indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 6. Februar 2006

Deutsche Elf

Artfremder

Die Bundesliga erzählt zurzeit nicht viele Geschichten, Fußball-Deutschland spricht weiter über Jürgen Klinsmanns Wunsch, einen Hockey-Trainer als Sportdirektor zu engagieren – auch der DSF-Stammtisch, bei dem wir uns erstens wundern, welche Leichtmatrosen die Bild-Zeitung manchmal dorthin schickt und hoffen, dass der ständige Applaus des Saalpublikums für Udo Lattek mit viel Geld bezahlt wird. Die einzige angemessene Reaktion auf die hundertsiebte oder dreihundertfünfte Wiederholung seiner Stanzen („Ich nagel Dich an die Wand“) wäre ja, ihn kräftig abwechselnd an beiden Ohren zu ziehen; Tritte vors Schienbein sind ja leider aus der Mode. Sollte die Zustimmung jedoch ehrlich gemeint sein, kann es dann ein aussagekräftigeres Symptom für den schlimmen Geisteszustand des deutschen Fußballs geben?

Jedenfalls hat die SZ den Durchblick verloren: „Inzwischen ist die Diskussion so übersichtlich wie ein Grundsatzstreit aus der Zeit, als die Grünen noch aus Fundis und Realos bestanden.“ Auch Christiane Mitatselis (taz) kann an dem Gerede nichts Essentielles finden: „Das einzige Thema, das die Liga kollektiv erhitzt, lautet: Darf ein Artfremder Technischer Direktor des nationalen Heiligtums Fußball-Nationalmannschaft werden? Die Stimmungslage scheint sich auf ‚Ja natürlich darf er das, denn wird sind ja aufgeschlossen und modern, aber nur wenn ihm ein Fußball-Mann zur Seite gestellt wird‘ einzupendeln. Peters ließ sich vom ZDF interviewen und sonderte erwartungsgemäß Klinsmanneskes ab: Er will ‚neue Gedanken‘ einbringen und das Projekt unter ‚neuen Perspektiven‘ beleuchten. Prozesse und so weiter – ach ja.“

Krachende Geräusche

Michael Ashelm (FAS) hält dem DFB und Klinsmann schlechte Kommunikation vor: „Argwohn, Mißtrauen, Enttäuschung und perfide Machtspielchen – nach anderthalb Jahren mit Klinsmann kommt der DFB nicht zur Ruhe. Hier der nicht enden wollende, sicher kräftezehrende Kampf des Bundestrainers in der Rolle des strengen Reformers, dort die abwehrende Haltung eines noch immer vom alten Stolz erfaßten Verbandes. Die Reibung zwischen den Blöcken erzeugt krachende Geräusche. Welche der beiden Parteien letztlich die Personalie Peters schon diese Woche an die Öffentlichkeit gebracht hat, bevor sich die handelnden Personen im stillen Kämmerchen ein umfassendes Bild machen konnten, bleibt unbeantwortet. Ein Zeichen von vertrauensvoller Zusammenarbeit ist dieses Vorgehen allerdings nicht. Klinsmann bleibt der Einzelkämpfer, ein Mann, der bisher bei vielen seine pragmatischen Ideen nur eine kleine Gruppe von Unterstützern hinter sich weiß. (…) Der Bundestrainer ist auf Wohlwollen angewiesen, um nicht in Gefahr zu kommen, langsam demontiert zu werden. Vielleicht wird die Diskussion erst einmal zu einer diplomatischen Lösung ohne schwerwiegenden Gesichtsverlust für eine Seite führen.“ Thomas Kilchenstein (FR) hält nichts von einer Doppellösung: „Läuft es also auf einen Kompromiss hinaus? Verlockend wäre er. Doch auch faul. Hinter all dem steckt die Furcht, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen, steckt die Angst vor dem Konflikt. Doch die Entscheidung, allen wohl und niemandem weh, ist eine halbherzige, ist nicht Fisch, nicht Fleisch.“

Furzidee

Matthias Sammer bewirbt sich in seiner Kolumne in der Welt am Sonntag: „Es ist eine große Aufgabe und Herausforderung zugleich, die auf den gesamten DFB und seine Mitarbeiter zukommen. Ich bin bereit, mitzuhelfen und meine als Spieler und Trainer gesammelte Erfahrung einzubringen.“ Doch Uli Hoeneß (TspaS) lässt auf Sammer einen fahren: „Wer auf diese Furzidee gekommen ist, einen Bundestrainer in petto haben zu müssen, nur weil sie damals beim DFB nach Rudi Völlers Rücktritt ein katastrophales Bild abgegeben haben, der ist weltfremd. Das ist doch lächerlich. Kein Bundestrainer der Welt will einen zukünftigen Bundestrainer als Sportdirektor haben, der nur mit den Hufen scharrt, wenn zwei Spiele verloren werden. Das wäre total unprofessionell. Deswegen verstehe ich Klinsmann, dass er nicht unbedingt den Herrn Sammer da haben will.“

Samstag, 4. Februar 2006

Bundesliga

Frieden scheint ausgebrochen zu sein

Schulden verbinden – Freddie Röckenhaus (SZ) vermisst die alte Rivalität zwischen Dortmund und Schalke: „Nachdem die Massenschlägereien schon in den frühen 80er Jahren aufhörten, wird nun nicht einmal mehr verbal gefrotzelt. Während früher Michael Meier künstlich mit Rudi Assauer so tat, als gäbe es unüberwindbare Abgründe zwischen Dortmundern und Gelsenkirchnern, ist dieses an die Penetranz von Heimatabenden gemahnende Ritual nun auch zu Ende gegangen. Kein Mensch konnte die an den Haaren herbeigezogenen Sprüche zuletzt mehr hören. Das mag auch an der allzu ähnlichen Finanz-Folklore liegen, die über die Jahre vom ehemaligen Dortmunder Führungs-Duo Niebaum/Meier auf der einen und von den Schalkern Assauer/Peters/Schnusenberg auf der anderen Seite gepflegt wurde. Während der Zusammenbruch des BVB aus dem wesentlich feineren Dortmund bereits stattgefunden hat, bangt man 35 Kilometer weiter westlich, im Schuldenstadel von Schalke 04, noch, dass dieser Kelch vorbeigehen möge. Schalke und Dortmund sind in der Summe aller Faktoren ähnlich hoch verschuldet. In Schalke aber könnte man mit einer Qualifikation für die Champions League trotzdem weiter am großen Rad drehen – in Dortmund waren sie schon gezwungen, alles drei Nummern kleiner zu nehmen. (…) Irgendwie scheint Frieden ausgebrochen zu sein.“

Ohne Lobby

Wird er bei der WM spielen? Richard Leipold (FAZ) ergründet den Malus des Sündenbocks Christian Wörns: „Wie andere Profis hofft auch Wörns aus einer der hinteren Startreihen noch das Ziel Weltmeisterschaft zu erreichen. Was ihn von vielen anderen unterscheidet, ist der öffentliche Auftritt. Außer Jens Lehmann gibt es keinen Kandidaten, der im Harmoniekreis der Auswahlspieler so offen und so überzeugt einen Mangel an Gerechtigkeit beklagt hat. (…) Die Vergangenheit hat Wörns eingeholt. Er hatte seine schwachen Momente immer in prestigeträchtigen Spielen; dieser Trend zieht sich durch seine Karriere. Wörns spürt das, er kämpft dagegen an, als ginge es nicht nur um ihn, sondern um die Gerechtigkeit als höheren Wert. ‚Anscheinend liegt die Meßlatte bei mir ein bißchen höher als bei anderen‘, sagt er. Ein Angriff auf Jürgen Klinsmann – könnte man meinen. Doch Wörns schickt einen Satz hinterher, der die brisante Aussage in Richtung der Vorgänger Klinsmanns erweitert. ‚Das war schon immer so.‘ Im Viertelfinale der WM 98 hatte er in den Augen seiner Kritiker die Niederlage gegen Kroatien eingeleitet, weil er den gegnerischen Stürmer Davor Suker laufen ließ. Daß Lothar Matthäus ihn mit einem dilettantischen Querpaß in diese Verlegenheit gestürzt hatte, war später nur noch eine Fußnote. Ein paar Jahre später wurde Wörns zum Sündenbock für das 1:5 gegen England gemacht und beklagte hernach, beim DFB ‚nie eine Lobby gehabt‘ zu haben.“

Anmerkung: Beim 1:5 gegen England, ein Spiel das Deutschland nicht so hoch verloren hätte, wenn ein Torhüter statt einer Sporttasche im Tor gestanden hätte, wurde Wörns in der Halbzeit beim Stand von 1:2 ausgewechselt.

Geräuschloser Trott durch die Liga

Ronny Blaschke (FR) weiß nicht so recht, was er von Hertha halten soll: „Sie stehen zwar auf dem 5. Rang – die gefühlte Position ist jedoch Platz 15. Das Team leidet unter einer undurchsichtigen Hierarchie. Es haben sich verschiedene Fraktionen gebildet. Dem Lager der selbstbewussten Talente – elf Spieler sind 23 und jünger – stehen die Erfahrenen gegenüber. Dazwischen hängen die eigenwilligen Brasilianer Marcelinho und Gilberto. Gelöst werden kann der Konflikt nur durch Erfolg, weil die Führungspersönlichkeiten fehlen. Kapitän Arne Friedrich ist eher ein ruhiger Typ, und Spieler wie Dick van Burik, die in der Öffentlichkeit doch mal mehr als Phrasen von sich geben, werden von Hoeneß umgehend zur Räson gerufen. Abgesehen davon, dass Marcelinho sich ab und an die Haare färbt und ein Spiel der Widersprüche spielt, trottet Hertha geräuschlos durch die Liga.“

taz: Die verteilt ihr TV-Geld nach einem neuen Modus: Wer vorn ist, kriegt mehr; Hauptnutznießer ist der FC Bayern, der vor den Verhandlungen eine Drohkulisse aufgebaut hatte

Internationaler Fußball

Julia ist eine Schlampe

Birgit Schönau verdanken wir, dass Sie uns in Ihrem sehr schönen Buch „Calcio – die Italiener und ihr Fußball“ an ein Spruchband erinnert, das Napoli-Fans bei einem Heimspiel gegen Hellas Verona Ende der 80er Jahre in der Kurve hochgehalten haben: „Giulietta è ’na zoccola“ zu deutsch: „Julia ist eine Schlampe.“ Schönau schreibt: „Shakespeare, Fußball und der Tod – in seiner hintergründigen Ironie ist es vielleicht das gelungenste Spruchband in der Geschichte des Calcio.“

In der neuen freistoss-Rubrik, die diesen Namen trägt, sammeln und dokumentieren wir Fan-Worte auf Spruchbändern, in Sprechchören oder sonstigen Aussagen, die von Zeitung und Fernsehen zitiert werden.

Nürnberg ohne AEG ist wie Fußball ohne Fans

Ein Spruchband, das Nürnberger Fans beim Heimspiel gegen Hamburg mitgebracht haben, und das in der FAZ zitiert wird und auf Premiere gesendet.

Deutsche Elf

Schnarchzapfen

Wer wird Sportdirektor beim DFB? Peters? Sammer? Sammer und Peters? Keiner? Andreas Lesch (BLZ) rümpft die Nase über die Idee der Doppelspitze: „Deutschlands Fußballverwalter entwickeln sich zielstrebig zu Spezialisten für Doppelspitzen. Erst haben sie das präsidiale Duo Mayer-Vorfelder/Zwanziger erfunden, nun wollen sie für sich für den Posten des sportlichen Vordenkers einen Peterssammer basteln. Hinter diesem Trend zum Kompromiss verbergen sich der Wille, Konflikten aus dem Weg zu gehen und die Unfähigkeit, klare Lösungen zu finden. Die Doppelspitze lässt sich den verschiedenen Interessengruppen ja auch leichter verkaufen. Sie ist eine Art Gemischtwarenladen, in dem für jeden etwas dabei ist: für die Traditionalisten ein Sammer, für die Reformer ein Peters. Solch eine Lösung, betonen die Doppelspitzenfreunde, habe einen entscheidenden Vorteil: Zur Not könne der Sportdirektor als Bundestrainer einspringen. Spätestens dieses Argument offenbart, wie halbherzig der DFB seine Reformen betreibt und wie kurzfristig er denkt. In Wahrheit sollte ein Sportdirektor, der etwas bewirken will, sich auf andere Aufgaben konzentrieren können: Er sollte Trainer ausbilden, die Jugendarbeit verbessern, Strukturen dauerhaft ändern. Wer ihn eher als Nothelfer im Tagesgeschäft einsetzen will, der hat wenig verstanden – oder will am liebsten, dass alles bleibt, wie es ist.“ Dass Peters einen Gedanken zu Ende denken kann, werde den Vorbehalt gegen ihn noch stärken, schreibt Oskar Beck (StZ): „Peters verfügt über eine beeindruckende Biografie, aber im Fußball macht er sich damit eher verdächtig – noch weniger als sein WM-Titel mit den Hockeymännern hilft ihm der Hinweis, dass er fünf Jahre studiert hat und sich ständig weiterbildet, während beim DFB die Trainerausbildung drei Monate dauert, oder gar, für verdiente Nationalspieler, im Schnellverfahren erledigt wird. So war das einst auch bei Klinsmann – jedenfalls spürt der seither, dass er dringend qualifizierte Hilfe braucht von ein paar flankierenden Kreativen, von Psychologen, Fitnesstrainern oder dem Sportwissenschaftler Peters. Was für ihn spricht, ist im Moment nur die kleine, aber feine Schar derer, die sich ein paar über den Tellerrand des Fußballs hinausgehende Gedanken machen – und nicht zu denen gehören wollen, die der Bundestrainer Mitte der Woche durch die Blume hingestellt hat als Schnarchzapfen, die zehn Jahre auf Kosten des deutschen Fußballs geschlafen haben und neue Ideen scheuen.“

Nationaler Auftrag

FR-Interview mit Theo Zwanziger
FR: Wir finden, bei den Warentestern hätte man auch entspannter reagieren können.
Zwanziger: Da täuschen Sie sich. Wir haben es bei den Stadien mit den sensibelsten Bereichen zu tun. Die sind in einem langjährigen Genehmigungsverfahren mit einem Gütesiegel versehen worden – beim Olympiastadion in Berlin unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes. Dass vier deutsche Stadien die Rote Karte erhalten haben, hat uns im Ausland eine für unser Land äußerst negative Berichterstattung eingebracht.
FR: Darf man in einem demokratischen Land mit Rücksicht auf das Image keine Testberichte mehr veröffentlichen? Sollen wir die Meinungsvielfalt aussetzen?
Zwanziger: Zwischen Meinung äußern und der Tatsache, dass ein mit Steuergeldern gefördertes Institut in unverantwortlicher Weise negative Stimmung verbreitet, sehe ich einen Unterschied. Einen gewaltigen sogar. Diese WM ist nicht von uns, sondern von der Bundesregierung und dem gesamten Parlament als ein nationaler Auftrag verstanden worden, um uns international ein Stück Anerkennung zu erarbeiten. Entweder, wir arbeiten alle gemeinsam an diesem Projekt – die unabhängigen Medien selbstverständlich ausgenommen – oder wir grenzen uns aus.
FR: So wie die bösen Warentester es getan haben?
Zwanziger: Sehen Sie: Wir haben mit den Datenschützern ein kritisches, aber aufgeschlossenes Verhältnis. Die könnten ja auch losschlagen, wie sie wollten. Tun sie aber nicht, weil sie der Sache dienen wollen. Mit den Verbraucherschützern hat es wegen des Ticketings nur einen einzigen ernsthaften Konflikt gegeben, der ist inzwischen ausgeräumt. Alle haben sich in das nationale Projekt mit eingebunden – nur nicht die Stiftung Warentest. Die hätte uns vernünftige Ratschläge geben sollen, statt plakativ einen rauszuhauen. Was die gemacht hat, ist eine Beleidigung für alle Genehmigungsbehörden in Deutschland. Ich sage nur: Schuster, bleib bei deinen Leisten!
FR: Das klingt jetzt nach Olivenöl und Babywindeln.
Zwanziger: Wo sind denn die Gutachter von Stiftung Warentest?
FR: Die werden von der Stiftung geschützt, das muss man angesichts der öffentlichen Aufregung verstehen.
Zwanziger: Aha, Sie sind dafür, dass man im Dunkeln Unsinn machen kann. Ich sage Ihnen: Dafür bin ich nicht.
FR: Es geht doch nicht darum: Wer hat uns das eingebrockt? Sondern darum: Haben die Recht oder Unrecht?
Zwanziger: Wenn die Stiftung Warentest vier Stadien die Rote Karte zeigt, dann muss sie sagen, auf welche Gutachten sich das gründet. Das ist sie der Öffentlichkeit schuldig. Das erwarte ich, besonders von einem Institut, das auch von Steuergeldern gefördert wird. Franz Beckenbauer fliegt in alle 31 Teilnehmerländer. Das ist für Deutschland eine unglaubliche diplomatische Leistung. Auf unsere Kosten. Nicht auf Kosten des Steuerzahlers…
FR: … das wäre ja auch das Schönste, wenn der Steuerzahler die Good Will Tour von Beckenbauer bezahlen sollte.
Zwanziger: Ja, aber der Steuerzahler zahlt die Stiftung Warentest (lacht). (…)
FR: Sind Sammer und Peters Konkurrenten oder können Sie sich auch beide Seite an Seite als Technische Direktoren vorstellen?
Zwanziger: Wenn man mit einer Person das Anforderungsprofil nicht zu 100 Prozent erfüllen kann, dann muss man eben über zwei Personen nachdenken, die sportliche und wissenschaftliche Kompetenz haben. Die Fülle der Aufgaben kann durchaus eine Doppellösung rechtfertigen.

Hockey ist international konzeptioniert

SZ-Interview mit Hockey-Präsident Stephan Abel über die Qualität Peters‘
SZ: Was macht Peters so gut?
Abel: Sein Enthusiasmus. Er lebt Hockey seit zwanzig Jahren, ist ein irrsinnig disziplinierter Arbeiter und jemand, der Spieler extrem gut motiviert, indem er ihnen zeigt, wo Schwachstellen und Stärken liegen.
SZ: Aber in der Fußballbranche regt sich Widerstand – weil Peters nicht aus dem Fußball kommt.
Abel: Das ist traurig. Jürgen Klinsmann arbeitet unkonventionell, will Weltmeister werden und nimmt personelle Äänderungen vor. Das ist gut und wichtig, und die, die dagegen sind, sind das bloß, weil sie das Neue nicht kennen.
SZ: Sind Fußballer borniert?
Abel: Ein so riesiger Verband lebt in sich selbst. Die haben nicht die Notwendigkeit, sich umzuschauen, weil ihr System über viele Jahre erfolgreich war. Das ist ein Problem etablierter Strukturen.
SZ: Klinsmann denkt anders.
Abel: Weil er unabhängig ist. Der braucht die Strukturen des DFB nicht. Der kann vorschlagen, was er selbst will, weil er eine finanzielle und soziale Sicherheit besitzt. Jetzt findet ein Umdenken statt. Unabhängig vom Ergebnis denkt man zumindest ach, ob man von anderen Sportarten profitieren kann.
SZ: Hockey als Entwicklungshelfer?
Abel: Ich bin überzeugt, dass der Fußball von den modernen Maßnahmen und Methoden, die wir beim Hockey nutzen, profitieren kann. Wir arbeiten schon lange mit vielen verschiedenen Spezialisten.
SZ: Sie meinen Spezialisten für Fitness, Ausdauer oder Videoanalyse. Peters hat seinen Spielern im Training sogar Helmkameras aufgesetzt, um ihre subjektiven Blickwinkel zu analysieren.
Abel: Solche Ideen kommen auch aus dem engen Austausch mit internationalen Hockeyverbänden. Es gibt Gremien, in denen die Trainer der Nationalteams zusammenkommen. Für die ist das eine intellektuelle Herausforderung.
SZ: Vieles, was Klinsmann eingeführt hat, galt im Fußball als neu: Trainingsmethoden, Spezialisten für Ausdauer, Psychologie, Motivation. Darüber können Sie beim Hockey nur gähnen, oder?
Abel: Ich gehe davon aus, dass vieles davon eingeführt wurde, weil Klinsmann und Peters miteinander gesprochen haben. Die Parallelen zu unserer Arbeit waren augenscheinlich. Diese Methodik kannten wir längst. Ich war mal bei so einer Videoanalyse von Bernhard Peters dabei. Das ist irre. Da wird nicht einfach nur das Spiel gezeigt, da werden 15 Szenen nur mit dem rechten Verteidiger vorgespielt: wie der Ball läuft, wie der Spieler sich verhält, was er besser machen muss. Dann sind die Stürmer dran.
SZ: Sind Ihre Trainer moderner?
Abel: Die Hockeyfamilie ist ganz anders strukturiert als die der Fußballer. Wir sind international konzeptioniert. Bei uns gibt es eine Turnierkultur. Das ist etwas anderes als ein singuläres Länderspiel gegen Brasilien. Bei unseren Turnieren spielen Holländer, Inder und Pakistani an einem Wochenende gemeinsam Hockey, trinken zusammen und haben Spaß, und diese Kultur bedingt, dass man sich andere Systeme anschaut, über Methoden spricht und sich austauscht.
SZ: Sie kooperieren sogar mit dem Erzrivalen Niederlande.
Abel: Ich treffe mich regelmäßig mit dem Präsidenten, wir denken über gemeinsame Projekte nach. Die starken Nationen haben vor dem Sport eine Verantwortung. Es macht ja keinen Spaß, wenn es auf der Welt nur noch sechs vergleichbar starke Hockeynationen gibt.
SZ: Im Hockey sind Fortschritte also ein gemeinsames Ziel?
Abel: Das hat natürlich in erster Linie mit Geld zu tun. Bei uns geht es immer auch darum, unsere Mäzene zu überzeugen, dass sie in einen globalen und innovativen Sport investieren. Das erfordert ständige Fortschritte.
SZ: Halten Sie spielerische Erneuerungen beim Fußball für nebensächlicher?
Abel: Es geht letztlich nicht so sehr um die Leistung, sondern um Geld, Zuschauer und Konsumenten und zum Beispiel darum, mit welcher Häufigkeit Markennamen im Bild erscheinen.

Freitag, 3. Februar 2006

Deutsche Elf

Attacke

Die Diskussion über Jürgen Klinsmanns Werben um Bernhard Peters geht weiter, es haben sich einige weitere Kritiker zu Wort gemeldet, etwa aus dem DFB-Präsidium. Christian Hönicke (Tsp) resümiert und verweist auf Peters‘ Vorzüge: „Klinsmann hat endgültig Deutschlands Fußball-Konservatoren gegen sich aufgebracht. Allen voran den Kern des DFB-Apparates, der den fachfremden Fachmann als Attacke auf die eigene Daseinsberechtigung sieht, und die Bild-Zeitung, der die Kontrolle über Deutschlands wichtigste Mannschaft weiter aus der Hand zu gleiten droht. Über dem Aufbegehren gegen Peters thront die Angst, selbst das nächste Opfer der Reformen zu werden oder zumindest persönliche Nachteile daraus zu ziehen. Sportlich betrachtet spricht wenig gegen Peters’ Verpflichtung. Er hat ein erfolgreiches Talentförderungssystem entwickelt und die Trainerausbildung bedeutend weiterentwickelt. Das alles kann dem deutschen Fußball, der seit Jahren Probleme mit dem Nachwuchs und altvorderen Trainingsmethoden hat, nur behilflich sein.“

Grundsatzdebatte

Michael Horeni (FAZ) erläutert die besondere Tragweite des Streits: „Die Diskussion klingt wie alle anderen schrillen Diskussionen um Änderungen in der Klinsmann-Ära. Tatsächlich aber tragen die Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Reformern im deutschen Fußball, wer denn nun diesen bisher unbekannten und noch immer ziemlich vage skizzierten Arbeitsplatz einnehmen soll, erstmals die Züge einer Grundsatzdebatte. Denn die Entscheidung weist womöglich weit über die Klinsmann-Zeit hinaus. (…) Zwar mehren sich die Zeichen, daß der Bundestrainer tatsächlich gewillt ist, sein amerikanisch-deutsches Fußball-Doppelleben auch nach der WM weiterzuführen. Doch selbst wenn Klinsmann seine kommenden Jahren als Bundestrainer plant, das letzte Wort über seine sportliche Zukunft wird erst bei der WM gesprochen. Und falls die deutsche Mannschaft früh ausscheiden sollte, wird eben nicht nur der Bundestrainer sein hohes Ziel verpaßt haben. Seine zahlreichen Kritiker, das läßt sich angesichts der tiefen Gräben im deutschen Fußball leicht vorhersagen, dürften dann auch gleichzeitig das gesamte Konzept Klinsmann für gescheitert erklären. In der Personalfrage Peters geht es nicht zuletzt darum, was beim DFB vom Reformer Klinsmann wirklich bleiben soll.“

Was macht eigentlich Paul Kirchhof?

Klaus Hoeltzenbein (SZ) wünscht sich Sachlichkeit, um aus dem Eingabe von Außen Nutzen und Erkenntnis zu ziehen: „Technischer Direktor ist nicht irgendein Amt, wer es besitzt, steigt zu einer Art Chefideologe des deutschen Fußballs auf. Ohne schon heute ein Urteil über die Qualität der Personalie Peters abzugeben, wäre es immer hilfreich zu erfahren, wie Hockeyspieler zu Weltmeistern wurden – doch es ist absehbar, auf welchem Niveau die Debatte fortschreiten wird: Trainiert Ballack nun Strafecke statt Elfmeter? Polemik, deren Tiefenwirkung allein vom Verlauf der WM abhängt. (…) P.S.: Was macht eigentlich Paul Kirchhof?“

Fußball ist so derartig verbohrt

Tibor Weißenborn (BLZ), Hockey-Nationalspieler, empfiehlt Peters: „Fußball ist die Sportart Nummer eins in Deutschland und so derartig verbohrt. Da heißt es: Nur Fußballer könnten Fußball richtig verstehen. Die sollten mal ein Risiko eingehen. Einfach mal jemanden nehmen, der eine andere Sicht auf den Sport hat. Peters ist ein absoluter Fachmann, was Sport angeht. Er hat eine klare Linie, und die zieht er durch. Und er ist immer weiter gegangen mit der Technik, mit der Wissenschaft. Er hat einen Psychologen ngeführt und einen Fitnesstrainer, der unseren Laufstil verbessert hat. Dann sind im Hockey ja so Sachen wie Ecken sehr wichtig. Er hat uns Helmkameras aufgesetzt – durch die konnten wir sehen, wie die Spieler auf das Tor gucken und wie auf den Ball. Wir sind den Sport sehr wissenschaftlich angegangen, wir haben alle Möglichkeiten ausgereizt, irgendwo noch eine kleine Verbesserung zu finden.“

FAZ: DFB vor Zerreißprobe: Sammer contra Peters
Tsp-Portrait Peters

Bildstrecke deutsches Trikot, sueddeutsche.de

FR: Jäggi kritisiert Basler und Neues

Welt-Interview mit Trainer Henri Michel über den Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste, Terminstress und die harte Arbeit in Afrika

Donnerstag, 2. Februar 2006

Deutsche Elf

Mißtrauensvotum

Neues Thema, altes Spiel – Jürgen Klinsmann plant eine weitere ungewöhnliche Maßnahme: Er möchte Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters als Sportdirektor verpflichten; die Reaktionen darauf hätte man sich ausrechnen können. Bild mäkelt: „Jetzt ist der Bundestrainer dabei, den Bogen zu überspannen. Dr. Theo Zwanziger sollte sich an seine eigenen Worte erinnern. Er hat betont, daß der neue Sport-Direktor im Notfall auch den Bundestrainer-Job übernehmen muß. Wenn der DFB das einem Hockey-Trainer zutraut – Gute Nacht, Fußball-Deutschland…“ Außerdem gibt sich Bild Mühe, die Stimme derer zu sammeln, die sich auf den schlecht gebundenen Schlips getreten fühlen. Peter Neururer (seiner ist übrigens nicht mehr aus Leder) spritzt uns seinen Senf auf den Ärmel: „Ich kenn‘ noch einen Volleyball-Trainer, der könnte das Lauftraining machen“ – das ist, nur zur Klarstellung, Ironie. Allerdings zitiert die Bild-Zeitung auch Befürworter: Dieter Hoeneß halte Klinsmanns Ideen für „hervorragend“, und sogar Karl-Heinz Rummenigge gibt grünes Licht. Ansonsten heute wieder viele nackte Weiber in der Bild. Das Risiko für Klinsmann liegt weniger in der jetzigen Diskussion, sondern eher in der langfristigen Wirkung; bei irgendeinem

Streit in der Zukunft wird ihm das Hockey-Thema vom Boulevard oder vom Popanz Assauerhoeneßlattek um die Ohren gehauen werden. In der argumentierenden Presse sieht es, auch hier können wir Ihnen nichts überraschendes mitteilen, anders aus. Sie ist für Klinsmanns Vorschlag wie immer aufgeschlossen. Die SZ hält ihn für nichts weniger als eine „Revolution“, auf stern.de lesen wir: „Klinsmann will die Modernisierung im DFB weiter vorantreiben.“ Die FAZ versteht Klinsmanns Werben auch als „Mißtrauensvotum“ gegenüber Deutschlands Fußball-Establishment, hält dies aber für angebracht.

Qualität von außen

Michael Rosentritt (Tsp) kann sich mit der Idee anfreunden: „Wenn es eines letzten Beweises bedurft hätte, was Klinsmann vom DFB hält, dann ist er gestern erbracht worden: nichts. Ein Mann aus dem Hockey soll den Fußball reformieren. Das ist auf den ersten Blick ungefähr so, als würde ein Friseur Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Auf den zweiten ist es ein ungewöhnliches, ja ein mutiges Vorhaben. (…) Klinsmann verpflichtet Qualität von außen, um die innere Qualität des Verbandes in allen Bereichen zu erhöhen. Vielleicht ist es ja die einzige Möglichkeit, im deutschen Fußball wirklich etwas voranzutreiben.“ Michael Horeni (FAZ) liest Peters‘ gutes Arbeitszeugnis: „Die Qualifikation von Peters würde man sich bei vielen deutschen Fußballtrainern wünschen. Dieser hat nicht nur diverse Nationalmannschaften zum WM-Titel geführt, er ist auch sehr erfolgreich für die Koordination aller Trainer von DHB-Auswahlmannschaften zuständig und neuen Methoden äußerst aufgeschlossen. Die Hockeyspieler sind für ihre ausgezeichnete Fitness bekannt und belächeln seit Jahren die Trainingsarbeit im Fußball. Der Nutzen von wissenschaftlich orientierter Trainingsarbeit setzt sich daher auch allmählich im Fußball durch – zumindest im Ausland. Denn so ungewöhnlich, wie es manchem auf den ersten Blick scheinen mag, ist es auch im Fußball nicht mehr, sich Rat und Tat aus fremder Branche zu holen. Bei den Niederländern etwa sitzt neben Bondscoach Marco van Basten als Teammanager Hans Jorritsma auf der Bank. Jorritsma war Weltmeister-Trainer der Hockey-Nationalmannschaft.“

Machtspielchen

Andreas Lesch (BLZ) stört sich an einer Diskrepanz in Klinsmanns Master-Plan: „Die Debatte ist eine typische Klinsmann-Debatte. Sie handelt von Machtspielchen und von der Frage, inwieweit der DFB die Bedingungen des Bundestrainers akzeptiert. Sie zeigt, dass sich ohne den Modernisierer aus den USA im Verband wenig bewegen würde; sämtliche Anstöße zu professionelleren Strukturen stammten von ihm. Die Debatte wird wieder die Gräben aufreißen zwischen den Traditionalisten und den Fortschrittsgläubigen. (…) Würde er, falls Klinsmann nach der WM zurücktritt, mit dessen Nachfolger harmonieren – wie immer der heißt? Würde das System Klinsmann auch ohne seinen Erfinder funktionieren? Diese Fragen dürften auch das DFB-Präsidium beschäftigen. Die Funktionäre lässt Klinsmanns Vorgehen zumindest zögern: Er baut sich seine Zukunft, aber er sagt nicht, ob er selbst Teil dieser Zukunft sein wird. Er fordert Versprechen ein, verspricht selbst jedoch nichts.“ Jan Christian Müller (FR) wertet Klinsmanns Wunsch als Wille, auch nach der WM Bundestrainer zu sein: „Es kann nicht überraschen, dass die beiden Vordenker des deutschen Fußballs, die schon als aktive Profis regelmäßig weit über den Tellerrand hinaus geschaut haben, nun einen amtierenden Hockey-Trainer in eine höchst verantwortliche Position des deutschen Fußballs befördern wollen und damit nicht nur ein weiteres Fenster öffnen, sondern gleich eine Doppeltür. Klinsmann hat damit auch ein deutliches Zeichen gesetzt: dass er tatsächlich gewillt ist, sein Projekt als Bundestrainer nicht auf zwei Jahre bis Juli 2006 zu begrenzen.“

FR-Portrait Bernhard Peters

FAZ: Kritiker warnen die Fifa und die Sponsoren vor einer Überdosis Kommerz

FR: Bewerbung um die Frauen-WM 2011?

FR: Der Absprung von Andreas Rettig offenbart eine unter Managern rare Fähigkeit: Er steht für seine Fehler ein

Mittwoch, 1. Februar 2006

Vermischtes

John Travolta will die australische Fußballmannschaft zur WM nach Deutschland fliegen

Stehplatz

Einer Agentur entnehmen wir: „John Travolta will die australische Fußballmannschaft zur WM nach Deutschland fliegen. Travolta, der einen Pilotenschein hat und häufig am Steuer seines Privatjets sitzt, wird die Maschine der Nationalmannschaft entweder beim Flug von Australien nach Europa oder vom niederländischen Trainingslager der Fußballer nach Deutschland lenken.“

Eine Meldung nach dem Geschmack Harald Schmidts. Sind Sie ein guter Gag-Autor? Haben Sie Humortalent? Kommentieren Sie diese Meldung, schreiben Sie einen Gag für den freistoss anhand dieser Nachricht! Originelle Zusendungen veröffentlichen wir.

fritsch@indirekter-freistoss.de

Vermischtes

Liebe Leser

Liebe Leser,

am 21. November 2005 haben wir angekündigt, den freistoss ab Februar 2006 auf ein Bezahl-Abo umzustellen und Sie um Ihre Meinung gebeten. Wir danken Ihnen für die vielen positiven E-Mails.

Heute teilen wir Ihnen mit, dass sich die Umstellung bis auf weiteres verzögert; Sie können den freistoss-Newsletter weiter gratis als E-Mail beziehen und im Internet lesen. Wir werden Sie rechtzeitig über den neuen Stand in Kenntnis setzen.

Liebe Grüße

Oliver Fritsch

Gießen, 31. Januar 2006

Internationaler Fußball

Staatspolitik

Erinnert ein wenig an Italien – Christian Eichler (FAZ) widmet sich den Aussagen afrikanischer Politiker über ihre Nationalteams: „In Europa sagen Präsidenten oder Kanzler immer nette, aufmunternde Sachen über Fußball und vor allem übers Nationalteam. Afrika ist anders. Am Sonntag trat Thabo Mbeki in Kroonstad vors Rednerpult und ließ eine Tirade gegen das eigene Nationalteam los, als wäre es keine Parlamentsveranstaltung, sondern ein Stammtisch und er ein wütender Fan und nicht der Staatspräsident von Südafrika. ‚Sie haben nicht dafür gesorgt, daß unser Land eine Siegernation wird‘, schimpfte Mbeki (…) Der Afrika-Cup ist immer auch Staatspolitik. Auf keinem anderen Kontinent werden Politiker beim Fußball so wichtig genommen – und umgekehrt. Damit Ägyptens Staatsoberhaupt Hosni Mubarak nach dem Eröffnungsspiel gegen Libyen sicher und ungestört abfahren konnte, wurden die anderen 74.000 Zuschauer in Kairo bis weit nach Schlußpfiff einfach eingesperrt. Inzwischen hat die Fifa seine Sicherheitsbedenken gegen die Absperrungen und die Überfüllung der Treppen und Fluchtwege in Kairo geäußert. Doch im Zweifel nimmt man in Afrika den eigenen Präsidenten wichtiger. Auf diesem Kontinent fühlen sich Politiker besonders gern zum nebenamtlichen Nationaltrainer berufen.“

Nordafrikanische Langeweile

Oke Göttlich (taz) hat einen Favoriten, dem er auch bei der WM viel zutraut: „Roger Lemerre versteht viel von der alten Schule des Fußballs. Ob er deshalb in Frankreich trotz des EM-Titel-Gewinns recht zügig entlassen wurde, kann Tunesien schnuppe sein. Dort führt er seit mehr als zwei Jahren ein Team in die Spitze des Kontinents, der fußballerisch den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren scheint. Einzig Tunesien scheint angesichts der moderaten WM-Gruppe mit Saudi-Arabien, Spanien und der Ukraine Chancen zu besitzen, die zweite Runde zu erreichen. Um an dieses Ziel zu gelangen, herrscht in dem nordafrikanischen Land die harte Hand des Militärweltmeistercoachs von 1995. Lemerre disziplinierte sowohl Team als auch Verband, sodass der Titelverteidiger des Afrika-Cups auch in Ägypten den Pokal holen will. (…) Tunesien spielt einen sehr geordneten Fußball, der unter Journalisten unter dem Namen ‚nordafrikanische Langeweile‘ die Runde macht. Das körperbetonte Spiel erfährt seine herausragenden Momente einzig durch die Genialität eines Brasilianers: Francileudo Dos Santos Silva.“

Welt-Interview mit Afrikas Verbandspräsident Hayatou über die Leistungskraft afrikanischer Fußballer, Rassismus in Stadien und die Arbeit von Franz Beckenbauer: „Unser Kontinent wird bei der WM für Überraschungen sorgen“

FTD: Die Presse schreibt Brasiliens Torhüter Dida derzeit in Grund und Boden

Tsp: Lothar Matthäus wird bei seinem neuen Klub in Brasilien gefeiert

Bundesliga

Ende eines Irrtums

Jörg Marwedel (SZ) kommentiert den Wechsel Andres d‘Alessandros von Wolfsburg nach Portsmouth: „Der hochtalentierte Spielmacher stand einst für die ehrgeizigen Pläne der VW-Tochter, international Renommee zu erlangen. Inzwischen sind die Ambitionen auch angesichts wirtschaftlicher Probleme des Mutterkonzerns bescheidener geworden. D‘Alessandro selbst wiederum hätte sich vor drei Jahren wohl kaum träumen lassen, dass er statt für Real Madrid nun für einen Klub spielen wird, der Anhängern gepflegten Ballspiels bislang als Adresse des Grauens galt und sein letztes Spiel mit 0:5 verlor – beim Drittletzten Birmingham. Portsmouth, das ist wie eine Notunterkunft für einen Spieler, der in seiner Heimat einmal als Wunderknabe gefeiert wurde. 2004 gewann er mit Argentinien olympisches Gold; der große Diego Maradona erkor ihn bereits zu seinem rechtmäßigen Erben; die Teilnahme an der WM 2006 in Deutschland galt als Selbstläufer. Nun kickt D‘Alessandro in einem alten, winzigen Stadion namens Fratton Park, wo die Bälle meist hoch und weit fliegen, und es gehört nicht viel Phantasie dazu sich auszumalen, wie sie künftig über den kleinen Künstler mit dem großen Dickkopf hinwegrauschen. Die WM, der er doch noch näher kommen will, ist hier in Wirklichkeit so weit entfernt wie die englische Südküste von Argentinien. Das ist eine böse Pointe für einen Genius, der sich angesichts des frühen Ruhms schon in Wolfsburg stets auf viel zu kleiner Bühne wähnte. Zuletzt hat D‘Alessandro selbst die wohlmeinendsten VfL-Kollegen gegen sich aufgebracht, zu offensichtlich provozierte er seinen Abschied.“ Jan Christian Müller (FR) fügt an: „Der vorläufige Abschied des technisch hoch begabten Fliegengewichts steht symbolisch für das vorläufige Ende eines Irrtums, getrieben von Großmannssucht an einem für internationalen Spitzenfußball absurden Standort. Gepampert mit den Millionen-Subventionen aus dem VW-Konzern sollte die Tochtergesellschaft VfL Wolfsburg Fußball-GmbH im Schnelldurchgang auf Europas Spielfeldern heimisch werden.“

Tsp: die jüngste Transferpanne von Dieter Hoeneß

Dienstag, 31. Januar 2006

Internationaler Fußball

Fußballmärchen

Christian Eichler (FAZ) wundert sich über den Erfolg Angolas: „Angola hat eine schön anzusehende Elf: fröhlich offensiv, technisch gewitzt, stets um Tempo bemüht, um direktes Spiel, schnelles Abgeben. Und doch wirkt es mitunter wie ein brillantes A-Jugendteam, eines, dem noch die Abgebrühtheit fehlt: die vor dem eigenen und die vor dem gegnerischen Tor. Angola ist eines der Wunder, wie sie selbst der Fußball nur selten schafft. Nach der Unabhängigkeit von Portugals Kolonialmacht 1975 begann ein Bürgerkrieg um die reichen Bodenschätze des Landes, der 26 Jahre dauerte und eine Million Menschen das Leben kostete. Der Ligabetrieb wurde im Krieg aufrechterhalten. Doch reiste man nur per Flugzeug zu Auswärtsspielen, weil Busfahren zu gefährlich war – und immer die Angst im Gepäck. Von einer Nationalelf, die den Namen verdiente, konnte man nur träumen. Nur zweimal bei 24 Afrika-Cups konnte Angola überhaupt teilnehmen. Wer konnte, floh. Über vier Millionen taten es, meist nach Portugal. Als endlich die Waffen schwiegen, begannen Trainer Alhinho und sein Nachfolger Oliveira, dort Spieler angolanischer Herkunft zu suchen. Heraus kam das Team, das 2005 gegen den Giganten Nigeria das Fußballwunder schaffte und sich für die WM qualifizierte. Es besteht fast ausschließlich aus Spielern, die noch in Angola leben oder als Flüchtlinge bei unterklassigen Klubs in Portugal landeten. (…) Angolas Fußballmärchen: ein Team der Überlebenden.“

zeit.de: Togo, das unbekannte Land

Torautomat, Geldmaschine, Raffzahn, Latin Lover, Muttersöhnchen

Peter Hartmann (NZZ) hat einige Etiketten für Christian Vieri parat: „In Ungnade gefallen ist am Hofe des obersten Sachverständigen Berlusconi der vermeintliche Torautomat Christian Vieri, genannt ‚Bobo’, der in der Vorrunde ein einziges Tor für die AC Milan zustande gebracht hat. Der bestverdienende Zocker des Calcio ist nur ein paar Ferrari-Minuten über die Grenze gefahren, nach Monaco. Die Wanderniere (Vieri spielte mit Prato, Torino, Pisa, Ravenna, Atalanta, Juventus, eine Saison auch bei Atletico Madrid, dann mit Lazio, Inter und Milan) hat einen einzigen Titel gewonnen, 1997 die Meisterschaft mit Juventus. Als die Geldmaschine Vieri 1999 für die Rekordsumme von 46,5 Millionen Euro von Lazio zu Inter wechselte, geisselte der Vatikan den Vorgang als ‚menschenverachtenden Sklavenhandel’. Der Inter-Besitzer Massimo Moratti liess sich Vieris sechsjähriges Gastspiel eine Lohnsumme von 35 Millionen Euro kosten, in Wahrheit das Doppelte, weil er auch für die Steuern aufkam, und gab ihm letzten Sommer noch eine Abfindung von 9 Millionen mit auf den Weg hinüber zum Stadtrivalen. Dort sass er häufig nur auf der Bank. Seinen Platz nimmt jetzt der Brasilianer Marcio Amoroso ein. Vieri pflegt in den Discos – einen Nachtklub besitzt er selber – den Ruf als Latin Lover, und als ihn die Journalisten nach der EM 2004 als Versager anprangerten, verhöhnte er sie: ‚Ich bin so männlich wie ihr alle zusammen.’ Nun rufen sie ihm hinterher: ‚Wo du hingehst, ist uns egal, aber in der Nationalmannschaft hast du keinen Platz mehr’ (Corriere della Sera). Der Raffzahn Vieri, enthüllte das gleiche Blatt, sei in der Realität ein Muttersöhnchen, das die Millionen brav seiner französischen Maman Nathalie abliefert, die das Geld in Immobilien an der Riviera, in Mailand, Sydney und Madrid anlegt.“

NZZ: Chelseas Zukunftsplan

NZZ: Sporting Lissabon im Aufwind

WM 2006

Stimmungstief

In einer Karikatur zieht die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Mundwinkel der Smileys aus dem WM-Logo nach unten; Michael Ashelm übt sich in der gleichen Geste, wenn er an die Stimmung im Gastgeberland denkt, die durch viele heftige Diskussionen getrübt ist: „Das Projekt, das in Sonntagsreden gerne als ‚einmalige Chance’ für eine abgeschlaffte Nation propagiert wird, hängt in einem Stimmungstief. Wer meckert, gilt als Spielverderber und Defätist. Wer auf der anderen Seite die Chancen der WM weiterhin hervorhebt, setzt sich dem Vorwurf aus, ein unkritischer Geist zu sein. Die Pole stoßen sich ab – auch in ihrer Argumentation. (…) In den verbleibenden Monaten werden die WM-Organisatoren die öffentliche Meinung nicht mehr großartig wenden können – zumindest nicht weiter zum Positiven. Weitere organisatorische Höhepunkte wie die Endrundenauslosung fehlen bis zum Turnierstart – und so hängt die Stimmungslage in Fußball-Deutschland eng mit dem sportlichen Erscheinungsbild zusammen. In den Mittelpunkt des WM-Vorlaufs rückt die Nationalelf, die nun vor allem für das Fußballfieber im Lande verantwortlich sein wird. Bei nur zwei Testspielen vor Bundesligaschluß bleiben dem Klinsmann-Team allerdings kaum Chancen zur Lustoffensive.“

Die nächste WM-Debatte steht wohl bevor: Die FAZ hat gestern auf Seite 1 recherchiert, an wen die zwölf Städte ihre Tickets aus dem Fifa-Kontingent verteilen, heute tut es ihr die Financial Times nach, Report München (ARD) hat gestern die gleiche Frage gestellt – alle kommen zum selben Ergebnis: Vor allem die Lokalpolitiker würden bevorzugt behandelt.

Kommerz, Diskriminierung und Repression

Eine weitere, alte Diskussion ist latent und wird uns sicher durch die WM begleiten: die Sicherheitspolitik im Umgang mit Fans. Der Spiegel hat letzte Woche die Bedenken der Polizei und der Innenministerien notiert: „Das größte Risiko, das ergab das interne Lagebild des Landeskriminalamts NRW für die Innenministerkonferenz, ist – der Fan. Auf die circa 10.000 in Deutschland bekannten Hooligans werde eine noch unbekannte und kaum kontrollierbare Zahl gewaltbereiter ausländischer Fans treffen. Als besonders neuralgisch gelten alle Spiele der deutschen und der englischen Elf, ebenso die politisch heiklen Begegnungen Serbien und Montenegro gegen Kroatien sowie USA gegen Iran. Aber auch polnische Hooligans verbreiten Angst: In einer ersten Probeschlacht der Nationen vermöbelten sie im November vergangenen Jahres in einem Waldstück bei Frankfurt (Oder) deutsche Gegner kräftig.“ Christian Kamp (FAZ) spricht mit der Gegenseite: „Es gibt Fußballfans, die treibt eine weit größere Sorge um, als keine Karte für das bevorstehende Sommerspektakel zu haben. Es ist die Sorge um den Charakter des Volkssports Fußball, den sie bedroht sehen durch Kommerz, Diskriminierung und – vor allem – Repressionen von seiten der Sicherheitsorgane. Die Stimmung bei einigen Anhängergruppen ist gereizt.“

taz: Das Bündnis aktiver Fußballfans diskutiert über die Nebenwirkungen der WM. Befürchtet werden bleibende Schikanen gegen die Fankultur
Tsp: Organisierte Fußball-Anhänger fühlen sich von der WM ausgeschlossen – sie kritisieren Stadionverbote und hohe Ticketpreise
SpOn: In Polen ist eine große Hooligan-Szene entstanden, auf die vor der WM noch niemand vorbereitet ist
FR: Kölner Fans protestieren gegen geplante Registrierung – nach einigen Zwischenfällen in der Vorrunde will der Bundesligist wissen, wer zu Auswärtsspielen mitfährt

SZ: Klausurtagung für das Staatsprojekt: Beim Kurzlehrgang in Düsseldorf Jürgen Klinsmann seine Mannen auf die kommenden Monate einschwören
Welt-Interview mit Oliver Bierhoff

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