Dienstag, 15. Juni 2004
Vermischtes
Die Augen so klar, die Nase so römisch
in der Mixed-Zone trifft man authentische Fußballer (FAZ) – Portugal diskutiert die Auftaktpleite (NZZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Disziplin, Zusammenhalt, Kampfgeist
Hollands System-Debatte nervt ihren Trainer Dick Advocaat und Christian Eichler (FAZ) / Tsp-Interview mit Advocaat / „Edgar Davids rackert und schultert damit die ganze Mannschaft“ (SZ) – Pavel Nedveds „Trommelschritte“ (Tagesspiegel) sind schon zu hören u.v.m.
Disziplin, Zusammenhalt, Kampfgeist
Christian Eichler (FAZ 15.6.) relativiert die holländische System-Debatte: „Der Wettkampf der Systeme: Er schien im Fußball ähnlich wie in der Politik spätestens Ende der achtziger Jahre passé. In Deutschland wahrscheinlich schon viel früher. Nur in Holland bis heute noch nicht. Wenn nun dreißig Jahre nach ihrem ersten großen Duell, dem WM-Finale 1974, die Nachbarn aufeinandertreffen, wird sich der gemeine Deutsche in Sachen Taktik allenfalls noch daran erinnern, daß Deutschland damals mit Libero spielte, der hieß schließlich Beckenbauer. Aber sonst? Jeder Holland-Fan vermag dagegen mühelos darzulegen, mit welchem System der berühmte „totale Fußball“ der Cruyff-Elf funktionierte: dem 4-3-3 der Schule von Ajax Amsterdam. Dieses mal ideale, mal nur idealisierte Modell, das 1974 zum WM-Sieg nicht reichte, soll diesen Dienstag gegen Deutschland helfen. Trainer Dick Advoaat hat unter dem Druck der heimischen Medienöffentlichkeit, dominiert von der Früher-war’s-besser-Haltung von Wortführern wie Johan Cruyff oder Advocaats erfolglosem Vorgänger Louis van Gaal, die Rückkehr zum 4-3-3 verkündet. Das heißt also drei Stürmer, davon zwei über die Flügel kommend. Nach den Testspielniederlagen gegen Belgien und Irland, bei denen er ein vorsichtigeres 4-4-2 probierte mit der Folge, daß kein Stürmerduo zusammenpaßte und die Mittelfeldspieler einander im Weg standen, ließ ihm die öffentliche Meinung keine Wahl. Advocaat hat nicht die Popularität, sich einen öffentlichen Befreiungsschlag wie Rudi Völler bei seiner Medienbeschimpfung vergangenen Herbst leisten zu können. (…) Das Dreistürmermodell gilt als heikel, weil man einen Mann weniger im Mittelfeld hat und der zentrale Stürmer allein gegen zwei Innenverteidiger steht. Dafür erhält man als Plus zwei Flügelmänner – wenn sie denn ins Spiel kommen. Gelingt das, steht der deutschen Abwehr ein heißer Abend bevor. Wenn das 4-3-3 ins Rollen kommt, kann es verheerend werden, wie es die Schotten beim 0:6 in der Qualifikation erlebten. Van Nistelrooy traf dreimal, und aus dem Mittelfeld wirbelten die entfesselten Jungstars Rafael van der Vaart und Wesley Snijder. Alle drei werden ihr erstes großes Turnier spielen, ebenso weitere junge Offensivkräfte wie Robben oder van der Meyden. Über diesen Umweg wird das System zum Stimmungsfaktor. Denn die Hereinnahme der Jungen verspricht neue Frische nicht nur im Spiel, auch im Denken – ein Aufbrechen des Splittergruppenverhaltens und Schlechtgelauntseins in der Oranje-Auswahl, die sich über viele Jahre hinweg mangels Auffrischung in ihre Rituale des Scheiterns verrannt hatte. Eine bemerkenswerte Entwicklung ist dabei, daß die einst von dunkelhäutigen Spielern der multikulturellen Ajax-Schule geprägte Elf nun als ein vorwiegend „weißes“ Team auftreten wird. Seedorf ist angeschlagen (und umstritten), Kluivert in einer Formkrise, bleibt nur noch Edgar Davids, der bei der EM 1996 über den angeblichen Rassismus einiger Kollegen ausgerastet und von Trainer Hiddink heimgeschickt worden war, worauf die ganze Expedition kläglich scheiterte. Auch diesmal ist eine der zentralen Fragen für Hollands Erfolg, ob Antreiber Davids unter Kontrolle bleibt – im Qualifikationsspiel in Tschechien flog er schon nach 13 Minuten vom Platz. So reduziert sich vieles, was auf die große Systemfrage projiziert wird, aufs kleine Einmaleins des Fußballs: Disziplin, Zusammenhalt, Kampfgeist.“
Ich fühle mich immer noch als Gewinner
Die Holländer sind doch andere Menschen, zumindest andere Fußballer, meint Stefan Hermanns (Tsp 15.6.): „Das Festhalten am 4-3-3-System mit zwei Außenstürmern ist in Holland längst zu einem Stück Folklore verkommen. Man spielt es, weil man es immer gespielt hat und weil die Fußballer von klein auf nichts anderes gelernt haben. Wenn sie aber aus der beschaulichen Ehrendivision zu einem europäischen Spitzenklub wechseln, bereitet ihnen die Umstellung auf andere Systeme seltsamerweise überhaupt keine Probleme. Die aktuelle Diskussion ist der wer-weiß-wievielte Ausdruck eines Hangs zur Selbstzerstörung, der Hollands Team immer wieder um mögliche Triumphe gebracht hat. Außer der Europameisterschaft 1988 hat das kleine Land mit den großen Fußballern keinen Titel gewonnen. Für die WM vor zwei Jahren war Oranje nicht einmal qualifiziert. Das holländische Publikum traut seiner Nationalmannschaft alles zu – Gutes und Schlechtes. Im Herbst, rund um die beiden entscheidenden Qualifikationsspiele gegen Schottland, sahen sich die Nationalspieler einer skeptischen bis feindlichen Atmosphäre ausgesetzt. Als die Medien am Tag nach der 0:1-Niederlage in Schottland berichteten, die Spieler hätten bis früh in den Morgen in einer Nobeldisko gefeiert, zweifelte niemand am Wahrheitsgehalt dieser Falschmeldung. Drei Tage später gewann Holland 6:0 und war eigentlich schon wieder Europameister. Die Selbstüberschätzung rührt aus einem Überlegenheitsgefühl, das sich wiederum aus dem Hang zum schönen Spiel speist. Johan Cruyff, der beste holländische Fußballer aller Zeiten, sagt über das verlorene WM-Finale von 1974: „Ich fühle mich immer noch als Gewinner.“ Weil die Holländer den schöneren Fußball gespielt hätten als die Deutschen. In ihren idealtypischen Ausführungen stehen der deutsche und der holländische Fußball für zwei entgegengesetzte Ideen: Effizienz auf der einen Seite, Eleganz auf der anderen.“
Dick Advocaat hat’s nicht leicht, schreibt Bertram Job (FR 15.6.): „Zu den verschiedenen Vorwürfen, die in verlässlichen Intervallen auf ihn niederprasseln, gehört einer ganz sicher nicht: Noch hat niemand Dick Advocaat angekreidet, allzu jovial zu sein. Der 56-jährige Bondscoach der niederländischen Elf verkörpert nach außen hin recht genau das Gegenteil eines populären und beredten Trainers, wie ihn etwa Rudi Völler auf Seiten des ersten holländischen Gegners bei dieser Fußball-EM gibt. Wo der deutsche Volkstribun auf flache Hierarchien setzt, bleibt der gebürtige Den Haager bewusst auf Distanz. Und wie ein Vorgesetzter alter Schule vermeidet er es, mehr als unbedingt nötig zu kommunizieren. „Wenn ich etwas vier Mal gesagt habe, ist das genug“, ist er überzeugt, „dann gehe ich weiter. Ich bin kein Schwätzer. Kurz und deutlich, das bin ich.“ Solche Kargheit im Ausdruck hat man anderen in seiner Verantwortung schon verziehen. Zum Beispiel seinem Lehrmeister Rinus Michels, dem Advocaat von 1984 bis 87 und noch mal von 1991 bis 92 assistierte. Doch anders als den „Generaal“ haben Hollands Fußballfans dessen ebenso staubtrockenen Nachfolger nie wirklich ins Herz geschlossen. Was zum einen daran liegt, dass Advocaat bis dato noch keine großen Erfolge mit Oranje vorzuweisen hat. Bei der WM 94 scheiterte seine mit Stars gespickte Auswahl bekanntlich im Viertelfinale am späteren Turniersieger Brasilien, was auch auf die vorsichtige Strategie des Trainers zurückgeführt wurde. Zudem hat Advocaat keine landestypischen Visionen von einem allzeit angriffslustigen, perfekten Fußball, sondern nur einen ausgesprochen nüchternen Realismus zu verkaufen.“
Tagesspiegel-Interview mit Dick Advocaat
Tsp: Was glauben Sie, wie die Deutschen gegen Ihr Team spielen, mit nur einer Spitze?
DA: Ich erwarte sie eigentlich mit zwei Angreifern. Aber wenn wir unser Spiel spielen, ist das zweitrangig.
Tsp: Sie fürchten keine Überraschung?
DA: Wie sollen die Deutschen uns überraschen? Mit ihrer Aufstellung bestimmt nicht. Sie können uns überraschen, wenn sie besser spielen als wir.
Tsp: Was denken Sie von Rudi Völler, dem Teamchef der Deutschen?
DA: Er war ein exzellenter Spieler.
Tsp: Und von der Mannschaft?
DA: Deutschland ist eines der größten Länder der Welt, eine erfolgreiche Fußballnation mit unglaublich großem Potenzial. Und trotzdem schaffen sie es immer wieder, sich in die Außenseiterrolle zu manövrieren. Aber…
Tsp: …ja?
DA: Ich habe letztens Udo Lattek im DSF gesehen. Er hat erzählt, dass er in einem Merchandising-Shop in Holland gewesen sei und dass es dort Trikots von allen 15 Mannschaften der EM gegeben habe. Nur nicht von Deutschland. Das sollte mal wieder beweisen, dass wir Niederländer die Deutschen hassen. Aber bei dieser Stimmungsmache, da mache ich nicht mit. Wissen Sie, warum es keine Deutschland-Trikots gab? Die waren ausverkauft.
Davids rackert und schultert damit die ganze Mannschaft
Birgit Schönau (SZ 15.6.) ist fasziniert von Edgar Davids, dem holländischen Atlas: „Mit der Brille ist Edgar Davids noch besser geworden. Vielleicht, weil er damit paradoxerweise noch mehr Blicke auf sich zieht als früher. Oder weil sie ihn abschirmt gegen die Außenwelt, ihn mit dem Ball allein lässt. Unter Hollands Individualisten ist Edgar Davids der größte Eigenbrötler. Seine früheren Kollegen von Juventus Turin spotteten einmal, Davids habe sich sogar über die Geburt seines ersten Kindes eisern ausgeschwiegen. Auch in Italien war Davids immer ein Alien. Man beobachtete, dass er als Einziger auf Mannschaftsfotos nie lächelte. Effizient auf dem Platz und draußen undurchdringlich. Einer, mit dem man nicht warm wird. „Pitbull“, nannten sie ihn oder „Piranha“, nicht gerade Kosenamen für einen Fußballer, der fast acht Jahre in der Serie A gespielt hat. In Holland mosern Anhänger des schönen Spiels, er sei bloß ein „mittelmäßiger Rackerer“, kein Vergleich mit den anderen Künstlern aus Surinam. Es stimmt, Davids rackert. Und schultert damit die ganze Mannschaft. Er ist einer, der läuft und kämpft und kämpft und läuft, der hart austeilen kann und zäh einstecken, den Stürmern präzise die Bälle auf die Füße setzt und weiter hinten alles wegbeißt. Nicht immer sieht das gut aus, aber beeindruckend ist es doch. Besonders in der holländischen Nationalelf.“
Trommelschritte
Mathias Klappenbach (Tsp 15.6.) porträtiert Pavel Nedved: „Er läuft und läuft und läuft. Immer weiter. Stillstand kann Pavel Nedved nicht ertragen. In Italien, wo er bei Juventus Turin spielt, wird der nimmermüde Antreiber deshalb und wegen seiner wehenden Mähne „das Pferd“ genannt. In Tschechien sagen sie zu dem außerhalb des Platzes introvertierten Mittelfeldspieler, der seine Nationalmannschaft heute gegen Außenseiter Lettland zum ersten Sieg bei dieser Europameisterschaft führen soll, „König von Prag“. Und die Mannschaftskollegen sollen ihn „Kleki-Petra“ rufen, so heißt der Stammesgelehrte der Apachen bei Winnetou. Das sind hilflose Versuche, den derzeit komplettesten Fußballer Europas zu beschreiben. Denn Pavel Nedved kann einfach alles. Und er ist überall. Seine Position ist mit der Bezeichnung „Mittelfeldspieler“ nur grob umschrieben. Manche seiner zielstrebigen Tempoläufe startet er als linker Verteidiger, beim nächsten Angriff ist er auf dem rechten Flügel zu finden. Und hämmert zwei Minuten später einen Freistoß ins Tor. Nedved ist ungemein schnell und kann aus vollem Lauf mit beiden Füßen hart schießen. Perfekte Technik, überragende Athletik, unbeugsame Kampfkraft, Übersicht wie eine Überwachungskamera – Europas Fußballer des Jahres 2003 pflügt den Platz mit seinen Trommelschritten so gekonnt um wie kein anderer.“
Deutsche Elf
Ballack im Interview: Fußball und Kunst (1)
Die FAZ (15.6.), weiter auf Definitionssuche nach der Schnittmenge zwischen Fußball und Kunst, interviewt Michael Ballack
FAZ: Was ist für Sie Kunst – und gehört Fußball womöglich sogar dazu?
MB: Kunst hat für mich mit Außergewöhnlichkeit zu tun, mit Extravaganz. Kunst gehört zu den Dingen, die nicht jeder kann. In diesem Sinne verstanden, ist Kunst breit gefächert. Es geht also nicht nur um Musik oder Malerei, sondern auch um Sport und Fußball – zumindest ist es für manche Zuschauer so, die in Fußballern den Künstler sehen. Fußballer sind ja auch Individualisten, denen keine mathematischen Aufgaben vorgeschrieben werden. Sie können vielmehr kreativ sein – und man weiß nie, was bei dieser Kunst herauskommen wird. Aber wenn man selbst Sportler ist wie ich, dann sieht man das mit der Kunst anders. Fußball ist für mich harte Arbeit.
FAZ: Gibt es einen Begriff aus der Kunst, der Ihnen zu Ihrer Spielweise einfällt?
MB: Es gibt keinen. Denn Kunst ist nicht ergebnisorientiert. Spielkunst oder Schönspielerei ist bei uns zweitrangig. Entscheidend im Fußball ist das Ergebnis, gleichgültig, ob ein Spiel von Zuschauern als „schön“ oder „schlecht“ beurteilt wird. Fußball ist kein Eiskunstlaufen mit B-Note.
FAZ: Gibt es so etwas wie einen „klassischen Ballack“, also immer wiederkehrende Situationen, die Ihr Spiel unverwechselbar machen?
MB: Ja, ich denke schon. Meine Stärke ist es, einen Angriff einzuleiten und ihn abzuschließen. Ich starte früh den Spielaufbau und versuche dann, in die Spitze reinzugehen und torgefährlich zu sein.
FAZ: Es gibt Phasen, in denen fliegt Torschützen der Erfolg zu, alles gelingt wie von selbst. Was tun Sie, damit solche Momente länger bestehen?
MB: Ich verändere möglichst nichts. Aber man darf andererseits auch nicht einfach sagen: „Wenn’s läuft, dann läuft’s.“ Man darf nicht nachlassen und muß weiter hart arbeiten. Es heißt ja immer: Wenn man erfolgreich ist, muß man noch härter arbeiten, um den Erfolg zu bestätigen. Das stimmt auch grundsätzlich. Aber man darf es nicht übertreiben.
FAZ: Und umgekehrt, wenn die schwächeren Perioden kommen und die Tore nicht fallen, wie kommt man aus diesen Phasen so schnell wie möglich wieder raus?
MB: Ich habe immer meine Tore gemacht. Auch nach Phasen, in denen es nicht so lief. Und wenn ich mal ein paar Spiele nicht treffe, werde ich nicht nervös. Die Tore kommen wieder. Man darf sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Man muß an seine Stärken glauben.
FAZ: Welches Spielsystem fördert bei Ihnen die Kunst des Toreschießens?
MB: Meine Stärken im Mittelfeld habe ich in der Kombination aus Defensive und Offensive. Ich bin ein zentraler Mittelfeldspieler, der nicht zu defensiv spielen darf, aber auch nicht genau hinter den Spitzen – dafür ist ein Spielertyp wie Sebastian Deisler prädestiniert. Ich dagegen habe gerne Anspielstationen vor mir, die ich einsetzen kann, um dann nachzurücken.
FAZ: Wann wurde Ihnen bewußt, daß Sie der torgefährlichste Mittelfeldspieler der Welt werden können?
Genau kann ich das nicht beantworten. Ich habe in der A-Jugend als Libero 35 Tore gemacht. Bei den Profis fängt dann jeder Spieler wieder bei Null an. Dann muß man sich erst einmal neu orientieren, um in den nächsten Jahren seine Stärken ausspielen zu können.
FAZ: Sie wehren sich immer gegen den Vergleich mit Zidane. Mit welchem Spielertyp würden Sie sich denn vergleichen lassen?
MB: Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen.
Holland alles andere als wild
Jean-Louis Donnay (Le Soir/Belgien 13.6.) sieht Holland und Deutschland mit gleichen Problemen: „Die Niederlage der Holländer gegen die „Teufel“ (Belgien) war nicht mehr als ein Unfall. Jedoch muss sich Advocaat mindestens genauso viele Sorgen machen wie sein Rivale Rudi Völler. (…) Zu unserem großen Bedauern, werden die „Teufel“ bei der EM nicht dabei sein. Schade, gerade wenn man sieht, was sie in Eindhoven geleistet haben, als sie zum ersten Mal seit fast 40 Jahren gegen Holland gewannen. Anstatt sich aber über den Erfolg zu freuen, machten einige Klagegeister die vom Gegner gezeigte Trägheit für diesen Sieg verantwortlich. Holland war alles andere als wild in der Höhle des Löwen des PSV Eindhoven. Leider genauso wenig wie beim letzten Test in Amsterdam: gegen durchschnittliche Iren, die auf einige ihrer erfahrensten Spieler verzichten mussten, verlor die Mannschaft von Advocaat erneut mit 0:1 und zog so den Unmut der Menge – Zuschauer und Reporter – auf sich. Die Holländer machen sich also mit von Selbstzweifel geprägten Gedanken auf den Weg; die Deutschen sind vor dem Aufeinandertreffen kaum optimistischer. Nachdem sie unsere unbeständigen Belgier in Köln völlig beherrscht hatten, kamen sie nun im ungünstigsten Moment durch das 0:2 gegen Ungarn unter die Räder. Ohne jegliche Inspiration scheint die Mannschaft zur Zeit von den internen Problemen Bayern Münchens und deren Kapitän Oliver Kahn und Spielmacher Michael Ballack, die beide gerne ins Ausland wechseln wollen, zerrüttet zu sein. Doch bilden sie das Herzstück der deutschen Nationalmannschaft.““
Strafstoss
Strafstoß #4 – Transparento ergo sum – Stadion-Botschaften und ihre Urheber
von Jens Kroh
Wer das Aufeinandertreffen Spaniens und Russlands sowie das Match zwischen Schweden und Bulgarien verfolgt hat, konnte den Eindruck gewinnen, dass einige Fans nicht den Weg zu ihrem Spiel gefunden haben. So wurden wir Transparenten gewahr, die mit „Air Bäron“, „Menden S04 Sieg“ oder „Ruhrpott-Rambos“ betitelt sind und üblicher Weise als steter Begleiter der deutschen Länderspiele auftreten.
Doch noch bevor die deutsche Nationalelf erstmals in Aktion tritt, nutzen Frank Niemann
& Co. die Europameisterschaft als Plattform, um den Bundesliga-Club oder dem Spieler ihres Herzens zu huldigen. Dabei sind die Transparente jedes Mal so platziert, dass sie beim Publikum vor den TV-Geräten Beachtung finden. An die Anhänger im Stadion kann die Botschaft nicht gerichtet sein; es gibt immer nur eine Tribüne, die im Fokus der Kameras von ARD und ZDF (oder der „Weltregie“) steht. Adressat ist also in jedem Fall der Fußball-Junkie, der auch oben genannte Spiele verfolgt und seine Spiele nicht nur aus Gründen der DFB-Opportunität wählt.
Und hiermit nähert man sich dem Motiv, das hinter der Passion steckt, die Städte dieser Welt zu bereisen und seine Losung zu verkünden: Es ist die Chance im Fußball-Milieu Berühmtheit zu erlangen. Dazu trägt die sich wiederholende Zurschaustellung der Fan-Banner bei. Denn obwohl die Transparente zu dem Hintergrundrauschen eines Spiels gehören, geht man doch zu Zeiten eines bedächtig ausgeführten Einwurfes oder einer längeren Verletzungspause beinahe instinktiv die Stadionreihen durch, um die gewohnten Transparente zu erhaschen. Sie dienen dementsprechend ebenso als Visitenkarte des sich in der Arena befindlichen Fußball-Anhängers und bekunden seine Botschaft: „Ich bin hier“.
Das Bedürfnis, seine Anwesenheit zu markieren, ist nicht nur eine Eigenschaft des Menschen. Es ist gleichermaßen zentraler Verhaltensbestandteil jener Lebewesen, die dazu die Nutzung von Laternen oder Hauswände bevorzugen. Im Zuge von Ereignissen wie der EM stellt das Hier-Sein des Fans darüber hinaus einen Zustand dar, der von zahlreichen Fernsehzuschauern mit Sicherheit gerne geteilt werden will.
Indes mag man sich fragen, ob sich die Schöpfer der Transparente tatsächlich jedes Mal vor Ort befinden oder nicht die Möglichkeit einer Rotation der beschrifteten Stoffe ins Auge fassen. So würde eine Person mit großer Reisetasche genügen, um die Illusion des omnipräsenten Fußballanhängers aufrecht zu erhalten – gewiss eine sparsamere und effektivere Möglichkeit für die Werbung in eigener Sache! Die Ehre dieser Fans mag dagegen sprechen. Sollte es jedoch eine dem aus Arztpraxen bekannten Lesezirkel vergleichbare zentrale Institution geben, so meldet sich der indirekte-freistoss schon mal für die Präsentation seines Logos für das EM-Finale an.
Montag, 14. Juni 2004
Allgemein
Germanisierung des griechischen Fußballs
„Otto Rehhagel bewirkt eine Kulturrevolution, die Germanisierung des griechischen Fußballs“ (FAZ) / „in Griechenland ist Otto jetzt ein König, so wie er früher der König von Bremen war“ (SZ) / „isoliert werkelten die portugiesischen Spieler im Stadion des FC Porto vor sich hin“ (SZ) / „Portugal hat sich in akute Gefahr gestürzt, als erstes Gastgeberland einer EM bereits in der Vorrunde auszuscheiden“ (taz) – „Georgi Jarzew reagiert im Stil sozialistischer Selbstkritik auf das verlorene Spiel seiner Russen“ (FAZ) – Spanien widmet sich seiner Obsession: der Rául-und-Valerãn-Debatte (SZ) u.v.m. (mehr …)
Vermischtes
Schlacht mit den Roastbeefs
Frankreich hat zwar gewonnen, doch die Engländer haben Fan-Kultur (The Guardian) – sehr lesenswert! Jürgen Kaube nimmt die Fußball-Feuilletonisten in Manndeckung – hängt der Appetit des Engländers am Frühstücksbüffet vom Ergebnis der Nationalmannschaft ab? (SZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Henrik Larsson: Tore, Tore, Tore schießen
die Zeitung Aftonbladet sammelte in wenigen Tagen über 110.000 Unterschriften für Henrik Larssons Comeback (taz) – vergesst all die Probleme! Hauptsache „Zizou“ ist jetzt wieder bei seinen Franzosen (FR) – „Tutti wie Totti – das wäre Trapattonis Traum“ (FAZ) / physisch kriegt Totti keiner mehr, sobald er los rennt (SZ) u.v.m. (mehr …)
Allgemein
Die Ehre der Fahne
„lettische Verhältnisse“ (Spiegel) – SZ-Interview mit Buchautor David Winner über Hollands neurotisches Genie u.v.m.
Die Ehre der Fahne
Walter Mayr (Spiegel 14.6.) über lettische Verhältnisse: „Zwar ist die Trainings- und Umgangssprache Russisch, und von den zwölf Legionären spielt die Hälfte in Russland und der Ukraine. Aber bevor sie die lettische Hymne hören, setzt es auf Russisch einen vaterländischen Appell von Aleksandr Starkovs. Es gehe hier um „die Ehre der Fahne“, um den Stolz, die junge Republik Lettland vertreten zu dürfen, samt ihres Drittels russischer Bevölkerung. Die Dimension des lettischen Fußballmärchens wird klar, wenn Verbandspräsident Guntis Indriksons in der Loge des Skonto- und National-Stadions, das ihm gehört, vom steinigen Weg zum Erfolg spricht. In seinem Rücken blinzeln Lokalgrößen über Cognac-Schwenkern, auf den Rängen sitzen 250 Besucher, und auf dem Rasen stöpselt Skonto Riga im Spitzenspiel ein 1:0 gegen Liepaja zusammen. Indriksons schaut grimmig drein, holt am Handy Informationen über die Leistungen lettischer Legionäre bei Southampton, Admira Wacker Mödling und Viborg FF ein und sagt, bis zu zwei Millionen Dollar jährlich stecke er in sein Hobby. Er hat Stadion und Hallen bauen lassen, Trainingsgelände und Fußballschulen. Die fünf Millionen Euro für die EM-Teilnahme in Portugal hätte der Verband gern vorab kassiert, um laufende Kosten bestreiten zu können. Doch die Uefa hat das abgelehnt. Wer in einer Lage ist wie Lettland nach der Abspaltung von der Moskauer Zentrale, und wer dann einen findet mit einem Herz für den Fußball und mit Geld in den Taschen, der darf wohl nicht wählerisch sein. Indriksons hat nie verheimlicht, Mitarbeiter der Fünften Hauptverwaltung des KGB gewesen zu sein, jener für Dissidentenverfolgung zuständigen, beim Volk besonders verhassten Spitzeltruppe. Nur den Vorwurf, mit Geheimdienstgeld seine Firmengruppe gegründet zu haben, hat der ehemalige KGB-Offizier dementiert. KGB-Schnüffler, Bolschewiki, Zaren, Nazi-Größen und Deutschordensritter – stets vollzog sich die Geschichte der Letten im Spannungsfeld zwischen den Nachbarn Deutschland und Russland, ein beinahe ununterbrochenes Erlebnis der Fremdherrschaft. Noch heute, hinter der heiteren Fassade der Fußballeuphorie, schimmern die Spuren von gestern durch. Beim Trainingsgelände der Nationalelf im Rigaer Me¢aparks, ehemals Kaiserwald, wo die Straßenbahnlinie 11 endet, war bis 1944 ein KZ für Juden auf dem Weg ins Vernichtungslager.“
Der englische Buchautor David Winner, 47, hat den holländischen Fußball analysiert und spricht im SZ-Interview (14.6.) über dessen neurotisches Genie
SZ: Sie haben in ihrem Buch „Brillant Orange“ dem holländischen Fußball „neurotisches Genie“ attestiert. Was meinen Sie damit?
DW: Auch ich war als Teenager sehr enttäuscht, dass die holländische Nationalmannschaft das WM-Endspiel 1974 verloren hat. Aber als ich älter wurde, habe ich begriffen, dass keine dunklen Machenschaften der Deutschen dahinter standen, sondern sie gut gespielt und den Sieg verdient hatten.
SZ: Und diese Analyse hat es Ihrer Ansicht in Holland nicht gegeben?
DW: Nein, dort hat man sich weder dem Schmerz der Niederlage gestellt noch die Frage geklärt, wie sie zustande gekommen ist. Anstatt dessen hat die Idee des schönen Verlierens unglaublich viel Trost gespendet. Es wurde also die Position eingenommen: Deutschland hat gewonnen, aber nicht wirklich. Nur ist es immer leichter, zu verlieren und moralische Überlegenheit zu reklamieren, als wirklich zu siegen.
SZ: Das ist für sie neurotisch?
DW: Zumindest ist es wirklich verrückt, wie wenig in Holland darüber geredet wird, wenn etwas schief geht. Das gilt nicht nur für Fußball. Es ist kein Zufall, dass es in Holland die wenigsten Psychoanalytiker pro Kopf der Bevölkerung in Europa gibt, man schweigt lieber. So etwas wie die Geschichten in deutschen Boulevardzeitungen würde es nie geben, wo Spieler als Bratwürste beschimpft werden. Die Italiener bewerfen ihr Nationalteam mit den berühmten verrotteten Tomaten, wenn es versagt hat. Das alles muss man nicht toll finden, aber wenigstens wird darüber gesprochen. Dagegen spielt Verdrängung in der holländischen Fußballkultur eine große Rolle. Der Prozess ist immer noch nicht abgeschlossen, zu verstehen, was 1974 und was danach passiert ist. Dabei ist es doch bizarr, wie wenig die holländische Nationalelf angesichts ihrer Qualität erreicht hat. Sie hatten all diese tollen Spieler und fast nichts gewonnen, während es bei den Deutschen umgekehrt war. 1995 gewann Ajax Amsterdam die Champions League und diese Spieler wurden „Die Söhne Gottes“ genannt. Was für eine aufgeblasene Überheblichkeit, und sie haben auch noch geglaubt, sie würden Europa und die Welt beherrschen. Im Nationalteam gewonnen haben sie danach nichts mehr.
Deutsche Elf
Verteidiger ohne Axt, Selbstgespräche von Völler
was geschieht hinter dem mit Matten verhängten Trainingsplatz? (FAZ) – „Philipp Lahm und Arne Friedrich sind gewiss nicht die Verteidiger, die ihre Gegenspieler mit der Axt vom Ball trennen“ (SZ) – „oft redet Rudi Völler, als führte er ein kontroverses Gespräch mit sich selbst“ (Spiegel) – Franz Beckenbauer stand immer im Sonntagslicht (FAS) u.v.m.
Was geschieht hinter dem mit Matten verhängten Trainingsplatz?
Spielt Bastian Schweinsteiger gegen Holland von Anfang an? Michael Horeni (FAZ 14.6.): „Es sind manchmal nur ein paar Wortfetzen, die etwas über die Befindlichkeit einer Mannschaft verraten. Im letzten öffentlichen Trainingsspiel der deutschen Auswahl, rund 100 Stunden vor dem Auftakt gegen die Niederlande, geht Miroslav Klose nach einem Foulspiel von Torwart Jens Lehmann zu Boden. Es gibt Elfmeter, Klose reibt sich das Schienbein, und Oliver Kahn ruft von hinten: „Weiter so, Miro.“ Der Stürmer, der vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft mit fünf Treffern noch zum deutschen Star, zur großen Entdeckung in Japan und Korea aufstieg, hat nach erfolglosen Wochen und Monaten Aufmunterung bitter nötig. Eine weitere gute Aktion gelingt ihm trotzdem nicht mehr. Kurz nach dem Elfmeter bekommt Thomas Brdaric einen Tritt gegen den Knöchel. Das Spiel läuft weiter, Brdaric humpelt, und von hinten ruft der Kapitän dem zum schnellen Fall neigenden Hannoveraner zu: „Nicht bei jedem Scheißdreck.“ (…)Seitdem sich Völler und Co. im Unkonkreten behaglich eingerichtet haben, ranken sich im deutschen Troß die Geschichten darum, was hinter dem mit Matten verhängten Trainingsplatz tatsächlich geschieht. Eine handelt vom Münchner Bastian Schweinsteiger, der tatsächlich einen ausgezeichneten und selbstbewußten Eindruck vermittelt, wie er sich im Geheimen den Ball schnappt und ihn einem erfahrenen Spieler durch die Beine spielt (kein Name, soviel Anonymität muß sein). Der unerschrockene Schweinsteiger wird daraufhin gewarnt, dies nur einmal zu tun. Solche Szenen gefallen dem Teamchef, und ebenso die Chuzpe, mit der sich der 21 Jahre alte Münchner im Quartier an den Tisch der „Großen“ setzt, zu Oliver Kahn und zu Michael Ballack. Er soll Augen und Ohren offen halten, um für die WM 2006 zu lernen, sagen ihm wohlmeinende Ratgeber. Schweinsteiger allerdings lernt schnell, so schnell, daß Völler auch schon über einen Einsatz des Nachrückers gegen Holland diskutiert. Das wäre die mutigste Variante im Taktikspielchen gegen die Niederlande. Sie gilt aber nicht als mehrheitsfähig.“
Eine porentief reinen Defensiv-Ordnung inklusive gesundheitsstrotzender Härte
Ludger Schulze (SZ 14.6.) freut sich auf die Abwehr-Schlacht mit Holland: „Am 24. Juni 1990 hatte es in Mailand eine Temperatur, die sich nachmittags langsam auf den Punkt zu bewegte, an dem aus Asphaltstraßen kochend schwarze Swimmingpools werden. Auf der Tribüne des Giuseppe-Meazza-Stadions diskutierten bis zur Selbstauflösung schwitzende Journalisten, was denn den Beckenbauer geritten habe, seine Elf mit mehr als einem Drittel gelernter Vorstopper zu einer Art Fort Alamo vor der Irokesen-Attacke auszubauen. Was sie dann erlebten, hat die vorauseilende Kritik schnell verstummen lassen; Deutschland gewann im WM-Achtelfinale 2:1 gegen die Niederländer, und man verachte den Anteil nicht, den das Stopper-Quartett Augenthaler, Berthold, Buchwald und Kohler daran hatte. Man möge die ollen Kamellen in der Mottenkiste ruhen lassen, aber in diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Rudi Völler nicht nur dabei war, sondern eine aktiv-passive Rolle spielte, indem er sich von Frank Rijkaard bespucken lassen musste und – bis heute ungelöstes Geheimnis des argentinischen Schiedsrichters Loustau – deshalb vom Platz flog. Trotz der persönlichen Malaise hat Völler aus diesem Match gesicherte Erkenntnisse mitgenommen, wie man den auch diesmal favorisierten Nachbarn so zu Leibe rückt, dass sie den Spaß am Fußball verlieren: mit einer porentief reinen Defensiv-Ordnung inklusive gesundheitsstrotzender Härte. Es ist jetzt heiß in Portugal, nicht weniger als damals in Mailand, und Völler muss wieder viel erklären. Philipp Lahm aber und Arne Friedrich sind gewiss nicht die Verteidiger, die ihre Gegenspieler mit der Axt vom Ball trennen, sondern eher mit chirurgischer Präzision. Deshalb klingt es ein wenig so, als würde ein Fliegengewicht den Klitschko-Brüdern mit der Faust drohen, wenn auch der 20-jährige Lahm die neuen deutschen Lieblingsworte von der „nötigen Aggression“ in den Mund nimmt. Aber auch Lahm, der in der Offensive so viel Phantasie entwickelt, kennt seinen rückwärts gewandten Primär-Auftrag: „Hinten muss die Null stehen“.
Über die Nationalmannschaft reden heißt, einem archaischen Bedürfnis nachzugeben: den Bauch sprechen zu lassen
Holger Gertz (SZ/Wochenende 12.6.) hat Mitleid mit der Nationalelf: „Die deutsche Nationalmannschaft hat immer in weiß und schwarz gespielt, und immer wurde sie in weiß oder schwarz gesehen, dazwischen war nichts. Könige oder Wegelagerer. Wer die Nationalmannschaft beurteilt, ihre Chancen, ihre Bedeutung, der befindet sich oft nicht auf dem Boden der Rationalität. Über die Nationalmannschaft reden heißt, einem archaischen Bedürfnis nachzugeben: den Bauch sprechen zu lassen. Und wo der Bauch spricht, hat der Kopf gerade Pause. Vor ein paar Tagen war das wunderbar zu beobachten. Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Winden im Elztal, eine Woche vor der Europameisterschaft. Zwei Steilpässe weiter übte sich vor Jahren Professor Brinkmann in der Schwarzwaldklinik als Operateur. Vor dem Schwarzbauerhof, dem Quartier des DFB, warten Trauben von Autogrammjägern, irgendwann kommt der Nationalspieler Fabian Ernst vorbei, die Kinder hinter dem mit Markierungsbändern abgesperrten Innenbereich schreien „Fabi, Fabi“, ein paar Erwachsene, die unreif genug sind, noch Autogramme zu sammeln, schreien es auch. In der Masse hört sich ihr Geblöke wie Gejubel an. Vereinzelt, wenig später auf dem Nachhauseweg, klingt das ganz anders. „Finscht den Ernscht etwa gut?“ fragt ein Junge seinen Vater. Grad haben sie noch gemeinsam „Fabi, Fabi“ gerufen, aber jetzt sagt der Vater, beziehungsweise lässt er es seinen ziemlich geräumigen Bauch sprechen: „Der isch halt auch so eine Flasche, die wo null Scharisma hat.“ Fabian Ernst, ein stiller, intelligenter Mittelfeldspieler aus Bremen, hat als Einzelner gerade eine grandiose Saison gespielt und als Teil eines Kollektivs namens Mannschaft erlebt, was der Fußball machen kann, mit einer Stadt, einem Stadtstaat zumal, also einem regional scharf umrissenen Bereich. Er kann die Menschen in Ekstase versetzen, er kann den Bürgern das Gefühl eigener Bedeutung geben. Bremen ist ziemlich klein und ziemlich arm, und wer die Stadt kennt, muss tatsächlich den Eindruck gehabt haben: so selbstbewusst und stolz und fröhlich wie in den vergangenen Wochen waren die Bremer nie, ganz gleich, ob sich aus dem Fußballerfolg irgendetwas ableiten lässt für irgendeinen anderen Bereich des Lebens. (…) Fußball ist ein Bauchgeschäft, der Nukleus des Fußballs sind Legenden, und eine davon besteht darin, zu behaupten, das Spiel der deutschen Mannschaft sei ein Abbild des Zustandes im Land. Die Fußballnationalmannschaft ist aber eher wie ein Esel, auf den jeder prügeln kann, der nicht genau weiß, ob die Gesundheitsreform jetzt gut oder schlecht ist. Die Nationalmannschaft ist schlecht, auf jeden Fall, das macht die Dinge einfacher. Die Spieler sind nicht austrainiert: das darf noch der fülligste Reporter in sein Laptop hacken, bevor er japsend zusammenbricht. Der Fußball ermöglicht jedem, eine Meinung haben zu dürfen. Aber sonst? Hätte man sich beteiligen sollen am Irakkrieg? Soll der Finanzminister sparen oder prassen? Sind erneuerbare Energien ein Zukunftsmodell, oder ist jede Investition dafür nur herausgeschmissenes Geld? Schwierige Fragen, auf die nicht nur bei Christiansen keiner eine Antwort hat. Politiker oder Fan – wer nichts zu sagen hat, kann immer noch über Fußball reden, auch wenn er den Betzenberg für eine Erhebung im Erzgebirge hält und in Mutters Schmuckkästchen nach der Viererkette sucht. Wahrscheinlich also ist das der tiefere Sinn der Institution Nationalmannschaft: die Kommunikation unter den Leuten im Fluss zu halten.“
Beckenbauer stand immer im Sonntagslicht
Roland Zorn (FAS 13.6.) vergleicht Rudi Völler und Franz Beckenbauer: „Beckenbauer ist in seinem royalen Habitus und Gestus das genaue Gegenteil von Völler, der wie ein Fußball-Sozialdemokrat aus dem deutschen Musterkatalog anmutet. Hier die launische bajuwarische Majestät, der alles wie von selbst zufliegt, da der hessische Ackermann, der sich seinen Status mit spitzen Ellenbogen und trickreichen Manövern im Kampf Mann gegen Mann erkämpft hat. Der Torschützenkönig der Bundesliga von 1983 war als Spieler der Offenbacher Kickers, des TSV München 1860, des SV Werder Bremen, des AS Rom, von Olympique Marseille und Bayer Leverkusen immer einer, der von Berufs wegen Gelegenheiten erspähen und nutzen mußte. 132 Treffer in 232 Bundesligaspielen, 47 Tore in 90 Länderspielen verraten die Entschlossenheit, die diesen Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen immer ausgezeichnet hat. Wie als Stürmer agierte Völler als Trainer – ständig unauffällig auf der Suche nach mehr Know-how, nach dem letzten Kick Raffinement, nach praktisch verwertbaren Erkenntnissen. Dabei ist der Teamchef immer pragmatisch geblieben und nie programmatisch geworden. Deshalb sind ihm theoretische Erörterungen nach dem Schema „Was wäre, wenn“ fremd. Völler relativiert seine Einsichten lieber und schottet seine Erkenntnisse bis zur Bekanntgabe seiner Aufstellungen nach außen ab. Als Protagonist der ideologiefreien deutschen Fußballschule hat er den Alltag seines Jobs veredelt, während Beckenbauer immer im Sonntagslicht stand. Scheute der „Kaiser“ notfalls auch vor öffentlicher Kritik an seinem Personal nicht zurück, schützt der soziale Demokrat Völler, der seine Autorität nur intern, und das wohldosiert, einsetzt, seine Spieler in selten erlebter Konsequenz. Als Anwalt der gelebten Solidarität kann der harmoniebedürftige, in sich ruhende Chef nur dann – dann aber richtig – wütend werden, wenn er überhebliche, anmaßende Kritik von außen wittert. Seine „Wutrede“ vom 6.September 2003 nach einem dürftigen 0:0 seiner Mannschaft in Island war gewiß keine rhetorische Ruhmesleistung, und doch sprach Völler damit vielen Fußballfans aus dem Herzen. Der Mann von der Basis wetterte damals recht unflätig gegen die Herrschaften „auf dem hohen Roß“ und gewann mit seiner Konterattacke noch an Popularität. Der „Ruuudi“, wie sie ihn in vokaler Lautmalerei in den Stadien rufen, weiß aber auch, daß selbst er nur dieses eine Mal den Aufstand proben durfte. Seitdem ist der damals über sich selbst ein wenig erschrockene Völler zu einem freundlich-unverbindlichen Umgangston zurückgekehrt, der ihm bei aller medialen Umzingelung immer wieder Optionen offenläßt. Mit praktischer Intelligenz und einer im Laufe seiner Trainerjahre erheblich professionalisierten Öffentlichkeitsarbeit schützt sich Rudi Völler solange wie möglich vor unnötig dezidierten Festlegungen. Wie er wirklich denkt, was er wirklich will, verstehen nur Entschlüsselungsexperten seiner geschickt kodierten Äußerungen. Dabei stellt sich der Teamchef, schon als Spieler ein guter Fallensteller, gern kommunikativ-kumpelhaft dar: mit Rudi Völler im Scheindialog.“
Michael Horeni (FAS 13.6.) findet, dass Ballack Deutschland schon entwachsen ist: “Michael Ballack bringt so ziemlich alles mit, was die Fußball-Industrie an Projektionsfläche benötigt, um einen globalen Werbestar zu formen. Er verkörpert Erfolg, Lässigkeit und auch einen gewissen Sex-Appeal. Die Kampagnen von McDonald’s, Pepsi oder der Deutschen Telekom spielen mit diesen Images, und Michael Ballack ist vor der Europameisterschaft der einzige deutsche Nationalspieler, der über die Grenzen hinweg diese Wirkung erzielt. Er polarisiert im Ausland nicht wie Torwart Oliver Kahn, und für die internationalen Fachzeitschriften, die seine Spielweise schätzen, ist die Sache eindeutig: Ballack ist der einzige Star auf dem Feld und die größte Hoffnung der deutschen Mannschaft in Portugal. Die Deutschen indes tun sich schwer mit Ballack. Die Vorbehalte, mitunter ziemlich diffus, hat er immer wieder zu spüren bekommen, nicht nur in diesem Jahr beim FC Bayern München. „Dabei habe ich schon oft bewiesen, daß ich wichtig für die Nationalmannschaft und den Verein sein kann“, sagt Ballack. Die Schwierigkeiten begleiten ihn schon, seit er beim 1. FC Kaiserslautern seine Bundesligakarriere begann. Damals war es Otto Rehhagel, der mit dem Jüngling nicht zurechtkam, später verkannte Berti Vogts in Leverkusen die Klasse des Mittelfeldspielers. Diese Vorbehalte konnte man noch abtun mit unterschiedlichen Ansichten über das Entwicklungspotential eines noch nicht ausgereiften Spielers. Aber selbst seit er die Nationalmannschaft in Japan und Korea ins Finale der Weltmeisterschaft führte und der französische Ausnahmetrainer Arsene Wenger ihn „zum torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Welt“ ausrief, entzweit Ballack weiter die Fußball-Nation. Während er im Ausland als anerkannter Star gehandelt wird, die Kollegen in der Nationalmannschaft seine Spielweise und sein Auftreten schätzen, spielt er in Deutschland wie unter Bewährung. (…) Nach den Erfahrungen mit dem FC Bayern München in dieser Saison ist Ballacks Wunsch, Deutschland zu verlassen, übermächtig geworden. Die innere Bindung an die Münchner ist längst dahin, und da es keinen anderen Verein mehr in Deutschland gibt, der ihm eine entsprechende sportliche Perspektive bieten kann, bedeutet das, daß Ballack Deutschland schon entwachsen ist.“
Oft redet Rudi Völler, als führte er ein kontroverses Gespräch mit sich selbst
Jörg Kramer (Spiegel 14.6.) entdeckt bei „Tante Käthe“ zwei Gesichter: „Völler, silbergrau geworden, ist kein Angreifer mehr, er muss in Portugal verteidigen: sich, sein Amt, die Mannschaft. Als Trainer musste er die Nationalelf in den ersten Tagen vor dem Argwohn beschützen, der die Delegation seit der Abreise an die Algarve umflorte. Denn das Urvertrauen in die notorische Steigerungsfähigkeit deutscher Fußballer im Ernstfall war plötzlich verloren gegangen. Ernüchternde Darbietungen der letzten Zeit etwa beim 1:5 gegen Rumänien oder beim 0:2 gegen Ungarn ließen selbst die Erinnerungen an den Einzug ins letzte WM-Finale verblassen. „Es schwankt immer wieder“, sagt Völlers labiler Abwehrchef Jens Nowotny zum Leistungsstand der ganzen Mannschaft. Sie wollen in Portugal „nicht sang- und klanglos untergehen“, formulierte Torwarttrainer Sepp Maier bescheiden. Und der Teamchef – angeblich „felsenfest überzeugt“, dass sich die deutsche Elf nicht blamieren wird – war mit Begründungen für die Zuversicht sparsam. Denn manchmal ist es für ihn wie bei der Nominierung der Spieler: „Es gibt Fälle, wo es schwierig ist, es so zu erklären, dass es logisch rüberkommt.“ Logisch. Es gibt ja zwei Rudi Völler. Den einen, der im Affekt selbst im Fernsehen „Scheißdreck“ ruft, vor der Trainerbank gegen Werbebanden tritt und zum Zeichen der bevorstehenden Eruption diese Zornesfalten auf der Nase bekommt, wenn Kurányi das Tor nicht wie im Training trifft. Oder der verächtlich den Kopf in den Nacken wirft und mit den Augen rollt, wenn Angreifer Miroslav Klose eine Chance verschenkt. Und dann gibt es den charmanten dauergewellten Rudi, der in einem Gassenhauer („Es gibt nur ein‘ Rudi Völler“) besungen wird. Der, wenn er Kloses vermasselte Szene noch mal auf dem Monitor sieht, vor der TV-Kamera milde den Kopf wiegt und sagt: „Kann passieren“. Und der, ganz die fürsorgliche „Tante Käthe“, nach den Kapriolen seiner Schützlinge erst „eine Teilschuld“ und Minuten später sogar „die Hauptschuld“ am Debakel auf sich lädt. Dann können die Spieler ja nicht mehr so viel falsch gemacht haben. (…) Dem Sturmtalent Kurányi eröffnete Völler, jener kenne sein eigenes Potenzial noch nicht, etwa die „enorme Schnelligkeit“. Wenn er sie häufiger einsetze, sei sie doch „eine Waffe“. Er hätte Kurányi auch gleich Faulheit vorwerfen können. Mangels Trainerausbildung schöpft der Teamchef aus den Erfahrungen des häuslichen Lebens. Es sei „wie in der Familie“, sagt er, wenn es etwa um seine Fähigkeit zur Strenge geht: „Da muss man ja auch manchmal ein paar direkte Worte sprechen.“ Nur ist es in der Familie Völler so, dass der Familienvater gern der Ehefrau Sabrina die Verantwortung überträgt, etwa dass „sie den Hausarrest ausspricht“. Respekt erlangt „Liebling Völler“ („Express“) nicht durch Distanz, sondern durch Nähe. Neulingen wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger erklärte er zur Begrüßung: „Ihr könnt mich nachts um drei wecken, wenn ihr nicht schlafen könnt. Dann komm ich runter, und wir spielen Karten oder gucken einen Film.“ Selbst Wildfremden verpasst er schon mal einen freundschaftlichen Knuff auf den Arm, als gehörten sie zu seiner Mannschaft. Gern und zu Recht vermittelt der einstige Italien- und Frankreich-Legionär den Eindruck, alle Sonnen- und Schattenseiten des Fußballgeschäfts aus der Nähe zu kennen. So riet er Klose davon ab, ins Ausland zu wechseln, wo er bestimmt hinzugelernt, aber angesichts stärkerer Konkurrenz auch ein Dasein auf der Ersatzbank riskiert hätte. Der Vorgang zeigt: So draufgängerisch der Stürmer Völler war, so vorsichtig und konservativ denkt der Trainer Völler. Dass er in seinem typischen Singsang manchmal etwas kryptisch formuliert, weiß der Autodidakt natürlich selbst. „Ich verstehe Ihre Frage, aber ich verstehe auch meine Antwort“, ließ er einen verblüfften Reporter vorige Woche wissen. Oft redet er, als führte er ein kontroverses Gespräch mit sich selbst. Diese eigentümliche Dialektik des ständigen „Andererseits“ mündet selten in eine Synthese, meistens in Nebelschwaden. Doch wenn er scheinbar geheimnisvoll sagt, „der eine oder andere“ müsse erst noch im Training „etwas anbieten“, bevor er sich eines Stammplatzes sicher sein könne, dann ist Insidern klar: Der mitunter vorlaute Torsten Frings darf sich angesprochen fühlen. Den Dortmunder Profi disziplinierte Völler kurz vor der EM mit der Zuteilung des Verteidiger-Postens. Auf diese Weise bestrafte einst Bundestrainer Berti Vogts den Problemschüler Stefan Effenberg.“
Strafstoss
Strafstoß #3 – Bläh vom Leder – Geschichtsunterricht für Fußballkommentatoren
von Mathias Mertens
„Fußballkommentatoren reden Müll.“ Gähn! Wo will man denn mit solchen Sottisen noch das Haus rocken? Um einen echten Distinktionsgewinn in diversen Peer-Groups zu erzielen, sei hier eine neue Behauptung empfohlen: „Fußballkommentatoren gehören entnazifiziert!“ „Hui“, ruft es jetzt aus einer Ecke, „Pfui“ schallt es aus der anderen. Zugegeben, zum jetzigen Zeitpunkt mag diese Forderung noch etwas überzogen daherkommen. Aber man muss ja nicht immer draufhauen, wenn der Skandal schon da ist, man kann ja auch mal prophylaktisch den Finger erheben im Interesse aller beteiligten Parteien, damit Fehlentwicklungen nicht durch irgendwelche Reformkommissionen nachträglich als solche zementiert werden müssen.
Deshalb seien an dieser Stelle die Anzeichen für eine solche Fehlentwicklung angezeigt. Es handelt sich um zwei Metaphern von ARD-Reportern. Die erste ließ Reinhold Beckmann im Eröffnungsspiel fallen, als er „zäh wie Leder“ adjektivisch verwendete. Wir erinnern uns: „Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und flink wie Windhunde“ wollte Hitler seine männliche Jugend habe, was auch größtenteils in die Vereidigungsformel für Pimpfe im Deutschen Jungvolk aufgenommen wurde – „Pimpfe sind hart, schweigsam und treu, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, Pimpfe sind Kameraden!“ Auch wenn es wie die unverfänglichen „deutschen Tugenden“ klingen mag, diese Bildungen sind doch historisch kontaminiert. Warum nicht „zäh wie eine durchschnittliche deutsche Germanistik-Vorlesung“? Oder „zäh wie ein Steak vom Biobauern“? Oder „zäh wie eine Mischung aus Zucker, Glukosesirup, Stärke, Gelatine und Süßholzextrakt“? Das wäre nicht nur kreativer, sondern auch historisch unverfänglich, und der Skandal wäre im Keim erstickt.
Ähnliches gilt für Steffen Simons Bemerkung während des Spiels Italien gegen Dänemark, wo die Italiener während ihrer Hymne mannschaftliche Geschlossenheit demonstrierten. Simons Kommentar: „Die Reihen fest geschlossen. Mal sehen, ob das im Spiel auch so ist.“ Auch hier sei auf den Geschichtsunterricht verwiesen. „Die Reihen fest geschlossen“ ist die zweite Zeile des „Horst-Wessel-Lied“, der Hymne der SA und inoffiziellen zweiten Nationalhymne des nationalsozialistischen Deutschland. Mit der „Fahne hoch“ marschiert in diesem Text die SA in dieser Geschlossenheit und „mit ruhig festem Schritt“. Auch hier mögen durchaus Parallelen zu Sehnsüchten nach deutschen Abwehrformationen und ihrem Defensivverhalten bestehen, aber das führt eben zu kultischer Verehrung toter Kameraden, „die Rotfront und Reaktion erschossen“ haben. Also Obacht. Einfach mal sagen: „Schöne Geste, dass die Italiener sich hier umarmen.“ Oder auch: „Die italienischen Spieler zeigen, dass sie sich sehr nah sind.“ Vielleicht auch: „Solche Weicheiereien nimmt diesen profitgeilen Individualisten doch keine Sau ab!“ Das wäre dann zwar auch nicht politisch korrekt, aber zumindest ein rein gegenwärtiger Reaktionismus und nicht skandaltauglich.
Sonntag, 13. Juni 2004
Vermischtes
Kein Job, sondern ein Amt
taz-Interview mit Klaus Theweleit – holländische Vergangenheitsbewältigung u.v.m. (mehr …)
Ballschrank
Strafstoß #2 – 13. Juni 2004
Gefangen im Zeitlooping – Portugalität und andere Visionen
von Christoph Bieber
Das Eröffnungsspiel war noch keine zehn Minuten alt, als Georgios Karagounis die Zeit anhielt. Sein Schuss aus etwa 20 Metern stürzte die Gastgeber in ein Tal der Tränen, aus dem die Figos, Decos und Ronaldos nicht mehr heraus finden sollten. Die Zuschauer an Fernsehschirm, Großbildleinwand oder Videowall hingegen versetzte Karagounis in eine Zeitschleife, denn die von Reinhold Beckmann beschworene „Weltregie“ hatte ihren Spaß am exzessiven Einsatz der Zeitlupe. Anders als die im UEFA-Jargon „Extra Time“ genannte Verlängerung nach Spielschluss setzt die Zeitlupe das medial übermittelte Spielgeschehen bereits während des Spiels außer Kraft und straft damit nicht nur Sepp Herberger Lügen – das Spiel dauert eben nicht mehr neunzig Minuten.
Um dem Publikum die Unterscheidung des sportlichen vom mediensportlichen Ereignis zu erleichtern, nutzen die Berichterstatter schon seit langem allerlei visuelle Vignetten: das gute alte „R“, ungelenk blinkend im rechten oder linken Bildschirmeck, ist der längst in Rente geschickte Urahn der mittlerweile technisch hochgezüchteten Schnittstellen zwischen Live-Übertragung und zeitversetzter technischer Vervielfachung. Längst hat sich auch die Nutzung dieses aus modernen Sportübertragungen nicht mehr weg zu denkenden Features verändert – die verlangsamte Wiederholung (von Reportern alten Schlages gerne auch liebevoll als „Slo-Mo“ oder gar „Super-Slo-Mo“ gehätschelt) eröffnet neue Perspektiven auf das Spielfeld, bringt den Blick von der ominösen „Gegenseite“ (engl. „reverse angle“) ins Spiel oder liefert kommentierenden Kommissaren Material für individuelle Bewegungs-, Ball- und Fallstudien.
Nicht erst bei der Euro 2004 übernimmt das offizielle Logo auch die Aufgabe des Paravent zwischen „auff´m Platz“ und „auff´m Bildschirm“. Jede Wiederholung wird mit einem überfallartigen Einblenden der komplexen Komposition aus Ball, Herz und sieben unscheinbaren Punkten begonnen und beendet. Dabei schiebt sich der Ball aus der Tiefe des Raumes in einer PowerPoint-artigen Spiralbewegung in den Vordergrund, verweilt für Sekundenbruchteile zentral im Blickfeld und gibt schließlich die Sicht frei auf die Spielszene. Nur den wenigsten dürfte sich dabei Anspielungsreichtum und Symbolik der Grafik erschließen: die Ballsegmente greifen traditionelle Formen aus Emaille- oder Schmiedekunst auf, bei der Umrandung handelt es sich um das charakteristisch verformte „Portugiesische Herz“ (http://www.mainstreetwineracks.com/flanpan.jpg), dem grüne Farbklekse als Platzhalter für die sieben Weltmeere beigefügt sind. Auch die Farbgebung unterliegt strengen Regeln, so strahlen die warmen Gelb- und Goldtöne am stärksten in der Herzmitte, ergänzen Rot- und Orangetöne Leidenschaft und Emotion, während die grünen Punkte die Anmutung der „Portugalität“ unterstreichen, denn damit ist die Farbpalette der portugiesischen Flagge komplett.
Wer aber denkt sich so etwas aus? Es sind die Strategen der Agentur „Euro RSCG“, die die wesentlichen Entwicklungsschritte auch gleich in eine handliche Darreichung (http://www.uefa.com/newsfiles/48150.pdf) haben einmünden lassen. Dass hier ganze Arbeit geleistet wurde, zeigt sich mit Blick auf die übrige Insert-Landschaft, die sich während der EURO 2004 auf dem Bildschirm entfaltet. Das aktuelle Spielergebnis wird optisch fixiert durch eine goldene Borte, deren Form architektonischen Zierrat nachahmt, Eckball-Statistiken oder Nachspielzeiten werden vor einem stilisierten Pergamentbogen eingeblendet und auch hier möchte der warme Goldton an die ruhmreiche Zeit der Seefahrernation erinnern.
Bleibt zu hoffen, dass dem Publikum zusätzlich zum oft genug spielbehindernden Kommentar aus dem Off nicht noch mehr grafische Stolpersteine in den Weg gelegt werden. Man will ja schließlich auch noch „was vom Spiel“ sehen…
« spätere Artikel — frühere Artikel »