indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Champions League

Das Ergebnis lügt

Bayern trifft genauer als Florenz, das reicht zum 3:0

3:0 gewonnen – und doch mussten die Bayern-Fans einige Male die Luft anhalten. „Das Ergebnis lügt“, hat Fiorentinas Alberto Gilardino das Spiel grandios kommentiert. Die SZ hat bei den Bayern ziemlich viel, nämlich „Fitness, Offensivstärken und Abwehrschwächen“ gesehen.

Michael Neudecker (Berliner Zeitung) neckt die Sieger: „Es ist keine Erscheinung der Klinsmann-Zeit, dass die Münchner vor allem dann Lust auf Hochleistung haben, wenn sie gegen große Gegner antreten, im Rampenlicht, vor den Augen der Welt. Dass sie ihre beiden Gesichter – das fröhliche nach erzielten Toren, und das erschrockene nach schlimmen Fehlern – aber in einem Spiel zugleich zeigen können, und zwar konsequent 90 Minuten lang, das ist neu.“ Klaus Hoeltzenbein (SZ) staunt über das Ergebnis angesichts des Spielverlaufs: „3:2, 2:2, 5:2, 4:6, 8:7, völlig egal, fast alles wäre möglich gewesen. Die Statistiker zählten dreiundzwanzig Torschüsse – für Florenz..“

Deutsche Elf

Unverschämtheiten

Michael Ballack und Torsten Frings weichen trotz Kritik und Drohungen nicht ab von ihrer Linie; Ballack zeigt, dass man auch ein Dialogangebot provokativ formulieren kann

Michael Ballacks Gesprächsofferte an Joachim Löw über die Bild-„Zeitung“ („Ich freue mich, dass der Bundestrainer wieder den Dialog mit mir sucht“) enthält keine Spur der Reue, die Zeitungen legen es als Fortführung der Provokation aus. Philipp Selldorf (SZ) schreibt: „Die Formulierung kam bei Löw genau so an, wie sie gemeint war: als Provokation. Entspannung im schwer gestörten Verhältnis zwischen den beiden Männern ist demnach nicht zu erwarten.“ Beim DFB sei von einer „Unverschämtheit“ die Rede. Selldorf pflichtet dieser Interpretation bei: „Es ist ja nicht so, dass Löw dem Spieler den Dialog zuvor versagt hätte.“ Wird Ballack Kapitän bleiben dürfen? Womöglich, so will die FAZ erfahren haben, gebe sich der DFB nicht mal mehr mit einer öffentlichen Entschuldigung zufrieden.

Der Tagesspiegel ergänzt und befasst sich auch mit dem erneut vorlauten Torsten Frings: „Beim Bundestrainer sind die Aussagen nicht besonders gut angekommen. Aus seinem Umfeld heißt es, dass er richtig geladen sei und vor ernsten Konsequenzen nicht mehr zurückschrecke. Dass sich auch Frings wieder zu Wort gemeldet hat und nun seinerseits seinem Kumpel Ballack zur Seite springt, trägt nicht unbedingt zur Entspannung bei.“

Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) fügt hinzu: „Die Diagnose bei Frings kann eigentlich nur zu diesem Ergebnis führen: klarer Fall von chronischer Selbstüberschätzung.“ Will Frings seinen Rauswurf provozieren?, fragt Spiegel Online.

Philipp Lahm wird in der FAZ mit den distanzierenden Worten zitiert: „Als Führungsspieler muss ich wissen, dass mein Verhalten, sei es nun auf oder neben dem Platz, in Interviews von Bedeutung ist und nur einem Zweck dienen soll: die Mannschaft zu stärken.“

Klub der extremen Kontraste

Was noch? „Ohne Leidenschaft, ohne Leichtigkeit“ hat die FAZ Bremen beim 2:2 in Athen gesehen: das gilt auch für Torsten Frings. In der FAZ lernen wir über „Größenwahn, Geldvernichtung und Gewaltbereitschaft“ bei Paris St. Germain, einem „Klub der extremen Kontraste.“ Die Neue Zürcher Zeitung befasst sich mit den Langzeitfolgen der Finanzkrise für den englischen Vereinsfußball. Die traditionellen Funktionäre versuchen nun, in schweren Zeiten, die Liga stärker zu reglementieren. Kolportiert wird, dass Roman Abramowitsch umgerechnet 8,6 Milliarden Euro verloren haben soll.

Walter Zenga, Italiens „neuer Trainerstar“, führt Catania vom Tabellenende der Serie B an die Spitze der Serie A, erfahren wir aus der NZZ – und das, ungewöhnlicherweise für einen kleinen Klub, mit Rotation. Beckham nach Mailand, Jürgen Kalwa berichtet für die FAZ.

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Deutsche Elf

Unruhige Zeiten stehen bevor

Ausschließlich harsche Kritik an Michael Ballack, sein Rauswurf sei keine unwahrscheinliche Variante / Einheit Nationalmannschaft zerbrochen (FAZ) / Theo Zwanziger steht an der Seite Joachim Löws

Die Sportredaktionen Deutschlands scheinen mehrheitlich damit zu rechnen, dass Joachim Löw Michael Ballack rauswerfen wird. So zumindest deuten sie Löws Aussagen über Ballacks öffentliche Kritik: als ernstzunehmende Drohung, der sich Ballack unterwerfen sollte. Markus Völker (taz) schreibt: „Der nette Herr Löw kann auch anders. Je größer der innerbetriebliche Druck auf ihn wird und je mehr die Gruppendynamik aus dem Ruder zu laufen droht, desto autoritärer scheint er zu werden. In seinen Äußerungen steckt ein klare Drohung: Kommen wir nicht überein, dann ist die Nationalmannschaftskarriere für Ballack zu Ende.“

„Ballack riskiert seine DFB-Karriere“, heißt es von Philipp Selldorf (SZ), der baff über dessen Meinung urteilt: „Wie Ballack in Löws simplem Kurswechsel eine Verschwörung erkennen kann, ist ein Rätsel. Er wird es Löw schlüssig erklären müssen, sonst wird es vielleicht ihr letztes Gespräch miteinander sein.“ Auch die FR hat ein Machtwort des Bundestrainers herausgehört: „Löw droht Ballack mit Rauswurf“.

In einem zweiten Text veranschaulicht Selldorf die Schwere des Delikts: „Kritik am Trainer und/oder an Mitspielern planvoll in Interviews publizieren zu lassen – wie es Ballack in der Manier eines Politikers getan hat –, das ist ein Vergehen, das eigentlich nur noch von absichtlichen Schienbeinbrüchen im Training übertroffen werden kann.“

Immer-IchIchIch-AGs

Unter dem Titel „Eine Einheit ist zerbrochen“ betont Michael Horeni (FAZ) den Kontext, denn Ballack ist nicht der einzige, der aus der Linie ausgeschert hat. Und er tut das auch nicht zum ersten Mal. Stichworte Ballack/Bierhoff, Kuranyi, Frings. Horeni spürt, sich nicht nur auf Ballack fokussierend, ein „Reizklima, wie es die meisten Spieler noch nie erlebt haben“. Von wegen „Identität“ und „gemeinsames Ziel, das über Einzelinteressen und Eitelkeiten gestellt ist“. Das sei eine „Fiktion“. Horenis Fazit streicht die möglichen Langzeitfolgen heraus: „Ballack und der Nationalmannschaft stehen unruhige Zeiten bevor.“

Markus Lotter (Berliner Zeitung) erkennt die Tendenz zur Dekadenz: „Die Immer-IchIchIch-AGs im Kreis der Nationalmannschaft sind immer mächtiger und vorlauter geworden, gemanagt von der ersten Ich-AG des deutschen Fußballs, wie Karl-Heinz Rummenigge Oliver Bierhoff getauft hat. Ein Biotop für altkluge Neureiche ist hier scheinbar entstanden, mit finanziell unabhängigen und sorgenfreien Egomanen, bei denen der Sinn fürs Ganze abhanden gekommen ist, bei denen Kritik nur die Eitelkeit, nicht den Ehrgeiz provoziert. Wie das mit den Neureichen eben oftmals so ist, reich, verwöhnt, aber keineswegs vermögend.“ Ich glaube, einwenden zu dürfen: Eitelkeit und Ichbezogenheit hängen nicht stark mit Reichtum oder Armut zusammen – zumindest nicht im Fußball. Schnell beleidigt ist man auch in der Kreisklasse.

Rollenspiele gegen die Autorität des Bundestrainers

Hat die Sport Bild am Ende doch recht gehabt mit ihrer steilen These von der geschwundenen Akzeptanz Ballacks im Team? Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) blickt zurück auf die Zeit seit Juni und meint, eine Konstanz in Ballacks Handeln und Reden festzustellen: „In bisher ungekannter Schärfe tobt der Machtkampf, der seit Monaten unter der Oberfläche geschwelt hat. Seit der EM gilt Ballack intern als nicht mehr unumstritten. Viele Mitspieler nehmen ihm übel, dass er Interna aus dem Mannschaftsquartier über seinen Berater öffentlich gemacht und gleichzeitig den Eindruck erweckt haben soll, dass der Kapitän und nicht der Bundestrainer für den Wechsel des Spielsystems vor dem Viertelfinale gegen Portugal verantwortlich gewesen sei.“

Theo Zwanziger stellt sich in der FR unmissverständlich an die Seite des Trainers: „Es ist eine schwierige und komplizierte Situation, die Michael Ballack verursacht hat. Ich verstehe ihn überhaupt nicht und bin von seinem Stil arg enttäuscht. (…) Wer sich als Spieler profilieren will, soll das tun, indem er Leistung bringt, konstruktive Kritik übt und anderen in der Mannschaft gute Ratschläge gibt, aber nicht dadurch, dass er gegen die Autorität des Bundestrainers solche Rollenspiele veranstaltet.“ Fast wortgleich sagt er einen Satz, der gestern auf fr-online gestanden hat: „Er hat in massiver Weise gegen einen Verhaltenskodex verstoßen, der bei der Nationalmannschaft ganz oben in der Liste steht.“

Ein klassischer Zwanziger-Satz muss noch erwähnt werden: „Wir sind es den vielen Millionen Menschen in Deutschland schuldig, dass wir keine Nebenkriegsschauplätze eröffnen.“ Immer dieses Verantwortungsgehabe der Sportfunktionäre. Ich glaube, nicht wenige der vielen Millionen fühlen sich von der aktuellen DFB-Soap mehr unterhalten als betroffen. Und wie viele Millionen sind eigentlich gemeint? Zweiundachtzig?

Hier ist mein Senf auf Zeit Online.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Deutsche Elf

Angriff auf die Autorität des Trainers

Michael Ballack steigert die öffentlichen Scharmützel in der Nationalmannschaft durch Vorwürfe an Joachim Löw in einem FAZ-Interview

Ist Fußball-Deutschland in Not? Nach dem monatelangen Ballack/Bierhoff-Streit, den Klagen Torsten Frings’ in der Bild-Zeitung, der ferndiagnostischen Einmischung Bernhard Peters’ während der EM, hat nun Michael Ballack der FAZ ein Interview gegeben, in dem er kräftig austeilt gegen Bundestrainer Joachim Löw, Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann und, indirekt, auch gegen seine Mitspieler. Und der Schauplatz ist erneut die Presse.

Zweck seiner Wortmeldung ist es, seinem (ehemaligen) Ersten Offizier Torsten Frings, der wegen Versetzung in die Reserve öffentlich über seinen Rücktritt nachdenkt, bei dessen Kampf um einen Stammplatz Rückendeckung zu gewähren: „Torsten hat fast achtzig Länderspiele und spielt regelmäßig in der Champions League. Um ihn zu verdrängen, müsste ein anderer besser sein und diese Leistung über einen längeren Zeitraum konstant auf hohem Niveau unter Beweis stellen.“ Zwar gesteht Ballack zu, dass Frings nicht in Topform sei „aber er spielt immer noch auf einem sehr hohen Niveau.“

In Sachen Menschenführung stellt Ballack seinem Trainer ein schlechtes Zeugnis aus und zweifelt an dessen Charakter: „Wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich ansprechen. Respekt und Loyalität ist doch das Wenigste, was man als verdienter Nationalspieler erwarten kann.“

Unehrlich

Ballack sagt, dass es ihm nicht um „Erbhöfe“ gehe, sondern „allein um Leistungen“. Dieser Versuch der Klarstellung überzeugt jedoch nicht, da der Rest des Interviews nach dem Gegenteil klingt. Man müsse nämlich „unterscheiden, wann und wo diese Leistungen erbracht werden. Und wenn der Bundestrainer fordert, die jungen Spieler sollen mehr Druck machen, dann ist das völlig in Ordnung. Wir dürfen das Spiel aber nicht zu weit treiben.“ Ist klar, was? Konkurrenzkampf ist gut, aber bitte bei den anderen.

Mit folgendem Vorwurf dürfte er allerdings bei den vielen Leuten, die Löws Arbeit schätzen, Konsens finden: „Ich finde es grundsätzlich gut, einen Konkurrenzkampf auszurufen. Im Umkehrschluss frage ich mich natürlich, ob es in der Vergangenheit wohl Fälle gab, bei denen das Leistungsprinzip nicht angewendet worden ist.“ Experten könnten nun entgegnen: bei Frings zum Beispiel, der schon lange nicht mehr so gut wie 2006 spielt.

Einen Nachtritt erhält auch Klinsmann, dem Ballack einen von den vielen Klinsmann-Gegnern gerne unterstellten Vorwurf untermauert: dass er Oliver Kahn und sogar Christian Wörns unehrlich behandelt und ihnen, entgegen Beteuerungen, keine echte Chance gewährt habe: „Wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich ansprechen. Ich denke an den einen oder anderen Fall aus der Vergangenheit – zum Beispiel Oliver Kahn. Es war ein Konkurrenzkampf mit Jens Lehmann ausgegeben worden, den er nie gewinnen konnte. Oder bei Christian Wörns, der im Gegensatz zu Christoph Metzelder im selben Verein spielte und nicht auf der Bank saß.“ Selbst Flüchtling Kevin Kuranyi erfährt Ballacks Verständnis: „Seine Reaktion war natürlich nicht akzeptabel. Aber ich kann Kevins Frust gut verstehen.“

Fraktionsloser

Es fragt sich, wie Joachim Löw mit Michael Ballack künftig noch zusammenarbeiten können wird. Ihr Verhältnis wird auf jeden Fall unter Ballacks öffentlicher Attacke leiden. Es fragt sich auch, was seine Mitspieler, etwa der Frings-Ersatz Thomas Hitzlsperger, von Ballacks Lobbyversuch zugunsten Frings denken. Wohlgemerkt, es handelt sich um den Kapitän, der in der Zeitung den Nationaltrainer heftig kritisiert. Das hat es in der Geschichte der Nationalmannschaft noch nicht gegeben. Und Löw wird sich die Frage anhören müssen, ob er Ballack hinauswerfen werde. Frings jedenfalls wird Ballack keinen Gefallen getan haben. Es wäre ein Gesichtsverlust für Löw, Frings wieder zu berücksichtigen.

Eine nette Nebensache sei noch erwähnt: Angesprochen auf Olaf Thons Einwurf im kicker, dass Bastian Schweinsteiger der „wahre Kapitän“ sei und Ballack „viel zu behäbig“ spiele, fährt Ballack aus der Haut: „Das ist der Trend, den ich seit einigen Wochen beobachte: Dass versucht wird, einigen Spielern im Team ans Bein zu pinkeln, und einige auf diesen Zug aufspringen wollen. Ich warte fast stündlich auf den Beitrag von Lothar Matthäus und seinen Lohnschreibern.“

Mit Springer kooperiert Ballack seit Jahren nicht auf die gewünschte und übliche Weise; in der Nationalelf könnte er sich nun tatsächlich isoliert haben, wie es die Sport!Bild im vergangenen Monat kolportierte; Bayern München, das Ballack vor gut zwei Jahren einen schäbigen Abschied bereitete, wird sich auch nicht für ihn stark machen, zumal er Trainer Klinsmann angegangen ist. Ballack scheint sich in der Rolle des Fraktionslosen innerhalb der Fußballmächte Deutschlands zu gefallen.

Verhaltenskodex schwer verletzt

Die Zeitungen werden erst morgen reagieren können, dafür wird es vermutlich ein Thema der nächsten Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre bleiben. Im Internet gibt es erste Urteile, auf fr-online rügt Jan Christian Müller Ballack dafür, dass er den „Verhaltenskodex schwer verletzt“, es handle sich um einen „unverhohlenen Angriff auf die offenbar im Eiltempo schwindende Autorität des Bundestrainers“.

Müller erlebt Ballacks Ausführungen als Eskalation: „Bislang glaubte man, vor allem das Verhältnis Ballacks mit Oliver Bierhoff sei hochgradig belastet. Eine zwar unangenehme und belastende, aber angesichts der verständlicherweise unterschiedlichen Blickwinkel der beiden – Sport!kontra Vermarktung – gerade noch erträgliche Konstellation. Im Fall Ballack kontra Löw stellt sich das Problem allerdings ungleich größer dar.“

Und stellt Ballacks Rede in den Zusammenhang mit dem Frings-Interview in der vergangenen Woche: „Die Platzhirsche nutzen das ganze mediale Rüstzeug, das ihnen zur Verfügung steht, um ihr Revier zu verteidigen.“

Montag, 20. Oktober 2008

Bundesliga

Lösung mit Charme

8.Spieltag: Hans Meyer wird zum zweiten Mal Trainer in Mönchengladbach und darf auf einen Bonus bei der Presse bauen / Die TSG Hoffenheim stürmt in die Herzen der Experten / Werder Bremen zeigt Launen / Das Titelrennen ist so unvorhersehbar wie selten zuvor

Hans Meyer ist ein Trainer, der wegen seiner Beredsamkeit gute Karten bei der Presse hat und sich als Retter in der Not schon in Nürnberg und Berlin bewährt hat. Folglich wird seine Rückkehr nach Mönchengladbach in den Medien mit gemäßigtem Optimismus gebilligt. Stefan Hermanns (Tagesspiegel) schreibt: „Die Lösung Meyer besticht nur bedingt durch Originalität. Aber die Gladbacher befinden sich in einer Situation, in der sie sich eines ganz sicher nicht leisten können: Originalität. Ihre Lage erlaubt keine Experimente. Insofern ist die Entscheidung für den Ex eine gute Entscheidung. Sie zeugt von einer für den Verein eher untypischen Sachlichkeit.“

Auch Roland Zorn (FAZ) nennt die Rückholung Meyers einen „traditionellen Therapieversuch“, aber eine „Lösung mit Charme“. Zudem habe Meyer, der mit Gladbach einst aufstieg, aber später auch entlassen wurde, die nötige Erfahrung im Umgang mit dem Präsidenten Rolf Königs: „Meyer war schon mal da, kennt den Königs-Weg also in guten wie in schlechten Zeiten und gehört zur profilierten Nothelfergeneration der Bundesliga.“

Neue Augen

Hoffenheim, 5:2-Sieger in Hannover, gewinnt die Sympathien und den Respekt für seinen erfolgreichen Offensivfußball. Markus Lotter (Berliner Zeitung) hat den Klub ab sofort und für die nächsten Jahre auf seiner Meisterschaftsrechnung: „Hoffenheim muss alles zugetraut werden. Ein Verein, der polarisiert, der sich alles leisten kann, der mit Mäzen Dietmar Hopp, Sportdirektor Bernhard Peters, und Ralf Rangnick charismatische Führungskräfte vorzuzeigen hat. Hoffenheim 1899 hat das Zeug dazu, sich künftig mit dem FC Bayern um die Macht in Deutschland zu duellieren.“

„Auch Hannover wird im Sturm erobert“, stimmt Christian Kamp (FAZ) ein und will eine flache Hierarchie im Team erkannt haben: „Die Wende mit vier Toren in vierzehn Minuten schien fast wie von selbst zu kommen: ohne dass ein Wortführer große Kommandos gab, ohne dass jemand ein Zeichen setzten musste. Einfach, weil das System funktioniert.“ Das soll das Untypische, vielleicht sogar „Undeutsche“ an Hoffenheim betonen; hierzulande führt man ja gerne Führungsspielerdebatten.

Entgegen den Vorurteilen der Hoffenheim-Feinde aus den gegnerischen Fan-Blocks und Internet-Foren hat die TSG bislang keine bekannten Stars gekauft, sondern Unbekannte oder Spieler aus der zweiten Reihe wie Tobias Weis und Andreas Beck aus Stuttgart oder Torjäger Vedad Ibisevic aus Aachen. Klaus Hoeltzenbein (SZ) bestaunt das Scouting und die Entwicklungsabteilung Hoffenheims: „Die Aufsteigerelf ist zwar nicht billig, in ihrem Kern aber noch immer eine Elf der Namenlosen. Es bleibt ein fachliches Rätsel: Warum sehen die einen Klubs in einem Spieler etwas, was andere nicht in ihm erkennen? Die Liga, so scheint es, hat neue, scharfe Augen.“

Verdacht der Überheblichkeit

Werder Bremen bietet seinen Zuschauern Tore hinten und vorne. Gegen Dortmund gab’s ein 3:3, drei Tore fielen in den Schlussminuten, erst führte Dortmund, dann führte Bremen, und gewinnen konnte keiner. Höchste Unterhaltung also, doch Frank Heike (FAZ) gibt das Unberechenbare und Wankelmütige der Mannschaft zu bedenken: „Der Verdacht der Überheblichkeit schwebt über ihr: mal gigantisch, mal desolat, immer unterhaltsam oder sogar völlig verrückt. Eine stete Entwicklung? Nicht zu sehen. Aber Ausschläge in beide Richtungen.“ Auch Jörg Marwedel (SZ) würdigt die „wunderbare Angriffsabteilung“ der Bremer, doch das aktuelle Werder-Team besitze „nicht mehr die Mentalität, die jene Mannschaft ausstrahlte, die 2004 das Double schaffte.“

Starke Opposition

Die Parallelen zwischen Bayern München und der CSU liegen auf der Hand: hier Tabellenmittelmaß, dort die Zumutung, einen Koalitionspartner suchen zu müssen – zwei neue Erfahrungen. Moritz Kielbassa (SZ) spinnt den Faden weiter und erläutert die Ambitionen der politischen Konkurrenz: „Der FC Bayern war zuletzt stramm auf dem Weg zur absoluten Mehrheit an Meistertiteln (bisher zwanzig in 45 Bundesliga-Jahren), heuer aber hat der Reformator Klinsmann einen steinigen Weg vor sich. Zumal es nicht mehr bloß, wie im Vorjahr, die Grünen aus Bremen und die Genossen aus Gelsenkirchen als ernsthafte Mitbewerber gibt. Auch der HSV drängt an die Macht, in Leverkusen formiert sich eine Spaßfußball-Opposition, in Wolfsburg macht das Kapital mobil, in Hoffenheim eine neue Oberschichtenpartei mit kluger Bildungs- und Importpolitik.“

Kurs Tabellenspitze

Dass für den Titelgewinn in dieser Saison viele Vereine in Frage kommen, findet auch Roland Zorn (FAZ), der nach dem 4:1 gegen Bielefeld die PS des neuen Wolfsburger Modells berechnet: „Das jahrelang übersehene Wolfsburger Fußball-Vehikel aus der Mittelklasse startet in dieser Saison mit Turbobeschleuniger durch: Kurs Tabellenspitze. Es ist ein grün-weißes Personaltableau, das durch Geschlossenheit, Zielstrebigkeit und Geschicklichkeit im Umgang mit Ball und Gegner besticht.“

Freitag, 17. Oktober 2008

Deutsche Elf

Wieder Souverän

1:0 gegen Wales – Joachim Löw hat mit neuen Maximen verlorenes Land zurückerobert

Nach dem erneuten Sieg, dem 1:0 gegen Wales, steht Joachim Löw im Fokus der Presse. Eine neue Härte wird ihm anerkannt, die Fehler der EM seien überwunden. Matti Lieske (Berliner Zeitung) fasst zusammen: „Eine Woche mit zwei Siegen hat dem Bundestrainer gereicht, seinen nach der EM etwas ramponierten Ruf wieder zu polieren. Eine gewisse Zaghaftigkeit, Unsicherheit und Dünnhäutigkeit beim Turnier im Sommer, die Ballack-Bierhoff-Affäre, die Hierarchiegeplänkel im Team hatten Löws Position erschüttert. Während der Woche in Düsseldorf trat er wieder als Souverän auf, der die Dinge steuert, anstatt sie treiben zu lassen.“

Michael Horeni (FAZ) würdigt die „neue Haltung“ Löws, nicht mehr über das Leistungsprinzip nur zu reden, sondern auch danach zu handeln. Dass er die Etablierten Torsten Frings und Christoph Metzelder nicht mehr spielen lässt, sei ein „Signal“, das von allen verstanden worden sei. Horenis Fazit: „Dass die deutschen Profis nicht immer nur hören, sondern jetzt tatsächlich erfahren, dass sie sich immer wieder selbst neu qualifizieren müssen, bringt einen ganz neuen Reiz und Qualität in die deutsche WM-Qualifikation.“

Ein neues „spielerisches Element“ erfahre das Team durch Piotr Trochowski, ein Ersatz für Bernd Schneider. Die SZ nennt Bastian Schweinsteiger die „beherrschende Figur des Spiels“, der „mit dem Selbstbewusstsein und der Selbstverständlichkeit eines Anführers auftrat“.

Durchtrieben

Bernd Müllender (taz) kommentiert Michael Ballacks höhnisch: „Gegen Wales gab er, manchmal sogar im Stand, den ruhenden Pol in einem quirligen Mittelfeld, scheuchte nach seinen vielen Fehlpässen die Mitspieler gestenreich zur Verfolgung des Gegners, trieb durch seine Zweikampfschludrigkeit die anderen erst zur Klasse an und erstickte mit Lethargie und Verletzungsangst alle übermütige Eile. Vielleicht wird dieser Ballack doch nicht überschätzt, sondern ist ein interner Intimmotivator in geheimer Mission. Eine durchtriebene Sache. Manchmal, das weiß man lange, spielt eine Elf zu zehnt sowieso besser als in Sollstärke.“

Ein Riss

Christian Kamp (FAZ) berichtet über das abgekühlte Verhältnis zwischen U21-Trainer Dieter Eilts und dem DFB, insbesondere in Person von Sportdirektor Matthias Sammer, der sich in letzter Zeit „recht heftig in Eilts’ Angelegenheiten einmischt“. Als Eilts den 1:0-Sieg in Frankreich und die geglückte EM-Qualifikation kommentiert, spürt Kamp: „Hier ist etwas beschädigt, ein Riss, der vielleicht nicht mehr zu kitten ist.“ Ulrich Hartmann (SZ) ergänzt: „Dass sich auch einen Tag nach einem für den DFB wichtigen und trotz fußballerischer Defizite erfolgreichen Spiel kein Fürsprecher für Dieter Eilts findet, ist kein gutes Zeichen für seine Zukunft im Verband.“

Roland Zorn (FAZ) befasst sich mit dem 2:1-Sieg von Ottmar Hitzfelds Schweiz in Griechenland und schickt Jürgen Klinsmann einen schönen Gruß: „Kein Wunder, dass so mancher in München Sehnsucht nach diesem volksnahen Meister seines Fachs hat.“

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Ascheplatz

Die vielleicht letzte Schlüsselbranche des Westens

Die gigantische Weltkrise wird vor dem Fußball nicht haltmachen – bloß wie? Für die Bundesliga kommt die Not des Pay-TV-Senders Premiere hinzu

Spannende Frage: Was bedeutet der Weltuntergang an der Wall Street und ihren Abhängigen für den Fußball? Andere Frage: Was bedeutet die Krise von Premiere für die Bundesliga? Thomas Haid (Stuttgarter Zeitung) wagt sich in Anbetracht der anstehenden Ausschreibung der TV-Rechte ein Stück vor: „Schon bevor die Sender erste Angebote abgegeben haben, stehen aufgrund der Entwicklung auf den Weltfinanzmärkten im Allgemeinen und bei Premiere im Besonderen wahre Horrorszenarien im Raum. Die könnten bald Wirklichkeit werden. Die Liga hängt am Tropf von Premiere, doch diese Quelle sprudelt wohl bei weitem nicht mehr so schön, wie es die DFL erwartet hat. Schon jetzt ist zu hören, dass es Clubs gegeben haben soll, die ihre Etats im Vorgriff auf die von der DFL avisierten 500 Sirius-Millionen erstellt haben. Manche sollen sogar Harakiri gespielt und die erhofften Mehreinnahmen bereits wieder für Transfers ausgegeben haben. Aber nun kassieren die Vereine dieses Geld aller Voraussicht nach gar nicht.“ Dass Rupert Murdoch bei Premiere noch stärker einsteigen könnte und noch mehr zu sagen hätte, wertet Haid als schlechtes Zeichen für die Liga, denn Murdoch gilt als harter Verhandlungspartner. Die Kritik an der DFL wird wegen des gescheiterten Sirius-Modells sicher wachsen.

Alles in Butter? Die DFL gibt sich derzeit sehr überlegen uns souverän und stellt die angeblichen Vorzüge der deutschen Geschäftsmodelle gegenüber anderen heraus. DFL-Chef Christian Seifert sagt heute im Interview mit der FAZ: „Die Bundesliga ist vielleicht ein bisschen weniger glamourös als andere Ligen, aber dafür ganz sicher gesünder, verlässlicher, planbarer.“ Von der misslichen Situation Premiere will Seifert nicht viel wissen.

Eine Spielwiese des Kapitals aus aller Welt ist die Premier League, sie steht zurzeit unter besonderer Beobachtung, manche Konkurrenten reiben sich schon die Hände. Auch Raphael Honigstein (Tagesspiegel) hat „eine Menge Populismus und nicht wenig Schadenfreude“ bemerkt in den Äußerungen Michel Platinis, der England vor Überfremdung warnt, aber auch der internationalen Konkurrenz englischer Klubs. Jedoch verweist er darauf, dass man unterscheiden müsse. „Natürlich wird die Rezession die Liga treffen“, schickt er vorweg, „Konjunkturabhängigkeit ist im Profifußball systemimmanent.“ Andererseits rechnet Honigstein nicht mit einer Pleitewelle: „Ob eine Liga leidet, weil Fernsehsendern und Sponsoren das Geld ausgeht oder weil der Mäzen gerade einen Großteil seines Vermögens im Börsencrash verloren hat, ist letztlich genauso unerheblich wie die Staatsbürgerschaft der Eigner. Entscheidend ist die Qualität der Überlebensstrategien. Und da macht der englischen Liga so schnell niemand etwas vor.“

Englands Buchmacher ließen sich für das Spiel gegen Kasachstan was einfallen, um die im Moment vermutlich konsum- und wettscheuen Kunden anzulocken: „Man kann darauf wetten, in welcher Minute der TV-Kommentator zuerst einen Spruch der Filmfigur Borat zitieren wird.“

Christian Eichler (FAZ) stellt seine Rechnung über die Unverwüstbarkeit des englischen Ligafußballs vor: „Noch fließt Geld, denn es geht um Marktanteile an der Zukunft. Die Premier League bietet für die Zeit nach dem Finanz-Gau einige der Premium-Marken der vielleicht letzten Schlüsselbranche, in der dem Westen die Führungsrolle bleiben wird: dem Unterhaltungsgeschäft. Das überlebt jede Krise, getreu dem Motto: Wenn das Geld schon weg ist, wollen die Leute sich wenigstens amüsieren.“

Scheinheilig

Der Fiver (Guardian) gibt dem Fifa-Boss Blatter schweren Herzens rechts: „When the president of Fifa appeared before the EU to plead for more stringent regulations governing who is permitted to buy football clubs with their own or other people’s money, the Fiver felt even grimier than usual. The sweats, the anxiety, the sensation of insects crawling up our skin could mean only one thing: for the first time in living memory, we were in agreement with Sepp Blatter. Eugh!“ Kommt aber um einen Seitenhieb nicht drum herum: „Of course the problem with Sepp is that, even when he’s talking what appears to be sense, he is invariably undone by his blatant hypocrisy.“

Deutsche Elf

Überbewertetes Personalmanagement

Kuranyi zum Letzten / Die sportlichen Schwächen des Philipp Lahm / Passt das mit Matthias Sammer und Dieter Eilts?

Nachwirkungen der Kuranyi-Kündigung – Thomas Winkler (taz) verteilt seine Schläge gleichmäßig auf Löw, Bierhoff und Klinsmann: „Dass die Nationalmannschaft nicht der Friede-Freude-Eierkuchen-Verein ist, als der sie in der Ära Klinsmann – auch mithilfe einer willfährigen Presse – erschienen war, überrascht mittlerweile nicht mehr. Seltsam nur, wie ungeschickt die Leitung diesen Umstand zu verarbeiten versucht – nach innen wie nach außen. Die Außenwirkung allerdings ist erklärtermaßen der zentrale Aufgabenbereich von Manager Bierhoff. Dessen nächste Bewährungsprobe wartet schon: Der ob seiner Verbannung auf die Bank grummelnde Frings gilt nicht als ein Charakter, der die wohlpolierten Umgangsformen des Managers zu schätzen weiß. Allerdings scheint der Einfluss solches Personalmanagements auf die sportliche Leistung der Mannschaft vor allem eins zu sein: allgemein eher überbewertet.“

Die FR führt Kuranyis Abschiedsrede, die „in vielen Teilen widersprüchliche Erklärung“, höhnisch auf dessen „beschränktes Spektrum in der Binnensicht“ zurück; die FAZ nimmt ein „diffuses Gemisch aus Selbstkritik und Systemkritik“ wahr. Seltsame Äußerungen hören wir von Schalkes Manager Andreas Müller, der Kuranyi in Schalke, wo er von einem Teil der Fans regelmäßig ausgepfiffen wird, gut aufgehoben wähnt (Ja, wähnt! Kommt von Wahn): „Hier hat er das Vertrauen, das ihm bei der Nationalmannschaft gefehlt hat.“ Jede Wette übrigens: Wenn die deutsche Mannschaft zur Halbzeit 0:1 zurückgelegen hätte, wäre Kuranyi geblieben. Ich kenne diese Fußballerselchen. Am schlimmsten ist es für sie, wenn sie merken, dass sie nicht gebraucht werden.

Entscheidung für die Stagnation

Matti Lieske (Berliner Zeitung) befasst sich mit den Stärken, aber vor allem mit den Schwächen Philipp Lahms: „Zum Beispiel seine Torschüsse. Dass ausgerechnet ein Ball von Lahm Robert Enke die Hand brach, mutete wie ein schlechter Witz an, Russlands Igor Akinfejew musste sich vor seinen beiden Versuchen jedenfalls nicht fürchten. Lahm kann auch nicht flanken. Zumindest nicht mit links. Da ihm die klassische Verteidigeraktion, der Weg zur Grundlinie, also verwehrt ist, zieht er stets nach innen, und weil er so schwer vom Ball zu trennen ist, kommt er oft in ideale Schusspositionen, mit denen er aber selten etwas anfangen kann. Lahms Spiel ist nicht nur eindimensional und leicht auszurechnen, sondern häufig auch harmlos.“ Dass er in München blieb und nicht ins Ausland wechselte, sei eine „Entscheidung für die Stagnation“ gewesen. Zuguterletzt schlägt Lieske Lahm als Mittelfeldspieler vor, da dort seine Schwächen am wenigsten auffallen würden.

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) stellt ein Mangel guter deutscher Verteidiger fest und wagt eine (mir unbekannte) These: „Der Innenverteidiger, das besagt ein noch junger Gemeinplatz des Fußball, sei die neue Nummer 10.“ Ein FAZ-Interview mit Piotr Trochowski, der an der EM über die besten Spieler Europas festgestellt hat: „Die laufen auch nur mit zwei Beinen.“ Thomas Hitzlsperger hat mit dem Tagesspiegel gesprochen, in der Berliner Zeitung lesen wir ein Interview mit Per Mertesacker. Die FR stellt den Rabauken Craig Bellamy, den Star des Gegners, vor. Nachgereicht eine lesenswerte Analyse der SZ, wie Guus Hiddink in der Pause seine Taktik geändert hat.

Gegengewicht

Die Berliner Zeitung munkelt über einen angeblichen Konflikt zwischen Sportdirektor Matthias Sammer und U21-Trainer Dieter Eilts in der Frage, was die Ziele einer Jugendmannschaft und Aufgaben eines Jugendtrainer sind: „Sammer wurde einst als Gegengewicht zum Reformer Jürgen Klinsmann installiert, während Eilts sich schon immer eher dem Denken Klinsmanns verbunden fühlte. Der heutige Bayern-Trainer erwartete Entwicklungen, Sammer hingegen verlangt unerbittlich zählbare Erfolge.“

Montag, 13. Oktober 2008

Deutsche Elf

Viel besser, als man erwarten durfte

Die Presse ist gepackt von dem Spiel Deutschland gegen Russland (2:1), von den Deutschen vor der Pause, von den Russen danach / Kevin Kuranyi wird Fahnenflucht vorgeworfen, Torhüter René Adler ist der neue Held

In der Spielanalyse sind sich die Redaktionen einig, dass es eine spannende Partie zweier sehr gut aufgelegter Teams war mit einem Rollentausch nach der Pause: In der ersten Halbzeit gaben die Deutschen den Russen den Tarif bekannt, in der zweiten war es umgekehrt. Die euphorischen Kommentare in den heutigen Sportteilen zeugen von Erleichterung; nach der durchwachsenen Leistung der deutschen Elf während der Europameisterschaft waren die Ansprüche zwischenzeitlich gesunken. Auch die Russen erhalten große Anerkennung von der deutschen Presse.

Jan Christian Müller (FR) erlebt eine klare Steigerung im Vergleich zum Juni 2008: „Es war ein großes Spiel gegen nimmermüde Russen, ein Spiel auf allerhöchstem Tempo, mit verblüffender Präzision im Passspiel, voller rassiger Zweikämpfe mit einem ebenso hauchzart verdienten wie glücklichen deutschen Sieg. Kein einziger deutscher Spieler fiel deutlich ab. Deutschland spielte so stark wie zuletzt im März 2007 beim 2:1 in Tschechien.“

Christof Kneer (SZ) schildert Kontraste: „In der ersten Hälfte traf ein wuchtiges, präzises Deutschland auf körperlose, mäßig interessierte Russen; in der zweiten Hälfte lief ein verhuschtes, unpräzises Deutschland auf und staunte nicht schlecht, als ihm ein fintenreiches, druckvolles Russland gegenüberstand.“ Peter Heß (FAZ) pflichtet ihm bei: „Löws Mannschaft übertraf in den ersten 45 Minuten alle Hoffnungen, in den zweiten 45 Minuten musste sie zittern wie befürchtet. Die Leistung war viel besser, als man erwarten durfte. Die Begegnung taugt als gesunde Basis für eine gelungene WM-Qualifikation.“

Michael Horeni (FAZ) umarmt alle echten Mitglieder und Anhänger der DFB-Auswahl: „Es war ein einziger Genuss, die Mannschaft in der ersten Halbzeit zu erleben, und es gab im Stadion und auch vermutlich vor dem Fernseher keinen einzigen deutschen Fan, der nicht seine helle Freude an diesem mitreißenden Auftritt gehabt hätte.“ Damit spielt Horeni natürlich auf den „Heimschläfer“ (FR) Kevin Kuranyi an, der sich vernachlässigt fühlt und sich während des Spiels aus dem Staub machte – bezeichnenderweise bei einer 2:0-Führung für seine Mannschaftskameraden.

Keinen Zweifel lassen die Redaktionen daran, wie der Fall zu bewerten ist. Ralf Köttker (Welt) bezichtigt ihn der Fahnenflucht: „Wie ein beleidigter Junge schlich er sich aus dem Stadion. Kein Abschied, keine Erklärung, kein Stil. So darf sich ein deutscher Fußball-Nationalspieler nicht verhalten, egal wie enttäuscht er über seine sportliche Situation ist. Was Kuranyi gemacht hat, ist nicht zu entschuldigen. Es ist im besten Fall menschlich zu erklären.“

Pseudostar

Frank Hellmann (FR), der im DSF-Stammtisch am Sonntag von Kuranyis Berater Roger Wittmann herablassend angegangen worden ist, rächt sich mit schlechten Kopfnoten: „Der in diesem Fall sehr unprofessionelle Profi hat mit seinem Abgang durchs Hintertor Nachsicht verspielt. Kuranyi bedient vielmehr den Prototyp jener Minderzahl entrückter Pseudostars, mit deren Realitätsbezug es nicht zum Besten bestellt ist. Sein Verhalten zeugt von einer geradezu grotesken Selbstüberschätzung und Respektlosigkeit gegenüber dem DFB-Trainerstab und auch den Teamkollegen.“

Ich habe gelernt, nie aufzugeben

Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland) versucht sich als Kuranyi-Versteher: „Wahrscheinlich war es eine fatale Mischung aus Gefühlen und Ahnungen, die Kuranyi ergriff und die die Konsequenzen in den Hintergrund drängte. Die Mannschaft bestätigte in der ersten Halbzeit Löws Einschätzung, dass Kuranyi nicht besonders dringend benötigt wird, er wird schon in der Woche gespürt haben, dass Lukas Podolski, Miro Klose, Patrick Helmes und Mario Gomez derzeit einfach die besseren Stürmer sind. Und in Leistungsgemeinschaften fühlt man sich bekanntlich schnell isoliert, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht gebraucht wird. Es war absehbar, dass Kuranyi auch mittelfristig kein Stammspieler mehr in der Nationalmannschaft geworden wäre.“

Die SZ will mit dem „nicht-üblen Kerl“ nicht zu hart in Gericht gehen, die FAZ blickt auf die bisherige Karriere des „umstrittensten Stürmer in Fußball-Deutschland“ zurück und konfrontiert ihn mit seinen Worten: „Ich habe gelernt, nie aufzugeben und immer an mich zu glauben.“

Neue Sicherheitsinstitution

Von 0 auf 1 ist Torhüter René Adler eingestiegen, dessen Händen die Experten nun, am liebsten auf Jahre hinaus, vertrauen. Kneer erkennt in ihm den Helden, auf den die Fußballnation gewartet hat: „Adler ist ein kolossal begabter Torwart, der die Geschmeidigkeit der neuen Generation mit der Robustheit der alten Garde mischt, aber darüber hinaus strahlt er offenbar etwas aus, wofür dieses Torwartland besonders empfänglich ist: Es herrscht eine große Sehnsucht nach diesem jungen Siegfried, den auch Menschen hochleben lassen, die nie ein Spiel von ihm gesehen haben.“ Heß fühlt sich geborgen in Anwesenheit der „Sicherheitsinstitution“ Adler: „Kein Zaudern, kein Zögern, kein Nachfassen, kein unkontrollierter Abschlag oder Abwurf ließen irgendwelche Zweifel an Adlers Souveränität aufkommen.“

Lob dürfen sich auch Piotr Trochowski und Michael Ballack für ihre Leistung abholen, selbstverständlich auch Lukas Podolski. Und Müller gereicht seinem Status als feiner Beobachter zur Ehre, indem er die spektakulärste Szene des Spiels protokolliert: „Für den Höhepunkt der hingebungsvollen Defensivarbeit sorgte Philipp Lahm eine Minute vor der Pause, als er den kaum in seinem Tatendrang zu stoppenden Andrej Arschawin mit einer atemberaubenden Grätsche in der Nähe der Mittellinie vom Ball trennte.“

Samstag, 11. Oktober 2008

Deutsche Elf

Beste Voraussetzungen für einen Neustart

Vor allem Joachim Löw muss im Russland-Spiel den Schatten der EM loswerden/ Michael Ballack muss sich beweisen / René Adler, Debütant mit Vertrauensvorschuss / Bayern und Klinsmann gegen Sport Bild / Österreich spielt gegen Färöer – da war doch was …

Der Nationalelf und vor allem Trainer Joachim Löw steht heute eine Bewährungsprobe nach einer EM mit Zwischentönen und gemischten Leistungen ins Haus: das Quali-Spiel gegen Russland. Michael Horeni (FAZ) gewährt dem kritisierten Löw einen Bonus: „Es geht neben drei Punkten um Vertrauen für den erneuerten Offensivkurs des Bundestrainers.“ Die Umstände seien günstigst: „Löw kann auf seine besten Spieler vertrauen, auf das beste Stadion und das beste Publikum – bessere Voraussetzungen für einen schönen Aufschwung kommen so schnell nicht wieder.“

Ein weiteres Thema: Muss sich Michael Ballack neu beweisen? Frank Hellmann (FR) legt nahe, dass die Debatte der letzten Tage, Wochen und Monate dem Kapitän Beine gemacht haben könne: „Kann es sein, dass die in der Premier League gestählte Galionsfigur dieser Tage engagierter trainiert hat, als sie das gemeinhin zu tun pflegt? Ahnt da einer, dass nicht nur Nebenmann Frings wackelt, sondern irgendwann auch er selbst wanken könnte?“ Noch ein Artikel über Rolle und Rang Ballacks: „Aus der ausschließlich positiv gesehenen Leitfigur, dem Garanten für Erfolg, ist ein sportlich wertvoller Mannschaftskapitän geworden, dessen Führungsstil im Team jedoch auf Irritationen trifft“, schreibt Peter Heß (FAZ).

Über Torwartdebütant René Adler heißt es anerkennend bei Heß: „Reflexe, Strafraumbeherrschung, Ausstrahlung, Reife, Konstanz, Nervenstärke: Der Sachse vereint viele Tugenden auf sich. Seinem Nationalmannschaftskonkurrenten Robert Enke wird manchmal vorgehalten, kaum so genannte unhaltbare Bälle abzuwehren, Tim Wiese dagegen, zu viele haltbare durchzulassen. Adler tut das eine und lässt das andere.“ Der Tagesspiegel meint: Adler ja, Wiese nein, Enke vielleicht wieder später, und Neuer gibt’s ja auch noch. Die NZZ braucht Adler, dem „beinahe schwerelosen Flieger“, keine Flügel zu verleihen.

Hier gibt’s ein FAZ-Interview mit Patrick Helmes, in dem er verrät, dass er im Training vor dem Aufwärmen aufs Tor schießt (eine Todsünde für Amateurtrainer, hab mal in nem Klub gespielt, wo das 10 Mark Strafe pro Schuss kostete).

Die SZ interviewt Russlands Coach Guus Hiddink sehr lange (die FAZ übrigens auch, aber nur im Print) und stellt Stürmer Andrey Arshavin als desinteressierte, lauffaule, brillante Diva vor. Auf Zeit Online lesen wir über den Zugriff der russischen Politik auf den russischen Fußball. Was sagt eigentlich die Fifa zu den Vermischungen zwischen Politik und Sport in Russland – wo sie doch in Polen so empfindlich reagiert hat?

Die Affäre Sport Bild gegen Jürgen Klinsmann nimmt Fahrt auf. Auf allesaussersport bleiben Sie auf dem Laufenden. Sehr unterhaltsame Sache mit einem Leserbrief eines Journalisten an die Sport Bild, der auch auf der Website des FC Bayern veröffentlicht ist; einer Unterlassungserklärung an die Sport Bild durch die Bayern, die sich mächtig darüber ärgern, dass Schweinsteigers Arbeitsvertrag gedruckt worden ist; und einem investigativen Blog eines googelnden Sport-Bild-Redakteurs.

Gutes Gedächtnis, schlechtes Gedächtnis

Eine sehr schöne Parallele zwischen zwei unterschiedlichen Erinnerungskulturen Österreichs zeigt uns Dominik Sinnreich (Berliner Zeitung) anhand des fußballhistorisch belasteten Auswärtsspiels auf den Färöer-Inseln. Nach den Vorfällen in der gestrigen Nacht, die sich nach Redaktionsschluss ereigneten, liest sich das allerdings mit ein wenig zynisch: „Es ist halt so eine Sache mit der Vergangenheitsbewältigung in Österreich. Zum verbreiteten Selbstbild gehört immer noch der Glaube, man sei das ‚erste Opfer des Nationalsozialismus’ gewesen – für Schuldfragen hat man wenig übrig, die werden bei Wahlen lieber mit einem Kreuz am rechten Fleck beantwortet. Im Sport funktioniert das Gedächtnis der Österreicher hingegen exzellent.“

Tuats noch weh?

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Deutsche Elf

Sportliche Stunde Null

In der WM-Qualifikation geht’s gegen Russland und für Joachim Löw darum, verloren gegangene Reputation wiederzuerlangen / Jürgen Klinsmann und die Sport Bild – endlich kracht’s wieder

Matti Lieske (Berliner Zeitung) erläutert die verwandten Situationen, in denen Joachim Löw und Jürgen Klinsmann stecken, die lange gefeierten: „Ernüchterung ist eingekehrt, sowohl bei den Bayern als auch beim DFB-Team, und der Brandherde sind so viele, dass Löw und Klinsmann mit dem Löschen kaum nachkommen. Der Fußball ist resistenter als erwartet, und die jüngsten Praxistests bei der EM und in der Bundesliga zeigten, dass die Grundpfeiler der von beiden Protagonisten missionarisch propagierten Philosophie – Stabilität, Fitness, Wellness, Charakter, Organisation, umfassende Planbarkeit – nicht die unerschütterliche Basis bilden, als die sie präsentiert wurden. Das gefeierte Zukunftsmodell des deutschen Fußballs steht plötzlich gleich an zwei Brennpunkten auf dem Prüfstand.“

Löws anstehende Aufgabe, die WM-Qualifikation in der Russland-Gruppe, stehe laut Lieske auch im Zeichen der Rehabilitation für Juni 2008: „Dass die Deutschen bei der Europameisterschaft spielerisch auftrumpfen würden, hatte keiner erwartet, aber dass es Probleme mit Fitness, Taktik, Moral und Auftreten gab, überraschte dann doch. Es ist wohl die gravierendste Folge der EM, dass trotz des zweiten Platzes das Selbstbewusstsein gelitten hat. Nicht nur beim Team, sondern auch beim Trainer, dessen Position als Lehrmeister der Fußballnation erschüttert ist. Den Vertrauensvorschuss, den er zwei Jahre lang gratis hatte, muss er sich nun in einer langwierigen und undankbaren Qualifikationsrunde zurückerobern.“

Von einer „sportlichen Stunde null“ spricht Michael Horeni (FAZ), der „härtere Töne“ des „harmoniebetonten“ Bundestrainers festgestellt hat: „Löw erhöht den Druck, zumindest rhetorisch.“ In verschiedenen Zeitungen und Sendungen wird Löw mit den Worten und finsteren Brauen zitiert: „Ich will von jedem Spieler sehen, dass er körperlich und mental für dieses Spiel bereit ist. Sonst wird er am Samstag nicht spielen. Wenn zwei, drei Spieler die Form nicht haben und geistig und körperlich das Tempo nicht mitgehen können, dann werden wir gnadenlos bestraft.“ Klar, woher der Wind weht. Löw hat begriffen, dass er für seine weiche Hand kritisiert wird und vielleicht auch eingesehen, dass er Fehler gemacht hat (siehe das freistoss-Interview mit Horeni vom 16.9.). Philipp Selldorf (SZ) sieht das ähnlich und wird Löw in diesem Punkt wohl genau beobachten: „Löw hat das Leistungsprinzip zum einzigen Maßstab erklärt – nicht zum ersten Mal zwar, aber diesmal möglicherweise mit der gebotenen Konsequenz.“

Eine freche Bemerkung Löws überliefert uns die FAZ. Von einem russischen Journalisten gefragt, ob er angesichts des 0:4 der Bayern in St. Petersburg am 1. Mai diesen Jahres Furcht vor Arshavin & Co habe, soll Löw gesagt haben: „Wir haben keine Angst, bei uns spielen nicht van Buyten und Lucio.“ Apropos frech – über Jürgen Klinsmann habe ein Nationalspieler, der nicht genannt werden möchte, der SZ gesagt: „Abwehr interessiert ihn nicht so sehr.“ Das sitzt.

Sport Bild lässt sich nicht einschüchtern

Es war nur eine Frage der Zeit, wann Klinsmann mit Springer aneinander gerät. Nun ist es soweit: Die Sport Bild liegt im Clinch mit ihm. Raimund Hinko, der Bayern-Reporter des Sportmagazins mit den vielen bunten Farben (vielleicht kennen ihn einige von Ihnen ja für seine extrem kritischen Kommentare über die Bayern und vor allem Oliver Kahn), Hinko also soll von Klinsmann die Tür gewiesen bekommen haben. Sport-Bild-Chef Gott Pitschalk steigt nun für seinen Mitarbeiter in den Ring. allesaussersport war schneller als ich: „Amüsanter ‚Kollateralschaden’ der Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als Bayern-Trainer: Die Konflikte zwischen Klinsmann und der Bild-Gruppe entflammen auf ein Neues. Nach der gefühlten Niederlage gegen Bochum gab es plötzlich Interviews von Rummenigge und Klinsmann in der Bild, fast wie um die Bild zu besänftigen. Dafür feuert die Sport Bild die nächste Salve ab und berichtet, dass ihr Redakteur Raimund Hinko am Freitag von Klinsmann aus dem Presseraum des FC Bayern geschmissen worden sei: ‚Der Trainer wolle, so die Erklärung der Medienabteilung, in nächster Zeit nicht am Tisch sitzen mit Mitarbeitern einer Zeitschrift, die ihn seit Wochen hart angehe.’ Im Editorial von Pit Gottschalk fallen dann Formulierungen wie ‚Kritiker mundtot machen’, ‚ungeheuerlicher Vorgang’, ‚Grenzüberschreitung’, ‚Sport Bild lässt sich nicht einschüchtern’ und ‚Beschneidung der Pressefreiheit’. Die Zeitschrift rächt sich mit der Veröffentlichung eines Dokumentes, das der Vertrag von Bastian Schweinsteiger sein soll. Zehn Seiten des 2005 abgeschlossenen Vertrages werden als Faksimile im Heft abgedruckt. Es handelt sich dabei offensichtlich um das Fax mit dem Vertragswerk, das der FC Bayern an die DFL geschickt hat – die erste Seite trägt den Eingangsstempel der DFL.“ Wer will, kann auch die Kommentare lesen, wo es darum geht, wer Maulwurf bei der DFL gewesen sein könnte.

Montag, 6. Oktober 2008

Bundesliga

Mir san nicht mehr mir!

7. Spieltag: 3:3 gegen Bochum – Jürgen Klinsmann ist auf dem besten Weg, die Bayern so zu reformieren, dass die Bayern bald nicht mehr Bayern sein werden / Jos Luhukay muss Mönchengladbach verlassen; viele Tränen werden ihm nicht nachgeweint

Borussia Mönchengladbach entlässt Jos Luhukay nach sieben Spieltagen und sechs Niederlagen. Die Haie aus den Fernseh- und Radiosendern, allen voran Reinhold Beckmann in der Sportschau, witterten am Samstag nach dem 1:2 gegen Mitaufsteiger Köln schon längst Blutstropfen. Die Presse zeigt heute Verständnis für die Entscheidung der Gladbacher Klubführung, sich von dem Trainer zu trennen, mit dem der Verein vor fünf Monaten aufgestiegen ist; viel können sie dem Scheidenden nicht abgewinnen. Richard Leipold (FAZ) kommen Luhukays Aufstellungen so vor, als hätte er Lottozettel ausgefüllt: „Luhukay hinterließ zuletzt nicht mehr den Eindruck, als hätte er noch irgendwelche Trümpfe in der Hinterhand. Er schwankte zwischen allerlei Spielsystemen, als hoffte er im Ausschlussverfahren das richtige zu finden. Und so erinnerte er an einen Stürmer, der in der Nachspielzeit verzweifelt versucht, das befreiende Tor zu schießen.“

Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland) ruft in Erinnerung, dass Luhukay nicht nur Gladbachs Aufstiegs-, sondern auch Gladbachs Abstiegstrainer ist: „Die Entscheidung, den Trainer zu entlassen, beruhte nicht nur auf den Erkenntnissen der ersten sieben Saisonspiele. Der Holländer ist schon einmal überfordert gewesen in einer Mönchengladbacher Krise. In der Saison 06/07 übernahm er die Mannschaft von Jupp Heynckes nach dem 19. Spieltag mit drei Punkten Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Am Saisonende betrug der Abstand elf Punkte. Es gibt Beobachter, die glauben, Luhukay fehle das Gespür für die richtigen Entscheidungen in Krisen. In Mönchengladbach darf er diese Skeptiker nun nicht mehr widerlegen.“

Opfer der Selbstüberschätzung

Doch es gibt auch Stimmen, die auf Umstände aufmerksam machen, auf die ein Gladbacher Trainer wenig bis keinen Einfluss habe. Markus Lotter (Berliner Zeitung) bereitet die Anhänger des Klubs auf chronische Leiden vor: „Das wesentliche Problem der Borussen ist nicht Trainingsmethodik oder Taktik, sondern in erster Linie die rasche Fortentwicklung der Bundesliga gegenüber der Zweiten Liga. Eine Ehrenrunde nach Abstieg ist eben nicht mehr nur ein Ausrutscher, eine Spielzeit mit Auswärtsfahrten nach Oberhausen, Aue oder Ahlen ist ein Schlag mit der Keule, von dem man sich kaum erholen kann. Kaum mehr möglich, diesen einjährigen Leerlauf zu kompensieren, nach dem Aufstieg wenigstens den Anschluss an das Mittelfeld der Bundesliga zu gewinnen. Die Top Ten der deutschen Vereine vergrößern nun mal Jahr für Jahr die Schrittlänge, und so wird sich womöglich der Kreis der Fahrstuhlmannschaften um namhafte Klubs wie den 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern oder eben Borussia Mönchengladbach erweitern.“

Und Philipp Selldorf (SZ) will einen Rollentausch zwischen Mönchengladbach und Köln festgestellt haben: „In dieser Saison sind sie abermals gemeinsam zum Neuanfang gestartet, und das Überraschende ist, dass diesmal nicht der immer etwas überhebliche Klub aus der Großstadt, sondern der solidere Bruder vom Niederrhein Opfer seiner Selbstüberschätzung zu werden droht.“

Laptop und Lederhose kommen sich nicht näher

An Misserfolge der Klinsmann-Bayern scheint sich Fußballdeutschland fast schon gewöhnt zu haben. Platz 11 nach einem 3:3 im Heimspiel gegen Bochum trotz 3:1-Führung, nachdem die letzten beiden Spiele schon verloren gingen – doch die Leitglossen in den Sportteilen der großen Zeitungen befassen sich mit anderem. Es scheint fast ein Seite-2-Thema geworden zu sein. Elisabeth Schlammerl (FAZ) kritisiert Klinsmanns Konzept als unflexibel und den aktuellen Bedürfnissen seines Arbeitgebers nicht angemessen: „Klinsmann will seinem Ruf als Reformer gerecht werden – unter allen Umständen. In der Nationalmannschaft war dies einst richtig und wichtig, beim FC Bayern hingegen ist es gar nicht nötig. In München wäre man hochzufrieden, wenn der neue Trainer die Arbeit seines Vorgängers fortführen, sich höchstens etwas mehr als Hitzfeld um die Weiterbildung der jüngeren Spieler kümmern würde.“ Klinsmann ändere, bloß um der Änderung willen, Sachen, die nicht der Änderung bedürften: „Bayern soll flexibler und offensiver spielen, und dafür opfert er funktionierende Strukturen. Er ordnet eine Abwehr neu, die in der vergangenen Saison die beste in der Liga war.“

Klaus Hoeltzenbein (SZ) sammelt Fakten und Eindrücke der Notlage und diagnostiziert eine Selbstentfremdung: „Die anderswo so oft verfluchte Arroganz der Bayern, ihre Selbstherrlichkeit, ja selbst der Dusel ist verflogen. Mir-san-nicht-mehr-mir! 2:5, 0:1, 3:3 – das sind die Zahlen zum Kater während der Krisen-Wiesn. Klinsmanns Versprechen liegt in der Zukunft, der Bayern-Fan darbt in der Gegenwart. Der Laptop, auf dem Klinsmanns Trainerstab seine Pläne schreibt, und die Lederhose – sie kommen sich nicht näher.“

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