indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 6. Oktober 2004

Allgemein

Portrait: Per Mertesacker und Vahid Hashemian

Ein Nationalspieler aus Hannover – Stefan Hermanns (Tsp 6.10.): „Per Mertesacker ist nicht unbedingt behutsam in die neue Rolle hineingewachsen. „Das ist ein Riesensprung“, sagt er. Erst 20-mal hat der Innenverteidiger in der Bundesliga gespielt. Seine internationale Erfahrung beschränkt sich auf zwei Einsätze in der U 21. Trotzdem wird dem jungen Verteidiger zugetraut, dass er die rasende Entwicklung ohne Schäden an Leib und Seele übersteht. Vor der Berufung in die Nationalelf hat sich Klinsmann eigens mit Mertesackers Vereinstrainer Ewald Lienen ausgetauscht. In Hannover wird die Beförderung des Verteidigers in die Nationalmannschaft vorbehaltlos unterstützt. Schon vor dem letzten Länderspiel hatten sich Lienen und Hannovers Manager Ilja Kaenzig für eine Berufung ausgesprochen.“

Die setzen ihn so unter Druck, dass er sich nicht konzentrieren kann

Vahid Hashemian wird in die Nationalelf Irans zurückkehren – Joachim Mölter (BLZ 6.10.): „Drei Jahre hat er nicht in der iranischen Elf gespielt, trotz andauernder Bitten von Nationalcoach Branco Ivankovic. „Ich habe aber nie gesagt, ich will nicht für mein Land spielen“, sagt Hashemian: „Ich hatte Probleme mit dem Verband, aber das ist vorbei.“ Vor einem Monat gab er sein Comeback beim WM-Qualifikationsspiel gegen Jordanien, am Sonnabend folgt der nächste Einsatz gegen die deutsche Auswahl in seiner Heimatstadt Teheran. Aus der war er 1999 zum Hamburger SV gekommen, wie auch sein Nationalmannschaftskollege Mehdi Mahdavikia. Was genau er für Probleme mit seinem Verband hatte, lässt Hashemian im Dunkeln; es heißt, er habe sich in einer Verletzungsphase schlecht behandelt gefühlt. Auch die Gründe für seine Rückkehr mag er nicht erhellen: „Ich habe gesagt, ich spiele für meine Leute und für mein Land.“ Die Leute in seinem Land scheinen ihn mächtig ins Gewissen geredet zu haben. „Die setzen ihn so unter Druck, dass er sich nicht konzentrieren kann“, vermutete Trainer Felix Magath bereits anlässlich des Spiels gegen Jordanien. Die viel beschäftigten Bayern-Profis klagen ja gern über Druck, aber wenn sie Hashemian fragen würden, könnte der ihnen ganz andere Geschichten erzählen.“

Internationaler Fußball

Das gesamte filigrane Räderwerk Real ist irreparabel beschädigt

Real Madrid im Abschwung – Harald Irmberger (Tsp 6.10.) befasst sich mit den Ursachen: „Die Mannschaft wirkt, als hätte sie ihr einst als „galaktisch“ bezeichnetes Spiel einfach verlernt. Verschwunden ist die schnelle, präzise Ballzirkulation, mit der sie früher aus der Defensive das Mittelfeld überbrückte, um ihr variantenreiches Angriffsrepertoire einzusetzen, in dem alle Stars ihre individuellen Vorzüge optimal einbringen konnten. Der frühere Trainer Vicente del Bosque hatte diese Spielkultur behutsam und sorgfältig aufgebaut. Rückblickend begann der Niedergang von Real schon mit seiner Entlassung vor einem Jahr. Dass diese ein Fehler war, hat Klubpräsident Florentino Perez inzwischen zugegeben. Der neue Trainer Carlos Queiroz verwarf del Bosques Philosophie und wollte einen scheinbar sichereren Weg einschlagen: Fortan sollte nur noch Ronaldo am Strafraum angespielt werden, mit weiten Bällen, vorrangig durch den teuren Neueinkauf David Beckham. Das klappte zwar häufig, führte aber dazu, dass Leistungsträger wie Raul und Zinedine Zidane einfach nicht mehr ins Spiel kamen und in eine strukturelle Formkrise schlitterten. Vermutlich wurde durch diese Spielweise das gesamte filigrane Räderwerk Real irreparabel beschädigt. (…) David Beckham – viele sehen in ihm die größte Schwachstelle der Elf. „Für die Position, die er einnimmt, denkt der Junge nicht schnell genug“, sagt der spanische Nationaltrainer Luis Aragones. Seinen Stammplatz wird Beckham aber nicht verlieren. Allein schon aus Marketinggründen muss ihn Garcia Remon aufbieten.“

Internationaler Fußball

Die Balance zwischen Spiel und Kampf ist zerstört

Paul Ingendaay (FAZ 16.10.) macht den Abschwung Real Madrids an einem Spieler fest [an einem Spieler, der, wenn man Harald Schmidt glaubt, Gerhard Mayer-Vorfelder unbekannt ist]: „Im Sommer letzten Jahres forderte der defensive Mittelfeldspieler Claude Makelele mehr Gehalt. Makelele gehörte zu den wenigen, die neben den „Galaktischen“ bei Real Madrid einen Stammplatz beanspruchen konnten, und er fühlte sich unterbezahlt. Während Figo jährlich sechs Millionen Euro verdiente, bekam Makelele nur ein Fünftel davon. Tatsächlich machte seine unermüdliche Zerstörungsarbeit im Zentrum die kreative Entfaltung von Spielern wie Zidane, Raúl oder Figo erst möglich. Strategisch gesprochen, war Makelele die Verbindung zwischen Defensive und Offensive, ein hochwichtiges Relais, auf das die technisch aufwendige Angreifershow der Madrilenen nicht verzichten konnte. Was aber geschah? Präsident Pérez wies das Ansinnen des Spielers brüsk zurück, Makelele wurde trotzig und drohte mit seinem Weggang, und wenige Wochen später wechselte er zum FC Chelsea. Erstmals hatte das Prinzip des Präsidenten, nur für Weltstars Geld auszugeben, den Verein sichtbar geschädigt. Zidane jedenfalls wußte genau, wen er an seiner Seite verloren hatte. Doch statt eines Makelele-Nachfolgers im defensiven Mittelfeld verpflichtete Florentino Pérez den Engländer David Beckham. Seit diesem Coup ist nichts mehr, wie es war. Eine gigantische Menge Trikots mit der Beckham-Nummer 23 wurde verkauft, und die Merchandising-Einkünfte des Vereins stiegen um 27 Prozent. Überhaupt strömt das Geld seit Pérez‘ Amtsantritt nur so in die Kassen: Zum vierten Mal in Folge wiesen die Umsätze eine Steigerung von mehr als 20 Prozent aus. Nur gibt es jetzt im defensiven Mittelfeld niemanden mehr, der dem Gegner den Ball abjagen könnte; die Balance zwischen Spiel und Kampf ist zerstört. (…) Strategisch und sportlich sehen die Entscheidungen des Präsidiums kläglich aus.“

Bundesliga

Kahn wählt sich instinktiv Schwächere

Jan Christian Müller (FR 6.10.) kritisiert Oliver Kahn: “Der große Blonde sollte wissen, dass er für einen erklecklichen Teil der über 80 Millionen Menschen in diesem Land ein Vorbild darstellt, an dem sich vor allem viele Kinder und Jugendliche, aber auch Spieler niederer Spielklassen orientieren. Deshalb ist es umso ärgerlicher, dass sein Verhalten nicht sanktioniert wurde, ebenso wenig wie seine Attacken aus den Vorjahren. Kahn, so hat es den Anschein, wählt sich dabei instinktiv Schwächere aus, und anscheinend ebenso instinktiv reagieren die Schiedsrichter beim starken Kahn anders, als sie es womöglich täten, wenn ein profanerer Bundesligaspieler ähnlich tätlich würde.“

Deutsche Elf

Anregende Auslandserfahrung für sich und seine Nationalspieler

Michael Horeni (FAZ 6.10.) beschreibt den pädagogischen Wert, wie ihn Jürgen Klinsmann der Iran-Reise zuspricht: “Ob nun die unbeherrschte Attacke Kahns gegen den Nationalmannschaftskollegen Klose, die leidige Leverkusener Quartierfrage oder der müßige Disput um das WM-Eröffnungsspiel 2006 in München – mit all dem, was die Duellanten und Diskutanten im deutschen Fußball-Land seit Tagen und Wochen in Atem und bei schlechter Laune hält, mochte sich der Bundestrainer bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach rund einem Monat nicht lange aufhalten. Denn viel reiz- und sinnvoller erschien dem passionierten schwäbischen Globetrotter vor dem Länderspiel in Iran die Aussicht auf eine anregende Auslandserfahrung für sich und seine Nationalspieler. Die Reise in den Islamstaat, obwohl noch von seinem Vorgänger Rudi Völler vorbereitet, paßt sehr genau in die Vorstellungswelt des neuen Bundestrainers. „Es gibt ein bißchen etwas Ungewisses“, sagt Klinsmann. Und der Reiz, der darin liegt, behagt ihm offensichtlich. Neue Eindrücke in Teheran sammeln, sich auf andere Lebensgewohnheiten einstellen, mit einer fremden Welt konfrontiert werden, das eigene Leben aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen – auch das sollen persönlichkeitsbildende Effekte der Reise werden.“

Dienstag, 5. Oktober 2004

Vermischtes

Lehrbeispiel von Kampagnen-Journalismus und Medien-Instrumentalisierung

Felix Reidhaar (NZZ 5.10.) kommentiert die Debatte um den blauen Brief der Uefa an die Schweiz: „Wenn nun eine schillernde Figur wie der unermüdliche Fifa-Präsident Sepp Blatter, der es nicht schätzt, wenn es zu lange zu ruhig ist um seine Person, oder sein Uefa-Gegenpart Lennart Johansson besonders laut in den Wald brüllen, dann müssen sie sich Vorhaltungen und den Vorwurf der Vergesslichkeit gefallen lassen. Wie war das noch mit der WM in Asien vor zwei Jahren? Fast eine Milliarde Franken musste „Blatters Haus“ einschiessen und Kompanien von Fachleuten nach Fernost schicken, um die Durchführung zu gewährleisten. Wie gross war die Skepsis der Uefa vor dem EM-Turnier 2000, als sie gut ein Jahr zuvor einen mit allen Kompetenzen ausgestatteten Troubleshooter nach Brüssel entsandte, um Fragen der Sicherheit, der Organisation, des Ambush-Marketings usw. zu klären? Wie stark und permanent waren Ärger und Sorgen der Uefa in den letzten drei Jahren mit den Portugiesen, von deren neuen Stadien zum Teil eineinhalb Jahre vor Beginn erst die Grundmauern standen – und sogenannte Venue-Teams erst zu Turnierbeginn? Dieses Lehrbeispiel von Kampagnen-Journalismus und Medien-Instrumentalisierung verfolgt einen anderen Zweck als das Schüren von Ängsten um den Grossanlass. Es geht um den Kopf des ungeliebten SFV-Obmannes Zloczower, der diesen Sommer denkbar schlechte Figur abgegeben hat und deshalb von fleissigen Redaktionskadern mit Platzpatronen gejagt wird.“

Interview

Interview mit Ralf Rangnick

Ralf Rangnick erklärt der FAS seinen Lernprozess im Profifußball – Thomas Hitzlsperger erklärt der SZ die Vorzüge der englischen Schule

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Ich habe nicht mehr diesen missionarischen Eifer

Ralf Rangnick im Interview mit Richard Leipold (FAS 3.10.)
FAS: Haben Sie aus Ihrer Zeit in Hannover und Stuttgart gelernt?
RR: Man sollte sich nach jeder Station selbst hinterfragen und überlegen: Was kann ich beim nächsten Mal anders machen? Aus der Erfahrung heraus würde ich etwa in Stuttgart heute einiges anders machen.
FAS: Was zum Beispiel?
RR: Aus der Ulmer Zeit heraus hatte ich die Vorstellung, daß eine Mannschaft ihre Stärke nur aus dem Teamwork bezieht, und so ist es dort gewesen. Aber dann kommst du nach Stuttgart, und jeder der dreißig Spieler ist praktisch eine Ich-AG. Darauf muß man sich einstellen. Inzwischen sage ich: okay, jeder ist so, wie er ist, und ich muß ihn so nehmen, wie er ist.
FAS: Sie treffen in Schalke auf eigenwillige Spielertypen wie Rost, Ailton oder Böhme. Wie werden Sie mit denen umgehen?
RR: Ich werde sie an ihrer Leistung messen. Ein Profi, der wesentlich dazu beiträgt, Spiele zu gewinnen, kann ruhig ein bißchen anders sein als andere. Ein Beispiel: In Hannover hatte ich Jan Simak, der war wirklich alles andere als pflegeleicht. Aber es ist mir völlig wurscht gewesen, was der abends gemacht hat, solange er der Mannschaft auf dem Platz helfen konnte. Auch Fredi Bobic ist kein Spieler, der von ganz allein funktioniert, das hat man vor seiner Hannoveraner Zeit gesehen und auch danach wieder. Da muß man als Trainer immer wieder helfend und korrigierend eingreifen. Diese Beispiele zeigen, daß ich meine Lehren gezogen habe.
FAS: Welche Lehren sind das?
RR: Ich habe nicht mehr diesen missionarischen Eifer: alle davon zu überzeugen, so zu arbeiten, wie ich es in Ulm gewohnt war; alle auf das gleiche Ding einzuschwören. Du mußt versuchen, jeden da abzuholen, wo er ist. Ein Trainer muß auch auf die individuellen Bedürfnisse der Spieler eingehen. In Schalke werden nur drei- oder viermal pro Woche alle Spieler gemeinsam trainieren. Der Rest wird darauf abgestimmt, was für den einzelnen gerade am wichtigsten ist. Da werden dann Technik, Koordination, Athletik und Schnelligkeit geschult. Unser Job als Trainer ist es, jeden Spieler zu verbessern.

Jeder gewonnene Einwurf, jede Ecke wird hier fast so bejubelt wie ein Tor

Sehr lesenswert! Thomas Hitzlsperger, neu im DFB-Kader, im Interview mit Raphael Honigstein (SZ 5.10.)
SZ: Hatten Sie nach Ihren starken Partien für Aston Villa in der vergangen Saison insgeheim schon früher mit einer Berufung gerechnet?
TH: Ich hatte es auf jeden Fall gehofft. Aber es war in der U21 sehr unglücklich für mich und uns alle gelaufen. Wir haben bei der EM unser Potenzial nicht ausspielen können, und die taktischen Maßnahmen des Trainers (Uli Stielike) haben auch nicht so gegriffen. Mein persönliches Verhältnis zu ihm war nicht so gut.
SZ: Gut für Sie, dass Jürgen Klinsmann ein ausgesprochener Fan der Premier League ist.
TH: Es ist schön, wenn man wahrgenommen wird. Der deutsche Fußball schaut stark auf sich selbst, deswegen bist du im Ausland leider ein bisschen unsichtbar, wenn du nicht gerade bei einem absoluten Spitzenverein spielst.
SZ: In der Premier League ist das Durchschnitts-Tempo um einiges höher als in Italien oder Deutschland.
TH: Das stimmt. Dafür gibt es aber viele Gründe. Die enorme Stimmung in den Stadien treibt dich beispielsweise ständig nach vorne, die Fans verlangen einfach die Attacke. Als Chelsea und Arsenal in der Champions League gegeneinander spielten, waren vielleicht fünf Engländer auf dem Platz, aber es kam so trotzdem ein typisches englisches, ungeheuer schnelles und intensives Match dabei heraus. Jeder gewonnene Einwurf, jede Ecke wird hier fast so bejubelt wie ein Tor.
SZ: Warum ist das so?
TH: Weil traditionell nicht Ballbesitz, sondern Raumgewinn die oberste Priorität hat. Die meisten englischen Trainer fordern, dass man in der gegnerischen Hälfte spielt; das Grundbestreben ist, den Gegner zu dominieren, ihn weit vom eigenen Tor zu halten. In der Vergangenheit haben britische Mannschaften deswegen die Bälle hoch und weit nach vorne geschlagen. Aber die technische und taktische Qualität ist mittlerweile so gut, dass man die Vorgabe mit Kombinationen und sauberem Passspiel erfüllen kann.
SZ: Passives Spiel verstößt also gegen die englische Fußball-Leitkultur?
TH: Wenn sich Abstiegskandidaten am Strafraum verschanzen, nimmt man ihnen das nicht so übel. Aber nur, weil sie nicht anders können. Grundsätzlich ist vorsichtiger Fußball in der Tat verpönt – defensive Taktik heißt auf Englisch nicht umsonst „negative tactics“.
SZ: Wie viel Anteil hat die großzügige Regelauslegung der Schiedsrichter an der Attraktivität des englischen Fußballs?
TH: Einen sehr großen. Das Spiel kann nur schnell werden, weil es weniger unterbrochen wird. Und wo schnell gespielt wird, werden automatisch mehr Fehler gemacht, so kommt es zu mehr Torszenen. (…)
SZ: In Deutschland ist es immer noch etwas Besonderes, wenn ein Fußballer um die 20 in der ersten Elf spielt.
TH: Es ist einfach ganz normal, dass junge Menschen in England früher Verantwortung übernehmen. Die Studienzeit ist hier kürzer, mit 22 bist Du Rechtsanwalt oder bei der Bank. Und die Trainer haben auch den Mut, einen Jungen früher in die Elf zu werfen. Wer gut genug ist, ist hier auch alt genug: Man muss nicht erst den Dienstweg durch die Jugend- oder Reservemannschaften antreten, um eine Chance zu bekommen.

Internationaler Fußball

Götterdämmerung im Starsystem

„Die iberische Invasion in Englands Fussball“ (NZZ) – „Luigi Delneri will aus den Römern das machen, was der Deutsche vor ihm nicht geschafft hat: eine disziplinierte Truppe“ (SZ) / „Götterdämmerung im Starsystem des Calcio“ (NZZ) trifft del Piero, Vieri und Cassano – schwere Saison für Deportivo La Coruña? (NZZ) – Ruud Gullit will mit Feyenoord Rotterdam hoch hinaus (NZZ)

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Blick geweitet über den Ärmelkanal und über das Mittelmeer und die grossen Ozeane

„Die iberische Invasion in Englands Fussball“ beschreibt Martin Pütter (NZZ 5.10.): „Lange Jahre ist es her, dass höchstens ab und zu Spieler aus den skandinavischen Ländern von englischen Klubs verpflichtet wurden. Die Vereinsmanager engagierten sie vor allem deswegen, weil sie überzeugt waren, dass Norweger, Schweden und Dänen über eine ähnliche Spielauffassung wie die Engländer verfügten. Danach blickten die Klubs zunehmend anstatt quer über die Nordsee immer mehr über den Ärmelkanal und manchmal sogar über das Mittelmeer und die grossen Ozeane hinaus. (…) Spieler mit spanischer oder portugiesischer Muttersprache blieben lange eine Seltenheit, mit Ausnahme von Fussballern vom südamerikanischen Kontinent. Inzwischen hat sich das geändert. Ivan Campo, einst im Team von Real Madrid, ist nach zwei Jahren mit den Bolton Wanderers dienstältester Spanier in der Premier League. Nach seiner verunglückten Zeit mit Lazio Rom (und leihweise einer Saison in Barcelona) organisiert Valencias ehemaliger Spielmacher Mendieta seit einem Jahr bei Middlesbrough das Spiel. Reyes‘ Début bei Arsenal zu Beginn dieses Jahres verlief dagegen ruhig. Erst diese Saison ist er zu grosser Form aufgelaufen. Ohne Zweifel boten die beiden Manager Mourinho und Benitez einen Anreiz für die iberischen Spieler, nach England zu wechseln. Ein weiterer Grund sind die Löhne, welche die englischen Klubs zu zahlen bereit sind – nicht alle spanischen Vereine können da mithalten.“

Den Augiasstall durchlüften

3:3 gegen Inter, das Debüt des Völler-Nachfolgers geht nicht schief – Birgit Schönau (SZ 5.10.): „¸Ich bin Luigi Delneri.“ Und nicht etwa Gigi Del Neri, der Wundertrainer von Chievo Verona, nach drei Freundschaftsspielen geteert, gefedert und fristlos gekündigt beim FC Porto und nun Nachfolger des vorzeitig gescheiterten Rudi Völler. Delneri will aus den Römern das machen, was der Deutsche vor ihm nicht geschafft hat: eine disziplinierte Truppe. Den Augiasstall durchlüften also, mit frischem Wind aus dem Norden. Nebenberuflich ist der knarzige Übungsleiter der laxen Römer nämlich Kolumnist der Tageszeitung La Padania, Herausgeber Umberto Bossi. Das ist das Blatt, bei dem die Wetteraussichten für Rom immer unter „Ausland“ stehen, weil La Padania sich unermüdlich für ein unabhängiges Norditalien einsetzt. Delneri aber nicht, hat er in Rom schon versichert. Da kommt das ja auch nicht so gut, wenn man etwa als Fußballtrainer die Hauptstadtfrage aufwirft. (…) Francesco Totti hat sein 100. Erstliga-Tor erzielt, mit einem kraftvollen Freistoß, und ausführlich dafür bejubelt wurde, dass er „die ganze Elf auf seinen Schultern trug“, wie die südlich von Padanien angesiedelte Presse am Montag einhellig betonte. Totti wurde also 100, Cassano musste sich anhören „Geh’ arbeiten!“, Montella traf schon wieder, und der junge De Rossi mit seinen 21 Jahren präsentierte Roma che lavora, das arbeitende Rom. Fragt sich, wieso das mit Völler nicht geklappt hat.“

Götterdämmerung im Starsystem des Calcio

Schwere Zeiten für drei italienische Stars in Turin, Mailand und Rom – Peter Hartmann (NZZ 5.10.): „ Fabio Capello hat dem angeschlagenen Star Del Piero, der nur noch wie ein ungeschickter Del-Piero-Imitator auftrat und, seit ihn der grosse Platini als Versager hinstellte, der öffentlichen Vernichtung preisgegeben war, eine Auszeit von drei Wochen für den konditionellen Wiederaufbau verordnet. (…) Inter ist zwar noch ungeschlagen, hat aber schon zehn Tore kassiert und einen Punkt weniger auf dem Konto als vor einem Jahr. Nun ist alles neu, und Trainer Roberto Mancini hat eine kreative Revolution versprochen. Auf der Verpackung steht „Internazionale“, und in der Startformation stand neben zehn Ausländern ein einziger Italiener, der Torhüter Toldo. Auch deshalb, weil der Padrone seinen Lieblingstrainer Mancini, den zwölften innert neun Jahre, von einer Tonnenlast befreit hatte: Moratti bewertete Vieri, der das Tor nicht mehr traf, als „nicht präsentabel“. Götterdämmerung im Starsystem des Calcio. Vieri und Del Piero fehlen auch im Aufgebot des Commissario tecnico Marcello Lippi. (…) Gigi Del Neri ging mit dem gleichen Pragmatismus vor wie früher in Chievo. Er nahm den ermatteten Zauberkünstler Cassano eine halbe Stunde vor Schluss vom Platz. Cassano lieferte seine übliche Zugabe ab, die Protestnummer gegen den Trainer, aber mit ungeahnten Folgen: Das Publikum pfiff ihn erstmals gnadenlos aus.“

Georg Bucher (NZZ 5.10.) befasst sich mit der Lage bei Deportivo La Coruña: „Trotz Aprilwetter waren die Hotels und Pensionen der nordgalicischen Hafenstadt La Coruña im August zu 90 Prozent ausgelastet. Eine andere gute Nachricht verbreitete Deportivos Präsident Augusto César Lendoiro: 17 Prozent der Aktionäre hätten sich an der Kapitalerhöhung der Sociedad Anonima Deportiva beteiligt und innert zweier Monate Anteile im Wert von 2,4 Millionen Euro gezeichnet. Ziel sei es, den Betrag bis 2009 auf 60 Millionen Euro zu erhöhen. Dass Deportivo Geld benötigt, war in der Transferphase offensichtlich geworden. Im Gegensatz zu anderen Champions-League-Teilnehmern, die ihre Kader mit einer Reihe internationaler Topspieler erneuerten, ist – abgesehen von Naybets Abgang nach Tottenham – alles beim Alten geblieben. Der im sechsten Jahr engagierte Trainer Javier Irureta forderte zwei bis drei Zuzüge, doch die Direktion liess ihn abblitzen mit der Begründung, vergangene Saison habe die Mannschaft den dritten Platz im Campeonato, den Champions-League-Halbfinal und den Achtelfinal der Copa del Rey erreicht, sich also bewährt. Notfalls könne man im Winter an Transfers denken. Nach sechs Runden verzeichnet Deportivo fünf Punkte, die Heimbilanz ist verheerend: ein Remis, zwei Niederlagen, 3:9 Tore.“

Kreativer Fussball als nationaler Kulturschatz

Ruud Gullit hat in Rotterdam großes vor, meint Bertram Job (NZZ 5.10.): “Kaum ein TV-Spot hat in den Niederlanden zuletzt so viel Aufsehen erregt wie das witzige Werbe-Dramolett, das der Hauptsponsor des Renommierklubs mit dessen neuem Hoffnungsträger produzieren liess. Viel besser liessen sich die Gefühle, die mit seinem Auftritt in der Hafenstadt verbunden sind, kaum evozieren. Der allzeit lockere Ruud, der hier als 16-Jähriger in der Profimannschaft debütierte und danach mit Oranje und in der AC Milan Glanzpunkte setzte – dieser Weltstar ist im Sommer zurückgekehrt, um Hollands populärsten Grossverein als Trainer wieder ganz nach oben zu führen. Solide und gut organisiert hatte die Mannschaft auch während der vier Jahre unter Gullits Vorgänger Bert van Marwijk gespielt. Doch irgendwie fehlten, wenn es darauf ankam, die spielerischen Highlights. Es war langweilig geworden, sagen Beobachter, der Mannschaft zuzusehen – fast schon ein Todesurteil in dem kleinen Land, das kreativen Fussball als nationalen Kulturschatz reklamiert. Auch blieben, bis auf den überraschenden Triumph im Uefa-Cup 2002 gegen Borussia Dortmund, Meisterschalen und sonstige Pokale aus. Deshalb verpflichteten die Verantwortlichen schon im Winter, als er noch Coach des U-23-Teams Young Oranje war, den ehemaligen Weltklassestürmer. Der sieht in dem 32 000 Mitglieder starken Volksklub „einen schlafenden Riesen“, den er mit neuen Methoden wecken will. (…) Die in tristem Grau gehaltenen Spielerräume wurden auf sein Geheiss in den knalligeren Vereinsfarben Rot und Weiss gestrichen. Nicht nur deshalb äussern Gullits Profis beinahe unablässig ihre Zustimmung zu einem neuen Geist rund um „De Kuip“. Fans wie Experten registrieren Ansätze für ein kreativeres, überraschendes Kombinationsspiel.“

Ball und Buchstabe

Ein später, reifer Sommer voller milder Süße

Das Streiflicht (SZ 5.10.), heute etwas kryptisch – vielleicht verliebt… „In Fetzen kommt im Wachtraum die Erinnerung: Es muss das Jahr 2001 gewesen sein, wenn uns nicht alles trügt, ein später, reifer Sommer voller milder Süße. Da traf sich Claudia Roth für die Zeit mit dem Dortmunder Torhüter Jens Lehmann (engl.: Liemähn) zum trauten Zweigespräch. Sie mochten sich schnell, die zwei empfindsamen Seelen. Lehmann bekannte, wie sehr er die wohltuende Wirkung von Frauen brauche, gerade in schweren Zeiten. Frau Roth wiederum musste nicht lange suchen nach dem schönsten und spannendsten Fußballer der Liga – er war ihr schon sehr nahe. So rückten sie noch enger zusammen in Gedanken und Worten. Er bekannte ihr seine Schwächen. Sie lobte ihn dafür, dass er so viel Gefühl habe, ganz anders als sein großer Gegenspieler, der Torhüter des FC Bayern, einer, der kaum menschliche Schwächen zeige, ein zwar phantastischer, aber eben langweiliger Spieler. Oliver Kahn müssen damals die Ohren geklungen haben. Hat’s nicht gereicht, dass er sich einmal in die Wange eines Dortmunders verbiss? Was sollte er denn sonst noch tun, um Claudia wohl zu gefallen? Nur nicht nachlassen, sagte sich Kahn. Beutelte alsbald einen Leverkusener wie einen unfolgsamen Hund. Ließ nun den Bremer Stürmer Klose sehr direkt an seinen Torwart-Handschuhen riechen, weil der es gewagt hatte, sich ihm zu nähern. Den blassen, schwachen Klose. Für Claudia, vermutlich. Die aber wird es ihm nicht danken.“

Allgemein

Eine Art Champions League light

Heute ist Auslosung der Gruppenphase, und Daniel Theweleit (FR 5.10.) versucht, den Durchblick zu bewahren: „Eine merkwürdig schiefe Gruppenphase wohlgemerkt, ohne Rückspiele in Fünfergruppen und mit einem komplizierten Auslosungsverfahren. Heute werden die Gruppenzusammensetzungen festgelegt – mittels der Uefa-Clubrangliste hat man fünf Töpfe von sehr stark bis eher schwach gebildet, aus denen jeweils eine Mannschaft in jeder der acht Gruppe landet. Anschließend wird in einem schwer durchschaubaren Computerverfahren ermittelt, wer wann gegen wen zu Hause oder auswärts antritt. Der Computer wird hier Dinge wie klimatische Gegebenheiten und Stadionkapazitäten in seine Entscheidung mit einbeziehen. Dass die Aachener ihre Spiele in Köln austragen, erhöht also die Chancen, ein Heimspiel gegen Besiktas Istanbul zu erhalten, denn ein volles RheinEnergie-Stadion findet auch der Computer gut. Meldungen der vergangenen Woche, nach denen schon feststehe, welcher Topf wann und gegen wen auswärts antritt, seien falsch, heißt es bei der Uefa. Ein etwas verwirrendes Verfahren ist das, das sicher dazu beitrug, dass Fans und Medien einen bösartigen Eingriff der Funktionäre in einen lieb gewonnenen Wettbewerb vermuteten. Die Champions League wurde jedoch einst ebenfalls als elitäre aufgeblasene Geldveranstaltung verflucht und hat sich mittlerweile zum besten Wettbewerb entwickelt, den der Fußball in den vergangen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Ist die Hürde der Auslosung erst einmal genommen, dürfte auch der neue Uefa-Pokal zu einem gelungenen Fußballherbst beitragen. Eine Art Champions League light könnte das werden.“

Ascheplatz

Rätselhafter Zahlungsvorgang

Im Spiegel (4.10.) lesen wir (viele Zeitungen haben es gestern kurz gemeldet): „Wie klamm die Borussen in den vergangenen Wochen wirklich waren, illustriert ein rätselhafter Zahlungsvorgang von Anfang September. Da gingen auf dem Konto des BVB bei der Dresdner Bank in Dortmund zwei Millionen Euro ein, überwiesen unter der Transaktionsnummer 9257407004360142 von einem Konto 0002488400 bei der HypoVereinsbank in München. Auftraggeber: Dortmunds Rivale FC Bayern. Wenige Tage vor der Millionen-Zahlung war BVB-Manager Michael Meier zu einem Treffen mit Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nach München gereist. Hatte Meier in seiner Not den Konkurrenten um ein Darlehen angegangen? Schließlich ist beim BVB offenbar schon länger Phantasie gefragt, um flüssig zu bleiben. Als auf den Konten der Spieler der Sold für den Monat Juli reichlich verspätet, erst Mitte August, eingegangen war, begründete Meier dies mit dem Hinweis, man habe „die Zahlungsweise umgestellt“, und zwar bereits „im Januar“. Seltsam nur, dass keiner der Spieler davon etwas gewusst hat. Sollten diesmal die Bayern-Millionen dazu beigetragen haben, dass die Borussen-Profis ihre August-Gehälter rechtzeitig erhielten? Die Überweisung ging wenige Tage vor dem 15. September ein, dem Zahltag.“

Deutsche Elf

Viele haben die Faust in der Tasche

„Das Mißtrauen und die Verständnislosigkeit gegenüber den Methoden eines Bundestrainers ist gewachsen“ (FAS) – „Timo Hildebrand wird 2006 als Nummer eins im Tor stehen“ (Tsp)

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Hat sich Jürgen Klinsmann Feinde beim DFB gemacht? Michael Horeni (FAS 3.10.): “Das Mißtrauen und die Verständnislosigkeit gegenüber den Methoden eines Bundestrainers, der mit der Kampfparole „man muß den ganzen Laden auseinandernehmen“ sein Projekt antrat, ist gewachsen. „Viele haben die Faust in der Tasche“, sagt ein DFB-Funktionär noch deutlich vor der 100-Tage-Frist, die jedem Neuling eingeräumt wird. „Mal sehen, ob die Leute, die bei Klinsmann hinten runterfallen, liegen bleiben, wenn Niederlagen kommen.“ Aber schon jetzt, selbst nach dem sehr erfrischenden Auftritt gegen Brasilien, sind freundliche Töne für den Bundestrainer-Quereinsteiger im deutschen Fußball eine Seltenheit. Der Diskurs wird vielmehr von Kritik in vielfältigen Formen dominiert, während das Fußballvolk sich am sportlichen Aufschwung erfreut. Neben der folkloristischen Polemik im Ruhrpottstil a la Assauer und Neururer lancieren auch die gewöhnlich zugeknöpften Kreise immer regelmäßiger ihre Unzufriedenheit. Das WM-Organisationskomitee etwa runzelt auf Empfängen die Stirn, während die Führung des DFB schon etwas vernehmlicher wegen der Allmachtsvorstellungen des Bundestrainers über die Medien knurrt – die Klinsmann aber ausgerechnet vom Verband ausdrücklich schwarz auf weiß vertraglich zugestanden wurden. Die unabhängige und meinungsvariable Fußball-Institution Franz Beckenbauer goutiert zwar den schnelleren Fußball, aber keineswegs den konfrontativen Weg Klinsmanns, der in der Frage des WM-Quartiers sein sportpolitisches Symbol gefunden hat. (…) Zwanziger wagt aus dem Hause DFB derzeit die deutlichste Kritik an Klinsmann. Er beklagt auch, daß die Kommunikation mit dem Bundestrainer nicht die beste sei. „Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Klinsmann schwer zu erreichen ist. Er ist eben nicht jeden Tag hier“, sagt Zwanziger. Das ist, angesichts der Verweildauer des Bundestrainers auf deutschem Grund und seiner Umtriebigkeit, noch sehr freundlich formuliert.“

Timo Hildebrand wird als Nummer eins im Tor stehen

Die deutsche Torwartfrage – Armin Lehmanns Wort (Tsp 5.10.) in Gottes und Klinsmanns Ohr: „Jens Lehmann relativiert Kahns Verhalten immer durch sein eigenes. Lehmann findet bekanntlich, dass er noch viel besonderer ist als Kahn, und sagt das gerne und oft. Ein paar Tage vor dem Länderspiel in Iran hat er dem kicker erzählt, er sei fest davon überzeugt, „2006 bei der WM im Tor zu stehen“. Und Lehmann hat sich zudem darüber beklagt, dass er gegen den „Mythos Oliver Kahn“ ankämpfen müsse und keine Lobby habe. Das alles ist sehr traurig für Lehmann. Und man würde auch mehr Mitleid mit dem Torhüter des FC Arsenal aus London haben, wenn er nicht schon immer diese Nummer im Programm gehabt hätte. Gegen Iran spielt Lehmann ganz bestimmt, aber das stand schon vor seiner Kritik fest. Danach wird er, wie gewünscht, bis zur WM noch einige Male das deutsche Tor bewachen dürfen. 2006 schließlich wird Oliver Kahn aus Pflicht zur eigenen Denkmalpflege noch viel mehr Kloses an der Nase packen, Lehmann wird immer neue Forderungen auf einen Stammplatz aufstellen – und Timo Hildebrand wird als Nummer eins im Tor stehen.“

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