Dienstag, 22. Mai 2007
Ascheplatz
Nur noch den Gierigsten der Gierigen
Thomas Kistner (SZ) kann es nicht fassen, daß Bayer seine Sportförderung im Profisport künftig auf Fußball beschränken und damit nur noch den fettesten Gänsen den Arsch schmieren wird: „Als zunehmend fragwürdig erscheint die Fokussierung aller Mittel und Kräfte auf den Fußball auch deshalb, weil sich das Objekt der Begierden aller Marketender zwar kommerziell einer strotzenden Gesundheit erfreut, im Inneren jedoch dermaßen rasant vor sich hinfault, daß jeder Internist eine Notoperation ansetzen würde. Fußball, das ist auch: Ein neuerdings wieder stramm wachsender Rassismus, Vetternwirtschaft auf allen Vereinsebenen und allwöchentlich Polizei vor den Stadien von drei Profiligen, für die der Steuerzahler aufkommen muß. Die unausrottbare Wettleidenschaft in diesem und rund um dieses Gewerbe sparen wir aus, schauen dafür auf die unerhörten Summen, die im anstehenden Transfersommer wieder über und unter den Verhandlungstischen bewegt werden: Daran dürfte allein das mäßig beleumundete Gelichter der Spielerberater mit rund 40 Millionen Euro partizipieren. Insofern entwertet sich die an sich lobenswerte Firmenstrategie, lieber Bildung statt Sport zu fördern, hier leider selbst: Das Vorhaben, enorme Fördergelder nur noch den Gierigsten der Gierigen in den Rachen zu stopfen, wird gewiß Schule machen.“
RP-Online: Bayer dreht Geldhahn zu
Montag, 21. Mai 2007
Bundesliga
Mit Teamgeist und Zusammengehörigkeitsgefühl zum Titel
Gunsthafte Gratulationen an den neuen Meister VfB Stuttgart / Kritik an der Stillosigkeit der Entlassung Klaus Augenthalers in Wolfsburg
Roland Zorn läßt im FAZ-Leitartikel auf Seite 1 seiner Euphorie freien Lauf: „In der Spielzeit nach der märchenhaften Weltmeisterschaft hat auch die Bundesliga eine wunderbare Geschichte zu bieten. Die Fachleute wurden widerlegt, die Fans in ihrer fiebrigen Sehnsucht nach Überraschungen und Sensationen bestätigt. Titelverteidiger Bayern spielte am Ende der vierunddreißigteiligen Erfolgsserie keine Rolle mehr. Mögliche Thronfolger wie Schalke 04, Werder Bremen oder der Hamburger SV verfehlten auf dem großen Sprung nach vorn ihr Ziel knapp oder überdeutlich. Zum Eroberer der Meisterschale stieg eine Mannschaft auf, mit der von vornherein weder Fachleute noch Fans gerechnet hatten: der VfB Stuttgart. So drehte der Fußball vor allem jenen eine lange Nase, die in dem unverbrüchlich beliebten Volkssport in erster Linie ein Geschäftsmodell mit sportlich kalkulierbarem Risiko sehen. Die an Kapriolen reiche 44. Auflage des Verkaufsschlagers Bundesliga bestätigte dagegen die unverzagten Romantiker der deutschen Fußball-Großgemeinde, die dieses Spiel deshalb lieben, weil es sich nicht vollends einhegen und zähmen läßt durch die Macht des Geldes.“
Im Sportbuch gibt Zorn allerdings das Risiko des Erfolgs zu bedenken: „Den VfB mag fast jeder, so sympathisch kommen die jungen Meister bei den Fans an. Wie auch ohne Stars und ohne Allüren größte Erfolge mit purem Teamgeist und selbstverständlichem Zusammengehörigkeitsgefühl gefeiert werden können, war eine der positiven Botschaften vom Samstag. Der VfB Stuttgart ist der Meister, der von der Basis kommt. Wird er es auch bleiben? Fußballromantiker mögen daran glauben, doch in der nächsten Saison, dazu gehört nicht viel Phantasie, wird für die Schwaben vieles ganz anders kommen. Die Ansprüche an die auch international in der Champions League geforderten Stuttgarter werden steigen und damit auch die Zahl der Kritiker, falls der VfB dort rasch an Grenzen stößt. Die im Augenblick bewundernswert leicht anmutende Balance der Meistermannschaft kann schnell aus ihrer Verankerung kippen, wenn auch in Stuttgart wie anderswo Neid und Mißgunst den Alltag eintrübten.“
Titelwürdige Windschattenqualität
Klaus Hoeltzenbein (SZ) bewundert die Außenseiterstrategie der Stuttgarter: „Gemerkt haben es alle erst, als es zu spät war. Zunächst waren die Stuttgarter für viele nur Verfolger, Verirrte gar, die nur zufällig dort oben in der Tabelle vorbeischauten. An der ersten Psycho-Hürde, so die Prognose, würden sie straucheln; sobald sie etwas zu verlieren hätte, sei die jüngste Mannschaft der Liga nervlich verloren. Es kam anders (…) Armin Veh habe seiner Gruppe zur Mitte der Rückrunde zehn Spiele lang immerzu, immergleich eines erzählt: Ja, wenn ihr das nächste Spiel gewinnt, ja dann, dann seid ihr vorne dran! So nahm der VfB ganz langsam Fahrt auf, saugte sich an Schalker und Bremer heran wie ein Formel-1-Bolide, der das Feld von hinten aufrollt und erst am Ende, auf der Zielgeraden, aus dem Windschatten heraus den Führenden überholt. Hinterradlutscher – sagen die Radsportler. Dort ist es verwerflich, beim VfB Stuttgart bekam es eine einmalige, titelwürdige Qualität.“
Ein selten souveräner Klassenerhalt
Was fehlt dem VfB noch zu echter Größe? Feinde, meint Stefan Osterhaus (NZZ): „Maßgeblich dürften es die Mitbewerber gewesen sein, die Stuttgart den Glauben an den möglichen Triumph schenkten. Auf leisen Sohlen schlichen sie sich heran. Es ist kein Team von herausragenden Individualisten, das Meister geworden ist. Sondern eines, das zur Stelle war, als die Konkurrenten in entscheidenden Matches die Angst vor dem Versagen nicht zügeln konnten. Stuttgart konnte vor allem dies besser. Und es lieferte Jubelbilder, wie sie wohl nur in Gelsenkirchen eindrücklicher hätten ausfallen können. Das eindrücklichste Bild der Saison allerdings lieferten solvente Anhänger von Borussia Dortmund. Als Schalke gegen Bielefeld versuchte, das Unmögliche möglich zu machen, tauchte über der Arena ein Flugzeug auf, das ein gelbes Spruchband mit schwarzer Schrift transportierte, auf dem, frei zitiert aus dem Schalker Vereinslied, geschrieben stand: ‚Ein Leben lang keine Schale in der Hand.‘ Schadenfreude von solchem Ausmaß, die muß sich der VfB selbst unter Nachbarn erst noch verdienen.“
Stefan Hermanns (Tagesspiegel) schreibt den Stuttgartern ihre schwierige Ausgangslage vor der Saison gut: „Nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga hat sich ein Abstiegskandidat so souverän den Klassenerhalt gesichert wie der VfB Stuttgart. Die Mannschaft ist eigentlich noch zu jung für die ganz großen Ziele, und sie hatte auch nicht genügend Zeit, um sich in einem gesunden Tempo zu entwickeln; doch gerade das macht die Leistung noch bewundernswürdiger.“
SZ-Portrait Armin Veh
FR-Portrait Veh
Ian Hawkey (Times) spricht von einem „Finale zum Fingernägelkauen” und ist nicht nur beeindruckt von „Iceman“ Hitzelsperger, sondern von einer Stuttgarter Mannschaft die „überraschend kaltblütig und reif wirkt, wenn man ihr zartes Alter bedenkt. (…) Trainer Armin Veh hat es nicht nur geschafft, die Schwächen von Bayern München und Werder Bremen, sowie die Versagensngst von Schalke 04 auszunutzen. Er hat es auch geschafft, eine Mannschaft zu verjüngen, die vor gar nicht langer Zeit eine Art Zufluchtsort für alternde Stars aus der englischen, spanischen oder italienischen Liga darstellte. Das Stuttgart, das letztes Jahr nur Neunter wurde und im Pokal an Schalke scheiterte, war das Stuttgart von Jesper Gronkjaer und Jon Dahl Tomasson. Die Stars sind mittlerweile weg, und in der gestrigen Startelf befand sich lediglich ein einziger Spieler über 29.”
Dilettantischer geht es nicht
Claudio Catuogno (SZ) kritisiert die Stillosigkeit der Entlassung Klaus Augenthalers in Wolfsburg, versteht aber den Grund für diese Entscheidung: „Vielleicht wird er den VW-Leuten mit einigem Abstand sogar dankbar sein für die Demontage von ganz oben – weil er nun als Opfer von profilierungsneurotischen Wirtschaftsbossen erscheint. So könnten neue Arbeitgeber leichter übersehen, daß Augenthaler in Wolfsburg tatsächlich wenig Spuren hinterlassen hat. In achtzehn Monaten hat er den Klub zweimal gerade so auf Platz 15 geführt (dabei steht der VfL in der Rangliste der Saisonetats auf Platz 8). Wenn man versuchte, sich mit ihm über seine Handschrift oder seine Spielphilosophie zu unterhalten, kam selten mehr als Allgemeinplätze heraus. Längst sorgte für Verwunderung, wie stoisch er an seiner Stammformation festhielt, ohne Alternativen zu prüfen. Erstaunen konnte deshalb nur die Art seiner Entlassung – und wie plötzlich sie am Ende kam. Daß Aufwand und Ertrag in Wolfsburg nun auch unter Augenthaler in krassem Missverhältnis standen, ist das eine. Doch daß seine Demontage vor allem Stephan Grühsem, dem neuen VW-Konzernsprecher, zuletzt fast schon Vergnügen zu bereiten schien, das andere.“
Frank Heike (FAZ) stimmt ein: „Augenthaler hat sich in Wolfsburg nichts zuschulden kommen lassen, schon gar nicht hat er so ein Ende verdient. Doch hat er den ambitionierten VfL keinen Schritt weitergebracht. Es wird für den Mann nach Augenthaler eine unbequeme Ausgangslage, sollte Grühsem, der Fußballstatthalter des VW-Chefs Martin Winterkorn (beide kamen zu Jahresbeginn von Audi), jetzt immer derart mitregieren wie in Sachen Augenthaler. Andererseits hat Grühsem natürlich recht, wenn er sagt, daß VW von seiner jährlich etwa 50 Millionen Euro teuren Tochtergesellschaft mehr erwarten dürfe als den ewigen Abstiegskampf. (…) Ein Verein, der nach dem 34. Spieltag ohne Trainer und Manager dasteht: dilettantischer geht es nicht.“
Tsp: Viele Fußball-Magazine tun sich schwer, den WM-Boom in den Bundesligaalltag mitzunehmen
NZZaS: José Mourinho, Meister der Provokation
Freitag, 18. Mai 2007
Ball und Buchstabe
Lasset uns nachdenken!
Thomas Kistner (SZ) stützt und folgt Joseph Blatters Forderung nach Einsicht in die Fuentes-Akte: „Die Fußballfrage dürfte im Fuentes-Skandal die entscheidende sein. Im In- und Ausland herrscht bis heute Unverständnis darüber, warum Madrid plötzlich Ermittlungen einstellte, die schon so weit gediehen waren. Zu weit? Tja. Daß es da Weisung von oben gab, ist zwar auch nur ein Gerücht, es macht aber viel Sinn in einer fußballverrückten Nation, deren Klubs das Prädikat ‚königlich‘ im Namen tragen. Am Radsport ließ sich prima der gute Wille exerzieren. Beim Fußball aber wird so ein Problem leider rasch staatstragend. Frag nach in Italien, wo Juventus Turin sein Team jahrelang mit eigenen Blutdoping-Programmen stärkte! Sicher ist: Die Radprofis, die der Gynäkologe Fuentes betreute, hatten nie ihre Mädels dabei. Sicher ist auch: Gynäkologe Fuentes war unter Kickern heiß begehrt. Was das heißt, nach jeder Lebensrealität und den Regeln der Dopinglogik? Lasset uns nachdenken!“
Allgemein
Konzept und Klugheit
Viel Lob für den siegreichen Finalisten FC Sevilla und viel Lob für das unterlegene Espanyol Barcelona
Ronald Reng (FR) wendet sich gegen die übliche Lesart und hebt das Besondere und die Qualitäten der beiden Finalisten hervor: „Als wäre dies noch das 19. Jahrhundert und der Beginn der Nationalstaaten, so werden Europacupsiege gerne als Erfolge nationaler Ideen verkauft; in Wahrheit gibt es auch in Spanien genug Erstligisten, die ihr Geld verschleudern und alle paar Monate den Kurs ändern. Diese beiden Klubs aber wissen genau, was sie tun. Weil es taktisch besser war – und nicht, weil Miroslav Klose mit Bayern München verhandelte – schlug Espanyol Bremen im Halbfinale. Systematisch setzt es auf die eigene Ausbildung, sieben Spieler aus der eigenen Zucht standen beispielsweise in der Elf gegen Werder, wo gibt es das heute noch? Der Fußball jedoch erinnert sich nicht gerne an Verlierer. So ist das Modell, das nun herumgezeigt wird, jenes des FC Sevilla. Das taktische Detail wird in Sevilla nicht weniger gepflegt als bei Espanyol. Für jeden Gegner verändert Trainer Juande Ramos radikal Stil und Aufstellung. Das wirklich Erstaunliche ist, daß Sevilla kühl alle Spieler, die schon wie Stars aussahen für Wahnsinnssummen verkaufte, damit finanziell gesundete, und trotzdem die Mannschaft immer besser wurde. Es liegt an den Wundern von Monchi. So taufte El País all jene vermeintlich gewöhnlichen Spieler, die Sevillas Sportdirektor Monchi aus allen Winkeln der Welt anschleppt. Der globale Markt ist überschwemmt von ordentlichen Spielern, die Kunst ist, diejenigen mit gewissem Extra zu erkennen. Monchi hat, wie es im Englischen heißt, the touch. Das Gespür.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) zollt den Teams seine Anerkennung: „Der Boden war tückisch, der Ball glitschig, was seine Kontrolle und das schnelle, direkte Spiel nach vorn, das beide Mannschaften so versiert beherrschen, zu einer komplizierten Angelegenheit werden ließ. Daß es trotz dieser Bedingungen dennoch immer wieder mitreißende Spielzüge, technische Feinheiten und kleine Zirkusnummern zu bestaunen gab, unterstrich die große Klasse der Finalisten.“ Julia Macher (Tagesspiegel) versieht Sevillas Torhüter mit einem Extralob: „Gegen den neuen FC Sevilla zu verlieren, ist keine Schande. In keiner Saison haben die Aufsteiger aus dem Süden so von sich reden gemacht wie in dieser. Mit dem silbernen Kelch im Gepäck träumt der Klub noch von den Titeln in der Liga und im Pokal. Den Helden, den es für solche Erfolgsgeschichten braucht, hat man in Andrés Palop gefunden, einem gebürtigen Valencianer, der dort stets im Schatten von Santiago Cañizares stand und erst seit dem Wechsel in den Süden zeigen kann, was in ihm steckt.“
Reng schreibt uns deutschen Kollegen sein Fazit hinter die Ohren: „Die Ignoranz, mit der viele deutsche Medien den Uefa-Cup kleinreden, ist unpassend. Es ist nur zu hoffen, daß der deutsche Profifußball diesen Wettbewerb aufgeschlossener als viele Berichterstatter verfolgt hat, denn der FC Sevilla – ein Weltklasseteam – und das unterlegene Espanyol Barcelona sind Vorbilder dafür, daß Konzepte und Klugheit sogar im Fußball zum Erfolg führen können.“
Die Tore und die Elfmeter
Tsp: Mehmet Scholl vor seinem letzten Spiel
Welt: Portrait Armin Vehs aus der Sicht seines ehemaligen Spielers
FR-Interview mit Jürgen Klopp: „Ich habe jetzt nicht das Recht aufzuhören“
Mittwoch, 16. Mai 2007
Vermischtes
(ohne Titel)
(ohne Titel)
Aus kühnsten Träumen herab nicht steigt
Sondern fällt der Schalker Knappe.
In Dortmund wurd‘ der Sieg vergeigt.
Die Schale bleibt aus Pappe.
Was sind schon fünzig Jahre ohne,
Wenn man dann nicht noch dem Hohne
der Anderen wär‘ ausgesetzt?!
Trotz aller Cups, es fehlt die Krone,
damit der Streß sich doch mal lohne.
Der Fan, jedoch, ist tief verletzt.
Dem Fan, jedoch, sei hier zum Troste
gesagt, daß man, was es auch koste,
endlich dran sei, quasi gesetzt.
Auf daß die Schale endlich komm,
Und auch der Assi wieder!
Betet Gelsen in Kirchen.
(Nach oben und nicht zu GASPROM)
Es beten leis‘ jetzt, und ganz bieder,
die einfachen Vereinsmitglieder.
anonyme Zuschrift
Allgemein
Abbild der politischen Hierarchien Europas
Andreas Bernard (SZ-Magazin) will die Abwertung des Uefa-Cups in den letzten Jahren nicht auf sich beruhen lassen: „Das Schicksal des Uefa-Cups hat nicht allein mit fußballpolitischen Gründen zu tun; in seiner Wandlung wird auch die grundlegende Änderung Europas in den letzten fünfzehn Jahren deutlich. Ähnlich wie beim Eurovision Song Contest, dessen Teilnehmerfeld mittlerweile durch Qualifikationsrunden ermittelt werden muß, zeichnet sich im Uefa-Cup die Verästelung des Kontinents nach dem Ende der jugoslawischen und sowjetischen Nationengebilde ab. Allein diese beiden Länder zerfielen in derzeit sechzehn Einzelstaaten, und die Aufstockung des Uefa-Cups von ehemals 64 auf heute 132 Mannschaften ist ein Effekt dieser Entwicklung. Kaum auszusprechende oder zu lokalisierende Vereinsnamen gab es im Uefa-Pokal immer schon. Doch in den Siebziger- und Achtzigerjahren hätte man keine herablassenden Zeitungsserien produziert über Clubs wie Marek Stanke Dimitrov aus Bulgarien, FC Arges Pitesti aus Rumänien oder das ungarische Team von Videoton Szekesfehervar, das 1985 sogar das Finale erreichte. Diese Namen waren ebenso respektierte, wenn auch nicht immer gleichwertige Gegner. Dem offenen, aber ökonomisch und kulturell weiterhin zweigeteilten Europa gelten sie nur noch als ‚erbärmliche‘ Auffüllung des Wettbewerbs. Sportlich mag der Uefa-Cup seine Bedeutung eingebüßt haben – als Abbild der politischen Hierarchien Europas ist er genauer denn je.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) analysiert die traditionelle Stärke der spanischen Klubs im Uefa-Pokal: „Das bärenstarke Auftreten der Spanier im Uefa-Pokal war beileibe kein Novum, weder für die jüngere Zeit noch für die frühen Tage des Europacups. Bereits Anfang der Sechzigerjahre standen sich im Messepokal, dem Vorläufer des Uefa-Cups, dreimal spanische Teams im Finale gegenüber. Nach dem Endspiel wird zum dritten Mal in vier Jahren der Kapitän eines spanischen Teams die kleinere der beiden europäischen Trophäen gen Himmel recken. In Spanien ist diese, anders als in Beckenbauers Deutschland, keineswegs vom Ruch des Verlierertums umweht. Auch wenn sie nicht gewannen, waren iberische Mannschaften stets prominent in den letzten Phasen des Wettbewerbs vertreten, etwa 2001, als es vier Klubs ins Viertelfinale schafften und im Endspiel das unscheinbare Alavés gegen den FC Liverpool ein unvergeßliches Match lieferte, aber 4:5 unterlag. Die Dominanz im Uefa-Pokal zeigt die Tiefe und Ausgeglichenheit der spanischen Liga. Dafür spricht auch, daß Mannschaften, die in einem Jahr ganz vorn mitspielen, im folgenden durchaus abstürzen können und um den Klassenerhalt kämpfen müssen.“
FAZ Der Klub für Aufsteiger FC Sevilla überfordert seine Fans
Tsp: FC Sevilla will heute im Uefa-Cup-Finale gegen Espanyol Barcelona den ersten von drei Triumphen in dieser Saison perfekt machen
BLZ: Juande Ramos, Architekt auf Sevillas Bank
FR: Der Ex-Schalker Christian Poulsen soll den FC Sevilla zum Uefa-Pokalsieg führen
FAZ: Wirtschaftsfaktor Abstiegskampf
Dienstag, 15. Mai 2007
Internationaler Fußball
Wie an der Börse
Paul Ingendaay (FAZ) faßt den kuriosen Saisonverlauf in Spanien und die gegensätzlichen Trends von Real Madrid und dem FC Barcelona zusammen: „Warum Spanien die verrückteste Saison seit langem erlebt, weiß kein Mensch. Es ist wie an der Börse. Die Kurse gelten nur für einen Tag. Als Real am 7. März gegen eine keineswegs überragende Bayern-Mannschaft aus der Champions League flog, wurden schon Pläne für die Absetzung von Fabio Capello geschmiedet. Und als niemand mehr etwas auf die Truppe gab, erwachten in ihr Stolz, Leidenschaft und Kampfgeist. Während Barcelona sich zu langweilen schien, biß das Team in Weiß die Zähne zusammen und rang seine Gegner nieder, als gäbe es nur noch Endspiele. ‚Schön‘ hat Real Madrid in dieser Saison vielleicht viermal gespielt. Doch diese merkwürdig unausgewogene Mannschaft, in der jedes Wochenende ein anderer glänzen (und ein anderer versagen) kann, ist nicht leicht zu besiegen, wenn sie es nicht selbst erledigt. (…) Wie der FC Barcelona, Champions-League-Sieger von 2006, seine Möglichkeiten verschleudert, grenzt an planhafte Selbstzerstörung. Die Mannschaft befindet sich im freien Fall. Sollte Barcelona am Ende wirklich mit leeren Händen dastehen, wird das Volk auf Ronaldinho zeigen, der so lustlos wirkt, als brauche er dringend einen neuen Verein.“
NZZ: In eine Depression gefallen – Barça schwimmen auch im Campeonato die Felle davon
NZZ: Teure Uhren für falsche Pfiffe – wie Juventus Turin die Schiedsrichter bestach und auch Journalisten
NZZ: Über den letzten Spieltag in der Premier League
taz: Türkische Fußballnormalität: Nationalismus, Gewalt auf und neben dem Feld, und Fenerbahce Istanbul ist Meister
Bundesliga
Das deutsche Newcastle United
Anna Kessel (Observer) bewundert die Idylle Schalke und sehnt sich nach der (diesjährigen) Unberechenbarkeit der Bundesliga: „Es ist der utopische Traum jedes Fußballfans: ein Verein, in dem die Fans darüber bestimmen, wie hoch die Ticket-Preise sind und wer im Vorstand sitzt; in dem die Spieler hunderte Kilometer weit reisen, um ihre Fans zu besuchen; in dem die Anhänger die Finanzen des Clubs mit dem Vorsitzenden diskutieren und gleichzeitig die Architektur des neuen Stadions mitbestimmen. Ein solcher Club existiert, er heißt Schalke 04 und hat all die Qualen, die er am Samstag, an einem nervenaufreibenden Nachmittag durchstehen mußte, eigentlich nicht verdient. (…) Die Premier League war in dieser Saison zwar aufregend, aber auch ziemlich vorhersehbar: Schon letzten August wußte jeder, wer zum Schluß der Saison die Plätze 1 bis 4 einnehmen wird. Die Bundesliga bot das Kontrastprogramm: Bayern München, das Manchester United der Bundesliga, konnte sich dieses Jahr nicht für die Champions League qualifizieren, und am vorletzten Spieltag kämpften Schalke, Stuttgart und Bremen um den Titel. Die drei deutschen Teams, die in den letzten zehn Jahren im Champions-League-Finale standen, Bayern, Dortmund und Leverkusen, sind weit abgeschlagen. Das ist ungefähr so, als würden Newcastle, Tottenham und Aston Villa die Meisterschaft unter sich ausmachen. Und der Favorit unter ihnen ist Schalke, das deutsche Newcastle United. Zumindest war das so bis Samstag.”
Ein Hoch auf Kuranyi
SZ-Portrait Timo Hildebrand
Hildebrand goes Henning Fritz
NZZ: Die Fehlerlosen – Konstanz als Erfolgsrezept des Meisterschaftsfavoriten VfB Stuttgart
Interview mit Stuttgarts Aufsichtsratschef Dieter Hundt: „Diese Entwicklung hat niemand erwartet“ (Welt Online)
FR: Der Dorfklub TSG Hoffenheim steigt in die zweite Liga auf – aber das soll nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach ganz oben sein
Montag, 14. Mai 2007
Bundesliga
Fortsetzung: Stuttgarts Hunger nach Siegen
Planungssicherheit sieht anders aus
Mal Schmetterling, mal Raupe – Ralf Wiegand (SZ) erläutert die Wandlungen, Ver- und Entpuppungen Werder Bremens am Beispiel der Niederlage gegen Eintracht Frankfurt: „An guten Tagen sind die Bremer in der Lage, gegen jede Mannschaft der Liga und gegen viele Teams Europas zu brillieren. Gute Tage sind solche, an denen gleich der erste Paß ankommt, die erste Flanke zur Chance führt, der erste Torschuß Gefahr heraufbeschwört. An guten Tagen fühlt sich die Elf sicher, aus ihrem Seidenkokon auszubrechen, weil der Gegner vor dieser Schönheit erstarrt. Dann läuft es bei Werder, dann kann die Elf auch mal gierig werden, richtig gefräßig, und dieser Rausch kann in ein Ergebnis münden wie das 6:2 in Frankfurt vor einem halben Jahr. An schlechten Tagen ist davon nichts zu spüren. Da bleibt das erste Dribbling Diegos im gegnerischen Netz aus tausend und einem Abwehrbein hängen. An schlechten Tagen schießt Klose, wenn er flanken müßte und legt ab, wenn er schießen sollte. An schlechten Tagen verpuppen sich die Bremer in ihrem Seidenkokon, als würden sie sich für die guten Tage sparen wollen. Ihnen fehlte in dieser Saison die Fähigkeit, schlechte Tage als solche zu erkennen und zu bekämpfen. Sie ergaben sich. Künstler sind halt so: Haben sie einen Lauf, schaffen sie im Handumdrehen Schönes für die Ewigkeit. Sind sie schlecht drauf, schneiden sie sich aus lauter Verzweiflung ein Ohr ab. Oder verlieren 1:2 gegen Frankfurt. (…) Von Woche zu Woche wechselten Abstiegskandidaten und Meisterschaftsaspiranten, und als sie dann aufeinandertrafen wie in Bremen, konnte man sie gar nicht mehr auseinander halten.“
Frank Heike (FAZ) geht den Ursachen der Bremer Instabilität nach: „Schwere Beine, müde Köpfe, am Ende völlig verkrampft – Werder hat sich selbst aus dem Meisterschaftsrennen gekegelt. Das war die frustrierende Erkenntnis einer Saison, die nun wohl auf dem alles in allem enttäuschenden dritten Platz und mit den damit verbundenen Qualifikationspartien zur Champions League enden wird. Zwei Endspiele ums große Geld also gleich zu Saisonbeginn im August. Planungssicherheit sieht anders aus. (…) Fakt bleibt, daß es ein Fehler war, Andreasen und Zidan abzugeben – die Bremer Bank blieb schwach besetzt. Doch der Hauptgrund für die verpaßte Meisterschaft ist, daß es Werder zunehmend schlechter gelang, mit dem Druck des Moments umzugehen. Schwache Nerven nennt man das. (…) Wieder war deutlich geworden, daß das Zusammenspiel von Frings mit Diego krankt. Zwei Mittelfeldspieler mit solchen Qualitäten müßten gemeinsam viel mehr hinbekommen – eines der Bremer Rätsel dieser Spielzeit, eine zukünftige Aufgabe für Schaaf.“
Mainzer Fußballogik
Michael Eder (FAZ) würdigt gerührt den Trotz und den Zusammenhalt der absteigenden Mainzer: „Selten wohl hat ein Abstieg solche Wirkungen gehabt wie in Mainz. Es hat sich kein Graben aufgetan, das Verhältnis zwischen Spielern, Trainern, Manager, Vorstand und Publikum hat nicht den feinsten Haarriß erlitten, im Gegenteil: Es hat sie noch enger zusammenrücken lassen. Daß Klopp mit den Mainzern in die Zweite Liga geht, hat manchen Beobachter überrascht, doch folgt sein Bleiben der Mainzer Fußballogik. Klopp ist seit siebzehn Jahren im Verein, er hat die beiden dramatisch verpaßten Aufstiege mitgemacht, er hat den Aufstieg geschafft und die Mannschaft drei Jahre in der Bundesliga gehalten, nun, sagt er, habe er die Pflicht und die Verantwortung, den Verein in einer schwierigen Lage nicht alleinzulassen.“ Tobias Schächter (SZ) hingegen legt den Finger die Wunde: „Der Abstieg kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für den Emporkömmling. Nie wäre die Chance größer gewesen, sich in der Ersten Liga zu etablieren. Aus einer grauen Maus der Zweiten Liga, die vor acht Jahren noch vor 5.000 Zuschauern fern von jeglicher überregionaler Beachtung kickte, ist ein beachteter Fleck auf Deutschlands Fußballandkarte geworden. Der Abstieg, auch wenn das niemand sagen wollte, ist ein herber Rückschlag auf dem angestrebten Weg ins emotionsarme Mittelmaß der Liga.“
Mangel an Klasse
Bernd Müllender (FR) verweigert den Aachenern die Story der tragischen Helden: „Über die gesamte Saison war Aachens Bundesliga-Abenteuer mäßig mitreißend. Das Publikum: meist nörgelig und ungeduldig, bei acht Heimniederlagen und 37 Gegentoren auf dem Tivoli oft zu Recht frustriert. Der falschgeborene Trainer (Mönchengladbach) nie akzeptiert. Die Führungsetage: im Schnellzug-Tempo vom Volk entfremdet. Und im Fan-Forum pendelte die Stimmung zuletzt ins Sarkastische. Alemannia 06/07 war eine Mannschaft, der es vor allem in der brüchigen Defensive an Klasse fehlte. Bis Mitte März hielten sie sich mit viel kämpferischer Kraft, mit tückischen Standards von Reghecampf, der Angst der Gegner vor Schlaudraffs (seltenen) Geniestreichen und einer hocheffizienten Chancenauswertung am Leben. Seit Alemannias Angreifer ihre zählbaren Gelegenheiten auch noch ausließen, waren die Ergebnisse entsprechend. Zuletzt geriet auch Manager Jörg Schmadtke, lange wegen papstähnlicher Unfehlbarkeit gefeiert, in die Kritik.“
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Bundesliga
Stuttgarts Hunger nach Siegen
Pressestimmen zum 33. Spieltag: Die Presse gönnt dem VfB Stuttgart den möglichen Meistertitel / Schalke bekommt nach der Niederlage in Dortmund Häme und Kritik zu lesen / Bremen enttäuscht / Trotz und Zusammenhalt in Mainz – und das Gegenteil in Aachen
Oskar Beck (Welt) erzählt das Gleichnis vom Stuttgarter Schleichen an die Tabellenspitze: „Kennen Sie den? Ein Schwabe kommt zu früh nach Hause, erwischt seine Frau in den Armen eines anderen, zieht seinen Revolver und befiehlt: ‚Stellt Euch hintereinander!‘ Warum erzählen wir diese fast wahre Begebenheit? Weil sie den Vorzug der Schwaben trefflich beschreibt: Die Sparsamkeit dieses Menschenschlags, der selbst in der hitzigsten Lebenslage kühlen Kopf behält und keinen Schuß zuviel abgibt. So haben es auch die Fußballschwaben vom VfB gehalten, seit Monaten. Vor lauter Schalke und Bremen merkte keiner, daß es auch noch den drohenden lachenden Dritten gibt. Selbst als sie die Bayern aus dem Rennen geschossen hatten, haben die Stuttgarter die Rivalen in trügerischer Sicherheit gewiegt und das Konzert der zwei Großen nicht weiter gestört – bis sie die Zeit für reif hielten, um aus dem Schatten zu treten und zu rufen: ‚Stellt Euch hintereinander!‘ So gibt man der Konkurrenz die Kugel.“
Peter Heß (FAZ) warnt den VfB vor seiner neuen Fallhöhe: „Vorsicht, die Schwaben sind schon der vierte große Meisterschaftsfavorit in dieser Spielzeit. Die Bayern waren es vor der Saison, die Bremer in der Vorrunde, Schalke über weite Strecken der Rückrunde – und sie alle strauchelten, obwohl es in jedem einzelnen Fall gute Gründe für den Vorschußlorbeer gab. Armin Veh und Horst Heldt ist es gelungen, eine relativ junge und unerfahrene Mannschaft ständig bei Laune und auf ihrem höchsten Leistungsniveau zu halten. Ihr Hunger nach Siegen und ihr unverkrampfter Umgang mit Rückständen zeichnen die Stuttgarter am meisten aus, die spielerisches Format mit kämpferischem Einsatz verbinden. Ob sie aber dem Druck standhalten, die beste Ausgangsposition zu verteidigen und zu nutzen? Das ist eine Tugend, die der VfB erst noch beweisen muß.“ Die Welt hält fest: „Sollte Stuttgart den ersten Meistertitel seit fünfzehn Jahren holen, würde ihn die beste Mannschaft der Saison gewinnen. Kein anderer Klub hat mit soviel Ruhe, Teamgeist und Zusammenhalt auf ein gemeinsames Ziel hingearbeitet.“
SZ: Stuttgarts Spieler feiern den Sieg über Bochum, als wären sie schon Meister
FAZ-Portrait Timo Hildebrand
FAZ: Stuttgarts Stürmer Cacau und Gomez – heulender Held, perfektes Comeback
Keine Charakterdarsteller
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) gibt den Sympathieverlust Schalkes zu bedenken und empfände den Stuttgarter Meistertitel als Happy End: „Die Schalker Niederlage in Dortmund gehorcht der Logik einer verworrenen Saison, in der Schalke lange von der Schwäche der Bayern und der Bremer profitierte und in der sich Stuttgart nun daran macht, die Konfusion des gesamten Trios mit einem sensationellen Titelgewinn zu strafen. Es geschähe auch zur Freude derjenigen (und es sind viele), die es unerträglich gefunden hätten, wenn ein Klub, der seit ein paar Monaten mit dem Emblem des verrufenen russischen Energiekonzerns Gasprom wirbt, für dessen Einstieg auch noch mit dem Titel belohnt würde.“
Christof Kneer (SZ) hält das Scheitern für den Genius loci, also den Geist des Ortes Schalke: „Es dürfte keinen Zweifel mehr daran geben, daß diese Saison als Cup der Angst in die Geschichte eingeht. Den Schalkern hilft es plötzlich nicht mehr, daß sie eine schlüssig gebaute Elf haben, die den 4:38-Minuten-Titel von 2001 lange tapfer verdrängt hat; im entscheidenden Moment spielt die Elf doch wieder, als gäbe es ein historisches Gedächtnis, das sich von Spielergeneration zu Spielergeneration vererbt. Und auch den Bremern fährt trotz pünktlich beiseite geschaffter Turbulenzen ein Zittern ins Gebein, weil sie wissen, daß sie die historisch günstige Konstellation nützen müssen – in einer Saison, in der die Bayern ausnahmsweise kein Faktor im Titelkampf sind. So wären die historisch und auch sonst völlig unbeladenen Stuttgarter ein logischer Titelträger: Sie wollen nichts zwingen, nichts beweisen, nichts bewältigen. Sie wollen nur spielen.“
Andreas Lesch (Berliner Zeitung) schreibt enttäuscht von dem Schalker Kleinmut: „Das Duell der Revierrivalen war zum größten Derby aller Zeiten stilisiert worden – umso mehr fiel auf, wie winzig die Schalker in dieser Begegnung wirkten. Sie spielten wie die Karikatur eines Meisterschaftsanwärters: ohne Hirn und ohne Herz, ohne Kraft und ohne Kreativität, ohne Initiative und ohne Ideen. (…) Selten ist ein einziges Fußballstadion mit so viel Schadenfreude gefüllt gewesen.“ Christian Eichler (FAZ) stimmt ein: „Die Spieler schienen gelähmt, nicht körperlich, aber geistig. Sie hatten das Spiel dominiert und doch nichts bewegt, hatten das Spiel kontrolliert, aber dabei völlig jenes Unkontrollierbare vermissen lassen, das ein Meisterteam braucht. In der Drucksituation des Saisonendspurts offenbarten die Schalker Möchtegern-Meister ihre Grenzen, ihre spielerischen vor allem. Das Schalker Ensemble wirkte wie die Besetzung eines aufwendigen Filmes, dem Millionen entgegenfiebern, in dem das Drehbuch, die Kulisse, die Namen stimmen – und in dem am Ende doch etwas fehlt, weil alle ihre Rolle nur herunterspielen. Ohne Esprit, ohne Sinn für Dramatik – etwas Action, aber keine Charakterdarsteller.“
American Arena schlägt den Rückgriff auf klassisch-pädagogische Reiz-Reaktion-Modelle vor: „Jeder im professionellen Sport, der just in dem Moment einbricht, wenn es darauf ankommt, sollte in der nächsten Saison so bestraft werden wie italienische Clubs beim Korruptionsskandal: ab in die zweite Liga. Oder wenigstens ein Strafkonto mit 20 Minuspunkten. Klingt drakonisch, ich weiß. Aber wie sollte man anders einem Team wie dem FC Schalke 04 klar machen, daß es in diesen Wochen um etwas geht, wenn die Belohnung für eine schlampige Leistung in der Teilnahme an der Champions League in der kommenden Spielzeit besteht? Für Ruhrpott-Ehre scheinen sie nicht zu spielen, sonst wäre ihnen gegen Borussia Dortmund nicht so wenig eingefallen.“
Die vier schönsten Spötteleien:
„Rekordmeister der Herzen“ (Financial Times)
„Nur gucken, nicht anfassen“ (BVB-Fans halten im Block eine Meisterschale hoch; ein geklauter Harald-Schmidt-Gag)
„Public Weining“ (Arena)
„Schalke, die größte Salzwassertherme Deutschlands“
Seite 1|2
Samstag, 12. Mai 2007
Bundesliga
Exempel
Gregor Derichs (FAZ) vermutet hinter der Suspendierung zweier der besten Spieler Aachens eine symbolische Handlung: „Als die Alemannia, am 27. Spieltag noch auf Platz neun rangierend, vor drei Wochen auf einen Abstiegsrang fiel, entwickelten sich offenbar panische Reaktionen. In Schlaudraff zog Frontzeck, dem böse unterstellt wird, er sei nur der Assistenztrainer unter Schmadtke, seinen besten Spieler nach dem 0:4 gegen Hertha BSC Berlin freiwillig aus dem Verkehr, den effektiven Einwechselspieler Dum noch zusätzlich. Alles deutet auf fahrlässige Selbstzerstörung hin, denn es gibt keinerlei Hinweise, daß Schlaudraff oder Dum für einen Eklat gesorgt haben. Es handelte sich um einen schleichenden Prozeß, an dessen Ende ein Exempel statuiert wurde. Nun mußte Schlaudraff mit Leihspieler Dum, der nach Leverkusen zurückkehren wird, exemplarisch als Opfer herhalten, obwohl gegen Berlin die gesamte Mannschaft das Kämpfen eingestellt hatte.“
NZZ: Schalke kämpft im Derby gegen Dortmund auch gegen die Geschichte
FAZ: Das Schalker Endspiel in der verbotenen Stadt
Tsp: Eine Farbe, eine Religion: Königsblau
SpOn: Wer spielt den schönsten Fußball im Land – Bremen, Stuttgart oder gar Schalke?
FAZ-Interview mit Armin Veh
Freitag, 11. Mai 2007
Am Grünen Tisch
Klare Richtlinien fehlen
Der Presse gefällt es nicht, daß die DFL, im Gegensatz zum DFB, die Bayern im Fall Klose davonkommen lassen will
Ralf Köttker (Welt) kritisiert die DFL: „Die freiwillige Selbstkontrolle der Liga hat auf klägliche Weise versagt. Die DFL ist in Fragen des Spielbetriebs eine eigenständig operierende und gut funktionierende Instanz. Wenn es aber um Fragen der Sportgerichtsbarkeit und Sanktionierung geht, fehlen ihr die klaren Richtlinien, die sportrechtliche Kompetenz und der interne Konsens. Umso wichtiger ist jetzt, daß sich der DFB mit Nachdruck dem Fall Klose widmet. Illegale Vertragsverhandlungen sind längst Normalität. Wer sich aber wie der FC Bayern dabei erwischen läßt, muß die Konsequenzen dafür tragen.“
Jan Christian Müller (FR) stimmt ein: „Die DFL ist als von den 36 Lizenzvereinen bezahlter Dienstleister überfordert, gleichzeitig auch als Richter oder gar Henker aufzutreten. Denn ihr Ziel muß es ja vor allem sein, die Bundesliga so hoch-glanzvoll wie möglich zu verkaufen. Wenn ein berühmter und einflußreicher Lizenznehmer wie Bayern München sich nicht an die von der Fifa vorgegebenen Richtlinien hält und dabei im Gespräch mit einem bekannten Nationalspieler auch noch so dreist ist, dies in einem öffentlichen Raum zu tun, dann ist das imageschädigend für die Marke.“ Zudem lenkt Müller den Scheinwerfer auf das Verhältnis der DFL zum DFB, der, im Widerspruch zur DFL, ankündigt, den Fall nicht zu den Akten zu legen: „Viel unabgestimmter als nun ruchbar wird, hätten sich die inzwischen schon fast spinnefeinden Fußballorganisationen DFL und DFB des unangenehmen Falles nicht annehmen können. Allem Anschein nach haben es beide versäumt, sich in der peinlichen Angelegenheit miteinander an einen Tisch zu setzen.“
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