indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 15. Oktober 2004

Bundesliga

Gerd Niebaum sollte in Demut zurücktreten

„Gerd Niebaum sollte in Demut zurücktreten“ (FR) / „Niebaum ist gescheitert und muß zurücktreten“ (Welt) / Niebaum und Meier, „die verfolgte Unschuld“ (FR) u.v.m.

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Jan Christian Müller (FR 15.10.) fordert den Rücktritt Gerd Niebaums: “Der gute Ruf einer Firma ist auch eine Art Kapital, sagen Wirtschaftsethiker. Durch Lügen werde moralisches Kapital verbraucht. Die logische Folge: Echtes Kapital wird abgezogen, die Kreditwürdigkeit der Firma sinkt. Gerd Niebaum hat sich gestern mittels Pressemitteilung in einer Mischung aus dreister Spitzfindigkeit und bodenloser Frechheit darum herumgewunden, zuzugeben, dass er die Öffentlichkeit zuvor tagelang belogen hatte. (…) Er hat jeglichen Kredit verspielt. Finanziell wie moralisch. Gerd Niebaum sollte in Demut zurücktreten.“

Stolz bis zur Schamlosigkeit

Klaus Hoeltzenbein (SZ 15.10.) auch: „Ein Zufall ist es nicht, dass in dieser Woche fast zeitgleich zwei Meldungen veröffentlicht wurden, die auch die Verantwortlichen für die Borussia Dortmund GmbH & CO Kommanditgesellschaft auf Aktien sehr genau studieren werden. Die eine erschien im Sportteil: „DFL will die Kriterien zur Zulassung am Profi-Spielbetrieb verschärfen“. Die andere im Wirtschaftsteil: „Strengere Regeln für Manager – Vorstände und Aufsichtsräte sollen mit bis zu vier Gehältern für falsche Informationen haften“. Beide Vorhaben verfolgen ähnliche Ziele: Es soll versucht werden, die Neue-Markt-Depression zu vertreiben, Seriosität aufs Fußball- und Börsenspielfeld zurückzubringen (…) Mehr Transparenz soll auch an der Börse eingefordert werden, mit einem Buchstaben-Bandwurm namens Kapitalmarktinformationshaftungs-Gesetz. Sobald der Entwurf zum Gesetz wird, wäre es wohl spätestens juristisch angreifbar, wenn, wie geschehen, eine AG (Dortmund) mit ihrem Hauptaktionär (Florian Homm) ein Strategiepapier fertigt, dies den übrigen Aktionären aber verschweigt, die Existenz auf Nachfrage sogar leugnet (Niebaum). So ist das im Fußball: Ein Trainer fliegt nach zwei, drei Niederlagen, der hoch bezahlte Präsident aber trägt unendlich an seiner Verantwortung, mit Stolz bis zur Schamlosigkeit.“

Niebaum ist gescheitert und muß zurücktreten

Thorsten Jungholt (Welt 15.10.) ebenso: „Der Kampf um die Macht bei Borussia Dortmund nimmt unwürdige Formen an. Bei allen Beteiligten. Gerd Niebaum klammert sich verzweifelt an seine Ämter als Geschäftsführer der börsennotierten Kommanditgesellschaft auf Aktien und Präsident des eingetragenen Vereins. Erst versuchte er, mit winkeladvokatischen Klimmzügen zu verschleiern, daß er die Unwahrheit gesagt hat. Als die Fakten nicht mehr zu leugnen waren, entschuldigte er sich. Das desaströse Zahlenwerk der Bilanz stellte Niebaums Fähigkeiten als Kaufmann in Frage, durch sein Verhalten im Zuge der Kapitalaufstockung unter Beteiligung des Spekulanten Florian Homm verliert der einst renommierte Wirtschaftsjurist seine Glaubwürdigkeit. Es geht ihm nur noch um Besitzstandswahrung. Gerd Niebaum, so groß seine Verdienste der Vergangenheit sein mögen, ist gescheitert und muß zurücktreten. Doch auch das Vorgehen der Gegner Niebaums ist fragwürdig. Kein Mitglied der Vereinsgremien hatte den Mut, öffentlich Kritik an Niebaum zu üben. Kein Aufsichtsrat, kein Schatzmeister, kein Beirat hatte die Traute, offensiv für einen anderen Kurs zu werben. Statt dessen wurde hinter verschlossenen Türen intrigiert, es wurden Papiere lanciert und Gerüchte gestreut.“

Friedhard Teuffel (Tsp 15.10.) ergänzt: „Die Ära Niebaum endet nun spätestens 2006, doch ob der 55 Jahre alte Dortmunder Rechtsanwalt bis dahin durchhält, ist unklar. Am 14. November findet die Jahreshauptversammlung statt. Niebaum könnte schon vorher zurückgetreten sein. „Ich kann das tun, aber ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Verein und werde mit Michael Meier weiterkämpfen“, sagte Niebaum. Die Spekulationen haben jedoch schon begonnen, ob sein Vorgänger nicht auch sein Nachfolger werden könnte: Reinhard Rauball hatte Niebaum 1984 ins Präsidium geholt, zwei Jahre später übernahm dann Niebaum die Führung des Vereins. Rauball ist ebenfalls Rechtsanwalt und war kurze Zeit Justizminister in Nordrhein-Westfalen.“

Die verfolgte Unschuld

Wolfgang Hettfleisch (FR Seite 3 – 15.10.) beklagt mangelnde Glaubwürdigkeit an der BVB-Spitze: „Irgendwann muss Gerd Niebaum und seinem Vasall Michael Meier die kaufmännische Redlichkeit abhanden gekommen sein. Schwer zu sagen, wann und warum das geschah. Wer anderen zum Nutzen des großen Ganzen gelegentlich etwas vorflunkert, ist ja noch kein Schurke. Also hat die Doppelspitze von Borussia Dortmund die finanzielle Not lange verbrämt, hat stur geleugnet, was immer offenkundiger wurde – und noch vor Jahresfrist einen Gewinn ausgewiesen, der in Wahrheit nur der eigenen bilanztechnischen Kreativität entsprang. Als die Dinge außer Kontrolle gerieten, weil in der Jahresbilanz 2003/2004 ein Riesenloch klaffte und sich die Verbindlichkeiten türmten, richteten sich Meier und Niebaum endgültig in ihrer Rolle ein: als verfolgte Unschuld. (…) Die BVB-Spitze hat sich in dieser prekären Situation, die nicht zuletzt durch ihr Handeln heraufbeschworen wurde, als Sanierer angeboten. Wer den schwarz-gelben Karren aus dem Dreck ziehen will, braucht neben ökonomischem Sachverstand und eisernem Sparwillen vor allem eines: Vertrauen. Es bleibt das Geheimnis des Duos, wie es diese Rückendeckung noch für sich reklamieren will. Dreist hatte Niebaum nach den Berichten über die Absprachen mit Homm von „glatter Fälschung“ gesprochen. Das Eingeständnis, dass er – wie auch Meier – die Unwahrheit sagte, kam nun per Fax und gipfelte in dem Satz: „Die Aussage, dass wir nichts unterschrieben haben, bezog sich ausschließlich auf das Schreiben vom 7. Oktober, das wir nicht erhalten haben.“ So sieht sie aus, die bizarre Welt des Gerd Niebaum im Herbst 2004. Man wolle ihn fertig machen, beharrt er. Nicht nötig. Das hat er ganz allein geschafft.“

Wer hier was ist, will Protz hinterlassen

Christoph Schurian (taz 15.10.) wundert sich nicht: “Was das mit Fußball zu tun hat? Nichts, aber viel mit dem Ruhrgebiet. Wer hier was ist, will Protz hinterlassen wie barocke Schrankwände, kirchturmhohe Fördertürme, industrielle Gesamtkunstwerke, Wohnfabriken. Schon damals wurde der Gigantismus mit einem Dienst an der Allgemeinheit verbrämt: Menschen lebten und arbeiteten dann in einem pornographischen Größenwahn der besonders Geschäftstüchtigen. Gegen Zeche Zollern, Zollverein, prospersche Haldengebirge und Krupp-Gürtel nehmen sich die beiden tolldreisten Fußballimperien im Revier ja fast bescheiden aus. Nur bestaunt werden sie wie damals, das erklärt vieles.“

Ascheplatz

Die DFL sollte ihre Lizenzierungsregeln überarbeiten

Roland Zorn (FAZ 15.10.) fordert Korrekturen im Lizenz-Reglement: „Die Borussia übernahm sich mit ihrem ambitionierten Programm „Steine und Beine“; ihre Protagonisten und Geschäftsführer Gerd Niebaum und Michael Meier überforderten sich und ihre Fähigkeiten, den BVB unternehmerisch und weitsichtig in die Zukunft zu führen. Der Verein, dessen Fußballprofis von einer Kapitalgesellschaft auf Aktien viel zu hoch bezahlt wurden, ist heute wieder das, was er nie mehr sein sollte: ein Skandalklub, dem nicht zu Unrecht Geldvernichtung, Verschwendungssucht und eine fatale Hemmungslosigkeit vorgeworfen werden. Die Marke Borussia, einst von Arbeitern geprägt, ist inzwischen zu einem Begriff für Mißwirtschaft geworden. Inzwischen wird der Dortmunder Anwalt Niebaum von seinen Gegenspielern ausgetrickst, zumal da er sich durch seinen zuletzt großzügigen Umgang mit der Wahrheit auch noch selbst zu Fall gebracht hat. Daß dieser Niebaum noch einmal aufsteht, weiterkämpft und seine gelb-schwarzen Vereinsfahnen am Ende wieder in die Gewinnzone trägt, wer außer ihm selbst mag daran noch glauben? (…) Borussia Dortmund hoch verschuldet, Schalke 04 nicht ganz so hoch, aber ebenfalls besorgniserregend – das ist eine Situation, in der die DFL ihre Lizenzierungsregeln überarbeiten und der Faszination des schnell besorgten großen Geldes Zügel anlegen sollte. Zum Schutz des Wettbewerbs, zum Schutz der Substanz der Bundesliga.“

Peter Heß (FAZ 15.10.) fügt hinzu, das labile Gleichgewicht des deutschen Profifußballs im Blick: “Bisher wurde die Lizenz erteilt, wenn die Liquidität des Bewerbers bis zum Saisonende gesichert war. Der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung, Wilfried Straub, wird im kicker zitiert: „Wir müssen überlegen, ob wir unsere Prüfungskriterien auch auf die Vermögensverhältnisse auszuweiten haben.“ Hinter dieser Bemerkung steht die Befürchtung. daß Klubs ihre Vermögensverhältnisse weiterhin langfristig verschlechtern (sich Fremdkapital verschaffen), um kurzfristig so liquide zu sein, daß teure Spieler verpflichtet werden können. Stellt sich dann trotz der Risikoinvestition der sportliche Erfolg nicht ein, könnte der Wechsel auf die Zukunft platzen. Genau vor dieser Gefahr steht jetzt Borussia Dortmund (…) „So macht der Wettbewerb keinen Spaß“, sagt Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt. „Die einen versilbern ihre Zukunft und sorgen damit dafür, daß wir in der Gegenwart schlechter dastehen.“ Die Eintracht stieg in der vergangenen Saison als 16. aus der Bundesliga ab, auch weil die Mannschaft nur im wirtschaftlich vertretbaren bescheidenen Maß verstärkt wurde. Fast wäre Frankfurt für sein konservatives Handeln belohnt worden und erstklassig geblieben. Doch nach langem Hin und Her entschied der Vorstand der DFL, sich über den Vorschlag seiner hauptamtlichen Funktionäre hinwegzusetzen: Borussia Dortmund wurde die Lizenz erteilt. „Ich habe mit Interesse die Aussage von Vorstandspräsident Hackmann gelesen, daß erst nach sechs Stunden Diskussion Dortmund die Lizenz erhielt“, sagt Bruchhagen. „Sollte sich herausstellen, daß die Borussia die Lizenz wegen falscher Angaben erteilt wurde, würde die Eintracht sofort auf den Plan treten.““

Donnerstag, 14. Oktober 2004

Interview

Überraschend, wie bestimmte Dinge diskutiert werden

Jürgen Klinsmann (Welt): „überraschend, wie bestimmte Dinge diskutiert werden“ –
Oliver Bierhoff (FAZ): „Es ist nicht unser Ziel, jeden Bundesligaverein zufriedenzustellen“ – Timo Hildebrand (Zeit): „Ich denke, in seinem Alter, mit seiner großartigen Karriere hätte Oliver Kahn diese Aggressivität nicht nötig“ – Jürgen Klopp (FR): „Wir wollen das Spiel dominieren, auch wenn wir den Ball nicht haben“

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Überraschend, wie bestimmte Dinge diskutiert werden

Jürgen Klinsmann im Interview mit Florian Haupt (Welt 13.10.)
Welt: Das Spiel gegen den Iran ist vorbei, und doch bestimmt die Nationalelf weiter die Schlagzeilen. Sind Sie im Bilde?
JK: Ich weiß, daß die Öffentlichkeitswirkung der Nationalmannschaft sehr groß ist. Ich finde es aber schade, daß Dinge so rüberkommen, daß das erfolgreiche Spiel der Nationalelf, ich würde fast sagen die erfolgreiche Mission Iran, aufgrund von Nebengeräuschen so ins Hintertreffen gerät.
Welt: Inwieweit stört es Sie, daß alle Entscheidungen, die Sie treffen, so oft und nachhaltig kommentiert werden?
JK: Ich muß ganz ehrlich sagen, daß es für uns als Verantwortliche manchmal schon ein bißchen überraschend ist, wie bestimmte Dinge diskutiert werden – Themen, die bei Bundesligaklubs normal sind. Wenn zum Beispiel ein Felix Magath zu Bayern München geht oder ein Matthias Sammer zum VfB Stuttgart, dann bauen die ihre Trainerstäbe zusammen und suchen das Trainingslager aus, aber das passiert einfach so. Auf Nationalmannschaftsebene aber meint halt jeder, er muß sich dazu äußern. Aber gut, damit muß ich leben.
Welt: Andreas Köpke, mit dem Sie 1996 Europameister wurden, soll als Nachfolger von Sepp Maier Bundestorwartrainer werden. Können Sie verstehen, daß der eine oder andere nun sagt: „Jetzt holt er den nächsten Freund ins Boot“?
JK: Ich finde es legitim, wenn sich Leute dazu äußern und das so einstufen. Letztlich sollte jeder verstehen, daß wir a) nur nach der Qualität gehen mit Blick auf 2006 und b), daß es ja normal ist, eher jemanden mit ins Boot zu nehmen, den ich kenne, dem ich vertrauen kann und von dessen Qualität ich überzeugt bin. Dabei diskutieren wir alle und fragen uns: Wer paßt in unser Team, wer identifiziert sich mit unserem Zielvorhaben, wer kann den Druck aushalten? Und da gibt es nur wenige Leute wie den Andreas Köpke. In Deutschland kenne ich keinen Zweiten.
Welt: Lothar Matthäus, Ihr ehemaliger Kollege bei Bayern München, Inter Mailand und in der deutschen Nationalmannschaft, hat Ihre Entscheidung im Fall Maier mit der Aussage, Sie seien ein Killer, kommentiert.
JK: Da kommt vom meiner Seite aus gar kein Kommentar.

Es ist nicht unser Ziel, jeden Bundesligaverein zufriedenzustellen

Oliver Bierhoff im Gespräch mit Michael Horeni (FAZ 14.10.)
FAZ: Wie lebt es sich als Helfer des „Killers“?
OB: Über diesen von Lothar Matthäus eingeführten Begriff kann ich nur noch schmunzeln. Wenn man Erfolg haben will, ist es wichtig, daß man seine festen Vorstellungen durchzieht. Seit Jahren reden wir doch alle davon, daß sich im deutschen Fußball etwas ändern muß. Wir sind die Anfangsveränderungen zügig angegangen, und das ist auch richtig so, weil man dadurch die Voraussetzungen schafft, um sich vom neuen Jahr gedanklich vollkommen auf den Sport konzentrieren zu können.
FAZ: Klinsmann hat Osieck als Assistenten abgelehnt, dann folgte die Degradierung Skibbes, der Rauswurf von Nationalmannschaftsmanager Pfaff, und nun mußte Torwarttrainer Maier gehen – was danach mit Löw, Eilts und Köpke kam, klingt nicht nur für den FC Bayern nach einem „Friends & Family“-Programm.
OB: Wer Erfolg haben will, denkt nicht an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für seine Freunde. Der Erfolg der Sache ist für uns das wichtigste. Aber es ist natürlich von Vorteil, wenn ich die neuen Leute kenne, sie schätze und weiß, wie sie ticken und welche Einstellung sie haben. Jürgen war ja lange in Amerika. Wir haben einander gemailt und auch telefonisch Kontakt gehabt. Seit er 1998 weggegangen ist, sind wir uns allerdings höchstens zehnmal begegnet – bewußt haben wir uns nur zweimal getroffen. Das ist keine enge Freundschaft – und so ist es auch mit Joachim Löw, Dieter Eilts und Andreas Köpke. Wichtig ist allerdings, daß untereinander ein Vertrauensverhältnis besteht, und das gibt es bei uns. Jeder Bundesligatrainer nimmt doch auch seinen Kotrainer mit, mittlerweile oft auch schon den Konditions- und Torwarttrainer. In Italien verpflichtet man auch das gesamte Trainergespann. Ich denke, man sollte das wie ein kleines Unternehmen sehen, das man wie eine Agentur verpflichtet.
FAZ: Im Torwartstreit fordern Sie nun eine Haltung der Konkurrenten auf der Basis von „Respekt und Achtung“ – was kann sich Lehmann noch an Sticheleien und Oliver Kahn an Forderungen erlauben?
OB: Jens Lehmann darf sich nichts mehr erlauben. Oliver Kahn hat sich eigentlich immer zurückgehalten. (…)
FAZ: Der FC Bayern hat sich zunächst demonstrativ auf die Seite der neuen Führung der Nationalelf gestellt. Jetzt kündigt Manager Hoeneß nach dem Rauswurf an, „den eigenen Mann“ Oliver Kahn zu schützen. Kommt Ihnen da im Torwartstreit etwa ein mächtiger Helfer abhanden?
OB: Ich glaube nicht. Es ist doch richtig, wenn Vereine versuchen, die Interessen ihrer Spieler zu wahren. Uli Hoeneß hat die Entscheidung mit Maier in der Sache verstanden, auch wenn er mit der Wahl Köpkes nicht zufrieden ist. Er hat aber auch diese Entscheidung im Gespräch mit mir akzeptiert. Im übrigen ist es nicht unser Ziel, jeden Bundesligaverein zufriedenzustellen, wenn wir etwas verändern.

Interview mit Uli Hoeneß auf Spiegel-Online
SpOn: Herr Hoeneß, haben Sie inzwischen ihre Anteile an Borussia Dortmund verkauft?
UH: Im Gegenteil. Meine Frau macht die Kapitalerhöhung mit. Wir sind an gutem Wettbewerb und interessanten Konkurrenten interessiert. Da darf man keine falschen Signale setzen.
SpOn: Und deshalb hat die FC Bayern AG der Borussia Dortmund AG eine Art Finanzspritze gegeben?
UH: Zu finanziellen Transaktionen sagen weder die Bayern AG noch ich persönlich etwas. Belassen wir es bei Spekulationen.
SpOn: Der Profifußball hat rund 700 Millionen Euro Schulden, die lieber als „Verbindlichkeiten“ verbrämt werden. Kann niemand mehr wirtschaften?
UH: Ich wüsste auch gerne, wer die weshalb hat. Ich wünschte mir, die Liga würde Ross und Reiter nennen. Ich bin es leid, dass immer pauschal „die Liga“ an den Pranger gestellt wird. Der FC Bayern ist schuldenfrei.
SpOn: Es heißt aber auch, dass Ihnen die Kosten beim Stadionneubau aus dem Ruder laufen.
nicht genug?
UH: Wenn ich sehe, dass in Italien über eine Milliarde gezahlt wird, in Frankreich über 500 Millionen, dann ist das, was in Deutschland gezahlt wird, natürlich nicht genug. Und wenn es Premiere gelingt, mit Hilfe des Fußballs seinen Abonnenten-Stamm, der jetzt ja bei drei Millionen liegt, zu verdoppeln, werden wir auch ganz andere Summen erzielen.
SpOn: Was unterscheidet Sie eigentlich von vielen Ihrer Kollegen?
UH: Leidenschaft, Idealismus und Wissen. Diese Mischung.

Das Glück findet immer in der anderen Spielhälfte statt

Sehr schön! Timo Hildebrand in einer Art präventiven Gesprächstherapie mit Henning Sußebach (Zeit 14.10.)
Zeit: Herr Hildebrand, es heißt, spätestens nach der WM 2006 werden Sie deutscher Nationaltorwart und Oliver Kahn beim FC Bayern beerben. Muss man sich sorgen, dass Sie, wie so viele Spitzentorhüter, dann etwas seltsam werden?
TH: Ich hoffe nicht.
Zeit: Lassen Sie uns kurz und schamlos prüfen, wie sehr der Stress Sie schon verändert hat.
TH: Okay, eines gebe ich vorab zu: Ich muss am Spieltag oft aufs Klo. In der Bundesliga hat sich das gelegt, im Europapokal noch nicht…
Zeit: Schon die obligatorische Ausgleichskarriere als Golfer begonnen?
TH: Ich habe mal angefangen, Platzreife gemacht, noch zweimal gespielt und mit Handicap 45 wieder aufgehört, so schlecht war ich.
Zeit: Zermalmte Zähne?
TH: Ich knirsche nachts, ja. Besonders schlimm war es letzte Saison, als wir ganz oben waren und Champions League gespielt haben.
Zeit: Je bei einem Wutanfall selbst verletzt?
TH: Bisschen die Hand verstaucht, als ich mal gegen den Pfosten geboxt habe. Die peinlichste Verletzung überhaupt, muss man verschweigen.
Zeit: Wie vielen Spielern an die Gurgel gegangen?
TH: Keinem. Wenn Sie auf Oliver Kahn anspielen: Ich glaube nicht, dass ich der Typ bin, so mit Kollegen umzugehen. Ich möchte keiner werden, der anderen an die Gurgel geht. Die Situation mit Klose war überzogen von ihm. Man geht einem Kollegen nicht an die Nase – auch und erst recht keinem Kumpel aus der Nationalelf.
Zeit: Ist auf der Länderspielreise in Iran viel darüber geredet worden?
TH: Klar. Wir haben Miroslav damit aufgezogen, dass er sich nicht gewehrt hat.
Zeit: Demnach ist Klose in der maskulinen Fußballwelt eher Memme als Opfer?
TH: Ganz und gar nicht, totales Missverständnis! Die meisten denken, dass Oliver Kahn in dieser Situation viele Sympathien verloren hat.
Zeit: In diesem Zusammenhang: Der lustigste Torwartwitz, den Sie kennen?
TH: Ich kenne keinen. Sie?
Zeit: Den Klassiker: Eine Mutter hatte drei Söhne. Der erste war Torwart, der zweite Linksaußen, und der dritte war auch nicht normal. Lustig?
TH: Nicht wirklich. Jetzt, da Oliver Kahn mal wieder ausgerastet ist, heißt es reflexartig, alle Torhüter hätten eine Macke. Ich versuche aber, diese Macken von mir fern zu halten.
Zeit: Reden wir darüber, wie schwierig das ist. Warum also ist ausgerechnet der Job zwischen den Pfosten der stressigste auf dem Platz?
TH: Weil man dort keinen Fehler machen darf. Wenn ich im Tor etwas falsch mache, hat das sofort Konsequenzen, und jeder kriegt’s mit. Wenn das Spiel zu mir kommt, dann nur als Gefahr. Das Glück findet immer in der anderen Spielhälfte statt. In gewisser Weise bin ich als Torwart dem Trainer ähnlicher als meinen Mannschaftskameraden: Beide müssen wir dem Spiel zusehen, brüllen rum und können uns die Anspannung nicht aus dem Körper laufen. (…)
Zeit: Ist Oliver Kahn Ihr Vorbild?
TH: In Verhalten oder Leistung?
Zeit: Interessant, dass Sie das unterscheiden.
TH: Ich habe großen Respekt vor seiner Karriere, was er alles gewonnen hat.
Zeit: Können Sie verstehen, dass manche Menschen Kahn eher bedauern als bewundern?
TH: Ich tue beides.
Zeit: Wofür das Bedauern?
TH: Es fällt mir schwer, darüber zu reden, weil ich genau weiß, was das für ein Medienecho auslösen wird – aber gut: Ich denke, in seinem Alter, mit seiner großartigen Karriere hätte er diese Aggressivität nicht nötig.

Ein Rückpass des Gegners ist für uns ein Teilerfolg

Jürgen Klopp im Interview mit Ingo Durstewitz & Andreas Hunzinger (FR 14.10.)
FR: Hat sich der Mensch Klopp verändert?
JK: So haben mir viele gedroht: „Jürgen, die Medien werden dich verändern.“ Aber ich bin mir sicher, das schafft niemand.
FR: Sie sind ja auch eine Art Öffentlichkeitsarbeiter für den FSV Mainz 05. Sind Sie in diese Rolle hineingewachsen?
JK: Es fällt mir leicht, mein Gesicht zu zeigen, den Verein zu repräsentieren. Da habe ich Talent. Nehmen wir die Fernseh-Interviews. Wenn man mir eine Kamera vors Gesicht hält, dann sage ich trotzdem das, was ich zu sagen habe. Es gibt auch hochintelligente Leute, die stellst du vor die Kamera und es kommt nur Gestotter raus. Dass das bei mir nicht so ist, ist reiner Zufall.
FR: Man kann der Eloquenz ja auch mit Rhetorikkursen auf die Sprünge helfen.
JK: Ich habe weder Rhetorikkurse belegt noch ein Buch darüber gelesen.
FR: Sondern?
JK: Ich habe meinen Vater beobachtet. Wenn er beim SV Glatten im Raum vor 400 Leuten bei der Generalversammlung aufgestanden ist und über 15 Minuten vom Stapel gelassen hat, war das schon beeindruckend.
FR: Sie haben diese Gabe geerbt?
JK: Scheint so. Natürlich ist die richtige Darstellung in diesem Job unfassbar wichtig. Es gehört dazu, weil das öffentliche Interesse an der Bundesliga ungeheuer groß ist. Wenn Sie mir vorher die Fragen vorgelegt hätten und ich mir Gedanken hätte machen müssen, wäre mein Tag zu kurz. Deshalb sind mir die Fragen egal. Die Antworten, ehrlich gesagt, auch, ich erzähle einfach. (…)
FR: Hat der Trainer Klopp der Bundesliga gefehlt?
JK: Ach was. Stellen Sie sich vor, wir hätten jetzt drei Punkte – dann wäre ich ein netter Kerl mit Nickel-Brille, der endlich mal seine Grenzen aufgezeigt bekommen hat.
FR: Ihre Mannschaft wird mittlerweile für ihre Art, Fußball zu spielen, gelobt.
JK: Das hat sie sich verdient. Freiburg hat gegen uns im eigenen Stadion 70 lange Bälle geschlagen. Das ist das größte Kompliment, das man mir machen kann.
FR: Der Hauptunterschied zwischen erster und zweiter Liga, so hört man stets, sei die individuelle Klasse. Stimmt das?
JK: Absolut. In Stuttgart, da war der Stürmer Cacau für zwei Sekunden frei und der Mitspieler haut ihm die Flanke aus 50 Meter genau auf den Schädel, so dass er nur einzunicken braucht. Gegen Dortmund hat der Wörns 98 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, weil er ein Ausnahme-Athlet ist.
FR: Erklären Sie mal das berühmte Mainzer System!
JK: Wir wollen das Spiel dominieren, auch wenn wir den Ball nicht haben. Wenn sich der Gegner einen Zentimeter bewegt, dann muss man sich diesen Zentimeter mitbewegen, um Passwege zuzustellen. Das macht man so lange, bis der Gegner die Möglichkeit gibt, richtig zu attackieren. Wenn man das allerdings wild und planlos macht, dann sind die Profifußballer jederzeit in der Lage, dich im Eins-gegen-eins-Duell auszuspielen. Das Entscheidende ist das Besetzen der torgefährlichen Räume. Ein Rückpass des Gegners ist für uns ein Teilerfolg, ein ins Aus gepresster Ball auch.

Internationaler Fußball

Irgendwann wird erwartet, dass seine persönliche Entwicklung der sportlichen nahe kommt

Passt der Liverpooler Wayne Rooney in die Glitzerwelt Manchester Uniteds? Maik Großekathöfer (Spiegel 11.10.) beschreibt Rooneys Regeneration nach den Spiel: „Gegen 18.30 Uhr, so haben es Reporter beobachtet, trifft er in der Prohibition Bar ein. Rio Ferdinand, der Abwehrrecke und Nationalmannschaftskollege, begleitet ihn. Es wird ein sehr englischer Fußballer-Abend. Er endet gegen 0.45 Uhr. Doch was in Deutschland zu einer Grundsatzdebatte über Arbeitsethik und Freizeitgestaltung millionenschwerer Profis geführt hätte, taugt beim englischen Publikum allenfalls für einen respektvollen Witz in der Frühstückspause. Spätestens seit Rooney bei der EM in drei Spielen vier Tore schoss, ist er der Stolz des Fußball-Mutterlandes. Die Massen lieben ihn, gerade weil er nicht den Modefimmel eines David Beckham besitzt und nicht so klosterschülerbrav daherkommt wie Michael Owen. Rooney verkörpert den Urtyp britischer Fußballkultur. Er trägt eine Metzger-Frisur, hat abstehende Ohren und einen Stiernacken. Er personifiziert das Märchen vom Aufstieg des armen Straßenkickers. (…) Everton-Fans verzeihen Rooney den Abgang nicht. Sie fühlen sich von ihrem Liebling verraten. Wenn sie nun bei Heimspielen singen „Steht auf, wenn ihr Rooney hasst“, bleibt kaum einer sitzen. Auf der Rückseite der Tribüne wird er – weiß auf blau – als „Judas“ beschimpft. An eine Hauswand unweit des Stadions hat jemand „W Rooney soll sterben“ geschmiert. Und wer auf der M62 von Liverpool Richtung Manchester fährt, kann in fetten Buchstaben lesen: „Rooney equals scrooffs with dough“ – Rooney tauscht seine Wurzeln gegen Moneten. Vor Gems Youth Centre in der Gillmoss Lane, wo Rooney früher Tischtennis gespielt hat, ist die Stimmung nicht besser: „Der Bastard hätte zu jedem Club gehen können“, mault ein Teenager, „zu Chelsea oder ins Ausland – nur nicht zu United.“ Manchester liegt 50 Kilometer von Liverpool entfernt, und United ist all das, was der FC Everton nicht ist: Die Aktien des Clubs werden an der Börse gehandelt, ManU hat einen eigenen Fernsehsender und Siegertrophäen massenhaft. Doch genau das könnte zum Problem werden. Der Champions-League-Sieger von 1999 ist eine Hochleistungsmaschine, ein weltweit operierendes Unternehmen, gespickt mit internationalen Stars wie Ruud van Nistelrooy und Cristiano Ronaldo. Irgendwann wird von Rooney erwartet, dass seine persönliche Entwicklung der sportlichen nahe kommt.“

Ich bin sicher, viele Leute denken, dass ich nicht genug Hirn habe

Beckham foult, ein Ereignis – Sabine Rennefanz (BLZ 14.10.): „Es sah nach einer kindischen Racheaktion aus. Oder, wie die Verschwörungstheoretiker unter den britischen Journalisten vermuteten, ein Ablenkungsmanöver von neuen Affärengerüchten. Denn pünktlich zum Qualifikationsspiel hatte eine Sonntagszeitung die Geschichte einer Kosmetikerin gedruckt, die Beckham angeblich nicht nur Selbstbräunungscreme auftragen durfte. „Werde endlich erwachsen, Becks!“, forderte die Zeitung Guardian in einem Kommentar. Doch wie wenig hatten die Journalisten den Mann verstanden: Er habe sich absichtlich verwarnen lassen, erklärte David Beckham. „Ich wusste, ich würde ein paar Wochen ausfallen, also dachte ich: Lass uns die Gelbe Karte wegräumen. Ich bin sicher, viele Leute denken, dass ich nicht genug Hirn habe, um so clever zu sein. Aber ich habe das Hirn. Ich spürte die Verletzung. Also foulte ich Thatcher.“ Doch diese Erklärung, einmalig in Englands Fußball, verstand man noch weniger. Der einstige Nationalheilige brachte halb England gegen sich auf.“

11 Freundinnen

Jahre der Kontinuität und des Aufschwungs

Tina Theune-Meyer hat ihren Rücktritt angedeutet, was bedeutet das für den deutschen Frauenfußball, Kathrin Steinbichler (SZ 14.10.)? „Für den DFB bedeutet dieser Fingerzeig nicht nur, dass er vielleicht bald den zweiten Bundestrainerposten neu besetzen muss. Nach Jahren der Kontinuität und des Aufschwungs im deutschen Frauenfußball muss der DFB auch ein Konzept entwerfen, mit dem er der Modernisierung des Frauenfußballs und dem wachsenden internationalen Konkurrenzdruck in den nächsten Jahren begegnen kann. Seit Theune-Meyer vor acht Jahren von Gero Bisanz als erste DFB-Trainerin die Nationalmannschaft übernahm, holte sie mit Assistentin Silvia Neid nicht nur zwei EM-Titel, zwei Olympische Bronze-Medaillen und die Weltmeisterschaft. Bei der WM 2003 urteilte die Fifa: „Unter Tina Theune-Meyer zählen die deutschen Frauen zu den spielstärksten, taktisch klügsten und intelligentesten Nationalteams der Welt“. Die Nationalmannschaft wurde professioneller, gleichzeitig baute die Bundesliga ihr spielerisches und infrastrukturelles Niveau aus. Seit diesem Jahr bietet eine Zweite Bundesliga weiteren Klubs und Nachwuchsspielerinnen hochklassige Wettkampfbedingungen. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Aufgabenbereiche im Referat für Frauenfußball und in der Marketingabteilung des DFB. Jahrelang belächelt, gilt der deutsche Frauenfußball seit dem WM-Gewinn als Qualitätsprodukt, das in Werbespots zur Hauptsendezeit über den Bildschirm flimmert. Wer auch immer einmal Tina Theune-Meyer nachfolgt – er oder sie wird diesem Anspruch gerecht werden müssen.“

Bundesliga

Niebaum dürfte nun nicht mehr zu halten sein

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht heute das Fax, dessen Existenz und Inhalt die Dortmunder Führung geleugnet hat – Freddie Röckenhaus (SZ 14.10.) berichtet: „Die Luft wird für Gerd Niebaum immer dünner. Mit aller Macht hatte sich der Jurist am Montag und Dienstag gegen Berichte der SZ gewehrt, er habe in einem „3-Punkte-Papier“ dem Dortmunder Großaktionär Florian Homm unter anderem seine Demission aus dem Amt „spätestens im Rahmen der Neuwahl des Präsidiums des BVB im Jahre 2006″ schriftlich zugesichert. „Hier wird versucht, mit gezielten Falschinformationen die Republik in Atem zu halten,“ wetterte Niebaum etwa in der Westfälischen Rundschau und anderen Medien. Die SZ veröffentlicht deshalb heute zum Beweis die Vereinbarung, die der Redaktion im Original vorliegt, in Ablichtung. Sie ist nicht nur von Niebaum und Mit-Geschäftsführer Michael Meier sowie dem Aktionär Homm unterschrieben, sondern auch mit einem längeren handschriftlichen Vermerk Niebaums am rechten unteren Rand versehen. Niebaum schreibt dort als Ergänzung zum vorgefertigten Text: „Vorgenannte Vereinbarungen haben keine Gültigkeit, sofern der Anteil der von FM gehaltenen Anteile auf unter 12 Prozent vom Kapital der Gesellschaft sinkt.“ FM ist die Firma des umstrittenen Investors Florian Homm, der mit einem finanziellen Großengagement die soeben durchgeführte Kapitalerhöhung offenbar im letzten Moment gerettet hat. (…) Niebaum dürfte für die hellhörig gewordenen Gremien des Klubs nun nicht mehr zu halten sein.“

Will Borussia einem Präsidenten vertrauen, der nicht die Wahrheit sagt?

Niebaum sei nicht mehr der richtige für das Dortmunder Spitzenamt, findet Klaus Hoeltzenbein (SZ 14.10.): „Gerd Niebaum hat gelogen. Und diese Lüge ist kein Kavaliersdelikt, in dem Schriftstück mit dem Kampfinvestor und Hauptaktionär Florian Homm wird seine und die Zukunft des Vereins geregelt. Exemplarisch zeigt sich in der Lüge der Stil des Borussen-Managements in der Behandlung des seit Monaten laufenden und selbst verursachten Schuldenskandals. Freiwillig zugegeben wurde nichts, Dementis, Drohungen und juristische Winkelzüge verfolgten jene, die die bitteren Nachrichten Fakt auf Fakt zum Fanvolk brachten. Dieses hat – falls Niebaum stur im Amt beharrt – am 14. November auf der Mitgliederversammlung der Borussia die Wahl. Will es einem Präsidenten vertrauen, der nicht die Wahrheit sagt?“

System der Abhängigkeiten und des Duckmäusertums

Niebaums Sicherungssystem scheint zu bröckeln, lesen wir von Freddie Röckenhaus (SZ/Seite 3 – 14.10.): „Spätestens seit 1997, so berichten Männer wie Werner Wirsing (ehemaliger Schatzmeister), trat der blanke Größenwahn an die Stelle von mutigem Unternehmertum. Mit dem Schulden-Fiasko als vorläufigem Schlusspunkt. „Ich fürchte, selbst mein Bleistift und mein Kuli sind geleast“, sagt eine BVB-Geschäftsstellenkraft. Aber namentlich zitiert werden will niemand in dem berühmten Fußballklub und seinem Umfeld. Aus Angst vor Dr. Gott. Denn Gerd Niebaum, der von Zeitungen schon 1997 als „Sonnenkönig“ beschrieben wurde, hat in 18 Jahren seiner Regentschaft ein System der Abhängigkeiten und des Duckmäusertums aufgebaut, das in vielen Zügen auch an die endlose Regierungszeit des Helmut Kohl erinnert. Vorstandskollegen, wie einst Werner Wirsing, die sich dem selbstherrlichen Umgang des Patriarchen Niebaum mit den Vereinsgeldern nur andeutungsweise in den Weg stellen wollten, wurden immer wieder aus dem Weg gemobbt. So bevölkert im 19. Niebaum-Jahr eine Population von Niebaum-Jüngern die diversen Vereinsgremien. Doch auf der Ebene, die darunter liegt, hat sich der Widerstand breit gemacht. Seit Monaten sickert eine Insider-Information nach der anderen aus der Klubzentrale. Nein, sagt ein BVB-Kenner, Niebaums Reich sei nicht vergleichbar mit dem eines Sonnenkönigs. Es erinnere eher an Rumänien unter Ceausescu. Immer wieder wurde mit trickreichen „Sondereffekten“ und feinem Bilanz-Make-up der Eindruck erweckt, als seien die mörderisch hohen Transfersummen und Spielergehälter verkraftbar. Im November 2003, kurz nachdem die BVB-Chefs die teure Mannschaft in einer Notsitzung angebettelt hatten, auf 20 Prozent ihrer Gehälter wenigstens bis Saisonende zu verzichten, stellte sich Präsident Niebaum vor sein Wahlvolk von BVB-Mitgliedern und verkündete: „Wir sind in allen Geschäftsfeldern gut aufgestellt.“ Niebaum wurde mit der SED-tauglichen Mehrheit von 99,1 Prozent im Amt bestätigt. Schon damals flüsterten sich besser informierte BVB-Mitglieder noch bei der Versammlung zu, es habe selten eine Rede gegeben, die das Prädikat „Wahlbetrug“ mehr verdiene als diese. Aufgestanden allerdings ist keiner.“

Mittwoch, 13. Oktober 2004

Internationaler Fußball

Spektakuläres Revival

Mit Irland ist wieder zu rechnen (taz) – taz-Interview mit Viktor Pasulko, dem Trainer Moldawiens: „in Moldawien ist alles anders, hier gibt es keine Regeln, jeder macht, was er will, die Präsidenten wollen sich nur die Taschen voll stopfen, die Zukunft des Fußballs und der Spieler ist ihnen egal“ – Guido Buchwald bringt die Urawa Red Diamonds wieder auf Kurs (NZZ)

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Mit Irland ist spätestens nach dem 0:0 in Frankreich zu rechnen – Ralf Sotscheck (taz 13.10.): “Dass Roy Keane überhaupt auf dem Rasen stand, ist dem diplomatischen Geschick von Trainer Brian Kerr zu verdanken. Vor zwei Jahren war Keane nach einem Streit mit Kerrs Vorgänger Mick McCarthy noch vor Beginn der WM aus Japan abgereist. Kerr konnte den launischen Star zur Rückkehr bewegen. Offenbar hört Keane auf ihn, was viele nicht für möglich gehalten hatten. Ein Trainer wie Kerr, der selbst nur ein mittelmäßiger Spieler war, werde es schwer haben, prophezeiten die Medien. Der 51-jährige Kerr spielte für Vereine, die außerhalb Irlands niemand kennt: Rialto, Crumlin, Shelbourne. Vor sieben Jahren machte ihn der irische Verband zum Jugendtrainer. 1998 gewann seine U-16-Mannschaft die EM gegen Italien, im selben Jahr siegte seine U-18 im Finale gegen Deutschland. Aus diesen beiden Nachwuchsteams haben elf Spieler den Sprung in die A-Mannschaft geschafft. Und die hat in Paris ihre bisher beste Leistung unter Kerr gebracht. „Das Gerede über den Kampfgeist der Iren gehört der Vergangenheit an“, sagte Kerr zufrieden.“

Die Präsidenten der acht Erstligisten wollen sich nur die Taschen voll stopfen

Viktor Pasulko, Trainer Moldawiens, ehemaliger Spieler in der Zweiten Liga und EM-Finalist 1988 mit der UdSSR unter Waleri Lobanowski, im Interview mit Tobias Schächter (taz 13.10.)
taz: Herr Pasulko, wie wird man Trainer der Mannschaft der Republik Moldawien?
VP: Der Präsident des Verbandes ist ein Freund und hat mich gefragt, ob ich das Amt übernehmen wolle. Die Möglichkeit, hier etwas aufzubauen, war sehr reizvoll. Bei den Qualifikationsspielen zur EM in Portugal hatten wir tolle Ergebnisse, den historischen Sieg gegen Österreich zum Beispiel. Nach diesen Erfolgen war ich der Meinung, hier ist was zu machen, aber jetzt bin ich deutlich pessimistischer.
taz: Warum?
VP: Die Bedingungen im Umfeld kann man nicht mit denen in Europa vergleichen.
taz: Was ist anders?
VP: In Moldawien ist alles anders, hier gibt es keine Regeln, jeder macht, was er will. Die Präsidenten der acht Erstligisten wollen sich nur die Taschen voll stopfen, die Zukunft des Fußballs und der Spieler ist ihnen egal.
taz: Ein Beispiel?
VP: Juventus wollte einen wirklich sehr begabten Jungen verpflichten. Erst verlangte sein Verein zu viel Geld von Turin und am Ende haben sie den Spieler einfach weggejagt. Jetzt liegt er schwer krank im Krankenhaus. Er ist alkoholkrank – mit 21, das ist unglaublich. Solche Geschichten gibt es einige.
taz: Der Verband schaut zu?
VP: Der hat keine Macht. Aber das größte Problem ist die Politik. Noch nie habe ich den Ministerpräsidenten bei uns gesehen. Zuletzt mussten wir uns ein Flugzeug aus Litauen leihen, weil die Regierung uns kein Charterflugzeug zu einem Auswärtsspiel zu Verfügung stellte. Ich verstehe das nicht. Fußball ist doch ein Volkssport, von dem auch die Politik profitieren kann. Gegen Schottland spielen wir in einem Stadion in Chisinau, in dem seit 1949 nichts mehr verändert wurde. Dort einzulaufen ist beschämend. Dabei haben wir ein Stadion europäischen Standards in einer anderen Stadt, aber die Regierung will nicht, dass wir dort spielen. So ist das.
taz: Sie sind wohl eher Sozialarbeiter denn Trainer?
Auch. Aber das ist ein Vermächtnis von Waleri Lobanowski.
taz: Was hat ihn ausgezeichnet?
VP: Er war ein großer Mann, eine Institution. Die Presse hat ihn immer als einen Diktator bezeichnet, aber in Wahrheit war er eine Seele von Mensch. Er hat mit uns getrunken und gefeiert und war ein begnadeter Witzeerzähler.

Vor dem spektakulären Revival

Die Urawa Red Diamonds sind mit Guido Buchwald wieder auf Kurs, erfahren wir von Martin Hägele (NZZ 13.10.): „Das Idol der Red Diamonds ist zu Beginn des Jahres an seinem ehemaligen Arbeitsplatz mit einiger Skepsis begrüsst worden. Der hochverehrte Guido-san verfüge ja nur über ein paar Wochen Trainer-Erfahrung, und sein Diplom habe er wie seine Kollegen aus dem Weltmeisterteam, Klinsmann, Augenthalter und Co., nach einem Kurzlehrgang erhalten. Mittlerweile fragen dieselben Leute, wie es Guido Buchwald geschafft habe, aus einem Team, das in den vergangenen elf Jahren nur in einer einzigen Saison (unter Trainer Holger Osieck und mit dem Mittelfeld-Motor Buchwald) Titelambitionen zeigte, einmal sogar abstieg, eine Spitzenmannschaft zu formen. Der deutsche Trainer hat eine einfache Erklärung für diesen Wandel: Er habe den Stil seines Vorgängers Hans Ooft total umgestellt. Der Holländer hatte die Mannschaft auf Konterfussball ausgerichtet; alle Mann, bis auf den brasilianischen Torjäger Emerson, mussten erst einmal verteidigen. Buchwald aber versucht, jeden Spieler auf jener Position einzusetzen, auf der dessen Fähigkeiten am besten zum Tragen kommen. „Sie sollen ihre Freiheiten und Stärken nach vorne ausspielen“, fordert Buchwald. Ein solcher Systemwandel funktioniert nicht von heute auf morgen. (…) Jenes Team, das als Werksmannschaft von Mitsubishi in den siebziger und achtziger Jahren mit vier Meistertiteln das Aushängeschild des Fussballs im Land der aufgehenden Sonne war, steht 22 Jahre nach dem letzten nationalen Triumph vor einem spektakulären Revival, und die Vorfreude darauf lässt sich an den Kassenhäuschen in der Tokioter Vorstadt ablesen.“

Deutsche Elf

Klima von Initiative und Zuversicht

„Was haben Klinsmann und seine Mitstreiter Joachim Löw und Oliver Bierhoff verkehrt gemacht, dass die Diskussionen so ein negatives Echo haben?“ (SZ) / Uli Hoeneß’ Sorgenfalten wegen Andreas Köpke, „es geht um den Einfluss des Vereins in der Nationalmannschaft“ (SZ) – Jens Lehmann trägt Nike und verstößt gegen die Kleiderordnung – Toni Schumacher (BLZ): „Sepp hat den Job ernst genommen, der hat ja eigene Geräte und Übungen erfunden“ u.v.m.

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Klima von Initiative und Zuversicht

Philipp Selldorf (SZ 13.10.) würde den Nörglern und Stammtischbrüdern, die Klinsmanns Methoden anzweifeln, am liebsten den Mund verbieten: „Während er in Kalifornien sein Dasein genießt, debattieren in Deutschland die Fußball-Instanzen und solche, die sich fälschlicherweise dafür halten, über seine Arbeit: Diesmal über die Abberufung von Sepp Maier und das Engagement von Andreas Köpke als Nachfolger, über Klinsmanns Führungsstil, Interessen und Entscheidungen. Erfrischend ist für ihn, dass ihm in Amerika die grassierende Aufregung der Medien und die Kommentare von Matthäus-Breitner-Lattek erspart bleiben. Schlecht ist, dass er in der öffentlichen Meinung ein Vakuum hinterlässt, das sich mit Missverständnissen und Unsinn füllt und Platz bietet für enttäuschte Verbandsfunktionäre, die sich um Einfluss gebracht sehen. (…) Spätestens jetzt muss man fragen: Was haben Klinsmann und seine Mitstreiter Joachim Löw und Oliver Bierhoff denn verkehrt gemacht, dass die Diskussionen so ein negatives Echo haben? Da fällt einem bei seriösem Nachdenken wenig ein. Denn zum Glück ist es doch so, dass in Deutschlands wichtigster Mannschaft ein vor zwei Monaten niemals für möglich gehaltenes Klima von Initiative und Zuversicht eingekehrt ist, dass der Fußball der Nationalelf wieder eine methodische Grundlage und eine glaubwürdige Perspektive erhalten hat, dass es Phantasie und frische Ideen gibt, und dass Spieler in den Vordergrund getreten sind. Zeichnet sich die Klinsmann-Combo nicht gerade durch das aus, was zuletzt so vermisst wurde? Mut zum Risiko, zur Kontroverse, zur Entscheidung, auch zu schmerzhaften Beschlüssen.“

Ich habe bisher nichts von dem, was er für seine Arbeit fordert, als unvernünftig angesehen

Gerhard Mayer-Vorfelder im Interview mit Roland Zorn (FAZ 13.10.)
FAZ: Sie kennen Klinsmanns Beharrlichkeit, seine Ungeduld, sein manchmal schwieriges Naturell. Waren Sie deshalb noch überrascht, wie zäh Klinsmann darum kämpft, daß die Nationalmannschaft vor und während der WM in zwei Jahren nicht, wie vom DFB mit dem Bayer-Konzern vereinbart, das Trainingsquartier in Leverkusen aufschlägt?
MV: Mein Ausgangspunkt ist von meiner Erfahrung im Profibereich bestimmt. Wenn ein neuer Trainer kommt, mußt du ihm den Freiraum geben, das, was er an neuen Ideen mitbringt, auch umsetzen zu können. Das bezieht sich auf den Trainerstab und auf andere Fragen. Das war vielleicht etwas ungewöhnlich für den DFB, aber nicht für mich. Ich brauchte da keine Hürden zu überwinden. Ich habe bisher noch nichts von dem, was er für seine Arbeit fordert, als unvernünftig angesehen.
FAZ: Trifft das auch auf die umstrittene Frage des Trainingsquartiers 2006 zu, zu der Sie sich anders als Ihr künftiger Co-Präsident Theo Zwanziger noch nicht dezidiert geäußert haben?
MV: Wenn es so ein Spannungsfeld gibt, hat es für mich wenig Sinn, das in der Öffentlichkeit zu diskutieren, weil es die Leute noch mehr in die Konfrontation treibt. Ich sehe es so: Jürgen Klinsmann ist Trainer geworden, als die organisatorischen WM-Dispositionen von seinem Vorgänger Rudi Völler weitestgehend getroffen waren. Davon hat der Jürgen 95 Prozent akzeptiert. Die WM-Unterbringung in der Nähe von Leverkusen ist sicher auch aus der Nähe von Völler zu Leverkusen zu erklären. Ich werde nicht vergessen, daß Leverkusen für die Kampagne der WM-Bewerbung vier Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt und sich damit große Verdienste erworben hat. Dennoch: Daß Jürgen Klinsmann andere Vorstellungen hat, empfinde ich zumindest als verständlich. (…)
FAZ: Sie selbst werden, seitdem Klinsmann im Amt ist, in einer Hörfunksatire von SWR 3 im Serienformat beim täglichen Telefonat mit dem Bundestrainer als „alter Säufer“ verballhornt. Geht Ihnen so etwas nahe?
MV: Ich empfinde das als große Unverschämtheit und überlege mir, ob ich juristisch dagegen vorgehe.

Man könnte irre werden an diesem Verein!

Die Bayern hecken doch was aus – Edo Reents (FAZ/Feuilleton 13.10.): „Bayern mit Sinn für Dezenz wollen wissen, Sepp Maier sei wegen übergroßer Grüabigkeit entlassen worden, wobei man das Wort grüabig, das auch irgendwo bei Lion Feuchtwanger vorkommt, vielleicht so erklären könnte: Grüabig ist, wer sich gewissermaßen touristisch zu sich selbst verhält, es also übertreibt mit seinem Bayerischsein. Gut möglich, daß das einem Schwaben auf die Nerven geht. (…) Einen Tag nur konnte Jens Lehmann, der Maiers Rat, sich aufzuhängen, Gott sei Dank nicht nachgekommen ist, durchschnaufen, da tauchte der Parteiische im Fernsehen auf und verkündete, er als Torwarttrainer des FC Bayern München werde den Kahn nun so triezen, daß Lehmann „wirklich keine Chance mehr hat, 2006 zu spielen“. Man könnte irre werden an diesem Verein! Wer wissen will, wie Maier seine Terminatorphantasien auszuleben gedenkt, der braucht nur mal an der Säbener Straße vorbeizuschauen, die außerhalb des Geltungsbereichs des Klinsmannschen Sittenkatalogs liegt, weshalb man sich hinter der vergitterten Absperrung halten sollte. Die Frage, ob Kahn nicht von sich aus schon scharf genug sei, ist dabei kein Argument: Sein offenbar hochansteckender Ehrgeiz kennt keine Grenzen. A bißl was geht immer, pflegte der hinterlistige, aber völlig harmlose Monaco Franze zu sagen. Und Kahn wird dann schon was einfallen. Es muß ja nicht gleich ein Nasenbeinbruch sein, passiert zufällig zwei Wochen vor Turnierbeginn im WM-Trainingslager.“

Einige freuen sich diebisch, dem FC Bayern mal wieder eins reinzuwürgen

Markus Schäflein (SZ 13.10.) notiert die Bedenken Uli Hoeneß’, man könne Oliver Kahn sein Grundrecht auf einen Stammplatz abstreiten: „Beim FC Bayern wurde die Torwart-Diskussion fortgesetzt, und sie hatte längst eine neue Dimension erhalten: Es ging nicht mehr nur um Maier oder Köpke, Kahn oder Lehmann, sondern um den Einfluss des Vereins in der Nationalmannschaft. Uli Hoeneß warnte, man müsse aufpassen, dass aus dem „Fall Sepp Maier“ keine Diskussion entstehe, die sich gegen Kahn oder gegen den ganzen Klub richte. „Jenseits des Weißwurst-Äquators freuen sich einige diebisch, dem FC Bayern dadurch mal wieder eins reinzuwürgen“, vermutete Hoeneß. Der Manager hatte am Montag erklärt: „Bei Köpke habe ich Bedenken.“ Der neue Torwart-Trainer der Nationalelf sei „kein Freund von Kahn“ und habe sich in der Vergangenheit „bei jeder Kleinigkeit von Oliver“ in „unqualifizierter“ Form zu Wort gemeldet. Er befürchte „Vetternwirtschaft“ angesichts der Freundschaft zwischen Köpke und Lehmann. „Wir vom FC Bayern werden genau aufpassen, was in der Nationalmannschaft passiert. Wir werden unseren Mann schützen.“

Totalitäre Marken-Macht

Jens Lehmann hat sich nicht an die Kleiderordnung gehalten, Frank Hellmann (FR 13.10.) berichtet: „Dem geschulten Auge ist das Detail nicht entgangen. Auch Oliver Markhoff, Kommunikationsmanager der Firma Nike, hat vor dem Fernseher bei den vielen Wiederholungen mit dem faustenden und fangenden Lehmann gestutzt. „Er hatte unsere Handschuhe an“, entdeckte Markhoff flugs mit einem „Marken-Blick“. (…) Mittendrin in einem Konflikt, der von Spielerberatern stets thematisiert, indes bis heute nicht gelöst ist, steckt pikanterweise Oliver Bierhoff, auch weiterhin Nike-Repräsentant. Er war einer der Ersten, der auf diesem Gebiet die Gängelei des Verbandes anprangerte. Nun hatte er seinen Intimus Lehmann für etwas in die Schranken zu weisen, was anderswo Usus ist: Lucio spielt für Brasilien (Ausrüster Nike) in Adidas-Schuhen, Wayne Rooney für England (Umbro) in Nike, Ronaldo trägt bei Real (Adidas) ebenfalls den Schuh mit dem „swoosh“. In Frankreich fiel das dreistreifige Monopol an den Füßen, als die Weltmeister-Kicker 1998 mit Streik drohten. „International werden die Individualverträge respektiert“, klagt Markhoff, „nur in Deutschland nicht.“ Nike spricht beim Bündnis zwischen DFB und Adidas gar von „totalitärer Marken-Macht“. Der DFB, traditionell mit dem Lebenswerk des Horst Dassler verbandelt, hat sich im Dezember 2002 gleich bis 2010 an den Hersteller aus Herzogenaurach gebunden. Bis heute beklagen Branchenkenner, der zu Silvester 2002 verkündete Deal sei übereilt und mitnichten zu marktüblichen Konditionen abgeschlossen worden. (…) Gerhard Mayer-Vorfelder gilt als Mann, der die bedingungslose Treue zu den drei Streifen im Stile seiner Vorgänger fortführen wollte.“

Sepp hat den Job ernst genommen, der hat ja eigene Geräte und Übungen erfunden

Toni Schumacher im Interview mit Christof Kneer (BLZ 13.10.)
BLZ: Ein Klischee sagt, dass in Deutschland traditionell die weltbesten Torhüter wachsen. Warum ist das so?
TS: Zum einen liegt das tatsächlich an der Tradition. Ein guter Torwart gilt hier zu Lande etwas, deshalb wollen die Jungs beim Kicken nicht nur Ballack sein, sondern auch Kahn, Lehmann oder Hildebrand. Und weil Sie mich sicher gleich nach Sepp Maier fragen: Ein Grund sind auch die Torwarttrainer.
BLZ: Tatsächlich?
TS: Das ist eine der unterschätztesten Positionen überhaupt. Früher hat man zu den Torleuten gesagt: Jetzt rennt mal ein bisschen mit den anderen mit, und wenn ihr nicht mehr könnt, hört ihr halt auf. Wir kommen nachher mal vorbei und ballern euch ein paar Bälle aufs Tor. Aber Torhüter sind Spezialisten. Deshalb ist es wichtig, sie täglich zu schulen. Schauen Sie sich mal die Bundesligisten an, da hat fast jeder einen Torwarttrainer. Das ist der Grund, warum unsere Torleute so gut ausgebildet sind.
BLZ: Sind sie das anderswo nicht?
TS: Nehmen wir als Beispiel England: Da haben sie erst vor fünf Jahren mit professionellem Torwarttraining angefangen. Bis dahin gab es fahrende Händler: Das waren selbstständige Torwarttrainer, die sind wie der Eierverkäufer von Ort zu Ort gefahren. Am Dienstag in Liverpool, am Mittwoch in Manchester und so fort. Ich glaube, das ist der Grund, warum die Engländer seit 20 Jahren ein Torwartproblem haben. Erst vor fünf Jahren haben die Klubs angefangen, Torwarttrainer zu beschäftigen.
BLZ: Zu diesem Zeitpunkt war Sepp Maier schon über ein Jahrzehnt Bundestorwarttrainer.
TS: Ja, das ist eine wichtige Position, über die wir reden. Deshalb ärgern mich auch die spöttischen Kommentare, die ich über den Sepp jetzt lese. Die Leute machen sich lustig, sie sollten lieber Respekt haben. Der Sepp hat den Job extrem ernst genommen, der hat ja eigene Geräte und Übungen erfunden.

Dienstag, 12. Oktober 2004

Internationaler Fußball

Meister des hartherzigen Pragmatismus

Italien verliert 0:1 in Slowenien, was bedeutet das für Marcello Lippi, Peter Hartmann (NZZ 12.10.)? „Vier Monate nach der blamablen Spuckattacke gegen die Dänen in Guimarães, die das Debakel Italiens an der EM einleitete, kehrte Francesco Totti in die Nationalmannschaft zurück, und Lippi erfand für ihn wieder das 4:2:3:1-System, mit dem Trapattoni gescheitert war, mit Totti als frei schwebendem Spielmacher. Aber der slowenische Coach Branko Oblak, in den siebziger Jahren in der jugoslawischen Vielvölkertruppe einer der auffallendsten Regisseure Europas, setzte Lippi mit einem einzigen Zug matt: Der 30-jährige Simon Seslar – seinen Namen hat Totti wahrscheinlich noch nie gehört, und über seinen Klub, „Cmc Publikum“, hätte er gelacht – nahm ihn in Manndeckung, hartnäckig, aber ohne Provokationsversuche. Totti war sichtlich befangen und konnte für Gilardino, den jungen Mittelstürmer, den Trapattoni noch verschmäht hatte, keine Lücken aufreissen. Vielleicht muss Lippi auf mittlere Sicht, also bis zur WM 2006, ohnehin eine Generation ausgebrannter, überschätzter Stars aussortieren, so wie diesmal Del Piero, Vieri und Pippo Inzaghi. (…) Der „schöne Marcello“ ist kein Diplomat und kein Sozialarbeiter, kein Guru und kein Handaufleger, sondern ein Meister des hartherzigen Pragmatismus mit dem unwiderlegbaren Palmarès von fünf Titeln mit Juventus. Roberto Baggio, der Poet unter den Fussballern, hasste ihn aufs Blut und klebte ihm in seinen Memoiren das Etikett des „hinterhältigsten“ und „grausamsten“ Menschenschinders der Branche auf. Auch Lippi hatte seine Schonzeit. Ab sofort – nach zwei Niederlagen in vier Spielen – wird er nun am Resultat gemessen.“

Liechtenstein spielt 2:2 gegen Portugal, wie hat es das geschafft, Andreas Lesch (FTD 12.10.)? “Liechtenstein belegt in der Weltrangliste Rang 151, auch weil es gegen ein Manko kämpft, das sich kaum bezwingen lässt: Das Land ist klein, es hat nicht einmal 34 000 Einwohner. Da ist die Zahl potenzieller Spieler begrenzt. Der 42-jährige Martin Andermatt, der einst beim SSV Ulm gelernt hat, wie man kleine Mannschaften größer macht, spürt das Tag für Tag. Längst nicht alle seiner Spieler sind Profis „Ich gehe hier wirklich an die Grundwurzeln eines Trainers“, sagt Andermatt. „Das Gefälle in der Mannschaft ist sehr groß, das ist unser Problem.“ Lösen lasse es sich nur „mit einem sauberen taktischen Konzept, einer sauberen Grundordnung und mit einem unglaublich großen Herzen“. Mit dieser Mischung haben die Liechtensteiner jetzt die Portugiesen genarrt.“

WM-Qualifikation in Südamerika NZZ

Unterhaus

Das kann nicht nur ein PR-Gag sein

Lok Leipzig, Deutschlands bester Kreisligist – Peer Vorderwülbecke (FAZ 12.10.) berichtet: „Gut 5000 Zuschauer tun sich regelmäßig die Spiele ihrer Mannschaft in der dritten Kreisklasse an. Viele haben ihre alten blau-gelben Kutten und Fahnen ausgegraben. Für die gebeutelten Fans sind die Spiele Festtage für das gebeutelte Selbstbewußtsein. Selten schafft es ein Gegner, mit einer einstelligen Niederlage vom Platz zu kommen. „Wir sind die Größten der Welt“, grölen die Lok-Fans nach jedem Treffer. Gefördert wird der Kult regelmäßig mit neuen Attraktionen: Die 62 Jahre alte Lok-Legende Henning Frenzel wurde unter tosendem Beifall eingewechselt – und schoß eines der regelmäßig vielen Tore für den Tabellenführer einer durch Lok aufgewerteten Kleinstliga. Die Spielstände werden von Nummerngirls präsentiert, in blauen Lackstiefeln und gelben Hot Pants. Einer der Lok-Sponsoren betreibt eine Table-Dance-Bar. Das wiedererwachte blau-gelbe Gemeinschaftsgefühl hat 12 421 Fans ins Zentralstadion getrieben. Darunter auch Trainer-Legende Uli Thomale, der Lok 1987 ins Europacup-Finale (0:1 gegen Ajax Amsterdam) geführt hat. „So viele Zuschauer, das kann nicht nur ein PR-Gag sein. Das ist eine tiefe Verwurzelung“, sagt Thomale und preßt die Lippen aufeinander. In dieser Saison wird der Elftligist aber nicht mehr im Zentralstadion spielen. „Mein größter Wunsch ist es, daß Lok bald in dieses Stadion zurückkehrt und vielleicht mal wieder in der Bundesliga spielt oder sogar international. Ich hoffe, daß ich das noch erlebe“, sagt Thomale mit feuchten Augen. Steffen Kubald ist mit seinen Zielen weitaus bodenständiger: „Wir wollen in die zweite Kreisklasse aufsteigen.““

Deutsche Elf

In der DFB-Zentrale gibt es Kräfte, die gegen Klinsmann agitieren

„In der DFB-Zentrale gibt es Kräfte, die gegen Jürgen Klinsmann agitieren“ (BLZ) / Klinsmann, der Befreier – von Andreas Köpke, vermutlich Sepp Maiers Nachfolger, darf man „Neutralität und Souveränität“ (FAZ) erwarten – das Team 2006 ist „überflüssig“ (SZ)

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Gregor Derichs (BLZ 12.10.) kommentiert den Rauswurf Sepp Maiers: „Der Kreis der heimlichen Klinsmann-Skeptiker ist nach dem Rauswurf des populären Maier gewachsen. Dabei ist das Argument, dass Maier im Torwartkampf zu stark für Oliver Kahn votiert hat, nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich soll der 60-Jährige zuweilen den Ablauf im Team gestört haben – etwa, wenn er in seiner Rolle als Spaßvogel nervte, obwohl Ernsthaftigkeit gefordert war. Nicht selten kam es vor, dass er abends noch feierte, wenn den Spielern schon Ruhe verordnet war. Maiers Kumpels aus dem DFB-Betreuerstab bei diesen feucht-fröhlichen Ereignissen fürchten nun, dass sie im Zuge der Klinsmann’schen Radikalsanierung als nächste ausgetauscht werden könnten. Während die Reformen bei den Spielern voll angeschlagen haben, sind die Stäbe im Verband verunsichert. In der DFB-Zentrale gibt es Kräfte, die gegen Klinsmann agitieren; vor allem, weil vor Maier schon Bernd Pfaff als Teammanager der Nationalelf ausrangiert wurde. „Es ist wichtig, ein paar Zeichen zu setzen“, sagte Klinsmann kürzlich und erklärte, Provokation gehöre zum Geschäft: „Man muss Dinge einfließen lassen, die sticheln.“ Womöglich stichelt Klinsmann auch jetzt wieder mit System. Insider vermuten, dass Maier ein Bauernopfer war – möglicherweise soll Kahn selbst getroffen werden. Nach dem Entzug des Kapitänsamts und der Ankündigung einer Rotation war die Trennung von Maier bereits der dritte Hieb gegen den Keeper.“

Klinsmann hat die DFB-Auswahl mit befreit von Lothar Matthäus

Auch Martin Hägele (NZZ 12.10.) verfolgt diese Diskussion: „Maier hat in seinem Stolz die Floskel vom „gegenseitigen Einvernehmen“ abgelehnt; wofür er wohl von Oliver Kahn ein herzliches Dankeschön und ein Lob für seine Charakterstärke erhalten hat. Obwohl dies wirklich nichts mit Charakterstärke zu tun hat, sondern mit hochgradiger Dummheit und totaler Fehleinschätzung der Lage. Klinsmann hat mit einem Schlag gleich zwei, womöglich sogar drei Exempel auf einen Schlag statuiert: Er ist einen „Schwätzer“ los, und Lehmann und Kahn werden sich Gedanken machen, ob sie bei ihrem Torhüterduell um die Nummer eins künftig noch einmal den Mund aufmachen (…) Bei Niederlagen werden die Kritiker schneller aus den Gräben kommen und ihre Laptops und Mikrofone gegen Klinsmann und Co. in Stellung bringen. Alle, die bei diesem direkten Kurs nicht beachtet oder ganz schnell aussortiert worden sind und die nun nichts mehr zu sagen haben. Stellvertretend für diese zu kurz Gekommenen hat sich Lothar Matthäus in einem Münchener Boulevardblatt in Sachen Sepp Maier in die Bresche geworfen und die Nation vor dem Machtmenschen Klinsmann mit den Worten gewarnt: „Der Jürgen ist ein Killer.“ Klinsmann hat die DFB-Auswahl in der Tat mit befreit von Lothar Matthäus. Nachdem dieser seinerzeit sämtliche Interna an die Bild-Zeitung geliefert hatte und im Übrigen vor allem um den eigenen Kult besorgt gewesen war, hatte die Mannschaft genug von ihrem Anführer. Sie stellte sich im Winter 1995 gegen Matthäus, um später mit den Leitfiguren Klinsmann und Sammer Europameister zu werden.“

Neutralität und Souveränität

„Der Zweikampf Kahn/Lehmann wird durch Andreas Köpke nicht enden, er hat nur einen Anheizer weniger“ mahnt Peter Heß (FAZ 12.10.) mit Blick auf Maiers vermutlichen Nachfolger: “Was Bierhoff meinte, von Sepp Maier nicht verlangen zu können, ist ein Wesenszug von Köpke: Neutralität und Souveränität. Maier, der Kauz und Bauchmensch, mit Kahn über den Verein FC Bayern und die gemeinsame Golf-Leidenschaft engstens verbandelt, wird von einem idealen Teamplayer abgelöst, wenn es denn tatsächlich so weit kommen sollte. „Es wird wesentlich komplexer werden, als es Sepp Maier gemacht hat“, sagte Köpke. So könnte er sich eine Mitverantwortung in der U 21 und im Team 2006 vorstellen und die Beobachtung aller Bundesligatorhüter. Köpke scheint auch der ideale Vermittler im Torwartstreit zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann zu sein. Er selbst, der früher mit Kahn um die Nummer eins im Tor konkurriert hatte, sieht sich unterdessen nicht als Friedensstifter: „Da muß Jürgen klärend eingreifen. Ich will mit den Torhütern professionell arbeiten, da muß man sich neutral verhalten.“ „Neutral“, das ist ungewohnt für Kahn, da muß er sich zurückgesetzt fühlen. Denn der Münchner hat jetzt im Zweikampf keinen Vertrauten mehr als Bundestorwarttrainer zur Seite, sondern einen unabhängigen Mitarbeiter, der alle Torhüter als gleichberechtigt ansieht. Maier war der ideale Mann, solange Rudi Völler den Teamchef abgab. Für den Hessen war die Position zwischen den Pfosten nicht verhandelbar. Kahn, Kahn – und sonst gab es nichts und niemanden. Der Bayern-Torwart konnte sich Formschwächen leisten, Ausfälle gegen Gegner, Respektlosigkeiten gegen Mitspieler: Völler sah in ihm den Titanen, dem kleinere Vergehen nachgesehen werden mußten. Es bedurfte keines Trainers der Torleute, nur eines Betreuers, der Kahn bei Laune hielt. Maiers Verdienste auf diesem Gebiet waren immens.“

Vor der WM 2006 ist jeder Posten Teil eines besonders großen Vorhabens

Was muss Andreas Köpke können und beachten, Volker Kreisl (SZ 12.10.)? „Würde man eine Stellenausschreibung formulieren, dann ergäbe sich die übliche Liste von Erfolgsmerkmalen: Erfahrung ist gewünscht, Teamfähigkeit, Fachkompetenz, modernes Denken, sowie Unbefangenheit gegenüber dem Personal, schließlich die Fähigkeit, sich psychologisch in seine Mitarbeiter hineinzufühlen, aber andererseits auch, sich rechtzeitig rauszuhalten. Eigentlich geht es nur um den Posten des Bundestorwarttrainers, doch vor der WM 2006 ist jeder Posten Teil eines besonders großen Vorhabens und erfordert ein besonderes Profil. (…) Die Arbeit beim DFB wird jedenfalls diplomatisches Geschick erfordern. Schon jetzt gibt es im Hintergrund Gerüchte und Stimmen, Köpke sei ja Freund und Partner von Klinsmann beim Trainerlehrgang gewesen, sei nur ein Gefolgsmann der neuen Führung und ein Teil des Planes, endgültig Jens Lehmann zu installieren. Der DFB-Torwartkoordinator muss sich seine Worte gut überlegen. Das ist schon klar, ehe die Verträge unterschrieben sind.“

Überflüssig

Ulrich Hartmann (SZ 12.10.) prophezeit dem Team 2006 das Ende: „Diese Mannschaft des DFBs ist vor zwei Jahren gegründet worden, damit sich darin junge Fußballer für die WM 2006 empfehlen können. Doch es gibt ein Problem: Viele der besten jungen Fußballer spielen bereits in der A-Nationalmannschaft, und die anderen jungen spielen in der U21. Was bleibt da übrig für das Team 2006? Spieler wie Jentzsch, 28, Marcel Maltritz, 26, Bernd Korzynietz, 25, oder Manuel Friedrich, 25. Diese Fußballer haben nur eine begrenzte Perspektive, in zwei Jahren dabei zu sein. Das Team 2006 hat seinen Perspektivcharakter verloren und ist nichts anderes mehr als die frühere A2-Nationalmannschaft. „Das Team 2006 fungiert als Bindeglied zwischen U21 und A-Mannschaft“, sagt Trainer Erich Rutemöller, die Perspektiven richteten sich nicht nur auf die WM in zwei Jahren, sondern auch darüber hinaus. Wenn 2010 die nächste WM ansteht, wären einige der heutigen Kadermitglieder über 30. Doch das Team 2006 wird schon jenes Jahr, das es in seinem Namen trägt, wahrscheinlich nicht mehr erleben. Wenn die Mannschaft eine internationale Spielrunde mit den A2-Mannschaften aus Polen, Schottland, Österreich und der Türkei im Herbst 2005 beendet hat, wird es vermutlich aufgelöst. Spätestens Klinsmanns drastische Verjüngung der A-Nationalmannschaft hat das Team 2006 in seiner ursprünglichen Bedeutung überflüssig gemacht.“

Montag, 11. Oktober 2004

Interview

Als Manager kannst du nie abschalten

Oliver Bierhoff (FR): „als Manager kannst du nie abschalten“ – Michael Skibbe (FR): „es wird oft über Dinge geschrieben, die die Journalisten nicht beurteilen können“ – Timo Hildebrand (FAS): „ich kann Jens Lehmann sehr gut verstehen, daß er spielen will“

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Als Manager kannst du nie abschalten

Oliver Bierhoff im Interview mit Frank Hellmann (FR 9.10.)
FR: Sie sind am Tag der Arbeit geboren. Was arbeiten Sie derzeit eigentlich?
OB: Irgendwann höre ich auf, diese Frage zu beantworten. Es ist eine große Herausforderung, die Spaß macht und im Detail viele Anforderungen hat, die oft schwer zu vermitteln sind. Als Spieler hatte ich den Alltag ähnlich dem eines Angestellten: morgens aufschließen, abends abschließen, abschalten. Als Manager kannst du nie abschalten. Ich mache alles, was den nicht-sportlichen Bereich betrifft.
FR: Was denn alles?
OB: Als es um meine Job-Beschreibung ging, wurde mir vom DFB ja zunächst ein reine Repräsentationsaufgabe angetragen. Das habe ich abgelehnt. Ich mache zwar repräsentative Aufgaben, aber ich will anschieben, ich will etwas bewegen. Beispielsweise mache ich bald mit Horst Lichtner (Marketingdirektor des DFB, FR) eine Road-Show bei den Sponsoren. Und wenn ich dafür eine Präsentation vorbereiten muss, mache ich das selbst. Ich pflege Kontakte zu den Medien, zu den Clubs und Spielern. Ich kümmere mich um Nominierungen, Hotel- und Zimmerauswahl. Aber ich habe auch Dinge eingeführt, die es vorher nicht gab. Etwa eine Players-Lounge für die Spieler.
FR: Eine Players-Lounge?
OB: Ja. Mit einem schönen großen Fernseher, einer Playstation, es gibt Karaoke, Stereo-Anlage. Das ist eine Art Aufenthaltsraum, damit die Spieler sich da treffen können und nicht immer auf dem Zimmer hocken. (…)
FR: Ihr Reformeifer bleibt in einem verkrusteten Verband nicht ohne Folgen. Beim DFB soll der eine oder andere die Faust in der Tasche ballen.
OB: Das stimmt. Aber wo ist der, der die Faust in der Tasche ballt, für den Erfolg der Mannschaft wichtig? Der DFB ist nicht nur die Nationalmannschaft, aber die holt fast alles an Geldern herein. Aber ob wir jetzt einen deutschen oder amerikanischen Fitnesscoach haben, das belastet doch den kleinen Verein und auch den großen Landesverband nicht. Und auch keinen in der Rechtsabteilung des DFB. Wir wollen keinen Streit haben, aber wenn die sich an uns stoßen, kann ich das nicht verhindern.

Es wird oft über Dinge geschrieben, die die Journalisten nicht beurteilen können

FR-Interview (11.10.) mit Michael Skibbe
FR: Herr Skibbe, Spieler Ihrer U 20 haben Sie nach dem 2:0 gegen Österreich gelobt. Sie ließen mutig nach vorne spielen. Ist das die Konsequenz aus der Schlappe bei der EM?
MS: Ich wusste gar nicht, dass mich meine Spieler gelobt haben. Ich glaube aber auch nicht, dass ich von den Spielern der A-Nationalmannschaft getadelt worden bin. Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten auch immer versucht, nach vorne zu spielen. Ich habe gerade die statistische Auswertung der Uefa erhalten: Nur eine einzige Mannschaft hat bei der EM in der Vorrunde mehr klare Torchancen herausgespielt als wir.
FR: Sie sind vielleicht von Ihren Spielern nicht getadelt worden, dafür umso mehr von den Medien. War das berechtigte Kritik?
MS: Es wird oft über Dinge geschrieben, die die Journalisten nicht beurteilen können. Deshalb lese ich nicht viel.
FR: Jetzt wollen sie uns nicht weis machen, dass Sie während der EM die Sportseiten der Zeitungen nicht gelesen haben…
MS: Ich musste mich natürlich mit der Darstellung meiner Person in Bild beschäftigen.
FR: Sie wurden als „Völlers Fehler-Flüsterer“ bezeichnet.
MS: Das war natürlich völlig unsachlich. Wahrscheinlich hat man sich nicht getraut, Rudi zu attackieren. Da war es vielleicht einfacher, das schwächere Glied in der Kette zu attackieren. Das war eine Unverschämtheit.
FR: Sie haben sich, mit Verlaub, aber auch unglücklich dargestellt, als Sie etwa vor dem dann 1:2 verloren gegangenen Spiel gegen Tschechien sagten: „Wir müssen gewinnen und wir werden gewinnen.“
MS: Wenn der Trainer einer Mannschaft im Vorfeld eines so wichtigen Spiels als Bedenkenträger auftritt, ist er sicherlich der falsche Mann. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es richtig war, sich mit breiter Brust in der Öffentlichkeit darzustellen.
FR: Sind Sie in der Nacht von Almancil ebenso überrascht worden vom Rücktritt Völlers wie der Rest der Delegation?
MS: Wir hatten uns nach dem 1:5 in Rumänien und dem 0:2 kurz vor der EM gegen Ungarn abgesprochen, dass bei einem frühen Ausscheiden die Hypothek, die wir bis zur WM mitgenommen hätten, einfach zu groß gewesen wäre. Jürgen Klinsmann kann jetzt sagen: Ich nehme erstmal die jungen Leute und ich spiel erstmal vor allem nach vorne. Das finde ich richtig so, aber das wäre Rudi und mir so nicht möglich gewesen.
FR: Warum nicht?
MS: Weil man uns dann vorgeworfen hätte, dass wir es nicht schon bei der EM genauso gemacht haben. (…)
FR: Herr Skibbe, Sie waren ganz oben als Bundestrainer. Nach Völlers Rücktritt hat es geschlagene zwei Monate gedauert, bis der DFB und Sie sich auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt haben. Fühlten Sie sich im Stich gelassen?
MS: Alle Kräfte im DFB waren auf die Trainersuche konzentriert. Dabei ist man dann fast zwei Monate lang von einer Enttäuschung in die andere gelaufen. Dass da anderes zurückstehen musste, habe ich zwar verstanden, aber es wäre wünschenswert gewesen, dass man sich um die kümmert, die im eigenen Haus verfügbar sind. Das hat das Präsidium versäumt. Da wurde mit dem leitenden Personal, auch mit Uli Stielike, nicht so umgegangen, wie ich es vom DFB eigentlich erwartet hätte. Wir haben dabei blöd ausgesehen.

Ich kann Jens Lehmann sehr gut verstehen, daß er spielen will

Timo Hildebrand im Interview mit Michael Horeni (FAS 10.10.)
FAS: Kann man sich von einem Großmeister der Torleute im Training etwas abschauen?
TH: Ich kann von beiden, von Oliver Kahn und Jens Lehmann, tatsächlich noch etwas lernen. Beide kommen aus einer anderen Torwartgeneration als ich. Beide sind fast zehn Jahre älter. Sie haben viel mehr Erfahrung. Wenn ich sie im Training sehr genau und bewußt beobachte, kann ich mir abschauen, wie sie sich in bestimmten Situationen auf dem Platz verhalten. Ich meine jetzt nicht, wie sie rechts oder links in die Ecken nach einem Ball springen, sondern vor allem, wie sie eine Abwehr dirigieren.
FAS: Seit Monaten wird immer wieder über das Duell Kahn gegen Lehmann diskutiert – und das wird sich bis zur WM 2006 kaum ändern. Wie nehmen Sie als dritter Mann die Auseinandersetzung wahr?
TH: Ich kann Jens Lehmann sehr gut verstehen, daß er spielen will. Beide sind ja in einem Alter, und sie sind seit vielen Jahren Konkurrenten in der Nationalmannschaft – und Kahn ist immer vor ihm. Jens hat jetzt fast 50 Spiele mit Arsenal nicht verloren. Er macht dort einen sehr guten Job – und trotzdem ist er in der Nationalmannschaft nur die Nummer zwei. Daß er nie aufgibt, ist ihm hoch anzurechnen. (…)
FAS: Sie sagten einmal, Sie wollten ohne Berater in der Bundesliga auskommen. Jetzt haben Sie einen – warum geht es nicht ohne?
TH: Ein Spieler sollte nicht mit seinem Verein verhandeln. Da schwirren einem Sachen im Kopf rum, die nicht gut sind. Außerdem sollte das auch ein Profi machen. Dabei geht es gar nicht nur ums Geld. Die Höhe des Gehalts ist bei uns, die wir gut verdienen, ein Maßstab für die Wertschätzung und den Rang eines Spielers in einer Mannschaft.
FAS: Der VfB Stuttgart scheint in dieser Saison besser denn je.
TH: Ja, wir haben uns tatsächlich noch einmal weiterentwickelt. Vielleicht kam der Trainerwechsel von Felix Magath zu Matthias Sammer genau zum richtigen Zeitpunkt. Da ist noch einmal frischer Wind reingekommen, und einige Spieler blühen auf.

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