indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 17. November 2006

Deutsche Elf

Der Sommer war groß – und lang, aber jetzt reicht es auch langsam

Über das schwache 1:1 der Deutschen in Zypern sehen fast alle Redaktionen mit Milde hinweg; zu dankbar sind sie der Mannschaft und ihren Trainern für das schöne Jahr 2006 / Timo Hildebrand in der Kritik

Philipp Selldorf (SZ) vermißt sie jetzt schon: „Fast drei Monate geht die Nationalelf jetzt in die Länderspielpause, und beinahe möchte man beim DFB nachfragen, ob der Verband nicht schnell noch eine kleine Südamerika- oder wenigstens Asien-Tournee einbauen möchte, damit die Zeit der Trennung nicht so lang ist. Diese Mannschaft genießt inzwischen viel Vertrauen, und das ist ja das Entscheidende, wenn sich Anfang Februar alle wiedertreffen: Es gibt gute Gründe, zu glauben, daß der Aufschwung in Deutschlands wichtigster Fußballmannschaft mit all seinen Heranwachsenden und seinen Reserven aus den Aufbauteams stabil bleibt.“

Marko Schumacher (StZ) pflückt der DFB-Auswahl zum Jahresabschluß Blumen und schickt einen großen Strauß nach Kalifornien: „Das Team befindet sich auf einem Niveau mit den Topnationen des Fußballs, und es verfügt in Lehmann, Lahm, Frings, Ballack und Klose über ein Spielergerüst von internationalem Format. Das verspricht Erfolge, auch über 2006 hinaus. Selten ist die Identifikation der Deutschen mit ihren besten Fußballern so groß gewesen. Zu verdanken ist der Stimmungswandel zuvorderst Jürgen Klinsmann, der mit aller Konsequenz und gegen alle Widerstände die notwendigen Reformen auf den Weg gebracht hat. Seine Maßnahmen – die Installierung eines neuen Spielsystems, der Einbau junger Spieler oder der Aufbau eines neuen Betreuerstabs – waren wichtig und richtig. Daß sich der Aufschwung im grauen Alltag namens EM-Qualifikation fortgesetzt hat, ist Joachim Löw zu verdanken. Der Analytiker Löw hat das Team weiterentwickelt. Der Erfolg basiert nicht mehr wie bei der WM auf grenzenloser Leidenschaft, einem enthusiastischen Heimpublikum und einem fanatischen Trainer – ihm liegt mittlerweile kühle Präzision, ein strukturiertes Spielsystem und stetig wachsendes Selbstbewußtsein zu Grunde.“

Wer an deutschen Fußball denkt, meint die Nationalmannschaft

Selbst die taz reiht sich ein in den Kreis der Gratulanten; Andreas Rüttenauer resümiert: „Es waren die Erfolge der Nationalmannschaft in diesem Jahr, die dem deutschen Fußball international wieder zu mehr Reputation verholfen haben. Die Klubs haben zum Großteil versagt auf internationaler Bühne. An sie wird keiner denken, wenn er das Fußballjahr Revue passieren läßt. Wer an deutschen Fußball denkt, meint derzeit meist die Nationalmannschaft. Ein Unentschieden auf Zypern wird das nicht ändern können. Und wenn das Team weiter an sich arbeiten darf, könnte es auch so bleiben.“ Klaus Bellstedt (stern.de) fügt hinzu: „Um die Nationalmannschaft muß man sich keine Sorgen machen, nach der Winterpause werden Ballack und Co. mit mehr Power zurückkehren.“ Und der Tagesspiegel erwartet den Winter mit Rilke, Stefan Hermanns wird in den Alleen hin und her unruhig wandern: „Herr, es ist Zeit, der Sommer war groß – und lang, aber jetzt reicht es auch langsam.“

Schwacher Ausklang eines grandiosen Jahres

Matti Lieske (BLZ) jedoch will über die Mängel im allgemeinen, speziell im Zypern-Spiel, nicht hinwegsehen: „Daß die im Nachhinein deutlich gewordene Hauptrolle Löws während der Ära Klinsmann auch Verantwortung für diverse taktische Desaster einschließt, spielt ebenso wenig eine Rolle wie der Umstand, daß sich in Nikosia so ziemlich jede seiner Maßnahmen als Fehlschlag erwies. Im Moment hat Joachim Löw einen gewaltigen Kredit bei der Fußballnation. Es wird noch einiger solcher Spiele bedürfen, bis das Land irgendwann den Mist-und-Käse-Löw kennenlernt.“ An anderer Stelle schreibt er: „Fast wirkte es wie in der Rudi-Völler-Ära, als hohe Bälle auf Ballack nahezu die einzige Offensiv-Variante bildeten.“

Christian Gödecke (SpOn) führt mit Löw das Gestochere der Deutschen auf die Ausgelaugtheit der Spieler zurück: „Das Team glänzte zwar nicht, aber es war auch keine – wie von den zuspitzenden Medien schon beobachtete – ‚Rückkehr zum Rumpelfußball‘. Eher eine Sammlung von müden Kickern, die wollten, aber nicht konnten. Die Belastung von Bundesliga, Pokal, Champions League, dazu die immer noch nicht verkrafteten Anstrengungen während der WM – all das forderte nun seinen späten Tribut. (…) Erschöpft, uninspiriert, langsam: Die Leistung war ein schwacher Ausklang eines grandiosen Jahres.“

Hildebrand wie ihrerzeit Burdenski und Nigbur

Michael Horeni (FAZ) wirkt der blinden Liebe zur Jugend, etwa zu Bastian Schweinsteiger und David Odonkor, entgegen: „Das junge Gesicht des deutschen Fußballs besitzt trotz enormer Anziehungskraft und bester Perspektiven noch keine entscheidende Prägekraft. Die Nationalmannschaft ist weiter abhängig von den erfahrenen Profis, den Spielerpersönlichkeiten im reifen Fußballalter, der Generation der Dreißigjährigen. Es gibt noch niemanden aus der jüngeren Generation, der eine Mannschaft in schwierigen Momenten führen könnte. Das braucht noch Zeit. Alles andere wäre auch zuviel verlangt.“

In der Einzelkritik schauen alle ins Tor, Horeni schreibt: „Die Diskussionen konzentrierten und verengten sich auf die Rolle von Timo Hildebrand. Er hatte keinen guten Tag, doch damit taucht in Zukunft noch lange kein Torwartproblem auf, gleichgültig, wer Lehmanns Nachfolge nach der EM-Endrunde 2008 antreten wird.“ An anderer Stelle spießt er Hildebrands Floskel auf, das Gegentor könne man halten, müsse man aber nicht: „Sollte man halten, ließe sich hinzufügen, wenn man sich als künftige Nummer 1 weiter im Spiel halten will. Nicht nur das Gegentor war geeignet, die Rolle der Nummer 2 in den Vordergrund treten zu lassen. Auch als konstruktiver Spielaufbauhelfer, der Hildebrand nach Rückpässen eigentlich ist, fiel er diesmal aus. Als sicherer Rückhalt einer müden Mannschaft, die für jede Hilfe dankbar gewesen wäre, ging Hildebrand jedenfalls nicht mehr durch.“

Jan Christian Müller (FR) bemüht den historischen Vergleich, die Post-Sepp-Maier-Phase: „Nun schickt sich Timo Hildebrand nach einem unglücklichen Auftritt im Oktober gegen Georgien und einem mißglückten Spiel auf Zypern an, seine ihm ursprünglich zugedachte Rolle als Nachfolger Lehmanns zu verspielen, ganz so, wie es seinerzeit Burdenski und Nigbur getan haben. Ein internationaler Klassekeeper hält einen Schuß wie jenen von Okkas.“ Selldorf ergänzt: „Die unverhoffte Chance hat Hildebrand nicht zur Stärkung seines Ansehens nutzen können. Sein Auftritt taugte weder als Argument in der von ihm selbst erfundenen Kampagne, die Nummer 1 im deutschen Tor werden zu wollen, noch zur überzeugenden Abwehr des allgemein hochgeschätzten Torwarts Nummer 3, Robert Enke.“ Stefan Osterhaus (NZZ) kann Hildebrand auch nicht richtig in Schutz nehmen: „Es war ein Tor, wie man es bei jedem britischen Nationalgoalie als unhaltbar empfunden hätte, aber von einem deutschen Torhüter sind Experten wie Anhänger freilich andere Fang-Eigenschaften gewohnt.“

Die SZ würde Schweinsteiger beim Laufen gerne die Schuhe neu besohlen: „Schweinsteiger schien mit jedem Schritt lauter nach Urlaub zu schreien, bei ihm nimmt die saisonale Erschöpfung allmählich behandlungsbedürftige Formen an.“ Über Klose heißt es in der FAZ: „Der WM-Torschützenkönig war nach vielen Einsätzen von seiner WM-Form weit entfernt.“ Über Lahm lesen wir in der SZ: „Wie ernst es um die physischen Reserven mancher Spieler bestellt ist, erwies sich auch an Philipp Lahm, der von den Zyprern mehrmals ausgespielt wurde, als wäre er ein ganz normaler Außenverteidiger und nicht Philipp Lahm, der Unausspielbare.“

FR: Ein Fazit 2006

BLZ: Hollands Fans wenden sich gegen Marco van Basten

BLZ-Bericht Schweiz–Brasilien (1:2)

SZ-Interview mit Dunga

Donnerstag, 16. November 2006

Ball und Buchstabe

Deutschland den Deutschen, Sachsen raus!

Peter Richter (FAS/Feuilleton) reagiert auf die Empörung der Sport Bild, die in ihrer Ausgabe vom letzten Mittwoch die „Fan-Hölle“ von Dresden entdeckt haben will. Richter schreibt: „Das hätte man aber auch schon vor zwanzig Jahren schreiben können, denn das, liebe Sport-Bild, war nie anders. Die Berliner haben in Dresden immer Südfrüchte geworfen und dafür Steine geerntet. ‚Wir haben Bananen und ihr nicht‘, war zwar als Beschreibung der Versorgungslage korrekt, wirkt als Fußballgesang aber bis heute als Hohn. Bei den Berlinern hieß es immer ‚Deutschland den Deutschen, Sachsen raus!‘ – und die Antwort der Dresdner lautet seit Menschengedenken, Erich Mielke sei homosexuell sowie ‚Juden-Berlin‘. Aber ein Berliner kann sich eigentlich nur dann davon beleidigt fühlen, wenn er entweder Berlin oder eben Juden überhaupt als Schimpfwörter erkennt und akzeptiert.“ Zwar ist Richter weit davon entfernt, die Fan-Blöcke zu romantisieren, doch warnt er davor, sie als Keim des Bösen zu verteufeln: „Spieltage sind Tage, an denen Menschen, die es ohnehin schon nicht leicht haben, sogar ihr eigenes Niveau sowie die letzten zivilisatorischen Standards, die ihnen im Gedächtnis geblieben sind, noch einmal mutwillig unterlaufen. Für die Suche nach den Quellen des Antisemitismus sind die Stadien trotzdem der falsche Ort, denn dort wird immer nur ausgebeutet, was das Wertesystem der Welt draußen so hergibt. Und das sollte einem vielleicht noch mehr Angst machen als neunzig Minuten in der Fan-Hölle von Dynamo.“ Die Frage, die dieser Text uns Lesern auch auferlegt: Wer ist näher dran am Fußball und den Fußballfans – die Sport Bild oder das Feuilleton?

Sportgerichte sind für den Kampf gegen Rassismus ungeeignet

Eine Leserzuschrift von Malte Zander aus Magdeburg: „Zur Berufung des Halleschen FC und den Kommentar in der Berliner Zeitung muß ich mich zu Wort melden. Zunächst sei vorausgeschickt, daß ich als Fan des 1. FC Magdeburg keinerlei Sympathien für den Erzrivalen HFC hege, noch große Zuneigung für Dynamo Dresden verspüre. Gewalt und Rassismus ekeln mich an, egal wo sie stattfinden. Dennoch empfinde ich es als richtig, wie das Sportgericht des NOFV in seiner Berufungsverhandlung entschieden hat. Zunächst noch einmal zurück zu den Ereignissen von Leipzig. Dort haben offenbar Anhänger des HFC den Leipziger Spieler Ogungbure rassistisch beleidigt. Solche Vorkommnisse sind zu verurteilen, aber auch die gesamte Situation zu berücksichtigen. Die Presse geht nicht auf die Behauptung von Augen- und Ohrenzeugen ein, wonach große Teile des anwesenden HFC-Anhangs versucht hätten, die Rufer zum Schweigen zu bringen, oder die anwesenden (Leipziger) Ordner dazu aufzufordern, die Rufer aus dem Stadion zu entfernen. Beides ist nicht geschehen, und hier liegt ein Versagen der Ordner vor. Dabei ist selbstverständlich anzuerkennen, daß die ihnen dort gestellte Aufgabe keine leichte gewesen wäre, aber für Aufgaben, die der Ordnungsdienst nicht lösen kann, gibt es ja auch noch die Polizei. Dennoch gelang es nicht, die Rufer aus dem Stadion zu entfernen, noch sie einwandfrei zu identifizieren. Darauf, daß die Aufdeckung der Vorfälle unter recht merkwürdigen Umständen vonstatten ging (es geht das Gerücht, zu den Vorfällen habe sich nichts im Spielbericht gefunden, und auch der Spielbeobachter der NOFV habe sie nicht registriert), möchte ich hier nicht weiter eingehen. Was folgte, war eine Sportgerichtsverhandlung, in der der HFC zur Austragung eines ‚Geisterspiels‘ verurteilt wurde, und die Auflage erhielt sicherzustellen, ‚daß es auf den Rängen keine fremdenfeindlichen Bekundungen gibt‘.

Die konkrete Umsetzung wurde jedoch dem chronisch klammen Oberligisten überlassen. Zusätzlich gab es noch eine Geldstrafe in Höhe von 2.000 Euro. Die Interpretation der Auflage ist schwierig, ich halte sie für schwammig formuliert, daß sie auch zur Spielmanipulation ausgenutzt werden könnte. Zumindest ist mir nicht bekannt, daß es sich nur auf die Fans des Halleschen FC beschränkt, sondern es erstreckt sich meiner Ansicht nach auf die Geschehnisse bei allen Spielen des Vereins, sowohl daheim als auch auswärts. Ich bin vielleicht nicht phantasiebegabt, aber ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem der HFC den Auflagen dieses Urteils nachkommen könnte. Insofern halte ich ein Aufhebung dieser Auflage nur für konsequent. Das hat nichts damit zu tun, daß die Beleidigung des Spielers Ogungbure weniger schlimm wäre.

Was ich für viel problematischer halte, ist die Relation zwischen dem Verhalten des DFB und seines Unterorgans NOFV im Falle rassistisch motivierter Schmähungen und des Verhaltens bei gewaltsamen Ausschreitungen. Bestes Beispiel ist der 1. FC Dynamo Dresden. Fans dieses Vereins sind Wiederholungstäter, was Ausschreitungen angeht. In den ersten Spieltagen der Regionalligasaison 2006/07 lief kein Spiel der Dresdner ohne Zwischenfälle ab, so daß der Verein mehrfach wegen Ausschreitungen seiner Anhänger zu Geldstrafen verurteilt wurde. Dann kam es zu den in der Presse stark thematisierten Ausschreitungen beim Spiel gegen Hertha BSC II, in deren Folge der Präsident des DFB sich mit den Vereinsspitzen in Dresden trifft – und ihnen Hilfe zusichert. Die Aussagen von Herrn Zwanziger, wonach die Probleme durch die infrastrukturellen Probleme des Vereins begünstigt seien, sind für mich nur in Teilen plausibel, erklären sie doch nicht jene Ausschreitungen außerhalb des Stadions in Dresden. Dennoch halte ich es nicht für falsch, wenn der DFB dem Verein Dynamo Dresden Hilfe beim Kampf gegen Gewalt zusichert. Im Gegenteil, der DFB nimmt durch diese Zusicherung (so, sie denn umgesetzt wird) einen Teil der Verantwortung wahr, die er als großer und reicher Sportverband in der Gesellschaft hat. Jedoch darf es nicht sein, daß sich diese Hilfe auf den 1. FC Dynamo Dresden beschränkt. Die Hilfe für Dresden kann nur Teil eines Programms sein, mit dem man vor allem die finanziell benachteiligten Vereine unterstützt, indem man sich noch stärker als bisher an Fan-Projekten beteiligt. Tut man das nicht, entsteht erstens der Eindruck einer Extrabehandlung. Zweitens – fast noch schwerwiegender – ist der Polemik, Dynamo würde für seine gewalttätigen Fans auch noch belohnt, Tür und Tor geöffnet. Lange Rede, kurzer Sinn: Sportgerichtsurteile können nicht das alleinige Mittel im Kampf gegen Rassismus und Gewalt im Fußball sein, sie sind dazu vielmehr ungeeignet. Aber solange sich der DFB und seine Unterorganisationen nach der Verhängung einer Strafe entspannt zurücklehnen und meinen, alles getan zu haben, wird sich die Situation in den unteren Ligen nicht ändern.“

FR-Interview mit Volker Seifert, dem zurückgetretenen Präsidenten des FSV Zwickau

Oberbayerisches Volksblatt: Aldi-Tüten, Affenlaute und Fladenbrot – Rassismus und Anti-Rassismus in der Bundesliga und in Bayern

Am Grünen Tisch

Funktionärspopulismus

Christian Zaschke (SZ) lehnt Franz Beckenbauers Deutschen-Quote (6+5) ab, weil sie erstens gegen europäische Paragraphen verstoße und zweitens die Personalpolitik der Vereine überregulieren würde: „Der Vorschlag ist natürlich vollkommen unrealistisch; er ist reiner Funktionärspopulismus. Erstens verstieße die Umsetzung gegen das EU-Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes, zweitens läßt er sich nicht gegen den Willen der großen Vereine durchsetzen, und die lehnen eine solche Beschränkung strikt ab. Zudem gibt es bereits Regelungen. Europäische Vereine dürfen lediglich vier Spieler unter Vertrag nehmen, die nicht aus einem Land der Uefa kommen, zudem müssen zwölf Einheimische im Kader stehen; weiterhin müssen derzeit zwei Spieler im eigenen Verein und weitere zwei im eigenen Land ausgebildet worden sein (2+2), in den kommenden Jahren steigen diese Quoten (3+3, 4+4). Damit ist die Sache hinlänglich geregelt. Bleibt die Frage der Identifikation. Sollte es hier wirklich einen nicht gedeckten Bedarf geben, so blieben die Zuschauer auf Dauer den Stadien fern. Der Markt würde also die Angelegenheit regeln, und die Klubs würden dann von ganz allein reagieren, im eigenen Interesse.“

Ohne die Bundesliga-Vereine geht gar nichts

DFL-Präsident Werner Hackmann spricht in einem FR-Interview sehr offen und deutlich über das Verhältnis der DFL zum DFB: „Die DFL existiert erst seit sechs Jahren als eigenständiger Verband. Die Mitarbeiter des DFB sehen traditionell Regional- und Landesverbände als untergeordnet an. Dazu zählen manche Mitarbeiter auch die DFL. Es bedarf bei dem einen oder anderen noch einer gewissen Überzeugungsarbeit, um klarzumachen, daß die DFL nicht ein Landesverband ist, sondern ein selbstbewußter und eigenständiger Verband, der den DFB und seine Mitarbeiter im wesentlichen finanziert. Denn ohne die Bundesliga-Vereine geht gar nichts.“ Die Frage, ob er den DFB für vorgestrig und altbacken halte, beantwortet Hackmann nicht verneinend: „Ich möchte niemandem zu nahe treten. Aber eines ist doch klar: Wer vierzig Jahre lang im Verband gearbeitet und das immer auf eine bestimmte Art getan hat, der wird es jetzt nicht mehr ändern. Aber wir haben ja im DFB auch eine ganz normale Fluktuation zu erwarten, wie sie in der DFL durch den rabiaten Personenwechsel vom alten Fahrensmann Wilfried Straub auf Christian Seifert, der das ganz hervorragend macht, auch stattgefunden hat. Also: Beim DFB wird sich das ein oder andere tun.“

FAZ-Interview mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über TV-Geld, einen möglichen Salary Cap in der Bundesliga und seine Forderung an die Uefa, ein einheitliches Lizenzierungssystem durchzusetzen

SZ: Argentiniens Fußball versinkt im Chaos aus Gewalt und Betrug – die Aggressionen gediehen in mafiaartigen Strukturen und einer schweren Wirtschaftskrise, obwohl Argentinien derzeit wieder rapide wächst

Welt: Der Fußball in Österreich krankt an einem grundsätzlichen Problem: Die Ansprüche sind zu groß, der Werbe- und Fernsehmarkt zu klein. Im Schatten des potenten Branchenprimus Red Bull Salzburg übernimmt sich die Konkurrenz reihenweise

Tsp: Bernd Stange hat den Irak trainiert, doch vor dem Zustand seines Klubs auf Zypern kapituliert selbst er

FR: Investitionen ins Unbewegliche – die spanische Fußball-Liga ist zum Tummelplatz der Baulöwen geworden

Mittwoch, 15. November 2006

Unterhaus

Handstreich des mächtigen Mannes

Klaus Langhardt (FAZ) berichtet von der Trainerentlassung und Vorstandsdegradierung bei Eintracht Braunschweig durch den Hauptsponsor Jochen Staake: „Geahnt hatten es viele nach einem schonungslosen Interview in der Lokalpresse, in dem er dem Präsidium Ahnungslosigkeit und Amateurverhalten vorwarf. Doch daß Staake den Traditionsverein quasi im Handstreich einnehmen und Nägel mit Köpfen bei der Eintracht machen würde, das kam doch überraschend. Der Kaufmann, der mit seinem Unternehmen Staake Investment schon lange die Rolle des mächtigen Mannes im Klub innehatte, entmachtete das Vorstandsteam um den zuletzt deutlich überforderten Präsidenten Gerhard Glogowski. Staake, seit 1995 der einflußreichste Geldgeber im Verein, wurde seinem Ruf als unnachgiebiger Aufräumer damit innerhalb weniger Wochen mehrmals gerecht, nachdem auf seinen Druck hin schon der einstmals von ihm geholte Manager Wolfgang Loos abserviert worden war. (…) Das Präsidium ist ab sofort nur noch für die Amateurmannschaften im Klub zuständig, darf vielleicht noch bei öffentlichen Anlässen Glückwunschadressen loswerden. Glogowski, immerhin ehemaliger Ministerpräsident Niedersachsens, wurde zum Grüßaugust degradiert.“ Langhardts Fazit läßt eher Zustimmung zu Staakes Durchgreifen anklingen: „Jochen Staake hat die Deckung des Drahtziehers hinter den Kulissen verlassen und sich in einer sehr schwierigen Situation an die Spitze der Eintracht gestellt.“

Längst nicht mehr unantastbares Idol

Thomas Klemm (FAZ) vertritt die Auffassung, daß Christoph Daums Absage Wolfgang Overath und die restliche Kölner Führung in die Enge treibe: „Aus der Daum, heißt es für den FC, und vor allem für dessen Präsidenten Overath, seit vier Jahrzehnten ein kölsches Idol und seit zweieinhalb Jahren ein glückloser Vereinspräsident. Der frische Wind, den Overath in den Klub bringen wollte, bläst ihm nun selbst mächtig ins Gesicht. Vier Trainer wurden unter seiner Ägide verschlissen, und nach der Absage des Wunschnachfolgers für Hanspeter Latour stehen der längst nicht mehr unantastbare Präsident und Manager Meier vor der FC-Mitgliederversammlung am Dienstag unter doppeltemn Druck. Wie verkaufen die beiden ihre Niederlage, und welchen Trainer können sie auf die Schnelle gewinnen, der sich nicht als Notlösung fühlt? Overath, der Daums Ja-Wort hinterherjagte, wirkte zuletzt selbst wie ein Getriebener; auch deshalb, weil Sponsoren über ihr weiteres Engagement nachdenken, falls der FC nicht in dieser Saison aufstiege.“

Tsp: Daum sagt dem 1. FC Köln schon wieder ab – diesmal endgültig

Deutsche Elf

Die Nationalmannschaft, Avantgarde im deutschen Fußball

Vor dem Spiel in Zypern: Die deutsche Presse weiß die Nationalmannschaft in besten Händen: in den Händen Joachim Löws / „Bastian Schweinsteiger wird zum prägenden Gesicht der Elf“ (FAS)

Stefan Hermanns (Tsp) meint, daß sich Joachim Löw und Jürgen Klinsmann zueinander verhalten wie Evolution und Revolution, wie Aufklärung und Sturm und Drang: „Ohne Löws akribische Basisarbeit wäre der Erfolg des Systems Klinsmann nicht denkbar gewesen. Genauso wenig aber ist der Bundestrainer Löw ohne Klinsmann und dessen Vorleistung denkbar. Als Gesamtverantwortlicher führt Löw nun die Arbeit seines Vorgängers weiter, aber er macht nicht einfach nur so weiter wie zuvor – schon deshalb nicht, weil die Voraussetzungen für ihn ganz andere sind. Während Klinsmann wohl von Anfang an nur bis zum zweiten Juliwochenende 2006 gedacht und dafür ein passendes Modell gefunden hat, will Löw die deutsche Nationalmannschaft dauerhaft wieder in der Spitze etablieren. Verstetigung ist sein Thema. Dazu hat er das System Klinsmann vom Kopf auf die Füße gestellt.“

Michael Horeni (FAZ) streicht heraus, wie zielgerichtet Löw die Arbeit am deutschen Fußball verrichtet und wie tief er ihn durchdringt: „Löw wirkt als Bundestrainer mittlerweile erstaunlich frei. Auch die Spieler merken das. Eigentlich ist er nach fünf Länderspielen noch ein Anfänger, aber es scheint, als würde er den Job schon jahrelang machen. Vier Monate nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann läßt sich gar nicht mehr vorstellen, daß auch ein anderer Trainer die Nachfolge des Reformers hätte antreten können. Löw war schon immer das taktische Gehirn des Teams, jetzt ist er sein führender Kopf. Der Bundestrainer will einen Fußball spielen lassen, den es in Deutschland viel zu selten gibt: schnell, direkt, offensiv. Sein Ideal findet Löw bei Arsenal London, wo nur Torwart Jens Lehmann beim Abschlag hohe Bälle verziehen werden. Tempo, so auch die Überzeugung von Löw, kann das Spiel nur am Boden aufnehmen. Im Training versuchen sie seit Monaten, die Ballkontakte der Spieler zu reduzieren. Mehr als 2 Kontakte sind schon zuviel des alten Trotts. Löw hat auch schon lange statistisch herausgefunden, daß in manchen Teams ein Spieler im Schnitt nur auf 1,5 Ballkontakte kommt, bevor er den Ball weiterspielt. Werder Bremen ist so ein Team. Andere Mannschaften in der Bundesliga aber kommen auf 2,8 Kontakte, das kostet Tempo und Dynamik. Nach den Umwälzungen unter Klinsmann drängt nun mit Löw immer mehr der reine Fußball-Sachverstand in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Nationalmannschaft hat das Zeug zu einer Avantgarde im deutschen Fußball.“ Torsten Frings wird in der FAZ mit den Worten zitiert: „Jogi Löw ist unser Glück. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man einen Trainer bekommt, der mit dir vorher schon einmal durch den Dreck gegangen ist und dazu beigetragen hat, dich dorthin zu bringen, wo wir jetzt sind.“

Am Beispiel Bastian Schweinsteiger verdeutlicht Philipp Selldorf (SZ), welchen Vorsprung sich die Nationalmannschaft gegenüber dem deutschen Klubfußball erwirkt zu haben scheint: „Hinter vorgehaltener Hand wird ganz entschieden die Prognose verbreitet, daß der Mittelfeldspieler gegenüber seinen jüngsten Auftritten im Bayern-Trikot nicht wiederzuerkennen sein werde. Beim DFB-Elite-Team glaubt man mittlerweile, manche Dinge besser zu machen als die Betriebsleiter der Bundesliga. Aus dieser Überzeugung spricht ein starkes Selbstbewußtsein, wie es die Nationalelf und ihre Verantwortlichen viele Jahre nicht besessen haben.“ Horeni (FAS) entkoppelt Schweinsteiger aufgrund seiner Reifung von seinem Kompagnon Lukas Podolski: „Das Image von Schweinsteiger beginnt sich allmählich zu wandeln. Es scheint, als wolle er sich nach dem Wechsel seines Beraters nicht mehr nur zu einem Teil des siamesischen Fußball-Zwillings Schweini/Poldi reduzieren lassen. Die wachsende Nähe zu Oliver Kahn, der im übrigen auf denselben Berater vertraut, fällt seit den Tagen der Weltmeisterschaft immer deutlicher auf. Die Nähe zu diesem ausgeprägten Ehrgeiz und Führungswille zeigt die Richtung an, die Schweinsteiger in den kommenden Jahren einschlagen will: Der Juniorchef will an die Spitze. (…) Schweinsteiger ist es gelungen, nach der Weltmeisterschaft zum neuen und prägenden Gesicht des deutschen Fußballs zu werden.“

FAZ: Michael Ballack vor seinem 75. Länderspiel
FR: Timo Hildebrand vor seinem wichtigsten Länderspiel

BLZ: Zypern setzt auf die Treffsicherheit seines Stürmers Michalis Konstantinou
FAZ: Zypern ist nicht San Marino
Tsp: Wenn die deutsche Elf auf Zypern spielt, interessiert sich nur ein Teil der Menschen dafür

NZZ-Interview mit Brasiliens Nationaltrainer Dunga

BLZ: Im Spiegel konservativer Politik – vor dem Testspiel gegen England plagen den holländischen Coach Marco van Basten Integrationsprobleme aller Art

Dienstag, 14. November 2006

Ball und Buchstabe

Falsche Signale

Die Sportredaktionen mahnen, daß die Anti-Rassismus-Politik des DFB-Präsidenten Zwanziger nicht bis in die Amateurligen reiche

Daß der Hallesche FC mit seiner Berufung gegen das Sportgerichtsurteil der ersten Instanz, das ihm auferlegte, gegen Rassismus im Stadion aktiv vorzugehen, Recht erfährt, kommentiert Andreas Lesch (BLZ) mit Wut: „Das Berufungsurteil ist ein Skandal. Es steht in einem eklatanten Widerspruch zu den Ankündigungen Theo Zwanzigers, den Rassismus im deutschen Fußball entschiedener bekämpfen zu wollen. Zwanziger spricht in Interviews von der gesellschaftlichen Verantwortung seines Verbandes; er nennt endlich das Thema, das sein Vorgänger Gerhard Mayer-Vorfelder stets so unverzeihlich vernachlässigt hat; er kümmert sich um das große Ganze. An der Basis aber, im konkreten Fall, scheinen diese Worte nicht zu wirken – sonst hätte es ein solches Berufungsurteil nie geben dürfen. Natürlich kann kein Verein zu hundert Prozent sicherstellen, daß nicht ein Rassist von seinen Rängen pöbelt. Aber keinesfalls darf ein Gericht einem Verein bescheinigen, daß er sich um die Ausfälle von Neonazis auf der Tribüne nicht zu kümmern braucht. Gerichtsurteile sind grundlegende Entscheidungen, sie prägen ein Klima, sie geben Signale.“

Das Schulterzucken ostdeutscher Funktionäre nach erneuten Ausschreitungen in einem Amateurspiel kritisiert Robert Ide (Tsp) mit Empörung: „Das Oberligaspiel zwischen Zwickau und Chemnitz mußte wegen Fan-Randale unterbrochen werden, Zwickaus Präsident Volker Seifert trat entnervt zurück. Und was tut der NOFV? Der Verband schiebt alle Schuld auf die Gesellschaft – und ignoriert, daß er selbst dazu gehört. Eine bessere Kooperation mit Polizei und Fan-Projekten, auch harte Strafen und Beratung für die Vereine, das müßten die Signale des organisierten ostdeutschen Fußballs sein. Der NOFV macht derzeit nicht den Eindruck, dazu in der Lage zu sein. Wenn dieser Einduck falsch ist, müßte man wohl annehmen, daß er nicht willens ist.“

SpOn: Oberligafußball im Osten – Rassismus, Randale, Spielabbruch

FAZ: Fußball in China – sportlich schwach, korrupt und desorganisiert

BLZ: Italiens Serie A klagt über Zuschauerschwund. Calciogate, hohe Eintrittspreise, baufällige Stadien und TV-Übertragungen halten die Fans fern
NZZ: Die Amauri-Fabel – wie ein verschmähter Brasilianer Palermo an die Spitze schießt und Italiener wird

NZZ: Englische Referees unter Beschuß

NZZ: Sportwetten gegen die Finanzkrise brasilianischer Klubs
NZZaS: Mit neuem Personal tritt Brasilien gegen die Schweiz an

Bundesliga

Selbstbewußtsein eines Tabellenführers

Das 2:1 des VfB in Hannover bestätigt die Presse in ihrem Urteil über die Spielstärke der Stuttgarter

Nach dem 2:1 in Hannover – Andreas Lesch (BLZ) wiegt das Verdienst des Trainers am Stil und am Erfolg des VfB Stuttgart: „Die Leistung von Armin Veh ist umso höher einzuschätzen, wenn man bedenkt, wer sein Vorgänger war. Giovanni Trapattoni hatte im Stuttgarter Aufgebot mittelschwere Verwüstungen verursacht. Er hinterließ alternde Akteure wie Jesper Grönkjaer und Jon Dahl Tomasson und ein Kreativloch im Mittelfeld nach dem Weggang von Alexander Hleb. Veh hat, unterstützt von Manager Horst Heldt, andere Prioritäten gesetzt: Jetzt zählt nicht mehr Prominenz, sondern fußballerisches Können. Der neue VfB ist ein Gegenentwurf zum alten VfB. (…) Der neue VfB ist, anders als das Klischee es behauptet, nicht jung und wild. Er ist jung, abgeklärt, realistisch.“

Christian Kamp (FAZ) vernimmt zwischen Vehs pflichtgemäßen Zeilen der Bescheidenheitsbekundung einen Ton der Stärke und Gewißheit: „Nun ist es guter Brauch, unerwartete Tabellenstände als flüchtige Momentaufnahmen im Tagesgeschäft kleinzureden. Ist eine Mannschaft erfolgreicher als gedacht, steckt dahinter vor allem der Wunsch, dem nächsten Mißerfolg psychologisch vorzubauen: Seht her, wir haben es doch gesagt. Auch Veh versuchte, seinem Team Druck zu nehmen, als er von möglichen Rückschlägen sprach, doch seine zentrale Botschaft war eine andere: ‚Das werden in naher Zukunft überdurchschnittliche Bundesligaspieler‘, sagte er über seine jugendlichen Talente wie Mario Gomez, der auch ohne Tor wieder eine starke Partie bot, oder Serdar Tasci. Weil die längst zum Aufregendsten gehören, was die Liga zu bieten hat, konnten Vehs Worte eigentlich nur eines bedeuten: Seht her, wir werden demnächst noch viel stärker sein. Veh jedenfalls konnte bei aller opportunen Zurückhaltung das Selbstbewußtsein eines Tabellenführers nicht verbergen.“

Stuttgart beklagt die Sperre des Torschützen Thomas Hitzlsperger für das nächste Spiel in München – Javier Cáceres (SZ) nimmt das als Beweis für dessen überraschenden und raschen Aufschwung: „Vor Wochen wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, Hitzlsperger würde in der Elf des VfB in Kürze schon vermißt werden. Am ersten Spieltag war Hitzlsperger ein vernichtendes Arbeitszeugnis ausgestellt worden, einen Stammplatz eroberte er sich erst neun Spieltage später. In den letzten drei Partien hat er bei jedem VfB-Auftritt getroffen. Die Vollendung seines Tores erzählte Bände über die neue Selbstsicherheit eines der am skeptischsten beobachteten WM-Fahrer: Hitzlsperger verwarf den ersten Impuls, einen Flankenball mit Vollspann zu nehmen, er plazierte ihn dann, mit weniger Wucht, aber großer Präzision, im Tor. Zudem gefiel er im linken Mittelfeld durch reifes strategisches Auftreten sowie mit Leidenschaft und Spielfreude.“

Tsp-Interview mit Horst Heldt über den Erfolg beim VfB Stuttgart
FAS-Interview mit Veh (vor dem Spiel) über den Umgang mit jungen Spielern

NZZ: Heikle Mission von Rückkehrer Heynckes in Mönchengladbach

BLZ: Der FC Hansa wird wieder zum FC Hansa, den man vor einem Jahrzehnt schätzen gelernt hat; Frank Pagelsdorf ist immer Frank Pagelsdorf geblieben

Montag, 13. November 2006

Unterhaus

Entkölschung rückgängig gemacht

Auf die Pressekonferenz des Boulevard-Lieblings Christoph Daum in einem Kölner Krankenhaus reagieren viele Journalisten allergisch und amüsiert

Oskar Beck (Welt) rezensiert die Burleske im Theater zu Köln: „Tatsächlich ist es einem frisch operierten und an heimtückischen Schluckbeschwerden leidenden Patienten einer Kölner Klinik gelungen, Scharen von Journalisten in die Cafeteria des Krankenhauses zu locken, um in einer Pressekonferenz bekannt zu geben, daß er nichts bekannt zu geben hat. Nein, wir schildern hier keinen unheilbaren Fall aus der Psychiatrie. Sofern die Einzelheiten stimmen, handelt es sich um die geschlossene Hals-Nasen-Ohren-Abteilung, jedenfalls hat Christoph Daum mitgeteilt, daß er nicht Trainer von Köln wird – danach hat er sich wieder hingelegt. Warum niemand eine sofortige Haaranalyse beantragt hat? Vermutlich, weil Klappern nicht strafbar ist, sondern zum Handwerk gehört. Bei Daum sowieso. Wenn kein Wind weht, fällt die Regatta aus, hieß schon immer sein Lebensmotto. Also sorgt er für Wind – und findet im besten Fall karnevalsreife Jecken, die ihm eine Bühne bieten. Er hat die Ober-Geißböcke Overath und Meier kommen – uns ins Messer laufen lassen.“ Der Grund, weswegen die Bild-Zeitung Daum dauernd ins Gespräch bringt und im Gespräch hält, sei (na sowas!) ein ökonomischer: „Vor allem die Boulevardpresse braucht ihn – denn mit den Sportsfreunden Veh und Slomka ist am Kiosk kein Krieg zu gewinnen. Daum wird als Lautsprecher und Stichwortgeber vermißt, der die schnelle Presse mit flotten Sprüchen und zündenden Nachrichten füttert – jedenfalls könnte den bunten Balkenblättern nach dem herben Verlust Assauers auf Schalke nichts besseres passieren als ein Trainer Daum. Bei jedem krisenhaften Ansatz der Königsblauen machen die Bild-Kollegen munter mobil oder lassen ihren Kolumnisten Günter Netzer trommeln, daß die Zeit für seine Bundesligarückkehr reif sei. Doch es läuft eher dumm: Schalke siegt wieder, Dortmund siegt wieder – und der HSV hält wie doll zu Doll.“

Ulrich Hartmann (SZ) interpretiert Daums Pressekonferenz als öffentliche Bewerbung, aber nicht bei Köln: „Christoph Daum kann zurzeit nicht Trainer in Köln werden, weil er krank ist. Doch das ist er nicht mehr lange. Bald ist er wieder fit für etwas, was er eigentlich lieber sein möchte als Trainer eines Zweitligisten, und das war das Wichtigste an dieser Ansprache. Seine Rückkehr in den deutschen Fußball hat Daum in aller Ruhe konzeptioniert. Er hat im Ausland Erfolge gefeiert, er hat seinen Umzug zurück nach Köln medial ausleuchten lassen, er hat als Assistenztrainer bei den Fußballern mit geistiger Behinderung auf der Bank gesessen und sich nun ins Foyer eines Krankenhauses gesetzt und einen Chefarzt sagen lassen: ‚Herr Daum war in einer bedrohlichen Situation.‘ Der Akt der Resozialisierung soll damit abgeschlossen sein. Die Pressekonferenz war zugleich ein live übertragenes Vorstellungsgespräch. Daum sagte: ‚Ich suche einen Verein mit internationalen Perspektiven Richtung Champions League.‘ Für eine Annonce mit vergleichbarer Streuwirkung muß ein Arbeitssuchender viel Geld zahlen. Daums Bewerbungsvideo wurde kostenlos übertragen.“

Das Streiflicht (SZ) fühlt die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen: „Am Samstag wurde im deutschen Fernsehen zum Teil live folgende Nachricht verbreitet: Christoph Daum wird nicht Trainer des 1. FC Köln, weil ihm die Mandeln rausgenommen worden sind. Daum hat nicht viel gerissen in der letzten Zeit. Köln ist ein mittelmäßiger Zweitligaverein. Mandeln werden jeden Tag zu Tausenden entfernt. Es war die unwichtigste Nachricht des Jahres. Daum lud zu einer Pressekonferenz ins Foyer des St.-Elisabeth-Krankenhauses in Köln. Viele Journalisten waren da, auch Patienten aus der Abteilung Hals-Nasen-Ohren; einige schoben Ständer, an denen Flaschen mit Kochsalzlösung befestigt waren. Wenn das Fernsehen im Altersheim von Springfield zu Gast ist, fällt einem Greis gern das Gebiß aus dem Mund und umklammert ein Kamerakabel. Diese Szene fehlte bei der Show mit Daum, sonst hätte alles genau so bei den Simpsons laufen können.“ Erik Eggers (FR) fügt an: „Nach Jahren der ‚Entkölschung‘, wie Dirk Lottner die Rationalisierung unter Manager Andreas Rettig einst nannte, bietet der FC wieder reichlich Stoff für Volkskundler und Folkloristen.“

FAS: Der Patient Daum sagt Jein

Bundesliga

Großmacht mit Worten

Der 12. Spieltag im Pressespiegel: Bayern München fühlt sich nach dem 3:2 in Leverkusen zu allem bereit (FAZ) / Die Schalker Paranoia, ein Grundstein des Erfolgs gegen Mainz (Tsp) / Nur 1:1 gegen Gladbach, der HSV sitzt in der Klemme / Geht Werder die Kraft aus? / Arminia Bielefeld, „eine graue Maus nimmt Farbe an“ (SZ)

Der „Erfindungsmeister“ Bayern München feiert seinen 3:2-Erfolg in Leverkusen mit euphorischen Worten, kündet Großtaten an, und Michael Horeni (FAZ) hält sich die Säcke zu: „Es gibt im Sport neben der Geißel Doping auch noch zahlreiche andere, wenngleich viel harmlosere Formen des Selbstbetrugs, und eine davon bekommt man in der Bundesliga fast jede Woche unter die Nase gerieben: die Erfindungen von Hochleistungen nach dem Spielschluß. Der FC Bayern etwa, deutscher Rekordmeister in der Realität, ist auch in dieser Übung meisterhaft. Bis Samstag 17.09 Uhr waren die Münchner, man darf die Verdrängungskünstler noch einmal daran erinnern, drauf und dran, ihren schlechtesten Saisonstart seit 1974 noch weiter auszubauen. Aber nun, wo der Abstand zu Werder Bremen nur noch drei Punkte beträgt, fühlen sich die Münchner schon wieder als künftige Großmacht. Ob sie selbst daran glauben, was sie der Fußball-Welt erzählen? Der meisterliche Selbstbetrug gelingt jedenfalls nur dann, wenn die Bayern nicht den Maßstab anlegen, der für Spitzensportler eigentlich selbstverständlich sein sollte: den Blick auf die eigene Bestleistung – und nicht auf die Konkurrenz.“

Innerer Zusammenhalt durch einen imaginären Feind von außen

Die gute Gemeinschaftsleistung beim 4:0 gegen Mainz führt Richard Leipold (FAZ) auch darauf zurück, daß sich Schalke einen Feind im Äußeren geschaffen habe, um ihr Zusammenleben im Inneren zu kitten: „Der Verfolgungswahn scheint auch seine gute Seite zu haben. Die Annahme, von den Medien ungerecht behandelt zu werden, wirkt offenbar identitätsstiftend. Seit mehr als einer Woche nun boykottieren die Spieler des FC Schalke die Medien. Ob Zufall oder nicht – seitdem ist der Einheitswert wieder die Bemessungsgrundlage ihres Erfolges. Sie schweigen gemeinsam, und sie gewinnen gemeinsam. Sogar Frank Rost, der ausgebootete Torwart-Routinier, macht mit. Statt herumzustänkern, griff er in der Halbzeitpause zur Harke und ließ dem Rasen ein wenig Pflege angedeihen. Alle sind lieb zueinander, nur die Reporter sind böse – dieser kleinste gemeinsame Nenner schweißt die Gelsenkirchener Einzel-Unternehmer zusammen.“ Über eine schlechte Presse sollten sich die Schalker, wirft Ulrich Hartmann (SZ) ein, jedoch nicht beklagen: „Die Stille zwischen Spielern und Medien tut dem Klub nicht gut, denn sie generiert Schlagzeilen, über die sich Mirko Slomka, Andreas Müller und Josef Schnusenberg aufregen. ‚Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, kein Kindergarten!‘, sagte Schnusenberg zu jüngst publizierten Spekulationen über Zwietracht im Team, vergaß aber zu erwähnen, daß sich die Angestellten im Unternehmen dann auch nicht aufführen sollten wie im Kindergarten.“

Große Krise

Nach dem 1:1 gegen Mönchengladbach – Andreas Lesch (BLZ) fragt sich, wie sich Hamburg aus der Verklammerung befreien kann: „Die merkwürdigste Trainerdebatte des deutschen Fußballs geht weiter. Sie verläuft genau andersherum, als es für die Branche üblich ist: In Hamburg diskutiert niemand, ob der Trainer gehen muß. Jeder fleht, daß er doch bleiben möge. Die Frage ist nicht, ob die Mannschaft noch für den Trainer spielt, sondern ob der Trainer noch für die Mannschaft spielt. Doll kann sich, dem Abwärtstrend zum Trotz, offenbar nur selbst entlassen. Er war in der Vergangenheit die Symbolfigur des Aufschwungs, nun scheinen Spieler wie Vorstand zu fürchten, daß sich ohne ihn der Niedergang der Gegenwart beschleunigen würde. Doll hat das Team geprägt, niemand ist in Sicht, der diese Prägung fortführt.“ Auch Stefan Hermanns (Tsp) widmet sich dem Hamburger Trainer: „Als beide Mannschaften vor ziemlich genau zwei Jahren, kurz nach Dolls Amtsantritt, aufeinandertrafen, wurde der damalige Gladbacher Trainer Dick Advocaat gefragt, ob die kumpelhafte Art von Doll nicht erfolgreicher sei als sein distanzierter Umgang mit den Spielern. Advocaat ist in Mönchengladbach längst nur noch eine schlechte Anekdote, doch damals antwortete er, wenn man von Anfang an auf Distanz achte, müsse man bei Mißerfolgen sein Verhalten gegenüber der Mannschaft nicht ändern. Genau vor diesem Problem steht Doll jetzt.“

Frank Heike (FAZ) warnt die Vereinsführung, sich noch weiter von ihren Spielern zu distanzieren: „Selten ist die Abhängigkeit der Verantwortlichen eines Bundesligavereins von den Leistungen der Profis (und Unwägbarkeiten wie Verletzungen und Formschwächen) so deutlich gewesen wie derzeit beim HSV: Die Partie gegen das auswärtsschwächste Team der Liga, sollte endlich die Wende zum Besseren werden. Was aber passierte? Der ängstliche HSV verkrampfte und brachte kaum einen Ball vors Tor der Gäste. Längst sind die Profis als Schuldige für den Niedergang des HSV in den Fokus der Verantwortlichen gerückt. Längst gibt es deutliche Worte an ihre Adresse.“ René Martens (FTD) leidet mit Rafael van der Vaart: „Was die Offensive betrifft, gibt es wenig Grund zur Hoffnung, weil nicht abzusehen ist, daß van der Vaart bald nennenswerte Unterstützung bekommt. Der Kapitän war erneut bester Spieler des HSV; er verkörperte die Leidenschaft, die Vorstandschef Hoffmann gefordert hatte. Und doch steht auch er als Sinnbild für die große Krise des Klubs: Denn aus dem Filigranfußballer ist in der Not ein Schwerarbeiter geworden.“

Am Ende der Kraft

Ralf Wiegand (SZ) fürchtet, beim 1:3 gegen Dortmund festgestellt zu haben, daß Bremen die Puste ausgegangen sein wird: „Der Dortmunder Sieg entsprang, so bedauerlich das für die Westfalen ist, nicht unbedingt gewitzter Finesse, bewundernswertem Todesmut oder irgendwie erfrischendem jugendlichem Ungestüm. Nein, der Borussia reichten die länderspielreifen Reflexe ihres Torwarts Roman Weidenfeller und eine konzentrierte Defensivleistung, um den favorisierten Gegner im Zaum zu halten. Die Borussia stand halt ganz gut – und Werder einfach auf dem Schlauch. Fragt sich bloß, warum. Einiges spricht dafür, daß am Ende der Kraft noch zu viel Jahr übrig ist. Werder wird wohl doch nicht mit jener Zwangsläufigkeit Weihnachtsmeister werden, die sich in zuvor zehn Pflichtspielen ohne Niederlage angekündigt hatte. (…) Werder dürfte eher ein physisches denn psychisches Problem plagen.“ Frank Heike (FAZ) hingegen nimmt nicht an, daß sich Werder aus der Ruhe bringen lassen werde: Bremen lieferte einen weiteren Beleg dafür, wie ausgeglichen diese Bundesliga ist – nicht einmal Werder hat die Stabilität und Souveränität, unangefochten vorneweg zu marschieren. Das hat in Bremen allerdings auch niemand erwartet, und insofern nahmen die Verantwortlichen diese Niederlage ganz gelassen hin.“

Eine graue Maus nimmt Farbe an

Arminia Bielefeld und – vor allem – Thomas von Heesen sind die neuen Lieblinge der Presse. Ralf Weitbrecht (FAZ) sieht den 3:0-Sieg in Frankfurt und freut sich über das organische Wachsen der Arminia: „Den Vereinsrekord, der sie zugleich bis auf Rang 5 der Tabelle geführt hat, nehmen sie nur beiläufig zur Kenntnis. Wichtiger ist von Heesen, dem Baumeister der erstaunlich souveränen, fast schon perfekten Konterfußball praktizierenden Bielefelder, die kontinuierliche Gesamtentwicklung. (…) Die Wertschätzung, der sich von Heesen erfreut, ist groß und macht auch vor der Mannschaft nicht halt. Glänzend von ihrem Trainer gegen die zum Teil ermattet wirkende Eintracht eingestellt, zeigten die Bielefelder, angetrieben durch miteinander harmonierende Mannschaftsteile, eine starke Leistung.“ Thomas Becker (SZ) bestaunt eine Metamorphose: „Eine graue Maus nimmt Farbe an.“

Kernige Truppe

Arne Boecker (SZ) schreibt über das 0:0 der Cottbuser in Wolfsburg und den Kontrast zwischen Form und Inhalt: „Cottbus trat in Trikots mit gülden glitzernden Applikationen auf, und Torwart Piplica trug eine Kluft in Grellorange, die ihn aussehen ließ wie einen Textmarker auf zwei Beinen. Alles Verkleidung! Energie ist eine kernige Truppe mit einem knochenseriösen Trainer. Nach einem guten Drittel der Saison lautet die Zwischenbilanz: Cottbus ist in der Bundesliga angekommen.“

taz: Klaus Augenthaler kann sich mit dem 0:0 gegen Cottbus anfreunden, gemessen an den Saisonzielen steht seine Mannschaft gut da; Probleme macht nur das Toreschießen

Tsp: Hertha lobt sich selbst für die Moral, Rückstände aufzuholen – doch zu oft gerät das Team ins Hintertreffen

Freitag, 10. November 2006

Unterhaus

Schlüsselqualifiziert

Zum ersten mal seit seit der Haarproben-Affäre vor sechs Jahren verhandelt ein deutscher Klub offiziell mit Christoph Daum: der FC Köln sucht einen neuen Trainer, nachdem er Hanspeter Latour entlassen hat

Philipp Selldorf (SZ) hebt Daums Konversations- und Spekluationswert hervor: „Die FC-Fans verehren und verklären ihn leidenschaftlich. In der Mythologie der FC-Fans ist Daums Entlassung 1990 im deutschen WM-Quartier in Erba der Ursprung des Niedergangs ihres ruhmreichen Klubs. Die Manager und Vorstände der halben Bundesliga würden es Daum danken, wenn er sich für den FC entscheiden könnte und nicht länger als bedrohliches Gespenst hinter jedem wackligen Trainerstuhl wahrgenommen würde. Seit Saisonbeginn hat man ihn schon mit Stuttgart, Schalke, Dortmund, Leverkusen, Hamburg in Verbindung gebracht, mindestens. Der Betroffene verzichtete auf spezielle Kommentierungen, stiftet aber auch so Verwirrung genug: Mal erklärte Daum, er suche seine nächste Beschäftigung wieder im Ausland, weil er in Deutschland ständig verleumdet werde; mal sagte er, liebend gern in Deutschland arbeiten zu wollen, er könne gleich am nächsten Tag anfangen. Was Daum wirklich will, beschäftigt die Branche wie die Frage, ob es außerirdisches Leben gibt. In Köln könnte es eine Antwort geben.“ Wolfgang Hettfleisch (FR) zweifelt daran, ob Köln Daum genug sportliche Qualität bieten kann und verabschiedet den Ex-Coach freundlich: „Falls Daum eine echte Herausforderung sucht, wäre er in Köln goldrichtig. Daß er mit dem Boulevard kann, ist dort eine Schlüsselqualifikation. Der väterliche Latour erfüllte sie eher nicht. Das ist nicht das Schlechteste, das man über den Schweizer sagen kann.“

Tsp: Seit drei Monaten ist der Liga-Fußball im Fernsehen neu verteilt. Gelohnt hat es sich nicht für alle

Bundesliga

Blasse und blutlose Bayern

Das 0:1 des Meisters gegen Hannover und die anderen Mittwochsspiele der 11. Runde im Pressespiegel

Das 0:1 der Bayern gegen Hannover veranlaßt die Presse, unerbittliche Bilanzen zu erstellen. Heinz-Wilhelm Bertram (BLZ) kramt in der jüngeren Vereinsgeschichte und wirft der Führung vor, das Leistungsprinzip geschwächt, wenn nicht sogar abgeschafft, zu haben: „Seit dem 6. Februar 2002, dem Tag der 1:2-Niederlage beim FC St. Pauli mit anschließender Scampi-Affäre verkneift es sich Uli Hoeneß, öffentlich Druck auf die Spieler auszuüben. Mit genau dieser Politik schaffen die Bosse den Spielern eine Freizone, die diese genüßlich auskosten. Die Leidenschaftslosigkeit, die kollektive Antriebslosigkeit und die stets gut kaschierte Anspruchslosigkeit, die dieser Mannschaft infiltriert wurden, dürften für den ehrgeizigen Owen Hargreaves ein wichtiges Motiv für seinen Wunsch zu wechseln sein. Rummenigge und Hoeneß haben sich mit dem Gesamtsystem arrangiert. Sie möchten sich nicht unbeliebt machen. Sich nicht dem Vorwurf aussetzen, daß sie in den vergangenen Jahren kein feines Näschen und kein glückliches Händchen bei den Neueinkäufen gehabt hätten. Die Krise der Mannschaft ist eine Krise des Vorstands.“

Peter Penders (FAZ) returniert den Osterhasen-Nikolaus-Aphorismus des Bayern-Managers und schreibt ihm zudem die Lücke Ballack ins Stammbuch: „Hoeneß wird diesen Satz vielleicht noch bereuen – nach Lage der Dinge wird man ihn bei diversen Saisonrückblicken wieder und wieder zu hören bekommen. Bis dahin ist noch etwas Zeit, und vielleicht bekommen die Bayern ja noch die Kurve. Bis Sonntag war es laut Hoeneß nur eine böse Erfindung der Medien, daß der Rekordmeister, sagen wir es mal höflich, derzeit etwas holprig in der Bundesliga daherkommt. Wer künftig noch einmal auf die Schnelle den Blutdruck des Managers in die Höhe treiben will, muß aber vermutlich nur mal den Namen Ballack fallenlassen. Den glaubten die Bayern sowieso überschätzt und leicht zu ersetzen. Aber möglicherweise war der Nationalmannschaftskapitän sogar in München doch mehr als nur ein torgefährlicher Mittelfeldspieler.“

Kleinlaut

Andreas Lesch (BLZ) verlangt mehr Innovation und Tatendrang von Felix Magath: „Böte der Trainermarkt Alternativen, würde München sich jetzt wohl an einer lebhaften Trainerdebatte erfreuen. Magath verantwortet schließlich nicht nur einen gruseligen Saisonauftakt. Er muß sich auch vorhalten lassen, daß sich kaum ein Spieler unter seiner Führung positiv entwickelt hat. Magath ist der Trainer des selbsternannten deutschen Branchenführers. Wenn er so uninspiriert wirkt wie jetzt, muß sich niemand mehr über die internationale Bedeutungslosigkeit des deutschen Fußballs wundern.“

Andreas Burkert (SZ) registriert geschockt die Blässe und Blutlosigkeit der Bayern: „Nach der peinlichen Niederlage, begleitet von erstaunlich heftigem Unmut der Kundschaft gegen die ideen- und leidenschaftslosen Profis und erstmals auch gegen Magath, sollten sich die Bayern hinterfragen, auf welche Automatismen sie sich überhaupt noch verlassen können. Zur Gewohnheit wird allein das Versagen eines häufig apathischen Kollektivs, das nach spielerischen Lösungen sucht – und das sich an niemandem aufrichten kann. Ein schüchternes Ballgeschiebe produzierte Bayern über 90 Minuten. Wie sie ihr verkrampftes, seelenlosen Bemühen in Souveränität verwandeln wollen, wissen sie selbst nicht. Auch Magath wirkte matt und ratlos und erinnerte sogar daran, daß Bayern vor Saisonbeginn eine neue Bescheidenheit ausgerufen hatte. So kleinlaut hat man die Münchner lange nicht mehr vernommen.“

Vielsagender Jubel?

Der Schalke-Sieg in Mönchengladbach steht im Schatten der Slomka/Rost-Debatte. Daß der versetzte Torhüter in den Jubel beim 2:0 einbezogen worden ist (und der Trainer nicht), werten viele Journalisten als Affront. Andreas Morbach (Tsp) schreibt über Gustavo Varela: „Weil alle seine Kollegen mit ihm mitstürmten und keiner daran dachte, auch den Rost-Degradierer Mirko Slomka einzubeziehen, wirkte das Ganze wie eine konzertierte Spieleraktion, die den Trainer bloßstellen sollte.“ An anderer Stelle heißt es: „Die Profis machen Slomka lächerlich.“ Die FAZ titelt: „Gefeierter Ersatztorwart Rost, einsamer Cheftrainer Slomka“. Sicher, es war eine Geste Varelas an Frank Rost, vielleicht auch gegen den Trainer. Doch was an dieser Debatte über den angeblich vielsagenden Jubel unverständlich ist: Erstens handelte es sich, gemäß den TV-Bildern, nur um den Torschützen, einen zweiten Spieler und ein paar Umstehende, die sich um Rost versammelten – von einer Solidaritätsbekundung der „ganzen Mannschaft“ kann keine Rede sein. Zweitens ist es doch unüblich, nach dem Tor seinem Trainer an den Hals zu springen. Das würde sich mancher Trainer sogar verbitten. Drittens muß man dem Torjubel von Fußballern nicht unbedingt so viel Bedeutung beimessen, sondern ihn als das betrachten, was es ist: der Ausbruch von Adrenalin.

Daß Rost nun auf der Bank sitzt, bleibt aber erklärungsbedürftig; war es nicht, laut Schalker Führung, jahrelang mindestens ein Skandal, daß er nicht in der Nationalmannschaft spielt? Frank Hellmann (FR) hat sich mal umgehört: „Allenthalben wird erwartet, daß sich bald ein prominenter Rost-Freund zu Wort meldet: Rudi Assauer. Zugleich kursieren Verschwörungstheorien. Die Verantwortlichen, heißt es da, warteten nur auf einen Wutausbruch von Rost, um den Kontrakt auflösen und 2007 einen ablösefreien (und angepaßteren) Schlußmann (Timo Hildebrand, Robert Enke) nach Gelsenkirchen lotsen zu können. Der Ex-Kapitän hüllt sich in Schweigen, doch es ist ein offenes Geheimnis, daß ihn die mehr politisch als sportlich motivierte Degradierung tief getroffen hat.“

Philipp Selldorf (SZ) ist die Schwäche der Gladbacher ein paar Zeilen wert: „Die Begegnung der extrem ersatzgeschwächten Borussia mit Schalke entsprach nur formell dem Vergleich zweier Bundesligateams, tatsächlich bestand zwischen den Parteien ein Unterschied wie zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert. Den Schalkern erging es wie zwei Wochen zuvor den Leverkusenern: Beim besten Willen konnten sie nicht anders als zu gewinnen, und diese Gegebenheit erkannten auch die Zuschauer an. So oft konnten sie gar nicht pfeifen, wie die überforderten Gladbacher Spieler Fehlpässe spielten.“ Und auf den Sieg sollten sich die Schalker nicht allzuviel einbilden, meint Selldorf: „Daß sie die blanke Not des Gegners nicht besser ausgenutzt haben, sollte den Schalkern eigentlich eine Fairplay-Plakette einbringen. Allerdings hatten Kuranyi, Lövenkrands und Halil Altintop keineswegs freiwillig ihre Chancen zu einem halben Dutzend Kontertoren verschwendet. Wie sie sich dabei gegenseitig übertrafen in immer neuen Tölpeleien, das wäre eigentlich schon wieder einen ordentlichen Fan-Protest wert.“

Schwache Signale aus dem Tabellenkeller

Richard Leipold (FAZ) sieht nach dem 1:3 gegen Leverkusen bereits die Bochumer Lichter ausgehen: „Der jüngste Auswärtssieg gegen Hannover 96 ist spurlos an den Bochumern vorbeigegangen. Fünf Tage später kickten sie wieder ohne jedes Selbstvertrauen. Auf den Rängen schlägt die Ratlosigkeit allmählich in Resignation um. Kurz nach dem Abpfiff legte sich gespenstische Stille über das Stadion. Auch dem Stehplatzpublikum wird allmählich bewußt, daß es nicht (nur) am Trainer liegt. Koller ist kein Unterhaltungskünstler; kein Mann, der die Wärme ausstrahlt, die den VfL früher einmal ausgezeichnet hat. Diese Eigenschaften mögen wünschenswert sein, aber bei der Quadratur des Kreises helfen sie letztlich nicht. Die Qualitätsfrage gilt mehr der Mannschaft als dem Trainer.“ Ulrich Hartmann (SZ) fügt hinzu: „Der VfL Bochum sendet nur noch schwache Signale aus dem Tabellenkeller.“

Entertainer

Von allen Seiten belächelt und gerügt wird der Berliner Josip Simunic, weil er beim Führungstreffer der Bielefelder das Spielen und Laufen einstellte, nachdem er die Fahne des Linienrichters gesehen hatte. Dazu eine Ergänzung: Verwerflicher ist doch, daß er sich überhaupt erst zum Linienrichter umgedreht (und zwar um mehr als 180 Grad) hat. Allerdings: Recht hatte Simunic schon. Es war kein passives, sondern aktives Abseits, weil Torschütze Zuma einen Vorteil aus seiner Position zog; von einer neuen Spielsituation konnte keine Rede sein. Josef Kelnberger (SZ) fordert ohnehin Applaus für Simunic: „Beim HSV glänzte er, damals Ersatzspieler, mit einer Solonummer in der Halbzeit. In langen Sequenzen drosch er den Ball immer wieder mit voller Wucht kerzengerade in den Hamburger Himmel. Volley, ohne die Kugel zu stoppen oder springen zu lassen. Noch heute reden die Fans davon. Bei der WM 2006 tat sich Simunic mit Schiedsrichter Graham Poll zusammen. Der zeigte ihm im Spiel gegen Australien eine Gelbe Karte, dann noch eine, dann eine dritte. So gilt Joe als erster WM-Teilnehmer, der in einem Spiel dreimal Gelb sah. Nun halten viele den langen Kroaten für den Trottel des Tages, weil er eine Grundregel des Fußballs mißachtete: Weiterspielen, bis der Schieri pfeift. Dabei sollte man ihn als Entertainer feiern.“

Donnerstag, 9. November 2006

Bundesliga

Eine Mannschaft spielt für den Trainer – und verliert

Das Pech der Hamburger in Stuttgart und die anderen Spiele vom Dienstag im Pressespiegel

Die Hamburger verlieren 0:2 in Stuttgart, dürften aber aus der Leistung und der restlichen Spielstatistik neuen Mut schöpfen, bestätigt ihnen Roland Zorn (FAZ): „So stand der HSV zwar wieder einmal mit leeren Händen, aber wenigstens mit der Erkenntnis da, einem Spitzenteam immer noch gewachsen zu sein – was Sekundärtugenden wie Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, gelungene Pässe, Torschüsse angeht. Acht gestandene Spieler fehlten wegen Verletzungen – und dennoch präsentierte sich der HSV nach Wochen der spielerischen Dürre mal wieder als eine robuste Einheit in der Abwehr und im Mittelfeld. Wenn die Hamburger jetzt noch einen Stürmer hätten, der das Toreschießen nicht nur vom Hörensagen kennt, es wäre viel gewonnen. Von einem wie Mario Gomez können sie nur träumen.“

Christof Kneer (SZ) gefällt weniger die A-Note des Duells als der künstlerische Wert und die intellektuelle Kraft, die von ihm ausgeht: „Nach handelsüblichen Kriterien ist das kein gutes Spiel gewesen, aber in einem höheren Sinn war das eine sehr kostbare Partie. Sollte irgendein Wortmann auf die Idee verfallen, die geheimen Gesetze dieses Sports zu verfilmen, sei ihm diese Partie dringend ans Herz gelegt. Es war ein Spiel, in dem Binsenweisheiten zu Bildern wurden. Selten hat man besser sehen können, wie das aussieht, wenn die eine Elf einen Lauf hat und die andere nicht. Die eine Elf, das ist der VfB, der sich ein wenig erschrocken hatte an all den Lobeshymnen, die er über sich lesen durfte. Wer aber einen Lauf hat, der gewinnt solche Spiele trotzdem,weil er zum Beispiel über einen Stürmer verfügt, der ebenfalls über einen Lauf verfügt. Der wiederum von der anderen Elf profitierte, von der, die keinen Lauf hat. Der HSV hat gut gespielt, trotz acht verletzter Leistungsträger, aber das Fatale ist, daß die Pechsträhne offenbar dabei ist, sich von der Leistung abzukoppeln.“ Ein ermunterndes Fazit: „Es ist nicht zu übersehen gewesen, daß hier eine Mannschaft – Achtung Wortmänner! – für den Trainer spielte, auch wenn sie am Ende für ihn verloren hatte.“ Daß es zu Spielbeginn Handelfmeter für Hamburg hätte geben müssen, schreiben heute alle Zeitungen im Einklang.

Schwächephase ohne größeren Schaden

Gerd Schneider (FAZ) verkühlt sich beinah die Finger, als er den Bremer 2:1-Sieg in Nürnberg schildern soll: „Was die Münchner beunruhigen wird, ist das Gefühl, der Konkurrent habe tatsächlich zu ihnen aufgeschlossen – wenn nicht sogar sie schon überholt. Eine Schwächephase ohne größeren Schaden zu überstehen, das war bis dato eine typische Qualität für den Fußball der Bayern, also ein Meistermerkmal. In Nürnberg zeigten die Bremer, daß sie sich inzwischen auch auf diese Kunst verstehen. Zwei Chancen, zwei Tore, drei Punkte: Das war alles, was vom Auftritt der Hanseaten übrigblieb.“

Der seltsame und auffällige Jubel des Nürnbergers Ivica Banovic, der seinen unbedeutenden Elfmetertreffer in der Nachspielzeit feierte wie ein Gockel, ist den Journalisten eine Story wert. Volker Kreisl (SZ) erkennt ein schlechtes Zeichen für das Nürnberger Wir-Gefühl: „Vorausschicken muß man, daß Banovic ein aufgeschlossener Profi ist, an einem ungehobelten Charakter kann es nicht gelegen haben. Auch ist von ihm bekannt, daß er sich stets anstrengt, Überheblichkeit entfällt also auch. Genauso wenig kann es Kalkül gewesen sein, jeder weiß, daß solche Provokationen gegen Trainer nichts bringen, und wenn Banovic nur ein bißchen nachdenkt, muß ihm klar werden, daß es gerade Trainer Hans Meyer ist, der an ihm festhält. Bleibt als Grund für die fast schon obszöne Selbstbejubelung kurz vor dem Schlußpfiff nur jene Eigenschaft, die man Fußballprofis pauschal nachsagt, obwohl es doch in Wirklichkeit sehr viele sehr gescheite Spieler gibt. Immerhin eines hat Ivica Banovic erreicht – versehentlich. Sein Auftritt hat die inneren Gefahren verdeutlicht, die einer Mannschaft wie der Nürnberger drohen, sie können schlimmer sein als unglückliche Niederlagen.“

In spielerischer Armut erstarrt

0:0 gegen Aachen, Tristesse in Dortmund – Freddie Röckenhaus (SZ) lastet sie auch dem Trainer an: „Dortmunds Südtribünen-Fans wissen angesichts der Heimbilanz mit fünf Unentschieden gegen Mainz, Bochum, Hannover, Bielefeld und Aachen auch nicht mehr recht, wo sie die Schuld nun suchen sollen. Verfehlte Personalpolitik mit den lukrativen Transfers von Rosicky und Odonkor, für die Spieler kamen, die bisher im besten Falle Mittelmaß abliefern? Falsche Taktik, falsche Aufstellung, falscher Trainer? Van Marwijk scheint einem Gutteil der Fans ans Herz gewachsen zu sein. Es gab sogar Sprechchöre für den Holländer. Fragt sich nur, wie lange Dortmunds Management diesem Votum noch folgt. Für Freitag, wenn Dortmund beim Liga-Schönling Bremen spielt, rechnen sie beim BVB mit der Wende. (…) Es handelt sich eher um eine Hochrechnung.“ Felix Meininghaus (StZ) ergänzt: „Auch nach den Treueschwüren der Dortmunder Entscheidungsträger kehrt im Revier keine Ruhe ein, weil sich van Marwijks Mannschaft von Runde zu Runde quält und dabei in spielerischer Armut erstarrt.“

Kein Erstligaformat

1:2 gegen Wolfsburg, dem FSV Mainz prophezeit Uwe Martin (FAZ) trübe Aussichten: „Nach einem Saisondrittel ist Mainz 05 der zweiten Liga erheblich näher als dem Klassenverbleib. Und die Wahrscheinlichkeit, daß alles wieder gut wird, ist mit dem zehnten sieglosen Spiel in Folge erheblich gesunken. Bleibt es in etwa bei dem aktuellen Leistungsstandard, ist das dritte Bundesligajahr vorläufig auch das letzte. Denn in dieser zur Hälfte neu zusammengestellten Mannschaft paßt seit Wochen nur wenig zusammen, auf die Mitspieler ist kaum Verlaß, einige Profis haben schlichtweg (noch?) kein Erstligaformat (Bakary Diakité, Chadli Amri), andere sind auf unerklärliche Weise außer Form (Markus Feulner, Mimoun Azaouagh). Da kann Klopp wechseln und rotieren, wie er will, das Produkt genügt bis jetzt bestenfalls ansatzweise erstklassigen Ansprüchen.“ Selbst das Mainzer Prunkstück verkomme: „Über das Mainzer Mittelfeld und den Angriff sind bereits ganze Abhandlungen geschrieben worden, eine neue Negativerfahrung ist die noch in der Vorsaison hochgelobte Viererkette um Nationalspieler Manuel Friedrich.“

Mainz stehe und falle mit Jürgen Klopp, findet Andreas Lesch (BLZ): „Zu Recht traut die Klubführung ihrem Trainer zu, die Misere früher oder später zu beenden. Der Mainzer Erfolg ist Klopps Erfolg. Klopp ist vom Spieler zum Trainer dieses Teams geworden, noch heute klingt er wie ein Spielertrainer – so direkt, wie er spricht. Durch Klopp ist Mainz gewachsen, und obwohl der Verein gerade wieder ein wenig schrumpft, ist es nicht vorstellbar, wer seine Rolle übernehmen soll. Das Mainzer Modell würde mit den Neururers, Lienens und Augenthalers dieser Welt niemals dauerhaft funktionieren.“

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