indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 10. November 2008

Bundesliga

Stillfragen begleiten die Sieger

12. Spieltag: Martin Jol und Jürgen Klinsmann ist die Abgrenzung von Huub Stevens und Ottmar Hitzfeld noch nicht gelungen, aber sie gewinnen / Hoffenheim und Leverkusen, die Schönheiten der Liga, diesmal mit echten und gefühlten Niederlagen / Bremen empfindet ein 0:0 in Bochum als Fortschritt / Ethikdebatte: Respekt für den Schiedsrichter!

Die Ergebnisse sprechen für Hamburgs Trainer Martin Jol, der Stil immer weniger. Das 2:1 gegen Dortmund habe ausgesehen, als wäre Huub Stevens dafür verantwortlich gewesen, schreibt Rainer Schäfer (Berliner Zeitung): „Der HSV gewinnt zwar und hält sich in der Spitzengruppe, aber zu seinem Stil hat er noch nicht gefunden. Er spielt nicht so wie sein Trainer es will – und gewinnt trotzdem. Der HSV bleibt ein kurioses Feldexperiment. (…) Martin Jol nähert sich dem System seines Vorgängers.“

Was Jol damit meint, dass er von seiner „jungen“ Mannschaft spricht, obwohl er kaum junge Spieler eingesetzt hat, übersetzt Frank Heike (FAZ): „Jol will sagen, dass er beim HSV ganz viel Arbeit hat, um aus den Defensivkünstlern der Stevens-Ära eine mutig nach vorn spielende Mannschaft zu machen. Mag das Team also kaum jung an Jahren sein, so ist es doch unerfahren, was mutigen Vorwärtsfußball betrifft.“

Was für Hamburg und Jol gilt, trifft auch auf München und Klinsmann zu: gewinnen, aber entgegen den Verkündungen mit verteidigenden Mitteln. Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) legt nach dem 2:1 der Bayern in Schalke die Parallele frei: „Eigentlich steht der Name Jürgen Klinsmann für eine bestimmte Art von Fußball. Für Dominanz, Offensive und vielleicht auch für das eine oder andere Gegentor, das sein Team aus Leichtfertigkeit hinnehmen muss. In Schalke zeigte Bayern eine andere Seite: Es war ein Sieg mit den Mitteln des guten alten Hitzfeld-Fußballs.“

Die FAZ ergänzt: „Die Bayern zeichnen sich durch die Effektivität früherer Zeiten aus. Drei Chancen reichten ihnen, um ein Tor mehr zu schießen als der Gegner, der einen immensen Aufwand betrieben hat.“ Doch lesen wir in der Berliner Zeitung auch: „Über weite Strecken war es trotz des eher nach Sicherheit strebenden Münchner Spielansatzes ein hoch attraktives Fußballspiel.“

Neuer Zuschauermagnet

Hoffenheim verliert in Berlin, doch Andreas Burkert (sueddeutsche.de) bestaunt die Vorfreude der Berliner auf den Tabellenführer vom Dorf: „Das Hoffenheimer Spektakel war ausgeblieben, und dennoch: Wenn noch ein paar solcher Abende hinzukommen, noch ein paar ausverkaufte Arenen, noch ein paar schon vorab elektrisierte Metropolen, dann müssen sich die Dorfkicker aus dem Kraichgau in nicht allzu ferner Zukunft wohl bloß noch für ihre stillosen orangenen Auswärtstrikots beschimpfen lassen. Aber nicht mehr für einen Mangel an Tradition.“

So unbeliebt scheinen die Hoffenheimer also nicht zu sein, wenn sie fast 60.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion anziehen (wo sich üblicherweise die Hälfte langweilt). Die FAZ erlebt dies als Überraschungseffekt: „Damit war noch weniger zu rechnen als mit herrlichem Offensivfußball: Hoffenheim als Zuschauermagnet der Bundesliga.“ Den Berliner 1:0-Sieg habe auch eine Portion Zufall verursacht: „Es war ein Tag, an dem die Hertha für ihre Fehler einfach nicht bestraft und Hoffenheim für seine Mühen nicht belohnt wurde.“

Fehlt Leverkusen noch immer das Sieger-Gen?

Holt Bayer Leverkusen die Vergangenheit ein? Eine 3:0-Führung hat das Team in Karlsruhe aus der Hand gegeben, was unweigerlich „Schlagzeilen von gestern“ (SZ) ins Gedächtnis ruft. Stichwort Vizekusen, ein Etikett, das sich Bayer vor Jahren durch schönen Fußball verdiente, der in letzter Sekunde am Erfolg scheiterte.

Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) fasst das Leverkusener Trauma in Worte: „Spielkultur, die keinen Erfolg hat, ist ein Problem. Das ist kein Geheimnis, das ist die Lebenswirklichkeit von Bayer Leverkusen. Nicht gerade seit 1899 wie der tollste Bundesligaverein aller Zeiten, aber doch seit vielen Jahren schafft es Leverkusen fast immer, schön zu spielen. Und nie Meister zu werden. Am Samstag, mitten in ihrem zwölften Ligaspiel konnte man kurz mal denken, vielleicht sei es jetzt so weit, dass Bayer mal nicht nicht Meister wird. Dann fing das Schreckgespenst Erfolg an herumzuspuken.“

Die FAZ fragt: „Fehlt das Sieger-Gen? Nach dem 3:3 von Karlsruhe muss die neue Leverkusener Mannschaft die alten Debatten ertragen.“ Und schiebt eine Diagnose nach: „Das Gift der Nachlässigkeit schlich sich zusehends ein ins Bayer-Spiel.“

Antreten zum Abtakeln

Anders ergeht es Werder Bremen, das sich über ein Remis in Bochum freut, und die FAZ zum Stirnrunzeln bringt: „Werder verkauft Stillstand als Fortschritt. Taugt ein 0:0 in Bochum als Anfang?“ Frank Hellmann (taz) beschwört die alten Bremer Geister: „Kein Standort ist so krisenresistent wie Bremen, kein Gebilde so krisenfest wie die Werder Bremen GmbH & Co KGaA. Und Geschäftsführer wie Manfred Müller oder Klaus-Dieter Fischer erinnern gerne an eine Begebenheit vor mehr als zwanzig Jahren. Da lockte ein Fotograf Otto Rehhagel und seine Mannschaft fürs gemeinsame Motiv auf das Schulschiff Deutschland, um damit eine Titelstory unter dem Leitsatz ‚Antreten zum Abtakeln’ aufzumachen. Rehhagel fuhr aus der Haut, versammelte die Seinen fortan wie in einer Trutzburg um sich. Die Folge? Ein kollektiver Kraftakt zur Meisterschaft 1988.“

Dreist statt demütig

Peter Heß (FAZ) fordert im Bundesliga-Kommentar am Montag mehr Respekt für die Schiedsrichter. Anlass dafür ist der Sturm Jürgen Klopps aufs Feld zu Schiedsrichter Jochen Drees, der die Rote Karte für Robert Kovac eingeleitet habe. „Ob Kovac ohne Klopps Verhalten ruhiger geblieben wäre, ist unbewiesen. Aber auf jeden Fall untergrub der Trainer die Autorität der Schiedsrichter, gab ein Beispiel, das Auswirkungen hat bis in die unteren Klassen.“

Jörg Marwedel (SZ) fügt hinzu: „Man könnte sagen, dass der Fußballlehrer Klopp einen Teil der Schuld an dieser Affäre trägt. Bei den Schiedsrichtern gilt er längst als jemand, der während eines Spiels fortwährend redet.“ Jan Christian Müller (FR) stört sich an den „dummdreisten“ Attacken etwa von Jiri Stajner und Mesut Özil und vor allem daran, dass sie in Schutz genommen werden: „Bedauerlicherweise wurde von ihren Verbündeten hinterher gar noch Schiedsrichterschelte betrieben, statt demütig Dämlichkeit einzuräumen und so das DFB-Sportgericht vielleicht etwas gnädiger zu stimmen.“

Samstag, 8. November 2008

Bundesliga

Jeder Verein hat seinen eigenen Fingerabdruck

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser verkauft sich blendend / Bernhard Peters hadert mit dem DFB / Ralf Rangnick gibt Einblick in sein Training / Müller-Wohlfahrt und Klinsmann – das hat nicht gepasst

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser gehört offenbar zu den klugen Köpfen. Ohne es sich mit anderen Klubs zu verprellen, weist er im FR-Interview auf den Fakt hin, dass andere Vereine ihre Stadien mit Steuergeld finanziert haben – und Hopp und Hoffenheim freilich nicht: „Kein Verein inklusive Bayern München ist in der Lage, die Investition in ein neues Stadion aus Bordmitteln zu finanzieren. Ich verstehe die Kritik an Hopp nicht. Andere Klubs finanzieren das über Banken oder über den Steuerzahler. Ich sage das völlig ohne Vorwurf. Jeder Verein hat seinen eigenen Fingerabdruck und muss bestrebt sein, das Maximale aus den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herauszuholen. Klubs wie zum Beispiel Hertha BSC haben auf ihrem Weg zu einem etablierten Erstligisten auch von einer Art Vorfinanzierung der damaligen Ufa profitiert. Ein solches Vorgehen ist auch überhaupt nicht kritikwürdig.“

Den Vorwurf, dis TSG habe keine Tradition, kontert er ebenso eloquent: „Bis einer unserer Fans das, was er im Herzen trägt, an seine Kinder weitergeben kann, müssen wir uns noch gedulden. Wenn uns also vorgeworfen wird, wir hätten noch keine Tradition, dann könnte ich Ihnen auch vorwerfen, Sie seien noch keine siebzig Jahre alt.“ Hehe.

Einen konkreten Einblick in den Hoffenheimer Erziehungsauftrag gibt Schindelmeiser auch: „Wenn ein 19-Jähriger ohne adäquate Fahrpraxis mit einer 500-PS-Limousine liebäugelt, müssten wir klar sagen: ‚No, das geht nicht.’ Da würde ich unsere Fürsorgepflicht gegenüber den Jungs verletzt sehen. Im Falle eines Unfalls würde man uns Vorwürfe machen, und zwar berechtigt.“

Ein heterogenes Feld

Hoffenheims Hockey-Mann Bernhard Peters beklagt auf Welt Online sehr deutlich die Nichtbereitschaft des DFB, mit ihm zusammenzuarbeiten: „Der Verband hat sich selbst disqualifiziert, nimmt nichts an, meint, er stünde über allem und jedem.“ Dass die Weigerung des DFB mit seiner Kritik an Löw während der EM zusammenhänge, glaubt Peters nicht: „Die Kritik kam zum falschen Zeitpunkt, ich habe mich dafür entschuldigt.“ Na ja, sie kam nicht nur zur falschen Zeit, sie kam auch öffentlich.

Über den intellektuellen Unterschied zwischen Hockey- und Fußballspielern äußert sich Peters lavierend: „Beim Hockey sitzt das höhere Bildungsbürgertum. Die Spieler sind klug, aber sie hinterfragen alles, ich musste jede meiner Entscheidungen begründen.“ Und die Fußballer? „Das Feld ist sehr viel heterogener, es stellt eher das Gesamtbild der Gesellschaft dar. Es gibt Kluge und weniger Kluge, Intelligente und Begrenzte und sehr viel hierarchisches Denken. Fußballer machen schneller, was man ihnen sagt. Aber manchmal greift die Denkweise einfach zu kurz.“ Das Feld ist heterogen! Nett verpackt.

Spaßorientiertes Training

Ralf Rangnick gewährt im taz-Interview von letzter Woche einen konkreten Einblick in seine Training, besonders in das, was er offenbar von Peters gelernt hat: „Seit ich hier bin, hat sich die Qualität unserer Trainingsarbeit deutlich verbessert. Wir haben Spiel- und Übungsformen, da hätte ich vor zwei Jahren nicht daran geglaubt, dass sie im Fußball umsetzbar sind. Am Anfang dachte ich, dass sie nur im Hockey funktionieren. Eine Spielform heißt ‚Streifen’ oder ‚Banane’, weil das Spielfeld auf einen sehr schmalen Korridor reduziert wird, der aber in einem normalen 16-Meter-Raum mündet. Erlaubt sind maximal drei Ballkontakte, nur flaches Spiel, Rück- oder Querpässe sind verboten. Die Spieler werden durch Regeln gezwungen, extrem den vertikalen Blick durch die Gassen und Zonen zu üben. (…) Als ich den VfB Stuttgart trainiert habe, da kamen schnell die Stimmen: Das macht keinen Spaß, Trainer, lass uns fünf gegen zwei spielen. Ich kann nicht ignorieren, was das moderne Spiel erfordert. Wir haben uns zu lange zu Sklaven der Gewohnheiten unserer Spieler machen lassen. Inzwischen hat sich das gewandelt. Aber wir haben Rückstände, was auch die EM gezeigt hat. Da war selbst das Spiel gegen den Ball für mich ein Rückschritt. Dass wir taktisch noch immer hinterherhinken, liegt auch daran, dass unsere Spieler viel zu lange die Annehmlichkeiten eines in erster Linie spaßorientierten Trainings gewohnt waren.“

Kann sein, dass das für Sie langweilig ist. Ich kann diesen Eindruck sehr gut nachempfinden. Oh, wie lernfaul können Fußballer sein!

Auf zu vielen Hochzeiten

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt gründet eine Praxis und verlässt Bayern München mitten in der Saison – Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) zufolge gehe diese Entscheidung auf das schwierige Verhältnis zum Trainer zurück: „Klinsmann passt nicht in die Welt des Orthopäden– und Müller-Wohlfahrt nicht in die des Trainers.“ Zur Begründung heißt es: „Klinsmann vermied es, den Starmediziner zu einer weiteren Zusammenarbeit zu überreden. Schließlich ist es das Leitmotiv des Trainers, dass sich jeder im Verein in erster Linie auf den FC Bayern zu konzentrieren hat. Müller-Wohlfahrt dagegen macht es sichtlich Spaß, auf möglichst vielen Hochzeiten zu tanzen: in seiner eigenen Praxis, als Teamarzt der Nationalmannschaft, als Buchautor und als Aufsichtsratsvorsitzender einer eigenen Gesundheit und Fitness AG, die unter anderem Nahrungsergänzungsmittel vertreibt. Müller-Wohlfahrt, eine Koryphäe der internationalen Sportmedizin, war dem Trainer Klinsmann wohl nicht präsent genug beim FC Bayern.“

Die SZ ergänzt: „Klinsmann, so wird kolportiert, sei nicht begeistert gewesen über die Arbeitsteilung zwischen einem Arzt am Ort, Rüdiger Degwert – und einem für besondere Anlässe.“

Deutsche Elf

Profil neu geschärft

Joachim Löw als Sieger im Ballack/Frings-Konflikt / Kein Abschiedsspiel für Jens Lehmann – recht so! / Dieter Eilts muss gehen, doch die Gründe sind bloß zu ahnen

In der Sache Ballack und Frings gegen Löw zieht Stefan Hermanns (Tagesspiegel) ein Fazit im Sinne des Bundestrainers und versteht dessen Signal: „Die Affäre hat Löw geholfen, sein verschwommenes Profil neu zu schärfen. Noch bei der Europameisterschaft hat er sich nicht getraut, Besitzstände anzutasten: Er hat die Mannschaft nicht nach Leistung aufgestellt, sondern weitgehend nach historischen Verdiensten. Entsprechend skeptisch wurde nach der EM seine Ankündigung aufgenommen, den Konkurrenzkampf neu zu beleben. Die Auseinandersetzung mit Frings und Ballack hat gezeigt, dass Löw das Leistungsprinzip wirklich ernst nimmt, dass er sogar bereit ist, dafür zu streiten. Diese Botschaft richtet sich nicht nur an die Öffentlichkeit. Sie gilt vor allem der Mannschaft, die schon lange ihre Probleme mit dem Leitwolfgehabe der Herren Frings und Ballack hat.“

Sentimentaler Anachronismus

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) kritisiert Bastian Schweinsteiger, weil er sich für ein Abschiedsspiel Lehmanns ausspricht, und Oliver Bierhoff, weil er Lehmann ein Abschiedsspiel versprochen hat: „Es scheint, als breiteten sich im deutschen Fußball merkwürdige Gedanken aus – als hielten sich immer mehr Fußballer für wichtiger, als sie sind. Das Mitleid für Lehmann ist unangebracht. Es hätte keinen sinnvollen Grund für Löw gegeben, dem Torhüter diesen letzten Einsatz im Nationalteam zu schenken. (…) Dass Bierhoff dem Mann von gestern, Lehmann, einst einen Einsatz in Aussicht gestellt hat, ist kaum zu fassen.“

Jan C. Müller (FR) genehmigt Löws Entscheidung: „Ein Abschiedsspiel wäre ein sentimentaler Anachronismus geworden. Der Bundestrainer muss geahnt haben, dass die zu erwartende Berichterstattung über einen unkonventionellen Mann wie Lehmann die Partie überlagert hätte.“ Für das Nein gebe es „derart nachvollziehbare Argumente, dass es verwundern muss, weshalb der Wunsch Lehmanns zum Nachteil von Nachfolger René Adler überhaupt so lange diskutiert wurde.“

Süffisant fügt Müller hinzu, dass „ein einflussreicher Freund“ gesagt haben soll: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jens mit der Niederlage im EM-Finale aufhören will. Es gibt die Möglichkeit, dass er zum Abschied in einem Freundschaftsspiel zum Einsatz kommt.“

Old School

Matthias Sammer rechtfertigt im FAZ-Interview die Entlassung Dieter Eilts’ als U21-Trainer mit klaren, dunklen Worten: „Wir sind zwar mit den Zahlen zufrieden, aber – wenn man die Spiele betrachtet hat – mit dem Inhalt nur bedingt. Uns geht es aber in erster Linie um eine Gesamtphilosophie, und da hat Dieter Eilts für sich von Anfang an in Anspruch genommen, dass er auf diesem von uns beschlossenen Weg das eine oder andere kritisch beurteilt.“ Der Text trägt den Titel: „Inzwischen weht ein anderer Wind“.

Christof Kneer (SZ) hat begriffen, dass Eilts als „old school“ gelte und nicht zur neuen „Spielphilosophie” passe. Er sei ein Mann, der unter Otto Rehhagel groß geworden sei, der bekanntlich von Fitnesscoachs und Sportpsychologen nichts halte. „Am Ende“, gibt sich Kneer irritiert, „hat der DFB offenbar keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als einen Trainer zu verabschieden, dessen Elf soeben die von Sammer ausdrücklich geforderte Siegermentalität unter Beweis gestellt hatte.“ Sammer war in der Tat lange dadurch aufgefallen, dass er dem Ergebnis den Vorrang vor der Spielidee einzuräumen schien. Woher diese rhetorische Wende nun stammt, ist ungeklärt.

Freitag, 7. November 2008

Champions League

Die normative Kraft der Resultate

Gute Stimmung bei den Bayern dank gutem Ergebnis (1:1 in Florenz), weniger dank guter Leistung / Die Presse formuliert nach dem 0:3 Bremens gegen Athen erste (gar nicht mehr so) leichte Zweifel an Thomas Schaaf und Klaus Allofs

1:1 in Florenz – ein gutes Ergebnis. Doch das hervorragende Selbstzeugnis, das die Bayern-Verantwortlichen sich nach dem Spiel ausstellen, lässt ihnen die Presse nicht durchgehen. Elisabeth Schlammerl (FAZ) will gesehen haben, dass Florenz das bessere Team gewesen sei: „Die Bayern empfahlen sich im Gegensatz zum eigenen Empfinden nicht für höhere Aufgaben auf der europäischen Bühne, anders als die Italiener schafften sie es immerhin, mit geringem Aufwand den Mindestertrag zu erreichen.“

Nur einer muss in der Spielbewertung ausgeschert sein: der Kapitän. Schlammerl schreibt: „Mark van Bommel ist wieder auf dem besten Wege, sich unbeliebt zu machen“, denn er erinnert in seiner Analyse an die schwache erste Halbzeit und widerspricht Rummenigge und Co, die sich „an sich selbst berauschen“.

Moritz Kielbassa (SZ) stellt klar, dass es alleine die Ergebnisse seien, die dem Bayern-Trainer das Leben erleichtern: „Durch die normative Kraft der Resultate hat Bayern den Turnaround aus seinem Herbsttief geschafft, der Lärm um Klinsmann legt sich.“ Und dazu noch Franck Ribéry, wiedergenesen und wieder in Form: „Bayerns System heißt 4-4-2, das Prinzip jedoch: Ribéry. Der Franzose ist nach wie vor der entscheidende Akzentsetzer.“

Den Tagesspiegel interessiert mehr die heutige Jahreshauptversammlung der Bayern, wo sich der Dialog zwischen den Fans und Uli Hoeneß vom letzten Jahr wiederholen könnte: „Was glaubt Ihr eigentlich wer Ihr seid?“

Werder wird wohl einen Bogen um die Champions League machen

Nach dem 0:3 gegen Athen beginnt Sven Bremer (Berliner Zeitung), leise am Bremer Trainer zu zweifeln: „Thomas Schaaf ist für seine konsequente Haltung bekannt, die Grenze zur Sturheit liege nicht weit entfernt, sagen manche. Gebetsmühlenartig betont Schaaf, dass Werder seiner Linie treu bleibe. Nun, da diese Linie kontinuierlich nach unten zeigt, macht er sich verdächtig, nicht beweglich, nicht flexibel genug zu sein. Zwar versichert er, ständig auch sich selbst und seine Arbeit zu hinterfragen. Doch den Plan B, den jeder Trainer haben sollte, wenn die 1a-Lösung nicht zum Erfolg führt, hat man in Bremen entweder ganz weit hinten in der Schublade verstaut – oder aber er existiert schlichtweg nicht.“

Frank Heike (FAZ) nimmt den Manager mit in die Verantwortung: „Schaaf und Allofs sind verantwortlich für die Zusammenstellung einer Mannschaft, die nicht die Mentalität früherer Werder-Teams zu haben scheint. Werder Bremen 2008, das ist eine Schönwettermannschaft (immer zu einem unterhaltsamen 5:1 in der Lage), die zum wiederholten Male ein Spiel verlor, weil Aggressivität und Willen fehlten.“

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) ergänzt und stellt einen erheblichen Mangel im Kader fest: „Es ist ein strukturelles Problem, mit dem Werder zu kämpfen hat, und wahrscheinlich ist es bei Allofs zu suchen. Dessen Transferpolitik hat die Suche nach hochklassigen Außenläufern vernachlässigt. Werder leistet sich die Schwächen ausgerechnet dort, wo die Matches der Gegenwart oft entschieden werden: an den Flanken. Es fehlt an offensiv ausgerichteten Außenverteidigern von internationalem Format.“

Jörg Marwedel (SZ) stimmt ein: „Dass Werder keine Außenverteidiger von internationalem Format hat, obwohl die im modernen Fußball immer wichtiger werden für Spieleröffnung und Flankenläufe, muss man Allofs und Schaaf ebenso ankreiden wie die nur zum Teil systembedingten Schwächen in der Defensive.“

Frank Hellmann (FR) rechnet mit einem anhaltenden Bremer Tief: „Es mehren sich die Indizien, dass Werder wieder ein paar Schritte rückwärts machen muss, um vorwärts zu kommen. Angesichts der neuen Konkurrenten vom Kaliber Wolfsburg und Hoffenheim und der größeren Potenz an Standorten wie Hamburg, Gelsenkirchen oder Dortmund könnte das ein schwieriges Unterfangen werden. Das gute alte Weserstadion wird gerade fit für die Anforderungen der Zukunft gemacht. Es bleibt auch weiter da, wo der Fluss einen Bogen macht – Werder wird dann wohl einen um die Champions League machen.“

taz: Madrider Applaus für Alessandro del Piero

Donnerstag, 6. November 2008

Am Grünen Tisch

Ich bin kein Prozesshansel

Die Vorgeschichte der Reihe nach

Der Sportjournalist Jens Weinreich kritisiert die Aussagen des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, die dieser auf einem DOSB-Kongress im Juli getroffen hat, und bezeichnet Zwanziger in den Kommentaren meines Blogs direkter-freistoss.de als „unglaublichen Demagogen“. Sinngemäß wirft Weinreich Zwanziger vor, alleine die rechtlichen Rahmenbedingungen für das anhaltend schlechte Abschneiden deutscher Fußballklubs im Europapokal verantwortlich zu machen. Eine Ausrede, um dem Publikum zu schmeicheln, meint Weinreich. Daraufhin schickt Zwanziger, der sich in seiner Ehre verletzt sieht, Weinreich per Anwalt eine Unterlassungserklärung, die Weinreich wiederum nicht unterzeichnet. Die Sache landet vor Gericht, und die bisherigen Instanzen weisen den Kläger zurück. Die Aussage Weinreichs sei durch Artikel 5 geschützt, zudem begründe er ausführlich seine Kritik. In meinem Blog begrüße ich dieses Urteil als Entscheidung im Sinne der Meinungsfreiheit, woraufhin mich Zwanziger zum Gespräch bittet. Am Freitag, den 31. Oktober, sprechen wir gut neunzig Minuten im DFB-Präsidium. Bei der Vorbereitung des Interviews habe ich meine Leser darum gebeten, per E-Mail oder Blog-Kommentar Fragen an den DFB-Präsidenten zu stellen. Im Blog von Jens Weinreich können Sie die Sache sehr genau nachlesen, dort finden Sie auch Schriftsätze der Gerichte. Der Journalist des Jahres Stefan Niggemeier hat auch dazu gebloggt. Hier lesen Sie die autorisierte Version des Interviews.

DFB-Präsident Theo Zwanziger gibt im Interview darüber Auskunft, warum er mit juristischen Mitteln gegen einen Journalisten vorgeht, der ihn als „Demagoge“ bezeichnet hat. Außerdem über die Grenzen der Meinungsfreiheit, seine Empfindlichkeit gegenüber dem Nationalsozialismus, die WM-Stadt Sinsheim, den öffentlichen Disput zwischen Michael Ballack und Joachim Löw sowie Oliver Bierhoff und zu harte Strafen im Amateurfußball

indirekter-freistoss: Herr Zwanziger, was halten Sie vom Internet?

Theo Zwanziger: Das Internet spielt eine zunehmend größere Rolle. Auch für einen 63-Jährigen ist es ungemein wichtig geworden. Es ist das Medium der Zukunft, das unsere Gesellschaft verändert und weiter verändern wird. Leider kann ich auf meinem Mobiltelefon noch keine Videos abspielen. Aber auch das wird kommen.

if: Ist es für Sie ein ernstzunehmendes Informationsmedium? Ich frage deswegen, weil der Fall, den wir heute in erster Linie besprechen wollen, im Internet angestoßen worden ist.

Zwanziger: Ja, das ist es. Auch wenn es in diesem großen Kommunikationsnetz einen Nachteil gibt: Die Anonymität, die die Foren bieten, verführt manchmal zu unüberlegten und diffamierenden Aussagen.

if: Sie haben den Journalisten Jens Weinreich, der Sie als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet, auf Unterlassung verpflichten wollen – und sind per Einstweiliger Verfügung bislang in zwei Instanzen damit gescheitert. Das sieht so aus, als wollten Sie einen Kritiker mundtot machen oder einschüchtern. Fürchten Sie nicht, dass Sie Ihren Ruf aufs Spiel setzen? Immerhin haben Sie im allgemeinen eine gute Presse. Selbst skeptische Geister verbinden mit Ihrer Präsidentschaft Hoffnung auf Öffnung des DFB. Sie sind der Anti-MV, der, das nur nebenbei, diesen Angriff dank seiner Dickhäutigkeit sicher ignoriert hätte.

Zwanziger: Ich bin kein Prozesshansel, ich kann Kritik einstecken. Doch in diesem Fall muss ich darauf verweisen, dass Artikel 5 unseres Grundgesetzes nicht nur die Meinungsfreiheit schützt, sondern auch die persönliche Ehre. Herr Weinreich hat mich Demagoge genannt. Daraufhin habe ich im Duden nachgeschlagen, und der definiert dieses Wort genau wie ich es empfinde: „Volksverhetzung“. Das ist laut § 130 des Strafgesetzbuches eine strafbare Handlung, die mit Freiheitsstrafe bedroht ist. Und nun will ich von Gerichten geprüft wissen: Darf man mich als Volksverhetzer bezeichnen? Das bin ich dem Verband und mir selbst schuldig, zumal Herr Weinreich noch eins drauf gesetzt und mich als „unglaublichen“ Demagogen bezeichnet hat.

if: Aber Sie sind nicht als Volksverhetzer bezeichnet worden, sondern als Demagoge – kein unüblicher Begriff etwa in politischen Debatten. Als Schmeichler der Massen kann man es auch übersetzen. Sie selbst mussten sogar im Duden nachschlagen.

Zwanziger: Nein, als „Schmeichler der Massen“ kann man es nicht übersetzen. Der Gesamtzusammenhang des Textes zeigt eindeutig, dass er mich diffamieren will. Der Prozess muss übrigens nicht sein. Wenn Herr Weinreich nicht will, dass ich mich von ihm als Volksverhetzer denunziert verstehe, dann soll er mir zwei Zeilen schreiben, dann ist die Sache vom Tisch. Und dann können wir uns gerne zum Interview treffen, und er kann mir die kritischsten Fragen stellen.

Wenn der Duden unrecht hat, könnte ich auch damit leben

if: Sie verlangen von ihm, dass er etwas zurücknimmt, was er nie gesagt hat.

Zwanziger: Das stimmt nicht. Ich kann nicht akzeptieren, dass eine nach dem Duden klare Interpretation plötzlich nicht gelten soll. Dann soll Herr Weinreich mit einem klaren deutschen Begriff sagen, was er meint. Er nimmt die Deutung „Volksverhetzer“ billigend in Kauf.

if: Haben Sie versucht, mit ihm darüber zu sprechen oder Kontakt mit ihm aufgenommen, so wie mit mir?

Zwanziger: Nein, ich erwarte von ihm, dass er auf mich zukommt. Jedenfalls geht die Sache weiter, wir bereiten eine Unterlassungsklage vor. Auf die mündliche Verhandlung freue ich mich schon. Ich werde dem Gericht die Frage stellen, ob Demagogie Volksverhetzung meint. Wenn nicht, dann irrt der Duden.

if: … der ja auch nicht mehr das ist, was er mal war.

Zwanziger: Wenn der Duden unrecht hat, könnte ich auch damit leben.

Ich habe die juristischen Schriftsätze nicht verfasst

if: Ich will Sie jetzt nicht auf Gedanken bringen, aber warum verklagen Sie ihn und nicht mich, der den Blog betreibt, in dem das Wort gefallen ist? Rechtlich wäre das doch möglich.

Zwanziger: Nein, es geht mir um den Urheber.

if: In der Unterlassungsverpflichtung, die mir vorliegt, stellt Ihr Anwalt Christian Schertz einen direkten Zusammenhang zwischen Demagogie und der NS-Zeit her. Das scheint zum ersten weit hergeholt. Zum zweiten: Sollte nicht gerade der DFB, der über Jahrzehnte seine dunkle Vergangenheit verschwieg, mit der „braunen Keule“ vorsichtiger sein?

Zwanziger: Da bitte ich Sie, meinen persönlichen Hintergrund zu berücksichtigen: Ich bin 1945 geboren und habe meinen Vater im Krieg verloren. Wenn man eine solche Vita hat und außerdem, wie ich, in Yad Vashem war, denkt man anders über die Dinge nach. Ich bitte um Verständnis, dass meine Empfindlichkeit, was die Nazi-Zeit angeht, größer ist, als das vielleicht bei andern Leuten oder Jüngeren der Fall ist. Beim Stichwort „Demagoge“ denke ich an Goebbels.

if: Ich bin Jahrgang 1971 und nicht direkt betroffen – aber ich wehre mich dagegen, dem Nationalsozialismus gegenüber weniger empfindlich zu sein. Ich denke nicht anders über die Dinge nach. Und ich kann im vorliegenden Fall keinen Nazi-Vergleich entdecken, so wie er bedauerlicher- und unvernünftigerweise in anderen Kontexten immer wieder gezogen wird, wie etwa jüngst durch den Ökonomen Hans-Werner Sinn.

Zwanziger: Ich habe unsere juristischen Schriftsätze nicht verfasst. Ehrlich gesagt, hab ich sie gar nicht exakt verfolgt. Wenn es allerdings zur Klage kommt, werden wir differenzierter argumentieren.

Sport ist keine Politik

if: Zahlen Sie die Kosten des Verfahrens? Oder wird die DFB-Kasse belastet?

Zwanziger: Erstens werde ich keine Kosten haben, weil ich den Prozess gewinnen werde. Davon bin ich fest überzeugt. Zweitens wird es beim DFB so gehandhabt, dass die Mitarbeiter für solche Fälle, die durch ihr berufliches Wirken entstehen, durch ein Rechtsschutzversicherung abgesichert sind. Sollten wir tatsächlich vor Gericht verlieren, würde ich privat natürlich den gleichen Betrag an die European Gay & Lesbian Sports Federation spenden, weil ich dort die Arbeit von Tanja Walther sehr schätze. Ich hoffe, dass Herr Weinreich etwas ähnliches macht, wenn er verliert und die Kosten nicht selbst tragen muss.

if: Sie legen offensichtlich gerne die Spielregeln fest. Stimmt es auch, dass Sie „Kommunikationsherrschaft“ anstreben, wie Weinreich sie zitiert? Was meinen Sie damit?

Zwanziger: Damit meine ich, dass wir nach außen hin sauber und glaubwürdig auftreten wollen.

if: Wenn man, wie Sie im Fall Demagogie, den größten Deutungsspielraum nutzt, könnte man unter Kommunikationsherrschaft verstehen, dass Meinungen gelenkt werden oder genehme Journalisten bevorzugt werden. Ein Missverständnis?

Zwanziger: Ja. Kommunikationsherrschaft bedeutet für mich, dass drei Dinge in Einklang zu bringen sind: Inhalte, Personen und Kommunikation. So wie zum Beispiel im Fall Steffi Jones, die als WM-Botschafterin den Mädchen- und Frauenfußball glaubwürdig repräsentiert. Vielleicht ist Herrschaft der falsche Begriff, und wir sollten einen besseren finden.

if: Der Begriff Herrschaft hat meine User dazu veranlasst, die Frage zu stellen, ob der DFB Lobbyisten beschäftigt oder Journalisten, vielleicht bloß indirekt, beeinflusst?

Zwanziger: Lobbyisten gibt es in der Politik. Warum sollten wir Leute zahlen, die sich für unsere Anliegen einsetzen? Natürlich machen wir auch PR in unserem Haus. Aber auf Journalisten nehmen wir keinen Einfluss.

if: Ist es nicht eine Form von indirektem Einfluss, wenn der DFB Journalisten dafür zahlt, dass sie für sein Journal und sein Programmheft schreiben?

Zwanziger: Das müssen Sie die Journalisten fragen. Wir reden ihnen nicht in die Arbeit rein. Auch wenn wir die Autoren bezahlen, würden wir nie Druck auf sie ausüben oder erwarten, dass sie gegen ihre Überzeugung bei kritischen Themen freundlich über uns schreiben. Ich kann nicht erkennen, was daran verwerflich ist, wenn wir thematische Aufträge an Journalisten vergeben.

if: Das vielleicht nicht, aber clever. Stichwort Schere im Kopf.

Zwanziger: Manche angefragte Autoren lehnen ja auch ab, weil sie der Meinung sind, dass sie dadurch ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setzen und führen dafür ihre Gründe an, die wir selbstverständlich akzeptieren, selbst wenn wir es anders sehen. Außerdem bin ich nicht gegen kritische Beiträge, auch in unseren Verbandsblättern, wenn sie sachlich bleiben und niemanden verletzen.

if: Sportjournalisten tun sich ohnehin nicht als besonders harte Kritiker hervor.

Zwanziger: Sport ist ja auch keine Politik. Im Sport geht es mehr um Emotionen, auch bei den Journalisten. Meist geht es um Erfolg oder Misserfolg. Natürlich auch um sportpolitische Entscheidungen oder für uns als Verband um die gesellschaftliche Positionierung. Und was die Finanzen betrifft: Wir vom DFB können keine Steuermittel sachwidrig verwenden oder verteilen, weil wir keine bekommen. Die Politik muss dagegen immer den Einsatz von Steuergeldern rechtfertigen.

if: Jetzt untertreiben Sie aber die Macht des DFB. Was ist mit WM-Stadien zum Beispiel? Jüngst hat es Aufregung darüber gegeben, weil die Stadt Sinsheim den Zuschlag für die Frauen-WM 2011 erhalten hat. Dabei wird das Stadion derzeit noch gebaut, Bauherr ist Dietmar Hopp. Nun kursiert der Vorwurf, der DFB erweise Sinsheim deshalb die Gunst, weil der Sohn des Präsidenten, Ralf Zwanziger, im Arbeitsverhältnis mit Hopp steht.

Zwanziger: Das entscheidende war sicher nicht, dass mein Sohn dort arbeitet. Schauen Sie einfach mal auf die Landkarte Deutschlands! Und wenn wir Sinsheim vom WM-Plan wegnehmen würden, hätten wir im Südwesten einen großen weißen Fleck. Doch wir wollen die WM ins ganze Land tragen. Das hat also nichts mit meinem Sohn zu tun. In unserer Gesellschaft wird manches ungerecht beurteilt. Warum eigentlich diese Unterstellung?

if: Die Leute wissen eben, dass Blut dicker als Wasser und Vetternwirtschat ein verbreitetes Phänomen ist.

Zwanziger: Aber in diesem Fall liegt das wirklich anders. Die Frage ist doch: Sollten wir sachwidrige Entscheidungen treffen, nur um einem möglichen Vorwurf aus dem Weg zu gehen? Das würde ja bedeuten, dass wir in Sinsheim gar nichts machen dürften. Wir haben im DFB-Präsidium nach klaren regionalen Kriterien eine ausgewogene Entscheidung getroffen. Der Süden ist der größte Regionalverband des DFB und erhielt deshalb den Zuschlag für drei WM-Städte: einmal Bayern, einmal Hessen und einmal Baden-Württemberg mit Sinsheim – jeder der drei Landesverbände wurde damit berücksichtigt. Deshalb wäre Sinsheim im Süden mit oder ohne meinen Sohn Ralf dabei gewesen. Und Magdeburg, dessen „Aussortierung“ einer Ihrer User beklagt, liegt zu nahe an Wolfsburg. An Wolfsburg, das übrigens eine Frauen-Bundesligamannschaft hat, kamen wir aber nicht vorbei, weil es der einzige Bewerber aus dem Norden war. So fiel die Entscheidung für die einzige WM-Stadt im Nordosten zu Gunsten von Dresden. Allerdings ist auch noch zu bedenken, dass das Eröffnungsspiel in Berlin stattfindet. Außerdem glaube ich, dass Herr Hopp meinen Sohn nicht kennt, wenn er ihm begegnet.

Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Platini

if: Themawechsel: Wie stehen Sie zur 50+1-Regel?

Zwanziger: DFB und DFL wollen die Regel erhalten, weil sie den deutschen Fußball vor unlauteren Interessen und fremden Interessenten schützt. Da sind wir an einem Punkt, an dem ich die Frage stellen muss: Reicht die Verbandsautonomie oder brauchen wir den Schutz des Staates?

if: Sollten die Verbände also von Ihrer Autonomie abgeben?

Zwanziger: Nein, im Gegenteil, die Verbands- und die Vereinsautonomie muss gestärkt werden. Mit der 50+1-Regel wollen wir unser Prinzip Solidarität bewahren. Wir sind ein gemeinnütziger Verband, keine Aktiengesellschaft. Ohnehin bekommen wir einige Steine in den Weg gelegt: Der Fall Bosman höhlt über Artikel 12 (Berufsfreiheit) den Artikel 9 (Vereinsautonomie) unseres Grundgesetzes aus und schwächt die Vereine, selbst im Amateurfußball. Das Kartellamt verfügt eine „Lex Sportschau“ und erschwert der DFL, die TV-Rechte angemessen zu verkaufen – das ist einmalig in Europa. Unter diesen Entscheidungen und Rahmenbedingungen leidet der deutsche Vereinsfußball. Dies wird auch die Nachwuchsförderung treffen. Das ist meine Meinung, und vielleicht hat Herr Weinreich eine andere. Deswegen bin ich aber noch lange kein Demagoge.

if: Ich denke, ihm ging es nicht um das Bosman-Urteil an sich, sondern darum, dass Sie es als Vorwand und Ausrede benutzt hätten, um die vielen Niederlagen deutscher Klubs im Europapokal zu entschuldigen – und damit dem anwesenden Publikum nach dem Mund zu reden. Vielleicht wird ja Hoffenheim bald zeigen, dass diese Schwäche doch nicht nur am Geld liegt. Stichworte: gutes Scouting, modernes Training, Persönlichkeitsentwicklung der Spieler.

Zwanziger: Das gehört alles zusammen. Es gibt immer mehrere Gründe, daher lehne ich Schwarz-Weiß-Malerei ab. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld geht’s nicht. Deswegen treffen sich in den Halbfinals der Champions League meist englische, spanische und italienische Klubs.

if: Sie werden im März 2009 für einen Sitz in der Uefa-Exekutive kandidieren. Als Freund des Präsidenten Michel Platini gelten Sie nicht.

Zwanziger: Das ist bei seiner Wahl vor anderthalb Jahren völlig falsch dargestellt worden. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Platini. Bei der Wahl haben wir jedoch seinen Rivalen Lennart Johansson unterstützt, weil wir ihm wesentlich mehr als jedem anderen die Weltmeisterschaft 2006 zu verdanken haben. Und das haben wir vor der Wahl auch so transparent kommuniziert.

if: Ist es auch eine Ente, dass Sie zu der Aufgabe gedrängt worden sind?

Zwanziger: Das ist keine Ente. Ich bin ein Mensch, der seine Aufgaben gewissenhaft angehen möchte. Deshalb habe ich mich beraten, nachgedacht und dann entschieden. Ich hab in den vergangenen Jahren wenig internationale Erfahrung gesammelt. Daher lag das nicht nahe.

if: Hat Generalsekretär Wolfgang Niersbach, der international besser vernetzt ist, keine Lust gehabt?

Zwanziger: Er steht völlig loyal zum Verband und mir. Er ist der Auffassung, dass es der Präsident machen sollte. Nur wenn ich abgelehnt hätte, hätte er bereit gestanden.

Es war ein Fehler, die Sache öffentlich auszutragen

if: Wie bewerten Sie die Fälle Ballack gegen Löw und Ballack gegen Bierhoff, auch die Kommunikation?

Zwanziger: Ich kann Journalisten gut verstehen, die sauer sind, wenn Sie Stunden auf eine Pressemitteilung warten müssen. Doch es bedurfte eben noch der Abstimmung, bis sie rausgehen konnte. Zur Sache: Es entstehen nun mal Konflikte, wenn solch starke Persönlichkeiten miteinander arbeiten. Ich sagen ihnen: Wenn Ihr Euch was zu sagen habt, dann tut das, aber intern! Leider gelingt das nicht immer. Ich war übrigens überrascht, dass das Thema Bierhoff lange nach der EM noch mal aufkam. Und auch das Ballack-Interview traf mich unerwartet.

if: Ist die Sache zwischen Löw und Ballack nun aus der Welt? Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Löws Autorität geschwächt worden ist. Schließlich ist der Inhalt der Kritik Ballacks öffentlich nicht verhandelt worden, sondern bloß der Stil.

Zwanziger: Joachim Löw und Michel Ballack haben eine neue Vertrauensgrundlage geschaffen, und es wurde natürlich auch über inhaltliche Dinge geredet. Die Autorität des Bundestrainers hat nicht gelitten. Zudem freue ich mich, dass Michael Ballack, ein wichtiger und verdienter Spieler, auf dem schweren Weg nach Südafrika weiterhin dabei ist und Kapitän bleibt. Ich gehe davon aus, dass der Streit die Funktion eines reinigenden Gewitters hat. Es war ein Fehler, die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit auszutragen. Aber wir sind Menschen und machen Fehler. Auch beim Hoyzer-Prozess haben wir inhaltlich gut gearbeitet – und es gab anfangs Missverständnisse. Die Ursache dafür lag in der Doppelspitze im DFB-Präsidium. Wenn zwei Leute an der Sache arbeiten, haben sie selten den gleichen Wissensstand. Anderes Beispiel für mangelhafte Kommunikation unter den Beteiligten: Zahl und Zeiten der künftigen Sonntagsspiele in den Bundesligen. Da wurden so viele Modelle in der Öffentlichkeit diskutiert, dass am Ende viele nicht mehr wussten, was nun gelten soll. Deshalb ist nebem dem Inhalt und den Persönlichkeiten die klare einheitliche Sprachregelung nach außen so wichtig.

Im Amateurfußball wird zu hart bestraft

if: Beim Thema Sonntagsspiele kollidieren Sie mit dem Amateurfußball. Aber nicht nur hierin. Ich bin seit dreißig Jahren in Fußballvereinen als Spieler und Trainer aktiv. Ich weiß, dass viele Vereine sich von den Verbänden gegängelt, überreguliert und in Rechtsfällen zu hart bestraft fühlen. Man findet aber schwer einen Offiziellen, der sich in der Zeitung zu Wort meldet. Die Verantwortungsträger von den Verbänden gelten manchen als selbstherrliche Fürsten, mit denen man sich lieber nicht anlegt. Wie können Sie dem entgegentreten?

Zwanziger: Es ist nicht immer einfach, die Interessensgegensätze zwischen Verband und Verein auszugleichen. Vereine wollen Fußball spielen und übersehen, dass es Regeln gibt, dass der Wettbewerb geordnet werden muss, Schiedsrichter angesetzt werden, Recht gesprochen wird. Der Verband leistet überwiegend ehrenamtlich all dies …

if: … und wird von den Vereinen dafür bezahlt …

Zwanziger: Die Vergütungen, die von den Vereinen gezahlt werden, sind im wesentlichen Vergütungen für Dienstleistungen der Verbände. Konflikte wird es auf diesem Feld aber immer geben, allein schon deshalb, weil der Verband als Kontroll- und manchmal auch als Polizeiinstanz auftreten muss.

if: Einer meiner Spieler wurde wegen einer Tätlichkeit vom Platz gestellt, nachdem er mehrfach provoziert worden war. Vor der Verhandlung fragte er mich, was er sagen solle. Ich riet ihm, die Wahrheit zu sagen. Er wurde sechs Monate gesperrt – wegen eines an und für sich harmlosen Fußtritts. Es wäre besser gewesen, wenn er gelogen und alles bestritten hätte; er wäre mit einer Monatssperre davongekommen. Es war das letzte Mal, dass ich einem Spieler zu Ehrlichkeit vor dem Sportgericht rate.

Zwanziger: Oh je! Sie müssen verstehen, die Mitarbeiter in unseren Rechtssprechungsorganen sind Ehrenamtler, von denen die meisten in modernen strafrechtlichen Fragen nicht ausgebildet sind. Deswegen bemühen wir uns, dieses Defizit zu beheben. In Sachen Prävention und Bewährung wollen wir modernere Maßstäbe etablieren. Aber dafür braucht man gut ausgebildete Leute. Ich gebe zu: Im Amateurfußball wird mitunter zu hart bestraft. Im Profifußball würden uns die Arbeitsgerichte solch lange Sperren nicht durchgehen lassen.

if: Darf ich Ihnen am Ende eine Frage als Befangener stellen? Anfangs haben Sie bedauert, dass Ihr Mobiltelefon keine Video-Clips abspielt; vielleicht vermissen Sie ja die schönsten Tore von Ihrem Heimatklub VfL Altendiez. Wie stehen Sie zum Fall Hartplatzhelden?

Zwanziger: Ich kann dazu nicht viel sagen, weil es für mich bisher ein Randthema ist. Es ist es keine DFB-Angelegenheit, sondern die Sache der Landesverbände, die hier ihre Ansprüche anmelden und ihre Rechte gefährdet sehen. Diese Meinung trage ich natürlich mit. Zum Schluss möchte ich noch zwei Fragen aus Ihrem Blog aufgreifen: Strammen Max esse ich sehr gerne, und der User westernworld fragt, ob ich mich ohne Polizeischutz mal in eine Stadionkurve traue. Aber ja, natürlich! Ich gehe auch gerne mit ihm dorthin. Das können Sie ihm ausrichten.

Diskutiert werden kann hier.

Mittwoch, 5. November 2008

Bundesliga

Ein Fettnäpfchen nach dem anderen

Jörg Hanau (FR) krallt sich Jürgen Klinsmann obwohl die Bayern in letzter Zeit wieder gewinnen: „Als Visionär im Sommer in München empfangen, um seine ganz eigene Philosophie des Fußballs zu vermitteln, trat der Jungvereinstrainer mit dem überhöhten Anspruch, den Fußball in München neu zu definieren, in ein sportliches Fettnäpfchen nach dem anderen.“ Dass Klinsmann jüngst gegen Bielefeld mit einem Stürmer antrat, bezeichnet Hanau als „Plan, der mehr dem Wunsch nach einer eigenen Handschrift geschuldet schien als den Notwendigkeiten“. Dass Klinsmann das Spiel letztlich gewonnen hat, weil er in der Halbzeit auf das alte System umstellte, sich also dem Prinzip „Rückkehr zu Bewährtem“ gleich Rückkehr zum Erfolg beugen muss, lässt Hanau grinsen: „Das mag Klinsmann insgeheim wurmen.“

Klinsmann ist absolut anders

In einem offenen Interview mit der SZ gibt Zé Roberto Auskunft über Stärken und Schwächen Klinsmanns. Und es dürfte auch ein Signal an die Medienwelt und vor allem an die Konkurrenz der Sport Bild sein, die der Klub derzeit boykottiert: Mit dem FCB des Jürgen Klinsmann kann mann offen reden.

Über die Menschenführung Klinsmanns schwärmt Zé Roberto, ein wenig im Vergleich mit dessen Vorgänger, besonders im Kontrast zu Klinsmanns Vorvorgänger: „Bei Klinsmann ist es ähnlich wie bei Hitzfeld, auch er respektiert die Spieler. (…) Jetzt sind wir noch freier, die Spieler können zum Trainer gehen und fragen. Egal welche – jede Frage ist möglich. Felix Magath war ja mehr wie eine Säule, und so offen wie Klinsmann war auch Hitzfeld nicht. Heute sind die offenen Typen bevorzugt. In Brasilien gibt es davon wenige. In Deutschland war Klaus Toppmöller so ein Typ.“

Über Klinsmanns Fähigkeit, Fußballer zu motivieren, lässt Zé Roberto Bestes von sich: „Wir haben im Training mehr Spaß, es ist moderner, und vorm Spiel ist er in der Kabine immer sehr positiv. Er spricht die Spieler besser an; Er ist ein Trainer, der eine andere Arbeitsphilosophie hat, und die ist sehr gut für die Spieler. Klinsmann ist absolut anders als das, was wir vorher gewohnt waren.“

Doch auch über die anfänglichen Schwächen Klinsmanns darf sich Zé Roberto auslassen: „Jeder weiß doch, dass Klinsmann ein neuer Trainer ist, er hat nicht so viel Erfahrung – also muss er doch viel schauen und probieren. Wie bei der WM, wo er vorher in Freundschaftsspielen experimentierte, aber später im Turnier mit dem alten System spielte. Hier bei uns ist es fast das Gleiche gewesen.“ Das ist eine außerordentliche Formulierung, die die Pressestelle der Bayern da durchgehen lässt, denn sie bezeugt Klinsmanns forsche Naivität zu Beginn seiner Arbeit in München. Zumal Zé Roberto am Ende die Kritiker Klinsmanns bestätigt, die ihm nachweisen, dass er mit der alten Hitzfeld-Taktik erfolgreicher sei: „Gut dass die Zeit der Experimente vorbei ist.“

Das Interview kann man auch als geschickte, weil wohlwollend formulierte, Aufforderung an Klinsmann lesen, es gut sein zu lassen mit neuen Sachen. Geschickt auch, weil sie mal nicht von Rummenigge oder Beckenbauer kommt.

Wir müssen uns vorwerfen, dass wir das nicht erkannt haben

Gute Idee von Jan Christian Müller (FR), sich beim VfB Stuttgart mal umzuhören, was man dort darüber denkt, dass einige Ehemalige gerade dazu beitragen, dass Hoffenheim gen Himmel stürmt: Andreas Beck, Tobias Weis, Marvin Compper und Matthias Jaissle – während Stuttgart in den letzten fünfzehn Monaten viel Geld für Spieler ausgegeben hat, die nicht viel bringen: Ewerthon, Marica, Bastürk, Simak, Schäfer. VfB-Manager Horst Heldt wird offenherzig zitiert: „Weis hat sich super entwickelt, wir müssen uns vorwerfen, dass wir das nicht erkannt haben.“ Der Text leidet aber unter einem schlampigen Titel (zumindest online): „Und tschüss“.

Montag, 3. November 2008

Bundesliga

So würde Bayern gerne spielen

Im Windschatten von Hoffenheim und Bayern spielt sich Bayer Leverkusen nach vorne / Mit Lukas Podolskis Abschied aus München wird bald gerechnet / Energie Cottbus investiert zu wenig in die Mannschaft (BLZ) / Bremen ist von Diego abhängig (SZ)

Schon wieder vier Tore, schon wieder eine makellose Leistung – Hoffenheim führt auch nach dem 11. Spieltag und einem 4:1 gegen Karlsruhe die Tabelle an und erntet das Lob der Presse. Andreas Burkert (SZ) weist der TSG zu, „inhaltlicher Trendsetter“ zu sein, denn ihr „Plan eines Spiels, der aus Pressing, Initiative und Offensivdrang besteht, dürfte nachhaltig die Moderne prägen. Tore, Tore und nochmals Tore stehen als Idee hinter allen Anstrengungen, denn Hoffenheim versteht sich als Dienstleister. Und nicht als Gefangener des Fußballs.“

Sein Konkurrent Luca Toni ist verletzt, Lukas Podolski muss in München dennoch auf die Bank. Obwohl Podolski nach seiner Einwechslung gegen Bielefeld ein entscheidendes Tor vorbereitet und einen Elfmetertreffer erzielt hat, rechnet Sebastian Krass (Tagesspiegel) mit einem baldigen Abschied: „Seit Monaten wächst Wort für Wort die emotionale Distanz, wo ohnehin noch nie Nähe war. Es ist schon Podolskis dritte Saison in München. Mittlerweile glaubt niemand mehr ernsthaft, dass noch eine vierte hinzukommen wird. Die Frage ist vielmehr, ob schon nach zweieinhalb Jahren Schluss ist. Es ist hinlänglich bekannt, dass die Bayern Stürmer suchen, die dem Konkurrenzkampf in einer europäischen Spitzenmannschaft besser gewachsen sind, fußballerisch und psychisch.“

Alle reden von Hoffenheim oder von Bayern, doch Peter Penders (FAZ) richtet den Fokus auf Bayer Leverkusen, das die Vorzüge und Reformansätze seiner beiden Konkurrenten verbinde – und das ohne große Töne: „In Leverkusen haben sie ihren Trainingsalltag komplett umgestellt, allerdings keine Buddha-Figuren aufgestellt, dafür aber völlig geräuschlos den Zehnstundentag für Fußballprofis eingeführt. Der Fußball, den sie spielen, ist keinen Deut weniger attraktiv als der bestaunte Hoffenheimer Sturmlauf, mit einem Unterschied allerdings: Das Leverkusener System scheint weniger anfällig in der Defensive.“ Über das Attraktivitätsniveau von Bayers jungem Team schreibt Penders: „Leverkusen spielt so, wie es Klinsmann mit seinen Bayern gerne würde und wegen der Ansammlung von Stars vielleicht nie schaffen kann.“

Großer Erfolg ohne großen Worte

Michael Horeni (FAZ) widmet sich der „rheinischen Fußball-Sonderzone“ Köln, die es Christoph Daum ermöglicht habe, verloren gegangene Seriosität zurückzugewinnen. Durch den 3:1-Sieg in Stuttgart steht Köln auf einem soliden Mittelfeldplatz, und von Daum sind keine lauten Töne zu vernehmen. „Seit der Rückkehr in die Bundesliga“, billigt Horeni, „ist es erfreulich still um Daum geworden, und auch sportlich setzt der Trainer nicht mehr auf Attacke. Die stabile Defensive ist das Fundament eines Erfolgs, der sich nicht mehr aus Überschwang und großen Worten speist, sondern allein aus fachlichen Qualitäten. Das ist zwar nur ein kleiner Erfolg innerhalb der Liga, aber ein großer für Christoph Daum.“

Tribünen schießen keine Tore

Diego zeigt sich erstmals seit langem in guter Form, und schon gewinnt Bremen hoch gegen Berlin, was Christof Kneer (SZ) zu einer kritischen Bestandsaufnahme veranlasst: „Das 5:1 zeigt den Bremern, wie abhängig sie von der Kunst des Brasilianers Diego sind.“ Damit sei die Niederlage gegen Leverkusen drei Tage zuvor (wenn schon nicht überwunden, dann wenigstens) verdrängt, die den Bremern sehr zu schaffen mache. „Gegen Leverkusen verlor Werder, weil die Leverkusener moderner und offensiver wirkten, was zufällig jene Attribute sind, auf die Werder sich seit einem halben Jahrzehnt – zurecht – einiges einbildet. Das Spiel gegen Leverkusen schmeckte so bitter, weil es sich wie das Ende einer kleinen Ära anfühlte.“

Matthias Wolf (Berliner Zeitung) wirft dem Vorstand von Energie Cottbus die falsche Strategie vor: „Warum wurden von den 9 Millionen Euro Gewinn aus der vergangenen Saison nur 1,7 Millionen (für elf Spieler) ins Team gesteckt? Deutlich weniger als in den Arena-Umbau. Tribünen schießen keine Tore. Man kann sich, was die Qualität der Spieler angeht, auch zu Tode sparen. Man hat sich im Sommer auf die DVDs der Spielerberater verlassen. Wie schon vor dem ersten Abstieg 2003, als das damalige Management bequem wurde. Nur ein Mitarbeiter aus dem Klub beobachtet regelmäßig das Meer der Profis. Noch Fragen, warum Cottbus keine Austern findet?“

Deutsche Elf

Der Löw hat nur gebrüllt, nicht gebissen

Ist die Autorität Joachim Löws tatsächlich gewahrt? Ist das Verhältnis zu Michael Ballack wirklich wiederhergestellt? Große Skepsis in der Presse

Michael Ballack bleibt Joachim Löws Kapitän, der DFB stellt Löws Entscheidung als problemlose Versöhnung dar, die das Gesicht beider und die Autorität des Trainers wahre. Doch in den Sportredaktionen überwiegt Skepsis, ob das Verhältnis der beiden unvoreingenommen sein wird. Auch wird moniert, dass man sich nur mit der Form, nicht aber mit dem Inhalt der Ballack-Vorwürfe auseinandergesetzt habe.

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) rechnet mit belastenden Folgen: „Es genügt nicht, dass Ballack die Form seiner Kritik bedauert und dass er seine inhaltlichen Vorwürfe mit einem dürren Sätzchen widerruft. Es ist davon auszugehen, dass die Eruptionen der vergangenen Wochen nicht ohne Nachbeben bleiben werden. Ab sofort wird jeder schiefe Halbsatz Ballacks kleinlich durchleuchtet und auf sein Krawallpotenzial hin untersucht werden. Was Ballack sagt, wird in Zukunft mehr denn je zum Aufreger des Tages taugen – zumal die tiefe Abneigung zwischen ihm und Oliver Bierhoff die Atmosphäre ohnehin auch weiter belastet. Diese Reibungspunkte dürften auf dem Weg zur WM 2010 störend wirken. Die DFB-Erklärung klingt nicht, als hätte Löw tatsächlich die Frage geklärt, wer in der Nationalmannschaft das Sagen hat.“

Katrin Weber-Klüver (taz) fügt amüsiert hinzu: „Jede Novela, die was auf sich hält, retardiert im Schlussteil so rumpelig es eben geht. Auch diese macht da keine Ausnahme. Respekt, die Herren! So eine Aussprache ohne klare Entscheidung markiert kein Ende, sondern gleich den Auftakt zur nächsten Staffel eitlen Hahnenkampfes.“

Disziplinarische Schmalspurvariante

Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) kreidet Löw zweierlei Maß an: „Dass Löws Personalmanagement nicht das beste ist, zeigt sich immer häufiger: Er glaubt, es sich leisten zu können, alte Fahrensmänner wie Timo Hildebrand per Telefon abzumeiern und einem wie Kevin Kuranyi nicht erläutern zu müssen, dass seine Perspektiven nicht die besten waren. So kommt es, dass der eine wutentbrannt die rauen Sitten moniert und der andere bei Nacht und Nebel von der Tribüne stiften geht. Und so kommt es vielleicht auch, dass sich Ballack genötigt sah, einfach mal ein Wort zu sagen und für die alten Kameraden in die Bresche zu springen. Denn es dünkt nach viel Hinterzimmerdiplomatie im DFB. Und der freundliche Bundestrainer hat sich als ein Freund der defensiven Konfliktbewältigung entpuppt, was wohl weiterhin für muntere Episoden aus der DFB-Trutzburg sorgen dürfte.“

Über die „disziplinarische Schmalspurvariante“ spottet auch Michael Horeni (FAZ): „Dass er ein so gehöriges Maß an Toleranz für seinen Kapitän aufbrachte, wird Löw seinen Spielern erst noch erklären müssen. Löw hat den Fall Ballack offiziell zu den Akten gelegt – aber beendet ist er noch lange nicht. Der Löw hat nur gebrüllt, nicht gebissen.“

Auch Kollege Steffen Dobbert (Zeit Online) stellt in seinem Kommentar heraus: „Löws Autorität hat durch den öffentlichen Konflikt mit Ballack Schaden genommen. Der Kapitän kann sich als Sieger fühlen. Der Nationalelf hat er nicht geholfen.“

Die FAS stellt die Frage: „Eine wichtige Frage bleibt in der Diskussion nämlich offen, die auch nach der Einigung zwischen Ballack und Löw nicht geklärt werden konnte: Hat der Kapitän mit seiner inhaltlichen Kritik eigentlich Recht oder nicht?“ Philipp Selldorf (SZ) befasst sich mit der Wirkung: „Zu dieser Affäre gehört, dass nach ihrer überraschend ergebnisfreien Beilegung alle Welt fragt: Wer ist denn nun Gewinner und wer ist Verlierer?“ Verlierer sei auf jeden Fall Torsten Frings

Unverständlich

Jan Christian Müller (FR) lehnt den Gedanken daran ab, Jens Lehmann ein Abschiedsspiel gegen England zu gewähren: „Unverständlich wäre es, wenn Löw einer für den deutschen Fußball nicht sonderlich prägenden Figur wie Lehmann noch einen Einsatz gönnen würde. Ganz unabhängig davon, dass es das falsche Signal an die nachrückenden Talente Adler und Neuer wäre, die jede Minute Einsatzzeit in der A-Mannschaft voranbringt, stellt sich die Frage: Womit hätte sich Lehmann eine Sonderbehandlung verdient? Dafür, dass er mit Oliver Kahn stets ein vorbildlos unkollegiales Verhältnis pflegte? Dafür, dass er lediglich zwischen März 2006 und Juni 2008 Deutschlands Nummer eins war? Dafür, dass er mal heimlich Handschuhe von Nike trug statt von DFB-Ausrüster Adidas? Dafür, dass er mit Manager Bierhoff gut kann? Oder dafür, dass er in der Premier League sein Geld verdiente und es deshalb schön passt mit dem Abschied gegen England? Wie auch immer: Wenn Löw sich entscheidet, Lehmann zwischen die Pfosten zu stellen, dann hätte eines Tages selbst Arne Friedrich Anspruch auf ein Dankeschön im Adlertrikot. Bernd Schneider sowieso. Und Klose, Schweini und Poldi, Merte und Metze. Und sogar Ballack und Frings.“

Dienstag, 28. Oktober 2008

Bundesliga

Verrücktes Provinzmärchen

Die überlegenen Erfolge der TSG Hoffenheim werfen auch ein düsteres Licht auf den Rest der Liga

Hoffenheim, Hoffenheim – (fast) keine Zeitung, die auf einen Kommentar zum neuen Liebling der deutschen Fußballexperten verzichtet. Und es mehren sich die Stimmen, die die Leistungen des Aufsteigers als Bloßstellung der Konkurrenz deklarieren, zumal Hoffenheim mit einem eher durchschnittlichen Etat zu Werke geht.

Christian Kamp (FAZ) entlarvt die Erklärungen der Vergangenheit von Bruchhagen und Co. als Ausreden: „Die Tabelle muss ein deprimierender Anblick sein für all die Klubs, die in selbstauferlegter Demut einen Platz knapp oberhalb der Abstiegszone als Höchstes der Gefühle betrachten. Was derzeit in Hoffenheim geschieht, hätte genauso gut – oder sogar besser – auch in Berlin, Frankfurt, Köln oder Wolfsburg passieren können.“

Sven Goldmann (Tagesspiegel) bohrt in der gleichen Wunde: „Ist Hoffenheim nun so stark oder der Rest der Liga so schwach? Bei allem Respekt vor der Schönheit des Hoffenheimer Fußballs, dem Geschick seines Trainers und der Weitsicht seines Managements (und allem Neid auf die finanziellen Mittel von Mäzen Dietmar Hopp) – der Erfolg des Überraschungsspitzenreiters steht nicht nur für sich, sondern auch für den Zustand der Liga. (…) Das hat ihr ein ehemaliger Zweitligist im ersten Saisonviertel vor Augen geführt.“

Die FR pocht darauf, dass die Mannschaft zwar „mit einigem Geld“, aber mit „noch viel mehr Sachkenntnis zusammengestellt“ worden sei; die SZ listet zwölf Gründe für die Stärke Hoffenheims.

Glaubwürdigkeit gerettet

Die Berliner Zeitung vom Samstag würdigt das Hoffenheimer Scouting und besonders Manager Jan Schindelmeiser, den Ralf Rangnick schon nach Hannover und nach Schalke holen wollte. Doch denen sei dessen Name wohl zu klein gewesen, wird Rangnick zitiert. Die FAZ stellt mit Zwischentönen Dietmar Hopps „Imperium“ vor.

In der FAZ der letzten Woche widmet sich Christian Eichler dem „englischen Hoffenheim“, dem Sensationsaufsteiger Hull City, noch immer 3. der Premier League. Diesem Klub verdankt Eichler, dass er seine letzten Illusionen bewahren dürfe: „Immer, wenn alle Welt gerade meint, der Fußball sei nun endgültig ein reines Investment geworden, ein Spielball der Kapitalströme, ein Finanzprodukt mit vorhersehbarem Ausgang – immer dann produziert er ein, zwei verrückte Provinzmärchen, und schon glaubt man wieder gern an das Unbezähmbare, Unbezahlbare dieses Spiels. So wie nun wieder die Kreissparkasse und nicht die Investmentbank gefragt ist, so sind es Provinzvereine und nicht Mega-Klubs, die dem Fußball die Glaubwürdigkeit retten.“

In der NZZ legt Stefan Osterhaus Kevin Kuranyi und Lukas Podolski nahe, ihre Vereine zu wechseln. Die Berliner Zeitung widmet sich Tottenham, dem Tabellenletzten der Premier League.

Deutsche Elf

Mutmassungen über Michael Ballack

Spekulationen über die Zukunft des Kapitäns Ballack im Nationalteam – wird Joachim Löw ihm vergeben, wird Ballack sich unterwerfen? An dieser Diskussion nehmen viele teil, nicht wenige mit komischen Einwürfen

Versuchen wir mal, die Akte Ballack übersichtlich zu präsentieren. Es wird immer klarer, dass sich Michael Ballack verspekuliert hat. Der Spiegel mutmaßt („Szenen einer Ehe“), dass er sich einer Verschwörung ausgesetzt gefühlt und als „Widerstandskämpfer“ angesehen werden gewollt habe, aber nun, zu seiner Überraschung, als eitle Diva dastehe. Vor allem in Löw habe er sich getäuscht, der, mahnt Michael Horeni (FAS), seine sanfte Tour aufgegeben habe und nun mit Drohungen reagiert: „Der nette Herr Löw ist seit der Europameisterschaft nicht mehr zur Nationalmannschaft zurückgekehrt. Er folgte offenbar dem Rat von Vertrauten und handelt erkennbar konsequenter – wohl des Bundestrainers persönliche Konsequenz aus einem holprigen, am Ende aber vom Ergebnis erfolgreichen EM-Turniers.“

Jan Christian Müller (FR) lenkt den Blick auf Ballacks Berater, der bei der Initiative zum FAZ-Interview eine große Rolle gespielt haben dürfte: „Offenbar hat Ballack mit seinem Berater Michael Becker die Resonanz – auch die des Bundestrainers – gehörig unterschätzt. Intern ist man sich beim DFB einig, dass Ballack nur dann auch künftig in der Nationalmannschaft spielen kann, wenn er im Gespräch mit Löw ein ausreichendes Maß an Demut zeigt. Auch die Rolle seines Beraters wird auf den Tisch kommen.“

Die FAZ flüstert uns ein Gerücht über die Zukunft Ballacks ins Ohr: „Es verdichten sich nach der Erklärung Ballacks die Zeichen, dass dem Kapitän nach der Entschuldigung zwar weiterhin der Entzug des Kapitänsamtes droht, der Bundestrainer aber nicht die sportliche Zusammenarbeit kündigen wird.“

Ich weiß nicht, wie Ballack die Kurve kriegen will

Überraschenderweise hat sich Christoph Schickhardt, Joachim Löws Anwalt, am Samstag in der Stuttgarter Zeitung zu Wort gemeldet (wohl kaum ohne Löws Einverständnis) und das Innenleben seines Mandanten referiert: „Er war völlig fassungslos und enttäuscht. Speziell der Vorwurf, mangelnden Respekt zu zeigen, hat ihn tief verletzt. Da ist ihm der Kragen geplatzt. Ich kenne wirklich niemanden im Fußballgeschäft, der so respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht wie Joachim Löw. Er behandelt alle gleich korrekt – egal, ob Busfahrer, Fan oder Star. Wer den Vorwurf der Respektlosigkeit gegenüber Löw erhebt, kennt offensichtlich Sinn und Bedeutung des Wortes Respekt nicht.“

Schickhardt versucht, klarzumachen, wer Koch und wer Kellner sei: „Ich glaube, das Wort Gespräch ist der falsche Begriff. Anhörung trifft die Sache wohl besser. Von deren Ablauf macht der Bundestrainer seine Entscheidung abhängig.“

Über die Chancen auf Versöhnung (eher: auf Vergebung) sagt er: „Ballack muss eine Situation schaffen, die es Joachim Löw ermöglicht, ihn zu berücksichtigen. Joachim Löw war es, der Michael Ballack bisher stets engagiert in Schutz genommen hat. Für interne Kritik steht dem Kapitän die Tür sperrangelweit offen. Niemand sollte sich aber in der Durchsetzungskraft und Konsequenz von Joachim Löw täuschen. Ich weiß im Moment nicht, wie Ballack die Kurve kriegen will.“

Heile-Welt-Fassade eingerissen

Wie wird reagiert? In der SZ von heute lesen wir dazu: „Diese Kommentierung passe nicht zu dem bis zur Aussprache vereinbarten Stillhalteabkommen, hieß es aus Ballacks Lager.“ Die FAZ protokolliert das Empfinden der Gegenseite: „Dass Ballack nicht bei Löw anrief, sondern seinen Verein ein Fax nach Frankfurt schicken ließ, kam beim DFB nicht gut an.“

Sehr eigenwillig die Reaktionen von Ottmar Hitzfeld und Uli Hoeneß: Hitzfeld wird mit der Ansage zitiert, er, an Löws Stelle, wäre sofort nach London geflogen, um das Problem zu beheben. Löw wird sich für den Rat bedanken. Und Hoeneß wirft dem DFB schlechte Krisenkommunikation vor. Ob man dem zustimmen mag oder nicht – da sieht einer den Balken nicht in seinem Auge. Die Öffentlichkeit durfte in Ballacks letzter Saison 05/06 sehr viel darüber erfahren, wie gestört das Verhältnis zwischen der Bayern-Führung und „dem guten Kopfballspieler“ war.

Horeni seufzt im FAZ-Kommentar vom Samstag allgemein: „Es fällt schon länger auf, wie schwer sich deutsche Fußballprofis in einem Geschäft tun, in dem sie täglich von Fans, Medien und Klubs hofiert und bejubelt werden. Weder bei ihren bezahlten Beratern noch in ihren Familien haben sie die Erdung, die ihnen eine kritische Selbstwahrnehmung ermöglichte.“

Vielleicht hat ja auch Philipp Selldorf (SZ) recht: „Vielleicht wirkt es sich sogar produktiv aus, dass die Heile-Welt-Fassade beim DFB-Team ein wenig eingerissen worden ist.“

Montag, 27. Oktober 2008

Bundesliga

Auf Platz 1 gezaubert

Der Tabellenführer TSG Hoffenheim verführt die Experten nicht bloß durch gute Ergebnisse wie das 3:0 gegen Hamburg, sondern vor allem durch spektakulären Offensivfußball / Jürgen Klinsmann legt beim 4:2 gegen Wolfsburg sein „Gesellenstück“ (FTD) ab / Hans Meyer bringt zu seinem Comeback nach Mönchengladbach das Glück mit

Hoffenheim schickt weiterhin die Journalisten auf die Suche nach neuen Superlativen. 3:0 gegen Hamburg, und das Ergebnis stand schon nach gut dreißig Minuten fest. Immerhin maß sich hier der Tabellendritte mit dem Zweiten. Oder anders: der jüngste Bundesligaklub mit dem dienstältesten.

Jan Christian Müller (FR) bestaunt die Überlegenheit des Aufsteigers: „Der Neuling TSG 1899 Hoffenheim hat mit dem Dino eine Halbzeit lang verwirrend Brummkreisel gespielt, ehe er in der zweiten Hälfte Gnade vor Recht ergehen ließ und die Hamburger ohne weiteres Gegentor auf die Heimreise schickte. Selten zuvor hat eine Mannschaft in einer vergleichbaren Hochgeschwindigkeit Bundesliga-Fußball demonstriert.“

Oliver Trust (Tagesspiegel) imponiert die „spielerische Macht und Überlegenheit“ der TSG, die den „überforderten HSV überrollt“ habe. „Auf Platz 1 gezaubert“, titelt die FAZ. Die SZ betont die Ausgewogenheit der Hoffenheim’schen Qualitäten: „Es war faszinierend zu sehen, wie die junge Hoffenheimer Elf jeden Angriff konsequent zu Ende spielte. Alles passierte schnell, aber nichts hastig, alles war filigran, aber nichts verkünstelt.“

Die volle Lust am Leben

Bayern gewinnt zuhause gegen Wolfsburg (4:2), an dem Ergebnis ist nichts ungewöhnlich. Doch dem Zustandekommen gewinnen manche Zeitungen hohen Nachrichtenwert ab. Es sei der Erfolg des Trainers gewesen, der in der Halbzeit die Weichen auf Sieg umstellte, indem er den Spielmacher Zé Roberto in der zweiten Halbzeit in die Abwehr beorderte und Tim Borowski einwechselte. Zé Roberto bereitete zwei Treffer vor, Borowski schoss das Führungstor.

Michael Neudecker (Berliner Zeitung) schreibt die Wende dem Trainer gut: „Dass die Bayern trotz des 0:2-Rückstandes noch 4:2 gewannen, das lag insbesondere an Klinsmann, weil er zum ersten Mal als Bayern-Trainer während des Spiels eine richtige, ja: glänzende taktische Entscheidung traf.“ Auch die Financial Times Deutschland spricht von „Klinsmanns Gesellenstück“. Neudecker hält aber auch fest, wie sehr die Stimmung auf der Kippe gestanden habe: „Klinsmanns Popularität in München hält sich in Grenzen, und sie wäre auf einen neuen Tiefpunkt gesunken, hätten die Münchner so weitergespielt, wie sie begannen.“

Klaus Hoeltzenbein (SZ) weist auf einen anderen Aspekt hin, den großen und Bayern-untypischen Hedonismus des „All-Inclusive-Programms“, das mit Klinsmann Einzug gehalten habe. Das neue Erlebnis sei „weniger etwas für Freunde der Hochkultur des Spiels, die jeden Fehler am liebsten stundenlang auf der Taktiktafel nachvollziehen, mehr etwas für Fans des Spektakelfußballs, die im Stadion für ihr Geld die volle Lust am Leben suchen, Zerstreuung pur, Ablenkung von den Sorgen des Alltags.“

Peter Heß (FAZ) stimmt ein und nimmt Klinsmann wegen seiner angekündigten Reformen auf den Arm: „Klinsmann hat bei den Bayern eine Menge bewegt. Mannschaftsformation und Spieltaktik ähneln zwar immer mehr den Vorstellungen Ottmar Hitzfelds. Aber im Gegensatz zur vergangenen Saison bietet der Deutsche Meister fast immer gute Unterhaltung.“ Lukas Podolski allerdings habe wenig zum Sieg beigetragen, seine Aktien seien wieder gesunken, meint Heß: „Einige Male stand das Bayern-Sorgenkind nun in der Anfangsformation, nicht einmal vermochte es, seinen Anspruch auf einen Stammplatz argumentativ zu untermauern.“

Noch viel zu tun

Hans Meyer ist mit einem 1:0-Erfolg über Karlsruhe in die Bundesliga und nach Mönchengladbach zurückgekehrt. Doch in Einklang mit ihm finden die Experten einigen Grund zur Beanstandung. Richard Leipold (FAZ) kann abseits des Ergebnisses nicht viel Gutes erkennen: „Meyer konnte bei seiner Premiere nur eines gewinnen: die Erkenntnis, dass ihm und seinen Gefolgsleuten noch viel Arbeit ins Haus steht auf dem Weg in sicheres Bundesligafahrwasser. Den Sieg verdankten sie weniger ihrer eigenen Stärke als dem Unvermögen des Gegners, seine Überlegenheit in Treffern auszudrücken.“ Ulrich Hartmann (SZ) fügt hinzu: „Der zweite Saisonsieg hat weder dem neuen Trainer noch den Spielern vorgaukeln können, dass nun alles wieder gut ist bei den wochenlang erfolglosen Gladbachern.“

Beste Unterhaltung

Momentan fallen viele Tore, an der Tabellenspitze stehen Mannschaften, Hoffenheim und Leverkusen, die ihren Erfolg in der Offensive suchen, selbst Bayern und Hamburg, traditionell eher verteidigende Teams, kriegen manches Mal die Hütte voll. So schön das alles ist – spricht das für oder gegen die Qualität der Bundesligavereine?, fragen sich zwei Kommentatoren heute. Markus Lotter (Berliner Zeitung) sucht den kleinsten Nenner: „Mit Verzögerung ist hemmungsloser Offensivfußball in den deutschen Arenen zu bestaunen, für den diese Arenen aus dem Boden gestampft wurden und werden. Der Fußball ist endlich so attraktiv wie das schicke Drumherum, die Liga so spannend wie nie, weil unberechenbarer und ausgeglichener als jemals zuvor. Gesteigerte Attraktivität ist allerdings bekanntlich nicht immer ein Zeichen für Klasse und Güte, aber wenn schon in Deutschland auch in Zukunft nicht die besten Fußballspieler der Welt den besten Fußball der Welt spielen, darf man sich wenigstens für den Moment über das Erreichen der nächsten Entwicklungsstufe und über die beste Unterhaltung in der Geschichte der Bundesliga freuen.“ Christian Eichler erörtert im FAZ-Kommentar am Montag den Trend zu kuriosen Spielverläufen, kann sich aber nicht festlegen, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist: „Sicher ist nur, dass es so schwer ist wie nie, Gegner auf Abstand zu halten.“

Sonntag, 26. Oktober 2008

Ascheplatz

Weinreich, Frings und Bild

Im Blog gibts wieder mal was zu lesen und zu diskutieren:

Sieg für die Meinungsfreiheit beim Duell Zwanziger gegen Weinreich – wie der Versuch des DFB-Präsidenten scheitert, einem Kritiker den Mund zu verbieten, das besondere daran ist auch, dass sich die Sache in meinem Stadion abgespielt hat (mehr)
Günter Clobes ruft Ballack und Frings zur Raison, und es wird schon eifrig debattiert (mehr)
bild.de zeichnet den direkten freistoss als einen der zehn besten Blogs der Welt aus (mehr)

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