indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 7. Dezember 2005

Ball und Buchstabe

Mit Resignation fördert man keinen Respekt

Thomas Klemm (FAS) befürwortet Nationalhymnen vor Länderspielen und lehnt den Vorschlag des Fifa-Präsidenten ab (den er inzwischen wieder zurückgenommen hat): „Es gliche einer Kapitulation vor einzelnen Mitgliedern, sollte die Fifa dem Gedanken Blatters folgen und aus Furcht vor Krawallen auf das Abspielen der Nationalhymnen verzichten. Mit Resignation fördert man keinen Respekt. Wenn schon Hymnen abschaffen, warum nicht die anderen, die gekünstelten, vor denen sich der Fußball kaum noch retten kann? Die Champions League liegt dem gemeinen Fan seit langem mit einer Fanfare in den Ohren, in der ‚die Besten’ gelobpreist werden; für die WM-Gala in Berlin komponiert Brian Eno gar eine Hymne, mit der er dem ‚Begriff, was ein Orchester ist, eine neue Bedeutung geben’ wolle – was immer das auch heißen soll. Daß die Nationalhymnen vor Länderspielen nicht verschwinden und sich die Kunstprodukte vor Events nicht vermehren – danach laßt uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand.“

Susanne Kistler vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover befragt Sportjournalisten nach ihrer Mediennutzung und bittet um Teilnahme. Dauer: etwa 5 Minuten

FAZ: Stasi-Fall Boßdorf – „Ich empfinde eine moralische Schuld“
SZ-Interview mit Boßdorf

FAZ: Mordanschlag – wie Griechen mit einer seltenen Spezie umgehen: kritischen Sportjournalisten
NZZ: über die Verbindung des türkischen Fußballs mit der Mafia und Morddrohungen gegen kritische türkische Sportjournalisten

SZ: Ärger statt Aufbruch – die Image-Kampagne zur WM „Land der Ideen“ kommt nur schwer in die Gänge

FR-Interview mit Wolfgang Niersbach

Unterhaus

Logik hat immer eine Nebenrolle gespielt

Ronny Blaschke (BLZ) schildert die Irrationalität Dynamo Dresdens: „So sehr die Fans Hauptgeschäftsführer Volkmar Köster im Sommer gefeiert hatten – so sehr kritisieren sie ihn jetzt. Diese chamäleon-artige Wandlungsfähigkeit ist im Fußball bekannt. ‚Wir haben ein emotionales Problem’, sagt Friedemann Küchenmeister, Dynamos Aufsichtsratschef. ‚Bei vielen Anhängern fehlt der Realismus.’ Klar wurde dies nach dem Ultimatum, das Köster gegen Trainer Christoph Franke verhängt hatte: Dynamo sollte aus den Spielen in Karlsruhe und zu Hause gegen Unterhaching mindestens drei Punkte erspielen. Beide Partien wurden verloren. Franke, seit viereinhalb Jahren bei Dynamo, blieb dennoch im Amt. Weil die Fans ihn wie einen Heilsbringer feierten – und die Vereinsbosse mit Sprechchören zum Teufel wünschten. Köster, der Sanierer, musste nach dem 2:3 gegen Unterhaching sogar von Sicherheitskräften aus dem Stadion geleitet werden. (…) Logik hat in der Historie von Dynamo bislang immer eine Nebenrolle gespielt.“

stern.de: Beim Spiel zwischen Dynamo Dresden und Energie Cottbus hat der Fußball erneut sein hässlichstes Gesicht gezeigt: Nicht nur Leuchtraketen und Rauchbomben störten das Derby, auch Nazi-Banner wurden geschwenkt

FR: Nach einem erfolgreichen Start ist Kickers Offenbach im Abstiegskampf angekommen
FAZ-Interview mit Hans-Jürgen Boysen, Offenbachs Trainer

taz: Nach Jahren des Niedergangs strebt der Karlsruher SC wieder nach oben

Dienstag, 6. Dezember 2005

Internationaler Fußball

Symptom beseitigt, die Krankheit nicht

Real Madrid hat einen neuen Trainer, aber Hoffnung hegt kein Journalist, zumindest nicht, so lange Florentino Perez Präsident ist. Paul Ingendaay (FAZ) schimpft: „Das Schicksal des neuen Trainers ist unvorhersehbar. Inzwischen darf an Real Madrid jedes Rezept probiert werden, wenn nur die richtigen Stars auflaufen und die nächste Asien-Tournee gesichert ist. (…) Lopez Caro, der neue Mann, gilt als Brüller und Schleifer. Andererseits läßt der Zweiundvierzigjährige offensiver spielen als Luxemburgo und kennt sich bestens in der Nachwuchsarbeit aus, einem Feld, das in den letzten fünf Jahren aus purer Überheblichkeit vernachlässigt wurde. (…) Niemand scheint für diese Mannschaft ein Konzept zu besitzen, das über den kommerziellen Wert der Marke ‚Real Madrid’ hinausginge.“ Ralf Itzel (FTD) greift den Präsidenten an: „Luxemburgo ist Opfer seiner Irrtümer geworden, aber vor allem auch des Systems. Durch seinen Abgang ist ein Symptom beseitigt, aber nicht die Krankheit. (…) Die Mannschaft ist ein Trümmerhaufen, in Cliquen zerfallen, hier die Brasilianer, dort die Spanier, da die übrigen. Und dass Perez den Rauswurf erstmals nicht selbst verkündete, ist ein klares Zeichen dafür, dass diese Situation seine Niederlage ist.“

Aschenputtelgeschichte

Raphael Honigstein (SZ) erzählt das Märchen von Wigan Athletic: „Dave Whelan ist ein ehrgeiziger, unprätentiöser Mann mit Bierbauchansatz, der hinter seiner demonstrativen Hemdsärmeligkeit eine Menge Hirnschmalz versteckt. Jewell erstellt über jeden gegnerischen Spieler seitenlange Dossiers und betont immer wieder die Einfachheit seines 4-4-2-Systems. Von dem neumodischen 4-5-1, das in der Liga wie eine Grippewelle grassiert, hält er nichts. Schon deshalb – und weil er als einziger englischer Trainer im oberen Drittel der Tabelle steht – liebt man ihn auch außerhalb der Stadtgrenzen. (…) Tony Blair bezeichnete den holländischen Kapitän Arjan De Zeeuw kürzlich als seinen Lieblingsspieler der Liga. Eine politisch korrekte Wahl, denn die nette Aschenputtelgeschichte hat längst gesellschaftlich relevante Dimensionen angenommen: Whelan und Jewell haben mit dem Aufstieg den Stolz in eine Ecke des Landes zurückgebracht, die vor kurzem noch der Inbegriff der post-industriellen Ödnis war. Wigans Name flimmert jede Woche auf Millionen von Fernsehern in Asien, Südamerika, Australien. Das macht die Leute glücklich. Wigan, das war in England immer eine Art schlechter Witz, so wie es Castrop-Rauxel in Deutschland ist.“

NZZ: Corinthians brasilianischer Meister, Romario Torschützenkönig

Champions League

Dauerthema Professor aus Backnang

Dem Erfolg Ralf Rangnicks zum Trotz – Schalkes Offizielle scheinen mit ihrem Trainer nicht glücklich zu werden. Erklären kann das keiner; Till Schwertfeger (WamS) versucht’s mal: „Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wie die Statistiker des kicker ermittelten, hat Rangnick von allen Schalker Trainern der vergangenen zehn Jahre mit Abstand den besten Durchschnittswert an gewonnenen Punkten. Wiewohl Rangnicks fachliche Kompetenz unumstritten ist, sind auch im Schalker Aufsichtsrat Stimmen zu vernehmen, die einen anderen Trainer fordern. Der Trainer ist ein Dauerthema. Dabei hat sich der Traditionsklub unter Rangnick erstmals seit vier Jahren wieder für die Champions League qualifiziert. Doch Rudi Assauer, Manager mit Macho-Attitüde, tut sich schwer damit, den braven ‚Taktik-Professor’ aus Backnang zu respektieren. (…) Die Frage, die dahinter steht, lautet: Besitzt Rangnick, der zum ersten Mal einen europäischen Spitzenklub trainiert, genügend Autorität, um eine große Gruppe hochbezahlter Stars aus aller Herren Länder jederzeit im Griff zu haben?“ Christoph Biermann (SZ) fügt hinzu: „Im Fall des Weiterkommens dürfte der Klub kaum umhin kommen, dem Coach eine Verlängerung anzubieten. Sollte in Mailand der große Coup wirklich gelingen, würde das europaweite Aufsehen ohnehin auch dem Trainer gelten. Mitunter hat man aber fast den Eindruck, dass einigen im Schalker Vorstand das nicht richtig passen würde. Das Vorhaben, nach außen hin geschlossener und souveräner aufzutreten, ist schon wieder einem seltsamen Geraune von Assauer gewichen.“ Ich hab ja keinen Einblick in Internes, daher steht mir eine Diagnose eigentlich nicht zu, dennoch: Sind die in Schalke eigentlich noch recht bei Trost?

Die guten Seiten eines Söldners

Richard Leipold (Tsp) porträtiert Mladen Krstajic und beseitigt eine Denkschablone: „Krstajic besitzt die Mentalität eines Fußball-Söldners. Dieser Begriff mag negativ besetzt sein, weil ihm der Geruch von mangelnder Identifikation mit Idealen und Traditionen anhaftet. Doch im Berufsfußball ist es schwer, mit Gefühlsduselei nachhaltigen Erfolg zu erzielen. (…) Der Serbe steht auch für die guten Seiten eines Söldners. Dem Primat des Profits steht ein hohes Maß an Professionalität gegenüber. Menschen, die ihn gut kennen, berichten, Krstajic stelle sich bedingungslos in den Dienst eines neuen Arbeitgebers.“

Auf dem Spiel steht immer das Prestige Berlusconis

Der AC Mailand steckt im Griff Silvio Berlusconis, seinem Trainer Carlo Ancelotti hat Berlusconi in der Spieltaktik Fesseln angelegt. Peter Hartmann (NZZ) nennt den Zweck des Teams und den kleinen Spielraum Ancelottis: „Die Mannschaft soll spiegelbildlich Berlusconis vorausschauende Weisheit, seine fussballerische Kompetenz, sein unfehlbares Händchen zeigen. Berlusconi strahlt auf Milan sein Charisma aus, und die Erfolge strahlen auf ihn zurück. Ein perfektes Propaganda-Vehikel. Doch die Energieübertragung ist unterbrochen, und im nächsten Mai sind Wahlen. Eine Milan-Krise ist, wegen dieser Implikationen, nie eine gewöhnliche mediale Aufregung. Auf dem Spiel steht immer das Prestige Berlusconis. (…) Ancelotti sitzt der Firmen-Imperativ im Nacken, die Ordre des unheimlichen Chefideologen Berlusconi: Milan hat unter allen Umständen mit zwei Stürmern zu spielen. Ancelotti bevorzugt aber die Pyramide mit einer einzigen Spitze, den Weihnachtsbaum, seinen unerfüllten Wunsch.“ Birgit Schönau (SZ) gibt Schalke einen Rat: „Wenn Ancelotti sich nicht gegen seinen Patron durchsetzt und zum Nikolaustag die von ihm bevorzugte Weihnachtsbaum-Formation präsentieren darf, muss Schalke einfach nur Catenaccio spielen. Wie das geht, kann man sich auf alten Milan-Kassetten aus der Ära v.B. anschauen. Vor Berlusconi.“

FR-Interview mit Paolo Maldini

NZZ: ManU vor dem Ausscheiden?

Strafstoss

Strafstoß #20 – 06. Dezember 2004 Reine Nervensache 6 – Das letzte Hemd hat keine Maschen

von Herrn Bieber und Herrn Mertens

Mathias Mertens: Herr Bieber, lassen sie uns heute mal über die Kleiderordnung reden. Was sagen Sie eigentlich zu der umstrittenen FIFA-Regel, dass Torschützen nach allzu exzessivem Jubel und dem Ausziehen des Trikots mit einer Gelben Karte bestraft werden sollen. Inzwischen haben sich sogar schon Protestorganisationen via Internet zu Wort gemeldet.

Christoph Bieber: Ich würde ja gerne aus Prinzip eine Gegenposition zu solchen Bestrebungen wie unter www.grenzenloser-jubel.de einnehmen wollen, die gegen diese Fifa-Regelung angehen. Ich würde die Regel gerne nicht so richtig schlecht finden wollen, aber einen wirklich guten Grund dafür..? Vielleicht in Anlehnung an den bemerkenswerten Beitrag des Germanisten Gerhard Kurz, den er vor Jahren einmal in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht hat: Das Posieren des Schützen nach dem Tor (egal ob mit oder ohne Trikotausziehen) ist deshalb unsportlich, weil mit wachsendem Albernheitsgrad (Tanzeinlagen!) und gesteigerter Aufmerksamkeitslenkung auf den Schützen (Entkleidung, Unterhemd-Messaging etc.) die Idee des Mannschaftssports mit Füßen getreten wird. Der Schütze rückt sich unzulässiger Weise in den Vordergrund, denn in der Regel sind die Tore ja Kollektivleistungen, die vom einzelnen Spieler nur vollendet werden.

MM: Da würde ich ja spontan gerne eine Gegenposition zu Ihrer Gegenposition einnehmen wollen, nur so aus Prinzip, versteht sich, aber eigentlich muß ich Ihnen zustimmen. Wenn ich zum Beispiel die Frage von ZEIT-Autor Dr. Christof Siemes lese, ob sich „die Anzug- und Kostümträger in den VIP-Logen etwa vor schwitzenden Körpern ekeln“ und ihnen Angeln als Alternativsport empfiehlt (sehr eklig, übrigens), und wenn er dann hinzufügt, daß die Europameisterschaft mit Christiano Ronaldo ja eindrucksvoll gezeigt hat, „welch schöne Körper unter den Trikots herumlaufen“, dann sehe ich hier das Sekundäre über das Primäre siegen. Beziehungsweise meine männliche Ehre gekränkt, denn ich will nicht demonstriert bekommen, was für ein hühnerbrüstiges Windei ich doch im Vergleich bin. Und was ist überhaupt mit den Torwarten oder den Verteidigern?

CB: Ein guter Punkt! Eigentlich müsste man nämlich Gerechtigkeit für benachteiligte Mannschaftsteile einfordern: der Verteidiger nach erfolgreichem Tackling oder der Torwart nach der Glanzparade haben ja einfach nicht die Zeit, ihre Leistung durch Entblößung zu feiern, denn das Spiel läuft ja weiter. Wären dann nicht konsequenter Weise zusätzliche Spielunterbrechungen einführen, damit auch die weniger privilegierten Spieler eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung erhalten?

MM: Und was ist mit den Schiedsrichtern selbst, bitteschön? Da wird doch inzwischen auch verstärkt drauf geguckt. Warum sollten die nicht mal nach einem äußerst gelungen Pfiff ausrasten, sich das Hemd vom Leib reißen und sich vor der Loge der Anzug- und Kostümträger feiern lassen? Markus Merk mit freibrüstigem Bauchrutscher auf dem herbstnassen Westfalenstadionrasen, der seine korrekte Strafstoßentscheidung aus 70 Metern Entfernung feiert, das wäre doch mal was!

CB: Also bitte, Herr Mertens, da gehen ihnen jetzt aber die sprichwörtlichen Gäule durch! Ein Schelm, der da homoerotische Konnotationen wahr nimmt. Doch zurück zum Ernst der Lage, im FIFA-Regelwerk heißt es schlicht und einfach: „Ein Spieler, der nach einem Torerfolg sein Trikot auszieht, wird wegen unsportlichen Verhaltens verwarnt.“ Allerdings gibt die FIFA den Schiedsrichtern einigen Spielraum bei der Regelauslegung, denn „von den Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie in solchen Situationen präventiv auf die Spieler einwirken und bei der Beurteilung des Torjubels gesunden Menschenverstand walten lassen.“ Definitiv unterbunden werden sollen jedoch „choreografierte“ Jubelszenen, wenn diese zu übermässigem Zeitschinden führen.“ Insofern geht es hier gar nicht um ein „Jubelverbot“, sondern um die Frage der Unsportlichkeit.

MM: Hmmm… Gesunder Menschenverstand wird auch so definiert, dass dabei meist eine Entscheidung gefällt wird, die statistisch gesehen die Mehrheit der Bevölkerung treffen würde. Und die Mehrheit der Bevölkerung will doch anscheinend den feingerippten Rumpf des Herrn C. Ronaldo sehen. Demnach müsste der Schiedsrichter also entscheiden, nicht zu entscheiden.

CB: Ist das nicht etwas zu viel verlangt?

MM: Ach was, schließlich sind unsere Schiris doch hoch gebildet – sie sind Zahnärzte aus Kaiserslautern oder Konzertpianisten aus Kyllburg. Aber ich war noch gar nicht fertig: Bedenken müsste der Schiedsrichter allerdings, dass schon das jahrelange Trainieren und nahrungstechnische Pflegen der abdominalen und sonstigen Muskeln und ihre Präsentation nach erfolgreichem Punkten als „choreografiertes Jubeln“ verstanden werden könnte. Dann müßte er also dagegen entscheiden.

CB: Stimmt. Diese These von der „permanenten Choreografierung“ beweisen ja die fürchterlichen Casting-Shows. Da kann man ja nur hoffen, dass die Detlev-Ds dieser Welt eine derartige Marktlücke nicht allzu schnell erkennen. Sonst müssen wir am Ende noch Boygroup-Gezappel an der Eckfahne ertragen!

MM: Da sagen sie was – Fußball ist doch inzwischen längst ein elementarer Bestandteil der Mediengesellschaft, und daher kann man als „Zeitschinden“ auch als unrechtmäßige Inanspruchnahme von Einstellungszeit definieren. Der Spieler entblößt sich, weil er weiß, daß die Kameras nicht anders können, als ihn dann zu zeigen, so dass nichts mehr vom sonstigen Geschehen auf dem Rasen präsentiert wird. Und bei einer nachträglichen Auswertung der gesamten Übertragung könnte dann herauskommen, dass der Anteil von Großeinstellungen von entblößten Körpern am Gesamtvolumen der ausgestrahlten Bilder ungefähr dem des Nachtprogramms des DSF entspricht, und man gar nicht mehr entscheiden kann, ob man ein Fußballspiel gesehen hat oder irgendetwas anderes.

CB: Gut, das frage ich mich manchmal auch im Stadion, allerdings bemühen sich Bundesliga und Nationalteam zuletzt ja ganz redlich darum, dass es nach Fußball aussieht. Gibt es eigentlich auch Vorschriften für den Funktionärsjubel am Spielfeldrand?

MM: Wenn nicht, dann bitte schnell einführen, um uns folgende Bilder zu ersparen: das Ehepaar Meyer-Vorfelder beim intensiven Zungenkuß, Ligapräsident Hackmann beim selbstvergessenen Luftgitarrenspiel, den Weihnachtsfeier-feiernden Beckenbauer, Calmund beim Lambada-Tanzen, Moshpit-König Netzer, den Pogo-Pulk um Seeler, die Flitzerroutine von Niebaum – habe ich irgendwen vergessen?

CB: Ja doch, und zwar Männerfreundlichkeiten aller Art von Herrn Hoeneß, den furchterregenden Rummenigge-Rumba oder laszives Zigarrenlutschen mit Assauer. Gestatten Sie guter letzt doch noch eine Frage, Herr Mertens. Wie würden Sie denn jubeln, nachdem Sie als Ecke von Mario Basler ins Tor getreten wurden?

MM: Ich würde ganz ruhig ans Netz geschmiegt liegenbleiben und mich im Gefühl sonnen, Bestandteil eines spieltechnischen und physikalischen Höhepunkts gewesen zu sein. Und dann würde ich mich zum Mittelkreis tragen lassen, natürlich.

WM 2006

Die Weltmeisterschaft

Die Weltmeisterschaft

wirft ihre Schatten voraus.
hält uns außer Atem.
lässt den Blätterwald rascheln/rauschen.

Suchen Sie sich eine Sprachstanze aus! Am Freitag wird in Leipzig das Tableau ausgelost, Sepp Blatter hält Hof in Deutschland – ein Vorgeschmack auf den nächsten Sommer. „Die Fifa regiert die Fußball-Republik“, prangert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in einer großen Überschrift auf Seite 1 ihres Sportbuchs an. Der indirekte freistoss hält Sie, liebe Leser, in einer Extra-Ausgabe auf dem laufenden – sieben Themen in drei Rubriken.

Ascheplatz

Populismus

1. Ticketing – das WM-OK wird von Verbraucherschützern und auch wohlmeinenden Redaktionen weiter dafür gerügt, sein Monopol zu Lasten der Fans auszunutzen. Die SZ stößt sich an dem „Ticketsystem, das Hunderttausende begeisterte Normalbürger (und -verdiener) in ein Heer muffeliger, weil unfreiwilliger Kreditgeber verwandelt, die am Ende nicht mal in den Genuss ihrer Monate voraus bezahlten Eintrittskarten gelangen.“ Kritik auch an dem Unverständnis, mit dem die Offiziellen dem Tadel begegnen; die FAS bemängelt: „All diese Vorwürfe streiten der DFB und das WM-OK natürlich ab – und zwar reichlich selbstherrlich.“ Heute steht Horst R. Schmidt, Vizepräsident der WM-Organisation, Roland Zorn (FAZ) Rede und Antwort:
FAZ: Verschafft sich das OK mit den Einnahmen aus den Optionstickets eine Art Kredit beim Kunden?
HS: Davon kann überhaupt keine Rede sein. Die Einnahmen aus den jetzt verkauften Tickets fließen nun einmal dem OK zu. Das müssen sie auch, denn die Gelder aus dem Kartenverkauf sind unsere wichtigste Einnahmequelle. Der Umsatz, den wir machen müssen, kann nicht in den letzten vier Wochen getätigt werden. Im übrigen zwingen wir ja niemanden, von den Optionstickets zu den jedermann zugänglichen Bedingungen Gebrauch zu machen.
FAZ: Verstehen Sie es, wenn Interessenten an einem der Optionstickets darüber klagen, daß sie eine Bearbeitungsgebühr von 5 Euro zusätzlich zahlen müssen?
HS: Wir haben uns bei den Preisen für die normalen Tickets bemüht, alles einzuschließen, was eigentlich Bearbeitungsgebühr ist. Es ist die Vorverkaufsgebühr inkludiert sowie die Umsatzsteuer und die Informationstechnologie-Gebühr sowie die Nahverkehrsabgabe. Es ist alles im Preis enthalten. Auf der anderen Seite haben wir einen Kartenlieferanten, der sagt: ‚Ich habe mit dem OK einen Vertrag gemacht über die Abwicklung des Ticketings. Wenn ich jetzt neue Programme für zusätzliche Tickets entwerfen soll, dann will ich auch eine zusätzliche Vergütung haben.’ Ich bin überzeugt, daß niemand an den Dingen, die wir jetzt zusätzlich machen, zusätzlich Geld verdient. Ich bin sogar sicher, daß die Zusatzoperation teurer wird als das durch die Bearbeitungsgebühr generierte Geld.
FAZ: Lassen Sie sich das Geld für die Optionstickets auch deshalb von vornherein überweisen, weil Sie beim normalen Kartenverkauf schon schlechte Erfahrung mit der Zahlungsmoral gemacht haben?
HS: Wir haben eines gelernt: Es gibt Möglichkeiten, Zahlungen zu verhindern, die von Kreditkarten abgebucht werden sollen. Das Risiko, daß wir dann das Geld nicht hätten, ist nicht geringzuschätzen. Das haben wir beim normalen Kartenverkauf erlebt, bei dem 40 000 Tickets auf diese Weise nicht bezahlt wurden. Das sind fünf Prozent aus dem Gesamtangebot.
FAZ: Nun sind Sie vom Bundesverband der Verbraucherschützer verklagt worden. Beunruhigt Sie dies?
HS: Wir finden es sehr bedauerlich, daß es so weit gekommen ist, zumal wir uns mit hohem Aufwand den Anliegen der Verbraucherschützer gewidmet haben. Der Bundeszentrale Verbraucherschutz geht es nicht um gute Lösungen im Interesse der Verbraucher. Hier geht es der Institution und einzelnen Personen darum, die öffentlichkeitswirksame Plattform ‚WM 2006’ in populistischer Art und Weise zu nutzen.

Volker Stumpe (FAS) hört einem Fan zu, der die zu harte Regulierung beklagt: „Die Preise sind ja okay. Wer Fußball liebt, zahlt das. Aber das ist alles völlig überorganisiert. (…) Der Schwarzmarkt soll blühen, damit die hingehen, die wirklich Fußball sehen wollen – und nicht Firmen und Sponsoren.“ Liebe Volkskommissare des DFB, hingehört! Der Schwarzmarkt ist nicht das Böse, der Schwarzmarkt ist eine soziale Institution.

Gunst und Missgunst

2. Sponsoring – Thomas Klemm (FAS) kritisiert die harten Maßnahmen der Fifa, Ambush-Marketing zu verhindern: „Die Fifa übertreibt es mit dem Schutz der WM-Sponsoren und sorgt mit seiner Regulierungswut für Verdruß. (…) Die Fifa regiert und reguliert die Fußball-Republik Deutschland, und Strenge und Ausmaß ihrer Forderungen sorgen für Unmut bei Interessengruppen sowie Partnern, die sich wichtiger fühlen, als sie genommen werden. Ob es um Ausstattung der Mannschaftshotels geht, um Fernsehvermarktung, um Präsentation der Sponsoren sowie der WM-Städte oder um die Gestaltung des WM-Kuchens – alles regelt das ‚Pflichtenheft zur Organisation der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft’ (…) Es sind die fünfzehn Fifa-Sponsoren sowie die sechs nationalen Förderer, die besondere Gunst genießen.“

Ball und Buchstabe

Eine Wegguckkultur können wir uns nicht leisten

3. Sicherheit – Dass am Wochenende in der Bundesliga Fans Gegenstände auf Spieler geworfen haben, bewerten die Journalisten mit sorgenvollem Blick auf die WM. Klaus Bellstedt (stern.de) empfiehlt das Vorbild Premier League, die seit Jahren strenge Sicherheitsprüfungen an den Zuschauern durchführe: „In England werden die Fans durch ein mehrstufiges Schleusensystem geleitet, nur persönliche Gegenstände dürfen mitgenommen werden. Niemanden stört das und der guten Stimmung tut das im Übrigen auch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Atmosphäre in den englischen Stadien von Old Trafford bis zur Anfield Road dürfte weltweit ihresgleichen suchen. Dort wird gesungen, ‚nur’ gesungen. ‚Handeln sie!’, mag man den WM-Machern zurufen. Noch ist es nicht zu spät.“ Der Fan-Soziologe Gunter A. Pilz ergänzt in einem StZ-Interview, beschwört die Fans und maßregelt Peter Neururer: „Erstens müsste das Ordnungspersonal besser geschult werden, so wie in England, wo die Sicherheitskräfte schon zwei Stunden vor dem Anpfiff Stellung beziehen. Während der Spiele achten diese Personen nur darauf, was sich auf den Rängen tut. Bei uns ist das anders. Da verhalten sich die Ordner oft wie normale Besucher, die sich mehr für die Aktionen auf dem Platz interessieren als für das Drumherum. Mein zweiter Kritikpunkt ist mir fast noch wichtiger: Die Fans müssten viel mehr darauf aufpassen, was sich um sie herum ereignet. Das ist die Voraussetzung, wenn diese Form der Selbstregulierung nicht in die Köpfe gebracht wird, ändert sich nichts. In der Pflicht stehen auch die Fanklubs und die Ultras, die ja immer darauf pochen, dass sie sich selbst disziplinieren. Jetzt können sie es beweisen. Sie müssen die schwarzen Schafe identifizieren und aussortieren. Das muss die Botschaft für die Fanszene sein. Eine Wegguckkultur können wir uns in den Stadien nicht leisten. (…) Ich verfolge mit großer Besorgnis Äußerungen wie die von Peter Neururer. Er hat gesagt, er hasse Dortmund, die Leute dort seien Zecken. Abgesehen davon, dass es sich bei dem Wort Zecken um einen Begriff aus dem Nationalsozialismus handelt, ist das Scharfmacherei. Durch solche Bemerkungen werden automatisch Aggressionen bei den Fans geweckt. Wenn daraufhin dann einige ausflippen, braucht man sich eigentlich nicht mehr zu wundern.“

Dauerbaustelle

4. Stadion – Über die Schäden an deutschen WM-Stadien, nach Frankfurt und Nürnberg nun auch Kaiserslautern, schütteln die Kommentatoren die Köpfe: ausgerechnet die vermeintlich gut organisierten und gut organisierenden Deutschen. Jörg Hahn (FAZ) legt dem OK nahe, Kaiserslautern von der WM auszuschließen: „Die Pfalz als Dauerbaustelle. Im Unterschied zu den anderen beiden Schauplätzen sind die Schäden so gravierend, daß im Fritz-Walter-Stadion vorerst nur Fachleute vom Bau und nicht solche am Ball geduldet werden. Außerdem ist diese WM-Dependance auch ein personeller Sanierungsfall – Rene C. Jäggi kann als gescheiterter Reformer aussteigen, aber weiter die WM-Geschäfte führen. Das Organisationskomitee wird handeln müssen – warum nicht nach dem Motto ‚elf Freunde, elf Stadien’?“ Andreas Burkert (SZ) flunkert: „Worauf sich die Deutschen wirklich noch verlassen können, ist inzwischen nicht mehr ganz klar, seitdem die Nation der Häuslebauer massive Sorgen um ihre schönen, neuen WM-Arenen plagt.“ Thomas Kilchenstein (FR) mahnt zu Geduld: „Täuscht der Eindruck oder ist 188 Tage vor Beginn der WM bei den Organisationsweltmeistern noch nicht alles im Lot? Fast sieht es so aus. Aber nur fast. Jeder Häuslebauer weiß doch: Kein Bau ist ohne Makel, kein Bau gelingt auf Anhieb, Nachbesserungen sind an der Tagesordnung. Warum sollte es bei ungleich komplexeren Bauten wie Fußball-Stadien, hochmodern und einzigartig, so viel anders sein?“ Christian Hönicke (Tsp) verdreht es ins Gegenteil: „Durch die Probleme in den Stadien müsste die Welt so langsam mitbekommen haben, dass auch bei uns nicht immer alles perfekt nach Plan verläuft. Und das ist wohl die beste Imagekampagne für dieses Land.“ Ich weiß ja nicht, welches angebliche Etikett Hönicke entkräftet haben möchte – oder wie alt es ist. Verbindet die Welt mit den Deutschen noch immer Perfektion?

SZ: Brandenburger Tore – vor Berlins Wahrzeichen soll während der Weltmeisterschaft sechs Wochen lang Dauerparty herrschen, auf Deutschlands größter Fanmeile

Welt: Klinsmann will mit Fünfjahresplan zurück an die Weltspitze – Bundestrainer gewinnt bei Symposium in Rio Sympathien

Am Grünen Tisch

Die Fifa steuert das Losglück

5. Auslosung – Markus Lotter und Martin Henkel (WamS) zitieren einen dehnbaren und verräterischen Paragraphen der Fifa-Regeln: „Die Gruppeneinteilung der Mannschaften erfolgt durch öffentliches Setzen und Losen, unter größtmöglicher Berücksichtigung sportlicher, geographischer und wirtschaftlicher Faktoren.“ Die Autoren durchschauen den Grund: „Die Fifa steuert das Losglück. Bei der Festlegung des Modus läßt sich der Weltfußballverband auch von wirtschaftlichen Faktoren leiten. (…) Seit der WM 1998, als mit der Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 24 auf 32 Nationen der Kommerzialisierung ein weiterer Anstoß gegeben wurde, hält man es für angebracht, Einfluß auf das Losglück zu nehmen. Erstmals wurden für das Turnier in Frankreich die nach einer eigenen Formel aufgestellte Fifa-Weltrangliste und des Passus’ als Kriterien bei der Wahl der Gruppenköpfe herangezogen. Offiziell wird propagiert, daß auf diese Weise mit hoher Wahrscheinlichkeit gerecht gemischte Gruppen zustande kommen. Ein Motiv, das der Fifa, die sich selbst als Hort der Demokratie und Harmonie sieht, natürlich gut zu Gesicht steht. Inoffiziell unterstützt man mit diesem System ökonomische Großmächte, die lukrative Sponsoren- und Fernsehverträge garantieren, auf ihrem Weg ins Achtelfinale.“

FAZ: Leipzig, in dieser Woche Nabel der Fußballwelt

Beim deutschen OK brennt die rote Lampe

6. Pädagogik – Joseph Blatter schreibt heute in zwei Zeitungen dem WM-OK ins Stammbuch; dem Tagesspiegel sagt er: „Beim deutschen OK brennt die rote Lampe. Die zwölf WM-Städte waren schließlich ein Vorschlag der Deutschen, nicht der Fifa. Nun müssen sie sich auch darum kümmern. Wir werden Anfang nächsten Jahres noch einmal alle Stadien kontrollieren. Innerhalb eines bestimmten Zeitraums, den wir noch festlegen werden, müssen dann alle Probleme behoben sein. (…) Die Sicherheit muss groß geschrieben werden, aber das darf nicht dazu führen, dass die Kontrollen vor den Stadien vier Stunden dauern. Wenn jeder Besucher am Eingang seinen Ausweis zeigen muss, dann wird es kompliziert. Die optimale Lösung muss noch gefunden werden (…) Sitzende Zuschauer sind ruhiger. Auf den Stehplätzen sind die Menschen ständig in Bewegung, sie müssen ja sogar um ihren Platz kämpfen. Wir wollen einen Fußball, bei dem der Vater mit seinen Kindern ins Stadion geht und am Ende die Kinder wieder heil nach Hause bringt.“ In der FAZ fordert er ein Stehplatzverbot für die Bundesliga und ein Rauchverbot in allen Stadien der Welt.

7. Korruptionsermittlung – worüber wir in nächster Zeit vermutlich mehr lesen werden: Die Schweiz ermittelt gegen hohe Fifa-Funktionäre wegen Korruption, unter anderem ist Blatters Büro durchsucht worden. Jens Weinreich (BLZ I und II) und Thomas Kistner (SZ), die jüngst vom Aufklärungsjournalisten Hans Leyendecker in einem 11-Freunde-Interview geadelt worden sind, sind dran an der Story: „Die Lage scheint ernst“ (SZ).

Bundesliga

Bayer Leverkusen – Hertha BSC Berlin 1:2 (1)

Nüchterne Eloquenz

Ulrich Hartmann (SZ 2.12.) ficht Michael Skibbes Qualität an: „Skibbe ist ein Fachmann, aber es bestehen nach wie vor Zweifel an seinen Fähigkeiten als Psychologe. Bei der Nationalelf hat Rudi Völler die Rolle des Cheerleaders in der Kabine selbst gespielt, und weil er seither um Stärken und Schwächen seines Kompagnons weiß, hat er neulich als Sportdirektor von Bayer auch jene Abreibung lieber selbst übernommen, die den Leverkusenern nach dem blamablen 1:3 in Mainz gebührte. Skibbe ist Kumpeltyp und Intellektueller zugleich, und diese Kombination macht den Job schwierig, wenn das Verhältnis zwischen Trainer und Spielern nicht so gewachsen ist wie in der langjährigen Schicksalsgemeinschaft von Jürgen Klopp und Mainz 05. Skibbe wurde in der Not verpflichtet, weil Klaus Augenthaler nicht mehr weiter wusste, doch zum Feuerwehrmann eignet sich der Theoretiker nicht zwangsläufig. In Dortmund soll seine nüchterne Eloquenz die Fußballer in den Wahnsinn getrieben haben.“

SZ: Rudi Völler kritisiert Augenthaler nach der Niederlage – Meistens ist Völler die Höflichkeit in Person, der wandelnde Ausgleich und nicest man im Fußballbusiness, manchmal aber auch nicht
BLZ: Der Sieg zeigt, wie abhängig Hertha BSC von Marcelinho ist

Als ich kam, schimpfte man ja nicht einmal mehr über Hertha

Dieter Hoeneß im Interview mit Michael Reinsch (FAS) über die Wirtschaft Herthas
FAS: Sie beklagen, daß Veröffentlichungen die Verhandlungen mit einem kommenden Hauptsponsor gestört hätten. Ist Transparenz ein Nachteil?
DH: Sowieso. Wir Bundesligavereine sind gläsern wie kein anderes Wirtschaftsunternehmen in Deutschland.
FAS: Beklagen Sie das?
DH: Ich konstatiere das. Was ich in letzter Zeit gehört habe, war nur ein Teil der Transparenz. Da ging es einseitig nur um Verbindlichkeiten und nicht um die geschaffenen Werte. Und zum Thema Transparenz: Alle Zahlen, die in den letzten zwei Wochen diskutiert wurden, haben wir vor elf Monaten bereits veröffentlicht.
FAS: Heißt konservativ zu wirtschaften, im Fußball Chancen auszulassen? Es gibt Vereine, die stolz darauf sind, schuldenfrei zu sein. Sie spielen in der zweiten Liga. Besteht da ein Zusammenhang?
DH: Mich ärgert, wenn nicht zur Kenntnis genommen wird, daß Hertha BSC nicht seit dreißig Jahren ununterbrochen in der Bundesliga spielt. Wir mußten all das aufbauen, was unsere Wettbewerber hatten: Infrastruktur, ein Vereinsgelände, Nachwuchsarbeit. Daher kommt ein Großteil unserer Verbindlichkeiten. Wir wären schuldenfrei, wenn es nur um den Profibereich ginge; der ist kostendeckend und sehr erfolgreich. Wir sind zusammen mit Schalke 04 der erfolgreichste Aufsteiger der letzten 25 Jahre. (…) Hertha BSC ist, im Verhältnis zu dem, was hier vor neun Jahren war, Erwartungen ausgesetzt wie kein anderer Verein. Hertha ist in dieser Stadt wieder ein wichtiges Thema. Man freut sich über Erfolge und ärgert sich über Niederlagen. Als ich kam, schimpfte man ja nicht einmal mehr über Hertha. Der Zuschauerschnitt lag bei 5000.

In der Sport Bild liest man: „Dieter Hoeneß spricht oft und gern davon, wie er Hertha aus der 2. Liga hochgeführt hat. Wie er Hertha langsam päppelte. Wie er Strukturen aufbaute. Das hat er wirklich gut gemacht. Aber: Hertha hat rund 35 Millionen Euro Schulden. Und bei 25 Millionen davon muß sich keiner fragen, wo die geblieben sind. Die sind in den vergangenen sechs Jahren schlicht verpulvert worden. Das hat er schlecht gemacht.“

FSV Mainz – VfL Wolfsburg 5:1

Zerfallsprodukt

Tobias Schächter (SZ) kommentiert die hohe Wolfsburger Niederlage: „Der VfL Wolfsburg ist der Inbegriff grauester Graumäusigkeit. Dabei sind die Ansprüche immer noch groß, auch wenn sie inzwischen relativiert wurden. An Manchester United wollte der Aufsichtratsvorsitzende Lothar Sander den VfL orientiert sehen. (…) Die Erklärungen von Fach und Strunz weisen wohl auf Symptome hin, lenken aber vom Kern ab. Zum einen besteht der Verdacht, dass die Mannschaft falsch zusammengestellt ist und die widerstrebenden Parteien es jedem Trainer schwer machen. Zum anderen verhärten die jüngsten Vorkommnisse die Vermutung, dass das Verhältnis zwischen Mannschaft und sportlicher Führung belastet ist. (…) Ein Scheitern Fachs würde auch die Position Strunz’ in Frage stellen.“ Michael Eder (FAZ) vergleicht zwei Krisenstrategien: „Während die Mainzer bei ihrer langen Mißerfolgsserie immer als Team auftraten und in keinem Spiel demontiert wurden, während sie in allen Partien ein klares, für jeden erkennbares System spielten, präsentierten sich die Wolfsburger nicht erst in Mainz als Zerfallsprodukt.“

WamS: Volkswagen und Bayer in Wolfsburg und Leverkusen – Werksteams entpuppen sich als Investition ins Niemandsland

NZZ: Alpay Özalan – Täter und Opfer zugleich (sehr lesenswert!)

Montag, 5. Dezember 2005

Bundesliga

Istanbul ist überall

Wurfgeschosse und Ellenbogenschläge in Hamburg und Mönchengladbach – die Kommentatoren erkennen ihre Bundesliga an diesem „schmutzigen Samstag“ nicht wieder, „das Image des Fußballs hat einige dicke Flecken abbekommen“ (FAZ). Welche Ursache hat die Gewalt, wie ist sie zu dämmen? Die Autoren blicken ins Ausland. Thomas Haid (StZ) mahnt die Deutschen, vor ihrer Haustür zu kehren: „Groß war die internationale Empörung, als die Schweizer Nationalmannschaft im Fenerbahce-Stadion bepöbelt und körperlich attackiert wurde. Aber spätestens seit Samstag weiß es wieder jeder: Istanbul ist überall.“ Wie sind die gerufenen Geister wieder loszuwerden, Markus Lotter (Welt)? „Es ist der Preis für die gute Stimmung. Die reinen Fußballstadien – aus dem Boden gestampft, um die Emotionalisierung des Erlebnisses zu befeuern – ohne Zäune, laut beschallt wie Diskotheken, werden zu Stätten der Hysterie. Die Baupläne sahen allerdings nicht vor, daß die renditeträchtigen Dampfkessel überkochen können. Daß vor allem das Stadion ein Ort ist, wo Menschen ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Vernünftig will hier niemand sein. Nähe ist in diesem Moment fatal. Also werden sich die Fußballmacher hierzulande vielleicht an England orientieren: Dort wurde mit hohen Eintrittspreisen, reinen Sitzplatzstadien und schikanösen Überwachungssystemen diszipliniert. Die Folge: Viele gutbetuchte Zuschauer gefährden dort seitdem die Stimmung.“

VfB Stuttgart – Bayern München 0:0

Mittelmäßigkeit

Die Beobachter können sich kaum wach halten. Auch zehn Bayern hätten sie einen Torschuss zugetraut, und von Stuttgart hätten sie erwartet, dass es die Gelegenheit gegen zehn Bayern nutzt, einen Befreiungsschlag zu setzen; seinem Trainer werfen sie Verzagtheit vor: „Trapattoni ist der Vater der Porzellankiste“, hänselt die Stuttgarter Zeitung. Auf der Tribüne friert Andreas Burkert (SZ): „Nach dem Wechsel legten die dezimierten Münchner eine Genügsamkeit an den Tag, die an den kühlsten Verwaltungsfußball vergangener Zeiten erinnerte, welcher in der Ära Magath auf immer und ewig ausgerottet schien. Die Gastgeber wiederum wirkten gegen einen zurückhaltenden Gegner weder forscher noch phantasievoller als zuvor.“ Peter Heß (FAZ) vergibt – immerhin – den Preis für den besten Darsteller: „Auch Sebastian Deisler vermochte den Südschlager durch seinen Einsatz nicht vor der Mittelmäßigkeit zu bewahren. Aber seine Vorführung eines Fußballbösewichts sorgte wenigstens für einen Moment im Spiel, der über den Schlußvorhang nachwirkte. (…) Wie beliebt der ansonsten untadelige Mittelfeldspieler ist, wurde an den milden Reaktionen auf seinen Aussetzer deutlich.“

Was sagen die Offiziellen nach dem Spiel? Viel Unsinn, meinen die Journalisten. Oliver Trust (taz) wundert sich über die Freude aller Beteiligten: „Die Kommentare waren geprägt von Sanftmut und Verständnis, für jeden, Freund und Feind. Es war der Abend der Komplimente und jeder schien froh, unbeschadet aus dem Spiel gekommen zu sein.“ Peter Heß (FAZ) ärgert sich über Beschönigung: „Es war ein Nachmittag, an dem der Begriff Wahrheit wieder einmal so gedehnt wurde, daß am Ende nur noch eine ganz dünne Haut die Blase zusammenhielt. Das 0:0 im vermeintlichen Spitzenspiel ließ verschiedene Interpretationen zu, was bei einem unentschiedenen Ausgang in der Natur der Sache liegt. Aber es streifte schon den Tatbestand der Dreistigkeit, wie die Trainer und Spieler dieses Spiel zu ihren Gunsten drehten und wendeten. Die ungeschönte Wahrheit vorneweg: Der Südschlager zog sich wie Kaugummi. (…) Die Bayern taten sich vor allem dadurch hervor, daß sie sich in die Stuttgarter Vereinspolitik einmischten.“ Eine dreiste Forderung müssen wir von Felix Magath lesen, eine Sperre für Deisler sei unnötig: ‚Wieso sollte noch eine andere Mannschaft von Sebastians Vergehen profitieren?’ Das DFB-Gericht solle doch auch einmal an die Nationalmannschaft denken und den Aufwärtstrend des Hoffnungsträgers für die WM 2006 nicht stören. ‚Nur ich soll immer an die Nationalmannschaft denken.’“ Da fehlen einem die Worte.

Unaufstellbare Elf

Lethargie hat in Stuttgart Unmut und Kritik abgelöst, zumal wir Meinungen lesen, wenn auch vereinzelt, die Trapattoni in Schutz nehmen. Etwa Christof Kneer (SZ), der auf einen Mangel im Stuttgarter Kader hinweisend: „Aus dem VfB ist eine unaufstellbare Elf geworden, vermutlich ist das der Grund, warum Trapattoni bis heute an der Formation herumdoktert. Ein fehlkonstruierter Kader ist nichts Neues in der Liga, neu aber ist, dass die Verantwortlichen sich häuslich einrichten in ihrer Unvollständigkeit. (…) Erwin Staudt weiß nur zu gut, dass seine nächste Trainerentscheidung sitzen muss, da zögert er sie lieber ein wenig hinaus. So hat sich ein leidenschaftsloser Aussitzreflex breit gemacht im Klub, auch auf den Rängen ist die Ablehnung in Neutralität umgeschlagen. Trapattoni wird nicht beschimpft, Trapattoni wird nicht bejubelt. Er ist jetzt einfach nur noch da.“ Peter Heß (FAZ) schwankt zwischen Klage und Lob für den „Unverstandenen: Trapattoni liebt und lebt und atmet Fußball, setzt sich mit Verstand und Herz mit seinem Lieblingsthema auseinander. Man wünschte ihm Profis, die ihm mit ebenso großer Leidenschaft, Einsatz und gutem Willen folgten. Andererseits, wer es nicht schafft, seine Schäflein hinter sich zu versammeln, der hat seinen Job verfehlt.“

FR: Der Verschmähte – Markus Babbel fühlt sich als Opfer der Rotation unter Trapattoni und will weg

Hamburger SV – 1. FC Köln 3:1

Zum Spiel ist nicht viel zu sagen – Jörg Marwedel (SZ): „Die Entgleisung eines Fans erspart den Kölnern eine neuerliche Trainerdiskussion. Normalerweise hätte nach dem Abpfiff das übliche Programm der vergangenen Wochen auf Andreas Rettig gewartet: Er hätte – zum hundertsten Mal – Fragen nach der Zukunft Uwe Rapolders zu beantworten gehabt. Er hätte die erneut schwache Leistung von Lukas Podolski kommentieren sollen. Und natürlich wäre Rettig gedrängt worden, sich zum Absturz des Aufsteigers zu äußern, der auf einem Abstiegsplatz angekommen ist. Rettig hat zu alledem kaum etwas sagen müssen. (…) Hinter all den unschönen Randerscheinungen blieb ein mittelprächtiges Fußballspiel übrig. “

Borussia Dortmund – Hannover 96 0:2

Vom Klischee abweichend

Richard Leipold (FAZ) begreift Peter Neururers Bescheidenheit: „Weil Neururer aus der Geschichte gelernt hat, will er nicht mehr ‚Peter der Große’ sein. Noch am Ort des jüngsten Triumphes relativierte er den schnellen Erfolg, den der flüchtige Betrachter dem Trainer zuschreibt. Der Aufschwung kam ein wenig glücklich zustande, erscheint aber auch als Ergebnis ernsthafter Arbeit; einer Arbeit, die vor Wochen und Monaten geleistet wurde. Taktisch klug erwähnt Neururer ausdrücklich seinen Vorgänger Ewald Lienen, der bei den Spielern trotz der Trennung geachtet ist. Lienen habe eine intakte Mannschaft hinterlassen. Abweichend vom Klischee tut Neururer so, als hätte er sich ins gemachte Nest gesetzt.“

Welt-Interview mit Neururer

Arminia Bielefeld – Schalke 04 0:1

Schwierige Verbindung von schönem und ergiebigem Fußball

Ulrich Hartmann (SZ) erwartet nicht, dass Ralf Rangnick in Schalke alt wird: „Mit solchen Zwischenständen ist das Schalker Management nicht zufrieden. Deshalb steht Rangnicks Zukunft 15 Monate nach seinem Antritt schon wieder auf der Kippe. Am Saisonende läuft sein Vertrag aus, und wenn man die Verantwortlichen so hört, deutet nicht viel darauf hin, dass sie den Vertrag mit ihm gern verlängern möchten. Das hat wirtschaftliche Gründe sowie ästhetisch ambitionierte: Der Verein hat viel Geld in den Kader investiert, aber das sehr gut besetzte Team tut sich schwer mit der Verbindung von schönem und ergiebigem Fußball. Schalke kauert minimalistisch im Schatten der bisweilen zirzensisch agierenden Konkurrenten München, Hamburg und Bremen und hält nur mit einiger Mühe Schritt.“

Borussia Mönchengladbach – 1. FC Nürnberg 0:1

Trennung von der Ich-AG

Andreas Morbach (taz) befürwortet die Entlassung Giovane Elbers: „Ein knappes Jahr lang haben sie ein stattliches Gehalt an einen Mann berappt, der ihnen sportlich nicht weitergeholfen und reichlich Ärger gemacht hat. Im Verein wollten sie das bis zuletzt nicht wahrhaben (…) Parallel zu entsprechenden beschäftigungspolitischen Plänen der neuen Bundesregierung haben sich die Gladbacher nun also von ihrer Ich-AG Giovane Elber getrennt.“ Markus Lotter (Welt) lacht über Elbers Seufzer, Fußballprofis seien „moderne Sklaven“, ausgestoßen, als Elber Bayern verlassen musste: „Wenn wir ihn richtig verstanden haben, ist er wie ein entrechteter Leibeigener damals verraten, verkauft, verschleppt und auf einer Galeere nach Lyon verschifft oder gar zur Flucht gezwungen worden wie am Ende des Krieges die Vertriebenen mit ihren Viehkarren durch die Kurische Nehrung. Auch in Stuttgart glauben viele Fans heute noch, daß Elber zu den Bayern einst gegen seinen Willen hat gehen müssen, denn zum Abschied hat er vor der Tribüne damals ganz wild sein Trikot gebusselt, dort, wo das Herz druntersteckt, so daß jeder dachte: Unser Giovane wird zum Gehen gezwungen, mit der Pistole auf der Brust. Mensch, Elber – ist es nicht eher das Geld, das einem als Opfer des Traumberufs Fußballstar auf die Brust gesetzt wird? (…) In der Nachspielzeit seiner Karriere hat sich da ein ehemals Großer nichts Gutes getan. Wie schrieben die blumigen Jungs von Bild, als sich zum Schluß hin selbst der unbekannte Amateur Bekim Kastrati als zeitweise stärker erwies: ‚Elber von Kastrati enteiert’. Das wäre das Letzte gewesen, was über George Best am Ende einer zu sagen gewagt hätte.“

FTD: eine Art Staatsbegräbnis für George Best
Bildstrecke, faz.net
NZZaS-Interview mit Elber

Christoph Biermann (SZ) kommentiert das neue, alte Nürnberger Libero-System: „Seine Mannschaft fühlte sich im Retro-Chic wohl, und es gelangen ihr mitunter sogar hübsche Momente im Spiel nach vorne. Aber ein Notsystem mit freiem Mann sorgt für stete Unterzahl im Mittelfeld oder Unterbesetzung im Angriff; erfolgreich durch die Saison kommt man damit kaum. (…) Bei den Borussen kommen wahrscheinlich so langsam nur Tabellenstand und sportliche Möglichkeiten in Deckung. Bislang hatten sie oft von einer Fülle glücklicher Momente profitiert, so dass die Mannschaft mit bislang 21 Punkten eher überbewertet war.“

Werder Bremen – MSV Duisburg 2:0

Frank Heike (FAZ) hält fest: „Werder ist längst so weit, daß Siege gegen Aufsteiger Pflichtsiege sind.“

Bildstrecke 15. Spieltag, sueddeutsche.de

Freitag, 2. Dezember 2005

WM 2006

Dreist

Turbokapitalismus beim Ticketverkauf? Verbraucherzentralen klagen vor Gericht gegen die das WM-OK; die Bedingungen der Optionstickets seien rechtswidrig: teure Service-Gebühren, Rückgabeverbot und Vorauszahlungspflicht. Die deutsche Presse reagiert mit moderater Kritik an den Organisatoren. Robert Ide (Tsp) stimmt den Klägern zu, verweist aber auf die Vorteile der Optionstickets: „Die Kritik an den Verkaufsbedingungen und der späten Rückzahlung ist berechtigt. Denn der Verdacht drängt sich auf, dass sich das OK seine laufenden Kosten von Fußballfans finanzieren lässt, ohne ihnen am Ende wirklich einen Platz im Stadion anbieten zu können. Trotzdem steckt in der Klage auch ein wenig Populismus. Das Programm der Optionstickets ist eine gute Erfindung dieser WM und sollte der Klage deshalb nicht zum Opfer fallen. Denn der Handel mit Optionskarten kann verhindern, dass in ausverkauften Stadien Plätze frei bleiben. Darüber würden sich bei der WM Organisatoren und Fans gleichermaßen ärgern.“ Frank Hellmann (FR) beanstandet den Vorauszahlungspreis: „Dem Komitee ist der Vorwurf zu machen, nicht gerade sensibel die Vorausleistung für Optionstickets bestimmt zu haben. Sofort die Preise der teuersten Kategorie einzuheimsen ist dreist. Eine Anzahlung auf die Optionstickets oder eine Abnahmeverpflichtung bei Zuteilung hätte auch gewährleistet, dass die Besteller später nicht wieder abspringen. Ein Argument des Komitees ist indes nicht zu widerlegen: Niemand ist gezwungen, die 140 000 Optionstickets zu ordern.“

FR (Hintergrund): Verbraucherschützer klagen gegen DFB und Organisatoren
Tsp: Rechtsstreit um WM-Tickets
SpOn: André Kauselmann, ein Fußball-Fan, soll 40 Euro für zwei Karten bezahlen, die er nie erhalten wird

Deutsche Elf

Vertreter einer neuen Rationalität

Wie viel wissen wir über Jürgen Klinsmann? Wenig, und würden gerne mehr wissen – besonders über seine Arbeit und seine Haltung zum Fußball, vielleicht würde er „Trainingsphilosophie“ dazu sagen. Moritz Müller-Wirth (Zeit) hat sich mit Klinsmann in Kalifornien getroffen (übrigens nicht bei Starbucks) und ein sehr lesenswertes und sehr langes Feature verfasst, in dem er unter anderem Klinsmanns Abneigung gegen Interesse an seinem Privatleben und seine Unbestechlichkeit beschreibt: „Erst langsam scheint er zu erkennen, dass die Unabhängigkeit, die sich der Spieler Klinsmann herausnehmen konnte, dem Bundestrainer Klinsmann nicht zugestanden wird. Darunter leidet er, vor allem, wenn er mit ansehen muss, wie gläsern ein Mann in seinem Amt gemacht wird. Schon als Spieler bei Bayern München litt Klinsmann unter den vereinstypischen Indiskretionen. (…) Wenn Klinsmann über seine Familie redet, entspannt sich sein Gesicht, nichts erinnert mehr an die angestrengte Selbstverteidigung. Verschwunden ist der imamhafte Drang zur Perfektion des Mannes, der mit Hilfe von Zahlenkolonnen zu Fitnesswerten den Erfolg herbeirechnen will. Klinsmann ficht das nicht an, er kennt all die Zweifel an seiner Methodik. Sollen die Leute doch reden: ‚Unsere Vorgaben und Forderungen sind in den Spitzenclubs weltweit schon lange eingeführt, sie sind bei erfolgreichen Nationalmannschaften wie Brasilien seit Jahren selbstverständlich.’ Ganz natürlich bekämen auch die in aller Welt verstreuten brasilianischen Weltstars von ihrem Trainer Carlos Alberto Pereira Hausaufgaben mit auf den Weg. Mit Rudi Völler ließ sich altes DFB-Selbstverständnis noch verbinden. Obwohl sich Völler während seiner Profi-Jahre in Rom eine gewisse Weltläufigkeit angeeignet hatte, blieb er doch immer der ‚Ruuudi’. Er packte seine Jungs bei der Ehre, forderte ihnen aber nie systematisch die Trainingseinheiten ab. Bei Klinsmann entscheidet der bessere Sprintwert und nicht der Kumpelfaktor. Das Zauberwort heißt Effizienz. Damit passt Klinsmann in das neue Deutschland mit seiner Großen Koalition der Pragmatiker. Auch im Profifußball beginnt die Dämmerung der Ideologen, der schwitzigen Männerbünde und feucht-fröhlichen Mannschaftsabende. Volksnähe ist trotz aller Logen zwar noch gewünscht, die Fraternisierung mit der Basis wird als anachronistisch empfunden. Als Vertreter einer neuen Rationalität ähnelt Klinsmann Angela Merkel, von der es heißt, dass sie vom Volk nicht wirklich geliebt werde, weil sie ihrerseits das Volk nicht wirklich liebe.“

Klinsmann hat Müller-Wirth ein sehr spannendes und rares Thema genannt – Klüngel zwischen Spielern, Funktionären auf der einen und Journalisten auf der anderen Seite: „Wir beschäftigen uns seit unserem Amtsantritt mit dem Phänomen Informationskorruption. Nach meinem ersten Treffen in New York, als meine Gesprächspartner vom DFB zurückgeflogen waren, vergingen keine zwei Stunden, da war die Begegnung bei einigen Journalisten schon publik. Gerhard Mayer-Vorfelder und Horst R. Schmidt sind verlässliche Personen, aber in ihrer Umgebung gab es offenbar Menschen, die etwas gehört hatten und das sofort nach außen getragen haben. Ich habe es als Spieler bei Mannschaftskollegen nicht nur in Deutschland erlebt, dass Indiskretionen nie ohne Gegenleistung abliefen: Der eine verrät Interna und wird dafür beim nächsten Spiel etwas freundlicher beurteilt. Das ist zu einem Problem geworden, in ganz Europa. (…) Natürlich gab es gewachsene Bindungen und einen gezielten Informationsaustausch zwischen Leuten im DFB und Journalisten. Das haben wir durch unsere inzwischen vollzogenen Wechsel im Umfeld der Nationalmannschaft beendet, vertrauliche Informationen bleiben jetzt wirklich intern.“

Reformer gescheitert, Reform durchgesetzt

Helmut Schümann (Zeit) blickt zurück auf Klinsmanns Zeit bei Bayern München (sollte der VfB-Fan sagen: Klinsmanns Verrat?) und seinen bleibenden Einfluss auf den Verein: „Sie wollten Klinsmann, unbedingt. Den treffsicheren Stürmer, den Strahlemann, der ein Jahr zuvor bei der WM selbst den drögen Amerikanern Soccer nahe gebracht hatte, den vergleichsweise Intellektuellen, den Weltmann, der fließend englisch spricht, fließend italienisch und passabel französisch. Vor Klinsmann war der FC Bayern geprägt von, nun ja, von Lothar Matthäus, das war Plapperei in fränkischer Vollendung, seicht, weitgehend sinnentleert und fest verankert auf dem Boulevard von Bild. FC Hollywood wurde der Klub in diesen Tagen genannt, zur Freude von Lothar Matthäus, zum zunehmenden Ärger von Uli Hoeneß. Dieses Image zu ändern, das war Klinsmanns unausgesprochener Auftrag. (…) Darauf angesprochen, dass Klinsmann lange vergeblich gefordert hätte, das Medienspektakel um den FC Bayern zu bremsen, sagte er: ‚Ich bin ja lernfähig. Wir werden den FC Bayern jetzt nur noch mit Sport, Sport, Sport präsentieren. Dann haben wir nicht mehr den FC Hollywood, sondern wieder den Fußballklub Bayern München.’ Der Reformer Klinsmann war gescheitert, aber die Reform hatte sich durchgesetzt.“ Fabian Heckenberger (StZ) rezensiert die Klinsmann-Biographie des FAZ-Autoren Michael Horeni: „Horeni zeichnet mehr als nur das Bild des Sonnyboys, des ‚Cleansman’, des Saubermanns. Er zeigt die Entwicklung der Nummer 18 vom unbedarften Fußballer zum kühlen Profi des Geschäfts, der die Regeln der Branche zwar nicht für gut befand und sich ihnen bis heute nicht unterordnen will, andererseits aber sehr wohl gelernt hat – nicht zuletzt in seiner Zeit als Geschäftsmann in den USA –, diese Regeln für sich auszunutzen.“

Michael Horeni: Klinsmann – Stürmer, Trainer, Weltmeister. Scherz-Verlag, Frankfurt am Main, 2005.

Donnerstag, 1. Dezember 2005

Ball und Buchstabe

Kollektiver Besitz

Sehr lesenswert! Wem gehört der Fußball? Christoph Biermann (SZ) schreibt über die „deutsche, sozialdemokratische Variante von Fußballkapitalismus“ und gibt bei der Vergabe der TV-Rechte die komplizierte Eigentumsfrage zu bedenken: „Zwischen den Fans und den Klubs besteht eine Art unerklärter Sozialpartnerschaft, während in Italien oder England vor allem überlegt wird, wie man das Publikum am besten abkassiert. Obwohl viele Bundesligisten inzwischen Kapitalgesellschaften sind, handeln sie doch nicht nur nach der Maxime der kurzfristigen Profitmaximierung. Den meisten Managern ist zumindest vage klar, dass sich die Klubs im kollektivem Besitz ihrer Stadt, Region oder Fans befinden. Auch deshalb wäre ein Fall wie die Übernahme von Manchester United durch den amerikanischen Spekulanten Malcolm Glazer hierzulande kaum vorstellbar. Der Egoismus der großen Klubs in Spanien oder Italien bei den Verteilungskämpfen um Fernsehgelder, der die kleinen Klubs zu Sparringspartnern degradiert, hält sich in Deutschland ebenfalls zumindest in Grenzen. Auch in Deutschland werden die Großen zwar größer und die Kleinen kleiner, nur eben noch nicht in dem Maße wie anderswo. Dieser Umstand wird in die Überlegungen zur Vergabe von Übertragungsrechten eingehen müssen. Die Sozialpartnerschaft, stets umkämpft zwischen Fans und Managern, darf nicht gefährdet werden. Derzeit ist das Verhältnis in den Stadien relativ gut tariert. Wenn das Publikum aber den Eindruck gewinnt, dass beim neuen Zuschnitt der Bundesliga im Fernsehen allein ökonomische Überlegungen bestimmen, könnte der Schaden größer sein als der finanzielle Gewinn.“

Marcus Theurer (FAZ/Wirtschaft) hält uns auf dem laufenden: „Mit der Gleichung ‚mehr Geld für mehr Exklusivität’ will Premiere-Chef Georg Kofler die DFL für seine Maximalforderungen gewinnen. Daß dies gelingt, gilt mittlerweile als unwahrscheinlich. Die ARD will weiter am Ball bleiben und hat dafür offenbar das Wohlwollen der Bundesliga. Doch nach 20 Uhr darf die öffentlich-rechtliche Anstalt keine Werbung mehr zeigen, was auch die Erlös-Chancen der Clubs schmälern würde. Und so rechnen viele Beobachter damit, daß die Bundesliga in der ARD zwar etwas später als bisher laufen und eventuell inhaltlich abgespeckt wird. Doch, daß die Spiele im freien Fernsehen erst abends um zehn angepfiffen werden, glauben die wenigsten.“

Online Focus: Im Internet schauen Fußballfans Bundesliga- und Champions-League-Spiele kostenlos live – zum Ärger der Verbände und Clubs

Ich bin vielleicht ein bisschen ahnungslos und naiv

Wenn Reiner Calmund ins Schwatzen kommt, gibt’s kein Halten mehr. Die taz hat ihn nun zu diesem und jenem befragt, auch zur Politik, und ihm die Gelegenheit gegeben, sich als Macher aufzuführen: „Ich habe schon vor anderthalb Jahren gesagt: Bei den Problemen, die wir im Land haben, brauchen wir eine große Koalition. Wo sind wir denn gelandet mit all den Schuldzuweisungen, Anfeindungen unter den Parteien? Die Menschen sind verunsichert, sonst nichts. Wer jetzt nur noch Parteipolitik will, den kann ich nicht mehr sehen. So ein Pipifax! Wir brauchen nicht Schwarz, Rot, Grün, Gelb und Blau. Wir brauchen Schwarz-Rot- Gold, die Besten für Deutschland. Mir waren Köpfe mit Charakter und klaren Vorstellungen immer wichtiger als Parteiprogramme: Ich habe Helmut Schmidt mit der gleichen Begeisterung gewählt wie Helmut Kohl, da bin ich ganz schmerzfrei. Ich habe aus Spaß mal eine Mannschaftsaufstellung für Deutschland gemacht: Helmut Kohl ist Trainer, Professor Dietrich Grönemeyer ist Mannschaftsarzt. Im Tor spielt Frau Merkel. Die hat viel draufgekriegt und fällt nicht um. Friedrich Merz als rechter Außenverteidiger mit Offensivdrang. Joschka Fischer als Verteidiger: geschickt im Straßen-Nahkampf, international erfahren. Otto Schily als knallharter, kompromissloser Stopper. Im Mittelfeld Christian Wulff als Shootingstar, Gerhard Schröder als Mittelstürmer. Als Außenstürmer den dynamischen Wendelin Wiedeking von Porsche und den trickreichen Heinrich von Pierer von Siemens. (…) Bei den Sozialdemokraten bin ich Rechtsaußen, bei der CDU fühle ich mich als Linksaußen in den Sozialausschüssen sehr wohl. Ich bin da ja neutral, vielleicht sogar ein bisschen ahnungslos und naiv.“

FAZ: Jürgen Klopp hat an der Universität Mainz ein Gespräch mit Michael Macsenaere, Professor für Psychologie, geführt – Thema: mentales Coaching

Unterhaus

Reformator

Von der Freiheit eines Fußballmenschen – Ronny Blaschke (SZ) hält die Lehrsätze Petrik Sanders für die Quelle des Cottbuser Erfolgs: „Die Cottbuser liegen auf einem Aufstiegsplatz, weil ihnen Erfolg inzwischen wichtiger ist als Erinnerung. Ein Jahr ist vergangen, seitdem Sander den Trainerposten von Eduard Geyer übernommen hat, es war der Beginn der Cottbuser Revolution. (…) Sander, früher Talentscout und Assistent, ist kein Anti-Geyer. Er wirft nicht Bewährtes über den Haufen, nur weil es zuletzt nicht funktioniert hat. Das Training hat er nicht radikal geändert, den Umgang mit den Spielern sehr wohl. Während die Autorität Geyer seine Schüler oft vergrätzt hatte, sie zu Mama zum Ausheulen schickte oder mit Prostituierten in St. Pauli verglich, predigt Reformator Sander die Gleichberechtigung.“

SZ: Werner Lorant, der einstige Erfolgstrainer von 1860 München, ist nach vielen Stationen in der fußballerischen Peripherie gelandet: Sivas, Zentralanatolien.

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