Freitag, 29. Oktober 2004
Bundesliga
Der 10. Bundesliga-Spieltag, Teil 2
Der 10. Bundesliga-Spieltag, Teil 2: „keine Spur mehr in Stuttgart von den alten Kampfreflexen der Magath-Schule“ (SZ) / Klaus Allofs, „der vielleicht beste Manager der Nach-Hoeneß-Generation“ (FAZ) – „auch 21 Jahre ohne Titel haben die Hamburger Fans nicht bescheiden gemacht“ (SZ) / „schmutziges Spiel der Hamburger Protagonisten“ (FR) – „das Modell Mainz 05, Beleg dafür, wie weit man mit einem klaren System, Einsatz- und Laufbereitschaft sowie Leidenschaft kommen kann“ (FAZ) – Schiedsrichterschelte und „rhetorische Standardsituation“ (FAZ) in Nürnberg – der Wandel des Andrej Woronin in Leverkusen
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VfB Stuttgart-Werder Bremen 1:2
Keine Spur mehr von den alten Kampfreflexen der Magath-Schule
Vom VfB Stuttgart ist Martin Hägele (SZ 29.10.) besseres gewohnt: „Weil sich das Team von Trainer Sammer in den guten Tagen über sein kollektives Verständnis definiert hat, sollte man jetzt auch fragen, warum Andreas Hinkel und Philipp Lahm, die Musterverteidiger der Nationalelf, nicht mehr die Linien rauf und runter rasen, Haken und Flanken im Akkord schlagen? Und weshalb Cacau und Kuranyi, die sich bis zur Verletzung des Letzteren wie blind verstanden hatten, nun einander im Strafraum übersehen? Oder warum Zvonimir Soldo, der Mann am Schaltpult, nun Tempo und System nicht mehr steuern kann? Waren es die vielen Vorschusslorbeeren auf den Deutschen Meister 2004/05? Oder das Gefühl, den hochgesteckten Ambitionen nicht gewachsen zu sein, wenn sich urtümlicher Widerstand einstellt wie in Freiburg, oder zehn Bremer zu den rustikalen Mitteln des Kampfes greifen? In der vergangenen Saison hätte jede gegnerische Mannschaft, die zehn Minuten vor Schluss im Daimler-Stadion in Führung gegangen wäre, noch ihr blaues Wunder erlebt. Gegen Werder stoppte nach dem Platzverweis der Schwung im VfB-Spiel abrupt, vorbei war’s mit der Kontrolle des Gegners, die Körpersprache der Weiß-Roten verriet Angst. Keine Spur mehr von den alten Kampfreflexen der Magath-Schule. In dessen Zeit habe man darauf vertrauen dürfen, dass man jeden Gegner zum Schluss athletisch niedermachen könne, erzählte ein Spieler deshalb hinter vorgehaltener Hand, weil er den Eindruck vermeiden wollte, dass ihm dies als Kritik an Trainer Sammer ausgelegt werden könne. Die wollte er nämlich ausdrücklich nicht üben. Nur wissen offenbar einige VfB-Spieler im Moment gar nicht, ob sie sich erfolgreich auf einen solchen Kraftakt einlassen könnten. (…) Werder kämpft auch in dieser Saison um den Titel.“
Nun ging auch der nächste Charaktertest daneben
Elke Rutschmann (FTD 29.10.) fügt hinzu: „Die größten Einschlafprobleme dürfte Matthias Sammer gehabt haben – und das lag wohl weniger an der Mondfinsternis, die kurz vor vier Uhr am Himmel über Stuttgart zu beobachten war. Erstaunlich milde analysierte der Perfektionist die Partie und wirkte mit seinen Gedanken ganz weit weg. In der Realität sei man nun angekommen, nachdem die Seinen die ersten acht Auftritte fast traumwandlerisch sicher absolviert hatten. Wie es aussieht, hatte die kollektive Lobhudelei dem Team nicht gut getan. Nach der Pleite in Freiburg ging nun auch der nächste Charaktertest daneben. Die wahre Zustandsbeschreibung seines Ensembles will sich Sammer allerdings bis nach dem Auftritt in Gelsenkirchen aufheben.“
Der vielleicht beste Fußballmanager der Nach-Hoeneß-Generation
Wurde der VfB zu viel gelobt? Werder gibt’s auch noch – Roland Zorn (FAZ 29.10.): „Zerknirscht und seltsam untätig sahen die Stuttgarter in den letzten 25 Minuten zu, wie die dezimierten Bremer mit Powerfußball verloren geglaubtes Terrain zurückeroberten. „Nach der Roten Karte haben bei uns alle um fünf Prozent nachgelassen“, lautete Sammers Minusrechnung, als Stuttgart sein kleines Plus verspielt hatte. Dem Sachsen war die unreife Vorstellung seiner zuletzt schon als früh- und meisterreif gelobten jungen Mannschaft mit erfahrenen Anführern aufs Gemüt geschlagen. Werder dagegen feierte den Triumph der Moral norddeutsch-gelassen. Die Mannschaft, die eine Halbzeit brauchte, um den Stuttgartern nicht nur mit Härte, sondern auch mit spielerischer Qualität beizukommen, besann sich in der Not auf ihre Klasse. (…) Erstmals in dieser Saison haben die von Verletzungssorgen, Krankheiten und Sperren gebeutelten Bremer überzeugend zurückgeschlagen und einen Rückstand in einen vollen Erfolg verwandelt. Wenn Werder mal komplett ist, hat der Double-Gewinner der vergangenen Spielzeit neben dem FC Bayern München am ehesten das Zeug dazu, die lange Rallye zwischen Bundesliga, Champions League, DFB-Pokal und Länderspielen mit der Aussicht auf weitere Titel durchzustehen. „Wir wissen“, sagte Klaus Allofs, „daß wir auch eine angespannte Situation meistern können.“ Der vielleicht beste Fußballmanager der Nach-Hoeneß-Generation erlaubte sich den martialischen Hinweis: „Heute abend werden wir die Überlebenden zählen.““
Hamburger SV-SC Freiburg 4:0
Auch 21 Jahre ohne Titel haben sie nicht bescheiden gemacht
Wer soll, kann und will sie noch bremsen, Jörg Marwedel (SZ 29.10.)? „Es hatte etwas Rührendes, als Thomas Doll am Ende von „vier tollen Tagen“ noch einmal die Stunden vor dem Spiel beschrieb. „Ich habe mich“, berichtete der neue HSV-Coach von seiner Heimpremiere, „den ganzen Tag gefreut, und die Mannschaft hat gespürt, dass ich dem Spiel entgegenfiebere.“ Er selbst wiederum habe gemerkt: „Die Jungs wollen. Sie dachten: Wann fährt der Bus endlich los? Wir wollen ins Stadion.“ Der neue Spaß der HSV-Profis an ihrem Beruf, entfacht durch einen von fast naiver Begeisterung getragenen Trainer und das unverhoffte 2:0 von Dortmund, gipfelte schließlich in Jubelszenen, wie sie sich lange nicht in Hamburg abgespielt haben. Bis auf Torwart Pieckenhagen stürmte die komplette Mannschaft auf die Torschützen zu und bildete ein kaum zu entwirrendes Knäuel. (…) Die Fans kramten dennoch schon mal in ihrem verstaubten Fundus. Sie sangen: „Wer wird Deutscher Meister? Ha, ha, ha, HSV.“ Auch 21 Jahre ohne Titel haben sie nicht bescheiden gemacht.“
Dolly
Frank Heike (FAZ 29.10.) gratuliert zum Einstand: “Daß nun gerade Thomas Doll, der 38 Jahre alte Trainer-Novize, den viele Journalisten einfach „Dolly“ nennen, für neue, alte Berufsstandards gesorgt haben soll, kommt überraschend. Aber es ist wohl so. Die Spieler haben Rollen, die sie auf klar zugeteilten Räumen ausfüllen können, ohne daß Woche für Woche schwierige Systemwechsel von ihnen verlangt werden. Wo man auch hinhörte, die Profis machten die „neue Ordnung“ verantwortlich für den Umschwung mit dem zweiten Sieg im zweiten Spiel. 4-4-2 heißen die Zahlen, die diese Formation beschreiben. (…) Mit seiner Offenheit sammelt Doll dort Sympathiepunkte, wo viele Trainer nur das Pokerface aufsetzen und Phrasen ablassen. „Ich bin HSVer durch und durch. Es ist eine große Ehre für mich, und ich bin stolz, hier Trainer zu sein.“ In einer Ecke hörte HSV-Vorstand Bernd Hoffmann zu. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. In diesem Moment muß er kurz gedacht haben, endlich einmal alles richtig gemacht zu haben.“
Schmutziges Spiel
Frank Hellmann (FR 29.10.) liest Sergej Barbarez die Leviten: „Heuchelei in Hamburg: Der ganze HSV rennt wie aufgedreht, kombiniert wie losgelöst. Wo die Spieler vorher stehen blieben, grätschen sie hin. Wo sie früher umherirrten, halten sie nun die Laufwege ein. Die sich untereinander die Unterstützung versagten, halten sich nun im Kollektiv vor der Fankurve an den Händen. Und alles nur, weil statt des beleibten Klaus Toppmöller plötzlich der schmale Thomas Doll da draußen steht? Doll hat auch eine lustige Lockenpracht und gar nicht so andere Ansichten als der Vorgänger. Aber was bei „Toppi“ zum Flop geriet, ist bei „Dolly“ top. Das 4:0 gegen überforderte Freiburger war deshalb zuvorderst Indiz, welch schmutziges Spiel die Protagonisten trieben. Vor allem Barbarez. Sein Verhalten verdient Kritik. Weil er nicht Kapitän wurde, nicht konform mit dem Kurs des Trainers ging und am Ende sogar in der Abwehr auflief, hat er mehr schlecht als recht Dienst nach Vorschrift geleistet. (…) Der extravagante Profi-Typus Barbarez ist auf seine alten Tage nur schwer erziehbar. Seine Leistungen sind allein von seiner Lust und Laune abhängig. Das ist fatal. Auf Dauer auch für Jung-Fußball-Lehrer Doll.“
FSV Mainz-Hansa Rostock 3:1
Hilfe! Es reicht
Uwe Martin (FAZ 29.10.) empfiehlt Nachahmung: „Das Modell Mainz 05 wird weiter als Beleg dafür dienen, wie weit man in der Bundesliga mit einem klaren System (4-4-2), Einsatz- und Laufbereitschaft sowie der mittlerweile endlos zitierten „Leidenschaft“ kommen kann. „Manchmal denke auch ich: Brechen die ein?“ sagte Präsident Strutz. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering (…) Mainz wird 05 in Wolfsburg wieder im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Wie schon seit Wochen. Trainer Klopp eilt von Interview zu Interview, und eigentlich müßte er alle großen, größeren, mittleren und kleinen Tageszeitungen der Republik jetzt hinter sich haben. Ebenso die Nachrichtenmagazine und Sportsendungen. Selbst bei „TV total“ war er schon zu Gast. „Hilfe! Es reicht“, schrieb unlängst das inoffizielle 05-Internetfanmagazin www.kigges.de und verwies auf einen „totalen Overflow“. Es sei kaum noch zum Aushalten mit den Lobeshymnen über ihren Verein, den als Zweitligaklub vierzehn Jahre lang gerade mal eine Handvoll Journalisten regelmäßig begleitet hatten. Aber das scheint inzwischen unendlich lange her.“
Kleine Jachten in rauer See
Schiff ahoi! Welchen Hafen läuft die MS Rostock an? Volker Boch (SZ 29.10.) benutzt Sprachbilder aus der Seefahrt, doch erfreulicherweise umschifft er die Hansa-Kogge, die hoffentlich gesunken ist, nachdem sie Mannschaften von schreibenden Leichtmatrosen durch schwere See geleitet hat: „Juri Schlünz ärgerte sich fürchterlich, selbst wenn er die Emotion geschickt verbarg. „Wir waren in einer schier aussichtslosen Lage‘, sagte der 43-Jährige nach dem blamablen Auftritt seiner Hansa. „Wir wollten Konter fahren“, sagte Schlünz, aber auf dem Weg nach vorne verröchelte ihnen der Motor. Da deutete nichts darauf hin, dass die Gäste dem Glanz der goldfarbenen Trikots, die denen der Bayern ähneln, gerecht wurden. Vorne standen die beiden Offensiven di Salvo und Prica der Mainzer Viererkette auf den Füßen, dahinter bauten sie einen Abwehrriegel auf mit sieben Mann, der bereits den Mittelkreis zur Verteidigungszone machte. Auf dem Feld sah es aus, als würden kleine Jachten in rauer See um einen überdimensionalen Zerstörer herumschwimmen. Schaukelnde Jachten mit Namen wie Azaouagh, Auer, Gerber, Da Silva und Weiland, die ab und an Schüsse gegen den Brummer abfeuerten. (…) Am Ende erlaubte sich Mainz unnötige Verspieltheiten. Dass das Rostocker Schiff endgültig versank, lag daran, dass Jürgen Kramny in der traditionell gefährlichsten Mainzer Minute, der 90., das Resultat auf 3:1 stellte.“
1. FC Nürnberg-Schalke 04 0:2
Rhetorische Standardsituation
Christian Eichler (FAZ 29.10.) rüffelt Wolfgang Wolf und Rudi Assauer: „Es kommt nicht nur Zuschauern in zugigen Stadien der kalten Fußballzeit gelegentlich abhanden: das Fingerspitzengefühl. Noch häufiger den Schiedsrichtern – jedenfalls gern im Urteil von Trainern, deren Teams zu wenig Fußspitzengefühl demonstriert haben. Auch Wolfgang Wolf hatte diese rhetorische Standardsituation parat, die dann bemüht wird, wenn bei den spielentscheidenden Pfiffen kein offensichtlicher Irrtum zu erkennen ist, sondern eben nur das „mangelnde Fingerspitzengefühl“. Der Trainer des 1. FC Nürnberg war wütend nach einer Partie, die nach zwei Platzverweisen für die Heimmannschaft schon nach 33 Minuten praktisch entschieden war. „Ein so erfahrener Mann wie Lutz-Michael Fröhlich“ müsse doch mehr, genau: „Fingerspitzengefühl haben“. Beziehungsweise, anders formuliert, ein oder zwei Augen zudrücken können. Wo aber hätte Fröhlich wegschauen können? (…) 33. Minute, Thomas Paulus: Ballverlust, ungestümer Tritt gegen das Bein von Ebbe Sand – das bedeutete Gelb-Rot. Hätte es auch eine letzte, heftige Ermahnung getan? Wolf wünschte sich mehr Nachsicht mit der Jugend und Unerfahrenheit seines Novizen. Doch das Fußballregelwerk kennt keine Jugendstrafe. Es war nach rund einem Drittel der Spielzeit schon das eigentliche Ende eines Fußballspiels, der gefühlte Schlußpfiff einer Partie, mit der am Ende keiner zufrieden war. (…) Rudi Assauer setzte fort, als wäre man nicht im Stadion, sondern auf einem Truppenübungsplatz: „Da muß man den Gegner abschießen.“ Und bewies, daß es nicht nur in Pfiffen, auch in Formulierungen abhanden kommen kann: das Fingerspitzengefühl.“
Man bekam Angst, seine Hände seien taub
Volker Kreisl (SZ 29.10.) teilt die Nürnberger Schiedsrichterkritik: „Ein Foul war es zwar, aber ein Allerweltsfoul, und deswegen empfand es nicht nur Wolf, sondern die gesamte Beobachterzunft und zudem Gästetrainer Rangnick als unpassend, hier einen Spieler vom Platz zu stellen. Es war hart gegenüber der Mannschaft und ärgerlich für die Zuschauer, die durchaus noch ein ernst zu nehmendes Fußballspiel hätten anschauen können. So diskutierte man eifrig im Konjunktiv, und alle Debatten endeten gleich: So oft wurde Schiedsrichter Fröhlich das „Fingerspitzengefühl“ abgesprochen, dass man Angst bekam, seine Hände seien taub. Wolf hatte sich kürzlich in Bremen Ärger eingehandelt, weil er den Schiedsrichtern unterstellte, ihr Ermessen zum Nachteil der kleinen Vereine auszulegen, und deshalb gerieten Fröhlichs Entscheidungen in die Nähe eines Skandals. In der Pressekonferenz stellte jemand die Frage, ob dies nun „eine Retourkutsche vom Verband“ gewesen sei, also ein Racheakt der deutschen Schiedsrichter an Kritiker Wolf, eine Verschwörung! Schon konnte man sich ausmalen, wie im innersten Zirkel der Mächtigen Geheimpläne geschmiedet wurden, dem 1. FC Nürnberg für den Fall, dass er am Boden liegt, noch den Rest zu geben. Wolfgang Wolf verteidigt stets sein Recht, dem Unparteiischen die Meinung zu sagen, doch darauf fiel er nicht herein.“
Bayer Leverkusen-Arminia Bielefeld 3:2
Nichts ist mehr übrig von dem übermotivierten verkrampften Spieler
Drei Tore durch Andrej Woronin, woran liegt’s? Daniel Theweleit (taz 29.10.): „Man könnte glauben, Woronin sei ein anderer Mensch geworden in Leverkusen. Während der vergangenen Saison in Köln trug er stets spektakuläre Designermode aus Boutiquen, in denen auch Zuhälter oder Musikproduzenten aus der Hip-Hop-Branche ihre geschmacklichen Vorlieben verwirklichen können, die Haare waren kurz und akkurat zurecht gegelt und auf dem Platz blieb er gerne demonstrativ stehen, wenn die Kollegen mal wieder vergeblich versuchten, Fußball zu spielen. Am Mittwoch tat er alles, um diese Eindrücke nachhaltig aus der Welt zu wischen. Mittlerweile trägt er die Haare lang und zottelig, trottet neben dem aufgetakelten Franca im ausgeblichenen Trainingsanzug aus der Kabine, vor allem aber spielt er plötzlich richtig gut Fußball. Der ukrainische Nationalspieler hatte nicht nur alle drei Tore für seine Mannschaft geschossen, er hatte zudem „hervorragend hinten ausgeholfen“, wie Hans-Jörg Butt lobte. Die wehenden Haare waren überall auf dem Platz zu sehen. Er lief, hatte ein Auge für den guten Pass und sparte nicht mit Applaus für gelungene Aktionen der Mitspieler. Trotzdem trat Woronin hernach mit einer gehörigen Portion Demut vor die Reporter. „Ich habe vor dem 2:2 Mist gebaut“, sagte er, und außerdem hätten ihm die Kollegen „super Bälle“ aufgelegt. „Vielen Dank an die Jungs, die mir geholfen haben.“ Die Rolle des Reservisten im Schatten der großen Stürmer Dimitar Berbatow und Franca hat dem Mann offenbar richtig gut getan, nichts ist mehr übrig von dem übermotivierten verkrampften Spieler, der vor lauter Willenskraft über den Ball stolpert oder in den Boden tritt.“
Bundesliga
Charakterlich nicht immer stabil
Warum hat Gladbach Holger Fach entlassen, Daniel Theweleit (taz 29.10.)? „Charakterlich war der 42-Jährige nicht immer stabil. Inhaltlich hatte man wenig an seiner Arbeit auszusetzen, spielerisch gab es sogar gewisse Fortschritte. Fachs öffentliche Auftritte hingegen hinterließen bisweilen einen faden Geschmack. Schon in der vergangenen Saison hatte der Trainer mehrfach öffentlich an der Bundesligatauglichkeit seines Teams gezweifelt, damals betreute er jedoch eine Mannschaft, die seine Vorgänger zusammengestellt hatten. Als Fach Ende September verkündete, es fehle „auch dieses Jahr wieder die persönliche Klasse“, verlor er ein gewaltiges Stück Glaubwürdigkeit. (…) Das ungeduldige Präsidium mit Textilunternehmer Rolf Königs, Geschäftsführer Stephan Schippers und Vizepräsident Siegfried Söllner hat die Gelegenheit ergriffen und ihn rausgeworfen. Alles Herren übrigens, die nicht aus dem Fußball kommen, die aber das Unternehmen Borussia mit dem neuen Stadion zu einem florierenden Unternehmen formen wollen. Auch dieser Eindruck bleibt nach der Entlassung Fachs: Da treffen fachfremde Menschen sportliche Entscheidungen und scheinen bisweilen zu vergessen, dass Erfolge im Fußball, anders als ein Stadion, nicht am Reißbrett planbar sind.“
Imperator Rex
In Gladbach verspricht man sich viel von einem Neubeginn; __Gregor Derichs-_ (FAZ 29.10.) notiert die Hoffnung und Träume des Präsidenten: „Rolf Königs sprach mit geschliffenen Worten (…) Am Tag nach der Beurlaubung von Holger Fach umriß der Präsident von Borussia Mönchengladbach sein Anforderungsprofil für einen neuen Cheftrainer. Eine langfristige Lösung und keine „Job-Hopperei“ werde angestrebt, um den in die Abstiegszone zurückgefallenen Traditionsverein innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre wieder stabil in die Bundesliga-Spitze zurückzuführen. Der in der Branche der Automobilzulieferer erfolgreiche Unternehmer, den die Westdeutsche Zeitung kürzlich als „Imperator Rex“ bezeichnete, hat vor allem ein Interesse: Klangvoll soll der Name des neuen Trainers sein, am besten mit einem internationalen Bekanntheitsgrad. „Der Cheftrainer ist der wichtigste Mitarbeiter des Vereins.“ Ein Mann von Format mit Weltklasseruf an seiner Seite – das fände Königs ideal. Der Unternehmer spricht gerne von „neuen Dimensionen“, vom Aufbau eines Images der „Marke Borussia Mönchengladbach“. Daß im neuen Borussia-Park wie von ihm geplant kein „neues Lebensgefühl“ entstanden ist, sondern die Frustration wegen der bescheidenen Punkteausbeute wieder groß, hat Fach den Job gekostet. Beim Ziel, den Verein so erfolgreich sein zu machen wie einst in den siebziger Jahren, handelt Königs nach eigener Einschätzung nicht ungeduldig, sondern konsequent. Gefühlsduseleien sind dem dynamischen Präsidenten fremd, der erstmals hauptverantwortlich für die Einstellung eines Cheftrainers ist. Es soll der große Wurf werden.“
Die Suche soll oben beginnen, mal sehen, wo sie enden wird
Horst Köppel, eigentlich ein Kandidat für die „Was-macht-eigentlich…?“-Rubrik – Christoph Biermann (SZ 29.10.): „Man spürte, wie sehr Köppel die Aufmerksamkeit genoss. Kein Wunder, das letzte Mal hat er vor weit mehr als einem Jahrzehnt in der Bundesliga als Trainer auf der Bank gesessen. Am 16. Mai 1992 war das, mit Fortuna Düsseldorf siegte er damals gegen den Hamburger SV – und stieg trotzdem ab. Im Laufe der Jahre hatte sich Köppel immer weiter in windgeschützte Ecken des Trainergeschäfts zurückgezogen. Über Innsbruck, die Red Urawa Diamonds in Japan, das Amateurteam von Borussia Dortmund war es gegangen und zuletzt heim nach Gladbach. „Ich habe immer gesagt, dass man im Fußballgeschäft nie nie sagen soll“, erzählte er, und da merkte man, wie viel Spaß ihm die Phantasien machten, dass aus dem Spiel gegen die Bayern „vielleicht ein paar mehr werden“. Außerdem wäre es schließlich was, wenn man gerade aus dem stillen Winkel gesprungen gleich mal den alten Rivalen stürzen würde. Doch Träumereien hin, Unwägbarkeiten der Branche her, so richtig wird es den Coach Horst Köppel beim Bundesligateam der Borussia nicht geben. Nun werden die Mittel der modernen Welt ins Feld geführt. „Wir werden benchmarken“, erklärte Königs, was nicht etwa der englische Begriff für die Suche nach dem ist, der demnächst sein Revier auf der Gladbacher Bank markiert. Der erfolgreiche Textilunternehmer hatte die Sprache der Betriebswirte mit ins Stadion gebracht (…) Die Suche soll oben beginnen, mal sehen, wo sie enden wird.“
Donnerstag, 28. Oktober 2004
Bundesliga
Teil 1 des 10. Bundesliga-Spieltags
Teil 1 des 10. Bundesliga-Spieltags: Borussia Mönchengladbach entlässt Holger Fach nach Niederlage in Bochum, „das Wir ist wichtig bei Borussia“ (SZ) – „Bayern spielt Wolfsburg an die Wand“ (FAZ) – wer stärkt Kurt Jara den Rücken? – Borussia Dortmund kann noch lachen / „im glücklichsten Fall droht Hertha BSC Berlin das permanente Mittelmaß“ (FTD)
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VfL Bochum-Borussia Mönchengladbach 3:0
Richard Leipold (FAZ 28.10.) befasst sich mit der Entlassung Holger Fachs: “Ohne ein Wort schritt Holger Fach an den Kameras und Reportern vorbei – als ob er geahnt hätte, daß er bei Borussia Mönchengladbach nicht mehr viel zu sagen habe. Der 43 Jahre alte Fußball-Lehrer wirkte so unprofessionell wie seine Abwehrspieler zuvor bei den Gegentoren. Am Abend im Ruhrstadion hatte er wenig zu sagen, einen halben Tag später gar nichts mehr. Borussia hat seinen Cheftrainer beurlaubt – und mit ihm Co-Trainer Stefan Mücke. „Unsere Bilanz mit neun Punkten aus den ersten zehn Saisonspielen ist nicht gut, hinzu kommt das Aus im DFB-Pokal. Wir mußten uns fragen, ob wir mit Holger Fach unser Saisonziel erreichen“, sagte Vereinspräsident Rolf Königs. Die Verantwortlichen hatten Mannschaft und Trainer vorgegeben, den Klub „ohne Abstiegssorgen in der Bundesliga zu etablieren“ und mittelfristig die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb zu erreichen. Der Vorstand hat diese Entscheidung offenbar über Sportdirektor Christian Hochstätter hinweg getroffen, der in Personalfragen als starker Mann gilt und Fach vor gut einem Jahr als Nachfolger Ewald Lienens durchgesetzt hatte. Hochstätter hatte am Abend noch angekündigt, er lasse sich „jetzt keine Trainerdiskussion aufdrängen“. Nun könnte er bald selbst in die Kritik geraten.“
Das Wir ist wichtig bei Borussia
Klaus Hoeltzenbein (SZ 28.10.) ergänzt: „Fach ist nicht an den Verhältnissen gescheitert, auch nicht an seinem Freund Hochstätter, der ihm jüngst den schönen Rat gab: „Wenn er sich als Trainer weiterentwickeln will, soll er das ,Ich“ streichen und das ,Wir“ einfügen.“ Das Wir ist wichtig bei Borussia, wo sie sich weiter aus ihrer Traditionself bedienen: Horst Köppel fängt an. Jupp Heynckes wird bestimmt gefragt, und dann ist wohl bald auch Berti Vogts wieder frei.“
Bayern München-VfL Wolfsburg 2:0
„Die Bayern spielen Wolfsburg an die Wand“, staunt Gerd Schneider (FAZ 28.10.), Felix Magaths Lob für Claudio Pizarro zitierend: „Ein paar Auszüge aus der Magathschen Würdigung: „laufstark und beweglich“; „hervorragender Blick für den Mitspieler“; „technisch sehr beschlagen“; „internationale Klasse“; „ein Straßenfußballer durch und durch“. Nun muß man nicht gleich glauben, daß sich Magath tatsächlich hat mitreißen lassen vom exzellenten Auftritt seiner Mannschaft und Pizarros, ihrer auffälligsten Figur. Dafür ist der Münchner Fußballehrer viel zu kontrolliert. Vielmehr wählte er seine Worte mit Bedacht. Die Zeit war einfach reif für ein paar öffentliche Streicheleinheiten an die Adresse eines Mannes, den man zu den typischen Problemfällen der Bayern rechnen muß. Schließlich sind Pizarros Qualitäten hinreichend bekannt. Doch der Peruaner, der im Sommer 2001 von Werder Bremen zu den Bayern kam, hat sich nie von dem Ruf befreien können, ein Gelegenheitskünstler zu sein: mit großen Gaben ausgestattet, aber einen Hauch zu weich für den Verdrängungswettbewerb Münchner Prägung und womöglich eine Spur zu bequem. Gerade in der vergangenen Saison gehörte Pizarro zu den Bayern-Stars, denen man nachsagte, ihnen sei die aktuelle Frisur mindestens ebenso wichtig wie das Fortkommen ihres Klubs. Außerdem ist der Südamerikaner anfällig für Verletzungen. (…) „Wenn wir vorne nur Makaay haben, dann haben es die Gegner zu einfach mit uns“, sagte Magath. Man sah ihm an, wie gut ihm Pizarros Entfesselungsakt tat. Magath gab offen zu, daß ihn die Durchschnittsware, die die Bayern bislang unter seiner Regie abgeliefert hatten, belastet habe.“
Eine grausame Maschine, die allen anderen Angst macht
Oliver Kahn hat einen Traum – Philipp Selldorf (SZ 28.10.): „Um Wolfsburgs Spielmacher kümmerte sich Münchens Spielverderber Owen Hargreaves, und er erledigte seinen Job mit erbarmungsloser Genauigkeit. Wolfsburgs Herz stand still, im Angriff herrschte Siechtum. Für die Bayern dagegen gab es ein fachliches Lob, das zunächst schmucklos wirken mag, in Wahrheit aber den höchsten Ansprüchen des Hauses genügt. „Ich habe eine sehr disziplinierte, sehr kompakte, sehr stabile Mannschaftsleistung gesehen, zu der jeder seinen Beitrag geleistet hat“, stellte Oliver Kahn fest. Als Letzter hatte er die Kabine verlassen, die Hauptdarsteller des Abends – der doppelte Torschütze Claudio Pizarro und der agile Bastian Schweinsteiger – waren längst auf dem Heimweg, und nun sprach der Kapitän sein Schlusswort vor der Presse, als wolle er ein Kommuniqué verlesen. Diszipliniert, kompakt, stabil – das hört sich an wie eine langweilige Mittelklasse-Limousine, doch Kahn sieht mit eben diesen Attributen Rolls-Royce-Qualitäten erfüllt. Sein Ideal einer großen Mannschaft ist nicht der heitere, sorglose Zauber, sondern eine grausame Maschine, die allen anderen Angst macht. Sein Traum besteht offenkundig darin, dass seine Mannschaft 34 Mal 1:0 gewinnt. „Juventus macht das im Moment vor“, schwärmte Kahn. Von Juves calcio cinico und eiserner Konstanz ist die Münchner Elf aber weit entfernt.“
Hannover 96-1. FC Kaiserslautern 3:1
Lienen und Hannover sind eine Ausnahme
Was ist die Rückendeckung für Kurt Jara wert, Sascha Zettler (FAZ 28.10.)? „Alle standen Jara demonstrativ zur Seite – ist er am Sonntag dennoch allein und ohne Job? „Ich bin ein Kämpfer“, hob der Österreicher hervor, „und ich werde dafür kämpfen, daß ich am Sonntag nicht zum letzten Mal auf der Bank sitze.“ So ähnlich war die Lage um den gebürtigen Innsbrucker schon vor rund einem Jahr in Hamburg, ehe ihn Klaus Toppmöller ablöste. Und an Toppmöller und dessen Abschied vom HSV erinnert im akuten Fall Jara vieles: Die Klubführung spricht sich von Spiel zu Spiel für den Coach aus, die Bekenntnisse jedoch werden mit jeder neuen Niederlage dünner, und die Position des Trainers wird wackliger. Toppmöller mußte am Ende gehen, weil die Spieler nicht mehr umsetzen konnten, was sie versprochen hatten. Auch die Pfälzer Profis wiederholen beinahe gebetsmühlenartig ihre Treueschwüre (…) Lienen und Hannover sind nach vier Siegen in Serie tatsächlich ein Beispiel dafür, daß der Turnaround auch dann noch gelingen kann, wenn eigentlich nur noch der Zeitpunkt des Trainerwechsels ein Diskussionsthema ist. Aber Lienen und Hannover sind eine Ausnahme.“
Hertha BSC Berlin-Borussia Dortmund 0:1
Vor dem Spiel hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr viele Freunde haben
Javier Cáceres (SZ 28.10.) beobachtet die Sieger: „Aus jeder einzelnen Furche im schmalen Gesicht des Bert van Marwijk schien Melancholie zu strömen; und hätte er nicht auf dem Podium des Presseraums gesessen, sondern an einer Theke, so hätte man ihn für einen Verlassenen gehalten, ihn eingeladen, auf was auch immer – so traurig war der Ton, der aus ihm sprach, dem Sieg zum Trotz. „Wir haben sehr schwierige Zeiten“, sagte van Marwijk, „vor dem Spiel hatte ich das Gefühl, dass wir nicht mehr allzu viele Freunde haben in Deutschland.“ Dann aber schlug sein Diskurs jäh um und wurde zu einem Gesang des Stolzes. Auch Marwijk hatte ja dies frappierende Bild der einstweiligen Versöhnung gesehen: die Fans und seine Mannschaft, sich gegenüber stehend, wie zwei nicht verschwisterte Lager an einer Demarkationslinie – und sich doch gegenseitig bejubelnd, sich gegenseitig dankend. Und wenn der Stolz über van Marwijk herfiel wie ein bis an die Zähne bewaffneter Eindringling, dann deshalb, weil es ja nicht das Werk des Zufalls gewesen war, dass weit nach Spielschluss noch ein erklecklicher Haufen gelbschwarz gekleideter Fans im Gästeblock des Olympiastadions „O wie ist das schön“ sang, als ob gerade ein Pokal erobert worden wäre. Die Rückkehr der Illusion ins brüchige Konstrukt Borussia roch vielmehr nach Schweiß, sah nach aneinandergereihten Schultern aus.“
Wir sind einfach zu doof
Matthias Wolf (FAZ 28.10.) widmet sich den Verlierern: “In der zweiten Hälfte hatten die Gastgeber nicht eine einzige Torgelegenheit. So wirkte am Ende peinlich, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit in der Hauptstadt auseinanderklaffen. Mit einer gigantischen Lichtshow trumpfte Hertha auf. Zu Kunstnebel und Feuerfontänen waren die Kicker einmarschiert, jeder erhielt sein ganz persönliches Feuerwerk. Doch dann ärgerten sich Manager und Trainer nur über Rohrkrepierer, also vor allem über die Begriffsstutzigkeit der Spieler. Hoeneß regte an, sie wieder „mit der Taktiktafel“ zu konfrontieren, weil sie entgegen allen Ansagen „nur umständlich durch die Mitte“ gespielt hätten. Derart stur und stupide, daß Kapitän Arne Friedrich eingestand: „Wir sind einfach zu doof.““
Im glücklichsten Fall droht das permanente Mittelmaß
Michael Kölmel (FTD 28.10.) fügt hinzu: „Hertha scheitert in schöner Regelmäßigkeit nicht am Gegner, sondern an sich selbst. Zumindest nach eigener Einschätzung: „Es wird eine klare Analyse geben“, rief Falko Götz gestern früh zum x-ten Mal aus. Wie diese aussieht, konnte er aber nicht erklären. Es sei zu wenig über die Außen agiert worden, so seine einzige Deutung. Es sind immer neue Erklärungsansätze, die dem Scheitern folgen. Gegen Bochum war es mangelnde Kraft, gegen Mainz mangelnder Mut, gegen Braunschweig im Pokal mangelnde Einstellung, gegen den HSV mangelndes Glück, gegen Bielefeld mangelnde Chancenverwertung und nun gegen Dortmund eben mangelndes Flügelspiel. So richtig das alles ist, diese Summe an Mängeln ist alarmierend. „Es gibt eine positive Entwicklung und keine Parallelen zum Vorjahr“, sagte Fredi Bobic gestern trotzig. Doch diese Trendwende zum Guten war nur beim 3:1 über Leverkusen sichtbar. In Berlin Grund genug, eine Woche an den Uefa-Cup zu denken und aufs Ende der Leidenszeit zu setzen. Zur Wende hat es unter Trainer Götz bislang nicht gereicht. Wie im Vorjahr hat die Mannschaft kein Taktgefühl, sie ist selten in der Lage, sich auf neue Situationen einzustellen. Und einiges spricht dafür, dass dies künftig so bleibt. Im glücklichsten Fall droht das permanente Mittelmaß.“
Mittwoch, 27. Oktober 2004
Interview
Wäre ich nicht fähig, eine schmerzhafte Entscheidung zu treffen, wäre ich der falsche Mann
Jürgen Klinsmann im Interview mit Andreas Kötter (Spiegel Online 26.10.)
SpOn: Noch bevor Sie selbst ahnen konnten, dass Sie einmal Bundestrainer werden würden, haben Sie in einem Interview in Bezug auf den DFB gesagt, dass man „den ganzen Laden einmal auseinander nehmen“ müsse. Mittlerweile haben Sie schon ganz schön aufgeräumt.
JK: So möchte ich das nicht ausdrücken. Für mich war es wichtig, mir ein Bild zu machen, um so erkennen zu können, wo man qualitativ etwas verbessern kann. Schon während meiner aktiven Zeit war für mich klar, dass die Nationalmannschaft einen Manager braucht. Den haben wir nun, und das war auch die Grundvoraussetzung dafür, dass ich diesen Job überhaupt angenommen habe.
SpOn: Sind Ihre Aufräumarbeiten abgeschlossen oder muss noch jemand beim DFB um seinen Posten bangen?
JK: So wie wir die Dinge intern angegangen sind, ging es nie um Personen, sondern immer nur darum, die Abläufe um die Nationalmannschaft zu optimieren. Die Chemie muss einfach stimmen und man muss sich wohl fühlen in der Konstellation, in der man arbeitet. Und wenn man in der Verantwortung steht, dann kommt man manchmal nicht darum herum, dem einen oder anderen zu sagen: Du, es tut mir leid, aber mit uns passt es einfach nicht.
SpOn: Auch Sepp Maier passte generell nicht mehr?
JK: Ich möchte hier gar nicht über Namen sprechen. Wenn man in der Verantwortung steht, dann erwartet die Mannschaft in bestimmten Situationen ein Signal. Wäre ich nicht fähig, eine schmerzhafte Entscheidung zu treffen, dann wäre ich der falsche Mann für diesen Posten.
SpOn: Wie geht es weiter in dem Streit um das WM-Trainingsquartier?
JK: Wir werden uns demnächst zusammensetzen, das ganze Thema noch einmal durchsprechen und dann irgendwann eine Entscheidung treffen. Aber man muss dem Trainerstab doch zumindest die Möglichkeit geben, sich umzuschauen. Wir lassen uns dabei nicht aus der Ruhe bringen.
SpOn: Wie bewahren Sie Ihre Ruhe, wenn zwei Charaktere wie Oliver Kahn und Jens Lehmann in den Medien aufeinander losgehen?
JK: Ich sehe das Problem nicht. Vielmehr muss ich sagen, dass die beiden mit dieser Situation hervorragend umgehen. Dafür, dass Sie in jedem Interview permanent von den Medien provoziert werden sollen, finde ich sie geradezu besonnen und zurückhaltend. Und ich weiß, dass beide irrsinnigen Respekt voreinander haben. (…)
SpOn: Die Zeitverschiebung ist bei der Kommunikation mit Deutschland kein Problem?
JK: Ich stehe in Kalifornien in der Regel um 5.30 Uhr auf und setze mich dann sofort an mein Laptop, so dass ich jeden innerhalb des deutschen Bürotages noch erreichen kann. Das ist schon seit Jahren mein Rhythmus. Dabei kommt mir auch zu Gute, dass ich gelernter Bäcker bin. Jedenfalls kann niemand behaupten, dass ich nicht zu erreichen wäre.
Ball und Buchstabe
Kampagnenjournalismus
Chinas Fußball ist korrupt, und die Nationalmannschaft wird vermutlich die WM-Qualifikation verpassen. Wer ist dran schuld? Wie immer (nein, nicht Carsten Ramelow) – der Trainer; Zhou Derong (FAZ 27.10.) berichtet, dass Arie Haan seitens der Staatspresse kein Vorwurf erspart bleibt: „In Peking tagte das nationale Sportbüro. Es faßte den einstimmigen Beschluß, daß Haan für die nahezu aussichtslose Lage die Hauptverantwortung trage. In den Medien kursiert seitdem eine „Zehn-Punkte-Anklageschrift“ gegen den Holländer, die der verantwortliche Vizepräsident des chinesischen Fußballverbandes, Yan Shiduo, verfaßt haben soll. Darin wird Haans Trainerfähigkeit in Zweifel gezogen: Seine Methoden seien ziellos, seine Taktik veraltet und konservativ. Des weiteren wird ihm vorgeworfen, er sei kommunikationsunfähig, gehe schlecht mit den chinesischen Spielern und Trainerkollegen um, habe unbegründetes Selbstbewußtsein und verfolge eine fragwürdige Personalpolitik. Schließlich sei Haan mit einem falschen Sendungsbewußtsein gekommen: Er komme, um China zu retten. In Wahrheit aber gehe es ihm bloß ums Geld, wie die Shanghai Morning Post in einer „Enthüllungsstory“ behauptet. Um in die Nationalmannschaft zu kommen, sollen demnach Spieler Trainer Haan und seinem Assistenten, Theo De Jong, Geld zugesteckt haben. Allerdings hat der anonyme Insider für seinen schweren Vorwurf keinen einzigen Beweis vorzuweisen. Die Hetzkampagne in den staatlichen Medien deutet eher auf die Fragwürdigkeit des dort gepflegten Kampagnenjournalismus. In den Internetforen, wo es relativ offener, freier und daher auch sauberer zugeht, richtet sich die Kritik keinesfalls gegen Haan, den man eher als Opfer eines durch und durch korrupten Systems ansieht. Die Wut der Fans bekommt vor allem der chinesische Fußballverband zu spüren, der unwillig sei, gegen die Korruption anzukämpfen: (…) Warum geben die Klubbesitzer so viel Geld für Bestechung aus? Teils weil sie unter Systemzwang stehen, teils weil sie selbst korrupt sind. Denn ein Team, das gut in der Tabelle steht, fördert das Image der Stadt, in der das Team seinen Sitz hat, und damit die Aufstiegschancen der Parteikader der Stadt. Steigen die Parteikader höher auf, werden sie immer mächtiger, das heißt, sie verfügen über immer mehr Staatsressourcen. Davon profitieren wiederum die Klubbesitzer. Im Endresultat ist es also ein „Win-Win-Geschäft“. Wer sollte da wem den Prozeß machen?“
Also da sind zuerst einmal 92 Klubpräsidenten
Englischen Profis fehlt es Manieren; Kinder sollten sich andere Vorbilder nehmen. Heinz Stalder (NZZ 27.10.): „Die Untertanen Ihrer Majestät der Königin beanspruchen seit eh und je das Urheberrecht für die Fair-Play-Legende. Sie wurde auf den Britischen Inseln gehegt und gepflegt und entwickelte sich über die Kolonien zu einem renommierten Exportartikel. Umso zweifelhafter ist das Vergnügen, das sich britischen Stadionbesuchern und Fernsehern Woche für Woche bietet. Fussballprofis, die sich im Strafraum gekonnt fallen lassen, Schiedsrichter beschimpfen, einander anspucken und auf verbale Ungeheuerlichkeiten gegnerischer Fans mit Händen und Füssen reagieren, sind beileibe keine Seltenheit. (…) Die Erzieher appellieren vor allem an die Einsicht der Klubpräsidenten und Trainer. Diese zeigen, nachdem sie in Interviews nach verlorenen Spielen die Unzurechnungsfähigkeit der Schiedsrichter wortreich gegeisselt haben, Verständnis für die Sorgen der Lehrer und versprechen, der Verantwortung des Idols grösste Priorität einzuräumen. Es scheint aber einfacher zu sein, einem schlecht entlöhnten Pädagogen ein Versprechen abzugeben, als einem Fussballer mit einem Wochensalär von fast einer Viertelmillion Schweizerfranken klar zu machen, dass ihm Hunderttausende von Kindern nacheiferten und nicht nur seine Frisur kopierten. Wie antwortete doch der kürzlich verstorbene und wegen seiner Gradlinigkeit zu Lebzeiten legendäre Manager Brian Clough auf die Frage, was für ihn Fussball-Hooligans seien? „Also da sind zuerst einmal 92 Klubpräsidenten.““
Bundesliga
Respekt vor dem Zeugwart
Thomas Doll, Hamburger Pädagoge – Christian Pander, Schalkes nächster Nationalspieler? (FAZ)
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Jörg Marwedel (SZ 27.10.) misst den Ertrag des Pädagogen Thomas Doll: „Was man als Trainer so alles bewirken kann, erfuhr Doll aus dem Hamburger Abendblatt. Ein Elternpaar berichtete von einem pädagogischen Erfolg. Bislang habe es dem Filius vergeblich beizubringen versucht, die Strümpfe richtig herumzudrehen, bevor er sie in die Wäsche werfe. Seit Doll aber bei seinem Amtsantritt genau dies „aus Respekt vor dem Zeugwart“ zur Regel für die Fußballer erklärt habe und man dem Jungen vorschlug, dieses Vorbild zu übernehmen, sei ein Wunder geschehen. „Der kleine HSV-Fan hält sich an die Vorgabe des Trainers“, schrieb der dankbare Vater und folgerte: „Man muss Fußballprofis offenbar bisweilen behandeln wie Kinder – und Kinder gelegentlich wie Fußballprofis.“ Wahrscheinlich hat sich Thomas Doll über die weit reichende Wirkung dieser Maßnahme selbst gewundert. Aber wenn die erste Woche des neuen Hoffnungsträgers etwas offenbart hat, dann ist es die Sehnsucht der Profis nach einer gewissen Ordnung, die sie unter Dolls in Disziplindingen wurschtigen Vorgänger Klaus Toppmöller vermisst hatten. Sogar Martin Pieckenhagen, der sich wie der letzte Kämpfer für den alten Coach in die Bresche geworfen und die eigenen Kollegen attackiert hatte, benennt nun die bisherigen Defizite: „Eine verunsicherte Mannschaft braucht klare Vorgaben. Bei uns wussten viele nicht genau, was sie auf dem Platz zu tun hatten.“ (…) Während Toppmöller verlangte, die Elf müsse problemlos zwischen mehreren Systemen wechseln und sie damit heillos überforderte, setzt Doll auf ein einziges System: ein 4-4-2, in dem sich jeder auskennt.“
Repräsentant des Schalker Generationswechsels
Christian Pander könnte Schalkes nächster Nationalspieler werden. Noch ein Lob für Jupp Heynckes – Richard Leipold (FAZ 27.10.): „Nach acht Bundesligaspielen und einigen Berufungen in die „U 21″ gilt das Talent schon als Kandidat für die Asien-Reise der A-Nationalmannschaft. Joachim Löw hat ihm „gute Leistungen auf der linken Abwehrseite“ bescheinigt. Panders Chancen stehen um so günstiger, da Philipp Lahm am Tag vor dem Länderspiel in Japan noch mit dem VfB im Europapokal antreten muß. Während Pander es als Nationalspieler in spe mit gleichaltrigen Konkurrenten zu tun bekommt, steht er in Schalke für einen Generationswechsel. Parallel zum Aufstieg des jungen Verteidigers verläuft der Abstieg eines Spielers, der als einer der letzten deutschen Profis das Klischee des verrückten Linksaußen erfüllt. Jörg Böhme, derzeit verletzt, gehört zu den Verlierern des ersten Saisonquartals. Nach nur zwei Kurzeinsätzen im linken Mittelfeld nährt er, nicht zum ersten Mal, Spekulationen über einen Vereinswechsel, obwohl er sich vor ein paar Wochen erst mit dem Vorstand darauf geeinigt hat, seinen bis Juni 2006 datierten Vertrag zu erfüllen. (…) Junge Spieler gefördert zu haben ist Heynckes‘ größter Erfolg in Schalke. So überholt manche seiner Methoden sein mögen: Heynckes hat den Jugendstil nicht nur propagiert, sondern auch praktiziert. So ist Pander unter den vielen Stars als Jungprofi nicht allein. Das Zusammenspiel mit Altersgenossen wie Altintop, Hanke, Delura und Lamotte hat ihm den Einstieg erleichtert.“
Dienstag, 26. Oktober 2004
Interview
Interviews mit Jürgen Klinsmann und Jürgen Klopp
Jürgen Klinsmann (FR): „Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag“ – Jürgen Klopp (Spiegel): „José Mourinho hält sich wohl mittlerweile für den Erfinder des Flachpasses“
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Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag
Jürgen Klinsmann im Interview mit Jan Christian Müller & Frank Hellmann (FR 26.10.)
FR: Sie beklagen die negative Sichtweise der Deutschen. Derzeit drohen aber wieder Tausende Arbeitsplätze, allein bei Opel und Karstadt, verloren zu gehen. Kann man den Pessimismus in diesem Land nicht verstehen?
JK: Wir Deutschen kommen schwer damit klar, wenn sich die Dinge nicht weiter nach oben entwickeln. Nun sind wir seit einiger Zeit gezwungen, zurückzuschrauben. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass wir die Dinge positiver anpacken würden und offener für Neuerungen wären. Ich glaube, dass wir mit der Nationalmannschaft mithelfen können, für 2006 eine Stimmung aufzubauen, die von Zuversicht geprägt ist. Und wir können einen Schuss Patriotismus hineinbringen.
FR: Sie sammeln trotz der WM-Mission 2006 jetzt Flugmeilen wie andere Briefmarken. Ursprünglich war mal geplant, dass Ihre Familie nach Deutschland kommt. Warum ist es so wichtig, dass Sie sich noch ständig in Kalifornien aufhalten?
JK: Hin- und herzupendeln gibt mir Kraft. Wenn ich in Los Angeles aus dem Flugzeug steige, fühle ich mich dort bestens aufgehoben. Ich lebe in den USA ja ganz anonym. Für mich und meine Familie ist das ganz wichtig: Mein Bub geht zur Schule, meine Frau hat ihren normalen Ablauf, und ich kann mich unerkannt bewegen.
FR: Versäumen Sie so nicht wichtige Spiele und Vorgänge im deutschen Fußball?
JK: Ich sehe das anders: Ich behalte eine Blickweise von außen bei. Wenn ich jede Woche in der Frankfurter DFB-Zentrale sitzen würde, hätte ich eine andere Sicht, eher eine Binnensicht. Außerdem benutze ich regelmäßig die modernen Kommunikationsmittel.
FR: Also geht’s mit Laptop ins Flugzeug?
JK: Ganz genau. Für mich ist ein Interkontinental-Flug ein Arbeitstag. Ich arbeite sechs, sieben Stunden am Laptop. Dann schlafe ich zwei, drei Stunden. Am Flughafen habe ich in der Lounge bereits die erste Möglichkeit, online zu gehen und die Mails zu verschicken.
FR: Jürgen Klinsmann als Internet-Junkie…
JK: Ich kann auch in jedem Café sitzen und bin dort online. Beispielsweise haben Oliver Bierhoff und ich so gemeinsam eine Präsentation für den DFB-Bundestag entwickelt. Da haben wir dauernd hin- und hergemailt. Und flugs waren 40 Seiten beieinander.
FR: Die Präsentation hat die DFB-Vertreter sehr beeindruckt.
JK: Es ging darum, dass wir mit dem Trainerstab unser Konzept bis zur WM 2006 vorstellen wollten. Wir haben in ein Powerpoint-Format einige Videosequenzen eingebaut: Woher kommen wir, wofür stehen wir? Jeden WM-Titel, 1954, 1974, 1990, haben wir in die globalen Zusammenhänge eingeordnet. Oliver Bierhoff hat seine Vorstellungen zu Medien, OK und Sponsoren erklärt, Joachim Löw hat unseren sportlichen Stil – offensiv, aggressiv, schnell – erläutert. All das ergab ein Gesamtbild. Wir haben den DFB, die Liga, das Präsidium und die Landesverbände damit emotional mit ins Boot genommen. (…)
FR: Sie möchten auch noch einen Mentaltrainer oder einen Psychologen einbinden?
JK: Ich kann das jedenfalls nicht – ich habe das nicht gelernt. Bei den Hockeyspielern und Handballern ist ja auch ein Mentaltrainer dabei. Ich halte es für längst überfällig, diesen Bereich zu integrieren. Andere Sportarten sind uns da weit voraus. Man kann das Konzentrationsvermögen, Stressverhalten, die Druckbewältigung oder die Körpersprache trainieren. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Wenn ein Führungsspieler nach einem Gegentor den Kopf hängen lässt, gibt das sofort eine Kettenreaktion. Das sehen die anderen und lassen auch den Kopf hängen.
Mehr Star als meine Jungs hier in Mainz kann man nicht sein
Spiegel-Interview (25.10.) mit Jürgen Klopp
Spiegel: Mit den vermeintlich Intellektuellen vom SC Freiburg hielt einst die Alternativkultur Einzug in die Bundesliga. Wofür steht Mainz: für die Auflösung des Innovationsstaus im Land?
JK: Für den Erlebnisfaktor. Ich weiß nicht, ob das innovativ ist, aber: Wir spielen Erlebnisfußball. Ich lasse wirklich genau die Art von Fußball spielen, der ich gern zuschaue. Ich sehe bestimmt zehn Spiele pro Woche, und glauben Sie mir: Da sind viele dabei, bei denen ich vor dem Bildschirm fast einschlafe. Wir dagegen bedienen die Stammtischparolen.
Spiegel: Was meinen Sie damit?
JK: Die Leute sagen so oft, die Fußballer sollten rennen und kämpfen. Genau das schreiben wir uns auf die Fahnen. Wir sind die Speerspitze des Otto Normalverbraucher. Die Eintrittskarte der Spieler für diese Mannschaft ist Woche für Woche klar definiert: Leidenschaft, Laufbereitschaft, Wille.
Spiegel: Die einzelnen Profis kennt – von den Mainzer Fans abgesehen – kaum jemand. Benutzen die eigentlich auch Haargel?
JK: Natürlich. Ich übrigens auch. Und ich fand es nicht richtig von Felix Magath, dass er seine Kritik an Egoismen auf dem Fußballplatz verknüpft hat mit dieser Bemerkung über die Art, wie sich junge Menschen für die Straße präparieren.
Spiegel: Der Bayern-Trainer wollte mit der Metapher vom Gel, das sich die Spieler in die Haare schmieren, doch nur eine Gefahr anschaulich machen: Im Bemühen, als Individuum möglichst gut auszusehen, hätten die Profis heute Schwierigkeiten, sich ins Mannschaftsspiel zu integrieren. Solche Stars haben Sie wohl nicht?
JK: Das glauben Sie. Ob einer bundesweit ein Star ist oder nur regional, macht nämlich im Ergebnis keinen Unterschied. Mehr Star als meine Jungs hier in Mainz kann man nicht sein. (…)
Spiegel: Sie versperren mit viel Laufarbeit den Etablierten den Raum zur Entfaltung. Ist das nicht destruktiv?
JK: Nein, destruktiv wäre es, wenn wir einen Abwehrriegel vor dem eigenen Tor aufbauen würden. Was wir machen, ist Torvorbereitung, während der Gegner noch den Ball hat. Wir wollen den Ball so früh erobern, dass wir nur noch einen Pass brauchen, um vor der Kiste zu stehen. Wir laufen auch gar nicht mehr als andere.
Spiegel: Ach nein?
JK: Wir schalten nur zwischendurch nicht ab. Denn warum sollen wir Pausen machen? Wir trainieren doch die ganze Woche, um dann 90 Minuten fit zu sein. Und wir haben ein klares System. Wir stechen nicht einfach durch die Gegend wie die Hornissen. Wir locken den Gegner und stechen dann zu.
Spiegel: Ist der Vergleich mit der Mannschaft Südkoreas, die bei der letzten Weltmeisterschaft immerhin ins Halbfinale kam, zulässig?
JK: Absolut. Ich selbst bin allerdings Fan des englischen Fußballs. Wegen der Leidenschaft.
Spiegel: Chelsea Londons Trainer Jose Mourinho sagt, gerade wegen dieser Leidenschaft hätten englische Teams – außer Manchester United 1999 – in der Champions League nichts gewonnen.
JK: Sein Siegeszug mit Porto letztes Jahr in allen Ehren. Aber er hält sich wohl mittlerweile für den Erfinder des Flachpasses. Seine Meinung kann ich nicht teilen.
Spiegel: Sie wollen also englischen Teams wie Arsenal London nacheifern?
JK: Arsenal spielt im Prinzip wie wir, nur dass sie den Ball häufiger haben.
Internationaler Fußball
Zwei Supermächte auf Besuch in der Provinz
Arsenal London und Malcolm Glazer, „zwei Supermächte auf Besuch in der Provinz Manchester“ (FR) / Manchester United siegt gegen Arsenal London dank „Fußball als Wille, Wut und Wehrübung“ (FAZ) – 0:0 in Mailand, „das wildeste Derby der Welt findet im Reich der Fantasie statt“ (SZ) – Real Madrid gewinnt mit „einer Aufstellung, die den Regeln des modernen Fußballs spottet“ (BLZ) – Bernd Schuster, als Trainer „noch kein sicherer Wert“ (NZZ) – der Abstieg des schwedischen Traditionsklubs AIK Solna – „Chinas junge Fußball-Liga ertrinkt in einer Serie von Skandalen“ (SZ)
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Wie eine Supermacht auf Besuch in der Provinz
Manchester kämpft mit allen Mitteln und gegen zwei Mächte – Raphael Honigstein (FR 26.10.): „Der ganze Zorn der Massen traf Malcolm Glazer, den amerikanischen Milliardär, der die Übernahme von United anstrebt. Vor dem Stadion hatten mehrere tausend Fans gegen ihn demonstriert und Flugblätter verteilt. Die Motive des 76-Jährigen sind den Anhängern der roten Teufel hochgradig suspekt; dass der kleine Mann mit dem roten Bart noch nie im Old Trafford war, spricht zusätzlich gegen ihn. Am Montag reagierte dann auch Manchesters Vorstand: Die geplanten Gespräche mit dem Amerikaner wurden kurzerhand abgesagt („nicht im Interesse des Vereins“). Immerhin konnten ihn die 67 000 entfesselten Besucher kurz in der Halbzeit sehen – er hing als Puppe an einem Galgen hinter dem Tor, bevor ein Aufseher intervenierte. Die mitgereisten Arsenal-Fans ärgerten den Gegner mit frechen „USA, USA“-Rufen. Wie eine echte Supermacht auf Besuch in der Provinz schienen derweil auch die Gunners ihren absoluten Herrschaftsanspruch untermauern zu wollen. Nach 49 Spielen ohne Niederlage konnte man ihre Aura der Unverwundbarkeit spüren, Angriffszüge von erlesener Schönheit waren zu bestaunen. United, das keine Niederlage leisten konnte, wehrte sich im eigenen Haus mit den Mitteln des Straßenschlägers gegen die spielerische Übermacht. Der Dribbler José Reyes wurde systematisch „vom Platz getreten“, wie sich Arsène Wenger hinterher zu Recht beschwerte, Rio Ferdinand stoppte Freddy Ljungberg ungestraft per Bodycheck, Ruud Van Nistelrooy trat Ashley Cole gezielt aufs Knie. Schiedsrichter Mike Riley verlor in seinem ehrenwerten Bestreben, die Dinge weitestgehend laufen zu lassen, leider komplett den Überblick; in Deutschland hätte so eine Leistung wohl eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung nach sich gezogen. Als Wayne Rooney, der an seinem 19. Geburtstag bis dahin nur durch rüpelhafte Fouls aufgefallen war, 20 Minuten vor Schluss neben Sol Campbell zu Boden ging, gab es Elfmeter. „Rooney hat unseren Spielern gesagt, er sei nicht berührt worden“, klagte Wenger, auch in der Zeitlupe war kein Körperkontakt zu erkennen.“
Fußball als Wille, Wut und Wehrübung
Christian Eichler (FAZ 26.10.) bespricht den Sieg Manchesters gegen Arsenal: „Keine Angelegenheit für Fußball-Feinschmecker: Alex Ferguson waren ästhetische Einwände natürlich egal. Er wußte, daß selbst seine teure Truppe ein Team wie Arsenal London nicht schön bezwingen kann, nur unschön – sofern der Schiedsrichter es zuläßt. Weil das so war und weil United nach Ansicht seines Bosses „das einzige Team in England ist, das keine Angst vor Arsenal hat“, endete die großartigste Serie in der Geschichte des englischen Fußballs. Mit dem 0:2 lernte Arsenal zum ersten Mal seit 49 Spielen und 542 Tagen das Gefühl wieder kennen, wie es ist, ein Ligaspiel zu verlieren. Es fiel ihnen nicht leicht. „Wir fühlen uns beraubt“, sagte Trainer Arsène Wenger. (…) So betrat Jungstar Rooney an seinem 19. Geburtstag, so der Telegraph, „den Klub der sterbenden Schwäne“. Riley pfiff Elfmeter, „den üblichen Elfmeter“, so Wenger sarkastisch, „wenn wir nach Manchester kommen und sie in Schwierigkeiten sind“. Es war im achten Spiel, das der Schiedsrichter in Old Trafford leitete, sein achter Elfmeter für Manchester. (…) Dabei war es immer noch nicht der Beweis der kreativen Klasse und Torgefahr, die ein Ensemble mit dem 86-Millionen-Euro-Sturm Rooney, Ronaldo, van Nistelrooy auf die Beine bringen sollte. Statt dessen bot Fergusons Truppe nur eine abermalige Übung in der Kunst, die sie beherrscht wie kaum ein anderes Team: eine Partie zur grimmigen Schlacht zu machen, zum Guerrilla-Kampf, der nicht Spielkunst, sondern Leidensfähigkeit fordert – Fußball als Wille, Wut und Wehrübung.“
Die Fans üben sich in der Exegese der Moderne, und das wildeste Derby der Welt findet im Reich der Fantasie statt
Sehr lesenswert! 0:0 im Mailänder Derby – eine Rezension von Birgit Schönau (SZ 26.10.): „Wie war dieses Derby hochgejazzt worden! Zum Klassikknüller, zum Weltgipfel, zur aufregendsten Stadtmeisterschaft aller Zeiten. Was man sich eben so einfallen lassen muss angesichts einer Konsumkrise, in der auch der Fußball sich nicht mehr von selbst verkauft. Also Milans Brasilianer gegen Inters Argentinier, wobei der Modeschöpfer Stefano Gabbana kurz vor dem Anpfiff bekannt gab, er sei jetzt doch von Inter zu Milan umgeschwenkt, weil er ja gerade deren Mannschaft eingekleidet habe. Und was soll man von Tifosi denken, die in der Kurve den Schrei von Edvard Munch entrollen, jenes berühmte, sich immer noch in Diebeshand befindliche Gemälde, und es untertiteln mit: Interista, werde verrückt. Das ist Mailand, die Schneider machen ihre Umfaller öffentlich, die Fans üben sich in der Exegese der Moderne, und das wildeste Derby der Welt findet im Reich der Fantasie statt. Auf dem Rasen gab es nur grauenhaftes Gekicke zu sehen, das später alle mit einem diskreten molto tattico vom Tisch wischen wollten. (…) Warum sind die 80 000 Zuschauer bis zum Schluss sitzen geblieben? Weil sie ihrerseits dafür bezahlt hatten? Weil sie dachten, der junge Wilde Vieri, der Impressionist Schewtschenko machten am Ende doch noch ein Tor, statt sich in „masochistischen Exerzitien“ zu ergehen (La Repubblica)? Wenn es wenigstens l’art pour l’art gewesen wäre, wie es der tschechische Kettenraucher Zdenek Zeman mit seiner US Lecce vorführt: bester Angriff der Serie A, jetzt Tabellenzweiter. Aber Zeman ist Kult, Mancini und Ancelotti sind Angestellte, für die Fußballtaktik etwa den künstlerischen Rang eines Makrameenetzes hat.“
Vorwärts-seitwärts-rückwärts
Peter Hartmann (NZZ 26.10.) schildert eine Ablösung im Tor von Inter Mailand: „Früher hiess Alberto Fontana „Der Akrobat“ wegen seiner Luftnummern, als er noch bei Liftmannschaften wie Bari, Cesena, Atalanta Bergamo und Neapel in der Serie A im Tor herumturnte, einer dieser wahren Helden, die in Teufels Küche arbeiten, ständig unter Feuer, aber auch im Schaufenster. Einer, der mehr Metier in die Handschuhe gepackt hat als die grossen, von starken Verteidigern geschützten „Portieri“ seiner Zeit (von Pagliuca, Tacconi, Taffarel, Peruzzi bis Zenga), aber nicht ihren Ruhm. Seit 2001 bezieht Fontana bei Inter eine Frührente als Nummer zwei, in der klassischen Stellvertreterposition, die in Italien in der Regel von väterlichen Routiniers besetzt wird. Er hat seither nur gerade 16-mal gespielt. Das Inter-Management wollte ihm für diese Saison keinen Vertrag mehr geben. Dann kam Roberto Mancini, der neue Trainer, und erkannte mit dem Röntgenauge des geborenen Stürmers den langjährigen Platzhirsch im Tor als Fehler- und Irritationsquelle: Er setzte Francesco Toldo unter Konkurrenzdruck. Toldo ist fast unüberwindbar auf der Torlinie, aber zögerlich, befangen im Herauslaufen. Fontana, das zeigte er auch im Derby, hat sich in den ungezählten Abwehrschlachten seines früheren Lebens die Antizipationsreflexe eines Liberos angeeignet und fischte einige geniale Langpässe des Milan-Brasilianers Kakà ab. Und er ist der „Akrobat“ geblieben: Schwerelos hechtet Fontana (er ist 1,85 Meter gross und wiegt 72 Kilo, also eher unter Gardemass), im Stile von Frankreichs Weltmeister-Torhüter Fabien Barthez, vorwärts-seitwärts-rückwärts nach jedem Ball, aber er sucht nie die Konfrontation, die Einschüchterung wie etwa Oliver Kahn. (…) Trotz fehlenden Toren war das Mailänder Traditionsduell eine spannende Vorstellung.“
Eine Aufstellung, die den Regeln des modernen Fußballs spottet
Real Madrid flieht nach vorne – Ralf Itzel (BLZ 25.10.): “Weil die Mannschaft zuletzt so schwach verteidigte wie immer und so erfolglos angriff wie nie zuvor, hat Remon sich dazu entschieden, nun einfach die besten seiner Fußballer alle zusammen aufzubieten, auch wenn das ausnahmslos Angreifer sind. Ronaldo und Owen stürmen in vorderster Linie, und dahinter drängen Raúl, Guti, Zidane und Figo. Weil auch Roberto Carlos gerne nach vorne rennt, agiert Real nurmehr mit drei echten Abwehrakteuren. Fehlt nur noch, dass der Coach den rechten Verteidiger Salgado demnächst durch den derzeit verletzten Beckham ersetzt. Es ist eine Aufstellung, die den Regeln des modernen Fußballs spottet, weswegen der Trainer selbst überrascht wirkt, dass das Experiment bisher gelingt. Zwei Siege sind erreicht, in der Champions League gegen Kiew und in der Liga gegen den Meister FC Valencia. Kurios, dass das riskante Unternehmen nicht durch zahlreiche Tore geadelt oder durch viele Gegentreffer durchkreuzt wird, denn das Ergebnis lautete in beiden Fällen 1:0.“
Noch kein sicherer Wert
Lange nichts gehört von und über Bernd Schuster; Georg Bucher (NZZ 26.10.) hilft nach: „Traditionell trennen sich spanische Klubs nach dem Aufstieg von ihren Trainern. Dahinter steht ein Klassenbewusstsein, die Ansicht, dass Ausbildner, zumal solche, die als Spieler keine Bäume ausrissen, mit Fleiss und Fachwissen im Unterhaus reüssierten, auf der nächsten Stufe aber mangels Intuition überfordert wären. Aus Imagegründen wird kein gestandener Trainer verpflichtet, sondern ein „Mythos“. (…) Auch Bernd Schuster, in Levante Nachfolger von Manuel Preciado, ist noch kein sicherer Wert. Zwei Jahre hatte er mit wechselndem Erfolg den südspanischen Zweitligaklub Xerez trainiert, später in Donezk Champions-League-Luft geschnuppert, bevor Levante auf ihn zukam. Hier scheint das Betriebsklima Schusters Vorstellungen zu entsprechen. Typisch für den gemächlich-genialen, freiwillig aus der deutschen Nationalmannschaft ausgestiegenen Spielmacher ist seine Einstellung zum Präsidenten. Ob der etwas von Fussball verstehe, spiele keine Rolle, mangelnde Kenntnisse seien sogar wünschenswert. Als abschreckendes Beispiel nannte Schuster Bayern München. Dort, wohin er niemals gehen würde, beziehe der Trainer von allen Seiten Prügel, vom Präsidenten, vom Generaldirektor und vom Manager, denn Beckenbauer, Rummenigge und Hoeness sind Welt- oder Europameister und fühlen sich im Besitz der Wahrheit.“
Gerhard Fischer (SZ 26.10.) befasst sich mit dem Abstieg des AIK Solna: „Der AIK Solna, dessen Aufsichtsrat von Uefa-Chef Lennart Johansson geführt wird, ist der traditionsreichste Verein in Schweden. 1896 nahm der Allmänna Idrottsklubben (Allgemeine Sportklub) Stockholm den Fußball in sein Programm auf. Vier Jahre später wurden die AIK-Kicker Meister, und es folgten insgesamt 77 Jahre in der Ersten Liga. Die Umbenennung in AIK Solna erfolgte in den neunziger Jahren – Solna ist der Vorort Stockholms, in dem der AIK und das Rasunda-Stadion beheimatet sind. Nun wird dort Zweitliga-Fußball gespielt, die Gegner werden Brommapojkarna (die Bromma-Burschen) und Cafe Opera heißen. Trotzdem spricht noch keiner vom Wiederaufstieg. „AIK’s Albtraum hat erst begonnen“, schreibt die Zeitung Dagens Nyheter. Das Blatt meint, dass ein Klub, der derart in Trümmern liege, Jahre brauche für den Neuaufbau. Vermutlich begann das Unglück damit, dass AIK 1998 Meister wurde und später Geld aus der Champions-League-Qualifikation kassierte. Im Überschwang wurden überschätzte Spieler gekauft – von überflüssigen Funktionären, die wenig vom Sportlichen und nichts vom Wirtschaftlichen verstanden.“
Die Fußballer sind dabei, die Herzen ihrer Fans endgültig zu verspielen
„Chinas junge Fußball-Liga ertrinkt in einer Serie von Skandalen“, erfahren wir von Kai Strittmatter (SZ Seite 3 26.10.): „In China ist die Selbstzerstörung des chinesischen Fußballs zu besichtigen. Ein weiterer Akt in diesem Schauspiel wurde Anfang diesen Monats eingeläutet, ausgerechnet an dem Ort, an dem Chinas Fußball den Einzug zur WM 2002 gefeiert hatte: im Stadion von Shenyang. Peking war zu Gast. Zuerst stellte der Schiedsrichter einen Pekinger Spieler vom Platz, ohne dass so recht ersichtlich gewesen wäre warum. Dann pfiff er aus ebenso heiterem Himmel einen Elfmeter für Shenyang. Keiner rechnete mit dem, was dann geschah: Die Pekinger marschierten geschlossen vom Feld. Und ihr Manager Yang Zuwu stellte sich hin und sagte: Uns reicht’s! Er sprach – vor Kameras und in die Mikrofone – von Schiebung, von Bestechung und vom drohenden Kollaps der Liga. Mehr als eine Milliarde Yuan (100 Millionen Euro) sei in den zehn Jahren ihres Bestehens in Chinas Profiliga investiert worden, referierte der zornige Yang Zuwu im Staatssender CCTV. Sein knappes Resümee: „Rausgeschmissenes Geld.“ „Hei shao“, „schwarze Pfeife“, ist mittlerweile einer der meistgehörten Rufe in Chinas Stadien: „Korrupter Schiri“ heißt das, gebrüllt aus den heiseren Kehlen wütender, verzweifelter Fans. (…) Die Fans wenden sich in Scharen ab. Noch vor fünf Jahren kamen im Durchschnitt 20 000 bis 30 000 Zuschauer ins Stadion, heute verlieren sich bei manchen Spielen gerade mal 1000 Leute in den Rängen. Clubs wie Shenzhen Jianlibao haben ihre Spieler seit Mai nicht mehr bezahlt. Eben noch war Fußball Nationalsport – heute fachsimpeln manche Taxifahrer lieber über die Formel 1, und Pekinger Jungs tragen nicht mehr die grünen Trikots ihres Pekinger Guo’an-Clubs, sondern NBA-T-Shirts mit dem Basketball-Idol Yao Ming: Die Fußballer sind dabei, die Herzen ihrer Fans endgültig zu verspielen.“
Ball und Buchstabe
Eskapismus
Warum Mainz, Peter Unfried (SpOn 25.10.)? „Warum tasten immer mehr Menschen, getrieben von der brennenden oder zumindest latenten Sehnsucht nach anderen Verhältnissen, ausgerechnet den Fußball ab auf der Suche nach Projektionsflächen? Eskapismus – oder Verlagerung, weil die früher benutzten „alternativen“ Bereiche das nicht mehr hergeben? Der Gesellschafts- und Fußballforscher Klaus Theweleit pflegt die Sache so zu erklären: „Die großen gesellschaftlichen Reden brauchen einen einfachen Darstellungsbackground.“ Tja, da kann der Fußball dienen. Zumal es tatsächlich ein paradoxes Sehnen gibt, der so genannte Turbokapitalismus möge ausgerechnet im Fußball nicht auf der ganzen Linie gesiegt haben. (…) Was passiert tatsächlich auf dem Rasen? Mainz spielt einen laufaufwendigen Fußball, der sich stärker als bei anderen Bundesligisten über ein engagiertes und intelligentes Spiel ohne Ball definiert. Um es klar zu sagen: Die Mainzer Profis rennen einfach mehr als andere. Viel mehr. Man könnte auch sagen: Sie arbeiten härter und länger. Und dafür kriegen sie weniger Gehalt, weniger zusätzliche Leistungen (Prämien) und weniger soziale Vergünstigungen. Zum Beispiel haben sie nur einen Trainingsplatz, der FC Bayern hat fünf. Und trotzdem rennen sie nicht zur Gewerkschaft, sondern haben ein Lächeln im Gesicht – ein Dauergrinsen wie ihr Anführer Klopp. „Ihnen geht’s nicht um die dicke Kohle“, schrieb Bild, „sondern um den Spaß.“ So was von dieser Seite ist immer verdächtig. Und tatsächlich ist das wunderbare Mainzer Modell auch eine wunderbare Steilvorlage für Politiker und Wirtschaftsmanager und die angeschlossenen Medien bei ihren derzeitigen Versuchen, die Arbeitnehmer für das Modell: mehr Arbeit für weniger Geld und weniger Sozialleistungen zu begeistern. Denn, was machen denn die VW-Arbeiter in der Slowakei, die Opel-Jungs in Polen anderes? Und was machen die Mainzer Profi anderes, als dem Arbeitgeber ihre Dankbarkeit darüber zurückzuzahlen, überhaupt noch einen Arbeitsplatz in Deutschland zu haben?“
Nachschuss
Dietrich Schulze-Marmeling – Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und im internationalen Fußball
Von Detlev Claussen
Juden im deutschen Fußball waren selten zu sehen; ein Thema schien „Davidstern und Lederball“ nicht zu sein, bis das von dem deutschen Fußballexperten Dietrich Schulze-Marmeling heraugegebene gleichnamige Buch erschien. Es ist im Göttinger Verlag Die Werkstatt herausgekommen, der schon eines der besten Fußballbücher überhaupt, Christoph Bausenweins „Geheimnis Fußball“, neben kritischen Vereinsgeschichten, in denen Fans und Interessierte sich über die wichtigsten Bundesligaklubs informieren können, herausgebracht hat. Durch die schöne Göttinger Idee „Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien“ wurden im Jahr 2000 Spiegel-Journalisten darauf aufmerksam, dass das Schweinfurter Stadion noch heute nach der lokalen Nazigröße, dem Motorradfabrikanten und Playboyvaters Willy Sachs, benannt ist. In „Davidstern und Lederball“ läßt sich nun nachlesen, zu welchen Diskussionen im Lande des Weltmeisters der Vergangenheitsbewältigung es heute noch kommt, wenn in einem solchen Stadion ein Gastspiel mit Maccabi Haifa vereinbart wird. Ganz Schweinfurt fühlte sich vor zwei Jahren von „Spiegel“ bis „Süddeutsche“ diskriminiert, aber den Namen änderte man nicht. Der Absteiger aus der Zweiten Liga wird auch in der Saison 2003/4 in dem nach SS-Obersturmbannführer Sachs benannten Stadion antreten.
Aus dem deutschen Fußball scheinen die Juden verschwunden zu sein; in der Geschichte des DFB kehren sie als Gespenster wieder. Mit dem Präsidenten Meyer Vorfelder hat man sich jemand an die Spitze gewählt, der durch seine spontanen, vom Alkoholgenuss ungetrübten Meinungsäußerungen die vom DFB ausposaunte Dummheit, der Fußball könne nicht besser sein als die Gesellschaft, in der er gespielt werde, zu beweisen sucht. Diesem öffentlichen Sich-dumm-Stellen arbeitet ein Sachbuch wie „Davidstern und Lederball“ entgegen. Man kann mehr über Fußball wissen als die Schön- und Festredner der inzwischen hundertjährigen Geschichte. Über den autoritären Grundzug in der deutschen Fußballorganisation nicht allein die Verstrickung in den Nationalsozialismus, informiert das Buch „Stürmen für Deutschland“. Aber leider machen die Autoren Dirk Bitzer und Bernd Wilding es sich etwas zu leicht: Sie nehmen die offensichtlich empörendsten Tatsachen der deutschen Politik vor während und nach dem Nationalsozialismus – dankenswerter Weise auch in der DDR – und kombinieren sie mit Fußballgeschichten, statt das komplexe, widersprüchliche Verhältnis zu zeigen, weshalb man nämlich am Fußball Spaß haben und einem die Sache selbst durch das Drumherum verleidet werden kann…oder gar die spaßbringende Sache selbst zerstört wird.
Von Beginn an gab es im deutschen Fußball zwei widersprechende Tendenzen – die des Obrigkeitsstaates, zu dem sich der der DFB immer hingezogen gefühlt hat, und die einer demokratischen Popularisierung. Bernd M. Beyer erinnert in seinem Artikel an den Fußballpionier Walter Bensemann, dem er auch ein eigenständiges, ebenfalls im Verlag Die Werkstatt erschienenes Buch gewidmet hat. Bensemann führte den deutschen Fußball aus seiner internationalen Isolation, in die er sich freiwillig schon vor dem ersten Weltkrieg begeben hatte. Der anglophile Gentleman, der Schweizer Internatserfahrungen besaß, organisierte 1908 das Rahmenprogramms des ersten deutschen Länderspiels – gegen die Schweiz selbstverständlich. Auch nach dem ersten Weltkrieg vereinbarte er am deutschnationalen DFB vorbei internationale Begegnungen; er betrachtete den Fußballsport als eine „Religion“, das vielleicht „einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen“. Bensemann gründete 1920 den damals lesenswerten „Kicker“, als deren Chefredakteur der Jude 1933 abgesetzt wurde. Er floh in die Schweiz, wo schon sein Freund , der spätere FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker sich hingerettet hatte.
Juden im deutschen Fußball stehen für Internationalität, Weltoffenheit und Völkerverständigung, wie an der Pinoiergeschichte von Walter Bensemann gezeigt wird. Einer wie er fühlte sich in Deutschland zuhause und gerade deshalb kritisierte er den spezifisch deutschen Zusammenhang von Militarismus und Deutschem Fußball Bund. Der DFB und auch die Nazis wehrten sich erbittert gegen die Professionalisierung des Fußballs, die in England schon längst das Spielerpotential aus dem Arbeitermilieu erschlossen hatte. Professionalismus galt den meisten deutschen Fußballfunktionären als Inbegriff von Kommerzialisierung und das hieß bei ihnen – jüdischer Praktiken. Den Beweis sah man im Nachbarland, das bis 1938 Deutschland im Fußball überlegen war, in Österreich. In der Tat spielen im österreichischen Fußball Juden nicht nur eine hervorragende, sondern eine zentrale Rolle. Wie Österreich nach Ende des ersten Weltkriegs als alpine Schrumpfrepublik aus dem Habsburger Reich hervorging, entstand auf den Ruinen des Vielvölkerstaats mit dem Mitropa Cup ein erster internationaler Spielbetrieb, ohne den die Champions League von heute nicht vorstellbar wäre. Der Erfinder hieß Hugo Meisl, den Erik Eggers in diesem Band ebenso eindrucksvoll porträtiert wie seinen jüngeren Bruder Willy Meisl, der nach dem zweiten Weltkrieg anerkennend „König der Sportjournalisten“ genannt wurde. Bei den Meisl-Brüdern kam es zu der so seltenen Verbindung im Fußball von Ballkunst und Schreibfertigkeit, von Sachkenntnis und Ausdrucksfähigkeit. Der einstige österreichische Nationaltorwart Willy Meisl machte als Journalist in Berlin eine einzigartige Karriere, die durch die Nazis beendet wurde. Schon in den fünfziger Jahren sinnierte er über die in der englischen Emigration studierten Probleme des Profifußballs, die heute die gesamte Welt des bezahlten Fußballs ergriffen haben.
Warum spielen Juden eine wichtige Rolle im Fußball – und warum meistens eine progressive? Die Popularisierung des Sports im Zwanzigsten Jahrhundert versprach die Befreiung von der alten Ständegesellschaft, in der die europäischen Juden Unterprivilegierte gewesen waren. Vom Sport erhofften sie sich die Anerkennung des Leistungsprinzips. Im Fußball kann man diskutieren, wie man will: Wer mehr Tore geschossen hat als der Gegner, hat gewonnen. Gegenüber den endlosen Diskussionen, die das moderne Europa durchzogen, ob die Juden denn nun wirklich gleichberechtigt seien, sein sollten oder könnten, hatte die Entscheidung auf dem Platz etwas Befreiendes. Aber der Fußball wurde gerade um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Massensport, als der Nationalismus auf dem Kontinent eine große Blüte erlebte. Mit ihm wurde Mode, was der Historiker Eric Hobsbawm „Traditionserfindung“ genannt hat. Nirgendwo ist das schärfer und konkurrenter aufgetreten als in der zerfallenden Habsburger Monarchie. Im Schrumpfösterreich nach 1918 konzentrierten sich auch physisch die Kräfte, besonders in der Metropole Wien. Der Schriftsteller Friedrich Torberg, Erzähler der bahnbrechend witzigen Geschichten von Tante Jolesch, hat diese einmalige Atmosphäre der Wiener Zwischenkriegszeit in der Anekdote „Hoppauf, Herr Jud´“ festgehalten – dankenswerterweise auch in diesem Band nachgedruckt. Im Konflikt eines sich völkisch definierenden Deutschtums, einer sich kosmopolitisch verstehenden Wiener Bürgerlichkeit und einer sich selbstbewusst national begreifenden jüdischen Mittel- und Unterschicht entstanden Fußballrivalitäten, die das Wunder einer jüdischen Fußballmeisterschaft hervorbrachten. Sie hatte einen Namen, der weltbekannt wurde: Hakoah. Sie wurden nicht nur Meister 1924/25 in der damals stärksten Liga des Kontinents, sondern sie erteilten auf der Insel selbst den Lehrmeistern von einst, West Ham United, mit 5:0 eine Lektion, die damals von der fairen englischen Presse begeistert aufgenommen wurde. Hakoah heißt Kraft, die Vereinsideologie war jüdisch-national, die Spieler waren ausschließlich Juden. Ihr heißester Konkurrent in der großen Zeit hieß Austria, von den Antisemiten auch als „Judenclub“ diffamiert. Entscheidende Verstärkung bekam Hakoah durch aus dem Horthy-faschistischen Ungarn geflohene Juden, die nun mit Fußballspielen ihren Lebensunterhalt verdienen mußten. Unter ihnen befand sich der glänzende Mittelläufer Bela Guttmann, das missing link zur fußballerischen Moderne. Er trug das einst in Budapest entwickelte 4-2-4 –System durch seine internationalen Trainerstationen nach Brasilien und zu Benfica Lissabon, mit der er Real Madrid als Europacupkönige 1961 und 1962 stürzte. Auch ein jüdisches Schicksal, das nicht zu den in manchen Texten allzu schablonenhaft verwandten Epitheta „zionistisch“ und „assimiliert“ passt. Dennoch ein lesenswertes Buch, das verlogene Mythen durch spannende Geschichten ersetzt.
Detlev Claussen ist if-Leser und Professor für Gesellschaftstheorie, Kultur- und Wissenschaftssoziologie an der Universität Hannover
Besprochene Bücher:
Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.), Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und im internationalen Fußball, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2003, 509 S., € 26,90.
Bernd M. Beyer, Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte. Das leben des Walter Bensemann. Ein biografischer Roman, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2003, 544 S., € 26,90.
Dirk Bitzer, Bernd Wilting, Stürmen für Deutschland. Die Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1954, Campus, Frankfurt/New York 2003, 253 S., € 21, 50.
Bundesliga
Ein halbherziger VfB Stuttgart verlor gegen einen mit heißem Herzen kämpfenden SC Freiburg
„Ein halbherziger VfB Stuttgart verlor gegen einen mit heißem Herzen kämpfenden SC Freiburg“ (FAZ) – „fast jeder Mainzer Spieler hat in dieser Saison im Eiltempo dazugelernt“ (SZ) / Ailton trifft
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SC Freiburg-VfB Stuttgart 2:0
Hartmut Scherzer (FAZ 26.10.) erklärt die Niederlage der Stuttgarter: „Ein klassischer Fall: Drei Tage nach einem Europapokalspiel glaubt die vielleicht etwas müde Mannschaft, mit weniger Anstrengung in der Bundesliga über die Runden zu kommen. Die Folge: Ein halbherziger VfB Stuttgart verlor gegen einen mit heißem Herzen kämpfenden SC Freiburg und seinen Nimbus. Es war also ein Irrtum, die Schwaben in dieser Saison für ein Muster an Beständigkeit zu halten, weil die „jungen Wilden“ gereift seien. „Wir hatten gedacht, mit halber Kraft geht’s auch“, räumte Timo Hildebrand ein. Die höchst fragwürdige Rote Karte für Martin Stranzl hatte dabei kaum Einfluß auf die erste Niederlage im neunten Saisonspiel, bewirkte vielmehr den Aufschwung. Die bis dahin in allen Wettbewerben unbesiegten Schwaben rafften sich in Unterzahl endlich zu jenem Elan auf, den sie siebzig Minuten lang hatten vermissen lassen.“
Teamspieler
Martin Hägele (NZZ 26.10.) beschreibt die Reifung Matthias Sammers: „Der einst jüngste Bundesligatrainer ist mittlerweile souverän geworden. An seinem zweiten Arbeitsplatz hat der ehemalige Dortmunder Erfolgscoach viele Leute überrascht. Nach drei Monaten schon dankt der Stuttgarter Vorstandsvorsitzende Erwin Staudt jeden Tag beim Gutenachtgebet, „dass der Matthias Sammer bei uns auf der Trainerbank sitzt und nicht Jürgen Kohler“. Der ehemalige Nationalstopper war bei der Suche nach einem Magath-Nachfolger die Nummer eins auf der Kandidatenliste gewesen, hatte sich dann aber durch wahnwitzige Forderungen disqualifiziert. Entgegen allen Warnungen hat sich Sammer nicht nur als der allseits bekannte Gerechtigkeitsfanatiker erwiesen, sondern als äusserst menschlicher Teamspieler. Und so auf seine Art auf der vom eher autoritären Chef geprägten Arbeit aufgebaut. Sammer selber lässt keinen Zweifel, dass das Malheur von Freiburg, wo seine Mannschaft nie auf Betriebstemperatur kam und erst in Unterzahl auf ihre bekannt aggressive Spielweise umschaltete, wohl ein einmaliger Betriebsunfall war.“
Schalke 04-FSV Mainz 2:1
Fast jeder Mainzer Spieler hat in dieser Saison im Eiltempo dazugelernt
Lob für Mainz von allen Seiten – Christoph Biermann (SZ 26.10.): „Sand meinte es ernst, als er seinen „großen Respekt“ für den Aufsteiger zum Ausdruck brachte. „Das ist eine Mannschaft, die füreinander läuft und rennt“, sagte er. Obwohl Schalke sich den Erfolg verdiente, konnten die Gäste aus Mainz im Gefühl der Stärke nach Hause fahren. Auch wenn Jürgen Klopp sich darüber ärgert, dass die Öffentlichkeit noch nicht registriert hat, wie gut seine Mannschaft wirklich ist. „Immer wenn wir gewonnen haben, waren wir Sieger in einem schlechten Spiel, weil der Gegner nicht alles abgerufen hat“, sagte der Mainzer Trainer, „heute war es wahrscheinlich ein gutes Spiel, weil wir verloren haben.“ Im Laufe der ersten neun Partien hat die Mainzer Mannschaft einen gewaltigen Entwicklungssprung gemacht. Ihr Spiel hat mehr Qualitäten als die von Klopp beschworene Leidenschaft und es ist auch nicht nur von den Erfolgen der letzten Wochen getragen. Bei der ersten Mannschaftsbesprechung in dieser Saison, erzählte Niclas Weiland, habe nur ein Satz auf der Tafel gestanden: „Ihr seid jetzt Erstligaspieler!“ Inzwischen zeigt sich, dass diese Aussage nicht nur per Definition oder Suggestion richtig ist. Trotzdem muss Klopp seine Spieler weiterhin auf ihre Stärke hinweisen: „Die lesen in der Zeitung nämlich immer: Die Blinden haben gepunktet, keiner weiß warum.“ (…) Fast jeder Mainzer Spieler hat in dieser Saison im Eiltempo dazugelernt, so dass der Aufsteiger ganz zu Recht im ersten Drittel der Tabelle steht. Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen, wenn man Klopp glaubt. Sollten die Mainzer auf dem Weg zur Entfaltung aller Möglichkeiten noch einige andere Mannschaften zu ähnlichem Fußball inspirieren wie Schalke 04, hätten sie sogar für die Bundesliga Großes geleistet.“
Endlich trifft Ailton – Richard Leipold (FAZ 26.10.): “Das Tor, auf das er so lange gewartet hatte, entschied eine hochklassige Partie. Und plötzlich erschien dem Schützen alles einfach. Ailton glaubte hinter der Flaute, die ihn so verdrossen gemacht hatte, sogar eine Logik zu erkennen; er formulierte sie in der dritten Person wie alles Wesentliche in eigener Sache. „Das ist Ailton. Wenn die Mannschaft gut spielt, schießt er ein Tor.“ Eine starke Gesamtleistung als Voraussetzung für den Erfolg des größten Individualisten im Team? Gegen die munter mitkickenden Mainzer war die vermeintliche Logik aus Ailtons Welt vom Geschehen auf dem Fußballplatz gedeckt. Anders als gegen den FC Basel ließen die Schalker sich diesmal nicht von ihrem Weg nach vorne abbringen.“
Montag, 25. Oktober 2004
Allgemein
Der letzte Popstar der Liga
Mehmet Scholl, „Bayern Münchens einziger Kreative“ (FAZ) und „der letzte Popstar der Liga“ (SZ) – Willi Landgraf, „ein Paterfamilias, der in Bottrop wohnt“ (FAZ)
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Bayern Münchens einziger Kreative
Mehmet Scholl, Individualist – Matthias Wolf (FAZ 25.10.): “Irgendwie erweckte er von Beginn an den Eindruck, als gehörte er gar nicht richtig dazu. Erst lümmelte er sich nur, scheinbar desinteressiert, auf der Ersatzbank. Dann, die Haare zottelig und unrasiert, betrat er die Bühne. Gab seinen Auftritt – und verschwand wieder, als ginge ihn das alles nichts an. Wohl selten zuvor hat sich ein Hauptdarsteller in der Bundesliga, jenem Hort der Eitelkeiten, so untypisch verhalten wie Mehmet Scholl im Ostseestadion. Um ihn herum sprachen alle über ihn und seine phantasievollen Taten, die den roboterhaften Ergebnisfußball des FC Bayern letztlich noch veredelten. Doch Scholl schwieg, Bayern Münchens einziger Kreative schüttelte alle Fragesteller ab und genoß den Triumph still. Wer mag es dem 34jährigen Profi verdenken, der schlechte Erfahrungen gemacht hat und sich seit langem dem Rummel entzieht? (…) Ein Gewinn für den Bayern-Jahrgang, der derzeit so arm ist an Geistesblitzen. Das Ballquergeschiebe war einer europäischen Spitzenmannschaft unwürdig und stand im Gegensatz zu dem, was Magath seit seinem Arbeitsantritt in München predigt.“
Der letzte Popstar der Liga
Mehmet Scholl, Künstler – Klaus Hoeltzenbein (SZ 25.10.): „Er verhält sich wie ein Künstler, der ahnt, dass sein Spätwerk auch dadurch besser wird, dass er sich nicht erklärt; dass andere staunend wie vor einem Impressionisten stehen und versuchen, sein Tun zu deuten. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, Mehmet Scholl sei der letzte Popstar in der Liga. In jenen Jahren, in denen er sich mit ersten Gebrechen plagte, ist ihm kaum Konkurrenz erwachsen. Kevin Kuranyi schafft es auf die Titelseiten von Bravo und anderen Teenager-Lektüren, aber sonst? Benjamin Lauth ist viel zu oft verletzt, als dass seine blondierten Strähnchen regelmäßig titeltauglich wären. Im Quartett beißen Kuranyi und Lauth mit Arne Friedrich und Andreas Hinkel in Butterbrote mit Schokoladenaufstrich – das ist Fußball-Kultur 2004. Da die Werbung den Charme eines Frühstücks bei Azubis der Bank für Gemeinwirtschaft besitzt, beschreibt sie nur eine breite Lücke. In diese dribbelt dann der Retro-Scholl. In Rostocks Schmuddelwetter aber zeigte sich, dass Mehmet Scholl noch immer die schnellsten Beine und die schnellsten Gedanken der Liga hat. Sorgen bereitet die Frisur, die nicht mehr fällt wie einst. Nach Kurzhaar hat Scholl in einer Kreuzung aus Oasis-Britpop und Vokuhila eine Mode gefunden. In Münchner Klubs gab er schon den DJ, und die CDs mit seinen Lieblingstiteln sind nicht zu verachten. Wer Vergleiche sucht, kommt womöglich bei Prince vorbei. Auch der sah sich einst als Sklave von Gewerbe und Passion, sprach nicht mehr öffentlich, nannte sich „The Artist“ oder verbarg seine Identität hinter einem Symbol. Wahrscheinlich ist es bei Mehmet Scholl einfacher, ist er nur das vierte Mitglied der Sportfreunde Stiller, die er zu seinen Bekannten zählt. Einer, der gerne Musik macht und der sich quält, bis er wieder gute Laune hat.“
Emile Mpenza, Torschütze – Richard Leipold (FAZ 25.10.): “Wenn ein neuer Trainer die Arbeit aufnimmt, ändert sich manches, ohne daß es eine vernünftige Erklärung dafür gibt. Mpenzas Leistung gehört zu diesen Mysterien. Zuvor hatte der 26 Jahre alte Profi sich zwar eifrig bemüht, aber auch mit besten Chancen nichts anfangen können. Seinem vorherigen Trainer und Förderer Klaus Toppmöller muß es vorgekommen sein wie Ironie des Schicksals, daß Mpenza gerade bei der Premiere von Thomas Doll den Grundstein zum Erfolg legte. Zwei Wochen vor seiner Entlassung hatte Toppmöller angekündigt, Mpenza werde „noch seine Tore machen“. (…) Beibehalten hat er seinen Hang, sich abzukapseln. Beim HSV gilt der ein paar Wochen später auch noch verpflichtete Moreira als seine einzige Bezugsperson neben dem „persönlichen Betreuer“, der ihn durch die Fährnisse des Alltags lotst. Schon in Schalke spotteten Kritiker, Mpenza führe in der Mannschaft das Dasein eines Autisten. Das Mobiltelefon klebt ihm am Ohr, als wäre es festgewachsen; seinen Mitspielern indes hat er nicht viel zu sagen.“
Ein Paterfamilias, der in Bottrop wohnt
Willi Landgraf, Rekordzweitligaspieler – Thomas Klemm (FAZ 25.10.): „Über Rot-Weiss Essen, den FC Homburg, abermals Essen sowie den FC Gütersloh ist der Verteidiger 1999 nach Aachen gekommen. Vier Vereine, 18 Zweitligajahre, viele Höhen und Tiefen – aber kein einziges Kopfballtor. „Kopfballtore machen die anderen“ – damit hat er sich genauso abgefunden wie mit der Tatsache, daß ihm niemals ein Angebot von einem Erstligaverein vorlag. Kein Frage der Qualität, sondern des Zeitgeistes, meint der in Mülheim an der Ruhr geborene Landgraf. Man habe eben immer „Superstürmer“ gesucht und sich nicht so sehr um Abwehrspieler geschert. Oder lag es daran, daß er sich niemals einen Berater geleistet hat? Warum einen Berater engagieren, lautet Willi Landgrafs Gegenfrage. „Meine Frau schafft es, um ein Uhr das Essen auf den Tisch zu bringen.“ So spricht ein Paterfamilias, der in Bottrop wohnt, die Heimspiele von Rot-Weiss Essen besucht und an Trainingstagen der Alemannia 250 Kilometer hin- und zurückfährt. Mit harter Arbeit, unermüdlichem Fleiß und kämpferischer Einstellung hat es Willi Landgraf zum Stammspieler unter 19 Trainern gebracht – „18 waren ordentlich, einen würde ich rauspacken“.“
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