indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 17. September 2004

Internationaler Fußball

In Bälde wird man von einem verkannten Genie sprechen

Felix Bräm (NZZ 17.9.) bedauert den Rücktritt Marcelo Bielsas: „AFA-Präsident und Fifa-Vizepräsident Julio Grondona hatte Bielsas Vertrag trotz dem vorzeitigen Ausscheiden an der WM 2002 verlängert. Weitsichtig und auf Kontinuität setzend, auch wenn er das Heu mit dem scheidenden Nationaltrainer nicht immer auf der gleichen Bühne hatte. Der Grossteil der Fans hat aber Bielsa diesen Misserfolg nie verziehen. Schnell vergessen war der souveräne Sieg in Südamerikas WM-Qualifikationsgruppe. Der Nationalelf sollte fortan im eigenen Land ein heftiger Wind ins Gesicht blasen. Bielsa, „El Loco“ (der Verrückte), war als Sündenbock auserwählt. Diese Verantwortung hatte er übernommen, die Spieler gegen aussen in Schutz genommen und nun die Konsequenzen gezogen. Die Masse der Fans und der Journalisten kamen mit dem introvertierten Denker nie zu recht. In Bälde wird man aber von einem „verkannten Genie“ sprechen. Würde Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ im Fussballmilieu spielen, die Hauptrolle wäre mit Marcelo Bielsa perfekt besetzt.“

Ball und Buchstabe

Werner Hansch und das Infotainmentvirus

Die FAZ (17.9.) zieht SAT1 die Ohren lang: „Selbst Werner Hansch ist inzwischen vom allfälligen Infotainmentvirus befallen. Lieber quatscht er mit Oliver Bierhoff als einen Angriff der Leverkusener zu kommentieren. Das war schade für die bis zu sieben Millionen Zuschauer der Partie gegen Real Madrid. Richtig bitter war der Überblick danach: Erdrückt in Werbung, wurden die Spiele runtergebetet, falsche Vereinsembleme zu den Ergebnissen gezeigt. Uli Hoeneß erschien im Untertitel als Manager von „Bayer“ München. Dabei konnte der Unterschied zwischen „Bayern“ und „Bayer“ an diesem Abend nicht größer sein.“

Ascheplatz

„Borussia Dortmund steht im Abseits“

„Borussia Dortmund steht im Abseits“, meldet die FAZ (Wirtschaft 17.9.) mindestens 60 Millionen Euro Minus: „Der BVB hat über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt muß aufgeräumt werden. Die Abschreibungen auf Spielerwerte von rund 45 Millionen Euro zeigen das ganze Ausmaß des Mißmanagements. Es ist aller Ehren wert, daß die Vereinsführung nun eine Kehrtwende im Geschäftsgebaren verspricht. Doch eine Kapitalerhöhung vor der Bilanzveröffentlichung, noch dazu eine, die offenkundig nur dazu dient, gröbste Löcher in der Kasse zu stopfen, ist für den Glauben an eine langfristige Besserung nicht geeignet. Die Aktie, die einst 11 Euro wert war, wird für 2,50 Euro an institutionelle Anleger verscherbelt. Große Publikumsfonds zählen sicher nicht zu den Käufern. Die Kapitalmaßnahme verschafft dem hochverschuldeten Verein nur eine Atempause. Die Borussia fordert unverdrossen Beifall von der Tribüne, noch ehe das Spiel abgepfiffen ist.“

Donnerstag, 16. September 2004

Vermischtes

Sehnsucht nach Fußballkunst

17. September

„Die bezaubernde Schönheit Bayer Leverkusens“ (FR) / „Real Madrid kommt die ganze übrige Fußball-Welt wie Mainz vor“ (FAZ) – Anders Frisk erleidet Gewalt im dekadenten Fußball-Rom – „Bayern Münchens Sehnsucht nach Fußballkunst“ (SZ) u.v.m.

………..

Bayer Leverkusen-Real Madrid 3:0

Real kommt die ganze übrige Fußball-Welt wie Mainz vor

Wie kommt der klare Sieg zustande, Peter Heß (FAZ 17.9.)? “Das nackte Resultat drückt unzureichend aus, mit welcher Wucht und Konsequenz Bayer Leverkusen die „Galaktischen“ und „Königlichen“ genannten Stars von Real Madrid an die Wand spielten. Ein Wunder? Nein. Zuallererst bleibt festzuhalten: Das 3:0 wurde möglich, weil viele Leverkusener Spieler über ein exzellentes Format und über ein exquisites Talent verfügen. Zugegeben, daran herrschten lange Zeit Zweifel. (…) Leverkusen hat wieder eine Mannschaft beisammen wie 2001/02, als Ballack, Zé Roberto und Bastürk im Verbund mit Bernd Schneider die Fußballwelt spielend aus den Angeln hoben und bis ins Finale der Champions League gelangten. Wieso die Helden vom Mittwoch ihr Können in der Vergangenheit nicht oder nur zum Teil abrufen konnten, ist nicht mit schlechten Trainern oder falscher Taktik erklärt. Die Psyche entscheidet zuallererst im Fußball. Sie kann begnadete Talente so blockieren, daß sie von motivierten, braven Fleißarbeitern überflügelt werden. (…) Real gab ein erschütterndes Bild ab. Satt und blasiert bereitete es Bayer die Bühne für die Glanzvorstellung. Aber kann das wirklich überraschen? Was haben Zidane, Figo, Ronaldo, Beckham und Raúl sich und der Öffentlichkeit nach zehn Jahren Weltruhm noch zu beweisen? Bei Real spielen keine Galaktischen mehr, sondern Kicker für Galas. Die Künstler im weißen Ballett sind grau geworden und gelangweilt. Ihnen kommt die ganze übrige Fußball-Welt wie Mainz vor.“

Weltraumschrott

Bernd Müllender (taz 17.9.) hat Real Madrid nicht erkannt: „Auch musikalisch hatte alles gepasst. Als Real endlich nach vielen Chancen das erste Tor kassierte durch Krzynoweks 33-Meter-Kracher, spielten sie „Knockin on Heavens Door“ ein wie einen ironischen Gruß an die Galaktischen, die sich in diesen Sphären auskennen müssten. Zur Pause liefen ein paar Takte Star Wars und nach Francas 2:0 „Freude schöner Götterfunken“. Real im Delirium. Dann ging der Regie die beziehungsreiche Musik aus. „Raumpatrouille“ wäre noch was gewesen: die Königlichen als Weltraumschrott an den Rand der Unendlichkeit geschickt. Peter Schillings Ohrwurm hätte die Bayer-Darbietung gut beschrieben: „Völlig losgelöst“. Die entrückten Fans verabschiedeten Real zu „Go West“ mit donnerndem Chor „Was wollt ihr in der Champions League?“ Eine gute Frage. Unvergesslich war nicht nur die packende Fußballshow, sondern auch Minute 58: Da war Luiz Nazario Da Lima Ronaldo ausgewechselt worden. Der große, einst sausewindige Schrecken aller Abwehrreihen, ersetzt durch einen Senor Albert López Celádes. Als die Nr. 9 aufleuchtete zum Zeichen des Spielertauschs, war ein seltsamer Geräusch-Mix aus Staunen, Freude und Entgeisterung durchs Rund gegangen. Ronaldo als unbrauchbar abgestempelt – das war schon ein historischer Moment. Wann ist der Mann je nach weniger als einer Stunde aussortiert worden? Ronaldo hatte die Existenz von Gegenspielern als eine Art surreale Beleidigung aufgefasst. Mehrfach wollte er bockig genau da hin, wo schon einer stand, und prallte regelmäßig mit seinem etwas zu rundlichen Körper ab.“

Bezaubernde Schönheit

Erik Eggers (FR 17.9.) nennt die Leverkusener Erfolgsfaktoren: „Leverkusen hatte die schlechte Vorstellung der „Galaktischen“ erzwungen mit der beinharten Spielweise, die der englische Schiedsrichter Graham Poll zugelassen hatte. Dieser harte Stil bildete die Grundlage dafür, dass Leverkusen wie ein Sturm über Real hinwegfegte. „Sie haben uns einfach überrollt“, urteilte ein frustrierter Real-Coach Camacho, der Ronaldo und Figo direkt nach dem 0:3 auswechselte – um ein noch schlimmeres Debakel zu verhindern. Das Angriffsspiel Leverkusens erinnerte an die grandiose Saison 2001/02, in der die Mannschaft erst knapp im Endspiel an Madrid gescheitert war und Europas Fußballfans begeistert hatte. Das von Ponte angetriebene Kurzpass-Spiel im Mittelfeld war von bezaubernder Schönheit, der Hochgeschwindigkeits-Takt der Kombinationen raubte den spanischen Spielern im Wortsinn den Atem.“

AS Rom-Dynamo Kiew 0:1 Abbr.

Er soll sterben

Dekadentes Rom – der Schiedsrichter Anders Frisk erleidet Gewalt eines Zuschauers. Dirk Schümer (FAZ 17.9.) berichtet „ein skandalöses Fußballspiel, mit dem Rudi Völlers Mission, den AS Rom zu einem europäischen Spitzenklub zu machen, schon gescheitert sein dürfte (…) All die Hypotheken lasten über einer frisch angebrochenen Saison, die für Völler angesichts der sportlichen und ökonomischen Ungewißheiten sowieso ein Risiko bedeutete. Seine Sentimentalität für den alten Verein, in dem er als Spieler einst große Erfolge feierte, hat den Ehemann einer Römerin bereits die gewohnte Heiterkeit gekostet. Völler beklagte nach dem Spielabbruch nicht nur die Attacke auf den Unparteiischen, sondern auch die generelle Disziplinlosigkeit seiner Spieler. Jungstar Antonio Cassano hatte der Trainer nach verbalen Entgleisungen beim vormittäglichen Training bereits nach Hause geschickt. Andere – wie Kapitän Totti – seien körperlich nicht fit. Völler ging mit seinem neuen Arbeitgeber hart ins Gericht: „Hier in Rom habe ich Dinge vorgefunden, die nicht zu einer Profimannschaft gehören.“ (…) Mindestens ebenso schwer wie die Entgleisung eines einzelnen wiegt aber der Sittenverfall beim Kollektiv der römischen Fans. Als der Stadionsprecher Frisks Verletzung bekanntgab, brach auf den Tribünen ein Jubelsturm los, und die berüchtigte Kurve skandierte: „Er soll sterben.““

Wir exportieren beide eine siegreiche Idee in die Welt – Sie das Christentum, ich den AC Mailand

Birgit Schönau (SZ 17.9.) kritisiert die Entwicklung des italienischen Fußball: „Die neuen Hooligans kommen aus Italien, und sie stehen – der Vorfall in Rom beweist es – nicht nur in den Fankurven, sie besetzen eben nicht nur die billigen Plätze. Der Mann, der dem schwedischen Schiedsrichter Frisk einen metallenen Gegenstand mit so viel Wucht an den Kopf geworfen hat, dass der Referee blutüberströmt in die Kabine flüchten musste, saß auf der Ehrentribüne. 100 Euro kostet dort ein Platz – wenn man nicht eingeladen ist. Der italienische Fußball befindet sich schon lange im rechtsfreien Raum. Wer auf dem grünen Rasen absteigt, kann per Gerichtsbeschluss oder Notverordnung der Regierung trotzdem noch den Klassenerhalt schaffen; wer Pleite ist, muss deshalb noch lange nicht aus den Annalen verschwinden; wer schwarze Wetten organisiert, braucht nur einen guten Anwalt und wird milde Richter finden. Fußball ist für viele Italiener eine Ersatzreligion, getreu dem Credo ihres Ministerpräsidenten, der einst Papst Johannes Paul II. erklärte: „Wir exportieren beide eine siegreiche Idee in die Welt – Sie das Christentum, ich den AC Mailand.““

Peter Hartmann (NZZ 17.9.) fügt hinzu: „Völler wird es im surrealen römischen Treibhausklima schwer haben mit seinen Vorstellungen von deutscher Ordnung und Disziplin.“

Maccabi Tel Aviv-Bayern München 0:1

Wir hoffen, daß irgendwann der Knoten platzt

Bayern München spielt wie seit Jahren in der Champions League, redet aber jetzt anders. Michael Borgstede (FAZ 17.9.) sammelt Stimmen: „“Für die Bayern war mal wieder der Moment der Selbstkritik gekommen. Die deutlichsten Worte fand wie gewöhnlich Oliver Kahn. „In der ersten Halbzeit haben wir Angsthasen-Fußball gespielt. Wir haben überhaupt nichts zustande gebracht und die Bälle nur blind nach vorne gehauen oder quer gespielt.“ Felix Magath fand etwas freundlichere Worte, stimmte seinem Kapitän aber im Grunde zu. Wie soll die von ihm geforderte „Wende um 180 Grad“ bis zum nächsten Spiel gegen Borussia Dortmund eintreten? „Es werden allesamt schwere Wochen“ lautete Rummenigges Antwort. Dies sei „nicht der Fußball, mit dem wir auf lange Sicht Erfolg haben werden“. So gab man sich bei den Bayern etwas gezwungen hoffnungsvoll. „Wir hoffen, daß irgendwann der Knoten platzt“, sagte Uli Hoeneß. Auf dem Platz ließ der Auftritt der Bayern zu wünschen übrig, mit ihren freundlich-unpolitischen Interviews jedoch redeten sie sich in die Herzen der Israelis. Magath bedankte sich für die Gastfreundschaft und sagte, er werde „jederzeit mit Freunden zurückkommen“. „Wir hatten zwei tolle Tage in Israel“, sagte er. Rummenigge soll vom lokalen Essen geschwärmt haben und die Internetseite der Zeitung „Maariv“ verkündete ungläubig, daß deutsche Zeitungen einigen israelischen Spielern bessere Noten gegeben hätten als den Bayern-Akteuren. „Verloren – aber ehrenvoll“, lautete dann auch die Schlagzeile des Artikels. Es ist zweifelhaft, ob man sich in Tel Aviv über die Niederlage mehr ärgerte als in München über den mühsam errungenen Sieg.“

Sehnsucht nach Fußballkunst

Klaus Hoeltzenbein (SZ 17.9.) ergänzt: „Alles könnte in Ordnung sein – beim alten FC Bayern. Der neue aber will mehr, er will nicht ein 1:0 in Tel Aviv an ein 1:0 gegen Bielefeld addieren, er sehnt sich nach einer Fußballkunst, von der die Menschen zwischen den grünen Hügeln Irlands und den Reisfeldern Asiens anders sprechen sollen als Rummenigge in seinen Mitternachts-Spitzen: Probleme habe das Personal, das „Selbstvertrauen zu finden, das man braucht, um diesen Fußball zu spielen, den die Mannschaft eigentlich qualitativ drin hat“. (…) Wie in der Vorsaison wirken die Münchner, als hingen sie an Roy Makaays Tropf, würden gespeist von den Toren eines Einzigen, der nach einem langen Fußball-Sommer ermattet wirkt. Folglich war die Rede Rummenigges im Kern ein Flehen an einen Schwerkranken, sich in Bälde zu Glanz und Größe zu erheben: „Ich möchte Euch bitten, und wünsche Euch auch viel Glück dabei, dass ihr in den nächsten Spielen die Kräfte bündelt.“ Hey, du ewiger Patient, wirf“ deine Krücken weg und laufe! Wunder aber sind knapp geworden in der Gegend um Tel Aviv, die letzten liegen zwei Jahrtausende zurück. Was im Stadion geboten wurde, war schwere Plackerei.“

Schwarz kann als Farbe missverstanden werden

Raphael Honigstein (FR 17.9.) fügt hinzu: „Sein Bild von Tel Aviv sei „völlig revidiert“ worden, sagte Rummenigge im „Grand Ballroom“ des Hilton Hotels, und erinnerte daran, dass der Club auch eine „sportpolitische Verpflichtung“ in Israel wahrgenommen habe: „Ich denke, dass sich hier jeder gut verkauft hat.“ Das von ihm gelobte „Fingerspitzengefühl“ beim Umgang mit den Gastgebern hatte sich noch kurz vor Anpfiff in der Kabine bemerkbar gemacht. Die Bayern spielten anstatt in den neuen, schwarzen Champions-League-Trikots doch in Rot-Weiß. „Schwarz kann als Farbe missverstanden werden“, erklärte Rummenigge einem israelischen Reporter, „wir wollten lieber auf Nummer Sicher gehen.“ Sehr zum Leidwesen der 50 mitgereisten Bayern-Fans schien die Mannschaft diese sympathische Idee etwas zu wörtlich verstanden zu haben. Anders ist es kaum zu erklären, mit welcher Lust- und Ideenlosigkeit die Kugel durchs Mittelfeld gekullert wurde, während sich die Israelis über das gemächliche Tempo in der Königsklasse wunderten. Der nicht gerade für seine Unfehlbarkeit auf der Linie bekannte Maccabi-Torwart Liran Strauber bekam gerade mal einen einsamen Schuss vor die Fäuste, und die von Trainer Felix Magath konzipierte Taktik mit drei Angreifern mutete mitunter wie ein im internationalen Fußball nur selten praktiziertes 4-6-0-System an.“

Internationaler Fußball

Letzte Reise auf Erden

Der argentinische Nationaltrainer Marcelo Bielsa tritt zurück – „Terek Grosnyj ist ein politisches Projekt im russischen Fußball“ (FAZ) – Diego Maradona pocht auf die „Diese Reise, die auf Erden womöglich seine letzte ist“ (SZ)

………………..

Ich ziehe das Scheitern der Lüge vor

Javier Cáceres (SZ 16.9.) schildert den Rücktritt des argentinischen Nationaltrainers Bielsa: „Kaum eine Episode dürfte den Charakter von Marcelo Bielsa prägnanter umschreiben als jene von seiner Demission als Coach von Espanyol Barcelona. Der Vereinsvorstand bot ihm damals an, die Trennung als „einvernehmlich“ zu verbrämen, doch Bielsa lehnte ab: „Ich bin entlassen worden. Ich ziehe das Scheitern der Lüge vor.“ Am Dienstag gab Bielsa, 49, in Buenos Aires seinen Rücktritt als Trainer Argentiniens bekannt: Ziemlich genau sechs Jahre nach seinem Amtsantritt, 17 Tage nach dem Gewinn der Olympischen Goldmedaille in Athen (dem größten Erfolg Argentiniens seit dem Sieg bei der WM 1986), vor allem aber: knapp zwei Jahre vor Beginn der WM 2006. In Deutschland wollte Bielsa die nie vergessene, wohl auch nie verwundene Enttäuschung der WM 2002 verarbeiten; damals schied Argentinien in der ersten Runde aus, auch unter der Last der Erwartungen eines Landes, das verschuldet, gedemütigt, mit offenen Adern darniederlag. Eigentlich. „Mir fehlt die Energie, weiterzumachen“, sagte Bielsa, den sie el Loco nennen, den Verrückten. „Der Rücktritt entspricht seiner Logik“, sagte Rafael Bielsa, Argentiniens Außenminister, Marcelos Bruder und Vertrauter, als er gefragt wurde, ob er ebenso überrascht sei wie der Rest der geschockten Nation. So überrascht wie etwa César Luis Menotti, der Weltmeistertrainer von 1978, der „tiefe Traurigkeit“ kundtat und ebenso tiefe Verwunderung: „Wo er doch gerade den Fußball gefunden hatte, der ihn und die Menschen zusammenführt.““

„Terek Grosnyj ist ein politisches Projekt im russischen Fußball“, schreibt Markus Wehner (FAZ 16.9.): „Achmed Kadyrow, der Präsident Tschetscheniens, war bei einem Terroranschlag getötet worden, im Stadion in Grosnyj, wo eine Bombe unter seinem Sitz explodierte. Sein 28 Jahre alter Sohn, der neue Vereinspräsident von Terek und stellvertretender Regierungschef in Tschetschenien, ist auch Anführer einer anderen Mannschaft, einer schlagkräftigen Truppe von 5000 Kämpfern, den „Kadyrowzy“. Die mag man in Tschetschenien nicht. Doch wenn Terek gewinnt, freuen sich die Tschetschenen. In Grosnyj wurde der Sieg eine Stunde lang mit Salutschüssen gefeiert. (…) Auf mehr als vierzig Jahre Vereinsgeschichte kann Terek Grosnyj zurückblicken. 1958 wurde der Verein gegründet. Da waren die Tschetschenen nach dreizehn Jahren Verbannung in Kasachstan gerade in ihre Heimat zurückgekehrt. Der Klub erreichte nie große Erfolge, stieg auf und ab, aber war, wie überhaupt der Fußball in Tschetschenien, dennoch populär. Einst spielte sogar der meistgesuchte Terrorist Schamil Bassajew, der auch das Blutbad in Beslan verantwortet haben soll, im Sturm von Terek.“

Das müsste doch soziokulturell ganz gut passen

Uefa-Cup – René Martens (FTD 13.9.) hat für Schalke spioniert: „Wer jemals die Spielstätte der Metalurgs gesehen hat, wird sich fragen, wie das lettische Team mit der Lautstärke in der Arena auf Schalke klar kommen wird, denn das Stadion Daugava ist diesbezüglich das radikalste Gegenmodell zur Gelsenkirchener Megahütte unter den Spielstätten der diesjährigen Uefa-Cup-Teilnehmer. Das Stadion ist nur durch eine Baumreihe vom Ostseestrand getrennt, was ambientemäßig natürlich ein Pluspunkt ist. Andererseits erschweren nicht nur die Meeresbrise, sondern auch die Bauweise das Entstehen einer annähernd fußballwürdigen Geräuschkulisse: Kurven gibt es nicht, und das Stadion ist an keiner Stelle überdacht. Ob es die sportliche Qualität oder die Architektur sind, die die Fans abhalten? Jedenfalls waren einmal nur knapp über 1 000 Zuschauer im Stadion und bei der anderen Partie sogar noch weniger. Der Fanblock wirkte kleiner als der beim VfR Neumünster und zudem sehr schüchtern. War mir aber egal, denn wenn man in den Sommerferien gelegentlich Entzugserscheinungen verspürt, ist man in Lettland immer richtig: Dort wird von April bis November gespielt. Falls es Schalker Fans gibt, die trotz der derzeitigen Malaise noch einen Trip nach Liepaja buchen möchten: Am besten mit der Fähre ab Rostock fahren, damit sind viele Lkw-Fahrer unterwegs, die den ganzen Tag Bier trinken, und das müsste doch soziokulturell ganz gut passen.“

Diese Reise, die auf Erden womöglich seine letzte ist

Peter Burghardt (SZ 16.9.) erzählt die Leiden Diego Maradonas: „Ach, Kuba. Diego Armando Maradona wäre schon wieder im Land seiner Träume, hätte er sich daheim in Buenos Aires jetzt nicht auch noch bis spät in die Nacht mit dem Spielzeug vergnügt, das ihm immer noch am meisten Freude macht. Am Freitag spielte der traurige Kindskopf trotz Übergewichts und Herzbeschwerden Fußball – bis 2 Uhr 30 am Morgen, bei fünf Grad im argentinischen Spätwinter auf dem Anwesen des Vizepräsidenten seines Lieblingsklubs Boca Juniors. Man mag sich vorstellen, wie der Weltmeister dick, verschwitzt und zumindest in diesem Moment auch ein bisschen glücklich über den Rasen lief und den Rest seines Genies vorführte. Zwei Tage später landete Maradona erneut im Krankenhaus, diesmal mit Lungenentzündung, 39 Fieber und Puls 160. Er sei unter Kontrolle, kein Grund zur Aufregung, beruhigte der Kardiologe. Doch so verschob sich fürs erste diese Reise, die auf Erden womöglich seine letzte ist. (…) Zweimal wurde der Gewohnheitskokser seither auf die Intensivstation gebracht, nachdem er eine Überdosis erwischt hatte. Zweimal stand zu befürchten, er würde es nicht überleben, sieben Tage lag er im Koma und wurde künstlich beatmet. Sein Herz ist schwer geschädigt, auf Fotos sieht er aufgeschwemmt und abgekämpft aus. Bei nächster Gelegenheit traf sich der Patient trotzdem wieder zu Gelagen, spielte Fußball und Golf oder trat im Fernsehen auf. Die Ärzte schlossen daraus, seine Urteilskraft sei eingeschränkt, er erkenne seine Krankheit nicht an, müsse also dringend unter Aufsicht gestellt werden. Zwischenzeitlich wurde er vom Richter in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. „Alle sind verrückt“, berichtete Maradona von dort, „es gibt einen, der sagt, er sei Napoleon, und niemand glaubt ihm. Ein anderer sagt, er ist Gardel (die Tangolegende), und niemand glaubt ihm. Ich sage, ich bin Maradona, und sie glauben mir nicht.““

Champions League

Kein sportliches Relaunching der Königlichen

Bayer Leverkusen-Real Madrid 3:0

Vom Sieger angetan, vom Verlierer enttäuscht ist Martin Hägele (NZZ 16.9.): „Eine halbe Stunde war gespielt, da baute sich Jose Antonio Camacho an der Aussenlinie auf; beide Arme hatte er ausgebreitet, und er bewegte sie in grossen Kreisen nach vorne – so als wolle er seiner Mannschaft Luft zufächeln. Luft oder Mut? Denn was 25 000 Zuschauer bis dahin erlebt hatten, war weder das sportliche Relaunching der „Königlichen“ nach dem katastrophalen Finale der vergangenen Saison noch das neu disziplinierte Real, das die Verteidigerlegende versprochen hatte, als sie zum zweiten Mal als Coach in ihrem Stammklub angeheuert wurde. Auch das teuerste Ball-Ensemble der Welt braucht ein Konzept, Tempo und das nötige Feuer, wenn es die Fans mit seinem Spiel faszinieren will – und von all diesen Eigenschaften besass die finanziell abgespeckte Bayer-Auswahl weitaus mehr als die Elf mit den grossen Namen. Vielleicht sollte man die Fussball-Abteilung des Weltkonzerns nun in Brasilien Leverkusen umtaufen, so schnell und phantasievoll gingen diese Leute mit dem Ball um.“

morgen mehr über dieses Spiel und den Bayern-Sieg in Tel Aviv

Inter Mailand-Werder Bremen 2:0

Sven Bremer (FTD 16.9.) erkennt die Überlegenheit des Siegers an: „Die Ausbeute von Werders Spielerfrauen war weitaus höher ausgefallen als die ihrer Männer. Während die Werder-Profis mit leeren Händen zurückkehrten, hatten ihre Lebensgefährtinnen die eine oder andere Plastiktüte nicht ganz unbekannter Modemacher im Gepäck. In Sachen Mode ist Mailand eine der Top-Adressen in Europa, in Sachen Fußball will das Inter-Starensemble es auch wieder sein. Möglich, dass Inter es bald wieder ist. Der Werder Bremen scheint davon noch etwas entfernt zu sein. (…) Darf es beim Deutschen Meister nicht etwas mehr sein? Inter Mailand ist trotz seiner großen Namen – Adriano, Edgar Davids, Christian Vieri – keine Übermannschaft, die Italiener sind nach nur einem Spiel in der Serie A noch nicht im Rhythmus. Und dennoch war es offensichtlich, dass die Bremer in den entscheidenden Situationen das Tempo der Italiener nicht mitgehen konnten. Dass Mailands schnelle Kombinationen und die Ballstafetten mit dem finalen Steilpass in die Spitze die wackeren Bremer überforderten. Genau dieser Kritik war zuletzt auch die deutsche Nationalmannschaft ausgesetzt. Und genau wie das DFB-Team musste auch Werder erkennen, dass individuelle Fehler auf höchster internationaler Ebene noch schneller bestraft werden als in der Bundesliga.“

Leidenschaft und Lust, Hingabe und Herzblut, Willenskraft und Engagement

Oder lag’s am Schiedsrichter, Hans Trens (FAZ 16.9.)? „Mit einem Blick über die Schulter verfolgte Thomas Schaaf den Abgang des Mannes, der aus seiner Sicht zum unerwünschten Hauptdarsteller dieses Dramas in der Fußball-Oper von Mailand avanciert war. „Da ist er gerade vorbeigehuscht“, sagte der Bremer Trainer und schaute auf Lubos Michel, den international renommierten Schiedsrichter aus der Slowakei. Worte, aus denen sowohl Ironie als auch Empörung herausklangen über den 23. Mann. Ihm galten die Klagen der Norddeutschen nach dem vom Resultat her mißratenen Start in die Champions League. 0:2 bei Inter Mailand, das hätte nicht sein müssen. Der Slowake war alles andere als ein „deutscher Michel“ an diesem regennassen Abend im Giuseppe-Meazza-Stadion und erst recht kein Freund Werders. (…) „Wir haben uns gut präsentiert“, hob Klaus Allofs hervor, nach der Niederlage bei Borussia Mönchengladbach noch ein heftiger Kritiker der neuen Bremer Lässigkeit. Diesmal aber, so Allofs, hätten die Gescholtenen die eingeforderten Tugenden eindrucksvoll bewiesen. Leidenschaft und Lust, Hingabe und Herzblut, Willenskraft und Engagement – Qualitäten, die das Werder-Kollektiv im bisher „besten Saisonspiel“, wie Allofs und Schaaf unisono sagten, zurückeroberte.“

Bundesliga

Immer tiefer in die wirtschaftliche Todesspirale

Rudi Assauer entlässt Jupp Heynckes, und Martin Hägele (NZZ 16.9.) haut auf den Tisch: „Vielleicht muss man von Glück reden, dass Assauer im letzten Jahr nicht Felix Magath bekommen hat, der damals vor Heynckes erste Wahl gewesen war. Unter Magath hätte es noch früher geknallt zwischen den schwererziehbaren und divenhaften Charakteren, die sich AufSchalke versammelt haben, um mit grossen Sprüchen und Starallüren endlich mal wieder Deutscher Meister zu werden. Um diesen Typen endlich einmal die nötige Berufsauffassung und Disziplin zu vermitteln, war Heynckes verpflichtet worden. Nun ist er an einem Auftrag gescheitert, der Assauer vorbehalten war. Als schwächstes Glied in dieser Gesellschaft erging es Heynckes ähnlich wie zahlreichen Pädagogen in diesem Land, die sich von dreisten und arroganten Eltern vorwerfen lassen müssen, sie brächten ihren Kindern nichts Gescheites und erst recht kein Benehmen bei. Für die Kinderstube und die Betriebsatmosphäre im Gelsenkirchener Traditionsverein ist „Mister Schalke“ zuständig. Er hat ein Personal zusammengekauft, unter dem nie eine vernünftige Hierarchie entstand – mit keinem seiner Chefs kam dieser verlotterte Haufen von Legionären klar. Erfolg im Fussball, das lehrt das Beispiel von Schalke aufs Neue, kann man sich nicht kaufen (…) Das Schlimme an der Schalker Misere ist die Tatsache, dass diese Politik mit teuer eingekauften Professionals den Klub immer tiefer in seine wirtschaftliche Todesspirale hineinzieht. Bis zum grossen Crash – denn Schalke 04 ist mit über 100 Millionen Euro verschuldet. Bis zum nächsten Krach also, vielleicht erwischt’s dann Assauer – den Vater des königsblauen Grössenwahns.“

Christoph Biermann (SZ 16.9.) fügt hinzu: „„Big Boss“ heißt die Fernsehsendung mit Reiner Calmund, und demnächst wird er allein dort entscheiden, welcher Kandidat als nächster aus seiner Show fliegt. Big Boss ist Rudi Assauer beim FC Schalke 04, er braucht keine Fernsehsendung. Denn der Manager weiß auch so, wer als nächster fliegt: der Trainer. Zwar hält es Assauer angeblich für eine persönliche Niederlage, einen Coach rauszuwerfen, aber Jupp Heynckes“ Abschied bedeutet den vierten Trainerwechsel auf Schalke in den vergangenen zwei Jahren. (…) Dass die seltsame Glücklosigkeit bei der Besetzung des Schalker Trainerjobs wieder eine Fortsetzung gefunden hat, ist kein Zufall. Sie passt zur Personalpolitik der vergangenen Jahre, in denen Schalke 04 Millionen und Abermillionen für Spieler ausgegeben hat, deren Qualität die Mannschaft nicht weitergebracht hat. Zugleich wurde deren Potenzial notorisch überschätzt, die Arbeit der Trainer an diesen Erwartungen gemessen – bis dann die Stunde des Big Boss kam. Aber vielleicht findet sich demnächst auch für Rudi Assauer mal ein schönes Fernsehformat, wo er Leute rauswerfen kann, ohne gleich einen ganzen Fußballklub durcheinander zu bringen.“

Heynckes, ein Fußballehrer der alten Schule, konnte Lehrinhalte nicht zeitgemäß vermitteln

Roland Zorn (FAZ 16.9.) hingegen kann die Trennungsgründe nachempfinden: „Nach der Scheidung „auf“ Schalke können alle Beteiligten aufatmen: die Spieler, weil sie ihren Trainer schon lange nicht mehr verstanden; Jupp Heynckes, weil er zu diesem ganz besonders volkstümlichen Klub von vornherein nicht paßte. Was Manager Rudi Assauer im Juni 2003 schmiedete, erwies sich als Mesalliance. Dies beiderseits anzuerkennen fiel nach einem Jahr ohne Aufschwung und Aufbruchstimmung nicht mehr allzuschwer. Heynckes, ein Fußballehrer der alten Schule, konnte seine Lehrinhalte nicht mehr zeitgemäß vermitteln; die Spieler respektierten die fachliche Autorität ihres Trainers nur in Maßen, weil Heynckes nichts an sich hat, was junge Leute auch mal begeistern könnte. Der Mönchengladbacher gehört zu jenen Fußballfuhrmännern, die ein bißchen zu oft den Blick zurück auf die vermeintlich heile Welt von gestern oder vorgestern richten. (…) Die Scheidung „auf“ Schalke war die richtige Konsequenz zwischen Partnern, die sich nicht mehr viel zu sagen hatten. Für Heynckes könnte Schalke der letzte Anlauf gewesen sein, sich noch einmal in der Bundesliga heimisch zu fühlen. Die Zeiten haben sich geändert, Heynckes aber nicht. Die Show geht weiter, der Pädagoge zieht sich resigniert zurück. Neue Schüler zu finden, die lernwillig zuhören, wird für Jupp Heynckes in Zukunft nicht leichter.“

Richard Leipold (FAZ 16.9.) konkretisiert: “Wie es heißt, haben verschiedene Spieler in letzter Zeit des öfteren Kritik an Art und Arbeit des Trainers geübt. Manche Profis hätten „auf gewisse Veränderungen gehofft“, sagt Teammanager Andreas Müller. Heynckes steht in dem Ruf, zuviel über seine Vergangenheit bei großen Vereinen wie Real Madrid oder Bayern München zu reden, bestimmte, vor allem ihm ergebene junge Profis zu bevorzugen und die Aufstellung häufig zu ändern.“

Mittwoch, 15. September 2004

Allgemein

Ein Veteran

Peter Burghardt (SZ 15.9.) befasst sich mit der Schaffenskrise Rauls: „Zehn Jahre lang war vornehmlich in Superlativen von ihm gesprochen worden. Sein Debüt für Real gab das Wunderkind am 29. Oktober 1994, damals erst 17 Jahre alt, sein Entdecker war Jorge Valdano, der als Manager gerade entlassen worden ist. Inzwischen sind es 356 Partien mit 166 Toren in der Liga geworden. Raul, geboren 1977 in Madrid, hat viermal die spanischen Meisterschaft gewonnen, dreimal die Champions League, zweimal den Weltpokal, war zweimal Torschützenkönig in Spanien und der Champions League. Er wurde mit 26 Anführer der berühmtesten Vereinself der Welt und Spaniens Nationalmannschaft, für die er 76 mal auflief und 39 mal traf, Landesrekord. Er war nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile allerdings gibt es Leute, die sich beide Teams gut ohne ihn vorstellen können. (…) Dahinter steckt eine Schaffenskrise, die nun schon seit Monaten anhält und sich zur vorgezogenen Midlife Crisis auszuwachsen droht. Immer wieder war der zuvor so zuverlässige Angreifer verletzt oder indisponiert. In der vergangenen Saison gelangen ihm in der Liga bloß elf Tore. Die Europameisterschaft misslang Spanien auch deshalb, weil Raul seine Formkrise mit nach Portugal brachte. Die Trainer nehmen ihn in Schutz, das ist nur fair und vernünftig. Raul wirkt nach der jahrelangen Dauerbelastung wie ein Veteran, dabei ist er im besten Fußballeralter. Sein Körper ist verbraucht aus zu vielen Spielen in zu kurzer Zeit. Er erhielt zu früh einen Rentenvertrag bis 2010, seine Ablöse ist mit 180 Millionen Euro festgesetzt, damit ihn niemand wegkauft. Man hatte sich zu sehr daran gewöhnt, dass er im Zweifel die entscheidende Idee hat, Raul, der Instinktfußballer.“

Interview

Jens Lehmann will austeilen

Karl-Heinz Rummenigge (SZ): „Für Felix Magath ist die Tatsache, dass jede Aussage hier dreimal chemisch gereinigt werden muss, eine neue Erfahrung“ – Jens Lehmann will „austeilen“ (Spiegel)

………………..

Für Magath ist die Tatsache, dass jede Aussage hier dreimal chemisch gereinigt werden muss, eine neue Erfahrung

Klaus Hoeltzenbein & Andreas Burkert (SZ 15.9.) fragen Karl-Heinz Rummenigge nach der Aufgabe Felix Magaths und neuen Entwicklungen in Europa
SZ: Sind Sie Zeuge eines Machtkampfes zwischen Trainer und Profis?
KHR: Nein, aber als letztens eine Sportzeitschrift den „FC Haargel“ aufgebracht hat, da gab es sicher ein Aufbegehren. Die Spieler haben nicht geschätzt, was da öffentlich thematisiert wurde. Nach der Klärung habe ich den Eindruck, dass die Parteien ein gutes Miteinander haben. Der Felix ist doch nicht der Feind der Spieler. Und er wird ein großer Freund der Mannschaft werden, wenn einmal alle Mechanismen greifen.
SZ: Felix Magath hat zugegeben, er habe die Münchner Verhältnisse unterschätzt. Hat ihn niemand gewarnt?
KHR: Für ihn ist neu, dass er bei dieser Haargel-Geschichte dachte, ein Hintergrundgespräch zu führen, und dass das Thema trotzdem nicht unter der Decke blieb. In Stuttgart, beim VfB, da war das wohl möglich. Für ihn ist die Tatsache, dass jede Aussage hier dreimal chemisch gereinigt werden muss, eine neue Erfahrung.
SZ: Magath will den Auftritt des FC Bayern revolutionär verändern. Der traditionell reservierte Stil soll sich ändern in ein selbstbewusstes, aktives . . .
KHR: . . . Pro-aktiv, wenn ich einmal Jürgen Klinsmann zitieren darf. Felix möchte, dass das Spiel von uns schneller gestaltet wird. Natürlich waren wir bekannt dafür, dass wir einen arroganten Ergebnisfußball spielen. Das ändert man nicht von heute auf morgen. Ein Wunschtraum wäre es jedoch, gewinnen zu wollen, und zwar in einer Art wie Real Madrid in den 50er und 60er Jahren.
SZ: Auffällig ist, dass die Bayern mit ihrer Personalpolitik nicht allein sind. Viele Klubs bevorzugen den Trainertyp „harter Hund“: Real holte Camacho, Juventus Capello, und Chelsea Mourinho.
KHR: Sicher ist das eine Reaktion darauf, dass wir es heute mit einer völlig neuen Generation von Spielern zu tun haben. Deswegen müssen die Klubs Disziplin einfordern. Wenn ich sehe, was sich manche Spieler leisten – da stellt sich bei mir der Kamm auf. Die spielen, dann setzen die sich in den Learjet, fliegen nach London oder Paris, und abends wird Party gemacht. Deswegen holen Spitzenklubs, die Spitzengehälter zahlen, die Capellos und Camachos.
SZ: Und Sie Felix Magath.
KHR: Natürlich war es ein Kriterium, dass er das Thema Disziplin ganz oben auf seiner Agenda hat. Ich möchte eines nicht, nämlich bei Ottmar Hitzfeld nachtreten, denn wir hatten eine sehr erfolgreiche Zeit. Aber: Die Disziplin war bei uns nicht mehr so vorhanden, wie man das im Profifußball braucht. Es gab da mehrere Anekdoten, die uns zum Handeln gezwungen haben. (…) Chelsea ist, dank Abramowitsch, sehr stark besetzt und erfahren.
SZ: Dank eines russischen Öl-Oligarchen also, der Titel zu kaufen versucht.
KHR: Ich sehe diese Figur als sehr gefährlich an. Vor zwei Jahren hatte sich der Transfermarkt total beruhigt, dann kam Abramowitsch und brachte ihn mit fußballfremdem Geld wieder in Schwung – denn wenn er einen kauft, kauft auch der, der verkauft hat. Ich bin gespannt, wie lange Abramowitsch Spaß am Spielzeug FC Chelsea hat.
SZ: Die ganz Großen haben trotz rezessiver Tendenzen spektakulär eingekauft.
KHR: Ja, erstaunlich war, dass die Spitzentransfers immer noch recht teuer waren. In Italien liegt das im System, da entsteht durch die Fans ein enormer Transferdruck – hat Milan einen verpflichtet, will Inter einen holen, und dann muss Juventus nachziehen. Manchester United hatte mit Wayne Rooney ein ähnliches Problem: Sie mussten zeigen, dass sie mit Chelsea und Arsenal mithalten können. Ich weiß, dass mein Kollege bei Manchester mit dem Einkauf von Wayne Rooney für rund 37,5 Millionen Euro überhaupt nicht glücklich war.

Austeilen

Jörg Kramer (Spiegel 13.9.) interviewt Jens Lehmann
Spiegel: Trainieren englische Clubs besser?
JL: Ich kann nur für meine Mannschaft sprechen. Wir bei Arsenal London spielen wohl derzeit europaweit mit den schnellsten Fußball. Die technischen Fähigkeiten unserer Spieler sind extrem hoch, allerdings auch deswegen, weil sie ständig trainiert werden. Es gibt schon große Unterschiede zur Bundesliga in der Saisonvorbereitung.
Spiegel: Welche meinen Sie?
JL: Die Bundesligaspieler laufen da viel und lange. Ich glaube, dass das in der Folge auf Kosten des Spieltempos geht. In Deutschland wird auch den Laktattests so viel Wert beigemessen. Solche Ausdauertests gibt es in England und Italien gar nicht. Da werden eher Kraft und Sprungkraft gemessen.
Spiegel: Wie sehr steigen mit dem höheren Spieltempo der Premier League die Anforderungen an den Torwart?
JL: Am Anfang war es eine große Umstellung. Als ich da noch dachte, unsere Mannschaft beginne mit dem eroberten Ball jetzt mal langsam ihren Angriffszug, da kam schon fünf Sekunden später der Angriff des Gegners angerollt. Aber viel härter sind die Strafraumsituationen. Da springen einem die gegnerischen Stürmer gegen das Schienbein, treten und hauen einen bei der Flanke ins Tor. Meistens wird das vom Schiedsrichter nicht geahndet. Da muss man sich halt wappnen.
Spiegel: Und zwar wie?
JL: Austeilen. Wenn man sieht, dass einer kommt, muss man vorher austeilen. (…)
Spiegel: Sepp Maier, der wiederholt öffentlich kundtat, dass er Kahn für den Besseren hält, trainiert weiterhin die Torhüter. Ist das eine glückliche Konstellation?
JL: Inzwischen rege ich mich nicht mehr darüber auf. Es bringt ja nichts. Ich lebe halt damit. Er ist der Torwart-Trainer bei Bayern München und bei der Nationalmannschaft. Das sagt doch schon alles.
Spiegel: Sie meinen, dass er automatisch den Bayern-Keeper bevorzuge?
JL: Ja, logisch. Das ist doch offensichtlich. Aber davon abgesehen verstehe ich mich mit dem Sepp, weil er ein netter Mensch sein kann.
Spiegel: Werden Sie sich nun, da das Torwart-Rennen wieder eröffnet ist, taktisch geschickter verhalten – beispielsweise nicht mehr über Kahns Privatleben sprechen wie im Februar, als Sie seine damalige Freundin erwähnten?
JL: Einige Leute meinten, womöglich hätte ich deswegen bei der EM nicht gespielt. Ich finde das bedenklich.

Internationaler Fußball

Der Klub gaukelt Normalität in Tschetschenien vor

Ilja Kaenzig (Ja, DER Ilja Kaenzig) (NZZ 15.9.) stellt die „Retortenmannschaft“ Terek Grosny vor: „Dem FC Basel steht in Moskau eine nicht zu unterschätzende Hürde im Uefa-Cup im Weg: der russische Cup-Sieger Terek Grosny, 1946 als Dynamo Grosny gegründet und seither noch nie in der ersten Liga. Sogar die Präsenz in der zweithöchsten Spielklasse beschränkte sich vor 2002 auf die Jahre 1976 bis 79, wobei ein 5. Rang die beste Schlussklassierung überhaupt war. Von 1980 bis 1994 spielte Terek in der dritthöchsten Liga der Sowjetunion und Russlands. 1994 wurde der Verein mit Beginn des ersten Tschetschenien-Kriegs aufgelöst. Sieben Jahre später erfolgte jedoch schon die Neugründung und auf Geheiss des russischen Fussballverbandes die sofortige Integration in die dritte Liga. (…) Die Motivation der Unterstützung von Terek Grosny durch die Politik hat einen propagandistischen Hintergrund: Der Auftritt von tschetschenischen (die Spieler Tereks mit aserbeidschanischer Nationalität stammen zumeist aus Tschetschenien) und russischen Sportlern in einer gemeinsamen Mannschaft lässt sich politisch gut verkaufen. „Wir wollen der Welt zeigen, dass die Tschetschenen keine Terroristen sind. Der Erfolg von Terek ist der beste Beweis dafür“, wurde der damalige Präsident Kadyrow anlässlich des Aufstiegs in die 2. Liga zitiert. Dass Terek in der heutigen Zeit seinen Teil zur Völkerverständigung beitragen kann, bleibt wohl Wunschdenken. Vielmehr gaukelt der Klub Normalität in Tschetschenien vor.“

Ascheplatz, Champions League

Oscar für den besten europäischen Auftritt im Sportgeschäft

Die NZZ (15.9.) schreibt die Erfolgsgeschichte der Champions League: „Was den Gesamterlös und das Spielprogramm betrifft, ist die Champions League zwar seit letzter Saison etwas geschrumpft, aber die europäischen Höhepunkte auf Klubebene markiert sie unvermindert. Wenn man die durch den vernunftgemässen Verzicht auf eine Zwischenrunde bedingte Reduktion der Spieltage (von 157 auf 125) berücksichtigt, generiert ein einzelner Match heute beträchtlich mehr Einnahmen aus den TV- und Marketingrechten als jemals zuvor. Seit März dieses Jahres gebührt der Marke Champions League auch noch der „Oscar“ der Fernsehindustrie, verliehen durch die Broadcast Design Association für den besten europäischen Auftritt im Sportgeschäft. Zur Erfolgsgeschichte des Wettbewerbs, der inzwischen via 82 TV-Partner auf allen Kontinenten in rund 230 Länder bzw. Inselreiche übertragen wird und vergangene Saison nochmals um 9 Prozent gesteigerte weltweite Einschaltquoten verzeichnete, trägt neben dem sportlichen und emotionalen Gehalt auch die Verbundenheit der grossen Sponsoren bei. Ford ist beispielsweise seit der Einführung der „Meisterliga“ 1992/93 „an Bord“, Mastercard kam nur ein Jahr später hinzu, Amstel feiert die zehnjährige Zugehörigkeit, und Sony komplettiert das Quartett seit der Lancierung des Produkts Playstation in Europa, alle seit dem Vorjahr in der neuen Vertragszeit mit enormen Beträgen, die sie offensichtlich gut investiert wähnen.“

Die Gewinnverteilung der CL-Saison 03/04 NZZ

Deutsche Elf

Vielstimmiges Geschnatter

Roland Zorn (FAZ 15.9.) kommentiert die Diskussion um den Standort des deutschen WM-Quartiers: „Deutschland, aufgeregtes Land. Ob es um Hartz IV, Äußerungen des Bundespräsidenten über unterschiedliche Lebensverhältnisse oder um so banale Dinge wie den besten Trainingsstandort der Fußball-Nationalmannschaft während der WM 2006 geht: Stets hebt ein vielstimmiges Geschnatter an, bei dem oft erst im nachhinein nach dem Kern der Sache gefragt, dafür aber von vornherein kontrovers, hitzig und rechthaberisch diskutiert wird. Diese Art zu streiten mutet provinziell an. (…) Am Standort Leverkusen wird auch der Reformator mit der kalifornischen Westküstenoptik nicht deuteln können. Zwischen dem Bayer-Konzern und dem DFB ist es längst so abgesprochen worden. Zu viel hat der DFB schon früher von der Bayer AG verlangt, um hier eine Bringschuld nicht mehr einzulösen. (…) Erstaunlich, daß dem global vernetzten E-Mail-User und weltzugewandten Klinsmann im fernen Kalifornien noch kein passendes Wort zum Thema Leverkusen und Umgebung einfiel. Noch verwunderlicher wirkte die fehlende Mitteilsamkeit des DFB, als die Frage nach dem WM-Quartier virulent wurde. Ein deutliches Bekenntnis gleich zu Beginn der Diskussionen hätte für klare Verhältnisse sorgen können.“

« spätere Artikelfrühere Artikel »
  • Quellen

  • Blogroll

  • Kategorien

  • Ballschrank

102 queries. 0,738 seconds.