indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Donnerstag, 27. März 2008

Internationaler Fußball

Dem Ende entgegen

Ronald Reng (Berliner Zeitung) schreibt einen Abgesang auf den aktuellen FC Barcelona: „Ronaldinho und Trainer Frank Rijkaard, die Erwecker des ersten Modellteams des 21. Jahrhunderts, werden demontiert; demontieren sich selbst und gegenseitig. Die Wirklichkeit hat sich gespalten: Barça, Champions-League-Kandidat, Zweiter in Spanien, vier Punkte hinter Real Madrid, gilt draußen in der weiten Welt, aus der die Urlauber kamen, noch immer als einzigartige Elf der Abziehbilderstars, Ronaldinho, Thierry Henry, Leo Messi; da draußen, wo die meisten allenfalls ein paar Fernsehschnipsel von Barça sehen, glaubt Schalkes Präsident Josef Schnusenberg, mit Barça erwarte er nächsten Dienstag ‚die fußballerisch beste Elf Europas’ zum Champions-League-Viertelfinale. Drinnen im Can Barça, im Hause Barça, fiel im Angesicht der schwarzen Serie auch dem letzten erschreckt auf, dass die Elf seit dem Champions-League-Triumph 2006 nichts mehr gewonnen hat. ‚Eine Elf aus Butter’, urteilt La Vanguardia.“

Über Barças müden Star heißt es bedauernd: „Irgendwann diese Saison hörte Ronaldinho auf zu dribbeln. Er, der Tricks beherrschte, die es vor ihm nicht gab, traute sich nichts mehr zu. Dann plötzlich versuchte er wieder, mit aller Gewalt Barças Spiel zu inszenieren. Mehr als ein paar Funken aber sprühten nicht mehr.“ Rengs Fazit: „Barça zieht weiter durch seine gespaltene Wirklichkeit. Mal gibt es Signale, dass es noch immer die Elf des rauschenden Fußballs ist, und dann wieder – leider deutlichere – Hinweise, dass das Barça Rijkaards und Ronaldinhos seinem Ende entgegenblickt.“

Bundesliga

Vorlauter, blendender, mitteilungsbedürftiger Selbstdarsteller

Frank Hellmann (FR) rät dem VfL Bochum davon ab, Stefan Kuntz durch Peter Neururer, für den er einige Etiketten parat hat, zu ersetzen: „So fortschrittlich die Bochumer in vielen Bereichen wirken – so rückständig sind die verkrusteten Strukturen. Ohne Altegoers Ja-Wort, den man wahlweise als Mäzen, Patriarch oder Despot des Revierklubs bezeichnen darf, wird keine Entscheidung von Belang gefällt. Es ist wohl keine Latrinenparole, dass Peter Neururer längst wieder in den Startlöchern stehen soll und Sportdirektor werden will. Der notorisch vorlaute Fußball-Lehrer, dessen durchsichtigem Blendwerk zuletzt kein Profiverein mehr erlag, soll tatsächlich ein Kandidat für die Kuntz-Nachfolge sein. Altegoer und Neururer – das mag aus der Historie ja noch passen. Wie der angenehm unaufgeregte Trainer Marcel Koller und der mitteilungsbedürftige Selbstdarsteller aber zusammenpassen, ist eine spannende Frage. Wird der Tausch Kuntz-Neururer tatsächlich vollzogen, büßt der VfL Bochum auf einen Schlag viel von seinem sympathischen Image ein.“

Dienstag, 25. März 2008

Internationaler Fußball

Der Warren Buffett des Fußballs

„Super Sunday“ in England: Das Manchester des unverwüstlichen Alex Ferguson bezwingt Liverpool 3:0 und ist der Favorit auf den Titel; Chelseas 2:1 gegen Arsenal ist eher der Schwäche des Gegners geschuldet denn der Strategie seines Trainers

In den Augen Christian Eichlers (FAZ) ist Manchester das stärkste Team der Premier League, weil es die wenigsten Mängel habe: „Für das Team von Alex Ferguson liegt der zehnte Titel binnen sechzehn Jahren zum Greifen nah. Fünf Punkte liegt es nun vor Chelsea, das spielerisch nicht annähernd überzeugt und überdies ungewohnte Schwächen bei Standardsituationen offenbart – wohl vor allem deshalb, weil John Terry nach seinen Rückenverletzungen deutlich an Sprungkraft verloren hat. Sechs Punkte liegt United vor Arsenal, das erst die zweite Saisonniederlage erlitt – aber nachdem das junge Team nach dem Beinbruch von Eduardo zuletzt geschockt und ausgelaugt schien und viermal nacheinander nur remis gespielt hatte, ist es wohl das Ende der Titelchance. Auf beide Verfolger trifft United im April und ist dabei Favorit. Fergusons Kader ist der mit Abstand stärkste der Liga. Während Arsenals Team derzeit durch Verletzungen ausgedünnt ist und müdegespielte Profis wie Alexander Hleb keine Auszeit bekommen können, leistete es United sich, mit Hargreaves, Nani und Tevez zum Anpfiff die Neueinkäufe dieser Saison auf die Bank zu setzen, deren kumulierte Transfersumme über 80 Millionen Euro beträgt. Ferguson ist der Warren Buffett des Fußballs: Seinem Kurs können nach zweiundzwanzig Jahren United auch Stimmungsschwankungen nichts mehr anhaben.“

Niederlage Arsenals statt Sieg Chelseas

Alles schien gegen den Chelsea-Coach zu laufen, berichtet Raphael Honigstein (FR) angesichts des Arsenals Führugstreffers: „Am Sonntagmorgen hatte Grant der Sunday Times entnehmen können, dass ihn seine Spieler heimlich ‚Average Grant’ (Durchschnitts-Grant) nennen, und dass vorige Woche nach dem vercoachten 4:4 gegen Tottenham mal wieder eine kleinere Kabinenrevolte gegen ihn ausgebrochen war. Sein ohnehin geringer Kredit bei Medien und Fans ist offenbar aufgebraucht. Als der Israeli Ballack und Makelele vom Feld nahm, dafür Essien zurück ins Mittelfeld und Anelka als zweiten Stürmer nach vorne beorderte, hielt sich die entnervte Klientel nicht lange mit der taktischen Analyse auf: ‚You don’t know what you’re doing’ schallte es höhnisch vor den Rängen. Zudem riefen die Chelsea-Fans frech nach Vorgänger José Mourinho.“

Selbst der Sieg gereiche Grant nicht zur Ehre, meint Honigstein: „Doch die Sehnsucht nach dem alten Coach wich bald der Freude über eine überraschende Wende. Die bis dahin souverän verteidigenden Gäste gerieten plötzlich in Unordnung und ließen sich von antiquierten kick-and-rush-Schlägen in den Strafraum übertölpeln. Die Blauen können sich weiter Hoffnungen auf die Meisterschaft machen. Und Grants erfolgreiche Intervention wurde am Montag von einigen Gazetten als genialischer Kniff gefeiert. Sie ergötzten sich an der vermeintlichen Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der unbedarfte Grant hatte Wenger, die Koryphäe des modernen Spiels, ausgetrickst. Man kann das so deuten, wenn man die Idee, eine drohende Niederlage mit einem zweiten Stürmer abzuwenden, partout als originellen Schachzug einstufen will. In Wahrheit war dies jedoch in erster Linie eine Niederlage Arsenals. Der Spielverlauf taugte zum Abbild der ganzen Saison: Nach souveräner Führung brach gegen Ende hin alles zusammen.“

Videos via 101greatgoals.com

Bundesliga

Hitzfeld ist nicht glücklich damit, wie die Dinge im Angriff laufen

Die Pressestimmen des 25. Spieltags: Noch liegt Schnee, doch der Deutsche Meister dürfte bereits feststehen: Die Presse zumindest kürt nach dem 2:1 gegen Bayer Leverkusen Bayern München bereits als Sieger des Titelrennens; Miroslav Klose allerdings leide am Egoismus seiner Mitspieler; Schalkes Laune gleicht dem Wetter: Auf und Ab; Stuttgart findet sich plötzlich im Kampf um die Champions-League-Plätze wieder; der Videobeweis gewinnt weiter an Fürsprechern

Peter Heß (FAZ) kann nach dem 2:1-Sieg der Bayern gegen Leverkusen an der Meisterschaft der Bayern nicht mehr rütteln: „Nur noch der Glaube an fußballerische Naturkatastrophen verbietet es, den Bayern vorab zum nationalen Titel zu gratulieren. Sie haben die gefährlichen Situationen dieser Spielzeit gebannt. Aus kleinen sportlichen Durchhängern gingen sie gestärkt hervor, bevor diese zu Krisen ausarteten. Dem strahlenden Helden und Alleskönner Ribéry wird der Glanz und der Glorienschein von den Kollegen nicht geneidet, jedenfalls nicht in einem Maße, das der Gemeinschaftsarbeit abträglich wäre. Miroslav Klose hat sich mit der Position des Stürmers Nummer zwei neben Luca Toni abgefunden. Und Trainer Ottmar Hitzfeld gelingt es, seine Autorität gegenüber den Profis zu wahren, obwohl sein Abschied zu Saisonende seit langem feststeht. (…) Keiner der Titelkonkurrenten erweckt den Eindruck, unmittelbar vor einer glorreichen Aufholjagd zu stehen.“

Till Schwertfeger (Welt) fügt an: „Als Topspiel war die Begegnung apostrophiert worden, doch es war kein Duell auf Augenhöhe. Die 1:2-Niederlage war für die in Ehrfurcht erstarrte Bayer-Elf, die nicht zauberte sondern zauderte, vom Resultat her höchst schmeichelhaft. Beim Blick zur Tabellenspitze riskieren die Leverkusener nun auch noch eine Genickstarre. Sportliche Spannung verspricht nur noch der Wettbewerb ‚Best of the Rest’ mit dem Hauptgewinn direkte Teilnahme an der Champions League.“

Klaus Hoeltzenbein (SZ) spricht den zwei Torhütern seine höchste Anerkennung aus: „Bei der EM halten – Stand heute – Lehmann, Hildebrand und Enke. Die Verhältnisse scheinen zementiert zu sein. Da der eine, Oliver Kahn, eine Laufbahn hinter sich hat, und der andere, René Adler, laut Perspektivplan erst nach der EM in den Kader von Bundestrainer Löw aufrücken wird, erlebten die Zeugen auch weniger ein Bewerbungsspiel. Es war vielmehr eine Demonstration: dafür, mit welch großem wie rätselhaften Torwarttalent diese Republik gesegnet ist; und dafür, wie groß die Macht dieser Talente ist, ein Resultat zu gestalten. Denn dieses nüchterne 2:1 sagt nur wenig darüber aus, was los war in der Arena. Hätte diese als Spitzenspiel angekündigte Partie ein ihrem Verlauf entsprechendes Ergebnis verordnet bekommen, wäre es ein 7:2 gewesen. Die ‚7’, weil die fidelen Bayern Chance auf Chance erspielten, aber entweder an Adler scheiterten oder sich wie so oft in dieser Saison der Laune der Verschwendung hingaben. Und die ‚2’ wäre möglich gewesen, weil einem späten Anschlusstor gerne auch mal der Ausgleichstreffer folgt. Nur im Fußball ist es möglich, dass ein Spiel mit derart dominantem Verlauf in ein Zitterfinale mündet. Ein Handballspiel mit ähnlicher Dramaturgie endet 40:15, beim Basketball geht’s 105:43 aus.“

Im Mittelpunkt und daneben

Sebastian Krass (Stuttgarter Zeitung) findet ein Haar in der Münchner Suppe: „Und doch stand selbst in diesem Spiel offenkundig ein unzufriedener Offensivspieler der Bayern auf dem Platz: Miroslav Klose. Der Stürmer war diesmal der Mann, der den Wirbel überhaupt erst in Gang setzte und ihn dann am Laufen hielt. Er ebnete mit seiner Ballbeherrschung und Übersicht den Weg zum 1:0 von Luca Toni und sprang in vielen anderen Szenen für Franck Ribéry in die Bresche, dem zu viele Ballverluste unterliefen. Doch im Mittelpunkt stand – wieder einmal – der Strahlemann aus Italien. Klose dagegen war kein Tor vergönnt, wieder einmal. Und das schlägt Klose sichtbar aufs Gemüt. Gut zu beobachten war das, als Ribéry, Toni und Klose auf nur einen Gegenspieler zuliefen. Toni bekam den Ball, es wäre ihm ein leichtes gewesen, zurück auf Klose zu spielen. Doch so denkt Toni nicht. Der Weltmeister dachte nur an sein nächstes Tor und schoss vorbei. Für Toni war die Sache mit einem entschuldigenden Wink erledigt. Klose hob auch eine Minute später noch rat- und hilflos die Arme. Hitzfeld machte deutlich, dass er nicht glücklich damit ist, wie die Dinge im Angriff derzeit laufen, dass nämlich einer arbeitet und der andere trifft. Klose dürfte die toni-freien Tage mit der Nationalmannschaft besonders genießen.“

Schneckenrennen

Ulrich Hartmann (SZ) kommentiert den Kampf um den Ligaerhalt zwischen Duisburg, Nürnberg, Cottbus, Rostock und Bielefeld, die zurzeit so gut wie nie gewinnen: „Derart kollektiv bedürftig war ein Schlussquintett in den vergangenen dreizehn Jahren nie, woraus abzuleiten ist, dass die alte Faustformel ‚40 Punkte reichen zum Klassenerhalt’ diesmal außer Kraft gesetzt wird. Weil zwischen den fünf Schnecken nur noch fünf direkte Duelle anstehen, dürfte es am Saisonende einen Bundesligarekord geben. Bislang halten Nürnberg und Wolfsburg diese Bestmarke, sie haben 2002 und 2006 mit 34 Punkten die Liga gehalten. Diesmal könnte weniger genügen. Das neuerliche Schneckenrennen birgt die Gefahr, dass wieder Diskussionen über die Zweiklassengesellschaft Bundesliga beginnen, dass über Arm und Reich sinniert wird und über die sich öffnende Schere innerhalb der Fußballelite. Aber die aktuelle Schwäche des Schlussquintetts hat individuelle Gründe. Ab der kommenden Saison steigen bloß noch zwei Klubs direkt ab, der drittletzte darf in die Relegation. Das Schneckenrennen wird aus kommerziellen Gründen ligaübergreifend und dann hoffentlich: atemraubend!“

Schalker Seifenoper

Claudio Catuogno (SZ) schmunzelt darüber, dass Schalke seine Laune ausschließlich an Ergebnissen orientiert: „Der Gemütszustand im Fußball, besonders auf Schalke, ist wie permanentes Aprilwetter: Wolken verdüstern den Himmel und verschwinden wieder, fieser Platzregen wechselt mit strahlendem Sonnenschein, Stürme ziehen auf und vorüber – und alles geschieht in Windeseile. Gerade noch hatte Schalke nacheinander gegen Wolfsburg, Leverkusen und Bayern München verloren. Das waren nicht nur drei Niederlagen, das war eine handfeste Krise. Und es war Anlass für die Diagnose, Mirko Slomka sei womöglich der falsche Trainer, er habe es versäumt, sein Team weiterzuentwickeln. Drei Wochen später stehen nun Siege gegen Bielefeld, Duisburg und Hertha in der Bilanz sowie ein Champions-League-Viertelfinale gegen Barcelona bevor. Siege gefallen, Siege machen unangreifbar. So ist das jetzt wieder auf Schalke: eitel Sonnenschein, und niemand hält es für nötig, sicherheitshalber mal einen Regenschirm einzupacken.“

Ronny Blaschke (taz) ergänzt: „Es ist immer wieder amüsant zu beobachten, welchen Konjunkturschwankungen ein Bundesligaklub unterliegt, besonders absurde Züge nimmt dieses Schauspiel regelmäßig beim FC Schalke an. Es ist nicht mal einen Monat her, dass sich Slomka wie ein Bittsteller für seine Arbeit rechtfertigen musste. (…) Dabei spielte der FC Schalke nicht wesentlich besser als vor einem Monat. In Berlin trat die Mannschaft gehemmt in der Offensive auf und war arm an Ideen. Die nächste Ausgabe der Schalker Seifenoper folgt bestimmt.“

Vorsichtig geworden

Oliver Trust (FAZ) bestätigt die erneut siegenden Stuttgarter in ihrer Haltung, die Ziele nicht zu optimistisch zu setzen: „Dem VfB käme es trotz der Serie wie fahrlässige Prahlerei vor, im Frühjahr 2008 von der Königsklasse zu sprechen. Vor kurzem erst schied man ernüchtert gegen Carl-Zeiss Jena im DFB-Pokal aus und sah anschließend dabei zu, wie sich Jenas Halbfinalgegner Dortmund durch den Sieg und den Finaleinzug vorab die Teilnahme am Uefa-Cup sicherte. Die Schwaben sind vorsichtig geworden, allzu viele Enttäuschungen will man sich in einer Saison, die als verdorben galt, nicht mehr zumuten.“

Schiedsrichter wollen leiden und gequält werden

Frank Heike (FAZ) verteidigt den Schiedsrichter gegen Hamburger und Wolfsburger Kritik: „Kinhöfer bewegte sich genau im Rahmen der ja nicht von ihm vorgeschriebenen Regeln: alle vier Feldverweise waren vertretbar. Allein die Situation beim Handspiel im Strafraum hatte er falsch beurteilt. Das war sicher ärgerlich für den HSV. Doch was Beiersdorfer und Stevens viel mehr nervte, war die eigene Leistung. Dem HSV gelang es nicht, das eine halbe Stunde lang kontrollierte Spiel zu einem positiven Ende zu führen. Nach dem 1:0 traten die Hamburger beeindruckend kompakt auf. Doch als der VfL Wolfsburg nach der Pause den HSV zunehmend in Zweikämpfe zwang, verloren die Hamburger die Linie. Das 1:1 war selbst verschuldet, weil Trochowski den Ball verspielte. Der HSV will nach dem Ausscheiden im DFB- und Uefa-Pokal unbedingt Zweiter oder Dritter werden – Plätze, um die neben Bremen und Leverkusen nun auch wieder Schalke und Stuttgart kämpfen. In Wolfsburg ließ der HSV zwei Punkte liegen, weil er sich nach einer frühen Führung wieder einmal zu schnell mit der Verteidigung begnügte.“

Oskar Beck (Welt am Sonntag) rät den Schiedsrichtern, ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Videobeweis zu überdenken, weil er ihre Entscheidungen auf dem Platz bestätigen könnte und sie somit vor ungerechter Kritik schützen werde: „Wir haben mit den Schiedsrichtern Mitleid und möchten ihnen am liebsten helfen. Aber sie pfeifen drauf. Sie wollen leiden und gequält werden. Sie bestehen darauf. Sie können ohne diesen Schmerz nicht leben. Jedenfalls schlagen sie sich nicht kämpferisch an die Seite ihrer Vorzeigefigur Markus Merk, wenn der mutig den Videobeweis fordert. Schiedsrichter wollen die bösen Buben sein. Deshalb halten sie still, wenn der Fifa-Blattersepp vom Zürichsee wieder mal andeutet, dass zuviel technische Hilfe den Fußball erstickt, oder wenn der DFB-Zwanzigertheo sie mit der stolzen These in den Schlaf singt: Auch wenn Fehler passieren – wir haben die besten Schiedsrichter der Welt. (…) Der Aufklärungswahn, hat sich der pfeifende Kolleg Knut Kircher sogar zitieren lassen, mache den Fußball kaputt. Welcher Fußball ist da gemeint? Der Geschäftsfußball von heute – oder der Amateurfußball von früher, als man noch die Torlatten auf den Platz trug, die Seitenlinien mit Sägemehl streute und ein Schiedsrichterfehler noch keine Vereinsexistenz bedrohte, keinen zweistelligen Millionenverlust bedeutete und die dazugehörigen Emotionen noch steuerbar waren? Der Fußball von heute ist nicht mehr aus Leder, Gleiche Höhe ist nicht mehr abseits, und für immer mehr Menschen ist der Fußball immer öfter viel mehr, als er sein sollte – nämlich ihr Leben, und das kann irgendwann lebensgefährlich werden. Im schlimmsten Fall ist der Tag nicht mehr fern, an dem die Spinner den Schiedsrichter nicht mehr mit Bier überschütten oder mit Feuerzeugen bewerfen, sondern ihm blutig auf die Pelle rücken.“

Donnerstag, 20. März 2008

DFB-Pokal

Berlin, Berlin, was wolln wir in Berlin?

Die Finalteilnahme sei den Dortmundern gegönnt, doch die Presse attestiert ihnen eine schwache Leistung beim 3:0 gegen Jena

Dortmunds Einzug ins Finale – ein Höhepunkt der jüngsten Vereinsgeschichte, die im März 2005 mit dem positiven Votum der Gläubiger begann; Christian Kamp (FAZ) jedoch hat an der sportlichen Leistung einiges auszusetzen: „Jetzt, drei Jahre und einen harten Sparkurs später, wähnt sich der Klub wieder dort, wo er dem eigenen Selbstverständnis nach mindestens hingehört: an der Tür zur Beletage. Doch so verständlich das Gefühl der Befreiung angesichts der Leiden der Vergangenheit gewesen sein mag: Man musste sich doch fragen, was zuvor auf dem Rasen eigentlich passiert war. Das Endspiel ist ja noch längst nicht gewonnen, sondern erst mal nur erreicht. Außerdem hat die Borussia nicht Real Madrid (oder wenigstens Schalke 04) geschlagen, sondern den Vorletzten der Zweiten Liga. Und auch das nur mit viel Mühe und begünstigt durch eine Gelb-Rote Karte gegen den besten Jenaer, Jan Simak. Bis dahin hatte der Auftritt der Dortmunder doch sehr an das vertraute Gesicht aus der Bundesliga erinnert; dort belegt die Borussia derzeit nur Rang 13. Verunsichert und mit wenig Spielwitz ging die Mannschaft auch gegen Jena zu Werke. (…) Die Borussia ist – wie ihre Aktie – wieder ins Blickfeld geraten. Mehr aber auch nicht.“

1:0 Tinga

Felix Meininghaus (Stuttgarter Zeitung) fügt hinzu: „Knapp 81.000 Zuschauer haben das Halbfinale miterlebt und damit für die größte Kulisse gesorgt, die es im deutschen Pokal jemals gegeben hat. Spielerisch herrschte mal wieder erschreckende Armut, und das, obwohl der BVB gegen einen angehenden Drittligisten fast eine Hälfte lang in Überzahl agieren konnte. Der ärmliche Auftritt war vor allem der Angst geschuldet, die riesige Chance aus den Händen zu geben und sich zum Gespött der Nation zu machen.“

2:0 Klimovets, 3:0 Petric

Dirk Graalmann (SZ) stimmt ein: „Seit exakt einem Jahr verantwortet Thomas Doll nun das sportliche Geschick der Borussen, seine Liga-Bilanz (33 Spiele, 13 Siege, 14 Niederlagen) ist nicht nur numerisch trist. Der Fortschritt der Mannschaft ist bestenfalls mikroskopisch zu erkennen, auch das Erreichen des Endspiels kann nicht darüber täuschen, dass der BVB oftmals einen inspirationsarmen Fußball spielt. Ein Fan warf nach dem Finaleinzug angesichts der schwankenden Leistungen amüsiert die Frage auf: ‚Berlin, Berlin, was wolln wir in Berlin?’ Im besten Fall erneut den Pokal holen.“

Wenn Köche Sport moderieren …

Bundesliga

Altegoer bestimmt, wer das Klopapier kauft und wer es benutzt

Wird die Eitelkeit des Bochumer Präsidenten dem Manager Stefan Kuntz zum Verhängnis (SZ) / Bojan Prasnikar, „Vertreter der leisen Töne“ (FR) / Albert Streit: Bin kein Trainingsweltmeister, will aber spielen (FR)

Ein Thema verlässt seine Region: Der SZ entnehmen wir, dass Bochums Manager Stefan Kuntz durch den Präsidenten Werner Altegoer in Frage gestellt werde. Kuntz bestätigt sogar, dass sein baldiger Abschied möglich sei und erwähnt ein Angebot aus Kaiserslautern. Weitere Stimmen, bis auf eine anonyme, sind aus Bochum nicht zu vernehmen, Aufsichtsrat und Präsident schweigen.

Andreas Burkert staunt, wie wir, nicht wenig: „Für Außenstehende ist das, was nun seit einer Woche in den regionalen Blättern und der Fan-Schaft des VfL diskutiert wird, eine skurrile Debatte. Bochum steht gut da, Trainer Koller hat mit Ruhe und Akribie seine Mannschaft geformt. Der VfL hat derzeit elf Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz, Rang 12, selten haben die Bochumer eine derart entspannte Saison gespielt. Doch Kuntz, der mit Koller diese Mannschaft zusammenstellte und dessen Vertrag zum Jahresende ausläuft – er wartet angeblich bislang vergebens auf Signale zur Verlängerung. Mehr noch, er hält es für nicht ausgeschlossen, dass er noch vor Saisonende zu gehen hat. Falls Werner Altegoer den Daumen senke. Weshalb er zögert in der Causa Kuntz, ist unklar.“

Macht abgeben

Geht es um die Eitelkeit des Präsidenten? Burkert vermutet es: „Kuntz, durch die Bochumer Transfers wie Gekas oder Sestak als ‚Schnäppchenkönig’ dargestellt, ist dem Vereinspatron zumindest etwas zu groß geworden im Ansehen, wenigstens dies gilt als verbrieft. In Bochum wissen alle: Beim VfL entscheidet nur Altegoer, der den Verein durchaus vorangebracht hat und manchmal sogar für Kredite bürgte. Ob es nur darum geht – dass Altegoer etwas von seiner Machtfülle abgeben soll? Dass sich Kuntz etwas Gravierendes zuschulden kommen ließ, ist kaum anzunehmen. Denn dann hätte Altegoer längst reagiert. Er ist der Boss.“

Aber es ist und bleibt eine Spekulation: „Was hat Kuntz letztlich angestellt, dass der Patriarch zumindest die Begeisterung für seinen einstigen ‚Ziehsohn’ verloren zu haben scheint? Das lässt sich nur ahnen.“ Die Zukunft wird uns wohl die Antwort geben, bis dahin vertrösten wir uns mit dem anonymen Zitat eines Bochumer Führungsmitglieds: „Altegoer bestimmt, wer das Klopapier kauft und wer es benutzt.“

Vertreter der leisen Töne

Ronny Blaschke (FR) findet, dass Energie Cottbus recht daran tat, (vor einem halben Jahr) einen neuen Trainer einzustellen: „Klubchef Ulrich Lepsch wurde heftig kritisiert nach der Ablösung Petrik Sanders, inzwischen scheint sich diese Entscheidung als richtige Lösung zu erweisen. Bojan Prasnikar war der erste Nationaltrainer Sloweniens nach der Unabhängigkeit. Seine erfolgreichste Zeit erlebte er bei NK Maribor. Zwischen 1996 und 2000 führte er den Klub zu vier Meistertiteln in Serie und 1999 als bislang einzigen slowenischen Klub in die Champions League. Er ist ein Vertreter der leisen Töne, oft sieht man ihn mit einer Taktiktafel unter dem Arm. Prasnikar betrachtet den FC Energie als Sprungbrett, nicht als Abstieg in die Provinz. Dafür scheut er auch nicht vor schwierigen Entscheidungen zurück. Den angesehenen, aber unsicheren Torhüter Tomislav Piplica degradierte er zum Reservisten, sein Nachfolger Gerhard Tremmel spielt eine überdurchschnittlich gute Saison. Den zuvor etablierten Francis Kioyo und Steffen Baumgart wurde sogar der Vereinswechsel nahe gelegt. Dafür suchte Prasnikar, dessen Vertrag bis 2009 auch für die zweite Liga läuft, Verstärkung in China. Der serbische Stürmer Branko Jelic war Torschützenkönig im fernen Osten, ehe ihm Cottbus eine Bühne in der Bundesliga bot.“

Man weiß ja, wie er reagiert

Und hier noch ein Schmankerl für alle Eintracht-Fans: ein Interview mit dem Schalker Ersatzspieler Albert Streit in der FR: „Ich bin kein Trainingsweltmeister, klar, ich bin auch in Frankfurt im Training nicht immer aufgefallen, aber ich lasse mich nicht hängen. Und Schalke hat mich ja wohl nicht geholt, damit ich Tore im Training vorbereite, sondern im Spiel. Oder? Wenn sich nichts ändert, muss man Lösungen finden.“

Friedhelm Funkels Einschätzung wird auch dargelegt: „Dass er Probleme kriegt, war mir schon klar, weil er verletzt war und deshalb keine gute Form haben konnte. Und wenn er nicht spielt, dann weiß man ja, wie er reagiert. Ich weiß nicht, ob sein Verhalten in der Mannschaft gut ankommt, denn in Schalke ist er nur einer von ganz, ganz vielen.“

Mittwoch, 19. März 2008

DFB-Pokal

Ausgedehntes Netz an Kontakten

Vor dem Halbfinale in München – Frank Heike (FAZ) feiert die Bauten des Wolfsburger Architekten Felix Magath: „Der brasilianische Nationalspieler Josué hat nur 1,5 Millionen Euro gekostet und ist von jetzt auf gleich zum fleischgewordenen Stoppzeichen gegnerischer Angriffe geworden. Es ist nahezu perfekt, wie er sich in den Weg stellt, Bälle abläuft, sie weitergibt und dabei selten foult. Man hat Magath für seine freundliche Übernahme des VfL Wolfsburg gescholten, gefragt, wer ihn eigentlich kontrolliere – bei solchen Einkäufen (und bei so viel Geld von Volkswagen) muss ihn niemand überwachen. Längst fragt man sich in anderen Stadien, woher Magath Spieler wie Josué, Grafite, Benaglio oder den Japaner Hasebe eigentlich kennt. Magath besitzt nach dreizehn Jahren als Trainer in der Bundesliga ein ausgedehntes Netz an Kontakten. Das reicht bis nach Japan und macht es möglich, auf dem schwierigen Fußballmarkt Brasilien besondere Spieler zu verpflichten. Sicher wird diese neue Mannschaft auch mal wieder schlingern, zumal Magath weiter am Kader arbeiten wird. Das hat er schon angekündigt und seine endgültige Stammelf erst für die neue Saison avisiert. Das in Wolfsburg aufgrund der fehlenden Tradition und der wenigen Fans immer sehr schwach ausgeprägte Selbstbewusstsein ist schon jetzt größer geworden. Im Verein merkt man, dass vieles, was Magath angepackt und verändert hat, wohl wirklich nötig war, um aus dem Klub der bequem gewordenen Abstiegskämpfer im Schatten der Schlote des Volkswagenwerkes einen Verein zu machen, der nur noch einen Schritt vom Finale entfernt ist.“

taz: Christian Lell hat sich in die Startformation des FC Bayern gespielt, außerhalb des Platzes offenbart er aber noch erhebliche Unreife

DFB-Pokal

DFB-Pokal

Internationaler Fußball

Ohne Rezept

Vor dem Saisonbeginn in zehn Tagen erteilt Rod Ackermann (Neue Zürcher Zeitung) der Hoffnung auf ein Erblühen des US-Klubfußballs eine Absage: „Europa kommt zuerst, alles andere danach, und mag die US-Profiliga noch so laut jammern. Nordamerika bleibt nichts als ein Zwitter aus Entwicklungsland und Gnadenwiese, und dies drei Jahrzehnte nach dem bisher größten Hilfsangebot der Außenwelt, dem Engagement von Pelé und Beckenbauer in New York. Doch alle Jahre wieder lassen die Soccer-Propagandisten ihre Sirenengesänge erschallen, untermalt mit unvermeidlichen Hinweisen darauf, dass die Kids beiderlei Geschlechts den Ball lieber kicken als werfen und das runde dem ovalen Leder vorziehen. Ein Rezept dafür, wie sich fußballerische Begeisterung der Youngsters in Know-how für höhere Aufgaben – Major-League-Soccer oder Nationalmannschaft – umwandeln ließe, haben sie noch immer nicht gefunden. Nach all der Zeit ist anzunehmen, dass es gar keins gibt.“

Vielzahl an Optionen

Die Stärke Marco Borriellos ist die Stärke des FC Genua – Tom Mustroph (Neue Zürcher Zeitung) porträtiert den beliebten Torjäger: „Er ist, sieht man vom nach München exilierten Luca Toni ab, der treffsicherste italienische Angreifer. Die Torschützenliste führt er mit 16 Treffern gemeinsam mit Trézéguet an. Ibrahimovic und Del Piero, Mutu und Kakà, Iaquinta und Totti – all diese hoch gehandelten Stürmerstars liegen hinter ihm. Von der Spielanlage und Physis ähnelt Borriello dem in Italien stark vermissten Toni. Er ist dynamisch und großgewachsen. Wuchtig verwandelt er im Strafraum Flankenbälle mit der Stirn. Akrobatisch kann er auf engstem Raum den Ball annehmen, sich um die eigene Achse drehend Platz verschaffen und erfolgreich abschließen. Borriello ist bei Standards einsetzbar, er kann eine Pattsituation im Zweikampf auflösen und ist als Konterstürmer geeignet. Die Vielzahl der Optionen seines Angreifers ist das Kapital des Aufsteigers aus Genua, der dank Borriellos Toren kaum fürchten muss, in den Abstiegsstrudel zu geraten.“

Viel mehr interessiert uns verkappte Boulevardreporter freilich Borriellos Erklärung für seine positive Dopingprobe vor gut einem Jahr: „Das Kortison sei durch oralen Sex mit seiner Freundin in seinen Körper gedrungen. Diese hätte eine Infektion mit einer kortisonhaltigen Salbe behandelt. Die Richter glaubten die Geschichte und verhängten nur eine dreimonatige Dopingsperre. Das war Glück.“

Borriellos Magie

Man sieht die Barbaren lieber als Touristen

Gehen nun auch italienische Vereine in amerikanischen Besitz? Birgit Schönau (SZ) berichtet von dem Gefallen des Textilhändlers John J. Fisher am AS Rom: „Er arbeitete für Reagan und Bush jun., er sponserte Arnold Schwarzenegger in zwei Wahlkämpfen mit insgesamt 50.000 Dollar, was auf einen gewissen Geiz hindeutet. Einer der schönsten Filme des großen italienischen Volksschauspielers und Roma-Fans Alberto Sordi heißt ‚Ein Amerikaner in Rom’. Daraus wird jetzt immerzu zitiert. Man weiß noch nicht, ob der Poker um den AS Rom eine Soap-Opera oder ein Thriller wird, immerhin geht es um die erste ausländische Investition in den italienischen Fußball. Und dann auch noch in Rom. Für die Italiener riecht das nach Untergang des Abendlandes, man sieht die Barbaren nun mal lieber als Touristen. Den Gerüchten nach soll Fishers Offerte für den Klub der Wölfin bei 250 Millionen Euro liegen. Das ist immerhin mehr als die schlappen 138 Millionen, die Air France just für die marode Papst-Fluglinie Alitalia geboten hat. Die Welt ist es noch nicht.“

Historisch verwurzelter Stolz

Ohne die Neue Zürcher Zeitung müssten wir dumm sterben. Ihr Mitarbeiter Georg Bucher macht uns auf den Aufschwung von Vitória de Guimarães aufmerksam und den Hintergrund des Klubs: „Die Zahl der Klubmitglieder nähert sich 30.000, was selbst unter günstigen Voraussetzungen außergewöhnlich erscheint: Guimarães ist die Wiege Portugals, hier entstand die Nation im 12. Jahrhundert, und hier sucht man vergeblich Filialen der großen Klubs aus Lissabon und Porto, die anderswo wie Pilze aus dem Boden sprießen. Der historisch verwurzelte Stolz verbietet eine doppelte Identifikation. Aus Guimarães zu sein, ist etwas Besonderes, und dieses Bewusstsein tragen die Fans in fremde Stadien. (…) Selbst wenn es nur für einen Uefa-Cup-Rang reicht, wären die Erwartungen weit übertroffen.“

stern.de: Holland – Bondscoach Marco van Basten stößt in seiner Heimat breite Ablehnung entgegen. Der einstige Volksheld hat sich mit den Superstars der geliebten ‚Elftal’ verkracht und lässt zudem erbärmlichen Fußball spielen. Die Angst vor einer deftigen EM-Blamage wächst stetig

Unterhaus

Verwirrende Rede

Den Wutausbruch Christoph Daums auf der Pressekonferenz nehmen die Journalisten vornehmlich als gelungenes Kabarett hin

Thomas Klemm (FAZ) wird aus Daums Worten und Blicken nicht schlau: „Mit seinen jüngsten Auftritten hat Daum die Öffentlichkeit verwirrt; vor allem, dass er sich wie ein Einzelkämpfer aufführte, der gegen viele gefühlte Widerstände am Aufstieg arbeitet: gegen die Fans, denen er fehlende Geduld mit der sensiblen Mannschaft vorwarf, gegen die Medien, die partout keine gute Miene zu den schlechten FC-Spielen machen wollen, gegen den Vorstand, der ihm angeblich zu wenig Rückendeckung in der öffentlichen Vertragsdiskussion gebe, und sogar gegen die eigenen Profis, die nicht ‚gestanden’ seien.“

Christoph Ruf (FR) versteht Daums Szene als Trapattoni-Zitat: „Was zehn Jahre und wenige Tage später Daum den Kölner Journalisten entgegen schleuderte, hatte komödiantisch einen ähnlichen Effekt. Angesichts wiederholter ungebührlicher Nachfragen bezüglich seiner mit einer Ausstiegsklausel versehenen Vertragssituation entschwamm dabei auch dem Weltmann Daum (Istanbul, Wien, Leverkusen) wie einst Trapattoni sein Hochdeutsch auf einer Woge angestauter Wut. Darunter kamen jedoch keine denkbar frei übersetzten italienischen Wendungen, sondern das Idiom seiner Duisburger Heimat zu Tage. Daum jedenfalls ‚ey, tschuldigung’, fand ‚et’ unmöglich, ‚wat hier sich abspielt’, und verbat sich Unterstellungen, er lasse seinen ‚Kluub’ durch die gegenwärtige Hinhaltetaktik im Stich. Ganz, als hätten ihm das die Medien eigenmächtig unterstellt und nicht sein eigener Präsident, der gerne die Planungen für die kommende Saison konkretisieren würde und seit jeher die interne Kommunikation über den langen Dienstweg und die große Schlagzeile steuert. In Köln, so hört man, war das auf diversen Servern einsehbare Filmchen mit Daums stark nach Abschied klingendem Ausbruch jedenfalls das dominierende Kneipengesprächsthema des Wochenendes. Eigentlich ungerecht, wo das Publikum doch sonst immer authentische Menschen fordert.“

Peter Stützer (Welt) versucht schon gar nicht mehr, ernst zu bleiben: „Im Hänneschen Theater zu Köln haben sie den Speumanes. Im ersten Fußballklub der Stadt den Christoph Daum. Der Speumanes hat Glubschaugen, er stottert bei Aufregung, und er spuckt beim Schnellsprechen, er speut, daher der Name. Auf Daum haben sie mal Traum gereimt, was aber nicht der Grund gewesen sein kann, ihm den Vertrag seines Lebens zu geben. Er darf alles, muss aber nichts. Gehen oder bleiben, reden oder schweigen – seine Sache. Der Speumanes darf alles, kann aber nichts, so langsam nähern sich die beiden Figuren an. (…) Daum beklagt die hohen Ansprüche der Medien, über seine eigenen wollen wir mal gerade hinweg sehen.“

Letzte Woche: Wollen Sie den Brüder-Grimm-Preis erhalten? (Der Brüder-Grimm-Preis ist einer der renommiertesten Medienpreise, er wird jährlich vom Brüder-Grimm-Institut in Marl in verschiedenen Kategorien verliehen – die Red.)

Vor zehn Jahren: Ein Trainer sehen, was passieren in Platz.

Vor zwanzig Jahren: Angreifer Daum, Verteidiger Hoeneß, das Bübchen Heynckes und ein lebendiges ZDF-Studiopublikum

Tipp: Die beiden oberen Videos gleichzeitig abspielen!

Deutsche Elf

Bringt das Abschiedsspiel für Kahn Klinsmann auf die Palme?

Oskar Beck greift in der Stuttgarter Zeitung das Abschiedsspiel für den privilegierten Oliver Kahn auf und schließt, dass Geld und Macht die wichtigsten Faktoren bei der Entscheidung des DFB gewesen seien. Zudem wundert er sich, dass das Thema von den Medien verschwiegen worden sei. Da kann man ihm nur empfehlen, den freistoss zu abonnieren.

Beck weist, einige andere Ex-Nationalspieler im Sinn, auf die seltsamen Begründungen („außergewöhnlicher, vorbildlicher, einzigartiger Sportsmann“) der Ausnahmeregelung hin und stört sich zudem an Kahns Manieren: „Man bekommt spontan Mitleid mit ein paar dieser von Kahn weit überragten anderen, von Jürgen Klinsmann über Jürgen Kohler bis Thomas Häßler, die als noch viel außergewöhnlichere, vorbildlichere und einzigartigere Welt- und Europameister auf 108, 105 und 101 Länderspiele zurückblicken und dabei weder Freund noch Feind je an die Gurgel gesprungen sind – hat ihnen am Ende aber doch diese ‚ungewöhnliche Art’ gefehlt, der Olli Kahn nun sein von der Nationalelf gekröntes Abschiedsspiel verdankt, und das mit lumpigen 86 Länderspielen und ohne jedes WM- und EM-Happy-End? Die Wege des Herrn sind unergründlich, vor allem aber die Wege des DFB.“

Auf den künftigen Bayern-Trainer und ehemaligen Nationaltrainer und dessen Meinung zu dem Thema kommt Beck vertiefend zu sprechen: „Warum Klinsmann diesen Laden auseinander nehmen wollte, wusste er schon als Spieler. Nach seiner Karriere als Kanone und Kapitän hat er anno 1998 beim damaligen DFB-Chef Egidius Braun wegen eines Abschiedsspiels nachgefragt, und die Antwort hieß Ja, worauf der rührige Schwabe zügig ein Konzept entwickelte, ein halbes Jahr lang die Sache generalstabsmäßig organisierte – bis ihm das DFB-Präsidiumsmitglied Karl Schmidt mittels Fax plötzlich die Umkehr des Braunschen Ja in ein Nein mitteilte. Abschiedsspiele der alten Art waren nicht mehr vorgesehen. Die Faust in der Tasche hat der Klinsmann aber erst recht geballt, als der DFB auch noch für Lothar Matthäus eine Ausnahme machte. (…) Das DFB-Jawort zu Kahn, hört man, bringt Klinsmann seit Tagen in Kalifornien auf die Palme.“

Batzen statt Hungerlohn

Angewidert erinnert uns Beck an den nachfolgenden Streit um Moneten: „Die Bayern und Matthäus gerieten sich in die Wolle, eine lausige Spendenmoral musste Rekordlothar sich bescheinigen lassen, und selbst der Letzte hat kapiert, dass bei so einem Abschiedsspiel nicht die Ehre zu stimmen hat, sondern die Kohle. Aufgrund eines grässlichen Sprachfehlers ist stets von ‚außerordentlichen Verdiensten’ die Rede – in Wahrheit ist aber das außerordentliche Verdienen gemeint. So ein Abschiedsspiel ist für alle Beteiligten eine Lizenz zum Gelddrucken.“

Kalkulierend-spekulierend berichtet Beck, was denn so drin sein wird für Kahns Konto: „Bis zu sieben Millionen Euro, munkeln Insider, sind mit Oliver Kahns Abschiedsspiel zu machen. Den dicksten Batzen, rund vier Millionen, schießt das Fernsehen zu. Das ist bei solchen Anlässen der Tarif, wenn die Nationalmannschaft mitspielt – würden stattdessen nur irgendwelche All Stars auflaufen, wäre lediglich ein TV-Hungerlohn von achthunderttausend Euro drin. So ungefähr war es damals bei Klinsmann, dem der DFB den Geldesel Nationalelf noch verweigert hat und der in eigener Regie dann kleinere Brötchen backen musste, die er komplett für soziale Zwecke gespendet hat.“

Beck entlarvt auch die Rechtfertigung des DFB für eine weitere Ausnahme, die drei Jahre zurückliegt: „Schon 2005 hatte sich geschwind eine zündende Begründung für das Vorhaben gefunden, die Eröffnung der Allianz-Arena vom FC Bayern und der Nationalmannschaft bestreiten zu lassen – kurzerhand erklärte der DFB, man werde künftig jedem Club, der seine Kicker schon für mehr als 1000 Länderspiele abgestellt hat, so ein ‚Freispiel’ gewähren.“

Ich sag ja: Klinsmann, der künftige Bayern-Trainer, wird Kahn auf die Bank setzen. Weitere Links: Hier zieht Theo Zwanziger Argumente an den Haaren herbei, um die Ausnahmegenehmigung für Kahn zu rechtfertigen. Hier sind Pressestimmen zur Eröffnung des Münchner WM-Stadion 2005. Hier gibt’s die Diskussion zu Uli Hoeneß’ Moraltrumpf.

Dienstag, 18. März 2008

DFB-Pokal

Heute an der Wassertränke, ab morgen wieder in der Wüste

Im DFB-Pokal-Halbfinale steht ein traditionsreicher Zweitligist, der den Abstieg kaum noch verhindern kann: Carl Zeiss Jena. Und mit dem Klub ein Rückkehrer, dem man eine Weltkarriere voraussagte: Jan Simak

Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland) beschreibt die Janusköpfigkeit und Ausweglosigkeit Carl Zeiss Jenas: „Jenas Erfolglosigkeit ist ein Rätsel. Selten ist eine so spielstarke Mannschaft so zielstrebig der Drittklassigkeit entgegengetaumelt. Hätte die Saison weniger frustrierend begonnen, der altehrwürdige FC Carl Zeiss Jena könnte dort stehen, wo sich der künstlich traditionsreiche Verein 1899 Hoffenheim mit dem farblosen Fusionsklub Greuther Fürth um den Aufstieg in die Bundesliga balgt. Manchmal liegt im Anfang kein Zauber, sondern schon alles Verderben. Jedenfalls bei sensiblen Gemütern. Einerseits. Andererseits steht der FC Carl Zeiss Jena als einziger Zweitligist im Pokalhalbfinale und hat auf dem Weg dorthin drei Erstligisten geschlagen. Fast wirkt das, als verhöhnte der Verein sich selbst. Erreichen die Thüringer das Pokalfinale, haben sie eine bizarre Perspektive aufs internationale Geschäft als Regionalligist. Schwer zu sagen, ob sie das motiviert oder depressiv macht. Eine Chance ist ja auch nichts anderes als eine neue Möglichkeit zu scheitern.“

Ronny Blaschke (Stuttgarter Zeitung) fügt hinzu: „Was bleibt, sind 90 Minuten an der Wassertränke, vielleicht 120, danach geht es wieder raus in die Wüste, und ob sein Team so schnell noch mal auf eine Oase stößt, ist mehr als fraglich. Die neue Dritte Profiliga ist eine große Unbekannte. Zumindest werden die Pokaleinnahmen in Höhe von 2,5 Mio. Euro Jena beim Aufbau helfen.“

Das Beste, was passieren konnte

Ein trockener Alkoholiker im Halbfinale (und bald auch wieder in der Bundesliga?) – Jan Christian Müller (FR) zollt Jan Simak Respekt: „Er hat es geschafft, seine schwere Krankheit zu besiegen. Und er, der nach der Kur sechs Kilo schwerer war und schon nach dem Aufwärmen bei Sparta Prag kaum noch rennen konnte, hat sich zurückgekämpft in die gnadenlose Tretmühle Profifußball. Das ist – zumal nach anderthalb Jahren der Isolation ganz ohne Profifußball – eine Willensleistung, die ihm die allermeisten Menschen niemals zugetraut hatten. Nicht nur sein Körper war ja kaputt, auch sein Image, was in dieser Branche noch erheblich schwerer wiegt.“

Christian Kamp (FAZ) hält rückblickend Simaks Entscheidung, nach Jena zu wechseln und nicht nach St. Pauli, für richtig: „Für Simak war es vielleicht das Beste, was passieren konnte: St. Pauli und er, das hätte auf die falsche Art gepasst – die Assoziationen von Kiez und Party (und vielleicht auch die Versuchungen) wären allgegenwärtig gewesen. In Jena aber, der unaufgeregten Universitätsstadt inmitten der Kernberge, fand der neue Jan Simak die Ruhe, die er braucht. Mit seiner Frau und dem kleinen Sohn lebt er zurückgezogen in Laasdorf; im Ernst-Abbe-Sportfeld hat er ein sachkundiges Publikum, das ihn nicht nur in Extremen beurteilt.“

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