indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 8. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Dummenigge

Pro und Contra, die renommierte Rubrik des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, widmet sich diese Woche der Bayern-Meisterschaft: Soll der FC Bayern in Zukunft eine größere Rolle spielen? Claudius Seidl begründet seine Befürwortung durch die „street credibility“ der Vereinsführung: „Die anderen, die Engländer und Amerikaner hatten Popstars wie die Beatles, die Stones, Bob Dylan, Jimi Hendrix. Wir hatten Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Paul Breitner. Mehr Pop war nie in Deutschland – und anders als bei den meisten Vereinen dieser Klasse, welche den Immobilienhaien, russischen Milliardären oder gleich Silvio Berlusconi gehören, haben bei den Bayern diese Jungs, die den Verein einst großgemacht haben, schließlich den ganzen Laden übernommen. Der Kaiser ist der Präsident (ein sehr münchnerisches Paradoxon), Uli Hoeneß führt die Geschäfte – und den Vorstandsvorsitzenden haben wir früher, als er noch spielte, immer Dummenigge genannt. Heute hören wir weg, wenn er spricht, und wissen, daß Fans eben auch mal leiden müssen.“ Harald Staun erklärt seine Ablehnung mit dem Sonderrecht der Kleinen auf Leid und Klage: „Nur manchmal, wenn die Bayern-Fans wieder einmal schlecht gelaunt sind, weil ihr Verein das tut, was sich für einen ordentlichen Fußballclub gehört, nämlich gelegentlich zu verlieren; manchmal also, wenn die ewigen Gewinner mit großer Pose das ungewohnte Gefühl der Niederlage vor sich her tragen, das für uns Kleine so existentiell ist, dann kommt die alte Aversion noch mal voll zur Geltung: Sie müssen ja nicht auch noch im Jammern die Besten sein. Das sollen sie gefälligst uns überlassen.“

Spielball der Interessen zynischer Geschäftsmänner

Erst Mafia-Boß Provenzano, nun ist Juventus-Generaldirektor Luciano Moggi aufgeflogen – Silvio Berlusconis Wahlniederlage scheint Italiens Großgaunern den Schutz zu nehmen. Birgit Schönau (SZ) berichtet von den Manipulationen Moggis, dessen Telefonate der Öffentlichkeit bekannt geworden sind: „Er gilt als mächtigster Mann des italienischen Fußballs, als skrupellosester Strippenzieher des Transfermarkts, als Regisseur der Schiedsrichter. Deshalb wagt jetzt niemand zu behaupten, er habe es nicht geahnt. Aber das Maß des Skandals erschüttert selbst die Hartgesottensten. Die Staatsanwaltschaft Turin hat dem Fußballverband Federcalcio Ermittlungsakten gegen Moggi übergeben, der unter dem Verdacht des Sportbetrugs stand – in Italien ein Straftatbestand. Strafrechtlich seien die Ergebnisse nicht relevant, erklärten die Fahnder, aber eventuell könnten sie für die Verbandsrichter von Belang sein. Die Dokumente, zumeist Niederschriften abgehörter Telefonate, die die Presse nun täglich druckt, sind so entlarvend, dass man ihre haarsträubende Lektüre jedem verordnen muss, der noch ernsthaft glaubt, Fußball habe in Italien entfernt etwas mit Sport zu tun. Ihre Veröffentlichung, die das Juve-Management in einer bodenlos heuchlerischen Erklärung als ‚Verletzung der Privatsphäre‘ verdammte, bedeutet hoffentlich das Ende einer Ära. Nicht nur für Moggi, sondern für den Calcio als Spielball der Interessen zynischer Geschäftsmänner und Winkeladvokaten, für die nur das Gesetz des Stärkeren galt. (…) Die Zunft der Presse übt Selbstkritik, und die Karriere mancher Kollegen wird den ‚Hurrikan Moggi‘ (Corriere) kaum überstehen. Über Jahrzehnte haben sie ihn gehätschelt und die Presseboykotte der Juve geschluckt; Duckmäuser im Dienste des Calcio, die sich vom Strippenzieher die Kommentare diktieren lassen, statt seine Machenschaften zu hinterfragen. Nun ist der König nackt und das ganze System hat seine Fassade verloren. Kann es Zufall sein, dass Moggi die Bühne nur wenige Tage nach Silvio Berlusconi verlassen muss, der den Fußball zum Manipulationsobjekt seiner politischen Ränkespiele degeneriert hat? Oder ist die Affäre Moggi nur der Anfang bei der Generalabrechnung für ein Gefüge, in dem Klientelismus und Profitstreben die Regeln diktierten, im Fußball wie in der Politik?“

Peter Hartmann (NZZ) ergänzt: „Die vorauseilende Unterwürfigkeit, die notorische Parteilichkeit der Schiedsrichter gegenüber der ‚Alten Dame‘ waren nicht dem Respekt vor ihrem Titel-Schmuck geschuldet, sondern, zumindest in den letzten Jahren, das Ergebnis der Intrigen und handfesten Interventionen des Juve-Generaldirektors Luciano Moggi.“

BLZ: Land der fünfzig Augen – Italiens Verband empört sich über Manipulationen

Welt: Sorge um iranische Mannschaft – Günther Beckstein befürchtet Attentat zur WM, Innenministerkonferenz berät Sicherheitskonzept

FAZ: Mehr Kontrollen an deutsch-polnischer Grenze zur WM

Bundesliga

Wie ein Spitzenkonzern der Automobilindustrie

Zwanzigster Meistertitel – Roland Zorn (FAZ) warnt die Bayern vor industriell gefertigtem Fußball: „Für ein Championat, mit dem die Münchner auch die Herzen nicht nur der eingefleischten Bayern-Anhänger hätten erobern können, fehlte diesem Titelgewinn die Strahlkraft. Auch beim Meisterstück in Kaiserslautern war zu viel Routine im Spiel. Da erfüllte das Team eine Rechenaufgabe, die es sich zur Pause gestellt hatte – mit einem Unentschieden ans Ziel zu kommen –, und vollendete die Meisterschaft mit einem Verwaltungsakt. (…) Was hat Juventus Turin davon, daß es sich teure Stars leisten kann, wenn sich die Mannschaft mit stereotypem Fußball die x-te Landesmeisterschaft sichert? Warum ist der FC Chelsea noch immer nicht einer der beliebtesten englischen Klubs – trotz der mit Roman Abramowitschs Millionen erkauften nationalen Titel? Weil auch die Londoner einen vergleichsweise zweckgebundenen Geschäftsfußball spielen, der die Herzen der Fans kaum berührt. Diese Gefahr droht dem FC Bayern, wenn er es nicht versteht, frische Impulse zu setzen, und wenn er seine eigenen Ansprüche nicht prüft. Wie ein Spitzenkonzern der Automobilindustrie durchleuchten die Münchner derzeit ihre Modellpolitik. Am Ende soll dem Kunden, sprich: Fan, ein neues Angebot gemacht werden, dessen Linienführung schnittiger, wagemutiger, bunter aussehen könnte.“

Wohin?

Andreas Lesch (BLZ) kommentiert die Widersprüche in den Champions-League-Zielvereinbarungen der Bayern-Offiziellen: „Der FC Bayern dreht sich die Welt zurecht, wie er sie braucht. Er verkündet immer und immer wieder, er habe ein pralles Festgeldkonto, ein modernes Stadion, einen absolut solide geführten Klub. Dies alles sind Argumente, die für die Wirtschaftskompetenz der Vereinsführung sprechen. Aber wie lauten die sportlichen Ziele? Wohin strebt der Klub? Wo ist seine Vision? Regelmäßig beklagen die Münchner, ihr Etat sei gegen den der Rivalen aus England, Spanien, Italien ein schlechter Scherz. Wer immer so redet, wer auch in Zukunft selbst ein mittelgroßes Risiko scheuen wird, die Verpflichtung eines prägenden Spielers, der wird an seiner internationalen Unterlegenheit kaum etwas ändern.“

Titel für die Ratio

Bayern München, Meister der Standardsituationen – Klaus Hoeltzenbein (SZ): „Der FC Bayern 2006 beherrscht die Kunst der einfachen Lösungen. Er hat die Fähigkeit, all die Irrungen und Wirrungen eines Fußballspiels in einem kurzen, klaren Augenblick zu bündeln. Natürlich ist es ein Zeichen von Cleverness, wenn sich eine Elf so auf ihre Stärken konzentrieren kann. Wenn sie nicht die Langeweile der Wiederholung fürchtet, also lieber hundert Mal per Ecke oder Flanke den Wunderschädel von Michael Ballack anvisiert, als ständig etwas Neues zu versuchen. So hat der FC Bayern eine Stärke gefunden, die die Saison 2005/2006 prägte, die aber nicht über ihre Grenzen hinausragen konnte. Der 20. Titel ist einer für die Ratio, weniger für Schwärmer, einer für den Briefkopf, weniger fürs Geschichtsbuch. Was fehlt, ist die große, die überdauernde Vision dieser Meisterschaft.“

Nationales Jahr der Superlative

Elisabeth Schlammerl (BLZ) ergründet die allgemeine Münchner Verdrossenheit: „Michael Ballack ergeht es wie dem ganzen Verein: Die Münchner sehen sich, sehen ihre Leistung in diesem Fußballjahr nicht gebührend gewürdigt. Die Bayern haben ein nationales Jahr der Superlative hinter sich: Rekordsiegesserie, Wiederholung des Doubles, die Tabellenführung an 32 von 34 Spieltagen, und das alles trotz weitgehend glanzloser Spielweise. Felix Magath hat in zwei Jahren in München alle vier deutschen Titel geholt, ist aber mit der Mannschaft international an den hohen Ansprüchen gescheitert. Dabei ist es der europäische Thron, wonach sich der FC Bayern am meisten sehnt.“

Der richtige Mann für den Klub?

Stefan Osterhaus (NZZ) fragt sich, ob Felix Magath den FC Bayern auf ein höheres Niveau wird heben können: „Die Performance eines Teams steht und fällt mit dem Coach. Und inzwischen mehren sich die Zweifel, ob Magath der richtige Mann für den Klub ist. Eines steht fest: Magath ist ein Coach, der auf gutem Niveau verwalten kann. Mühelos spazierten seine Männer durch Liga und Cup, ohne dabei den Anschein einer Idee vom Fussball zu vermitteln. Er weiss, wie er inzwischen wahrgenommen wird. Wollte man ihn vom Klub nach dem Gewinn des ersten Doubles noch scherzhaft mit einem Rentenvertrag ausstatten, so ist von Langfristigkeit im Augenblick keine Rede. (…) Eskapismus scheint programmiert, Magath selber bezeichnete das Ausland als Endstation seiner Sehnsüchte. Womöglich ist Uli Hoeness‘ Aufforderung zur massvollen Erwartungshaltung auch der Erkenntnis geschuldet, mit dem Trainer Magath zwar national, aber nicht international glänzen zu können. Der FC Bayern im Sommer 2006: Selten tönte Erfolg trister als heute.“

Zu hoher Anspruch

Kann Magath überhaupt etwas gewinnen, oder kann er nur nicht-verlieren, Elisabeth Schlammerl (FAZ)? „Seine Premierensaison war noch geprägt vom Anpassungsprozeß, mit dem Double und einem mitreißenden Finale. Im zweiten Jahr hat die Mannschaft reichlich Bestmarken aufgestellt. Deshalb geht für Magath eine ‚hervorragende Saison‘ zu Ende. Eine mit einem faden Beigeschmack allerdings, weil die großartigen Momente gefehlt haben. National setzte sich der FC Bayern eher dank seiner Routine als mit spielerischer Überlegenheit durch, und international bleibt vor allem das enttäuschende Ausscheiden aus der Champions League haften. Vermutlich, weil zuvor große Zuversicht sowohl bei der Mannschaft als auch beim Trainer und den Verantwortlichen geherrscht hatte, stark genug zu sein, um Europa zu erobern. Bayern ist vielleicht auch an den eigenen Erwartungen gescheitert. (…) Magath ergeht es beim FC Bayern wie Ottmar Hitzfeld. Auch von ihm versprach sich die Klubführung attraktivere Spiele. Diesen hohen Anspruch hat er nur eine Saison erfüllen können, danach spielten die Bayern nur noch selten schön, aber meist effektiv.“

Kind des deutschen Fußballs mit Fernweh

Philipp Selldorf (SZ/Seite 3) beschreibt Magaths fußballkulturelle Sehsucht nach dem Ausland, im speziellen England: „Auf die meisten Betrachter wirkte es ziemlich seltsam, dass Felix Magath mitten in jener Woche, in der er DFB-Pokalsieger und Deutscher Meister wurde, den Wunsch äußerte, München zu verlassen und in ein anderes Land auszuwandern. Nur Felix Magath fand das ganz normal. Den Willen, die kleine deutsche Fußballwelt hinter sich zu lassen und in einer anderen Kultur ein neues Glück zu finden, spürt er ja bereits seit den Anfängen seiner Zeit im Profifußball vor 30 Jahren, und nie hat er das verheimlicht. Weder in den schlimmen Jahren, als er seine Trainerarbeit in der Rolle des Klempners versah, den die Klubs zur Soforthilfe riefen, weil sie mitten in der Saison in Not und Panik geraten waren. Und auch jetzt nicht, da er als zweimaliger Gewinner des Doubles auf der Höhe seines persönlichen Erfolgs angelangt ist – eine in der Bundesligageschichte einmalige Trainerleistung. Wenn Magath vom Auswandern träumt, dann äußert sich darin einerseits der Wille nach etwas Neuem, andererseits eine Sehnsucht nach dem Davonlaufen. Dafür gibt es tausend teilweise winzig kleine Gründe, die sich ungefähr unter dem Titel ‚Unbehagen an der deutschen Fußball-Kultur‘ summieren lassen. Daher ist es möglich, dass die Beziehung zwischen Magath und dem FC Bayern nur genau die drei Jahre währt, die im ersten Vertrag vereinbart worden sind. Es fehlt nicht an Respekt und Wertschätzung, aber es mangelt an der emotionalen Überzeugung. Noch haben die beiden Seiten ihr gemeinsames Glück nicht gefunden – trotz der enormen Bilanz in den beiden zurückliegenden Jahren. In Deutschland hadert der Kulturpessimist Magath mit vielen Dingen, die nach seiner Meinung dem Sport schaden: mit dem Diktat des Marketings, mit den Ansprüchen und Irrtümern der Medien, mit den Erwartungen der Öffentlichkeit an die jungen Fußballer, mit der deutschen Tendenz zum Jammern, selbst mit den Schieds- und den Sportrichtern vom DFB. Und beim FC Bayern befindet er sich genau dort, wo all diese Faktoren in höchster Konzentration auftreten und so viel Druck erzeugen, dass der Kessel jeden Moment in die Luft fliegen könnte. (…) Vielleicht wird Magaths Fernweh aber auch niemals erfüllt werden, weil er sein Zuhause nicht verlassen kann. Magath ist ein Kind des deutschen Fußballs.“

SpOn: Mit dem FC Bayern ist es wie mit der Wiederwahl Helmut Kohl im Herbst 1994. Ein Sieg, aber keiner hat sich gefreut
BLZ: Chronik einer wechselhaften Bayern-Saison
FAZ: Über Thomas Hüetlins Bayern-Buch
FAZ-Interview mit Franz Beckenbauer: „Wir werden noch an Ballack denken“
taz: elf Thesen zur (fast) abgelaufenen Bundesliga-Saison

Klopp-Fußball

Michael Eder (FAZ) schreibt ein Loblied auf Jürgen Klopp und Mainz: „Das erste Jahr, gut, da trägt die Begeisterung weit, doch im zweiten Jahr, da haben viele Experten den Mainzern nicht zugetraut, wieder drei Mannschaften hinter sich zu lassen. Jetzt liegen sie auf Rang 11, und ihr Ziel ist Platz 10. Wie geht das mit diesem Mini-Etat, mit diesem Mini-Stadion? Es ging genau so wie im vergangenen Jahr, mit einem Trainer Jürgen Klopp, der das Fußball-Kraftwerk Mainz mit Energie versorgt, mit seinem Assistenten Zeljko Buvac, der an der Taktik feilt, und mit dem bewährten Management um Heidel und Präsident Strutz, das sich von kleineren und größeren Ergebniskrisen nicht beeindrucken läßt. Wer das Phänomen Mainz 05 verstehen will, war am Samstag im Bruchwegstadion am richtigen Ort. Er konnte sehen und hören und fühlen, wie nicht nur eine Fußballmannschaft um den Klassenverbleib kämpfte, sondern auch das Publikum. In Mainz wird auf allen Tribünen gesungen und angefeuert, nicht nur im Fanblock, es herrschen englische Verhältnisse. Mainzer Fankultur, Mainzer Fußballkultur, woraus ist sie gewachsen? Es sind nicht nur die beiden dramatisch verpaßten Aufstiege und die gemeinsame erste Abenteuerreise durch die Bundesliga in der vergangenen Saison – das ist es auch, aber mehr noch ist es die Art des Mainzer Fußballs. Es ist Klopp-Fußball. Der Mainzer Trainer polarisiert. Die ihn lieben, halten ihn für einen großartigen Motivator. Die ihn nicht mögen, finden ihn pathetisch. Beide haben recht: Klopp ist ein geborener Motivator, er kann große Auditorien aus dem Stegreif fesseln, kann Menschen für sich einehmen, aber er lebt auch vom Pathos. Und genau so ist der Mainzer Fußball: Er ist pathetisch, er hat keine Angst vor großen Worten: Leidenschaft, Kampfkraft, niemals aufgeben, zu allem bereit sein. Mainz 05 ist eine verschworene Gemeinschaft, eine Fußball-Gang, deren Anführer Klopp auch vor martialischen Gesten nicht zurückschreckt. Wer nicht bereit ist, auch einmal unter Schmerzen zu spielen, den nimmt er nicht ernst. (…) Wer neu aufgenommen werden will in den engen Mainzer Fußball-Kreis, der muß ein dreistündiges Testgespräch mit Klopp zur Zufriedenheit des Chefs bestehen.“

Modell Emotion

Christoph Biermann (SZ) ergänzt: „Mainz 05 ist so sehr Ausdruck der Persönlichkeit von Jürgen Klopp geworden, wie es in den letzten Jahrzehnten ähnlich nur in Bremen unter Otto Rehhagel und in Freiburg unter Volker Finke zu erleben war. Beim 1:0 über Schalke hatte man den Eindruck, als wären nicht nur die Spieler aufgepeitscht durch die Ansprache ihres Trainers auf den Platz gekommen. Auch das Publikum lebte auf den Rängen das aus, was Klopp seit Jahren predigt. Noch hat diese fast ungebrochene Begeisterung etwas vom Zauber der Anfänge, doch in dieser Saison war es die große Leistung des Klubs, das Modell Emotion alltagstauglich gemacht und weiter entwickelt zu haben.“ Oskar Beck (StZ) wirft ein: „Am Tag, als der FC Bayern München zum 20. Mal deutscher Meister wurde, ist uns endlich einmal vorgeführt worden, wie man richtig feiert – von den Määnzern. (…) Immerhin hat Felix Magath den Gewinn des Titels nicht bestritten.“

Runderneuerter Standort

Ralf Weitbrecht (FAZ) faßt nach dem Klassenerhalt den Erfolg der Frankfurter Führung zusammen: „Glück, Können, Augenmaß: Es sind mehrere Faktoren, die zur Sicherung erstklassigen Fußballs in Frankfurt beigetragen haben, und es ist der Mannschaft um Trainer Friedhelm Funkel und dem Team um Vorstandschef Heribert Bruchhagen zugute zu halten, daß man ohne Hektik und Panik dem Grundsatz treu geblieben ist, eine Mannschaft ohne Stars aufzubauen und statt dessen jungen, hoffnungsvollen Spielern eine erstklassige Perspektive am runderneuerten Standort Frankfurt zu bieten. Daß am europäischen Horizont für die Eintracht ganz dezent die Sterne funkeln, rundet eine durchweg positive Spielzeit ab. Funkel hat aus den gegebenen Möglichkeiten weitaus mehr gemacht, als ihm zugetraut worden war.“

Seelenlosigkeit

Als einzelner Spieler mehr zu bieten und zu erzählen als ein ganzer Klub – Christof Kneer (SZ) würdigt Zvonimir Soldo nach dessen letztem Stuttgarter Heimspiel gegen Wolfsburg: „Er hat mit dem VfB den DFB-Pokal gewonnen, er war die vierte Seite des magischen Dreiecks, er war der Herbergsvater der jungen Wilden. Mit seinem strategischem Geschick und geradezu hellseherischem Stellungsspiel hat er die Liga gelehrt, wie eine moderne Nummer 6 funktioniert, und so ist er zehn Jahre lang eine heilige Figur gewesen beim VfB. Spätestens das war der Punkt, als die Gäste aus Wolfsburg die Feierlichkeiten endgültig nicht mehr begriffen. Wie, zehn Jahre im selben Verein, geht das? Sankt Soldos Geist schwebte von Beginn an über diesem Spiel, und für alle Beteiligten ist das ein rechtes Glück gewesen. Soldos Abschied war die perfekte Tarnung für ein wenig geistreiches Spiel, und vor lauter Rührung hätte man fast übersehen, dass der VfL Wolfsburg das Gegenteil von Zvonimir Soldo ist. Der VfL Wolfsburg hat noch gar nichts gewonnen, er ist ein unmagisches Eineck. Niemand kann dem VfL vorwerfen, dass er kein Traditionsverein ist, aber die Tatsache, dass der Klub auch in Spielerkreisen noch nicht etabliert ist, wächst langsam zu einem existenziellen Problem. Es ist ziemlich unpraktisch, wenn man im zugespitzten Abstiegskampf auf Spieler vertrauen muss, die zufällig in Wolfsburg spielen, weil sie von denen zufällig mal ein Angebot gekriegt haben. Längst ist die Truppe großflächig von der Legionärskrankheit befallen, was für das Finale gegen Kaiserslautern das Schlimmste befürchten lässt: Seelenlosigkeit muss als glatter Wettbewerbsnachteil gelten gegen mutmaßlich leidenschaftliche Lauterer.“

Achim Lierchert (FAZ) schreibt über die Wolfsburger Lage vor dem entscheidenden Spiel gegen Kaiserslautern: „Selbst wenn die Klasse gehalten wird, wäre das kein Grund zur Freude, sondern bestenfalls zur Erleichterung. Mit zwei blauen Augen wären die Wolfsburger dann davongekommen. Doch auch wenn der größte anzunehmende Unfall, ein Abstieg in die zweite Liga, einträte, gäbe es wohl keinen Fall ins Bodenlose. Die laufenden Spielerverträge gelten allesamt auch für die Zweite Liga. Wirtschaftlich gesichert wäre die Saison. Im Zuge des Lizenzierungsverfahrens lieferte der Klub wie gefordert auch ein Konzept für die Zweitklassigkeit an die DFL. Sponsor Volkswagen würde es tragen, zumindest dieses eine Jahr. Gelänge jedoch nicht die sofortige Rückkehr in die höchste Klasse, würde sich schon in einem Jahr in Wolfsburg aufs neue die Existenzfrage stellen.“

Ultrakonservative Sehnsucht

Peter Unfried (SpOn) wirbt für Wolfsburg und hält die Abneigung vieler Fußballfans für ungangebracht: „Meine Vermutung ist, dass es sich beim Wolfsburg-Hass nicht nur um Ausdruck der antikapitalistischen Abneigung gegen den Missbrauch unseres schönen Fußballs für unternehmerische Kalkulationen handelt. Es schwingt auch immer mit, dass Fußball jenen zu gehören habe, denen er immer gehört hat. Also den sogenannten Traditionsclubs und ihren Anhängern. Letztlich drückt Anti-Wolfsburgtum eine ultrakonservative Sehnsucht aus: dass alles gefälligst so bleiben solle, wie es (nicht mehr) ist. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum Mönchengladbacher oder gar Kaiserslauterer mehr Recht auf Erstligafußball als Wolfsburger haben sollten. Außerdem: Genau das ist ja das große Abenteuer: In Negierung der Fußballgeschichte, aber mit Kompetenz (und Geld, okay) einen neuen Club aufzubauen, den die Welt eben doch braucht – nicht weil er gestern mal was war, sondern weil er morgen einen Fußball spielt, der die Leute bewegt. Aber, zugegeben: Davon ist der VfL am Ende seines neunten Bundesligajahres weit entfernt. (…) Im Gegensatz zum VfL Wolfsburg ist der HSV ein Traditionsclub. Der Erfolg ist aber nicht Folge der Tradition sondern deren Überwindung. Selbstverständlich ist Beiersdorfers Raute-Folklore, wie auch Dolls Vergangenheit als HSV-Spieler hilfreich – aber nur innerhalb eines zukunftstauglichen Gesamtkonzepts. Der HSV ist nicht erfolgreich, weil er Tradition hat, sondern weil er sich nicht mehr damit begnügt, darauf zu insistieren. Anders gesagt: Der HSV ist ein völlig neuer Club.“

Alte Werte

Jan Christian Müller (FR) erlebt die Renaissance des Kaiserslauterer Fußballstils: „Für all diejenigen, die etwas für den 1. FC Kaiserslautern übrig haben, wäre es verdammt ärgerlich, wenn die Mannschaft ausgerechnet jetzt absteigen würde. Zum ersten Mal in diesem bereits sechseinhalb Jahre währenden Jahrtausend scheint sich der Eindruck zu verfestigen, dass der 1. FC Kaiserslautern wieder über eine Mannschaft verfügt, die die ‚alten Werte‘ verkörpert. Werte, die in der Pfalz besondere Bedeutung haben: Bodenständigkeit, Rechtschaffenheit, Hingabe.“

FR: Dem Hamburger SV droht im letzten Spiel noch der Verlust des zweiten Platzes

Freitag, 5. Mai 2006

Internationaler Fußball

Ohne Konkurrenz

Barcelona, viel zu stark für den Rest Spaniens – Ralf Itzel (SZ) gratuliert zur Meisterschaft: „Die Mannschaft ist pragmatisch geworden. Showtime wird geboten, wenn möglich. Wenn nicht, tut’s auch mal ein glanzloser Sieg. So passierten selbst nach aufreibenden Europacup-Abenden keine Ausrutscher, spielte Barça konstant erfolgreich. Doch der alte und neue Champion war nicht nur so gut – die anderen waren auch so schlecht. Man stelle sich mal vor, es gäbe Barça nicht, dann wäre womöglich Real Madrid Meister geworden, ohne auch nur ein einziges wirklich überzeugendes Match abzuliefern. Oder der FC Valencia, oder Osasuna, die viel zu oft vorsichtigen 0:0-, maximal 1:0-Fußball boten. Beim Uefa-Cup-Finalisten Sevilla ist das ähnlich. Deportivo La Coruna, früher auch eine Größe, befindet sich im Umbau und hat nur mit sich selbst zu tun, und die, die nach Barça den besten Fußball praktizieren, taten dies zu unbeständig: Bernd Schusters Getafe, Villarreal und Real Zaragossa. Barças Dominanz war erdrückend.“

Bundesliga

Abschied von zwei Originalen — 32. Spieltag (Teil 2)

Fußball-Bundesliga, die Soap für Männer – Christof Kneer (SZ) wird Köln im nächsten Jahr vermissen: „Den Bergdoktor gibt’s nicht mehr im deutschen TV, er ist nach sieben Staffeln abgesetzt worden. Der Bergdoktor hätte die Kölner trösten können. In dieser Serie geht es darum, dass jemand selbst verschuldet in eine Gletscherspalte fällt, worauf er vom Bergdoktor gerettet wird und vor lauter Dankbarkeit ein anderer Mensch wird. Das ungefähr ist auch die Geschichte des FC, bloß dass die Gletscherspalte die zweite Liga ist und dem Schweizer Trainer Latour – Kosename: Bergdoktor – die Rettung dann doch nicht ganz glückt. Die Bundesliga nimmt Abschied von zwei Originalen, das ist traurig und wahr. Den 1. FC Köln lässt man nur ungern gehen, und den der letzten Wochen erst recht. Es war ja eine schöne Geschichte, wie es ein Schweizer geschafft hat, zum Kölner zu werden. Hanspeter Latour ist 58 Jahre alt und doch von einer rührend kindlichen Liebe zu diesem Spiel beseelt, und so hat es der Bergdoktor geschafft, der Stadt den Glauben an die Gesundheit des Spiels zurückzugeben. Auf die Emotionalität eines echten Jecken hat Köln lange warten müssen; zuvor hat der unjecke Rapolder Begabungen wie Lukas Podolski in ein verkopftes System gepresst, und davor hat der unjecke Stevens alles angeknurrt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Ob der Bergdoktor auch ein richtig guter Trainer ist? Das wird man dann in der nächsten Saison erleben, in der neuen Staffel, montagabends DSF.“

Qualität hält mit dem Gerede nicht mit

Vierzig Tore am 32. Spieltag – auf einmal geht’s doch! Peter Penders (FAZ) hat sich so viel Tatendrang viel früher gewünscht: „Ach, wäre doch ständig Saisonende und nie die Zeit so mittendrin, wenn wenig passiert, die Qualität ohnehin bedenklich stimmt und spätestens am Montag die vielen Bilder des Wochenendes längst wieder vergessen sind! Vermutlich lag es weniger am Flutlicht, sondern mehr an der Einsicht, demnächst nichts mehr ändern zu können, daß dieser drittletzte Spieltag so viel Strahlkraft hatte im Vergleich zu vielen öden Samstagnachmittagen vorher. (…) Manchmal passen zwei einfach nicht zusammen, und so langsam weiß wohl jeder, daß dies auch auf Michael Ballack und Bayern München zutrifft. Daß er systematisch schlechtgeredet wird, weil er es wagt, ablösefrei zum FC Chelsea zu wechseln, langweilt fast schon, weil es ein so durchschaubares Nachtreten ist. Daß nun aber dem verletzungsanfälligen Santa Cruz nach einem 75-Minuten-Auftritt gegen die biederen Stuttgarter gleich zugetraut wird, die Ballack-Rolle auch international auszufüllen, paßt so schön zu dieser Bundesliga: Die Qualität hält mit dem Gerede in der Regel nicht mit. Aber spannend ist sie, zumindest am Ende, doch.“

Bayern München–VfB Stuttgart 3:1

Offenbarung

Philipp Selldorf (SZ) schildert eine Befreiung: „Dieses Spiel löste eine tiefe Bedrückung. Das lag weniger am Sieg, daran hat man sich natürlich gewöhnt, sondern an der Qualität der Vorstellung, die vielen wie eine Offenbarung erschien. Kaum bis gar nicht hat man die Bayern so lebensfroh Fußball spielen sehen während dieser Spielzeit, die von Karl-Heinz Rummenigge zwar vorauseilend das Gütesiegel ‚Saison der Superlative‘ erhielt, aber diesem prächtigen Etikett selten gerecht wurde. Am Mittwoch aber haben die Bayern Kombinationen geboten, die sie tief in den Strafraum führten, und, weil’s grad gefiel, auch gleich wieder heraus, bis sich jemand der bedauernswerten Stuttgarter erbarmte und aufs Tor schoss. Den Männern vom VfB blieb gar nichts anderes übrig, als demütig zuzuschauen (…) Michael Ballack war klar, dass nun wieder eine Debatte fortgesetzt würde, die seit Jahren in München schwelt: Dass Ballacks Anwesenheit angeblich hemmend wirkt, dass seine Dominanz im Mittelfeld und als Vollstrecker eine Starre im Team auslöst. Und so ergab sich nun die Ansicht, dass sein Verlust auch eine Chance für die Mannschaft bedeutet.“

MSV Duisburg–Werder Bremen 3:5

Ungebrochen

Christoph Biermann (SZ) teilt mit, daß sich Duisburgs Walter Hellmich von einem Abstieg nicht zu Bescheidenheit zwingen läßt: „Gerade eben war der hübsche Kick zu Ende gegangen, da hatte der Big Boss des MSV Duisburg schon das Zukunftspanorama für den Absteiger entworfen. Auch über mögliche Transfers hatte er voller Verve gesprochen, die ersten sollen schon in den nächsten Tagen vermeldet werden. Ob man denn damit nicht erst einmal warten wolle, bis ein neuer Trainer gefunden sei, wurde er daraufhin gefragt. ‚Das sind Spieler, nach denen sich alle Trainer die Finger lecken‘, sagte Hellmich. Nun gut, Ronaldinho wird er damit nicht gemeint haben, doch selten hat ein Klub die Bundesliga so ungebrochen verlassen wie der MSV Duisburg. Hellmich versuchte den Eindruck zu vermitteln, dass dieser Abstieg nur ein kleiner Umweg oder ein Luftholen vor jetzt noch ungeahnten Erfolgen sei. (…) Um für Großunternehmen attraktiv zu werden, wird deutlicher erkennbar werden müssen, dass der Absteiger nicht die One-Man-Show des Walter Hellmich ist.“

VfL Wolfsburg–FSV Mainz 05 0:3

Industrieller Fußball

Michael Eder (FAZ) beschreibt den Sieger mit romantischem Herzen: „Der VfL spielte in der ersten Halbzeit wie so oft – mit dem Volkswagen-Gen, gediegener Durchschnitt, Mittelklasse, nichts wirklich Aufregendes. Industrieller Fußball, finanziert von einem automobilen Großkonzern. Die Mainzer, das sind dagegen die Schrauber von der Ecke, die Tüftler und Tuner, schmutzige Hosen, schmutzige Hände, und ihr Vorarbeiter war auch in Wolfsburg wieder dieser schmächtige kleine Bursche: Michael Thurk. Er schoß nicht nur das Tor, er haute sich in jeden Zweikampf, er spritzte Gift ins Spiel, verströmte Leidenschaft. (…) Der Patient Wolfsburg kommt mit den Symptomen des Abstiegskampfes nicht zurecht. Die Beine der Spieler werden schwerer, die Nerven versagen, die Lage wird immer prekärer.“ Steffen Hudemann (Tsp) zweifelt an der Wolfsburger Kampfbereitschaft: „Gerade weil das Spiel um alles oder nichts ein Dauerzustand ist in Mainz, haben sie sie noch alle beisammen, wenn es brenzlig wird. Eine Fähigkeit, die auch Wolfsburg gut gebrauchen könnte. Drastische Worte wie Jürgen Klopp würden die Geschäftsleute aus der Autostadt nie wählen, aber sie werden sich schon fragen, ob eigentlich irgendjemand sein Hirn angestrengt hat, als er diese Mannschaft zusammenstellte. Der einst so ambitionierte Klub hat innerhalb von einem Jahr einen Besorgnis erregenden Verlust an spielerischer Qualität erlitten. Ihm fehlen Leute, die in der Lage sind, eine Partie durch überraschende Aktionen zu entscheiden. Wolfsburg ist derzeit ein Ort ohne Ideen.“

Eintracht Frankfurt – 1. FC Kaiserslautern 2:2

Ich komm‘ von de Amadeure

Uwe Marx (FAZ) achtet die Leistung Wolfgang Wolfs und Kaiserslauterns in der Rückrunde: „So bedrohlich die Lage auch bleibt: Daß sie in Kaiserslautern überhaupt noch die Chance haben, möglicherweise in einem Abstiegsfinale den Verbleib in der Bundesliga zu schaffen, ist mehr, als nach der vermaledeiten Vorrunde zu erwarten war. Der Punkt sei angesichts dieser Aussicht ‚Gold wert‘ (Wolf) – auch wenn seine Mannschaft gegen die verunsicherten und nach dem Pokalfinale etwas ermatteten Frankfurter speziell im ersten Durchgang weitere Tore leichtfertig verschenkt hatte.“ Tobias Schächter (SZ) protokolliert: „Wer, wie Marcel Ziemer, nach nur 18 Spielminuten in der Bundesliga zum Hauptdarsteller wird, trifft kurz nach dem Abpfiff unvermeidlich auf einen Mann mit einem orangenen ZDF-Mikrofon. Der heißt Rolf Töpperwien und bringt bekanntlich in einem Satz mehr Informationen unter als jede Agenturmeldung. Von Marcel Ziemer aber hatte der Fakten-König noch nie etwas gehört. Also stellte der Fernsehreporter dem Bundesliga-Novizen Fragen: ‚Deutschland kennt sie nicht, woher kommen sie?‘ Marcel Ziemer antwortete leise und bedächtig: ‚Ich komm‘ von de Amadeure.‘ – ‚Dort haben sie aber bestimmt viele Tore geschossen?‘ – ‚Ja, äh – nee‘, meinte Ziemer ehrlich: ‚Nur vier.‘ Töpperwien bedankte sich. Prima Fakten.“

Ascheplatz

Wohltuende Grenzen

Nikolaus Piper (SZ/Wirtschaft) befaßt sich mit der Wirkung der Globalisierung auf den deutschen Fußball: „Im Zuge der Globalisierung ist der deutsche Fußball mittelmäßig geworden – bestenfalls. Offenkundig haben sich andere Sportnationen, zum Beispiel Italien, Spanien oder England, der Herausforderung der Globalisierung stärker gestellt. Innerhalb Deutschlands ist der Abstand zwischen dem Rekordmeister Bayern München und dem Rest der Bundesliga noch größer geworden. Vor allem sind die Bayern der Verein, der – fast als einziger unter den großen – nachhaltig und mit großem Erfolg wirtschaftet. Der Verein stellt sich wie ein gut geführter deutscher Mittelständler dar, doch wenn es um den Einkauf internationaler Stars geht, spielen der AC Mailand oder Real Madrid in einer anderen Liga – dank Großsponsoren und den exorbitanten Fernseheinnahmen aus den jeweiligen nationalen Märkten. Dies zeigt: Fußball lässt sich nur begrenzt aus nationalen Kulturen, Öffentlichkeiten oder Gebräuchen herauslösen. Der schöne Sport hat alle Eigenschaften eines öffentlichen Gutes, der Nutzen daraus lässt sich nur teilweise privatisieren, er lebt davon, dass Millionen anderer Leute begeistert mitmachen. Wenn kleine Jungen nicht mehr kicken, dann gehen den Vereinen irgendwann die Fans und die Werbeeinnahmen aus. Und wenn sich die Vereine nicht mehr um ihr Publikum kümmern, dann lösen sie genau so eine Entwicklung aus. In Deutschland ist es eben nicht vorstellbar, die gesamte Bundesliga oder gar die Weltmeisterschaft ins Bezahlfernsehen zu verbannen. Hier sind der Vermarktung wohltuende Grenzen gesetzt.“

Flut

Markus Weber (SZ/Wirtschaft) stellt bei der WM-Werbung eine fatale Einheitlichkeit fest: „Zum Ereignis des Jahres droht dem WM-Gastgeberland der werbliche Overkill. Begonnen hat das kommunikative Dauerfeuer bereits im vergangenen Herbst. Laut Nielsen Media Research stieg die Anzahl der monatlich neu geschalteten Werbemotive mit WM-Bezug von September 2005 bis März 2006 von 45 auf 397. Dass dabei die Mehrheit der Werbungtreibenden in der Masse untergeht, dürfte zu einem guten Teil in der Natur der Sache liegen. Umso wichtiger wären allerdings neue kreative Konzepte, die den konventionellen Rahmen sprengen. Doch diese fehlen leider fast völlig – jedenfalls, wenn es nach dem Urteil führender deutscher Werbeköpfe geht. Im Herbst, als die WM auch in den Köpfen noch weit weg war, wurden praktisch alle Kreativen der Republik auf dasselbe Briefing losgelassen. Die meisten gestalteten ihre Kampagnen aber so, als wären sie die einzigen, die den Fußball für sich entdeckt haben. Hinzu kamen die bei solchen Aufträgen häufig sehr engen Vorgaben der Unternehmen, etwa beim Einsatz von Testimonials. An die beispiellose Flut gleichartiger Werbemotive dachte offenbar kaum jemand. Doch wie sich jetzt zeigt, ist der Kampf um das Gerade-noch-wahrgenommen-Werden gigantisch. Agenturleute berichten, dass die ersten Kunden die Notbremse ziehen und die Ausstrahlung laufender Spots stoppen. (…) Vor allem an zwei Dingen mangelt es den meisten der derzeit laufenden WM-Kampagnen. Erstens: an einem glaubwürdigen, substanziellen und für die Zielgruppe relevanten Beitrag der Marke zu dem Großereignis. Dafür reicht weder ein Logo noch eine Ticket-Verlosung aus. Zweitens: an einem wirklich integrierten Konzept im Sinne einer Marketing-Plattform. Immer noch denken viel zu viele einfach in verschiedenen Kanälen.“

Donnerstag, 4. Mai 2006

Ball und Buchstabe

Beim Kerner-Gucken LSD genommen

Im WM-Jahr versucht die Kunst, sich auf die Schultern des Riesen Fußball zu stellen; Alex Rühle (SZ/Feuilleton) verdreht die Augen: „Seit André Heller von Franz Beckenbauer zum Fußballkulturbeauftragten der WM bestallt wurde, möchte man sich hin und wieder als Schriftführer beim Jahrestreffen unsportlicher Philatelisten eintragen lassen oder zu den Freunden des mittelalterlichen Madrigals flüchten, zu Menschen im Pullunder, die sich in abgeschatteten Räumen zu gediegenem Gespräch versammeln. Während rings umher der Irrsinn tobt: Man bekommt in der Redaktion Anrufe von durchaus renommierten Autoren, die einem raunend von eigenen Texten vorschwärmen, ‚wenn Sie das gelesen haben, werden Sie grundlegend anders denken über die Beziehung zwischen Fußball und Raum!‘ Jeden Tag landet eine Wanne Bücher an zur Poetik, Weltgeschichte oder Soziologie des Fußballs. Haben denn die Lektoren sämtlicher deutschen Verlage gemeinsam beim Kerner-Gucken LSD genommen? Im Zentrum des Irrsinns aber waltet die DFB-Kulturstiftung. 48 Veranstaltungen zum Thema Fußball wurden unter geistiger Führung des ‚geprügelten Grenzüberschreiters und manischen Verwirklichers‘, wie Heller sich selbst nennt, organisiert (…) Und plötzlich ist da dieser Freiheitstraum: 10. Juli, Finale vorbei, ein morgendlicher Spaziergang durch die menschenleeren Straßen, vorbei an den vergilbten Plakaten der DFB-Kulturstiftung, vorbei an einer Wiese, auf der ein paar Jungs stumm vor sich hin kicken. Und das Wissen darum, dass jetzt auf zwanzig Jahre kein Buch mehr kommen wird und keine Ausstellung, kein Film, kein Ausdruckstanz und keine Fußballoper, hat etwas ungemein Erhebendes.“

Effekthascher

Fritz Tietz (taz) ist scheinbar von dem Nachtmahr heimgesucht worden, an seinen Fernsehsessel gefesselt zu werden: „Je früher die deutsche Mannschaft ausscheidet, desto erträglicher dürfte die Berichterstattung aus den angeschlossenen TV-Anstalten ausfallen. Die ständigen Schalten zu irgendeinem vor dem Mannschaftsquartier herumlungernden Waldi oder Töppi, die öden Live-Übertragungen von der täglichen Pressekonferenz des Trainerstabs, die ellenlangen Interviews mit den dabei, außer ihren Kaugummis, nichts Wesentliches begnatschenden Spielern. Von dem ausgewalzten deutschen TV-Expertentum ganz zu schweigen. Dazu dieser ganze boulevardeske Tand ‚rund um die Mannschaft‘: der launige Hintergrundbericht über die Spielerfrauen, die investigative Reportage aus der Quartiersküche, die topaktuelle Programmunterbrechung, weil ‚die medizinische Abteilung‘ bei einem Spieler einen eingeklemmten Furz diagnostiziert hat oder so was. Scheiterte die DFB-Auswahl bereits in der Vorrunde, wären diese sportjournalistischen Heimsuchungen allenfalls eine Woche lang durchzustehen. So leid es einem auch um die junge Mannschaft tun mag. Aber deren Vereinnahmung durch so offenkundig scharlatane Effekthascher in Politik, Wirtschaft und TV und der damit bereits einhergehende und noch zu erwartende Belästigungsgrad sind ein leider sehr triftiger Grund, ihr ein möglichst frühes Ausscheiden an den Hals zu wünschen.“

Wurstschnappen

Mathias Schneider (StZ), der arme Tropf, mußte die Bundesliga im DSF schauen: „Wer nicht eingeschaltet hat, hat etwas verpasst. Das DSF hat Fußball aus Liga eins übertragen. Knapp zwei Stunden, wie der Moderator Gronewald verkündete, was nicht falsch war. Es sind in dieser Zeit vier Spiele vorgekommen. Also alles korrekt gelaufen. Leider gibt es noch immer Nörgler, die behaupten, es sei gar nicht um Fußball gegangen. Vielmehr dränge sich folgender Verdacht auf: Eine Fernsehanstalt plant eine zweistündige Werbesendung, dabei ergeben sich zwischen den monumentalen Blöcken immer so hässliche Lücken. Also rein mit dem Fußball! Der boomt. Das läuft. Und vier Spiele macht rund 40 Minuten Fußball in knapp zwei Stunden. Da kann man nichts sagen. Außerdem ist das doch ein nettes Spiel – das Wurstschnappen. Immer wenn man glaubte, das Ding namens Bundesliga-Fußball schon zwischen den Zähnen zu haben, ups, ist es wieder rausgerutscht und man biss auf einen Werbeblock – zum Beispiel auf eine Holzlatte aus dem Hagebaumarkt von Mike Krüger.“

Tagesspiegel: Eine Berliner Ausstellung beschreibt das prekäre Verhältnis zwischen Fußball und Fernsehen

WM 2006

Aschenputtel darf zum Ball

Stefan Klein (SZ/Seite 3) verfaßt eine Reportage über Angola und die Hoffnung, die das vom Bürgerkrieg geprägte Land an die WM knüpft, wo es auf den ehemaligen Kolonialherren Portugal treffen wird: „Fußball in Zeiten des Krieges: Dass überhaupt gespielt wurde, war der Wunsch der Regierung, die wenigstens den Schein von Normalität erwecken wollte. Aber von systematischer Förderung konnte keine Rede sein – wie hätte die auch aussehen sollen in einer Stadt wie Luanda, die von den Portugiesen einst für 500.000 Menschen angelegt worden war, die aber bald mit zwei, mit drei, schließlich mit mehr als vier Millionen Einwohnern voll gestopft war? Die weder die Stromversorgung noch die Müllabfuhr sicherzustellen vermochte? Heute ist Frieden, aber die Stadt ist so voll, so verkommen, und ihre Dienstleistungen sind so mangelhaft wie eh und je. Der Fußballer Love hat eine hübsche, kleine Wohnung, aber sie befindet sich in einem schäbigen Wohnblock, aus dem unten der Abfall quillt. Umso erstaunlicher das Fußballmärchen. Noch nie hat Angola an einer Weltmeisterschaft teilgenommen, selbst beim Africa Cup war man nur dreimal vertreten und schied jeweils in der Vorrunde aus. Doch das ist Vergangenheit: Aschenputtel darf zum Ball. Dass es dort Furore machen wird, ist eher unwahrscheinlich. Ein 1:0-Sieg gegen Portugal? Da lachen sie in Lissabon, weil sie wissen, dass das ein Witz ist. Trotzdem: Wenn die ehemalige Kolonie auf den ehemaligen Kolonialherrn trifft, ist Pfeffer in der Partie. Das jüngste Match war ein Skandalspiel, das nach vielen Roten Karten abgebrochen wurde. Das wird sich in Köln kaum wiederholen, aber kämpfen werden sie, die so genannten schwarzen Gazellen aus Angola – und sei die Außenseiterchance noch so klein. Mag sein, dass sie nach drei Vorrundenspielen ohne Punkt dastehen und die Heimreise antreten müssen, gewonnen hätte ihr Land trotzdem. Weil es bewiesen hat, sagt Augusto Pereira da Silva, der Generalsekretär des Fußballverbands, dass Angola mehr ist als nur ein Schlachtfeld. Weil der Fußball Menschen einander so nahe gebracht habe wie nie zuvor, sagt Trainer Goncalves. Menschen, die sich vor kurzem noch gegenseitig umbringen wollten. (…) Love Kabungula war angolanischer Torschützenkönig 2004 und 2005, er hat fast alle WM-Qualifikationsspiele mitgemacht, aber er sagt, er werde erst dann wirklich angekommen sein, wenn er den Sprung ins Ausland geschafft habe. Lebo Lebo sieht es ganz genauso, und in solchen Momenten fallen dann magische Namen wie Chelsea, wie Manchester. Manchmal lässt die Hornhaut auf den Seelen der Großen doch ein bisschen was durch von den Geheimnissen und Träumen, und vielleicht ist dies ja die eigentliche Botschaft dieser Geschichte: Dass nach all dem Schrecklichen die Menschen in Angola wieder Träume haben. Von den Burschen an der Nova Escola wird kaum einer ein Lebo Lebo oder Love werden, und Lebo Lebo und Love wird der Weg gewiss nicht zu den Topadressen in Europa führen. Aber sie stellen es sich vor, sie lassen sich beflügeln von ihrer Phantasie, und so gesehen kann Angola durchaus von einem 1:0-Sieg über Portugal träumen – ernsthaft und ohne Witz.“

Getrübte Vorfreude

Jan Christian Müller (FR) grämt sich über den vermutlichen Ausfall Wayne Rooneys: „Den Fußball-Feierlichkeiten in Deutschland ist nach André Hellers großer Eröffnungsparty eine weitere Attraktion abhanden gekommen. Rooney hätte das Welt-Turnier mit seinem grandiosen Geschwindigkeitsfußball geprägt wie kaum ein anderer. Sein aggressives Tempospiel wird er – selbst, wenn er auf wundersame Art und Weise rechtzeitig wieder schmerzfrei laufen könnte – niemals demonstrieren können. Das trübt nicht nur die Vorfreude bei den Premium-Sponsoren der nach Ronaldinho und Beckham werthaltigsten Werbefigur im globalen Fußball, sondern auch die vieler Fans. Beileibe nicht nur aus England.“

Welt: Deutschlands Gegner Polen blamiert sich mit einem 0:1 im Testspiel gegen Litauen

Bundesliga

Klarer Spielverstand — 32. Spieltag (Teil 1)

1. FC Köln–Hamburger SV 0:1

Ulrich Hartmann (SZ) lobt Kölner Kampf und Spiel: „Die Kölner haben das überforderte Spitzenteam vom Hamburger SV in dessen Spielhälfte beschäftigt. Sie haben ihre Zuschauer mit munterer Offensive unterhalten. Sie haben den HSV in allen statistischen Rubriken deklassiert. Wenn bloß diese eine dumme Sache nicht gewesen wäre: Köln hat 0:1 verloren, seine Fußballer waren zu beeindruckt vom eigenen Spiel. Die Kölner ignorierten die Melancholie des Niedergangs durch intensive Ausschüttung von Adrenalin. Eine geniale Therapie. Von Absteigermannschaften sieht man in den letzten Spielen einer Saison sonst eher tollpatschigen Aktionismus, das sieht dann aus wie Dreibeinlaufen beim Kindergeburtstag. In Köln ist das anders. Die Spieler geraten jetzt in eine ansehnliche Verfassung. Sie besitzen Ausdauer für mindestens ein Fußballspiel und verfügen trotz panisch anmutender Tabellensituation über einen klaren Spielverstand.“

Macht des positiven Denkens

Roland Zorn (FAZ) blickt zurück auf Fehler der Kölner Führung: „Das ambitionierte Vierjahres-Aufsteigerprojekt des FC scheint gescheitert. Der Klub, der mit einem üppigen Etat von 50 Millionen Euro in die Saison ging, verpflichtete zunächst in Uwe Rapolder einen Trainer, der nicht zum Team paßte, stellte einen Kader zusammen, der viel zu spät Erstligareife bewies, und verfehlte damit schon im ersten Jahr sein Etappenziel auf dem ersehnten Weg zurück in die europäische Bedeutung. Erst Rapolders Nachfolger Latour verstand es, dem FC mit Augenmaß und viel Begeisterung so etwas wie eine neue Bodenhaftung zu geben. Während sich Köln alsAbsteiger nolens volens von einigen seiner Stars trennen muß oder will (Podolski, Streit, Streller), sehen die Hamburger das Werben zahlungskräftigerer Vereine um ihre besten Spieler im Augenblick ganz entspannt. Wer oben steht, darf mehr erwarten – und handele es sich dabei auch um Ablösesummen. Daß Abwehrfachkräfte wie Daniel van Buyten (Bayern München) und Khalid Boulahrouz (FC Barcelona) umbuhlt werden, empfindet Thomas Doll im Augenblick eher als Kompliment. ‚Ist es nicht schön, daß der eine oder andere Spieler nach dieser Klassesaison Begehrlichkeiten weckt? Es beunruhigt uns nicht, sondern macht uns stolz, wenn unsere Jungs im Fokus sind.‘ Es ist auch Dolls Macht des positiven Denkens, die diesen neuen HSV zur zweiten Kraft im deutschen Fußball hat aufsteigen lassen.“

Uf Wiederluege Geissböckli

Bernd Müllender (FR) verweist auf eine hohe Kölner Fluktuation: „Der FC hat die Saison nicht nur auf dem Rasen verloren. Eine dilettierende Führungscrew hatte immer neues Personal zugekauft. Im halben Dutzend lag man daneben. Gegen Hamburg lag der Rückennummernschnitt bei 21,7. Das zeigt, wie ersatzgeschwächt das Team war und wie viele mittlerweile mitwirken, an die zu Saisonbeginn noch niemand dachte. Immerhin: Auch die Schweizer Spieler sind in der Stadt des Überschwangs assimiliert. Marco Streller sagt: ‚Wenn wir noch zwei Tore gemacht hätten, wäre der Kessel explodiert.‘ Und Ricci Cabanas meint: ‚Es ist noch nicht vorbei.‘ Nein, da ist kein Fünkli Hoffnung mehr, kein Grüetzi, wie es im Winter hieß, als vier Schweizer wie die Lawinenhunde gekommen waren als Rettungsbeauftragte. Uf Wiederluege Geissböckli.“ Daniel Theweleit (FTD) rechnet mit der Kölner Rückkehr: „Die Zeit für Trauer und Melancholie wird noch kommen in Köln, doch angesichts einer jungen Mannschaft, die eine gute Substanz für die Zweite Liga besitzt, und weil dieser vierte Abstieg in acht Jahren von den Anhängern mit einer gewissen Routine hingenommen wird, könnte es ein Abschied ohne Tränen werden.“ Auch Erik Eggers (Tsp) hegt Optimismus: „Einige prophezeien Köln nun den Absturz, weil das Publikum die ewige Reise zwischen Liga eins und zwei satt haben könnte. Doch zuletzt verzeichnete der FC Zuschauerrekorde. Das macht Mut für die Zweite Liga.“

1. FC Nürnberg–Borussia Mönchengladbach 5:2

Kontinuierliches Wachstum am Fußball-Standort Nürnberg

Volker Kreisl (SZ) erkennt den Club nicht wieder: „Die Nürnberger haben nicht nur den Klassenerhalt gesichert, sondern in einer Weise gespielt, wie man es überhaupt nicht gewohnt ist. Es könnte ein Ausschlag nach oben gewesen sein, es könnte aber auch eine Art Meilenstein in der Entwicklung des Vereins darstellen. Nürnberg hat Konzeptfußball gezeigt, Abwehrschwächen hat Meyer mit einer Auswechslung schlagartig behoben, trotz Rückstandes spielte das Team unbeirrt weiter, und am Ende hatte es auch kein Problem damit, Konterchancen zu verwandeln. Garniert mit Zweikampfszenen, Tempogegenstößen auf beiden Seiten, einem verschossenen Elfmeter und jenen Momenten nach Schlusspfiff, als das Stadion in eine Art Riesendiskothek verwandelt wurde, war der Eindruck für die Verantwortlichen erschlagend. (…) Die Nürnberger haben in dieser Rückrunde bewiesen, dass sie alle Mannschaften kontrollieren können, die sie nächste Saison hinter sich lassen wollen. Das deutet alles auf kontinuierliches Wachstum hin am Fußball-Standort Nürnberg.“

Leichtigkeit des Seins

Auch Gerd Schneider (FAZ) reibt sich die Augen: „Es war alles anders als sonst in dieser Nürnberger Fußballnacht. Über viele Jahre hinweg hatte der Kombination Club und Bundesliga etwas Mühseliges, Graues, Freudloses angehaftet. Fast immer, wenn der neunmalige deutsche Meister in der höchsten Klasse spielte, glich der Alltag einem Überlebenskampf, finanziell wie sportlich. Das hat Spuren hinterlassen im Frankenland. Die einst für ihre Treue berühmten Fans wandten sich ab von ihrem Club. Im Spätherbst, als die Stimmung und der Tabellenstand ihren Tiefpunkt erreicht hatten, verloren sich bei manchen Spielen nicht einmal mehr 20.000 Zuschauer im Stadion. Dann kam Hans Meyer. Was seitdem in Nürnberg passiert ist, muß den Anhängern und allen Beteiligten wie ein Traum vorkommen. Plötzlich spielen die Nürnberger Profis, anstatt Fußball zu arbeiten; schießt Robert Vittek, unter Meyers Vorgänger Wolfgang Wolf zum Ersatzspieler mutiert, Tore am Fließband; und entdecken die Leute ihre Liebe zum Club wieder: Sie genießen den Stadionbesuch, anstatt zu leiden. Am Dienstag, es ging auf Mitternacht zu, konnten Tausende Fans in der Nordkurve gar nicht genug bekommen von der unerklärlichen Leichtigkeit des Seins.“

Hertha BSC Berlin–Bayer Leverkusen 1:5

Im Stile einer Jugendelf

Ronny Blaschke (StZ) gratuliert dem Leverkusener Trainer: „Es scheint, als habe Michael Skibbe einen Weg gefunden, das Potenzial in Leverkusen optimal auszunutzen, selbst an schwächeren Tagen wie in Berlin – Vorgänger Klaus Augenthaler war daran gescheitert. Die internationale Teilnahme wird Leverkusen zumindest ein bisschen helfen, um den Frust nach den negativen Schlagzeilen verbunden mit Reiner Calmund zu lindern.“ Von wegen unglückliche Niederlage – Matthias Wolf (FAZ): „Zugegeben, es war ein seltsames Spiel. Hertha lag früh zurück, kassierte durch Dimitar Berbatow einen Keulenhieb, bevor nach Marcelinhos Anschlußtor zwanzig Minuten lang nur ein Team stürmte: Berlin. ‚Das Ergebnis lügt‘, erklärte Rudi Völler voller Mitgefühl. Aber wahr ist auch: Wer so konfus stürmt, im Stile einer Jugendelf alle Absicherung vernachlässigt, besitzt kaum internationale Reife.“

SZ-Kommentar: Konterspiel, der neue Trend?

SZ: Karl-Heinz Rummenigge will Gehaltsobergrenze, der Bayern-Vorstand plädiert vor EU-Parlamentariern für einen gerechteren Wettbewerb; als Bundesliga-Fan kommt man nicht umhin, über diese Forderung zu schmunzeln

Ascheplatz

Schweizer Kegelklub

Thomas Kistner (SZ/Wirtschaft) betont die Diskrepanz zwischen der Struktur der Fifa und ihrem Umsatz: „Die Fifa ist ein spezielles Unternehmen: Konstruiert nach Schweizer Vereinsrecht, ungefähr wie ein Kegelklub. Die satzungsgemäß nicht profitorientierte Runde präsentierte jüngst ihr Geschäftsjahr 2005. Für Fernseh- und Marketingrechte an der WM 2006 kassiert sie insgesamt 1,7 Milliarden Euro; allein fünfzehn Topsponsoren von Adidas bis Yahoo sowie sechs ‚nationale Förderer‘ von Oddset bis Obi steuern 700 Millionen Euro bei; die Bilanzsumme 2005 betrug 1,44 Milliarden Franken. Nicht schlecht für ein gemeinnütziges Organ, das kaum Transparenz – etwa in Form externer Buchprüfungen – üben und nur 4,25 Prozent Steuern auf den Jahresgewinn entrichten muss. Das hilft erklären, warum die Fifa gerne Kegelklub ist. (…) Blatters Fifa ist ein System von Gefälligkeiten; blickdicht der Filz und groß die Machtfülle, die dem Boss das Geld verleiht, das er an Zwergstaaten und Tropeninseln ausschütten kann. In der Fifa haben Bhutan und Anguilla ohne Ligabetrieb dieselbe Stimme wie der DFB mit 6,6 Millionen Mitgliedern. Jedes Strandparadies kassiert auch die 250.000 Dollar pro Jahr, die die Fifa den Verbänden für den ‚Bürobetrieb‘ überweist. Solange der Wahlmodus ‚Ein Land, eine Stimme‘ herrscht, öffnen Deals mit dem Stimmvieh den Thronzugang. Wie man die Sportwelt im Lot hält, demonstrierte Blatter nach seiner Wiederwahl 2002. England, das sich gegen ihn aufgelehnt hatte, erhielt nur drei Sitze in den 30 Fifa-Kommissionen, Schottland einen, Irland keinen. Dafür erwuchsen der Fifa neue Supermächte wie das Inselreich Tonga, dessen Verbandschef Fusimalohi nicht nur in die Exekutive rückte, sondern in vier weitere Stäbe, darunter die Finanzkommission. Nicht schlecht für einen Zwergverband, der 1994 zur Fifa stieß und sich auf Weltranglistenplatz 184 tummelt. Auch Tahiti erhielt drei Sitze; darunter im Entwicklungshilfebüro Goal, das als Stimmkauf-Instrument für Blatter attackiert wird. Fidschi und die Cayman-Inseln besetzen je zwei Kommissionen, wobei ein Cayman-Vertreter bei den Fifa-internen Buchprüfern einrückte – Karibik-Experten sind für unbestechliche Bilanzpraktiken bekannt. Die Fifa aber bleibt ein Schweizer Verein. So kann sich Blatter, der als Vereinschef seine Millioneneinkünfte nicht offen legen muss, auch weiter den wichtigen Aufgaben widmen. Etwa der, wie er den Friedensnobelpreis erwerben kann.“

Mittwoch, 3. Mai 2006

Internationaler Fußball

Ein Sieg für die Ungewißheit

Ralf Itzel (SZ) kommentiert den Pokalerfolg (2:1) von Paris St. Germain gegen Olympique Marseille vor dem Hintergrund der Rivalität beider Vereine und beider Fan-Gruppen: „Seit dreizehn Jahren warten die OM-Fans auf einen Titel. Seit jener Zeit pflegen die beiden Mannschaften ihre Feindschaft. Vor dem Finale gab es wieder Ausschreitungen. 39 Randalierer wurden festgenommen, 21 in Gewahrsam genommen – eine leider normale Bilanz. Trainer Guy Lacombe hatte glasige Augen, als er den Erfolg einordnete: ‚Den Pokal mit dem PSG in Paris gegen Marseille zu gewinnen, das ist der stärkste Moment meiner Trainerkarriere.‘ In der Presse ist der Sieg eine Wende zum Guten, ein Neuanfang, wie eigentlich jedes Jahr. Der bisherige Klubeigner Canal Plus hat aber die Lust verloren und den Verein verkauft. Zum Vorzugspreis von 41 Millionen Euro an ein Investoren-Trio. Doch ist unklar, was unter den neuen Geldgebern mit PSG passieren wird.“ So ungewiß wie die Zukunft der Spieler von PSG wird auch die Zukunft der Spieler von Marseille sein. Ist doch OM dafür bekannt, jedes Jahr das Team so durcheinanderzuwirbeln, daß nicht einmal mehr der Präsident den Überblick über den Kader behält. Am 5. März trafen beide Teams in der Liga zuletzt aufeinander. Neil McCarthy beschreibt im englischen Fanzine When Saturday Comes, wie Marseille dabei eine Provokation gelungen ist: „OM schickte eine B-Elf auf das Feld, die durch Nachwuchsspieler komplettiert wurde. Zudem rief OM vor dem Spiel seine Fans zum Boykott auf. Das langweilige torlose Unentschieden wurde als Sieg für OM gewertet: Es entführte der PSG einen Punkt und ruinierte dem PSG-Eigner Canal Plus die TV-Aufnahmen. Als das Spiel begann, wurden die Spieler von OM mit ‚Encules‘-Rüfen (Geht vor die Hunde!) malträtiert.“

Ball und Buchstabe

Tempo-30-Schilder

Daniel Pontzen (Spiegel) schöpft aus Quellen, die seine These von der Langsamkeit des deutschen Fußballs bestätigen: „Rasanz und Kunstfertigkeit gehen in ihrem Spiel eine spektakuläre Verbindung ein. Die Ronaldinhos, Decos oder Hlebs dieser Tage verschmelzen Ballannahme, -verarbeitung und -weitergabe zu einer Einheit, alles läuft in Sekundenbruchteilen ab. Es ist die offensive Antwort auf das international enger und schneller gewordene Spiel. Das Kerngeschäft hat sich längst auf ein rund 30 mal 40 Meter großes Rechteck verdichtet, das sich bei jedem Angriff über das Spielfeld verschiebt. Wenn Barcelona darin blitzschnell den Ball zirkulieren lässt oder Arsenal per vertikalem Direktspiel auf das gegnerische Tor zusteuert, wirkt das bisweilen, als wäre der Fernseher kaputt: Fußball im Vorspulmodus. Der Begriff ‚High-Speed Football‘ ist dabei mehr als eine hübsche Wortneuschöpfung. Im englischen Fußball etwa hat sich die Geschwindigkeit nachweislich erhöht: Die im Sprint zurückgelegte Strecke einer Premier-League-Mannschaft addierte sich 2003 auf durchschnittlich 1,8 Kilometer pro Match – in dieser Saison sind es 2,6. Die Anzahl der Sprints, so haben es die Spielanalytiker von ProZone ermittelt, hat sich allein in den letzten beiden Jahren von 287 auf 359 erhöht. Gleichzeitig nahm die Menge erfolgreicher Pässe um rund fünfzehn Prozent zu. Wer hierzulande die Sportschau einschaltet, kann da leicht den Eindruck gewinnen, er sähe bei einer anderen Sportart zu. Im Vergleich zu den Dauerattacken des Champions-League-Finalisten Arsenal oder dem Konterspiel des englischen Meisters FC Chelsea wirken die Angriffe in hiesigen Stadien oft, als wären an den Seitenlinien Tempo-30-Schilder aufgestellt. Eine gerade veröffentlichte Untersuchung zum Passspiel unterstreicht diesen Befund. Die durchschnittliche Zahl der gespielten Pässe in einer Bundesliga-Partie liegt weit unter jener der führenden Konkurrenzligen. (…) Wie schwierig es ist, eine eigene Fußball-Ideologie durchzusetzen, hat Jürgen Klinsmann erfahren müssen.“

Wandlungen des Bekannten

Christoph Biermann erwartet in den 11 Freunden angesichts der Globalisierung des Fußballs keine Taktikrevolution durch die WM: „Im Laufe der letzten Jahre ist so etwas wie ein globaler Fußballstil entstanden, in dem sich ehemals national zugeordnete Elemente zunehmend vermischt haben. Niemand würde heute ohne weiteres eine italienische vor einer spanischen oder englischen Mannschaft unterscheiden können. Das gilt zunächst für Vereinsmannschaften, die allerorten zu kleinen Welt-Elfs geworden sind, inzwischen aber auch für Nationalteams. Außerdem sind nach knapp 150 Jahren Fußball alle grundsätzlichen Varianten durchgespielt. So gibt es schlichtweg keine neuen Systeme mehr zu erfinden, sondern immer wieder nur Wandlungen des Bekannten zu probieren. Auch wird es keine Umwälzungen auf einzelnen Positionen mehr geben, wie das die Erlösung des Außenverteidigers von seiner rein defensiven Rolle oder die Erfindung des Liberos waren. Wir werden uns bei der WM 2006 nicht auf Neuerfindungen des Spiels einrichten müssen.“

Hochmut

Das ZDF macht Männchen vor den Bayern, und Michael Hanfeld (FAZ/Medien) haut auf den Tisch: „Dem FC Bayern gehört der DFB-Pokal, die Welt sowieso und – so mußten wir am Samstag abermals erkennen – das ZDF. All der Hochmut, den die Bayern nach ihrem wie üblich unansehnlichen Spiel über die Frankfurter ergossen, er floß ungefiltert durch den öffentlich-rechtlichen Kanal. Zuerst fiel Franz Beckenbauer nichts anderes ein, als daß Michael Ballack so lahm gespielt habe, als schone er sich bereits für Chelsea. Und da war kein Reporter, Air-Berlin-Werber Johannes B. Kerner schon gar nicht, der Beckenbauer darauf aufmerksam gemacht hätte, daß sich angesichts dieses Spiels offenbar die halbe Bayern-Mannschaft für Chelsea oder andere Vereine schont (und die andere Hälfte bloß niemand haben will). Über die umstrittenste Szene des Spiels, als Willy Sagnol den Frankfurter Stürmer Köhler umrempelte, wurde hier aber wenigstens noch gestritten. Anders in der folgenden Runde bei Mikrofonsteigbügelhalter Wolf-Dieter Poschmann. Für ihn war, genauso wie für Felix Magath, ganz klar, daß das kein Foul war. Also zeigte das ZDF die Zeitlupenversion, in der es am wenigsten nach Freistoß aussah. Zu dumm nur, daß Friedhelm Funkel sich dieser Meinung nicht anschließen wollte – und das Studiopublikum auch nicht. Also konnten sich Magath und Devotfrager Poschmann noch ein wenig darüber grämen, daß die armen Bayern, wo sie auch hinkommen, auf so manche Antipathie stoßen. Ja, warum nur? Ob es etwas mit dem allgemein hochfahrenden Auftreten zu tun hat? Die WM wird furchtbar.“

FAZ: Bayern München mit Skepsis und Mißmut zum Double?

Mangel an Spielkultur

Ein Theaterprojekt vieler Autoren des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung – Andreas Rossmann (FAZ/Feuilleton) faßt sich an den Kopf und erkennt ein Symptom der Theaterkrise Deutschlands: „Die Regie läßt keine kabarettistische Standardsiutaion aus. Selbst ein Linksaußen a.D. wie Franz Xaver Kroetz flankt mit einer ‚Nationalballszene‘, die Deutschland zu einer fußballbesessenen Irrenanstalt vor dem Fernseher verballhornt, weit ins Toraus. Den spät eingewechselten Herbert Achternbusch zieht es, über die Urne im Clubgrab sinnierend, mehr an die Isar als ins Stadion. Marius von Mayenburg immerhin markiert mit dem anrührenden Gruppenbild dreier klappriger Freizeitkicker einen Lattentreffer. Was den Fußball aus- und manchmal so faszinierend macht, ist kein Anstoß, dem einer dieser Ausputzer nachgespürt hätte. Die Seele des Spiels wird nicht einmal touchiert. So offenbart das Theater, daß es ihm ähnlich an Spielkultur mangelt wie der Nationalmannschaft. Noch wenn es sich der ‚Aktualität‘ zuwendet, verläuft es sich im Abseits.“

Ascheplatz

Verquast

Die Werbeagenturen Deutschlands wringen den letzten Tropfen aus der Fußball-WM, und Markus Brauck (Spiegel) hät sich die Ohren zu, den Werbeeffekt ohnehin bezweifelnd: „Rund 40 Tage vor der Weltmeisterschaft rollt eine Werbewelle durch die Republik wie eine Schlammlawine. Irgendwie ist jetzt alles rund. Es gibt die ‚Weltmeister BahnCard‘ und ‚Weltmeister Kartoffelsalat‘. Die SKL wirbt mit der ‚Geldmeisterschaft‘. Der Stromkonzern EnBW will ‚Umweltmeister‘ werden. Der Holzabsatzfonds ernennt Deutschland zum ‚Waldmeister‘. Was jetzt über die Bildschirme geistert, ist nur ein mattes Vorspiel dessen, was noch kommt. Fußballbilder, Fußballsprüche, Fußballslang wie verbale Blutgrätschen. Offenbar saßen die Kreativen monatelang in ihren Meetings und käuten die immer gleichen Fußballbegriffe wieder: Tor. Verlängerung. Ball. Meister. Kick. Da gerät man schnell ins mentale Abseits. Wenn ihnen gar nichts anderes mehr einfiel, verdoppelten sie die Vokale. Mindestens. MasterCard gibt seinen Kunden zur WM Bonuspunkte, die ‚Toore‘ heißen. Zwei o passen so schön zum eigenen Logo. Obi ruft: ‚Ooobi ist das schön!‘ Eine Backmischung wird als ‚Fußball Tooorte‘ beworben. Und die BahnCard geht gar in die ‚Verlääääääängerung!‘ Mit sieben ä. Nur noch eine Frage der Zeit, bis Chiquita mit Banaaaaaaaaaanenflanken kontert. Doch so mancher verquaste Slogan verdankt seine Existenz wohl auch der beinharten Reglementierung der Marke ‚WM 2006′ durch die Fifa. Die hat nicht nur das Recht teuer verkauft, exklusiv mit Original-Maskottchen und Logo zu werben, sondern hat auch für ihre Sponsoren jede Menge Produktmarken schützen lassen. (…) 83 Prozent der Konsumenten hielten Werbung mit Fußballstars für unglaubwürdig, ermittelten die Marktforscher. Zudem merken sich die Konsumenten fast nicht, wer gerade für was wirbt. Nicht einmal zehn Prozent können sagen, dass Ballack für Adidas antrete. Alles Balla Ballack oder was?“

NZZ: Die WM ist auch ein juristisch hart geführter Kampf – der Bundesgerichtshof stellt sich gegen die Monopolisierung eines Wortes des Gemeingebrauchs

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

104 queries. 1,183 seconds.