, er lebt. Das 3:2 hat der in die Cheftrainerposition gehievte Holländer in vollen Zügen durchlebt und am Ende genossen. „Hühnerfell“-Atmosphäre habe er verspürt, sagte er und meinte natürlich Gänsehaut-Atmosphäre. (…) Welches Trainermodell wohl das für die Zukunft ist? „Ich schwöre an Eides Statt, daß ich noch nicht einen Gedanken an einen neuen Trainer verschwendet habe“, versicherte Assauer in der Feier- und Fragestunde. Im Überschwang wollte dieser „das beste Spiel im letzten dreiviertel Jahr“ gesehen haben. „Wenn sie so weiterspielen, haben wir noch viel Spaß. Die Truppe war frei, hat gespielt mit Lust und Laune und Leidenschaft, wie es in den letzten Monaten nicht der Fall war. Anscheinend war irgendwo eine Bremse drin.“ Soll wohl heißen, Heynckes, dessen Rezepte nicht griffen, hat sie gezogen, Achterberg sie gelöst. Ob Achterberg Schalke über den Berg bringt? „Das funktioniert zur Zeit ohne richtigen Chefcoach“, sagt Schütze Sand, „aber einen Trainer braucht man schon“, fügt er hinzu. Dann ist Eddy Achterberg wohl eher Maskottchen als Trainer auf Schalke.“

Zauberei am Schlangenfluss

Auch Andreas Morbach (FR 20.9.) notiert Schalker Wortkreationen: „An Fahrt hat das Schalker Spiel nach der Heynckes-Entlassung gewonnen. „“Wir haben jetzt wieder viel Freude im Training und im Spiel. Das war vorher nicht so“, erzählt Levan Kobiaschwili Deutlicher wird Häuptling Assauer, der das Schicksal des Dänen Christian Poulsen anführt: „Er ist vom Trainer behandelt worden, als könnte er nicht Fußball spielen. Anstatt ihn zu stärken hat er ihn runtergezogen. Aber damit Spieler brennen, musst du ihnen auch den Glauben geben, dass sie etwas können.“ Und weil Königsblau gerade Gladbach geschlagen hat, peinigt den Mann die „persönliche Niederlage“, auch mit Heynckes letztlich den falschen Coach ausgewählt zu haben, wieder ein bisschen weniger. „Wir sind“, weiß Assauer jetzt definitiv, „eben nicht Real Madrid, Benfica Lissabon oder Bayern München. Hier muss Fußball gearbeitet werden. Zauberei am Schlangenfluss kann man machen, wenn man 6:1 führt.“ Entsprechend werden sie auf Schalke die Suche nach einem neuen Chefcoach angehen.“

Post-revolutionäre Übergangsregierung

Ulrich Hartmann (SZ 20.9.) ergänzt: „Die Schalker Fußballer genießen den Zustand der Führungslosigkeit. Sturmfreie Bude, heißt das im jugendlichen Jargon, und so etwas kann über einen begrenzten Zeitraum ja durchaus beflügelnd wirken. Der Erfolg gegen die schwachen Letten hatte allerdings nur wenig Aussagekraft, und das Spiel am Samstag hätte bei etwas mehr Gladbacher Durchsetzungsvermögen auch leicht verloren gehen können. Die post-revolutionäre Übergangsregierung auf Schalke mit dem netten Eddy Achterberg unter dem heimlichen Regiment des Managers Assauer ist eine Gratwanderung.“

Martin Teigeler (taz 20.9.) schreibt: „Wie jede Profimannschaft, die gerade einen ungeliebten Trainer weggemobbt hat, wollten die Schalker trotz aller Widerstände gewinnen. Was unter Heynckes zuletzt selten zur Praxis kam, wurde am Samstag kollektiv verrichtet: kämpfen, grätschen, „Moral“ zeigen.“

1. FC Kaiserslautern-Hamburger SV 2:1

Jan Christian Müller (FR 20.9.) vermutet die Entlassung Klaus Toppmöllers in Kürze: “Gut möglich, dass Toppmöller schon jetzt oder morgen oder übermorgen Ex-Trainer in Hamburg wäre, wenn nicht das Schicksal den Club am Samstag an genau jenen Ort gespült hätte, an dem der HSV vor einem Jahr unter Kurt Jara 0:4 verlor. Danach hatte Beiersdorfer, einst ein knüppelharter Vorstopper, auf drängende Reporterfragen gemeinsam mit Vorstandsboss Bernd Hoffmann noch eine Treuebekundung zu Jara abgegeben, nur, um den bei Medien und Spielern beliebten Österreicher zwei Tage später gegen entsprechende Millionen-Abfindung zu beurlauben. Beiersdorfer und Hoffmann wurden danach tagelang als besonders böse Beispiele der Sitten-Verrohung im Fußballgeschäft durch die Presselandschaft getrieben. Dazu haben sie nun natürlich keine Lust mehr, was Toppmöller wohl den Arbeitsplatz für zumindest eine weitere Woche sichert. Der 53-Jährige Toppmöller trägt seit geraumer Zeit ein veritables Bäuchlein vor sich her, was eher vom Frustfressen an der kühlen Alsterluft als vom Biertrinken in der stickigen Dorfkneipe im heimischen Rivenich herrühren dürfte. Am Samstag nippte der ehemalige Lauterer Goalgetter nervös am Kaffee – einige Spritzer verunzierten das ehedem strahlend weiße Hemd – und ließ die interessierten Fragesteller zum Abschied aus seinem „Wohnzimmer“ Betzenberg wissen, dass er seine Tochter nun schon „bestimmt drei Monate“ nicht mehr gesehen habe. Da war er, der Anflug jenes Heimwehs, das Toppmöller offiziell nicht zugeben darf. Denn er, der Ur-Pfälzer mit dem großen Fußballherz, ist hoch im Norden angestellt, wo ein kalter Wind aus den Schreibstuben des Boulevard bläst, wo er irgendwie nicht hinpasst und das ja schon lange spürt.“

„Ein Koloß sackt überzeugend weg.“ Peter Heß (FAZ 20.9.) schüttelt den Kopf über einen Elfmeterpfiff: “Mit seiner Spezialität hat es Carsten Jancker weit gebracht – bis zu den Münchner Bayern, bis in die Nationalelf, bis zur WM 2002 nach Südkorea und Japan. Der lange Mittelstürmer nimmt den Ball am liebsten mit dem Rücken zum Tor an, schiebt und drückt seinen Körper gegen den des Abwehrspielers und legt dann den Ball, wenn die Geschicklichkeit nicht zur Drehung und zum Torschuß reicht, einem Mitspieler auf. Da Janckers Durchschlagskraft mit den Profijahren ein wenig gesunken ist und seine weiteren Fähigkeiten nicht gerade überdurchschnittlich ausgeprägt sind, ist er mit 30 in Kaiserslautern angekommen. Einem Verein, der wegen Geldknappheit mit talentierten Zweitligaspielern wie Zandi und Engelhardt versuchen muß, zu einstiger Größe zurückzukehren, oder mit Stars von einst, die die Spitzenklubs mittlerweile verschmähen. Für den FCK macht sich Jancker früh bezahlt. Nein, Jancker, schoß keines seiner selten gewordenen Erstligatore. Der Koloß verleitete durch ein überzeugendes Wegsacken in seiner Lieblings-Zweikampfsituation Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer zu einem Elfmeterpfiff. Zandi benutzte das Geschenk zur Führung.“

Ballwand und Grabscher

Jan Christian Müller (FR 20.9.) ärgert sich über den Schiedsrichter: “Ein umfassend ausgebildeter Erstliga-Unparteiischer sollte wissen, wie der ja hier zu Lande trotz längeren Auslandsaufenthalts nicht ganz unbekannte Ex-Nationalspieler seine Rolle als Ballwand und Grabscher im gegnerischen Strafraum interpretiert. Und er sollte sich wundern, wo denn die Arme wohl sein könnten, wenn nicht neben oder vor dem eigenen Körper.“

Ein Kühlschrank auf Rollen

Martin Hägele (SZ 20.9.) kann die Entscheidung des Schiedsrichters nicht fassen: „Kinhöfer hat einen Fehler gemacht, er hat dem 1. FC Kaiserslautern den Strafstoß geschenkt, weil er offenbar nicht wusste, wie Jancker seine Gegenspieler anzupacken pflegt. Wie ein Kühlschrank auf Rollen fahren dessen 93 Kilo auf den Bewacher zu, die starken Arme des Mittelstürmers verwandeln sich dabei zu Greifzangen, die irgendetwas vom Verteidiger packen wollen, Trikot, Hose oder einfach das nächste Körperteil. Kinhöfer, der ohnehin einen schlechten Tag erwischt hatte bei seinem 25. Bundesliga-Einsatz, ist auf diese plumpe Catcher-Nummer hereingefallen. Klubmanager Olaf Marschall hat ihm ausgesprochen professionelles Verhalten in dieser Situation bescheinigt. Wenn ein ganzer Klub zittert vor Abstiegsangst, und dieses Gefühl traf in diesem Fall beide Vereine, dann fragen nur noch wenige nach Moral und Anstand – die Verlierer halt. (…) Dass Toppmöller ein Spiel erlebt hatte, das seine Mannschaft „dominiert und kontrolliert“ hatte und „das man nie verlieren durfte“ hat allerdings nur mit den letzten Eindrücken der Partie zu tun, als die offensichtlich konditionsschwachen Lauterer nicht mehr laufen konnten. Vielleicht muss Toppmöller so reden, weil sie in Hamburg Gutes von ihm hören wollen und er auf Bewährung arbeitet. Es ist beschämend und spricht nicht für den Stil des Klubs, wenn der umstrittene Trainer bei jedem Gespräch mit Journalisten observiert wird wie früher DDR-Sportler auf Auslandsreisen. Sein offizieller Bewacher und Presse-Offizier Jörn Wolf wich jedenfalls keinen Meter von Toppmöllers Seite. “

Der indirekte freistoss empfiehlt allen Schiedsrichtern seit Jahren: Wenn Jancker fällt – (nicht nur) im Zweifel Stürmerfoul pfeifen!

Arminia Bielefeld-FSV Mainz 1:1

Neidisch blickt so mancher Ostwestfale auf die fröhlichen Mitaufsteiger aus Mainz

Unterschiedliche Stimmungen bei den zwei Aufsteigern macht Roland Zorn (FAZ 20.9.) aus: „Kein Geld, kein Glück, kein Genuß: Der DSC Arminia Bielefeld scheint aus der Drehtür zwischen zweiter und erster Bundesliga einfach nicht herauszukommen. Siebenmal sind die von Reichtümern bestenfalls träumenden Ostwestfalen nun von unten nach oben geklettert, und schon wieder schaut so mancher zurück in den Abgrund. Dabei haben die Arminen erst 4 Runden einer 34 Etappen langen Rallye hinter sich. Jedesmal legten sie dabei mit prallen Reifen los und kamen mit einem „Platten“ ans Ziel. Vier ordentliche bis gute Spiele, kein Sieg, zwei Remis: Neidisch blickte so mancher Ostwestfale auf die fröhlichen Mitaufsteiger aus Mainz. Wie unbeschwert die Mainzer ihre Chance nutzten, das vor allem stimmte manchen Arminen ein wenig eifersüchtig. Wer erstmals nach zwei dramatisch mißglückten Aufstiegsversuchen ganz oben ist, der kann das Abenteuer Bundesliga mit himmlischer Freude angehen. (…) Die Skepsis der Aktiven teilt auch das leiderprobte Bielefelder Publikum. Gerade mal 15 000 Zuschauer wollten diese attraktive Begegnung sehen – auch das ein Zeichen für das Mißtrauen in die Erstligatauglichkeit der Arminen. Während in Mainz schon zum ersten Saisontraining 15 000 frohgemute Anhänger kamen, müssen die Aufstiegsroutiniers aus Ostwestfalen um die Gunst jedes Fans kämpfen.“

Klopps Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze

Thomas Kilchenstein (FR 20.9.) wirft ein: „Es war etwas mehr als eine Stunde gespielt auf der Bielefelder Alm, als man plötzlich hautnah und haarklein die Verwandlung des Jürgen Klopp verfolgen konnte. Für alle, die den Mainzer Trainer nur als ewig lachenden, freundlichen Zeitgenossen kennen, immer locker, immer gut drauf, war es eine ziemlich erschreckende Szene: Es war der Moment, als der 37-jährige Mainzer Sympathikus die Kontrolle über sich verlor. Gerade hatte der Mainzer Verteidiger Marco Rose völlig zu Recht eine gelb-rote Karte kassiert, da entglitten die Gesichtszüge des Jürgen Klopp. Das Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze, Augen und Mund weit aufgerissen, der Mann, vom Boulevard gerne und ausgiebig als Harry Potter gefeiert, wäre vor Wut am liebsten dem Vierten Mann, dem Schiedsrichter-Assistenten, ach was der ganzen Welt an den Kragen gegangen, mühsam besann er sich und kickte nur eine am Boden liegende Plastikflasche mit links zur Seite. Dann war es auch schon wieder vorbei. Später sollte Jürgen Klopp sagen, der Vierte Unparteiische habe „offenbar sieben Semester Psychologie studiert und mich hervorragend wieder runtergeholt“.“

Ascheplatz

Kurskiller, Plattmacher, Aasgeier

Wieder schlechte Presse für Borussia Dortmund: Freddie Röckenhaus (SZ 20.9.) stellt den künftigen Aktionär vor: „Der berüchtigte Börsen-Spekulant Florian Homm wird offenbar maßgeblich über die Geschicke von Borussia Dortmund mitbestimmen. Das geht aus Börsenkreisen und insbesondere einem umfangreichen internen Papier namens „Road Show London 2004″ hervor, das Borussia Dortmund zur Anwerbung neuer Aktionäre erstellt hat und das der SZ vorliegt. Wie berichtet, hat Fonds-Manager Homm, Enkel des Versandhaus-Millionärs Josef Neckermann, den größten Teil des BVB-Aktienpakets des Bonner Verlegers Norman Rentrop übernommen Rentrop hatte gemeinsam mit dem anderen Großaktionär, dem Brauerei-Unternehmer Michael Schiemann, vergeblich versucht, einen sinnvollen Sanierungskurs in Gang zu bringen. Der als christlich engagiert geltende Rentrop hatte letzte Woche aufgegeben und verkauft. Nachfolger Homm ist in Börsenkreisen bekannt für rücksichtslose Praktiken, die offenbar über den Rahmen des Legalen hinausgegangen sind. Erst vergangene Woche wurde der Harvard-Absolvent wegen „erwiesener Kursmanipulationen“ an der Aktie des Mietwagen-Unternehmens Sixt von der Bundesfinanzaufsicht „Bafin“ zu einer Geldbuße verdonnert. Zuvor war Homm in den Kurssturz der Finanz- und Grundstücksfirma WCM verwickelt. Auch hier wurden ihm ungesetzliche Kursmanipulationen vorgeworfen. Beunruhigend ist überdies der Branchenruf des Finanzjongleurs: Das Manager-Magazin betitelte ihn bereits unwidersprochen als „Kurskiller“, „Plattmacher“, „Aasgeier“ oder – in Anspielung auf seinen Wohnsitz Mallorca – als „Zerleger von Mallorca“. Homm operiert häufig mit so genannten „Leerverkäufen“, bei denen er am rapiden Kursverlust seiner Unternehmen märchenhafte Gewinne erzielt. Zu den Kursverlusten soll er, so die Bundesfinanzaufsicht, durch gezielt gestreute Gerüchte und negative „Analysen“ selbst beigetragen haben. Homm nutzt dabei seine Firmensitze Zürich und die als Steuerparadies für Briefkastenfirmen bekannten Cayman Islands in der Karibik.“

Sonntag, 19. September 2004

Bundesliga

Satire oder Science-Fiction?

Kommentare zum 5. Spieltag: „Die Bundesliga ist offener geworden“ (FAZ) – zwielichtiger Aktionär steigt in Dortmund ein, „vor einem Jahr hätte man solche Zustände im deutschen Fußball noch für Satire oder Science-fiction gehalten“ (SZ) – welcher Trainer passt nach Schalke? „der Schalke-Fan will ernst genommen werden in seiner Sehnsucht, in seiner Faszination“ (FAS)

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Die Bundesliga ist offener geworden

Michael Eder (FAZ 20.9.) freut sich über die Nivellierung der Liga: „Die Bundesliga ist offener geworden, weniger leicht auszurechnen; die schönen Favoriten-Bänke im Toto-Block sind Tips geworden, auf die man nicht mehr allzuviel setzen sollte. Die Kleinen geben sich nicht mehr so schnell geschlagen. Und je öfter sie merken, daß die Großen „auch nur mit Wasser gekocht sind“, wie der ehemalige Frankfurter und jetzige Leverkusener Stürmer Jones zu sagen pflegt, desto besser ist das für die Kleinen. Je weniger sie zu den anderen aufschauen, desto größer werden ihre Chancen: Auf Augenhöhe können sie eine ganze Menge erreichen.“

Was der Schakal für die Serengeti, das ist dieser Mann für den Kapitalmarkt

Freddie Röckenhaus (SZ 20.9.) warnt Borussia Dortmund und mahnt Präsident und Manager zum Rücktritt: „Über Florian Homm, den gefürchteten „Hedge-Fonds-Manager“ (schon der Begriff klingt nach Karate), hat der Sender SWR 3 neulich in einem Kommentar gesagt: „Was der Schakal für die Serengeti, das ist dieser Mann für den Kapitalmarkt.“ Nettere Begriffe als „Finanzjongleur“ oder „Spekulant“ finden sich kaum über den Neckermann-Erben Homm in der Branche, das beunruhigt. Spieler zum eigenen Vergnügen für Fabelsummen einzukaufen ist also nicht das, was man von so einem erwarten kann. BVB-Präsident Niebaum gibt den Traditionsklub Borussia Dortmund im Zuge des schier endlosen Finanzdebakels lieber in die Hände des Spekulanten Homm und des Londoner Finanzmaklers Stephen Schechter, statt endlich selbst den Hut zu nehmen. Das, so wird in Dortmund gemunkelt, könnte damit zu tun haben, dass sich der mit angeblich über einer Million Euro Gehalt dotierte Geschäftsführer Niebaum einen Verzicht auf dieses Geld nicht leisten mag. Erkennbar jedenfalls ist, dass der BVB immer tiefer in Abhängigkeiten und Fremdbestimmung durch teils dubiose Figuren gerät. Und all das offenbar, damit der einst verdiente Niebaum und sein getreuer Mit-Geschäftsführer Michael Meier weiter in Lohn und Brot bleiben können. Vor einem Jahr hätte man solche Zustände im deutschen Fußball noch für Satire oder Science-fiction gehalten. Doch BVB-Aufsichtsräte und DFL-Gremien haben die Verantwortlichen des Dortmunder Chaos stets gewähren lassen.“

Ohne Erfolg dauert Markenaufbau 20 Jahre

Der VfL Wolfsburg wird sicht- und hörbar – Ronny Blaschke (SZ 20.9.): „Es war einmal in Wolfsburg, da hörte man über den VfL nur, dass es wenig zu hören gibt. Selten schwappte Spektakuläres über die Grenzen Niedersachsens hinaus. Fremde hatten von diesem Fußballverein gehört, doch sie wussten nichts über ihn. Der VfL, dem es so schwer fällt, eine Tradition zu behaupten, war gefangen am Rande der Wahrnehmung, er wartete dort wie ein Aschenputtel. Viel deutet darauf hin, dass die Wolfsburger einen Quantensprung gemacht haben in ihrer auf Jahre angelegten Flucht aus der Anonymität. Sportlich scheint der VfL durch eine ausgewogene Mischung im Team die Pubertät hinter sich gelassen zu haben. Auch im Umfeld hat der blasse Klub an Farbe gewonnen. Über Jahre fahndete man mit ausgetüftelten Marketingstrategien nach einem Profil, eine Million Euro steckte man jährlich in die Öffentlichkeitsarbeit. „Ohne den Erfolg dauert Markenaufbau 20 Jahre“, sagte Geschäftsführer Klaus Fuchs. Ob Hauptsponsor Volkswagen diese Geduld aufbringen würde? So hat sich der Klub für die Abkürzung über den Erfolgsweg entschieden. In der vergangenen Saison erschienen 25 Prozent aller Artikel über den VfL in überregionalen Publikationen, inzwischen sind es 40 Prozent. Am Samstag gastierte Pablo Thiam im ZDF-Sportstudio – als erster Wolfsburger Spieler. Er sagte: „Die Bedingungen bei uns sind besser als in München.“ Er hat eine Zeitlang beim FC Bayern gespielt.“

Der Schalke-Fan will ernst genommen werden in seiner Sehnsucht, in seiner Faszination

Was muss ein Schalker Trainer tun, können und lassen? Eine Stellenbeschreibung von Richard Leipold (FAS 19.9.): “Die Spieler sind ihrer Animateure früher oder später überdrüssig, meistens früher. Sobald dieses Stadium erreicht ist, haben die Trainer nur noch Alibifunktion. Die Trainer kommen und gehen, die selbstgefällige Mannschaft und ihr Geist (gemeint ist nicht der Teamgeist) – sie bleiben. Nach der Trennung von Heynckes geht die Suche nach dem „Richtigen“ wieder von vorne los. Nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre darf er nicht zu hart sein und nicht zu weich; nicht zu alt, nicht zu jung; nicht zu progressiv, aber auch nicht zu konservativ; er muß durchsetzungsstark sein, aber nicht stur; kommunikativ, aber nicht geschwätzig. „Vielleicht sollten wir in die Backstube gehen und uns einen Trainer backen“, sagt Teammanager Andreas Müller, der Assauer bei der Fahndung unterstützen darf. Das absurde Bild illustriert die Erfolgsaussichten dieser Suche nach einem vermutlich Unauffindbaren. Im Idealfall identifiziert sich der Fußballehrer mit der Region oder versteht wenigstens das Lebensgefühl des Ruhrgebiets. In der Arbeiter- und Arbeitslosenstadt Gelsenkirchen fällt es sofort auf, wenn einer nur so tut, als ob. Der Schalke-Fan will ernst genommen werden in seiner Sehnsucht, in seiner Faszination, auch in seinen Phantastereien. Es mag realistisch sein oder nicht: Die Fans wollen, daß ein Trainer sein Personal animiert, für Schalke möglichst so viel Leidenschaft aufzubringen, wie sie selbst es tun. Wenn das gelingt, kommt es nicht mehr darauf an, woher einer kommt, wie hoch sein Gehalt ist, welche Methoden er anwendet. In Schalke hängen die Leute der Illusion nach, daß die Fußballprofis ehrliche Arbeiter sind wie einst die Malocher in den Zechen.“

Samstag, 18. September 2004

Allgemein

Ich hatte nie Probleme mit Dortmund

In Dortmund trifft Torsten Frings auf ehemalige Mitarbeiter – Andreas Burkert (SZ 18.9.): “Manchmal können Fußballprofis ziemlich naive Dinge von sich geben, ohne dass man sie deshalb gleich auslachen muss. Weil sie in solchen naiven Momenten wirklich überzeugend klingen. Frings bekommt solche Momente ziemlich gut hin, auch am Freitag, als er gefragt wird, ob seine Rückkehr ins Westfalenstadion nicht etwas Spezielles für ihn habe, nach all dem Ärger vor, während und nach seinem Transfer von der Borussia zum FC Bayern. Frings schaut dann ganz unschuldig und versichert, im Grunde habe es doch gar keinen Ärger gegeben, er spiele jetzt eben für die Münchner, „und ich hatte nie Probleme mit Dortmund“. Glatt gelogen, könnte man ihm entgegnen, doch vielleicht hat Torsten Frings das wirklich alles so empfunden. Dass ihm die Dortmunder im Frühjahr, als die Bayern plötzlich öffentlich über einen Transfer sprachen (nachdem ihnen die Dortmunder Frings zum Kauf angeboten hatten), gar nicht böse gewesen sind, dass sie ihm, wie der damals noch wortgewichtigere BVB-Sportdirektor Zorc, im Grunde doch nicht verboten hatten, sich vorfreudig zu einem Vereinswechsel zu äußern. Was allerdings nur zu verständlich gewesen wäre, schließlich verdarb der Nationalspieler der Borussia damit das preistreibende Pokerspiel.“

Mich hat der fertiggemacht

Auch in München, wirft Elisabeth Schlammerl (FAZ 18.9.) ein: „Frings hat sich in München auf ein Abenteuer eingelassen. Es war mutig von ihm, zum FC Bayern zu wechseln. Immerhin hatte er zuvor mit Felix Magath eher schlechte Erfahrungen gemacht. Damals in Bremen war der aufstrebende Frings mit dem kompromißlosen Trainer nicht zurechtgekommen. Magath habe sogar behauptet, erzählte Frings einmal, „ich könne nicht Fußball spielen. Mich hat der fertiggemacht.“ Seit der gemeinsamen Zeit in Bremen sind aber mehr als fünf Jahre vergangen.“

Internationaler Fußball

Istanbul-Soap

Besiktas gegen Galatasaray, ein Duell der prominenten Trainer Hagi und del Bosque – Tobias Schächter (taz 18.9.): „Gheorge Hagi kann noch dribbeln wie zu seiner aktiven Zeit. Nach den ersten Siegen meinte der „Karpaten-Maradona“ frech: „Das ist meine Mannschaft.“ Und bar jeder Bescheidenheit fügte er hinzu: „Fehlt nur noch einer wie Hagi.“ Das nahmen im vielköpfigen Präsidium einige Herrschaften wörtlich. „Hagi muss spielen!“, forderten sie. Alles soll doch bitte endlich wieder so sein wie vor vier Jahren, als Spielmacher Hagi Cimbom zum Uefa-Cup-Triumph führte. Die Presse kriegte sich vor Lachen kaum noch ein und stimmte den bizarren Forderungen der ehrsüchtigen Funktionäre gerne zu. Als Trainer sei Hagi, 39, schließlich viel zu unerfahren. Und überhaupt: Der kanns einfach nicht, so der Tenor. Den beleibten Vicente Del Bosque, 53, will bei Besiktas verständlicherweise niemand als Spieler sehen. Weil ihnen Lothar Matthäus erspart geblieben ist, wurde der Spanier von den Fans mit offenen Armen empfangen. Inzwischen würden sie ihn am liebsten zum Teufel jagen. Grauselig die Auftritte, jämmerlich die Ausbeute: nur ein Sieg, fünf Punkte, Platz 12. Der beste Kader seit Jahren, mit John Carew ein treffender Stürmer – Del Bosque aber findet keine Stammformation. Jede Woche schlägt ein anderes beleidigtes Würstchen dem Trainer ob seiner Ausbootung die Tür vor der Nase so fest zu, dass es Wunder nimmt, dass dessen Schnauzer noch immer so prächtig glänzt und nicht längst ganz weit aus der Stadt geweht wurde. „Geduld“, fordert Del Bosque stoisch: „Ich habe mit Real Madrid die Champions League gewonnen.“ Die Standardreplik der Besiktas-Fans auf dieses galaktische Zeitschinden: „Mit Real hätte sogar Hagi als Trainer alles gewonnen.“ Und dann lachen alle im Bakkal, die Anhänger von Besiktas und die von Galatasaray. Am lautesten aber lachen bei dieser Istanbul-Soap die Fans von Fenerbahce, dem Rivalen von der asiatischen Seite. Fener gewann gegen Sparta Prag – in der Champions League.“

Ball und Buchstabe

Bundesliga live auf dem Handy

In der FAZ (Wirtschaft 18.9.) liest man: „Die Vermarktung der Übertragungsrechte für die erste und zweite Bundesliga wird weiter liberalisiert: Von Beginn der Saison 2006/2007 an können die Fußballfans die einzelnen Begegnungen live auf dem Mobiltelefon oder im Internet verfolgen. Das sehe ein Kompromiß zwischen der DFL und der Europäischen Kommission vor, teilte eine Sprecherin von Wettbewerbskommissar Mario Monti mit. Die DFL hat sich verpflichtet, je Spieltag in Form einer Konferenzschaltung mindestens 90 Minuten live und ohne die entscheidenden Szenen auszublenden im Internet zu übertragen. Zudem werden die Vermarktungsrechte der einzelnen Vereine gestärkt. Sie erhalten das Recht, ihre Heimspiele unmittelbar nach dem Ende der Partie unabhängig vom Ligaverband im Internet zu verkaufen. In voller Länge darf das Spiel allerdings erst nach Ende der Begegnung gezeigt werden. Darüber hinaus können die Vereine der beiden Ligen von der übernächsten Saison an eigenständig Verträge mit Mobilfunkanbietern über die Liveübertragung auf dem Handy abschließen. Durch den Kompromiß werde das Vermarktungsmonopol des deutschen Ligaverbands weiter geschwächt, sagte die Sprecherin von Monti.“

Unterhaus

So einer denkt sich auch im Schlaf in gegnerische Mannschaften hinein

Wer sind die Leistungsträger des 1. FC Saarbrücken, Thomas Kilchenstein (FR 18.9.)? „Der Mann, so klein und drahtig wie er ist, gilt als Ausbund an Zähigkeit und Zuverlässigkeit und Korrektheit, für ihn, so hatte es einst den Anschein, war seinerzeit der Begriff „akribisch“ erfunden wurden: Ein Horst Ehrmantraut überlässt nichts dem Zufall, Fußball schon mal gar nicht. So einer denkt sich auch im Schlaf in gegnerische Mannschaften hinein, analysiert, seziert, und wenn dann endlich ein Erfolgserlebnis die beinahe schon wissenschaftliche Arbeit krönt, kann er sogar richtig gelöst sein. Am Freitag haben die Saarbrücker ihren ersten Sieg in der zweiten Liga eingefahren, 2:1 in Burghausen, und das hat den 48-Jährigen darin bestätigt, dass es richtig war, im Wesentlichen dem Regionalliga-Kader auch eine Klasse höher zu vertrauen. „Ich glaube an die Mannschaft.“ Fünf neue Spieler, darunter vier unter 23 Jahren, haben sich die Saarbrücker, deren Etat sich bei sieben Millionen Euro einpendelt, nur geleistet. Dafür haben sie aber einen Matthias Hagner, einst bei Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart und Borussia Mönchengladbach am Ball, der in den vergangenen vier Spielen praktisch auf jeder Position zum Einsatz kam: Er spielte im Sturm, im Mittelfeld, als Libero.“

Allgemein

Ob als Manager oder Trainer, ist egal

Die Initiativbewerbung Olaf Thons: „Zwergenaufstand“ (SZ) – unfaire Ungarn – Dariusz Wosz fühlt sich im Uefa-Cup wohl – „Aachens sensationelle Premiere war vor allem ein Spionageerfolg der Scout-Abteilung“ (Tsp)

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Schalke 04-Metalurgs Liepaja 5:1

Pfiffe in Schalke – Richard Leipold (FAZ 18.9.) schildert Olaf Thons erfolglose Initiativbewerbung: “Der Zorn des Volkes richtet auch gegen den Manager und seine Vorstandskollegen. Das Protestpotential wollte sich offenbar Olaf Thon zunutze machen. Der frühere Mannschaftskapitän wartet seit langem auf den Ruf des Vorstands. Eine halbe Stunde vor dem Spiel brachte er sich unverblümt ins Gespräch. Bisher nur als sogenannter Repräsentant in die Vereinsarbeit eingebunden, forderte er umfassende Kompetenzen. Thon marschierte in den Presseraum und verlangte coram publico eine Führungsposition. „Ob als Manager oder Trainer, ist egal“, sagte er und beklagte sich darüber, daß der Vorstand ihn bei bedeutenden Personalentscheidungen stets übergangen habe. „So geht es nicht weiter“, sagte Thon. „Die Zeit ist reif, daß ich mich einbringe.“ Bei seiner öffentlich vorgetragenen Bewerbung ähnelte Thon seinem einstigen Rivalen Lothar Matthäus, der sich über die Medien erfolglos als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft angedient hatte.“

Zwergenaufstand

Ulrich Hartmann (SZ 18.9.) fügt hinzu: „Thon, 38, einstiger Schalker Fußballheld und mittlerweile als Klubrepräsentant Inhaber einer fragwürdigen ABM-Stelle im königsblauen Konstrukt, ist also in den Presseraum der Schalker Arena geeilt und hat sich bei den Journalisten über die Nichtberücksichtigung seiner Kompetenzen beklagt und schließlich gefordert, entweder Trainer zu werden oder Vorstandsmitglied oder Weißdergeier. Thons hilfloser Vorstoß war beileibe keine Palastrevolution, eher eine Art Zwergenaufstand, aber er offenbarte symbolisch, wie verzweifelt sich manche Menschen im Umfeld des mächtigen Managers Assauer gebärden. Nicht einmal die Klagen der Fans nimmt Assauer noch ernst. Über dem Fanblock hatte ein riesiges Transparent gehangen: „Mannschaft ohne Leidenschaft – Management, das Leiden schafft.“ Ein durchaus sinnstiftender Einwurf, auf den angesprochen Assauer nur müde zurückgab: „Na und? Dann leiden sie halt noch ein bisschen, das muss man nicht so ernst nehmen!“ Das ist ohnehin die entscheidende Frage auf Schalke: Wen oder was man dort noch ernst nehmen muss. (…) Finanziell betrachtet, war die Beurlaubung von Jupp Heynckes nicht gerade ein genialer Schachzug. Es verwundert nicht, wenn ausgerechnet vom Schalker Finanzchef Josef Schnusenberg ein öffentliches Bekenntnis für die günstigste Übergangslösung Eddy Achterberg kommt: „Ich gehe davon aus, dass diese Lösung bis zum Saisonende hält“.“

Ujpest Budapest-VfB Stuttgart 1:3

Kleine Kinder machen immer so viel wie sie dürfen

Die SZ (18.9.) rügt das unfaire Spiel der Ungarn: „Gabor Nagy rauschte in Kevin Kuranyi hinein, es war ein bemerkenswert brutales Foul, rücksichtslos, unfair, gefährlich. Kuranyi wurde vom Platz geführt und ins Krankenhaus gefahren. Zwar hat der VfB die Partie gewonnen, doch konnte sich darüber niemand wirklich freuen. Nagy sah nicht einmal die Gelbe Karte, was grotesk zu nennen ist. Es bleibt eines der Geheimnisse der Schiedsrichter, warum jedes Trikotlupfen bestraft wird, es aber ungestraft möglich ist, seinen Gegenspieler krankenhausreif zu treten. Solche Fälle häufen sich, zuletzt hatte Dortmunds David Odonkor den Bochumer Peter Madsen so brutal umgetreten, dass es ein Rätsel ist, warum er nicht vom Platz flog. Dass das Spiel so hart wurde, lag auch am Schiedsrichter. „Wie die Ungarn eingestiegen sind, das war unter aller Sau“, erzürnte sich VfB-Trainer Matthias Sammer. Er gab dem Schiedsrichter Peter Vink aus den Niederlanden eine Teilschuld, indem er sagte: „Kleine Kinder machen immer so viel wie sie dürfen.““

Standard Lüttich-VfL Bochum 0:0

Im Uefa-Cup fühlt sich Darius Wosz wohl, meint Christoph Biermann (SZ 18.9.): „Der letzte Überlebende spielte, als sei er noch einmal durch die Zeit zurückgeeilt. Sieben Jahre ist es inzwischen her, seit der VfL Bochum sein letztes Spiel im Uefa-Pokal absolviert hat. Sieben Jahre älter ist auch Dariusz Wosz seit jenem 2:2 gegen Ajax Amsterdam geworden, bei dem er als einziger Bochumer Profi von heute dabei war. Doch in Lüttich merkte man Wosz in keiner Minute an, dass er inzwischen bereits 35 Jahre alt ist. Auf fast unheimliche Art und Weise wurde der Mannschaftskapitän mit zunehmender Spielzeit immer präsenter auf dem Platz. Rettete er gerade noch hinten, lenkte er im nächsten Moment schon wieder den Konter in der gegnerischen Hälfte. Kein Ball versprang ihm, kaum ein Pass kam nicht an. „Ich fühle mich auf dem Höchststand“, sagte Wosz, den man so gut zuletzt vor sieben Jahren gesehen hatte.“

of: Ein Reporter der ARD-Sportschau sagte kürzlich dazu: „Uefa-Cup ist seine Heimat, für Wosz ist Lüttich Standard.“ Es sind schon Leute für weniger entlassen worden…

FH Hafnarfjördur-Alemannia Aachen 1:5

Christoph Pauli (Tsp 18.9.): „Sportlich war Aachens fast schon sensationelle Premiere im Uefa-Cup vor allem ein Spionageerfolg der Scout-Abteilung. Denn bei Studien vor dem Spiel hatten Aachens Betreuer große Schwächen auf der linken Abwehrseite der Isländer ausgemacht. Prompt wurden vier der fünf Treffer der Gäste über diesen Flügel vorbereitet. Nun erreicht der Verein, dessen Schuldenstand aktuell noch etwas mehr als eine Million Euro beträgt, die Gruppenphase des reformierten Uefa-Cups. Wie lukrativ die nächsten Auftritte auf Europas Fußballplätzen sein werden, ist noch offen, solange weder Gegner noch Vermarktungsmöglichkeiten feststehen.“

Bundesliga

Der schleichende Niedergang der Borussia

„Der Besuch der Bayern erinnert die Borussen an beste Zeiten – und an die aktuelle Misere.“ Michael Horeni (FAZ 18.9.) registriert „den Abstieg eines Klubs aus den Höhen Europas, dem nun auch in Deutschland die Exzellenz abhanden kommt. Der schleichende Niedergang der Borussia wird vor dem Duell gegen den FC Bayern München, das über ein Jahrzehnt auch der große Schlager der Bundesliga war, besonders offensichtlich. Das Stadion wird ausverkauft sein. So wie immer in den vergangenen Jahren, und der Schiedsrichter wird auch wieder Markus Merk sein, weil irgendwann der Beste nötig wurde, als sich die beiden Klubs auf Augenhöhe und mit bösem Blick begegneten. Als die Bayern ihre europäische Pflichtübung in Tel Aviv hinter sich gebracht hatten, redete Manager Uli Hoeneß über die kommenden Aufgaben. Die Mannschaft müsse sich steigern, sagte er, „sonst können wir unsere Ziele nicht erreichen“. Hoeneß sprach von den kommenden Gegnern Ajax Amsterdam und Juventus Turin. Die Begegnung gegen Borussia Dortmund erwähnte er nicht. Manager Michael Meier weigert sich, die Illusion aufzugeben, daß alles noch so ist, wie es einmal war: „Wir haben zusammen mit den Bayern in den letzten zehn Jahren die Szene beherrscht. Und wir sehen uns noch nicht so weit im Abseits, daß wir hier klein beigeben müßten.““

Verrechnet

Felix Meininghaus (Tsp 18.9.) ergänzt: „Seit dem letzten Meisterschaftsgewinn des BVB haben sich die Wege der beiden Vereine signifikant getrennt: Während die Bayern weiter oben mitspielen und auch nach einem verpatzten Jahr ohne Titel ihren Stammplatz in der Champions League für sich beanspruchen, repräsentieren die Dortmunder allenfalls noch gehobenes Mittelmaß. Auch wirtschaftlich sind die Perspektiven schlecht. Längst ist entlarvt worden, dass sich die Führungsriege um Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier im ehrgeizigen Streben, an den Bayern vorbeizumarschieren, verrechnet hat. Mit fehlender wirtschaftlicher Weitsicht und mangelndem unternehmerischen Kalkül haben die Macher einen in der Geschichte der Bundesliga einzigartigen Schuldenberg aufgehäuft. Die einst bejubelte und für 11 Euro ausgegebene BVB-Aktie notierte am Freitag bei 2,36 Euro. Eines der Beispiele für den Größenwahn, mit dem in Dortmund der Erfolg erzwungen werden sollte, war die Verpflichtung von Torsten Frings vor zwei Jahren. Der wäre 2003 ablösefrei zu haben gewesen, doch weil die Dortmunder ihn sofort wollten, überwiesen sie elf Millionen Euro an Werder Bremen. Mittlerweile ist der Nationalspieler nach München weitergezogen, für neun Millionen Euro. Die existenzbedrohenden Geldsorgen sind die Ursache dafür, dass Stars nicht mehr geholt, sondern abgegeben werden.“

„Dank Andres d‘Alessandro und einer zupackenden Defensivabteilung hebt sich der VfL vom Kurs des VW-Konzerns ab.“ FR

Ascheplatz

Trickreich

„Erschütternde Zahlen“, nennt Freddie Röckenhaus (SZ 17.9.): „Wie erwartet, versucht das börsennotierte Unternehmen Borussia Dortmund durch eine auch offiziell angekündigte Kapitalerhöhung an frisches Geld zu kommen. Offenbar zwingt die Finanzmisere zu diesem Schritt, bei dem 9,75 Millionen neue Aktien auf den Markt gebracht werden. Nach Angaben der Geschäftsführung um Gerd Niebaum soll es „für einen erheblichen Teil“ der neuen Aktien zu 2,50 Euro das Stück bereits bindende Abnahmeangebote geben. In der gesetzlich vorgeschriebenen „ad-hoc-Mitteilung“ zur Kapitalerhöhung hat der BVB auch bereits vorläufige Bilanzzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr veröffentlicht. Trickreich, wie schon in den letzten Monaten gewohnt, verkündet der Klub dabei eine Zahl von „21 bis 22 Millionen Euro“ als „operativen Verlust“, in dem Zinszahlungen, Abschreibungen, Buchverluste und Steuern allerdings nicht enthalten sind. Hierfür weist Dortmund, gegen jede Bilanz-Gepflogenheit, einen Extraposten in Höhe von 45 Millionen Euro aus. Aus den zur Verfügung gestellten Zahlen ergibt sich demnach ein offizieller Bilanz-Verlust von kaum glaublichen 66 bis 67 Millionen Euro für die abgelaufene Saison 2003/2004. Bisher war eher mit einem Jahresverlust von rund 50 Millionen Euro gerechnet worden. Auch der bisherige Großaktionär Norman Rentrop, der rund 15 Prozent des BVB-Aktienkapitals hielt, hat die Flucht ergriffen. Rentrop ließ bekannt geben, dass er sein komplettes Aktienpaket außerbörslich verkauft hat. Offenbar hält sich Rentrops Verlust in Grenzen, weil er sein Paket ebenfalls zu Rabattkonditionen von der Deutschen Bank übernommen hatte. Die Deutsche Bank hatte 2000 den Börsengang des BVB als Konsortialbank durchgeführt, sich aber im Herbst 2003 komplett aus Borussia Dortmund zurückgezogen.“

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