indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 18. Oktober 2004

Internationaler Fußball

Schweigemauer

Birgit Schönau (SZ 18.10.) schildert den Beginn des Doping-Prozesses gegen Juventus Turin: „Sein wichtigstes Match spielt der italienische Rekordmeister zurzeit nicht auf mythengetränktem grünem Rasen, sondern in einem nüchternen Turiner Gerichtssaal. Nach fast drei Jahren soll im November im Dopingprozess gegen Juve abgepfiffen werden – und schon jetzt erscheint klar, dass es nicht gut ausgehen wird für die Alte Dame. Die Anklage hat am Freitag mit ihrem Plädoyer losgelegt, und ein Wort, eine Abkürzung nur, dabei so oft verwendet, dass es schon ausreichen würde für den moralischen Knock-Out des erfolgreichsten italienischen Fußballklubs. Das Wort ist Epo, Kurzform für Erythropoietin, ein synthetisches Bluthormon, das die Bildung der roten Blutkörperchen anregt, dadurch den Umfang der Sauerstoffaufnahme erweitert und die Ausdauerleistung steigert. Bislang galt Epo als Wunderdroge für Radprofis, nordische Skifahrer und Leichtathleten. Bei Juve, so die Staatsanwälte, sei es „sowohl chronisch als auch in akuten Fällen“ verabreicht worden, namentlich „in massiven“ Dosen, um wieder auf die Beine zu bringen. Hier stützt sich die Anklage auf ein Gutachten des Hämatologen Giuseppe D’ Onofrio von der Katholischen Universität in Rom. Epo für Juve-Spieler: die Sensations-Nachricht wurde in der Gazzetta dello Sport schamhaft versteckt, hat doch die meistgelesene Tageszeitung Italiens Zigtausende von Juve-Fans unter ihren Kunden. Und doch könnte eine Verurteilung der beiden Angeklagten, des Vereinsarztes Riccardo Agricola und des Geschäftsführers Antonio Giraudo, eine Aberkennung sämtlicher Juve-Trophäen der Jahre 1994-98 nach sich ziehen. (…) Das Gericht sah sich bei den meisten Zeugen einer Schweigemauer gegenüber, wie sonst nur bei Mafia-Prozessen.“

Italiens Süden strebt nach oben, erfahren wir von Dirk Schümer (FAZ 18.10.): „Das Duell des Goliaths Juventus Turin gegen den David vom FC Messina wurde unversehens zum Spitzenspiel, bei dem der schwerreiche Traditionsclub aus Piemont als Tabellenführer das 2:1 über den bettelarmen Zweiten nur knapp über die Zeit rettete. In ähnlicher Manier hatten die unbeschwerten Kicker aus Messina zuvor – wie Mainz 05 – mit Pressing und variablem Angriffsspiel über die Flügel bei Titelträger AC Mailand und gegen AS Rom gewonnen und sich damit ganz oben etabliert. Dabei verdienen sämtliche Spieler und Reservisten mit rund sieben Millionen Euro zusammen so viel wie ein einziger Star der arroganten und erfolgsverwöhnten Großclubs in Mailand oder Turin. Daß er keinen Platzhirschen aufbieten kann, gereicht Trainer Bortolo Mutti gerade zum Vorteil. Mit erfolgshungrigem Kollektiv die satten Stars zu piesacken und mit taktisch klugem Konterfußball zu überraschen (…) Paßt für Messina im nagelneuen Stadion San Filippo die Märchengeschichte vom stolzen Underdog aus der Provinz, so sieht es bei Palermo schon anders aus. In Siziliens Hauptstadt peilt man nach mehr als drei demütigenden Jahrzehnten in unteren Klassen nichts anderes als den Uefa-Pokal an. Vater des Erfolgs ist hier weniger der sizilianische Stolz als ein schwerreicher Unternehmer aus dem hohen Norden, der um den graumelierten Spielmacher Corini ein beachtliches Ensemble zusammengekauft hat. (…) Nach Jahren im Abseits – Tiefpunkt war die Saison 2002/3 mit nur einem verbliebenen Abstiegskandidaten in der höchsten Spielklasse – ist Italiens armer Mezzogiorno nun mit gleich fünf Vereinen in der neuen 20er-Liga vertreten. Derzeit stehen auch die Außenseiter aus Reggio Calabria, Lecce und vom anderen Inselclub, dem sardischen Cagliari, allesamt in der oberen Tabellenhälfte.“

Europas Fußball vom Wochenende: Ergebnisse – Tabellen – Torschützen NZZ

Unterhaus

Schizophrenie

„Die Ambitionen des MSV Duisburg werden von einem sehr kritischen Publikum begleitet“, schreibt Ulrich Hartmann (SZ 18.10.): „Die Fans des MSV, der insgesamt 26 Jahre in der Bundesliga gespielt hat und nun im fünften Jahr hintereinander in der Zweiten Liga, wissen im Moment nicht, was sie von ihrem Verein halten sollen. Sie singen die alten Lieder, sie brüllen die alten Schlachtrufe, aber sie stehen in einem so gut wie fertigen, niegelnagelneuen Fußballtempel für 30 000 Zuschauer, 30 Logenmieter und allerhand betuchte Business-Seat-Besetzer. Das alte Wedaustadion ist für 43 Millionen Euro sukzessive modernisiert worden, bloß die Mannschaft hat mit dem Tempo der Bauarbeiter nicht mithalten können. In der vergangenen Saison pendelte der MSV zwischen Aufstieg und Abstiegszone, um am Ende Siebter zu werden, und in der laufenden Spielzeit hat man zwar schon fünf Mal gewonnen, aber auch drei Mal verloren. Als es am Freitag mit einer glücklichen 1:0-Führung gegen Unterhaching in die Halbzeit ging, pfiffen die Duisburger Fans ihre Mannschaft aus. Als zehn Minuten nach der Pause das 2:0 fiel, sangen sie: „Oh, wie ist das schön“. Diese Schizophrenie rührt von einem Optimismus, der allzu leicht zu erschüttern ist. Beim geringsten Zweifel pfeifen die Zuschauer oder fordern die Ablösung des Trainers.“

Bundesliga

Bochums Bumerang

Der 8. Bundesliga-Spieltag im Pressespiegel: „harmonische Zusammenarbeit in Stuttgart“ (FAZ) – „Mainz, wie es singt und lacht, Bremen, wie es schweigt und grollt“ (FAZ) – kein Glanz in München – Optimismus in Berlin – „der überschwänglich gefeierte Uefa-Cup-Einzug Bochums erweist sich als Bumerang“ (taz)

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VfB Stuttgart-Borussia Dortmund 2:0

Harmonische Zusammenarbeit

Peter Heß (FAZ 18.10.) hält den VfB für stärker als im letzten Jahr: “In diesem Herbst sprechen drei Dinge dafür, daß sich der Stuttgarter Höhenflug bis in den Frühsommer fortsetzt. Zum einen kostet der Uefa-Cup weniger Konzentration und Energie als die Champions League, zum anderen steht das Verhältnis Trainer/Mannschaft auf einer gesünderen Grundlage. Außerdem sind die jungen Wilden noch reifer geworden. Während Magaths Regentschaft mehr auf dem Prinzip Befehl und Gehorsam basierte, der Alleinherrschaftsanspruch des Trainer-Managers nicht nur Kräfte freisetzte, sondern auch blockierte, legt Matthias Sammer Wert auf eine harmonische Zusammenarbeit. Die Leistungssteigerungen von Mittelfeldspieler Hleb und von Stürmer Cacau sind die augenfälligsten Auswirkungen von Sammers Methode. Ansonsten spielt die Mannschaft so, wie sie es von Magath beigebracht bekam: diszipliniert, engagiert, mit viel Gefühl für Raum, Zeit und Tempo.“

FSV Mainz-Werder Bremen 2:1

Wie im Film!, ruft Ulrich Hartmann (SZ 18.10.): „Bei Zorro war es immer so: Am Ende jeder Fernsehfolge hatten die Bösewichter den guten Mann mit der Peitsche im Schwitzkasten und drohten ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. Man hat gedacht: Diesmal haben sie ihn. Und dann? Nichts. Zorro entkam, rettete sich irgendwie doch noch aus der Bredouille und ritt als moralischer Sieger von dannen, geradewegs hinein in die nächste Folge, in der ihm genau das Gleiche passieren würde. Gerettet in letzter Sekunde. Das Genre nannte man Cliffhanger. Bei den Heimspielen des FSV Mainz 05 ist es meistens so: Zwischendurch stecken die Spieler vom Aufsteiger ganz schön in Schwierigkeiten, dann droht ihnen die erste Heimniederlage in ihrer ersten Bundesliga-Saison. Man denkt dann immer: Diesmal erwischt es sie. Und dann? Nichts. Die Mainzer verlieren nicht, meistens drehen sie das Spiel sogar noch, tanzen als moralische Sieger vor ihren berauschten Fans und freuen sich strahlend auf das nächste Heimspiel, in dem ihnen das Gleiche widerfährt. Gerettet in letzter Sekunde. In Mainz ist der Fußball wie eine turbulente Fernsehserie. (…) Das hat nichts damit zu tun, dass die Mainzer technisch versierte Fußballer wären. Das sind sie nämlich nicht. Sie spielen viele Fehlpässe, legen sich die Bälle oft zu weit vor, sind langsamer als viele Kontrahenten und offenbaren weitere technische Mängel. Aber was sie ziemlich perfekt demonstrieren, sind Stellungsspiel, Raumaufteilung und Pressing. Die Gegner können sich nicht entfalten, finden wenig Lücken, haben kaum Raum zur Kreativität.“

Fußball ist relativ einfach

Roland Zorn (FAZ 18.10.): „Selten schmallippig und wortkarg verließen die spät, aber richtig gestürzten Meister die Karnevalshochburg. Mainz, wie es singt und lacht, das waren die jubilierenden Sieger, Bremen, wie es schweigt und grollt, das waren die über sich selbst wütenden Verlierer des Tages. (…) Allofs wie Schaaf lamentierten nicht lange herum, daß Werder kurz vor der Pause ein einwandfreier Treffer von Charisteas wegen Abseits aberkannt wurde; sie beschwerten sich auch nicht darüber, daß Niclas Weiland keineswegs im passiven Abseits stand, als dessen Kollege Auer das Siegtor erzielte; vielmehr empfahlen sie ihren früh saturierten Meistern den nimmermüden Elan der Rheinhessen zur Nachahmung. „Fußball ist relativ einfach“, sagte Allofs, „die Mainzer Mannschaft ist taktisch gut geschult, spielt Pressing, hat eine hohe Laufbereitschaft. Vor allem gibt sie in keiner Phase auf, das ist der entscheidende Punkt.“ Werder dagegen, nach Charisteas‘ Führungstreffer nicht hungrig genug auf den Nachschlag, habe „den Gegner laufen lassen, statt ihn zu stellen“, wie Schaaf bemängelte. Allzudeutlich war den Grün-Weißen anzumerken, daß sich eine Reihe von Profis schon für das Champions-League-Duell beim RSC Anderlecht zu schonen begann, als noch nichts gewonnen war. Und so kam es wie so oft im Fußball.“

of: Das Siegtor von Benjamin Auer, bei dem Niclas Weiland dem Torhüter die Sicht erschwerte, provoziert erneut eine Debatte um passives Abseits auf allen Kanälen. Dabei stand Weiland nicht im Abseits, weder im passiven noch im aktiven; der rechte Verteidiger der Bremer, von den TV-Kameras nicht abgebildet, stand näher zur Torlinie.

Bayern München-Schalke 04 0:1

Früher war mehr Lametta – Elisabeth Schlammerl (FAZ 18.10.): „Der FC Bayern München war der Zeit wieder einmal ein wenig voraus, oder vielmehr ein Sponsor des Klubs war es. Der hatte auf der Tartanbahn vor der Haupttribüne einen üppig geschmückten Weihnachtsbaum aufstellen lassen, gleich neben dem Biergarten eines anderen Sponsors, in dem zwei sommerlich bekleidete Schaufensterpuppen an einen Tisch gesetzt worden waren. Ein wenig skurril, aber im Gegensatz zum Spiel amüsierte diese Szenerie die meisten Zuschauer wenigstens. Denn das einzige, was geglänzt hat beim deutschen Rekordmeister, waren die Kugeln am Weihnachtsbaum. (…) Für Ralf Rangnick hat die Top-Form von Asamoah in dieser Saison vor allem mit dessen Fitness zu tun. „Daran hat mein Vorgänger Jupp Heynckes einen großen Anteil.“ Der dritte Sieg im dritten Spiel unter seiner Regie gibt Rangnick Hoffnung, daß sich die Mannschaft nun stabilisiert hat. Vor allem in der Abwehr. In München blieben die Schalker zum ersten Mal in dieser Saison ohne Gegentreffer.“

Daniel Pontzen (Tsp 18.10.) bohrt nach: „Zum Ende eines sehr entbehrungsreichen Arbeitstages hätte Felix Magath doch noch einiges von dem sehen können, worauf er zuvor 90 Minuten lang vergeblich gewartet hatte. Bevor er den Presseraum verließ, in dem er gerade noch nach Erklärungen für die Darbietung seiner Mannschaft gesucht hatte, schaute er auf das Fernsehgerät über dem Ausgang, aus dem die Sportschau flimmerte. Einige Sekunden lang blieb sein Blick auf dem Bildschirm haften, dann senkte Magath den Kopf und machte sich auf in den Feierabend. Zu sehen waren Ausschnitte aus dem Spiel seines Ex-Vereins VfB Stuttgart und dabei gab es Angriffe, Torschüsse, schönes Kombinationsspiel – eben all das also, was ihm seine Mannschaft hartnäckig vorenthalten hatte.“

Kommt der da an mit seinem Täschchen

Wer? Jörg Schallenberg (taz 18.10.): „Mit Roy Makaay stand lediglich eine Spitze im Kader, auf den Nachwuchsstürmer Paulo Guerrero hatte Magath dankend verzichtet, weil der Peruaner nach seinem Nationalmannschaftsdebüt zu spät wieder in München eintraf: „Wenn wir auf so einen Spieler angewiesen sind, sieht es schlecht aus. Kommt der da an mit seinem Täschchen nach dem Abschlusstraining …“ – der Rest blieb Kopfschütteln. Neben Guerrero ärgerte sich Magath am meisten über Sebastian Deisler, der eine Art zweite Spitze spielen sollte, sich aber ständig ins Mittelfeld zurückfallen ließ, um dort den Ball zu fordern. Pech nur: Wenn er ihn bekam, war vorne niemand, den er noch anspielen konnte. Als Konsequenz seiner taktischen Taubheit musste Deisler schon in der Pause Platz machen.“

Philipp Selldorf (SZ 18.10.) lobt Schalkes Abwehr: „Keine einzige seriöse Torchance hatten die Münchner gehabt. So hatten sich die Schalker Chefplaner das wohl vorgestellt, als sie im vergangenen Winter ihre Entwürfe für die Saison 2004/2005 realisierten. Aus Bremen angelten sie den Innenverteidiger Mladen Krstajic, einen Fußballsoldaten der Eliteklasse, und aus Stuttgart den Brasilianer Marcelo Bordon, der dank seiner überaus stabilen Bauweise auch in einer durchgehenden Rinderherde die Standfestigkeit wahren würde. Die auf einfacher Logik beruhenden Berechnungen sahen vor, durch die Kombination zweier herausragender Innenverteidiger einen panzerfesten Abwehrwall konstruiert zu haben, die Tatsachen ergaben jedoch eine vom X-Faktor bestimmte Wirklichkeit. Schalkes Deckung produzierte Fehler und kassierte Gegentore in einer Reichhaltigkeit, wie es mit den braven Abwehrleuten Kläsener, van Kerckhoven, Hajto und Waldoch nie geschehen war. Man war einander noch ziemlich fremd, Teams wie Rostock, Kaiserslautern, Mönchengladbach und Wolfsburg nutzten das gern aus, und unter anderem deshalb musste Jupp Heynckes seinen Posten aufgeben. Schlechter Trost für ihn, dass sich nun zusammenfügt, was zusammenpasst.“

Hertha BSC Berlin-Bayer Leverkusen 3:1

Schlechte Laune in Leverkusen empfindet Matthias Wolf (FAZ 18.10.): “Carsten Ramelow war der einzige, der selbstkritische Worte fand. Seine Kollegen hasteten an den Fragestellern vorbei. Eine gewisse Feigheit, die zum mutlosen Spiel paßte und auch Klaus Augenthaler nicht entgangen war: „Die sitzen jetzt alle in der Kabine, und ich muß wieder Rede und Antwort stehen – obwohl ich die Tore nicht verhindern konnte.“ Nur noch zynische Worte fand er für seine Profis, deren Darbietung er „wie einen Stich ins Herz“ empfinde. Er werde „einen Antrag stellen“, daß künftig jede Partie live nach Brasilien übertragen werde. „Denn dann“, so der aufgewühlte Trainer, „gehe ich davon aus, daß wir wieder eine Galavorstellung abliefern.“ Es brodelt in Augenthaler. Solche Schwankungen habe er noch nie erlebt von einem Team. „Das ist ein Wellental von ungewöhnlichen Ausmaßen.“ In Berlin deutete er an, daß er nicht weiter tatenlos zusehen wird.“

Optimismus in Berlin, fühlt Matti Lieske (taz 18.10.): “Mit dem Sieg ist bei den Herthanern endgültig die Gewissheit eingekehrt, dass sich der Horror der vergangenen Saison mit dem Abstiegskampf bis zum Schluss in dieser Spielzeit nicht wiederholen wird. Stattdessen darf man sich getrost nach oben orientieren, zumindest wenn die Protagonisten des Erfolgskurses gesund bleiben.“

VfL Bochum-Hansa Rostock 0:1

Der überschwänglich gefeierte Uefa-Cup-Einzug erweist sich als Bumerang

Bochumer Herbst – Holger Pauler (taz 18.10.): „“Opel gehört zu Bochum wie der VfL“, war auf dem Transparent zu lesen, das die Spieler vor der Partie hoch hielten. „Bochum kämpft für Opel“, erwiderten die Fans. Kratzen, Beißen, Grätschen war angesagt. Leider blieb davon während des Spiels nicht mehr allzu viel übrig. (…) Zu leblos und apathisch wirkten die Spieler. Nirgends jemand zu erkennen, der Mannschaft, Verantwortliche und Umfeld aus der Depression heraus führen kann. Es scheint, als hätten die Negativerlebnisse der letzten Wochen irreparable Schäden im Gesamtgefüge VfL Bochum verursacht. Anders sind sowohl die Leistungen der Spieler, als auch das mehr als unsensible und aggressive Verhalten der Fans nicht erklärbar. Der vor Monaten überschwänglich gefeierte Uefa-Cup-Einzug erweist sich als Bumerang. Und die Opelaner müssen sich die Unterstützung wohl woanders holen. Der VfL hat momentan seine eigenen Probleme.“

Auch der Genosse Trend spielt gegen Bochum, als trüge er das Trikot des Gegners

Richard Leipold (FAZ 18.10.) ergänzt: “Gegen die auswärts abermals gut organisierten Hanseaten wirkten die Bochumer, als hätten sie das Spielen verlernt. Die VfL-Profis kochen auf Sparflamme, und es fällt ihnen schwer, was vor ein paar Monaten noch wie von selbst lief. Nicht einmal in ihrer Spezialdisziplin Standardsituationen können sie sich auf ihre alte Stärke verlassen, die ihnen im Vorjahr allein 29 Tore ermöglichte. „Die Mannschaft steckt in einem Tief“, sagt Torhüter Rein van Duijnhoven. Dieser Befund ist das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, der schon ein paar Wochen andauert, zunächst aber ignoriert wurde. Es fing an mit zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen, die manchen Punkt kosteten, setzte sich fort mit vermeidbaren Fehlern und gipfelte vorerst im selbstverschuldeten Scheitern in der letzten Minute der ersten Europapokalrunde. Seitdem spielt auch der Genosse Trend gegen Bochum, als trüge er das Trikot des Gegners.“

Hamburger SV-Arminia Bielefeld 0:2

Das Gesicht zur Faust geballt

Markus Jox (taz 18.10.) leidet mit Toppmöller: „Es war ein Abgang ohne Worte. Unmittelbar nachdem Schiedsrichter Wolfgang Stark abgepfiffen hatte, stürmte Klaus Toppmüller durch den Spielertunnel in Richtung Kabine. Wortlos und das Gesicht zur Faust geballt stapfte der Mann an der hinter einer Absperrung geiernden Medien-Meute vorbei und würdigte diese keines Blickes. Und kein Reporter wagte es Toppmöller anzusprechen. Die Luft in den Katakomben der AOL-Arena war nicht nur dick, sie war bleihaltig. Auf der Pressekonferenz musste sich der bediente Toppmöller dann auch noch von Gästetrainer Uwe Rapolder öffentlich Honig um den Bart schmieren lassen: die Höchststrafe. „Noch nie in dieser Saison sind wir auswärts so unter Druck gesetzt worden wie in der ersten Halbzeit vom HSV“, schwadronierte der Coach des Aufsteigers, der nun drei Auswärtsspiele hintereinander gewinnen konnte. Toppis Team sei „moralisch absolut intakt“ und „gut organisiert“, ging die Demütigung weiter.“

Arminia hatte ein System, der HSV nicht

Ein gerechtes Ergebnis, findet Frank Heike (FAZ 18.10.): „Es war ein Lehrstück des modernen Fußballs, wie eine Mannschaft der Namenlosen aus Bielefeld gegen ein mit Nationalspielern gespicktes Hamburger Team verdient gewann: Arminia hatte ein System, der HSV nicht. Er hatte nie eines unter Toppmöller. Insofern ist die Entlassung richtig. Die Bielefelder Tore drückten die Überlegenheit der Arminia kaum aus. Die zusammengestückelte Hamburger Mannschaft, die aus überschätzten (Rahn, Mpenza), formschwachen (Takahara, Schlicke, van Buyten, Boulahrouz) und nicht bundesligatauglichen Profis (Moreira) besteht, versuchte zu kämpfen, aber es gibt beim HSV einfach kein Konzept, und die Selbstzufriedenheit ist groß. (…) Der Moselaner Toppmöller und der einst große HSV, es war eben doch ein Mißverständnis, mochte die Idee der Bindung des Bauchmenschen „Toppi“ an den seit Jahren gesichtslosen HSV bei der Verpflichtung auch Charme gehabt haben.“

1. FC Nürnberg-SC Freiburg 3:0

Armin Grasmuck (FAZ 18.10.) ist enttäuscht von Freiburg: „Freiburg präsentierte sich während der 90 Minuten enttäuschend, zu keiner Phase ambitioniert, den Ball auf die gewohnt brillante Art zirkulieren zu lassen. Auch fehlte der nötige Biß. Die Abwehr stand schlecht, sie ließ sich mehrfach auf billigste Weise übertölpeln. Nach vorne ging rein gar nichts: Ein Schuß, kurz nach der Halbzeit, war die magere Ausbeute.“

Bundesliga

In die eigene Tasche?

Neue Vorwürfe gegen Gerd Niebaum im Spiegel – Gerd Niebaums Rücktritt als BVB-Präsident, „Prototyp der Deutschmanager, der Hasardeure mit schamlosem Ego“ (SZ) / „Häme hat Niebaum nicht verdient, aber auch das Mitleid hält sich in Grenzen“ (FAZ) / Kritik auch an den Mitläufern der BVB-Führung, „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ (FAS) – Klaus Toppmöllers Entlassung, „zum wiederholten Mal hat er bewiesen, dass er in der Krise kein Rezept weiß“ (FR) / „der HSV unterscheidet sich nicht von Karstadt oder Opel“ (Tsp)

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In die eigene Tasche?

„Längst muss sich Gerd Niebaum nicht nur vorhalten lassen, dem Größenwahn anheim gefallen zu sein. Erstmals gibt es Indizien dafür, dass er sein Amt nutzen wollte, um in die eigene Tasche zu wirtschaften“, liest man im Spiegel (18.10.): „In Erklärungsnot ist er gekommen im Fall des Transfers von Karlheinz Riedle von Lazio Rom zur Borussia. Der Vorgang spielt in der berühmten Via Veneto, jener mondänen Prachtstraße in Rom, die einst die Kulisse bildete für Federico Fellinis Klassiker „La dolce vita“. Im Haus mit der Nummer 78 residiert eine Filiale der Banca Intesa, deren Vorläufer einmal Banca Commerciale hieß. Hier gingen, nach Erkenntnis italienischer Ermittler, am 23. November 1995 auf dem Konto 9353450192 exakt 1 252 470 000 Lire ein – rund 570 000 Euro. Inhaber des Kontos: „Borussia Dortmund BVB 09″. Auftraggeber der Überweisung war die Tesoreria Provinciale dello Stato – die Staatskasse. Bei der Zahlung handelte es sich um eine Rückerstattung der beim Riedle-Wechsel angefallenen Umsatzsteuer durch die italienischen Finanzbehörden. Doch das Geld ist nie in der Vereinskasse angekommen. Die Kontoauszüge und sonstige Schreiben schickte die Bank jahrelang an eine deutsche Adresse: Fritz-Kahl-Straße 5, Dortmund. Dort wohnt Gerd Niebaum. Der Fußball-Boss bestreitet die Kontoinhaberschaft vehement. (…) Selbst wenn sich alles in Wohlgefallen auflösen sollte, hinterlässt Niebaum ein desaströses Bild. Längst interessiert sich auch die DFL verstärkt für Borussia. Dass die Clubbosse dem neuen Finanzier Homm jeden Wunsch erfüllen mussten, ergibt sich aus einer Auskunft des DFL-Geschäftsführers Wilfried Straub: Die hastig durchgeprügelte Kapitalerhöhung sei „Ausfluss unserer Entscheidung im Lizenzierungsverfahren gewesen“. Die DFL habe diese „Maßnahmen“ zur Liquiditätssicherung „mitgesteuert“. Im Klartext: Die Geldbeschaffung durch Platzierung neuer Aktien war eine der Auflagen, unter denen dem klammen BVB im Juni die Spiel-Lizenz überhaupt erst erteilt worden war. Wenn Großinvestor Homm nun mit Niebaums Billigung ins operative Geschäft eingreift, droht neues Unheil. Die „Einflussnahme Dritter“, so DFL-Manager Straub, sei ein Verstoß gegen die Liga-Statuten.“

Prototyp der Deutschmanager

Thomas Kistner (SZ 18.10.) kommentiert den Rücktritt des BVB-Präsidenten: „Die Affäre Gerd Niebaum erreicht nun, da dessen private Geschäftsverquickung mit dem Präsidentenamt ruchbar wird, ein Stadium, in dem man den BVB-Vorstandschef glatt zum Manager des Jahres ausrufen möchte: Als Prototyp jener Deutschmanager von Opel bis Karstadt, die alle Schlagzeilen beherrscht. Hasardeure mit einem schamlosen Ego, das selbst im Big-Brother-Container zum sofortigen Rauswurf führen würde. Unter Nadelstreifen aber, wo eine Hand gern die andere wäscht, sind Lug und Trug Kavaliersdelikte, hier lebt sich’s lange und ungeniert, sofern nicht einer mit seinen Eskapaden Kabarettreife erlangt. Der Mann, der soeben noch die Nummer eins im deutschen Profifußballmanagement, hat in den letzten Tagen eigentlich nur den Inhalt seines Personalausweises noch nicht dementiert. Niebaums erzwungener Rücktritt ist so unwürdig wie die Art, in der er sich bis zuletzt dagegen gewehrt hat, man kennt sie von bockenden Kleinkindern. Dass die Vorstandskollegen in der DFL sein Treiben über Monate deckten, ist fragwürdig: Das laxe Lizenzverfahren, das ihm zugute kam, ist Werk der DFL. Dass aber diese bis zuletzt verschwiegen hat, Niebaums Skandalklub nur unter filmreifen Auflagen die Betriebserlaubnis verlängert zu haben, nährt den Verdacht, dass weitere (hoffentlich kleinere) Niebaums in der Branche zugange sind.“

Häme hat Niebaum nicht verdient, aber auch das Mitleid hält sich in Grenzen

Dazu schreibt Roland Zorn (FAZ 18.10.): „In Dortmund waren Niebaum und Meier, die handelnden Hauptpersonen, am Ende nur noch Getriebene ihrer eigenen Geschäftspolitik. Zu lange glaubten sie sich bei der investitionsgläubigen Borussia ganz besonders progressiv und verkannten die Minuszeichen an der Wand. Kirch-Crash, Verfehlen internationaler Wettbewerbe, allzu ambitionierter Ausbau des Westfalenstadions – all das hinterließ Verschuldungsspuren, die von Jahr zu Jahr breiter wurden. Am vorläufigen Ende stehen Gesamtverbindlichkeiten von mindestens 119 Millionen Euro. Mag der Präsident von gestern in der Vergangenheit auch noch so verdienstvoll gewesen sein, die Gegenwart des BVB war letztlich zu belastend. Häme hat Niebaum nicht verdient, aber auch das Mitleid hält sich in Grenzen.“

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Michael Ashelm (FAS 18.10.) verweist auf die Verantwortung der gesamten Vereinsführung: „Ein Konglomerat von unterschiedlichsten Gremien wacht derzeit über das Geschäftsgebaren des Wirtschaftsbetriebes der Borussia, doch in Wirklichkeit haben die Regularien nicht verhindern können, daß der allmächtige Niebaum einen ihm genehmen Zirkel von getreuen Vasallen installieren konnte. „Die Kontrollierten bestimmen ihre Kontrolleure“, kritisiert Werner Wirsing (ehemaliger Schatzmeister). (…) Über Jahre haben die Gepflogenheiten niemanden tiefgründiger interessiert, es wurde genickt und mitgemacht. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – bis zum großen Knall. In den Führungszirkeln des Klubs finden sich viele Persönlichkeiten aus der Region wieder, die dem Verein bis heute wichtiges Geld bringen. Vom Bankmanager bis zum Brauereichef ist die Lokalprominenz in den Gremien vertreten, Niebaum, der lange Zeit angesehene Wirtschaftsanwalt, wählte bei der Besetzung mit feinem Gespür nach alten Seilschaften und Bekanntschaften aus. „Alles gute Freunde, die ihm treu ergeben und eigentlich nur auf eine VIP-Karte und den VIP-Parkplatz für ihre Limousine scharf sind“, sagt ein Insider. Von größeren, tiefgreifenden Auseinandersetzungen in den gleichgeschalteten Machtzirkeln ist deshalb nichts zu hören. (…) Das einst so starke Gebilde des Dortmunder Fußballs bricht – zumindest personell – langsam in sich zusammen. Die Verantwortlichkeit für das Desaster tragen ganz sicher nicht nur ein oder zwei Männer an der Spitze.“

Kein Rezept

Jan Christian Müller (FR 18.10.) befasst sich mit der Entlassung Klaus Toppmöllers: “Toppmöller war ohnehin vom Heimweh geplagt, und er hat – man muss das leider so drastisch formulieren – zum wiederholten Mal bewiesen, dass er in der Krise kein Rezept zur Bewältigung derselben weiß. In Frankfurt war das so, in Leverkusen erst recht, nun in Hamburg wieder. Man kann den Toppmöller weisungsbefugten Verantwortlichen, Dietmar Beiersdrofer und Bernd Hoffmann, wahrlich nicht vorwerfen, in hektische Betriebsamkeit ausgebrochen zu sein. Beide haben lange an Toppmöller festgehalten, länger, als es ihre Überzeugung eigentlich erlaubt hätte. Aber beide müssen sich auch an ihren Personalentscheidungen messen lassen. Sie sind verantwortlich dafür, dass in Jara und Toppmöller Trainer verpflichtet wurden, die sich nicht lange beim HSV hielten.“

Nina Klöckner (FTD 18.10.) ergänzt: „Man wurde den Eindruck nie ganz los, dass es sich bei der Liaison von Anfang an um ein großes Missverständnis handelte. Seit Toppmöller die Mannschaft aus Leverkusen ins Finale der Champions League geführt hat, hält er sich für einen ganz Großen der Zunft. Nur den Beweis für die selbstbewusste Eigenanalyse hat er in Hamburg nie erbracht. Erst mäkelte er an der Mannschaft herum, weil die nicht er sondern seine Vorgänger zusammengestellt hatten. Mit der hanseatischen Zurückhaltung des Publikums seiner Person gegenüber konnte er auch nicht viel anfangen. Und als das Personal schon eher seinen Vorstellungen entsprach, warf er seinen Spielern öffentlich vor, dass „einige ständig Forderungen stellen und dann keine Leistung abliefern“. Toppmöller schaffte es, seine oftmals berechtigte Kritik so ungeschickt zu formulieren, dass am Ende er den schwarzen Peter hatte. Die Gegenseite verhielt sich allerdings nicht viel geschickter. Die Verantwortlichen sprachen dem Trainer zwar ständig ihr Vertrauen aus – aber nur bis zum nächsten Spiel. So etwas zehrt an den Nerven. Und stärkt nicht gerade das Vertrauen.“

Der HSV unterscheidet sich nicht von Karstadt oder Opel

Karsten Doneck (Tsp 18.10.) fügt hinzu: „Wer entlassen wird, ist irgendwann auch mal eingestellt worden. Von wem? Mit welcher Intention? (…) Klaus Toppmöller muss in Hamburg gehen, nach nur einem Jahr, entlassen von denselben Leuten, die ihn geholt haben. Hoffmann und Beiersdorfer aber werkeln ungestört weiter. So ist das Geschäft. Je mehr Verantwortung einer trägt, desto weniger haftet er im Schadensfalle. Da unterscheidet sich der HSV nicht von Karstadt oder Opel.“

In der taz (18.10.) lesen wir: „Klaus Toppmöller muss erleben, dass sein Name derzeit alles andere als angesagt ist. Jüngst hatte sich schon seine singende Tochter Sarah Nina entschlossen, auf ihren Geburtsnamen zu verzichten und sich lieber als „Zaranina“ einen Namen im Popbiz zu machen.“

Neue Männer! – René Martens (FTD 18.10.): „Fußballfans scheinen gern über die Stränge zu schlagen, doch tatsächlich sind ihre Manieren exzellent – verglichen jedenfalls mit denen einiger Machthaber. In England engagierten Spielerberater namhafte Gangster, um im Kampf um Wayne Rooney besser aufgestellt zu sein. In Dortmund agiert Gerd Niebaum, als habe es einen Uwe Barschel nie gegeben, und in Hamburg haben ein paar finstere Gesellen im nicht mehr besten Alter, die den Titel „Aufsichtsrat“ spazieren tragen, die sportlich gewiss nachvollziehbare Ablösung Klaus Toppmöllers von langer Hand vorbereitet. Immerhin: Einige der Veteranen dürften damit ihre letzte Schlacht geschlagen haben, denn am 22. November wird in Hamburg ein neuer Aufsichtsrat gewählt. Unter den Kandidaten sind vier Mitglieder der Fanvereinigung „HSV Supporters Club“, und weil diese Gruppierung fast 16 000 Anhänger umfasst, stehen ihre Chancen nicht schlecht. Da die bisherigen Aufsichtsratsmitglieder „sogar auf Beerdigungen ihre Vorwürfe lancierten“, wie das Hamburger Abendblatt berichtete, lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Zögen die Fans ins Kontrollorgan ein, gewänne zumindest das Fußballgeschäft in Hamburg wieder ein bisschen Seriosität zurück.“

Glanzparaden als inneres Erlebnis

Christoph Biermann (SZ 18.10.) ist Purist: „Mit großer Erleichterung wurde zur Kenntnis genommen, dass alle Spitzentorhüter an diesem Samstag weitgehend unauffällig und ohne Wortgewalt ihrer Tätigkeit nachgegangen sind. Das nährt die Hoffnung, dass im Torhütergewerbe das Zeitalter des Orchestralrocks zu Ende geht. Dazu sei an jenen unseligen Abschnitt der Popgeschichte erinnert, als Musiker in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts plötzlich nicht mehr damit zufrieden waren, einfach Krach zu machen, Eltern zu ärgern und Mädchen rumzukriegen. Es drängte sie nach Höherem. So gaben sie ihren Bands bombastische Namen (Genesis, Styx, Novalis, Eloy), die sie in der Oberstufe aufgeschnappt hatten. Dazu machten sie bombastisch Musik, die das Gewicht klassischer Werke haben sollte, oder spielten gleich den Kulturkanon der Klassik nach. Wer je „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgsky in der unter Pennälern einst populären Version von Emerson, Lake & Palmer gehört hat, weiß, wie quälend diese pompösen Angeberhöllen waren. Was das mit Torhütern zu tun hat? Aus noch zu klärenden Gründen hatten die Keeper in diesem Land – angeführt von Oliver Kahn – vor einiger Zeit beschlossen, dass es nicht mehr reicht, einfach nur Bälle abzuwehren. Sie begannen, das Leben zwischen den Pfosten zu einer Art nietzscheanischer Grenzerfahrung zu stilisieren. Dabei erweckten sie den Eindruck, als ob die kalte Einsamkeit, die sie angeblich zwischen den Pfosten erlebten, nur noch Ernst Jünger hätte beschreiben können: „Glanzparaden als inneres Erlebnis“.“

Samstag, 16. Oktober 2004

Allgemein

Der kleine Kahn

Torhüter sind in aller Munde – Christof Kneer (BLZ 16.10.): “Womöglich ist Torwartspiel ab einem gewissen Niveau auch Geschmackssache, aber es gilt kaum als strittig, dass Frank Rost mindestens Deutschlands drittbester Torwächter ist. Er hat Reflexe, Schneid und eine unverschämte Konstanz, und er hat Pranken, die so riesig sind, dass sie zur Not als Dach über der Schalke-Arena durchgehen könnten. Aber Rosts Problem ist, dass alle immer denken, er sei 28. Dabei ist er 31. Er ist in seinen besten Torwartjahren jetzt, aber Kahn und Lehmann sind immer noch da. Und wenn sie mal weg sind, 2008 etwa, bei der EM, dann werden Hildebrand und Wiese in den besten Jahren sein, und er selbst ist dann 35. Rost hat die Ungnade der falschen [frühen?, of] Geburt, er gehört einer unglücklichen Zwischengeneration an, aber das allein ist nicht der Grund, warum es ein Mann von solcher Klasse auf nur vier Länderspiele bringt. Er hat es dem DFB auch nie leicht gemacht mit seinem Feuerkopftemperament. Frank Rost ist so etwas wie der kleine Kahn, und meist waren die Nationaltrainer der Meinung, dass es reicht, wenn sie den großen Kahn dabei haben. Rudi Völler hat das offen gesagt, vor der WM 2002, als statt Rost der artige Leverkusener Jörg Butt den dritten Torwartplatz abbekam. (…) Schalke hat nie ins DFB-Netzwerk hineingehört wie München oder Leverkusen. Vereinsintern, sagt ein Insider, habe Rost schon häufig mehr Unterstützung angemahnt – ihm schmeckt es nicht, dass Rudi Assauer seine Spieler nicht öffentlich anpreist wie Uli Hoeneß.“

Interview

Werder ist Meister und Pokalsieger geworden, für mich sind die nicht besser als wir

Markus Babbel im Interview mit Martin Hägele & Ludger Schulze (SZ 16.10.)
SZ: Sie haben ein Nervenleiden überwunden, das Guillain-Barré-Syndrom. Wie kommt man dazu?
MB: Es entsteht durch eine Immunschwäche, ausgelöst durch das Pfeiffersche Drüsenfieber. Der Körper produziert Antikörper gegen das Virus, das schon gar nicht mehr vorhanden ist. Dadurch werden die Nervenenden angegriffen, die Muskeln bekommen keine Impulse und hören auf zu arbeiten. Ich hatte noch Glück: Bei mir ging es nur so weit, dass ich bis zu den Knien kein Gefühl mehr hatte, permanentes Kribbeln in den Fingern, ein Teil der Gesichtshälfte war gelähmt. Bei anderen kann das bis zum Atemstillstand führen.
SZ: Kam das plötzlich?
MB: Bei mir war das ein schleichender Prozess. Ich dachte erst, das Kribbeln seien leichte Durchblutungsstörungen. Aber nach 14 Tagen hab ich gedacht, da stimmt doch was nicht, und beschloss, nach München zum Spezialisten Prof. Roman Haberl zu gehen. Ich bin gerade noch rechtzeitig ins Flugzeug gestiegen.
SZ: Wann konnten Sie sich denn wieder einigermaßen normal bewegen?
MB: Nach etwa zehn Wochen. Wahnsinn war, wie ich vor einem Spiegel auf einem Laufbahn ging – wie ein Roboter. Du weißt, wie es geht, das Gehen, aber du kannst es nicht umsetzen.
SZ: Gab es mal einen Punkt, an dem Sie aufgeben wollten?
MB: Komischerweise nie. Ich hab mich auch nie gefragt, warum ich, warum kein anderer. Ich will da eine Geschichte erzählen: Im Krankenhaus hat mich ein neunjähriges Kind besucht, Fan von Bayern München, Leukämie, Überlebenschance 50 Prozent. Der Bub kam mit seinem Schal und einer Freude, da hab ich mir gedacht: Na, so schlecht geht es dir ja gar nicht. Für mich war immer klar, dass ich wieder zurück komme, zumal ich vom Verein (FC Liverpool) großartig unterstützt wurde. Wie ernst die Krankheit ist, wurde mir erst im Nachhinein bewusst. (…)
SZ: Wie ist Ihr Bild vom VfB Stuttgart?
MB: Uneingeschränkt positiv. Ich hatte es mir schwieriger vorgestellt, was die Leute betrifft, wie sie mich beäugen als früheren Bayern-Spieler. Es gab nie etwas wie Ablehnung. Philipp Lahm hat da gute Vorarbeit geleistet.
SZ: Und sportlich?
MB: Ich habe zu einem ganz passablen Spiel gefunden, wir stehen ganz gut da hinten, zusammen mit Martin Stranzl.
SZ: Trauen Sie Ihrer Mannschaft zu, dem FC Bayern München in dieser Saison den Kampf anzusagen?
MB: Ich bin gewohnt, Titel zu gewinnen, in München wie in Liverpool. Diesen Anspruch habe ich auch hier. Der VfB ist eine Topmannschaft, wir sind eine Einheit und haben Spitzenspieler. Und in Zvonimir Soldo haben wir einen Führungsspieler, der den Laden zusammenhält. So einen habe ich selbst bei Bayern nicht erlebt. Werder ist letztes Jahr Meister und Pokalsieger geworden, und für mich sind die nicht besser als wir.

Ball und Buchstabe

Ist das nicht Medikamentenmißbrauch, der die Dopingmentalität verrät?

Doping steht wieder auf der Agenda – Hans-Joachim Waldbröl (FAZ 14.10.) kommentiert: „Immerhin schaut die Fifa hin, bevor sie über gewisse Wahrscheinlichkeiten beim Medikamentenmißbrauch redet. Oder sich auf unwahrscheinliche Annahmen herausredet. Der Weltverband für Fußball hebt sich damit positiv vom Weltverband für Tennis ab, der jahrelang, übrigens einst in einer Widerstands-Allianz mit der Fifa und dem Internationalen Radsport-Verband gegen die Bemühungen des Internationalen Olympischen Komitees und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Trainingskontrollen für überflüssig hielt. Mit einem verblüffenden Argument: Warum solle man denn kontrollieren, wenn nicht gedopt werde. (…) Doping im Fußball, das ist für Professor Toni Graf-Baumann bis auf weiteres der Mißbrauch von Aufputschmitteln und Muskelmachern, streng statistisch gesehen. Weiter über den aktuellen Horizont der verbotenen Substanzen hinaus blickt Klaus Müller. Der Laborchef sieht es, ebenso wie sein Kölner Kollege Professor Wilhelm Schänzer, als seine Aufgabe, Tendenzen der Manipulation zu erkennen und Entwicklungen zu antizipieren. Und da ist dem Mitglied jener Wada-Kommission, die sich um die Aktualisierung der Verbotsliste kümmert, etwas Bemerkenswertes aufgefallen: die Nootropica. Eine Entdeckung als Abfallprodukt bei der Routineanalyse, eine Substanz, nach der zwar noch nicht gesucht, die aber gefunden wurde. Nootropica sollen die Durchblutung, den Stoffwechsel im Gehirn fördern, speziell die Koordination, die Konzentration, die Gedächtnisleistung steigern. Ein eingeführtes Mittel in der Geriatrie, neuerdings aufgetaucht bei Gruppenanalysen von Fußballspielern. „Muß man sich da nicht fragen, warum junge gesunde Leute Medikamente nehmen, die für alte Menschen gemacht werden?“ Und die Anschlußfrage: Ist das nicht Medikamentenmißbrauch, der die Dopingmentalität verrät?“

Unterhaus

Sportfreunde Siegen

In der FR lesen wir: „In den beiden vergangenen Spielzeiten standen die Sportfreunde Siegen jeweils mit einem Bein in der Oberliga, bevor die Lizenzentzüge für den SSV Reutlingen (2003) und den FC Schweinfurt 05 (2004) die Westfalen in letzter Sekunde vor der Viertklassigkeit bewahrten. Seitdem geht es in Siegen steil bergauf, bis an die Tabellenspitze der Regionalliga-Süd.“

Bundesliga

Der Mann ist so stolz, dass er weder Scham noch Moral kennt

„Es ist ein aussichtsloser Kampf, den Gerd Niebaum führt, der Mann ist so stolz, dass er weder Scham noch Moral kennt“ (NZZ) / „was auf dem Platz geschieht, so scheint es, wird zur Nebensache und Nebensächliches wird zur Hauptsache“ (Welt) – „in Stuttgart trifft Matthias Sammer auf eine Arbeitsmoral, die ihm behagt“ (FAZ) – „unser Erfolg ist der Erfolg von Peter Pander“ (Erik Gerets, FAZ)

…………..

Martin Hägele (NZZ 16.10.) fasst Gerd Niebaums Entlarvung zusammen: „Es ist ein aussichtsloser Kampf, den Gerd Niebaum führt. Auch jene überregionalen Journalisten, die Niebaum seiner Dortmunder Hausmacht zurechnete, darunter die Vertreter von Welt und Bild, die er von Pressesprecher Josef Schneck zu einem Gespräch ins vereinseigene Hotel Lennhof geladen hatte, waren danach erkenntlich auf Distanz gegangen. Das absehbare Ende des ehemaligen Fussball- und Wirtschaftsvisionärs Niebaum, aufgrund seiner Machtfülle auch „Sonnenkönig“ genannt, hat keinesfalls mit irgendwelchen geheimnisvollen oppositionellen Kräften zu tun, die sich plötzlich bemüssigt fühlen, das nun schon 18 Jahre dauernde Imperium zu attackieren. Der Widerstand gegen den selbstherrlichen und redegewandten Despoten lässt sich auf zwei Kritiker zurückführen, einen freien Journalisten der SZ sowie einen Mitarbeiter des kickers. Beide liessen sich bei ihren Recherchen weder von einstweiligen Verfügungen und sonstigen juristischen Winkelzügen stoppen, von denen Advokat Niebaum anscheinend unzählige in Reserve hielt. Das Journalisten-Duo löste vielmehr in den letzten vier Jahren mit weiteren journalistischen Schneebällen jene Lawine aus, die nun losgegangen ist. (…) Dass ihn nun die zwei hartnäckigen Reporter vor einem Millionenpublikum als Lügner enttarnten, wäre für jeden ehrbaren Geschäftsmann und Sportler Anlass gewesen, sofort aus der Szene zu verschwinden. Die Frage, warum Niebaum dies noch nicht tut, wird zum Rätsel. Der Mann ist so stolz, dass er weder Scham noch Moral kennt.“

Nebensächliches wird zur Hauptsache

Udo Muras (Welt 16.10.) möchte über Fußball reden: „Spricht eigentlich noch irgendwer über Fußball vor diesem doch so interessanten Wochenende? Nicht nur das Wiedersehen der Dortmunder mit ihrem Ex-Trainer Matthias Sammer birgt sportliche Brisanz, auch die Reise des Ruhrpottnachbarn Schalke 04 zum FC Bayern verdient höchste Beachtung. In die Schlagzeilen aber gerieten drei Bayern-Spieler, die am Dienstag unerwarteten Besuch von der Staatsanwaltschaft bekommen haben. Hausdurchsuchungen bei Thomas Linke, Hasan Salihamidzic und Jens Jeremies, dringend des „unerlaubten Insiderhandels“ verdächtigt, verdrängen die sportliche Vorschau auf ein Spiel, das einige der schönsten Kapitel in der Bundesliga-Geschichte geschrieben hat. Ob 0:7, 7:1, 8:1 oder 6:6 (im Pokal) – bei Bayern gegen Schalke war oft was los. Jetzt aber rückt es in den Hintergrund. Weil jene angesprochenen Fußballer alle an einem Tag Aktien eines Hamburger Unternehmens gekauft haben. dpa liefert zum besseren Verständnis gestern einen Bericht zum Stichwort „Insiderhandel“. Die Kollegen sind dankbar, auch Sportjournalisten müssen umschulen in diesen Tagen, wo Väter ihren Söhnen den Fußball schon lange nicht mehr erklären können und auf den Steuerberater oder Rechtsanwalt verweisen müssen. Nur wer auf solche Kapazitäten bauen kann, kommt noch klar. Etwa mit den Vorgängen beim 1. FC Kaiserslautern, wo sich alter und neuer Vorstand seit dieser Woche gegenseitig verklagen. Morgen spielt der FCK übrigens bei Borussia Mönchengladbach, für beide kein unwichtiges Spiel nach dem Fehlstart. Aber in der Pfalz geht es um Steuerhinterziehung, zu Unrecht abgetretene Persönlichkeitsrechte – und nicht um Fußball. Eine Folge des Millionenspiels, das hinter den Kulissen immer komplizierter und immer kommerzieller wird. Der eingetragene Verein ist in der Bundesliga längst Geschichte, Ausnahmen bestätigen die Regel, die besagt, daß Millionen-Umsätze besser von Kapitalgesellschaften getragen und kontrolliert werden sollten. Vor Mißwirtschaft schützt kein Modell, wie der Fall Dortmund zeigt. (…) Was auf dem Platz geschieht, so scheint es, wird zur Nebensache und Nebensächliches wird zur Hauptsache.“

Das Empfinden des kleinen Mannes

Wie reagieren Dortmunds Fans, Richard Leipold (FAZ 16.10.)? “Bert van Marwijk bereitet die Fußballprofis der kranken Kapitalgesellschaft Borussia Dortmund auf das Spiel vor. Aber wen interessiert das noch an einem solchen Tag? Es ist der Tag, an dem Gerd Niebaum, der Präsident, öffentlich der Lüge überführt wird. (…) Auf schwatzgelb.de, einem intelligent gemachten Fanzine, erscheint ein Kommentar, der die Gemütslage vieler Anhänger beschreibt. „Es ist vorbei, wir fühlen uns betrogen, dieses Mal hilft kein Dementi mehr. Dieses Dementi war eines zuviel.“ Die Lüge des Präsidenten ist etwas, was die Fans wieder greifen können. Sie blicken in einen menschlichen Abgrund, nicht bloß auf abstrakte Zahlen aus dem Geschäftsbericht. Was bedeuten Schulden von fast 120 Millionen oder ein Jahresfehlbetrag von knapp 68 Millionen Euro, solange der Ball rollt wie vorher? Aber wenn die Geschäftsführung es nötig hat zu lügen, dann stimmt etwas nicht. Um das zu erkennen, reicht das Empfinden des kleinen Mannes. (…) Die Stimmung ist gereizt, aber auf der Straße bleibt es fürs erste ruhig. Der Fernsehsender RTL hat, aufgeschreckt durch Presseberichte, ein Team aus der Politikredaktion entsandt. Doch weder vor der Geschäftsstelle noch auf dem Trainingsgelände gibt es aufsehenerregende Bilder einzufangen. Borussia ist eben doch nicht Karstadt oder Opel.“

In Stuttgart trifft der Trainer auf eine Arbeitsmoral, die ihm behagt

Matthias Sammer schweigt zu den Vorgängen in Dortmund – Peter Heß (FAZ 16.10.): “Was könnte der 37 Jahre alte Profi in diesen Tagen schon Positives über den alten Arbeitgeber sagen, angesichts dessen sportlicher und vor allem wirtschaftlicher Schieflage? Und falls ihm tatsächlich etwas einfiele, klänge es womöglich beschönigend oder naiv oder gönnerhaft. Wie komme ich rüber? Wie werde ich verstanden? Wie könnten meine Aussagen ausgelegt werden? Diese Überlegungen spielen für den Öffentlichkeitsarbeiter Sammer eine beherrschende Rolle. Aufgewühlt von den frischen Erlebnissen eines Pflichtspiels, mag er schon mal ein auf seine Wirkung nicht ganz zu Ende bedachtes Wort verlieren; an diesem Mittag aber, ausgeruht, mit nur einem Gegenspieler konfrontiert, gibt sich Sammer keine Blöße. Dabei ist er im Moment unangreifbar. Er, der am Spielfeldrand so leidenschaftlich mitgeht, läßt nur kurze Lichtstrahlen in seine Gedankenwelt hineinfallen. „Der Fußball ist zur Zeit sehr schnellebig und oberflächlich. Und der Trainerjob ist nur ein Spiegel der Gesellschaft. In der Politik und anderen Bereichen ist das nicht anders.“ Sammer bedauert den Werteverfall, mag sich daran nicht mit kurzschlüssigen Analysen und marktschreierischen Thesen beteiligen. Nie würde er die Erfolgsserie des VfB als seinen Verdienst propagieren. Sammer betont die Vorarbeit, die im Verein geleistet wurde, gerade durch seinen Vorgänger Felix Magath. (…) In Stuttgart trifft der Trainer auf eine Arbeitsmoral, die ihm behagt, im deutschen Fußball aber nicht selbstverständlich ist. Ganz dezent deutet er an, daß es durchaus Achtzehnjährige gebe, die meinten, schon alles zu können.“

Oliver Trust (Tsp 15.10.) hört zwischen Sammers Zeilen: “Matthias Sammer ist vorsichtig: „Dass ich mich hier wohl fühle, hat nichts mit anderen zu tun“, sagt der frühere Dortmunder Trainer und nimmt in Kauf, etwas geschwindelt zu haben. Eine pflegeleichte Mannschaft, ein Präsident mit klarem Blick für die Realität, keine Diven mehr auf dem Trainingsplatz – Sammer hätte vieles aufzählen können, was zu seiner Zufriedenheit beiträgt. Aber er lässt es sein. Sammer will authentisch wirken. Als derjenige, der auf sechs Millionen Euro verzichtete, als ihn im Sommer vor allem Gerd Niebaum in Westfalen nicht mehr haben wollte. „Viele hätten nicht auf Geld verzichtet“, sagt er und schweigt zum Rest. Auch sein Verhältnis zu Niebaum habe schwer gelitten. Sammer aber belässt es bei Andeutungen. (…) Es hat ein paar Tage gedauert, bis sich alle an ihn gewöhnt hatten. An einen solch nahtlosen Übergang von Vorgänger Felix Magath zu ihm hatten nur wenige geglaubt. „Er gibt uns das Gefühl, dass wir ihm vertrauen können“, sagen Spieler wie Horst Heldt. Sein Antrieb werde stärker durch „Jungs, die motiviert sind. Das ist in Stuttgart der Fall“, sagt Sammer. Kein bewusster Seitenhieb auf die „Ich-AGs“ aus Westfalen, aber eine Äußerung, die vieles verrät.“

Unser Erfolg ist der Erfolg von Peter Pander

Es sind schon Führungsleute für sehr wenig zurückgetreten, Peter Pander in Wolfsburg zum Beispiel – Frank Heike (FAZ 16.10.) fühlt mit ihm: „Im Gespräch merkt man ihm Bitterkeit an: Es ist nämlich sein Team, das da gerade die Bundesliga aufmischt – ohne ihn. Pander hat den Klub von 1991 bis Ende August 2004 geformt und geführt. Als er, der einfache VW-Angestellte, als Fußball-Obmann anfing, spielte der VfL in der dritten Liga vor 500 Zuschauern, die auf besseren Grashügeln hockten. Inzwischen gehört der VfL zum Inventar der Liga, hat ein schönes Stadion und ein hervorragendes Umfeld. Pander hat danebengegriffen (Effenberg, Röber), und er hat erfolgreich zugegriffen (D‘Alessandro, Gerets). Allemal haben Panders Einkäufe dem VfL zu mehr Kontur und Farbe verholfen. Die Arbeit lohnte sich für ihn. Er konnte sich als Mensch weiterentwickeln, die große weite Welt erkunden, und ein Vertrag bis 2008 (im vergangenen Jahr von VW verlängert) läßt ihn und seine Familie aller Sorgen ledig sein. Vergessen hat ihn niemand. Trainer Erik Gerets sagt, daß er ohne Panders Einsatz niemals kurz vor dem Ende der vergangenen Serie zum abstiegsbedrohten VfL gekommen wäre. Zusammen haben Gerets und Pander die Abwehrspieler Hofland und Quiroga sowie Brdaric und Hristow eingekauft und so die Schwächen des Teams in der Defensive beseitigt. „Unser Erfolg ist der Erfolg von Peter Pander“, sagt Gerets.“

Ascheplatz

Die DFL ist eingeknickt

Jan Christian Müller (FR 16.10.) kommentiert die Nachsichtigkeit bei der Lizenzvergabe: “Eigentlich hatte die DFL den Daumen gesenkt angesichts der hanebüchenen winkeladvokatischen Klimmzüge, mit denen der BVB, bis weit über alle Flutlichtmasten schier hoffnungslos verschuldet, seine Lizenzierungs-Unterlagen versehen hatte. Fast 119 Millionen Euro an Verbindlichkeiten hatte der Weltpokalsieger da angehäuft, doch die Liquidität für die neue Saison war gesichert, ebenso ein ordnungsgemäßer Spielbetrieb, und deshalb hatte man sich nicht auf einen Entzug der Lizenz durchringen können oder wollen – immerhin räumte die DFL gehörige Bauchschmerzen ein. Die nicht geringer wurden angesichts der Aussicht, andernfalls vom BVB mit Schadensersatzklagen in Millionenhöhe überzogen zu werden. Die DFL ist eingeknickt, sicherlich auch vor dem großen Fisch Borussia Dortmund. Natürlich wird jetzt eine Reform des Lizenzierungsverfahren gefordert, und zwar zurecht. Dass die aktuelle Vermögenssituation, im konkreten Fall wohl besser: Negativ-Vermögenssituation keinen Einfluss bei der Lizenzvergabe habe, ist ein Unding.“

Die Durchschlagskraft der DFL ist begrenzt

Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzenden der Eintracht Frankfurt Fußball AG, im Interview mit Ingo Durstewitz (FR 16.10.) über die Befugnisse der DFL
FR: Es heißt, dass die DFL-Geschäftsführung für die Lizenzverweigerung gewesen sei, die mächtige Liga aber Borussia Dortmund die Stange hielt.
HB: Sie müssen sich das so vorstellen: Herr Straub (Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung) und Herr Müller (DFL-Geschäftsführer) geben eine Empfehlung, aber der Vorstand der Liga entscheidet. Er setzte sich damals aus zwölf Mitgliedern zusammen, sechs aus der ersten und sechs aus der zweiten Liga. Aber Straub und Müller sind nicht irgendwer, sondern haben eine gewichtige Meinung.
FR: Sie waren bis 2003 als Geschäftsführer bei der DFL. Wie fühlt man sich, wenn man sich nicht durchsetzen kann?
HB: Die Durchschlagskraft der DFL ist begrenzt. Das weiß man.
FR: Das Lizenzierungsverfahren bewertet nur, ob ein Verein die Liquidität für das Spieljahr gesichert hat. Ist ein solches Verfahren noch zeitgemäß?
HB: Nein, ich kann mir nur wünschen, dass das Lizenzierungsverfahren den neueren Entwicklungen Rechnung trägt. Die Liquidität bis 30. Juni kann nicht das einzige Kriterium sein. Das haben Müller und Straub längst erkannt.
FR: Woran hapert es dann noch?
HB: Es ist nicht ganz einfach, die Dinge zu erweitern. Weil ein mittelständisches Unternehmen eine unternehmerische Freiheit hat, Investitionen in die Zukunft selbst zu gestalten. Es muss eine Einverständniserklärung der Vereine selbst vorliegen. Denn ich glaube nicht, dass man mittelständische Unternehmen per Gesetz dazu zwingen kann.
FR: Also sind Schechter und Co. weiterhin Tür und Tor geöffnet?
HB: Ja, es wäre auch für mich ein Leichtes gewesen, im Zusammenhang mit den Sportfive-Verträgen eine hohe Signing Fee zu generieren, das Geld in die Mannschaft zu stecken, wieder aufzusteigen, und dann aber am Ende, wenn ich die vier, fünf Spieler mit einem entsprechenden Gehaltsniveau auf der Gehaltsliste habe und die Signing Fee aufgezehrt ist, stehe ich da und kann sie gar nicht mehr halten. So etwas bringt den Verein in Schwierigkeiten.
FR: Und der Wettbewerb bleibt auf der Strecke.
HB: Ja, ein echter Wettbewerb wäre nur dann vorhanden, wenn alle Vereine ihre Mannschaften aus dem laufenden Geschäft bezahlen. Im Moment läuft da einiges schief. Wir haben durch Octagon und ISPR vier Millionen Euro auf der Latte, die wir bedienen müssen. 750 000 Euro muss ich jedes Jahr aus rausnehmen, die kann ich nicht in die Mannschaft stecken, und die anderen türmen die Dinger auf und leihen sich 80 Millionen. Das ist kein Wettbewerb mehr. Aber die Eintracht hat auch den Wettbewerb verzerrt vor Jahren und deshalb kein Recht, andere auf die Anklagebank zu zerren.

Borussia Dortmund, ein Politikum – Thomas Kistner (SZ 16.10.): „Nebenbei hat das Bubenstück auch den Steuerzahler erreicht, wobei beunruhigt, dass das Land Nordrhein-Westfalen schon vor Wochen die Bremse zog. Da bat der BVB um Aussetzung der Tilgung für Landesbürgschaften über 36 Millionen – die NRW-Regenten aber rügten fehlende Transparenz. Nun wollen sie erst eine unabhängige Wirtschaftsprüfung veranlassen, was zeigt, dass die Gefahr einer Insolvenz auch in Regierungskreisen als beträchtlich eingestuft wird. Damit verlässt die BVB-Affäre endgültig den sportiven Boden. Gerade in NRW, wo in sieben Monaten gewählt wird, wird nun das überall Raum greifende deutsche Management-Versagen sichtbar: Karstadt, Opel, dazu die Herzensinstanz Borussia. Der Politik hat diese Baustelle noch gefehlt, Amtsträger und Manager, die mit Geld nicht umgehen können, bietet die Region zuhauf.“

Freitag, 15. Oktober 2004

Allgemein

Florian Homm: Extrem guter Feind

René Hofmann (SZ/Meinungsseite 15.10.) stellt Florian Homm vor: „Früh zog es den Jungen aus Bad Homburg in die große Finanzwelt. Mit 18 gründete er seine erste Anlagegesellschaft und wurde einer der jüngsten Wertpapieranalysten der US-Bank Merrill Lynch. Nach dem Examen an der Harvard Business School wechselte Homm zur Fondsgesellschaft Fidelity. Weitere Stationen: die Schweizer Bank Julius Bär und die Fondsgesellschaft Tweedy Brown Europe. Ende 1993 gründete Homm die auf Nebenwerte spezialisierte Investmentgesellschaft Value Management & Research AG, 2001 die FM Fund Management mit Sitz auf den Cayman Islands. Eine bemerkenswerte Karriere, die allerdings auch von einem bemerkenswerten Ruf begleitet wurde. Beim Softwarehaus Trius deckte sich Homm mit Aktien ein, setzte sich an die Spitze des Aufsichtsrats und zerschlug die Firma – gegen den Willen des Managements. Beim Finanzdienstleister MLP und der Immobilienholding WCM spekulierte er auf fallende Kurse und stand im Verdacht, diese durch negative Studien von mit ihm verbandelten Analysten selbst herbeigeführt zu haben. Ein Vorgehen, das dem passionierten Zigarrenraucher bei der Spekulation mit den Aktien des Autovermieters Sixt nachgewiesen werden konnte: Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verhängte ein Bußgeld. Homm musste eine fünfstellige Summe zahlen. Kein Wunder, dass nun viele Fußball-Fans zittern. (…) „Ich bin ein extrem guter Freund, aber auch ein extrem guter Feind, wenn es sein muss“, hat er einmal gesagt.“

Internationaler Fußball

Baku probte den Einzug des Fußballs als Popkultur

Aserbaidschan findet man nun auf der Fußball-Landkarte – Ingo Petz (Handelsblatt 15.10.): “Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen England ehrten die Offiziellen des Aserbaidschanischen Fußballverbandes ihren berühmtesten Fußballer. Vor dem „Republikanischen Stadion“ in der Hauptstadt Baku wurde ein bronzenes Denkmal Tofik Bachramows enthüllt. Nach ihm ist auch das Stadion benannt. Wenn man weiß, dass Bachramow eigentlich Schiedsrichter war, der in der Funktion des Linienrichters 1966 im WM-Finale das Wembley-Tor hinter der Linie gesehen hatte und damit weltberühmt geworden war, könnte man vermuten, die aserbaidschanische Fußballkultur sei fortschrittlicher als angenommen. Denn welcher westliche Schiedsrichter kommt zu solchen Ehren? Viel interessanter war aber, dass die Zeremonie im Beisein von Fifa-Chef Sepp Blatter geschah, und der hatte dazu noch Michel Platini und den Uefa-Vize Senes Ärzik mitgebracht. Es war also die große Fußballwelt in die Ölstadt gekommen, auch um ein von Uefa und Fifa gefördertes Fußballzentrum zu eröffnen. „Aserbaidschan ist auf die internationale Fußballbühne zurückgekehrt, und heute erwarten wir von Ihrem Land erfolgreichen Fußball“, hatte Blatter gesagt. So viel Fußballaufmerksamkeit wie in der vergangenen Woche hatte das seit 1991 unabhängige Land wohl noch nie bekommen. Zuerst die U 21 der Deutschen, dann die Nordiren, die U 21 der Engländer und schließlich Beckhams England. Der Kapitän war allerdings nach seiner absichtlich verschuldeten zweiten gelben Karte und wegen seiner beiden gebrochenen Rippen zu Hause geblieben. Dennoch: Baku probte den Einzug des Fußballs als Popkultur.“

Dieses Land kennt kein Mittelmass

7:1 gegen Russland – Georg Bucher (NZZ 15.10.) ordnet den Sieg Portugals in die Historie ein: „Mit der Schlagzeile „Dieses Land kennt kein Mittelmass“ fasste die Tageszeitung A Capital den Kantersieg Portugals gegen Russland (7:1) vier Tage nach dem Debakel in Liechtenstein (2:2) zusammen. Zwischen Vaduz und Lissabon liegen aus lusitanischer Sicht Welten, die eine historische Einordnung verlangten. Nur die 2:4-Niederlage im Oktober 1961 in Luxemburg überbiete das Liechtensteiner Desaster, während der Auftritt gegen die harmlosen Russen als bestes Länderspiel in die Verbandsgeschichte eingehen werde, meinten langjährige Beobachter. (…) Unter einem guten Stern steht die WM-Qualifikation für den „Azoren-Zyklon“ Pedro Pauleta. An der EM ein laues Lüftchen, hat der PSG-Stürmer wieder Selbstvertrauen gefunden, erstmals durfte er die Captainsbinde tragen. Mit dem Rotationsprinzip signalisiert Scolari eine neue Etappe, die Hierarchie ist nach den Rücktritten von Fernando Couto, Luis Figo und Rui Costa flacher geworden. Dass ausgerechnet an einem 13. Oktober Portugal und Russland gegeneinander spielten, suggeriert einen Seitenblick auf Fátima. Weniger Pilger als üblich versammelten sich bei schlechtem Wetter zum 87. Jahrestag der Erscheinungen vor dem Sanktuarium. Die drei Hirtenkindern (Pastorinhos) von der Jungfrau vermittelte Botschaft hatte in Kriegs- und Kulturkampfzeiten nicht nur sündige Menschen, sondern auch Russland zur Umkehr vom Irrweg des Bolschewismus aufgerufen. Diesen zweiten Teil setzte der Diktator Salazar ab den dreissiger Jahren als ideologisches Instrument ein, und bald verwandelte sich das unscheinbare Beira-Dorf in ein Zentrum internationaler Wallfahrt.“

Auch die Türken haben einen „Killer“ – Tobias Schächter (BLZ 15.10.) berichtet das 1:1 in Dänemark: „In Kopenhagen gewann Galatasaray als erste türkische Mannschaft den Uefa-Cup. Vier Jahre später waren an jenem historischen Ort die sehnsuchtvoll erwarteten Zeichen des Wandels im Spiel der besten Fußballer der Türkei nicht zu übersehen. Dank seiner Erfolge mit dem Klub Genclerbirligli innerhalb von zehn Jahren vom Nachwuchscoach in Denizli zum ersten Trainer des Landes aufgestiegen, darf sich Yanal bestätigt fühlen in seinem von Reformeifer geprägten Vorhaben, den türkischen Fußball wieder dorthin zu bringen, wo ihn die Fußballverrückten der Nation nach dem dritten Platz bei der WM 2002 ohnehin sehen: in die Weltspitze. Yanal hatte das Reformtempo verschärft in der letzten Woche und so etwas wie eine Revolution ausgerufen. Durch die Ausmusterung des Rekordtorschützen Hakan Sükür bewies er Mut und den Willen, seine Philosophie auch gegen Widerstände durchzusetzen. Der Aufschrei war groß und die öffentliche Debatte scharf. Aber Yanal, opulenten Kombinationsfußball verfechtend, sah in dem 33-jährigen Sükür nicht nur sportlich ein Problem für die Restaurierung seiner Auswahl. Der Torjäger galt als Polarisierer und Wortführer der rein türkischstämmigen Spieler, die mit der Lebensart der in Europa aufgewachsenen Kollegen wenig anfangen können. Yanal weiß: Seine Maßnahme bietet Angriffsfläche. Sükür besitzt eine starke Lobby in Verband und Medien.“

Etwas ganz Neues: Nervenkitzel

4:3 gegen Weißrussland, ein ungewöhnliches Ergebnis für Italien – Birgit Schönau (SZ 15.10.): „Die Unaufgeregtheit hätte Marcello Lippis Markenzeichen als Nationaltrainer werden können, dieses Phlegma, mit dem er Siege und Niederlagen äußerlich völlig unbewegt wegsteckt. Schon bei seinen alten Erfolgszeiten mit Juventus war das so: Resultat einpacken, Zigarre an, und dann alle nach Hause, auf das nächste Einszunull trainieren. Lippi galt als Inkarnation des calcio cinico. Punkte machen und bloß keine Aufregung. Jetzt hat er in vier Spielen aber schon zwei Niederlagen kassiert, und insgesamt 28 Kicker ausprobiert, ein Rekord. In Parma bot der bekennende Großvater Lippi auf einmal etwas ganz Neues: Nervenkitzel. Es wurde ein Match mit sieben Toren, dafür hätte seine Juve dazumal mindestens sieben Spieltage gebraucht. Drei Tore von einem Gegner, der bis auf den blondbezopften Riesen Maxim Romaschenkow keine Weltklasse-Spieler im Aufgebot hat – zu anderen Zeiten hätte das unweigerlich die Taktik-Debatte ausgelöst. Diesmal aber hatten alle ihren Spaß. Vielleicht sollte er in der Zukunft an der Abwehr noch etwas basteln, damit er nicht immer zittern muss bis zum Ende. Was aber weiter vorn abging, sah begeisternd aus.“

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